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Tonio Kröger (B1)

Thomas Mann

B1German22,766 words

Read Tonio Kröger by Thomas Mann in easy German: a free CEFR B1 graded reader to download as an EPUB. Tonio grows up in a northern merchant town, loves the blond, cheerful Hans Hansen and Ingeborg Holm, and never belongs among them. Years later he is a famous writer in Munich, talking with the painter Lisaweta about art and life. A journey north takes him back to his home town and on to Denmark, where his old longing returns. Mann's complete 1903 novella in simpler German, with every chapter kept and a short glossary after each one.

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I

Die Wintersonne war nur ein schwacher Schein. Milchig und matt stand sie hinter vielen Wolken über der engen Stadt. In den Gassen mit den alten Giebeln war es nass und windig. Manchmal fiel eine Art weicher Hagel, nicht Eis, nicht Schnee.

Die Schule war aus. Die Schüler waren frei. In Scharen strömten sie über den gepflasterten Hof und durch das Tor hinaus. Dann teilten sie sich und liefen schnell nach rechts und nach links. Die großen Schüler hielten ihre Bücher mit Würde hoch gegen die linke Schulter gedrückt. Mit dem rechten Arm ruderten sie gegen den Wind, dem Mittagessen entgegen. Die Kleinen rannten lustig los. Dabei spritzte der nasse Schnee umher, und die Schulsachen klapperten in den Schultaschen aus Seehundsfell. Aber hier und da rissen alle mit frommen Augen die Mützen vom Kopf. Dann ging nämlich ein Oberlehrer langsam und würdig vorbei, mit seinem Wotanshut und seinem Jupiterbart…

»Kommst du endlich, Hans?«, sagte Tonio Kröger. Er hatte lange auf der Straße gewartet. Lächelnd ging er dem Freund entgegen. Hans kam gerade im Gespräch mit anderen Kameraden aus dem Tor. Er wollte schon mit ihnen weggehen…

»Wieso?«, fragte Hans und sah Tonio an… »Ja, das ist wahr! Nun gehen wir noch ein bisschen.«

Tonio wurde still, und seine Augen wurden trüb. Hatte Hans es vergessen? Fiel es ihm erst jetzt wieder ein? Sie wollten doch heute Mittag ein wenig zusammen spazieren gehen! Und Tonio selbst hatte sich, seit sie das ausgemacht hatten, fast die ganze Zeit darauf gefreut!

»Ja, adieu, ihr!«, sagte Hans Hansen zu den Kameraden. »Dann gehe ich noch ein bisschen mit Kröger.« – Die beiden gingen nach links, und die anderen gingen langsam nach rechts.

Hans und Tonio hatten nach der Schule Zeit für einen Spaziergang. In ihren beiden Familien aß man nämlich erst um vier Uhr zu Mittag. Ihre Väter waren große Kaufleute. Sie hatten öffentliche Ämter und waren mächtig in der Stadt. Den Hansens gehörten schon seit vielen Generationen die großen Holzlager unten am Fluss. Dort sägten riesige Maschinen die Baumstämme in Stücke, und dabei machten sie großen Lärm. Aber Tonio war der Sohn von Konsul Kröger. Seine Getreidesäcke mit dem breiten schwarzen Firmennamen fuhren jeden Tag auf Wagen durch die Straßen. Und das große alte Haus seiner Vorfahren war das vornehmste in der ganzen Stadt… Die Freunde kannten viele Leute. Deshalb mussten sie ständig die Mützen abnehmen. Manche Leute grüßten die Vierzehnjährigen sogar zuerst…

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Beide trugen ihre Schultaschen über den Schultern, und beide waren gut und warm angezogen. Hans trug eine kurze Jacke, wie Seeleute sie tragen. Darüber lag auf Schultern und Rücken der breite, blaue Kragen seines Matrosenanzugs. Tonio trug einen grauen Mantel mit Gürtel. Hans hatte eine dänische Matrosenmütze mit kurzen Bändern auf. Darunter kam ein Schopf von seinem hellblonden Haar hervor. Er war außerordentlich hübsch, kräftig gebaut und hatte breite Schultern. Seine stahlblauen Augen blickten offen und scharf. Unter Tonios runder Pelzmütze aber war ein dunkles Gesicht mit scharfen, ganz südlichen Zügen. Daraus blickten dunkle Augen mit zarten Schatten und zu schweren Lidern. Sie blickten träumerisch und ein wenig scheu… Mund und Kinn waren bei ihm ungewöhnlich weich. Er ging nachlässig und ungleichmäßig. Hans dagegen ging in seinen schwarzen Strümpfen leicht und sicher neben ihm, immer im Takt…

Tonio sprach nicht. Er fühlte Schmerz. Er zog seine etwas schräg stehenden Augenbrauen zusammen. Seine Lippen waren rund, als wollte er pfeifen. Den Kopf hielt er zur Seite geneigt, und er blickte in die Ferne. Diese Haltung und dieses Gesicht waren typisch für ihn.

Plötzlich schob Hans seinen Arm unter Tonios Arm und sah ihn dabei von der Seite an. Er verstand nämlich sehr gut, worum es ging. Tonio schwieg auch bei den nächsten Schritten noch. Aber er wurde auf einmal ganz weich im Herzen.

»Ich hatte es nämlich nicht vergessen, Tonio«, sagte Hans und blickte vor sich auf den Gehweg. »Ich dachte nur, dass heute wohl nichts daraus wird. Es ist ja so nass und windig. Aber mir macht das gar nichts. Und ich finde es famos, dass du trotzdem auf mich gewartet hast. Ich glaubte schon, du bist nach Hause gegangen, und ich habe mich geärgert…«

Bei diesen Worten begann in Tonio alles zu springen und zu jubeln.

»Ja, dann gehen wir jetzt also über die Wälle!«, sagte er mit bewegter Stimme. »Über den Mühlenwall und den Holstenwall. So bringe ich dich nach Hause, Hans… Ach was, das schadet gar nichts, dass ich dann allein nach Hause gehe. Das nächste Mal begleitest du mich.«

Eigentlich glaubte er nicht sehr fest an das, was Hans gesagt hatte. Er fühlte genau: Hans war dieser Spaziergang zu zweit nur halb so wichtig wie ihm. Aber er sah doch, dass es Hans leidtat, dass er es vergessen hatte. Hans bemühte sich, ihn zu versöhnen. Und Tonio wollte die Versöhnung ganz bestimmt nicht aufhalten…

Die Sache war nämlich so: Tonio liebte Hans Hansen und hatte schon viel um ihn gelitten. Wer am meisten liebt, ist der Unterlegene und muss leiden. Diese einfache und harte Lehre hatte seine vierzehnjährige Seele schon vom Leben bekommen. Und Tonio war so, dass er solche Erfahrungen gut bemerkte. Er schrieb sie gleichsam innerlich auf und hatte eine gewisse Freude daran. Er richtete sich selbst aber nicht danach und hatte keinen praktischen Nutzen davon. Solche Lehren fand er auch viel wichtiger und interessanter als das Wissen, das man ihm in der Schule aufzwang. Ja, im Unterricht in den gotischen Klassenzimmern beschäftigte er sich meistens damit. Er wollte solche Einsichten bis auf den Grund fühlen und ganz zu Ende denken. Und das machte ihn ganz ähnlich zufrieden wie seine Geige. Denn er spielte Geige. Dann ging er mit seiner Geige in seinem Zimmer umher. Er spielte die Töne so weich, wie er nur konnte. Sie klangen in das leise Geräusch des Wassers im Springbrunnen hinein. Sein Wasserstrahl stieg unten im Garten unter den Zweigen des alten Walnussbaums tanzend in die Höhe…

Der Springbrunnen, der alte Walnussbaum, seine Geige und in der Ferne das Meer, die Ostsee: Diese Dinge liebte er. In den Ferien durfte er den Sommerträumen der Ostsee zuhören. Mit diesen Dingen umgab er sich gleichsam, und zwischen ihnen spielte sich sein inneres Leben ab. Ihre Namen klingen gut in Versen. Und sie klangen auch wirklich immer wieder in den Versen, die Tonio Kröger manchmal schrieb.

Words explained in this excerpt (4)
Wotanshut
ein großer, breiter Hut wie bei dem alten Gott Wotan; der Jupiterbart ist ein langer, voller Bart wie bei dem Gott Jupiter
Konsul
Ehrentitel für einen wichtigen Kaufmann
adieu
alt, aus dem Französischen: auf Wiedersehen, tschüs
famos
alt und umgangssprachlich: toll, prima

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