readseasy
Back to the catalogue

Free to read. Free to keep.

Traumnovelle (B1)

Dream Story in easy German

Arthur Schnitzler

B1German27,205 words

Read Dream Story (Traumnovelle) by Arthur Schnitzler in easy German: a free CEFR B1 graded reader to download as an EPUB. In Vienna, the doctor Fridolin and his wife Albertine confess secret desires to each other. That same night Fridolin is called to a dying patient and drifts through the city into strange encounters, ending at a masked ball where he does not belong. The novella that inspired Eyes Wide Shut, complete in clear, simple German, in seven chapters, with a glossary for each chapter.

No sign-in or subscription needed. Read on your favourite e-reader.

Read the first pages

Try the B1 edition

1

„Vierundzwanzig braune Sklaven ruderten die prächtige Galeere. Das Schiff sollte den Prinzen Amgiad zum Palast des Kalifen bringen. Der Prinz aber lag allein auf dem Deck, in seinen Purpurmantel gehüllt. Über ihm war der dunkelblaue Nachthimmel voller Sterne, und sein Blick –“

Bis hierher hatte die Kleine laut gelesen. Jetzt fielen ihr fast plötzlich die Augen zu. Die Eltern sahen einander lächelnd an. Fridolin beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie auf das blonde Haar. Dann klappte er das Buch zu. Es lag auf dem Tisch, der noch nicht abgeräumt war. Das Kind sah auf, als hätte man es bei etwas ertappt.

„Neun Uhr“, sagte der Vater, „es ist Zeit, schlafen zu gehen.“ Nun hatte sich auch Albertine zu dem Kind hinuntergebeugt. So trafen sich die Hände der Eltern auf der geliebten Stirn. Ihre Blicke begegneten sich mit einem zärtlichen Lächeln. Und dieses Lächeln galt nun nicht mehr nur dem Kind. Das Fräulein kam herein. Sie erinnerte die Kleine daran, den Eltern gute Nacht zu sagen. Gehorsam stand das Kind auf. Es reichte Vater und Mutter die Lippen zum Kuss. Dann ließ es sich von dem Fräulein ruhig aus dem Zimmer führen.

Fridolin und Albertine waren nun allein unter dem rötlichen Licht der Hängelampe. Auf einmal hatten sie es eilig. Sie wollten ihr Gespräch fortsetzen, das sie vor dem Abendessen begonnen hatten. Es ging um ihre Erlebnisse auf der Redoute am Abend vorher.

Es war ihr erster Ball in diesem Jahr gewesen. Erst kurz vor dem Ende des Karnevals hatten sie sich entschlossen, hinzugehen. Gleich beim Eintritt in den Saal hatten zwei rote Dominos Fridolin begrüßt. Sie taten es wie bei einem Freund, auf den sie ungeduldig gewartet hatten. Er konnte nicht herausfinden, wer sie waren. Doch sie kannten erstaunlich genau allerlei Geschichten aus seiner Zeit als Student und als junger Arzt im Spital. Sehr freundlich, mit vielen stillen Versprechungen, hatten sie ihn in ihre Loge eingeladen. Dann waren sie gegangen. Sie hatten versprochen, sehr bald zurückzukommen, und zwar ohne Masken. Aber sie blieben so lange fort, dass er ungeduldig wurde. Er ging lieber hinunter ins Parterre. Dort hoffte er, die beiden seltsamen Gestalten wiederzutreffen. Er sah sich überall genau um, aber er konnte sie nirgends entdecken.

Keep reading

Stattdessen hängte sich plötzlich eine andere Frau bei ihm ein: seine eigene Frau. Sie war gerade einem Unbekannten davongelaufen. Dieser Mann hatte eine traurige und zugleich gelangweilte, überhebliche Art. Er sprach mit einem fremden Akzent, anscheinend mit einem polnischen. Am Anfang hatte er Albertine damit bezaubert. Doch dann hatte er plötzlich ein hässliches, freches Wort zu ihr gesagt. Das kam ganz unerwartet. Damit hatte er sie verletzt und sogar erschreckt.

Im Grunde waren Mann und Frau froh, dass sie diesem enttäuschend langweiligen Maskenspiel entkommen waren. Bald saßen sie wie zwei Liebende im Büfettraum, zwischen anderen verliebten Paaren. Sie aßen Austern und tranken Champagner. Sie plauderten fröhlich miteinander, als hätten sie sich gerade erst kennengelernt. So spielten sie zusammen eine kleine Komödie. Er machte ihr den Hof, sie wehrte sich, er verführte sie, und am Ende gab sie nach. Danach fuhren sie mit dem Wagen schnell durch die weiße Winternacht nach Hause. Dort sanken sie einander in die Arme. Sie waren so heiß verliebt wie schon lange nicht mehr.

Ein grauer Morgen weckte sie viel zu früh. Fridolins Beruf rief ihn schon in den ersten Stunden an die Betten seiner Kranken. Und Albertine konnte wegen ihrer Pflichten als Hausfrau und Mutter kaum länger ruhen. So waren die Stunden nüchtern vergangen, wie jeden Tag, mit Arbeit und Alltagspflichten. Die letzte Nacht war verblasst, ihr Anfang genauso wie ihr Ende.

Erst jetzt war die Arbeit des Tages für beide erledigt. Das Kind war schlafen gegangen, und keine Störung war mehr zu erwarten. Und erst jetzt kamen die Schattengestalten von der Redoute zurück und wurden wieder wirklich: der traurige Unbekannte und die roten Dominos. Diese kleinen, unwichtigen Erlebnisse waren auf einmal zauberhaft und schmerzlich. Denn sie hatten jetzt den Glanz von verpassten Möglichkeiten. Doch dieser Glanz war nur Täuschung.

Harmlose und doch lauernde Fragen gingen hin und her. Dazu kamen schlaue Antworten, die man auf zwei Arten verstehen konnte. Beide merkten genau, dass der andere nicht ganz ehrlich war. Deshalb hatten beide Lust auf eine kleine Rache. Sie übertrieben, wie stark die unbekannten Partner von der Redoute sie angezogen hatten. Sie machten sich über die Eifersucht des anderen lustig, wenn er sie zeigte. Ihre eigene Eifersucht aber leugneten sie.

Doch aus dem leichten Geplauder über die unwichtigen Abenteuer der letzten Nacht wurde ein ernsteres Gespräch. Sie sprachen über verborgene Wünsche, die man selbst kaum ahnt. Solche Wünsche können auch in der klarsten und reinsten Seele trübe und gefährliche Strudel machen. Und sie redeten von geheimen Gegenden, nach denen sie sich kaum sehnten. Doch der unbegreifliche Wind des Schicksals könnte sie vielleicht einmal dorthin treiben, und wäre es auch nur im Traum.

Sie gehörten einander ganz, mit dem Herzen und mit dem Körper. Und doch wussten sie: Gestern hatte sie nicht zum ersten Mal ein Hauch von Abenteuer, Freiheit und Gefahr berührt. Ängstlich, mit Selbstquälerei und mit unreiner Neugier, versuchten sie, einander Geständnisse zu entlocken. Ängstlich rückten sie näher zusammen. Jeder suchte in sich nach irgendeiner Tatsache, auch wenn sie noch so gleichgültig war. Jeder suchte nach einem Erlebnis, auch wenn es noch so klein war. Es sollte das ausdrücken, was man nicht sagen konnte. Wenn man es ehrlich beichtete, würde man vielleicht frei. Frei von einer Spannung und einem Misstrauen, die langsam unerträglich wurden.

Albertine fand zuerst den Mut, offen zu sprechen. Vielleicht war sie die Ungeduldigere von beiden, vielleicht die Ehrlichere oder die Gütigere. Mit etwas unsicherer Stimme fragte sie Fridolin etwas. Erinnerte er sich an den jungen Mann am dänischen Strand, im letzten Sommer? Er hatte eines Abends mit zwei Offizieren am Nachbartisch gesessen. Während des Abendessens hatte er ein Telegramm bekommen. Danach hatte er sich schnell von seinen Freunden verabschiedet.

Fridolin nickte. „Was war mit dem?“, fragte er.

„Ich hatte ihn schon am Morgen gesehen“, antwortete Albertine. „Er stieg gerade mit seiner gelben Handtasche eilig die Hoteltreppe hinauf. Er sah mich kurz an. Erst ein paar Stufen höher blieb er stehen und drehte sich nach mir um. Da mussten sich unsere Blicke begegnen. Er lächelte nicht. Es schien mir eher, dass sein Gesicht dunkel wurde. Mir ging es wohl ähnlich, denn ich war bewegt wie noch nie. Den ganzen Tag lag ich wie in einem Traum am Strand. Ich glaubte zu wissen: Wenn er mich riefe, könnte ich nicht widerstehen. Ich glaubte, ich wäre zu allem bereit. Ich war fast entschlossen, dich, das Kind und meine Zukunft aufzugeben. Und zugleich – wirst du das verstehen? – warst du mir lieber als je zuvor.

Words explained in this excerpt (1)
die roten Dominos
Personen in einem weiten roten Mantel mit Kapuze, wie man ihn auf einem Maskenball trägt.

Enjoying it? The rest of the book is free, with a glossary after every chapter.

Continue reading: free EPUB