# Traumnovelle (Ausgabe B1)

*Arthur Schnitzler*

## 1

„Vierundzwanzig braune Sklaven ruderten die prächtige Galeere. Das Schiff sollte den Prinzen Amgiad zum Palast des Kalifen bringen. Der Prinz aber lag allein auf dem Deck, in seinen Purpurmantel gehüllt. Über ihm war der dunkelblaue Nachthimmel voller Sterne, und sein Blick –“

Bis hierher hatte die Kleine laut gelesen. Jetzt fielen ihr fast plötzlich die Augen zu. Die Eltern sahen einander lächelnd an. Fridolin beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie auf das blonde Haar. Dann klappte er das Buch zu. Es lag auf dem Tisch, der noch nicht abgeräumt war. Das Kind sah auf, als hätte man es bei etwas ertappt.

„Neun Uhr“, sagte der Vater, „es ist Zeit, schlafen zu gehen.“ Nun hatte sich auch Albertine zu dem Kind hinuntergebeugt. So trafen sich die Hände der Eltern auf der geliebten Stirn. Ihre Blicke begegneten sich mit einem zärtlichen Lächeln. Und dieses Lächeln galt nun nicht mehr nur dem Kind. Das Fräulein kam herein. Sie erinnerte die Kleine daran, den Eltern gute Nacht zu sagen. Gehorsam stand das Kind auf. Es reichte Vater und Mutter die Lippen zum Kuss. Dann ließ es sich von dem Fräulein ruhig aus dem Zimmer führen.

Fridolin und Albertine waren nun allein unter dem rötlichen Licht der Hängelampe. Auf einmal hatten sie es eilig. Sie wollten ihr Gespräch fortsetzen, das sie vor dem Abendessen begonnen hatten. Es ging um ihre Erlebnisse auf der Redoute am Abend vorher.

Es war ihr erster Ball in diesem Jahr gewesen. Erst kurz vor dem Ende des Karnevals hatten sie sich entschlossen, hinzugehen. Gleich beim Eintritt in den Saal hatten zwei rote Dominos Fridolin begrüßt. Sie taten es wie bei einem Freund, auf den sie ungeduldig gewartet hatten. Er konnte nicht herausfinden, wer sie waren. Doch sie kannten erstaunlich genau allerlei Geschichten aus seiner Zeit als Student und als junger Arzt im Spital. Sehr freundlich, mit vielen stillen Versprechungen, hatten sie ihn in ihre Loge eingeladen. Dann waren sie gegangen. Sie hatten versprochen, sehr bald zurückzukommen, und zwar ohne Masken. Aber sie blieben so lange fort, dass er ungeduldig wurde. Er ging lieber hinunter ins Parterre. Dort hoffte er, die beiden seltsamen Gestalten wiederzutreffen. Er sah sich überall genau um, aber er konnte sie nirgends entdecken.

Stattdessen hängte sich plötzlich eine andere Frau bei ihm ein: seine eigene Frau. Sie war gerade einem Unbekannten davongelaufen. Dieser Mann hatte eine traurige und zugleich gelangweilte, überhebliche Art. Er sprach mit einem fremden Akzent, anscheinend mit einem polnischen. Am Anfang hatte er Albertine damit bezaubert. Doch dann hatte er plötzlich ein hässliches, freches Wort zu ihr gesagt. Das kam ganz unerwartet. Damit hatte er sie verletzt und sogar erschreckt.

Im Grunde waren Mann und Frau froh, dass sie diesem enttäuschend langweiligen Maskenspiel entkommen waren. Bald saßen sie wie zwei Liebende im Büfettraum, zwischen anderen verliebten Paaren. Sie aßen Austern und tranken Champagner. Sie plauderten fröhlich miteinander, als hätten sie sich gerade erst kennengelernt. So spielten sie zusammen eine kleine Komödie. Er machte ihr den Hof, sie wehrte sich, er verführte sie, und am Ende gab sie nach. Danach fuhren sie mit dem Wagen schnell durch die weiße Winternacht nach Hause. Dort sanken sie einander in die Arme. Sie waren so heiß verliebt wie schon lange nicht mehr.

Ein grauer Morgen weckte sie viel zu früh. Fridolins Beruf rief ihn schon in den ersten Stunden an die Betten seiner Kranken. Und Albertine konnte wegen ihrer Pflichten als Hausfrau und Mutter kaum länger ruhen. So waren die Stunden nüchtern vergangen, wie jeden Tag, mit Arbeit und Alltagspflichten. Die letzte Nacht war verblasst, ihr Anfang genauso wie ihr Ende.

Erst jetzt war die Arbeit des Tages für beide erledigt. Das Kind war schlafen gegangen, und keine Störung war mehr zu erwarten. Und erst jetzt kamen die Schattengestalten von der Redoute zurück und wurden wieder wirklich: der traurige Unbekannte und die roten Dominos. Diese kleinen, unwichtigen Erlebnisse waren auf einmal zauberhaft und schmerzlich. Denn sie hatten jetzt den Glanz von verpassten Möglichkeiten. Doch dieser Glanz war nur Täuschung.

Harmlose und doch lauernde Fragen gingen hin und her. Dazu kamen schlaue Antworten, die man auf zwei Arten verstehen konnte. Beide merkten genau, dass der andere nicht ganz ehrlich war. Deshalb hatten beide Lust auf eine kleine Rache. Sie übertrieben, wie stark die unbekannten Partner von der Redoute sie angezogen hatten. Sie machten sich über die Eifersucht des anderen lustig, wenn er sie zeigte. Ihre eigene Eifersucht aber leugneten sie.

Doch aus dem leichten Geplauder über die unwichtigen Abenteuer der letzten Nacht wurde ein ernsteres Gespräch. Sie sprachen über verborgene Wünsche, die man selbst kaum ahnt. Solche Wünsche können auch in der klarsten und reinsten Seele trübe und gefährliche Strudel machen. Und sie redeten von geheimen Gegenden, nach denen sie sich kaum sehnten. Doch der unbegreifliche Wind des Schicksals könnte sie vielleicht einmal dorthin treiben, und wäre es auch nur im Traum.

Sie gehörten einander ganz, mit dem Herzen und mit dem Körper. Und doch wussten sie: Gestern hatte sie nicht zum ersten Mal ein Hauch von Abenteuer, Freiheit und Gefahr berührt. Ängstlich, mit Selbstquälerei und mit unreiner Neugier, versuchten sie, einander Geständnisse zu entlocken. Ängstlich rückten sie näher zusammen. Jeder suchte in sich nach irgendeiner Tatsache, auch wenn sie noch so gleichgültig war. Jeder suchte nach einem Erlebnis, auch wenn es noch so klein war. Es sollte das ausdrücken, was man nicht sagen konnte. Wenn man es ehrlich beichtete, würde man vielleicht frei. Frei von einer Spannung und einem Misstrauen, die langsam unerträglich wurden.

Albertine fand zuerst den Mut, offen zu sprechen. Vielleicht war sie die Ungeduldigere von beiden, vielleicht die Ehrlichere oder die Gütigere. Mit etwas unsicherer Stimme fragte sie Fridolin etwas. Erinnerte er sich an den jungen Mann am dänischen Strand, im letzten Sommer? Er hatte eines Abends mit zwei Offizieren am Nachbartisch gesessen. Während des Abendessens hatte er ein Telegramm bekommen. Danach hatte er sich schnell von seinen Freunden verabschiedet.

Fridolin nickte. „Was war mit dem?“, fragte er.

„Ich hatte ihn schon am Morgen gesehen“, antwortete Albertine. „Er stieg gerade mit seiner gelben Handtasche eilig die Hoteltreppe hinauf. Er sah mich kurz an. Erst ein paar Stufen höher blieb er stehen und drehte sich nach mir um. Da mussten sich unsere Blicke begegnen. Er lächelte nicht. Es schien mir eher, dass sein Gesicht dunkel wurde. Mir ging es wohl ähnlich, denn ich war bewegt wie noch nie. Den ganzen Tag lag ich wie in einem Traum am Strand. Ich glaubte zu wissen: Wenn er mich riefe, könnte ich nicht widerstehen. Ich glaubte, ich wäre zu allem bereit. Ich war fast entschlossen, dich, das Kind und meine Zukunft aufzugeben. Und zugleich – wirst du das verstehen? – warst du mir lieber als je zuvor.

Gerade an diesem Nachmittag sprachen wir so vertraut miteinander wie schon lange nicht mehr. Du musst dich noch daran erinnern. Wir sprachen über tausend Dinge, auch über unsere gemeinsame Zukunft und über das Kind. Bei Sonnenuntergang saßen wir zusammen auf dem Balkon, du und ich. Da ging er unten am Strand vorbei, ohne hinaufzusehen. Und ich war glücklich, ihn zu sehen. Dir aber strich ich über die Stirn und küsste dich aufs Haar. In meiner Liebe zu dir war zugleich viel schmerzliches Mitleid.

Am Abend war ich sehr schön, du hast es mir selbst gesagt. Ich trug eine weiße Rose am Gürtel. Vielleicht war es kein Zufall, dass der Fremde mit seinen Freunden in unserer Nähe saß. Er sah nicht zu mir her. Ich aber spielte mit einem Gedanken. Ich wollte aufstehen, an seinen Tisch gehen und zu ihm sagen: Da bin ich, mein Erwarteter, mein Geliebter – nimm mich. In diesem Augenblick brachte man ihm das Telegramm. Er las es und wurde blass. Er flüsterte dem jüngeren der beiden Offiziere ein paar Worte zu. Dann streifte er mich mit einem rätselhaften Blick und verließ den Saal.“

„Und?“, fragte Fridolin trocken, als sie schwieg.

„Nichts weiter. Ich weiß nur, dass ich am nächsten Morgen mit einer gewissen Angst aufwachte. Wovor hatte ich mehr Angst? Davor, dass er abgereist war? Oder davor, dass er noch da sein könnte? Ich weiß es nicht, und ich habe es auch damals nicht gewusst. Doch als er auch am Mittag verschwunden blieb, atmete ich auf. Frag mich nicht weiter, Fridolin, ich habe dir die ganze Wahrheit gesagt. – Und auch du hast an jenem Strand etwas erlebt. Ich weiß es.“

Fridolin stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Dann sagte er: „Du hast recht.“ Er stand am Fenster, sein Gesicht war im Dunkeln.

„Am Morgen“, begann er mit gedämpfter, etwas feindseliger Stimme, „manchmal noch sehr früh, bevor du aufgestanden warst, ging ich oft am Ufer entlang. Ich ging bis hinter den Ort hinaus. So früh es auch war, immer lag die Sonne schon hell und stark über dem Meer. Draußen am Strand gab es kleine Landhäuser, wie du weißt. Jedes stand da wie eine kleine Welt für sich. Manche hatten Gärten mit Bretterzäunen, manche waren nur von Wald umgeben. Die Badehütten waren von den Häusern durch die Landstraße und ein Stück Strand getrennt. So früh am Morgen traf ich kaum je einen Menschen. Und Badende sah man überhaupt nie.

Eines Morgens aber bemerkte ich ganz plötzlich eine weibliche Gestalt. Eben war sie noch nicht zu sehen gewesen. Dort stand eine Badehütte auf Pfählen im Sand, mit einer schmalen Terrasse. Auf dieser Terrasse bewegte sich die Gestalt vorsichtig weiter. Sie setzte einen Fuß vor den anderen. Dabei drückte sie die Arme nach hinten gegen die Holzwand. Es war ein ganz junges Mädchen, vielleicht fünfzehn Jahre alt. Ihr blondes Haar war offen und fiel ihr über die Schultern. Das Mädchen sah vor sich hin, hinunter ins Wasser. Langsam glitt sie mit gesenkten Augen an der Wand entlang zur anderen Ecke. Und plötzlich stand sie mir genau gegenüber. Sie griff mit den Armen weit hinter sich, als wollte sie sich fester festhalten. Dann sah sie auf und erblickte mich plötzlich. Sie zitterte am ganzen Körper, als müsste sie fallen oder fliehen.

Doch auf dem schmalen Brett hätte sie sich nur ganz langsam weiterbewegen können. Darum entschloss sie sich, stehen zu bleiben. Nun stand sie da, zuerst mit einem erschrockenen Gesicht, dann mit einem zornigen, endlich mit einem verlegenen. Auf einmal aber lächelte sie, lächelte wunderbar. In ihren Augen war ein Grüßen, ja ein Winken. Und zugleich war ein leiser Spott darin. Mit diesem Spott sah sie ganz kurz hinunter auf das Wasser zu ihren Füßen, das mich von ihr trennte. Dann richtete sie sich hoch auf. Man merkte leicht, dass mein Blick sie stolz machte. So standen wir uns gegenüber, vielleicht zehn Sekunden lang, und sahen einander an. Ohne es zu wollen, breitete ich die Arme nach ihr aus. In ihrem Blick waren Vertrauen und Freude.

Auf einmal aber schüttelte sie heftig den Kopf. Sie löste einen Arm von der Wand. Streng zeigte sie mir, dass ich weggehen sollte. Ich konnte nicht sofort gehorchen. Da kam ein solches Bitten, ein solches Flehen in ihre Kinderaugen, dass ich mich abwenden musste. So schnell wie möglich ging ich weiter. Ich sah mich kein einziges Mal nach ihr um. Das tat ich nicht eigentlich aus Rücksicht, aus Gehorsam oder aus Ritterlichkeit. Ich tat es, weil mich ihr letzter Blick so tief bewegt hatte. Dieses Gefühl war stärker als alles, was ich je erlebt hatte. Ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe.“ Und er schwieg.

„Und wie oft“, fragte Albertine. Sie sah vor sich hin und sprach ohne jede Betonung. „Wie oft bist du danach noch denselben Weg gegangen?“

„Was ich dir erzählt habe“, antwortete Fridolin, „geschah zufällig am letzten Tag unseres Aufenthalts in Dänemark. Auch ich weiß nicht, was sonst daraus geworden wäre. Frag auch du nicht weiter, Albertine.“

Er stand immer noch am Fenster und bewegte sich nicht. Albertine stand auf und ging auf ihn zu. Ihre Augen waren feucht und dunkel, ihre Stirn leicht gerunzelt. „Wir wollen einander solche Dinge in Zukunft immer gleich erzählen“, sagte sie.

Er nickte stumm.

„Versprich’s mir.“

Er zog sie an sich. „Weißt du das nicht?“, fragte er. Aber seine Stimme klang immer noch hart.

Sie nahm seine Hände und streichelte sie. Sie sah zu ihm auf, mit verschleierten Augen. Tief in diesen Augen konnte er ihre Gedanken lesen. Jetzt dachte sie an seine anderen Erlebnisse, an wirklichere. Sie dachte an seine Erlebnisse als junger Mann. Von manchen wusste sie. In den ersten Ehejahren hatte er ihrer eifersüchtigen Neugier zu gern nachgegeben. Er hatte ihr manches verraten. Oft schien es ihm sogar, dass er ihr zu viel preisgegeben hatte. Manches hätte er lieber für sich behalten sollen. Er wusste: In dieser Stunde mussten ihr viele Erinnerungen kommen. Darum wunderte er sich kaum, als sie wie aus einem Traum einen Namen aussprach. Es war der halb vergessene Name einer seiner Jugendgeliebten. Doch der Name klang für ihn wie ein Vorwurf, ja wie eine leise Drohung.

Er zog ihre Hände an seine Lippen.

„In jedem Wesen – glaub es mir, auch wenn es billig klingen mag – in jedem Wesen, das ich zu lieben glaubte, habe ich immer nur dich gesucht. Das weiß ich besser, als du es verstehen kannst, Albertine.“

Sie lächelte traurig. „Und wenn es auch mir gefallen hätte, zuerst auf die Suche zu gehen?“, sagte sie. Ihr Blick veränderte sich und wurde kühl und undurchdringlich. Er ließ ihre Hände aus seinen gleiten. Es war, als hätte er sie bei einer Lüge oder bei einem Verrat ertappt. Sie aber sagte: „Ach, wenn ihr wüsstet.“ Und wieder schwieg sie.

„Wenn wir wüssten –? Was willst du damit sagen?“

Mit seltsamer Härte antwortete sie: „Ungefähr das, was du dir denkst, mein Lieber.“

„Albertine – gibt es also etwas, was du mir verschwiegen hast?“

Sie nickte und sah mit einem sonderbaren Lächeln vor sich hin.

Unbegreifliche, unsinnige Zweifel wachten in ihm auf.

„Ich verstehe nicht recht“, sagte er. „Du warst kaum siebzehn, als wir uns verlobten.“

„Gerade über sechzehn, ja, Fridolin. Und doch –“, sie sah ihm klar in die Augen, „es lag nicht an mir, dass bis zu unserer Hochzeit nichts geschehen ist.“

„Albertine –!“

Und sie erzählte:

„Es war am Wörthersee, ganz kurz vor unserer Verlobung, Fridolin. An einem schönen Sommerabend stand ein sehr hübscher junger Mann an meinem Fenster. Das Fenster ging auf die große, weite Wiese hinaus. Wir plauderten miteinander. Und während wir sprachen, dachte ich – ja, hör nur, was ich dachte: Was ist das doch für ein lieber, entzückender junger Mann! Er müsste jetzt nur ein Wort sagen, aber es müsste das richtige sein. Dann käme ich zu ihm hinaus auf die Wiese. Ich würde mit ihm spazieren gehen, wohin er wollte, vielleicht in den Wald. Oder noch schöner: Wir würden zusammen mit dem Boot auf den See hinausfahren. Und ich wäre ihm in dieser Nacht überallhin gefolgt, ganz wie er es wollte. Ja, das dachte ich mir. – Aber er sprach das Wort nicht aus, der entzückende junge Mann. Er küsste nur zart meine Hand. Und am nächsten Morgen fragte er mich, ob ich seine Frau werden wollte. Und ich sagte ja.“

Fridolin ließ ärgerlich ihre Hand los. „Und wenn an jenem Abend zufällig ein anderer an deinem Fenster gestanden hätte?“, sagte er dann. „Und wenn ihm das richtige Wort eingefallen wäre, zum Beispiel – –“ Er überlegte, welchen Namen er nennen sollte. Doch da streckte sie schon die Arme vor, als wollte sie etwas abwehren.

„Ein anderer, wer es auch gewesen wäre, hätte sagen können, was er wollte. Es hätte ihm wenig geholfen. Und wärst nicht du es gewesen, der vor dem Fenster stand“, sie lächelte zu ihm auf, „dann wäre wohl auch der Sommerabend nicht so schön gewesen.“

Er verzog spöttisch den Mund. „Das sagst du in diesem Augenblick. Vielleicht glaubst du es auch in diesem Augenblick. Aber –“

Es klopfte. Das Dienstmädchen kam herein. Sie meldete, die Hausbesorgerin aus der Schreyvogelgasse sei da. Sie wolle den Herrn Doktor zum Hofrat holen, denn es gehe ihm wieder sehr schlecht. Fridolin ging ins Vorzimmer. Dort erfuhr er von der Botin, dass der Hofrat einen Herzanfall gehabt hatte. Es gehe ihm sehr schlecht. Fridolin versprach, sofort zu kommen.

„Du willst fort –?“, fragte Albertine, als er sich schnell zum Gehen fertig machte. Ihr Ton war so ärgerlich, als täte er ihr mit Absicht ein Unrecht.

Fridolin antwortete fast verwundert: „Ich muss wohl.“

Sie seufzte leise.

„Es wird hoffentlich nicht so schlimm sein“, sagte Fridolin. „Bis jetzt haben ihm drei Centi Morphin immer über den Anfall hinweggeholfen.“

Das Stubenmädchen hatte den Pelz gebracht. Fridolin küsste Albertine ziemlich zerstreut auf Stirn und Mund. Es war, als hätte er das Gespräch der letzten Stunde schon vergessen. Dann eilte er davon.

### Glossar

- **die Galeere**: ein altes langes Schiff, das von vielen Sklaven mit Rudern bewegt wird.
- **der Kalif**: ein Herrscher in alten orientalischen Ländern.
- **die Redoute**: ein großer Maskenball, ein Fest, auf dem die Gäste Masken tragen.
- **die roten Dominos**: Personen in einem weiten roten Mantel mit Kapuze, wie man ihn auf einem Maskenball trägt.
- **die Loge**: ein kleiner, abgetrennter Raum mit Sitzplätzen, von dem man in den großen Saal hinuntersieht.
- **die Austern**: Meerestiere mit harter Schale; man isst sie roh, sie sind teuer und fein.
- **die Ohnmacht**: man wird plötzlich bewusstlos und fällt um.
- **die Hausbesorgerin**: eine Frau, die sich um ein Wohnhaus kümmert (österreichisch).
- **der Hofrat**: ein Ehrentitel für einen hohen Beamten in Österreich.
- **drei Centi Morphin**: eine kleine Menge (drei Hundertstel Gramm) von einem starken Mittel gegen Schmerzen.
- **der Pelz**: ein warmer Mantel aus Tierfell.

## 2

Auf der Straße musste er den Pelz öffnen. Plötzlich war Tauwetter gekommen. Der Schnee auf dem Gehweg war fast ganz geschmolzen. In der Luft wehte ein Hauch vom kommenden Frühling. Fridolins Wohnung lag in der Josefstadt, nahe dem Allgemeinen Krankenhaus. Von dort war es kaum eine Viertelstunde bis in die Schreyvogelgasse.

So stieg Fridolin bald die gewundene Treppe des alten Hauses hinauf. Sie war schlecht beleuchtet. Im zweiten Stock zog er an der Glocke. Doch noch bevor der altmodische Klingelton zu hören war, merkte er etwas: Die Tür war nur angelehnt. Er ging durch das dunkle Vorzimmer in das Wohnzimmer. Sofort sah er, dass er zu spät gekommen war.

Von der niedrigen Decke hing eine Petroleumlampe mit grünem Schirm. Sie warf ein mattes Licht auf die Bettdecke. Unter der Decke lag ein schmaler Körper ausgestreckt und bewegte sich nicht. Das Gesicht des Toten lag im Schatten. Doch Fridolin kannte es so gut, dass er es ganz deutlich zu sehen glaubte. Es war hager und faltig, mit einer hohen Stirn und einem kurzen weißen Vollbart. Die Ohren waren auffallend hässlich und weiß behaart.

Marianne, die Tochter des Hofrats, saß am Fußende des Bettes. Ihre Arme hingen schlaff herunter, als wäre sie sehr müde. Es roch nach alten Möbeln, nach Medikamenten, Petroleum und Küche. Es roch auch ein wenig nach Kölnisch Wasser und Rosenseife. Und irgendwie spürte Fridolin auch den süßlichen, faden Geruch dieses blassen Mädchens. Sie war noch jung. Aber seit Monaten, seit Jahren welkte sie langsam dahin. Schuld daran waren die schwere Hausarbeit, die anstrengende Krankenpflege und die Nachtwachen.

Als der Arzt hereinkam, hatte sie die Augen zu ihm gewandt. Sonst wurden ihre Wangen immer rot, wenn er kam. Doch in dem schwachen Licht konnte er kaum sehen, ob es auch jetzt so war. Sie wollte aufstehen, aber mit einer Handbewegung hielt Fridolin sie davon ab. Sie nickte ihm einen Gruß zu, mit großen, aber trüben Augen.

Er trat an das Kopfende des Bettes. Ganz mechanisch berührte er die Stirn des Toten und dann seine Arme. Die Arme lagen in weiten, offenen Hemdärmeln über der Bettdecke. Dann ließ er mit leichtem Bedauern die Schultern sinken. Er steckte die Hände in die Taschen seines Pelzes. Sein Blick wanderte durch das Zimmer und blieb endlich auf Marianne ruhen. Ihr Haar war reich und blond, aber trocken. Ihr Hals war schön geformt und schlank, doch nicht ganz ohne Falten und ein wenig gelblich. Ihre Lippen waren schmal, wie von vielen Worten, die sie nie gesagt hatte.

„Nun ja, mein liebes Fräulein“, sagte er leise und fast verlegen, „es kommt für Sie wohl nicht unerwartet.“

Sie streckte ihm die Hand entgegen. Er nahm sie voll Mitgefühl. Pflichtgemäß fragte er, wie der letzte tödliche Anfall verlaufen war. Sie berichtete kurz und sachlich. Dann sprach sie von den letzten Tagen, die verhältnismäßig gut gewesen waren. In diesen Tagen hatte Fridolin den Kranken nicht mehr gesehen. Fridolin hatte einen Stuhl herangeschoben und sich Marianne gegenüber gesetzt. Er tröstete sie: Ihr Vater habe in den letzten Stunden wohl kaum gelitten. Dann fragte er, ob man die Verwandten schon benachrichtigt habe. Ja, sagte sie. Die Hausbesorgerin sei schon auf dem Weg zum Onkel. Und bald werde auch Herr Doktor Roediger kommen. „Mein Verlobter“, fügte sie hinzu. Dabei sah sie Fridolin auf die Stirn und nicht in die Augen.

Fridolin nickte nur. Im Lauf eines Jahres hatte er Doktor Roediger zwei- oder dreimal hier im Haus getroffen. Roediger war ein sehr schlanker, blasser junger Mann mit kurzem blondem Vollbart und Brille. Er war Dozent für Geschichte an der Wiener Universität. Er hatte Fridolin recht gut gefallen. Aber Fridolin hatte sich nicht weiter für ihn interessiert.

Marianne würde sicher besser aussehen, dachte er, wenn sie meine Geliebte wäre. Ihr Haar wäre weniger trocken, ihre Lippen wären röter und voller. Wie alt mag sie sein? fragte er sich weiter. Vor drei oder vier Jahren hat man mich zum ersten Mal zum Hofrat gerufen. Damals war sie dreiundzwanzig. Damals lebte ihre Mutter noch. Sie war fröhlicher, als ihre Mutter noch lebte. Hat sie nicht eine kurze Zeit lang Gesangsstunden genommen? Also diesen Dozenten wird sie heiraten. Warum tut sie das? Verliebt ist sie sicher nicht in ihn. Und viel Geld hat er wohl auch nicht. Was wird das für eine Ehe werden? Nun, eine Ehe wie tausend andere. Was geht es mich an? Vielleicht sehe ich sie nie wieder. Denn ich habe in diesem Haus jetzt nichts mehr zu tun. Ach, wie viele Menschen habe ich nie wiedergesehen! Und sie standen mir näher als sie.

Während er so dachte, hatte Marianne begonnen, von dem Verstorbenen zu reden. Sie sprach mit einem besonderen Nachdruck. Es war, als wäre er durch seinen Tod plötzlich ein bemerkenswerterer Mensch geworden. Wirklich erst vierundfünfzig Jahre war er alt gewesen? Ja, freilich: die vielen Sorgen und Enttäuschungen, die Frau immer krank. Und der Sohn hatte ihm so viel Kummer gemacht! Wie, sie hatte einen Bruder? Gewiss. Sie hatte es dem Doktor doch schon einmal erzählt. Der Bruder lebte jetzt irgendwo im Ausland. Drinnen in Mariannes Kabinett hing ein Bild, das er mit fünfzehn Jahren gemalt hatte. Es zeigte einen Offizier, der auf seinem Pferd einen Hügel hinuntergaloppierte. Der Vater hatte immer so getan, als sähe er das Bild gar nicht. Aber es war ein gutes Bild. Unter besseren Umständen hätte es der Bruder weit bringen können.

Wie aufgeregt sie spricht, dachte Fridolin, und wie ihre Augen glänzen! Fieber? Gut möglich. Sie ist in der letzten Zeit dünner geworden. Wahrscheinlich ein Spitzenkatarrh.

Sie sprach immer weiter. Aber ihm schien, als wüsste sie gar nicht genau, zu wem sie sprach. Oder als spräche sie zu sich selbst. Zwölf Jahre war der Bruder nun schon fort von zu Hause. Ja, sie war noch ein Kind gewesen, als er plötzlich verschwand. Vor vier oder fünf Jahren, zu Weihnachten, war die letzte Nachricht von ihm gekommen. Sie kam aus einer kleinen italienischen Stadt. Seltsam, sie hatte den Namen der Stadt vergessen. So redete sie noch eine Weile über gleichgültige Dinge. Es war unnötig, und es hatte fast keinen Zusammenhang. Dann schwieg sie auf einmal. Nun saß sie stumm da, den Kopf in den Händen.

Fridolin war müde und noch mehr gelangweilt. Er wartete sehnlich darauf, dass jemand kam, die Verwandten oder der Verlobte. Das Schweigen im Zimmer lag schwer auf ihm. Es war ihm, als schwiege der Tote mit ihnen. Und zwar nicht, weil er nicht mehr reden konnte. Nein, er schwieg mit Absicht und mit Schadenfreude.

Mit einem Blick zur Seite, auf den Toten, sagte Fridolin: „Jedenfalls ist es gut, Fräulein Marianne, wie die Dinge nun einmal liegen: Sie müssen nicht mehr allzu lange in dieser Wohnung bleiben.“ Sie hob den Kopf ein wenig, aber sie sah nicht zu Fridolin auf. Er fuhr fort: „Ihr Bräutigam bekommt wohl bald eine Professur. An der philosophischen Fakultät sind die Chancen dafür ja besser als bei uns Medizinern.“

Dabei dachte er daran, dass er vor Jahren auch an der Universität Karriere machen wollte. Aber er liebte ein bequemeres Leben. Darum hatte er sich am Ende für die praktische Arbeit als Arzt entschieden. Und plötzlich fühlte er sich neben dem ausgezeichneten Doktor Roediger als der Geringere.

„Im Herbst werden wir umziehen“, sagte Marianne, ohne sich zu bewegen. „Er hat eine Berufung nach Göttingen.“

„Ah“, sagte Fridolin. Er wollte ihr irgendwie gratulieren. Aber das schien ihm in diesem Augenblick und an diesem Ort wenig passend.

Er sah zu dem geschlossenen Fenster hinüber. Ohne vorher um Erlaubnis zu fragen, öffnete er beide Flügel. Er tat es, als hätte er als Arzt das Recht dazu. So ließ er die Luft herein. Sie war inzwischen noch wärmer und frühlingshafter geworden. Sie schien einen milden Duft aus den fernen Wäldern mitzubringen, die gerade erwachten. Als er sich wieder ins Zimmer drehte, sah er Mariannes Augen auf sich gerichtet. Es war, als wollten sie ihn etwas fragen. Er trat näher zu ihr und sagte:

„Die frische Luft wird Ihnen hoffentlich guttun. Es ist richtig warm geworden, und gestern Nacht –“ Er wollte sagen: Gestern Nacht sind wir im Schneesturm von der Redoute nach Hause gefahren. Aber schnell änderte er den Satz und sagte: „Gestern Abend lag der Schnee noch einen halben Meter hoch in den Straßen.“

Sie hörte kaum, was er sagte. Ihre Augen wurden feucht. Große Tränen liefen ihr über die Wangen. Und wieder versteckte sie ihr Gesicht in den Händen. Ohne nachzudenken, legte er seine Hand auf ihren Kopf und strich ihr über die Stirn. Er fühlte, wie ihr Körper zu zittern begann. Sie schluchzte, zuerst kaum hörbar, dann allmählich lauter, endlich ganz ohne Hemmung. Auf einmal war sie vom Stuhl heruntergeglitten. Nun lag sie Fridolin zu Füßen. Sie schlang die Arme um seine Knie und presste ihr Gesicht daran. Dann sah sie zu ihm auf, mit weit offenen Augen, schmerzlich und wild. Heiß flüsterte sie: „Ich will nicht fort von hier. Auch wenn Sie niemals wiederkommen, auch wenn ich Sie niemals mehr sehen soll: Ich will in Ihrer Nähe leben.“

Er war mehr bewegt als erstaunt. Denn er hatte immer gewusst, dass sie in ihn verliebt war. Oder dass sie es sich wenigstens einbildete.

„Stehen Sie doch auf, Marianne“, sagte er leise. Er beugte sich zu ihr hinunter und richtete sie sanft auf. Dabei dachte er: Natürlich ist auch Hysterie dabei. Er warf einen Seitenblick auf den toten Vater. Ob er nicht alles hört? dachte er. Vielleicht ist er nur scheintot? Vielleicht ist jeder Mensch in den ersten Stunden nach dem Sterben nur scheintot?

Er hielt Marianne in den Armen, aber zugleich ein wenig von sich weg. Fast ohne es zu wollen, gab er ihr einen Kuss auf die Stirn. Das kam ihm selbst ein wenig lächerlich vor. Kurz erinnerte er sich an einen Roman, den er vor Jahren gelesen hatte. Darin wurde ein ganz junger Mann, fast noch ein Junge, am Totenbett seiner Mutter verführt. Die Freundin der Mutter tat es, eigentlich zwang sie ihn sogar mit Gewalt. Im selben Augenblick musste er an seine Frau denken. Er wusste nicht, warum. Bitterkeit gegen sie stieg in ihm auf. Und er spürte einen dumpfen Groll gegen den Herrn in Dänemark, den Mann mit der gelben Reisetasche auf der Hotelstiege. Er zog Marianne fester an sich. Doch er spürte nicht die geringste Erregung. Er sah ihr glanzloses, trockenes Haar und roch den süßlichen, faden Geruch ihres ungelüfteten Kleides. Das ekelte ihn eher ein wenig.

Nun klingelte draußen die Glocke. Er fühlte sich wie befreit. Schnell küsste er Marianne die Hand, fast als wollte er ihr danken. Dann ging er öffnen. In der Tür stand Doktor Roediger. Er trug einen dunkelgrauen Havelock und Überschuhe und hatte einen Regenschirm in der Hand. Sein Gesicht war so ernst, wie es zu diesem Anlass passte. Die beiden Herren nickten einander zu, vertrauter, als sie es eigentlich waren. Dann gingen sie beide ins Zimmer. Roediger sah etwas verlegen auf den Toten. Dann sprach er Marianne sein Beileid aus.

Fridolin ging ins Nebenzimmer, um die ärztliche Todesanzeige zu schreiben. Über dem Schreibtisch drehte er die Gasflamme höher. Da fiel sein Blick auf das Bild des Offiziers. Der Offizier trug eine weiße Uniform und galoppierte den Hügel hinunter. Er schwang seinen Säbel gegen einen unsichtbaren Feind. Das Bild steckte in einem schmalen altgoldenen Rahmen. Es sah nicht viel besser aus als ein einfacher Öldruck.

Mit dem ausgefüllten Totenschein ging Fridolin zurück ins Zimmer nebenan. Dort saß das Brautpaar am Bett des Vaters, Hand in Hand.

Wieder klingelte die Türglocke. Doktor Roediger stand auf und ging öffnen. Inzwischen sagte Marianne fast unhörbar, mit dem Blick auf den Boden: „Ich liebe dich.“ Fridolin antwortete nur, indem er ihren Namen aussprach, nicht ohne Zärtlichkeit.

Roediger kam mit einem älteren Ehepaar zurück. Es waren Mariannes Onkel und Tante. Man sprach ein paar Worte, wie es zu der Lage passte. Alle waren befangen, wie es immer ist, wenn gerade jemand gestorben ist. Das kleine Zimmer schien plötzlich voll von Trauergästen. Fridolin kam sich überflüssig vor. Er verabschiedete sich. Roediger begleitete ihn zur Tür. Er fühlte sich verpflichtet, ihm mit ein paar Worten zu danken. Und er sagte, er hoffe, ihn bald wiederzusehen.

### Glossar

- **das Tauwetter**: warmes Wetter, bei dem der Schnee schmilzt.
- **die Petroleumlampe**: eine alte Lampe, die mit Öl (Petroleum) brennt.
- **dahinwelken**: langsam schwächer und weniger schön werden, wie eine Blume ohne Wasser.
- **der Verlobte / der Bräutigam**: der Mann, den eine Frau bald heiraten wird.
- **der Dozent**: ein Lehrer an der Universität.
- **das Kabinett**: ein kleines Zimmer.
- **der Spitzenkatarrh**: eine frühe Form der Lungenkrankheit Tuberkulose.
- **die Schadenfreude**: man freut sich, wenn es einem anderen schlecht geht.
- **die Berufung**: das Angebot, an einer Universität Professor zu werden.
- **scheintot**: jemand sieht aus wie tot, lebt aber noch.
- **der Havelock**: ein Herrenmantel mit einem kurzen Umhang über den Schultern.
- **der Totenschein**: ein Papier, auf dem ein Arzt schreibt, dass ein Mensch gestorben ist.

## 3

Vor dem Haustor sah Fridolin zu dem Fenster hinauf, das er vorhin selbst geöffnet hatte. Die Flügel zitterten leise im Wind des Vorfrühlings. Die Menschen dort oben kamen ihm alle gleich gespenstisch vor, die Lebenden genauso wie der Tote. Sie schienen ihm gar nicht wirklich zu sein. Er selbst fühlte sich, als wäre er entkommen. Er war nicht so sehr einem Erlebnis entkommen, sondern eher einem traurigen Zauber. Dieser Zauber sollte keine Macht über ihn bekommen. Nur eine Wirkung blieb: Er hatte seltsam wenig Lust, nach Hause zu gehen.

Der Schnee in den Straßen war weg. Links und rechts lagen nur noch kleine schmutzig weiße Haufen. Die Gasflammen in den Laternen brannten unruhig. Von einer nahen Kirche schlug es elf. Fridolin beschloss, vor dem Schlafengehen noch eine halbe Stunde in einem Kaffeehaus zu verbringen. Er dachte an eine stille Ecke in einem Café nahe seiner Wohnung. Er nahm den Weg durch den Rathauspark.

Da und dort saß auf den Bänken im Schatten ein Paar, ganz eng beieinander. Es war, als wäre wirklich schon Frühling. Als wäre die warme Luft nicht voller Gefahren, denn ihre Wärme täuschte. Auf einer Bank lag ein Mann in ziemlich alten, kaputten Kleidern ausgestreckt, den Hut in die Stirn gedrückt.

Wenn ich ihn aufwecken würde, dachte Fridolin, und ihm Geld für ein Nachtlager schenkte? Ach, was wäre damit getan? überlegte er weiter. Dann müsste ich morgen auch für ein Bett sorgen, sonst hätte es ja keinen Sinn. Und am Ende würde man mich noch verdächtigen, dass ich eine verbotene Beziehung mit ihm habe. Und er ging schneller. Er wollte jeder Art von Verantwortung und Versuchung so schnell wie möglich entkommen. Warum gerade der? fragte er sich. Tausende solcher armen Teufel gibt es allein in Wien. Wenn man sich um alle kümmern wollte – um die Schicksale aller Unbekannten!

Dann fiel ihm der Tote ein, den er gerade verlassen hatte. Ihn schauderte, und er spürte sogar ein wenig Ekel. Denn in dem langen, dünnen Körper unter der braunen Flanelldecke hatte der Zerfall schon begonnen. So wollten es die ewigen Gesetze der Natur. Und Fridolin freute sich, dass er noch lebte. Wahrscheinlich waren all diese hässlichen Dinge für ihn noch weit weg. Ja, er war noch mitten in seiner Jugend. Er hatte eine reizende, liebenswerte Frau. Und er könnte auch noch eine oder mehrere andere dazu haben, wenn er Lust dazu hätte.

Dafür hätte er freilich mehr freie Zeit gebraucht, als er hatte. Ihm fiel ein, was er morgen alles tun musste. Um acht Uhr früh musste er auf der Abteilung sein. Von elf bis eins musste er Privatpatienten besuchen. Am Nachmittag von drei bis fünf hatte er Ordination. Und auch am Abend warteten noch einige Krankenbesuche auf ihn. – Nun, hoffentlich würde man ihn wenigstens nicht wieder mitten in der Nacht holen, wie heute.

Er ging über den Rathausplatz. Der Platz glänzte schwach wie ein Teich mit braunem Wasser. Dann wandte er sich seinem Heimatbezirk zu, der Josefstadt. Von weitem hörte er schwere, regelmäßige Schritte. Noch ziemlich weit weg kam eine kleine Gruppe von Couleurstudenten um eine Straßenecke. Es waren sechs oder acht, und sie kamen ihm entgegen. Als die jungen Leute ins Licht einer Laterne kamen, glaubte er, die blauen Alemannen zu erkennen. Er selbst war nie Mitglied einer Studentenverbindung gewesen. Aber er hatte damals ein paar Säbelmensuren mitgemacht. Bei dieser Erinnerung an seine Studentenzeit fielen ihm die roten Dominos ein. Gestern Nacht hatten sie ihn in ihre Loge geholt und ihn dann so bald und so unfreundlich verlassen.

Die Studenten waren jetzt ganz nah. Sie redeten laut und lachten. Kannte er vielleicht den einen oder anderen aus dem Spital? Doch in dem unsicheren Licht konnte er die Gesichter nicht deutlich erkennen. Er musste sich ganz nah an der Mauer halten, um nicht mit ihnen zusammenzustoßen. Jetzt waren sie vorbei. Nur der Letzte blieb ein Stück zurück, und das schien ganz absichtlich. Er war ein langer Kerl in einem offenen Wintermantel und hatte eine Binde über dem linken Auge. Er streckte den Ellbogen zur Seite und stieß Fridolin damit an. Das konnte kein Zufall sein.

Was fällt dem Kerl ein? dachte Fridolin und blieb ganz von selbst stehen. Nach zwei Schritten blieb auch der andere stehen. So sahen sie einander einen Moment lang aus kurzer Entfernung in die Augen. Plötzlich aber drehte sich Fridolin wieder weg und ging weiter. Hinter sich hörte er ein kurzes Lachen. Fast hätte er sich noch einmal umgedreht, um den Burschen zur Rede zu stellen. Aber er spürte ein seltsames Herzklopfen.

Genauso war es einmal vor zwölf oder vierzehn Jahren gewesen. Damals war ein hübsches junges Mädchen bei ihm. Sie erzählte immer gern von einem Bräutigam, der weit weg lebte. Wahrscheinlich gab es ihn gar nicht. Da klopfte es plötzlich heftig an seine Tür. Es war aber wirklich nur der Briefträger gewesen, der so drohend geklopft hatte. – Und genau wie damals fühlte er jetzt sein Herz klopfen.

Was ist das? fragte er sich ärgerlich. Nun merkte er, dass ihm die Knie ein wenig zitterten. Feig? Unsinn, antwortete er sich selbst. Soll ich mich mit einem betrunkenen Studenten schlagen? Ich, ein Mann von fünfunddreißig Jahren, praktischer Arzt, verheiratet, Vater eines Kindes! – Kontrahage! Zeugen! Duell! Und am Ende, wegen eines so dummen Rempelns, einen Hieb in den Arm? Und ein paar Wochen nicht arbeiten können? – Oder ein Auge verlieren? – Oder sogar eine Blutvergiftung? Und in acht Tagen liegt man dann wie der Herr in der Schreyvogelgasse unter der braunen Flanelldecke!

Feig? Drei Säbelmensuren hatte er mitgemacht. Und einmal war er sogar zu einem Pistolenduell bereit gewesen. Dass die Sache damals friedlich beendet wurde, kam nicht von ihm. Und dann sein Beruf! Gefahren von allen Seiten und in jedem Augenblick. Man vergaß es nur immer wieder. Wie lange war es her, dass ihm das Kind mit der Diphtherie ins Gesicht gehustet hatte? Drei oder vier Tage, nicht mehr. Das war immerhin gefährlicher als so ein kleiner Kampf mit dem Säbel. Und er hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht.

Nun, wenn er den Kerl wieder traf, konnte er die Sache immer noch in Ordnung bringen. Er war keineswegs verpflichtet, auf so ein albernes Rempeln zu reagieren. Nicht um Mitternacht, auf dem Weg von einem Kranken. Oder auf dem Weg zu einem Kranken, das hätte ja auch sein können. Nein, er war wirklich nicht dazu verpflichtet.

Wenn ihm jetzt zum Beispiel der junge Däne entgegenkäme, mit dem Albertine – ach nein, was dachte er denn da? Nun, es war ja doch nicht anders, als wenn sie seine Geliebte gewesen wäre. Es war sogar schlimmer. Ja, der sollte ihm jetzt entgegenkommen! Oh, es wäre eine wahre Wonne, ihm irgendwo im Wald auf einer freien Stelle gegenüberzustehen. Dann würde er den Lauf einer Pistole auf seine Stirn richten, auf die Stirn mit dem glatt gekämmten blonden Haar.

Auf einmal merkte er, dass er schon an seinem Ziel vorbeigegangen war. Er war in einer engen Gasse. Dort liefen nur ein paar arme Frauen herum. Sie suchten in der Nacht nach Männern, die sie dafür bezahlten. Gespenstisch, dachte er. Und auch die Studenten mit den blauen Kappen wurden in seiner Erinnerung plötzlich gespenstisch. Genauso Marianne, ihr Verlobter, der Onkel und die Tante. Er stellte sich vor, wie sie alle Hand in Hand um das Totenbett des alten Hofrats standen. Auch Albertine sah er im Geist vor sich: Sie schlief tief, die Arme unter dem Nacken verschränkt. Sogar sein Kind, das jetzt zusammengerollt in dem schmalen weißen Messingbettchen lag. Und das rotbäckige Fräulein mit dem Muttermal an der linken Schläfe. Sie alle waren für ihn ganz ins Gespenstische gerückt. Dieses Gefühl ließ ihn ein wenig schaudern. Doch zugleich war etwas Beruhigendes darin. Es schien ihn von aller Verantwortung zu befreien. Ja, es schien ihn von jeder Verbindung mit anderen Menschen zu lösen.

Eines der Mädchen, die da herumliefen, forderte ihn auf, mit ihr zu kommen. Es war ein zierliches, noch ganz junges Mädchen, sehr blass, mit rot geschminkten Lippen. Das könnte auch mit dem Tod enden, dachte er, nur nicht so schnell! Ist das auch Feigheit? Im Grunde schon. Er hörte ihre Schritte und bald auch ihre Stimme hinter sich. „Willst nicht mitkommen, Doktor?“

Ohne es zu wollen, drehte er sich um. „Woher kennst du mich?“, fragte er.

„Ich kenn’ Ihnen nicht“, sagte sie, „aber in dem Bezirk sind ja alle Doktors.“

Seit seiner Zeit auf dem Gymnasium hatte er mit einer Frau dieser Art nichts mehr zu tun gehabt. Fiel er plötzlich in seine Jungenjahre zurück, dass er mit diesem Mädchen mitging? Er erinnerte sich an einen flüchtigen Bekannten. Das war ein eleganter junger Mann gewesen, der angeblich fabelhaftes Glück bei Frauen hatte. Als Student hatte Fridolin einmal nach einem Ball mit ihm in einem Nachtlokal gesessen. Der Bekannte wollte mit einer der Frauen weggehen, die dort ihr Geld verdienten. Fridolin sah ihn etwas verwundert an. Bevor der junge Mann ging, antwortete er darauf: „Es bleibt immer das Bequemste; – und die Schlimmsten sind es auch nicht.“

„Wie heißt du?“, fragte Fridolin.

„No, wie werd’ i denn heißen? Mizzi natürlich.“ Sie hatte das Haustor schon mit dem Schlüssel geöffnet. Nun ging sie in den Flur und wartete, dass Fridolin ihr folgte.

„G’schwind!“, sagte sie, als er zögerte. Plötzlich stand er neben ihr. Das Tor fiel hinter ihm zu, und sie sperrte ab. Sie zündete eine kleine Wachskerze an und leuchtete ihm voraus. – Bin ich verrückt? fragte er sich. Ich werde sie natürlich nicht anrühren.

In ihrem Zimmer brannte eine Öllampe. Sie drehte den Docht höher. Es war ein ganz gemütlicher Raum, sauber und ordentlich. Jedenfalls roch es hier viel angenehmer als zum Beispiel in Mariannes Wohnung. Freilich: Hier hatte kein alter Mann monatelang krank gelegen. Das Mädchen lächelte. Sie kam näher zu Fridolin, ohne aufdringlich zu sein. Er hielt sie sanft von sich ab. Da zeigte sie auf einen Schaukelstuhl, und er ließ sich gern hineinsinken.

„Bist gewiss sehr müd“, meinte sie. Er nickte. Sie sagte:

„Na ja, so ein Mann, was der den ganzen Tag zu tun hat. Da hat’s unsereiner leichter.“

Er merkte, dass ihre Lippen gar nicht geschminkt waren. Sie hatten ein natürliches Rot. Er machte ihr ein Kompliment dafür.

„Ja, warum soll ich mich denn schminken?“, fragte sie. „Was glaubst denn du, wie alt ich bin?“

„Zwanzig?“, riet Fridolin.

„Siebzehn“, sagte sie. Sie setzte sich zu ihm, wie ein Kind.

Wer auf der Welt würde vermuten, dachte er, dass ich jetzt gerade in diesem Zimmer bin? Hätte ich selbst es vor einer Stunde, vor zehn Minuten für möglich gehalten? Und warum? Warum? Sie sah ihn mit großen Augen an, ein wenig traurig. Dann stand sie auf. Das tat ihm fast leid. Denn in ihrer Nähe war viel Trost gewesen.

Über der Lehne des offenen Bettes hing ein roter Schlafrock. Sie nahm ihn und zog ihn fest um sich.

„Ist’s dir jetzt recht?“, fragte sie. Sie fragte ohne Spott, fast schüchtern, als wollte sie ihn verstehen. Er wusste kaum, was er antworten sollte.

„Du hast es richtig erraten“, sagte er dann. „Ich bin wirklich müde. Und ich finde es sehr angenehm, hier im Schaukelstuhl zu sitzen und dir einfach zuzuhören. Du hast so eine liebe, sanfte Stimme. Red’ nur, erzähl’ mir was.“

Sie saß auf dem Bett und schüttelte den Kopf.

„Du fürchtest dich halt“, sagte sie leise. Und dann sagte sie vor sich hin, kaum hörbar: „Schad’!“

Dieses letzte Wort traf ihn tief. Er ging zu ihr hin. Er sagte ihr, dass er ihr völlig vertraute. Und das war sogar die Wahrheit. Sie schüttelte den Kopf. Da schämte er sich und ging zurück.

Sie sagte:

„Man kann ja nicht wissen. Irgendwann muss es ja doch kommen. Du hast ganz recht, wenn du dich fürchten tust. Und wenn was passiert, dann möchtest du mich verfluchen.“

Er bot ihr Geldscheine an. Doch sie lehnte sie so entschieden ab, dass er nicht weiter darauf bestehen konnte. Sie legte sich einen schmalen blauen Wollschal um und zündete eine Kerze an. Sie leuchtete ihm, begleitete ihn hinunter und sperrte das Tor auf. „Ich bleib heut schon z’ Haus“, sagte sie. Er nahm ihre Hand und küsste sie, ohne nachzudenken. Sie sah erstaunt zu ihm auf, fast erschrocken. Dann lachte sie, verlegen und glücklich. „Wie einer Fräuln“, sagte sie.

Das Tor fiel hinter ihm zu. Mit einem schnellen Blick merkte sich Fridolin die Hausnummer. So konnte er dem lieben armen Ding morgen Wein und Süßigkeiten schicken.

### Glossar

- **gespenstisch**: so unheimlich und unwirklich wie ein Geist.
- **die Ordination**: die Zeit, in der der Arzt Patienten in seiner Praxis empfängt.
- **die Flanelldecke**: eine weiche, warme Decke aus Wolle oder Baumwolle.
- **der Couleurstudent**: ein Student in einer Studentenverbindung, mit farbiger Mütze.
- **die Säbelmensur**: ein Kampf mit Säbeln zwischen Studenten, nach festen Regeln.
- **feig / die Feigheit**: man hat zu viel Angst, man ist nicht mutig.
- **die Kontrahage**: man fordert jemanden offiziell zu einem Duell auf.
- **die Diphtherie**: eine gefährliche ansteckende Krankheit des Halses.
- **das Messingbettchen**: ein kleines Kinderbett aus gelbem Metall (Messing).
- **das Muttermal**: ein kleiner dunkler Fleck auf der Haut, den man seit der Geburt hat.
- **„G’schwind!“**: wienerisch für „Schnell!“.
- **„Wie einer Fräuln“**: wienerisch: so, wie man es bei einer feinen Dame macht.

## 4

Es war inzwischen noch etwas wärmer geworden. Der milde Wind brachte einen Duft in die enge Gasse. Es roch nach feuchten Wiesen und nach Frühling in fernen Bergen. Wohin jetzt?, dachte Fridolin. Dabei war es doch selbstverständlich, endlich nach Hause zu gehen und sich schlafen zu legen. Aber dazu konnte er sich nicht entscheiden. Er fühlte sich heimatlos, wie hinausgestoßen. Seit wann? Seit der hässlichen Begegnung mit den Alemannen ... Oder seit Mariannes Geständnis? Nein, schon länger. Seit dem Gespräch mit Albertine am Abend entfernte er sich immer weiter von seinem gewohnten Leben. Er rückte fort in eine andere, ferne, fremde Welt.

Er wanderte kreuz und quer durch die nächtlichen Straßen. Der leichte, warme Wind wehte ihm um die Stirn. Endlich ging er mit festen Schritten in ein Kaffeehaus, als hätte er ein lang gesuchtes Ziel erreicht. Es war ein einfaches Kaffeehaus von niederem Rang. Es war gemütlich wie im alten Wien, nicht besonders groß und nur schwach beleuchtet. Zu dieser späten Stunde saßen nur wenige Gäste darin.

In einer Ecke spielten drei Herren Karten. Ein Kellner hatte ihnen bisher zugeschaut. Jetzt half er Fridolin aus dem Pelz und nahm seine Bestellung auf. Dann legte er ihm illustrierte Zeitungen und Abendblätter auf den Tisch. Fridolin fühlte sich hier wie geborgen. Er begann, die Zeitungen schnell durchzublättern. Da und dort blieb sein Blick hängen. In irgendeiner böhmischen Stadt hatte man deutschsprachige Straßenschilder heruntergerissen. In Konstantinopel gab es eine Konferenz über den Bau einer Eisenbahn in Kleinasien. Auch Lord Cranford nahm daran teil. Die Firma Benies & Weingruber war pleite. Die Prostituierte Anna Tiger hatte aus Eifersucht ihre Freundin Hermine Drobizky mit Säure angegriffen. Heute Abend fand in den Sophiensälen ein Heringsschmaus statt. Ein junges Mädchen, Marie B., wohnhaft Schönbrunner Hauptstraße 28, hatte sich mit Sublimat vergiftet. Alle diese Tatsachen waren trocken und alltäglich, die gleichgültigen genauso wie die traurigen. Gerade deshalb machten sie Fridolin irgendwie nüchtern und ruhig. Das junge Mädchen, Marie B., tat ihm leid. Sublimat, wie dumm, dachte er. In dieser Sekunde sitzt er gemütlich im Café. Albertine schläft ruhig, die Arme im Nacken verschränkt. Der Hofrat hat schon alles Leid dieser Welt hinter sich. Und genau jetzt windet sich Marie B., Schönbrunner Hauptstraße 28, in sinnlosen Schmerzen.

Er sah von der Zeitung auf. Da bemerkte er an einem Tisch gegenüber zwei Augen, die auf ihn gerichtet waren. War das möglich? Nachtigall? Der andere hatte ihn schon erkannt. Freudig überrascht hob er beide Arme und kam auf Fridolin zu. Er war ein großer, ziemlich breiter Mensch, fast ein wenig schwerfällig, aber noch jung. Er hatte langes blondes Haar mit leichten Locken, das schon etwas grau war. Sein blonder Bart über der Lippe hing in polnischer Art herunter. Er trug einen offenen grauen Havelock und darunter einen etwas fettigen Frack. Dazu kamen ein altes, faltiges Hemd mit drei Knöpfen aus falschen Diamanten und ein faltiger Kragen. Um den Hals flatterte eine weiße Seidenkrawatte. Seine Augenlider waren rot, wie nach vielen Nächten ohne Schlaf. Doch seine Augen strahlten heiter und blau.

„Du bist in Wien, Nachtigall?“, rief Fridolin.

„Du weißt nicht?“, sagte Nachtigall. Er sprach mit einem polnisch weichen Akzent, in dem auch ein leichter jüdischer Klang lag. „Wie, du weißt nicht? Ich bin doch so beriehmt.“ Er lachte laut und freundlich und setzte sich Fridolin gegenüber.

„Wie?“, fragte Fridolin. „Bist du vielleicht heimlich Professor der Chirurgie geworden?“

Nachtigall lachte noch heller. „Hast du mich jetzt nicht geheert? Jetzt äben?“

„Wieso gehört? – Ach ja!“ Erst jetzt wurde es Fridolin bewusst. Beim Eintreten hatte er Klavierspiel gehört, ja schon vorher, auf dem Weg zum Kaffeehaus. Es war irgendwo aus einem tiefen Keller heraufgekommen. „Also das warst du?“, rief er.

„Wer denn sonst als ich?“, lachte Nachtigall.

Fridolin nickte. Natürlich! Dieser eigenartige, kräftige Anschlag war ihm gleich so bekannt vorgekommen. Auch die seltsamen Harmonien der linken Hand kannte er. Sie waren etwas willkürlich, aber sie klangen schön. „Du hast dich also ganz auf das Klavier verlegt?“, fragte er.

Er erinnerte sich: Nachtigall hatte das Medizinstudium endgültig aufgegeben. Das war nach der zweiten Vorprüfung gewesen, in Zoologie. Er hatte sie sogar bestanden, aber mit sieben Jahren Verspätung. Trotzdem hatte er sich danach noch lange im Krankenhaus herumgetrieben. Man sah ihn im Seziersaal, in den Laboren und in den Hörsälen. Mit seinem blonden Künstlerkopf fiel er dort auf. Sein Kragen war immer voller Falten. Seine Krawatte flatterte und war früher einmal weiß gewesen. Er war eine lustige und bekannte Figur. Nicht nur die Kollegen mochten ihn, sondern sogar manche Professoren.

Sein Vater war Jude und verkaufte in einem kleinen polnischen Dorf Schnaps. Von dort war Nachtigall nach Wien gekommen, um Medizin zu studieren. Seine Eltern schickten ihm nur sehr wenig Geld. Von Anfang an war es kaum der Rede wert, und bald hörte es ganz auf. Trotzdem kam er weiter in den Riedhof, wo sich die Mediziner regelmäßig an einem Tisch trafen. Auch Fridolin gehörte zu dieser Runde. Ab einem gewissen Zeitpunkt bezahlte jedes Mal ein anderer, reicherer Kollege seine Rechnung. Manchmal bekam er auch Kleidung geschenkt. Das nahm er ebenfalls gern und ohne falschen Stolz an.

Schon in seinem Heimatstädtchen hatte er die Anfänge des Klavierspiels gelernt. Sein Lehrer war ein Pianist, der dort gestrandet war. In Wien studierte er Medizin und besuchte zugleich das Konservatorium. Dort galt er angeblich als großes Talent am Klavier. Aber auch hier war er nicht ernst und fleißig genug, um richtig weiterzulernen. Bald war er mit seinen Erfolgen im Kreis seiner Bekannten zufrieden. Besser gesagt: Es genügte ihm, dass sein Klavierspiel ihnen Freude machte. Eine Zeit lang spielte er als Pianist in einer Tanzschule in der Vorstadt. Kollegen von der Universität und aus der Runde im Riedhof wollten ihm Arbeit in besseren Häusern verschaffen. Dort sollte er ebenfalls Klavier spielen. Aber er spielte immer nur, was er wollte und solange er wollte. Er begann Gespräche mit den jungen Damen, die von seiner Seite nicht immer harmlos waren. Und er trank mehr, als er vertragen konnte.

Einmal spielte er im Haus eines Bankdirektors zum Tanz. Schon vor Mitternacht machte er freche, unpassende Bemerkungen zu den jungen Mädchen, die an ihm vorbeitanzten. Die Mädchen wurden verlegen, und ihre Herren ärgerten sich. Dann kam er auf die Idee, einen wilden Cancan zu spielen. Mit seinem gewaltigen Bass sang er dazu ein lustiges, zweideutiges Lied. Der Bankdirektor schimpfte heftig mit ihm. Nachtigall aber war voll seliger Heiterkeit. Er stand auf und umarmte den Direktor. Der Direktor war empört. Obwohl er selbst Jude war, zischte er dem Pianisten ein hier übliches Schimpfwort ins Gesicht. Nachtigall antwortete sofort mit einer gewaltigen Ohrfeige. Damit war seine Laufbahn in den besseren Häusern der Stadt endgültig vorbei. In kleineren, vertrauteren Kreisen war er meistens anständiger. Doch auch dort musste man ihn spät in der Nacht manchmal mit Gewalt aus dem Lokal bringen. Am nächsten Morgen hatten alle solche Vorfälle verziehen und vergessen.

Eines Tages verschwand er plötzlich aus der Stadt, ohne Abschied. Seine Kollegen hatten damals schon lange ihr Studium beendet. Einige Monate lang kamen noch Postkarten mit Grüßen aus verschiedenen russischen und polnischen Städten. Nachtigall hatte Fridolin immer besonders gern gehabt. Einmal schickte er ihm nicht nur einen Gruß, sondern bat ohne Erklärung um eine mäßige Summe Geld. Fridolin schickte das Geld sofort ab. Aber er bekam nie einen Dank und auch sonst kein Lebenszeichen von Nachtigall.

Jetzt aber, um dreiviertel ein Uhr nachts, nach acht Jahren, wollte Nachtigall das unbedingt sofort nachholen. Er nahm Banknoten aus einer ziemlich kaputten Brieftasche, genau die richtige Anzahl. Die Brieftasche war übrigens recht gut gefüllt. Deshalb durfte Fridolin das Geld mit gutem Gewissen annehmen ...

„Es geht dir also gut“, sagte er lächelnd, wie um sich selbst zu beruhigen.

„Kann nicht klagen“, antwortete Nachtigall. Er legte seine Hand auf Fridolins Arm. „Aber jetzt sag einmal, wie kommst du mitten in der Nacht hierher?“

Fridolin erklärte, warum er so spät noch hier war. Nach einem nächtlichen Krankenbesuch habe er dringend eine Tasse Kaffee gebraucht. Er verschwieg aber, dass sein Patient schon tot gewesen war. Warum, wusste er selbst nicht genau. Dann sprach er ganz allgemein über seine Arbeit als Arzt an der Poliklinik und über seine Privatpraxis. Er erwähnte auch, dass er verheiratet war, glücklich verheiratet. Und dass er Vater eines sechsjährigen Mädchens war.

Nun erzählte Nachtigall. Fridolin hatte richtig vermutet: Die ganzen Jahre hatte er sich als Pianist durchgeschlagen. Er hatte in allen möglichen polnischen, rumänischen, serbischen und bulgarischen Städten und Städtchen gespielt. In Lemberg lebten seine Frau und seine vier Kinder. Dabei lachte er hell, als wäre das ganz besonders lustig. Vier Kinder, alle in Lemberg und alle von ein und derselben Frau! Seit dem letzten Herbst war er wieder in Wien. Das Varieté, das ihn engagiert hatte, war sofort pleitegegangen. Nun spielte er in den verschiedensten Lokalen, wie es sich gerade ergab. Manchmal spielte er in zwei oder drei Lokalen in derselben Nacht. Zum Beispiel hier unten im Keller. Das sei kein sehr vornehmes Lokal, sagte er, eigentlich eine Art Kegelbahn. Und was das Publikum betrifft ... „Aber wenn man für vier Kinder sorgen muss und für eine Frau in Lemberg“, sagte er und lachte wieder. Doch jetzt klang es nicht mehr ganz so lustig. „Auch privat habe ich manchmal zu tun“, fügte er schnell hinzu. Er sah, dass Fridolin lächelte, als ob er sich an etwas erinnerte. „Nicht bei Bankdirektoren und soo, nein“, sagte er. „In allen mäglichen Kreisen, auch gräßere, äffentliche und gehäime.“

„Geheime?“

Nachtigall blickte düster und zugleich schlau vor sich hin. „Sofort werd ich wieder abgeholt.“

„Wie, du spielst heute noch?“

„Ja, dort fangt es nämlich erst um zwei an.“

„Das ist ja besonders fein“, sagte Fridolin.

„Ja und nein“, lachte Nachtigall. Aber gleich wurde er wieder ernst.

„Ja und nein?“, wiederholte Fridolin neugierig.

Nachtigall beugte sich über den Tisch zu ihm. „Ich spielle heute in einem Privathaus. Aber wem es gehärt, weiß ich nicht.“

„Du spielst also heute zum ersten Mal dort?“, fragte Fridolin. Er wurde immer neugieriger.

„Nein, das dritte Mal. Aber es wird wahrscheinlich wieder ein anderes Haus sein.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Ich auch nicht“, lachte Nachtigall. „Besser, du fragst nicht.“

„Hm“, machte Fridolin.

„Oh, du irrst dich. Es ist nicht, was du glaubst. Ich hab schon viel gesehen. Man glaubt es nicht, in solchen kleinen Städten – besonders in Rumänien –, man erläbt vieles. Aber hier ...“ Er schob den gelben Vorhang am Fenster ein wenig zur Seite. Er blickte auf die Straße hinaus und sagte wie zu sich selbst: „Noch nicht da.“ Dann erklärte er Fridolin: „Der Wagen, meine ich. Immer holt mich ein Wagen ab, und immer ein anderer.“

„Du machst mich neugierig, Nachtigall“, sagte Fridolin kühl.

Nachtigall zögerte eine Weile. „Här zu“, sagte er dann. „Wenn ich es einem auf der Welt vergennte – aber wie macht man nur –“ Und plötzlich fragte er: „Hast du Courage?“

„Seltsame Frage“, sagte Fridolin. Er klang wie ein beleidigter Couleurstudent.

„Ich meine nicht soo.“

„Wie meinst du es denn eigentlich? Wozu braucht man dabei so besondere Courage? Was kann einem denn passieren?“ Und er lachte kurz und spöttisch.

„Mir kann nichts passieren. Heechstens, dass es heite zum letzten Mal ist – aber das ist vielleicht auch soo.“ Er schwieg und blickte wieder durch den Spalt im Vorhang hinaus.

„Na also?“

„Wie meinst du?“, fragte Nachtigall, als käme er aus einem Traum.

„Erzähl doch weiter. Wenn du schon einmal angefangen hast ... Eine geheime Veranstaltung? Eine geschlossene Gesellschaft? Geladene Gäste?“

„Ich weiß nicht. Neilich waren dreißig Menschen da, das erste Mal nur sechzehn.“

„Ein Ball?“

„Natürlich ein Ball.“ Er schien jetzt zu bereuen, dass er überhaupt davon gesprochen hatte.

„Und du machst die Musik dazu?“

„Wieso dazu? Ich weiß nicht, wozu. Wirklich, ich weiß nicht. Ich spielle, ich spielle – mit verbundene Augen.“

„Nachtigall, Nachtigall, was singst du da für ein Lied!“

Nachtigall seufzte leise. „Aber leider nicht ganz verbunden. Nicht so, dass ich gar nichts sehe. Ich seh nämlich im Spiegel, durch das schwarze Seidentuch über meinen Augen ...“ Und wieder schwieg er.

„Mit einem Wort“, sagte Fridolin ungeduldig und spöttisch. Doch innerlich war er seltsam aufgeregt. „Nackte Frauenzimmer.“

„Sag nicht Frauenzimmer, Fridolin“, antwortete Nachtigall, als wäre er beleidigt. „Solche Weiber hast du nie gesehen.“

Fridolin räusperte sich leise. „Und wie viel kostet der Eintritt?“, fragte er nebenbei.

„Billetts meinst du und soo? Ha, was fallt dir ein.“

„Also wie kommt man hinein?“, fragte Fridolin. Er presste die Lippen zusammen und trommelte mit den Fingern auf den Tisch.

„Parolle musst du kennen. Und jedes Mal ist eine andere.“

„Und die von heute?“

„Weiß ich noch nicht. Erfahr ich erst vom Kutscher.“

„Nimm mich mit, Nachtigall.“

„Unmeglich, zu gefährlich.“

„Vor einer Minute wolltest du es mir doch selbst ... ‚vergennen‘. Es wird schon möglich sein.“

Nachtigall sah ihn prüfend an. „So wie du bist, kenntest du auf keinen Fall kommen. Alle sind nämlich maskiert, Herren und Damen. Hast du eine Maske bei dir und soo? Unmeglich. Vielleicht nächstes Mal. Ich werd mir was ausdenken.“ Er horchte und blickte wieder durch den Spalt im Vorhang auf die Straße. Dann atmete er auf. „Da ist der Wagen. Adieu.“

Fridolin hielt ihn am Arm fest. „So kommst du mir nicht davon. Du wirst mich mitnehmen.“

„Aber Kollega ...“

„Überlass alles Weitere mir. Ich weiß schon, dass es ‚gefährlich‘ ist. Vielleicht lockt mich gerade das.“

„Aber ich sage dir doch – ohne Kostim und Larve –“

„Es gibt doch Geschäfte, wo man Masken und Kostüme leihen kann.“

„Um ein Uhr früh –!“

„Hör einmal zu, Nachtigall. An der Ecke Wickenburgstraße gibt es so ein Geschäft. Ich gehe jeden Tag ein paarmal an dem Schild vorbei.“ Dann sprach er hastig weiter, immer aufgeregter: „Du bleibst noch eine Viertelstunde hier, Nachtigall. Ich versuche inzwischen dort mein Glück. Der Besitzer wohnt vermutlich im selben Haus. Wenn nicht, dann verzichte ich eben. Das Schicksal soll entscheiden. Im selben Haus ist ein Café, es heißt Café Vindobona, glaube ich. Du sagst dem Kutscher, dass du in dem Café etwas vergessen hast. Dann gehst du hinein. Ich warte nahe an der Tür. Du sagst mir schnell die Parole und steigst wieder in deinen Wagen. Wenn ich ein Kostüm bekommen habe, nehme ich mir schnell einen anderen Wagen. Ich fahre dir nach, und das Weitere wird sich finden. Dein Risiko, Nachtigall, trage ich auf jeden Fall mit. Mein Ehrenwort darauf.“

Nachtigall hatte ein paarmal versucht, Fridolin zu unterbrechen, aber vergeblich. Fridolin warf das Geld für die Rechnung auf den Tisch. Er gab ein viel zu großes Trinkgeld, denn das schien ihm zum Stil dieser Nacht zu passen. Dann ging er. Draußen stand ein geschlossener Wagen. Auf dem Bock saß ein Kutscher, ganz in Schwarz und mit einem hohen Zylinder. Er bewegte sich überhaupt nicht. Wie eine Trauerkutsche, dachte Fridolin.

Nach wenigen Minuten im Laufschritt erreichte er das Eckhaus, das er suchte. Er läutete und fragte den Hausmeister, ob der Maskenverleiher Gibiser hier wohnte. Im Stillen hoffte er, dass es nicht so wäre. Aber Gibiser wohnte tatsächlich hier, ein Stockwerk unter seinem Geschäft. Der Hausmeister schien über den späten Besuch nicht einmal besonders erstaunt. Fridolin hatte ihm ein ansehnliches Trinkgeld gegeben, und das machte ihn freundlich. Während des Faschings, sagte er, kämen gar nicht so selten Leute um diese Nachtstunde. Sie wollten dann Kostüme leihen. Er leuchtete mit der Kerze von unten die Treppe hinauf. Er wartete, bis Fridolin im ersten Stock geläutet hatte. Herr Gibiser öffnete selbst, als hätte er schon an der Tür gewartet. Er war dünn, ohne Bart und hatte eine Glatze. Er trug einen altmodischen Schlafrock mit Blumenmuster und eine türkische Mütze mit einer Quaste. So sah er aus wie ein lächerlicher Alter auf dem Theater. Fridolin sagte, was er wollte. Er erwähnte auch, dass der Preis keine Rolle spiele. Herr Gibiser antwortete fast abweisend: „Ich verlange, was mir zusteht, nicht mehr.“

Er führte Fridolin über eine Wendeltreppe hinauf ins Magazin. Es roch nach Seide, Samt, süßen Düften, Staub und trockenen Blumen. Aus einem schwimmenden Dunkel blitzte es silbern und rot. Plötzlich leuchteten viele kleine Lampen auf. Sie hingen zwischen offenen Schränken in einem engen, langen Gang. Hinten verlor sich der Gang in der Finsternis. Rechts und links hingen Kostüme aller Art. Auf der einen Seite hingen Ritter, Knappen, Bauern, Jäger, Gelehrte, Orientalen und Narren. Auf der anderen Seite hingen Hofdamen, Ritterfräulein, Bäuerinnen, Kammerzofen und Königinnen der Nacht. Über den Kostümen sah man die passenden Hüte und Kopfbedeckungen. Fridolin war, als ginge er durch eine Allee von Gehängten. Es schien, als wollten sie sich gleich gegenseitig zum Tanz auffordern. Herr Gibiser ging hinter ihm her. „Haben der Herr einen besonderen Wunsch? Louis Quatorze? Directoire? Altdeutsch?“

„Ich brauche eine dunkle Mönchskutte und eine schwarze Larve, nichts weiter.“

In diesem Augenblick klirrte am Ende des Gangs etwas wie Glas. Fridolin sah den Maskenverleiher erschrocken an, als müsste dieser es sofort erklären. Gibiser aber stand ganz starr. Er tastete nach einem versteckten Schalter. Sofort strömte sehr helles Licht bis zum Ende des Gangs. Dort sah man ein kleines gedecktes Tischchen mit Tellern, Gläsern und Flaschen. Rechts und links davon standen zwei Stühle. Von jedem Stuhl erhob sich ein Femrichter in einem langen roten Mantel. Im selben Augenblick verschwand ein zierliches, hell gekleidetes Wesen. Gibiser lief mit langen Schritten hin und griff über den Tisch. Da hielt er weißes falsches Haar in der Hand. Zugleich kroch ein Mädchen schnell unter dem Tisch hervor. Es war ein anmutiges, ganz junges Mädchen, fast noch ein Kind. Sie trug ein Pierrettenkostüm und weiße Seidenstrümpfe. Sie lief durch den Gang bis zu Fridolin, und er musste sie in seinen Armen auffangen. Gibiser hatte das falsche Haar auf den Tisch fallen lassen. Mit beiden Händen hielt er die Femrichter an den Falten ihrer roten Mäntel fest. Dabei rief er Fridolin zu: „Herr, halten Sie mir das Mädel fest.“ Die Kleine drückte sich an Fridolin, als müsste er sie beschützen. Ihr kleines, schmales Gesicht war weiß gepudert und hatte einige kleine schwarze Schönheitspunkte. Ein Duft von Rosen und Puder stieg von ihr auf. Ihre Augen lächelten voller Übermut.

„Meine Herren“, rief Gibiser, „Sie bleiben hier, bis ich Sie der Polizei übergeben habe.“

„Was fällt Ihnen ein?“, riefen die beiden. Und wie aus einem Mund sagten sie: „Wir sind einer Einladung des Fräuleins gefolgt.“

Gibiser ließ sie beide los. Fridolin hörte, wie er zu ihnen sagte: „Darüber werden Sie genauere Auskunft geben müssen. Oder haben Sie nicht sofort gesehen, dass Sie es mit einer Wahnsinnigen zu tun hatten?“ Dann wandte er sich an Fridolin: „Verzeihen Sie den Zwischenfall, mein Herr.“

„Oh, das macht nichts“, sagte Fridolin. Am liebsten wäre er dageblieben. Oder er hätte die Kleine gleich mitgenommen, egal wohin und egal, was daraus geworden wäre. Sie sah kindlich zu ihm auf, wie verzaubert. Die Femrichter am Ende des Gangs redeten aufgeregt miteinander. Gibiser wandte sich sachlich an Fridolin: „Sie wünschen eine Kutte, mein Herr, einen Pilgerhut, eine Larve?“

„Nein“, sagte die Pierrette mit leuchtenden Augen. „Einen Hermelinmantel musst du diesem Herrn geben und ein rotseidenes Wams.“

„Du rührst dich nicht von meiner Seite“, sagte Gibiser. Er zeigte auf eine dunkle Kutte. Sie hing zwischen einem Landsknecht und einem venezianischen Senator. „Diese hier passt zu Ihrer Größe. Hier ist der passende Hut. Nehmen Sie, schnell.“

Nun meldeten sich die Femrichter wieder. „Sie werden uns sofort hinauslassen, Herr Chibisier.“ Fridolin wunderte sich, denn sie sprachen den Namen Gibiser französisch aus.

„Davon kann keine Rede sein“, antwortete der Maskenverleiher spöttisch. „Vorläufig werden Sie so freundlich sein, hier auf meine Rückkehr zu warten.“

Inzwischen schlüpfte Fridolin in die Kutte. Die Enden der weißen Schnur hingen herunter, und er band sie zu einem Knoten. Gibiser stand auf einer schmalen Leiter und reichte ihm den schwarzen Pilgerhut mit der breiten Krempe herunter. Fridolin setzte ihn auf. Doch das alles tat er wie unter einem Zwang. Denn immer stärker fühlte er sich verpflichtet zu bleiben. Er glaubte, er müsste der Pierrette in einer drohenden Gefahr helfen. Gibiser drückte ihm nun die Larve in die Hand, und Fridolin probierte sie gleich. Sie roch nach einem fremden, etwas widerlichen Duft.

„Du gehst vor mir“, sagte Gibiser zu der Kleinen und zeigte streng zur Treppe. Pierrette drehte sich um und blickte zum Ende des Gangs. Sie winkte dorthin einen Abschiedsgruß, traurig und heiter zugleich. Fridolin folgte ihrem Blick. Dort standen keine Femrichter mehr. Es waren zwei schlanke junge Herren in Frack und weißer Krawatte. Beide trugen aber noch die roten Larven vor dem Gesicht. Pierrette schwebte die Wendeltreppe hinunter. Gibiser ging hinter ihr, und Fridolin folgte den beiden. Unten im Vorzimmer öffnete Gibiser eine Tür zu den inneren Räumen. Er sagte zu Pierrette: „Du gehst sofort ins Bett, du verdorbenes Ding. Wir sprechen uns, sobald ich mit den Herren oben abgerechnet habe.“

Sie stand in der Tür, weiß und zart. Sie sah Fridolin an und schüttelte traurig den Kopf. Rechts in einem großen Wandspiegel sah Fridolin einen dünnen Pilger. Das war niemand anderer als er selbst. Er wunderte sich, wie natürlich das alles eigentlich zuging.

Pierrette war verschwunden. Der alte Maskenverleiher schloss die Tür hinter ihr ab. Dann öffnete er die Wohnungstür und drängte Fridolin ins Stiegenhaus.

„Verzeihen Sie“, sagte Fridolin, „was bin ich schuldig ...“

„Lassen Sie nur, mein Herr. Sie bezahlen, wenn Sie die Sachen zurückbringen. Ich vertraue Ihnen.“

Doch Fridolin rührte sich nicht von der Stelle. „Schwören Sie mir, dass Sie dem armen Kind nichts Böses tun werden?“

„Was kümmert Sie das, Herr?“

„Ich habe gehört, wie Sie die Kleine vorhin wahnsinnig genannt haben. Und jetzt haben Sie sie ein verdorbenes Ding genannt. Das ist ein auffallender Widerspruch, das werden Sie nicht leugnen.“

„Nun, mein Herr“, antwortete Gibiser in einem Ton wie auf dem Theater, „ist der Wahnsinnige nicht verdorben vor Gott?“

Fridolin schüttelte sich vor Ekel.

„Wie dem auch sei“, sagte er dann, „man wird schon eine Lösung finden. Ich bin Arzt. Wir sprechen morgen weiter über die Sache.“

Gibiser lachte spöttisch und ohne einen Laut. Im Stiegenhaus ging plötzlich das Licht an. Die Tür zwischen Gibiser und Fridolin schloss sich, und sofort wurde der Riegel vorgeschoben. Auf dem Weg die Treppe hinunter nahm Fridolin den Hut ab und zog die Kutte und die Larve aus. Er nahm alles unter den Arm. Der Hausbesorger öffnete das Tor. Gegenüber stand die Trauerkutsche. Der Kutscher saß auf dem Bock und rührte sich nicht. Nachtigall wollte gerade das Café verlassen. Er schien nicht sehr erfreut, dass Fridolin pünktlich zur Stelle war.

„Du hast dir also wirklich ein Kostüm besorgt?“

„Wie du siehst. Und die Parole?“

„Du bestehst also darauf?“

„Unbedingt.“

„Also – die Parole ist Dänemark.“

„Bist du verrückt, Nachtigall?“

„Wieso verrückt?“

„Nichts, nichts. Ich war zufällig heuer im Sommer an der dänischen Küste. Also steig ein. Aber nicht gleich, damit ich Zeit habe, mir drüben einen Wagen zu nehmen.“

Nachtigall nickte und zündete sich in aller Ruhe eine Zigarette an. Inzwischen ging Fridolin schnell über die Straße und nahm einen Fiaker. In harmlosem Ton, als wäre es ein Scherz, sagte er dem Kutscher: Er solle dem Trauerwagen folgen. Der Trauerwagen fuhr gerade vor ihnen los.

Sie fuhren über die Alserstraße und dann unter einem Bahnviadukt hindurch in Richtung Vorstadt. Weiter ging es durch schlecht beleuchtete, menschenleere Nebengassen. Fridolin dachte, sein Kutscher könnte die Spur des vorderen Wagens verlieren. Doch immer wieder steckte er den Kopf durch das offene Fenster in die unnatürlich warme Luft. Und jedes Mal sah er den anderen Wagen in einiger Entfernung vor sich. Der Kutscher mit dem hohen schwarzen Zylinder saß ganz still auf dem Bock. Es könnte auch schlimm ausgehen, dachte Fridolin. Dabei roch er immer noch den Duft von Rosen und Puder, der von Pierrette zu ihm aufgestiegen war. Was für einen seltsamen Roman habe ich da nur kurz berührt?, fragte er sich. Ich hätte nicht fortgehen sollen. Vielleicht hätte ich es nicht einmal gedurft. Wo bin ich jetzt eigentlich?

Langsam ging es zwischen einfachen Villen bergauf. Nun glaubte Fridolin, den Weg zu erkennen. Vor Jahren hatten ihn Spaziergänge manchmal hierhergeführt. Es musste der Galitzinberg sein, den er hinauffuhr. Links unten in der Tiefe sah er die Stadt. Sie verschwamm im Dunst und flimmerte von tausend Lichtern. Er hörte hinter sich Räder rollen und blickte aus dem Fenster nach hinten. Zwei Wagen fuhren hinter ihm her. Das war ihm recht. So konnte der Kutscher der Trauerkutsche ihn auf keinen Fall verdächtigen.

Plötzlich fuhr der Wagen mit einem heftigen Ruck zur Seite ab. Zwischen Gittern, Mauern und Abhängen ging es bergab, wie in eine Schlucht. Fridolin fiel ein, dass es höchste Zeit war, sich zu maskieren. Er zog den Pelz aus und schlüpfte in die Kutte. Er tat es genauso, wie er jeden Morgen im Spital in die Ärmel seines Leinenkittels schlüpfte. Und er dachte an etwas, das ihn erlöste: In wenigen Stunden würde er, wenn alles gut ging, zwischen den Betten seiner Kranken herumgehen. Wie jeden Morgen, als ein hilfsbereiter Arzt.

Der Wagen hielt. Wie wäre es, dachte Fridolin, wenn ich gar nicht erst aussteige? Wenn ich lieber gleich zurückfahre? Aber wohin? Zu der kleinen Pierrette? Oder zu dem Dirnchen in der Buchfeldgasse? Oder zu Marianne, der Tochter des Toten? Oder nach Hause? Mit einem leichten Schauer spürte er: Nirgendwohin sehnte er sich weniger als gerade nach Hause. Oder war es nur, weil dieser Weg ihm der weiteste schien? Nein, ich kann nicht zurück, dachte er. Ich gehe meinen Weg weiter, und wenn es mein Tod ist. Er lachte selbst über das große Wort. Aber sehr fröhlich war ihm dabei nicht zumute.

Ein Gartentor stand weit offen. Die Trauerkutsche vor ihm fuhr gerade tiefer in die Schlucht hinunter. Oder vielleicht fuhr sie nur in das Dunkel, und es sah für ihn so aus. Nachtigall war also auf jeden Fall schon ausgestiegen. Fridolin sprang schnell aus dem Wagen. Er sagte seinem Kutscher, er solle oben an der Kurve auf ihn warten, egal wie lange es dauerte. Um ganz sicher zu sein, bezahlte er ihn schon im Voraus, und zwar reichlich. Und er versprach ihm die gleiche Summe noch einmal für die Rückfahrt. Die Wagen, die hinter ihm hergefahren waren, kamen jetzt an. Aus dem ersten sah Fridolin eine verhüllte Frauengestalt steigen. Dann trat er in den Garten und setzte die Larve auf. Ein schmaler Weg führte bis zum Tor, und das Licht aus dem Haus fiel darauf. Zwei Türflügel sprangen auf, und Fridolin stand in einer schmalen weißen Vorhalle. Klänge eines Harmoniums kamen ihm entgegen. Rechts und links standen zwei Diener in dunkler Livree. Ihre Gesichter waren hinter grauen Masken verborgen.

„Parole?“, flüsterten zwei Stimmen zugleich. Er antwortete: „Dänemark.“ Der eine Diener nahm seinen Pelz und verschwand damit in einem Nebenraum. Der andere öffnete eine Tür. Fridolin trat in einen hohen Saal. Es war dämmrig dort, fast dunkel, und ringsum hing schwarze Seide an den Wänden. Masken gingen auf und ab, alle in geistlicher Kleidung. Es waren sechzehn bis zwanzig Personen, Mönche und Nonnen. Die Musik des Harmoniums wurde sanft lauter. Es war eine italienische Kirchenmelodie, und sie schien von oben herabzukommen. In einer Ecke des Saales stand eine kleine Gruppe, drei Nonnen und zwei Mönche. Sie hatten kurz zu ihm hergeschaut und gleich wieder weggesehen, wie mit Absicht. Fridolin merkte, dass nur er den Kopf bedeckt hatte. Er nahm den Pilgerhut ab und ging so harmlos wie möglich auf und ab. Ein Mönch streifte seinen Arm und nickte ihm einen Gruß zu. Doch hinter der Maske bohrte sich ein Blick eine Sekunde lang tief in Fridolins Augen. Ein fremder, schwerer Duft wie aus südlichen Gärten umgab ihn. Wieder streifte ihn ein Arm. Diesmal war es der Arm einer Nonne. Wie die anderen hatte sie einen schwarzen Schleier um Stirn, Kopf und Nacken gewickelt. Unter der Larve aus schwarzer Seidenspitze leuchtete ein blutroter Mund. Wo bin ich?, dachte Fridolin. Unter Verrückten? Unter Verschwörern? Bin ich in die Versammlung irgendeiner religiösen Sekte geraten? Hat man Nachtigall vielleicht beauftragt und bezahlt? Sollte er einen Ahnungslosen mitbringen, über den man sich lustig machen wollte? Doch für einen Maskenscherz schien ihm alles zu ernst, zu eintönig und zu unheimlich. Zu der Musik des Harmoniums war nun eine Frauenstimme gekommen. Eine alte italienische geistliche Arie klang durch den Raum. Alle standen still und schienen zu lauschen. Auch Fridolin gab sich eine Weile der wunderbaren Melodie hin, die immer mächtiger und lauter wurde. Plötzlich flüsterte hinter ihm eine Frauenstimme: „Wenden Sie sich nicht nach mir um. Noch ist es Zeit, dass Sie gehen. Sie gehören nicht hierher. Wenn man es entdeckt, wird es Ihnen schlimm ergehen.“

Fridolin erschrak. Eine Sekunde lang dachte er daran, der Warnung zu folgen. Aber die Neugier, die Verlockung und vor allem sein Stolz waren stärker als jedes Bedenken. Jetzt bin ich einmal so weit gekommen, dachte er. Es soll enden, wie es will. Und er schüttelte den Kopf, ohne nach hinten zu schauen.

Da flüsterte die Stimme hinter ihm: „Es täte mir leid um Sie.“

Jetzt drehte er sich um. Er sah den blutroten Mund durch die Spitzen schimmern. Dunkle Augen versanken in seinen Augen. „Ich bleibe“, sagte er. Er sagte es in einem heldenhaften Ton, den er an sich selbst nicht kannte. Dann wandte er das Gesicht wieder ab.

Der Gesang wurde wunderbar lauter und voller. Auch das Harmonium klang jetzt auf eine neue Art. Es klang gar nicht mehr nach Kirche, sondern weltlich und voll, laut wie eine Orgel. Fridolin sah sich um. Da merkte er, dass alle Nonnen verschwunden waren. Im Saal waren nur noch Mönche. Auch die Stimme der Sängerin hatte sich inzwischen verändert. Zuerst war sie dunkel und ernst gewesen. Über einen kunstvoll steigenden Triller wurde sie jetzt hell und jubelnd. Statt des Harmoniums spielte nun ein Klavier, weltlich und frech. Fridolin erkannte sofort Nachtigalls wilden, aufregenden Anschlag. Die Frauenstimme, vorher so edel, stieß einen letzten hohen, lauten, lustvollen Schrei aus. Es war, als schwänge sie sich durch die Decke davon, hinaus in die Unendlichkeit.

Rechts und links hatten sich Türen geöffnet. Auf der einen Seite sah Fridolin am Klavier undeutlich Nachtigalls dunkle Gestalt. Der Raum gegenüber aber strahlte ganz hell. Dort standen Frauen ganz still. Alle hatten dunkle Schleier um Kopf, Stirn und Nacken. Vor den Gesichtern trugen sie schwarze Larven aus Spitze. Sonst aber waren sie völlig nackt. Fridolins Augen wanderten durstig von Gestalt zu Gestalt. Manche waren voll und rund, andere schlank, manche zart, andere in voller, prächtiger Blüte. Jede dieser Frauen war nackt und blieb doch ein Geheimnis. Aus den schwarzen Masken strahlten große Augen zu ihm herüber, wie Rätsel ohne Lösung. Das machte aus der großen Lust des Schauens eine fast unerträgliche Qual des Verlangens. Den anderen ging es wohl genauso. Die ersten glücklichen Atemzüge klangen bald wie Klagen voller Schmerz. Irgendwo stieß jemand einen Schrei aus. Und plötzlich stürzten alle Männer aus dem dämmrigen Saal zu den Frauen hin, als würden sie gejagt. Sie trugen jetzt keine Mönchskutten mehr. Sie trugen festliche Kostüme von Kavalieren, weiß, gelb, blau und rot. Bei den Frauen empfing sie ein wildes, fast böses Lachen.

Fridolin war der Einzige, der als Mönch zurückgeblieben war. Ein wenig ängstlich schlich er sich in die entfernteste Ecke. Dort war er nahe bei Nachtigall, der ihm den Rücken zudrehte. Fridolin sah wohl, dass Nachtigall eine Binde um die Augen trug. Aber zugleich glaubte er etwas zu bemerken. Hinter dieser Binde bohrten sich Nachtigalls Augen in den hohen Spiegel gegenüber. In diesem Spiegel drehten sich die bunten Kavaliere mit ihren nackten Tänzerinnen.

Plötzlich stand eine der Frauen neben Fridolin und flüsterte. Denn niemand sprach hier ein lautes Wort, als müssten auch die Stimmen ein Geheimnis bleiben. „Warum so einsam? Warum schließt du dich vom Tanz aus?“

Fridolin sah, dass ihn zwei Edelleute aus einer anderen Ecke scharf beobachteten. Die Frau an seiner Seite war schlank gewachsen, wie ein Knabe. Er vermutete, dass man sie zu ihm geschickt hatte. Sie sollte ihn wohl prüfen und in Versuchung führen. Trotzdem breitete er die Arme nach ihr aus, um sie an sich zu ziehen. Da löste sich eine andere Frau von ihrem Tänzer und lief direkt zu Fridolin. Er wusste sofort, dass es seine Warnerin von vorhin war. Sie tat so, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Sie flüsterte, aber so deutlich, dass man es auch in der anderen Ecke hören musste: „Bist du endlich zurück?“ Und fröhlich lachend sagte sie: „Es ist alles vergeblich, du bist erkannt.“ Dann wandte sie sich an die Knabenhafte: „Lass ihn mir nur für zwei Minuten. Dann kannst du ihn gleich wiederhaben, wenn du willst, bis zum Morgen.“ Und leiser sagte sie zu ihr, wie voller Freude: „Er ist es, ja, er.“ Die andere fragte erstaunt: „Wirklich?“ Dann schwebte sie davon, in die Ecke zu den Kavalieren.

„Frag nicht“, sagte nun die Frau, die geblieben war, zu Fridolin. „Und wundere dich über nichts. Ich habe versucht, sie zu täuschen. Aber ich sage dir gleich: Auf Dauer kann es nicht gelingen. Geh fort, bevor es zu spät ist. Und es kann in jedem Augenblick zu spät sein. Und pass auf, dass man deiner Spur nicht folgt. Niemand darf erfahren, wer du bist. Sonst wäre es mit deiner Ruhe für immer vorbei, mit dem Frieden deines Lebens. Geh!“

„Sehe ich dich wieder?“

„Unmöglich.“

„Dann bleibe ich.“

Ein Zittern ging durch ihren nackten Körper. Es ging auf ihn über und vernebelte ihm fast die Sinne.

„Es kann nicht mehr auf dem Spiel stehen als mein Leben“, sagte er. „Und das bist du mir in diesem Augenblick wert.“ Er nahm ihre Hände und versuchte, sie an sich zu ziehen.

Sie flüsterte wieder, wie verzweifelt: „Geh!“

Er lachte und hörte sich selbst, wie man sich im Traum hört. „Ich sehe doch, wo ich bin. Ihr seid doch nicht nur dazu da, ihr alle, damit man von eurem Anblick verrückt wird! Du machst nur einen besonderen Spaß mit mir. Du willst mich völlig verrückt machen.“

„Es wird zu spät, geh!“

Er wollte nicht auf sie hören. „Es soll hier keine verschwiegenen Zimmer geben? Zimmer, in die sich Paare zurückziehen, die sich gefunden haben? Werden alle, die hier sind, sich mit höflichen Handküssen verabschieden? So sehen sie nicht aus.“

Er zeigte auf die Paare im Nebenraum. Der Raum war überhell und voller Spiegel. Dort tanzten die Paare weiter zu den rasenden Klängen des Klaviers. Glühende, weiße Körper drückten sich an blaue, rote und gelbe Seide. Fridolin hatte das Gefühl, dass sich jetzt niemand um ihn und die Frau neben ihm kümmerte. Sie standen ganz allein in dem fast dunklen Saal in der Mitte.

„Vergebliche Hoffnung“, flüsterte sie. „Es gibt hier keine Zimmer, wie du sie dir erträumst. Es ist die letzte Minute. Geh fort!“

„Komm mit mir.“

Sie schüttelte heftig den Kopf, wie verzweifelt.

Er lachte wieder und erkannte sein eigenes Lachen nicht. „Du machst dich über mich lustig. Sind diese Männer und Frauen nur hierhergekommen, um sich gegenseitig zu reizen? Und um sich dann zurückzuweisen? Wer kann dir verbieten, mit mir wegzugehen, wenn du es willst?“

Sie atmete tief ein und senkte den Kopf.

„Ah, jetzt verstehe ich“, sagte er. „Das ist die Strafe für den, der sich ohne Einladung hereinschleicht. Eine grausamere Strafe hättet ihr euch nicht ausdenken können. Erlass sie mir. Begnadige mich. Gib mir eine andere Strafe. Nur nicht diese, dass ich ohne dich gehen soll!“

„Du bist wahnsinnig. Ich kann nicht mit dir von hier fortgehen. Genauso wenig wie mit irgendeinem anderen. Und wer versuchen würde, mir zu folgen, hätte sein Leben verspielt, und meines auch.“

Fridolin war wie betrunken. Er war es nicht nur von ihr, von ihrem duftenden Körper und ihrem rot glühenden Mund. Er war es nicht nur von der Luft in diesem Raum und den lustvollen Geheimnissen um ihn herum. Er war berauscht und zugleich durstig von all den Erlebnissen dieser Nacht. Keines davon hatte einen Abschluss gehabt. Er war berauscht von sich selbst, von seinem Mut und von der Veränderung, die er in sich spürte. Er berührte mit den Händen den Schleier um ihren Kopf, als wollte er ihn herunterziehen.

Sie packte seine Hände. „In einer Nacht kam einer auf die Idee, einer von uns beim Tanz den Schleier von der Stirn zu reißen. Man riss ihm die Larve vom Gesicht und jagte ihn mit der Peitsche hinaus.“

„Und – sie?“

„Du hast vielleicht von einem schönen jungen Mädchen gelesen ... Es ist erst ein paar Wochen her. Sie hat am Tag vor ihrer Hochzeit Gift genommen.“

Er erinnerte sich daran, sogar an den Namen. Er sagte ihn. War es nicht ein Mädchen aus einem fürstlichen Haus? War sie nicht mit einem italienischen Prinzen verlobt gewesen?

Sie nickte.

Plötzlich stand einer der Kavaliere da. Er war der vornehmste von allen und der einzige in weißer Tracht. Er verbeugte sich kurz, höflich, aber zugleich befehlend. So forderte er die Frau, mit der Fridolin sprach, zum Tanz auf. Fridolin schien es, als zögerte sie einen Augenblick. Doch der andere hatte schon den Arm um sie gelegt. Er wirbelte mit ihr davon, zu den anderen Paaren im hellen Nebensaal.

Fridolin war allein. Diese plötzliche Verlassenheit überfiel ihn wie Frost. Er sah sich um. In diesem Augenblick schien sich niemand um ihn zu kümmern. Vielleicht war das jetzt die letzte Möglichkeit, ohne Strafe zu verschwinden. Trotzdem hielt ihn etwas in seiner Ecke fest, wo ihn jetzt niemand sah und beachtete. Was war es? Vielleicht die Scheu vor einem ruhmlosen und etwas lächerlichen Rückzug. Vielleicht das ungestillte, quälende Verlangen nach dem wunderbaren Körper der Frau, dessen Duft ihn noch umgab. Oder vielleicht der Gedanke, dass alles bisher eine Prüfung seines Mutes gewesen war. Dann würde ihm die herrliche Frau als Preis gehören. Er wusste es selbst nicht. Aber eines war ihm klar: Er konnte diese Spannung nicht länger ertragen. Er musste diesem Zustand ein Ende machen, egal wie gefährlich es war. Wofür er sich auch entschied, es konnte ihn nicht das Leben kosten. Er war hier vielleicht unter Narren, vielleicht unter Wüstlingen. Aber sicher nicht unter Gaunern oder Verbrechern. Da kam ihm eine Idee. Er wollte zu ihnen hintreten und zugeben, dass er ein Eindringling war. Wie ein Ritter wollte er sich ihnen zur Verfügung stellen. Nur so, wie mit einem edlen Akkord, durfte diese Nacht enden. Sonst wäre sie nichts als eine schattenhafte, wilde Reihe von Abenteuern. Es waren düstere, traurige, seltsame und lüsterne Abenteuer. Und keines davon war bis zum Ende gelebt worden. Er atmete tief durch und machte sich bereit.

In diesem Augenblick aber flüsterte jemand neben ihm: „Parole!“ Ein schwarzer Kavalier war unbemerkt zu ihm getreten. Fridolin antwortete nicht gleich, und so stellte der andere seine Frage ein zweites Mal. „Dänemark“, sagte Fridolin.

„Ganz recht, mein Herr. Das ist die Parole des Eingangs. Und die Parole des Hauses, wenn ich bitten darf?“

Fridolin schwieg.

„Sie wollen nicht so gut sein, uns die Parole des Hauses zu sagen?“ Es klang scharf wie ein Messer.

Fridolin zuckte mit den Schultern. Der andere ging in die Mitte des Raumes und hob die Hand. Das Klavier verstummte, und der Tanz brach ab. Zwei andere Kavaliere kamen herbei, einer in Gelb, der andere in Rot. „Die Parole, mein Herr“, sagten beide gleichzeitig.

„Ich habe sie vergessen“, antwortete Fridolin mit einem leeren Lächeln. Er fühlte sich ganz ruhig.

„Das ist ein Unglück“, sagte der Herr in Gelb. „Denn hier ist es gleich, ob Sie die Parole vergessen haben oder ob Sie sie nie gekannt haben.“

Die anderen männlichen Masken strömten herein. Die Türen auf beiden Seiten schlossen sich. Fridolin stand allein in seinem Mönchsgewand mitten unter bunten Kavalieren.

„Die Maske herunter!“, riefen einige zugleich. Fridolin streckte die Arme vor sich aus, wie zum Schutz. Als Einziger ohne Maske unter lauter Masken dazustehen, das schien ihm tausendmal schlimmer. Es wäre schlimmer gewesen, als plötzlich nackt unter angezogenen Menschen zu stehen. Mit fester Stimme sagte er: „Vielleicht fühlt sich einer der Herren durch mein Erscheinen in seiner Ehre verletzt. Dann bin ich bereit, ihm auf die übliche Weise Genugtuung zu geben. Doch meine Maske nehme ich nur ab, wenn Sie alle das Gleiche tun, meine Herren.“

„Es geht hier nicht um Genugtuung“, sagte der rot gekleidete Kavalier, der bisher noch nicht gesprochen hatte. „Es geht um Sühne.“

„Die Maske herunter!“, befahl wieder ein anderer. Er hatte eine helle, freche Stimme, die Fridolin an den Befehlston eines Offiziers erinnerte. „Man wird Ihnen ins Gesicht sagen, was Sie erwartet. Und nicht in Ihre Larve.“

„Ich nehme sie nicht ab“, sagte Fridolin in noch schärferem Ton. „Und wehe dem, der es wagt, mich zu berühren.“

Plötzlich griff irgendein Arm nach seinem Gesicht, als wollte er ihm die Maske herunterreißen. Da ging plötzlich eine der Türen auf. Eine der Frauen stand da, in der Tracht einer Nonne, so wie er sie zuerst gesehen hatte. Fridolin konnte keinen Zweifel haben, welche es war. Hinter ihr, in dem überhellen Raum, sah man die anderen Frauen. Sie waren nackt, mit verhüllten Gesichtern, eng aneinandergedrängt und stumm, eine eingeschüchterte Schar. Doch die Tür schloss sich sofort wieder.

„Lasst ihn“, sagte die Nonne. „Ich bin bereit, ihn auszulösen.“

Ein kurzes, tiefes Schweigen folgte, als wäre etwas Ungeheures geschehen. Dann wandte sich der schwarze Kavalier an die Nonne. Er war es, der Fridolin zuerst nach der Parole gefragt hatte. „Du weißt, was du damit auf dich nimmst.“

„Ich weiß es.“

Es ging wie ein tiefes Aufatmen durch den Raum.

„Sie sind frei“, sagte der Kavalier zu Fridolin. „Verlassen Sie sofort dieses Haus. Sie haben sich nur bis in den Vorhof unserer Geheimnisse geschlichen. Hüten Sie sich, weiter nach diesen Geheimnissen zu forschen. Sollten Sie versuchen, irgendjemanden auf unsere Spur zu bringen, ob es nun gelingt oder nicht – Sie wären verloren.“

Fridolin rührte sich nicht. „Auf welche Weise soll – diese Frau mich auslösen?“, fragte er.

Keine Antwort. Einige Arme zeigten zur Tür. Das war ein Zeichen: Er sollte sofort gehen.

Fridolin schüttelte den Kopf. „Bestimmen Sie über mich, was Sie wollen, meine Herren. Aber ich werde nicht zulassen, dass ein anderer Mensch für mich bezahlt.“

„Am Schicksal dieser Frau“, sagte der schwarze Kavalier nun ganz sanft, „würden Sie doch nichts mehr ändern. Wenn hier ein Versprechen gegeben wurde, gibt es kein Zurück.“

Die Nonne nickte langsam, wie zur Bestätigung. „Geh!“, sagte sie zu Fridolin.

„Nein“, antwortete er mit lauterer Stimme. „Das Leben hat keinen Wert mehr für mich, wenn ich ohne dich von hier fortgehen soll. Woher du kommst, wer du bist, danach frage ich nicht.“ Dann sprach er zu den Männern: „Was kann es Ihnen bedeuten, meine unbekannten Herren, ob Sie diese Faschingskomödie zu Ende spielen oder nicht? Auch wenn sie auf einen ernsten Schluss angelegt ist. Wer Sie auch sein mögen, meine Herren: Sie führen auf jeden Fall noch ein anderes Leben als dieses. Ich aber spiele keine Komödie, auch hier nicht. Und wenn ich es bisher getan habe, dann nur, weil ich musste. Jetzt höre ich damit auf. Ich fühle, dass ich in ein Schicksal geraten bin. Es hat mit dieser Maskerade nichts mehr zu tun. Ich will Ihnen meinen Namen sagen. Ich will meine Larve abnehmen, und ich nehme alle Folgen auf mich.“

„Hüte dich!“, rief die Nonne. „Du würdest dich zugrunde richten, ohne mich zu retten! Geh!“ Und zu den anderen gewandt rief sie: „Hier bin ich, hier habt ihr mich – alle!“

Wie durch einen Zauber fiel die dunkle Tracht von ihr ab. Sie stand da im Glanz ihres weißen Körpers. Sie griff nach dem Schleier, der um Stirn, Kopf und Nacken gewickelt war. Mit einer wunderbaren runden Bewegung wickelte sie ihn los. Er sank zu Boden. Dunkle Haare fielen ihr über Schultern, Brust und Hüften. Doch bevor Fridolin ihr Gesicht sehen konnte, packten ihn Arme, gegen die er sich nicht wehren konnte. Sie rissen ihn fort und drängten ihn zur Tür. Im nächsten Augenblick war er im Vorraum. Die Tür hinter ihm fiel zu. Ein maskierter Diener brachte ihm den Pelz und half ihm beim Anziehen. Dann öffnete sich das Haustor. Wie von einer unsichtbaren Kraft getrieben, eilte er weiter. Er stand auf der Straße. Hinter ihm erlosch das Licht. Er sah sich um. Das Haus lag schweigend da, mit geschlossenen Fenstern, aus denen kein Schimmer kam. Ich muss mir nur alles genau merken, dachte er vor allem. Ich muss das Haus wiederfinden. Alles Weitere ergibt sich dann.

Nacht war um ihn. In einiger Entfernung über ihm, dort, wo sein Wagen warten sollte, leuchtete schwach und rötlich eine Laterne. Aus der Tiefe der Gasse fuhr die Trauerkutsche heran, als hätte er sie gerufen. Ein Diener öffnete die Wagentür.

„Ich habe meinen Wagen“, sagte Fridolin. Der Diener schüttelte den Kopf. „Sollte er weggefahren sein, dann gehe ich eben zu Fuß in die Stadt zurück.“

Der Diener antwortete mit einer Handbewegung. Sie passte gar nicht zu einem Diener und duldete keinen Widerspruch. Der Zylinder des Kutschers ragte lächerlich hoch in die Nacht. Der Wind blies heftig, und violette Wolken flogen über den Himmel. Nach allem, was er bisher erlebt hatte, konnte sich Fridolin nichts vormachen. Ihm blieb nichts übrig, als in den Wagen zu steigen. Der Wagen fuhr sofort mit ihm los.

Fridolin war entschlossen, das Abenteuer so bald wie möglich aufzuklären, egal wie gefährlich es war. Sein Leben, so schien es ihm, hatte nicht den geringsten Sinn mehr, wenn er die rätselhafte Frau nicht wiederfand. In dieser Stunde bezahlte sie den Preis für seine Rettung. Was für ein Preis das war, ließ sich allzu leicht erraten. Aber welchen Grund hatte sie, sich für ihn zu opfern? Zu opfern? War sie überhaupt eine Frau, für die das ein Opfer war? Für die das ein Opfer war, was ihr jetzt bevorstand, was sie jetzt über sich ergehen ließ? Sie nahm an diesen Gesellschaften teil. Und es war heute sicher nicht das erste Mal, denn sie kannte die Bräuche so gut. Was machte es ihr also aus, einem dieser Kavaliere zu Willen zu sein, oder allen? Ja, konnte sie überhaupt etwas anderes sein als eine Dirne? Konnten alle diese Frauen etwas anderes sein? Dirnen, ohne Zweifel. Auch wenn sie alle daneben noch ein zweites, sozusagen bürgerliches Leben führten. Dieses Leben hier war eben ein Dirnenleben. Und war nicht alles, was er gerade erlebt hatte, wahrscheinlich nur ein gemeiner Spaß gewesen? Hatte man sich diesen Spaß mit ihm erlaubt? Vielleicht hatte man ihn schon geplant, für den Fall, dass sich einmal ein Fremder hier einschlich. Vielleicht war er vorbereitet, ja sogar eingeübt. Und doch dachte er wieder an diese Frau, die ihn von Anfang an gewarnt hatte. Jetzt war sie bereit, für ihn zu bezahlen. In ihrer Stimme, in ihrer Haltung, im königlichen Adel ihres nackten Körpers war etwas gewesen. Das konnte unmöglich eine Lüge sein. Oder hatte vielleicht nur sein plötzliches Erscheinen wie ein Wunder gewirkt und sie verwandelt? Nach allem, was er in dieser Nacht erlebt hatte, hielt er auch so ein Wunder nicht für unmöglich. Dabei fühlte er sich in diesem Gedanken gar nicht eitel. Vielleicht gibt es Stunden, Nächte, dachte er, in denen ein seltsamer, unwiderstehlicher Zauber von Männern ausgeht. Von Männern, die sonst keine besondere Macht über Frauen haben.

Der Wagen fuhr immer weiter bergauf. Wenn alles mit rechten Dingen zuginge, hätte er längst in die Hauptstraße einbiegen müssen. Was hatte man mit ihm vor? Wohin sollte ihn der Wagen bringen? Ging die Komödie vielleicht noch weiter? Und wie? Gab es vielleicht eine Erklärung? Ein fröhliches Wiedersehen an einem anderen Ort? Eine Belohnung, weil er die Prüfung mit Ehren bestanden hatte? Die Aufnahme in die geheime Gesellschaft? Die herrliche Nonne für ihn allein, ungestört? Die Fenster des Wagens waren geschlossen. Fridolin versuchte hinauszusehen, doch durch die Scheiben konnte man nicht hindurchsehen. Er wollte die Fenster öffnen, rechts und links, aber es ging nicht. Auch die Glaswand zwischen ihm und dem Kutschbock war fest verschlossen, und man sah nicht hindurch. Er klopfte an die Scheiben, er rief, er schrie. Der Wagen fuhr weiter. Er wollte die Wagentüren öffnen, rechts und links. Sie gaben keinem Druck nach. Sein Rufen verhallte im Knarren der Räder und im Sausen des Windes. Der Wagen begann zu holpern und fuhr bergab, immer schneller. Unruhe und Angst packten Fridolin. Er wollte gerade eines der blinden Fenster zerschlagen, da hielt der Wagen plötzlich an. Beide Türen öffneten sich gleichzeitig, wie durch einen Mechanismus. Es war, als hätte man Fridolin spöttisch die Wahl zwischen rechts und links gegeben. Er sprang aus dem Wagen, und die Türen klappten zu. Der Kutscher kümmerte sich nicht im Geringsten um Fridolin. Der Wagen fuhr davon, über das freie Feld in die Nacht hinein.

Der Himmel war bedeckt, die Wolken jagten dahin, der Wind pfiff. Fridolin stand im Schnee, der ringsum eine blasse Helligkeit verbreitete. Er stand allein da, mit offenem Pelz über seinem Mönchsgewand und dem Pilgerhut auf dem Kopf. Ihm war nicht gerade wohl zumute. In einiger Entfernung lief die breite Straße. Eine lange Reihe von schwach leuchtenden Laternen zeigte die Richtung zur Stadt. Fridolin aber lief geradeaus, um den Weg abzukürzen. Er lief über das verschneite Feld hinunter, das sanft abfiel. So wollte er so schnell wie möglich unter Menschen kommen. Mit nassen Füßen kam er in ein schmales, fast dunkles Gässchen. Zuerst ging er zwischen hohen Planken entlang, die im Sturm ächzten. Um die nächste Ecke kam er in eine etwas breitere Gasse. Dort standen ein paar kleine Häuser, und dazwischen lagen leere Bauplätze. Eine Turmuhr schlug drei Uhr morgens. Jemand kam Fridolin entgegen. Der Mann trug eine kurze Jacke und hatte die Hände in den Hosentaschen. Er hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen und den Hut tief in die Stirn gedrückt. Fridolin machte sich bereit, als ob er angegriffen würde. Aber ganz unerwartet drehte der Strolch plötzlich um und lief davon. Was bedeutet das?, fragte sich Fridolin. Dann fiel ihm ein, dass er wohl unheimlich genug aussah. Er nahm den Pilgerhut vom Kopf und knöpfte den Pelz zu. Darunter schlotterte die Mönchskutte bis über die Knöchel. Wieder ging er um eine Ecke und kam auf eine Hauptstraße der Vorstadt. Ein Mann in ländlicher Kleidung ging an ihm vorbei. Er grüßte ihn, wie man einen Priester grüßt. Das Licht einer Laterne fiel auf das Straßenschild am Eckhaus. Liebhartstal. Er war also nicht sehr weit von dem Haus, das er vor kaum einer Stunde verlassen hatte.

Eine Sekunde lang reizte es ihn, zurückzugehen. Er könnte in der Nähe des Hauses warten, was weiter geschah. Doch er gab den Gedanken sofort auf. Er hätte sich in große Gefahr gebracht. Und der Lösung des Rätsels wäre er trotzdem kaum näher gekommen. Er stellte sich vor, was jetzt gerade in der Villa geschehen mochte. Das erfüllte ihn mit Wut, Verzweiflung, Scham und Angst. Dieser Zustand war so unerträglich, dass er es fast bedauerte, dass ihn der Strolch nicht angegriffen hatte. Ja, er bedauerte fast, dass er nicht an einer Planke in der verlassenen Gasse lag. Mit einem Messerstich zwischen den Rippen. Dann hätte diese unsinnige Nacht mit ihren albernen, abgebrochenen Abenteuern am Ende doch irgendeinen Sinn bekommen. So nach Hause zu gehen, wie er es jetzt vorhatte, fand er geradezu lächerlich. Aber noch war nichts verloren. Morgen war auch ein Tag. Er schwor sich, nicht zu ruhen, bevor er die schöne Frau wiedergefunden hatte. Ihre strahlende Nacktheit hatte ihn berauscht.

Und erst jetzt dachte er an Albertine. Doch er dachte an sie, als müsste er auch sie erst erobern. Als könnte und dürfte sie nicht früher wieder die Seine werden, bevor er sie betrogen hatte. Betrogen mit all den anderen von heute Nacht: mit der nackten Frau, mit Marianne, mit dem Dirnchen aus der engen Gasse. Und sollte er nicht auch versuchen, den frechen Studenten zu finden, der ihn angerempelt hatte? Er könnte ihn zum Duell fordern, mit Säbeln oder lieber noch mit Pistolen. Was lag ihm am Leben eines anderen, was an seinem eigenen? Sollte man es immer nur aus Pflicht oder aus Opfermut aufs Spiel setzen? Niemals aus Laune, aus Leidenschaft oder einfach, um sich mit dem Schicksal zu messen?

Und wieder fiel ihm ein, dass er vielleicht schon den Keim einer tödlichen Krankheit in sich trug. Wäre es nicht zu albern, daran zu sterben, dass ihm ein Kind mit Diphtherie ins Gesicht gehustet hatte? Vielleicht war er schon krank. Hatte er nicht Fieber? Lag er vielleicht in diesem Augenblick zu Hause im Bett? Und war alles, was er erlebt zu haben glaubte, nur ein Fiebertraum gewesen?

Fridolin riss die Augen so weit auf, wie er konnte. Er strich sich über Stirn und Wange und fühlte seinen Puls. Kaum schneller als sonst. Alles in Ordnung. Er war völlig wach.

Er ging die Straße weiter, Richtung Stadt. Ein paar Marktwagen kamen hinter ihm her und rumpelten an ihm vorbei. Hin und wieder begegnete er ärmlich gekleideten Leuten, für die der Tag gerade begann. Hinter dem Fenster eines Kaffeehauses brannte unruhig eine Gasflamme über einem Tisch. Dort saß ein dicker Mann mit einem Schal um den Hals. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt und schlief. Die Häuser lagen noch im Dunkeln, nur wenige einzelne Fenster waren hell. Fridolin glaubte zu spüren, wie die Menschen langsam erwachten. Es war ihm, als sähe er sie in ihren Betten. Sie streckten sich und machten sich bereit für ihren armen, harten Tag. Auch ihm stand ein Tag bevor, aber kein armer und trauriger. Mit einem seltsamen Herzklopfen wurde ihm etwas bewusst, und er freute sich darüber. In wenigen Stunden würde er schon im weißen Leinenkittel zwischen den Betten seiner Kranken herumgehen. An der nächsten Ecke stand ein Einspänner. Der Kutscher schlief auf dem Bock. Fridolin weckte ihn, nannte ihm seine Adresse und stieg ein.

### Glossar

- **Courage**: Mut; man hat keine Angst vor einer Gefahr.
- **Heringsschmaus**: ein Essen mit Fisch (Hering) am Ende des Faschings.
- **Sublimat**: ein sehr starkes, gefährliches Gift.
- **Kutscher**: der Mann, der die Pferde einer Kutsche lenkt.
- **Femrichter**: im Mittelalter ein Richter eines geheimen Gerichts; hier ein Kostüm.
- **Puder**: ein feines weißes Pulver, das man auf das Gesicht macht.
- **Kutte**: ein langes, einfaches Kleid, wie es Mönche tragen.
- **Pilgerhut**: ein breiter Hut, wie ihn früher Pilger auf langen Reisen trugen.
- **Larve**: ein altes Wort für Maske; man trägt sie vor dem Gesicht.
- **Parole**: ein geheimes Wort; wer es kennt, darf hinein.
- **Trauerkutsche**: eine schwarze Kutsche, wie man sie bei einer Beerdigung benutzt.
- **Harmonium**: ein Musikinstrument mit Tasten, das ähnlich wie eine kleine Orgel klingt.
- **Triller**: in der Musik: zwei Töne, die sehr schnell abwechselnd gesungen oder gespielt werden.
- **Kavaliere**: vornehme Herren; hier: Männer in bunten, edlen Kostümen.
- **Wüstlingen**: Männer, die wild und ohne Moral nur ihr Vergnügen suchen.
- **Genugtuung**: hier: man kämpft in einem Duell, um die Ehre wiederherzustellen.
- **Sühne**: eine Strafe, mit der man eine Schuld wiedergutmacht.
- **auszulösen**: hier: jemanden frei machen, indem man selbst einen Preis bezahlt.
- **Maskerade**: ein Spiel oder Fest, bei dem alle Masken und Kostüme tragen.
- **Planken**: hohe Zäune aus langen Brettern.
- **Strolch**: ein Mann, der herumstreunt und vielleicht gefährlich ist.
- **Einspänner**: eine Kutsche mit nur einem Pferd, die man in Wien wie ein Taxi nimmt.

## 5

Es war vier Uhr morgens, als Fridolin die Treppe zu seiner Wohnung hinaufstieg. Zuerst ging er in sein Sprechzimmer. Dort schloss er das Maskenkostüm sorgfältig in einen Schrank. Er wollte Albertine nicht wecken. Darum zog er Schuhe und Kleider schon aus, bevor er ins Schlafzimmer ging. Vorsichtig schaltete er seine Nachttischlampe ein. Ihr Licht war gedämpft.

Albertine lag ruhig da, die Arme im Nacken verschränkt. Ihre Lippen waren halb geöffnet. Um den Mund herum lagen schmerzliche Schatten. Es war ein Gesicht, das Fridolin nicht kannte. Er beugte sich über ihre Stirn. Sofort legte sich die Stirn in Falten, als hätte er sie berührt. Ihr Gesicht verzog sich auf seltsame Weise. Und plötzlich lachte sie laut und schrill auf, noch immer im Schlaf. Fridolin erschrak. Ohne es zu wollen, rief er ihren Namen. Sie lachte noch einmal, als wäre es eine Antwort. Es war ein ganz fremdes, fast unheimliches Lachen. Fridolin rief sie noch einmal, lauter. Nun öffnete sie die Augen, langsam und mühsam. Ihre Augen waren groß. Sie sah ihn starr an, als würde sie ihn nicht erkennen.

„Albertine!", rief er zum dritten Mal.

Erst jetzt schien sie zu sich zu kommen. In ihren Augen lag Abwehr, Angst, ja sogar Entsetzen. Sie streckte die Arme in die Höhe, sinnlos und wie verzweifelt. Ihr Mund blieb offen.

„Was ist mit dir?", fragte Fridolin. Er konnte kaum atmen.

Sie starrte ihn immer noch an wie voller Entsetzen. Da fügte er beruhigend hinzu: „Ich bin es, Albertine."

Sie atmete tief und versuchte zu lächeln. Sie ließ die Arme auf die Bettdecke sinken. Dann fragte sie wie aus weiter Ferne: „Ist es schon Morgen?"

„Bald", antwortete Fridolin. „Es ist schon nach vier Uhr. Ich bin gerade erst nach Hause gekommen."

Sie schwieg.

Er sprach weiter: „Der Hofrat ist tot. Er lag schon im Sterben, als ich kam. Und ich konnte natürlich die Angehörigen nicht gleich allein lassen."

Sie nickte. Aber sie schien ihn kaum gehört oder verstanden zu haben. Sie starrte durch ihn hindurch ins Leere. Da hatte er einen seltsamen Gedanken. Er fand ihn selbst im gleichen Moment unsinnig. Es war ihm, als müsste sie wissen, was er in dieser Nacht erlebt hatte. Er beugte sich über sie und berührte ihre Stirn. Sie zitterte ein wenig.

„Was ist mit dir?", fragte er wieder.

Sie schüttelte nur langsam den Kopf. Er strich ihr über die Haare. „Albertine, was ist mit dir?"

„Ich habe geträumt", sagte sie wie aus der Ferne.

„Was hast du denn geträumt?", fragte er sanft.

„Ach, so viel. Ich kann mich nicht richtig erinnern."

„Vielleicht doch."

„Es war so wirr. Und ich bin müde. Und du musst doch auch müde sein?"

„Nicht im Geringsten, Albertine. Ich werde kaum noch schlafen. Du weißt ja, wenn ich so spät nach Hause komme ... Das Vernünftigste wäre eigentlich, ich setze mich gleich an den Schreibtisch. Gerade in solchen Morgenstunden ..." Er brach ab. „Aber willst du mir nicht doch lieber deinen Traum erzählen?" Er lächelte, aber das Lächeln war etwas gezwungen.

Sie antwortete: „Du solltest dich doch noch ein wenig hinlegen."

Er zögerte eine Weile. Dann tat er, was sie wollte, und legte sich neben sie. Aber er achtete darauf, sie nicht zu berühren. Ein Schwert zwischen uns, dachte er. Er erinnerte sich an eine halb scherzhafte Bemerkung dieser Art. Er hatte sie selbst einmal in einer ähnlichen Situation gemacht. Beide schwiegen. Sie lagen mit offenen Augen da. Jeder fühlte die Nähe des anderen und zugleich seine Ferne. Nach einer Weile stützte er den Kopf auf den Arm. Er sah sie lange an, als könnte er mehr sehen als nur die Umrisse ihres Gesichts.

„Deinen Traum!", sagte er plötzlich noch einmal. Es war, als hätte sie nur auf diese Bitte gewartet. Sie streckte ihm eine Hand entgegen. Er nahm sie. Aus Gewohnheit hielt er ihre schlanken Finger fest, wie im Spiel. Er tat es eher zerstreut als zärtlich. Sie aber begann:

„Erinnerst du dich noch an das Zimmer in der kleinen Villa am Wörthersee? Dort habe ich im Sommer unserer Verlobung mit meinen Eltern gewohnt."

Er nickte.

„Der Traum fing nämlich so an: Ich kam in dieses Zimmer. Ich weiß nicht, woher. Ich kam herein wie eine Schauspielerin auf die Bühne. Ich wusste nur, dass meine Eltern auf Reisen waren. Sie hatten mich allein gelassen. Das wunderte mich, denn morgen sollte unsere Hochzeit sein. Aber das Brautkleid war noch nicht da. Oder irrte ich mich vielleicht? Ich öffnete den Schrank, um nachzusehen. Aber statt des Brautkleids hingen dort viele andere Kleider. Eigentlich waren es Kostüme, wie in der Oper, prächtig und orientalisch. Welches soll ich denn nur zur Hochzeit anziehen?, dachte ich. Da fiel der Schrank plötzlich wieder zu, oder er war weg. Ich weiß es nicht mehr. Das Zimmer war ganz hell. Aber draußen vor dem Fenster war finstere Nacht ... Auf einmal standest du vor dem Fenster. Galeerensklaven hatten dich hergerudert. Ich sah sie gerade im Dunkeln verschwinden. Du warst sehr kostbar gekleidet, in Gold und Seide. An deiner Seite hing ein Dolch an einem silbernen Gurt. Du hobst mich aus dem Fenster. Jetzt war auch ich herrlich gekleidet, wie eine Prinzessin. Wir standen beide draußen im Dämmerlicht. Feiner grauer Nebel reichte uns bis an die Knöchel. Es war die gut bekannte Gegend. Dort war der See, vor uns lagen die Berge. Ich sah auch die Landhäuser. Sie standen da wie aus einer Spielzeugschachtel. Wir zwei aber, du und ich, wir schwebten. Nein, wir flogen über den Nebel hin. Und ich dachte: Das ist also unsere Hochzeitsreise. Bald aber flogen wir nicht mehr. Wir gingen einen Waldweg entlang, den Weg zur Elisabethhöhe. Und plötzlich waren wir sehr hoch im Gebirge. Wir standen auf einer Art Lichtung. Auf drei Seiten war sie von Wald umgeben. Hinten ragte eine steile Felswand in die Höhe. Über uns war ein Sternenhimmel, so blau und so weit, wie es ihn in Wirklichkeit gar nicht gibt. Das war die Decke unseres Brautzimmers. Du nahmst mich in die Arme und liebtest mich sehr."

„Du mich hoffentlich auch", sagte Fridolin. Er lächelte dabei böse, aber das konnte sie nicht sehen.

„Ich glaube, noch viel mehr", antwortete Albertine ernst. „Aber wie soll ich dir das erklären? Wir hielten uns ganz fest umarmt. Und trotzdem war unsere Zärtlichkeit ganz traurig. Es war, als ahnten wir schon ein Leid, das uns bestimmt war. Auf einmal war der Morgen da. Die Wiese war hell und bunt. Der Wald ringsum war wunderbar nass vom Tau. Über der Felswand zitterten Sonnenstrahlen. Und wir beide sollten nun wieder zurück in die Welt, zu den Menschen. Es war höchste Zeit. Doch nun war etwas Furchtbares geschehen. Unsere Kleider waren weg. Ein Entsetzen packte mich, wie ich es nie gekannt hatte. Ich schämte mich so brennend, dass ich innerlich fast daran zugrunde ging. Zugleich war ich zornig auf dich, als wärst du allein an dem Unglück schuld. Und all das, Entsetzen, Scham und Zorn, war so heftig wie nichts, was ich jemals im Wachen gefühlt habe. Du aber wusstest, dass du schuld warst. Du liefst davon, nackt, wie du warst. Du wolltest hinuntersteigen und uns Kleider besorgen. Und als du verschwunden warst, wurde mir ganz leicht zumute. Du tatest mir nicht leid, und ich machte mir keine Sorgen um dich. Ich war nur froh, dass ich allein war. Glücklich lief ich auf der Wiese umher und sang. Es war die Melodie eines Tanzes, den wir auf der Redoute gehört haben. Meine Stimme klang wunderbar. Ich wünschte, man sollte mich unten in der Stadt hören. Diese Stadt sah ich nicht, aber ich *wusste* von ihr. Sie lag tief unter mir, und eine hohe Mauer war um sie herum. Es war eine ganz fantastische Stadt, die ich nicht beschreiben kann. Sie war nicht orientalisch und auch nicht richtig altdeutsch. Und doch war sie bald das eine, bald das andere. Jedenfalls war es eine Stadt, die vor langer Zeit für immer versunken war. Ich aber lag plötzlich ausgestreckt auf der Wiese im Sonnenschein. Ich war viel schöner, als ich jemals in Wirklichkeit war. Und während ich so dalag, kam ein Herr aus dem Wald. Es war ein junger Mann in einem hellen, modernen Anzug. Er sah, wie ich jetzt weiß, ungefähr aus wie der Däne. Von ihm habe ich dir gestern erzählt. Er ging seinen Weg. Als er an mir vorbeikam, grüßte er sehr höflich. Aber sonst beachtete er mich nicht. Er ging direkt auf die Felswand zu. Dort sah er sie aufmerksam an, als überlegte er, wie man hinaufklettern könnte. Zur gleichen Zeit sah ich aber auch dich. Du eiltest in der versunkenen Stadt von Haus zu Haus und von Laden zu Laden. Mal liefst du unter Bogengängen, mal durch eine Art türkischen Basar. Du kauftest die schönsten Dinge, die du für mich finden konntest: Kleider, Wäsche, Schuhe, Schmuck. Und all das tatest du in eine kleine gelblederne Handtasche. Und doch hatte alles darin Platz. Die ganze Zeit aber folgte dir eine Menschenmenge. Ich sah sie nicht, ich hörte nur ihr dumpfes, drohendes Heulen. Und nun erschien der andere wieder, der Däne, der vorher vor der Felswand stehen geblieben war. Wieder kam er aus dem Wald auf mich zu. Und ich wusste, dass er inzwischen um die ganze Welt gewandert war. Er sah anders aus als vorher, aber er war doch derselbe. Er blieb wie beim ersten Mal vor der Felswand stehen und verschwand wieder. Dann kam er wieder aus dem Wald, verschwand, kam aus dem Wald. Das wiederholte sich zwei- oder drei- oder hundertmal. Es war immer derselbe und immer ein anderer. Jedes Mal grüßte er, wenn er an mir vorbeikam. Endlich aber blieb er vor mir stehen und sah mich prüfend an. Ich lachte verlockend, wie ich nie in meinem Leben gelacht habe. Er streckte die Arme nach mir aus. Nun wollte ich fliehen, doch ich konnte es nicht. Und er sank zu mir auf die Wiese."

Sie schwieg. Fridolins Kehle war trocken. Im Dunkel des Zimmers merkte er, dass Albertine ihr Gesicht in den Händen versteckte.

„Ein merkwürdiger Traum", sagte er. „Ist er schon zu Ende?"

Sie sagte nein.

„Dann erzähl doch weiter."

„Es ist nicht so leicht", begann sie wieder. „Mit Worten kann man diese Dinge eigentlich kaum sagen. Also – es war mir, als erlebte ich unzählige Tage und Nächte. Es gab weder Zeit noch Raum. Ich war auch nicht mehr auf der Lichtung zwischen Wald und Fels. Es war eine weite, unendlich weite Fläche voller bunter Blumen. Nach allen Seiten verlor sie sich im Horizont. Ich war auch schon längst nicht mehr allein mit diesem einen Mann auf der Wiese. Seltsam: dieses ‚längst'! Aber waren außer mir noch drei oder zehn oder tausend Paare da? Sah ich sie oder nicht? Gehörte ich nur jenem einen oder auch anderen? Ich könnte es nicht sagen. Vorher waren mein Entsetzen und meine Scham stärker als alles, was man sich im Wachen vorstellen kann. Genauso gibt es sicher nichts in unserem wachen Leben, das diesem neuen Gefühl gleichkommt. Ich fühlte mich in diesem Traum so gelöst, so frei und so glücklich. Und dabei hörte ich keinen Augenblick lang auf, von dir zu wissen. Ja, ich sah dich. Ich sah, wie man dich festnahm. Es waren Soldaten, glaube ich, aber auch Priester waren dabei. Irgendjemand, ein riesengroßer Mann, fesselte deine Hände. Und ich wusste, dass man dich hinrichten wollte. Ich wusste es ohne Mitleid und ohne Schauder, ganz von fern. Man führte dich in einen Hof, eine Art Burghof. Da standest du nun nackt, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Ich sah dich, obwohl ich woanders war. Und genauso sahst du auch mich. Du sahst auch den Mann, der mich in seinen Armen hielt, und alle die anderen Paare. Es war eine unendliche Flut von Nacktheit, die um mich herum schäumte. Ich und der Mann, der mich umarmte, waren darin nur eine einzige Welle. Während du nun im Burghof standest, erschien oben eine junge Frau. Sie stand an einem hohen Bogenfenster zwischen roten Vorhängen. Sie trug ein Diadem auf dem Kopf und einen Purpurmantel. Es war die Fürstin des Landes. Sie sah mit einem strengen, fragenden Blick zu dir hinunter. Du standest allein. Die anderen, so viele es waren, hielten sich abseits und drückten sich an die Mauern. Ich hörte ein böses, drohendes Murmeln und Flüstern. Da beugte sich die Fürstin über die Brüstung. Es wurde still. Die Fürstin gab dir ein Zeichen. Es war, als befehle sie dir, zu ihr hinaufzukommen. Und ich wusste, dass sie entschlossen war, dich zu begnadigen. Aber du merktest ihren Blick nicht, oder du wolltest ihn nicht merken. Plötzlich aber standest du ihr gegenüber. Deine Hände waren noch immer gefesselt, aber du trugst einen schwarzen Mantel. Ihr wart nicht in einem Zimmer, sondern irgendwie in freier Luft, als würdet ihr schweben. Sie hielt ein Blatt aus Pergament in der Hand. Es war dein Todesurteil. Darauf standen auch deine Schuld und die Gründe für deine Verurteilung. Sie fragte dich, ob du bereit wärst, für immer bei ihr zu bleiben. Ich hörte die Worte nicht, aber ich wusste es. Wenn du ja sagtest, würde man dir die Todesstrafe erlassen. Du schütteltest den Kopf: nein. Ich wunderte mich nicht. Denn es war ganz in Ordnung. Es konnte gar nicht anders sein: Du musstest mir treu bleiben, trotz aller Gefahr und für alle Ewigkeit. Da zuckte die Fürstin mit den Schultern und winkte ins Leere. Und plötzlich warst du in einem Kellerraum unter der Erde. Peitschen sausten auf dich nieder. Aber ich sah die Leute nicht, die die Peitschen schwangen. Das Blut floss wie in Bächen an dir herunter. Ich sah es fließen. Ich wusste, dass ich grausam war, aber ich wunderte mich nicht darüber. Nun trat die Fürstin zu dir. Ihre Haare waren offen und flossen lang um sie herum. Das Diadem hielt sie dir mit beiden Händen entgegen. Und ich wusste, dass sie das Mädchen vom dänischen Strand war. Du hattest sie einmal am Morgen auf der Terrasse einer Badehütte gesehen. Sie sprach kein Wort. Aber ihr Kommen und ihr Schweigen hatten einen Sinn. Sie fragte dich damit, ob du ihr Mann und der Fürst des Landes werden wolltest. Und da du wieder ablehntest, war sie plötzlich verschwunden. Zur gleichen Zeit aber sah ich, wie man ein Kreuz für dich aufstellte. Es stand nicht unten im Burghof, nein, sondern auf der unendlichen Wiese voller Blumen. Dort lag ich in den Armen eines Geliebten, zwischen all den anderen Liebespaaren. Dich aber sah ich durch alte Gassen gehen, allein und ohne jede Wache. Doch ich wusste, dass dein Weg schon bestimmt war und dass du nicht fliehen konntest. Jetzt gingst du den Waldweg hinauf. Ich wartete gespannt auf dich, aber ohne jedes Mitgefühl. Dein Körper war mit Striemen bedeckt, aber sie bluteten nicht mehr. Du stiegst immer höher hinauf. Der Weg wurde breiter, und der Wald wich auf beiden Seiten zurück. Und nun standest du am Rand der Wiese, in einer ungeheuren, unbegreiflichen Ferne. Doch du grüßtest mich lächelnd mit den Augen. Es war wie ein Zeichen: Du hattest meinen Wunsch erfüllt. Du brachtest mir alles, was ich brauchte, Kleider und Schuhe und Schmuck. Ich aber fand dein Verhalten unendlich dumm und sinnlos. Ich hatte Lust, dich zu verspotten und dir ins Gesicht zu lachen. Und ich wollte es gerade deshalb, weil du aus Treue zu mir die Hand einer Fürstin abgelehnt hattest. Du hattest Folter ertragen. Und jetzt kamst du hier heraufgewankt, um einen furchtbaren Tod zu sterben. Ich lief dir entgegen, und auch du gingst immer schneller. Ich begann zu schweben, und auch du schwebtest in der Luft. Doch plötzlich verloren wir uns aus den Augen. Und ich wusste: Wir waren aneinander vorbeigeflogen. Da wünschte ich, du solltest wenigstens mein Lachen hören, gerade während man dich ans Kreuz schlug. Und so lachte ich laut auf, so schrill und so laut ich konnte. Das war das Lachen, Fridolin, mit dem ich aufgewacht bin."

Sie schwieg und bewegte sich nicht. Auch er bewegte sich nicht und sagte kein Wort. Jedes Wort wäre in diesem Augenblick schwach, verlogen und feige gewesen. Je weiter sie in ihrer Erzählung kam, desto lächerlicher und leerer kamen ihm seine eigenen Erlebnisse vor. Jedenfalls die Erlebnisse, die er bis jetzt gehabt hatte. Er schwor sich, sie alle bis zum Ende zu erleben. Danach wollte er ihr alles ehrlich erzählen. So wollte er Vergeltung üben an dieser Frau. In ihrem Traum hatte sie gezeigt, wer sie wirklich war: untreu, grausam und verräterisch. In diesem Augenblick glaubte er, sie tiefer zu hassen, als er sie jemals geliebt hatte.

Nun merkte er, dass er noch immer ihre Finger in seinen Händen hielt. Er wollte diese Frau hassen, so sehr er nur konnte. Und doch fühlte er für diese schlanken, kühlen, so vertrauten Finger dieselbe Zärtlichkeit wie immer. Sie war nur schmerzlicher geworden. Er wollte die vertraute Hand loslassen. Aber vorher berührte er sie sanft mit seinen Lippen. Er tat es, ohne es zu wollen, ja gegen seinen Willen.

Albertine öffnete die Augen noch immer nicht. Fridolin glaubte zu sehen, dass ihr Mund lächelte, ihre Stirn, ihr ganzes Gesicht. Es war ein glückliches, verklärtes, unschuldiges Lächeln. Er fühlte einen Drang, den er selbst nicht verstand. Er wollte sich über Albertine beugen und ihr einen Kuss auf die blasse Stirn geben. Aber er hielt sich zurück. Denn er erkannte, was es war: nur die Müdigkeit nach den aufregenden Ereignissen der letzten Stunden. Diese Müdigkeit war allzu verständlich. In der trügerischen Luft des ehelichen Schlafzimmers hatte sie sich als sehnsüchtige Zärtlichkeit verkleidet.

Es war egal, wie es in diesem Augenblick um ihn stand. Es war auch egal, was er in den nächsten Stunden beschließen würde. Jetzt musste er vor allem eins tun: wenigstens eine Weile in den Schlaf und ins Vergessen fliehen. Auch in der Nacht nach dem Tod seiner Mutter hatte er geschlafen. Er hatte tief und ohne Träume schlafen können. Und in dieser Nacht sollte er es nicht können? Er legte sich neben Albertine, die schon eingeschlafen zu sein schien. Ein Schwert zwischen uns, dachte er wieder. Und dann: Wie Todfeinde liegen wir hier nebeneinander. Aber es war nur ein Wort.

### Glossar

- **Ein Schwert zwischen uns**: ein Bild: Zwischen zwei Menschen liegt etwas Trennendes, sie berühren sich nicht.
- **Galeerensklaven**: Männer, die ohne Freiheit ein großes altes Schiff mit Rudern bewegen müssen.
- **der Dolch**: ein kurzes, spitzes Messer, das man als Waffe trägt.
- **die Lichtung**: ein freier Platz ohne Bäume mitten im Wald.
- **versunken**: hier: untergegangen, verschwunden, nur noch wie aus alter Zeit da.
- **die Fürstin**: eine Frau, die über ein Land herrscht, wie eine Königin.
- **das Diadem**: eine kleine Krone, die eine Frau auf dem Kopf trägt.
- **das Todesurteil**: die Entscheidung eines Gerichts, dass jemand sterben muss.
- **begnadigen**: einem Menschen seine Strafe erlassen; er muss sie nicht mehr bekommen.
- **die Striemen**: lange rote Spuren auf der Haut, zum Beispiel nach Schlägen mit der Peitsche.
- **die Vergeltung**: man tut jemandem Böses, weil er einem selbst Böses getan hat.
- **verräterisch**: so, dass man einen anderen Menschen verrät und betrügt.

## 6

Um sieben Uhr früh weckte ihn das leise Klopfen des Dienstmädchens. Er warf einen schnellen Blick auf Albertine. Manchmal, aber nicht immer, weckte dieses Klopfen auch sie. Heute schlief sie ohne jede Bewegung weiter, allzu ruhig. Fridolin machte sich schnell fertig. Bevor er ging, wollte er seine kleine Tochter sehen. Sie lag ruhig in ihrem weißen Bett. Wie Kinder es tun, hatte sie die Hände zu kleinen Fäusten geballt. Er küsste sie auf die Stirn. Noch einmal schlich er auf Zehenspitzen zur Tür des Schlafzimmers. Albertine lag immer noch da, so unbeweglich wie vorher. Dann ging er. In seiner schwarzen Arzttasche trug er die Mönchskutte und den Pilgerhut mit sich. Sie waren gut darin versteckt.

Den Plan für diesen Tag hatte er sorgfältig gemacht, fast pedantisch genau. Zuerst kam ein Besuch ganz in der Nähe. Dort lag ein schwerkranker junger Rechtsanwalt. Fridolin untersuchte ihn sorgfältig. Der Zustand des Kranken war etwas besser geworden. Fridolin sagte ihm ehrlich, wie sehr er sich darüber freute. Dann schrieb er auf ein altes Rezept das übliche „Repetatur". Danach fuhr er sofort zu dem Haus, in dessen Keller Nachtigall gestern Abend Klavier gespielt hatte. Das Lokal war noch geschlossen. Aber die Kassiererin im Café oben wusste etwas. Nachtigall wohnte in einem kleinen Hotel in der Leopoldstadt. Eine Viertelstunde später fuhr Fridolin dort vor. Es war ein elender Gasthof. Im Flur roch es nach ungelüfteten Betten, schlechtem Fett und Zichorienkaffee. Der Portier sah übel aus. Er hatte rot geränderte, schlaue Augen. Er war wohl immer darauf gefasst, von der Polizei befragt zu werden. Gern gab er Auskunft.

Herr Nachtigall war heute Morgen um fünf Uhr gekommen, erzählte er. Zwei Herren waren bei ihm gewesen. Die Herren hatten Halstücher hoch über das Gesicht gezogen. So konnte man sie kaum erkennen, vielleicht mit Absicht. Nachtigall war in sein Zimmer gegangen. In dieser Zeit hatten die Herren seine Rechnung für die letzten vier Wochen bezahlt. Nach einer halben Stunde war Nachtigall noch nicht zurückgekommen. Da hatte ihn der eine Herr selbst heruntergeholt. Dann waren alle drei zum Nordbahnhof gefahren. Nachtigall hatte sehr aufgeregt gewirkt. Ja, und warum sollte man einem so vertrauenswürdigen Herrn nicht die ganze Wahrheit sagen? Nachtigall hatte versucht, dem Portier heimlich einen Brief zu geben. Aber die beiden Herren hatten es sofort verhindert. Briefe für Herrn Nachtigall, so hatten die Herren noch erklärt, würden abgeholt werden. Das würde eine Person tun, die dazu die Erlaubnis hatte.

Fridolin verabschiedete sich. Als er aus dem Haustor trat, war er froh über die Arzttasche in seiner Hand. So würde man ihn wohl nicht für einen Gast dieses Hotels halten. Man würde eher denken, er sei ein Beamter. Mit Nachtigall konnte er also im Moment nichts machen. Die Leute waren sehr vorsichtig gewesen. Und sie hatten sicher allen Grund dazu.

Nun fuhr er zum Maskenverleih. Herr Gibiser öffnete selbst.

„Hier bringe ich das Kostüm zurück, das ich geliehen habe", sagte Fridolin. „Und ich möchte meine Schulden bezahlen."

Herr Gibiser nannte einen mäßigen Betrag und nahm das Geld. Er schrieb etwas in ein großes Geschäftsbuch. Dann sah er vom Schreibtisch auf. Er wunderte sich ein wenig, denn Fridolin machte keine Bewegung, um zu gehen.

„Ich bin außerdem hier", sagte Fridolin im Ton eines Untersuchungsrichters, „um mit Ihnen über Ihr Fräulein Tochter zu sprechen."

Irgendetwas zuckte um Herrn Gibisers Nase. War es Unbehagen, Spott oder Ärger? Man konnte es nicht genau sagen.

„Wie meinen der Herr?", fragte er. Auch sein Ton verriet nichts.

„Sie haben gestern gesagt, dass Ihr Fräulein Tochter geistig nicht ganz normal ist", sagte Fridolin. Dabei stützte er eine Hand mit gespreizten Fingern auf den Schreibtisch. „Die Situation, in der wir sie gefunden haben, ließ das tatsächlich vermuten. Der Zufall hat mich nun einmal zum Teilnehmer dieser seltsamen Szene gemacht. Oder wenigstens zum Zuschauer. Darum möchte ich Ihnen raten, Herr Gibiser, einen Arzt zu fragen."

Gibiser drehte einen unnatürlich langen Federhalter in der Hand hin und her. Er sah Fridolin frech von oben bis unten an.

„Und Herr Doktor wären vielleicht selbst so gütig, die Behandlung zu übernehmen?"

„Bitte legen Sie mir keine Worte in den Mund", antwortete Fridolin scharf, aber etwas heiser. „Das habe ich nicht gesagt."

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zu den inneren Räumen. Ein junger Herr trat heraus. Er trug einen offenen Mantel über dem Frack. Fridolin wusste sofort: Das war einer der Femrichter von heute Nacht. Kein Zweifel, er kam aus Pierrettes Zimmer. Als er Fridolin sah, schien er verlegen zu sein. Aber er fasste sich sofort. Er grüßte Gibiser kurz mit einer Handbewegung. Dann nahm er ein Feuerzeug vom Schreibtisch und zündete sich noch eine Zigarette an. Danach verließ er die Wohnung.

„Ach so", sagte Fridolin. Sein Mund zuckte verächtlich, und er hatte einen bitteren Geschmack auf der Zunge.

„Wie meinen der Herr?", fragte Gibiser vollkommen ruhig.

„Sie haben also darauf verzichtet, Herr Gibiser ...", sagte Fridolin. Dabei ließ er den Blick überlegen von der Wohnungstür zu der anderen Tür wandern. Aus dieser Tür war der Femrichter gekommen. „... verzichtet, die Polizei zu rufen."

„Man hat sich auf anderem Weg geeinigt, Herr Doktor", sagte Gibiser kühl. Er stand auf, als wäre ein offizielles Gespräch zu Ende.

Fridolin wandte sich zum Gehen. Gibiser öffnete ihm eifrig die Tür. Mit unbewegtem Gesicht sagte er: „Wenn der Herr Doktor wieder einmal etwas brauchen sollten ... Es muss ja nicht gerade ein Mönchsgewand sein."

Fridolin schlug die Tür hinter sich zu. Das wäre nun erledigt, dachte er. Er fühlte Ärger, und dieser Ärger schien ihm selbst übertrieben. Er eilte die Treppen hinunter. Dann ging er ohne besondere Eile zur Poliklinik. Dort telefonierte er zuerst nach Hause. Er wollte wissen, ob ein Patient nach ihm geschickt hatte. Ob Post gekommen war. Und was es sonst Neues gab. Das Dienstmädchen hatte kaum geantwortet, da kam Albertine selbst ans Telefon und begrüßte ihn. Sie wiederholte alles, was das Dienstmädchen schon gesagt hatte. Dann erzählte sie ganz unbefangen, dass sie gerade erst aufgestanden war. Sie wollte jetzt mit dem Kind zusammen frühstücken.

„Gib ihr einen Kuss von mir", sagte Fridolin, „und lasst es euch gut schmecken."

Ihre Stimme hatte ihm gutgetan. Und gerade darum legte er schnell auf. Eigentlich hatte er noch fragen wollen, was Albertine heute Vormittag vorhatte. Aber was ging ihn das an? Tief in seiner Seele war er doch fertig mit ihr. Das äußere Leben mochte weitergehen, wie es wollte. Die blonde Krankenschwester half ihm aus den Ärmeln seiner Jacke. Dann reichte sie ihm den weißen Arztkittel. Dabei lächelte sie ihn ein wenig an. So lächelten sie eben alle, ob man sich um sie kümmerte oder nicht.

Ein paar Minuten später war er im Krankensaal. Der Chefarzt hatte Nachricht geschickt. Er hatte wegen eines Konsiliums plötzlich verreisen müssen. Die Herren Assistenten sollten die Visite ohne ihn machen. Fridolin fühlte sich fast glücklich. Die Studenten folgten ihm, und er ging von Bett zu Bett. Er untersuchte, schrieb Rezepte und sprach mit den Hilfsärzten und Pflegerinnen über die Fälle. Es gab allerlei Neuigkeiten. Der Schlossergeselle Karl Rödel war in der Nacht gestorben. Die Sektion sollte am Nachmittag um halb fünf sein. Im Frauensaal war ein Bett frei geworden, aber es war schon wieder belegt. Die Frau von Bett siebzehn hatte man auf die chirurgische Abteilung bringen müssen. Zwischendurch sprach man auch über Personalfragen. Übermorgen sollte entschieden werden, wer die Augenabteilung neu leiten würde. Hügelmann hatte die besten Chancen. Er war jetzt Professor in Marburg. Vor vier Jahren war er noch zweiter Assistent bei Stellwag gewesen. Schnelle Karriere, dachte Fridolin. Ich werde nie eine Abteilung leiten dürfen, schon weil mir die Dozentur fehlt. Zu spät. Warum eigentlich? Man müsste eben wieder wissenschaftlich arbeiten. Oder man müsste manches Begonnene ernsthafter wieder aufnehmen. Die Privatpraxis ließ ihm immer noch Zeit genug.

Er bat Herrn Doktor Fuchstaler, die Ambulanz zu leiten. Dabei musste er sich gestehen: Er wäre lieber hiergeblieben, als auf den Galitzinberg zu fahren. Und doch, es musste sein. Er war nicht nur sich selbst gegenüber verpflichtet, der Sache weiter nachzugehen. Es gab heute auch noch allerlei anderes zu erledigen. Darum bat er Herrn Doktor Fuchstaler für alle Fälle, auch die Abendvisite zu übernehmen. Das junge Mädchen im letzten Bett lächelte ihm zu. Man vermutete bei ihr einen Spitzenkatarrh. Es war dieselbe, die neulich bei einer Untersuchung ihre Brust so vertrauensvoll an seine Wange gedrückt hatte. Fridolin erwiderte ihren Blick unfreundlich. Er runzelte die Stirn und wandte sich ab. Eine wie die andere, dachte er bitter. Und Albertine ist wie sie alle. Sie ist die Schlimmste von allen. Ich werde mich von ihr trennen. Es kann nie wieder gut werden.

Auf der Treppe sprach er noch kurz mit einem Kollegen von der chirurgischen Abteilung. Wie ging es eigentlich der Frau, die man in der Nacht hinübergebracht hatte? Er selbst glaubte nicht recht, dass eine Operation nötig war. Würde man ihm das Ergebnis der histologischen Untersuchung mitteilen?

„Selbstverständlich, Herr Kollega."

An der Ecke nahm er einen Wagen. Er sah in sein Notizbuch, als müsste er sich erst jetzt entscheiden. Das war eine lächerliche Komödie vor dem Kutscher. „Nach Ottakring", sagte er dann, „die Straße gegen den Galitzinberg. Ich werde Ihnen sagen, wo Sie halten sollen."

Im Wagen kam plötzlich wieder eine schmerzliche, sehnsüchtige Erregung über ihn. Er fühlte sich fast schuldig. In den letzten Stunden hatte er kaum noch an seine schöne Retterin gedacht. Würde er das Haus finden? Nun, das konnte nicht besonders schwer sein. Die Frage war nur: Was dann? Sollte er zur Polizei gehen? Das konnte schlimme Folgen haben, gerade für die Frau. Vielleicht hatte sie sich für ihn geopfert. Oder sie war wenigstens bereit dazu gewesen. Oder sollte er sich an einen Privatdetektiv wenden? Das fand er ziemlich geschmacklos und seiner nicht ganz würdig. Aber was blieb ihm sonst noch übrig? Er hatte weder die Zeit noch wahrscheinlich das Talent, selbst richtig nachzuforschen. Eine geheime Gesellschaft? Nun ja, geheim war sie jedenfalls. Aber untereinander kannten sie sich doch? Waren es Aristokraten, vielleicht sogar Herren vom Hof des Kaisers? Er dachte an gewisse Erzherzöge. Ihnen konnte man solche Scherze schon zutrauen. Und die Damen? Vermutlich ... aus Freudenhäusern zusammengeholt. Nun, das war keineswegs sicher. Jedenfalls war es ausgesuchte Ware. Aber die Frau, die sich für ihn geopfert hatte? Geopfert? Warum wollte er sich nur immer wieder einbilden, dass es wirklich ein Opfer gewesen war! Eine Komödie. Natürlich war das Ganze eine Komödie gewesen. Eigentlich sollte er froh sein, dass er so leicht davongekommen war. Nun ja, er hatte sich gut gehalten. Die Kavaliere hatten wohl gemerkt, dass er nicht irgendwer war. Und sie hatte es jedenfalls auch gemerkt. Wahrscheinlich gefiel er ihr besser als alle diese Erzherzöge, oder was sie sonst gewesen sein mochten.

Am Ende des Liebhartstals stieg der Weg steiler bergauf. Dort stieg er aus und schickte den Wagen zur Sicherheit wieder weg. Der Himmel war blassblau, mit kleinen weißen Wolken. Die Sonne schien warm wie im Frühling. Er sah zurück. Nichts Verdächtiges war zu sehen, kein Wagen, kein Fußgänger. Langsam stieg er bergauf. Der Mantel wurde ihm schwer. Er zog ihn aus und warf ihn um die Schultern. Er kam an die Stelle, wo rechts die Seitenstraße abbiegen musste. In dieser Straße stand das geheimnisvolle Haus. Er konnte sich nicht irren. Die Straße führte bergab, aber lange nicht so steil, wie es ihm nachts im Wagen vorgekommen war. Es war eine stille Gasse. In einem Vorgarten standen Rosenstöcke, sorgfältig in Stroh gewickelt. Im nächsten Garten stand ein kleiner Kinderwagen. Ein Junge, ganz in blaue Wolle gekleidet, tobte hin und her. Aus einem Fenster im Erdgeschoss sah eine junge Frau lachend zu. Dann kam ein leerer Platz ohne Haus, dann ein wilder Garten mit einem Zaun. Dann kam eine kleine Villa, dann eine Wiese. Und nun, kein Zweifel: Das hier war das Haus, das er suchte. Es sah gar nicht groß oder prächtig aus. Es war eine einstöckige Villa in einfachem Empirestil. Offenbar war sie vor nicht allzu langer Zeit renoviert worden. Die grünen Jalousien waren überall heruntergelassen. Nichts deutete darauf hin, dass jemand in der Villa wohnte. Fridolin sah sich um. Niemand war in der Gasse zu sehen. Nur weiter unten gingen zwei Jungen mit Büchern unter dem Arm davon.

Er stand vor der Gartentür. Und was nun? Einfach wieder zurückgehen? Das wäre ihm geradezu lächerlich vorgekommen. Er suchte nach der elektrischen Klingel. Und wenn man ihm aufmachte, was sollte er sagen? Nun, ganz einfach: Er könnte fragen, ob man das hübsche Landhaus für den Sommer mieten kann. Doch da öffnete sich das Haustor schon von selbst. Ein alter Diener in einfacher Morgenlivree kam heraus. Langsam ging er den schmalen Weg bis zur Gartentür. Er hielt einen Brief in der Hand. Stumm reichte er ihn Fridolin durch die Gitterstäbe. Fridolins Herz klopfte.

„Für mich?", fragte er stockend.

Der Diener nickte, drehte sich um und ging. Die Haustür fiel hinter ihm zu. Was bedeutet das?, fragte sich Fridolin. Ist der Brief vielleicht von ihr? Vielleicht gehört ihr sogar das Haus? Schnell ging er die Straße wieder hinauf. Erst jetzt merkte er, dass sein Name auf dem Umschlag stand. Die Schrift war steil und stolz wie die eines Herrschers. An der Ecke öffnete er den Brief. Er faltete ein Blatt auseinander und las:

„Geben Sie Ihre Nachforschungen auf, die völlig nutzlos sind, und betrachten Sie diese Worte als zweite Warnung. Wir hoffen in Ihrem Interesse, dass keine weitere nötig sein wird."

Er ließ das Blatt sinken.

Diese Nachricht enttäuschte ihn in jeder Hinsicht. Jedenfalls war es eine andere Nachricht, als er dummerweise für möglich gehalten hatte. Immerhin war der Ton erstaunlich zurückhaltend, ganz ohne Schärfe. Man konnte daran erkennen, dass die Absender sich gar nicht sicher fühlten.

Zweite Warnung? Wieso? Ach ja, in der Nacht hatte er die erste bekommen. Aber warum *zweite* und nicht letzte? Wollten sie seinen Mut noch einmal prüfen? Sollte er eine Prüfung bestehen? Und woher kannten sie seinen Namen? Nun, das war nicht weiter seltsam. Wahrscheinlich hatte man Nachtigall gezwungen, ihn zu verraten. Und außerdem – er lächelte unwillkürlich über seine eigene Zerstreutheit – war im Futter seines Pelzes sein Monogramm eingenäht. Auch seine genaue Adresse stand dort.

Er war zwar nicht weiter als vorher. Aber der Brief hatte ihn im Ganzen beruhigt. Er hätte selbst nicht genau sagen können, warum. Vor allem war er jetzt überzeugt, dass die Frau noch lebte. Er hatte um ihr Schicksal Angst gehabt. Und er glaubte, dass es nur an ihm lag, sie zu finden. Er musste nur vorsichtig und klug vorgehen.

Er kam etwas müde nach Hause, aber in einer seltsam erleichterten Stimmung. Zugleich fühlte er, dass diese Stimmung trügerisch war. Albertine und das Kind hatten schon zu Mittag gegessen. Aber sie leisteten ihm Gesellschaft, während er aß. Da saß sie ihm gegenüber, die Frau, die ihn heute Nacht ruhig ans Kreuz hatte schlagen lassen. Sie hatte einen Blick wie ein Engel und war ganz Hausfrau und Mutter. Und zu seiner Verwunderung fühlte er keinen Hass gegen sie. Es schmeckte ihm. Er war etwas aufgeregt, aber eigentlich in heiterer Laune. Wie immer erzählte er sehr lebhaft von den kleinen Erlebnissen des Tages in seinem Beruf. Vor allem sprach er über die Personalfragen unter den Ärzten. Darüber erzählte er Albertine immer alles genau. Er sagte, dass Hügelmanns Ernennung so gut wie sicher war. Und er sprach von seinem eigenen Plan, die wissenschaftliche Arbeit wieder mit mehr Energie aufzunehmen. Albertine kannte diese Stimmung. Sie wusste, dass sie meistens nicht lange anhielt. Ein leises Lächeln zeigte ihre Zweifel. Fridolin wurde eifrig. Da strich Albertine ihm mit sanfter Hand beruhigend über die Haare. Jetzt zuckte er leicht zusammen. Er wandte sich dem Kind zu, und so entzog er seine Stirn jeder weiteren unangenehmen Berührung. Er nahm die Kleine auf den Schoß. Gerade wollte er sie auf den Knien schaukeln, da meldete das Dienstmädchen, dass schon einige Patienten warteten. Fridolin stand auf, als wäre er befreit. Nebenbei sagte er noch, Albertine und das Kind sollten den schönen, sonnigen Nachmittag für einen Spaziergang nutzen. Dann ging er in sein Sprechzimmer.

In den nächsten zwei Stunden hatte Fridolin sechs alte und zwei neue Patienten. Bei jedem einzelnen Fall war er ganz bei der Sache. Er untersuchte, machte Notizen und verschrieb Medikamente. Und er freute sich, dass er sich so wunderbar frisch und klar im Kopf fühlte. Dabei hatte er in den letzten zwei Nächten fast nicht geschlafen.

Nach der Sprechstunde sah er noch einmal nach Frau und Kind, wie er es immer tat. Nicht ohne Zufriedenheit stellte er fest: Albertine hatte gerade Besuch von ihrer Mutter. Und die Kleine lernte mit dem Fräulein Französisch. Erst auf der Treppe wurde ihm wieder bewusst, dass all das nur Schein und Lüge war. All diese Ordnung, all diese Ruhe, all diese Sicherheit in seinem Leben.

Er hatte die Nachmittagsvisite abgesagt. Trotzdem zog es ihn unwiderstehlich auf die Abteilung. Dort lagen zwei Fälle, die für seine geplante wissenschaftliche Arbeit besonders wichtig waren. Er beschäftigte sich eine Weile mit ihnen, genauer als bisher. Dann musste er noch einen Kranken in der Innenstadt besuchen. So war es sieben Uhr abends, als er vor dem alten Haus in der Schreyvogelgasse stand. Er sah zu Mariannes Fenster hinauf. Erst jetzt wurde ihr Bild wieder lebendig. Es war inzwischen ganz verblasst gewesen. Jetzt aber war es lebendiger als das Bild aller anderen. Nun, hier konnte nichts schiefgehen. Hier konnte er ohne besondere Mühe mit seiner Rache beginnen. Hier gab es für ihn keine Schwierigkeit und keine Gefahr. Vielleicht wären andere vor dem Verrat an dem Bräutigam zurückgeschreckt. Für ihn aber war das fast ein Reiz mehr. Ja: verraten, betrügen, lügen, Komödie spielen, hier und dort. Vor Marianne, vor Albertine, vor diesem guten Doktor Roediger, vor der ganzen Welt. Eine Art Doppelleben führen. Er wollte zugleich der tüchtige, zuverlässige Arzt mit Zukunft sein, der brave Ehemann und Familienvater. Und zugleich wollte er ein Wüstling sein, ein Verführer, ein Zyniker. Einer, der mit den Menschen spielte, mit Männern und Frauen, gerade wie er Lust hatte. Das erschien ihm in diesem Augenblick als etwas ganz Köstliches. Und das Köstlichste daran war ein anderer Gedanke. Später einmal würde Albertine sich schon lange sicher fühlen, in einem ruhigen Ehe- und Familienleben. Dann wollte er ihr kühl lächelnd alle seine Sünden gestehen. So wollte er Vergeltung üben für das, was sie ihm im Traum angetan hatte. Es war bitter und beschämend für ihn gewesen.

Im Hausflur stand er plötzlich Doktor Roediger gegenüber. Roediger reichte ihm harmlos und herzlich die Hand.

„Wie geht es Fräulein Marianne?", fragte Fridolin. „Hat sie sich ein wenig beruhigt?"

Doktor Roediger zuckte mit den Schultern. „Sie war lange genug auf das Ende vorbereitet, Herr Doktor. Nur als man heute gegen Mittag die Leiche geholt hat ..."

„Ah, ist das schon geschehen?"

Doktor Roediger nickte. „Morgen Nachmittag um drei Uhr ist das Begräbnis ..."

Fridolin sah vor sich hin. „Sind wohl ... die Verwandten bei Fräulein Marianne?"

„Nicht mehr", antwortete Doktor Roediger. „Jetzt ist sie allein. Es wird sie sicher freuen, Sie noch zu sehen, Herr Doktor. Morgen bringen wir sie nämlich nach Mödling, meine Mutter und ich."

Fridolin sah ihn höflich fragend an.

„Meine Eltern haben dort nämlich ein kleines Häuschen", erklärte Doktor Roediger. „Auf Wiedersehen, Herr Doktor. Ich habe noch allerlei zu erledigen. Ja, was so ein ... Fall alles an Arbeit macht! Ich hoffe, ich treffe Sie noch oben an, wenn ich zurückkomme, Herr Doktor." Und schon trat er aus dem Haustor auf die Straße.

Fridolin zögerte einen Augenblick. Dann stieg er langsam die Treppe hinauf. Er klingelte, und Marianne selbst öffnete ihm. Sie war schwarz gekleidet. Um den Hals trug sie eine schwarze Jettkette, die er noch nie an ihr gesehen hatte. Ihr Gesicht wurde leicht rot.

„Sie lassen mich lange warten", sagte sie mit einem schwachen Lächeln.

„Verzeihen Sie, Fräulein Marianne. Ich hatte heute einen besonders anstrengenden Tag."

Er folgte ihr durch das Sterbezimmer, in dem das Bett jetzt leer stand. Sie gingen in den Nebenraum. Dort hatte er gestern unter dem Bild mit dem Offizier in weißer Uniform den Totenschein für den Hofrat geschrieben. Auf dem Schreibtisch brannte schon eine kleine Lampe. Darum war im Zimmer ein Dämmerlicht. Marianne bot ihm einen Platz auf dem schwarzen Lederdiwan an. Sie selbst setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch.

„Eben habe ich im Hausflur Herrn Doktor Roediger getroffen. Sie fahren also schon morgen aufs Land?"

Marianne sah ihn an, als wunderte sie sich über den kühlen Ton seiner Fragen. Er sprach mit fast harter Stimme weiter: „Ich finde das sehr vernünftig." Da sanken ihre Schultern herab. Und er erklärte ganz sachlich, wie gut ihr die frische Luft und die neue Umgebung tun würden.

Sie saß unbeweglich da, und Tränen liefen ihr über die Wangen. Er sah es ohne Mitgefühl, eher mit Ungeduld. Vielleicht würde sie in der nächsten Minute wieder zu seinen Füßen liegen. Vielleicht würde sie ihr Geständnis von gestern wiederholen. Diese Vorstellung machte ihm Angst. Und da sie schwieg, stand er plötzlich auf.

„So leid es mir tut, Fräulein Marianne ..." Er sah auf die Uhr.

Sie hob den Kopf und sah Fridolin an. Ihre Tränen flossen weiter. Er hätte ihr gern irgendein gutes Wort gesagt. Aber er konnte es nicht.

„Sie bleiben wohl einige Tage auf dem Land", begann er gezwungen. „Ich hoffe, Sie geben mir Nachricht ... Herr Doktor Roediger hat mir übrigens gesagt, dass die Hochzeit bald sein wird. Erlauben Sie mir, Ihnen schon heute zu gratulieren."

Sie rührte sich nicht. Es war, als hätte sie seinen Glückwunsch und seinen Abschied gar nicht bemerkt. Er streckte ihr die Hand entgegen, aber sie nahm sie nicht. Fast vorwurfsvoll wiederholte er: „Also, ich hoffe sehr, Sie geben mir Nachricht, wie es Ihnen geht. Auf Wiedersehen, Fräulein Marianne."

Sie saß da wie aus Stein. Er ging. Eine Sekunde lang blieb er in der Tür stehen. Es war, als gäbe er ihr noch eine letzte Chance, ihn zurückzurufen. Aber sie schien den Kopf eher wegzudrehen. Nun schloss er die Tür hinter sich. Draußen auf dem Gang fühlte er so etwas wie Reue. Einen Augenblick lang dachte er daran, umzukehren. Aber er fühlte, dass das vor allem sehr lächerlich gewesen wäre.

Aber was nun? Nach Hause? Wohin sonst! Heute konnte er ja doch nichts mehr tun. Und morgen? Was? Und wie? Er fühlte sich ungeschickt und hilflos. Alles zerfloss ihm unter den Händen. Alles wurde unwirklich: sein Zuhause, seine Frau, sein Kind, sein Beruf, ja er selbst. So ging er mechanisch durch die abendlichen Straßen weiter, und seine Gedanken wanderten.

Die Uhr am Rathausturm schlug halb acht. Es war übrigens egal, wie spät es war. Die Zeit lag ganz überflüssig vor ihm. Nichts und niemand ging ihn etwas an. Er hatte ein leises Mitleid mit sich selbst. Ganz kurz kam ihm ein Einfall, aber es war kein richtiger Plan. Er könnte zu irgendeinem Bahnhof fahren und abreisen, egal wohin. Er könnte für alle Leute verschwinden, die ihn kannten. Er könnte irgendwo in der Fremde wieder auftauchen. Und dort könnte er ein neues Leben beginnen, als ein anderer, neuer Mensch. Er erinnerte sich an gewisse seltsame Krankheitsfälle. Er kannte sie aus Büchern über Psychiatrie. Man nannte sie „Doppelexistenzen". Ein Mensch verschwand plötzlich aus ganz geordneten Verhältnissen. Niemand wusste, wo er war. Nach Monaten oder Jahren kam er wieder zurück. Er wusste selbst nicht mehr, wo er in dieser Zeit gewesen war. Aber später erkannte ihn irgendjemand. Dieser Jemand hatte ihn irgendwo in einem fernen Land getroffen. Und der Heimgekehrte wusste gar nichts davon. Solche Dinge kamen natürlich selten vor. Aber immerhin, man hatte sie bewiesen. Und in schwächerer Form erlebte sie wohl so mancher. Zum Beispiel, wenn man aus Träumen zurückkehrte? Natürlich erinnerte man sich ... Aber sicher gab es auch Träume, die man völlig vergaß. Von ihnen blieb nur irgendeine rätselhafte Stimmung übrig, eine geheimnisvolle Benommenheit. Oder man erinnerte sich erst später, viel später. Und dann wusste man nicht mehr, ob man etwas erlebt oder nur geträumt hatte. Nur – nur – –!

Er ging weiter, und ohne es zu wollen, nahm er dabei die Richtung zu seiner Wohnung. So kam er in die Nähe der dunklen, ziemlich verrufenen Gasse. Vor weniger als vierundzwanzig Stunden war er hier einem „verlorenen Geschöpf“ gefolgt. Sie hatte ihn in ihre arme und doch gemütliche Wohnung mitgenommen. *Verloren*, gerade sie? Und gerade diese Gasse sollte *verrufen* sein? Immer wieder lässt man sich von Worten verführen, dachte er. Aus träger Gewohnheit gibt man Straßen, Schicksalen und Menschen einen Namen und ein Urteil. Seltsame Zufälle hatten ihn in der letzten Nacht mit vielen Menschen zusammengebracht. War dieses junge Mädchen nicht von allen die lieblichste gewesen, ja sogar die reinste? Er fühlte sich gerührt, als er an sie dachte.

Nun erinnerte er sich auch an seinen Plan von gestern. Schnell entschlossen kaufte er im nächsten Laden allerlei zu essen. Mit dem kleinen Päckchen ging er an den Hausmauern entlang. Dabei fühlte er sich richtig froh. Er tat ja etwas Vernünftiges, vielleicht sogar etwas Gutes. Trotzdem schlug er den Kragen hoch, als er in den Hausflur trat. Auf der Treppe nahm er mehrere Stufen auf einmal. Die Glocke an der Wohnungstür klang ihm unangenehm schrill im Ohr. Eine Frau, die übel aussah, öffnete. Sie sagte ihm, dass das Fräulein Mizzi nicht zu Hause sei. Da atmete er auf.

Doch bevor die Frau das Päckchen für Mizzi nehmen konnte, kam eine andere Frau in den Vorraum. Sie war noch jung und nicht unhübsch und trug eine Art Bademantel.

„Wen sucht der Herr?“, fragte sie. „Die Fräuln Mizzi? Die wird so bald nicht z’ Haus kommen.“

Die Alte gab ihr ein Zeichen, sie solle schweigen. Aber Fridolin hatte schon etwas geahnt, und nun wollte er es unbedingt bestätigt hören.

„Sie ist im Spital, nicht wahr?“, sagte er einfach.

„Na, wenn’s der Herr eh weiß“, rief die Junge fröhlich. „Aber mir sein g’sund, Gott sei Dank.“

Sie trat ganz nahe an Fridolin heran, mit halb offenen Lippen. Frech warf sie ihren üppigen Körper zurück, sodass der Bademantel aufging.

„Ich bin nur im Vorbeigehen heraufgekommen, um der Mizzi was zu bringen“, sagte Fridolin abweisend. Plötzlich kam er sich vor wie ein Schüler vom Gymnasium. Dann fragte er in einem neuen, sachlichen Ton: „Auf welcher Abteilung liegt sie denn?“

Die Junge nannte ihm den Namen eines Professors. Auf dessen Klinik war Fridolin vor einigen Jahren Sekundararzt gewesen.

Dann sagte sie freundlich: „Geben S’ es her, die Packerln, ich bring ihr’s morgen. Sie können sich drauf verlassen, dass ich nichts wegnasch’. Und grüßen werd’ ich sie auch von Ihnen. Ich sag’ ihr, Sie sind ihr nicht untreu worden.“

Gleichzeitig trat sie näher an ihn heran und lachte ihn an. Doch als er ein wenig zurückwich, gab sie es sofort auf.

„In sechs, spätestens acht Wochen, hat der Doktor g’sagt, is sie wieder z’ Haus“, sagte sie tröstend.

Als Fridolin aus dem Haustor auf die Straße trat, spürte er Tränen in der Kehle. Aber er wusste, dass es nicht so sehr Rührung war. Es waren eher seine Nerven, die langsam nicht mehr mitmachten. Absichtlich ging er schneller und lebhafter, als es zu seiner Stimmung passte. Sollte dieses Erlebnis ein weiteres Zeichen sein, ein letztes? Ein Zeichen, dass ihm alles misslingen musste? Warum? Er war einer so großen Gefahr entgangen. Das konnte auch ein gutes Zeichen sein. Aber kam es denn gerade darauf an, Gefahren zu entgehen? Andere Gefahren warteten wohl noch auf ihn.

Er dachte gar nicht daran, die Suche nach der wunderbaren Frau von heute Nacht aufzugeben. Jetzt war allerdings keine Zeit mehr dafür. Außerdem musste er genau überlegen, wie er die Suche fortsetzen sollte. Wenn man nur jemanden hätte, mit dem man sich beraten könnte! Aber er kannte niemanden, dem er gern von den Abenteuern der letzten Nacht erzählt hätte. Seit Jahren war er mit keinem Menschen wirklich vertraut, nur mit seiner Frau. Und mit ihr konnte er sich in diesem Fall kaum beraten. In diesem Fall nicht und auch in keinem anderen. Denn wie man es auch sah: Heute Nacht hatte sie ihn ans Kreuz schlagen lassen.

Und nun wusste er, warum seine Schritte ihn nicht nach Hause führten, sondern immer weiter in die andere Richtung. Er wollte und konnte Albertine jetzt nicht gegenübertreten. Am vernünftigsten war es, irgendwo auswärts zu Abend zu essen. Dann wollte er auf der Abteilung nach seinen zwei Fällen sehen. Und auf keinen Fall wollte er daheim sein – „daheim!“ –, bevor er sicher sein konnte, dass Albertine schon schlief.

Er ging in ein Café in der Nähe des Rathauses. Es war eines der vornehmeren und stilleren. Von dort telefonierte er nach Hause, dass man ihn zum Abendessen nicht erwarten solle. Er legte schnell auf, damit nicht etwa Albertine noch ans Telefon kam. Dann setzte er sich an ein Fenster und zog den Vorhang zu.

In einer entfernten Ecke setzte sich gerade ein Herr hin. Er trug einen dunklen Überzieher und war auch sonst ganz unauffällig gekleidet. Fridolin erinnerte sich, dass er dieses Gesicht heute schon irgendwo gesehen hatte. Das konnte natürlich auch Zufall sein.

Er nahm eine Abendzeitung und las hier und dort ein paar Zeilen, so wie gestern Nacht in einem anderen Kaffeehaus. Es gab Berichte über Politik, Theater, Kunst und Literatur. Es gab Berichte über kleine und große Unglücksfälle aller Art. In einer Stadt in Amerika war ein Theater abgebrannt. Von dieser Stadt hatte er noch nie gehört. Der Rauchfangkehrermeister Peter Korand hatte sich aus dem Fenster gestürzt. Fridolin fand es irgendwie seltsam, dass auch Rauchfangkehrer sich manchmal das Leben nahmen. Unwillkürlich fragte er sich: Hat sich der Mann vorher ordentlich gewaschen? Oder ist er schwarz, wie er war, ins Nichts gesprungen?

Dann las er: In einem vornehmen Hotel der Innenstadt hatte sich heute früh eine Frau vergiftet. Es war eine Dame, die vor wenigen Tagen unter dem Namen Baronin D. dort angekommen war. Eine auffallend hübsche Dame. Sofort hatte Fridolin eine dunkle Ahnung. Die Dame war morgens um vier Uhr nach Hause gekommen. Zwei Herren hatten sie begleitet und sich am Tor von ihr verabschiedet. Vier Uhr. Genau zu dieser Stunde war auch er nach Hause gekommen. Gegen Mittag hatte man sie bewusstlos im Bett gefunden, so hieß es weiter. Sie zeigte die Zeichen einer schweren Vergiftung …

Eine auffallend hübsche junge Dame … Nun, es gab viele auffallend hübsche junge Damen … Es gab keinen Grund zu glauben, dass die beiden dieselbe Person waren. Die Baronin D., besser gesagt die Dame, die sich im Hotel so genannt hatte. Und eine gewisse andere Frau. Und doch klopfte ihm das Herz, und die Zeitung zitterte in seiner Hand. In einem vornehmen Hotel der Stadt … in welchem? Warum so geheimnisvoll? Warum so diskret? …

Er ließ die Zeitung sinken. Im selben Moment sah er, wie der Herr in der fernen Ecke eine Zeitung vor sein Gesicht schob. Es war eine große Zeitung mit Bildern, und er hielt sie wie einen Vorhang. Sofort nahm auch Fridolin seine Zeitung wieder hoch. In diesem Augenblick wusste er: Die Baronin D. konnte niemand anders sein als die Frau von heute Nacht … In einem vornehmen Hotel der Stadt … Für eine Baronin D. kamen nicht so viele Hotels in Frage … Und nun mochte geschehen, was wollte: Dieser Spur musste er folgen. Er rief den Kellner, zahlte und ging. An der Tür drehte er sich noch einmal nach dem verdächtigen Herrn in der Ecke um. Aber der war seltsamerweise schon verschwunden …

Schwere Vergiftung … Aber sie lebte … Als man sie gefunden hatte, lebte sie noch. Und eigentlich gab es keinen Grund zu glauben, dass man sie nicht gerettet hatte. Jedenfalls würde er sie finden, ob sie nun lebte oder tot war. Und er würde sie sehen, auf jeden Fall, tot oder lebendig. Kein Mensch auf der Welt konnte ihn daran hindern. Er wollte die Frau sehen, die seinetwegen in den Tod gegangen war, ja, die für *ihn* gestorben war. Er war schuld an ihrem Tod, er allein – wenn sie es war. Ja, sie war es. Um vier Uhr morgens war sie nach Hause gekommen, in Begleitung von zwei Herren! Wahrscheinlich waren es dieselben, die ein paar Stunden später Nachtigall zur Bahn gebracht hatten. Diese Herren hatten wohl kein besonders reines Gewissen.

Er stand auf dem großen, weiten Platz vor dem Rathaus und schaute nach allen Seiten. Nur wenige Menschen waren zu sehen. Der verdächtige Herr aus dem Kaffeehaus war nicht unter ihnen. Und selbst wenn – die Herren hatten Angst, und er war der Stärkere.

Fridolin eilte weiter. Auf dem Ring nahm er einen Wagen und ließ sich zuerst zum Hotel Bristol fahren. Dort fragte er den Portier, als hätte er das Recht dazu oder einen Auftrag. Er wollte wissen, ob die Frau Baronin D. hier im Hotel gewohnt habe. Sie habe sich ja heute Morgen vergiftet, wie man wisse. Der Portier schien nicht besonders erstaunt. Vielleicht hielt er Fridolin für einen Herrn von der Polizei oder für einen anderen Beamten. Jedenfalls antwortete er höflich: Der traurige Fall sei nicht hier passiert, sondern im Hotel Erzherzog Karl …

Fridolin fuhr sofort in dieses Hotel. Dort sagte man ihm, die Baronin D. sei gleich nach dem Auffinden ins Allgemeine Krankenhaus gebracht worden. Fridolin fragte, wie man den Selbstmordversuch entdeckt habe. Die Dame war doch erst um vier Uhr früh nach Hause gekommen. Warum hatte man sich schon zu Mittag um sie gekümmert? Nun, das war ganz einfach. Zwei Herren – also wieder zwei Herren! – hatten am Vormittag um elf Uhr nach ihr gefragt. Man hatte sie mehrmals am Telefon angerufen, aber sie hatte sich nicht gemeldet. Darum hatte das Stubenmädchen an die Tür geklopft. Auch darauf hatte sich nichts gerührt, und die Tür war von innen verriegelt. Da blieb nichts anderes übrig, als sie aufzubrechen. So hatte man die Baronin bewusstlos im Bett gefunden. Man hatte sofort die Rettungsgesellschaft und die Polizei gerufen.

„Und die zwei Herren?“, fragte Fridolin scharf. Er kam sich selbst vor wie ein Geheimpolizist.

Ja, die Herren, das machte einen freilich nachdenklich. Sie waren inzwischen spurlos verschwunden. Übrigens war die Dame sicher keine echte Baronin Dubieski. Unter diesem Namen hatte sie sich im Hotel angemeldet. Sie war zum ersten Mal in diesem Hotel. Und eine Familie mit diesem Namen gab es überhaupt nicht, jedenfalls keine adelige.

Fridolin dankte für die Auskunft und ging ziemlich schnell weg. Einer der Hoteldirektoren war gerade dazugekommen. Er begann, Fridolin mit unangenehmer Neugier zu betrachten. Fridolin stieg wieder in den Wagen und ließ sich zum Krankenhaus fahren. Wenige Minuten später war er in der Aufnahmekanzlei. Dort erfuhr er, dass man die angebliche Baronin Dubieski in die zweite interne Klinik gebracht hatte. Und er erfuhr auch, dass sie am Nachmittag um fünf Uhr gestorben war. Die Ärzte hatten alles versucht, aber sie war nicht mehr zu Bewusstsein gekommen.

Fridolin holte tief Luft, so glaubte er. Aber in Wirklichkeit war es ein schwerer Seufzer gewesen. Der Beamte im Dienst sah etwas verwundert zu ihm auf. Fridolin fasste sich gleich wieder, verabschiedete sich höflich und stand in der nächsten Minute im Freien. Der Garten des Krankenhauses war fast leer. In einer Allee in der Nähe ging gerade eine Wärterin unter einer Laterne vorbei. Sie trug einen blau-weiß gestreiften Kittel und ein weißes Häubchen.

„Tot“, sagte Fridolin leise zu sich selbst. – Wenn sie es ist. Und wenn sie es nicht ist? Wenn sie noch lebt, wie kann ich sie finden?

Wo die Leiche der Unbekannten jetzt lag, das wusste er leicht. Sie war erst vor wenigen Stunden gestorben. Also lag sie bestimmt in der Totenkammer, nur ein paar hundert Schritte von hier. Als Arzt konnte er auch zu dieser späten Stunde ohne Schwierigkeiten hinein. Doch was wollte er dort? Er kannte ja nur ihren Körper. Ihr Gesicht hatte er nie gesehen. Er hatte nur einen kurzen Schimmer davon erhascht, in der Sekunde, als er den Tanzsaal verlassen hatte. Oder besser gesagt: als man ihn aus dem Saal gejagt hatte.

Bis jetzt hatte er daran gar nicht gedacht. Das hatte einen Grund. Seit er die Nachricht in der Zeitung gelesen hatte, hatte er sich die Selbstmörderin immer mit Albertines Gesicht vorgestellt. Ja, erst jetzt erkannte er es mit Schaudern: Die ganze Zeit hatte er seine Frau als die Frau vor Augen gehabt, die er suchte.

Und noch einmal fragte er sich, was er eigentlich in der Totenkammer wollte. Ja, wenn er sie lebend gefunden hätte! Heute, morgen oder in Jahren, wann, wo und wie auch immer. Er war überzeugt, dass er sie dann ganz sicher erkannt hätte. An ihrem Gang, an ihrer Haltung, vor allem an ihrer Stimme. Nun aber würde er nur den Körper wiedersehen, den Körper einer toten Frau. Und ein Gesicht, von dem er nur die Augen kannte. Augen, die nun gebrochen waren. Ja, diese Augen kannte er. Und er kannte die Haare. Im letzten Augenblick, bevor man ihn aus dem Saal gejagt hatte, hatten sie sich plötzlich gelöst. Sie hatten die nackte Gestalt bedeckt. Würde das genügen, um ganz sicher zu wissen, ob sie es war oder nicht?

Mit langsamen, zögernden Schritten ging er durch die bekannten Höfe zum Pathologisch-anatomischen Institut. Das Tor war nicht verschlossen, sodass er nicht klingeln musste. Er ging durch den schwach beleuchteten Gang, und der Steinboden hallte unter seinen Schritten. Ein vertrauter Geruch umgab ihn, der Geruch von allerlei Chemikalien. Er war fast wie ein Geruch von zu Hause. Er war stärker als der eigene Geruch dieses Gebäudes. Fridolin klopfte an die Tür des histologischen Labors. Dort arbeitete wohl noch ein Assistent. Jemand rief ein etwas unfreundliches „Herein“. Fridolin trat in den hohen Raum, der fast festlich hell beleuchtet war. In der Mitte saß sein alter Studienkollege, Doktor Adler, der Assistent des Instituts. Fridolin hatte ihn fast erwartet. Adler nahm gerade das Auge vom Mikroskop und stand von seinem Stuhl auf.

„Oh, lieber Kollege“, begrüßte ihn Doktor Adler. Er klang immer noch etwas unwillig, aber auch verwundert. „Womit habe ich die Ehre, zu so ungewöhnlicher Stunde?“

„Entschuldige die Störung“, sagte Fridolin. „Du bist gerade mitten in der Arbeit.“

„Allerdings“, antwortete Adler in dem scharfen Ton, den er noch aus seiner Zeit in der Studentenverbindung hatte. Dann fügte er leichter hinzu: „Was sollte man in diesen heiligen Hallen um Mitternacht sonst tun? Aber du störst mich natürlich nicht im Geringsten. Womit kann ich dir helfen?“

Fridolin antwortete nicht gleich. Da sagte Adler: „Der Addison, den ihr uns heute heruntergeschickt habt, liegt noch ganz unberührt da drüben. Die Sektion ist morgen früh um acht Uhr dreißig.“

Fridolin machte eine Bewegung, die Nein bedeutete.

„Ah so – der Pleuratumor!“, sagte Adler. „Nun, die histologische Untersuchung hat ganz sicher ein Sarkom ergeben. Darüber müsst ihr euch also auch keine grauen Haare wachsen lassen.“

Fridolin schüttelte wieder den Kopf. „Es geht um keine – dienstliche Sache.“

„Na, umso besser“, sagte Adler. „Ich hab’ schon geglaubt, das schlechte Gewissen treibt dich mitten in der Nacht hier herunter.“

„Mit schlechtem Gewissen hat es schon eher zu tun“, antwortete Fridolin. „Oder wenigstens mit dem Gewissen überhaupt.“

„Oh!“

„Kurz und gut“, sagte Fridolin. Er bemühte sich um einen harmlosen, trockenen Ton. „Ich möchte gern etwas über eine Frau erfahren. Sie ist heute Abend auf der zweiten Klinik an einer Morphiumvergiftung gestorben. Jetzt liegt sie wohl hier unten. Eine gewisse Baronin Dubieski.“ Schneller sprach er weiter: „Ich vermute nämlich, dass ich diese angebliche Baronin Dubieski vor Jahren flüchtig gekannt habe. Und es würde mich interessieren, ob meine Vermutung stimmt.“

„Suicidium?“, fragte Adler.

Fridolin nickte. „Ja. Selbstmord“, übersetzte er. Es war, als wollte er der Sache damit wieder etwas Privates geben.

Adler zeigte mit lustig ausgestrecktem Zeigefinger auf Fridolin. „Unglückliche Liebe zu Euer Hochwohlgeboren?“

Fridolin verneinte etwas ärgerlich. „Der Selbstmord dieser Baronin Dubieski hat mit mir nicht das Geringste zu tun.“

„Bitte, bitte, ich will nicht indiskret sein“, sagte Adler. „Wir können ja gleich nachsehen. Soviel ich weiß, ist heute Abend keine Anfrage von der Gerichtsmedizin gekommen. Also jedenfalls –“

Gerichtliche Obduktion!, schoss es Fridolin durch den Kopf. Das konnte vielleicht noch kommen. Wer weiß, ob ihr Selbstmord überhaupt freiwillig war? Er dachte wieder an die zwei Herren. Sie waren so plötzlich aus dem Hotel verschwunden, als sie von dem Selbstmordversuch gehört hatten. Vielleicht wurde aus der Sache noch ein großer Kriminalfall. Und würde man ihn, Fridolin, dann als Zeugen vorladen? Ja, musste er sich nicht eigentlich freiwillig beim Gericht melden?

Er folgte Doktor Adler über den Gang zu der Tür gegenüber. Sie stand halb offen. Der kahle, hohe Raum war nur schwach beleuchtet. Das Licht kam von einem Gasleuchter mit zwei Armen. Seine zwei offenen Flammen waren etwas kleiner gedreht. Im Raum standen zwölf oder vierzehn Leichentische, aber nur auf wenigen lagen Tote. Einige Körper lagen nackt da, über die anderen waren Leinentücher gebreitet.

Fridolin trat zum ersten Tisch gleich an der Tür. Vorsichtig zog er das Tuch vom Kopf der Leiche weg. Plötzlich fiel ein greller Lichtschein darauf, von Doktor Adlers elektrischer Taschenlampe. Fridolin sah ein gelbes Männergesicht mit grauem Bart. Gleich deckte er es wieder mit dem Tuch zu. Auf dem nächsten Tisch lag der magere, nackte Körper eines jungen Mannes.

Doktor Adler stand bei einem anderen Tisch und sagte: „Eine zwischen sechzig und siebzig, die wird’s also wohl auch nicht sein.“

Aber Fridolin ging, wie plötzlich angezogen, ans Ende des Saals. Von dort leuchtete ihm blass der Körper einer Frau entgegen. Der Kopf war zur Seite gesunken. Lange, dunkle Haarsträhnen fielen fast bis zum Boden herab. Ohne nachzudenken, streckte Fridolin die Hand aus, um den Kopf gerade zu legen. Doch dann zögerte er. Er fühlte eine Scheu, die ihm als Arzt sonst fremd war.

Doktor Adler war herangetreten. Er zeigte hinter sich und sagte: „Die anderen kommen alle nicht in Frage. Also die?“

Er leuchtete mit der Lampe auf den Kopf der Frau. Fridolin hatte seine Scheu überwunden. Er hatte den Kopf mit beiden Händen gefasst und ein wenig angehoben. Ein weißes Gesicht mit halb geschlossenen Augenlidern starrte ihm entgegen. Der Unterkiefer hing schlaff herab. Die schmale, hochgezogene Oberlippe ließ das bläuliche Zahnfleisch und eine Reihe weißer Zähne sehen. War dieses Gesicht einmal schön gewesen, vielleicht noch gestern? Fridolin hätte es nicht sagen können. Es war ein ganz nichtiges, leeres Gesicht, ein totes Gesicht. Es konnte einer Achtzehnjährigen gehören, aber genauso gut einer Achtunddreißigjährigen.

„Ist sie’s?“, fragte Doktor Adler.

Fridolin beugte sich unwillkürlich tiefer hinunter. Es war, als könnte sein bohrender Blick dem starren Gesicht eine Antwort entreißen. Und doch wusste er gleichzeitig: Selbst wenn es wirklich ihr Gesicht war, er würde es nicht wissen. Selbst wenn es ihre Augen waren, dieselben Augen, die gestern so heiß und lebendig in seine geleuchtet hatten. Er könnte es nicht wissen. Und am Ende wollte er es vielleicht gar nicht wissen.

Sanft legte er den Kopf wieder auf die Platte. Dann ließ er seinen Blick über den toten Körper wandern. Der wandernde Schein der Taschenlampe führte ihn. War das ihr Körper? Der wunderbare, blühende Körper, nach dem er sich gestern noch so qualvoll gesehnt hatte? Er sah einen gelblichen, faltigen Hals. Er sah zwei kleine, schon etwas schlaffe Brüste. Dazwischen zeichnete sich das Brustbein grausam deutlich unter der bleichen Haut ab. Es war, als hätte die Verwesung schon begonnen. Er sah die Rundung des matt braunen Bauches. Er sah einen dunklen Schatten, der nun kein Geheimnis und keinen Sinn mehr hatte. Er sah die schön geformten Schenkel, die gleichgültig ein wenig offen lagen. Er sah die Knie, die leicht nach außen gedreht waren, und die scharfen Kanten der Schienbeine. Er sah die schlanken Füße mit den nach innen gekrümmten Zehen. Das alles versank schnell wieder im Dunkel. Denn der Lichtkegel der Lampe lief nun viel schneller den Weg zurück. Endlich blieb er leicht zitternd auf dem bleichen Gesicht stehen.

Wie von einer unsichtbaren Macht gezwungen und geführt, berührte Fridolin die tote Frau mit beiden Händen. Er berührte die Stirn, die Wangen, die Schultern und die Arme. Dann schlang er seine Finger in ihre Finger, wie zu einem Liebesspiel. Ihre Finger waren starr. Und doch schien es ihm, als wollten sie sich bewegen und seine Finger festhalten. Ja, es kam ihm vor, als suchte unter den halb geschlossenen Lidern ein ferner, farbloser Blick nach seinem Blick. Und wie von einem Zauber angezogen beugte er sich hinunter.

Da flüsterte plötzlich jemand hinter ihm: „Aber was machst du denn?“

Mit einem Schlag kam Fridolin wieder zu sich. Er löste seine Finger aus den Fingern der Toten. Er fasste ihre schmalen Handgelenke und legte die eiskalten Arme sorgfältig neben den Körper. Er tat es sehr genau, fast pedantisch. Und es war ihm, als sei diese Frau erst jetzt gestorben, erst in diesem Augenblick. Dann wandte er sich ab und ging zur Tür. Er ging über den hallenden Gang zurück in das Labor, aus dem sie vorher gekommen waren. Doktor Adler folgte ihm schweigend und schloss hinter ihnen ab.

Fridolin trat ans Waschbecken. „Du erlaubst“, sagte er. Gründlich wusch er sich die Hände mit Lysol und Seife.

Doktor Adler schien inzwischen einfach mit seiner Arbeit weitermachen zu wollen. Er schaltete das Licht am Mikroskop wieder ein. Er drehte an der kleinen Schraube und schaute ins Mikroskop. Fridolin kam zu ihm, um sich zu verabschieden. Doch Adler war ganz in seine Arbeit vertieft.

„Willst du dir das Präparat einmal anschauen?“, fragte er.

„Warum?“, fragte Fridolin abwesend.

„Nun, zur Beruhigung deines Gewissens“, antwortete Doktor Adler. Es klang, als glaubte er doch, dass Fridolin nur aus medizinischen Gründen gekommen war.

Fridolin schaute ins Mikroskop.

„Kennst du dich aus?“, fragte Adler. „Es ist nämlich eine ziemlich neue Methode zum Färben.“

Fridolin nickte, ohne das Auge vom Glas zu nehmen. „Wirklich ideal“, sagte er. „Ein Bild voller Farben, könnte man sagen.“

Und er fragte nach verschiedenen Einzelheiten der neuen Technik. Doktor Adler erklärte ihm alles, was er wissen wollte. Fridolin sagte, die neue Methode würde ihm wohl bei einer Arbeit helfen. Diese Arbeit plane er für die nächste Zeit. Er bat um die Erlaubnis, morgen oder übermorgen wiederzukommen. Dann wollte er sich noch mehr erklären lassen.

„Immer gern zu Diensten“, sagte Doktor Adler. Er begleitete Fridolin über die hallenden Steinfliesen bis zum Tor. Das Tor war inzwischen verschlossen worden. Adler sperrte es mit seinem eigenen Schlüssel auf.

„Du bleibst noch?“, fragte Fridolin.

„Aber natürlich“, antwortete Doktor Adler. „Das sind ja die allerschönsten Arbeitsstunden, so von Mitternacht bis zum Morgen. Da ist man wenigstens ziemlich sicher vor Störungen.“

„Na“, sagte Fridolin mit einem leisen Lächeln, das fast schuldbewusst war.

Doktor Adler legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. Dann fragte er etwas zurückhaltend: „Also – war sie’s?“

Fridolin zögerte einen Augenblick. Dann nickte er, ohne ein Wort zu sagen. Er merkte kaum, dass dieses Ja vielleicht eine Lüge war. Denn er wusste nicht, wer die Frau dort drinnen in der Totenkammer war. Vielleicht war sie dieselbe, die er vor vierundzwanzig Stunden nackt in den Armen gehalten hatte. Damals hatte Nachtigall dazu wild Klavier gespielt. Vielleicht war diese Tote aber auch irgendeine andere, eine ganz Fremde, die er nie zuvor getroffen hatte. Doch eines wusste er. Vielleicht lebte die Frau noch, die er gesucht und begehrt hatte. Vielleicht hatte er sie eine Stunde lang sogar geliebt. Und wie auch immer sie ihr Leben weiterlebte: Hinter ihm lag etwas in der gewölbten Halle. Es lag im Schein der flackernden Gasflammen, ein Schatten unter anderen Schatten. Es war dunkel, ohne Sinn und ohne Geheimnis, so wie die anderen. Für ihn konnte es nichts anderes mehr bedeuten als den bleichen Leichnam der vergangenen Nacht. Und dieser Leichnam war für immer der Verwesung bestimmt.

### Glossar

- **Repetatur**: ein Wort auf dem Rezept: Der Kranke bekommt das gleiche Medikament noch einmal.
- **der Zichorienkaffee**: ein billiger Ersatz für Kaffee, aus einer Pflanzenwurzel gemacht.
- **der Portier**: ein Mann, der im Hotel am Eingang arbeitet und Auskunft gibt.
- **der Femrichter**: im Mittelalter ein Richter eines geheimen Gerichts; hier ein Kostüm.
- **die Visite**: der Arzt geht im Krankenhaus von Bett zu Bett und sieht nach den Kranken.
- **die Sektion**: Ärzte untersuchen einen toten Körper, um die Todesursache zu finden.
- **die Dozentur**: die Erlaubnis, an der Universität zu lehren; man braucht sie für eine hohe Stelle.
- **der Spitzenkatarrh**: eine frühe Form der Lungenkrankheit Tuberkulose.
- **die Jalousien**: Rollos oder Läden aus Holzstreifen, die man vor dem Fenster herunterlässt.
- **der Wüstling**: ein Mann, der ohne Moral nur sein Vergnügen mit Frauen sucht.
- **die Jettkette**: eine Halskette aus schwarzen, glänzenden Steinen.
- **die Doppelexistenz**: ein Mensch führt zwei verschiedene Leben und weiß vom anderen oft nichts.
- **verrufen**: eine Gasse oder ein Ort hat einen schlechten Ruf; die Leute denken schlecht darüber.
- **das Spital**: österreichisches Wort für Krankenhaus.
- **die Packerln**: österreichisch für „die kleinen Pakete“.
- **der Sekundararzt**: ein junger Arzt, der in einem Krankenhaus arbeitet und noch lernt.
- **der Rauchfangkehrer**: österreichisches Wort für Schornsteinfeger; er macht die Kamine sauber.
- **der Überzieher**: ein Mantel für Männer, den man über dem Anzug trägt.
- **die Totenkammer**: ein Raum im Krankenhaus, in dem die Toten liegen.
- **die gerichtliche Obduktion**: Ärzte untersuchen für das Gericht einen toten Körper, um die Todesursache zu finden.
- **Suicidium**: lateinisches Wort für Selbstmord.
- **Euer Hochwohlgeboren**: eine sehr feierliche, alte Anrede; hier ist sie als Scherz gemeint.
- **die Verwesung**: ein toter Körper zerfällt langsam.

## 7

Durch die dunklen, menschenleeren Gassen eilte er nach Hause. Wenige Minuten später zog er sich in seinem Ordinationszimmer aus, so wie vierundzwanzig Stunden vorher. Dann betrat er so leise wie möglich das eheliche Schlafzimmer.

Er hörte Albertines gleichmäßigen, ruhigen Atem. Er sah die Umrisse ihres Kopfes auf dem weichen Kissen. Ein Gefühl von Zärtlichkeit ging durch sein Herz, ja, ein Gefühl von Geborgenheit. Das hatte er nicht erwartet. Und er nahm sich vor, ihr bald die Geschichte der letzten Nacht zu erzählen, vielleicht schon morgen. Aber er wollte so erzählen, als wäre alles, was er erlebt hatte, nur ein Traum gewesen. Sie sollte erst fühlen und erkennen, wie leer und nichtig seine Abenteuer gewesen waren. Erst dann wollte er ihr gestehen, dass sie Wirklichkeit gewesen waren.

Wirklichkeit?, fragte er sich.

In diesem Augenblick bemerkte er etwas auf dem Kissen neben Albertine, auf seinem eigenen Kissen. Es lag ganz nahe bei ihrem Gesicht. Es war etwas Dunkles mit festen Umrissen, wie die schattigen Linien eines menschlichen Gesichts. Nur einen Moment lang stand ihm das Herz still. Im nächsten Moment wusste er schon, was es war. Er griff nach dem Kissen und hielt die Maske in der Hand. Er hatte sie in der letzten Nacht getragen. Heute Morgen hatte er das Paket zusammengerollt. Dabei war ihm die Maske wohl herausgefallen, ohne dass er es gemerkt hatte. Das Stubenmädchen oder Albertine selbst hatte sie wahrscheinlich gefunden.

Er konnte also nicht daran zweifeln: Albertine ahnte nach diesem Fund so manches. Wahrscheinlich ahnte sie noch mehr und noch Schlimmeres, als wirklich geschehen war. Doch er sah, wie sie es ihn wissen ließ. Sie hatte die dunkle Larve neben sich auf das Kissen gelegt. Es war, als sollte die Maske nun sein Gesicht bedeuten, das Gesicht ihres Mannes. Dieses Gesicht war für sie zu einem Rätsel geworden. Sie zeigte es ihm auf eine scherzhafte, fast übermütige Art. Darin lag zugleich eine milde Warnung und auch die Bereitschaft zu verzeihen. Das gab Fridolin eine sichere Hoffnung. Sie dachte wohl an ihren eigenen Traum. Was auch geschehen sein mochte, sie wollte es wohl nicht allzu schwer nehmen.

Fridolin aber war mit einem Mal am Ende seiner Kräfte. Er ließ die Maske zu Boden gleiten. Laut und schmerzlich schluchzte er auf, und das überraschte ihn selbst. Er sank neben dem Bett nieder und weinte leise in die Kissen.

Nach wenigen Sekunden fühlte er eine weiche Hand, die ihm über die Haare strich. Da hob er den Kopf. Aus der Tiefe seines Herzens kam es aus ihm heraus: „Ich will dir alles erzählen.“

Zuerst hob sie die Hand, wie um sich leise zu wehren. Er nahm ihre Hand und hielt sie fest. Er sah zu ihr auf, fragend und zugleich bittend. Sie nickte ihm zu, und er begann.

Der Morgen dämmerte grau durch die Vorhänge, als Fridolin fertig war. Kein einziges Mal hatte Albertine ihn mit einer neugierigen oder ungeduldigen Frage unterbrochen. Sie fühlte wohl, dass er ihr nichts verschweigen wollte und konnte. Ruhig lag sie da, die Arme im Nacken verschränkt. Sie schwieg noch lange, als Fridolin schon längst aufgehört hatte zu sprechen. Er lag ausgestreckt neben ihr. Endlich beugte er sich über sie. Ihr Gesicht bewegte sich nicht. Sie hatte große, helle Augen, und es schien, als ginge jetzt auch in ihnen der Morgen auf.

„Was sollen wir tun, Albertine?“, fragte er, voller Zweifel und voller Hoffnung zugleich.

Sie lächelte. Nach kurzem Zögern antwortete sie: „Dem Schicksal dankbar sein, glaube ich. Dankbar, dass wir aus allen Abenteuern heil herausgekommen sind – aus den wirklichen und aus den geträumten.“

„Weißt du das auch ganz sicher?“, fragte er.

„So sicher, wie ich etwas anderes ahne“, sagte sie. „Die Wirklichkeit einer Nacht ist nicht zugleich ihre tiefste Wahrheit. Ja, nicht einmal die Wirklichkeit eines ganzen Menschenlebens ist auch seine tiefste Wahrheit.“

„Und kein Traum“, seufzte er leise, „ist ganz und gar Traum.“

Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und legte ihn zärtlich an ihre Brust. „Nun sind wir wohl aufgewacht“, sagte sie, „für lange.“

Für immer, wollte er noch sagen. Aber bevor er die Worte aussprechen konnte, legte sie ihm einen Finger auf die Lippen. Wie zu sich selbst flüsterte sie: „Niemals in die Zukunft fragen.“

So lagen sie beide schweigend da. Vielleicht schlummerten sie auch ein wenig. Sie waren einander nah, ohne zu träumen. Dann klopfte es an die Zimmertür, wie jeden Morgen um sieben Uhr. Von der Straße kamen die gewohnten Geräusche. Ein siegreicher Lichtstrahl fiel durch den Spalt im Vorhang. Von nebenan hörte man ein helles Kinderlachen. Und der neue Tag begann.

### Glossar

- **das Ordinationszimmer**: österreichisches Wort für den Raum, in dem der Arzt seine Patienten untersucht.
- **eheliches Schlafzimmer**: das Schlafzimmer, das Mann und Frau gemeinsam haben.
- **die Geborgenheit**: man fühlt sich sicher und beschützt.
- **die Larve**: ein altes Wort für Maske; man trägt sie vor dem Gesicht.
- **übermütig**: sehr lustig und ein bisschen frech.
- **schluchzen**: laut und stoßweise weinen.
- **dämmern**: es wird langsam hell, am Morgen.
- **verschränkt**: die Arme sind übereinander gelegt.
- **schlummern**: leicht und kurz schlafen.
- **siegreich**: so, als hätte man einen Kampf gewonnen.
