# Tonio Kröger (Ausgabe B1)

*Thomas Mann*

## I

Die Wintersonne war nur ein schwacher Schein. Milchig und matt stand sie hinter vielen Wolken über der engen Stadt. In den Gassen mit den alten Giebeln war es nass und windig. Manchmal fiel eine Art weicher Hagel, nicht Eis, nicht Schnee.

Die Schule war aus. Die Schüler waren frei. In Scharen strömten sie über den gepflasterten Hof und durch das Tor hinaus. Dann teilten sie sich und liefen schnell nach rechts und nach links. Die großen Schüler hielten ihre Bücher mit Würde hoch gegen die linke Schulter gedrückt. Mit dem rechten Arm ruderten sie gegen den Wind, dem Mittagessen entgegen. Die Kleinen rannten lustig los. Dabei spritzte der nasse Schnee umher, und die Schulsachen klapperten in den Schultaschen aus Seehundsfell. Aber hier und da rissen alle mit frommen Augen die Mützen vom Kopf. Dann ging nämlich ein Oberlehrer langsam und würdig vorbei, mit seinem Wotanshut und seinem Jupiterbart…

»Kommst du endlich, Hans?«, sagte Tonio Kröger. Er hatte lange auf der Straße gewartet. Lächelnd ging er dem Freund entgegen. Hans kam gerade im Gespräch mit anderen Kameraden aus dem Tor. Er wollte schon mit ihnen weggehen…

»Wieso?«, fragte Hans und sah Tonio an… »Ja, das ist wahr! Nun gehen wir noch ein bisschen.«

Tonio wurde still, und seine Augen wurden trüb. Hatte Hans es vergessen? Fiel es ihm erst jetzt wieder ein? Sie wollten doch heute Mittag ein wenig zusammen spazieren gehen! Und Tonio selbst hatte sich, seit sie das ausgemacht hatten, fast die ganze Zeit darauf gefreut!

»Ja, adieu, ihr!«, sagte Hans Hansen zu den Kameraden. »Dann gehe ich noch ein bisschen mit Kröger.« – Die beiden gingen nach links, und die anderen gingen langsam nach rechts.

Hans und Tonio hatten nach der Schule Zeit für einen Spaziergang. In ihren beiden Familien aß man nämlich erst um vier Uhr zu Mittag. Ihre Väter waren große Kaufleute. Sie hatten öffentliche Ämter und waren mächtig in der Stadt. Den Hansens gehörten schon seit vielen Generationen die großen Holzlager unten am Fluss. Dort sägten riesige Maschinen die Baumstämme in Stücke, und dabei machten sie großen Lärm. Aber Tonio war der Sohn von Konsul Kröger. Seine Getreidesäcke mit dem breiten schwarzen Firmennamen fuhren jeden Tag auf Wagen durch die Straßen. Und das große alte Haus seiner Vorfahren war das vornehmste in der ganzen Stadt… Die Freunde kannten viele Leute. Deshalb mussten sie ständig die Mützen abnehmen. Manche Leute grüßten die Vierzehnjährigen sogar zuerst…

Beide trugen ihre Schultaschen über den Schultern, und beide waren gut und warm angezogen. Hans trug eine kurze Jacke, wie Seeleute sie tragen. Darüber lag auf Schultern und Rücken der breite, blaue Kragen seines Matrosenanzugs. Tonio trug einen grauen Mantel mit Gürtel. Hans hatte eine dänische Matrosenmütze mit kurzen Bändern auf. Darunter kam ein Schopf von seinem hellblonden Haar hervor. Er war außerordentlich hübsch, kräftig gebaut und hatte breite Schultern. Seine stahlblauen Augen blickten offen und scharf. Unter Tonios runder Pelzmütze aber war ein dunkles Gesicht mit scharfen, ganz südlichen Zügen. Daraus blickten dunkle Augen mit zarten Schatten und zu schweren Lidern. Sie blickten träumerisch und ein wenig scheu… Mund und Kinn waren bei ihm ungewöhnlich weich. Er ging nachlässig und ungleichmäßig. Hans dagegen ging in seinen schwarzen Strümpfen leicht und sicher neben ihm, immer im Takt…

Tonio sprach nicht. Er fühlte Schmerz. Er zog seine etwas schräg stehenden Augenbrauen zusammen. Seine Lippen waren rund, als wollte er pfeifen. Den Kopf hielt er zur Seite geneigt, und er blickte in die Ferne. Diese Haltung und dieses Gesicht waren typisch für ihn.

Plötzlich schob Hans seinen Arm unter Tonios Arm und sah ihn dabei von der Seite an. Er verstand nämlich sehr gut, worum es ging. Tonio schwieg auch bei den nächsten Schritten noch. Aber er wurde auf einmal ganz weich im Herzen.

»Ich hatte es nämlich nicht vergessen, Tonio«, sagte Hans und blickte vor sich auf den Gehweg. »Ich dachte nur, dass heute wohl nichts daraus wird. Es ist ja so nass und windig. Aber mir macht das gar nichts. Und ich finde es famos, dass du trotzdem auf mich gewartet hast. Ich glaubte schon, du bist nach Hause gegangen, und ich habe mich geärgert…«

Bei diesen Worten begann in Tonio alles zu springen und zu jubeln.

»Ja, dann gehen wir jetzt also über die Wälle!«, sagte er mit bewegter Stimme. »Über den Mühlenwall und den Holstenwall. So bringe ich dich nach Hause, Hans… Ach was, das schadet gar nichts, dass ich dann allein nach Hause gehe. Das nächste Mal begleitest du mich.«

Eigentlich glaubte er nicht sehr fest an das, was Hans gesagt hatte. Er fühlte genau: Hans war dieser Spaziergang zu zweit nur halb so wichtig wie ihm. Aber er sah doch, dass es Hans leidtat, dass er es vergessen hatte. Hans bemühte sich, ihn zu versöhnen. Und Tonio wollte die Versöhnung ganz bestimmt nicht aufhalten…

Die Sache war nämlich so: Tonio liebte Hans Hansen und hatte schon viel um ihn gelitten. Wer am meisten liebt, ist der Unterlegene und muss leiden. Diese einfache und harte Lehre hatte seine vierzehnjährige Seele schon vom Leben bekommen. Und Tonio war so, dass er solche Erfahrungen gut bemerkte. Er schrieb sie gleichsam innerlich auf und hatte eine gewisse Freude daran. Er richtete sich selbst aber nicht danach und hatte keinen praktischen Nutzen davon. Solche Lehren fand er auch viel wichtiger und interessanter als das Wissen, das man ihm in der Schule aufzwang. Ja, im Unterricht in den gotischen Klassenzimmern beschäftigte er sich meistens damit. Er wollte solche Einsichten bis auf den Grund fühlen und ganz zu Ende denken. Und das machte ihn ganz ähnlich zufrieden wie seine Geige. Denn er spielte Geige. Dann ging er mit seiner Geige in seinem Zimmer umher. Er spielte die Töne so weich, wie er nur konnte. Sie klangen in das leise Geräusch des Wassers im Springbrunnen hinein. Sein Wasserstrahl stieg unten im Garten unter den Zweigen des alten Walnussbaums tanzend in die Höhe…

Der Springbrunnen, der alte Walnussbaum, seine Geige und in der Ferne das Meer, die Ostsee: Diese Dinge liebte er. In den Ferien durfte er den Sommerträumen der Ostsee zuhören. Mit diesen Dingen umgab er sich gleichsam, und zwischen ihnen spielte sich sein inneres Leben ab. Ihre Namen klingen gut in Versen. Und sie klangen auch wirklich immer wieder in den Versen, die Tonio Kröger manchmal schrieb.

Er hatte ein Heft mit eigenen Versen. Durch seine eigene Schuld war das bekannt geworden. Das schadete ihm sehr, bei den Mitschülern genauso wie bei den Lehrern. Der Sohn von Konsul Kröger fand es einerseits dumm und gemein, sich darüber aufzuregen. Deshalb verachtete er die Mitschüler und die Lehrer. Ihre schlechten Manieren stießen ihn außerdem ab. Und er durchschaute ihre persönlichen Schwächen auf seltsam genaue Weise. Andererseits fand er selbst das Versemachen übertrieben und eigentlich unpassend. Er musste all denen gewissermaßen recht geben, die es für eine seltsame Beschäftigung hielten. Aber das brachte ihn nicht dazu, damit aufzuhören…

Zu Hause verlor er seine Zeit. Im Unterricht war er langsam, und seine Gedanken waren woanders. Bei den Lehrern hatte er einen schlechten Ruf. Darum brachte er ständig die schlechtesten Noten nach Hause. Sein Vater war darüber sehr zornig und besorgt. Er war ein großer, sorgfältig gekleideter Herr mit nachdenklichen blauen Augen. Er trug immer eine Feldblume im Knopfloch. Und dann war da Tonios Mutter, seine schöne Mutter mit den schwarzen Haaren. Ihr Vorname war Consuelo, und sie war überhaupt ganz anders als die übrigen Damen der Stadt. Denn der Vater hatte sie sich einst von ganz unten auf der Landkarte heraufgeholt. Dieser Mutter waren die Zeugnisse ganz egal…

Tonio liebte seine dunkle und feurige Mutter. Sie spielte so wunderbar Flügel und Mandoline. Und er war froh, dass sie nicht traurig über seine unsichere Stellung unter den Menschen war. Andererseits fühlte er, dass der Zorn des Vaters viel würdiger und respektabler war. Der Vater schimpfte mit ihm, und trotzdem war Tonio im Grunde ganz einverstanden mit ihm. Die heitere Gleichgültigkeit der Mutter fand er dagegen ein wenig liederlich. Manchmal dachte er ungefähr: Es ist schon genug, dass ich bin, wie ich bin. Ich will und kann mich nicht ändern. Ich bin nachlässig und trotzig und denke an Dinge, an die sonst niemand denkt. Dann gehört es sich wenigstens, dass man mich dafür ernsthaft schimpft und bestraft. Man darf nicht einfach mit Küssen und Musik darüber hinweggehen. Wir sind doch keine Zigeuner im grünen Wagen, sondern anständige Leute, Konsul Krögers, die Familie der Kröger… Oft dachte er auch: Warum bin ich bloß so seltsam und im Streit mit allem? Warum streite ich mit den Lehrern und bin fremd unter den anderen Jungen? Sieh sie dir an, die guten Schüler und die soliden, mittelmäßigen Schüler! Sie finden die Lehrer nicht komisch. Sie machen keine Verse. Sie denken nur Dinge, die man eben denkt und die man laut sagen kann. Wie ordentlich müssen sie sich fühlen, wie einverstanden mit allem und jedem! Das muss gut sein… Was aber ist mit mir, und wie wird das alles enden?

Tonio sah sich selbst und sein Verhältnis zum Leben auf diese Art. Und das spielte eine wichtige Rolle in seiner Liebe zu Hans Hansen. Zuerst liebte er ihn, weil er schön war. Dann aber liebte er ihn, weil Hans in allen Dingen sein Gegenteil war. Hans Hansen war ein ausgezeichneter Schüler. Außerdem war er ein frischer Kerl. Er ritt, turnte und schwamm wie ein Held, und alle mochten ihn. Die Lehrer waren fast zärtlich zu ihm. Sie nannten ihn beim Vornamen und förderten ihn auf jede Weise. Die Kameraden wollten gern, dass er sie mochte. Auf der Straße hielten ihn Herren und Damen an. Sie fassten ihn an dem Schopf aus hellblondem Haar, der unter seiner dänischen Matrosenmütze hervorkam. Und sie sagten: »Guten Tag, Hans Hansen, mit deinem netten Schopf! Bist du noch Primus? Grüß Papa und Mama, mein prächtiger Junge…«

So war Hans Hansen. Seit Tonio Kröger ihn kannte, fühlte er Sehnsucht, sobald er ihn sah. Es war eine neidische Sehnsucht, die oberhalb der Brust saß und brannte. Wer so blaue Augen hätte wie du, dachte er! Wer so in Ordnung und in glücklicher Gemeinschaft mit aller Welt lebte wie du! Immer bist du auf eine anständige Weise beschäftigt, die alle respektieren. Wenn du die Schulaufgaben gemacht hast, nimmst du Reitstunden oder arbeitest mit der Laubsäge. Sogar in den Ferien am Meer hast du mit Rudern, Segeln und Schwimmen zu tun. Ich aber liege faul und verloren im Sand. Ich starre auf das Gesicht des Meeres, über das geheimnisvoll immer neue Ausdrücke huschen. Aber darum sind deine Augen so klar. Zu sein wie du…

Er versuchte nicht, so zu werden wie Hans Hansen. Vielleicht war es ihm mit diesem Wunsch nicht einmal sehr ernst. Aber er wünschte sich schmerzlich, von Hans geliebt zu werden, so wie er war. Und er warb um seine Liebe, auf seine eigene Art. Es war eine langsame und innige Art, voller Hingabe, leidend und wehmütig. Aber diese Wehmut kann tiefer und quälender brennen als jede plötzliche Leidenschaft. Eine solche Leidenschaft hätte man bei seinem fremden Aussehen vielleicht erwartet.

Und er warb nicht ganz umsonst. Hans achtete nämlich eine gewisse Überlegenheit an ihm. Tonio konnte gut mit Worten umgehen und schwierige Dinge aussprechen. Hans verstand auch ganz gut: Hier lebte ein ungewöhnlich starkes und zartes Gefühl für ihn. Er zeigte sich dankbar und kam Tonio oft freundlich entgegen. Damit machte er ihn manchmal sehr glücklich. Aber er brachte ihm auch viel Qual: Eifersucht, Enttäuschung und die vergebliche Mühe um eine geistige Gemeinschaft. Denn es war seltsam: Tonio beneidete Hans Hansen um seine Art zu leben. Trotzdem versuchte er ständig, ihn zu seiner eigenen Art herüberzuziehen. Das gelang höchstens für Augenblicke, und auch dann nur scheinbar…

»Ich habe gerade etwas Wundervolles gelesen, etwas Prachtvolles…«, sagte er. Sie gingen und aßen zusammen aus einer Tüte Fruchtbonbons. Die hatten sie beim Krämer Iwersen in der Mühlenstraße für zehn Pfennig gekauft. »Du musst es lesen, Hans. Es ist nämlich ›*Don Carlos*‹ von Schiller… Ich leihe es dir, wenn du willst…«

»Ach nein«, sagte Hans Hansen, »lass nur, Tonio, das passt nicht zu mir. Ich bleibe bei meinen Pferdebüchern, weißt du. Da sind famose Bilder drin, sage ich dir. Wenn du mal bei mir bist, zeige ich sie dir. Es sind Momentaufnahmen. Man sieht die Pferde im Trab und im Galopp und beim Sprung. Man sieht sie in allen Stellungen, die man in Wirklichkeit gar nicht sieht, weil es zu schnell geht…«

»In allen Stellungen?«, fragte Tonio höflich. »Ja, das ist fein. Aber ›*Don Carlos*‹, das ist schöner, als man sich vorstellen kann. Es gibt Stellen darin, du wirst sehen, die sind so schön, dass es einem einen Ruck gibt. Es knallt gleichsam…«

»Knallt es?«, fragte Hans Hansen… »Wieso?«

»Da ist zum Beispiel die Stelle, wo der König geweint hat. Er hat geweint, weil der Marquis ihn betrogen hat… Aber der Marquis hat ihn nur für den Prinzen betrogen, verstehst du. Für den Prinzen opfert er sich. Und nun kommt aus dem Kabinett in das Vorzimmer die Nachricht, dass der König geweint hat. ›Geweint?‹ ›Der König geweint?‹ Alle Hofmänner sind furchtbar erschrocken. Und es geht einem durch und durch, denn es ist ein schrecklich starrer und strenger König. Aber man versteht so gut, dass er geweint hat. Mir tut er eigentlich mehr leid als der Prinz und der Marquis zusammen. Er ist immer so ganz allein und ohne Liebe. Und nun glaubt er, er hat einen Menschen gefunden, und der verrät ihn…«

Hans Hansen sah von der Seite in Tonios Gesicht. Irgendetwas in diesem Gesicht gewann ihn wohl für die Sache. Denn plötzlich schob er wieder seinen Arm unter Tonios Arm und fragte:

»Auf welche Weise verrät er ihn denn, Tonio?«

Tonio war ganz bewegt.

»Ja, die Sache ist«, fing er an, »dass alle Briefe nach Brabant und Flandern…«

»Da kommt Erwin Jimmerthal«, sagte Hans.

Tonio verstummte. Wenn ihn doch die Erde verschlucken würde, diesen Jimmerthal!, dachte er. Warum muss er kommen und uns stören? Wenn er nur nicht mit uns geht und den ganzen Weg von der Reitstunde spricht… Denn Erwin Jimmerthal hatte auch Reitstunde. Er war der Sohn des Bankdirektors und wohnte hier draußen vor dem Tor. Mit seinen krummen Beinen und seinen schmalen Augen kam er ihnen durch die Allee entgegen. Seine Schultasche hatte er schon nicht mehr dabei.

»Tag, Jimmerthal«, sagte Hans. »Ich gehe ein bisschen mit Kröger…«

»Ich muss in die Stadt«, sagte Jimmerthal, »und etwas besorgen. Aber ich gehe noch ein Stück mit euch… Das sind wohl Fruchtbonbons, was ihr da habt? Ja, danke, ein paar esse ich. Morgen haben wir wieder Stunde, Hans.« – Er meinte die Reitstunde.

»Famos!«, sagte Hans. »Ich bekomme jetzt die ledernen Gamaschen, du. Ich hatte nämlich neulich die Eins im Exerzitium…«

»Du hast wohl keine Reitstunde, Kröger?«, fragte Jimmerthal. Seine Augen waren nur zwei schmale, blanke Ritzen…

»Nein«, antwortete Tonio. Seine Stimme klang ganz unsicher.

»Du solltest deinen Vater bitten, dass du auch Stunde bekommst, Kröger«, sagte Hans Hansen.

»Ja…«, sagte Tonio, schnell und zugleich gleichgültig. Einen Augenblick lang wurde ihm die Kehle eng. Denn Hans hatte ihn mit dem Nachnamen angeredet. Hans schien das zu fühlen, denn er erklärte:

»Ich nenne dich Kröger, weil dein Vorname so verrückt ist, du. Entschuldige, aber ich mag ihn nicht, Tonio… Das ist doch überhaupt kein Name. Du kannst ja übrigens nichts dafür, ganz bestimmt nicht!«

»Nein, du heißt wohl hauptsächlich so, weil es so ausländisch klingt und etwas Besonderes ist…«, sagte Jimmerthal. Er tat so, als wollte er Tonio helfen.

Tonios Mund zuckte. Er nahm sich zusammen und sagte:

»Ja, es ist ein dummer Name. Ich möchte, weiß Gott, lieber Heinrich oder Wilhelm heißen, das könnt ihr mir glauben. Aber es kommt daher, dass ein Bruder meiner Mutter Antonio heißt. Nach ihm bin ich getauft. Meine Mutter ist doch von drüben…«

Dann schwieg er und ließ die beiden von Pferden und Lederzeug sprechen. Hans hatte Jimmerthals Arm genommen. Er redete flüssig und mit großem Interesse. So ein Interesse hätte ›*Don Carlos*‹ niemals in ihm wecken können… Von Zeit zu Zeit fühlte Tonio, wie ihm die Tränen prickelnd in die Nase stiegen. Auch hatte er Mühe, sein Kinn ruhig zu halten. Es begann immer wieder zu zittern…

Hans mochte seinen Namen nicht – was konnte man da tun? Er selbst hieß Hans, und Jimmerthal hieß Erwin. Gut, das waren bekannte, normale Namen, die niemand seltsam fand. Aber ›Tonio‹ war etwas Ausländisches und Besonderes. Ja, mit ihm war in allen Dingen etwas Besonderes, ob er wollte oder nicht. Er war allein und ausgeschlossen von den Ordentlichen und Gewöhnlichen. Dabei war er doch kein Zigeuner im grünen Wagen, sondern ein Sohn Konsul Krögers, aus der Familie der Kröger… Aber warum nannte Hans ihn Tonio, solange sie allein waren? Und warum schämte er sich für ihn, wenn ein Dritter dazukam? Manchmal war Hans ihm nahe und für ihn gewonnen, ja. Auf welche Weise verrät er ihn denn, Tonio?, hatte er gefragt und seinen Arm unter Tonios Arm geschoben. Aber dann war Jimmerthal gekommen. Da hatte Hans trotzdem erleichtert aufgeatmet. Er hatte ihn verlassen und ihm ohne Grund seinen fremden Vornamen vorgeworfen. Wie weh es tat, das alles durchschauen zu müssen!… Hans Hansen hatte ihn im Grunde ein wenig gern, wenn sie allein waren. Das wusste er. Aber wenn ein Dritter kam, dann schämte er sich dafür und opferte ihn. Und Tonio war wieder allein. Er dachte an König Philipp. Der König hat geweint…

»Gott bewahre«, sagte Erwin Jimmerthal, »jetzt muss ich aber wirklich in die Stadt! Adieu, ihr, und danke für die Fruchtbonbons!« Dann sprang er auf eine Bank am Weg. Er lief mit seinen krummen Beinen darauf entlang und rannte davon.

»Jimmerthal mag ich!«, sagte Hans mit Nachdruck. Er hatte eine verwöhnte und selbstbewusste Art, seine Sympathien und Abneigungen zu zeigen. Er verteilte sie gleichsam gnädig… Dann sprach er weiter von der Reitstunde, weil er nun einmal dabei war. Es war auch nicht mehr weit bis zum Haus der Hansens. Der Weg über die Wälle dauerte nicht lange. Sie hielten ihre Mützen fest und beugten die Köpfe vor dem starken, feuchten Wind. Er knarrte und stöhnte in den kahlen Ästen der Bäume. Hans Hansen redete, und Tonio sagte nur ab und zu ein künstliches »Ach« und »Jaja«. Hans hatte im Eifer wieder seinen Arm unter Tonios Arm geschoben. Aber Tonio freute sich nicht darüber. Denn das war nur eine scheinbare Nähe, ohne Bedeutung.

Dann verließen sie die Wälle nicht weit vom Bahnhof. Sie sahen einen Zug plump und eilig vorbeifahren. Zum Zeitvertreib zählten sie die Wagen. Ganz oben auf dem allerletzten Wagen saß ein Mann, ganz in seinen Pelz gehüllt. Sie winkten ihm zu. Am Lindenplatz, vor der Villa von Großhändler Hansen, blieben sie stehen. Hans stellte sich unten auf die Gartenpforte. Er schwang mit ihr hin und her, und sie quietschte laut. So zeigte er ausführlich, wie lustig das war. Aber danach verabschiedete er sich.

»Ja, jetzt muss ich hinein«, sagte er. »Adieu, Tonio. Das nächste Mal bringe ich dich nach Hause, ganz sicher.«

»Adieu, Hans«, sagte Tonio. »Es war nett, spazieren zu gehen.«

Sie drückten sich die Hände. Ihre Hände waren ganz nass und rostig von der Gartenpforte. Hans sah Tonio in die Augen. Da zeigte sich in seinem hübschen Gesicht so etwas wie Reue.

»Übrigens werde ich bald ›*Don Carlos*‹ lesen!«, sagte er schnell. »Das mit dem König im Kabinett muss famos sein!« Dann nahm er seine Tasche unter den Arm und lief durch den Vorgarten. Bevor er im Haus verschwand, nickte er noch einmal zurück.

Und Tonio Kröger ging strahlend und mit leichtem Schritt davon. Der Wind trug ihn von hinten. Aber nicht nur darum kam er so leicht vorwärts.

Hans würde ›*Don Carlos*‹ lesen! Und dann hatten sie etwas zusammen, worüber weder Jimmerthal noch irgendein anderer mitreden konnte! Wie gut sie einander verstanden! Wer weiß – vielleicht brachte er ihn noch dazu, auch Verse zu schreiben?… Nein, nein, das wollte er nicht! Hans sollte nicht werden wie Tonio. Er sollte bleiben, wie er war, so hell und stark. So liebten ihn alle, und Tonio am meisten! Aber dass er ›*Don Carlos*‹ las, würde trotzdem nicht schaden… Und Tonio ging durch das alte, niedrige Tor. Er ging am Hafen entlang und die steile, windige und nasse Giebelgasse hinauf zum Haus seiner Eltern. Damals lebte sein Herz; Sehnsucht war darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.

### Glossar

- **Giebelgasse**: eine enge Gasse mit alten Häusern; der Giebel ist das spitze obere Ende einer Hauswand
- **Wotanshut**: ein großer, breiter Hut wie bei dem alten Gott Wotan; der Jupiterbart ist ein langer, voller Bart wie bei dem Gott Jupiter
- **Konsul**: Ehrentitel für einen wichtigen Kaufmann
- **adieu**: alt, aus dem Französischen: auf Wiedersehen, tschüs
- **famos**: alt und umgangssprachlich: toll, prima
- **liederlich**: unordentlich, ohne Moral und Ordnung
- **Zigeuner im grünen Wagen**: alter Ausdruck (Mann um 1900): ein Mensch ohne Heimat und Ordnung, der herumzieht. Das Wort "Zigeuner" ist heute beleidigend; man sagt Sinti und Roma.
- **Primus**: der beste Schüler der Klasse
- **Laubsäge**: eine feine, kleine Säge, mit der man Figuren aus dünnem Holz schneidet
- **Momentaufnahmen**: Fotos, die eine sehr schnelle Bewegung in einem Augenblick zeigen
- **Gamaschen**: Schutz aus Leder für die Beine beim Reiten
- **die Eins im Exerzitium**: die beste Note in einer schriftlichen Schulübung
- **schwermütiger Neid**: tief traurige Lust, das zu haben oder zu sein, was ein anderer hat oder ist
- **keusche Seligkeit**: ein reines, unschuldiges und sehr tiefes Glück

## II

Die blonde Inge, Ingeborg Holm, war die Tochter von Doktor Holm. Er wohnte am Markt, dort, wo der gotische Brunnen stand, hoch, spitz und mit vielen Türmchen. Sie war es, die Tonio Kröger liebte, als er sechzehn Jahre alt war.

Wie geschah das? Er hatte sie tausendmal gesehen. Aber an einem Abend sah er sie in einem gewissen Licht. Sie sprach mit einer Freundin. Dabei lachte sie auf eine gewisse übermütige Art und warf den Kopf zur Seite. Auf eine gewisse Art hob sie ihre Hand zum Hinterkopf. Es war eine gar nicht besonders schmale, gar nicht besonders feine Hand, die Hand eines kleinen Mädchens. Dabei rutschte der weiße, dünne Ärmel von ihrem Ellenbogen zurück. Er hörte, wie sie ein Wort auf eine gewisse Art betonte, ein ganz gleichgültiges Wort. Dabei klang etwas Warmes in ihrer Stimme. Da wurde sein Herz von einem großen Glück ergriffen. Es war viel stärker als das Gefühl, das er früher manchmal gehabt hatte, wenn er Hans Hansen ansah. Das war damals gewesen, als er noch ein kleiner, dummer Junge war.

An diesem Abend nahm er ihr Bild mit nach Hause. Er sah den dicken, blonden Zopf und die länglich geschnittenen, lachenden, blauen Augen. Er sah auch die zarten Sommersprossen über ihrer Nase, die wie ein kleiner Sattel lagen. Er konnte nicht einschlafen, weil er immer das warme Klingen in ihrer Stimme hörte. Leise versuchte er, die Betonung nachzumachen, mit der sie das gleichgültige Wort gesagt hatte. Dabei zitterte er. Die Erfahrung lehrte ihn, dass dies die Liebe war. Er wusste genau, dass die Liebe ihm viel Schmerz, Not und Demütigung bringen musste. Er wusste auch, dass sie den Frieden zerstört. Sie füllt das Herz übervoll mit Melodien. Dann findet man keine Ruhe mehr, eine Sache rund zu formen und in Gelassenheit etwas Ganzes daraus zu schmieden. Trotzdem nahm er die Liebe mit Freuden auf. Er gab sich ihr ganz hin und pflegte sie mit allen Kräften seines Herzens. Denn er wusste, dass sie reich und lebendig macht. Und er sehnte sich danach, reich und lebendig zu sein, statt in Gelassenheit etwas Ganzes zu schmieden…

Tonio Kröger verlor sein Herz an die lustige Inge Holm. Das geschah im ausgeräumten Salon von Konsulin Husteede. An diesem Abend war sie an der Reihe, die Tanzstunde zu geben. Es war nämlich ein privater Kurs, und nur Kinder aus den ersten Familien nahmen daran teil. Man traf sich der Reihe nach in den Häusern der Eltern. Dort bekam man Unterricht in Tanz und Anstand. Dafür kam jede Woche Ballettmeister Knaak extra aus Hamburg.

François Knaak hieß er, und was für ein Mann war das! »J'ai l'honneur de me vous représenter«, sagte er, »mon nom est Knaak… Und das sagt man nicht, während man sich verbeugt. Man sagt es, wenn man wieder gerade steht – leise und trotzdem deutlich. Man muss sich nicht jeden Tag auf Französisch vorstellen. Aber wenn man es in dieser Sprache richtig und perfekt kann, dann kann man es auf Deutsch erst recht.« Wie wunderbar der seidige schwarze Gehrock an seinen fetten Hüften lag! In weichen Falten fiel seine Hose auf seine Lackschuhe hinab. Die Schuhe hatten breite Schleifen aus Satin. Und seine braunen Augen blickten umher, müde und glücklich über ihre eigene Schönheit…

Alle fühlten sich ganz klein neben seiner großen Sicherheit und seinen perfekten Manieren. Er ging auf die Dame des Hauses zu – und niemand ging so wie er, leicht, schwingend, wiegend, königlich. Er verbeugte sich und wartete, dass sie ihm die Hand gab. Wenn er sie bekam, dann dankte er mit leiser Stimme. Er trat federnd zurück und drehte sich auf dem linken Fuß. Den rechten Fuß schnellte er mit gesenkter Spitze seitlich vom Boden weg. Dann ging er mit zitternden Hüften davon…

Wenn man eine Gesellschaft verließ, ging man rückwärts und mit Verbeugungen zur Tür hinaus. Man holte einen Stuhl nicht, indem man ihn an einem Bein packte oder über den Boden schleifte. Man trug ihn leicht an der Lehne herbei und stellte ihn ohne Geräusch hin. Man stand nicht da und faltete die Hände auf dem Bauch und schob die Zunge in den Mundwinkel. Wenn man es trotzdem tat, dann machte Herr Knaak es auf seine Art nach. Und danach ekelte man sich für den Rest seines Lebens vor dieser Haltung…

Das war der Anstand. Den Tanz aber beherrschte Herr Knaak vielleicht noch besser. Im ausgeräumten Salon brannten die Gasflammen des Kronleuchters und die Kerzen auf dem Kamin. Auf dem Boden lag ein feines Pulver, und die Schüler standen stumm im Halbkreis. Hinter den Portieren, im Zimmer daneben, saßen die Mütter und Tanten auf weichen Stühlen. Sie sahen durch ihre Lorgnetten Herrn Knaak an. Er stand vorgebeugt und hielt den Saum seines Gehrocks mit je zwei Fingern fest. Mit federnden Beinen zeigte er die einzelnen Teile der Mazurka. Manchmal wollte er sein Publikum ganz besonders überraschen. Dann sprang er plötzlich und ohne echten Grund in die Luft. Dabei wirbelte er seine Beine in der Luft sehr schnell herum, als ob er mit ihnen trillerte. Danach kam er mit einem leisen Plumps auf diese Erde zurück. Aber dieser Plumps ließ alles bis in die Grundmauern zittern…

Was für ein unbegreiflicher Affe, dachte Antonio Kröger bei sich. Aber er sah wohl, dass Inge Holm, die lustige Inge, Herrn Knaaks Bewegungen oft mit einem Lächeln folgte. Sie vergaß sich dabei ganz. Und nicht nur deshalb bewunderte er im Grunde ein wenig, wie wunderbar Herr Knaak seinen Körper beherrschte. Wie ruhig und klar blickten Herrn Knaaks Augen! Sie sahen nicht in die Dinge hinein, bis dorthin, wo sie kompliziert und traurig werden. Sie wussten nur, dass sie braun und schön waren. Aber deshalb war seine Haltung so stolz! Ja, man musste dumm sein, um so gehen zu können wie er. Und dann wurde man geliebt, denn man war liebenswürdig. Er verstand so gut, dass Inge, die blonde, süße Inge, Herrn Knaak so ansah. Aber würde denn niemals ein Mädchen ihn selbst so ansehen?

O doch, das kam vor. Da war Magdalena Vermehren, die Tochter von Rechtsanwalt Vermehren. Sie hatte einen sanften Mund und große, dunkle, glänzende Augen voll Ernst und Begeisterung. Beim Tanzen fiel sie oft hin. Aber bei der Damenwahl kam sie zu ihm. Sie wusste, dass er Verse schrieb, und sie hatte ihn zweimal gebeten, sie ihr zu zeigen. Oft sah sie ihn von weitem mit gesenktem Kopf an. Aber was ging ihn das an? Er, er liebte Inge Holm, die blonde, lustige Inge. Sie verachtete ihn sicher dafür, dass er poetische Sachen schrieb… Er sah sie an. Er sah ihre schmalen, blauen Augen, die voll Glück und Spott waren. Und eine neidische Sehnsucht saß in seiner Brust und brannte. Es war ein bitterer, drängender Schmerz, weil er von ihr ausgeschlossen und ihr für immer fremd war…

»Erstes Paar en avant!«, sagte Herr Knaak. Keine Worte können beschreiben, wie wunderbar der Mann den Laut durch die Nase sprach. Man übte die Quadrille. Zu Tonio Krögers großem Schrecken war er mit Inge Holm in ein und demselben Karree. Er ging ihr aus dem Weg, so gut er konnte. Trotzdem kam er immer wieder in ihre Nähe. Er verbot seinen Augen, zu ihr hinzusehen. Trotzdem fiel sein Blick immer wieder auf sie… Jetzt kam sie an der Hand des rothaarigen Ferdinand Matthiessen herbei, gleitend und laufend. Sie warf den Zopf zurück und stellte sich atmend ihm gegenüber. Herr Heinzelmann, der Klavierspieler, griff mit seinen knochigen Händen in die Tasten. Herr Knaak kommandierte, und die Quadrille begann.

Sie bewegte sich vor ihm hin und her, vorwärts und rückwärts, schreitend und drehend. Manchmal erreichte ihn ein Duft von ihrem Haar oder von dem zarten, weißen Stoff ihres Kleides. Und seine Augen wurden immer trüber. Ich liebe dich, liebe, süße Inge, sagte er innerlich. In diese Worte legte er seinen ganzen Schmerz. Denn sie war so eifrig und lustig beim Tanzen und achtete gar nicht auf ihn. Ein wunderschönes Gedicht von Storm fiel ihm ein: »Ich möchte schlafen, aber du musst tanzen.« Es quälte ihn, wie demütigend und sinnlos es war, tanzen zu müssen, während man liebte…

»Erstes Paar en avant!«, sagte Herr Knaak, denn eine neue Tour begann. »Compliment! Moulinet des dames! Tour de main!« Und niemand kann beschreiben, wie elegant er das stumme e von ›de‹ verschluckte.

»Zweites Paar en avant!« Jetzt waren Tonio Kröger und seine Dame an der Reihe. »Compliment!« Und Tonio Kröger verbeugte sich. »Moulinet des dames!« Tonio Kröger hielt den Kopf gesenkt, und seine Brauen waren finster. Er legte seine Hand auf die Hände der vier Damen, auch auf die Hand von Inge Holm. Und er tanzte ›moulinet‹.

Rundherum begann ein Kichern und Lachen. Herr Knaak machte eine Ballettpose, die ein gespieltes Entsetzen zeigte. »O weh!«, rief er. »Halt, halt! Kröger ist unter die Damen geraten! En arrière, Fräulein Kröger, zurück, fi donc! Alle haben es jetzt verstanden, nur Sie nicht. Husch! Fort! Zurück mit Ihnen!« Und er zog ein gelbes Taschentuch aus Seide heraus. Damit scheuchte er Tonio Kröger an seinen Platz zurück.

Alle lachten, die Jungen, die Mädchen und die Damen hinter den Portieren. Denn Herr Knaak hatte aus dem kleinen Vorfall etwas allzu Lustiges gemacht. Man amüsierte sich wie im Theater. Nur Herr Heinzelmann wartete mit einem trockenen, geschäftlichen Gesicht auf das Zeichen zum Weiterspielen. Er war nämlich längst an Herrn Knaaks Effekte gewöhnt.

Dann ging die Quadrille weiter. Und dann war Pause. Das Dienstmädchen kam mit einem Tablett voller Gläser mit Weingelee herein, und die Gläser klirrten. Die Köchin folgte in ihrem Kielwasser mit einer Ladung Plumcake. Aber Tonio Kröger schlich sich fort. Heimlich ging er auf den Korridor hinaus. Dort stellte er sich vor ein Fenster mit heruntergelassener Jalousie, die Hände auf dem Rücken. Er dachte nicht daran, dass man durch diese Jalousie gar nichts sehen konnte. Es war also lächerlich, davor zu stehen und so zu tun, als ob man hinausblickte.

Er blickte aber in sich hinein, und dort war so viel Kummer und Sehnsucht. Warum, warum war er hier? Warum saß er nicht in seinem Zimmer am Fenster und las in Storms ›*Immensee*‹? Ab und zu hätte er in den abendlichen Garten hinausgeblickt. Dort knarrte schwer der alte Walnussbaum. Das wäre sein Platz gewesen. Sollten doch die anderen tanzen und frisch und geschickt dabei sein!… Nein, nein, sein Platz war trotzdem hier. Hier wusste er sich in Inges Nähe, auch wenn er nur einsam und von fern dastand. Er versuchte, in dem Summen, Klirren und Lachen dort drinnen ihre Stimme zu hören. In ihrer Stimme klang warmes Leben. Deine länglich geschnittenen, blauen, lachenden Augen, du blonde Inge! So schön und heiter wie du kann man nur sein, wenn man nicht ›*Immensee*‹ liest. Und wenn man niemals versucht, selbst so etwas zu machen. Das ist das Traurige!…

Sie müsste kommen! Sie müsste bemerken, dass er fort war. Sie müsste fühlen, wie es ihm ging. Sie müsste ihm heimlich folgen, auch wenn es nur aus Mitleid war. Sie müsste ihm ihre Hand auf die Schulter legen und sagen: Komm herein zu uns, sei froh, ich liebe dich. Und er horchte hinter sich. Er wartete in unvernünftiger Spannung, dass sie kam. Aber sie kam keines Weges. Dergleichen geschah nicht auf Erden.

Hatte auch sie über ihn gelacht, wie alle anderen? Ja, das hatte sie getan. Er hätte es gern bestritten, für sie und für sich selbst. Und dabei hatte er doch nur ›moulinet des dames‹ mitgetanzt, weil er in ihrer Nähe alles vergessen hatte. Und was machte das schon? Vielleicht würde man eines Tages aufhören zu lachen! Hatte nicht erst vor kurzem eine Zeitschrift ein Gedicht von ihm angenommen? Die Zeitschrift hatte dann zwar aufgehört zu erscheinen, bevor das Gedicht gedruckt wurde. Aber es würde der Tag kommen, an dem er berühmt war. Dann würde alles gedruckt werden, was er schrieb. Und dann würde man sehen, ob das nicht Eindruck auf Inge Holm machte… Es würde *keinen* Eindruck machen, nein, das war es ja. Auf Magdalena Vermehren, die immer hinfiel, ja, auf sie. Aber niemals auf Inge Holm, niemals auf die blauäugige, lustige Inge. Und war es also nicht umsonst?…

Tonio Krögers Herz zog sich bei diesem Gedanken schmerzlich zusammen. Wunderbare Kräfte bewegen sich in dir, spielende und schwermütige. Das fühlst du. Und dabei weißt du: Die Menschen, nach denen du dich sehnst, stehen diesen Kräften heiter und unerreichbar gegenüber. Das tut sehr weh. Er stand einsam, ausgeschlossen und ohne Hoffnung vor einer geschlossenen Jalousie. In seinem Kummer tat er so, als ob er hindurchblicken könnte. Und trotzdem war er glücklich. Denn damals lebte sein Herz. Warm und traurig schlug es für dich, Ingeborg Holm. Und seine Seele umfasste deine blonde, helle und übermütig gewöhnliche kleine Persönlichkeit. Sie tat es voller Glück und ohne an sich selbst zu denken.

Mehr als einmal stand er mit heißem Gesicht an einsamen Orten. Musik, Blumenduft und das Klingen von Gläsern kamen nur leise dorthin. Er versuchte, in dem fernen Lärm des Festes deine klingende Stimme zu erkennen. Er stand dort voller Schmerz um dich und war trotzdem glücklich. Mehr als einmal kränkte es ihn, dass er mit Magdalena Vermehren sprechen konnte, die immer hinfiel. Sie verstand ihn, sie lachte mit ihm und war ernst mit ihm. Die blonde Inge dagegen schien ihm fern und fremd, auch wenn er neben ihr saß. Und sie selbst schien sich über ihn zu wundern. Denn seine Sprache war nicht ihre Sprache. Und trotzdem war er glücklich. Denn das Glück, sagte er sich, ist nicht, geliebt zu werden. Das ist nur eine Befriedigung für die Eitelkeit, und Ekel ist mit ihr gemischt. Das Glück ist, zu lieben und vielleicht kleine Augenblicke der Nähe zum geliebten Menschen zu fangen, auch wenn sie täuschen. Und er schrieb diesen Gedanken innerlich auf. Er dachte ihn ganz zu Ende und fühlte ihn bis auf den Grund.

*Treue*!, dachte Tonio Kröger. Ich will treu sein und dich lieben, Ingeborg, solange ich lebe! So gut meinte er es. Und trotzdem flüsterte eine leise Angst und Trauer in ihm. Denn er hatte ja auch Hans Hansen ganz und gar vergessen, obwohl er ihn jeden Tag sah. Und das war das Hässliche und Elende: Diese leise und ein wenig boshafte Stimme behielt recht. Die Zeit verging. Es kamen Tage, an denen Tonio Kröger nicht mehr so ohne Bedingung wie früher bereit war, für die lustige Inge zu sterben. Denn er fühlte Lust und Kraft in sich, auf seine Art viele besondere Dinge in der Welt zu leisten.

Und er ging vorsichtig um den Opferaltar herum, auf dem die reine und keusche Flamme seiner Liebe brannte. Er kniete davor und gab dem Feuer auf jede Weise neue Nahrung, weil er treu sein wollte. Und nach einer Weile war die Flamme trotzdem ausgegangen, unbemerkt, ohne Aufsehen und ohne Geräusch.

Tonio Kröger aber stand noch eine Zeitlang vor dem kalt gewordenen Altar. Er war voll Staunen und Enttäuschung darüber, dass Treue auf Erden unmöglich war. Dann zuckte er mit den Schultern und ging seinen Weg.

### Glossar

- **Tanzstunde**: Unterricht im Tanzen und im guten Benehmen
- **Anstand**: gutes, richtiges Benehmen
- **Gehrock**: eine lange, elegante Jacke für Männer, wie man sie früher trug
- **Portieren**: schwere Vorhänge an einer Tür
- **Lorgnetten**: Brillen mit einem Griff, die man vor die Augen hält
- **Quadrille**: ein alter Tanz, bei dem vier Paare in einem Quadrat tanzen
- **Karree**: das Quadrat aus vier Paaren bei der Quadrille
- **Moulinet des dames**: Figur in der Quadrille: Nur die Damen fassen sich in der Mitte an den Händen und drehen sich
- **Damenwahl**: ein Tanz, bei dem die Mädchen oder Frauen ihren Partner wählen
- **Kielwasser**: die Spur im Wasser hinter einem Schiff; hier: die Köchin geht direkt hinter dem Mädchen
- **Plumcake**: ein englischer Kuchen mit Rosinen und Früchten
- **Jalousie**: ein Rollo aus schmalen Brettchen vor dem Fenster
- **keines Weges**: alt: überhaupt nicht; "Dergleichen" heißt "so etwas"
- **Opferaltar**: ein heiliger Tisch, auf dem man früher Göttern etwas opferte (hier ein Bild für die Liebe)

## III

Tonio Kröger ging den Weg, den er gehen musste. Er ging ein wenig nachlässig und ungleichmäßig. Er pfiff vor sich hin, hielt den Kopf zur Seite geneigt und blickte in die Ferne. Und wenn er sich verirrte, dann geschah es, weil es für manche einen richtigen Weg überhaupt nicht gibt. Fragte man ihn, was in aller Welt er werden wollte, dann gab er jedes Mal eine andere Antwort. Er sagte nämlich oft (und hatte es auch schon aufgeschrieben): In ihm lagen die Möglichkeiten für tausend Arten zu leben. Aber zugleich wusste er heimlich, dass es im Grunde alles Unmöglichkeiten waren…

Schon bevor er die enge Vaterstadt verließ, hatten sich die Klammern und Fäden leise gelöst, mit denen sie ihn hielt. Die alte Familie der Kröger war nach und nach schwächer geworden und langsam zerfallen. Und die Leute hatten Grund, auch Tonio Krögers eigenes Wesen als ein Zeichen dafür zu sehen. Die Mutter seines Vaters, das Haupt der Familie, war gestorben. Nicht lange danach starb auch sein Vater, der große, nachdenkliche, sorgfältig gekleidete Herr mit der Feldblume im Knopfloch. Das große Haus der Krögers stand mit seiner ganzen würdigen Geschichte zum Verkauf, und die Firma wurde aufgelöst. Und Tonios Mutter? Seine schöne, feurige Mutter spielte so wunderbar Flügel und Mandoline, und ihr war alles ganz egal. Sie heiratete nach einem Jahr noch einmal, und zwar einen Musiker, einen Virtuosen mit italienischem Namen. Ihm folgte sie in blaue Fernen. Tonio Kröger fand das ein wenig liederlich. Aber war *er* der Richtige, um es ihr zu verbieten? Er schrieb Verse und konnte nicht einmal sagen, was in aller Welt er werden wollte…

Und er verließ die enge, krumme Heimatstadt, wo der feuchte Wind um die Giebel pfiff. Er verließ den Springbrunnen und den alten Walnussbaum im Garten, die Freunde seiner Jugend. Er verließ auch das Meer, das er so sehr liebte. Und er fühlte dabei keinen Schmerz. Denn er war groß und klug geworden. Er hatte verstanden, was mit ihm los war. Und er war voller Spott für das plumpe und niedrige Leben, das ihn so lange festgehalten hatte.

Er gab sich ganz der Macht hin, die ihm als die höchste auf der Erde erschien. Er fühlte sich berufen, ihr zu dienen, und sie versprach ihm Größe und Ehre. Es war die Macht des Geistes und des Wortes. Sie sitzt lächelnd hoch über dem unbewussten und stummen Leben. Mit seiner jungen Leidenschaft gab er sich ihr hin. Und sie belohnte ihn mit allem, was sie zu schenken hat. Aber sie nahm ihm auch ohne Mitleid alles, was sie gewöhnlich als Preis dafür nimmt.

Sie machte seinen Blick scharf. Sie ließ ihn die großen Wörter durchschauen, die die Menschen so stolz machen. Sie öffnete ihm die Seelen der Menschen und auch seine eigene Seele. Sie ließ ihn ganz klar sehen. Sie zeigte ihm das Innere der Welt und alles Letzte, was hinter den Worten und Taten liegt. Was er aber sah, war dies: Komik und Elend – Komik und Elend.

Da kam die Einsamkeit, zusammen mit der Qual und dem Stolz der Erkenntnis. Denn er hielt es nicht mehr aus bei den Harmlosen mit ihrem fröhlichen, dunklen Sinn. Und das Mal an seiner Stirn störte sie. Aber mehr und mehr wurde ihm auch die Freude am Wort und an der Form süß. Denn er sagte oft (und hatte es auch schon aufgeschrieben): Die Kenntnis der Seele allein würde ganz sicher traurig machen. Nur die Freuden des Ausdrucks halten uns wach und munter…

Er lebte in großen Städten und im Süden. Von der Sonne des Südens hoffte er, dass seine Kunst dort reicher reifen würde. Und vielleicht war es das Blut seiner Mutter, das ihn dorthin zog. Aber sein Herz war tot und ohne Liebe. Darum geriet er in Abenteuer des Fleisches. Er stieg tief hinab in Wollust und heiße Schuld und litt dabei mehr, als man sagen kann. Vielleicht war es das Erbe seines Vaters in ihm, das ihn dort unten so leiden ließ. Sein Vater war der große, nachdenkliche, sauber gekleidete Mann mit der Feldblume im Knopfloch. Dieses Erbe weckte in ihm manchmal eine schwache, sehnsüchtige Erinnerung. Er erinnerte sich an eine Freude der Seele, die früher einmal ihm gehört hatte. In allen Freuden des Körpers fand er sie nicht wieder.

Ekel und Hass gegen die Sinne packten ihn. Er sehnte sich stark nach Reinheit und nach anständigem Frieden. Doch zugleich atmete er die Luft der Kunst. Das war die milde, süße Luft eines ewigen Frühlings, voll von Düften. In dieser Luft wächst und keimt alles heimlich, voller Freude daran, neues Leben zu schaffen. So kam es am Ende nur dazu: Er hatte keinen Halt mehr. Er wurde zwischen krassen Extremen hin und her geworfen, zwischen eiskaltem Geist und brennender Glut der Sinne. Er hatte ein schlechtes Gewissen und führte ein Leben, das ihn sehr müde machte. Es war ein übertriebenes, wildes und außergewöhnliches Leben. Und im Grunde hasste er, Tonio Kröger, dieses Leben. Was für ein Irrweg!, dachte er manchmal. Wie war es nur möglich, dass ich in all diese seltsamen Abenteuer geraten bin? Ich bin doch von Haus aus kein Zigeuner im grünen Wagen…

Aber je schwächer seine Gesundheit wurde, desto schärfer wurde sein Können als Künstler. Es wurde wählerisch, ausgesucht, kostbar und fein. Alles Banale reizte und ärgerte es. In Fragen des Taktes und des Geschmacks war es höchst empfindlich. Als er zum ersten Mal etwas veröffentlichte, gab es viel Beifall und Freude bei denen, die es anging. Denn er hatte ein wertvoll gearbeitetes Ding geliefert, voll Humor und voll Kenntnis des Leidens. Sein Name war derselbe, mit dem ihn früher seine Lehrer beim Schimpfen gerufen hatten. Mit diesem Namen hatte er auch seine ersten Reime an den Walnussbaum, den Springbrunnen und das Meer unterschrieben. Es war ein Klang aus Süden und Norden, ein Bürgername, der ein wenig fremd und exotisch klang. Und dieser Name wurde schnell zu einer Formel für etwas Hervorragendes. Denn seine Erfahrungen waren schmerzlich und gründlich. Dazu kam ein seltener Fleiß, zäh, ausdauernd und voller Ehrgeiz. Dieser Fleiß kämpfte mit seinem wählerischen, empfindlichen Geschmack. Und unter heftigen Qualen entstanden so ungewöhnliche Werke.

Er arbeitete nicht wie jemand, der arbeitet, um zu leben. Er arbeitete wie einer, der nichts will als arbeiten. Denn als lebendigen Menschen hielt er sich für nichts. Er wollte nur als Schaffender zählen. Sonst ging er grau und unauffällig umher, wie ein Schauspieler ohne Schminke. So ein Schauspieler ist nichts, solange er keine Rolle zu spielen hat. Er arbeitete stumm, für sich allein und unsichtbar. Und er war voller Verachtung für jene Kleinen, für die das Talent nur ein Schmuck in der Gesellschaft war. Manche von ihnen waren arm, andere reich. Manche liefen wild und in zerrissenen Kleidern herum. Andere gaben viel Geld für besondere, persönliche Krawatten aus. Aber vor allem wollten sie glücklich, liebenswürdig und künstlerisch leben. Sie wussten nicht, dass gute Werke nur unter dem Druck eines schlimmen Lebens entstehen. Sie wussten nicht, dass einer, der lebt, nicht arbeitet. Und sie wussten nicht, dass man gestorben sein muss, um ganz ein Schaffender zu sein.

### Glossar

- **liederlich**: unordentlich, ohne Moral und Ordnung
- **der Virtuose**: ein Musiker, der sein Instrument ganz besonders gut spielt
- **in blaue Fernen**: weit weg, in ferne Länder
- **Komik und Elend**: Dinge, die lächerlich sind, und Dinge, die traurig und schlimm sind
- **die Erkenntnis**: tiefes Verstehen; man sieht, wie die Dinge wirklich sind
- **das Mal an seiner Stirn**: ein Zeichen, an dem jeder sieht: Dieser Mensch ist anders
- **die Abenteuer des Fleisches**: Erlebnisse mit der körperlichen Liebe
- **die Wollust**: starke körperliche Lust
- **kein Zigeuner im grünen Wagen**: alter Ausdruck (Mann um 1900): kein Mensch ohne Heimat und Ordnung, der herumzieht. Das Wort "Zigeuner" ist heute beleidigend; man sagt Sinti und Roma.
- **banal**: ganz gewöhnlich, ohne Besonderheit
- **der Schaffende**: ein Mensch, der Kunstwerke macht, zum Beispiel ein Dichter

## IV

»Störe ich?«, fragte Tonio Kröger an der Tür des Ateliers. Er hielt seinen Hut in der Hand und verbeugte sich sogar ein wenig. Dabei war Lisaweta Iwanowna doch seine Freundin, der er alles sagte.

»Ach bitte, Tonio Kröger, kommen Sie ohne Zeremonien herein!«, antwortete sie in ihrem hüpfenden Ton. »Jeder weiß ja, dass Sie eine gute Kinderstube hatten und wissen, was sich gehört.« Dabei nahm sie ihren Pinsel zu der Palette in die linke Hand. Sie gab ihm die rechte Hand und sah ihm lachend und kopfschüttelnd ins Gesicht.

»Ja, aber Sie arbeiten«, sagte er. »Lassen Sie sehen… Oh, Sie sind weitergekommen.« Er sah abwechselnd auf die farbigen Skizzen und auf die große Leinwand. Die Skizzen lehnten auf Stühlen links und rechts von der Staffelei. Über die Leinwand lief ein Netz aus Linien, die lauter Quadrate bildeten. Darauf war ein unklarer, blasser Entwurf mit Kohle gezeichnet. Und in diesem Entwurf erschienen nun die ersten Flecken Farbe.

Es war in München, in einem Hinterhaus in der Schellingstraße, mehrere Treppen hoch. Draußen, hinter dem breiten Fenster mit dem Licht von Norden, war blauer Himmel. Vögel sangen, und die Sonne schien. Durch eine offene Klappe strömte der junge, süße Atem des Frühlings herein. Er mischte sich mit dem Geruch von Fixativ und Farbe, der den weiten Raum füllte. Das goldene Licht des hellen Nachmittags flutete frei durch das große, leere Atelier. Es schien offen auf den Fußboden, der ein wenig beschädigt war. Es schien auf den groben Tisch unter dem Fenster, voll von Fläschchen, Tuben und Pinseln. Es schien auf die Studien ohne Rahmen an den nackten Wänden. Es schien auf den Wandschirm aus rissiger Seide. Dieser Schirm trennte nahe der Tür eine kleine, schön eingerichtete Ecke zum Wohnen und Ausruhen ab. Und das Licht schien auf das Werk, das auf der Staffelei entstand, und davor auf die Malerin und den Dichter.

Sie war wohl etwa so alt wie er, also ein wenig jenseits der Dreißig. Sie trug ein dunkelblaues Arbeitskleid mit Flecken und saß auf einem niedrigen Stuhl. Das Kinn stützte sie in die Hand. Ihr braunes Haar war fest gekämmt und an den Seiten schon ein wenig grau. Es lag in leichten Wellen neben ihrer Stirn. So bildete es den Rahmen für ihr Gesicht. Es war ein dunkles, slawisch geformtes, unendlich sympathisches Gesicht. Sie hatte eine kurze, kleine Nase, scharf hervortretende Wangenknochen und kleine, schwarze, blanke Augen. Gespannt, misstrauisch und fast gereizt betrachtete sie ihre Arbeit, mit schiefem Blick und halb geschlossenen Augen…

Er stand neben ihr. Die rechte Hand hatte er in die Hüfte gestemmt. Mit der linken drehte er schnell an dem braunen Bart über seinem Mund. Seine schrägen Brauen zogen sich ernst und mühsam zusammen. Dabei pfiff er leise vor sich hin, wie gewöhnlich. Er war sehr sorgfältig und solide gekleidet, in einen Anzug von ruhigem Grau und zurückhaltendem Schnitt. Aber auf seiner Stirn, die von viel Arbeit gezeichnet war, lag eine nervöse Unruhe. Darüber war sein dunkles Haar ganz einfach und korrekt gekämmt. Die Züge seines südlichen Gesichts waren schon scharf. Es war, als hätte ein harter Stift sie nachgezogen. Sein Mund aber war so sanft geformt, und sein Kinn war so weich… Nach einer Weile strich er mit der Hand über Stirn und Augen und wandte sich ab.

»Ich hätte nicht kommen sollen«, sagte er.

»Warum hätten Sie nicht kommen sollen, Tonio Kröger?«

»Ich stehe gerade von meiner Arbeit auf, Lisaweta. Und in meinem Kopf sieht es genau so aus wie auf dieser Leinwand. Ein Gerüst, ein blasser Entwurf, schmutzig von Korrekturen, und ein paar Farbflecken, ja. Und nun komme ich hierher und sehe dasselbe. Und auch den Konflikt finde ich hier wieder, den Gegensatz, der mich zu Hause gequält hat.« Dabei schnupperte er in die Luft. »Es ist seltsam. Wenn ein Gedanke dich beherrscht, dann findest du ihn überall ausgedrückt. Du *riechst* ihn sogar im Wind. Fixativ und Frühlingsduft, nicht wahr? Kunst und – ja, was ist das andere? Sagen Sie nicht ›Natur‹, Lisaweta, ›Natur‹ sagt nicht alles. Ach nein, ich hätte wohl lieber spazieren gehen sollen. Aber ob ich mich dabei wohler gefühlt hätte, das ist die Frage! Vor fünf Minuten habe ich nicht weit von hier einen Kollegen getroffen: Adalbert, den Novellisten. ›Gott verdamme den Frühling!‹, sagte er in seinem aggressiven Stil. ›Er ist und bleibt die schrecklichste Jahreszeit! Können Sie da einen vernünftigen Gedanken fassen, Kröger? Können Sie die kleinste Pointe und Wirkung in Ruhe ausarbeiten? Es kribbelt Ihnen auf eine unanständige Weise im Blut. Eine Menge Gefühle stören Sie, die gar nicht zur Sache gehören. Und wenn Sie sie prüfen, dann ist es nur ganz banales und völlig unbrauchbares Zeug. Ich jedenfalls gehe jetzt ins Café. Das ist neutrales Gebiet, wissen Sie. Der Wechsel der Jahreszeiten berührt es nicht. Es ist sozusagen die entrückte, hohe Sphäre des Literarischen. Dort hat man nur feinere Einfälle…‹ Und er ging ins Café. Und vielleicht hätte ich mitgehen sollen.«

Lisaweta amüsierte sich.

»Das ist gut, Tonio Kröger. Das mit dem ›unanständigen Kribbeln‹ ist gut. Und er hat ja in gewisser Weise recht. Denn mit dem Arbeiten steht es im Frühling wirklich nicht besonders gut. Aber jetzt passen Sie auf. Jetzt mache ich trotzdem noch diese kleine Sache hier, diese kleine Pointe und Wirkung, wie Adalbert sagen würde. Danach gehen wir in den ›Salon‹ und trinken Tee, und Sie sprechen sich aus. Denn ich sehe genau, dass Sie heute geladen sind. Bis dahin gruppieren Sie sich irgendwo hin, zum Beispiel auf die Kiste dort. Wenn Sie nicht Angst um Ihre Patrizierkleider haben…«

»Ach, lassen Sie mich mit meinen Kleidern in Ruhe, Lisaweta Iwanowna! Wäre es Ihnen lieber, ich liefe in einer zerrissenen Samtjacke herum? Oder in einer Weste aus roter Seide? Als Künstler ist man innerlich immer Abenteurer genug. Äußerlich soll man sich gut anziehen, zum Teufel, und sich benehmen wie ein anständiger Mensch… Nein, geladen bin ich nicht«, sagte er. Er sah zu, wie sie auf der Palette eine Farbe mischte. »Sie hören ja, es ist nur ein Problem, ein Gegensatz, der mir im Kopf liegt. Er hat mich bei der Arbeit gestört… Ja, wovon sprachen wir eben? Von Adalbert, dem Novellisten, und was für ein stolzer und fester Mann er ist. ›Der Frühling ist die schrecklichste Jahreszeit‹, sagte er und ging ins Café. Denn man muss wissen, was man will, nicht wahr? Sehen Sie, auch mich macht der Frühling nervös. Er weckt Erinnerungen und Gefühle von süßer Banalität, und auch mich verwirren sie. Nur bringe ich es nicht fertig, ihn dafür zu beschimpfen und zu verachten. Denn die Sache ist die: Ich schäme mich vor ihm. Ich schäme mich vor seiner reinen Natürlichkeit und seiner siegreichen Jugend. Und ich weiß nicht, ob ich Adalbert beneiden oder auf ihn herabsehen soll, weil er nichts davon weiß…

»Man arbeitet schlecht im Frühling, gewiss. Und warum? Weil man fühlt. Und weil nur ein Stümper glaubt, der Schaffende dürfe fühlen. Jeder echte und ehrliche Künstler lächelt über diesen naiven Irrtum der Pfuscher. Vielleicht lächelt er traurig, aber er lächelt. Denn das, was man sagt, darf niemals die Hauptsache sein. Es ist nur das Material, und das ist an sich gleichgültig. Daraus setzt man das Kunstwerk zusammen, spielend, ruhig und überlegen. Liegt Ihnen zu viel an dem, was Sie sagen wollen? Schlägt Ihr Herz zu warm dafür? Dann können Sie sicher sein, dass es völlig misslingt. Sie werden pathetisch, Sie werden sentimental. Unter Ihren Händen entsteht etwas Schweres, ungeschickt Ernstes, Unbeherrschtes. Es ist ohne Ironie, ohne Würze, langweilig und banal. Am Ende bleibt nur Gleichgültigkeit bei den Leuten. Und bei Ihnen selbst bleiben nur Enttäuschung und Jammer… Denn so ist es ja, Lisaweta: Das Gefühl, das warme, herzliche Gefühl, ist immer banal und unbrauchbar. Künstlerisch sind nur die Reizungen und kalten Ekstasen unseres verdorbenen, artistischen Nervensystems. Man muss irgendetwas Außermenschliches und Unmenschliches sein. Man muss zum Menschlichen in einem seltsam fernen Verhältnis stehen, ohne Anteil daran. Nur dann kann man es spielen und hat überhaupt Lust dazu. Nur dann kann man damit spielen und es wirksam und mit Geschmack darstellen. Die Begabung für Stil, Form und Ausdruck setzt schon dieses kühle, wählerische Verhältnis zum Menschlichen voraus. Ja, sie setzt eine gewisse menschliche Armut und Leere voraus. Denn das gesunde und starke Gefühl hat keinen Geschmack, dabei bleibt es. Mit dem Künstler ist es aus, sobald er Mensch wird und zu fühlen beginnt. Das wusste Adalbert. Darum ging er ins Café, in die ›entrückte Sphäre‹, jawohl!«

»Nun, Gott mit ihm, Batuschka«, sagte Lisaweta. Sie wusch sich die Hände in einer Blechwanne. »Sie müssen ihm ja nicht folgen.«

»Nein, Lisaweta, ich folge ihm nicht. Und zwar nur deshalb, weil ich mich vor dem Frühling manchmal ein wenig für mein Künstlertum schäme. Sehen Sie, manchmal bekomme ich Briefe von fremden Menschen. Es sind Briefe voll Lob und Dank aus meinem Publikum, Briefe von bewegten Leuten, die mich bewundern. Ich lese diese Briefe, und ich werde gerührt. Denn ich sehe das warme und ungeschickte menschliche Gefühl, das meine Kunst hier ausgelöst hat. Eine Art Mitleid packt mich, wegen der begeisterten Naivität, die aus den Zeilen spricht. Und ich werde rot bei dem Gedanken, wie enttäuscht dieser ehrliche Mensch wäre. Wenn er nur einmal einen Blick hinter die Kulissen werfen würde! Wenn er in seiner Unschuld je verstehen würde, wie es wirklich ist! Ein anständiger, gesunder und ordentlicher Mensch schreibt nämlich überhaupt nicht. Er spielt nicht Theater, er komponiert nicht… Das alles hindert mich natürlich nicht, seine Bewunderung für mein Genie zu benutzen. Ich steigere mich damit und rege mich damit an. Ich nehme sie gewaltig ernst und mache dazu ein Gesicht wie ein Affe, der den großen Mann spielt… Ach, reden Sie mir nicht dazwischen, Lisaweta! Ich sage Ihnen, ich bin es oft todmüde, das Menschliche darzustellen, ohne am Menschlichen teilzuhaben… Ist der Künstler überhaupt ein Mann? Man frage ›das Weib‹ danach! Mir scheint, wir Künstler teilen alle ein wenig das Schicksal jener präparierten päpstlichen Sänger… Wir singen ganz rührend schön. Jedoch –«

»Sie sollten sich ein bisschen schämen, Tonio Kröger. Kommen Sie jetzt zum Tee. Das Wasser kocht gleich, und hier sind Papyros. Beim Sopransingen waren Sie stehen geblieben. Machen Sie nur dort weiter. Aber schämen sollten Sie sich. Wenn ich nicht wüsste, mit welcher stolzen Leidenschaft Sie Ihrem Beruf ergeben sind…«

»Sagen Sie nichts von ›Beruf‹, Lisaweta Iwanowna! Die Literatur ist überhaupt kein Beruf, sondern ein Fluch, damit Sie es wissen. Wann fängt man an, diesen Fluch zu spüren? Früh, schrecklich früh. In einer Zeit, in der man eigentlich noch in Frieden und Einklang mit Gott und der Welt leben sollte. Sie fangen an, sich gezeichnet zu fühlen. Sie fühlen sich in einem rätselhaften Gegensatz zu den anderen, den Gewöhnlichen, den Ordentlichen. Zwischen Ihnen und den Menschen liegt ein Abgrund aus Ironie, Unglauben, Widerspruch, Erkenntnis und Gefühl. Dieser Abgrund wird tiefer und tiefer. Sie sind einsam, und von da an gibt es keine Verständigung mehr. Was für ein Schicksal! Vorausgesetzt, das Herz ist lebendig genug geblieben, *liebevoll* genug, um es als furchtbar zu fühlen!… Ihr Selbstbewusstsein entzündet sich. Denn unter Tausenden spüren Sie das Zeichen an Ihrer Stirn. Und Sie fühlen, dass niemand es übersieht. Ich kannte einen Schauspieler von Genie. Als Mensch kämpfte er mit einer krankhaften Unsicherheit und Haltlosigkeit. Sein überreiztes Gefühl für das eigene Ich war schuld daran. Und dazu fehlte ihm eine Rolle, eine Aufgabe zum Darstellen. Das bewirkte es bei diesem vollkommenen Künstler und armen Menschen… Einen Künstler erkennen Sie in einer Menge von Menschen schon mit einem nicht sehr scharfen Blick. Ich meine einen wirklichen Künstler. Nicht einen, dessen bürgerlicher Beruf die Kunst ist. Sondern einen, der dazu bestimmt und verdammt ist. In seinem Gesicht liegt das Gefühl, getrennt zu sein und nicht dazuzugehören. Er fühlt sich erkannt und beobachtet. Etwas zugleich Königliches und Verlegenes ist in seinem Gesicht. Etwas Ähnliches kann man im Gesicht eines Fürsten sehen, der in Zivil durch eine Volksmenge geht. Aber da hilft kein Zivil, Lisaweta! Verkleiden Sie sich, verstecken Sie sich! Ziehen Sie sich an wie ein junger Diplomat oder wie ein Offizier der Garde im Urlaub. Sie werden kaum die Augen heben und ein Wort sagen müssen. Und jeder wird wissen, dass Sie kein Mensch sind, sondern irgendetwas Fremdes, Befremdendes, Anderes…

»Aber *was ist* der Künstler? Bei keiner Frage war die Menschheit so bequem und so träge im Denken wie bei dieser. ›So etwas ist eine Gabe‹, sagen die braven Leute demütig, wenn ein Künstler auf sie wirkt. Nach ihrer gutmütigen Meinung müssen heitere und hohe Wirkungen auch heitere und hohe Ursprünge haben. Darum ahnt niemand, dass diese ›Gabe‹ vielleicht aus sehr schlimmen Bedingungen kommt. Dass sie vielleicht sehr fragwürdig ist… Man weiß, dass Künstler leicht verletzlich sind. Nun, man weiß auch, dass das bei Leuten mit gutem Gewissen und festem Selbstgefühl gewöhnlich nicht so ist… Sehen Sie, Lisaweta, tief in meiner Seele habe ich gegen den Typ des Künstlers einen *Verdacht*. Ich meine es geistig. Es ist derselbe Verdacht, den jeder meiner ehrbaren Vorfahren dort oben in der engen Stadt gehabt hätte. Nämlich gegen irgendeinen Gaukler und abenteuerlichen Artisten, der in sein Haus gekommen wäre. Hören Sie Folgendes. Ich kenne einen Bankier, einen grauhaarigen Geschäftsmann. Er hat die Gabe, Novellen zu schreiben. Diese Gabe nutzt er in seinen freien Stunden, und seine Arbeiten sind manchmal ganz ausgezeichnet. Trotz – ich sage ›trotz‹ – dieser hohen Begabung ist dieser Mann nicht ganz ohne Schuld. Im Gegenteil, er musste schon eine schwere Strafe im Gefängnis absitzen, und zwar aus guten Gründen. Ja, erst in der Strafanstalt hat er eigentlich seine Begabung entdeckt. Und seine Erfahrungen als Häftling sind das Hauptthema in allen seinen Werken. Man könnte daraus etwas kühn schließen: Man muss in irgendeiner Art von Strafanstalt zu Hause sein, um ein Dichter zu werden. Aber kommt einem nicht ein Verdacht? Vielleicht waren seine Erlebnisse im Zuchthaus gar nicht so eng mit den Wurzeln seiner Kunst verbunden. Vielleicht war es eher *das, was ihn hineinbrachte*. – Ein Bankier, der Novellen schreibt, das ist etwas Seltenes, nicht wahr? Aber ein Bankier, der nicht kriminell ist, der ohne Schuld und solide ist und Novellen schreibt – *das kommt nicht vor*… Ja, da lachen Sie nun, und trotzdem scherze ich nur halb. Kein Problem auf der Welt quält mehr als das Problem des Künstlertums und seiner menschlichen Wirkung. Nehmen Sie das wunderbarste Werk des typischsten und darum mächtigsten Künstlers. Nehmen Sie ein so krankhaftes und tief zweideutiges Werk wie ›*Tristan und Isolde*‹. Und beobachten Sie, wie dieses Werk auf einen jungen, gesunden Menschen wirkt, der ganz normal fühlt. Sie sehen Erhebung und Stärkung. Sie sehen warme, ehrliche Begeisterung, vielleicht sogar Lust auf eigenes ›künstlerisches‹ Schaffen… Der gute Dilettant! In uns Künstlern sieht es gründlich anders aus, als er sich träumt. Er träumt ja mit seinem ›warmen Herzen‹ und seinem ›ehrlichen Enthusiasmus‹. Ich habe gesehen, wie Frauen und junge Männer Künstler umschwärmten und ihnen zujubelten. Und dabei *wusste* ich über diese Künstler… Über die Herkunft, die Begleiterscheinungen und die Bedingungen des Künstlertums macht man immer wieder die seltsamsten Erfahrungen…«

»An anderen, Tonio Kröger – verzeihen Sie –, oder nicht nur an anderen?«

Er schwieg. Er zog seine schrägen Brauen zusammen und pfiff vor sich hin.

»Bitte geben Sie mir Ihre Tasse, Tonio. Er ist nicht stark. Und nehmen Sie eine neue Zigarette. Übrigens wissen Sie sehr gut, dass Sie die Dinge so ansehen, wie man sie nicht unbedingt ansehen muss…«

»Das ist die Antwort des Horatio, liebe Lisaweta. ›Die Dinge so betrachten, hieße, sie zu genau betrachten‹, nicht wahr?«

»Ich sage, dass man sie ebenso genau von einer anderen Seite betrachten kann, Tonio Kröger. Ich bin nur eine dumme Frau, die malt. Vielleicht kann ich Ihnen etwas antworten. Vielleicht kann ich Ihren eigenen Beruf ein wenig gegen Sie verteidigen. Dann ist es sicher nichts Neues, was ich sage. Es ist nur eine Erinnerung an das, was Sie selbst sehr gut wissen… Also: Die reinigende, heiligende Wirkung der Literatur. Die Zerstörung der Leidenschaften durch die Erkenntnis und das Wort. Die Literatur als Weg zum Verstehen, zum Vergeben und zur Liebe. Die erlösende Macht der Sprache. Der literarische Geist als die edelste Form des menschlichen Geistes überhaupt. Der Literat als vollkommener Mensch, als Heiliger. – Die Dinge *so* betrachten, hieße das, sie nicht genau genug betrachten?«

»Sie haben ein Recht, so zu sprechen, Lisaweta Iwanowna. Und zwar mit Blick auf das Werk Ihrer Dichter, auf die herrliche russische Literatur. Sie ist wirklich die heilige Literatur, von der Sie sprechen. Aber ich habe Ihre Einwände nicht vergessen. Sie gehören zu dem, was mich heute beschäftigt… Sehen Sie mich an. Ich sehe nicht besonders munter aus, oder? Ein bisschen alt, mit scharfen Zügen und müde, nicht wahr? Nun, um auf die ›Erkenntnis‹ zurückzukommen: Man könnte sich einen Menschen denken, der von Natur aus gutgläubig ist. Er ist sanft, meint es gut und ist ein wenig sentimental. Und diesen Menschen zerreibt und zerstört der klare psychologische Blick ganz einfach. Sich von der Traurigkeit der Welt nicht besiegen lassen. Beobachten, merken, einordnen, auch das Quälendste. Und dabei guter Laune sein, schon im vollen Gefühl der moralischen Überlegenheit über die schreckliche Erfindung des Daseins – ja, freilich! Aber manchmal wächst Ihnen die Sache trotz aller Freuden des Ausdrucks ein wenig über den Kopf. Alles verstehen hieße alles verzeihen? Ich weiß doch nicht. Es gibt etwas, das ich Erkenntnisekel nenne, Lisaweta. Das ist der Zustand, in dem es einem Menschen genügt, eine Sache zu durchschauen. Schon fühlt er sich davon zum Sterben angeekelt (und durchaus nicht versöhnt). Das ist der Fall Hamlets, des Dänen, dieses typischen Literaten. Er wusste, was das ist: zum Wissen berufen sein, ohne dazu geboren zu sein. Klar sehen, sogar durch den Schleier der Tränen hindurch. Erkennen, merken, beobachten. Und das Beobachtete lächelnd zur Seite legen müssen, sogar in Augenblicken, wo Hände sich umschlingen und Lippen sich finden. Auch dann, wenn der Blick eines Menschen bricht, blind vor Gefühl. – Das ist gemein, Lisaweta, es ist böse, es macht einen wütend… Aber was hilft es, wütend zu werden?

»Eine andere, aber nicht weniger hübsche Seite der Sache ist dann freilich die gelangweilte Überheblichkeit. Ich meine die Gleichgültigkeit und die ironische Müdigkeit gegenüber jeder Wahrheit. Denn das ist eine Tatsache. Nirgends auf der Welt geht es so stumm und hoffnungslos zu wie bei klugen Leuten, die schon alles erlebt haben. Alle Erkenntnis ist alt und langweilig. Sprechen Sie eine Wahrheit aus, die Sie gefunden haben und über die Sie sich jugendlich freuen. Man wird Ihre gewöhnliche Aufklärung nur mit einem ganz kurzen Ausstoßen von Luft durch die Nase beantworten… Ach ja, die Literatur macht müde, Lisaweta! In menschlicher Gesellschaft kann es einem passieren, glauben Sie mir, dass man für dumm gehalten wird. Und zwar nur, weil man so skeptisch ist und keine Meinung sagt. Dabei ist man doch nur hochmütig und ohne Mut… So viel zur ›Erkenntnis‹. Was aber das ›Wort‹ betrifft: Vielleicht ist es weniger eine Erlösung als ein Kaltstellen und Aufs-Eis-Legen des Gefühls? Im Ernst, es ist etwas Eisiges und schrecklich Anmaßendes an dieser Sache. Die literarische Sprache erledigt das Gefühl so schnell und so oberflächlich. Ist Ihnen das Herz zu voll? Hat ein süßes oder großes Erlebnis Sie zu sehr bewegt? Nichts einfacher! Sie gehen zum Literaten, und alles wird in kürzester Zeit geregelt. Er wird Ihre Sache analysieren und formulieren. Er wird sie beim Namen nennen, aussprechen und zum Reden bringen. Er wird Ihnen das Ganze für alle Zeit erledigen und gleichgültig machen. Und er nimmt keinen Dank dafür. Sie aber gehen erleichtert, abgekühlt und geklärt nach Hause. Und Sie wundern sich, was Sie an der Sache eben noch so süß verwirren konnte. Und für diesen kalten und eitlen Scharlatan wollen Sie sich ernsthaft einsetzen? Was ausgesprochen ist, so lautet sein Glaubensbekenntnis, ist erledigt. Ist die ganze Welt ausgesprochen, so ist sie erledigt, erlöst, abgetan… Sehr gut! Jedoch ich bin kein Nihilist…«

»Sie sind kein –«, sagte Lisaweta… Sie hielt gerade ihr Löffelchen mit Tee nahe am Mund und erstarrte in dieser Haltung.

»Nun ja… nun ja… kommen Sie zu sich, Lisaweta! Ich bin es nicht, sage ich Ihnen, was das lebendige Gefühl betrifft. Sehen Sie, der Literat versteht im Grunde nicht, dass das Leben vielleicht einfach weiterleben will. Er versteht nicht, dass es sich dafür nicht schämt, obwohl es doch ausgesprochen und ›erledigt‹ ist. Aber sieh da: Trotz aller Erlösung durch die Literatur sündigt es immer weiter drauflos. Denn in den Augen des Geistes ist alles Handeln Sünde…

»Ich bin am Ziel, Lisaweta. Hören Sie mich an. Ich liebe das Leben – das ist ein Geständnis. Nehmen Sie es und bewahren Sie es gut. Ich habe es noch niemandem gemacht. Man hat gesagt, man hat es sogar geschrieben und drucken lassen: Ich hasse das Leben. Oder ich fürchte es, verachte es, ekle mich davor. Ich habe das gern gehört, es hat mir geschmeichelt. Aber darum ist es nicht weniger falsch. Ich liebe das Leben… Sie lächeln, Lisaweta, und ich weiß, worüber. Aber ich bitte Sie sehr: Halten Sie das, was ich sage, nicht für Literatur! Denken Sie nicht an Cesare Borgia! Denken Sie nicht an irgendeine betrunkene Philosophie, die ihn als Helden feiert! Er bedeutet mir nichts, dieser Cesare Borgia, ich halte nicht das Geringste von ihm. Und ich werde nie und nimmer verstehen, wie man das Außerordentliche und Dämonische als Ideal verehren kann. Nein, das ›Leben‹ steht dem Geist und der Kunst als ewiger Gegensatz gegenüber. Es zeigt sich uns Ungewöhnlichen nicht als Traumbild von blutiger Größe und wilder Schönheit. Es zeigt sich uns nicht als das Ungewöhnliche. Nein, das Normale, Anständige und Liebenswerte ist das Reich unserer Sehnsucht. Es ist das Leben in seiner verführerischen Banalität! Der ist noch lange kein Künstler, meine Liebe, dessen letzte und tiefste Schwärmerei das Raffinierte, Exzentrische und Satanische ist. Er ist kein Künstler, wenn er die Sehnsucht nicht kennt nach dem Harmlosen, Einfachen und Lebendigen. Nach ein wenig Freundschaft, Hingabe, Vertrauen und menschlichem Glück. – Die heimliche und verzehrende Sehnsucht, Lisaweta, nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit!…

»Ein menschlicher Freund! Würden Sie mir glauben, dass es mich stolz und glücklich machen würde, unter Menschen einen Freund zu haben? Aber bis jetzt hatte ich nur Freunde unter Dämonen, Kobolden, tiefen Ungeheuern und Gespenstern, die stumm sind vor Erkenntnis. Das heißt: unter Literaten.

»Manchmal stehe ich auf irgendeinem Podium. Dann sitzen in einem Saal Menschen vor mir, die gekommen sind, um mir zuzuhören. Sehen Sie, dann geschieht es: Ich schaue mich im Publikum um, und ich beobachte mich dabei. Ich ertappe mich, wie ich heimlich im Saal umherspähe. Im Herzen habe ich dabei eine Frage. Wer ist es, der zu mir gekommen ist? Wessen Beifall und Dank kommt zu mir? Mit wem verbindet mich meine Kunst hier auf ideale Weise?… Ich finde nicht, was ich suche, Lisaweta. Ich finde die Herde und Gemeinde, die ich gut kenne. Es ist gleichsam eine Versammlung von ersten Christen. Leute mit ungeschickten Körpern und feinen Seelen. Leute, die immer hinfallen, sozusagen, Sie verstehen mich. Für sie ist die Poesie eine sanfte Rache am Leben. Immer nur Leidende, Sehnsüchtige und Arme. Und niemals jemand von den anderen, Lisaweta, den Blauäugigen, die den Geist nicht nötig haben!…

»Und wäre es nicht am Ende ein trauriger Mangel an Logik, sich zu freuen, wenn es anders wäre? Es ist unsinnig, das Leben zu lieben und es trotzdem mit allen Künsten auf seine Seite ziehen zu wollen. Unsinnig ist es, das Leben für die Feinheiten und Melancholien zu gewinnen, für den ganzen kranken Adel der Literatur. Das Reich der Kunst wird größer auf der Erde, und das Reich der Gesundheit und Unschuld wird kleiner. Man sollte das, was davon noch übrig ist, ganz sorgfältig bewahren. Und man sollte nicht Leute zur Poesie verführen, die viel lieber in Pferdebüchern mit Momentaufnahmen lesen!

»Denn schließlich – welcher Anblick wäre trauriger als das Leben, wenn es sich in der Kunst versucht? Wir Künstler verachten niemanden so gründlich wie den Dilettanten. Ich meine den Lebendigen, der glaubt, er könne nebenbei auch einmal ein Künstler sein. Glauben Sie mir, diese Art von Verachtung gehört zu meinen persönlichsten Erlebnissen. Ich bin in einer Gesellschaft in einem guten Haus. Man isst, trinkt und plaudert, man versteht sich bestens. Und ich bin froh und dankbar, dass ich eine Weile unter harmlosen, ordentlichen Leuten verschwinden kann. Ich bin dann einer von ihnen. Plötzlich (das ist mir wirklich passiert) steht ein Offizier auf, ein Leutnant. Er ist ein hübscher und strammer Mensch. Ich hätte ihm nie eine Handlung zugetraut, die seiner Uniform nicht würdig ist. Und er bittet mit klaren Worten um die Erlaubnis, uns einige Verse vorzutragen, die er gemacht hat. Man gibt ihm mit erschrockenem Lächeln diese Erlaubnis. Und er führt seinen Plan aus. Er hat einen Zettel bis dahin hinten in seinem Rock versteckt. Von diesem Zettel liest er seine Arbeit vor. Es ist etwas über die Musik und die Liebe, kurz: ebenso tief gefühlt wie wirkungslos. Nun frage ich aber jeden: ein Leutnant! Ein Herr der Welt! Er hätte es doch wirklich nicht nötig…! Nun, es folgt, was folgen muss. Lange Gesichter, Schweigen, ein wenig künstlicher Beifall und tiefstes Unbehagen ringsum. Das Erste, was ich in meiner Seele bemerke, ist dies: Ich fühle mich mitschuldig. Denn dieser unbedachte junge Mann hat die ganze Gesellschaft gestört. Und kein Zweifel: Auch mich treffen spöttische und fremde Blicke, denn er hat ja in meinem Handwerk gepfuscht. Das Zweite aber ist dies: Ich hatte eben noch den ehrlichsten Respekt vor diesem Menschen. Doch nun sinkt er in meinen Augen plötzlich, sinkt, sinkt… Ein mitleidiges Wohlwollen packt mich. Ich gehe zu ihm hin, wie einige andere mutige und gutmütige Herren, und rede ihm freundlich zu. ›Meinen Glückwunsch‹, sage ich, ›Herr Leutnant! Welch hübsche Begabung! Nein, das war allerliebst!‹ Und es fehlt nicht viel, dass ich ihm auf die Schulter klopfe. Aber ist Wohlwollen das Gefühl, das man einem Leutnant entgegenbringen soll?… Seine Schuld! Da stand er und büßte in großer Verlegenheit für seinen Irrtum. Er hatte geglaubt, man dürfe ein Blättchen vom Lorbeerbaum der Kunst pflücken, ein einziges. Und zwar, ohne mit seinem Leben dafür zu bezahlen. Nein, da halte ich es mit meinem Kollegen, dem kriminellen Bankier – –. Aber finden Sie nicht, Lisaweta, dass ich heute von einer hamletischen Redseligkeit bin?«

»Sind Sie nun fertig, Tonio Kröger?«

»Nein. Aber ich sage nichts mehr.«

»Es genügt auch. – Erwarten Sie eine Antwort?«

»Haben Sie eine?«

»Ich denke doch. – Ich habe Ihnen gut zugehört, Tonio, von Anfang bis Ende. Und ich will Ihnen die Antwort geben, die auf alles passt, was Sie heute Nachmittag gesagt haben. Sie ist die Lösung für das Problem, das Sie so sehr beunruhigt hat. Nun also! Die Lösung ist die, dass Sie, wie Sie da sitzen, ganz einfach ein Bürger sind.«

»Bin ich das?«, fragte er und sank ein wenig in sich zusammen…

»Nicht wahr, das trifft Sie hart, und das muss es ja auch. Und darum will ich das Urteil ein wenig mildern, denn das kann ich. Sie sind ein Bürger auf Irrwegen, Tonio Kröger – ein verirrter Bürger.«

– Schweigen. Dann stand er entschlossen auf und griff nach Hut und Stock.

»Ich danke Ihnen, Lisaweta Iwanowna. Nun kann ich beruhigt nach Hause gehen. *Ich bin erledigt.*«

### Glossar

- **die Staffelei**: ein Holzgestell, auf dem das Bild beim Malen steht
- **das Fixativ**: eine Flüssigkeit, die man auf Zeichnungen sprüht, damit sie halten
- **die gute Kinderstube**: eine gute Erziehung als Kind
- **die Pointe und Wirkung**: ein guter Höhepunkt in einem Text und der Effekt, den er macht
- **die entrückte Sphäre**: ein Bereich weit weg vom normalen Leben
- **geladen**: voller Spannung, mit vielen Gedanken, die heraus wollen
- **Batuschka**: russisch und freundlich: "kleiner Vater", ein liebevolles Wort für einen Mann
- **der Stümper / der Pfuscher**: jemand, der seine Arbeit schlecht macht
- **präparierte päpstliche Sänger**: Kastraten: Sänger im Chor des Papstes, die man früher operierte, damit ihre Stimme hoch blieb
- **der Fluch**: ein böser Wunsch, der Unglück bringt; ein schweres Schicksal
- **der Gaukler**: ein Künstler, der früher auf Märkten Tricks und Kunststücke zeigte
- **die Strafanstalt / das Zuchthaus**: das Gefängnis
- **der Dilettant**: ein Laie; jemand, der Kunst nur nebenbei und ohne echtes Können macht
- **der Erkenntnisekel**: man versteht etwas so genau, dass man davon krank und müde wird
- **der Scharlatan**: jemand, der so tut, als könnte er viel, und andere täuscht
- **die Wonnen der Gewöhnlichkeit**: das große Glück, ein ganz normaler Mensch zu sein
- **ein verirrter Bürger**: ein Bürger, der den falschen Weg gegangen ist (hier: in die Kunst)
- **erledigt**: fertig, abgeschlossen; auch: am Ende, besiegt

## V

Gegen den Herbst sagte Tonio Kröger zu Lisaweta Iwanowna:

»Ja, ich verreise nun, Lisaweta. Ich muss mich auslüften, ich mache mich fort, ich suche das Weite.«

»Nun, wie denn, Väterchen? Wollen der Herr wieder nach Italien fahren?«

»Gott, hören Sie mir doch auf mit Italien, Lisaweta! Italien ist mir so gleichgültig, dass ich es verachte! Es ist lange her, dass ich mir einbildete, ich gehöre dorthin. Kunst, nicht wahr? Ein Himmel blau wie Samt, heißer Wein und süße Sinnlichkeit… Kurz, ich mag das nicht. Ich verzichte. Die ganze bellezza macht mich nervös. Ich mag auch alle diese schrecklich lebhaften Menschen dort unten nicht, mit ihrem schwarzen Tierblick. Diese Romanen haben kein Gewissen in den Augen… Nein, ich fahre jetzt ein bisschen nach Dänemark.«

»Nach Dänemark?«

»Ja. Und ich erwarte mir Gutes davon. Durch Zufall bin ich noch nie dort hinaufgekommen. Dabei war ich in meiner ganzen Jugend der Grenze so nah. Und trotzdem habe ich das Land schon immer gekannt und geliebt. Diese Liebe zum Norden habe ich wohl von meinem Vater. Denn meine Mutter war eigentlich mehr für die bellezza, wenn ihr nicht gerade alles ganz egal war. Aber nehmen Sie die Bücher, die dort oben geschrieben werden, Lisaweta! Diese tiefen, reinen und humorvollen Bücher – für mich gibt es nichts Besseres, ich liebe sie. Nehmen Sie die skandinavischen Mahlzeiten, diese einzigartigen Mahlzeiten! Man verträgt sie nur in einer starken Salzluft. (Ich weiß nicht, ob ich sie überhaupt noch vertrage.) Ich kenne sie von zu Hause schon ein wenig, denn bei mir zu Hause isst man ganz genauso. Nehmen Sie auch nur die Namen, die Vornamen, mit denen die Leute dort oben geschmückt sind! Viele davon gibt es auch bei mir zu Hause. Ein Laut wie ›Ingeborg‹: Das ist wie ein Ton auf der Harfe, ganz reine, vollkommene Poesie. Und dann das Meer – sie haben die Ostsee dort oben!… Mit einem Wort, ich fahre hinauf, Lisaweta. Ich will die Ostsee wiedersehen. Ich will diese Vornamen wieder hören und diese Bücher an Ort und Stelle lesen. Ich will auch auf der Terrasse von Kronborg stehen. Dort kam der ›Geist‹ zu Hamlet und brachte Not und Tod über den armen, edlen jungen Menschen…«

»Wie fahren Sie, Tonio, wenn ich fragen darf? Welchen Weg nehmen Sie?«

»Den üblichen«, sagte er. Er zuckte mit den Schultern und wurde deutlich rot. »Ja, ich komme an meiner – an meinem Ausgangspunkt vorbei, Lisaweta, nach dreizehn Jahren. Und das kann ziemlich komisch werden.«

Sie lächelte.

»Das ist es, was ich hören wollte, Tonio Kröger. Also fahren Sie mit Gott. Und vergessen Sie nicht, mir zu schreiben, hören Sie? Ich erwarte einen Brief voller Erlebnisse von Ihrer Reise nach – Dänemark…«

### Glossar

- **Väterchen**: freundlich: "kleiner Vater", ein liebevolles Wort für einen Mann
- **sich auslüften**: frische Luft bekommen; hier: einmal weg von allem und frei werden
- **das Weite suchen**: weggehen, weit fort in die Welt
- **die Sinnlichkeit**: die Freude an allem, was die Sinne und den Körper angeht
- **die bellezza**: italienisch: die Schönheit
- **die Romanen (Pl.)**: Menschen aus Südeuropa, z. B. Italiener (nicht: Romane)
- **die Harfe**: ein großes Musikinstrument mit vielen Saiten, die man mit den Fingern zupft
- **der Geist**: hier: ein Gespenst, ein toter Mensch, der als Erscheinung zurückkommt
- **der Ausgangspunkt**: der Ort, von dem man losgegangen ist

## VI

Und Tonio Kröger fuhr nach Norden. Er reiste mit Komfort. Denn er sagte oft: Wer es innerlich viel schwerer hat als andere, darf außen ein wenig Komfort haben. Er machte keine Pause, bis die Türme der engen Stadt vor ihm in der grauen Luft standen. Von dieser Stadt war er einmal losgegangen. Dort blieb er kurz, und es wurde ein seltsamer Aufenthalt…

Ein grauer Nachmittag wurde schon zum Abend, als der Zug in die Bahnhofshalle fuhr. Sie war schmal und voller Rauch, und sie kam ihm so seltsam bekannt vor. Noch immer sammelte sich der Rauch unter dem schmutzigen Glasdach zu dicken Wolken. Er zog in langen Streifen hin und her, wie damals. Damals war Tonio Kröger von hier weggefahren, mit nichts als Spott im Herzen. – Er kümmerte sich um sein Gepäck und ließ es ins Hotel bringen. Dann verließ er den Bahnhof.

Draußen standen in einer Reihe die Droschken der Stadt: schwarz, mit zwei Pferden, unglaublich hoch und breit! Er nahm keine davon. Er sah sie nur an, so wie er alles ansah. Er sah die schmalen Giebel und die spitzen Türme, die ihn über die nächsten Dächer hinweg grüßten. Er sah die Menschen um sich herum: blond, lässig und ein wenig schwerfällig. Sie sprachen breit und doch schnell. Da stieg ein nervöses Lachen in ihm auf. Es war heimlich mit dem Weinen verwandt. – Er ging zu Fuß, und er ging langsam. Der feuchte Wind drückte ihm ohne Pause ins Gesicht. Er ging über die Brücke, an deren Geländer Statuen aus den alten Göttersagen standen. Dann ging er ein Stück am Hafen entlang.

Großer Gott, wie klein und winklig das alles aussah! Waren die schmalen Gassen mit ihren Giebeln all die Zeit so komisch steil zur Stadt hinaufgestiegen? Auf dem dunklen Fluss schaukelten die Schornsteine und Masten der Schiffe leise im Wind und in der Dämmerung. Sollte er jene Straße dort hinaufgehen? An ihr lag das Haus, an das er dachte. Nein, morgen. Er war jetzt so müde. Sein Kopf war schwer von der Fahrt. Langsame Gedanken zogen wie Nebel durch seinen Sinn.

Manchmal in diesen dreizehn Jahren hatte er einen Traum gehabt, wenn er sich den Magen verdorben hatte. Dann war er wieder zu Hause, in dem alten, hallenden Haus an der schrägen Gasse. Auch sein Vater war wieder da. Der Vater schimpfte hart mit ihm, weil er so wild und falsch lebte. Und Tonio hatte das jedes Mal ganz in Ordnung gefunden. Diese Gegenwart nun war genau wie einer dieser Träume. Solche Träume täuschen einen, und sie halten einen fest. Man fragt sich darin: Ist das Täuschung oder Wirklichkeit? Man kann nicht anders und entscheidet sich fest für die Wirklichkeit. Und doch wacht man am Ende auf… Er ging durch die windigen Straßen, in denen wenig Leben war. Er hielt den Kopf gegen den Wind gebeugt. Wie im Schlaf ging er in Richtung des Hotels. Es war das erste Hotel der Stadt, und dort wollte er übernachten. Vor ihm ging ein Mann mit krummen Beinen und dem wiegenden Gang eines Matrosen. Er trug eine Stange, an deren Spitze ein kleines Feuer brannte. Damit zündete er die Gaslaternen an.

Was war nur mit ihm? Was brannte da so dunkel und schmerzlich unter der Asche seiner Müdigkeit? Es wurde nicht zu einer klaren Flamme. Still, still, und kein Wort! Keine Worte! Er wäre gern noch lange so weitergegangen, im Wind durch die Gassen in der Dämmerung. Sie waren ihm so vertraut wie in einem Traum. Aber alles war so eng und nah beieinander. Gleich war man am Ziel.

In der oberen Stadt gab es helle elektrische Lampen, und eben gingen sie an. Da war das Hotel. Und da lagen die beiden schwarzen Löwen vor dem Haus. Als Kind hatte er Angst vor ihnen gehabt. Noch immer sahen sie einander an, als wollten sie gleich niesen. Aber sie schienen seit damals viel kleiner geworden zu sein. – Tonio Kröger ging zwischen ihnen hindurch.

Weil er zu Fuß kam, empfing man ihn ohne viel Feierlichkeit. Da war der Portier, und da war ein sehr feiner Herr in Schwarz. Dieser Herr begrüßte die Gäste. Dabei schob er immer wieder mit den kleinen Fingern seine Manschetten in die Ärmel zurück. Die beiden sahen Tonio prüfend an, vom Kopf bis zu den Stiefeln. Man sah deutlich, was sie wollten. Sie wollten wissen, welchen Platz er in der Gesellschaft und unter den Bürgern hatte. Und sie wollten wissen, wie viel Achtung er verdiente. Aber sie kamen zu keinem beruhigenden Ergebnis. Darum entschieden sie sich für eine mäßige Höflichkeit. Ein Kellner führte ihn zwei Treppen hinauf. Er war ein milder Mensch mit schmalen Backenbärten, blond wie Brot. Sein Frack glänzte vor Alter, und auf seinen lautlosen Schuhen saßen Rosetten. Das Zimmer war sauber und im alten Stil eingerichtet. Hinter dem Fenster sah man im Dämmerlicht ein malerisches Bild wie aus dem Mittelalter. Man sah Höfe, Giebel und die großen, seltsamen Formen der Kirche. Das Hotel lag nahe bei dieser Kirche. Tonio Kröger stand eine Weile vor diesem Fenster. Dann setzte er sich mit gekreuzten Armen auf das breite Sofa. Er zog die Brauen zusammen und pfiff leise vor sich hin.

Man brachte Licht, und sein Gepäck kam. Zur gleichen Zeit legte der milde Kellner das Formular für die Gäste auf den Tisch. Tonio Kröger neigte den Kopf zur Seite und malte etwas darauf. Es sah aus wie Name, Beruf und Herkunft. Dann bestellte er ein wenig Abendbrot. Von seiner Sofaecke aus sah er weiter ins Leere. Als das Essen vor ihm stand, ließ er es noch lange stehen. Endlich aß er ein paar Bissen. Dann ging er noch eine Stunde im Zimmer auf und ab. Manchmal blieb er dabei stehen und schloss die Augen. Dann zog er sich mit langsamen Bewegungen aus und ging ins Bett. Er schlief lange und hatte wirre, seltsam sehnsüchtige Träume. –

Als er aufwachte, war sein Zimmer voll von hellem Tageslicht. Verwirrt und hastig überlegte er, wo er war. Dann stand er auf, um die Vorhänge zu öffnen. Der Himmel hatte schon das etwas blasse Blau des Spätsommers. Dünne kleine Wolken zogen darüber, vom Wind zerzaust. Aber die Sonne schien über seiner Vaterstadt.

Er machte sich noch sorgfältiger zurecht als sonst. Er wusch und rasierte sich sehr gründlich. Er machte sich so frisch und sauber, als hätte er einen Besuch vor. Es war, als ginge er in ein gutes, korrektes Haus. Dort musste man einen hübschen und tadellosen Eindruck machen. Und während er sich anzog, horchte er auf das ängstliche Klopfen seines Herzens.

Wie hell es draußen war! Er hätte sich wohler gefühlt, wenn wie gestern Dämmerung in den Straßen gelegen hätte. Nun aber musste er im klaren Sonnenschein gehen, unter den Augen der Leute. Würde er Bekannte treffen? Würden sie ihn anhalten und fragen? Würde er erzählen müssen, wie er diese dreizehn Jahre verbracht hatte? Nein, Gott sei Dank, niemand kannte ihn mehr. Und wer sich an ihn erinnerte, würde ihn nicht erkennen. Denn er hatte sich inzwischen wirklich ein wenig verändert. Er sah sich aufmerksam im Spiegel an. Und plötzlich fühlte er sich sicherer hinter seiner Maske. Das war sein Gesicht, das früh von der Arbeit gezeichnet war. Es sah älter aus, als er war… Er ließ sich das Frühstück bringen. Dann ging er aus. Der Portier und der feine Herr in Schwarz sahen ihn prüfend an. Er ging durch die Eingangshalle und zwischen den beiden Löwen hindurch ins Freie.

Wohin ging er? Er wusste es kaum. Es war wie gestern. Er sah sich wieder von all den Giebeln, Türmchen, Bogengängen und Brunnen umgeben. Sie standen so seltsam würdig beieinander und waren ihm so tief vertraut. Er spürte wieder den Druck des Windes im Gesicht, des starken Windes. Der Wind brachte einen zarten, etwas bitteren Duft aus fernen Träumen mit. Und sofort legte sich etwas wie Schleier und Nebel um seine Sinne… Die Muskeln in seinem Gesicht entspannten sich. Mit einem still gewordenen Blick sah er Menschen und Dinge an. Vielleicht würde er dort, an jener Straßenecke, doch noch aufwachen…

Wohin ging er? Es schien ihm, als hätte sein Weg etwas mit seinen Träumen der Nacht zu tun. Sie waren traurig gewesen und seltsam voll Reue… Er ging zum Markt. Er ging unter den Bögen des Rathauses hindurch. Dort wogen Fleischer mit blutigen Händen ihre Ware. Dann kam er auf den Marktplatz. Dort stand der gotische Brunnen, hoch, spitz und aus vielen Teilen. Vor einem Haus blieb er stehen. Es war schmal und schlicht wie viele andere, mit einem geschwungenen, durchbrochenen Giebel. Er sah es lange an und vergaß alles um sich herum. Er las das Namensschild an der Tür. Er ließ seine Augen ein Weilchen auf jedem der Fenster ruhen. Dann drehte er sich langsam um und ging.

Wohin ging er? Nach Hause. Aber er machte einen Umweg. Er machte einen Spaziergang vor das Tor hinaus, denn er hatte Zeit. Er ging über den Mühlenwall und den Holstenwall. Er hielt seinen Hut fest, denn der Wind rauschte und knarrte in den Bäumen. Nicht weit vom Bahnhof verließ er die Wälle. Er sah einen Zug vorbeifahren, plump und eilig, mit Wolken von Dampf. Zum Zeitvertreib zählte er die Wagen. Er sah dem Mann nach, der ganz oben auf dem allerletzten Wagen saß. Aber am Lindenplatz blieb er vor einer der hübschen Villen stehen. Er sah lange in den Garten und zu den Fenstern hinauf. Am Ende kam er auf die Idee, die Gartenpforte in ihren Angeln hin und her zu schwingen. Sie quietschte laut. Dann betrachtete er eine Weile seine Hand. Sie war kalt und rostig geworden. Er ging weiter, durch das alte, untersetzte Tor und am Hafen entlang. Dann ging er die steile, windige Gasse hinauf zum Haus seiner Eltern.

Das Haus stand eng zwischen den Nachbarhäusern, und sein Giebel war höher als ihre. Es war grau und ernst wie seit dreihundert Jahren. Tonio Kröger las den frommen Spruch über dem Eingang. Die Buchstaben waren schon halb verwischt. Dann atmete er tief auf und ging hinein.

Sein Herz schlug ängstlich. Er ging an den Türen im Erdgeschoss vorbei. Er erwartete, dass sein Vater gleich aus einer dieser Türen kommen würde. Der Vater würde seinen Bürorock tragen und die Feder hinter dem Ohr. Er würde ihn anhalten und streng fragen, warum er so wild und ungewöhnlich lebte. Und Tonio hätte das ganz in Ordnung gefunden. Aber er kam ungestört vorbei. Die zweite Tür hinter der Haustür war nicht geschlossen, sondern nur angelehnt. Das fand er nicht richtig. Zugleich war ihm zumute wie in gewissen leichten Träumen. In solchen Träumen weichen die Hindernisse von selbst vor einem zur Seite. Man hat wunderbares Glück und kommt ohne Mühe immer weiter… Die weite Diele war mit großen, viereckigen Steinplatten belegt. Seine Schritte hallten darin wider. In der Küche war es still. Der Küche gegenüber ragten wie früher seltsame Holzkammern hoch oben aus der Wand. Sie waren grob, aber sauber lackiert. Das waren die Kammern der Mägde. Man kam nur über eine Art offene Treppe von der Diele zu ihnen hinauf. Aber die großen Schränke und die geschnitzte Truhe waren nicht mehr da. Früher hatten sie hier gestanden… Der Sohn des Hauses stieg die gewaltige Treppe hinauf. Er stützte die Hand auf das weiß lackierte, durchbrochene Holzgeländer. Bei jedem Schritt hob er die Hand hoch. Beim nächsten Schritt ließ er sie sanft wieder darauf sinken. Es war, als wollte er schüchtern etwas prüfen. Konnte er mit diesem alten, festen Geländer wieder so vertraut werden wie früher?… Aber auf dem Treppenabsatz blieb er stehen, vor dem Eingang zum Zwischengeschoss. An der Tür hing ein weißes Schild. Darauf stand in schwarzen Buchstaben: Volksbibliothek.

Volksbibliothek? dachte Tonio Kröger. Denn er fand, hier hatten weder das Volk noch die Literatur etwas zu suchen. Er klopfte an die Tür… Jemand rief laut »Herein«, und er folgte dem Ruf. Gespannt und finster blickte er auf eine Veränderung, die sich überhaupt nicht gehörte.

Das Geschoss war drei Zimmer tief, und die Türen zwischen den Zimmern standen offen. Die Wände waren fast bis oben mit Büchern bedeckt. Alle Bücher hatten den gleichen Einband. Sie standen in langen Reihen auf dunklen Regalen. In jedem Zimmer saß hinter einer Art Ladentisch ein armer Mensch und schrieb. Zwei von ihnen drehten nur die Köpfe nach Tonio Kröger um. Aber der erste stand eilig auf. Er stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch und schob den Kopf vor. Er spitzte die Lippen und zog die Brauen hoch. Mit eifrig zwinkernden Augen sah er den Besucher an…

»Verzeihung«, sagte Tonio Kröger. Er nahm dabei den Blick nicht von den vielen Büchern. »Ich bin hier fremd, ich sehe mir die Stadt an. Das ist also die Volksbibliothek? Würden Sie erlauben, dass ich mir die Sammlung ein wenig ansehe?«

»Gern!«, sagte der Beamte und zwinkerte noch heftiger… »Gewiss, das darf jeder. Sehen Sie sich nur um… Möchten Sie einen Katalog?«

»Danke«, antwortete Tonio Kröger. »Ich finde mich leicht zurecht.« Dann ging er langsam an den Wänden entlang. Er tat so, als ob er die Titel auf den Buchrücken studierte. Schließlich nahm er einen Band heraus, öffnete ihn und stellte sich damit ans Fenster.

Hier war das Frühstückszimmer gewesen. Hier hatte man morgens gefrühstückt, nicht oben im großen Esssaal. Dort oben traten weiße Statuen von Göttern aus der blauen Tapete hervor… Das Zimmer dort drüben war das Schlafzimmer gewesen. Dort war die Mutter seines Vaters gestorben. Sie war sehr alt gewesen und hatte einen schweren Todeskampf gehabt. Denn sie war eine Dame von Welt gewesen, die gern genoss, und sie hing am Leben. Und später hatte dort sein Vater selbst den letzten Seufzer getan. Das war der große, korrekte Herr mit der Feldblume im Knopfloch, ein wenig wehmütig und nachdenklich… Tonio hatte am Fußende seines Sterbebettes gesessen, mit heißen Augen. Er hatte sich ehrlich und ganz einem stummen, starken Gefühl hingegeben, der Liebe und dem Schmerz. Auch seine Mutter hatte am Bett gekniet, seine schöne, feurige Mutter. Sie hatte sich ganz in heißen Tränen aufgelöst. Danach war sie mit dem südlichen Künstler in blaue Fernen gezogen… Aber dort hinten war das kleinere, dritte Zimmer. Jetzt war es auch ganz mit Büchern gefüllt, und ein armer Mensch bewachte sie. Viele Jahre lang war es sein eigenes Zimmer gewesen. Dorthin war er nach der Schule heimgekommen, nach einem Spaziergang wie eben jetzt. An jener Wand hatte sein Tisch gestanden. In der Schublade hatte er seine ersten Verse aufbewahrt, innig und hilflos… Der Walnussbaum… Eine stechende Wehmut fuhr durch ihn hindurch. Er blickte seitwärts aus dem Fenster. Der Garten war wild und ungepflegt. Aber der alte Walnussbaum stand an seinem Platz. Er knarrte und rauschte schwer im Wind. Und Tonio Kröger ließ die Augen wieder auf das Buch in seinen Händen sinken. Es war ein hervorragendes Werk der Dichtung, und er kannte es gut. Er sah auf diese schwarzen Zeilen und Gruppen von Sätzen. Eine Weile folgte er dem kunstvollen Fluss des Textes. Er sah, wie der Text sich mit gestaltender Leidenschaft zu einer Pointe und Wirkung erhob. Und dann hörte er genau an der richtigen Stelle auf, mit großer Wirkung…

»Ja, das ist gut gemacht!«, sagte er. Er stellte das Buch zurück und drehte sich um. Da sah er, dass der Beamte immer noch aufrecht dastand. Er zwinkerte mit den Augen, halb eifrig im Dienst und halb nachdenklich und misstrauisch.

»Eine ausgezeichnete Sammlung, wie ich sehe«, sagte Tonio Kröger. »Ich habe schon einen Überblick bekommen. Ich bin Ihnen sehr dankbar. Adieu.« Dann ging er zur Tür hinaus. Aber es war ein zweifelhafter Abgang. Dieser Besuch machte den Beamten sehr unruhig. Tonio fühlte deutlich: Der Mann würde noch minutenlang dastehen und zwinkern.

Er hatte keine Lust, noch weiter in das Haus hineinzugehen. Er war zu Hause gewesen. Oben, in den großen Zimmern hinter der Säulenhalle, wohnten fremde Leute. Das sah er. Denn oben an der Treppe war jetzt eine Glastür, die früher nicht da gewesen war. Irgendein Namensschild war daran. Er ging fort, die Treppe hinunter und über die hallende Diele. So verließ er sein Elternhaus. In der Ecke eines Restaurants aß er eine schwere, fette Mahlzeit. Er war dabei ganz in sich gekehrt. Dann ging er zurück ins Hotel.

»Ich bin fertig«, sagte er zu dem feinen Herrn in Schwarz. »Ich reise heute Nachmittag.« Er bat um seine Rechnung und bestellte den Wagen. Der Wagen sollte ihn an den Hafen bringen, zum Dampfschiff nach Kopenhagen. Dann ging er auf sein Zimmer und setzte sich an den Tisch. Er saß still und aufrecht und stützte die Wange in die Hand. Mit Augen, die nichts sahen, blickte er auf die Tischplatte. Später bezahlte er seine Rechnung und machte seine Sachen bereit. Zur festgesetzten Zeit meldete man ihm den Wagen. Tonio Kröger ging fertig für die Reise hinunter.

Unten, am Fuß der Treppe, wartete der feine Herr in Schwarz auf ihn.

»Um Vergebung!«, sagte er und schob mit den kleinen Fingern seine Manschetten in die Ärmel zurück… »Verzeihen Sie, mein Herr, dass wir Sie noch eine Minute aufhalten müssen. Herr Seehaase, der Besitzer des Hotels, bittet Sie um ein kurzes Gespräch. Nur zwei Worte. Eine Formalität… Er ist dort hinten… Würden Sie bitte so freundlich sein und mit mir kommen… Es ist *nur* Herr Seehaase, der Besitzer des Hotels.«

Mit einladenden Bewegungen führte er Tonio Kröger nach hinten in die Eingangshalle. Dort stand wirklich Herr Seehaase. Tonio Kröger kannte ihn vom Sehen, aus alter Zeit. Er war klein und dick und hatte krumme Beine. Sein kurz geschnittener Backenbart war weiß geworden. Aber noch immer trug er eine weit ausgeschnittene Frackjacke. Dazu trug er ein kleines Mützchen aus Samt, das grün bestickt war. Er war übrigens nicht allein. An der Wand war ein kleines Brett zum Schreiben befestigt. Dort stand neben ihm ein Polizist, mit dem Helm auf dem Kopf. Auf dem Brett lag ein Papier, bunt beschrieben. Der Polizist hatte seine rechte Hand im Handschuh darauf gelegt. Er hatte ein ehrliches Soldatengesicht. Damit sah er Tonio Kröger entgegen. Er schien zu erwarten, dass Tonio bei seinem Anblick sofort im Boden versinken würde.

Tonio Kröger blickte von einem zum anderen und wartete einfach ab.

»Sie kommen von München?«, fragte endlich der Polizist. Er hatte eine gutmütige, schwerfällige Stimme.

Tonio Kröger sagte Ja.

»Sie reisen nach Kopenhagen?«

»Ja, ich bin auf der Reise in ein dänisches Seebad.«

»Seebad? – Ja, Sie müssen mal Ihre Papiere vorweisen«, sagte der Polizist. Das letzte Wort sprach er mit besonderer Zufriedenheit aus.

»Papiere…« Er hatte keine Papiere. Er zog seine Brieftasche heraus und sah hinein. Aber darin waren nur einige Geldscheine und die Korrektur einer Novelle. Diese Arbeit wollte er an seinem Reiseziel fertig machen. Er hatte nicht gern mit Beamten zu tun. Er hatte sich noch nie einen Pass ausstellen lassen…

»Es tut mir leid«, sagte er, »aber ich habe keine Papiere bei mir.«

»So?«, sagte der Polizist… »Gar keine? – Wie ist Ihr Name?«

Tonio Kröger antwortete ihm.

»Ist das auch wahr?!«, fragte der Polizist. Er streckte sich und öffnete plötzlich seine Nasenlöcher, so weit er konnte…

»Vollkommen wahr«, antwortete Tonio Kröger.

»Was sind Sie denn?«

Tonio Kröger schluckte und nannte mit fester Stimme seinen Beruf. – Herr Seehaase hob den Kopf und sah neugierig zu ihm hinauf in sein Gesicht.

»Hm!«, sagte der Polizist. »Und Sie geben an, nicht identisch zu sein mit einem Individium namens –« Er sagte »Individium«. Dann buchstabierte er von dem bunt beschriebenen Papier einen Namen. Es war ein sehr komplizierter und romantischer Name. Er schien abenteuerlich aus den Lauten verschiedener Völker gemischt. Tonio Kröger hatte ihn im nächsten Augenblick schon wieder vergessen. »– welcher«, sprach der Polizist weiter, »von unbekannten Eltern und unbestimmter Zuständigkeit ist? Und der wegen verschiedener Betrügereien und anderer Vergehen von der Münchner Polizei gesucht wird? Und der sich wahrscheinlich auf der Flucht nach Dänemark befindet?«

»Ich gebe das nicht nur an«, sagte Tonio Kröger und bewegte nervös die Schultern. – Das machte einen gewissen Eindruck.

»Wie? Ach so, na gewiss!«, sagte der Polizist. »Aber dass Sie auch gar nichts vorweisen können!«

Auch Herr Seehaase mischte sich ein. Er wollte die Sache beruhigen.

»Das Ganze ist eine Formalität«, sagte er, »nichts weiter! Sie müssen bedenken: Der Beamte tut nur seine Pflicht. Wenn Sie irgendwie zeigen könnten, wer Sie sind… Ein Papier…«

Alle schwiegen. Sollte er der Sache ein Ende machen? Sollte er sagen, wer er war? Er könnte Herrn Seehaase erklären: Er war kein Hochstapler von unbestimmter Zuständigkeit. Er war von Geburt kein Zigeuner im grünen Wagen. Er war der Sohn Konsul Krögers, aus der Familie der Kröger. Nein, er hatte keine Lust dazu. Und hatten diese Männer der bürgerlichen Ordnung im Grunde nicht ein wenig recht? In gewisser Weise war er ganz einverstanden mit ihnen… Er zuckte die Achseln und blieb stumm.

»Was haben Sie denn da?«, fragte der Polizist. »Da, in dem Porteföhch?«

»Hier? Nichts. Es ist eine Korrektur«, antwortete Tonio Kröger.

»Korrektur? Wieso? Lassen Sie mal sehen.«

Und Tonio Kröger gab ihm seine Arbeit. Der Polizist breitete die Blätter auf dem Brett aus und begann zu lesen. Auch Herr Seehaase kam näher und las mit. Tonio Kröger sah ihnen über die Schultern. Er wollte sehen, an welcher Stelle sie waren. Es war ein guter Moment, eine Pointe und Wirkung. Er hatte sie ausgezeichnet herausgearbeitet. Er war zufrieden mit sich.

»Sehen Sie!«, sagte er. »Da steht mein Name. Ich habe das geschrieben, und nun wird es veröffentlicht, verstehen Sie.«

»Nun, das genügt!«, sagte Herr Seehaase entschlossen. Er sammelte die Blätter schnell ein, faltete sie und gab sie ihm zurück. »Das muss genügen, Petersen!«, wiederholte er kurz. Dabei schloss er heimlich die Augen und schüttelte abwehrend den Kopf. »Wir dürfen den Herrn nicht länger aufhalten. Der Wagen wartet. Ich bitte sehr um Entschuldigung für die kleine Störung, mein Herr. Der Beamte hat ja nur seine Pflicht getan. Aber ich habe ihm sofort gesagt, dass er auf der falschen Spur ist…«

So? dachte Tonio Kröger.

Der Polizist schien nicht ganz einverstanden. Er sagte noch etwas von ›Individium‹ und ›vorweisen‹. Aber Herr Seehaase führte seinen Gast durch die Eingangshalle zurück. Dabei sagte er immer wieder, wie leid es ihm tat. Er brachte ihn zwischen den beiden Löwen hindurch zum Wagen. Er schloss selbst die Wagentür hinter ihm und zeigte ihm dabei seine Achtung. Und dann rollte die lächerlich hohe und breite Droschke die steilen Gassen hinab zum Hafen. Sie stolperte, klirrte und lärmte dabei…

Das war Tonio Krögers seltsamer Aufenthalt in seiner Vaterstadt.

### Glossar

- **die Droschke**: ein Wagen mit Pferden, den man mieten kann, wie ein Taxi
- **der Giebel**: der spitze obere Teil der Wand an einem alten Haus
- **knarren**: ein lautes Geräusch machen, wie altes Holz, wenn es sich bewegt
- **die Manschette**: der feste Rand am Ende eines Hemdärmels
- **die Diele**: die große Eingangshalle eines alten Hauses
- **zwinkern**: die Augen schnell auf- und zumachen
- **die Volksbibliothek**: eine öffentliche Bibliothek für alle Leute
- **die Pointe und Wirkung**: ein guter Höhepunkt in einem Text und der Effekt, den er macht
- **die Korrektur**: hier: der gedruckte Text, den der Autor vor dem Erscheinen noch einmal prüft
- **das Seebad**: ein Ort am Meer, wo man Ferien macht und im Meer badet
- **vorweisen**: zeigen, besonders ein Dokument
- **das Individuum ("Individium")**: eine Person (der Polizist spricht das Wort falsch aus)
- **unbestimmte Zuständigkeit**: man weiß nicht, wohin dieser Mensch amtlich gehört
- **der Hochstapler**: ein Betrüger, der so tut, als wäre er ein feiner, wichtiger Mann
- **kein Zigeuner im grünen Wagen**: alter Ausdruck (Mann um 1900): kein Mensch ohne Heimat und Ordnung, der herumzieht. Das Wort "Zigeuner" ist heute beleidigend; man sagt Sinti und Roma.
- **das Portefeuille ("Porteföhch")**: die Brieftasche (der Polizist spricht das Wort falsch aus)

## VII

Die Nacht kam, und schon stieg der Mond mit einem schwimmenden Silberglanz auf. Da erreichte Tonio Krögers Schiff das offene Meer. Er stand ganz vorn am Schiff und hatte seinen Mantel gegen den Wind fest um sich gezogen. Der Wind wurde immer stärker. Tonio blickte hinunter auf die Wellen. Sie waren stark und glatt wie Körper und wanderten und trieben dort unten im Dunkeln. Sie schwankten durcheinander und trafen klatschend aufeinander. Dann schossen sie in unerwartete Richtungen auseinander. Und plötzlich leuchteten sie weiß von Schaum auf…

Eine schaukelnde, still glückliche Stimmung erfüllte ihn. Er war ein wenig traurig gewesen, weil man ihn zu Hause als Hochstapler verhaften wollte. Ja, das hatte ihn traurig gemacht, obwohl er es in gewisser Weise in Ordnung gefunden hatte. Aber dann war er an Bord gegangen. Dort hatte er beim Verladen der Waren zugesehen, wie manchmal als Junge mit seinem Vater. Die Männer riefen dabei in einer Mischung aus Dänisch und Plattdeutsch. Mit den Waren füllten sie den tiefen Bauch des Dampfers. Außer Ballen und Kisten ließ man auch einen Eisbären und einen Königstiger hinunter. Sie saßen in Käfigen mit dicken Gittern. Sie kamen wohl aus Hamburg und sollten in eine Menagerie in Dänemark. Das alles hatte ihn abgelenkt. Dann war das Schiff zwischen den flachen Ufern den Fluss entlanggefahren. Dabei hatte er die Fragen von Polizist Petersen ganz und gar vergessen. Und alles, was vorher gewesen war, war wieder stark in seiner Seele geworden. Das waren seine süßen, traurigen Träume der Nacht voller Reue, sein Spaziergang und der Anblick des Walnussbaumes. Und nun öffnete sich das Meer. Er sah von fern den Strand. Dort hatte er als Junge den Sommerträumen des Meeres lauschen dürfen. Er sah das Leuchten des Leuchtturms und die Lichter des Kurhauses. Dort hatte er mit seinen Eltern gewohnt… Die Ostsee! Er lehnte den Kopf gegen den starken Salzwind. Der Wind kam frei und ohne Hindernis heran und hüllte seine Ohren ein. Er machte ihn leicht schwindlig, und sein Kopf wurde ein wenig schwer. Darin ging die Erinnerung an alles Böse unter, träge und selig. Er vergaß die Qual und die falschen Wege, das Wollen und das Mühen. Im Pfeifen, Klatschen, Schäumen und Stöhnen um ihn herum glaubte er etwas zu hören. Es war das Rauschen und Knarren des alten Walnussbaumes und das Quietschen einer Gartenpforte… Es wurde dunkler und dunkler.

»Die Sderne, Gott, sehen Sie doch bloß die Sderne an«, sagte plötzlich eine Stimme. Sie sprach schwerfällig und singend und schien aus dem Inneren einer Tonne zu kommen. Er kannte diese Stimme schon. Sie gehörte einem rotblonden, einfach gekleideten Mann. Er hatte rote Ränder um die Augen und sah feucht und kalt aus, als käme er gerade aus dem Bad. Beim Abendessen in der Kajüte hatte er neben Tonio Kröger gesessen. Mit scheuen, bescheidenen Bewegungen hatte er erstaunliche Mengen Hummer-Omelette gegessen. Nun lehnte er neben ihm an der Reling und sah zum Himmel hinauf. Dabei hielt er sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger fest. Ohne Zweifel war er in einer jener besonderen, feierlichen und nachdenklichen Stimmungen. In solchen Stimmungen fallen die Grenzen zwischen den Menschen. Dann öffnet sich das Herz auch Fremden. Und der Mund sagt Dinge, die er sonst aus Scham nie sagen würde…

»Sehen Sie, Herr, doch bloß die Sderne an. Da sdehen sie und leuchten, es ist, weiß Gott, der ganze Himmel voll. Und nun bitt' ich Sie: Man sieht hinauf und denkt daran, dass viele davon hundertmal größer sein sollen als die Erde. Wie fühlt man sich da? Wir Menschen haben den Telegrafen erfunden und das Telefon und so viele Fortschritte der modernen Zeit. Ja, das haben wir. Aber wenn wir da hinaufsehen, dann müssen wir doch erkennen und versdehen: Wir sind im Grunde Gewürm, elendes Gewürm und nichts weiter. Hab' ich recht oder unrecht, Herr? Ja, wir sind Gewürm!«, antwortete er sich selbst. Er nickte demütig und voll Reue zum Himmel hinauf.

Au… nein, der hat keine Literatur im Leibe! dachte Tonio Kröger. Und sofort fiel ihm etwas ein, das er vor Kurzem gelesen hatte. Es war ein Aufsatz von einem berühmten französischen Schriftsteller. Er handelte von der kosmologischen und der psychologischen Weltanschauung. Es war ein recht feines Gerede gewesen.

Er gab dem jungen Mann so etwas wie eine Antwort auf seine tief empfundene Bemerkung. Dann sprachen sie weiter miteinander. Sie lehnten sich über die Reling und blickten hinaus in den bewegten Abend, der unruhig hell war. Es stellte sich heraus, dass der Reisegefährte ein junger Kaufmann aus Hamburg war. Er nutzte seinen Urlaub für diese Vergnügungsreise…

»Sollst«, sagte er, »ein bisschen mit dem Steamer nach Kopenhagen fahren, denk' ich. Und da sdeh ich nun, und es ist ja so weit ganz schön. Aber das mit den Hummer-Omeletten, das war nicht richtig, Herr, das sollen Sie sehn. Denn die Nacht wird sdürmisch, das hat der Kapitän selbst gesagt. Und mit so einem schweren Essen im Magen ist das kein Sbaß…«

Tonio Kröger hörte all dieser offenen Dummheit mit einem heimlichen, freundschaftlichen Gefühl zu.

»Ja«, sagte er, »man isst hier oben überhaupt zu schwer. Das macht faul und wehmütig.«

»Wehmütig?«, wiederholte der junge Mann und sah ihn verwundert an… »Sie sind wohl fremd hier, Herr?«, fragte er plötzlich…

»Ach ja, ich komme von weit her!«, antwortete Tonio Kröger. Dabei machte er eine unklare, abwehrende Bewegung mit dem Arm.

»Aber Sie haben recht«, sagte der junge Mann. »Sie haben, weiß Gott, recht mit dem, was Sie von wehmütig sagen! Ich bin fast immer wehmütig. Aber besonders an solchen Abenden wie heute, wenn die Sderne am Himmel sdehn.« Und er stützte wieder sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger.

Sicher schreibt er Verse, dachte Tonio Kröger, tief und ehrlich empfundene Kaufmannsverse…

Der Abend ging weiter, und der Wind war jetzt so heftig, dass er beim Sprechen störte. Darum beschlossen sie, ein wenig zu schlafen. Sie wünschten einander gute Nacht.

Tonio Kröger legte sich in seiner Koje auf das schmale Bett. Aber er fand keine Ruhe. Der strenge Wind und sein bitterer Duft hatten ihn seltsam aufgeregt. Sein Herz war unruhig, als ob er ängstlich auf etwas Süßes wartete. Außerdem wurde ihm sehr übel. Denn das Schiff fuhr immer wieder einen steilen Wellenberg hinunter. Dann arbeitete die Schraube wie im Krampf außerhalb des Wassers, und alles zitterte. Er zog sich wieder ganz an und stieg hinauf ins Freie.

Wolken jagten am Mond vorbei. Das Meer tanzte. Es kamen keine runden, gleichmäßigen Wellen in Ordnung heran. Weit und breit war die See im blassen, unruhigen Licht zerrissen, geschlagen und wild bewegt. Sie leckte und sprang in spitzen Riesenzungen in die Höhe, die wie Flammen aussahen. Neben tiefen Löchern voller Schaum warf sie zackige, unglaubliche Formen auf. Es schien, als hätte sie die Kraft von riesigen Armen. Damit warf sie in wildem Spiel die Gischt in alle Lüfte. Das Schiff hatte eine schwere Fahrt. Es ging auf und ab, schwankte und stöhnte und kämpfte sich durch das Toben. Manchmal hörte man in seinem Inneren den Eisbären und den Tiger brüllen. Sie litten unter den hohen Wellen. Ein Mann in einem Regenmantel ging auf dem Deck hin und her. Er hatte die Kapuze über dem Kopf und eine Laterne um den Körper geschnallt. Er ging breitbeinig und hielt mühsam das Gleichgewicht. Aber dort hinten stand der junge Mann aus Hamburg, tief über die Reling gebeugt. Es ging ihm schlecht. Da sah er Tonio Kröger. »Gott«, sagte er mit hohler, zitternder Stimme, »sehen Sie doch bloß den Aufruhr der Elemente, Herr!« Aber dann wurde er unterbrochen und drehte sich schnell weg.

Tonio Kröger hielt sich an irgendeinem gespannten Seil fest. Er blickte hinaus in all diesen wilden Übermut. In ihm stieg ein Jubel auf. Es war ihm, als wäre der Jubel stark genug, um Sturm und Flut zu übertönen. Ein Lied an das Meer klang in ihm, voller Liebe und Begeisterung. Du meiner Jugend wilder Freund, so sind wir einmal noch vereint… Aber dann war das Gedicht zu Ende. Es wurde nicht fertig. Es wurde nicht rund geformt und nicht in Gelassenheit zu etwas Ganzem geschmiedet. Sein Herz lebte…

Lange stand er so. Dann legte er sich auf eine Bank am Kajütenhäuschen und blickte zum Himmel hinauf. Dort flackerten die Sterne. Er schlief sogar ein wenig ein. Und wenn ihm der kalte Schaum ins Gesicht spritzte, war es im Halbschlaf für ihn wie ein Streicheln.

Senkrechte Kreidefelsen kamen in Sicht und kamen näher. Sie sahen im Mondschein wie Gespenster aus. Das war Möen, die Insel. Und wieder schlief er ein wenig. Salzige Schauer aus Wassertropfen weckten ihn immer wieder. Sie bissen scharf ins Gesicht und machten sein Gesicht ganz starr… Als er ganz wach wurde, war es schon Tag. Es war ein hellgrauer, frischer Tag, und die grüne See war ruhiger. Beim Frühstück sah er den jungen Kaufmann wieder. Der wurde heftig rot, wahrscheinlich vor Scham. Er hatte ja im Dunkeln so poetische und peinliche Dinge gesagt. Mit allen fünf Fingern strich er seinen kleinen rötlichen Schnurrbart nach oben. Er rief Tonio einen scharfen Morgengruß zu, wie ein Soldat. Dann ging er ihm ängstlich aus dem Weg.

Und Tonio Kröger landete in Dänemark. Er kam in Kopenhagen an. Er gab jedem Trinkgeld, der so aussah, als hätte er ein Recht darauf. Drei Tage lang wanderte er von seinem Hotelzimmer aus durch die Stadt. Dabei trug er sein kleines Reisebuch aufgeschlagen vor sich her. Er benahm sich ganz wie ein besserer Fremder, der sein Wissen vermehren möchte. Er betrachtete des Königs Neumarkt und das ›Pferd‹ in seiner Mitte. Er blickte voll Achtung an den Säulen der Frauenkirche hinauf. Lange stand er vor Thorwaldsens edlen und lieblichen Figuren aus Stein. Er stieg auf den Runden Turm, besichtigte Schlösser und verbrachte zwei bunte Abende im Tivoli. Aber eigentlich war es nicht all das, was er sah.

Die Häuser sahen oft ganz aus wie die alten Häuser seiner Vaterstadt, mit geschwungenen, durchbrochenen Giebeln. An diesen Häusern sah er Namen, die er aus alten Tagen kannte. Die Namen schienen ihm etwas Zartes und Kostbares zu bedeuten. Und doch lag in ihnen auch etwas wie Vorwurf, Klage und Sehnsucht nach Verlorenem. Überall atmete er langsam und nachdenklich die feuchte Seeluft. Und überall sah er Augen, die so blau waren, und Haare, die so blond waren. Er sah Gesichter von genau der Art und Form, wie er sie in seinen Träumen gesehen hatte. Das waren die seltsam schmerzlichen Träume voller Reue, in der Nacht in seiner Vaterstadt. Es konnte geschehen, dass ihn auf offener Straße ein Blick, ein klingendes Wort, ein Lachen ganz tief im Innersten traf…

Er hielt es nicht lange in der lebhaften Stadt aus. Eine Unruhe bewegte ihn, süß und unvernünftig. Sie war halb Erinnerung und halb Erwartung. Dazu kam der Wunsch, irgendwo still am Strand zu liegen. Er wollte nicht mehr den eifrigen Touristen spielen, der sich überall umsieht. So ging er wieder an Bord eines Schiffes. An einem trüben Tag fuhr er nach Norden, die Küste von Seeland entlang nach Helsingör. Das Meer war schwarz. Von dort fuhr er sofort mit dem Wagen auf der Landstraße weiter. Die Fahrt dauerte noch drei Viertelstunden, immer ein wenig oberhalb des Meeres. Dann hielt er an seinem letzten und eigentlichen Ziel. Das war das kleine weiße Badehotel mit grünen Fensterläden. Es stand mitten zwischen niedrigen Häuschen. Es hatte einen Turm mit einem Dach aus Holz. Von dort blickte es auf den Sund und die schwedische Küste hinaus. Hier stieg er aus. Er nahm das helle Zimmer in Besitz, das man für ihn bereitgehalten hatte. Er füllte Regal und Schrank mit den Sachen, die er mitgebracht hatte. Und er machte sich bereit, hier eine Weile zu leben.

### Glossar

- **der Hochstapler**: ein Betrüger, der so tut, als wäre er ein feiner, wichtiger Mann
- **das Plattdeutsch**: eine alte Sprache, die man in Norddeutschland spricht
- **die Menagerie**: eine Sammlung wilder Tiere, ein kleiner Zoo
- **knarren**: ein lautes Geräusch machen, wie altes Holz, wenn es sich bewegt
- **die Kajüte**: ein Raum auf einem Schiff, zum Wohnen oder Essen
- **das Hummer-Omelette**: eine Speise aus Eiern mit Hummer; der Hummer ist ein großes Meerestier mit Scheren
- **die Reling**: das Geländer am Rand eines Schiffes
- **das Gewürm**: kleine Würmer; hier: der Mensch fühlt sich klein und wertlos
- **keine Literatur im Leibe haben**: ganz einfach und ehrlich sein, nichts aus Büchern nachsprechen
- **kosmologisch**: es geht um das Weltall und seine Ordnung
- **der Steamer**: englisch für Dampfschiff; der Kaufmann benutzt dieses Wort
- **wehmütig**: leise traurig, mit Sehnsucht nach etwas Vergangenem
- **die Koje**: ein schmales Bett auf einem Schiff
- **die Schraube**: hier: der Propeller, der das Schiff im Wasser antreibt
- **die Gischt**: feine Wassertropfen und Schaum von den Wellen
- **der Sund**: die Meerenge zwischen Dänemark und Schweden

## VIII

Schon rückte der September vor. In Aalsgaard waren nicht mehr viele Gäste. Man aß in dem großen Esssaal im Erdgeschoss. Er hatte eine Decke mit Holzbalken, und seine hohen Fenster gingen auf die Glasveranda und das Meer hinaus. Bei den Mahlzeiten saß die Wirtin oben am Tisch. Sie war eine ältere Frau, die nie geheiratet hatte. Sie hatte weißes Haar, farblose Augen und zart rote Wangen. Ihre Stimme war hoch und unsicher, wie die Stimme eines kleinen Vogels. Immer versuchte sie, ihre roten Hände möglichst hübsch auf das Tischtuch zu legen.

Dann war ein alter Herr mit kurzem Hals da. Er hatte einen eisgrauen Bart wie ein Seemann und ein dunkles, fast blaues Gesicht. Er war ein Fischhändler aus der Hauptstadt und sprach Deutsch. Er schien ganz verstopft zu sein, und es sah aus, als ob er leicht einen Schlaganfall bekommen könnte. Denn er atmete kurz und stoßweise. Ab und zu hob er den Zeigefinger mit dem Ring an ein Nasenloch. Er drückte es zu und atmete kräftig durch das andere, um ein wenig Luft zu bekommen. Trotzdem trank er immer wieder aus der Flasche Aquavit. Sie stand beim Frühstück, beim Mittagessen und beim Abendessen vor ihm.

Sonst waren nur noch drei große amerikanische junge Männer da, mit ihrem Gouverneur oder Hauslehrer. Der Hauslehrer schob schweigend an seiner Brille herum. Den ganzen Tag spielte er mit ihnen Fußball. Die jungen Männer trugen ihr rotgelbes Haar in der Mitte geteilt. Ihre Gesichter waren lang und bewegten sich nicht.

»Please give me the wurst-things there!« sagte der eine.

»That's not wurst, that's schinken!« sagte ein anderer.

Das war alles, was sie und der Hauslehrer zur Unterhaltung beitrugen. Sonst saßen sie still da und tranken heißes Wasser.

Tonio Kröger hätte sich keine andere Gesellschaft am Tisch gewünscht. Er genoss seinen Frieden. Er hörte auf die dänischen Laute, die tief aus der Kehle kamen, und auf die hellen und dunklen Klänge. In dieser Sprache unterhielten sich manchmal der Fischhändler und die Wirtin. Hin und wieder sagte Tonio Kröger zu dem Fischhändler etwas Einfaches darüber, was das Barometer zeigte. Dann stand er auf und ging durch die Veranda wieder hinunter an den Strand. Dort hatte er schon lange Morgenstunden verbracht.

Manchmal war es dort still und sommerlich. Das Meer lag träge und glatt da, in blauen, flaschengrünen und hellroten Streifen. Darüber spielten helle, silberne Lichter. Das Seegras trocknete in der Sonne zu Heu, und die Quallen lagen da und trockneten langsam aus. Die Luft war ein wenig faulig, und man konnte auch den Teer des Fischerbootes riechen. An dieses Boot lehnte Tonio Kröger seinen Rücken, während er im Sand saß. Er saß so, dass er den offenen Horizont vor Augen hatte und nicht die schwedische Küste. Aber der leise Atem des Meeres wehte rein und frisch über alles hin.

Und es kamen graue, stürmische Tage. Die Wellen senkten die Köpfe wie Stiere, die mit den Hörnern stoßen wollen. Wütend rannten sie gegen den Strand. Das Wasser lief weit hinauf. Der Strand war mit nass glänzendem Seegras, mit Muscheln und mit Holz bedeckt, das das Meer gebracht hatte. Zwischen den langen Hügeln der Wellen lagen die Täler, blassgrün und voll Schaum, unter dem grauen Himmel. Aber dort, wo hinter den Wolken die Sonne stand, lag auf dem Wasser ein weißlicher Glanz wie von Samt.

Tonio Kröger stand mitten im Wind und im lauten Rauschen. Er war ganz verloren in diesen ewigen, schweren Lärm, der ihn fast taub machte. Er liebte ihn so sehr. Wenn er sich umdrehte und fortging, war es plötzlich ganz ruhig und warm um ihn. Aber er wusste, dass das Meer hinter ihm war. Es rief, es lockte und es grüßte. Und er lächelte.

Er ging ins Land hinein, auf Wegen durch die Wiesen, durch die Einsamkeit. Bald nahm ihn ein Buchenwald auf, der sich hügelig weit über die Gegend zog. Er setzte sich ins Moos und lehnte sich an einen Baum. Von dort konnte er zwischen den Stämmen einen Streifen des Meeres sehen. Manchmal trug der Wind das Rauschen der Wellen am Strand zu ihm. Es klang, als ob in der Ferne Bretter aufeinanderfallen. Über den Bäumen schrien die Krähen, heiser, öde und verloren… Er hielt ein Buch auf den Knien, aber er las nicht eine Zeile darin. Er genoss ein tiefes Vergessen. Es war, als ob er befreit über Raum und Zeit schwebte. Nur manchmal ging ein Schmerz durch sein Herz. Es war ein kurzes, stechendes Gefühl von Sehnsucht oder Reue. Er war zu träge und zu sehr in Gedanken verloren, um zu fragen, wie es hieß und woher es kam.

So vergingen viele Tage. Er hätte nicht sagen können, wie viele, und er wollte es auch nicht wissen. Dann aber kam ein Tag, an dem etwas geschah. Es geschah, während die Sonne am Himmel stand und Menschen dabei waren. Und Tonio Kröger war nicht einmal besonders erstaunt darüber.

Schon der Anfang dieses Tages war festlich und wunderschön. Tonio Kröger wachte sehr früh und ganz plötzlich auf. Mit einem leisen, unbestimmten Schrecken fuhr er aus dem Schlaf hoch. Er glaubte, in ein Wunder zu blicken, in ein Zauberlicht wie im Märchen. Sein Zimmer hatte eine Glastür und einen Balkon zum Sund hin. Ein dünner, weißer Vorhang teilte es in einen Wohnraum und einen Schlafraum. Die Tapeten hatten zarte Farben, und die Möbel waren leicht und hell. Darum sah das Zimmer immer hell und freundlich aus. Aber jetzt sahen seine verschlafenen Augen es in einem Glanz, der nicht von dieser Welt schien. Alles war ganz in ein unbeschreiblich liebliches, duftiges, rosa Licht getaucht. Es machte die Wände und die Möbel golden. Der dünne Vorhang glühte in einem milden Rot… Lange begriff Tonio Kröger nicht, was geschah. Aber als er vor der Glastür stand und hinaussah, sah er es: Die Sonne ging auf.

Mehrere Tage lang war es grau und regnerisch gewesen. Jetzt aber spannte sich der Himmel klar über Meer und Land. Er schimmerte wie straffe, blassblaue Seide. Feierlich stieg die Sonne über das helle, leicht bewegte Meer. Wolken zogen vor ihr und um sie herum, rot und golden von innen beleuchtet. Das Meer schien unter ihr zu zittern und zu glühen… So fing der Tag an. Verwirrt und glücklich zog Tonio Kröger sich schnell an. Er frühstückte vor allen anderen unten in der Veranda. Danach schwamm er von dem kleinen hölzernen Badehäuschen aus ein Stück in den Sund hinaus. Dann ging er stundenlang am Strand entlang.

Als er zurückkam, standen mehrere Wagen vor dem Hotel, die wie Omnibusse aussahen. Vom Esssaal aus sah er viele Menschen im Gesellschaftszimmer nebenan, wo das Klavier stand. Auch in der Veranda und auf der Terrasse davor saßen viele Leute. Sie waren einfach gekleidet, wie kleine Bürger. Sie saßen an runden Tischen, aßen Butterbrot, tranken Bier und unterhielten sich lebhaft. Es waren ganze Familien, ältere und junge Leute, und sogar ein paar Kinder.

Dann gab es das zweite Frühstück. Der Tisch war schwer beladen mit kalten Speisen, mit Geräuchertem, Gesalzenem und Gebackenem. Dabei fragte Tonio Kröger, was hier los sei.

»Gäste!« sagte der Fischhändler. »Ausflügler und Ballgäste aus Helsingör! Ja, Gott soll uns helfen, diese Nacht werden wir nicht schlafen können! Es wird Tanz geben, Tanz und Musik. Und man muss fürchten, dass das lange dauert. Es ist ein Familientreffen, ein Ausflug aufs Land mit Wiedersehensfeier. Kurz gesagt, ein Vereinsfest oder so etwas. Und sie genießen den schönen Tag. Sie sind mit dem Boot und mit dem Wagen gekommen, und jetzt frühstücken sie. Später fahren sie noch weiter über Land. Aber am Abend kommen sie wieder, und dann wird hier im Saal getanzt. Ja, verdammt und verflucht, wir werden kein Auge zumachen…«

»Das ist eine hübsche Abwechslung«, sagte Tonio Kröger.

Danach sprach man lange nichts mehr. Die Wirtin ordnete ihre roten Finger. Der Fischhändler atmete kräftig durch das rechte Nasenloch, um ein wenig Luft zu bekommen. Und die Amerikaner tranken heißes Wasser und machten lange Gesichter dazu.

Da geschah auf einmal dies: *Hans Hansen und Ingeborg Holm gingen durch den Saal.* –

Tonio Kröger lehnte im Stuhl. Er war angenehm müde nach dem Bad und seinem schnellen Spaziergang. Er aß geräucherten Lachs auf geröstetem Brot. Er saß mit dem Gesicht zur Veranda und zum Meer. Plötzlich ging die Tür auf, und die beiden kamen Hand in Hand herein. Sie gingen langsam und ohne Eile. Ingeborg, die blonde Inge, trug helle Kleidung, wie früher in der Tanzstunde bei Herrn Knaak. Ihr leichtes Kleid mit Blumenmuster reichte ihr nur bis zu den Knöcheln. Um die Schultern trug sie einen breiten, weißen Kragen aus zartem Stoff, der vorn spitz zulief. Ihren Hut trug sie an den zusammengeknoteten Bändern über dem einen Arm. Sie war vielleicht ein klein wenig erwachsener als früher. Ihren wunderbaren Zopf trug sie jetzt um den Kopf gelegt. Aber Hans Hansen war ganz wie immer. Er trug seine Seemannsjacke mit den goldenen Knöpfen. Darüber lag auf Schultern und Rücken der breite, blaue Kragen. Die Matrosenmütze mit den kurzen Bändern hielt er in der herabhängenden Hand. Sorglos bewegte er sie hin und her. Ingeborg hielt ihre schmalen Augen zur Seite gewandt. Vielleicht schämte sie sich ein wenig vor den Leuten, die beim Essen saßen und sie ansahen. Hans Hansen aber drehte den Kopf gerade zum Frühstückstisch hin, gegen alle Welt. Mit seinen stahlblauen Augen sah er einen nach dem anderen an. Sein Blick war herausfordernd und fast ein wenig verächtlich. Er ließ sogar Ingeborgs Hand los und bewegte seine Mütze noch heftiger hin und her. Er wollte zeigen, was für ein Mann er war. So gingen die beiden an Tonio Krögers Augen vorbei, und hinter ihnen lag still und blau das Meer. Sie gingen durch den ganzen langen Saal. Dann verschwanden sie durch die Tür auf der anderen Seite im Klavierzimmer.

Das geschah um halb zwölf Uhr vormittags. Die Hotelgäste saßen noch beim Frühstück, als die Gesellschaft nebenan und in der Veranda aufbrach. Niemand von ihnen kam noch in den Esssaal. Sie verließen das Hotel durch den Seiteneingang. Man hörte, wie sie draußen mit Scherzen und Lachen in die Wagen stiegen. Ein Wagen nach dem anderen fuhr knirschend auf der Landstraße los und rollte davon…

»Sie kommen also wieder?« fragte Tonio Kröger…

»Das tun sie!« sagte der Fischhändler. »Und Gott sei's geklagt. Sie haben Musik bestellt, müssen Sie wissen. Und ich schlafe hier über dem Saal.«

»Das ist eine hübsche Abwechslung«, sagte Tonio Kröger noch einmal. Dann stand er auf und ging fort.

Er verbrachte den Tag wie die anderen Tage, am Strand und im Wald. Er hielt ein Buch auf den Knien und blinzelte in die Sonne. Er hatte nur einen einzigen Gedanken. Sie würden wiederkommen und im Saal tanzen, wie es der Fischhändler versprochen hatte. Und er tat nichts, als sich darauf zu freuen. Es war eine ängstliche und süße Freude. So eine Freude hatte er in langen, toten Jahren nicht mehr gefühlt. Einmal dachte er kurz an einen fernen Bekannten, durch irgendeine Verbindung der Gedanken. Es war Adalbert, der Novellist. Der wusste, was er wollte, und war ins Kaffeehaus gegangen, um der Frühlingsluft zu entgehen. Und Tonio Kröger hob über ihn nur kurz die Schultern…

Das Mittagessen gab es früher als sonst, und auch das Abendessen nahm man früher ein. Das Abendessen gab es im Klavierzimmer, weil im Saal schon alles für den Ball vorbereitet wurde. So festlich war alles durcheinandergebracht. Dann wurde es dunkel. Tonio Kröger saß in seinem Zimmer, und auf der Landstraße und im Haus wurde es wieder lebendig. Die Ausflügler kamen zurück. Aus der Richtung von Helsingör kamen sogar noch neue Gäste, mit dem Fahrrad und mit dem Wagen. Schon hörte man unten im Haus, wie eine Geige gestimmt wurde. Eine Klarinette übte mit näselndem Ton schnelle Läufe… Alles versprach, dass es ein glänzendes Ballfest werden würde.

Nun begann das kleine Orchester mit einem Marsch. Leise und in festem Takt klang er herauf. Man eröffnete den Tanz mit einer Polonäse. Tonio Kröger saß noch eine Weile still da und hörte zu. Aber dann hörte er, wie der Marsch in einen Walzer überging. Da stand er auf und schlich ohne ein Geräusch aus seinem Zimmer.

Von seinem Korridor führte eine Nebentreppe zum Seiteneingang des Hotels. Von dort kam man in die Glasveranda, ohne durch ein Zimmer gehen zu müssen. Diesen Weg nahm er, leise und heimlich, als wäre er auf verbotenen Wegen. Vorsichtig tastete er sich durch das Dunkel. Die Musik zog ihn an, und er konnte nicht widerstehen. Es war eine dumme Musik, die sich selig hin und her wiegte. Ihre Klänge kamen jetzt schon klar und laut zu ihm.

Die Veranda war leer und dunkel. Aber die Glastür zum Saal stand offen. Im Saal leuchteten hell die beiden großen Petroleumlampen mit ihren blanken Spiegeln. Auf leisen Sohlen schlich er sich zu der Tür. Er durfte hier im Dunkeln stehen und ungesehen die beobachten, die im Licht tanzten. Das war ein heimliches Vergnügen, wie für einen Dieb, und es ließ ihm die Haut kribbeln. Schnell und voller Ungeduld suchte er mit den Augen nach den beiden…

Die Fröhlichkeit des Festes schien schon ganz frei und groß zu sein. Dabei hatte das Fest erst vor kaum einer halben Stunde begonnen. Aber die Leute waren ja schon warm und lebhaft hierhergekommen. Sie hatten den ganzen Tag zusammen verbracht, sorglos, gemeinsam und glücklich. Wenn Tonio Kröger sich ein wenig weiter nach vorn wagte, konnte er ins Klavierzimmer sehen. Dort saßen mehrere ältere Herren beim Kartenspiel zusammen, rauchten und tranken. Andere saßen bei ihren Ehefrauen vorn auf den Polsterstühlen und an den Wänden des Saales. Sie sahen dem Tanz zu. Dabei stützten sie die Hände auf die gespreizten Knie. Mit einem zufriedenen, wohlhabenden Gesicht bliesen sie die Backen auf. Die Mütter trugen kleine Hüte oben auf dem Kopf. Sie legten die Hände unter der Brust zusammen. Mit seitwärts geneigten Köpfen schauten sie in das Durcheinander der jungen Leute.

An einer langen Wand des Saales hatte man ein Podium gebaut. Dort taten die Musikanten ihr Bestes. Es gab sogar eine Trompete. Sie spielte zögernd und vorsichtig, als hätte sie Angst vor ihrer eigenen Stimme. Trotzdem brach ihre Stimme immer wieder und überschlug sich… Die Paare bewegten sich wie Wellen und drehten sich umeinander. Andere gingen Arm in Arm durch den Saal. Niemand trug Ballkleidung. Alle waren nur so angezogen wie an einem Sommersonntag, den man im Freien verbringt. Die jungen Herren trugen Anzüge mit einfachem, kleinstädtischem Schnitt. Man sah den Anzügen an, dass sie die ganze Woche geschont wurden. Die jungen Mädchen trugen helle, leichte Kleider mit kleinen Sträußen von Feldblumen daran. Auch ein paar Kinder waren im Saal. Sie tanzten miteinander auf ihre eigene Art, sogar wenn die Musik Pause machte.

Ein langbeiniger Mensch schien der Festordner und Kommandeur des Balles zu sein. Er trug einen kleinen Frack, der hinten wie ein Schwalbenschwanz aussah. Er war ein Provinzlöwe mit Monokel und gelocktem Haar. Vielleicht war er ein Postadjunkt oder etwas Ähnliches. Er war wie die komische Figur aus einem dänischen Roman, die lebendig geworden war. Er war eilig, er schwitzte und er war mit ganzer Seele bei der Sache. Er war überall zugleich. Übereifrig lief er mit kleinen, wackelnden Bewegungen durch den Saal. Dabei trat er kunstvoll zuerst mit den Zehenspitzen auf. Er trug glatte, spitze Militärstiefel. Seine Füße setzte er auf eine komplizierte Art über Kreuz. Er schwang die Arme in der Luft, gab Anweisungen, rief nach Musik und klatschte in die Hände. Auf seiner Schulter war eine große, bunte Schleife befestigt, als Zeichen seines Amtes. Manchmal drehte er liebevoll den Kopf nach ihr. Und bei allem, was er tat, flatterten ihre Bänder hinter ihm her.

Ja, sie waren da, die beiden, die heute im Sonnenlicht an Tonio Kröger vorbeigegangen waren. Er sah sie wieder, fast im selben Augenblick, und erschrak vor Freude. Hier stand Hans Hansen, ganz nahe bei ihm, direkt an der Tür. Er stand mit breiten Beinen da und war ein wenig nach vorn gebeugt. Langsam und in Ruhe aß er ein großes Stück Sandtorte. Dabei hielt er die hohle Hand unter das Kinn, um die Krümel aufzufangen. Und dort an der Wand saß Ingeborg Holm, die blonde Inge. Gerade lief der Adjunkt eifrig zu ihr hin. Er wollte sie mit einer feinen Verbeugung zum Tanz auffordern. Dabei legte er eine Hand auf den Rücken und schob die andere elegant vorn in seinen Frack. Aber sie schüttelte den Kopf. Sie zeigte ihm, dass sie zu sehr außer Atem war und sich ein wenig ausruhen musste. Da setzte sich der Adjunkt neben sie.

Tonio Kröger sah sie an, die beiden, um die er vor langer Zeit Liebe gelitten hatte: Hans und Ingeborg. Sie waren es nicht so sehr wegen einzelner Merkmale oder wegen der ähnlichen Kleidung. Sie waren es, weil sie zu derselben Art und zu demselben Typus gehörten. Es war diese helle, blonde Art mit stahlblauen Augen. Sie ließ an Reinheit und Heiterkeit denken, an eine klare Ruhe ohne Sorgen. Und an eine Zurückhaltung, die zugleich stolz und einfach war und die man nicht berühren konnte… Er sah sie an. Er sah, wie Hans Hansen in seinem Matrosenanzug dastand, so keck und gut gewachsen wie immer, mit breiten Schultern. Er sah, wie Ingeborg auf eine gewisse übermütige Art lachte und den Kopf zur Seite warf. Er sah, wie sie auf eine gewisse Art ihre Hand zum Hinterkopf hob. Es war eine gar nicht besonders schmale, gar nicht besonders feine Kleinmädchenhand. Dabei glitt der leichte Ärmel von ihrem Ellenbogen zurück. Und plötzlich erschütterte das Heimweh seine Brust mit großem Schmerz. Ohne es zu wollen, ging er weiter ins Dunkel zurück. Niemand sollte sehen, wie sich sein Gesicht verzog.

Hatte ich euch vergessen? fragte er. Nein, niemals! Nicht dich, Hans, und nicht dich, blonde Inge! Ihr wart es ja, für die ich gearbeitet habe. Und wenn ich Applaus hörte, sah ich mich heimlich um, ob ihr auch dabei wart… Hast du nun den ›*Don Carlos*‹ gelesen, Hans Hansen? Du hast es mir an eurer Gartenpforte versprochen. Tu es nicht! Ich verlange es nicht mehr von dir. Was geht dich der König an, der weint, weil er einsam ist? Du sollst deine hellen Augen nicht dunkel und dumm vom Träumen machen. Du sollst nicht in Verse und Melancholie starren… Zu sein wie du! Noch einmal anfangen und aufwachsen wie du: ehrlich, fröhlich und einfach. Ordentlich und richtig, im Einverständnis mit Gott und der Welt. Geliebt werden von den Harmlosen und Glücklichen. Dich heiraten, Ingeborg Holm, und einen Sohn haben wie du, Hans Hansen. Frei vom Fluch der Erkenntnis und von der Qual des Schaffens leben. Leben, lieben und loben, in seliger Gewöhnlichkeit!… Noch einmal anfangen? Aber es würde nichts helfen. Es würde wieder so werden. Alles würde wieder so kommen, wie es gekommen ist. Denn manche Menschen gehen notwendig in die Irre, weil es für sie einen richtigen Weg überhaupt nicht gibt.

Nun schwieg die Musik. Es war Pause, und es gab Erfrischungen. Der Adjunkt eilte selbst mit einem Tablett voll Heringssalat herum und bediente die Damen. Vor Ingeborg Holm ließ er sich sogar auf ein Knie nieder, als er ihr das Schälchen reichte. Und sie wurde rot vor Freude darüber.

Im Saal begann man jetzt doch, auf den Zuschauer an der Glastür aufmerksam zu werden. Aus hübschen, heißen Gesichtern trafen ihn fremde, fragende Blicke. Aber er blieb trotzdem an seinem Platz. Auch Ingeborg und Hans streiften ihn fast zur gleichen Zeit mit den Augen. Sie taten es mit jener vollkommenen Gleichgültigkeit, die fast wie Verachtung aussieht. Plötzlich aber merkte er, dass von irgendwoher ein Blick zu ihm kam und auf ihm ruhte… Er drehte den Kopf. Sofort trafen seine Augen die Augen, deren Berührung er gefühlt hatte. Nicht weit von ihm stand ein Mädchen mit einem blassen, schmalen und feinen Gesicht. Er hatte es schon früher bemerkt. Sie hatte nicht viel getanzt, denn die jungen Herren hatten sich nicht besonders um sie bemüht. Er hatte sie allein an der Wand sitzen sehen, mit bitter geschlossenen Lippen. Auch jetzt stand sie allein. Sie war hell und leicht gekleidet wie die anderen. Aber ihre Schultern waren spitz und mager. Ihr dünner Hals steckte so tief zwischen diesen armen Schultern, dass das stille Mädchen fast ein wenig schief gewachsen aussah. Sie trug dünne Handschuhe, die die Finger frei ließen. Ihre Hände hielt sie vor sich, so dass die Fingerspitzen sich leicht berührten. Mit gesenktem Kopf sah sie von unten zu Tonio Kröger herauf, mit schwarzen, feucht glänzenden Augen. Er wandte sich ab…

Hier, ganz nahe bei ihm, saßen Hans und Ingeborg. Er hatte sich zu ihr gesetzt, und vielleicht war sie seine Schwester. Um sie herum saßen andere junge Leute mit roten Wangen. Sie aßen und tranken, plauderten und hatten Spaß. Mit hellen Stimmen riefen sie sich Scherze zu und lachten laut in die Luft. Konnte er nicht ein wenig näher zu ihnen gehen? Konnte er nicht zu ihm oder zu ihr ein lustiges Wort sagen, das ihm einfiel? Darauf müssten sie ihm doch wenigstens mit einem Lächeln antworten. Das würde ihn glücklich machen, er sehnte sich danach. Dann würde er zufriedener in sein Zimmer zurückgehen. Er würde wissen, dass er eine kleine Gemeinschaft mit den beiden hergestellt hatte. Er dachte sich aus, was er sagen könnte. Aber er fand nicht den Mut, es zu sagen. Und es war ja auch wie immer: Sie würden ihn nicht verstehen. Sie würden erstaunt und fremd auf das hören, was er zu sagen hatte. Denn ihre Sprache war nicht seine Sprache.

Nun sollte der Tanz wohl von neuem beginnen. Der Adjunkt wurde sehr tätig. Er eilte herum und forderte alle auf, sich einen Partner zu suchen. Mit Hilfe des Kellners räumte er Stühle und Gläser aus dem Weg. Er gab den Musikern Befehle. Einzelne ungeschickte Leute wussten nicht, wohin. Die schob er an den Schultern vor sich her. Was hatte man vor? Immer vier Paare bildeten zusammen ein Karree… Eine schreckliche Erinnerung machte Tonio Kröger rot. Man tanzte Quadrille.

Die Musik begann, und die Paare gingen mit Verbeugungen durcheinander. Der Adjunkt kommandierte. Bei Gott, er kommandierte auf Französisch! Und die französischen Nasenlaute sprach er unvergleichlich vornehm aus. Ingeborg Holm tanzte direkt vor Tonio Kröger, in dem Karree gleich an der Glastür. Sie bewegte sich vor ihm hin und her, vorwärts und rückwärts, schreitend und drehend. Manchmal erreichte ihn ein Duft von ihrem Haar oder von dem zarten Stoff ihres Kleides. Dann schloss er die Augen. Es war ein Gefühl, das er seit jeher so gut kannte. Seinen Duft und seinen bitteren Reiz hatte er in all diesen letzten Tagen leise gespürt. Und nun erfüllte es ihn wieder ganz mit seiner süßen Not. Was war es nur? Sehnsucht? Zärtlichkeit? Neid? Verachtung für sich selbst?… Moulinet des dames! Lachtest du, blonde Inge, lachtest du mich aus, als ich moulinet tanzte und mich so jämmerlich blamierte? Und würdest du heute noch lachen, jetzt, wo ich doch so etwas wie ein berühmter Mann geworden bin? Ja, das würdest du, und du hättest dreimal recht damit! Und wenn ich ganz allein die neun Symphonien geschaffen hätte? Und ›*Die Welt als Wille und Vorstellung*‹ und ›*Das Jüngste Gericht*‹? Du hättest trotzdem für immer recht, zu lachen…

Er sah sie an, und ihm fiel eine Verszeile ein. Er hatte lange nicht mehr an sie gedacht, und doch war sie ihm so vertraut und so nah. Sie hieß: »Ich möchte schlafen, aber du musst tanzen.« Aus dieser Zeile sprach eine schwere, nordische, melancholische Art zu fühlen, innig und ungeschickt zugleich. Er kannte sie so gut. Schlafen… Sich danach sehnen, einfach und ganz für das Gefühl leben zu dürfen. Für ein Gefühl, das süß und träge in sich selbst ruht und nicht zur Tat und zum Tanz werden muss. Und trotzdem tanzen müssen! Schnell und wach den schweren, schweren und gefährlichen Messertanz der Kunst tanzen müssen. Und dabei nie ganz vergessen, wie demütigend und unsinnig es war: dass man tanzen musste, während man liebte…

Auf einmal geriet das Ganze in eine wilde, ausgelassene Bewegung. Die Karrees hatten sich aufgelöst. Alle sprangen und glitten durcheinander. Man beendete die Quadrille mit einem Galopp. Die Paare flogen im rasend schnellen Takt der Musik an Tonio Kröger vorbei. Sie hüpften, hasteten und überholten einander, mit kurzem, atemlosem Lachen. Ein Paar kam heran, mitgerissen von der allgemeinen Jagd, kreischend und vorwärtsstürmend. Das Mädchen hatte ein blasses, feines Gesicht und magere, zu hohe Schultern. Und plötzlich, direkt vor ihm, gab es ein Stolpern, Rutschen und Stürzen… Das blasse Mädchen fiel hin. Sie fiel so hart und heftig, dass es fast gefährlich aussah. Und mit ihr fiel ihr Tänzer. Er musste sich sehr wehgetan haben, denn er vergaß seine Tänzerin ganz. Er richtete sich nur halb auf und rieb sich mit verzogenem Gesicht die Knie. Das Mädchen lag immer noch am Boden. Sie schien von dem Sturz ganz betäubt zu sein. Da trat Tonio Kröger vor, fasste sie vorsichtig an den Armen und hob sie auf. Erschöpft, verwirrt und unglücklich sah sie zu ihm hoch. Und plötzlich wurde ihr zartes Gesicht ein wenig rot.

»Tak! O, mange Tak!« sagte sie. Sie sah von unten zu ihm herauf, mit dunklen, feucht glänzenden Augen.

»Sie sollten nicht mehr tanzen, Fräulein«, sagte er sanft. Dann sah er sich noch einmal nach *ihnen* um, nach Hans und Ingeborg. Und er ging fort. Er verließ die Veranda und den Ball und ging hinauf in sein Zimmer.

Er war wie berauscht von dem Fest, bei dem er nicht dabei gewesen war. Und er war müde vor Eifersucht. Wie früher, ganz wie früher war es gewesen! Mit heißem Gesicht hatte er an einer dunklen Stelle gestanden. Er hatte Schmerzen gelitten um euch, ihr Blonden, Lebendigen, Glücklichen. Und dann war er allein fortgegangen. Jemand müsste jetzt kommen! Ingeborg müsste jetzt kommen! Sie müsste merken, dass er fort war, und ihm heimlich folgen. Sie müsste ihm die Hand auf die Schulter legen und sagen: Komm herein zu uns! Sei froh! Ich liebe dich!… Aber sie kam keines Weges. Dergleichen geschah nicht. Ja, wie damals war es, und er war glücklich wie damals. Denn sein Herz lebte. Was aber war gewesen in all der Zeit, in der er das geworden war, was er jetzt war? – Starre; Leere; Eis; und Geist! Und Kunst!…

Er zog sich aus, legte sich ins Bett und löschte das Licht. Er flüsterte zwei Namen in das Kissen. Es waren diese paar keuschen, nordischen Silben. Für ihn bedeuteten sie seine eigentliche, ursprüngliche Art zu lieben, zu leiden und glücklich zu sein. Sie bedeuteten das Leben, das einfache und innige Gefühl, die Heimat. Er blickte zurück auf die Jahre von damals bis heute. Er dachte an die wilden Abenteuer der Sinne, der Nerven und der Gedanken, die er erlebt hatte. Er sah sich selbst: zerfressen von Ironie und Geist, leer und gelähmt von Erkenntnis. Halb zerstört von den Fiebern und den Kälteschauern des Schaffens. Ohne Halt und mit schlechtem Gewissen zwischen krassen Extremen hin und her geworfen, zwischen Heiligkeit und Brunst. Raffiniert, arm geworden, erschöpft von kalten, künstlich ausgesuchten Erregungen. Verirrt, verwüstet, gequält, krank. – Und er schluchzte vor Reue und Heimweh.

Um ihn war es still und dunkel. Aber von unten klang leise und wiegend der süße, gewöhnliche Dreitakt des Lebens zu ihm herauf.

### Glossar

- **die Wirtin**: die Frau, die das Hotel führt
- **der Aquavit**: ein starker Schnaps aus Skandinavien
- **der Gouverneur oder Hauslehrer**: ein Lehrer, der Kinder einer Familie privat unterrichtet und begleitet
- **das zweite Frühstück**: eine kleine Mahlzeit am späten Vormittag
- **die Ausflügler**: Leute, die einen Ausflug machen
- **Gott sei's geklagt**: leider; man klagt darüber
- **die Polonäse**: ein feierlicher Tanz am Anfang eines Balls, die Paare gehen hintereinander
- **die Petroleumlampe**: eine alte Lampe, die mit Öl brennt
- **der Provinzlöwe**: ein Mann aus einer kleinen Stadt, der sich für sehr elegant und wichtig hält
- **der Postadjunkt / der Adjunkt**: ein junger Beamter bei der Post
- **die Sandtorte**: ein einfacher, trockener Kuchen
- **der Galopp**: ein sehr schneller Tanz
- **Tak! O, mange Tak!**: dänisch: Danke! Oh, vielen Dank!
- **Aber sie kam keines Weges. Dergleichen geschah nicht.**: Aber sie kam überhaupt nicht. So etwas passierte nicht.
- **die Brunst**: starke, wilde körperliche Lust
- **der Dreitakt**: der Rhythmus des Walzers (eins-zwei-drei)

## IX

Tonio Kröger saß im Norden und schrieb an Lisaweta Iwanowna, seine Freundin. So hatte er es ihr versprochen.

Liebe Lisaweta dort unten in Arkadien, wohin ich bald zurückkehren werde, schrieb er. Hier ist nun also so etwas wie ein Brief. Aber er wird Sie wohl enttäuschen, denn ich möchte ihn ein wenig allgemein halten. Nicht, dass ich gar nichts zu erzählen hätte. Ich habe auf meine Art schon dies und das erlebt. Zu Hause, in meiner Vaterstadt, wollte man mich sogar verhaften… aber davon sollen Sie hören, wenn wir uns sehen. Ich habe jetzt manchmal Tage, an denen ich lieber auf gute Art etwas Allgemeines sage. Das ist mir dann lieber, als Geschichten zu erzählen.

Wissen Sie noch, Lisaweta, dass Sie mich einmal einen Bürger, einen verirrten Bürger nannten? Sie nannten mich so in einer Stunde, in der ich Ihnen etwas gestand. Vorher waren mir schon andere Geständnisse herausgerutscht, und sie hatten mich weitergeführt. Da gestand ich Ihnen meine Liebe zu dem, was ich das ›Leben‹ nenne. Und ich frage mich, ob Sie wussten, wie sehr Sie damit die Wahrheit trafen. Wie sehr mein Bürgertum und meine Liebe zum ›Leben‹ ein und dasselbe sind. Diese Reise hat mir Anlass gegeben, darüber nachzudenken…

Mein Vater, wissen Sie, war ein nordisches Temperament. Er war nachdenklich und gründlich, aus strenger, frommer Moral korrekt, und er neigte zur Wehmut. Meine Mutter hatte Blut aus einem unbestimmten, fremden, fernen Land. Sie war schön, sinnlich und naiv, zugleich leichtsinnig und leidenschaftlich. Und sie hatte eine impulsive Liederlichkeit. Ohne jeden Zweifel war das eine Mischung mit außerordentlichen Möglichkeiten – und mit außerordentlichen Gefahren. Herausgekommen ist dies: ein Bürger, der sich in die Kunst verirrte. Ein Bohemien mit Heimweh nach der guten Kinderstube. Ein Künstler mit schlechtem Gewissen. Denn es ist ja mein bürgerliches Gewissen, das mich so sehen lässt. In allem Künstlertum, in allem Außerordentlichen und in allem Genie sehe ich etwas tief Zweideutiges. Ich sehe darin etwas tief Verdächtiges, tief Zweifelhaftes. Und dieses Gewissen erfüllt mich mit dieser verliebten Schwäche für das Einfache, Treuherzige und angenehm Normale. Für das, was kein Genie hat und anständig ist.

Ich stehe zwischen zwei Welten. In keiner bin ich zu Hause, und darum habe ich es ein wenig schwer. Ihr Künstler nennt mich einen Bürger, und die Bürger sind versucht, mich zu verhaften… Ich weiß nicht, was von beidem mich bitterer kränkt. Die Bürger sind dumm. Aber ihr, die ihr die Schönheit anbetet, nennt mich träge und ohne Sehnsucht. Ihr solltet bedenken: Es gibt ein Künstlertum, das so tief ist, so sehr von Anfang an und vom Schicksal bestimmt. Diesem Künstlertum scheint keine Sehnsucht süßer und mehr wert, gefühlt zu werden, als die nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit.

Ich bewundere die Stolzen und Kalten. Sie gehen auf den Wegen der großen, der dämonischen Schönheit auf Abenteuer und verachten den ›Menschen‹ – aber ich beneide sie nicht. Kann irgendetwas aus einem Literaten einen Dichter machen? Dann ist es diese meine Bürgerliebe zum Menschlichen, Lebendigen und Gewöhnlichen. Alle Wärme, alle Güte, aller Humor kommen aus ihr. Und fast scheint es mir, als wäre sie jene Liebe selbst, von der geschrieben steht. Einer könnte mit Menschen- und Engelszungen reden. Aber ohne sie wäre er doch nur ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.

Was ich getan habe, ist nichts, nicht viel, so gut wie nichts. Ich werde Besseres machen, Lisaweta – das ist ein Versprechen. Während ich schreibe, rauscht das Meer zu mir herauf, und ich schließe die Augen. Ich schaue in eine Welt hinein, die noch nicht geboren ist und nur aus Schatten besteht. Sie will geordnet und geformt werden. Ich sehe viele Schatten von menschlichen Gestalten, die sich durcheinander bewegen. Sie winken mir, dass ich sie festhalte und erlöse. Es sind tragische und lächerliche, und solche, die beides zugleich sind – und diese habe ich sehr gern. Aber meine tiefste und heimlichste Liebe gehört den Blonden und Blauäugigen, den hellen Lebendigen, den Glücklichen, Liebenswürdigen und Gewöhnlichen.

Schelten Sie diese Liebe nicht, Lisaweta; sie ist gut und fruchtbar. Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.

### Glossar

- **Arkadien**: ein Traumland, in dem alle glücklich sind (hier ironisch für München)
- **ein verirrter Bürger**: ein Bürger, der den falschen Weg gegangen ist (hier: in die Kunst)
- **die Liederlichkeit**: Unordnung, ein Leben ohne Moral und Ordnung
- **der Bohemien**: ein Künstler, der frei und ohne bürgerliche Ordnung lebt
- **die gute Kinderstube**: eine gute Erziehung als Kind
- **die Wonnen der Gewöhnlichkeit**: das große Glück, ein ganz normaler Mensch zu sein
- **der Literat**: ein Schriftsteller, der kühl und mit dem Verstand schreibt
- **der Dichter**: ein Schriftsteller, ein Poet, der mit Wärme und Gefühl schreibt
- **ein tönendes Erz und eine klingende Schelle**: aus der Bibel: etwas, das nur laut klingt, aber ohne Liebe leer ist
- **schelten**: schimpfen, mit jemandem böse sein
- **schwermütig**: tief traurig
- **keusch**: rein, unschuldig
- **die Seligkeit**: ein sehr großes, tiefes Glück
