Casanovas Heimfahrt
Casanova war in seinem dreiundfünfzigsten Lebensjahr. Die Abenteuerlust der Jugend trieb ihn schon lange nicht mehr durch die Welt. Jetzt jagte ihn die Unruhe des nahenden Alters. In dieser Zeit spürte er in seiner Seele das Heimweh nach seiner Vaterstadt Venedig immer stärker. Es wurde so stark, dass er begann, die Stadt in immer engeren Kreisen zu umkreisen. Er war wie ein Vogel, der aus großen Höhen langsam nach unten sinkt, um zu sterben.
In den letzten zehn Jahren seiner Verbannung hatte er schon öfter Gesuche an den Hohen Rat geschrieben. Darin hatte er gebeten, nach Hause zurückkehren zu dürfen. In solchen Schreiben war er ein Meister. Früher hatten Trotz und Eigensinn seine Feder geführt. Manchmal war es auch ein grimmiges Vergnügen an der Arbeit selbst gewesen. Doch seit einiger Zeit klangen seine Worte fast bescheiden und bittend. Immer deutlicher sprachen aus ihnen eine schmerzliche Sehnsucht und echte Reue.
Er glaubte, dass man seine Bitte diesmal erfüllen würde. Denn die Sünden seiner früheren Jahre gerieten langsam in Vergessenheit. Die Ratsherren von Venedig fanden übrigens nicht sein zügelloses Leben am schlimmsten. Auch nicht seine Lust am Streit oder seine Betrügereien, die meistens eher lustig gewesen waren. Am wenigsten verzeihen konnten sie ihm seine Freigeisterei. Doch jetzt sprach man vor allem über eine andere Geschichte: seine wunderbare Flucht aus den Bleikammern von Venedig. Er hatte sie unzählige Male erzählt. Er hatte sie an den Höfen von Fürsten und in den Schlössern von Adligen erzählt. Er hatte sie an den Tischen von Bürgern und in Häusern mit schlechtem Ruf erzählt. Diese Geschichte begann nun alles andere zu übertönen, was man über ihn redete. Er war jetzt seit zwei Monaten in Mantua. Gerade wieder hatten ihm mächtige Herren dorthin Briefe geschrieben. Der Abenteurer verlor langsam seinen Glanz, innen wie außen. Doch die Herren machten ihm Hoffnung, dass über sein Schicksal bald günstig entschieden würde.
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Casanova hatte nur noch wenig Geld. Deshalb wollte er die Begnadigung in einem bescheidenen, aber anständigen Gasthof abwarten. Dort hatte er schon einmal in glücklicheren Jahren gewohnt. Inzwischen vertrieb er sich die Zeit. Es gab dabei auch weniger geistige Vergnügungen, auf die er nicht ganz verzichten konnte. Von ihnen soll hier nicht die Rede sein. Hauptsächlich aber schrieb er an einer Streitschrift gegen den Lästerer Voltaire. Gleich nach seiner Rückkehr nach Venedig wollte er sie veröffentlichen. So wollte er seine Stellung und seinen Ruf bei allen Gutgesinnten in Venedig für immer sichern.
Eines Morgens ging er außerhalb der Stadt spazieren. Er suchte gerade die letzte, beste Form für einen vernichtenden Satz gegen den gottlosen Franzosen. Da überfiel ihn plötzlich eine außergewöhnliche Unruhe. Sie tat fast körperlich weh. Er führte sein Leben nun schon seit drei Monaten so, aus lästiger Gewohnheit. Da waren die Morgenwanderungen vor dem Tor hinaus ins Land. Da waren die kleinen Spielabende beim angeblichen Baron Perotti und seiner Geliebten, die viele kleine Narben im Gesicht hatte. Da waren die Zärtlichkeiten seiner Wirtin, die nicht mehr ganz jung, aber feurig war. Sogar die Beschäftigung mit den Werken Voltaires gehörte dazu. Und auch die Arbeit an seiner eigenen kühnen Antwort, die ihm bisher nicht schlecht gelungen schien. All das erschien ihm plötzlich sinnlos und widerlich, in der milden, allzu süßen Luft dieses Spätsommermorgens. Er murmelte einen Fluch vor sich hin. Dabei wusste er nicht recht, wen oder was er damit treffen wollte. Er hielt den Griff seines Degens ganz fest. Feindselig blickte er nach allen Seiten, als ob ihn unsichtbare Augen aus der Einsamkeit verspotteten. Dann drehte er plötzlich um und ging zurück zur Stadt. Noch in derselben Stunde wollte er seine sofortige Abreise vorbereiten. Denn er war sicher: Es würde ihm sofort besser gehen, wenn er nur einige Meilen näher an der Heimat war, nach der er sich so sehnte. Er ging schneller, um rechtzeitig einen Platz in der Eilpost zu bekommen. Sie fuhr vor Sonnenuntergang nach Osten ab. Sonst hatte er kaum etwas zu tun. Einen Abschiedsbesuch beim Baron Perotti konnte er sich wohl sparen. Und eine halbe Stunde reichte ihm völlig, um alle seine Sachen für die Reise einzupacken.
Er dachte an seine zwei Anzüge, die schon etwas alt waren. Den schlechteren davon trug er gerade am Leib. Er dachte an seine Wäsche, die einmal fein gewesen und jetzt an vielen Stellen repariert war. Dazu kamen ein paar Dosen, eine goldene Kette mit einer Uhr und eine Anzahl Bücher. Das war sein ganzer Besitz. Er erinnerte sich an vergangene Tage. Damals war er als vornehmer Mann in einem prächtigen Reisewagen durch die Länder gefahren. Er hatte reichlich alles dabeigehabt, was man brauchte und was man nicht brauchte. Oft hatte er auch einen Diener gehabt. Der war allerdings meistens ein Gauner gewesen. Bei diesen Gedanken trieb ihm hilflose Wut die Tränen in die Augen.
Eine junge Frau mit einer Peitsche in der Hand fuhr mit einem kleinen Wagen an ihm vorbei. Im Wagen lag ihr betrunkener Mann zwischen Säcken und allerlei Hausrat und schnarchte. Casanova ging mit langen Beinen unter den Kastanienbäumen der Landstraße dahin. Die Bäume waren schon verblüht. Sein Gesicht war verzerrt, und er murmelte unverständliche Worte durch die Zähne. Die Frau sah ihm zuerst neugierig und spöttisch ins Gesicht. Er erwiderte ihren Blick zornig, mit blitzenden Augen. Da wurden ihre Augen erschrocken. Und als sie sich beim Weiterfahren nach ihm umdrehte, lag schließlich ein gefälliger, lüsterner Ausdruck in ihnen. Casanova wusste genau: Wut und Hass lassen einen Menschen länger jung aussehen als Sanftheit und Zärtlichkeit. Er erkannte sofort, dass ein einziger frecher Ruf genügt hätte. Dann hätte der Wagen gehalten, und er hätte mit der jungen Frau machen können, was er wollte. Diese Erkenntnis besserte seine Laune für den Augenblick. Doch so ein kleines Abenteuer schien ihm nicht der Mühe wert. Er wollte dafür nicht einmal ein paar Minuten verlieren. So ließ er den Bauernwagen mit seinen Insassen in Ruhe weiterknarren, im Staub und Dunst der Landstraße.
Die Sonne stieg höher. Der Schatten der Bäume nahm ihr nur wenig von ihrer brennenden Kraft. Casanova musste nach und nach langsamer gehen. Der Staub der Straße lag so dicht auf seinem Anzug und seinen Schuhen, dass man nicht mehr sah, wie alt und getragen sie waren. Nach Kleidung und Haltung konnte man Casanova leicht für einen vornehmen Herrn halten. Es sah aus, als hätte er nur Lust gehabt, seine Kutsche einmal zu Hause zu lassen.