# Casanovas Heimfahrt (Ausgabe B1)

*Arthur Schnitzler*

## Casanovas Heimfahrt

Casanova war in seinem dreiundfünfzigsten Lebensjahr. Die Abenteuerlust der Jugend trieb ihn schon lange nicht mehr durch die Welt. Jetzt jagte ihn die Unruhe des nahenden Alters. In dieser Zeit spürte er in seiner Seele das Heimweh nach seiner Vaterstadt Venedig immer stärker. Es wurde so stark, dass er begann, die Stadt in immer engeren Kreisen zu umkreisen. Er war wie ein Vogel, der aus großen Höhen langsam nach unten sinkt, um zu sterben.

In den letzten zehn Jahren seiner Verbannung hatte er schon öfter Gesuche an den Hohen Rat geschrieben. Darin hatte er gebeten, nach Hause zurückkehren zu dürfen. In solchen Schreiben war er ein Meister. Früher hatten Trotz und Eigensinn seine Feder geführt. Manchmal war es auch ein grimmiges Vergnügen an der Arbeit selbst gewesen. Doch seit einiger Zeit klangen seine Worte fast bescheiden und bittend. Immer deutlicher sprachen aus ihnen eine schmerzliche Sehnsucht und echte Reue.

Er glaubte, dass man seine Bitte diesmal erfüllen würde. Denn die Sünden seiner früheren Jahre gerieten langsam in Vergessenheit. Die Ratsherren von Venedig fanden übrigens nicht sein zügelloses Leben am schlimmsten. Auch nicht seine Lust am Streit oder seine Betrügereien, die meistens eher lustig gewesen waren. Am wenigsten verzeihen konnten sie ihm seine Freigeisterei. Doch jetzt sprach man vor allem über eine andere Geschichte: seine wunderbare Flucht aus den Bleikammern von Venedig. Er hatte sie unzählige Male erzählt. Er hatte sie an den Höfen von Fürsten und in den Schlössern von Adligen erzählt. Er hatte sie an den Tischen von Bürgern und in Häusern mit schlechtem Ruf erzählt. Diese Geschichte begann nun alles andere zu übertönen, was man über ihn redete. Er war jetzt seit zwei Monaten in Mantua. Gerade wieder hatten ihm mächtige Herren dorthin Briefe geschrieben. Der Abenteurer verlor langsam seinen Glanz, innen wie außen. Doch die Herren machten ihm Hoffnung, dass über sein Schicksal bald günstig entschieden würde.

Casanova hatte nur noch wenig Geld. Deshalb wollte er die Begnadigung in einem bescheidenen, aber anständigen Gasthof abwarten. Dort hatte er schon einmal in glücklicheren Jahren gewohnt. Inzwischen vertrieb er sich die Zeit. Es gab dabei auch weniger geistige Vergnügungen, auf die er nicht ganz verzichten konnte. Von ihnen soll hier nicht die Rede sein. Hauptsächlich aber schrieb er an einer Streitschrift gegen den Lästerer Voltaire. Gleich nach seiner Rückkehr nach Venedig wollte er sie veröffentlichen. So wollte er seine Stellung und seinen Ruf bei allen Gutgesinnten in Venedig für immer sichern.

Eines Morgens ging er außerhalb der Stadt spazieren. Er suchte gerade die letzte, beste Form für einen vernichtenden Satz gegen den gottlosen Franzosen. Da überfiel ihn plötzlich eine außergewöhnliche Unruhe. Sie tat fast körperlich weh. Er führte sein Leben nun schon seit drei Monaten so, aus lästiger Gewohnheit. Da waren die Morgenwanderungen vor dem Tor hinaus ins Land. Da waren die kleinen Spielabende beim angeblichen Baron Perotti und seiner Geliebten, die viele kleine Narben im Gesicht hatte. Da waren die Zärtlichkeiten seiner Wirtin, die nicht mehr ganz jung, aber feurig war. Sogar die Beschäftigung mit den Werken Voltaires gehörte dazu. Und auch die Arbeit an seiner eigenen kühnen Antwort, die ihm bisher nicht schlecht gelungen schien. All das erschien ihm plötzlich sinnlos und widerlich, in der milden, allzu süßen Luft dieses Spätsommermorgens. Er murmelte einen Fluch vor sich hin. Dabei wusste er nicht recht, wen oder was er damit treffen wollte. Er hielt den Griff seines Degens ganz fest. Feindselig blickte er nach allen Seiten, als ob ihn unsichtbare Augen aus der Einsamkeit verspotteten. Dann drehte er plötzlich um und ging zurück zur Stadt. Noch in derselben Stunde wollte er seine sofortige Abreise vorbereiten. Denn er war sicher: Es würde ihm sofort besser gehen, wenn er nur einige Meilen näher an der Heimat war, nach der er sich so sehnte. Er ging schneller, um rechtzeitig einen Platz in der Eilpost zu bekommen. Sie fuhr vor Sonnenuntergang nach Osten ab. Sonst hatte er kaum etwas zu tun. Einen Abschiedsbesuch beim Baron Perotti konnte er sich wohl sparen. Und eine halbe Stunde reichte ihm völlig, um alle seine Sachen für die Reise einzupacken.

Er dachte an seine zwei Anzüge, die schon etwas alt waren. Den schlechteren davon trug er gerade am Leib. Er dachte an seine Wäsche, die einmal fein gewesen und jetzt an vielen Stellen repariert war. Dazu kamen ein paar Dosen, eine goldene Kette mit einer Uhr und eine Anzahl Bücher. Das war sein ganzer Besitz. Er erinnerte sich an vergangene Tage. Damals war er als vornehmer Mann in einem prächtigen Reisewagen durch die Länder gefahren. Er hatte reichlich alles dabeigehabt, was man brauchte und was man nicht brauchte. Oft hatte er auch einen Diener gehabt. Der war allerdings meistens ein Gauner gewesen. Bei diesen Gedanken trieb ihm hilflose Wut die Tränen in die Augen.

Eine junge Frau mit einer Peitsche in der Hand fuhr mit einem kleinen Wagen an ihm vorbei. Im Wagen lag ihr betrunkener Mann zwischen Säcken und allerlei Hausrat und schnarchte. Casanova ging mit langen Beinen unter den Kastanienbäumen der Landstraße dahin. Die Bäume waren schon verblüht. Sein Gesicht war verzerrt, und er murmelte unverständliche Worte durch die Zähne. Die Frau sah ihm zuerst neugierig und spöttisch ins Gesicht. Er erwiderte ihren Blick zornig, mit blitzenden Augen. Da wurden ihre Augen erschrocken. Und als sie sich beim Weiterfahren nach ihm umdrehte, lag schließlich ein gefälliger, lüsterner Ausdruck in ihnen. Casanova wusste genau: Wut und Hass lassen einen Menschen länger jung aussehen als Sanftheit und Zärtlichkeit. Er erkannte sofort, dass ein einziger frecher Ruf genügt hätte. Dann hätte der Wagen gehalten, und er hätte mit der jungen Frau machen können, was er wollte. Diese Erkenntnis besserte seine Laune für den Augenblick. Doch so ein kleines Abenteuer schien ihm nicht der Mühe wert. Er wollte dafür nicht einmal ein paar Minuten verlieren. So ließ er den Bauernwagen mit seinen Insassen in Ruhe weiterknarren, im Staub und Dunst der Landstraße.

Die Sonne stieg höher. Der Schatten der Bäume nahm ihr nur wenig von ihrer brennenden Kraft. Casanova musste nach und nach langsamer gehen. Der Staub der Straße lag so dicht auf seinem Anzug und seinen Schuhen, dass man nicht mehr sah, wie alt und getragen sie waren. Nach Kleidung und Haltung konnte man Casanova leicht für einen vornehmen Herrn halten. Es sah aus, als hätte er nur Lust gehabt, seine Kutsche einmal zu Hause zu lassen.

Schon sah er den Torbogen vor sich. Ganz in der Nähe lag der Gasthof, in dem er wohnte. Da kam ihm ein schwerer Wagen vom Land entgegen und holperte über die Straße. Darin saß ein behäbiger, gut gekleideter, noch ziemlich junger Mann. Er hatte die Hände über dem Bauch gekreuzt. Mit blinzelnden Augen schien er gerade einzuschlafen. Da fiel sein Blick zufällig auf Casanova. Plötzlich leuchteten seine Augen lebhaft auf. Sein ganzer Körper geriet in eine Art fröhliche Aufregung. Er stand zu schnell auf und fiel sofort zurück. Dann stand er wieder auf und stieß dem Kutscher in den Rücken, damit er anhielt. Der Wagen rollte noch weiter, und der Mann drehte sich um, um Casanova nicht aus den Augen zu verlieren. Er winkte ihm mit beiden Händen zu. Endlich rief er mit einer dünnen hellen Stimme dreimal Casanovas Namen in die Luft. Erst an der Stimme erkannte Casanova den Mann. Er trat an den Wagen, der jetzt stand. Lächelnd ergriff er die beiden Hände, die sich ihm entgegenstreckten, und sagte:

»Ist es möglich, Olivo – Sie sind es?«

»Ja, ich bin es, Herr Casanova. Sie erkennen mich also wieder?«

»Warum sollte ich nicht? Seit Ihrem Hochzeitstag habe ich Sie nicht mehr gesehen. Seitdem sind Sie zwar ein wenig dicker geworden. Aber auch ich habe mich in den fünfzehn Jahren wohl ziemlich verändert, wenn auch nicht auf die gleiche Weise.«

»Kaum«, rief Olivo, »so gut wie gar nicht, Herr Casanova! Übrigens sind es sechzehn Jahre. Vor ein paar Tagen waren es genau sechzehn! Und Sie können sich wohl denken: Gerade an diesem Tag haben wir eine ganze Weile von Ihnen gesprochen, Amalia und ich …«

»Wirklich?«, sagte Casanova herzlich. »Sie denken beide noch manchmal an mich?«

Olivos Augen wurden feucht. Er hielt Casanovas Hände noch immer in seinen und drückte sie nun gerührt. »Wie viel haben wir Ihnen zu verdanken, Herr Casanova! Wie könnten wir jemals unseren Wohltäter vergessen? Und wenn wir jemals –«

»Reden wir nicht davon«, unterbrach ihn Casanova. »Wie geht es Frau Amalia? Und wie kann es überhaupt sein, dass ich Sie nie getroffen habe? Ich bin jetzt schon zwei Monate in Mantua. Ich lebe zwar recht zurückgezogen. Aber ich gehe nach alter Gewohnheit viel spazieren. Wie kommt es, Olivo, dass ich Ihnen beiden nicht ein einziges Mal begegnet bin?«

»Das ist sehr einfach, Herr Casanova! Wir wohnen schon lange nicht mehr in der Stadt. Ich habe sie übrigens nie leiden können, und Amalia mag sie auch nicht. Erweisen Sie mir die Ehre, Herr Casanova, steigen Sie ein! In einer Stunde sind wir bei mir zu Hause.«

Casanova wehrte leicht ab, doch Olivo sprach weiter: »Sagen Sie nicht nein. Wie glücklich wird Amalia sein, Sie wiederzusehen! Und wie stolz wird sie Ihnen unsere drei Kinder zeigen. Ja, drei, Herr Casanova. Lauter Mädchen. Dreizehn, zehn und acht Jahre alt … Also ist noch keine alt genug, sich – mit Verlaub – sich von Casanova den Kopf verdrehen zu lassen.«

Er lachte gutmütig und machte Anstalten, Casanova einfach zu sich in den Wagen zu ziehen. Casanova aber schüttelte den Kopf. Einen Moment lang war er fast versucht gewesen, seiner Neugier nachzugeben und Olivos Einladung anzunehmen. Doch dann überkam ihn seine Ungeduld mit neuer Kraft. Er versicherte Olivo, er müsse leider heute noch vor dem Abend Mantua verlassen, wegen wichtiger Geschäfte. Was sollte er auch in Olivos Haus? Sechzehn Jahre waren eine lange Zeit! Amalia war inzwischen sicher nicht jünger und schöner geworden. Und die dreizehnjährige Tochter würde sich für einen Mann in seinem Alter wohl kaum interessieren. Und Herr Olivo war damals ein magerer, fleißiger Student gewesen. Ihn jetzt als bäurisch behäbigen Familienvater auf dem Land zu bewundern, reizte ihn nicht genug. Dafür wollte er keine Reise verschieben, die ihn wieder zehn oder zwanzig Meilen näher an Venedig brachte.

Olivo wollte Casanovas Nein aber nicht einfach so hinnehmen. Er bestand darauf, ihn wenigstens erst einmal mit dem Wagen zum Gasthof zu bringen. Das konnte Casanova ihm nicht gut abschlagen. In wenigen Minuten waren sie da. Die Wirtin war eine stattliche Frau in der Mitte der Dreißig. In der Einfahrt begrüßte sie Casanova mit einem besonderen Blick. Aus diesem Blick musste auch Olivo sofort erkennen, dass zwischen den beiden eine zärtliche Beziehung bestand. Olivo aber gab sie die Hand wie einem guten Bekannten. Wie sie Casanova gleich erzählte, kaufte sie bei ihm regelmäßig einen bestimmten Wein von seinem Gut. Er schmeckte süß und herb zugleich und war sehr preiswert.

Die Wirtin hatte Casanova als »Chevalier von Seingalt« begrüßt. Olivo nannte ihn sofort ebenfalls so. Er beklagte sich gleich, der Chevalier von Seingalt sei grausam. Er schlage die Einladung eines alten Freundes aus, den er gerade wiedergefunden habe. Und das aus dem lächerlichen Grund, dass er heute, ausgerechnet heute, von Mantua abreisen müsse. Am erstaunten Gesicht der Wirtin merkte Olivo sofort, dass sie davon noch nichts gewusst hatte. Deshalb hielt Casanova es für klug, etwas zu erklären. Den Reiseplan habe er nur vorgeschoben. Er habe der Familie seines Freundes nicht mit einem so überraschenden Besuch zur Last fallen wollen. In Wirklichkeit müsse er in den nächsten Tagen eine wichtige schriftstellerische Arbeit beenden. Er sei sogar dazu verpflichtet. Und dafür kenne er keinen besseren Ort als diesen ausgezeichneten Gasthof. Hier habe er ein kühles und ruhiges Zimmer.

Darauf versicherte Olivo: Es wäre die größte Ehre für sein bescheidenes Haus, wenn der Chevalier von Seingalt dort sein Werk beendete. Die Ruhe auf dem Land könne einer solchen Arbeit doch nur helfen. Auch an gelehrten Schriften und Büchern fehle es nicht, falls Casanova welche brauche. Denn seine Nichte sei vor ein paar Wochen mit einer ganzen Kiste voller Bücher angekommen. Sie sei die Tochter seines verstorbenen Stiefbruders. Sie sei noch jung, aber trotz ihrer Jugend schon sehr gelehrt. Abends kämen manchmal Gäste. Aber um die brauche sich der Herr Chevalier nicht zu kümmern. Es sei denn, er wolle sich nach der Arbeit des Tages gern mit einem heiteren Gespräch oder einem kleinen Spiel unterhalten.

Kaum hatte Casanova von einer jungen Nichte gehört, war er schon entschlossen, sich dieses Geschöpf aus der Nähe anzusehen. Er tat so, als ob er noch immer zögerte. Doch schließlich gab er Olivos Drängen nach. Er erklärte aber gleich, dass er auf keinen Fall länger als ein oder zwei Tage von Mantua fernbleiben könne. Dann bat er seine liebenswürdige Wirtin sehr dringend um etwas. Briefe, die inzwischen für ihn ankamen, solle sie ihm sofort durch einen Boten nachschicken. Sie könnten von höchster Wichtigkeit sein.

So war die Sache zu Olivos großer Zufriedenheit geregelt. Casanova ging auf sein Zimmer und machte sich für die Reise fertig. Schon nach einer Viertelstunde trat er in die Gaststube. Dort hatte Olivo inzwischen ein eifriges Geschäftsgespräch mit der Wirtin begonnen. Nun stand er auf und trank im Stehen sein Glas Wein aus. Verständnisvoll zwinkernd versprach er der Wirtin, ihr den Chevalier zurückzubringen. Vielleicht nicht schon morgen oder übermorgen, aber auf jeden Fall gesund und unversehrt. Casanova aber war plötzlich mit den Gedanken woanders und in Eile. Er verabschiedete sich sehr kühl von seiner freundlichen Wirtin. Darum flüsterte sie ihm schon an der Wagentür ein Abschiedswort ins Ohr. Und dieses Wort war ganz bestimmt keine Zärtlichkeit.

Die beiden Männer fuhren auf der staubigen Straße hinaus ins Land. Die Straße lag im brennenden Glanz der Mittagssonne. Dabei erzählte Olivo lang und ziemlich ungeordnet von seinem Leben. Bald nach seiner Hochzeit hatte er ein winziges Grundstück nahe der Stadt gekauft. Dort hatte er einen kleinen Gemüsehandel begonnen. Dann hatte er seinen Besitz nach und nach vergrößert und angefangen, Landwirtschaft zu betreiben. Durch seinen eigenen Fleiß und den Fleiß seiner Frau hatte er es mit Gottes Segen weit gebracht. Vor drei Jahren hatte er das alte, etwas verfallene Schloss des Grafen Marazzani kaufen können, zusammen mit dem Weingut. Der Graf hatte große Schulden gehabt. Nun lebte Olivo mit Frau und Kindern bequem auf adligem Boden, wenn auch keineswegs wie ein Graf.

All das aber verdanke er letzten Endes nur den hundertfünfzig Goldstücken. Seine Braut, oder eigentlich ihre Mutter, habe sie damals von Casanova geschenkt bekommen. Ohne diese Hilfe, die wie ein Zauber gewirkt habe, wäre sein Leben heute noch wie damals. Er müsste immer noch ungezogenen Kindern Lesen und Schreiben beibringen. Wahrscheinlich wäre er auch ein alter Junggeselle geworden und Amalia eine alte Jungfer …

Casanova ließ ihn reden und hörte ihm kaum zu. Er dachte an das Abenteuer von damals. Er war zu jener Zeit in manche andere, bedeutendere Abenteuer verwickelt gewesen. Dieses war das kleinste von allen. Es hatte seine Seele damals kaum beschäftigt und seine Erinnerung seitdem genauso wenig. Er war auf einer Reise von Rom nach Turin oder nach Paris gewesen – er wusste es selbst nicht mehr. Bei einem kurzen Aufenthalt in Mantua hatte er Amalia eines Morgens in der Kirche gesehen. Ihr hübsches, blasses, etwas verweintes Gesicht gefiel ihm. Deshalb stellte er ihr eine freundliche, galante Frage. Damals waren alle Frauen ihm gegenüber zutraulich. So öffnete auch sie ihm gern ihr Herz. Er erfuhr, dass sie selbst in armen Verhältnissen lebte. Sie war in einen armen Schullehrer verliebt. Doch sein Vater und ihre Mutter erlaubten eine so aussichtslose Verbindung auf keinen Fall.

Casanova erklärte sich sofort bereit, die Sache in Ordnung zu bringen. Zuerst ließ er sich mit Amalias Mutter bekannt machen. Sie war eine hübsche Witwe von sechsunddreißig Jahren und durfte noch auf die Verehrung der Männer hoffen. So wurde Casanova bald ihr sehr enger Freund. Danach konnte er mit seiner Fürsprache bei ihr alles erreichen. Sobald sie nicht mehr dagegen war, gab auch Olivos Vater nach. Er war ein heruntergekommener Kaufmann. Man stellte Casanova ihm als entfernten Verwandten der Brautmutter vor. Und Casanova versprach großzügig, die Kosten der Hochzeit und einen Teil der Aussteuer zu bezahlen.

Amalia selbst sah in ihrem edlen Gönner einen Boten aus einer anderen, höheren Welt. Sie konnte nicht anders, als ihm so zu danken, wie es ihr eigenes Herz ihr sagte. Am Abend vor ihrer Hochzeit riss sie sich mit glühenden Wangen aus Casanovas letzter Umarmung los. Dabei kam ihr gar nicht der Gedanke, dass sie ihrem Bräutigam Unrecht getan hatte. Denn er verdankte sein Glück am Ende doch nur der Liebenswürdigkeit und dem edlen Sinn dieses wunderbaren Fremden. Hatte Amalia ihrem Mann jemals gestanden, wie außerordentlich dankbar sie dem Wohltäter gewesen war? Hatte Olivo ihr Opfer vielleicht als selbstverständlich angenommen, ohne nachträgliche Eifersucht? Oder war das, was geschehen war, für ihn bis heute ein Geheimnis geblieben? Darum hatte Casanova sich nie gekümmert. Und auch heute kümmerte er sich nicht darum.

Die Hitze stieg immer weiter. Der Wagen hatte schlechte Federn und harte Kissen. Er rumpelte und stieß, dass es zum Erbarmen war. Olivo redete mit seiner dünnen Stimme gutmütig immer weiter. Er erzählte von seinem fruchtbaren Boden, von seiner vortrefflichen Frau und von seinen wohlgeratenen Kindern. Er erzählte auch vom fröhlichen, harmlosen Umgang mit den Bauern und Adligen in der Nachbarschaft. Dieses Geschwätz begann Casanova zu langweilen. Ärgerlich fragte er sich, warum er die Einladung eigentlich angenommen hatte. Sie konnte ihm doch nur Unbequemlichkeiten bringen und am Ende vielleicht sogar Enttäuschungen. Er sehnte sich nach seinem kühlen Zimmer im Gasthof in Mantua. Dort hätte er zur selben Stunde ungestört an seiner Schrift gegen Voltaire weiterarbeiten können.

Gerade wurde ein Wirtshaus sichtbar. Casanova war schon entschlossen, dort auszusteigen. Er wollte irgendeinen Wagen mieten und zurückfahren. Da rief Olivo laut: »Holla he!« Er begann auf seine Art mit beiden Händen zu winken. Dann packte er Casanova am Arm und zeigte auf einen anderen Wagen. Der war neben ihrem stehen geblieben, im selben Moment, wie verabredet. Von diesem Wagen sprangen drei ganz junge Mädchen herunter, eines nach dem anderen. Dabei flog das schmale Brett, auf dem sie gesessen hatten, in die Höhe und kippte um.

»Meine Töchter«, sagte Olivo nicht ohne Stolz zu Casanova.

Casanova wollte sofort seinen Platz im Wagen verlassen. Doch Olivo sagte: »Bleiben Sie nur sitzen, mein lieber Chevalier. In einer Viertelstunde sind wir da. So lange werden wir schon alle in meiner Kutsche Platz finden. Maria, Nanetta, Teresina – seht, das ist der Chevalier von Seingalt, ein alter Freund eures Vaters. Kommt nur näher und küsst ihm die Hand, denn ohne ihn wärt ihr –« Er unterbrach sich und flüsterte Casanova zu: »Fast hätte ich etwas Dummes gesagt.« Dann verbesserte er sich laut: »Ohne ihn wäre manches anders!«

Die Mädchen hatten schwarze Haare und dunkle Augen wie Olivo. Alle sahen noch wie Kinder aus, auch die älteste, Teresina. Sie betrachteten den Fremden mit offener, etwas bäurischer Neugier. Die jüngste, Maria, folgte der Anweisung ihres Vaters und wollte ihm ganz ernsthaft die Hand küssen. Casanova aber erlaubte es nicht. Stattdessen nahm er ein Mädchen nach dem anderen beim Kopf und küsste jedes auf beide Wangen. Inzwischen sprach Olivo ein paar Worte mit dem jungen Burschen, der die Kinder mit dem kleinen Wagen bis hierher gebracht hatte. Danach schlug der Bursche auf das Pferd ein und fuhr auf der Landstraße weiter in Richtung Mantua.

Die Mädchen setzten sich lachend und mit scherzhaftem Streit auf die Rückbank, Olivo und Casanova gegenüber. Sie saßen eng aneinandergedrängt und redeten alle zugleich. Auch ihr Vater hörte nicht auf zu sprechen. Darum war es für Casanova anfangs nicht leicht zu verstehen, was sie einander eigentlich erzählen wollten. Ein Name fiel: der Name eines Leutnants Lorenzi. Teresina berichtete, er sei vor einer Weile an ihnen vorbeigeritten. Er wolle am Abend zu Besuch kommen und lasse den Vater herzlich grüßen. Außerdem erzählten die Kinder, die Mutter habe dem Vater zuerst auch entgegenfahren wollen. Aber wegen der großen Hitze sei sie dann doch lieber zu Hause bei Marcolina geblieben. Marcolina aber habe noch im Bett gelegen, als sie von zu Hause losfuhren. Vom Garten aus hätten sie durch das offene Fenster Beeren und Haselnüsse nach ihr geworfen. Sonst würde sie wohl jetzt noch schlafen.

»Das ist sonst nicht Marcolinas Art«, sagte Olivo zu seinem Gast. »Meistens sitzt sie schon um sechs Uhr oder noch früher im Garten und studiert bis zum Mittag. Gestern hatten wir allerdings Gäste, und es dauerte etwas länger als sonst. Wir haben auch ein kleines Spiel gemacht – nicht so eines, wie der Herr Chevalier es gewohnt sein mögen. Wir sind harmlose Leute und wollen einander nicht das Geld abnehmen. Und auch unser würdiger Abbate spielt gewöhnlich mit. Sie können sich also denken, Herr Chevalier, dass es dabei nicht sehr sündhaft zugeht.«

Als vom Abbate die Rede war, lachten die Mädchen. Sie hatten einander weiß Gott was zu erzählen, und darüber mussten sie noch mehr lachen als vorher. Casanova aber nickte nur und hörte nicht richtig zu. In seiner Fantasie sah er das Fräulein Marcolina, das er noch gar nicht kannte. Sie lag in ihrem weißen Bett, dem Fenster gegenüber. Die Decke war heruntergerutscht, ihr Körper war halb nackt. Mit schlaftrunkenen Händen wehrte sie sich gegen die Beeren und Haselnüsse, die hereinflogen. Und eine törichte Glut lief durch seine Sinne. Er zweifelte nicht daran, dass Marcolina die Geliebte des Leutnants Lorenzi war. Er war sich so sicher, als hätte er die beiden selbst in der zärtlichsten Umarmung gesehen. Und er war ebenso bereit, den unbekannten Lorenzi zu hassen, wie er sich nach der nie gesehenen Marcolina sehnte.

Im zitternden Dunst des Mittags wurde ein viereckiges kleines Türmchen sichtbar. Es ragte über graugrünes Laub empor. Bald bog der Wagen von der Landstraße auf einen Seitenweg ab. Links stiegen sanft Hügel mit Weinbergen an. Rechts neigten sich die Kronen uralter Bäume über den Rand einer Gartenmauer. Der Wagen hielt an einem Tor. Seine verwitterten Flügel aus Holz standen weit offen. Die Fahrgäste stiegen aus. Auf einen Wink von Olivo fuhr der Kutscher weiter zum Stall. Ein breiter Weg unter Kastanienbäumen führte zu dem kleinen Schloss. Auf den ersten Blick sah es etwas kahl aus, ja sogar vernachlässigt. Casanova fiel vor allem ein zerbrochenes Fenster im ersten Stock auf. Er bemerkte auch den Turm. Er war breit, aber niedrig und saß etwas plump auf dem Gebäude. Oben auf seiner Plattform bröckelte die Mauer hier und da ab. Dagegen hatte die Haustür eine edle Schnitzerei. Und als Casanova in die Halle trat, erkannte er sofort: Das Innere des Hauses war gut erhalten. Es war auf jeden Fall in viel besserem Zustand, als man von außen hätte vermuten können.

»Amalia!«, rief Olivo so laut, dass es von den gewölbten Mauern widerhallte. »Komm herunter, so schnell du kannst! Ich habe dir einen Gast mitgebracht, Amalia, und was für einen Gast!«

Aber Amalia war schon vorher oben an der Treppe erschienen. Die anderen kamen aus der vollen Sonne in das Halbdunkel und sahen sie nicht sofort. Casanovas scharfe Augen aber konnten immer noch sogar das Dunkel der Nacht durchdringen. Darum hatte er sie früher bemerkt als ihr Mann. Er lächelte und fühlte gleichzeitig, dass dieses Lächeln sein Gesicht jünger machte. Amalia war keineswegs dick geworden, wie er gefürchtet hatte. Sie sah schlank und jugendlich aus. Sie hatte ihn sofort erkannt.

»Welche Überraschung, welches Glück!«, rief sie ohne jede Verlegenheit. Schnell lief sie die Stufen hinunter und hielt Casanova zur Begrüßung die Wange hin. Er umarmte sie ohne Weiteres wie eine liebe Freundin.

»Und ich soll wirklich glauben«, sagte er dann, »dass Maria, Nanetta und Teresina Ihre eigenen Töchter sind, Amalia? Der Zeit nach könnte es zwar stimmen –«

»Und allem anderen nach auch«, ergänzte Olivo. »Darauf können Sie sich verlassen, Chevalier!«

»Dein Treffen mit dem Chevalier«, sagte Amalia und sah den Gast mit einem Blick an, der ganz trunken von Erinnerungen war, »ist wohl schuld daran, dass du so spät kommst, Olivo?«

»So ist es, Amalia. Aber hoffentlich gibt es trotzdem noch etwas zu essen?«

»Natürlich haben wir uns nicht allein an den Tisch gesetzt, Marcolina und ich, obwohl wir schon sehr hungrig waren.«

»Und können Sie nun noch so lange warten«, fragte Casanova, »bis ich meine Kleider und mich selbst ein wenig vom Staub der Landstraße befreit habe?«

»Ich zeige Ihnen gleich Ihr Zimmer«, sagte Olivo. »Ich hoffe, Chevalier, Sie werden zufrieden sein, beinahe so zufrieden …« Er zwinkerte und fügte leise hinzu: »wie in Ihrem Gasthof in Mantua, auch wenn hier wohl manches fehlt.«

Er ging voraus, die Treppe hinauf zur Galerie. Sie lief im Viereck rund um die Halle. Von ihrer äußersten Ecke wand sich eine schmale Holztreppe nach oben. Oben öffnete Olivo die Tür zum Turmzimmer. Er blieb an der Schwelle stehen. Mit vielen höflichen Worten zeigte er es Casanova als bescheidenes Gästezimmer. Eine Magd brachte den Mantelsack nach und ging dann mit Olivo wieder hinaus. Nun stand Casanova allein in einem mittelgroßen Raum. Er hatte alles Nötige, war aber ziemlich kahl. Durch die vier schmalen, hohen Bogenfenster hatte man einen weiten Blick nach allen Seiten. Man sah die sonnige Ebene mit grünen Weinbergen, bunten Wiesen und gelben Feldern. Man sah weiße Straßen, helle Häuser und dunkle kleine Gärten. Casanova kümmerte sich nicht weiter um die Aussicht. Er machte sich schnell fertig, aber nicht so sehr aus Hunger. Vielmehr quälte ihn die Neugier, Marcolina so bald wie möglich von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Er wechselte nicht einmal den Anzug, denn er wollte erst am Abend prächtiger auftreten.

Das Speisezimmer lag im Erdgeschoss und hatte Wände aus Holz. Als Casanova es betrat, sah er einen reich gedeckten Tisch. Außer dem Ehepaar und den drei Töchtern saß dort ein Mädchen von zierlicher Gestalt. Es trug ein graues Kleid, das matt schimmerte und einfach herabfiel. Das Mädchen sah ihn mit einem ganz unbefangenen Blick an, als ob er zum Haus gehörte. Oder als ob er schon hundertmal hier zu Gast gewesen wäre. In ihrem Blick zeigte sich nichts von jenem Leuchten, mit dem man ihn früher so oft begrüßt hatte. So war es früher sogar gewesen, wenn ihn niemand kannte. Damals strahlte er im bezaubernden Glanz seiner Jugend oder in der gefährlichen Schönheit seiner Mannesjahre. Dass dieses Leuchten fehlte, war für Casanova allerdings längst keine neue Erfahrung mehr. Aber auch in der letzten Zeit hatte meistens sein Name genügt. Dann zeigte sich auf den Lippen der Frauen eine späte Bewunderung. Oder es zuckte wenigstens leise vor Bedauern um ihren Mund. Dieses Zucken gestand, wie gern sie ihm ein paar Jahre früher begegnet wären. Doch jetzt stellte Olivo ihn seiner Nichte vor, als Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt. Da lächelte sie nicht anders, als hätte man ihr irgendeinen gleichgültigen Namen genannt. In diesem Namen klangen für sie keine Abenteuer und keine Geheimnisse nach. Er setzte sich neben sie und küsste ihr die Hand. Ein Regen von Funken voller Entzücken und Begierde ging aus seinen Augen auf sie nieder. Doch selbst da verriet ihr Gesicht nichts von leiser Zufriedenheit. Dabei hätte man diese als bescheidene Antwort auf eine so glühende Verehrung erwarten können.

Nach ein paar höflichen Worten zu Beginn ließ Casanova seine Nachbarin merken, dass er von ihren gelehrten Studien wusste. Er fragte sie, mit welcher Wissenschaft sie sich denn besonders beschäftige. Sie antwortete, sie studiere vor allem höhere Mathematik. Professor Morgagni, der berühmte Lehrer an der Universität von Bologna, habe sie darin eingeführt. Casanova wunderte sich laut über ein solches Interesse. Bei anmutigen jungen Mädchen sei es wirklich ungewöhnlich, sich für ein so schwieriges und dabei nüchternes Fach zu interessieren. Doch Marcolina antwortete, nach ihrer Meinung sei die höhere Mathematik die fantastischste aller Wissenschaften. Man könnte sogar sagen: Von ihrer Natur her sei sie unter allen Wissenschaften die wahrhaft göttliche.

Diese Ansicht war für Casanova ganz neu, und er wollte eine genauere Erklärung hören. Aber Marcolina wehrte bescheiden ab. Die Anwesenden würden sicher lieber von den Erlebnissen eines weit gereisten Freundes hören. Das gelte vor allem für ihren lieben Onkel, der diesen Freund so lange nicht gesehen habe. Das sei sicher angenehmer als ein philosophisches Gespräch. Amalia stimmte ihr lebhaft zu. Casanova war immer gern bereit, solche Wünsche zu erfüllen. Leichthin bemerkte er, er sei in den letzten Jahren vor allem in geheimen diplomatischen Aufträgen unterwegs gewesen. Diese hätten ihn zwischen Madrid, Paris, London, Amsterdam und Petersburg hin und her geführt. Und das seien nur die größeren Städte. Er berichtete von ernsten und heiteren Begegnungen und Gesprächen mit Männern und Frauen aus allen Ständen. Er vergaß auch nicht, den freundlichen Empfang am Hof der Katharina von Russland zu erwähnen. Und sehr witzig erzählte er von Friedrich dem Großen. Der hätte ihn beinahe zum Lehrer an einer Kadettenschule für pommersche Junker gemacht. Dieser Gefahr sei er allerdings durch schnelle Flucht entkommen.

Von all dem und von manchem anderen sprach er, als wäre es eben erst geschehen. In Wirklichkeit lag es Jahre und Jahrzehnte zurück. Vieles erfand er dazu, ohne dass ihm seine großen und kleinen Lügen richtig bewusst wurden. Er freute sich über seine gute Laune und darüber, wie aufmerksam man ihm zuhörte. Während er so erzählte und fantasierte, war ihm fast, als wäre er wirklich noch heute der alte Casanova. Er war wieder der verwöhnte, unverschämte, strahlende Casanova, den das Glück liebte. Er war mit schönen Frauen durch die Welt gefahren. Weltliche und geistliche Fürsten hatten ihn mit hoher Gunst ausgezeichnet. Er hatte Tausende verschwendet, verspielt und verschenkt. Er fühlte sich nicht mehr wie ein heruntergekommener armer Teufel. Doch das war er: Ehemalige Freunde aus England und Spanien unterstützten ihn mit lächerlichen Summen. Manchmal kamen diese Summen auch gar nicht. Dann war er auf die paar armseligen Geldstücke angewiesen, die er dem Baron Perotti oder dessen Gästen abgewann. Ja, er vergaß sogar sein höchstes Ziel. Seine Vaterstadt hatte ihn zuerst eingesperrt und nach seiner Flucht geächtet und verbannt. Dort wollte er sein einst so prächtiges Leben beenden, als geringster ihrer Bürger: als Schreiber, als Bettler, als ein Nichts.

Auch Marcolina hörte ihm aufmerksam zu. Aber ihr Gesicht sah dabei so aus, als ob man ihr aus einem Buch einigermaßen unterhaltsame Geschichten vorlesen würde. Ihr gegenüber saß ein Mensch, ein Mann, Casanova selbst. Er hatte all das erlebt und noch vieles andere, was er nicht erzählte. Er war der Geliebte von tausend Frauen. Doch ihr Gesicht verriet nicht im Geringsten, dass sie das wusste. Anders schimmerte es in Amalias Augen. Für sie war Casanova derselbe geblieben, der er gewesen war. Seine Stimme klang für sie so verführerisch wie vor sechzehn Jahren. Und er selbst fühlte: Ein einziges Wort, kaum so viel, würde genügen. Dann könnte er das Abenteuer von damals wieder beginnen, wann immer er wollte.

Doch was bedeutete ihm Amalia in dieser Stunde? Jetzt sehnte er sich nach Marcolina wie nach keiner Frau vor ihr. Ihr Kleid umfloss sie matt glänzend, und durch das Kleid glaubte er ihren nackten Körper zu sehen. Ihre knospenden Brüste blühten ihm entgegen. Einmal bückte sie sich, um ihr Taschentuch aufzuheben, das zu Boden gefallen war. Casanovas entflammte Fantasie gab dieser Bewegung einen so lüsternen Sinn, dass er sich einer Ohnmacht nahe fühlte. Für eine Sekunde stockte er ohne Absicht beim Erzählen. Das entging Marcolina nicht. Sie bemerkte auch, dass sein Blick seltsam zu flackern begann. Und er las in ihrem Blick ein plötzliches Befremden, Abwehr, ja eine Spur von Ekel.

Schnell fasste er sich wieder. Er wollte gerade mit neuer Lebhaftigkeit weitererzählen. Da trat ein wohlgenährter Geistlicher ein. Der Hausherr begrüßte ihn als Abbate Rossi. Casanova erkannte ihn sofort wieder. Vor siebenundzwanzig Jahren hatte er ihn auf einem Marktschiff getroffen, das von Venedig nach Chioggia fuhr. Casanova ließ selten eine Gelegenheit aus, mit seinem ausgezeichneten Gedächtnis zu glänzen.

»Sie hatten damals ein Auge verbunden«, sagte er, »und ein Bauernweib mit gelbem Kopftuch empfahl Ihnen eine heilkräftige Salbe. Ein junger, sehr heiserer Apotheker hatte sie zufällig bei sich.«

Der Abbate nickte und lächelte geschmeichelt. Dann aber machte er ein schlaues Gesicht. Er trat ganz nahe an Casanova heran, als wollte er ihm ein Geheimnis verraten. Doch er sprach mit ganz lauter Stimme: »Und Sie, Herr Casanova, waren mit einer Hochzeitsgesellschaft unterwegs … Ich weiß nicht, ob als zufälliger Gast oder sogar als Brautführer. Jedenfalls sah die Braut Sie mit viel zärtlicheren Augen an als den Bräutigam … Dann kam ein Wind auf, beinahe ein Sturm. Und Sie begannen, ein sehr gewagtes Gedicht vorzulesen.«

»Das tat der Chevalier gewiss nur«, sagte Marcolina, »um den Sturm zu beschwichtigen.«

»Eine solche Zaubermacht«, antwortete Casanova, »habe ich mir nie zugetraut. Allerdings will ich nicht leugnen, dass sich niemand mehr um den Sturm kümmerte, als ich zu lesen begonnen hatte.«

Die drei Mädchen hatten sich an den Abbate herangemacht. Sie wussten wohl, warum. Denn aus seinen riesigen Taschen holte er köstliche Süßigkeiten in großen Mengen. Mit seinen dicken Fingern schob er sie den Kindern zwischen die Lippen. Inzwischen erzählte Olivo dem Abbate ganz ausführlich, wie er Casanova wiedergefunden hatte. Amalia saß wie verloren da. Ihr leuchtender Blick hing an der stolzen braunen Stirn des lieben Gastes. Die Kinder liefen in den Garten. Marcolina war aufgestanden und sah ihnen durch das offene Fenster nach.

Der Abbate sollte Grüße vom Marchese Celsi ausrichten. Wenn es seine Gesundheit erlaube, wolle der Marchese heute Abend mit seiner Frau zu seinem lieben Freund Olivo kommen.

»Das passt gut«, sagte Olivo. »Dann haben wir gleich eine hübsche kleine Spielgesellschaft, dem Chevalier zu Ehren. Die Brüder Ricardi erwarte ich auch, und Lorenzi kommt ebenfalls. Die Kinder haben ihn bei seinem Ausritt getroffen.«

»Er ist immer noch da?«, fragte der Abbate. »Schon vor einer Woche hieß es, er müsse zu seinem Regiment.«

»Die Marchesa«, meinte Olivo lachend, »hat ihm wohl beim Oberst einen Urlaub verschafft.«

»Es wundert mich«, warf Casanova ein, »dass es für die Offiziere aus Mantua jetzt Urlaub gibt.« Und er erfand weiter: »Zwei meiner Bekannten, einer aus Mantua und einer aus Cremona, sind nachts mit ihren Regimentern abmarschiert. Sie zogen in Richtung Mailand.«

»Gibt's Krieg?«, fragte Marcolina vom Fenster her. Sie hatte sich umgedreht. Ihr Gesicht lag im Schatten, und man konnte nicht darin lesen. Doch ihre Stimme hatte leise gezittert. Das hatte wohl nur Casanova bemerkt.

»Vielleicht wird nichts daraus«, sagte er leichthin. »Aber die Spanier zeigen eine drohende Haltung. Da muss man bereit sein.«

»Weiß man denn überhaupt«, fragte Olivo wichtig und mit gerunzelter Stirn, »auf welche Seite wir uns stellen werden? Auf die spanische oder auf die französische?«

»Das ist dem Leutnant Lorenzi sicher egal«, meinte der Abbate. »Hauptsache, er kann endlich zeigen, was für ein Held er ist.«

»Das hat er schon gezeigt«, sagte Amalia. »Vor drei Jahren hat er bei Pavia mitgekämpft.«

Marcolina aber schwieg.

Casanova wusste genug. Er trat neben Marcolina und überblickte mit einem weiten Blick den Garten. Er sah nichts als die große, wilde Wiese, auf der die Kinder spielten. Zur Mauer hin wurde sie von einer Reihe hoher, dichter Bäume abgeschlossen.

»Was für ein prächtiger Besitz«, sagte er zu Olivo. »Ich würde ihn gern näher kennenlernen.«

»Und ich, Chevalier«, antwortete Olivo, »wünsche mir kein größeres Vergnügen, als Sie durch meine Weinberge und Felder zu führen. Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll – fragen Sie doch Amalia! Seit mir das kleine Gut gehört, habe ich mir nichts mehr gewünscht als das. Ich wollte Sie endlich auf meinem eigenen Grund und Boden als Gast begrüßen. Zehnmal wollte ich Ihnen schon schreiben und Sie einladen. Aber konnte man jemals sicher sein, dass eine Nachricht Sie erreichte? Erzählte einem jemand, man habe Sie kürzlich in Lissabon gesehen, dann waren Sie bestimmt schon nach Warschau oder Wien abgereist. Und nun finde ich Sie wie durch ein Wunder wieder. Und das gerade in der Stunde, in der Sie Mantua verlassen wollten! Und es gelingt mir – es war nicht leicht, Amalia –, Sie hierherzulocken. Und da geizen Sie so mit Ihrer Zeit! Würden Sie es glauben, Herr Abbate? Er will uns nicht mehr als zwei Tage schenken!«

»Vielleicht lässt sich der Chevalier überreden, länger zu bleiben«, sagte der Abbate. Er ließ gerade mit großem Genuss ein Stück Pfirsich im Mund zergehen. Dabei warf er Amalia einen schnellen Blick zu. Aus diesem Blick glaubte Casanova etwas zu erkennen: Amalia hatte dem Abbate mehr anvertraut als ihrem Mann.

»Das wird mir leider nicht möglich sein«, antwortete Casanova förmlich. »Sie sind Freunde, die so herzlichen Anteil an meinem Schicksal nehmen. Darum darf ich Ihnen nicht verschweigen, was geschieht. Meine Mitbürger in Venedig haben mir vor Jahren Unrecht getan. Nun wollen sie es wiedergutmachen, etwas spät, aber umso ehrenvoller. Sie drängen mich zur Rückkehr. Ich kann mich ihnen nicht länger verweigern. Sonst würde ich undankbar oder sogar nachtragend erscheinen.«

Er sah, wie sich auf Olivos Lippen eine neugierige und ehrfürchtige Frage formte. Mit einer leichten Handbewegung wehrte er sie ab und sagte schnell: »Nun, Olivo, ich bin bereit. Zeigen Sie mir Ihr kleines Königreich.«

»Wäre es nicht besser«, warf Amalia ein, »die kühlere Tageszeit abzuwarten? Der Chevalier möchte jetzt sicher lieber ein wenig ruhen oder im Schatten spazieren gehen?« Ihre Augen schimmerten zu Casanova hinüber, schüchtern und flehend. Es war, als sollte sich bei einem solchen Spaziergang draußen im Garten ihr Schicksal zum zweiten Mal entscheiden.

Niemand hatte etwas gegen Amalias Vorschlag, und man ging ins Freie. Marcolina lief den anderen voraus. Sie lief im Sonnenschein über die Wiese zu den Kindern, die dort mit Federbällen spielten. Sofort spielte sie mit. Sie war kaum größer als das älteste der drei Mädchen. Ihr lockiges Haar war jetzt offen und flatterte um ihre Schultern. So sah sie selbst wie ein Kind aus. Olivo und der Abbate setzten sich in der Allee, in der Nähe des Hauses, auf eine steinerne Bank. Amalia ging an Casanovas Seite weiter. Als die anderen sie nicht mehr hören konnten, begann sie zu sprechen. Sie sprach im Ton von früher, als hätte ihre Stimme für Casanova nie anders geklungen:

»So bist du wieder da, Casanova! Wie habe ich mich nach diesem Tag gesehnt. Ich habe gewusst, dass er einmal kommen würde.«

»Es ist ein Zufall, dass ich da bin«, sagte Casanova kalt.

Amalia lächelte nur. »Nenn es, wie du willst. Du bist da! In diesen sechzehn Jahren habe ich von nichts anderem geträumt als von diesem Tag!«

»Man darf wohl annehmen«, antwortete Casanova, »dass du in dieser Zeit auch von manchem anderen geträumt hast. Und dass du nicht nur geträumt hast.«

Amalia schüttelte den Kopf. »Du weißt, dass es nicht so ist, Casanova. Und auch du hast mich nicht vergessen. Sonst hättest du Olivos Einladung nicht angenommen, obwohl du es so eilig hast, nach Venedig zu kommen!«

»Was denkst du eigentlich, Amalia? Dass ich hergekommen bin, um aus deinem guten Mann einen Hahnrei zu machen?«

»Warum sprichst du so, Casanova? Wenn ich dir wieder gehöre, dann ist das weder Betrug noch Sünde!«

Casanova lachte laut. »Keine Sünde? Warum keine Sünde? Weil ich ein alter Mann bin?«

»Du bist nicht alt. Für mich kannst du niemals alt werden. In deinen Armen habe ich meine erste Seligkeit erlebt. Darum ist es mir gewiss bestimmt, dass ich mit dir auch meine letzte erlebe!«

»Deine letzte?«, wiederholte Casanova höhnisch, obwohl es ihn doch ein wenig rührte. »Dagegen hätte mein Freund Olivo wohl einiges einzuwenden.«

»Das«, antwortete Amalia und wurde rot, »das ist Pflicht. Meinetwegen sogar Vergnügen. Aber Seligkeit ist es nicht … und war es nie.«

Sie gingen die Allee nicht bis zum Ende. Es war, als ob beide die Nähe der Wiese scheuten, wo Marcolina und die Kinder spielten. Wie verabredet drehten sie um. Bald waren sie schweigend wieder beim Wohnhaus. An der Schmalseite stand ein Fenster im Erdgeschoss offen. Casanova sah tief drinnen im dämmrigen Zimmer einen halb zurückgezogenen Vorhang. Dahinter war das Fußende des Bettes zu sehen. Über einem Stuhl daneben hing ein helles, zartes Kleid, leicht wie ein Schleier.

»Marcolinas Zimmer?«, fragte Casanova.

Amalia nickte. Dann fragte sie Casanova, scheinbar heiter und wie ohne jeden Verdacht: »Sie gefällt dir?«

»Da sie schön ist.«

»Schön und tugendhaft.«

Casanova zuckte die Achseln, als hätte er danach nicht gefragt. Dann sagte er: »Wenn du mich heute zum ersten Mal sähest – würde ich dir dann auch gefallen, Amalia?«

»Ich weiß nicht, ob du heute anders aussiehst als damals. Ich sehe dich so, wie du damals warst. So habe ich dich seitdem immer gesehen, auch in meinen Träumen.«

»Sieh mich doch an, Amalia! Die Runzeln auf meiner Stirn … Die Falten an meinem Hals! Und die tiefe Rinne hier, von den Augen zu den Schläfen! Und hier – ja, hier in der Ecke fehlt mir ein Zahn.« Er riss grinsend den Mund auf. »Und diese Hände, Amalia! Sieh sie doch an! Finger wie Krallen … kleine gelbe Flecken auf den Nägeln … Und die Adern da – blau und geschwollen. Greisenhände, Amalia!«

Sie nahm seine beiden Hände, so wie er sie ihr zeigte. Im Schatten der Allee küsste sie eine nach der anderen voller Andacht. »Und heute Nacht will ich deine Lippen küssen«, sagte sie. Sie sagte es auf eine demütige, zärtliche Art, die ihn bitter machte.

Nicht weit von ihnen, am Ende der Wiese, lag Marcolina im Gras. Sie hatte die Hände unter den Kopf gelegt und blickte nach oben. Die Bälle der Kinder flogen über sie hinweg. Plötzlich streckte sie einen Arm aus und griff nach einem der Bälle. Sie fing ihn und lachte hell. Die Kinder fielen über sie her. Sie konnte sich nicht gegen sie wehren, und ihre Locken flogen. Casanova zitterte.

»Du wirst weder meine Lippen noch meine Hände küssen«, sagte er zu Amalia. »Du sollst vergeblich auf mich gewartet und vergeblich von mir geträumt haben. Es sei denn, ich habe vorher Marcolina besessen.«

»Bist du wahnsinnig, Casanova?«, rief Amalia mit schmerzerfüllter Stimme.

»Dann haben wir einander nichts vorzuwerfen«, sagte Casanova. »Du bist wahnsinnig, weil du in mir altem Mann den Geliebten deiner Jugend wiederzusehen glaubst. Und ich bin wahnsinnig, weil ich mir in den Kopf gesetzt habe, Marcolina zu besitzen. Aber vielleicht ist es uns beiden bestimmt, wieder vernünftig zu werden. Marcolina soll mich wieder jung machen – für dich. Also – führe meine Sache bei ihr, Amalia!«

»Du bist nicht bei Verstand, Casanova. Es ist unmöglich. Sie will von keinem Mann etwas wissen.«

Casanova lachte auf. »Und der Leutnant Lorenzi?«

»Was soll mit Lorenzi sein?«

»Er ist ihr Liebhaber, ich weiß es.«

»Wie du dich irrst, Casanova. Er hat um ihre Hand angehalten, und sie hat Nein gesagt. Und er ist jung – er ist schön – ja, ich glaube fast, er ist schöner, als du je gewesen bist, Casanova!«

»Er hat um sie geworben?«

»Frag doch Olivo, wenn du mir nicht glaubst.«

»Nun, mir ist es gleich. Was geht es mich an, ob sie eine Jungfrau ist oder eine Dirne, eine Braut oder eine Witwe? Ich will sie haben, ich will sie!«

»Ich kann sie dir nicht geben, mein Freund.«

Am Ton ihrer Stimme fühlte er, dass sie Mitleid mit ihm hatte.

»Nun siehst du«, sagte er, »was für ein elender Kerl ich geworden bin, Amalia! Noch vor zehn, noch vor fünf Jahren hätte ich keine Hilfe und keine Fürsprache gebraucht. Auch dann nicht, wenn Marcolina die Göttin der Tugend selbst gewesen wäre. Und jetzt will ich dich zur Kupplerin machen. Oder wenn ich reich wäre … Ja, mit zehntausend Dukaten … Aber ich habe nicht einmal zehn. Ein Bettler bin ich, Amalia.«

»Auch für hunderttausend bekämst du Marcolina nicht. Was bedeutet ihr schon Reichtum? Sie liebt die Bücher, den Himmel, die Wiesen, die Schmetterlinge und das Spielen mit Kindern … Und mit ihrem kleinen Erbe hat sie mehr, als sie braucht.«

»Oh, wäre ich ein Fürst!«, rief Casanova. Er sprach ein wenig wie ein Schauspieler auf der Bühne. So war manchmal seine Art, gerade wenn ihn eine echte Leidenschaft aufwühlte. »Hätte ich doch die Macht, Menschen ins Gefängnis werfen und hinrichten zu lassen … Aber ich bin nichts. Ein Bettler – und ein Lügner dazu. Ich bettle bei den hohen Herren in Venedig um ein Amt, um ein Stück Brot, um eine Heimat! Was ist aus mir geworden? Ekelt es dich nicht vor mir, Amalia?«

»Ich liebe dich, Casanova!«

»Dann verschaffe sie mir, Amalia! Es liegt bei dir, ich weiß es. Sag ihr, was du willst. Sag ihr, dass ich euch gedroht habe. Dass du mir zutraust, euch das Dach über dem Kopf anzuzünden! Sag ihr, ich sei ein Narr, ein gefährlicher Narr, aus dem Irrenhaus entsprungen. Aber die Umarmung einer Jungfrau könnte mich wieder gesund machen. Ja, das sag ihr.«

»Sie glaubt nicht an Wunder.«

»Wie? Nicht an Wunder? Dann glaubt sie auch nicht an Gott. Umso besser! Beim Erzbischof von Mailand habe ich einen guten Namen! Sag ihr das! Ich kann sie ins Unglück stürzen! Euch alle kann ich ins Unglück stürzen. Das ist wahr, Amalia! Was für Bücher liest sie? Bestimmt sind auch welche dabei, die die Kirche verboten hat. Lass sie mich sehen. Ich will eine Liste machen. Ein Wort von mir …«

»Schweig, Casanova! Dort kommt sie. Verrate dich nicht! Gib acht auf deine Augen! Nie, Casanova, nie – hör gut zu, was ich sage –, nie habe ich ein reineres Wesen gekannt. Wenn sie ahnte, was ich eben hören musste, würde sie sich beschmutzt fühlen. Und du würdest sie, solange du hier bist, mit keinem Blick mehr zu sehen bekommen. Sprich mit ihr. Ja, sprich mit ihr – du wirst sie, du wirst *mich* um Verzeihung bitten.«

Marcolina kam mit den Kindern näher. Die Kinder liefen an ihr vorbei ins Haus. Sie selbst aber blieb vor dem Gast stehen, wie um ihm eine Höflichkeit zu erweisen. Amalia ging weg, wie mit Absicht. Und nun schien Casanova wirklich etwas entgegenzuwehen. Es kam von ihren blassen, halb geöffneten Lippen und von ihrer glatten Stirn. Ihr dunkelblondes Haar, das sie jetzt hochgesteckt hatte, rahmte diese Stirn ein. Von ihr wehte ihm wie ein Hauch von Strenge und Keuschheit entgegen. Durch seine Seele floss eine Art Andacht, eine Hingabe ohne jedes Verlangen. Das spürte er selten bei einer Frau. Auch bei ihr hatte er es vorhin drinnen im Haus nicht gespürt. Mit Zurückhaltung stellte er ihr eine Frage. Er sprach sogar in einem Ton von Ehrfurcht, wie man ihn gern Menschen von höherem Stand zeigt. Dieser Ton musste ihr schmeicheln. Er fragte, ob sie die kommenden Abendstunden wieder dem Studium widmen wolle.

Sie antwortete, auf dem Land arbeite sie überhaupt nicht regelmäßig. Aber sie könne nicht verhindern, dass gewisse mathematische Probleme sie auch in den Ruhestunden verfolgten. Mit diesen Problemen beschäftige sie sich gerade. So sei es ihr eben jetzt ergangen, als sie auf der Wiese gelegen und zum Himmel aufgesehen habe. Ihre Freundlichkeit ermutigte Casanova. Scherzend erkundigte er sich, was das denn für ein hohes und dabei so aufdringliches Problem gewesen sei. Sie antwortete etwas spöttisch, es habe nicht das Geringste mit der berühmten Kabbala zu tun. Darin sei der Chevalier von Seingalt ja angeblich ein großer Meister. Also könne er damit wohl kaum viel anfangen.

Es ärgerte ihn, dass sie so offen ablehnend von der Kabbala sprach. In seltenen Stunden, in denen er ehrlich nachdachte, wusste er es selbst. Diese seltsame Mystik der Zahlen, die man Kabbala nennt, hatte keinen Sinn und keine Berechtigung. In der Natur gab es sie gewissermaßen gar nicht. Nur Gauner und Spaßmacher benutzten sie, um leichtgläubige Menschen und Dummköpfe an der Nase herumzuführen. Er selbst hatte beide Rollen abwechselnd gespielt, aber immer mit Überlegenheit. Trotzdem versuchte er jetzt, gegen seine eigene bessere Überzeugung, die Kabbala vor Marcolina zu verteidigen. Er stellte sie als vollgültige, ernsthafte Wissenschaft dar. Er sprach von der göttlichen Natur der Zahl Sieben, auf die schon die Heilige Schrift hindeute. Er sprach von der tiefen, prophetischen Bedeutung der Zahlenpyramiden. Er selbst hatte gelehrt, sie nach einem neuen System aufzubauen. Und er sprach davon, wie oft seine Voraussagen nach diesem System eingetroffen waren. Hatte er nicht erst vor wenigen Jahren in Amsterdam den Bankier Hope beraten? Durch eine solche Zahlenpyramide hatte er ihn dazu gebracht, ein Handelsschiff zu versichern, das man schon für verloren hielt. Dadurch hatte Hope zweihunderttausend Goldgulden verdient. Casanova trug seine schwindelhaften, aber geistreichen Theorien immer noch sehr geschickt vor. Darum begann er auch diesmal, wie so oft, selbst an all den Unsinn zu glauben. Er wagte sogar zu behaupten, die Kabbala sei nicht so sehr ein Zweig der Mathematik. Sie sei vielmehr ihre metaphysische Vollendung.

Marcolina hatte ihm bisher sehr aufmerksam und scheinbar ganz ernsthaft zugehört. Nun sah sie plötzlich mit einem halb bedauernden, halb spitzbübischen Blick zu ihm auf und sagte: »Es liegt Ihnen daran, mein werter Herr Casanova« – sie schien ihn jetzt mit Absicht nicht »Chevalier« zu nennen –, »mir eine besonders feine Probe Ihres weltbekannten Talents zur Unterhaltung zu geben. Dafür bin ich Ihnen ehrlich dankbar. Aber Sie wissen natürlich so gut wie ich: Die Kabbala hat nichts mit der Mathematik zu tun. Sie ist sogar eine Sünde gegen ihr eigentliches Wesen. Sie verhält sich zur Mathematik wie das wirre oder lügnerische Geschwätz der Sophisten zu den klaren und hohen Lehren von Plato und Aristoteles.«

»Immerhin«, antwortete Casanova schnell, »müssen Sie mir eines zugeben, schöne und gelehrte Marcolina. Auch die Sophisten waren keine so verächtlichen, dummen Gesellen, wie man nach Ihrem allzu strengen Urteil annehmen müsste. Ich nenne nur ein Beispiel aus unserer Zeit: Herrn Voltaire. Nach seiner ganzen Art zu denken und zu schreiben ist er sicher ein Muster von einem Sophisten. Und trotzdem würde niemand seine außerordentliche Begabung leugnen. Auch ich nicht, obwohl ich mich als seinen entschiedenen Gegner bekenne. Ich will nicht leugnen, dass ich gerade eine Schrift gegen ihn verfasse. Und trotzdem erkenne ich seine Begabung an, wie es sich gehört. Ich sage auch gleich dazu: Ich habe mich nicht bestechen lassen. Vor zehn Jahren habe ich ihn in Ferney besucht. Damals hatte Herr Voltaire die Güte, übertrieben höflich zu mir zu sein. Das hat mein Urteil nicht beeinflusst.«

Marcolina lächelte. »Das ist ja sehr nett von Ihnen, Chevalier, dass Sie die Güte haben, den größten Geist des Jahrhunderts so milde zu beurteilen.«

»Ein großer Geist – sogar der größte?«, rief Casanova. »So darf man ihn schon deshalb nicht nennen, weil er bei all seinem Genie ein gottloser Mensch ist. Er ist geradezu ein Gottesleugner. Und ein Gottesleugner kann niemals ein großer Geist sein.«

»Meiner Meinung nach, Herr Chevalier, ist das durchaus kein Widerspruch. Aber Sie müssen vor allem erst beweisen, dass man Voltaire einen Gottesleugner nennen darf.«

Nun war Casanova in seinem Element. Im ersten Kapitel seiner Streitschrift hatte er eine ganze Menge Stellen aus Voltaires Werken gesammelt. Sie stammten vor allem aus der berüchtigten »Pucelle«. Diese Stellen schienen ihm besonders gut geeignet, Voltaires Unglauben zu beweisen. Dank seinem ausgezeichneten Gedächtnis konnte er sie jetzt wörtlich zitieren, zusammen mit seinen eigenen Gegenargumenten. Aber in Marcolina hatte er eine Gegnerin gefunden, die ihm an Wissen und Schärfe des Geistes kaum nachstand. Im flüssigen Reden war sie ihm nicht überlegen. Doch in der eigentlichen Kunst der Rede war sie ihm weit überlegen, besonders in der Klarheit des Ausdrucks. Casanova hatte die Stellen als Beweise für Voltaires Spottlust, Zweifelsucht und Gottlosigkeit gedeutet. Marcolina deutete sie geschickt und schlagfertig ganz anders. Für sie waren es ebenso viele Zeugnisse für das Genie des Franzosen, als Wissenschaftler und als Schriftsteller. Und Zeugnisse für sein unermüdliches, heißes Streben nach Wahrheit. Ohne Scheu sprach sie es aus. Zweifel, Spott und sogar der Unglaube selbst müssten Gott besser gefallen als die Demut der Frommen. Das gelte, wenn sie mit so reichem Wissen, so großer Ehrlichkeit und so hohem Mut verbunden seien. Hinter der Demut der Frommen verberge sich meist nichts anderes als die Unfähigkeit, logisch zu denken. Oft verbärgen sich dahinter sogar Feigheit und Heuchelei, und dafür gebe es genug Beispiele.

Casanova hörte ihr mit wachsendem Staunen zu. Er fühlte, dass er Marcolina nicht bekehren konnte. Und er erkannte immer deutlicher noch etwas anderes. In seinen letzten Jahren hatte er eine gewisse schwankende Stimmung in seiner Seele gehabt. Er hatte sich angewöhnt, sie für Glauben zu halten. Durch Marcolinas Einwände drohte sich diese Stimmung jetzt völlig aufzulösen. Darum rettete er sich in eine allgemeine Betrachtung. Solche Ansichten wie die von Marcolina gefährdeten nicht nur die Ordnung in der Kirche. Sie gefährdeten auch in hohem Maße die Grundlagen des Staates. Von hier aus sprang er geschickt auf das Gebiet der Politik über. Dort konnte er mit seiner Erfahrung und Weltkenntnis eher hoffen, sich Marcolina überlegen zu zeigen. Hier fehlte es ihr an Kenntnis der Menschen und an Einblick in das Treiben an den Höfen und in der Diplomatie. Sie musste darauf verzichten, Casanova in Einzelheiten zu widersprechen. Das galt auch dort, wo sie seinen Berichten nicht ganz traute. Aber aus ihren Bemerkungen ging für ihn ganz klar etwas hervor. Sie hatte keine besondere Achtung vor den Fürsten dieser Erde und auch nicht vor den Staaten selbst. Sie war überzeugt, dass Eigennutz und Herrschsucht die Welt nicht so sehr regierten. Vielmehr brächten sie die Welt durcheinander, im Kleinen wie im Großen.

Eine solche Freiheit des Denkens hatte Casanova bisher nur selten bei Frauen gefunden. Bei einem jungen Mädchen, das sicher noch keine zwanzig Jahre alt war, hatte er sie noch nie gefunden. Nicht ohne Wehmut erinnerte er sich an vergangene Tage, die schöner gewesen waren als heute. Damals war sein eigener Geist die gleichen Wege gegangen, die er jetzt Marcolina gehen sah. Er war sie mit bewusster und etwas selbstzufriedener Kühnheit gegangen. Marcolina aber schien sich ihrer Kühnheit gar nicht bewusst zu sein. Ihre eigene Art zu denken und zu sprechen nahm ihn ganz gefangen. Darum vergaß er beinahe, dass er neben einem jungen, schönen und höchst begehrenswerten Wesen ging. Das war umso erstaunlicher, weil er ganz allein mit ihr war. Sie waren in der Allee, die jetzt ganz im Schatten lag, ziemlich weit vom Wohnhaus.

Plötzlich unterbrach sich Marcolina mitten in einem Satz. Lebhaft, ja fast freudig rief sie: »Da kommt mein Onkel!«

Und Casanova flüsterte ihr zu, als müsste er etwas Versäumtes nachholen: »Wie schade. Ich hätte mich so gern noch stundenlang mit Ihnen unterhalten, Marcolina!«

Er fühlte selbst, wie bei diesen Worten die Begierde in seinen Augen wieder aufzuleuchten begann. Marcolina hatte sich in dem Gespräch trotz allem Spott fast vertraut gezeigt. Jetzt aber wurde sie sofort wieder kühler. Ihr Blick zeigte die gleiche Abwehr, ja den gleichen Widerwillen wie vorhin. Das hatte Casanova heute schon einmal so tief verletzt. Bin ich wirklich so abscheulich? fragte er sich voller Angst. Nein, antwortete er sich selbst. Das ist es nicht. Aber Marcolina – ist keine Frau. Eine Gelehrte, eine Philosophin, meinetwegen ein Weltwunder – aber keine Frau. Doch zugleich wusste er, dass er sich so nur selbst belügen, trösten und retten wollte. Und er wusste, dass diese Versuche vergeblich waren.

Olivo stand vor ihnen. »Nun«, sagte er zu Marcolina, »habe ich das nicht gut gemacht? Endlich habe ich dir jemanden ins Haus gebracht, mit dem man so klug reden kann wie mit deinen Professoren in Bologna.«

»Und nicht einmal unter ihnen, liebster Onkel«, antwortete Marcolina, »gibt es einen, der es wagen würde, Voltaire selbst zum Zweikampf herauszufordern!«

»Ei, Voltaire? Der Chevalier fordert ihn heraus?«, rief Olivo, ohne zu verstehen.

»Ihre witzige Nichte, Olivo, spricht von der Streitschrift, die mich in letzter Zeit beschäftigt. Eine Liebhaberei für müßige Stunden. Früher hatte ich Klügeres zu tun.«

Marcolina achtete nicht auf diese Bemerkung. Sie sagte: »Sie werden eine angenehme, kühle Luft für Ihren Spaziergang haben. Auf Wiedersehen.« Sie nickte kurz und eilte über die Wiese zum Haus.

Casanova hielt sich zurück und blickte ihr nicht nach. Er fragte: »Wird Frau Amalia uns begleiten?«

»Nein, mein lieber Chevalier«, antwortete Olivo. »Sie hat im Haus allerlei zu erledigen und anzuordnen. Und jetzt ist auch die Stunde, in der sie die Mädchen unterrichtet.«

»Was für eine tüchtige, brave Hausfrau und Mutter! Sie sind zu beneiden, Olivo!«

»Ja, das sage ich mir selbst jeden Tag«, antwortete Olivo, und seine Augen wurden feucht.

Sie gingen an der Schmalseite des Hauses entlang. Marcolinas Fenster stand offen wie vorher. Aus der Tiefe des dämmrigen Zimmers schimmerte das helle Kleid, leicht wie ein Schleier. Durch die breite Kastanienallee kamen sie auf die Straße. Sie lag schon ganz im Schatten. Langsam gingen sie an der Gartenmauer entlang bergauf. Dort, wo die Mauer im rechten Winkel abbog, begannen die Weinberge. An den hohen Weinstöcken hingen schwere dunkelblaue Trauben. Olivo führte seinen Gast zwischen ihnen hindurch bis nach oben. Mit einer gemütlichen, zufriedenen Handbewegung zeigte er zurück auf sein Haus. Es lag jetzt ziemlich tief unter ihnen. Im Fensterrahmen des Turmzimmers glaubte Casanova eine weibliche Gestalt zu sehen. Sie schien dort auf und ab zu schweben.

Die Sonne ging langsam unter, aber es war immer noch heiß genug. Über Olivos Wangen liefen Schweißtropfen. Casanovas Stirn dagegen blieb vollkommen trocken. Allmählich gingen sie weiter, nun bergab, und kamen auf üppiges Wiesenland. Von einem Olivenbaum zum anderen rankten sich die Zweige der Reben. Zwischen den Reihen der Bäume wiegten sich die hohen gelben Ähren.

»Segen der Sonne«, sagte Casanova anerkennend, »in tausendfacher Gestalt.«

Olivo erzählte wieder, noch ausführlicher als vorher, wie er diesen schönen Besitz nach und nach erworben hatte. Ein paar glückliche Jahre mit guter Ernte und guter Weinlese hatten ihn wohlhabend gemacht, ja sogar reich. Casanova aber hing seinen eigenen Gedanken nach. Nur selten griff er ein Wort von Olivo auf. Dann stellte er eine höfliche Zwischenfrage, um zu zeigen, dass er zuhörte. Olivo plauderte über alles Mögliche. Erst als er auf seine Familie und endlich auf Marcolina kam, hörte Casanova genau hin. Aber er erfuhr nicht viel mehr, als er schon wusste.

Marcolinas Vater war Olivos Stiefbruder gewesen, ein Arzt in Bologna, der früh Witwer geworden war. Schon als Kind, im Haus ihres Vaters, hatte Marcolina alle Menschen um sich herum in Erstaunen versetzt. Ihr Verstand war sehr früh erwacht. Seitdem hatte man genug Zeit gehabt, sich an ihre Art zu gewöhnen. Vor ein paar Jahren war ihr Vater gestorben. Seitdem lebte sie in der Familie eines berühmten Professors der Universität von Bologna. Es war eben jener Morgagni. Er behauptete stolz, er werde aus seiner Schülerin eine große Gelehrte machen. In den Sommermonaten war sie immer bei ihrem Onkel zu Gast. Mehrere Männer hatten um ihre Hand angehalten. Es waren ein Kaufmann aus Bologna, ein Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft und zuletzt der Leutnant Lorenzi. Sie habe alle abgewiesen. Sie scheine wirklich entschlossen, ihr Leben ganz der Wissenschaft zu widmen. Während Olivo das erzählte, fühlte Casanova sein Verlangen ins Unermessliche wachsen. Er sah ein, dass es ebenso töricht wie hoffnungslos war. Und diese Einsicht brachte ihn fast zur Verzweiflung.

Gerade traten sie aus den Feldern und Wiesen auf die Fahrstraße. Da kam eine Staubwolke näher, und aus ihr riefen und grüßten Stimmen. Ein Wagen wurde sichtbar. Darin saß ein vornehm gekleideter älterer Herr neben einer etwas jüngeren Dame. Die Dame war üppig und geschminkt.

»Der Marchese«, flüsterte Olivo seinem Begleiter zu. »Er ist auf dem Weg zu mir.«

Der Wagen hielt. »Guten Abend, mein vortrefflicher Olivo«, rief der Marchese. »Darf ich Sie bitten, mich mit dem Chevalier von Seingalt bekannt zu machen? Denn ich zweifle nicht, dass ich das Vergnügen habe, ihn vor mir zu sehen.«

Casanova verbeugte sich leicht. »Ich bin es«, sagte er.

»Und ich bin der Marchese Celsi. Hier ist die Marchesa, meine Frau.«

Die Dame reichte Casanova die Fingerspitzen, und er berührte sie mit den Lippen.

Der Marchese hatte ein wachsgelbes, schmales Gesicht. Über seinen stechenden grünlichen Augen waren die dichten roten Augenbrauen zusammengewachsen. Darum sah er nicht gerade freundlich aus. »Nun, mein bester Olivo«, sagte er, »wir haben denselben Weg, nämlich zu Ihnen. Es ist kaum eine Viertelstunde bis dorthin. Darum will ich aussteigen und mit Ihnen zu Fuß gehen.« Dann wandte er sich an die Marchesa: »Du hast wohl nichts dagegen, die kleine Strecke allein zu fahren.«

Die Marchesa hatte Casanova die ganze Zeit mit lüsternen, prüfenden Augen betrachtet. Der Marchese wartete ihre Antwort nicht ab. Er gab dem Kutscher einen Wink. Sofort schlug der Kutscher wie wild auf die Pferde ein. Es war, als wollte er aus irgendeinem Grund seine Herrin so schnell wie möglich wegbringen. Gleich darauf war der Wagen hinter einer Staubwolke verschwunden.

Der Marchese war noch ein paar Zoll größer als Casanova und unnatürlich mager. »Man weiß nämlich in unserer Gegend schon«, sagte er, »dass der Chevalier von Seingalt angekommen ist. Und dass er bei seinem Freund Olivo wohnt. Es muss ein erhebendes Gefühl sein, einen so berühmten Namen zu tragen.«

»Sie sind sehr freundlich, Herr Marchese«, antwortete Casanova. »Ich habe allerdings die Hoffnung noch nicht aufgegeben, mir einen solchen Namen zu erwerben. Vorläufig bin ich aber noch recht weit davon entfernt. Ich bin gerade mit einer Arbeit beschäftigt. Sie wird mich meinem Ziel hoffentlich etwas näher bringen.«

»Hier können wir den Weg abkürzen«, sagte Olivo. Er bog in einen Feldweg ein, der direkt auf die Mauer seines Gartens zuführte.

»Arbeit?«, wiederholte der Marchese mit einem unklaren Ausdruck. »Darf man fragen, von welcher Art Arbeit Sie sprechen, Chevalier?«

»Wenn Sie mich das fragen, Herr Marchese, dann muss ich Sie meinerseits etwas fragen. Von welcher Art Ruhm haben Sie vorhin gesprochen?«

Dabei sah er dem Marchese hochmütig in die stechenden Augen. Er wusste sehr wohl, dass seine Bücher ihm keinen nennenswerten Ruhm als Schriftsteller gebracht hatten. Weder sein fantastischer Roman »Icosameron« noch seine »Widerlegung von Amelots Geschichte der venezianischen Regierung« in drei Bänden hatten das getan. Trotzdem wollte er keine andere Art von Ruhm als erstrebenswert gelten lassen. Darum missverstand er absichtlich alle weiteren vorsichtigen Bemerkungen und Anspielungen des Marchese. Der Marchese stellte sich unter Casanova wohl einen berühmten Verführer von Frauen vor. Oder einen Spieler, einen Geschäftsmann, einen politischen Gesandten und sonst alles Mögliche. Nur einen Schriftsteller konnte er sich unter ihm gar nicht vorstellen. Denn weder von der Widerlegung von Amelots Werk noch vom »Icosameron« hatte er jemals etwas gehört. So sagte er schließlich mit einer gewissen höflichen Verlegenheit: »Immerhin gibt es nur einen Casanova.«

»Auch das ist ein Irrtum, Herr Marchese«, antwortete Casanova kalt. »Ich habe Geschwister. Und der Name eines meiner Brüder, des Malers Francesco Casanova, dürfte einem Kenner nicht fremd sein.«

Es zeigte sich, dass der Marchese auch auf diesem Gebiet kein Kenner war. Darum lenkte er das Gespräch auf Bekannte von ihm in Neapel, Rom, Mailand und Mantua. Er konnte annehmen, dass Casanova sie gelegentlich getroffen hatte. Dabei nannte er auch den Namen des Barons Perotti, allerdings in einem ziemlich verächtlichen Ton. Casanova musste zugeben, dass er im Haus des Barons manchmal ein wenig spielte.

»Zur Zerstreuung«, fügte er hinzu, »ein halbes Stündchen vor dem Schlafengehen. Sonst habe ich diese Art von Zeitvertreib so ziemlich aufgegeben.«

»Das täte mir leid«, sagte der Marchese. »Denn ich will Ihnen nicht verschweigen, Herr Chevalier: Es war ein Traum meines Lebens, mich mit Ihnen zu messen. Im Spiel, und in jüngeren Jahren auch auf anderen Gebieten. Stellen Sie sich übrigens vor – wie lange mag es her sein? –, ich kam in Spa genau an dem Tag an, an dem Sie abreisten. Ja, sogar in derselben Stunde. Unsere Wagen fuhren aneinander vorbei. Und in Regensburg passierte mir ein ähnliches Missgeschick. Dort wohnte ich sogar in dem Zimmer, das Sie eine Stunde vorher verlassen hatten.«

»Es ist ein wahres Unglück«, sagte Casanova, immerhin ein wenig geschmeichelt, »dass man einander manchmal zu spät im Leben begegnet.«

»Es ist noch nicht zu spät«, rief der Marchese lebhaft. »In manch anderer Hinsicht gebe ich mich gern schon im Voraus geschlagen. Das kümmert mich wenig. Aber was das Spiel angeht, mein lieber Chevalier, so sind wir beide vielleicht gerade in den Jahren –«

Casanova unterbrach ihn: »In den Jahren – mag sein. Aber leider kann ich gerade beim Spiel nicht mehr das Vergnügen beanspruchen, mich mit einem Partner von Ihrem Rang zu messen.« Nun sprach er im Ton eines Fürsten, den man vom Thron gestoßen hat: »Denn ich habe es mit all meinem Ruhm, mein werter Herr Marchese, bis heute nicht viel weiter gebracht als bis zum Bettler.«

Der Marchese senkte unwillkürlich die Augen vor Casanovas stolzem Blick. Dann schüttelte er nur ungläubig den Kopf, wie über einen seltsamen Scherz. Olivo hatte dem ganzen Gespräch gespannt zugehört. Die geschickten, überlegenen Antworten seines außergewöhnlichen Freundes hatte er mit zustimmendem Nicken begleitet. Jetzt aber konnte er einen Schreck kaum unterdrücken. Sie standen gerade alle an der hinteren Gartenmauer vor einer schmalen Holztür. Olivo öffnete sie mit einem kreischenden Schlüssel und ließ den Marchese zuerst in den Garten gehen. Dabei fasste er Casanova am Arm und flüsterte ihm zu:

»Sie werden Ihr letztes Wort zurücknehmen, Chevalier, bevor Sie Ihren Fuß wieder in mein Haus setzen. Das Geld, das ich Ihnen seit sechzehn Jahren schulde, liegt bereit. Ich wagte nur nicht … Fragen Sie Amalia … Es liegt abgezählt bereit. Beim Abschied wollte ich mir erlauben –«

Casanova unterbrach ihn sanft. »Sie sind nicht mein Schuldner, Olivo. Die paar Goldstücke waren ein Hochzeitsgeschenk, das wissen Sie wohl. Ich habe es als Freund von Amalias Mutter … Doch wozu überhaupt davon reden? Was bedeuten mir die paar Dukaten? Ich stehe an einer Wende meines Schicksals.« Das Letzte sagte er absichtlich laut. Der Marchese war nach ein paar Schritten stehen geblieben und sollte es hören.

Olivo tauschte einen Blick mit Casanova, um sicher zu sein, dass er einverstanden war. Dann sagte er zum Marchese: »Der Chevalier ist nämlich nach Venedig zurückgerufen worden. In wenigen Tagen reist er in seine Vaterstadt ab.«

»Vielmehr«, sagte Casanova, während sie alle sich dem Haus näherten, »man ruft schon seit langer Zeit nach mir, und immer dringender. Aber ich finde, die Herren Senatoren haben sich lange genug Zeit gelassen. Nun sollen sie sich gedulden.«

»Ein Stolz«, sagte der Marchese, »zu dem Sie im höchsten Maße berechtigt sind, Chevalier!«

Sie traten aus der Allee auf die Wiese hinaus. Die Wiese lag jetzt schon ganz im Schatten. Nahe am Haus sahen sie die kleine Gesellschaft, die auf sie wartete. Alle standen auf und kamen ihnen entgegen. Zuerst kam der Abbate, zwischen Marcolina und Amalia. Ihnen folgte die Marchesa. Neben ihr ging ein großer junger Offizier ohne Bart. Er trug eine rote Uniform mit silbernen Schnüren und glänzende Reitstiefel. Das konnte nur Lorenzi sein. Er sprach mit der Marchesa, und dabei streifte sein Blick ihre weißen, gepuderten Schultern. Er sah sie an wie eine gut bekannte Probe von anderen hübschen Dingen, die er ebenso gut kannte. Und die Marchesa lächelte mit halb geschlossenen Augen zu ihm hinauf. Das alles zeigte auch Menschen mit wenig Erfahrung ganz deutlich, was zwischen den beiden war. Es zeigte auch, dass sie es vor niemandem geheim halten wollten. Sie sprachen leise, aber lebhaft miteinander. Erst als sie direkt vor den anderen standen, hörten sie damit auf.

Olivo stellte Casanova und Lorenzi einander vor. Die beiden sahen sich kurz und kalt an. Mit diesem Blick schienen sie sich zu sagen, dass sie einander nicht mochten. Dann lächelten beide flüchtig und verbeugten sich. Sie gaben einander nicht die Hand. Denn dazu hätte jeder einen Schritt auf den anderen zugehen müssen. Lorenzi war schön. Er hatte ein schmales Gesicht, und für sein junges Alter waren seine Züge auffallend scharf. Tief in seinen Augen schimmerte etwas, das man nicht fassen konnte. Ein erfahrener Mensch musste davor vorsichtig sein. Nur eine Sekunde lang überlegte Casanova, an wen Lorenzi ihn erinnerte. Dann wusste er es: Es war sein eigenes Bild, nur dreißig Jahre jünger. Bin ich etwa in seiner Gestalt zurückgekommen? fragte er sich. Dann müsste ich doch vorher gestorben sein ... Und ein Zittern ging durch ihn: Bin ich es denn nicht schon lange? Was ist denn noch an mir von dem Casanova, der jung, schön und glücklich war?

Er hörte Amalias Stimme. Sie stand neben ihm, aber ihre Stimme klang wie aus der Ferne. Sie fragte ihn, wie ihm der Spaziergang gefallen habe. Er antwortete laut, damit es alle hören konnten. Er lobte sehr den fruchtbaren, gut gepflegten Besitz, durch den er mit Olivo gegangen war. Inzwischen deckte die Magd auf der Wiese einen langen Tisch. Die zwei älteren Töchter Olivos halfen ihr dabei. Mit viel Kichern und Getue brachten sie Geschirr, Gläser und alles Nötige aus dem Haus. Langsam wurde es dunkel. Ein leichter, kühler Wind ging durch den Garten. Marcolina eilte an den Tisch. Sie wollte fertig machen, was die Kinder und die Magd begonnen hatten. Und sie wollte verbessern, was sie falsch gemacht hatten. Die anderen gingen ohne Eile auf der Wiese und in den Alleen spazieren.

Die Marchesa war sehr höflich zu Casanova. Sie wollte von ihm die berühmte Geschichte seiner Flucht aus den Bleikammern von Venedig hören. Dabei wisse sie gut, sagte sie mit einem vieldeutigen Lächeln, dass er viel gefährlichere Abenteuer erlebt habe. Diese zu erzählen, sei freilich heikler. Casanova antwortete: Er habe zwar viele ernste und lustige Schwierigkeiten erlebt. Aber ein Leben, dessen Sinn und Wesen die Gefahr ist, habe er nie richtig kennengelernt. Vor vielen Jahren sei er zwar ein paar Monate lang Soldat gewesen. Das war in unruhigen Zeiten, auf der Insel Korfu. Gab es denn überhaupt einen Beruf auf der Welt, in den ihn das Schicksal nicht geworfen hatte?! Aber er habe nie das Glück gehabt, einen echten Feldzug mitzumachen. So einen Feldzug habe jetzt der Herr Leutnant Lorenzi vor sich. Darum beneide er ihn fast.

»Da wissen Sie mehr als ich, Herr Casanova«, sagte Lorenzi mit einer hellen, frechen Stimme. »Und sogar mehr als mein Oberst. Denn ich habe gerade eine Verlängerung meines Urlaubs bekommen, auf unbestimmte Zeit.«

»Wirklich!«, rief der Marchese mit einer Wut, die er nicht beherrschen konnte. Und spöttisch fügte er hinzu: »Und stellen Sie sich vor, Lorenzi: Wir – vielmehr meine Frau – waren so sicher, dass Sie abreisen. Sie hat schon für Anfang nächster Woche einen unserer Freunde auf unser Schloss eingeladen, den Sänger Baldi.«

»Das passt gut«, antwortete Lorenzi ruhig. »Baldi und ich sind gute Freunde, wir werden uns vertragen. Nicht wahr?« Er wandte sich an die Marchesa und ließ seine Zähne blitzen.

»Das würde ich Ihnen beiden raten«, sagte die Marchesa mit einem heiteren Lächeln.

Mit diesen Worten setzte sie sich als Erste an den Tisch. Neben ihr saß Olivo, auf ihrer anderen Seite Lorenzi. Ihnen gegenüber saß Amalia, zwischen dem Marchese und Casanova. Neben Casanova, an einem schmalen Ende des Tisches, saß Marcolina. Am anderen Ende, neben Olivo, saß der Abbate. Wie am Mittag gab es ein einfaches, aber sehr gutes Essen. Die zwei älteren Töchter des Hauses, Teresina und Nanetta, reichten die Schüsseln. Sie schenkten auch den ausgezeichneten Wein ein, der auf Olivos Hügeln wuchs. Der Marchese und der Abbate dankten den Mädchen mit groben, zu vertraulichen Scherzen. Ein strengerer Vater als Olivo hätte das vielleicht verboten.

Amalia schien nichts zu bemerken. Sie war blass und sah trüb vor sich hin. Sie sah aus wie eine Frau, die beschlossen hat, alt zu werden. Denn das Jungsein hatte für sie jeden Sinn verloren. Ist das nun meine ganze Macht? dachte Casanova bitter und sah sie von der Seite an. Aber vielleicht war es nur das Licht, das Amalias Gesicht so traurig machte. Nur ein breiter Lichtstrahl fiel aus dem Haus auf die Gäste. Sonst musste allen das Dämmerlicht des Himmels genügen. Die Baumkronen schlossen in scharfen schwarzen Linien die Aussicht ab. Casanova fühlte sich an einen geheimnisvollen Garten erinnert. Dort hatte er vor vielen Jahren in der Nacht auf eine Geliebte gewartet. »Murano«, flüsterte er vor sich hin und zitterte. Dann sagte er laut: »Auf einer Insel nahe bei Venedig gibt es einen Garten. Es ist ein Klostergarten. Vor einigen Jahrzehnten war ich zum letzten Mal dort. Nachts duftete es dort genauso wie heute hier.«

»Sie waren wohl auch einmal Mönch?«, fragte die Marchesa im Scherz.

»Beinahe«, antwortete Casanova lächelnd. Und er erzählte die Wahrheit. Als er ein Junge von fünfzehn Jahren war, hatte ihm der Patriarch von Venedig die niederen Weihen gegeben. Aber schon als junger Mann hatte er das geistliche Gewand lieber wieder abgelegt.

Der Abbate erzählte von einem Frauenkloster in der Nähe. Er riet Casanova dringend, es zu besuchen, falls er es noch nicht kannte. Olivo stimmte lebhaft zu. Er lobte das düstere alte Gebäude und die schöne Gegend, in der es lag. Er lobte auch den abwechslungsreichen Weg dorthin. Außerdem, fuhr der Abbate fort, habe ihm die Äbtissin einen Brief geschrieben. Sie heiße Schwester Seraphina. Sie sei eine sehr gelehrte Frau und von Geburt eine Herzogin. Sie habe ihm geschrieben, weil in diesem Kloster das Gelübde des ewigen Schweigens gelte. In dem Brief äußere sie einen Wunsch: Sie wolle Marcolina persönlich kennenlernen. Sie habe nämlich von Marcolinas Gelehrsamkeit gehört.

»Ich hoffe, Marcolina«, sagte Lorenzi, »Sie lassen sich nicht dazu verführen, der Herzogin-Äbtissin in allem nachzueifern.« Es war das erste Mal, dass er direkt mit ihr sprach.

»Warum sollte ich auch?«, antwortete Marcolina heiter. »Man kann seine Freiheit auch ohne Gelübde bewahren. Sogar besser, denn ein Gelübde ist Zwang.«

Casanova saß neben ihr. Er wagte es nicht einmal, leise ihren Fuß zu berühren. Er wagte auch nicht, sein Knie an ihres zu drücken. Denn eines wusste er sicher: Noch ein drittes Mal durfte er diesen Ausdruck von Grauen und Ekel in ihrem Blick nicht sehen. Sonst würde ihn das ganz bestimmt zu einer wahnsinnigen Tat treiben. Das Essen ging weiter, und immer mehr Gläser wurden leer. Die Unterhaltung wurde lebhafter, und alle sprachen miteinander. Da hörte Casanova wieder Amalias Stimme, wieder wie aus der Ferne.

»Ich habe mit Marcolina gesprochen.«

»Du hast mit ihr –« Eine wilde Hoffnung flammte in ihm auf.

»Still, Casanova. Von dir war nicht die Rede. Wir haben nur über sie gesprochen und über ihre Pläne für die Zukunft. Und ich sage es dir noch einmal: Sie wird niemals einem Mann gehören.«

Olivo hatte viel Wein getrunken. Unerwartet stand er auf, das Glas in der Hand. Er sagte ein paar ungeschickte Worte über die hohe Ehre für sein armes Haus. Denn sein lieber Freund, der Chevalier von Seingalt, sei bei ihm zu Besuch.

»Wo ist denn der Chevalier von Seingalt, mein lieber Olivo, von dem Sie da reden?«, fragte Lorenzi mit seiner hellen, frechen Stimme.

Zuerst wollte Casanova dem frechen Menschen sein volles Glas an den Kopf werfen. Aber Amalia berührte leicht seinen Arm. Sie sagte: »Viele Leute, Herr Chevalier, kennen Sie bis heute nur unter Ihrem älteren und berühmteren Namen Casanova.«

»Ich wusste nicht«, sagte Lorenzi mit beleidigendem Ernst, »dass der König von Frankreich Herrn Casanova zum Adligen gemacht hat.«

»Diese Mühe konnte ich dem König ersparen«, antwortete Casanova ruhig. »Ich hoffe, Leutnant Lorenzi, Sie sind mit einer Erklärung zufrieden. Der Bürgermeister von Nürnberg hatte nichts gegen sie. Ich hatte die Ehre, sie ihm bei einer sonst unwichtigen Gelegenheit zu geben.« Die anderen schwiegen gespannt. Da sprach er weiter: »Das Alphabet gehört bekanntlich allen. Ich habe mir einige Buchstaben ausgesucht, die mir gefallen. Damit habe ich mich selbst zum Edelmann gemacht. So muss ich keinem Fürsten dankbar sein. Ein Fürst hätte meine Ansprüche ohnehin kaum beurteilen können. Ich bin Casanova Chevalier von Seingalt. Es täte mir leid für Sie, Leutnant Lorenzi, wenn Ihnen dieser Name nicht gefallen sollte.«

»Seingalt – ein ausgezeichneter Name«, sagte der Abbate. Er wiederholte ihn ein paarmal, als ob er ihn mit den Lippen schmeckte.

»Und es gibt niemanden auf der Welt«, rief Olivo, »der sich mit mehr Recht Chevalier nennen darf als mein edler Freund Casanova!«

»Und vielleicht klingt Ihr Ruhm einmal so weit wie der Ruhm von Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt«, fügte der Marchese hinzu. »Sobald es so weit ist, Lorenzi, werden wir nicht zögern. Dann nennen wir auch Sie Chevalier, wenn es Ihnen gefällt.«

Casanova ärgerte sich über diese Hilfe, die er von allen Seiten bekam und gar nicht wollte. Er wollte sie gerade ablehnen und seine Sache selbst weiterführen. Da traten aus dem Dunkel des Gartens zwei alte Herren an den Tisch. Ihre Kleidung war gerade noch anständig. Olivo begrüßte sie herzlich und laut. Er war sehr froh darüber. Denn so konnte er einem Streit die Spitze nehmen, der gefährlich zu werden drohte. Dieser Streit hätte die fröhliche Stimmung des Abends zerstören können.

Die beiden waren die Brüder Ricardi. Casanova erfuhr von Olivo, dass sie Junggesellen waren. Früher hatten sie in der großen Welt gelebt. Mit verschiedenen Geschäften hatten sie wenig Glück gehabt. Schließlich waren sie in das Nachbardorf zurückgegangen, wo sie geboren waren. Dort wohnten sie zur Miete in einem elenden kleinen Haus. Sie waren sonderbare, aber harmlose Leute. Die beiden Ricardi sagten, sie seien entzückt, den Chevalier wiederzusehen. Sie hätten ihn vor Jahren in Paris getroffen. Casanova erinnerte sich nicht. Oder war es in Madrid gewesen? ... »Das wäre möglich«, sagte Casanova. Aber er wusste, dass er die beiden noch nie gesehen hatte. Nur einer von ihnen redete, offenbar der jüngere. Der andere sah aus wie ein Neunzigjähriger. Er nickte ständig zu den Reden seines Bruders und grinste dabei verloren.

Man war vom Tisch aufgestanden. Die Kinder waren schon früher verschwunden. Lorenzi und die Marchesa spazierten in der Dämmerung über die Wiese. Marcolina und Amalia sah man bald im Saal. Dort schienen sie das Spiel vorzubereiten. Was hat das alles zu bedeuten? fragte sich Casanova, der allein im Garten stand. Halten sie mich für reich? Wollen sie mich ausnehmen? Alle diese Vorbereitungen kamen ihm irgendwie verdächtig vor. Auch die Freundlichkeit des Marchese, sogar der Eifer des Abbate und das Erscheinen der Brüder Ricardi. Konnte nicht auch Lorenzi an diesem Plan beteiligt sein? Oder Marcolina? Oder sogar Amalia? Ist das Ganze ein Streich meiner Feinde? dachte er flüchtig. Wollen sie mir die Rückkehr nach Venedig schwer machen? Wollen sie sie im letzten Augenblick unmöglich machen? Aber sofort musste er sich sagen, dass dieser Gedanke völlig unsinnig war. Vor allem darum, weil er ja nicht einmal mehr Feinde hatte. Er war ein ungefährlicher, heruntergekommener alter Dummkopf. Wen konnte es überhaupt kümmern, ob er nach Venedig zurückkam? Durch die offenen Fenster des Hauses sah er die Herren eifrig um den Tisch Platz nehmen. Auf dem Tisch lagen schon die Karten bereit, und volle Weingläser standen da. Da war ihm ohne jeden Zweifel klar: Hier war nichts anderes geplant als ein gewohntes, harmloses Spiel. Dabei war ein neuer Mitspieler eben willkommen.

Marcolina ging an ihm vorbei und wünschte ihm Glück.

»Sie bleiben nicht?«, fragte Casanova. »Schauen Sie dem Spiel nicht wenigstens zu?«

»Was soll ich dabei?«, antwortete Marcolina. »Gute Nacht, Chevalier von Seingalt – und bis morgen!«

Stimmen klangen nach draußen. »Lorenzi!«, rief es. »Herr Chevalier!« – »Wir warten!« Casanova stand im Schatten des Hauses. Von dort sah er, wie die Marchesa Lorenzi von der Wiese zu den dunklen Bäumen ziehen wollte. Dort drängte sie sich heftig an ihn. Aber Lorenzi riss sich grob von ihr los und eilte zum Haus. Am Eingang traf er Casanova. Mit einer Art spöttischer Höflichkeit ließ er ihn zuerst hineingehen. Casanova nahm das an, ohne zu danken.

Der Marchese legte die erste Bank. Olivo, die Brüder Ricardi und der Abbate setzten nur ganz kleine Münzen. Darum kam Casanova das ganze Spiel wie ein Spaß vor. So war es auch heute, obwohl sein ganzes Vermögen nur aus ein paar Dukaten bestand. Es kam ihm umso lächerlicher vor, weil der Marchese das Geld mit einer großartigen Miene einstrich und auszahlte. Er tat so, als ginge es um hohe Summen. Bis jetzt hatte Lorenzi nicht mitgespielt. Plötzlich warf er einen Dukaten auf den Tisch und gewann. Er ließ den verdoppelten Einsatz stehen und gewann ein zweites und ein drittes Mal. So ging es mit kleinen Pausen immer weiter. Die anderen Herren setzten inzwischen ihre kleinen Münzen wie vorher. Besonders die beiden Ricardi waren sehr ärgerlich. Der Marchese behandelte sie nämlich nicht mit der gleichen Rücksicht wie den Leutnant Lorenzi. Die Brüder spielten zusammen auf dieselbe Karte. Der ältere nahm die Karten, und ihm lief der Schweiß von der Stirn. Der andere stand hinter ihm und redete ohne Pause auf ihn ein. Es klang, als gäbe er ihm wichtige Ratschläge, die niemals falsch sein konnten. Wenn der schweigsame Bruder Geld gewann, leuchteten die Augen des anderen. Wenn nicht, sah er verzweifelt zum Himmel hinauf. Der Abbate nahm sonst kaum Anteil am Spiel. Manchmal sagte er Sätze wie Sprichwörter, zum Beispiel: »Das Glück und die Frauen zwingst du nicht.« Oder: »Die Erde ist rund, der Himmel weit.« Manchmal sah er auch schlau und ermutigend zu Casanova hin. Gleich danach sah er Amalia an, die Casanova gegenüber neben ihrem Mann saß. Es war, als wollte er die beiden alten Liebesleute wieder zusammenbringen.

Aber Casanova dachte an nichts anderes als an Marcolina. Jetzt zog sie sich in ihrem Zimmer langsam aus. Und wenn das Fenster offen stand, schimmerte ihre weiße Haut in die Nacht hinaus. Eine Begierde packte ihn, die seine Sinne verwirrte. Er wollte von seinem Platz neben dem Marchese aufstehen und den Raum verlassen. Aber der Marchese verstand diese Bewegung falsch. Er glaubte, Casanova wolle sich jetzt am Spiel beteiligen. »Na endlich«, sagte er. »Wir wussten ja, dass Sie nicht nur zuschauen würden, Chevalier.« Er legte eine Karte vor ihn hin. Casanova setzte alles, was er bei sich trug. Das war ungefähr alles, was er überhaupt besaß: etwa zehn Dukaten. Er zählte sie nicht, sondern ließ sie aus seinem Geldbeutel auf den Tisch gleiten. Er wünschte sich, sie auf einen Schlag zu verlieren. Das sollte dann ein Zeichen sein, ein Zeichen für Glück. Er wusste nicht genau, wofür. Für seine baldige Heimfahrt nach Venedig? Oder dafür, dass er bald die nackte Marcolina sehen würde? Doch bevor er sich entschieden hatte, hatte der Marchese schon gegen ihn verloren. Auch Casanova ließ den verdoppelten Einsatz stehen, wie Lorenzi es getan hatte. Und auch ihm blieb das Glück treu, wie dem Leutnant. Um die anderen kümmerte sich der Marchese nicht mehr. Der schweigsame Ricardi stand beleidigt auf, der andere rang die Hände. Dann standen die beiden zusammen in einer Ecke des Saales, wie vernichtet. Der Abbate und Olivo nahmen es leichter. Der Abbate aß Süßigkeiten und wiederholte seine Sprüchlein. Olivo sah aufgeregt zu, wie die Karten fielen. Schließlich hatte der Marchese fünfhundert Dukaten verloren. Casanova und Lorenzi teilten sie sich. Die Marchesa stand auf. Bevor sie den Saal verließ, gab sie dem Leutnant mit den Augen ein Zeichen. Amalia begleitete sie. Die Marchesa wiegte sich beim Gehen in den Hüften, und das ekelte Casanova an. Amalia schlich neben ihr her wie eine demütige ältere Frau.

Der Marchese hatte sein ganzes Bargeld verloren. Darum übernahm Casanova die Bank. Er bestand darauf, dass die anderen wieder mitspielten. Das gefiel dem Marchese nicht. Sofort waren die Brüder Ricardi zur Stelle, gierig und aufgeregt. Der Abbate schüttelte den Kopf, er hatte genug. Olivo spielte nur mit, weil er seinem edlen Gast keinen Wunsch abschlagen wollte. Lorenzi hatte weiter Glück. Als er insgesamt vierhundert Dukaten gewonnen hatte, stand er auf. »Morgen gebe ich Ihnen gern Revanche«, sagte er. »Jetzt bitte ich um die Erlaubnis, nach Hause zu reiten.«

»Nach Hause!«, rief der Marchese mit höhnischem Lachen. Er hatte übrigens ein paar Dukaten zurückgewonnen. »Das ist nicht schlecht! Der Leutnant wohnt nämlich bei mir!«, sagte er zu den anderen. »Und meine Frau ist schon vorausgefahren, nach Hause. Gute Unterhaltung, Lorenzi!«

»Sie wissen sehr gut«, antwortete Lorenzi, ohne eine Miene zu verziehen, »dass ich direkt nach Mantua reite. Nicht zu Ihrem Schloss, wo Sie mir gestern so freundlich ein Zimmer gegeben haben.«

»Reiten Sie, wohin Sie wollen! Meinetwegen zum Teufel!«

Lorenzi verabschiedete sich sehr höflich von den anderen und ging. Dem Marchese gab er keine passende Antwort. Darüber wunderte sich Casanova.

Casanova legte weiter die Karten aus und gewann. So schuldete ihm der Marchese bald ein paar hundert Dukaten. Wozu? fragte sich Casanova zuerst. Aber langsam packte ihn doch wieder der Reiz des Spiels. Es läuft nicht schlecht, dachte er ... Bald sind es tausend ... es können auch zweitausend werden. Der Marchese wird seine Schulden bezahlen. Mit einem kleinen Vermögen in Venedig ankommen, das wäre gar nicht schlecht. Aber warum nach Venedig? Man wird wieder reich, man wird wieder jung. Reichtum ist alles. Jetzt werde ich sie mir doch wenigstens wieder kaufen können. Wen? Ich will keine andere ... Sie steht nackt am Fenster – ganz sicher ... vielleicht wartet sie sogar ... ahnt, dass ich kommen werde ... Sie steht am Fenster, um mich verrückt zu machen. Und ich bin da.

Inzwischen teilte er mit unbewegtem Gesicht weiter die Karten aus. Er gab sie nicht nur dem Marchese, sondern auch Olivo und den Brüdern Ricardi. Manchmal schob er ihnen ein Goldstück hin, das ihnen gar nicht zustand. Sie nahmen es gern an. Aus der Nacht kam ein Geräusch wie die Hufschläge eines Pferdes, das über die Straße trabte. Lorenzi, dachte Casanova ... Von der Gartenmauer kam es wie ein Echo zurück. Dann wurden Klang und Echo langsam leiser und verschwanden. Jetzt aber wandte sich das Glück gegen Casanova. Der Marchese setzte hoch, immer höher. Um Mitternacht war Casanova so arm wie vorher, sogar noch ärmer. Denn er hatte auch seine eigenen paar Goldstücke verloren. Er schob die Karten weg und stand lächelnd auf. »Ich danke, meine Herren.«

Olivo breitete die Arme nach ihm aus. »Mein Freund, wir wollen weiterspielen ... Hundertfünfzig Dukaten – haben Sie das denn vergessen? Nein, nicht hundertfünfzig! Alles, was ich habe, was ich bin – alles – alles!« Er sprach undeutlich, denn er hatte den ganzen Abend getrunken. Casanova wehrte mit einer übertrieben vornehmen Handbewegung ab. »Die Frauen und das Glück zwingt man nicht«, sagte er und verbeugte sich zum Abbate hin. Der Abbate nickte zufrieden und klatschte in die Hände.

»Also bis morgen, mein verehrter Chevalier«, sagte der Marchese. »Dann nehmen wir zusammen dem Leutnant Lorenzi das Geld wieder ab.«

Die Ricardi bestanden darauf, weiterzuspielen. Der Marchese war in sehr guter Laune und legte ihnen eine Bank. Sie holten die Goldstücke heraus, die Casanova sie hatte gewinnen lassen. In zwei Minuten hatte der Marchese ihnen alles abgenommen. Dann lehnte er entschieden ab, mit ihnen weiterzuspielen. Erst müssten sie Bargeld zeigen. Sie rangen die Hände. Der ältere begann zu weinen wie ein Kind. Der andere küsste ihn auf beide Wangen, wie um ihn zu beruhigen. Der Marchese fragte, ob sein Wagen schon zurückgekommen sei. Der Abbate sagte Ja. Er hatte ihn vor einer halben Stunde vorfahren hören. Der Marchese lud den Abbate und die Brüder Ricardi in seinen Wagen ein. Er wollte sie vor ihren Häusern absetzen. Und alle verließen das Haus.

Als die anderen fort waren, nahm Olivo Casanovas Arm. Immer wieder versicherte er ihm, mit Tränen in der Stimme: Alles in diesem Haus gehöre ihm, Casanova. Er könne damit machen, was er wolle. Sie kamen an Marcolinas Fenster vorbei. Es war nicht nur geschlossen. Auch ein Gitter war davorgeschoben, und innen hing ein Vorhang herab. Es gab Zeiten, dachte Casanova, da hat all das nichts genützt. Oder es hatte nichts zu bedeuten. Sie gingen ins Haus. Olivo bestand darauf, den Gast über die etwas knarrende Treppe bis ins Turmzimmer zu begleiten. Dort umarmte er ihn zum Abschied. »Also morgen«, sagte er, »sollen Sie das Kloster sehen. Aber schlafen Sie nur ruhig. Wir fahren nicht allzu früh los. Und wir richten uns ganz nach Ihren Wünschen. Gute Nacht.« Er ging und schloss leise die Tür hinter sich. Aber seine Schritte dröhnten über die Treppe durch das ganze Haus.

Casanova stand allein in seinem Zimmer. Zwei Kerzen gaben nur schwaches Licht. Sein Blick wanderte von einem Fenster zum anderen. Die vier Fenster zeigten in die vier Himmelsrichtungen. Die Landschaft lag in einem bläulichen Glanz. Nach allen Seiten sah man fast das gleiche Bild: weite Ebenen mit kleinen Hügeln. Nur im Norden sah man undeutliche Linien von Bergen. Hier und dort standen einzelne Häuser, Bauernhöfe und auch größere Gebäude. Eines davon lag etwas höher, und aus ihm schimmerte ein Licht. Casanova vermutete, dass es das Schloss des Marchese war. Im Zimmer stand nur das breite, frei stehende Bett. Dazu gab es einen langen Tisch, auf dem die zwei Kerzen brannten. Außerdem gab es ein paar Stühle und eine Kommode. Über der Kommode hing ein Spiegel mit goldenem Rahmen. Sorgfältige Hände hatten hier aufgeräumt, und auch der Reisesack war ausgepackt. Auf dem Tisch lag die verschlossene, abgenutzte Ledermappe mit Casanovas Papieren. Daneben lagen ein paar Bücher, die er für seine Arbeit brauchte und darum mitgenommen hatte. Auch Schreibzeug lag bereit. Er war nicht im Geringsten müde. Darum nahm er sein Manuskript aus der Mappe. Im Kerzenlicht las er, was er zuletzt geschrieben hatte. Er hatte mitten in einem Absatz aufgehört. Darum war es leicht für ihn, sofort weiterzuschreiben. Er nahm die Feder, schrieb schnell ein paar Sätze und hielt plötzlich wieder inne.

Wozu? fragte er sich. Es war wie eine grausame Erkenntnis in seinem Inneren. Und wenn ich auch wüsste: Das, was ich hier geschrieben habe und noch schreiben werde, wird herrlich, ohne Vergleich. Ja, nehmen wir an, es gelänge mir wirklich, Voltaire zu vernichten. Nehmen wir an, mein Ruhm würde seinen Ruhm überstrahlen. Wäre ich nicht trotzdem mit Freuden bereit, all diese Papiere zu verbrennen? Ich würde es tun, wenn ich dafür in dieser Stunde Marcolina umarmen dürfte. Ja, wäre ich für denselben Preis nicht sogar zu einem Gelübde bereit? Ich würde schwören, Venedig niemals wieder zu betreten. Auch dann, wenn sie mich im Triumph dorthin zurückholen wollten.

Venedig! ... Er wiederholte das Wort. Es klang um ihn in seiner ganzen Herrlichkeit. Und schon hatte es wieder die alte Macht über ihn. Die Stadt seiner Jugend stieg vor ihm auf, umgeben von allem Zauber der Erinnerung. Sein Herz wurde voll von Sehnsucht. Sie war so qualvoll und so maßlos, wie er sie wohl noch nie gefühlt hatte. Auf die Heimkehr zu verzichten – das schien ihm das unmöglichste aller Opfer. Kein Opfer, das das Schicksal von ihm verlangen konnte, war größer. Was sollte er noch in dieser elenden, blass gewordenen Welt? Was sollte er hier ohne die Hoffnung, ohne die Gewissheit, die geliebte Stadt jemals wiederzusehen? Jahre und Jahrzehnte lang war er gewandert und hatte Abenteuer erlebt. Er hatte viel Glück und Unglück erlebt, viel Ehre und Schande. Er hatte Triumphe und Erniedrigungen erfahren. Nach all dem musste er doch endlich einen Ort zum Ausruhen haben, eine Heimat. Und gab es für ihn eine andere Heimat als Venedig? Und ein anderes Glück als das Wissen, wieder eine Heimat zu haben? In der Fremde konnte er das Glück schon lange nicht mehr dauerhaft zu sich zwingen. Manchmal hatte er noch die Kraft, es zu ergreifen. Aber er hatte nicht mehr die Kraft, es festzuhalten. Seine Macht über die Menschen, über Frauen und Männer, war vorbei. Nur wo man sich an ihn erinnerte, konnten sein Wort, seine Stimme und sein Blick noch fesseln. So wie er jetzt war, hatte er keine Wirkung mehr. Seine Zeit war vorbei!

Und jetzt gestand er sich auch etwas ein, das er sonst besonders sorgfältig vor sich selbst versteckte. Auch seine Werke als Schriftsteller würden niemals einen großen Erfolg haben, der weit in die Welt reichte. Nicht einmal seine Streitschrift gegen Voltaire, auf die er seine letzte Hoffnung gesetzt hatte. Auch dafür war es zu spät. Ja, hätte er als junger Mann Zeit und Geduld gehabt! Dann hätte er sich ernsthafter mit solchen Arbeiten beschäftigen können. Das wusste er genau: Dann wäre er den Besten auf diesem Gebiet gleich gewesen, den Dichtern und Philosophen. Ebenso hätte er als Finanzmann oder als Diplomat das Höchste erreichen können. Dazu hätte er nur mehr Ausdauer und Vorsicht gebraucht, als er von Natur aus hatte. Doch wo waren all seine Geduld und seine Vorsicht, wenn ein neues Liebesabenteuer lockte? Wo waren dann alle seine Lebenspläne? Frauen – überall Frauen. Für sie hatte er in jedem Augenblick alles weggeworfen. Für edle und für gewöhnliche, für leidenschaftliche und für kalte, für Jungfrauen und für Dirnen. Für eine Nacht in einem neuen Liebesbett hätte er immer alles hergegeben. Alle Ehren dieser Welt und alle Seligkeit der anderen Welt waren dafür immer zu haben gewesen.

Aber bereute er etwas? Er hatte ewig gesucht und dabei niemals oder immer gefunden. Er war von Begierde zu Lust geflohen und von Lust zu Begierde, irdisch und überirdisch zugleich. Bereute er, was er dadurch sonst im Leben vielleicht versäumt hatte? Nein, er bereute nichts. Er hatte sein Leben gelebt wie kein anderer. Und lebte er es nicht noch heute auf seine Art? Überall auf seinem Weg gab es noch Frauen. Sie waren zwar nicht mehr so verrückt nach ihm wie früher. Amalia? Er konnte sie haben, wann er wollte. Sogar in dieser Stunde, im Bett ihres betrunkenen Mannes. Und die Wirtin in Mantua? War sie nicht in ihn verliebt wie in einen hübschen Jungen, zärtlich und eifersüchtig? Und Perottis Geliebte, mit Pockennarben im Gesicht, aber gut gebaut? Der Name Casanova hatte sie berauscht. Es war, als ob dieser Name die Wollust von tausend Nächten über sie sprühte. Hatte sie ihn nicht angebettelt, ihr eine einzige Liebesnacht zu schenken? Und hatte er sie nicht abgewiesen? Er hatte es getan wie einer, der noch immer nach eigenem Geschmack wählen darf.

Freilich – Marcolina – Frauen wie Marcolina waren nicht mehr für ihn da. Oder – wäre sie niemals für ihn da gewesen? Es gab ja wohl auch Frauen dieser Art. Vielleicht war er früher einmal so einer begegnet. Aber immer war zugleich eine andere da gewesen, die williger war. Darum hatte er nie auch nur einen Tag damit verloren, vergeblich zu seufzen. Und nicht einmal Lorenzi hatte Marcolina erobert. Sie hatte sogar die Hand dieses Menschen abgelehnt. Dabei war er so schön und so frech, wie Casanova selbst in seiner Jugend gewesen war. Also war Marcolina vielleicht wirklich jenes Wunderwesen, an das er bisher nicht geglaubt hatte: die tugendhafte Frau.

Da lachte er plötzlich so laut, dass es durch das Zimmer hallte. »Der Ungeschickte, der Dummkopf!«, rief er laut. Das tat er oft, wenn er so mit sich selbst sprach. »Er hat die Gelegenheit nicht zu nutzen verstanden. Oder die Marchesa lässt ihn nicht los. Oder hat er sich die erst genommen, als er Marcolina nicht bekommen konnte, die Gelehrte – die Philosophin?!« Und plötzlich hatte er eine Idee: Ich will ihr morgen meine Streitschrift gegen Voltaire vorlesen! Sie ist der einzige Mensch, dem ich das nötige Verständnis dafür zutraue. Ich werde sie überzeugen ... Sie wird mich bewundern. »Natürlich wird sie das ... Ausgezeichnet, Herr Casanova! Sie schreiben einen glänzenden Stil, alter Herr! Bei Gott ... Sie haben Voltaire vernichtet ... genialer Greis!« So sprach er, so zischte er vor sich hin. Er lief im Zimmer hin und her wie in einem Käfig. Eine ungeheure Wut hatte ihn gepackt. Sie richtete sich gegen Marcolina, gegen Voltaire, gegen ihn selbst, gegen die ganze Welt. Er brauchte seine letzte Kraft, um nicht laut zu brüllen.

Endlich warf er sich aufs Bett, ohne sich auszuziehen. Er lag da und sah mit weit offenen Augen zu den Balken der Decke hinauf. Dort sah er an einzelnen Stellen im Kerzenlicht Spinnweben silbern glänzen. Dann ging es ihm, wie es ihm manchmal nach dem Kartenspiel vor dem Einschlafen ging. Mit unglaublicher Geschwindigkeit jagten Bilder von Spielkarten an ihm vorbei. Endlich sank er wirklich in einen Schlaf ohne Träume. Aber er dauerte nur kurze Zeit. Nun horchte er auf die geheimnisvolle Stille um sich herum. Die Fenster des Turmzimmers nach Osten und Süden standen offen. Aus Garten und Feld kamen milde, süße Gerüche aller Art herein. Aus der Landschaft kamen unbestimmte Geräusche, wie sie der kommende Morgen von nah und fern bringt. Casanova konnte nicht länger still liegen. Ein starker Wunsch nach Veränderung packte ihn und lockte ihn nach draußen. Vögel sangen und riefen ihn. Ein kühler Morgenwind berührte seine Stirn. Leise öffnete Casanova die Tür und ging vorsichtig die Treppe hinunter. Darin war er oft geübt, und so knarrten die Holzstufen unter seinen Schritten nicht im Geringsten. Über die Steintreppe kam er ins Erdgeschoss. Dann ging er durch das Speisezimmer. Dort standen noch die halb vollen Gläser auf dem Tisch. Von dort kam er in den Garten. Auf dem Kies hörte man seine Schritte. Darum ging er gleich auf die Wiese hinüber. Im frühen Dämmerlicht schien sie unwirklich weit. Dann schlich er in die Allee, und zwar auf die Seite, von der aus er Marcolinas Fenster sehen musste. Es war vergittert, geschlossen und verhängt, so wie er es zuletzt gesehen hatte. Kaum fünfzig Schritte vom Haus entfernt setzte sich Casanova auf eine Steinbank. Hinter der Gartenmauer hörte er einen Wagen vorbeifahren, dann war es wieder still. Über der Wiese schwebte ein feiner grauer Nebel. Es sah aus wie ein durchsichtiger, trüber Teich mit verschwimmenden Ufern. Wieder dachte Casanova an jene Nacht seiner Jugend im Klostergarten von Murano. Oder war es ein anderer Park gewesen, eine andere Nacht? Er wusste es nicht mehr. Vielleicht waren es hundert Nächte, die in der Erinnerung zu einer einzigen wurden. So wurden ihm manchmal auch hundert Frauen, die er geliebt hatte, in der Erinnerung zu einer einzigen. Sie schwebte wie eine rätselhafte Gestalt durch seine fragenden Sinne. Und *war* denn am Ende nicht eine Nacht wie die andere? Und eine Frau wie die andere? Besonders, wenn es vorbei war? Und dieses Wort »vorbei« hämmerte weiter in seinen Schläfen. Es war, als sollte es von nun an der Pulsschlag seines verlorenen Lebens sein.

Da war es ihm, als ob hinter ihm etwas an der Mauer entlang raschelte. Oder war es nur ein Echo? Ja, das Geräusch kam vom Haus her. Marcolinas Fenster stand auf einmal offen. Das Gitter war zurückgeschoben, und der Vorhang war auf eine Seite gezogen. Aus dem dunklen Zimmer kam eine Gestalt hervor, wie ein Schatten. Es war Marcolina selbst. Sie trug ein weißes Nachthemd, das bis zum Hals geschlossen war. Sie trat an die Brüstung, als wollte sie die schöne Morgenluft einatmen. Casanova hatte sich schnell von der Bank gleiten lassen. Über den Rand der Bank, durch die Zweige der Allee, starrte er wie verzaubert zu Marcolina hin. Ihre Augen schienen ohne Gedanken, ja ohne Richtung in die Dämmerung zu sehen. Sie war noch halb im Schlaf. Erst nach ein paar Sekunden schien sie sich in einem Blick sammeln zu können. Diesen Blick ließ sie langsam nach rechts und nach links wandern. Dann beugte sie sich vor, als ob sie auf dem Kies etwas suchte. Gleich danach drehte sie den Kopf mit dem offenen Haar nach oben, wie zu einem Fenster im oberen Stock. Dann stand sie wieder eine Weile ohne Bewegung. Sie stützte die Hände auf beiden Seiten an den Fensterrahmen. So sah sie aus, als wäre sie an ein unsichtbares Kreuz geschlagen. Erst jetzt wurde ihr Gesicht für Casanova deutlich, als ob es plötzlich von innen leuchtete. Ein Lächeln spielte um ihren Mund und erstarrte gleich wieder. Nun ließ sie die Arme sinken. Ihre Lippen bewegten sich seltsam, als ob sie ein Gebet flüsterten. Wieder suchte ihr Blick langsam den Garten ab. Dann nickte sie kurz. Im selben Augenblick schwang sich jemand über die Brüstung ins Freie. Er musste bis jetzt ganz klein zu Marcolinas Füßen am Boden gesessen haben. Es war Lorenzi. Er flog mehr, als dass er ging, über den Kies zur Allee hin. Er lief quer durch die Allee, kaum zehn Schritte von Casanova entfernt. Casanova lag unter der Bank und hielt den Atem an. Hinter der Allee lief ein schmaler Streifen Wiese an der Mauer entlang. Dort eilte Lorenzi nach hinten, und Casanova konnte ihn nicht mehr sehen. Dann hörte Casanova, wie eine Tür in den Angeln seufzte. Es konnte nur die Tür sein, durch die er gestern Abend in den Garten zurückgekommen war. Damals war er mit Olivo und dem Marchese gekommen. Dann war alles still. Marcolina hatte die ganze Zeit völlig unbeweglich dagestanden. Als sie wusste, dass Lorenzi in Sicherheit war, atmete sie tief auf. Sie schloss Gitter und Fenster. Der Vorhang fiel herab, wie von selbst. Und alles war wie vorher. Nur war inzwischen der Tag über Haus und Garten aufgegangen. Es war, als hätte er jetzt keinen Grund mehr zu warten.

Auch Casanova lag noch wie vorher unter der Bank, die Hände vor sich ausgestreckt. Nach einer Weile schob er sich am Boden weiter, in die Mitte der Allee. Dann bewegte er sich auf allen vieren weiter, bis zu einer Stelle, wo ihn niemand sehen konnte. Weder von Marcolinas Fenster aus noch von einem anderen Fenster. Jetzt stand er auf. Sein Rücken schmerzte. Er streckte sich in die Höhe, dehnte Arme und Beine und kam endlich zu sich. Ja, erst jetzt fand er sich selbst wieder. Es war, als hätte er sich von einem geprügelten Hund zurück in einen Menschen verwandelt. Aber dieser Mensch war dazu verdammt, die Prügel weiter zu spüren. Nicht als Schmerz im Körper, sondern als tiefe Scham. Warum, fragte er sich, bin ich nicht zum Fenster gegangen, solange es noch offen war? Und über die Brüstung hinein zu ihr? Hätte sie sich wehren können – wehren dürfen –, die Heuchlerin, die Lügnerin, die Dirne? Und er beschimpfte sie immer weiter. Er tat, als hätte er ein Recht dazu. Als hätte sie ihm Treue geschworen wie einem Geliebten und ihn dann betrogen. Er schwor sich, sie zur Rede zu stellen, von Angesicht zu Angesicht. Er wollte es ihr ins Gesicht schleudern, vor allen anderen. Vor Olivo, vor Amalia, vor dem Marchese, vor dem Abbate, vor der Magd und den Knechten. Alle sollten hören, dass sie eine lüsterne kleine Hure war und nichts anderes. Wie zur Übung erzählte er sich selbst ganz genau, was er gerade gesehen hatte. Und er machte sich das Vergnügen, noch allerlei dazuzuerfinden, um sie noch tiefer zu erniedrigen. Er erzählte sich, dass sie nackt am Fenster gestanden hatte. Und dass sie sich im Spiel der Morgenwinde von ihrem Geliebten schamlos hatte streicheln lassen.

So beruhigte er seine Wut fürs Erste, so gut es ging. Dann dachte er nach. Konnte er mit dem, was er jetzt wusste, nicht vielleicht etwas Besseres anfangen? Hatte er sie jetzt nicht in seiner Gewalt? Sie hätte ihm ihre Gunst nicht freiwillig geschenkt. Konnte er sie jetzt nicht mit Drohungen dazu zwingen? Aber dieser schändliche Plan brach sofort wieder zusammen. Das war nicht so sehr, weil Casanova sah, wie schändlich er war. Er musste vielmehr erkennen, dass der Plan gerade in diesem Fall keinen Zweck und keinen Sinn hatte. Was konnten seine Drohungen Marcolina kümmern? Sie war niemandem Rechenschaft schuldig. Und wenn es darauf ankam, war sie auch schlau genug, ihn von ihrer Tür zu jagen. Sie würde ihn einfach einen Verleumder und Erpresser nennen. Und angenommen, sie wäre aus irgendeinem Grund doch bereit dazu. Sie würde sich ihm hingeben, um das Geheimnis ihrer Liebe zu Lorenzi zu kaufen. Er wusste freilich, dass er da etwas dachte, das außerhalb aller Möglichkeiten lag. Aber auch dann: Musste ein so erzwungener Genuss für ihn nicht zu einer unbeschreiblichen Qual werden? Denn wenn er liebte, wollte er tausendmal lieber Glück geben als Glück bekommen. Diese Qual würde ihn in den Wahnsinn treiben und dazu, sich selbst zu vernichten.

Plötzlich stand er an der Gartentür. Sie war verschlossen. Lorenzi hatte also einen Nachschlüssel. Und da fiel ihm noch etwas ein. Lorenzi war gestern vom Spieltisch aufgestanden. Wer war denn danach auf dem trabenden Pferd durch die Nacht davongeritten? Offenbar ein bestellter Knecht. Unwillkürlich musste Casanova anerkennend lächeln ... Sie passten zueinander, Marcolina und Lorenzi, die Philosophin und der Offizier. Und beide hatten noch eine herrliche Laufbahn vor sich. Wer wird Marcolinas nächster Liebhaber sein? fragte er sich. Der Professor in Bologna, in dessen Haus sie wohnt? Oh, ich Narr. Der war es ja längst ... Wer noch? Olivo? Der Abbate? Warum nicht?! Oder der junge Knecht, der gestern am Tor stand und uns dumm anstarrte, als wir ankamen? Alle! Ich weiß es. Aber Lorenzi weiß es nicht. Das habe ich ihm voraus. Dabei war er im Innersten überzeugt, dass Lorenzi Marcolinas erster Liebhaber war. Er vermutete sogar, dass sie ihm heute die erste Nacht geschenkt hatte. Aber das hielt ihn nicht davon ab, seine boshaften, lüsternen Gedankenspiele weiterzutreiben. Dabei ging er an der Mauer entlang um den Garten herum.

So stand er wieder vor der Tür zum Saal, die er offen gelassen hatte. Er sah ein, dass er vorerst nichts anderes tun konnte, als ins Turmzimmer zurückzugehen. Niemand durfte ihn dabei sehen oder hören. Ganz vorsichtig schlich er hinauf. Oben ließ er sich in den Lehnstuhl sinken, auf dem er schon vorher gesessen hatte. Er saß vor dem Tisch. Dort schienen die losen Blätter des Manuskripts nur auf seine Rückkehr zu warten. Unwillkürlich fiel sein Blick auf den Satz, den er vorhin in der Mitte abgebrochen hatte. Er las: »Voltaire wird unsterblich sein, gewiss. Aber er wird diese Unsterblichkeit mit seinem unsterblichen Teil bezahlt haben. Der Witz hat sein Herz aufgezehrt, wie der Zweifel seine Seele, und also –« In diesem Augenblick flutete die Morgensonne rötlich herein. Das Blatt in seiner Hand begann zu glühen. Wie besiegt ließ er es zu den anderen auf den Tisch sinken. Plötzlich spürte er, wie trocken seine Lippen waren. Er goss sich ein Glas Wasser aus einer Flasche ein, die auf dem Tisch stand. Es schmeckte lauwarm und süßlich. Angeekelt drehte er den Kopf zur Seite. Da starrte ihm aus dem Spiegel über der Kommode ein bleiches altes Gesicht entgegen. Wirres Haar fiel ihm über die Stirn. Mit einer Lust, die ihn selbst quälte, ließ er die Mundwinkel noch schlaffer herabhängen. Es war, als spielte er eine geschmacklose Rolle im Theater. Er fuhr sich durchs Haar, damit die Haare noch unordentlicher fielen. Er streckte seinem Spiegelbild die Zunge heraus. Mit absichtlich rauer, heiserer Stimme sagte er eine Reihe dummer Schimpfwörter gegen sich selbst. Und schließlich blies er wie ein unartiges Kind die Blätter seines Manuskripts vom Tisch.

Dann begann er wieder, Marcolina zu beschimpfen. Er beschimpfte sie mit den schmutzigsten Wörtern. Danach zischte er zwischen den Zähnen: Glaubst du, die Freude dauert lange? Du wirst fett und faltig und alt werden wie die anderen Weiber, die mit dir jung waren. Du wirst ein altes Weib sein, mit schlaffen Brüsten und trockenem grauem Haar. Ohne Zähne wirst du sein, und du wirst übel riechen ... und am Ende wirst du sterben! Du kannst auch jung sterben! Und du wirst verfaulen! Und du wirst Futter für die Würmer sein. Er wollte sich ein letztes Mal an ihr rächen. Darum versuchte er, sie sich als Tote vorzustellen. Er sah sie in weißen Kleidern im offenen Sarg liegen. Aber er konnte sich an ihr kein Zeichen der Zerstörung vorstellen. Im Gegenteil: Ihre wirklich überirdische Schönheit machte ihn von Neuem ganz wild. Hinter seinen geschlossenen Augen wurde der Sarg zum Brautbett. Marcolina lag lächelnd da und blinzelte mit den Augenlidern. Mit ihren schmalen, bleichen Händen zerriss sie das weiße Kleid über ihren zarten Brüsten, wie um sich über ihn lustig zu machen. Er streckte die Arme nach ihr aus. Er wollte sich auf sie stürzen und sie umarmen. Doch da löste sich das Bild in nichts auf.

Es klopfte an die Tür. Er fuhr aus einem dumpfen Schlaf hoch. Olivo stand vor ihm.

»Wie, schon am Schreibtisch?«

»Es ist meine Gewohnheit«, antwortete Casanova, sofort wieder gefasst, »die ersten Morgenstunden der Arbeit zu widmen. Wie spät ist es wohl?«

»Acht Uhr«, antwortete Olivo. »Das Frühstück steht im Garten bereit. Sobald Sie es wünschen, Chevalier, fahren wir zum Kloster. Aber ich sehe, der Wind hat Ihnen die Blätter verstreut!« Und er begann, die Papiere vom Fußboden aufzusammeln.

Casanova ließ ihn machen, denn er war ans Fenster getreten. Auf der Wiese, im Schatten des Hauses, stand der Frühstückstisch. Um ihn herum saßen Amalia, Marcolina und die drei kleinen Mädchen, alle in Weiß. Sie riefen ihm einen Morgengruß zu. Er sah nur Marcolina. Sie lächelte freundlich mit hellen Augen zu ihm hinauf. Auf ihrem Schoß hielt sie einen Teller mit früh gereiften Trauben. Eine Beere nach der anderen steckte sie in den Mund. Alle Verachtung, aller Zorn, aller Hass schmolzen in Casanovas Herzen dahin. Er wusste nur noch, dass er sie liebte. Wie betrunken von ihrem Anblick trat er wieder ins Zimmer zurück. Olivo kniete noch immer auf dem Boden. Er suchte die verstreuten Blätter unter dem Tisch und unter der Kommode. Casanova bat ihn, damit aufzuhören. Er wollte allein gelassen werden, um sich für die Fahrt fertig zu machen.

»Es eilt nicht«, sagte Olivo und strich sich den Staub von der Hose. »Zum Mittagessen sind wir bequem zurück. Übrigens hat der Marchese bitten lassen, dass wir heute schon früh am Nachmittag mit dem Spiel beginnen. Offenbar will er vor Sonnenuntergang zu Hause sein.«

»Mir ist es ziemlich egal, wann das Spiel beginnt«, sagte Casanova. Dabei ordnete er seine Blätter in die Mappe. »Ich werde auf keinen Fall mitspielen.«

»Sie werden«, erklärte Olivo mit einer Entschiedenheit, die sonst nicht seine Art war. Er legte eine Rolle Goldstücke auf den Tisch. »Meine Schuld, Chevalier. Spät, aber aus einem dankbaren Herzen.«

Casanova wehrte ab.

»Sie müssen«, versicherte Olivo, »wenn Sie mich nicht aufs Tiefste beleidigen wollen. Außerdem hatte Amalia heute Nacht einen Traum, der Sie dazu bringen wird – aber den soll sie Ihnen selbst erzählen.« Und er verschwand eilig.

Casanova zählte die Goldstücke trotzdem. Es waren hundertfünfzig. Das war genau die Summe, die er vor fünfzehn Jahren geschenkt hatte. Er wusste selbst nicht mehr genau, wem: dem Bräutigam, der Braut oder ihrer Mutter. Das Vernünftigste wäre, sagte er sich, ich steckte das Geld ein und verabschiedete mich. Dann verließe ich das Haus, möglichst ohne Marcolina noch einmal zu sehen. Aber habe ich jemals das Vernünftige getan? Und ob nicht inzwischen eine Nachricht aus Venedig gekommen ist? ... Zwar hat meine ausgezeichnete Wirtin versprochen, sie mir sofort nachzuschicken ...

Inzwischen hatte die Magd einen großen Tonkrug heraufgebracht. Darin war Wasser, so kalt wie aus der Quelle. Casanova wusch sich den ganzen Körper, und das erfrischte ihn sehr. Dann zog er seine bessere Kleidung an, eine Art Festgewand. Das hätte er schon gestern Abend getan, wenn er Zeit zum Umziehen gefunden hätte. Aber jetzt war er ganz zufrieden damit. So konnte er heute vornehmer gekleidet als gestern vor Marcolina erscheinen. Gewissermaßen in einer neuen Gestalt.

Er trug einen Rock aus grauer, glänzender Seide mit Stickereien und breiten spanischen Silberspitzen. Dazu trug er eine gelbe Weste und eine kirschrote Hose aus Seide. Seine Haltung war edel, aber nicht direkt stolz. Um seine Lippen lag ein überlegenes, aber freundliches Lächeln. Seine Augen strahlten wie im Feuer einer Jugend, die niemals erlischt. So trat er in den Garten. Dort fand er zu seiner Enttäuschung zunächst nur Olivo. Olivo lud ihn ein, sich neben ihn an den Tisch zu setzen. Er solle mit dem einfachen Frühstück zufrieden sein. Casanova genoss Milch, Butter, Eier und Weißbrot. Danach aß er noch Pfirsiche und Trauben. Sie kamen ihm köstlicher vor als alle, die er je gegessen hatte. Die drei Mädchen kamen über den Rasen gelaufen. Casanova küsste sie alle zur Begrüßung. Mit Teresina, der Dreizehnjährigen, war er zu vertraulich, so wie gestern der Abbate. Olivo freute sich nur, wie gut der Chevalier mit Kindern umgehen konnte.

»Und Sie wollen uns wirklich schon morgen wieder verlassen?«, fragte er schüchtern und zärtlich.

»Heute Abend«, sagte Casanova, aber mit einem scherzhaften Zwinkern. »Sie wissen ja, mein bester Olivo, die Senatoren von Venedig –«

»Die haben Sie gar nicht verdient«, unterbrach ihn Olivo lebhaft. »Lassen Sie sie warten. Bleiben Sie bei uns bis übermorgen – nein, eine Woche lang.«

Casanova schüttelte langsam den Kopf. Dabei hielt er die kleine Teresina an den Händen fest. Sie machte sich sanft los, als Amalia und Marcolina aus dem Haus kamen. Amalia trug ein schwarzes Tuch über ihrem hellen Kleid, Marcolina ein weißes. Olivo bat die beiden, ihn bei seiner Bitte zu unterstützen. Aber weder Amalia noch Marcolina fanden ein Wort, um Olivos Einladung zu unterstützen. Darum sagte Casanova mit übertriebener Härte in Stimme und Gesicht: »Es ist unmöglich.«

Sie gingen durch die Kastanienallee zum Tor. Olivo hatte gleich erzählt, dass er Casanova noch am hellen Morgen wach bei der Arbeit gefunden hatte. Darum fragte Marcolina ihn, ob er in der Nacht mit seiner Arbeit gut vorangekommen sei. Casanova wollte ihr schon eine zweideutige, boshafte Antwort geben. Die Antwort hätte sie misstrauisch gemacht, aber ihn selbst nicht verraten. Doch er hielt seinen Witz zurück. Er dachte daran, dass jede voreilige Bemerkung schaden konnte. Darum antwortete er höflich, er habe nur einige Änderungen gemacht. Die Anregung dazu verdanke er dem gestrigen Gespräch mit ihr. Sie stiegen in den Wagen. Er hatte keine schöne Form und war schlecht gepolstert, aber sonst bequem. Casanova saß Marcolina gegenüber, Olivo seiner Frau. Doch der Wagen war so groß, dass sich trotz des Schüttelns niemand ungewollt berührte.

Casanova bat Amalia, ihm ihren Traum zu erzählen. Sie lächelte ihn freundlich an, fast gütig. Jede Spur von Kränkung oder Groll war aus ihrem Gesicht verschwunden. Dann begann sie:

»Ich sah Sie, Casanova, in einem herrlichen Wagen mit sechs dunklen Pferden. Sie fuhren vor einem hellen Gebäude vor. Vielmehr: Der Wagen hielt an, und ich wusste noch nicht, wer darin saß. Da stiegen Sie aus. Sie trugen ein prächtiges weißes Festgewand mit Goldstickerei. Es war fast noch prächtiger als die Kleider, die Sie heute anhaben.« Dabei lag ein freundlicher Spott in ihrem Gesicht. »Und Sie trugen – wirklich! – die gleiche schmale Goldkette, die Sie heute tragen. Dabei habe ich sie doch wirklich noch nie an Ihnen gesehen!«

Diese Kette mit der goldenen Uhr hatte Casanova noch behalten können. Ebenso eine goldene Dose mit Halbedelsteinen, mit der er gerade in der Hand spielte. Das waren seine letzten Schmuckstücke, und sie hatten nur mäßigen Wert.

»Ein alter Mann, der wie ein Bettler aussah, öffnete die Wagentür. Es war Lorenzi. Sie aber, Casanova, waren jung, ganz jung, noch jünger, als Sie damals waren.« Sie sagte »damals«. Es war ihr egal, dass mit diesem Wort alle ihre Erinnerungen herbeiflatterten, mit rauschenden Flügeln. »Sie grüßten nach allen Seiten, obwohl weit und breit kein Mensch zu sehen war. Dann gingen Sie durch das Tor. Es schlug heftig hinter Ihnen zu. Ich wusste nicht, ob der Sturm es zugeworfen hatte oder Lorenzi. Es schlug so heftig zu, dass die Pferde scheuten und mit dem Wagen davonrasten. Dann hörte ich ein Geschrei aus den Nebengassen. Es klang wie von Menschen, die sich retten wollen. Und es hörte gleich wieder auf. Sie aber erschienen an einem Fenster des Hauses. Jetzt wusste ich, dass es ein Spielhaus war. Sie grüßten nach allen Seiten hinunter, und doch war niemand da. Dann drehten Sie sich über die Schulter nach hinten um. Es war, als stünde jemand hinter Ihnen im Zimmer. Aber ich wusste, dass auch dort niemand war. Dann sah ich Sie plötzlich an einem anderen Fenster, in einem höheren Stockwerk. Dort geschah genau dasselbe. Dann wieder höher, und wieder höher. Es war, als wüchse das Haus ins Unendliche. Und überall grüßten Sie herunter und sprachen mit Menschen, die hinter Ihnen standen. Aber die waren eigentlich gar nicht da. Lorenzi aber lief immerzu auf den Treppen hinter Ihnen her und holte Sie nicht ein. Sie hatten nämlich nicht daran gedacht, ihm ein Almosen zu geben ...«

»Und dann?«, fragte Casanova, als Amalia schwieg.

»Es kam wohl noch allerlei, aber das habe ich vergessen«, sagte Amalia.

Casanova war enttäuscht. An ihrer Stelle hätte er versucht, der Erzählung einen runden Schluss und einen Sinn zu geben. Das tat er in solchen Fällen immer, ob es um Träume ging oder um die Wirklichkeit. Darum sagte er etwas unzufrieden: »Wie der Traum doch alles verdreht! Ich als reicher Mann, und Lorenzi als Bettler und alter Mann.«

»Mit Lorenzis Reichtum ist es nicht weit her«, sagte Olivo. »Sein Vater ist zwar ziemlich wohlhabend. Aber er versteht sich nicht gut mit seinem Sohn.«

Casanova musste gar nicht weiter fragen, und doch erfuhr er noch mehr. Man kannte den Leutnant durch den Marchese. Vor ein paar Wochen hatte der Marchese ihn eines Tages einfach in Olivos Haus mitgebracht. Wie der junge Offizier mit der Marchesa stand, musste man einem Kenner wie dem Chevalier nicht erst erklären. Der Ehemann hatte übrigens nichts dagegen. Darum konnte man als Außenstehender auch ruhig darüber hinwegsehen.

»Ob der Marchese so einverstanden ist, wie Sie glauben, Olivo, das bezweifle ich«, sagte Casanova. »Haben Sie nicht bemerkt, wie er den jungen Mann behandelt? Mit einer Mischung aus Verachtung und Wut. Ich möchte nicht darauf schwören, dass die Sache gut ausgeht.«

Auch jetzt bewegte sich nichts in Marcolinas Gesicht und Haltung. Sie schien an dem ganzen Gespräch über Lorenzi nicht den geringsten Anteil zu nehmen. Sie schien sich still an der Landschaft zu freuen. Die Straße stieg in vielen Kurven sanft an. Sie führte durch einen Wald aus Olivenbäumen und Steineichen. Sie kamen an eine Stelle, wo die Pferde noch langsamer gingen als vorher. Da stieg Casanova lieber aus und ging neben dem Wagen her. Marcolina sprach von der schönen Gegend um Bologna. Sie erzählte von den Abendspaziergängen, die sie oft mit der Tochter von Professor Morgagni machte. Sie sagte auch, sie wolle nächstes Jahr nach Frankreich reisen. Dort wolle sie den berühmten Mathematiker Saugrenue von der Universität Paris persönlich kennenlernen. Sie schrieb ihm schon Briefe, und er antwortete ihr. »Vielleicht mache ich mir das Vergnügen«, sagte sie lächelnd, »unterwegs in Ferney haltzumachen. Dann höre ich von Voltaire selbst, wie er die Streitschrift aufgenommen hat. Die Streitschrift seines gefährlichsten Gegners, des Chevaliers von Seingalt.«

Casanova hatte die Hand auf die Seitenlehne des Wagens gelegt, neben Marcolinas Arm. Seine Finger streiften ihren weiten Ärmel. Kühl antwortete er: »Es kommt weniger darauf an, wie Herr Voltaire meine Schrift aufnimmt. Wichtiger ist, wie die Nachwelt sie aufnimmt. Denn erst die Nachwelt hat das Recht, endgültig darüber zu entscheiden.«

»Sie glauben also«, sagte Marcolina ernst, »dass man in solchen Fragen überhaupt endgültig entscheiden kann?«

»Diese Frage wundert mich aus Ihrem Mund, Marcolina«, sagte Casanova. »Ich halte Ihre philosophischen Ansichten zwar nicht für unbestreitbar. Und auch nicht Ihre religiösen, wenn das Wort hier passt. Aber sie schienen mir ganz fest in Ihrer Seele zu stehen. Falls Sie überhaupt annehmen, dass es eine Seele gibt.«

Marcolina achtete nicht auf die Spitzen in Casanovas Worten. Sie sah ruhig zum Himmel hinauf, der sich dunkelblau über die Baumkronen spannte. Dann antwortete sie: »Manchmal, besonders an Tagen wie heute –« In diesen Worten klang eine zitternde Andacht mit. Sie kam aus der Tiefe ihres erwachten Frauenherzens. Nur Casanova hörte sie, denn nur er wusste Bescheid. »– manchmal ist mir, als wäre alles, was man Philosophie und Religion nennt, nur ein Spiel mit Worten. Es ist freilich ein edleres Spiel als alle anderen, aber auch ein sinnloseres. Die Unendlichkeit und die Ewigkeit werden wir niemals verstehen. Unser Weg geht von der Geburt bis zum Tod. Was bleibt uns da anderes übrig, als nach dem Gesetz zu leben, das jeder von uns in seiner Brust trägt? Oder auch gegen dieses Gesetz? Denn Auflehnung und Demut kommen beide gleichermaßen von Gott.«

Olivo sah seine Nichte mit scheuer Bewunderung an. Dann sah er ängstlich zu Casanova hin. Casanova suchte nach einer Antwort. Er wollte Marcolina klarmachen, dass sie Gott sozusagen in einem Atemzug bewies und leugnete. Oder dass Gott und Teufel für sie dasselbe waren. Aber er spürte, dass er gegen ihr Gefühl nichts anderes hatte als leere Worte. Und heute fielen ihm nicht einmal diese ein. Doch sein Gesicht verzerrte sich seltsam. Das schien Amalia an seine wirren Drohungen von gestern zu erinnern. Schnell sagte sie: »Und doch ist Marcolina fromm, glauben Sie mir, Chevalier.«

Marcolina lächelte abwesend.

»Das sind wir alle auf unsere Weise«, sagte Casanova höflich und sah vor sich hin.

Plötzlich machte der Weg eine Kurve, und das Kloster lag vor ihnen. Über die hohe Mauer ragten die schlanken Spitzen der Zypressen. Man hatte den Wagen kommen hören, und das Tor hatte sich geöffnet. Ein Pförtner mit langem weißem Bart grüßte langsam und ruhig. Er ließ die Gäste hinein. Sie gingen durch einen offenen Bogengang. Zwischen seinen Säulen sah man auf beiden Seiten in einen ganz verwachsenen, dunkelgrünen Garten. So kamen sie zum eigentlichen Klostergebäude. Seine grauen Mauern hatten keinerlei Schmuck und sahen aus wie die Mauern eines Gefängnisses. Von ihnen wehte eine unfreundliche, kühle Luft zu ihnen herüber. Olivo zog am Glockenstrang. Die Glocke klang schrill und verstummte sofort. Eine tief verschleierte Nonne öffnete schweigend. Sie führte die Gäste in den großen, kahlen Sprechsaal. Dort standen nur ein paar einfache Holzstühle. Hinten war der Raum durch ein Eisengitter mit dicken Stäben abgeschlossen. Hinter dem Gitter verschwamm alles in einem unbestimmten Dunkel. Mit Bitterkeit im Herzen dachte Casanova an jenes Abenteuer. Es schien ihm auch heute noch eines seiner wunderbarsten zu sein. Und es hatte in einer ganz ähnlichen Umgebung begonnen. In seiner Seele stiegen die Gestalten der zwei Nonnen von Murano auf. In ihrer Liebe zu ihm waren sie Freundinnen geworden. Gemeinsam hatten sie ihm unvergleichliche Stunden der Lust geschenkt. Olivo begann im Flüsterton von den strengen Regeln zu sprechen, unter denen die Schwestern hier lebten. Wenn sie einmal das Ordenskleid trugen, durften sie keinem Mann mehr ihr unverhülltes Gesicht zeigen. Außerdem waren sie zu ewigem Schweigen verurteilt. Da zuckte ein Lächeln um Casanovas Lippen, das gleich wieder erstarrte.

Die Äbtissin stand plötzlich mitten unter ihnen, als wäre sie aus dem Dämmerlicht aufgetaucht. Schweigend begrüßte sie die Gäste. Casanova dankte ihr, dass auch er hereinkommen durfte. Sie nahm den Dank mit einem überaus gütigen Neigen ihres verhüllten Kopfes an. Marcolina wollte ihr die Hand küssen, aber die Äbtissin schloss sie in die Arme. Dann lud sie alle mit einer Handbewegung ein, ihr zu folgen. Sie führte sie durch einen kleinen Nebenraum in einen Gang. Der Gang lief im Viereck um einen blühenden Garten herum. Anders als der verwilderte äußere Garten schien dieser besonders sorgfältig gepflegt. Die vielen reichen Beete lagen in der Sonne. Sie spielten in wunderbaren Farben, die aufglühten und wieder verblassten. Aus den Blüten strömten heiße, fast betäubende Düfte. Darunter schien ein ganz besonders geheimnisvoller Duft gemischt. Casanova fand in seiner Erinnerung nichts, womit er ihn vergleichen konnte. Er wollte gerade zu Marcolina ein Wort darüber sagen. Da merkte er, dass dieser geheimnisvolle Duft von ihr selbst kam. Es war ein Duft, der Herz und Sinne erregte. Marcolina hatte ihren Schal von den Schultern genommen und über den Arm gelegt. Ihr Kleid war nun am Ausschnitt lockerer. Von dort stieg der Duft ihres Körpers auf. Er mischte sich mit dem Duft der hunderttausend Blumen. Er war von Natur aus mit ihm verwandt und doch ganz eigen.

Die Äbtissin schwieg immer noch. Sie führte die Besucher zwischen den Beeten auf schmalen, vielfach gewundenen Wegen hin und her. Es war wie ein zierliches Labyrinth. An ihrem leichten, schnellen Gang merkte man ihre Freude. Sie freute sich selbst, den anderen die bunte Pracht ihres Gartens zu zeigen. Sie ging ihnen immer schneller voraus, wie die Führerin eines fröhlichen Tanzes im Kreis. Es war, als wollte sie die Gäste schwindlig machen. Plötzlich aber waren sie alle wieder im Sprechsaal. Casanova fühlte sich, als wachte er aus einem wirren Traum auf. Hinter dem Gitter schwebten dunkle Gestalten. Niemand hätte sagen können, ob es drei oder fünf oder zwanzig verschleierte Frauen waren. Sie irrten hinter den dichten Stäben hin und her wie erschreckte Geister. Nur Casanovas Augen sahen auch in der Nacht scharf. Nur sie konnten in der tiefen Dämmerung überhaupt menschliche Umrisse erkennen. Die Äbtissin begleitete ihre Gäste zur Tür. Schweigend gab sie ihnen ein Zeichen, dass sie gehen durften. Dann war sie spurlos verschwunden, bevor sie ihr überhaupt danken konnten.

Sie wollten gerade den Saal verlassen. Da rief plötzlich vom Gitter her eine Frauenstimme: »Casanova.« Es war nichts als der Name. Aber er klang so, wie Casanova ihn wohl noch nie gehört hatte. War es eine frühere Geliebte? Oder eine Frau, die er niemals gesehen hatte? Hatte sie gerade ein heiliges Gelübde gebrochen, um seinen Namen ein letztes Mal in die Luft zu hauchen? Oder ein erstes Mal? Zitterte darin das Glück eines unerwarteten Wiedersehens? Oder der Schmerz um etwas, das für immer verloren war? Oder die Klage, dass sich ein heißer Wunsch aus fernen Tagen so spät und so nutzlos erfüllte? Casanova konnte es nicht deuten. Er wusste nur eins. Sein Name war schon so oft voll Zärtlichkeit geflüstert worden. Leidenschaft hatte ihn gestammelt, Glück hatte ihn gejubelt. Aber heute traf sein Name ihn zum ersten Mal mit dem vollen Klang der Liebe mitten ins Herz. Gerade darum schien ihm jede weitere Neugier unrein und sinnlos. Hinter einem Geheimnis, das er niemals lösen sollte, schloss sich die Tür. Der Ruf war gleich wieder verklungen. Die anderen gaben sich mit scheuen, flüchtigen Blicken zu verstehen, dass auch sie ihn gehört hatten. Ohne diese Blicke hätte jeder für sich glauben können, dass er sich getäuscht hatte. Denn keiner sagte ein Wort, während sie durch den Säulengang zum Tor gingen. Casanova ging als Letzter, mit gesenktem Kopf, wie nach einem großen Abschied.

Der Pförtner stand am Tor und bekam sein Almosen. Die Gäste stiegen in den Wagen, und er brachte sie ohne weitere Verzögerung nach Hause. Olivo schien verlegen, Amalia war in Gedanken weit weg. Marcolina aber war völlig unberührt. Sie versuchte, mit Amalia ein Gespräch über den Haushalt anzufangen. Casanova fand, dass sie das allzu absichtlich tat. Aber statt seiner Frau musste Olivo darauf antworten. Bald sprach auch Casanova mit. Er verstand sich ausgezeichnet auf Fragen von Küche und Keller. Er sah keinen Grund, mit seinem Wissen und seiner Erfahrung auch auf diesem Gebiet zurückzuhalten. Es war wie ein neuer Beweis dafür, wie vielseitig er war. Nun erwachte auch Amalia aus ihren Träumen. Sie kamen gerade aus einem fast märchenhaften und doch bedrückenden Abenteuer. Danach schienen sich alle in dieser irdischen, alltäglichen Stimmung sehr wohlzufühlen, besonders Casanova. Der Wagen hielt vor Olivos Haus. Schon kam ihnen einladend der Duft von Braten und vielen Gewürzen entgegen. Casanova beschrieb gerade ein polnisches Pastetengericht. Er tat es so, dass allen das Wasser im Mund zusammenlief. Auch Marcolina hörte zu, mit einer reizenden Teilnahme wie eine Hausfrau. Casanova fühlte sich dadurch geschmeichelt.

Dann saß er mit den anderen bei Tisch. Er war in einer seltsam ruhigen, fast fröhlichen Stimmung und wunderte sich selbst darüber. Scherzhaft und gut gelaunt machte er Marcolina den Hof. Er tat es so, wie es sich für einen vornehmen älteren Herrn gehörte. So benimmt man sich gegenüber einem gut erzogenen jungen Mädchen aus bürgerlichem Haus. Sie ließ es sich gern gefallen. Sie gab ihm seine Höflichkeiten mit vollendeter Anmut zurück. Es fiel ihm schwer, sich etwas vorzustellen. Diese gesittete Nachbarin war dieselbe Marcolina, aus deren Fenster heute Nacht ein junger Offizier geflohen war. Dieser Offizier hatte offenbar noch eine Sekunde vorher in ihren Armen gelegen. Ebenso schwer fiel es ihm, etwas anderes zu glauben. Dieses zarte Fräulein rollte sich gern mit kaum erwachsenen Mädchen im Gras herum. Und doch schrieb es gelehrte Briefe an den berühmten Saugrenue in Paris. Zugleich schimpfte er mit sich selbst über diese lächerliche Trägheit seiner Fantasie. Hatte er nicht schon unzählige Male erlebt, wie es in der Seele jedes wirklich lebendigen Menschen aussieht? Dort wohnen verschiedene Teile ganz friedlich zusammen, sogar solche, die einander scheinbar feindlich sind. Er selbst war vor Kurzem noch ganz durcheinander und verzweifelt gewesen. Er war sogar bereit gewesen, Böses zu tun. Und jetzt? War er jetzt nicht sanft und gütig? Und so zu lustigen Späßen aufgelegt, dass Olivos kleine Töchter sich manchmal vor Lachen schüttelten? Nur an einer Sache merkte er selbst, dass die Ordnung in seiner Seele noch lange nicht wiederhergestellt war. Er hatte einen ganz außerordentlichen, fast tierischen Hunger. So ein Hunger überfiel ihn immer nach starken Aufregungen.

Mit dem letzten Gang brachte die Magd einen Brief. Ein Bote aus Mantua hatte ihn gerade für den Chevalier abgegeben. Olivo merkte, wie Casanova vor Aufregung blass wurde. Er ließ dem Boten Essen und Trinken geben. Dann sagte er zu seinem Gast: »Lassen Sie sich nicht stören, Chevalier, lesen Sie ruhig Ihren Brief.«

»Mit Ihrer Erlaubnis«, antwortete Casanova. Er stand mit einer leichten Verbeugung vom Tisch auf und trat ans Fenster. Mit gut gespielter Gleichgültigkeit öffnete er den Brief. Er kam von Herrn Bragadino, seinem väterlichen Freund aus seiner Jugend. Bragadino war ein alter Junggeselle und nun über achtzig. Vor zehn Jahren war er Mitglied des Hohen Rats geworden. In Venedig setzte er sich für Casanovas Sache ein, wie es schien, mit mehr Eifer als Casanovas andere Helfer. Der Brief war besonders zierlich geschrieben, nur mit etwas zittriger Hand. Er lautete wörtlich:

»Mein lieber Casanova. Heute endlich bin ich in der angenehmen Lage, Ihnen eine Nachricht zu senden. Ich hoffe, sie wird Ihre Wünsche in der Hauptsache erfüllen. Der Hohe Rat hatte gestern Abend seine letzte Sitzung. Er ist nicht nur bereit, Ihnen die Rückkehr nach Venedig zu erlauben. Er wünscht sogar, dass Sie diese Rückkehr möglichst beschleunigen. Denn man will bald Ihre tätige Dankbarkeit in Anspruch nehmen. Diese Dankbarkeit haben Sie ja in vielen Briefen versprochen. Vielleicht wissen Sie es nicht, mein lieber Casanova, denn wir mussten so lange auf Sie verzichten. Die inneren Verhältnisse unserer teuren Vaterstadt sind in letzter Zeit etwas bedenklich geworden. Das gilt für die Politik und auch für die Moral. Es gibt geheime Vereinigungen, die gegen unsere Staatsverfassung gerichtet sind. Sie scheinen sogar einen gewaltsamen Umsturz zu planen. Wie es in der Natur der Dinge liegt, sind vor allem gewisse Elemente daran beteiligt. Es sind freigeistige, gottlose und in jedem Sinne zuchtlose Menschen. Man könnte diese Vereinigungen mit einem härteren Wort auch Verschwörungen nennen. Auf öffentlichen Plätzen und in den Kaffeehäusern werden die ungeheuerlichsten Gespräche geführt. Von privaten Orten wollen wir gar nicht reden. Das wissen wir genau, und es sind sogar geradezu hochverräterische Gespräche. Aber nur in den seltensten Fällen gelingt es, die Schuldigen auf frischer Tat zu erwischen. Nur selten kann man ihnen etwas sicher beweisen. Denn gewisse Geständnisse, die unter der Folter erzwungen wurden, waren sehr unzuverlässig. Darum haben einige Mitglieder unseres Hohen Rats vorgeschlagen, künftig lieber auf diese Methode zu verzichten. Sie ist grausam und führt dabei oft in die Irre. Zwar fehlt es nicht an Leuten, die gern der Regierung dienen. Sie tun es für die öffentliche Ordnung und für das Wohl des Staates. Aber gerade diese Leute sind meistens zu gut bekannt als treue Anhänger der Verfassung. Darum lässt sich in ihrer Gegenwart kaum jemand zu einer unvorsichtigen Bemerkung hinreißen. Schon gar nicht zu hochverräterischen Reden. Nun hat in der gestrigen Sitzung einer der Senatoren eine Meinung geäußert. Seinen Namen will ich vorläufig nicht nennen. Er sprach von einem Menschen, der den Ruf hat, keine moralischen Grundsätze zu haben. Dieser Mensch hat außerdem den Ruf eines Freigeistes. Kurz: Er sprach von einem Menschen wie Ihnen, Casanova. So ein Mensch würde in Venedig sofort Sympathie finden, sobald er sich dort wieder zeigt. Und zwar gerade in den verdächtigen Kreisen, von denen hier die Rede ist. Wenn er etwas geschickt wäre, fände er dort bald volles Vertrauen. Ja, meiner Meinung nach würden sich ganz notwendig gerade diese Elemente um Sie sammeln. Es wäre wie ein Naturgesetz. Genau diese Elemente will der Hohe Rat am meisten daran hindern, weiter zu schaden. Er will sie zur Warnung für alle bestrafen. Denn er sorgt sich unermüdlich um das Wohl des Staates. Vielleicht wären Sie bereit, gleich nach Ihrer Heimkehr Anschluss an diese Elemente zu suchen. Sie würden sich ihnen freundschaftlich anschließen, wie einer, der dieselben Ansichten hat. Und Sie würden dem Senat sofort und genau berichten, was Ihnen verdächtig oder sonst wissenswert erscheint. Das würden wir als Beweis Ihres patriotischen Eifers betrachten, mein lieber Casanova. Und auch als sicheres Zeichen, dass Sie sich ganz von jenen Tendenzen abgewandt haben. Für diese Tendenzen mussten Sie damals unter den Bleidächern büßen. Die Strafe war hart, aber nicht ganz ungerecht. Das sehen Sie heute ja selbst ein, wenn wir Ihren Briefen glauben dürfen. Für diese Dienste würde man Ihnen zunächst ein monatliches Gehalt von zweihundertfünfzig Lire zahlen. Dazu kämen Extrabelohnungen in besonders wichtigen Fällen. Natürlich würde man Ihnen auch alle Kosten ersetzen, die Ihnen bei diesem Dienst entstehen. Das wären zum Beispiel Einladungen für diesen oder jenen Menschen, kleine Geschenke an Frauen und so weiter. Man würde Ihnen das ohne Bedenken und ohne Geiz erstatten. Ich weiß sehr wohl, dass Sie gewisse Bedenken überwinden müssen. Das wird nötig sein, bevor Sie sich so entscheiden, wie wir es wünschen. Aber erlauben Sie mir als Ihrem alten und ehrlichen Freund einen Gedanken. Ich war ja auch einmal jung. Es kann niemals unehrenhaft sein, seinem geliebten Vaterland einen Dienst zu leisten, den es zum Weiterbestehen braucht. Das gilt auch dann, wenn oberflächliche, unpatriotische Bürger einen solchen Dienst für weniger würdig halten. Ich möchte noch etwas hinzufügen. Sie, Casanova, kennen die Menschen ja gut genug. Sie können den Leichtsinnigen vom Verbrecher unterscheiden und den Spötter vom Ketzer. So haben Sie es selbst in der Hand, in Fällen, die es verdienen, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Und Sie bringen immer nur den zur Strafe, der sie nach Ihrer eigenen Überzeugung verdient. Vor allem aber bedenken Sie Folgendes: Vielleicht lehnen Sie den gnädigen Vorschlag des Hohen Rats ab. Dann erfüllt sich Ihr sehnlichster Wunsch, die Rückkehr in die Vaterstadt, noch lange nicht. Sie würde lange hinausgeschoben, ja, wie ich fürchte, auf eine Zeit, von der niemand weiß, wie lange sie dauert. Und ich selbst bin ein einundachtzigjähriger Greis, wenn ich auch das erwähnen darf. Nach aller menschlichen Berechnung müsste ich dann auf die Freude verzichten, Sie jemals im Leben wiederzusehen. Ihre Anstellung soll aus verständlichen Gründen nicht öffentlich, sondern vertraulich sein. Darum bitte ich Sie, Ihre Antwort an mich persönlich zu richten. Ich werde sie dem Hohen Rat in der nächsten Sitzung mitteilen, heute in acht Tagen. Und bitte antworten Sie so schnell wie möglich. Denn wie ich schon oben andeutete, bekommen wir täglich Gesuche von Personen, die zum Teil sehr vertrauenswürdig sind. Sie stellen sich dem Hohen Rat aus Liebe zum Vaterland freiwillig zur Verfügung. Freilich gibt es kaum einen unter ihnen, der sich an Erfahrung und Geist mit Ihnen messen kann, mein lieber Casanova. Denken Sie dazu noch ein wenig an meine Sympathie für Sie. Dann zweifle ich kaum daran, dass Sie dem Ruf freudig folgen werden. Er kommt ja von so hoher und wohlwollender Stelle. Bis dahin bin ich in unveränderlicher Freundschaft Ihr anhänglicher Bragadino.

Nachschrift. Sobald Sie mir Ihre Entscheidung mitteilen, schicke ich Ihnen gern einen Wechsel über zweihundert Lire. Er ist auf das Bankhaus Valori in Mantua ausgestellt und soll Ihre Reisekosten bezahlen. Der Obige.«

Casanova hatte den Brief längst zu Ende gelesen. Aber er hielt das Blatt immer noch vor sein Gesicht. Niemand sollte sehen, wie totenblass und verzerrt es war. Das Essen ging inzwischen weiter. Die Teller klapperten und die Gläser klirrten, doch niemand sprach ein Wort. Endlich sagte Amalia schüchtern: »Die Schüssel wird kalt, Chevalier. Wollen Sie sich nicht bedienen?«

»Ich danke«, sagte Casanova und zeigte sein Gesicht wieder. Er konnte sich außergewöhnlich gut verstellen, und so sah sein Gesicht jetzt ganz ruhig aus. »Ich habe hier ausgezeichnete Nachrichten aus Venedig bekommen. Ich muss sofort meine Antwort schicken. Darum bitte ich um Entschuldigung, wenn ich mich gleich zurückziehe.«

»Tun Sie ganz, was Sie möchten, Chevalier«, sagte Olivo. »Aber vergessen Sie nicht, dass in einer Stunde das Spiel beginnt.«

Casanova ging auf sein Zimmer und sank auf einen Stuhl. Kalter Schweiß brach an seinem ganzen Körper aus. Kälteschauer schüttelten ihn hin und her. Der Ekel stieg ihm bis in den Hals, und er glaubte, er müsse auf der Stelle ersticken. Zuerst konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Er brauchte seine ganze Kraft, um sich zurückzuhalten, aber er hätte nicht sagen können, wovor. Denn hier im Haus war ja niemand, an dem er seine ungeheure Wut auslassen konnte. Ein dumpfer Gedanke kam ihm: Marcolina sei irgendwie mitschuldig an der furchtbaren Schande, die man ihm angetan hatte. Aber er konnte immerhin noch erkennen, dass dieser Gedanke verrückt war.

Als er sich ein wenig gefasst hatte, dachte er zuerst an Rache. Er wollte sich an den Schurken rächen, die geglaubt hatten, sie könnten ihn als Polizeispion kaufen. Er wollte sich verkleidet nach Venedig schleichen. Dort wollte er all die elenden Kerle mit List töten. Oder wenigstens den einen, der sich den jämmerlichen Plan ausgedacht hatte. War es vielleicht sogar Bragadino selbst? Warum nicht? Ein alter Mann, der so schamlos geworden war, dass er Casanova diesen Brief zu schreiben wagte! Und so schwachsinnig, dass er Casanova – Casanova! – nur noch für einen Spion gut genug hielt! Dabei hatte er ihn doch einst gekannt! Ah, er kannte Casanova eben nicht mehr! Niemand kannte ihn mehr, in Venedig so wenig wie anderswo. Aber man sollte ihn wieder kennenlernen. Er war freilich nicht mehr jung und schön genug, um ein tugendhaftes Mädchen zu verführen. Er war auch kaum noch geschickt und beweglich genug, um aus Gefängnissen zu fliehen und auf Dächern herumzuklettern. Aber klüger als alle anderen war er noch immer! Wenn er nur erst einmal in Venedig war, dann konnte er dort tun, was er wollte. Es kam nur darauf an, endlich dort zu sein!

Dann war es vielleicht gar nicht nötig, jemanden umzubringen. Es gab viele Arten von Rache, die witziger und teuflischer waren als ein gewöhnlicher Mord. Er konnte ja zum Schein das Angebot der Herren annehmen. Dann war es die leichteste Sache der Welt, genau die Leute zu verderben, die er verderben wollte. Und nicht die Leute, die der Hohe Rat verfolgte! Denn diese waren unter allen Venezianern bestimmt die allerbesten Kerle. Wie? Weil sie Feinde dieser gemeinen Regierung waren und als Ketzer galten, sollten sie ins Gefängnis? In dieselben Bleikammern, in denen er vor fünfundzwanzig Jahren gelitten hatte? Oder sogar unter das Beil? Er hasste die Regierung noch hundertmal mehr als sie, und er hatte bessere Gründe dafür. Und ein Ketzer war er sein Leben lang gewesen! Er war es heute noch, und mit heiligerer Überzeugung als sie alle! Er hatte sich in diesen letzten Jahren ja selbst nur eine verdrehte Komödie vorgespielt, aus Langeweile und Ekel. Er und an Gott glauben? Was war denn das für ein Gott, der nur die Jungen liebte und die Alten im Stich ließ? Ein Gott, der sich in den Teufel verwandelte, wann es ihm gefiel? Der Reichtum in Armut verwandelte, Unglück in Glück und Lust in Verzweiflung? Hast du deinen Spaß mit uns – und wir sollen zu dir beten? – An dir zu zweifeln ist das einzige Mittel, das uns bleibt – damit wir dich nicht lästern! – Sei nicht! Denn wenn du bist, dann muss ich dich verfluchen!

Er ballte die Fäuste gegen den Himmel und reckte sich hoch. Ohne dass er es wollte, kam ihm ein verhasster Name auf die Lippen. Voltaire! Ja, jetzt war er in der richtigen Stimmung, um seine Streitschrift gegen den alten Weisen von Ferney zu vollenden. Zu vollenden? Nein, jetzt sollte sie erst beginnen. Eine neue! Eine andere! In ihr sollte der lächerliche alte Mann bekommen, was er verdiente. Für seine Vorsicht, seine Halbheit, seine Kriecherei. Der sollte ein Ungläubiger sein? In letzter Zeit hörte man immer wieder, dass er sich bestens mit den Pfaffen verstand. Er ging zur Kirche, an Feiertagen sogar zur Beichte. Der sollte ein Ketzer sein? Ein Schwätzer war er, ein Feigling, der große Reden hielt – nichts anderes! Aber jetzt war die furchtbare Abrechnung nah. Danach sollte von dem großen Philosophen nichts übrig bleiben als ein kleiner, witziger Schreiber. Wie hatte er sich damals aufgespielt, der gute Herr Voltaire ... »Ah, mein guter Herr Casanova, ich bin Ihnen ernsthaft böse. Was gehen mich die Werke des Herrn Merlin an? Sie sind schuld, dass ich vier Stunden mit Dummheiten verbracht habe.« – Das ist Geschmackssache, mein bester Herr Voltaire! Man wird die Werke von Merlin noch lesen, wenn die »Pucelle« längst vergessen ist ... Und vielleicht wird man dann auch meine Sonette noch schätzen. Sie haben sie mir mit einem so unverschämten Lächeln zurückgegeben, ohne ein Wort darüber zu sagen. Doch das sind Kleinigkeiten. Wir wollen eine große Sache nicht durch die Empfindlichkeit von Schriftstellern durcheinanderbringen. Es geht um die Philosophie – um Gott ...! Wir wollen die Klingen kreuzen, Herr Voltaire. Sterben Sie mir nur bitte nicht zu früh.

Er wollte schon sofort mit der Arbeit beginnen. Da fiel ihm ein, dass der Bote auf eine Antwort wartete. Mit fliegender Hand schrieb er einen Brief an den alten Dummkopf Bragadino. Der Brief war voll falscher Demut und verlogener Begeisterung. Er schrieb, er nehme die Gnade des Hohen Rats mit freudiger Dankbarkeit an. Er erwarte den Wechsel mit der nächsten Post. Dann wolle er sich so bald wie möglich seinen Gönnern zu Füßen werfen. Vor allem seinem hochverehrten väterlichen Freund Bragadino.

Gerade als er den Brief versiegelte, klopfte es leise an die Tür. Olivos älteste Tochter, die Dreizehnjährige, kam herein. Sie sagte, die ganze Gesellschaft sei schon versammelt und warte ungeduldig auf den Chevalier zum Spiel.

»Hast du Wein getrunken, Teresina?«, fragte Casanova und machte einen langen Schritt auf sie zu.

»Wirklich – und der Herr Chevalier merken das gleich?«

Er hielt sie fest, drohte ihr mit einem bösen Blick, damit sie nicht schrie, und verging sich an ihr.

Danach flüsterte er: »Du darfst es dem Abbate nicht sagen, Teresina, auch nicht in der Beichte. Und wenn du später einen Liebhaber kriegst, einen Bräutigam oder sogar einen Mann: Der braucht es auch nicht zu wissen. Du sollst überhaupt immer lügen. Auch Vater und Mutter und deine Geschwister sollst du anlügen, auf dass es dir wohlergehe auf Erden. Merk dir das.«

So lästerte er. Und Teresina hielt es wohl für einen Segen, den er über sie sprach. Denn sie nahm seine Hand und küsste sie andächtig, wie die Hand eines Priesters. Er lachte laut auf. »Komm«, sagte er dann, »komm, wir wollen Arm in Arm unten im Saal erscheinen!«

Es war höchste Zeit, dass sie aus der Tür traten. Denn gerade kam Olivo mit rotem Gesicht und gerunzelter Stirn die Treppe herauf. Casanova vermutete gleich den Grund. Der Marchese oder der Abbate hatten wohl grobe Witze gemacht, weil die Kleine so lange wegblieb. Das hatte Olivo unruhig gemacht. Doch sein Gesicht wurde sofort heiter, als er Casanova auf der Schwelle sah. Casanova hatte die Kleine wie zum Spaß untergehakt.

»Verzeihen Sie, mein bester Olivo, dass ich Sie warten ließ«, sagte Casanova. »Ich musste erst meinen Brief zu Ende schreiben.« Er hielt ihn Olivo hin wie einen Beweis.

»Nimm ihn«, sagte Olivo zu Teresina und strich ihr die etwas unordentlichen Haare zurecht, »und bring ihn dem Boten.«

»Und hier«, fügte Casanova hinzu, »sind zwei Goldstücke, die gibst du dem Mann. Er soll sich beeilen, damit der Brief noch heute von Mantua nach Venedig abgeht. Und meiner Wirtin soll er sagen, dass ich ... heute Abend wieder daheim bin.«

»Heute Abend?«, rief Olivo. »Unmöglich!«

»Nun, wir werden sehen«, sagte Casanova herablassend. »Und hier, Teresina, ein Goldstück für dich ...«

Olivo wollte etwas dagegen sagen, aber Casanova sprach weiter: »Leg es in deine Sparbüchse, Teresina. Der Brief, den du in der Hand hast, ist ein paar tausend Goldstücke wert.«

Teresina lief davon, und Casanova nickte vergnügt. Es machte ihm einen ganz besonderen Spaß, das Mädchen vor den Augen ihres eigenen Vaters zu bezahlen. Ihre Mutter und ihre Großmutter waren ja auch schon seine Geliebten gewesen.

Als Casanova mit Olivo in den Saal trat, hatte das Spiel schon begonnen. Die anderen begrüßten ihn sehr herzlich, und er antwortete mit heiterer Würde. Er setzte sich dem Marchese gegenüber, der die Bank hielt. Die Fenster zum Garten waren offen. Casanova hörte Stimmen, die näher kamen. Marcolina und Amalia gingen vorbei und blickten kurz in den Saal. Dann verschwanden sie und waren nicht mehr zu sehen.

Während der Marchese die Karten auflegte, wandte sich Lorenzi sehr höflich an Casanova. »Mein Kompliment, Chevalier, Sie waren besser informiert als ich. Unser Regiment marschiert tatsächlich schon morgen vor dem Abend ab.«

Der Marchese schien erstaunt. »Und das sagen Sie uns erst jetzt, Lorenzi?«

»Es ist wohl nicht so wichtig!«

»Für mich nicht so sehr«, meinte der Marchese, »aber für meine Frau! Finden Sie nicht?« Er lachte auf eine abstoßende, heisere Art. »Übrigens auch ein wenig für mich! Ich habe gestern vierhundert Dukaten an Sie verloren. Und am Ende bleibt mir keine Zeit, sie zurückzugewinnen.«

»Auch uns hat der Leutnant Geld abgewonnen«, sagte der jüngere Ricardi. Der ältere, schweigsame Bruder sah über die Schulter zu ihm hinauf. Der jüngere stand, wie gestern, hinter ihm.

»Glück und Frauen ...«, begann der Abbate.

Und der Marchese sprach den Satz für ihn zu Ende: »... zwingt, wer mag.«

Lorenzi streute seine Goldstücke wie achtlos vor sich hin. »Da sind sie. Wenn Sie wollen, alle auf eine Karte, Marchese. Dann müssen Sie Ihrem Geld nicht lange nachlaufen.«

Casanova fühlte plötzlich eine Art Mitleid mit Lorenzi. Er konnte es sich selbst nicht richtig erklären. Doch er hielt viel von seinen Ahnungen. Darum war er überzeugt, dass der Leutnant im ersten Gefecht fallen würde, das ihm bevorstand. Der Marchese nahm den hohen Einsatz nicht an, und Lorenzi bestand nicht darauf. So ging das Spiel zuerst nur mit mäßigen Einsätzen weiter. Auch die anderen spielten wieder auf ihre bescheidene Art mit, wie am Tag vorher. Schon in der nächsten Viertelstunde wurden die Einsätze höher. Und noch vor dem Ende der folgenden Viertelstunde hatte Lorenzi seine vierhundert Dukaten an den Marchese verloren. Um Casanova schien sich das Glück nicht zu kümmern. Er gewann, verlor und gewann wieder, in einem fast lächerlich regelmäßigen Wechsel.

Lorenzi atmete auf, als sein letztes Goldstück zum Marchese hinübergerollt war. Er stand auf. »Ich danke, meine Herren. Das war nun«, er zögerte, »für lange Zeit mein letztes Spiel in diesem gastfreundlichen Haus. Und nun, mein verehrter Herr Olivo, erlauben Sie mir noch, mich von den Damen zu verabschieden. Dann reite ich in die Stadt. Ich möchte vor Sonnenuntergang dort sein, um alles für morgen vorzubereiten.«

Unverschämter Lügner, dachte Casanova. In der Nacht bist du wieder hier – bei Marcolina! Seine Wut flammte neu auf.

»Wie?«, rief der Marchese schlecht gelaunt. »Bis zum Abend sind es noch Stunden, und das Spiel soll schon zu Ende sein? Wenn Sie wollen, Lorenzi, kann mein Kutscher nach Hause fahren. Er kann der Marchesa sagen, dass Sie später kommen.«

»Ich reite nach Mantua«, antwortete Lorenzi ungeduldig.

Der Marchese achtete nicht darauf und sprach weiter: »Es ist noch Zeit genug. Rücken Sie nur mit Ihren eigenen Goldstücken heraus, auch wenn es wenige sind.« Und er warf ihm eine Karte hin.

»Ich habe kein einziges Goldstück mehr«, sagte Lorenzi müde.

»Was Sie nicht sagen!«

»Nicht eines«, wiederholte Lorenzi, als ob er sich ekelte.

»Was macht das schon«, rief der Marchese mit einer plötzlichen Freundlichkeit, die nicht sehr angenehm wirkte. »Bei mir sind Sie für zehn Dukaten gut. Und wenn es sein muss, auch für mehr.«

»Also ein Dukaten«, sagte Lorenzi und nahm Karten auf. Der Marchese schlug sie mit seinen Karten. Lorenzi spielte weiter, als ob das jetzt selbstverständlich wäre. Bald schuldete er dem Marchese hundert Dukaten. Casanova übernahm die Bank und hatte noch mehr Glück als der Marchese. Inzwischen spielten wieder nur noch drei Männer. Heute ließen sich auch die Brüder Ricardi das ohne Widerspruch gefallen. Mit Olivo und dem Abbate sahen sie bewundernd zu. Niemand sprach ein lautes Wort. Nur die Karten sprachen, und sie sprachen deutlich genug. Der Zufall des Spiels wollte es, dass alles Bargeld zu Casanova hinüberfloss. Nach einer Stunde hatte er zweitausend Dukaten gewonnen. Er hatte sie zwar von Lorenzi gewonnen, aber sie kamen alle aus der Tasche des Marchese. Der saß jetzt ohne einen Soldo da. Casanova bot ihm an, so viel Geld zu nehmen, wie er wollte. Der Marchese schüttelte den Kopf. »Ich danke«, sagte er. »Jetzt ist es genug. Für mich ist das Spiel zu Ende.«

Aus dem Garten klang das Lachen und Rufen der Kinder. Casanova hörte Teresinas Stimme heraus. Er saß mit dem Rücken zum Fenster und drehte sich nicht um. Noch einmal versuchte er, den Marchese zum Weiterspielen zu bewegen. Er tat es für Lorenzi, und er wusste selbst nicht, warum. Der Marchese antwortete nur mit einem noch entschiedeneren Kopfschütteln.

Lorenzi stand auf. »Ich werde Ihnen die Summe, die ich Ihnen schulde, morgen vor zwölf Uhr mittags persönlich übergeben, Herr Marchese.«

Der Marchese lachte kurz. »Ich bin neugierig, wie Sie das machen wollen, Herr Leutnant Lorenzi. In Mantua oder anderswo gibt es keinen Menschen, der Ihnen auch nur zehn Dukaten leihen würde. Und schon gar nicht zweitausend! Besonders heute nicht, da Sie morgen in den Krieg ziehen. Und es ist nicht so sicher, dass Sie zurückkommen.«

»Sie werden Ihr Geld morgen früh um acht Uhr bekommen, Herr Marchese, auf – Ehrenwort.«

»Ihr Ehrenwort«, sagte der Marchese kalt, »ist mir nicht einmal einen Dukaten wert, viel weniger zweitausend.«

Die anderen hielten den Atem an. Doch Lorenzi antwortete nur, scheinbar ohne tiefere Erregung: »Sie werden mir Genugtuung geben, Herr Marchese.«

»Mit Vergnügen, Herr Leutnant«, antwortete der Marchese, »sobald Sie Ihre Schulden bezahlt haben.«

Olivo war das sehr peinlich. Er sagte ein wenig stotternd: »Ich bürge für die Summe, Herr Marchese. Leider habe ich nicht genug Bargeld hier, um sofort – doch mein Haus, mein Gut ...« Und er zeigte mit einer ungeschickten Bewegung rundherum im Kreis.

»Ich nehme Ihre Bürgschaft nicht an«, sagte der Marchese, »und zwar Ihretwegen. Sie würden Ihr Geld verlieren.«

Casanova sah, wie sich alle Blicke auf das Gold richteten, das vor ihm lag. Wenn ich für Lorenzi bürgen würde, dachte er. Wenn ich für ihn zahlen würde ... Das könnte der Marchese nicht ablehnen ... Wäre es nicht fast meine Pflicht? Es ist ja das Gold des Marchese. – Doch er schwieg. Er fühlte, wie in ihm dumpf ein Plan entstand. Diesem Plan musste er vor allem Zeit lassen, damit er klar wurde.

»Sie sollen Ihr Geld noch heute vor Einbruch der Nacht haben«, sagte Lorenzi. »In einer Stunde bin ich in Mantua.«

»Ihr Pferd kann sich den Hals brechen«, antwortete der Marchese, »und Sie auch ... am Ende sogar mit Absicht.«

»Immerhin«, sagte der Abbate unwillig, »kann der Leutnant Ihnen das Geld nicht herzaubern.«

Die beiden Ricardi lachten, hörten aber gleich wieder auf.

»Es ist klar«, sagte Olivo zum Marchese, »dass Sie dem Leutnant Lorenzi zuerst einmal erlauben müssen, wegzugehen.«

»Gegen ein Pfand!«, rief der Marchese mit funkelnden Augen. Sein Einfall schien ihm ein besonderes Vergnügen zu machen.

»Das scheint mir nicht schlecht«, sagte Casanova etwas zerstreut, denn sein Plan wurde reif.

Lorenzi zog einen Ring vom Finger und ließ ihn über den Tisch gleiten. Der Marchese nahm ihn. »Der kann für tausend gelten.«

»Und der hier?« Lorenzi warf einen zweiten Ring vor den Marchese hin.

Der Marchese nickte und meinte: »Für ebenso viel.«

»Sind Sie nun zufrieden, Herr Marchese?«, sagte Lorenzi und wollte gehen.

»Ich bin zufrieden«, antwortete der Marchese schmunzelnd, »umso mehr, als diese Ringe gestohlen sind.«

Lorenzi drehte sich schnell um. Über den Tisch hinweg hob er die Faust, um sie auf den Marchese niedersausen zu lassen. Olivo und der Abbate hielten seinen Arm fest.

»Ich kenne die beiden Steine«, sagte der Marchese, ohne sich von seinem Platz zu bewegen, »auch wenn sie neu gefasst sind. Sehen Sie, meine Herren, der Smaragd hat einen kleinen Fehler. Sonst wäre er zehnmal so viel wert. Der Rubin hat keinen Fehler, aber er ist nicht sehr groß. Beide Steine stammen aus einem Schmuck, den ich selbst einmal meiner Frau geschenkt habe. Ich kann doch nicht annehmen, dass die Marchesa diese Steine für den Leutnant Lorenzi zu Ringen fassen ließ. Also können sie – also kann offenbar der ganze Schmuck nur gestohlen sein. Also – das Pfand genügt mir, Herr Leutnant, bis auf Weiteres.«

»Lorenzi!«, rief Olivo. »Sie haben das Wort von uns allen. Keine Seele wird jemals erfahren, was gerade hier geschehen ist.«

»Und was Herr Lorenzi auch getan haben mag«, sagte Casanova, »Sie, Herr Marchese, sind der größere Schuft.«

»Das will ich hoffen«, antwortete der Marchese. »Wenn man einmal so alt ist wie wir, Herr Chevalier von Seingalt, dann darf man sich wenigstens in der Schurkerei von niemandem übertreffen lassen. Guten Abend, meine Herren.«

Er stand auf. Niemand erwiderte seinen Gruß, und er ging.

Für eine kurze Weile wurde es so still, dass man das Lachen der Kinder aus dem Garten wieder hörte. Es klang übertrieben laut. Wer hätte auch das Wort finden können, das jetzt bis in Lorenzis Seele gedrungen wäre? Er stand noch immer da wie vorher, den Arm über dem Tisch erhoben. Casanova war als Einziger auf seinem Platz sitzen geblieben. Er fand ein unwillkürliches, künstlerisches Gefallen an dieser Geste. Sie war zwar sinnlos geworden und wie zu Stein erstarrt, aber sie war drohend und edel. Sie schien den ganzen jungen Mann in eine Statue zu verwandeln. Endlich wandte sich Olivo mit einer beruhigenden Geste an ihn. Auch die Ricardis kamen näher, und der Abbate schien etwas sagen zu wollen. Da lief ein kurzes Zittern durch Lorenzis Körper. Mit einer befehlenden, unwilligen Bewegung wehrte er jede Einmischung ab. Er neigte höflich den Kopf und verließ ohne Eile den Raum.

Im selben Augenblick stand Casanova auf. Er hatte inzwischen das Gold, das vor ihm lag, in ein Seidentuch gerafft. Er folgte Lorenzi auf dem Fuß. Er sah die Gesichter der anderen nicht, aber er fühlte, was sie dachten. Sie glaubten, er beeile sich jetzt, das zu tun, was sie die ganze Zeit von ihm erwartet hatten. Er werde Lorenzi das gewonnene Geld anbieten.

In der Kastanienallee, die vom Haus zum Tor führte, holte er Lorenzi ein. Er sagte in leichtem Ton: »Würden Sie mir erlauben, Herr Leutnant Lorenzi, Sie auf Ihrem Spaziergang zu begleiten?«

Lorenzi sah ihn nicht an. Er antwortete in einem hochmütigen Ton, der kaum zu seiner Lage passte: »Wie Sie wollen, Herr Chevalier. Aber ich fürchte, ich werde Ihnen keine unterhaltsame Gesellschaft sein.«

»Vielleicht bin ich Ihnen dafür eine umso unterhaltsamere, Leutnant Lorenzi«, sagte Casanova. »Wenn Sie einverstanden sind, nehmen wir den Weg über die Weinberge. Dort können wir ungestört reden.«

Sie bogen von der Fahrstraße auf denselben schmalen Pfad ab, an der Gartenmauer entlang. Auf diesem Weg war Casanova am Tag vorher mit Olivo gegangen.

»Sie vermuten ganz richtig«, begann Casanova, »dass ich Ihnen die Summe anbieten will, die Sie dem Marchese schulden. Aber nicht als Darlehen. Denn das wäre mir – Sie werden mir verzeihen – ein zu riskantes Geschäft. Ich biete sie Ihnen als Gegenleistung für einen Gefallen an. Freilich ist es eine geringe Gegenleistung. Vielleicht können Sie mir diesen Gefallen tun.«

»Ich höre«, sagte Lorenzi kalt.

»Bevor ich weiterspreche«, antwortete Casanova im selben Ton, »muss ich eine Bedingung stellen. Nur wenn Sie sie annehmen, setze ich dieses Gespräch fort.«

»Nennen Sie Ihre Bedingung.«

»Ich verlange Ihr Ehrenwort, dass Sie mich anhören, ohne mich zu unterbrechen. Auch dann, wenn das, was ich sage, Sie befremdet, Ihnen missfällt oder Sie sogar empört. Es liegt ganz bei Ihnen, Herr Leutnant Lorenzi, ob Sie meinen Vorschlag danach annehmen oder nicht. Ich weiß sehr wohl, wie ungewöhnlich er ist. Aber ich erwarte von Ihnen nur eine Antwort: Ja oder Nein. Und wie diese Antwort auch ausfällt: Keine Menschenseele wird jemals erfahren, was hier besprochen wurde. Es bleibt zwischen zwei Ehrenmännern, die vielleicht beide zugleich verlorene Männer sind.«

»Ich bin bereit, Ihren Vorschlag zu hören.«

»Und Sie nehmen meine Bedingung an?«

»Ich werde Sie nicht unterbrechen.«

»Und Sie werden kein anderes Wort antworten als Ja oder Nein?«

»Kein anderes als Ja oder Nein.«

»Gut denn«, sagte Casanova.

Sie stiegen langsam den Hügel hinauf, zwischen den Weinstöcken, unter einem schwülen Himmel am späten Nachmittag. Casanova begann: »Lassen Sie uns die Sache nach den Gesetzen der Logik behandeln. So werden wir einander am besten verstehen. Sie haben offenbar keine Möglichkeit, das Geld bis zu der Frist zu beschaffen, die der Marchese gesetzt hat. Und wenn Sie es ihm nicht zahlen, dann ist er fest entschlossen, Sie zu vernichten. Auch daran kann es keinen Zweifel geben. Er weiß mehr über Sie, als er uns heute verraten hat.«

Hier wagte sich Casanova weiter vor, als er musste. Doch er liebte solche kleinen, nicht ganz ungefährlichen Abenteuer auf einem sonst klar vorgezeichneten Weg.

»Darum sind Sie tatsächlich ganz in der Gewalt dieses Schurken. Ihr Schicksal als Offizier und als Edelmann wäre besiegelt. Das ist die eine Seite der Sache. Auf der anderen Seite sind Sie gerettet, sobald Sie Ihre Schulden bezahlt haben. Dann haben Sie auch die Ringe wieder, die irgendwie in Ihren Besitz gekommen sind. Und gerettet sein heißt für Sie in diesem Fall sehr viel. Es heißt, dass Ihnen ein Leben wieder gehört, mit dem Sie schon fast abgeschlossen hatten. Und weil Sie jung, schön und kühn sind, ist es ein Leben voll Glanz, Glück und Ruhm. Eine solche Aussicht scheint mir herrlich genug. Besonders, wenn auf der anderen Seite nur ein ruhmloser, ja schändlicher Untergang wartet. Für eine solche Aussicht kann man schon ein Vorurteil opfern, das man persönlich eigentlich nie hatte. Ich weiß es, Lorenzi«, fügte er schnell hinzu. Es war, als erwarte er einen Widerspruch und wolle ihm zuvorkommen. »Sie haben gar keine Vorurteile, so wenig wie ich sie habe oder jemals hatte. Ich verlange von Ihnen nichts anderes als das, was ich an Ihrer Stelle selbst getan hätte. Unter den gleichen Umständen hätte ich keinen Augenblick gezögert. Ich habe mich auch tatsächlich nie gescheut, eine Schurkerei zu begehen, wenn das Schicksal oder nur meine Laune es so verlangte. Oder vielmehr das, was die Narren dieser Erde eine Schurkerei nennen. Dafür war ich aber auch, genau wie Sie, Lorenzi, jederzeit bereit, mein Leben für weniger als nichts aufs Spiel zu setzen. Und das macht alles wieder gut. Ich bin es auch jetzt – falls Ihnen mein Vorschlag nicht gefällt. Wir sind aus dem gleichen Stoff gemacht, Lorenzi. Wir sind Brüder im Geiste. Und so dürfen sich unsere Seelen ohne falsche Scham gegenüberstehen, stolz und nackt. Hier sind meine zweitausend Dukaten – oder vielmehr Ihre. Sie gehören Ihnen, wenn Sie es möglich machen, dass ich die heutige Nacht an Ihrer Stelle mit Marcolina verbringe. Wir wollen nicht stehen bleiben, Lorenzi, wir wollen weiterspazieren.«

Sie gingen durch die Felder, unter den niedrigen Obstbäumen. Zwischen ihnen schlangen sich die Weinranken, schwer von Trauben. Casanova sprach ohne Pause weiter. »Antworten Sie mir noch nicht, Lorenzi, denn ich bin noch nicht zu Ende. Mein Wunsch wäre natürlich sinnlos, wenn Sie Marcolina heiraten wollten. Er wäre nicht etwa böse, aber ohne Aussicht und darum sinnlos. Und genauso, wenn Marcolina selbst sich eine Heirat mit Ihnen wünschen würde. Aber die vergangene Liebesnacht war Ihre erste.«

Auch diese Vermutung sprach er aus wie eine Gewissheit, an der es keinen Zweifel gab.

»Und genauso wird die kommende Nacht Ihre letzte sein, nach aller menschlichen Berechnung. Auch Sie selbst und Marcolina erwarten das. Ihre letzte für sehr lange Zeit – wahrscheinlich für immer. Und ich bin völlig überzeugt: Marcolina wäre selbst bereit, diese eine Nacht dem Retter ihres Geliebten zu schenken. Sie würde es ohne Zögern tun, einfach weil Sie es wünschen, um Sie vor dem sicheren Untergang zu retten. Denn auch sie ist eine Philosophin und darum so frei von Vorurteilen wie wir beide. Ich bin sicher, dass sie diese Probe bestehen würde. Aber ich habe keineswegs die Absicht, dass man sie ihr stellt. Denn eine Frau zu besitzen, die keinen Willen hat und sich innerlich wehrt, das würde mir gerade in diesem Fall nicht genügen. Ich will ein Glück genießen, nicht nur als einer, der liebt, sondern als einer, der geliebt wird. Ein Glück, das mir am Ende groß genug wäre, um es mit meinem Leben zu bezahlen. Verstehen Sie mich richtig, Lorenzi. Darum darf Marcolina nicht einmal ahnen, dass ich es bin, den sie an ihre himmlische Brust drückt. Sie muss vielmehr fest davon überzeugt sein, dass sie keinen anderen als Sie in ihren Armen empfängt. Diese Täuschung vorzubereiten ist Ihre Sache. Sie aufrechtzuerhalten ist meine. Ohne große Schwierigkeit können Sie ihr erklären, dass Sie sie vor der Morgendämmerung verlassen müssen. Sie werden auch einen Grund dafür finden, warum diesmal nur stumme Zärtlichkeiten sie glücklich machen sollen. Auch jede Gefahr, dass man es später entdeckt, will ich ausschließen. Darum werde ich im richtigen Moment so tun, als hörte ich ein verdächtiges Geräusch vor dem Fenster. Dann nehme ich meinen Mantel – oder vielmehr Ihren, den Sie mir dafür natürlich leihen müssen. Und ich verschwinde durchs Fenster – für immer. Denn natürlich werde ich scheinbar schon heute Abend abreisen. Auf halbem Weg werde ich sagen, dass ich wichtige Papiere vergessen habe. So bringe ich den Kutscher dazu, umzukehren. Dann schleiche ich mich durch die Hintertür in den Garten – den Nachschlüssel geben Sie mir, Lorenzi. Ich gehe an Marcolinas Fenster, das sich um Mitternacht öffnen wird. Meine Kleider, auch die Schuhe und Strümpfe, werde ich schon im Wagen ausgezogen haben. Ich werde nur den Mantel tragen. So bleibt bei meiner schnellen Flucht nichts zurück, was mich oder Sie verraten könnte. Den Mantel aber bekommen Sie morgen früh um fünf Uhr in meinem Gasthof in Mantua zurück. Zusammen mit den zweitausend Dukaten. So können Sie dem Marchese noch vor der festgesetzten Stunde sein Geld vor die Füße werfen. Darauf schwöre ich Ihnen einen feierlichen Eid. Und nun bin ich zu Ende.«

Plötzlich blieb er stehen. Die Sonne ging langsam unter. Ein leiser Wind strich über die gelben Ähren, und rötliches Abendlicht lag auf dem Turm von Olivos Haus. Auch Lorenzi stand still. Kein Muskel in seinem blassen Gesicht bewegte sich. Er blickte starr über Casanovas Schulter in die Ferne. Seine Arme hingen schlaff herab. Casanova dagegen war auf alles gefasst, und seine Hand hielt wie zufällig den Griff des Degens. Einige Sekunden vergingen, aber Lorenzi blieb starr und schwieg. Er schien ruhig nachzudenken. Doch Casanova blieb weiter auf der Hut. In der linken Hand hielt er das Tuch mit den Dukaten, die rechte lag auf dem Degengriff. So sagte er: »Sie haben meine Bedingung erfüllt wie ein Ehrenmann. Ich weiß, dass es Ihnen nicht leichtgefallen ist. Denn auch wenn wir keine Vorurteile haben – die Luft, in der wir leben, ist von ihnen vergiftet. Darum können wir uns ihrem Einfluss nicht ganz entziehen. In der letzten Viertelstunde waren Sie mehr als einmal nahe daran, mir an die Kehle zu springen, Lorenzi. Und ich habe – lassen Sie es mich gestehen – eine Weile mit einem Gedanken gespielt. Ich wollte Ihnen die zweitausend Dukaten schenken, wie einem – nein, wie meinem Freund. Denn selten, Lorenzi, habe ich für einen Menschen vom ersten Augenblick an eine so rätselhafte Sympathie gefühlt wie für Sie. Aber hätte ich diesem großzügigen Gefühl nachgegeben, dann hätte ich es schon in der Sekunde danach tief bereut. Genauso würden Sie es bereuen, Lorenzi, in der Sekunde, bevor Sie sich eine Kugel in den Kopf jagen. Dann würden Sie verzweifelt erkennen, dass Sie ein Narr ohnegleichen waren. Sie hätten tausend Liebesnächte mit immer neuen Frauen weggeworfen. Und zwar für eine einzige Nacht, nach der keine Nacht und kein Tag mehr kam.«

Lorenzi schwieg noch immer. Sein Schweigen dauerte Sekunden, es dauerte Minuten. Casanova fragte sich, wie lange er sich das noch gefallen lassen durfte. Er wollte sich schon mit einem kurzen Gruß abwenden. So hätte er gezeigt, dass er seinen Vorschlag für abgelehnt hielt. Da griff Lorenzi, immer noch ohne ein Wort, mit der rechten Hand nach hinten in die Tasche seines Rockschoßes. Die Bewegung war gar nicht schnell. Casanova war immer noch auf alles gefasst. Im gleichen Augenblick trat er einen Schritt zurück, als wollte er sich ducken. Lorenzi aber reichte ihm den Gartenschlüssel. Casanovas Bewegung hatte immerhin ein wenig Angst gezeigt. Darum erschien um Lorenzis Lippen ein spöttisches Lächeln, das sofort wieder verschwand. Casanova spürte, wie die Wut in ihm aufstieg. Ein Ausbruch hätte alles wieder zerstören können. Darum unterdrückte er seine Wut und verbarg sie sogar. Er nahm den Schlüssel mit einem leichten Nicken und sagte nur: »Das darf ich wohl als ein Ja nehmen. In einer Stunde erwarte ich Sie im Turmzimmer. Bis dahin werden Sie sich wohl mit Marcolina verständigt haben. Dort werde ich Ihnen sofort die zweitausend Goldstücke übergeben, und Sie geben mir dafür Ihren Mantel. Erstens als Zeichen meines Vertrauens. Und zweitens, weil ich wirklich nicht wüsste, wo ich das Gold in der Nacht aufbewahren sollte.«

Sie trennten sich ohne weitere Höflichkeiten. Lorenzi ging den Weg zurück, den sie beide gekommen waren. Casanova ging auf einem anderen Weg ins Dorf. Im Wirtshaus zahlte er eine reichliche Anzahlung und sicherte sich so einen Wagen. Der Wagen sollte um zehn Uhr nachts vor Olivos Haus auf ihn warten, für die Fahrt nach Mantua.

Bald danach brachte er sein Gold zuerst an einen sicheren Ort im Turmzimmer. Dann trat er in Olivos Garten. Dort sah er ein Bild, das an sich gar nicht besonders war. Aber in der Stimmung dieser Stunde berührte es ihn seltsam. Auf einer Bank am Rand der Wiese saß Olivo neben Amalia und hatte den Arm um ihre Schulter gelegt. Zu ihren Füßen lagen die drei Mädchen, als ob sie müde von den Spielen des Nachmittags wären. Die Jüngste, Maria, hatte den Kopf in den Schoß der Mutter gelegt und schien zu schlafen. Nanetta lag ausgestreckt im Gras, die Arme unter dem Nacken. Teresina lehnte an den Knien des Vaters, und seine Finger ruhten zärtlich in ihren Locken. Casanova hatte ganz von selbst einen Blick heimlichen Einverständnisses von ihr erwartet. Doch als er näher kam, lächelte sie ihn offen, kindlich und vertraut an. Es war, als ob das, was vor wenigen Stunden zwischen ihr und ihm geschehen war, nur ein Spiel ohne Bedeutung gewesen wäre. Olivos Gesicht leuchtete freundlich auf, und Amalia nickte Casanova herzlich und dankbar zu. Casanova konnte nicht daran zweifeln, wie die beiden ihn empfingen. Sie empfingen ihn wie jemanden, der gerade eine edle Tat getan hat. Und wie jemanden, der zugleich erwartet, dass man aus Taktgefühl kein Wort darüber sagt.

»Bleibt es wirklich dabei, dass Sie uns schon morgen verlassen, mein lieber Chevalier?«, fragte Olivo.

»Nicht morgen«, antwortete Casanova, »sondern – wie gesagt – schon heute Abend.«

Olivo wollte noch einmal widersprechen. Doch Casanova zuckte bedauernd mit den Achseln. »Der Brief, den ich heute aus Venedig bekommen habe, lässt mir leider keine andere Wahl. Die Einladung ist in jeder Hinsicht so ehrenvoll, dass ich meine Heimkehr nicht verschieben darf. Das wäre eine schlimme, ja eine unverzeihliche Unhöflichkeit gegenüber meinen hohen Gönnern.«

Zugleich bat er um Erlaubnis, sich jetzt zurückzuziehen. Er wollte sich für die Abreise fertig machen. Dann wollte er die letzten Stunden hier ungestört mit seinen liebenswürdigen Freunden verbringen.

Er achtete auf keinen Widerspruch und ging ins Haus. Er stieg die Treppe zum Turmzimmer hinauf. Zuerst zog er seine prächtigen Kleider aus und wieder die einfacheren an. Sie mussten für die Fahrt gut genug sein. Dann packte er seinen Reisesack. Von Minute zu Minute horchte er gespannter, ob er nicht endlich Lorenzis Schritte hörte. Noch bevor die Stunde vorbei war, klopfte es einmal kurz an die Tür. Lorenzi trat ein, in seinem weiten dunkelblauen Reitermantel. Ohne ein Wort ließ er ihn mit einer leichten Bewegung von den Schultern gleiten. Nun lag der Mantel zwischen den beiden Männern auf dem Boden, wie ein formloses Stück Stoff. Casanova holte seine Goldstücke unter dem Kissen des Bettes hervor und streute sie auf den Tisch. Er zählte sie sorgfältig vor Lorenzis Augen. Das ging ziemlich schnell, denn viele Goldstücke waren mehr wert als ein Dukaten. Er verteilte die verabredete Summe auf zwei Beutel und gab sie Lorenzi. Danach blieben ihm selbst noch etwa hundert Dukaten. Lorenzi steckte die Geldbeutel in die beiden Taschen seiner Rockschöße und wollte ohne ein Wort gehen.

»Halt, Lorenzi«, sagte Casanova. »Es wäre immerhin möglich, dass wir uns im Leben noch einmal begegnen. Dann soll es ohne Groll sein. Es war ein Geschäft wie jedes andere. Wir sind quitt.« Er streckte ihm die Hand entgegen.

Lorenzi nahm sie nicht. Doch nun sprach er sein erstes Wort. »Ich erinnere mich nicht«, sagte er, »dass auch das in unserem Pakt enthalten war.« Er drehte sich um und ging.

Sind wir so genau, mein Freund?, dachte Casanova. Dann kann ich mich umso sicherer darauf verlassen, dass ich am Ende nicht der Betrogene sein werde. Freilich hatte er keinen Augenblick ernsthaft an diese Möglichkeit gedacht. Er wusste aus eigener Erfahrung: Leute wie Lorenzi haben ihre besondere Art von Ehre. Ihre Gesetze kann man nicht in Paragraphen aufschreiben. Aber im einzelnen Fall gibt es kaum einen Zweifel, was sie verlangen.

Er legte Lorenzis Mantel ganz oben in den Reisesack und schloss ihn zu. Die Goldstücke, die ihm geblieben waren, steckte er ein. Er sah sich nach allen Seiten in dem Zimmer um, das er wohl nie wieder betreten würde. Dann ging er mit Degen und Hut, fertig zur Abfahrt, in den Saal. Dort saß Olivo mit seiner Frau und den Kindern schon am gedeckten Tisch. Im selben Augenblick kam Marcolina von der anderen Seite aus dem Garten herein. Casanova hielt das für ein gutes Zeichen des Schicksals. Sie erwiderte seinen Gruß mit einem unbefangenen Nicken.

Das Essen wurde gebracht. Das Gespräch ging am Anfang langsam und fast mühsam voran, wie gedämpft von der Stimmung des Abschieds. Amalia schien auffallend mit ihren Kindern beschäftigt. Immer sorgte sie sich, dass sie nicht zu viel oder zu wenig auf ihre Teller bekamen. Olivo sprach ohne erkennbaren Grund von einem unwichtigen Prozess mit einem Nachbarn, den er gewonnen hatte. Er erzählte auch von einer Geschäftsreise nach Mantua und Cremona, die er bald machen wollte. Casanova sagte, er hoffe, den Freund schon bald in Venedig zu begrüßen. Seltsamerweise war Olivo gerade dort noch nie gewesen. Amalia aber hatte die wunderbare Stadt vor vielen Jahren als Kind gesehen. Wie sie dorthin gekommen war, wusste sie nicht mehr. Sie erinnerte sich nur an einen alten Mann in einem scharlachroten Mantel. Er war aus einem langen schwarzen Boot gestiegen, war gestolpert und der Länge nach hingefallen.

»Kennen Sie Venedig auch nicht?«, fragte Casanova Marcolina. Sie saß ihm genau gegenüber und schaute über seine Schulter in das tiefe Dunkel des Gartens.

Sie schüttelte wortlos den Kopf.

Und Casanova dachte: Könnte ich sie dir zeigen, die Stadt, in der ich jung gewesen bin! Oh, wärst du mit mir jung gewesen ... Und noch ein Gedanke kam ihm, fast noch sinnloser als diese: Wenn ich dich jetzt mit mir dorthin nähme? Doch all das ging ihm nur still durch die Seele. Inzwischen hatte er schon begonnen, von der Stadt seiner Jugend zu erzählen. Er tat es mit der Leichtigkeit, die er auch in Momenten stärkster innerer Erregung hatte. Er sprach so kunstvoll und kühl, als ob er ein Gemälde beschreiben müsste. Doch ohne dass er es wollte, wurde sein Ton wärmer. Er kam in die Geschichte seines Lebens hinein. Und plötzlich stand er selbst mitten in dem Bild, das jetzt erst zu leben und zu leuchten begann.

Er sprach von seiner Mutter, der berühmten Schauspielerin. Der große Goldoni hatte sie bewundert und für sie seine ausgezeichnete Komödie »Das Mündel« geschrieben. Dann erzählte er von seiner traurigen Zeit in der Pension des geizigen Doktors Gozzi. Er erzählte von seiner kindlichen Liebe zu der kleinen Gärtnerstochter, die später mit einem Diener davongelaufen war. Er erzählte von seiner ersten Predigt als junger Abbate. Danach hatte er im Beutel des Kirchendieners nicht nur die üblichen Münzen gefunden, sondern auch ein paar zärtliche Liebesbriefchen. Er erzählte von den Streichen, die er als Geiger im Orchester des Theaters San Samuele gespielt hatte. Mit ein paar Kameraden, die genauso dachten wie er, war er durch Venedig gezogen. In den Gassen, Kneipen, Tanz- und Spielsälen hatten sie ihre Streiche gespielt, mit Maske oder ohne. Doch auch von diesen übermütigen und manchmal recht bedenklichen Streichen berichtete er ohne ein einziges unanständiges Wort. Er erzählte sogar auf eine poetische, verklärte Art, als ob er Rücksicht auf die Kinder nehmen wollte. Die Kinder hingen gespannt an seinen Lippen, genau wie die anderen, auch Marcolina. Doch die Zeit verging, und Amalia schickte ihre Töchter ins Bett. Bevor sie gingen, verabschiedete sich Casanova sehr herzlich von ihnen allen, von Teresina nicht anders als von den beiden jüngeren. Alle mussten ihm versprechen, ihn bald mit den Eltern in Venedig zu besuchen.

Als die Kinder fort waren, hielt er sich weniger zurück. Aber alles, was er erzählte, brachte er ohne jede Zweideutigkeit vor. Vor allem erzählte er ohne jede Eitelkeit. Man glaubte eher den Bericht eines gefühlvollen Narren der Liebe zu hören als den eines gefährlichen, wilden Verführers und Abenteurers. Er sprach von der wunderbaren Unbekannten, die wochenlang als Offizier verkleidet mit ihm gereist war. Eines Morgens war sie plötzlich von seiner Seite verschwunden. Er sprach von der Tochter des adligen Schuhflickers in Madrid. Zwischen zwei Umarmungen hatte sie immer wieder versucht, ihn zu einem frommen Katholiken zu machen. Er sprach von der schönen Jüdin Lia in Turin, die prächtiger auf dem Pferd gesessen hatte als jede Fürstin. Er sprach von der lieblichen, unschuldigen Manon Balletti, der Einzigen, die er beinahe geheiratet hätte. Er sprach von jener schlechten Sängerin in Warschau, die er ausgepfiffen hatte. Danach hatte er sich mit ihrem Geliebten, dem Krongeneral Branitzky, duellieren und aus Warschau fliehen müssen. Er sprach von der bösen Charpillon, die ihn in London so jämmerlich zum Narren gehalten hatte. Er sprach von einer Fahrt in einer stürmischen Nacht durch die Lagunen nach Murano, zu seiner angebeteten Nonne. Diese Fahrt hätte ihn fast das Leben gekostet. Er sprach von dem Spieler Croce, der in Spa ein Vermögen verloren hatte. Danach hatte Croce auf der Landstraße unter Tränen Abschied von ihm genommen. Dann hatte er sich auf den Weg nach Petersburg gemacht, genau so, wie er dastand. Er trug seidene Strümpfe und einen apfelgrünen Samtrock und hatte ein Spazierstöckchen in der Hand.

Er erzählte von Schauspielerinnen, Sängerinnen, Modistinnen, Gräfinnen, Tänzerinnen und Kammermädchen. Er erzählte von Spielern, Offizieren, Fürsten, Gesandten, Finanzleuten, Musikern und Abenteurern. Der Zauber seiner eigenen Vergangenheit, den er neu fühlte, nahm ihn selbst ganz gefangen. All das Herrliche, das er erlebt hatte und das nie wiederkommen würde, siegte vollständig. Es siegte über die armselige, schattenhafte Gegenwart, die ihm nur eines voraushatte: dass sie da war. So vollständig war dieser Sieg, dass er schon dabei war, eine bestimmte Geschichte zu erzählen. Es war die Geschichte eines hübschen, blassen Mädchens. Es hatte ihm im Dämmerlicht einer Kirche in Mantua seinen Liebeskummer anvertraut. Er dachte gar nicht daran, dass dasselbe Geschöpf ihm hier am Tisch gegenübersaß. Es war sechzehn Jahre älter geworden und die Frau seines Freundes Olivo. Da kam die Magd mit schweren Schritten herein. Sie meldete, dass der Wagen vor dem Tor bereitstehe.

Casanova hatte eine unvergleichliche Gabe: Er fand sich in Traum und Wachen sofort zurecht, wann immer es nötig war. So stand er sofort auf, um Abschied zu nehmen. Olivo konnte vor Rührung nicht sprechen. Noch einmal lud Casanova ihn herzlich ein, ihn mit Frau und Kindern in Venedig zu besuchen, und umarmte ihn. Dann ging er mit der gleichen Absicht auf Amalia zu. Doch sie wehrte leicht ab und reichte ihm nur die Hand. Er küsste sie respektvoll.

Als er sich nun Marcolina zuwandte, sagte sie: »All das, was Sie uns heute Abend erzählt haben – und noch viel mehr –, sollten Sie aufschreiben, Herr Chevalier. So wie Sie es mit Ihrer Flucht aus den Bleikammern gemacht haben.«

»Ist das Ihr Ernst, Marcolina?«, fragte er so schüchtern wie ein junger Autor.

Sie lächelte mit leisem Spott. »Ich vermute«, sagte sie, »ein solches Buch könnte noch viel unterhaltsamer werden als Ihre Streitschrift gegen Voltaire.«

Das könnte leicht wahr sein, dachte er, ohne es auszusprechen. Wer weiß, ob ich deinen Rat nicht eines Tages befolge? Und du selbst, Marcolina, sollst das letzte Kapitel sein. – Dieser Einfall ließ seinen Blick seltsam flackern. Noch mehr tat es der Gedanke, dass er dieses letzte Kapitel schon in der kommenden Nacht erleben sollte. Darum ließ Marcolina die Hand, die sie ihm zum Abschied gegeben hatte, aus seiner Hand gleiten. Er hatte sich noch nicht hinunterbeugen und einen Kuss darauf drücken können. Casanova ließ sich nichts anmerken, weder Enttäuschung noch Groll. Er wandte sich zum Gehen. Mit einer jener klaren, einfachen Gesten, die nur ihm gehörten, zeigte er: Niemand sollte ihm folgen, auch Olivo nicht.

Mit schnellen Schritten eilte er durch die Kastanienallee. Er gab der Magd, die den Reisesack in den Wagen gebracht hatte, ein Goldstück. Dann stieg er ein und fuhr davon.

Der Himmel war von Wolken bedeckt. Sie fuhren durch das Dorf, wo hinter armen Fenstern hier und da noch ein kleines Licht schimmerte. Danach leuchtete nur noch die gelbe Laterne durch die Nacht. Sie war vorn an der Deichsel befestigt. Casanova öffnete den Reisesack, der zu seinen Füßen lag. Er nahm Lorenzis Mantel heraus und breitete ihn über sich. Unter seinem Schutz zog er sich mit aller nötigen Vorsicht aus. Seine Kleider, auch Schuhe und Strümpfe, schloss er in den Sack ein. Dann hüllte er sich fester in den Mantel. Jetzt rief er dem Kutscher zu: »He, wir müssen wieder zurück!«

Der Kutscher drehte sich mürrisch um.

»Ich habe meine Papiere im Haus vergessen. Hörst du? Wir müssen zurück.«

Der Kutscher war ein mürrischer, magerer Mensch mit grauem Bart. Er schien zu zögern.

»Ich verlange es natürlich nicht umsonst. Da!« Und Casanova drückte ihm ein Goldstück in die Hand.

Der Kutscher nickte und murmelte etwas. Er gab dem Pferd einen ganz überflüssigen Peitschenhieb und wendete den Wagen. Als sie wieder durch das Dorf fuhren, lagen alle Häuser still und dunkel da. Sie fuhren noch ein Stück die Landstraße entlang. Nun wollte der Kutscher in die schmalere Straße einbiegen, die leicht anstieg und zu Olivos Gut führte.

»Halt!«, rief Casanova. »Wir wollen nicht so nah heranfahren, sonst wecken wir die Leute auf. Warte hier an der Ecke. Ich bin bald wieder da ... Und sollte es etwas länger dauern: Jede Stunde bringt dir einen Dukaten!«

Nun glaubte der Mann ungefähr zu wissen, worum es ging. Casanova merkte es daran, wie er mit dem Kopf nickte.

Casanova stieg aus und eilte weiter. Bald konnte der Kutscher ihn nicht mehr sehen. Er ging bis zum geschlossenen Tor und daran vorbei. Dann ging er die Mauer entlang bis zu der Ecke, wo sie im rechten Winkel nach oben bog. Nun nahm er den Weg durch die Weinberge. Er war ihn schon zweimal bei Tageslicht gegangen und fand ihn leicht. Er hielt sich nahe an der Mauer. Etwa in der Mitte des Hügels bog sie wieder im rechten Winkel um, und er folgte ihr weiter. Hier ging er auf weichem Wiesenboden durch die dunkle, bewölkte Nacht. Er musste nur aufpassen, dass er die Gartentür nicht verfehlte. Er tastete an der glatten steinernen Mauer entlang, bis seine Finger das raue Holz spürten. Danach konnte er auch den schmalen Umriss der Tür deutlich erkennen. Er fand schnell das Schloss und steckte den Schlüssel hinein. Er öffnete, trat in den Garten und schloss hinter sich wieder ab. Jenseits der Wiese sah er das Haus mit dem Turm. Es schien unwahrscheinlich weit entfernt und ebenso unwahrscheinlich hoch. Eine Weile stand er ruhig da und sah sich um. Für andere Augen wäre es noch völlige Finsternis gewesen. Für seine Augen war es nur tiefe Dämmerung. In der Allee tat der Kies seinen nackten Füßen weh. Darum wagte er es, auf der Wiese weiterzugehen, die den Klang seiner Schritte schluckte. Er glaubte zu schweben, so leicht war sein Gang.

War mir anders zumute, dachte er, als ich mit dreißig Jahren solche Wege ging? Fühle ich nicht wie damals alle Gluten des Verlangens und alle Säfte der Jugend in meinen Adern? Bin ich heute nicht Casanova, wie ich es damals war? ... Und weil ich Casanova bin: Warum sollte an mir nicht das armselige Gesetz scheitern, das für alle anderen gilt? Das Gesetz, das man Altern nennt! Er wurde immer kühner und fragte sich: Warum schleiche ich mich in einer Maske zu Marcolina? Ist Casanova nicht mehr als Lorenzi, auch wenn er dreißig Jahre älter ist? Und wäre sie nicht die Frau, die dieses Unbegreifliche begreifen könnte? ... War es nötig, eine kleine Schurkerei zu begehen und einen anderen zu einer etwas größeren zu verführen? Wäre man nicht mit etwas Geduld zum gleichen Ziel gekommen? Lorenzi ist morgen fort, ich wäre geblieben ... Fünf Tage ... drei – und sie hätte mir gehört – *wissend* mir gehört.

Er stand an die Hauswand gedrückt, neben Marcolinas Fenster, das noch fest verschlossen war. Und seine Gedanken flogen weiter. Ist es denn zu spät dafür? ... Ich könnte wiederkommen – morgen, übermorgen ... Dann würde ich mit der Verführung beginnen – sozusagen als ehrlicher Mann. Die heutige Nacht wäre ein Vorschuss auf die kommenden Nächte. Ja, Marcolina müsste nicht einmal erfahren, dass ich heute hier war – oder erst später, viel später.

Das Fenster war immer noch fest geschlossen, und auch dahinter bewegte sich nichts. Bis Mitternacht fehlten wohl noch ein paar Minuten. Sollte er sich irgendwie bemerkbar machen? Leise ans Fenster klopfen? So etwas war nicht verabredet. Vielleicht hätte es Marcolina misstrauisch gemacht. Also warten. Lange konnte es nicht mehr dauern. Ein Gedanke kam ihm, nicht zum ersten Mal: Sie könnte ihn sofort erkennen und den Betrug durchschauen, bevor er gelungen war. Doch auch diesmal war der Gedanke flüchtig. Er war nur die vernünftige Überlegung einer fernen, sehr unwahrscheinlichen Möglichkeit, keine ernste Angst. Ein etwas lächerliches Abenteuer fiel ihm ein, das jetzt zwanzig Jahre zurücklag. Es war das Abenteuer mit der hässlichen Alten in Solothurn. Mit ihr hatte er eine köstliche Nacht verbracht. Dabei hatte er geglaubt, eine angebetete schöne junge Frau zu besitzen. Am Tag danach hatte die Alte ihn auch noch in einem unverschämten Brief verspottet. Sie hatte seinen Irrtum selbst gewollt und ihn mit gemeiner List gefördert. Bei der Erinnerung schüttelte er sich vor Ekel. Gerade daran hätte er jetzt lieber nicht denken sollen. Er verjagte das abscheuliche Bild.

Nun, war es nicht endlich Mitternacht? Wie lange sollte er hier noch an die Mauer gedrückt stehen und in der kühlen Nacht frieren? Oder sogar vergeblich warten? Am Ende doch der Betrogene sein? Zweitausend Dukaten für nichts? Und Lorenzi mit ihr hinter dem Vorhang? Und er lachte über ihn? Ohne es zu wollen, fasste Casanova den Degen etwas fester. Er hielt ihn unter dem Mantel an seinen nackten Körper gedrückt. Von einem Kerl wie Lorenzi musste man am Ende auch die peinlichste Überraschung erwarten. Aber dann ...

In diesem Augenblick hörte er ein leises Knacken. Er wusste: Jetzt wurde das Gitter von Marcolinas Fenster zurückgeschoben. Gleich danach öffneten sich beide Fensterflügel weit. Der Vorhang aber blieb noch zugezogen. Casanova blieb ein paar Sekunden reglos stehen. Dann raffte eine unsichtbare Hand den Vorhang zur Seite. Das war für Casanova das Zeichen. Er schwang sich über die Brüstung ins Zimmer und schloss sofort Fenster und Gitter hinter sich. Der Vorhang war über seinen Schultern wieder heruntergefallen, und er musste darunter hervorkriechen. Nun hätte er in völliger Finsternis gestanden. Doch aus der Tiefe des Zimmers, unbegreiflich weit weg, zeigte ihm ein mattes Schimmern den Weg. Es war, als ob sein eigener Blick es geweckt hätte. Nur drei Schritte – und sehnsüchtige Arme öffneten sich für ihn. Er ließ den Degen aus der Hand gleiten und den Mantel von den Schultern. Und er sank in sein Glück.

Marcolina seufzte und verging in seinen Armen. Er küsste ihr die Tränen des Glücks von den Wangen. Immer wieder empfing sie seine Zärtlichkeiten mit neuer Glut. Daran erkannte er bald, dass sie sein Entzücken teilte. Dieses Entzücken schien ihm höher, ja von neuer, anderer Art als alles, was er je genossen hatte. Die Lust wurde zur Andacht. Der tiefste Rausch wurde zu einem Wachsein ohnegleichen. Hier endlich war, was er schon so oft erlebt zu haben glaubte, töricht genug. Er hatte es aber noch nie wirklich erlebt: Hier an Marcolinas Herzen war Erfüllung. Er hielt die Frau in seinen Armen, an die er sich verschwenden durfte, um sich unerschöpflich zu fühlen. An ihren Brüsten flossen der Augenblick der letzten Hingabe und das neue Verlangen zusammen. Sie wurden zu einem einzigen Augenblick von ungeahnter Wonne der Seele. Waren an diesen Lippen nicht Leben und Sterben, Zeit und Ewigkeit eins? War er nicht ein Gott? Waren Jugend und Alter nur eine Fabel, von Menschen erfunden? Heimat und Fremde, Glanz und Elend, Ruhm und Vergessen – waren das nicht leere Unterschiede? Unterschiede für Ruhelose, für Einsame, für Eitle? Und waren sie nicht sinnlos geworden, wenn man Casanova war und Marcolina gefunden hatte?

Von Minute zu Minute erschien es ihm unwürdiger, ja lächerlicher, aus dieser Wundernacht zu flüchten. Er sollte stumm und unerkannt fliehen wie ein Dieb, treu einem Vorsatz, den er vorher aus Kleinmut gefasst hatte. Er fühlte ganz sicher, dass er ebenso viel Glück schenkte, wie er empfing. Darum glaubte er sich schon zu dem Wagnis entschlossen, seinen Namen zu nennen. Doch er war sich immer noch bewusst, dass es ein großes Spiel war. Wenn er es verlor, musste er bereit sein, mit seinem Leben zu bezahlen. Noch war völlige Dunkelheit um ihn. Bis die erste Dämmerung durch den dichten Vorhang brach, durfte er das Geständnis hinauszögern. Wie Marcolina es aufnahm, davon hing sein Schicksal ab, ja sein Leben. Aber war nicht gerade dieses stumme, selige, süß verlorene Beisammensein dazu gemacht, sie mit jedem Kuss fester an ihn zu binden? Wurde das, was als Betrug begonnen hatte, nicht Wahrheit in den namenlosen Entzückungen dieser Nacht? Ja, ahnte sie nicht selbst schon mit einem Schauer, die Betrogene, die Geliebte, die Einzige? Ahnte sie nicht, dass es nicht Lorenzi war, der junge Bursche, der Wicht? Sondern ein Mann – Casanova, in dessen göttlicher Glut sie verging? Und schon begann er es für möglich zu halten, dass ihm der Augenblick des Geständnisses ganz erspart bliebe. Er sehnte sich nach diesem Augenblick und fürchtete ihn zugleich. Er träumte davon, dass Marcolina selbst ihm seinen Namen zuflüstern würde, zitternd, gebannt, erlöst. Und dann – wenn sie ihm so verziehen hätte – nein, wenn sie seine Verzeihung empfangen hätte –, dann wollte er sie mitnehmen. Sofort, noch in dieser Stunde. Mit ihr wollte er im Grauen des Morgens das Haus verlassen. Mit ihr wollte er in den Wagen steigen, der draußen an der Biegung der Straße wartete. Mit ihr wollte er davonfahren und sie für immer halten. So wollte er sein Lebenswerk krönen. In einem Alter, in dem andere sich auf ein trübes Greisenleben vorbereiten, hatte er die Jüngste, die Schönste, die Klügste gewonnen. Er hatte sie durch die ungeheure Macht seines unauslöschlichen Wesens gewonnen und für alle Zeit zu der Seinen gemacht. Denn diese Frau gehörte ihm wie keine vor ihr. Er glitt mit ihr durch geheimnisvolle, schmale Kanäle, an Palästen vorbei, in deren Schatten er nun wieder zu Hause war. Sie fuhren unter geschwungenen Brücken hindurch, über die dämmrige Gestalten huschten. Manche winkten ihnen über das Geländer zu und waren wieder verschwunden, bevor man sie richtig sah. Nun legte die Gondel an. Marmorstufen führten in das prächtige Haus des Senators Bragadino. Es war als einziges Haus festlich beleuchtet. Maskierte liefen die Treppe hinauf und hinunter. Manche blieben neugierig stehen. Aber wer konnte Casanova und Marcolina hinter ihren Masken erkennen? Er trat mit ihr in den Saal. Hier wurde ein großes Spiel gespielt. Alle Senatoren saßen in ihren Purpurmänteln um den Tisch, auch Bragadino. Als Casanova eintrat, flüsterten sie alle seinen Namen wie in höchstem Schrecken. Denn sie hatten ihn am Blitzen seiner Augen hinter der Maske erkannt. Er setzte sich nicht. Er nahm keine Karten, aber er spielte mit. Er gewann, er gewann alles Gold, das auf dem Tisch lag. Aber das war zu wenig. Die Senatoren mussten Wechsel ausstellen. Sie verloren ihr Vermögen, ihre Paläste, ihre Purpurmäntel. Sie waren Bettler, sie krochen in Lumpen um ihn herum und küssten ihm die Hände. Und nebenan, in einem dunkelroten Saal, gab es Musik und Tanz. Casanova wollte mit Marcolina tanzen, doch sie war fort. Die Senatoren saßen wieder in ihren Purpurmänteln um den Tisch wie vorher. Aber nun wusste Casanova, dass es nicht um Karten ging. Es ging um Angeklagte, um Verbrecher und Unschuldige, um ihr Schicksal. Wo war Marcolina? Hatte er nicht die ganze Zeit ihr Handgelenk festgehalten? Er stürzte die Treppen hinunter. Die Gondel wartete. Nur weiter, weiter, durch das Gewirr der Kanäle! Natürlich wusste der Ruderer, wo Marcolina war. Aber warum trug auch er eine Maske? Das war früher in Venedig nicht üblich gewesen. Casanova wollte ihn zur Rede stellen, aber er wagte es nicht. Wird man als alter Mann so feige? Und immer weiter – was für eine Riesenstadt war Venedig in diesen fünfundzwanzig Jahren geworden! Nun endlich wichen die Häuser zurück, und der Kanal wurde breiter. Sie glitten zwischen Inseln hindurch. Dort ragten die Mauern des Klosters von Murano auf. Dorthin war Marcolina geflohen. Die Gondel war fort – jetzt musste er schwimmen. Wie schön war das! Inzwischen spielten freilich die Kinder in Venedig mit seinen Goldstücken. Aber was lag ihm an Gold? ... Das Wasser war bald warm, bald kühl. Es tropfte von seinen Kleidern, als er die Mauer hinaufkletterte. Wo ist Marcolina?, fragte er im Sprechsaal laut und schallend, wie nur ein Fürst fragen darf. Ich werde sie rufen, sagte die Herzogin-Äbtissin und versank. Casanova ging, flog und flatterte hin und her, immer an den Gitterstäben entlang, wie eine Fledermaus. Hätte ich nur früher gewusst, dass ich fliegen kann! Ich werde es auch Marcolina beibringen. Hinter den Stäben schwebten weibliche Gestalten. Es waren Nonnen, doch sie trugen alle weltliche Kleider. Er wusste es, obwohl er sie gar nicht sah. Und er wusste auch, wer sie waren. Es war Henriette, die Unbekannte, und die Tänzerin Corticelli und Cristina, die Braut. Und die schöne Dubois und die verfluchte Alte aus Solothurn und Manon Balletti ... und hundert andere. Nur Marcolina war nicht unter ihnen! Du hast mich belogen!, rief er dem Ruderer zu, der unten in der Gondel wartete. Er hatte noch keinen Menschen auf der Erde so gehasst wie ihn. Er schwor sich, eine ausgesuchte Rache an ihm zu nehmen. Aber war es nicht auch eine Dummheit, Marcolina im Kloster von Murano zu suchen? Sie war doch zu Voltaire gereist! Wie gut, dass er fliegen konnte. Einen Wagen hätte er doch nicht mehr bezahlen können. Und er schwamm davon. Aber nun war es gar kein so großes Glück mehr, wie er gedacht hatte. Es wurde kalt und immer kälter. Er trieb im offenen Meer, weit von Murano, weit von Venedig, kein Schiff ringsum. Seine schweren Kleider mit der Goldstickerei zogen ihn nach unten. Er versuchte, sie auszuziehen, doch es war unmöglich. Denn er hielt sein Manuskript in der Hand, das er Herrn Voltaire übergeben musste. Er bekam Wasser in den Mund, in die Nase. Todesangst überfiel ihn. Er griff um sich, er röchelte, er schrie – und mühsam öffnete er die Augen.

Durch einen schmalen Spalt zwischen Vorhang und Fensterrahmen war ein Strahl der Dämmerung hereingebrochen. Marcolina stand am Fußende des Bettes. Sie hatte sich in ihr weißes Nachthemd gehüllt und hielt es mit beiden Händen über der Brust zusammen. Sie sah Casanova mit einem Blick unsagbaren Grauens an. Dieser Blick machte ihn sofort völlig wach. Ohne es zu wollen, streckte er die Arme nach ihr aus, wie mit einer flehenden Geste. Marcolina wehrte wie zur Antwort mit der linken Hand ab. Mit der rechten hielt sie ihr Nachthemd über der Brust noch krampfhafter zusammen. Casanova richtete sich halb auf, stützte sich mit beiden Händen auf das Bett und starrte sie an. Er konnte den Blick ebenso wenig von ihr abwenden wie sie von ihm. In seinem Blick waren Wut und Scham, in ihrem Scham und Entsetzen. Und Casanova wusste, wie sie ihn sah. Denn er sah sich selbst wie in einem Spiegel aus Luft. Er sah sich so, wie er sich gestern im Spiegel im Turmzimmer gesehen hatte. Ein gelbes, böses Gesicht mit tiefen Falten, schmalen Lippen und stechenden Augen. Und dieses Gesicht war jetzt dreifach verwüstet. Verwüstet von den Ausschweifungen der vergangenen Nacht, von dem gehetzten Traum des Morgens und von der furchtbaren Erkenntnis beim Erwachen. Und was er in Marcolinas Blick las, war nicht das, was er tausendmal lieber gelesen hätte: Dieb – Wüstling – Schurke. Er las nur dieses eine Wort. Es schlug ihn schmachvoller zu Boden, als es alle anderen Beschimpfungen gekonnt hätten. Er las das Wort, das für ihn das furchtbarste von allen war, denn es sprach sein endgültiges Urteil: Alter Mann.

Hätte er sich in diesem Augenblick durch ein Zauberwort selbst vernichten können – er hätte es getan. Nur um nicht unter der Decke hervorkriechen zu müssen. Nur um sich Marcolina nicht nackt zeigen zu müssen. Dieser Anblick musste ihr abscheulicher erscheinen als der eines ekelhaften Tieres. Sie aber kam allmählich wieder zu sich. Offenbar wollte sie ihm möglichst schnell Gelegenheit geben, das zu tun, was nun nötig war. Sie drehte ihr Gesicht zur Wand. Er nutzte die Zeit, um aus dem Bett zu steigen, den Mantel vom Boden aufzuheben und sich darin einzuhüllen. Auch seinen Degen nahm er sofort an sich. Nun glaubte er, wenigstens der schlimmsten Schande entkommen zu sein: der Lächerlichkeit. Und schon überlegte er, ob er die ganze, für ihn so klägliche Sache nicht in ein anderes Licht rücken könnte. Mit gut gewählten Worten, um die er ja sonst nie verlegen war. Vielleicht könnte er sie sogar irgendwie zu seinen Gunsten wenden. Nach Lage der Dinge konnte sie keinen Zweifel haben, dass Lorenzi sie an ihn verkauft hatte. Aber wie tief sie diesen elenden Kerl in diesem Augenblick auch hassen mochte: Casanova fühlte, dass er ihr noch tausendmal hassenswerter erscheinen musste. Er, der feige Dieb. Etwas anderes versprach vielleicht eher Genugtuung. Er konnte Marcolina mit Anspielungen erniedrigen, mit spöttischen, lüsternen Reden. Doch auch dieser hinterhältige Einfall verschwand vor ihrem Blick. Das Entsetzen in ihrem Blick hatte sich allmählich in eine unendliche Traurigkeit verwandelt. Es war, als hätte Casanova nicht nur ihre Weiblichkeit geschändet. Nein, es war, als hätten sich in dieser Nacht List gegen Vertrauen, Lust gegen Liebe, Alter gegen Jugend vergangen. Namenlos und unverzeihlich. Dieser Blick entzündete für eine kurze Weile alles neu, was noch gut in ihm war. Das war Casanovas schlimmste Qual. Unter diesem Blick wandte er sich ab. Ohne sich noch einmal nach Marcolina umzusehen, ging er zum Fenster. Er schob den Vorhang zur Seite und öffnete Fenster und Gitter. Er warf einen Blick in den dämmernden Garten, der noch zu schlafen schien. Dann schwang er sich über die Brüstung ins Freie. Vielleicht war im Haus schon jemand wach und konnte ihn von einem Fenster aus sehen. Darum vermied er die Wiese und ging im schützenden Schatten der Allee.

Er trat durch die Gartentür hinaus. Kaum hatte er sie hinter sich abgeschlossen, da trat ihm jemand entgegen und versperrte ihm den Weg. Der Ruderer ..., war sein erster Gedanke. Denn nun wusste er plötzlich, dass der Gondelführer in seinem Traum niemand anderes gewesen war als Lorenzi. Da stand er. Sein roter Uniformrock mit der silbernen Verschnürung leuchtete wie Feuer durch den Morgen. Was für eine prächtige Uniform, dachte Casanova in seinem verwirrten, müden Kopf. Sieht sie nicht aus wie neu? – Und sicher ist sie nicht bezahlt ... Diese nüchternen Gedanken machten seinen Kopf wieder ganz klar. Und sobald er die Lage begriff, fühlte er sich froh. Er nahm seine stolzeste Haltung an. Unter dem Mantel fasste er den Degengriff fester. Dann sagte er in seinem liebenswürdigsten Ton: »Finden Sie nicht, Herr Leutnant Lorenzi, dass dieser Einfall Ihnen etwas spät kommt?«

»Doch nicht«, antwortete Lorenzi. In diesem Augenblick war er schöner als jeder Mensch, den Casanova je gesehen hatte. »Denn nur einer von uns wird diesen Platz lebend verlassen.«

»Sie haben es eilig, Lorenzi«, sagte Casanova in einem fast weichen Ton. »Wollen wir die Sache nicht wenigstens bis Mantua verschieben? Es wird mir eine Ehre sein, Sie in meinem Wagen mitzunehmen. Er wartet an der Biegung der Straße. Es hätte auch manches für sich, wenn wir die Formen einhalten ... gerade in unserem Fall.«

»Es braucht keine Formen. Sie, Casanova, oder ich – und noch in dieser Stunde.« Er zog den Degen.

Casanova zuckte mit den Achseln. »Wie Sie wünschen, Lorenzi. Aber bedenken Sie bitte, dass ich leider in einem völlig unpassenden Kostüm antreten müsste.« Er schlug den Mantel auseinander und stand nackt da, den Degen wie spielerisch in der Hand.

In Lorenzis Augen stieg eine Welle von Hass auf. »Sie sollen mir gegenüber nicht im Nachteil sein«, sagte er. Und sehr schnell begann er, alle seine Kleider auszuziehen.

Casanova wandte sich ab und hüllte sich so lange wieder in seinen Mantel. Denn obwohl die Sonne langsam durch den Morgendunst brach, war es jetzt empfindlich kühl geworden. Oben auf dem Hügel standen nur wenige Bäume. Von ihnen fielen lange Schatten über den Rasen. Einen Moment lang dachte Casanova, ob nicht vielleicht jemand hier vorbeikommen könnte. Doch den Pfad an der Mauer entlang zur hinteren Gartentür benutzten wohl nur Olivo und seine Leute. Casanova fiel ein, dass er jetzt vielleicht die letzten Minuten seines Lebens erlebte. Und er wunderte sich, dass er vollkommen ruhig war. Herr Voltaire hat Glück, dachte er flüchtig. Aber im Grunde war ihm Voltaire ganz gleichgültig. Er hätte sich in dieser Stunde lieber schönere Bilder vor die Seele gezaubert als das widerliche Vogelgesicht des alten Schriftstellers. War es übrigens nicht seltsam, dass jenseits der Mauer in den Baumkronen keine Vögel sangen? Das Wetter würde sich wohl ändern. Doch was ging ihn das Wetter an? Lieber wollte er an Marcolina denken. An die Wonnen, die er in ihren Armen genossen hatte und die er nun teuer bezahlen sollte. Teuer? – Billig genug! Ein paar Jahre als alter Mann – in Elend und Niedrigkeit ... Was hatte er noch zu tun auf der Welt? ... Herrn Bragadino vergiften? – War es die Mühe wert? Nichts war die Mühe wert ... Wie dünn dort oben die Bäume standen! Er begann, sie zu zählen. Fünf ... sieben ... zehn – Sollte ich nichts Wichtigeres zu tun haben? ...

»Ich bin bereit, Herr Chevalier!«

Schnell drehte sich Casanova um. Lorenzi stand ihm gegenüber, herrlich in seiner Nacktheit wie ein junger Gott. Alles Gemeine war aus seinem Gesicht verschwunden. Er schien ebenso bereit zu töten wie zu sterben. Wenn ich meinen Degen wegwerfen würde?, dachte Casanova. Wenn ich ihn umarmen würde? Er ließ den Mantel von den Schultern gleiten. Nun stand er da wie Lorenzi, schlank und nackt. Lorenzi senkte den Degen zum Gruß, nach den Regeln der Fechtkunst. Casanova erwiderte den Gruß. Im nächsten Augenblick kreuzten sie die Klingen, und silbernes Morgenlicht glitzerte von Stahl zu Stahl. Wie lange ist es nur her, dachte Casanova, seit ich zum letzten Mal einem Gegner mit dem Degen gegenüberstand? Doch keines seiner ernsthafteren Duelle fiel ihm jetzt ein. Er dachte nur an die Fechtübungen, die er vor zehn Jahren noch mit Costa gemacht hatte, seinem Kammerdiener. Dieser Lump war ihm später mit hundertfünfzigtausend Lire davongelaufen. Immerhin, dachte Casanova, er war ein guter Fechter – und auch ich habe nichts verlernt! Sein Arm war sicher, seine Hand war leicht, sein Auge blickte so scharf wie immer. Jugend und Alter sind eine Fabel, dachte er ... Bin ich nicht ein Gott? Sind wir nicht beide Götter? Wenn uns jetzt jemand sähe! – Es gäbe Damen, die viel dafür bezahlen würden. Die Klingen bogen sich, die Spitzen flirrten. Nach jeder Berührung der Klingen klang ein leises Singen in der Morgenluft nach. Ein Kampf? Nein, ein Turnier ... Warum dieser Blick des Entsetzens, Marcolina? Sind wir nicht beide deiner Liebe wert? Er ist nur jung, ich aber bin Casanova! ...

Da sank Lorenzi zu Boden, mit einem Stich mitten ins Herz. Der Degen fiel ihm aus der Hand. Er riss die Augen weit auf, wie in höchstem Erstaunen. Noch einmal hob er den Kopf. Seine Lippen verzogen sich vor Schmerz. Er ließ den Kopf sinken, seine Nasenflügel öffneten sich weit, ein leises Röcheln – er starb.

Casanova beugte sich zu ihm hinunter und kniete neben ihm nieder. Er sah ein paar Tropfen Blut aus der Wunde sickern. Er hielt die Hand ganz nah an den Mund des Gefallenen, aber kein Hauch des Lebens berührte sie. Ein kühler Schauer lief durch Casanovas Körper. Er stand auf und legte seinen Mantel um. Dann trat er wieder zu dem Toten. Er blickte auf den jungen Körper hinunter, der in unvergleichlicher Schönheit auf dem Rasen ausgestreckt lag. Ein leises Rauschen ging durch die Stille. Es war der Morgenwind in den Baumkronen jenseits der Gartenmauer. Was tun?, fragte sich Casanova. Leute rufen? Olivo? Amalia? Marcolina? – Wozu? Lebendig macht ihn keiner mehr! Er überlegte mit der kalten Ruhe, die er in den gefährlichsten Momenten seines Lebens immer gehabt hatte. Bis man ihn findet, kann es viele Stunden dauern, vielleicht bis zum Abend, auch länger. Bis dahin habe ich Zeit gewonnen, und nur darauf kommt es an. Er hielt immer noch seinen Degen in der Hand. Er sah Blut daran schimmern und wischte es im Gras ab. Er dachte daran, den Toten anzuziehen. Aber das hätte ihn Minuten gekostet, die kostbar waren und nie wiederkamen. Wie zu einem letzten Opfer beugte er sich noch einmal nieder und drückte dem Toten die Augen zu. »Glücklicher«, sagte er vor sich hin. Und wie betäubt, wie in einem Traum, küsste er den Ermordeten auf die Stirn.

Dann stand er schnell auf und eilte an der Mauer entlang, um die Ecke und bergab zur Straße. Der Wagen stand an der Kreuzung, wo er ihn verlassen hatte. Der Kutscher war auf dem Bock fest eingeschlafen. Casanova passte auf, ihn nicht aufzuwecken, und stieg ganz vorsichtig ein. Erst dann rief er ihn an. »He! Wird's bald?« Und er stieß ihn in den Rücken. Der Kutscher schrak auf und sah sich um. Er staunte, dass es schon ganz hell war. Dann schlug er auf die Pferde ein und fuhr los. Casanova lehnte sich tief zurück, eingehüllt in den Mantel, der einmal Lorenzi gehört hatte. Im Dorf sah man nur ein paar Kinder auf der Straße. Die Männer und Frauen waren offenbar schon alle bei der Arbeit auf dem Feld. Als die Häuser hinter ihnen lagen, atmete Casanova auf. Er öffnete den Reisesack, nahm seine Sachen heraus und begann, sich unter dem Mantel anzuziehen. Dabei hatte er etwas Angst, dass der Kutscher sich umdrehen könnte. Das seltsame Benehmen seines Fahrgastes hätte ihm auffallen können. Doch nichts dergleichen geschah. Casanova konnte sich ungestört fertig anziehen. Er packte Lorenzis Mantel in den Sack und legte wieder seinen eigenen um. Er blickte zum Himmel, der sich inzwischen bewölkt hatte. Er fühlte sich nicht müde, sondern aufs Höchste angespannt und überwach.

Er dachte über seine Lage nach. Wie er sie auch betrachtete, er kam immer zum gleichen Schluss. Sie war wohl etwas bedenklich, aber nicht so gefährlich, wie sie ängstlicheren Menschen vielleicht erschienen wäre. Man würde ihn wahrscheinlich sofort verdächtigen, Lorenzi getötet zu haben. Aber niemand konnte zweifeln, dass es in einem ehrlichen Zweikampf geschehen war. Und noch besser: Lorenzi hatte ihn überfallen und zum Duell gezwungen. Niemand durfte es ihm als Verbrechen anrechnen, dass er sich gewehrt hatte. Aber warum hatte er ihn auf dem Rasen liegen lassen wie einen toten Hund? Auch das durfte ihm niemand vorwerfen. Schnelle Flucht war sein gutes Recht gewesen, fast seine Pflicht. Lorenzi hätte es nicht anders gemacht. Aber konnte Venedig ihn nicht ausliefern? Gleich nach seiner Ankunft wollte er sich unter den Schutz seines Gönners Bragadino stellen. Aber beschuldigte er sich so nicht selbst einer Tat? Vielleicht blieb sie am Ende unentdeckt, oder man legte sie gar nicht ihm zur Last. Gab es überhaupt einen Beweis gegen ihn? War er nicht nach Venedig gerufen worden? Wer durfte sagen, dass es eine Flucht war? Etwa der Kutscher, der die halbe Nacht an der Straße gewartet hatte? Mit noch ein paar Goldstücken war ihm das Maul gestopft. So liefen seine Gedanken im Kreis.

Plötzlich glaubte er, hinter sich das Traben von Pferden zu hören. Schon?, war sein erster Gedanke. Er steckte den Kopf aus dem Wagenfenster und sah nach hinten. Die Straße war leer. Sie waren an einem Bauernhof vorbeigefahren. Es war das Echo der Hufe seiner eigenen Pferde gewesen. Dass er sich getäuscht hatte, beruhigte ihn für eine Weile sehr. Es war, als ob jetzt jede Gefahr für immer vorbei wäre. Dort ragten die Türme von Mantua auf ... »Vorwärts, vorwärts«, sagte er vor sich hin. Denn er wollte gar nicht, dass der Kutscher es hörte. Doch in der Nähe des Ziels ließ der Kutscher die Pferde von selbst immer schneller laufen. Bald waren sie am Tor. Durch dieses Tor hatte Casanova die Stadt mit Olivo verlassen, vor noch nicht zweimal vierundzwanzig Stunden. Er nannte dem Kutscher den Namen des Gasthofs, vor dem er halten sollte. Nach wenigen Minuten zeigte sich das Schild mit dem goldenen Löwen, und Casanova sprang aus dem Wagen.

In der Tür stand die Wirtin, frisch und mit lachendem Gesicht. Sie schien gut gelaunt und bereit, Casanova so zu empfangen, wie man einen Geliebten empfängt. Einen Geliebten, der nach einer unerwünschten Abwesenheit heiß ersehnt zurückkommt. Er aber zeigte mit einem ärgerlichen Blick auf den Kutscher, wie auf einen lästigen Zeugen. Dann sagte er dem Kutscher, er solle nach Herzenslust essen und trinken.

»Gestern Abend ist ein Brief aus Venedig für Sie angekommen, Herr Chevalier«, sagte die Wirtin.

»Noch einer?«, fragte Casanova und lief die Treppe hinauf in sein Zimmer.

Die Wirtin folgte ihm. Auf dem Tisch lag ein versiegelter Brief. In höchster Aufregung öffnete Casanova ihn. Ein Widerruf?, dachte er voller Angst. Doch als er gelesen hatte, wurde sein Gesicht heiter. Es waren ein paar Zeilen von Bragadino. Eine Anweisung über zweihundertfünfzig Lire lag bei. So musste er seine Reise nicht einen Tag länger aufschieben, falls er sich schon entschieden hatte.

Casanova wandte sich zur Wirtin. Mit einer gespielten verdrießlichen Miene erklärte er ihr, dass er leider noch in dieser Stunde weiterreisen müsse. Sonst laufe er Gefahr, die Stelle zu verlieren, die ihm sein Freund Bragadino in Venedig verschafft habe. Für diese Stelle gebe es hundert Bewerber. Da sah er drohende Wolken auf der Stirn der Wirtin aufziehen. Sofort fügte er hinzu: Er wolle sich die Stelle nur erst einmal sichern. Er wolle seine Ernennung in Empfang nehmen, nämlich als Sekretär des Hohen Rats von Venedig. Wenn er dann sein Amt habe, werde er sofort Urlaub verlangen, um seine Angelegenheiten in Mantua zu ordnen. Den könne man ihm natürlich nicht verweigern. Er lasse ja sogar die meisten seiner Sachen hier zurück. Und dann, dann hänge es nur von seiner lieben, seiner entzückenden Freundin ab. Sie könne ihren Gasthof hier aufgeben und ihm als seine Frau nach Venedig folgen ...

Sie fiel ihm um den Hals. Mit feuchten Augen fragte sie ihn, ob sie ihm vor der Abfahrt wenigstens ein gutes Frühstück aufs Zimmer bringen dürfe. Er wusste, dass sie damit eine Abschiedsfeier meinte. Darauf hatte er nicht die geringste Lust. Doch er war einverstanden, nur um sie endlich los zu sein. Als sie die Treppe hinunter war, packte er noch die Wäsche und die Bücher ein, die er am dringendsten brauchte. Dann ging er in die Gaststube. Dort fand er den Kutscher bei einem reichlichen Essen. Casanova fragte ihn, ob er sofort mit denselben Pferden weiterfahren würde, in Richtung Venedig, bis zur nächsten Poststation. Er bot ihm dafür das Doppelte des üblichen Preises. Der Kutscher war sofort einverstanden. So war Casanova seine schlimmste Sorge für den Augenblick los.

Die Wirtin kam herein, rot vor Zorn im Gesicht. Sie fragte ihn, ob er vergessen habe, dass sein Frühstück auf dem Zimmer warte. Casanova antwortete ganz unschuldig, er habe es keineswegs vergessen. Zugleich bat er sie um einen Gefallen. Er habe keine Zeit, zu der Bank zu gehen, auf die sein Wechsel ausgestellt sei. Ob sie ihm gegen diese Anweisung zweihundertfünfzig Lire geben könne? Und er reichte ihr die Anweisung. Während sie lief, um das Geld zu holen, ging Casanova auf sein Zimmer. Dort schlang er das Essen, das bereitstand, mit wahrhaft tierischer Gier hinunter. Als die Wirtin kam, ließ er sich nicht stören. Er steckte nur schnell das Geld ein, das sie ihm gebracht hatte. Als er fertig war, wandte er sich der Frau zu. Sie war zärtlich an seine Seite gerückt. Nun hielt sie ihre Stunde endlich für gekommen und breitete auf eindeutige Weise die Arme nach ihm aus. Er umarmte sie heftig, küsste sie auf beide Wangen und drückte sie an sich. Sie schien bereit, ihm nichts mehr zu verweigern. Da riss er sich mit den Worten »Ich muss fort ... auf Wiedersehen!« so heftig von ihr los, dass sie nach hinten in die Ecke des Sofas fiel. Ihr Gesicht zeigte eine Mischung aus Enttäuschung, Zorn und Hilflosigkeit. Das sah so unwiderstehlich komisch aus, dass Casanova laut auflachen musste, während er die Tür hinter sich schloss.

Der Kutscher hatte sicher gemerkt, dass sein Fahrgast es eilig hatte. Über die Gründe musste er sich keine Gedanken machen. Jedenfalls saß er schon fahrbereit auf dem Bock, als Casanova aus der Tür des Gasthofs trat. Sobald Casanova eingestiegen war, schlug er kräftig auf die Pferde ein. Er hielt es auch für richtig, nicht mitten durch die Stadt zu fahren. Er fuhr um sie herum, um am anderen Ende wieder auf die Landstraße zu kommen. Die Sonne stand noch nicht hoch; es waren noch drei Stunden bis Mittag.

Casanova dachte: Es ist gut möglich, dass man den toten Lorenzi noch gar nicht gefunden hat. Dass er selbst Lorenzi getötet hatte, kam ihm kaum richtig zu Bewusstsein. Er war nur froh, dass er sich immer weiter von Mantua entfernte. Endlich durfte er sich für eine Weile ausruhen …

Er fiel in den tiefsten Schlaf seines Lebens. Dieser Schlaf dauerte gewissermaßen zwei Tage und zwei Nächte. Es gab zwar kurze Pausen, weil man die Pferde wechseln musste. Dann saß er in Gaststuben oder ging vor den Posthäusern auf und ab. Er wechselte gleichgültige Worte mit Postmeistern, Wirten, Zollwächtern und Reisenden. Aber diese Pausen konnte er nicht als einzelne Erlebnisse im Gedächtnis behalten.

So floss später die Erinnerung an diese zwei Tage und Nächte mit seinem Traum zusammen. Es war der Traum, den er in Marcolinas Bett geträumt hatte. Auch der Zweikampf der zwei nackten Männer auf dem grünen Rasen in der Morgensonne gehörte irgendwie zu diesem Traum. In diesem Traum war er manchmal auf rätselhafte Weise nicht Casanova, sondern Lorenzi. Er war nicht der Sieger, sondern der Gefallene. Er war nicht der, der floh, sondern der Tote. Um dessen blassen jungen Körper spielte ein einsamer Morgenwind. Und beide, er selbst und Lorenzi, waren nicht wirklicher als die Senatoren in den roten Purpurmänteln. Im Traum waren diese als Bettler vor ihm auf den Knien herumgerutscht. Aber die beiden waren auch nicht weniger wirklich als jener alte Mann am Geländer irgendeiner Brücke. Diesem Alten hatte er in der Abenddämmerung aus dem Wagen ein Almosen zugeworfen. Casanova konnte mit seinem klaren Verstand das Erlebte und das Geträumte auseinanderhalten. Sonst hätte er sich einbilden können, er sei in Marcolinas Armen in einen unklaren Traum gefallen. Und aus diesem Traum wäre er erst beim Anblick des Campanile von Venedig aufgewacht.

Es war am dritten Morgen seiner Reise. Da sah er von Mestre aus den Glockenturm zum ersten Mal wieder, nach mehr als zwanzig Jahren der Sehnsucht. Der Turm war ein grauer Bau aus Stein. Einsam ragte er aus der Dämmerung auf, wie aus weiter Ferne. Aber Casanova wusste, dass ihn jetzt nur noch zwei Stunden Fahrt von der geliebten Stadt trennten. In dieser Stadt war er jung gewesen.

Er bezahlte den Kutscher. Er wusste nicht, ob es der vierte, fünfte oder sechste Kutscher seit Mantua war. Ein Junge trug ihm das Gepäck nach, und Casanova eilte durch die armen Straßen zum Hafen. Dort wollte er das Marktschiff erreichen. Es fuhr heute noch, wie vor fünfundzwanzig Jahren, um sechs Uhr nach Venedig ab. Das Schiff schien nur noch auf ihn gewartet zu haben. Er setzte sich auf eine schmale Bank. Um ihn saßen Frauen, die ihre Waren in die Stadt brachten, kleine Händler und Handwerker. Kaum saß er, da fuhr das Schiff schon los.

Der Himmel war grau, und leichter Nebel lag über den Lagunen. Es roch nach fauligem Wasser, nach feuchtem Holz, nach Fischen und nach frischem Obst. Immer höher ragte der Campanile auf. Andere Türme zeichneten sich in der Luft ab, und Kirchenkuppeln wurden sichtbar. Von irgendeinem Dach, dann von zweien, dann von vielen glänzte ihm der Strahl der Morgensonne entgegen. Die Häuser rückten auseinander und wuchsen in die Höhe. Große und kleine Schiffe tauchten aus dem Nebel auf. Man grüßte sich von Schiff zu Schiff.

Das Gerede um ihn herum wurde lauter. Ein kleines Mädchen bot ihm Trauben zum Kauf an. Er aß die blauen Beeren und spuckte die Schalen hinter sich über Bord, so wie es seine Landsleute taten. Dann kam er mit irgendeinem Menschen ins Gespräch. Der Mann war zufrieden, dass nun endlich schönes Wetter zu kommen schien. Wie, es hatte hier drei Tage lang geregnet? Davon wusste Casanova nichts. Er kam ja aus dem Süden, aus Neapel, aus Rom …

Schon fuhr das Schiff durch die Kanäle der Vorstadt. Schmutzige Häuser starrten ihn aus grauen Fenstern an, wie mit dummen, fremden Augen. Zwei-, dreimal hielt das Schiff. Ein paar junge Leute stiegen aus, einer mit einer großen Mappe unter dem Arm. Auch Frauen mit Körben stiegen aus. Nun kam man in freundlichere Viertel. War das nicht die Kirche, in der Martina zur Beichte gegangen war? Und war das nicht das Haus der blassen, todkranken Agathe? Dort hatte er sie auf seine Weise wieder rot und gesund gemacht. Und hatte er nicht in jenem Haus den gemeinen Bruder der reizenden Silvia grün und blau geschlagen? Und dort, in jenem Seitenkanal, das kleine gelbliche Haus! Auf seinen Stufen, die vom Wasser nass waren, stand eine dicke Frau mit nackten Füßen … Er überlegte noch, welche Gestalt aus seiner fernen Jugend er dorthin stellen sollte. Doch da war das Schiff schon in den Canal Grande eingebogen. Langsam fuhr es nun auf der breiten Wasserstraße zwischen den Palästen weiter. Wegen seines Traumes kam es Casanova vor, als wäre er erst gestern denselben Weg gefahren.

An der Rialtobrücke stieg er aus. Bevor er zu Herrn Bragadino ging, wollte er sein Gepäck in einem kleinen, billigen Gasthof in der Nähe lassen. Dort wollte er sich auch ein Zimmer sichern. Er erinnerte sich an die Lage des Gasthofs, aber nicht an seinen Namen. Das Haus war heruntergekommener, oder wenigstens schlechter gepflegt, als er es in Erinnerung hatte. Ein schlecht gelaunter, unrasierter Kellner gab ihm ein wenig freundliches Zimmer. Man sah von dort nur auf die fensterlose Mauer des Hauses gegenüber. Doch Casanova wollte keine Zeit verlieren. Außerdem hatte er sein Geld auf der Reise fast ganz ausgegeben. Deshalb war ihm der niedrige Preis des Zimmers sehr recht. So beschloss er, vorerst hierzubleiben.

Er wusch sich den Staub und den Schmutz der langen Reise ab. Eine Weile überlegte er, ob er seinen prächtigen Anzug anziehen sollte. Dann fand er es doch passender, wieder den einfacheren anzuziehen. Endlich verließ er den Gasthof. Es waren nur hundert Schritte bis zu dem kleinen, vornehmen Palazzo, in dem Bragadino wohnte. Der Weg führte durch eine schmale Gasse und über eine Brücke.

Ein junger Diener mit einem ziemlich frechen Gesicht nahm Casanovas Namen entgegen. Er tat so, als hätte er den berühmten Namen noch nie gehört. Doch er kam mit einer etwas freundlicheren Miene aus den Zimmern seines Herrn zurück und ließ den Gast herein. Bragadino saß beim Frühstück, an einem Tisch, der nah ans offene Fenster gerückt war. Er wollte aufstehen, aber Casanova ließ es nicht zu.

»Mein teurer Casanova«, rief Bragadino, »wie glücklich bin ich, Sie wiederzusehen! Ja, wer hätte gedacht, dass wir uns überhaupt jemals wiedersehen würden?«

Und er streckte ihm beide Hände entgegen. Casanova ergriff sie, als wollte er sie küssen. Aber er tat es nicht. Er antwortete auf die herzliche Begrüßung mit Worten heißen Dankes. Dabei sprach er etwas hochtrabend, wie er es bei solchen Gelegenheiten oft tat.

Bragadino bat ihn, Platz zu nehmen. Vor allem fragte er ihn, ob er schon gefrühstückt habe. Casanova verneinte. Da klingelte Bragadino nach dem Diener und gab ihm den Auftrag. Als der Diener gegangen war, sprach Bragadino von seiner Zufriedenheit. Casanova habe das Angebot des Hohen Rats ohne jeden Vorbehalt angenommen. Es werde gewiss nicht zu seinem Nachteil sein, dass er dem Vaterland seine Dienste widmen wolle.

Casanova erklärte, er werde sich glücklich schätzen, die Zufriedenheit des Hohen Rats zu verdienen. So sprach er, und er dachte sich seinen Teil dabei. Hass gegen Bragadino fühlte er freilich nicht mehr in sich. Eher fühlte er eine gewisse Rührung. Vor ihm saß ein uralter Mann, der im Kopf schwach geworden war. Er hatte einen dünnen weißen Bart und rot geränderte Augen. Die Tasse zitterte in seiner mageren Hand. Als Casanova ihn zuletzt gesehen hatte, war Bragadino wohl etwa so alt gewesen wie Casanova heute. Freilich war er ihm schon damals wie ein Greis vorgekommen.

Nun brachte der Diener das Frühstück für Casanova. Man musste ihn nicht lange bitten, und es schmeckte ihm ausgezeichnet. Auf der Reise hatte er nur hier und da in Eile eine kleine Mahlzeit gegessen. Ja, Tag und Nacht war er von Mantua bis hierher gereist! So eilig hatte er es gehabt, dem Hohen Rat seine Bereitschaft zu beweisen. Und seinem edlen Gönner wollte er seine unendliche Dankbarkeit zeigen. Damit entschuldigte er die fast unanständige Gier, mit der er die dampfende Schokolade laut trank.

Durch das Fenster drangen die tausend Geräusche des Lebens von den großen und kleinen Kanälen. Die Rufe der Gondelführer schwebten eintönig über allen anderen Geräuschen. Irgendwo, nicht weit entfernt, sang eine schöne, ziemlich hohe Frauenstimme Koloraturen. Vielleicht kam sie aus dem Palast gegenüber – war das nicht der Palast des Fogazzari? Die Stimme gehörte offenbar einem sehr jungen Menschen. Dieser Mensch war noch nicht einmal geboren, als Casanova aus den Bleikammern geflohen war.

Er aß Zwieback mit Butter, Eier und kaltes Fleisch. Immer wieder entschuldigte er sich bei Bragadino, weil er gar nicht satt wurde. Der alte Mann sah ihm vergnügt zu.

»Ich liebe es, wenn junge Leute Appetit haben!«, sagte er. »Und soviel ich mich erinnere, mein teurer Casanova, hat es Ihnen daran nie gefehlt!«

Er erinnerte sich an eine Mahlzeit in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft. Damals hatten sie zusammen gegessen. Oder vielmehr: Er hatte seinem jungen Freund bewundernd zugeschaut, so wie heute. Denn er selbst war damals noch nicht wieder gesund genug gewesen. Es war nämlich kurz nachdem Casanova den Arzt hinausgeworfen hatte. Dieser Arzt hatte den armen Bragadino mit seinen ewigen Aderlässen fast ins Grab gebracht …

Sie redeten von vergangenen Zeiten. Ja, damals war das Leben in Venedig schöner gewesen als heute.

»Nicht überall«, sagte Casanova. Mit einem feinen Lächeln spielte er auf die Bleidächer an.

Bragadino winkte mit der Hand ab, als wäre jetzt nicht die Stunde, an solche kleinen Unannehmlichkeiten zu denken. Übrigens habe er, Bragadino, damals alles Mögliche versucht, um Casanova vor der Strafe zu retten. Leider sei es vergeblich gewesen. Ja, wenn er damals schon zum Rat der Zehn gehört hätte! –

So kamen sie auf die Politik zu sprechen. Der alte Mann wurde von seinem Thema ganz begeistert. Er schien den Witz und die ganze Lebendigkeit seiner jüngeren Jahre wiederzufinden. Casanova erfuhr von ihm viel Merkwürdiges. Ein Teil der jungen Leute in Venedig dachte seit Kurzem auf eine bedenkliche Art. Und es gab deutliche Zeichen für gefährliche geheime Pläne. So war Casanova gar nicht schlecht vorbereitet.

Den Tag verbrachte er eingeschlossen in seinem traurigen Gasthofzimmer. Er ordnete Papiere und verbrannte einen Teil davon. Das tat er nur, um seine sehr aufgewühlte Seele zu beruhigen. Noch am Abend desselben Tages ging er ins Café Quadri am Markusplatz. Dieses Café galt als der wichtigste Treffpunkt der Freidenker und Umstürzler.

Dort traf er einen alten Musiker, der ihn sofort wiedererkannte. Es war der frühere Kapellmeister des Theaters San Samuele. In diesem Theater hatte Casanova vor dreißig Jahren Geige gespielt. Durch diesen Musiker kam er ganz ungezwungen in eine Gesellschaft von meist jüngeren Leuten. Er erinnerte sich an ihre Namen aus dem Gespräch mit Bragadino am Morgen. Es waren Namen von besonders verdächtigen Leuten.

Sein eigener Name aber wirkte auf die anderen gar nicht so, wie er es hätte erwarten dürfen. Die meisten wussten offenbar nur wenig von Casanova. Sie wussten nur, dass er vor langer Zeit in den Bleikammern gesessen hatte. Vielleicht hatte es einen Grund dafür gegeben, vielleicht war er auch ganz unschuldig gewesen. Jedenfalls war er unter allerlei Gefahren von dort entkommen. Das kleine Buch, in dem er vor Jahren seine Flucht so lebendig beschrieben hatte, kannte man zwar. Doch niemand schien es mit der nötigen Aufmerksamkeit gelesen zu haben.

Ein Gedanke machte Casanova einigen Spaß. Es hing nur von ihm ab, ob diese jungen Herren bald selbst unter den Bleidächern von Venedig saßen. Dann würden sie selbst erfahren, wie man dort lebt und wie schwer die Flucht ist. Aber er ließ einen so bösen Gedanken nicht durchschimmern, und niemand konnte ihn erraten. Im Gegenteil: Er spielte auch hier den harmlosen, liebenswürdigen Mann. Bald unterhielt er die Gesellschaft auf seine Art. Er erzählte allerlei heitere Abenteuer, die er auf seiner letzten Reise von Rom hierher erlebt hatte. Diese Geschichten waren im Ganzen ziemlich wahr. In Wirklichkeit lagen sie aber schon fünfzehn bis zwanzig Jahre zurück.

Die anderen hörten ihm noch gespannt zu. Da brachte jemand neben anderen Neuigkeiten auch eine Nachricht mit. Ein Offizier aus Mantua war in der Nähe eines Landguts umgebracht worden. Er hatte dort einen Freund besucht. Räuber hatten die Leiche bis aufs Hemd ausgeplündert. Solche Überfälle und Morde waren damals nicht gerade selten. Darum machte der Fall auch in diesem Kreis kein besonderes Aufsehen. Casanova erzählte dort weiter, wo man ihn unterbrochen hatte. Er tat, als ginge ihn die Sache so wenig an wie die anderen. Ja, er war nun von einer Unruhe befreit, die er sich selbst nicht richtig eingestanden hatte. Darum fand er noch lustigere und frechere Worte als vorher.

Mitternacht war vorbei, als er sich kurz von seinen neuen Bekannten verabschiedete. Allein trat er hinaus auf den weiten, leeren Platz. Über ihm hing ein schwerer, nebliger Himmel, ohne Sterne, aber unruhig flimmernd. Er ging mit der Sicherheit eines Schlafwandlers. Dabei wurde ihm eigentlich nicht bewusst, dass er diesen Weg zum ersten Mal nach einem Vierteljahrhundert ging. Er fand den Weg durch enge Gassen zwischen dunklen Hausmauern. Er ging über schmale Brücken, unter denen die schwärzlichen Kanäle zum ewigen Wasser des Meeres flossen. So kam er zu seinem elenden Gasthof. Erst nach mehrmaligem Klopfen öffnete sich das Tor, langsam und unfreundlich.

Wenige Minuten später warf er sich halb ausgezogen auf ein schlechtes Bett. Eine schmerzende Müdigkeit lag schwer auf seinen Gliedern, ohne sie zu lösen. Auf seinen Lippen lag ein bitterer Nachgeschmack. Er fühlte ihn gleichsam aus dem Innersten seines Wesens aufsteigen. So lag er da, nach fünfundzwanzig Jahren der Verbannung, um zum ersten Mal wieder in der Heimat zu schlafen. Lange hatte er sich nach diesem Schlaf gesehnt. Endlich, als der Morgen anbrach, hatte dieser Schlaf Mitleid mit dem alten Abenteurer und kam, ohne Träume und dumpf.

ENDE

### Anmerkung

Casanova hat Voltaire in Ferney wirklich besucht. Aber alles, was die Novelle aus diesem Besuch folgert, hat mit der geschichtlichen Wahrheit nichts zu tun. Das gilt besonders für die Idee, dass Casanova an einer Streitschrift gegen Voltaire schrieb. Wahr ist dagegen, dass Casanova im Alter zwischen fünfzig und sechzig in seiner Heimatstadt Venedig als Spion arbeiten musste. Die Novelle erwähnt nebenbei auch manche anderen früheren Erlebnisse des berühmten Abenteurers. Über diese Erlebnisse findet man genauere und treuere Berichte in seinen »Erinnerungen«. Im Übrigen ist die ganze Geschichte von »Casanovas Heimfahrt« frei erfunden.

A. S.

### Glossar

- **die Verbannung**: Man darf nicht mehr in seine Heimat zurück.
- **das Gesuch**: eine schriftliche Bitte an eine Behörde.
- **der Hohe Rat**: die Regierung der Republik Venedig.
- **die Bleikammern**: Gefängniszellen unter dem Bleidach des Dogenpalasts in Venedig.
- **die Freigeisterei**: freies Denken; man glaubt die Lehren der Kirche nicht.
- **die Streitschrift**: ein Text, in dem man jemanden scharf angreift.
- **der Lästerer**: jemand, der schlecht und ohne Respekt über Gott und heilige Dinge spricht.
- **der Wohltäter**: jemand, der anderen Gutes tut und hilft.
- **die Aussteuer**: Dinge und Geld, die eine Braut in die Ehe mitbringt.
- **beschwichtigen**: beruhigen, ruhig machen.
- **das Regiment**: eine große Gruppe von Soldaten.
- **der Hahnrei**: ein Mann, dessen Frau einen anderen Liebhaber hat.
- **die Seligkeit**: ein sehr großes, fast himmlisches Glück.
- **tugendhaft**: moralisch gut und anständig, besonders in der Liebe.
- **die Kupplerin**: eine Frau, die Liebesbeziehungen vermittelt.
- **die Kabbala**: eine geheime Lehre, die in Zahlen verborgene Bedeutungen sieht.
- **die Sophisten**: kluge Redner, die die Wahrheit mit Worten verdrehen.
- **der Gottesleugner**: jemand, der sagt, dass es keinen Gott gibt.
- **die Federbälle**: leichte Bälle mit Federn für ein Spiel mit Schlägern.
- **die Greisenhände**: die Hände eines sehr alten Mannes.
- **der Feldzug**: ein Krieg, in den eine Armee zieht; die Kämpfe in dieser Zeit.
- **die niederen Weihen**: die ersten Stufen auf dem Weg zum katholischen Priester.
- **die Äbtissin**: die Leiterin eines Frauenklosters.
- **das Gelübde**: ein feierliches religiöses Versprechen.
- **der Edelmann**: ein Mann, der zum Adel gehört.
- **die Bank legen / die Bank übernehmen**: beim Kartenspiel der Spieler sein, gegen den alle anderen setzen.
- **der Einsatz**: das Geld, das man beim Spiel setzt.
- **die Revanche**: die Gelegenheit für den Verlierer, sein Geld zurückzugewinnen.
- **die Pockennarben**: kleine Narben im Gesicht nach einer schweren Krankheit.
- **die Brüstung**: die niedrige Mauer unter einem Fenster.
- **der Nachschlüssel**: ein heimlich gemachter zweiter Schlüssel.
- **die Heuchlerin**: eine Frau, die anders tut, als sie wirklich ist.
- **der Erpresser**: jemand, der einen anderen mit Drohungen zu etwas zwingt.
- **der Verleumder**: jemand, der schlechte Dinge über andere sagt, die nicht wahr sind.
- **verfaulen**: schlecht werden und langsam zerfallen, wie altes Obst oder ein toter Körper.
- **das Almosen**: Geld, das man einem Bettler schenkt.
- **der Sprechsaal**: der Raum im Kloster, in dem Besucher mit den Nonnen sprechen; dort ist ein Gitter.
- **verschleiert**: mit einem Tuch über dem Gesicht.
- **der Umsturz**: wenn eine Regierung mit Gewalt gestürzt wird.
- **die Verschwörung**: ein geheimer Plan mehrerer Menschen gegen die Regierung.
- **der Ketzer**: jemand, der gegen die Lehre der Kirche denkt und spricht.
- **die Bleidächer**: das Gefängnis unter dem Dach aus Blei im Dogenpalast in Venedig.
- **die Nachschrift**: ein kurzer Text, den man am Ende eines Briefes nach der Unterschrift hinzufügt.
- **der Wechsel**: ein Papier, mit dem man bei einer Bank Geld bekommt.
- **sich verstellen**: so tun, als ob man etwas anderes fühlt, als man wirklich fühlt.
- **lästern**: böse und ohne Respekt über Gott oder heilige Dinge sprechen.
- **die Pfaffen**: ein abwertendes Wort für Priester.
- **auf dass es dir wohlergehe auf Erden**: ein Satz aus der Bibel (aus dem Gebot, Vater und Mutter zu ehren); er bedeutet: damit es dir gut geht im Leben.
- **die Sparbüchse**: eine kleine Dose, in der man Geld sammelt und spart.
- **bürgen / die Bürgschaft**: versprechen, dass man selbst zahlt, wenn ein anderer seine Schulden nicht bezahlt.
- **das Pfand**: etwas Wertvolles, das man als Sicherheit für eine Schuld abgibt.
- **die Genugtuung**: Wiedergutmachung für eine Beleidigung, oft durch ein Duell.
- **der Degen**: eine lange, schmale Waffe zum Stechen.
- **der Rockschoß**: der untere, hintere Teil eines langen Männerrocks; dort waren oft Taschen.
- **die Anzahlung**: ein Teil des Preises, den man im Voraus bezahlt.
- **quitt sein**: einander nichts mehr schulden.
- **der Pakt**: eine feste Abmachung zwischen zwei Personen.
- **die Deichsel**: die lange Stange vorn am Wagen, an der die Pferde ziehen.
- **der Vorschuss**: etwas, das man schon bekommt, bevor es eigentlich fällig ist.
- **der Wüstling**: ein Mann, der ohne Moral nur seiner Lust folgt.
- **das Turnier**: ein Kampf nach festen Regeln, früher zwischen Rittern, oft vor Zuschauern.
- **die Anweisung**: ein Papier, mit dem man bei einer Bank Geld bekommt.
- **der Bock**: der Sitz des Kutschers vorne auf dem Wagen.
- **der Campanile**: der Glockenturm am Markusplatz in Venedig.
- **das Marktschiff**: ein Boot, das Waren und Menschen in die Stadt bringt.
- **die Lagune**: flaches Wasser am Meer, durch Inseln vom offenen Meer getrennt; Venedig liegt in einer Lagune.
- **der Gönner**: ein mächtiger Mensch, der einem anderen hilft und ihn unterstützt.
- **der Aderlass**: eine alte Behandlung: Der Arzt lässt dem Kranken Blut ab.
- **die Koloratur**: schnelle, schwierige und verzierte Töne beim Singen.
- **die Bleidächer / die Bleikammern**: Gefängniszellen unter dem Bleidach des Dogenpalasts in Venedig.
- **der Umstürzler**: jemand, der die Regierung mit Gewalt stürzen will.
