# Michael Kohlhaas (Ausgabe B1)

*Heinrich von Kleist*

## Michael Kohlhaas

*Aus einer alten Chronik*

An den Ufern der Havel lebte um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts ein Rosshändler. Er hieß Michael Kohlhaas und war der Sohn eines Schulmeisters. Er war einer der ehrlichsten und zugleich einer der schrecklichsten Menschen seiner Zeit. Bis zu seinem dreißigsten Jahr hätte man diesen außergewöhnlichen Mann für das Muster eines guten Bürgers halten können. In einem Dorf, das noch heute seinen Namen trägt, besaß er einen Bauernhof. Dort lebte er ruhig von seinem Handel. Seine Frau schenkte ihm Kinder, und er erzog sie in der Furcht Gottes zu Fleiß und Treue. Unter seinen Nachbarn gab es keinen, der nicht seine Güte oder seine Gerechtigkeit erfahren hatte. Kurz, die Welt hätte sein Andenken segnen müssen, wenn er nicht in einer Tugend zu weit gegangen wäre. Aber sein Gefühl für das Recht machte ihn zum Räuber und Mörder.

Einmal ritt er mit einer Gruppe junger Pferde ins Ausland. Alle Pferde waren gut gefüttert und glänzten. Unterwegs rechnete er gerade aus, wie er den Gewinn von den Märkten verwenden wollte. Einen Teil wollte er, wie ein guter Wirt, wieder in neue Geschäfte stecken. Einen anderen Teil wollte er aber auch für die Freuden des Augenblicks ausgeben. Da kam er an die Elbe. Bei einer stattlichen Ritterburg auf sächsischem Gebiet fand er einen Schlagbaum. Diesen Schlagbaum hatte es früher auf diesem Weg nicht gegeben. Gerade stürmte und regnete es heftig. Er hielt mit den Pferden an und rief den Zollwärter. Der sah bald darauf mit einem unfreundlichen Gesicht aus dem Fenster. Der Rosshändler sagte, er solle ihm öffnen. Nach einer ganzen Weile trat der Zollwärter aus dem Haus.

„Was gibt's hier Neues?“, fragte Kohlhaas.

„Ein besonderes Recht vom Landesherrn“, antwortete der Zollwärter und schloss auf. „Es ist dem Junker Wenzel von Tronka verliehen worden.“

„So“, sagte Kohlhaas. „Wenzel heißt der Junker?“ Er sah sich das Schloss an, das mit glänzenden Zinnen über das Feld blickte. „Ist der alte Herr tot?“

„Er ist am Schlagfluss gestorben“, antwortete der Zollwärter und ließ den Baum in die Höhe.

„Hm! Schade!“, sagte Kohlhaas. „Er war ein würdiger alter Herr. Er hatte Freude daran, wenn die Menschen miteinander verkehrten. Er half dem Handel, wo er nur konnte. Einmal ließ er sogar einen Steindamm bauen. Denn draußen, wo der Weg ins Dorf geht, hatte sich eine Stute von mir das Bein gebrochen. Nun! Was bin ich schuldig?“

Mühsam holte er die Groschen, die der Zollwärter verlangte, unter seinem Mantel hervor. Der Mantel flatterte im Wind. Der Zollwärter sagte leise: „Schnell! Schnell!“, und fluchte über das Wetter.

„Ja, Alter“, sagte Kohlhaas noch, „wenn der Baum im Wald stehen geblieben wäre, wär's besser gewesen, für mich und für Euch.“ Damit gab er ihm das Geld und wollte weiterreiten.

Er war aber kaum unter dem Schlagbaum, da rief schon eine neue Stimme vom Turm hinter ihm: „Halt dort, der Rosskamm!“ Er sah, wie der Schlossvogt ein Fenster zuwarf und zu ihm herunterlief. „Nun, was gibt's Neues?“, fragte sich Kohlhaas und hielt mit den Pferden an. Der Schlossvogt knöpfte sich noch eine Weste über seinen dicken Leib zu. Er stellte sich schräg gegen das Wetter und fragte nach dem Passschein.

„Der Passschein?“, fragte Kohlhaas. Er war ein wenig verlegen. Er sagte, dass er seines Wissens keinen habe. Man solle ihm aber beschreiben, was das für ein Ding des Herrn sei. Vielleicht habe er es dann zufällig doch bei sich.

Der Schlossvogt sah ihn von der Seite an. Ohne einen Erlaubnisschein des Landesherrn, sagte er, lasse man keinen Rosskamm mit Pferden über die Grenze. Der Rosskamm versicherte, dass er schon siebzehn Mal in seinem Leben ohne einen solchen Schein über die Grenze gezogen sei. Er kenne alle Gesetze des Landesherrn, die seinen Handel betrafen, ganz genau. Das sei wohl nur ein Irrtum, und der Vogt möge noch einmal darüber nachdenken. Seine Tagesreise sei lang, und man solle ihn hier nicht länger ohne Grund aufhalten. Doch der Vogt antwortete, dass er beim achtzehnten Mal nicht durchschlüpfen werde. Die Verordnung sei nämlich erst vor kurzem erschienen. Er müsse entweder den Passschein noch hier kaufen oder dorthin zurückkehren, woher er gekommen sei.

Diese ungesetzlichen Forderungen machten den Rosshändler langsam wütend. Er dachte kurz nach und stieg dann vom Pferd. Er gab es einem Knecht und sagte, dass er selbst mit dem Junker von Tronka darüber sprechen werde. Er ging auch hinauf in die Burg. Der Vogt folgte ihm. Dabei sprach er leise von geizigen Geldraffern und dass es nützlich sei, sie zur Ader zu lassen. Beide maßen einander mit Blicken und traten in den Saal.

Der Junker saß gerade mit einigen lustigen Freunden beim Wein. Jemand hatte einen Witz erzählt, und alle lachten ohne Ende. In diesem Moment trat Kohlhaas zu ihm, um sich zu beschweren. Der Junker fragte, was er wolle. Als die Ritter den fremden Mann sahen, wurden sie still. Doch kaum hatte Kohlhaas von seinen Pferden zu sprechen begonnen, da riefen schon alle: „Pferde? Wo sind sie?“ Sie eilten an die Fenster, um sie anzusehen. Als sie die glänzenden Tiere sahen, schlug der Junker vor, hinunterzugehen. Da flogen alle in den Hof hinab. Der Regen hatte aufgehört. Schlossvogt, Verwalter und Knechte versammelten sich um sie, und alle betrachteten die Tiere genau. Der eine lobte den Schweißfuchs mit der Blesse. Dem anderen gefiel der Kastanienbraune. Der dritte streichelte den Schecken mit den schwarzgelben Flecken. Alle meinten, die Pferde seien wie Hirsche, und im ganzen Land züchte man keine besseren. Kohlhaas antwortete fröhlich, die Pferde seien nicht besser als die Ritter, die sie reiten sollten. Und er forderte sie auf, sie zu kaufen.

Der Junker hatte große Lust auf den kräftigen Schweißhengst und fragte auch nach dem Preis. Der Verwalter drängte ihn, ein Paar Rappen zu kaufen. Es fehlte an Pferden, und er glaubte, dass er sie auf dem Gut brauchen könne. Doch als der Rosskamm seine Preise genannt hatte, fanden die Ritter ihn zu teuer. Der Junker sagte, wenn Kohlhaas die Pferde so teuer mache, müsse er zur Tafelrunde reiten und sich König Arthur suchen.

Kohlhaas sah, wie der Schlossvogt und der Verwalter miteinander flüsterten. Dabei warfen sie vielsagende Blicke auf die Rappen. Er hatte eine dunkle Ahnung. Darum tat er alles, um ihnen die Pferde zu verkaufen. Er sagte zum Junker: „Herr, die Rappen habe ich vor sechs Monaten für 25 Goldgulden gekauft. Gebt mir 30, dann sollt Ihr sie haben.“

Zwei Ritter standen neben dem Junker. Sie sagten ziemlich deutlich, dass die Pferde wohl so viel wert seien. Doch der Junker meinte, für den Schweißfuchs würde er wohl Geld ausgeben, aber nicht gerade für die Rappen. Und er machte sich bereit zu gehen. Da sagte Kohlhaas, vielleicht mache er das nächste Mal ein Geschäft mit ihm, wenn er wieder mit seinen Gäulen vorbeikomme. Er verabschiedete sich vom Junker und nahm die Zügel seines Pferdes, um abzureisen.

In diesem Augenblick trat der Schlossvogt aus der Menge vor. Er sagte, er höre, dass Kohlhaas ohne Passschein nicht reisen dürfe. Kohlhaas drehte sich um und fragte den Junker, ob das wirklich stimme. Denn diese Sache zerstöre seinen ganzen Handel.

Der Junker ging schon weg und antwortete mit einem verlegenen Gesicht: „Ja, Kohlhaas, den Pass musst du dir besorgen. Sprich mit dem Schlossvogt und zieh deiner Wege.“

Kohlhaas versicherte ihm, er wolle die Gesetze über die Ausfuhr von Pferden keinesfalls umgehen. Er versprach, den Pass in der Geheimschreiberei zu kaufen, wenn er durch Dresden käme. Er habe von dieser Forderung gar nichts gewusst. Darum bat er, ihn nur dieses eine Mal ziehen zu lassen.

Gerade begann das Wetter wieder zu stürmen, und der Wind fuhr dem Junker durch die dürren Glieder. „Nun!“, sagte der Junker. „Lasst den armen Schlucker laufen. Kommt!“, sagte er zu den Rittern. Er drehte sich um und wollte ins Schloss gehen.

Der Schlossvogt wandte sich an den Junker. Kohlhaas müsse wenigstens ein Pfand zurücklassen, sagte er. Das sei die Sicherheit dafür, dass er den Schein auch kaufe. Der Junker blieb wieder unter dem Schlosstor stehen. Kohlhaas fragte, wie viel Wert er wegen der Rappen als Pfand zurücklassen solle, in Geld oder in Sachen. Der Verwalter sagte leise in seinen Bart, er könne ja die Rappen selbst zurücklassen.

„Natürlich“, sagte der Schlossvogt, „das ist das Beste. Wenn der Pass gekauft ist, kann er sie jederzeit wieder abholen.“

Kohlhaas war über eine so freche Forderung bestürzt. Der Junker hielt sich frierend die Schöße seines Wamses vor den Leib. Kohlhaas sagte ihm, dass er die Rappen doch verkaufen wolle. In demselben Augenblick jagte ein Windstoß eine ganze Ladung Regen und Hagel durch das Tor. Da rief der Junker, um der Sache ein Ende zu machen: „Wenn er die Pferde nicht hergeben will, dann werft ihn wieder über den Schlagbaum zurück!“ Und er ging fort.

Der Rosskamm sah wohl, dass er hier der Gewalt nachgeben musste. Es blieb ihm nichts anderes übrig, und so entschloss er sich, die Forderung zu erfüllen. Er spannte die Rappen aus und führte sie in einen Stall, den der Schlossvogt ihm zeigte. Einen Knecht ließ er bei ihnen zurück. Er gab ihm Geld und ermahnte ihn, gut auf die Pferde aufzupassen, bis er zurückkäme. Dann setzte er mit dem Rest der Pferde seine Reise nach Leipzig fort, wo er zur Messe wollte. Dabei war er halb unsicher. Vielleicht war in Sachsen doch so ein Gesetz erschienen, weil man dort gerade mit der Pferdezucht anfing.

In einer der Vorstädte von Dresden besaß er ein Haus mit einigen Ställen. Von hier aus trieb er gewöhnlich seinen Handel auf den kleineren Märkten des Landes. Gleich nach seiner Ankunft in Dresden ging er in die Geheimschreiberei. Dort kannte er einige der Räte. Von ihnen erfuhr er, was ihm schon sein erstes Gefühl gesagt hatte: Die Geschichte vom Passschein war ein Märchen. Die Räte ärgerten sich darüber. Auf seine Bitte gaben sie ihm eine schriftliche Bestätigung, dass es keinen solchen Schein gab. Kohlhaas lächelte über den Witz des dürren Junkers. Er verstand allerdings noch nicht recht, was dieser damit erreichen wollte. Einige Wochen später hatte er die Pferde, die er mitgebracht hatte, verkauft und war zufrieden. Dann kehrte er zur Tronkenburg zurück. Er hatte dabei kein bitteres Gefühl, außer dem Gefühl über die allgemeine Not der Welt.

Der Schlossvogt sah sich die Bestätigung an, sagte aber nichts weiter dazu. Kohlhaas fragte, ob er die Pferde jetzt wiederbekommen könne. Der Vogt antwortete, er solle nur hinuntergehen und sie holen. Doch schon als Kohlhaas über den Hof ging, erfuhr er etwas Unangenehmes. Sein Knecht war wenige Tage, nachdem er in der Tronkenburg geblieben war, verprügelt und weggejagt worden. Er habe sich schlecht benommen, hieß es. Kohlhaas fragte den Jungen, der ihm das erzählte, was der Knecht denn getan habe. Und wer habe in der Zeit die Pferde versorgt? Der Junge antwortete, das wisse er nicht. Dann öffnete er den Stall, in dem die Pferde standen. Dem Rosskamm war das Herz schon voller böser Ahnungen. Doch wie groß war sein Erstaunen! Statt seiner zwei glatten, gut gefütterten Rappen sah er ein Paar dürre, elende Mähren. Ihre Knochen standen so heraus, dass man Sachen daran hätte aufhängen können wie an Haken. Ihre Mähnen und Haare waren nicht gepflegt und ganz verfilzt. Sie waren das wahre Bild des Elends im Tierreich!

Die Pferde wieherten ihn mit einer schwachen Bewegung an. Kohlhaas war aufs Äußerste empört und fragte, was mit seinen Gäulen geschehen sei. Der Junge stand bei ihm. Er antwortete, es sei ihnen kein weiteres Unglück passiert. Sie hätten auch das richtige Futter bekommen. Aber weil gerade Ernte war und es an Zugtieren fehlte, habe man sie ein wenig auf den Feldern gebraucht. Kohlhaas fluchte über diese schändliche Gewalt, die man offenbar vorher abgesprochen hatte. Doch er fühlte, dass er machtlos war, und unterdrückte seine Wut. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Schon machte er sich bereit, dieses Raubnest mit den Pferden wieder zu verlassen. Da erschien der Schlossvogt, den der laute Wortwechsel herbeigerufen hatte. Er fragte, was es hier gebe.

„Was es gibt?“, antwortete Kohlhaas. „Wer hat dem Junker von Tronka und seinen Leuten erlaubt, meine Rappen für die Feldarbeit zu benutzen? Ich habe sie doch nur bei ihm zurückgelassen!“ Er fügte hinzu, ob das denn menschlich sei. Mit einer Gerte schlug er leicht nach den erschöpften Gäulen, um sie anzutreiben. So zeigte er dem Vogt, dass sie sich nicht rührten.

Der Schlossvogt sah ihn eine Weile trotzig an. Dann sagte er: „Seht euch den Grobian an!“ Ob der Flegel nicht Gott danken solle, dass die Mähren überhaupt noch lebten? Er fragte, wer sie denn pflegen sollte, nachdem der Knecht weggelaufen sei. Sei es nicht gerecht, dass die Pferde das Futter, das man ihnen gab, auf den Feldern verdient hätten? Zum Schluss sagte er, Kohlhaas solle hier keine Dummheiten machen. Sonst werde er die Hunde rufen. Mit ihrer Hilfe werde er schon Ruhe im Hof schaffen.

Dem Rosshändler schlug das Herz gegen das Wams. Am liebsten hätte er den gemeinen Dickwanst in den Dreck geworfen und ihm den Fuß auf das kupferrote Gesicht gesetzt. Doch sein Gefühl für das Recht war wie eine Goldwaage, und diese Waage schwankte noch. Vor dem Gericht seiner eigenen Brust war er noch nicht sicher, ob sein Gegner wirklich schuldig war. Er schluckte die Schimpfworte hinunter und trat zu den Pferden. Still dachte er über alles nach und legte ihnen die Mähnen zurecht. Dabei fragte er mit leiser Stimme, welchen Fehler der Knecht denn gemacht habe. Warum habe man ihn aus der Burg entfernt?

Der Schlossvogt antwortete: „Weil der Lümmel im Hof frech gewesen ist! Weil er sich gegen einen nötigen Stallwechsel gewehrt hat! Zwei junge Herren sind auf die Tronkenburg gekommen. Und er hat verlangt, dass ihre Pferde wegen seiner Mähren auf der offenen Straße übernachten!“

Kohlhaas hätte den Wert der Pferde dafür gegeben, wenn er den Knecht jetzt bei sich gehabt hätte. Dann hätte er dessen Aussage mit der Aussage dieses großmäuligen Schlossvogts vergleichen können. Er stand noch da und zupfte den Rappen die Knoten aus den Haaren. Dabei überlegte er, was er in seiner Lage tun solle. Da änderte sich plötzlich die Szene. Der Junker Wenzel von Tronka kam von der Hasenjagd zurück. Mit einer Schar von Rittern, Knechten und Hunden sprengte er in den Schlosshof. Er fragte, was geschehen sei. Sofort nahm der Schlossvogt das Wort. Auf der einen Seite stimmten die Hunde beim Anblick des Fremden ein mörderisches Geheul an. Auf der anderen Seite befahlen die Ritter ihnen zu schweigen. Der Schlossvogt erzählte dem Junker die Sache, aber sehr gehässig und ganz verdreht. Was für eine Rebellion dieser Rosskamm mache, nur weil man seine Rappen ein wenig gebraucht habe! Mit höhnischem Lachen sagte er, dass Kohlhaas sich weigere, die Pferde als seine eigenen anzuerkennen.

Da rief Kohlhaas: „Das sind nicht meine Pferde, gestrenger Herr! Das sind nicht die Pferde, die dreißig Goldgulden wert waren! Ich will meine gut gefütterten und gesunden Pferde wiederhaben!“

Der Junker wurde für einen Moment blass. Er stieg vom Pferd und sagte: „Wenn der H… A… die Pferde nicht zurücknehmen will, dann soll er es eben bleiben lassen. Komm, Günther!“, rief er. „Hans! Kommt!“ Dabei klopfte er sich mit der Hand den Staub von der Hose. „Bringt Wein!“, rief er noch, als er mit den Rittern unter der Tür war. Dann ging er ins Haus.

Kohlhaas sagte, er wolle lieber den Abdecker rufen und die Pferde auf den Schindanger werfen lassen. So, wie sie jetzt seien, wolle er sie nicht in seinen Stall nach Kohlhaasenbrück führen. Er ließ die Gäule auf dem Platz stehen und kümmerte sich nicht mehr um sie. Er versicherte, dass er sich sein Recht schon verschaffen werde. Dann schwang er sich auf seinen Braunen und ritt davon.

In vollem Galopp war er schon auf dem Weg nach Dresden. Da dachte er an den Knecht und an die Klage, die man auf der Burg gegen ihn führte. Er ritt langsamer, nur noch im Schritt. Noch bevor er tausend Schritte gemacht hatte, wendete er sein Pferd wieder. Er bog nach Kohlhaasenbrück ab. Denn es schien ihm klug und gerecht, zuerst den Knecht zu befragen. Er kannte schon die schwache und unvollkommene Ordnung der Welt. Darum sagte ihm ein richtiges Gefühl Folgendes: Wenn der Knecht wirklich eine gewisse Schuld hatte, wie der Schlossvogt behauptete, dann wollte er den Verlust der Pferde hinnehmen. Er wollte ihn trotz aller Beleidigungen als gerechte Folge davon ertragen. Doch ein ebenso gutes Gefühl sagte ihm etwas anderes. Dieses Gefühl schlug tiefere und tiefere Wurzeln, je weiter er ritt. Denn überall, wo er einkehrte, hörte er von dem Unrecht, das man auf der Tronkenburg täglich an den Reisenden beging. Vielleicht war der ganze Vorfall nur abgesprochen, und es sah ganz danach aus. Dann hatte er mit seinen Kräften eine Pflicht gegenüber der Welt. Er musste sich Genugtuung für die Beleidigung verschaffen. Und er musste seinen Mitbürgern Sicherheit für die Zukunft verschaffen.

In Kohlhaasenbrück umarmte er Lisbeth, seine treue Frau. Er küsste seine Kinder, die vor Freude um seine Knie sprangen. Gleich danach fragte er nach Herse, dem Großknecht. Ob man nichts von ihm gehört habe?

„Ja, liebster Michael, dieser Herse!“, sagte Lisbeth. „Stell dir vor: Vor etwa vierzehn Tagen kommt dieser arme Mensch hier an. Er ist ganz furchtbar zerschlagen. Nein, so zerschlagen, dass er nicht einmal frei atmen kann. Wir bringen ihn ins Bett, und dort spuckt er heftig Blut. Wir fragen ihn immer wieder, und er erzählt eine Geschichte, die keiner versteht. Du hättest ihn mit Pferden auf der Tronkenburg zurückgelassen, die man nicht durchlassen wollte. Man habe ihn so schändlich misshandelt, dass er die Burg verlassen musste. Und es sei ihm unmöglich gewesen, die Pferde mitzunehmen.“

„So?“, sagte Kohlhaas und legte seinen Mantel ab. „Ist er denn schon wieder gesund?“

„Halb und halb“, antwortete sie, „bis auf das Blutspucken. Ich wollte sofort einen Knecht zur Tronkenburg schicken. Er sollte die Pferde pflegen, bis du dort ankommst. Denn Herse hat immer die Wahrheit gesagt. Er war uns treu wie wirklich kein anderer. Darum durfte ich an seiner Aussage nicht zweifeln, denn so vieles sprach dafür. Ich konnte nicht glauben, dass er die Pferde auf eine andere Art verloren hat. Doch er beschwört mich, niemanden in dieses Raubnest zu schicken. Ich solle die Tiere lieber aufgeben, wenn ich keinen Menschen dafür opfern will.“

„Liegt er denn noch im Bett?“, fragte Kohlhaas und band sich das Halstuch ab.

„Seit einigen Tagen geht er schon wieder im Hof herum“, antwortete sie. „Kurz, du wirst sehen, dass alles stimmt. Diese Sache ist eines von den Verbrechen, die man sich seit kurzem auf der Tronkenburg gegen Fremde erlaubt.“

„Das muss ich doch erst untersuchen“, antwortete Kohlhaas. „Ruf ihn mir doch her, Lisbeth, wenn er auf ist!“

Mit diesen Worten setzte er sich in den Lehnstuhl. Seine Frau freute sich sehr, dass er so ruhig blieb. Sie ging und holte den Knecht.

„Was hast du in der Tronkenburg gemacht?“, fragte Kohlhaas, als Lisbeth mit ihm ins Zimmer trat. „Ich bin nicht gerade zufrieden mit dir.“

Bei diesen Worten zeigten sich auf dem blassen Gesicht des Knechts rote Flecken. Er schwieg eine Weile. Dann antwortete er: „Da habt Ihr recht, Herr! Durch Gottes Fügung trug ich einen Schwefelfaden bei mir. Damit wollte ich das Raubnest anzünden, aus dem man mich verjagt hatte. Aber dann hörte ich darin ein Kind jammern. Da warf ich den Schwefelfaden in die Elbe und dachte: Soll Gottes Blitz es in Asche legen; ich will's nicht!“

Kohlhaas war betroffen. „Aber wodurch hast du es dir verdient, dass man dich aus der Tronkenburg verjagt hat?“, fragte er.

„Durch einen schlechten Streich, Herr“, sagte Herse und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Aber was geschehen ist, kann man nicht ändern. Ich wollte nicht zulassen, dass man die Pferde bei der Feldarbeit ruiniert. Ich sagte, dass sie noch jung sind und noch nie gezogen haben.“

Kohlhaas versuchte, seine Verwirrung zu verbergen. Er antwortete, dass Herse hier nicht ganz die Wahrheit gesagt habe. Denn die Pferde seien schon am Anfang des letzten Frühjahrs ein wenig im Geschirr gewesen. „Du warst auf der Burg doch eine Art Gast“, fuhr er fort. „Da hättest du dich schon einmal oder ein paar Mal gefällig zeigen können. Die Ernte musste doch schnell eingebracht werden.“

„Das habe ich auch getan, Herr“, sagte Herse. „Sie machten mir unfreundliche Gesichter, und ich dachte: Das wird die Rappen schon nicht das Leben kosten. Am dritten Vormittag spannte ich sie ein und fuhr drei Fuhren Getreide ein.“

Kohlhaas fühlte, wie ihm das Herz überquoll. Er schlug die Augen nieder und sagte: „Davon hat man mir nichts gesagt, Herse!“

Herse versicherte ihm, dass es so war. „Ich war nur darin nicht gefällig“, sagte er, „dass ich die Pferde nicht wieder einspannen wollte. Es war Mittag, und sie hatten kaum fertig gefressen. Außerdem machten mir der Schlossvogt und der Verwalter einen Vorschlag. Ich sollte das Futter umsonst annehmen. Und das Geld, das Ihr mir für das Futter zurückgelassen hattet, sollte ich in die eigene Tasche stecken. Da antwortete ich, ich würde ihnen sonst was tun. Dann drehte ich mich um und ging weg.“

„Aber deswegen hat man dich nicht von der Tronkenburg weggejagt“, sagte Kohlhaas.

„Behüte Gott“, rief der Knecht, „sondern wegen eines gottlosen Verbrechens! Am Abend kamen zwei Ritter auf die Tronkenburg. Ihre Pferde wurden in den Stall geführt, und meine band man an die Stalltür. Der Schlossvogt brachte die Pferde dort unter. Ich nahm ihm die Rappen aus der Hand und fragte, wo die Tiere jetzt bleiben sollten. Da zeigte er mir einen Schweinekoben. Der war aus Latten und Brettern an die Schlossmauer gebaut.“

„Du meinst“, unterbrach ihn Kohlhaas, „es war ein so schlechter Platz für Pferde, dass er eher einem Schweinekoben glich als einem Stall.“

„Es war ein Schweinekoben, Herr“, antwortete Herse. „Wirklich und wahrhaftig ein Schweinekoben. Die Schweine liefen darin aus und ein, und ich konnte nicht aufrecht darin stehen.“

„Vielleicht gab es sonst keinen Platz für die Rappen“, sagte Kohlhaas. „Die Pferde der Ritter hatten in gewisser Weise den Vorrang.“

„Der Platz war eng“, antwortete der Knecht und sprach leiser. „Im Ganzen wohnten jetzt sieben Ritter auf der Burg. Wenn Ihr es gewesen wärt, Ihr hättet die Pferde ein wenig zusammenrücken lassen. Ich sagte, ich wolle versuchen, im Dorf einen Stall zu mieten. Doch der Schlossvogt sagte, er müsse die Pferde unter seinen Augen behalten. Ich solle es ja nicht wagen, sie vom Hof wegzuführen.“

„Hm!“, sagte Kohlhaas. „Was hast du darauf getan?“

„Der Verwalter sagte, die beiden Gäste würden nur übernachten. Am anderen Morgen würden sie weiterreiten. Darum führte ich die Pferde in den Schweinekoben. Aber der nächste Tag ging vorbei, und sie ritten nicht weiter. Und als der dritte Tag anbrach, hieß es, die Herren würden noch einige Wochen auf der Burg bleiben.“

„Am Ende war es im Schweinekoben nicht so schlimm, Herse“, sagte Kohlhaas, „wie es dir vorkam, als du zuerst die Nase hineingesteckt hast.“

„Das ist wahr“, antwortete der Knecht. „Ich habe den Platz ein bisschen ausgefegt, dann ging es. Ich gab der Magd einen Groschen, damit sie die Schweine woanders unterbringt. Und am Tag sorgte ich dafür, dass die Pferde aufrecht stehen konnten. Wenn der Morgen dämmerte, nahm ich die Bretter oben von den Latten ab. Am Abend legte ich sie wieder auf. Nun schauten die Pferde wie Gänse oben aus dem Dach heraus. Sie sahen sich nach Kohlhaasenbrück um, oder sonst nach einem Ort, wo es besser ist.“

„Nun denn“, fragte Kohlhaas, „warum in aller Welt hat man dich dann fortgejagt?“

„Herr, ich sage es Euch“, antwortete der Knecht. „Weil man mich loswerden wollte. Solange ich dabei war, konnten sie die Pferde nicht ruinieren. Überall im Hof und in der Gesindestube machten sie mir böse Gesichter. Ich dachte: Verzieht nur eure Mäuler, bis sie sich verrenken. Da nahmen sie den ersten besten Anlass und warfen mich vom Hof.“

„Aber der Anlass!“, rief Kohlhaas. „Sie müssen doch irgendeinen Anlass gehabt haben!“

„O ja, gewiss“, antwortete Herse, „und den allergerechtesten. Am Abend des zweiten Tages im Schweinekoben nahm ich die Pferde. Sie hatten sich darin ganz schmutzig gemacht. Ich wollte sie zur Schwemme reiten. Ich bin gerade unter dem Schlosstor und will mich umdrehen. Da höre ich den Vogt und den Verwalter hinter mir aus der Gesindestube stürzen. Sie haben Knechte, Hunde und Prügel dabei. Sie rufen: ‚Haltet den Spitzbuben! Haltet den Galgenstrick!‘, als ob sie besessen wären. Der Torwächter stellt sich mir in den Weg. Ich frage ihn und den wilden Haufen, der auf mich zuläuft: ‚Was gibt's denn?‘

‚Was es gibt?‘, antwortet der Schlossvogt und greift meinen beiden Rappen in die Zügel. ‚Wo will Er hin mit den Pferden?‘, fragt er und packt mich an der Brust.

Ich sage: ‚Wo ich hin will? Himmeldonner! Zur Schwemme will ich reiten. Denkt Er, dass ich –?‘

‚Zur Schwemme?‘, ruft der Schlossvogt. ‚Ich will dich, Gauner, auf der Landstraße nach Kohlhaasenbrück schwimmen lehren!‘

Und mit einem bösen, mörderischen Ruck werfen er und der Verwalter mich vom Pferd. Der Verwalter hat mich am Bein gepackt. So liege ich, lang wie ich bin, im Dreck. ‚Mord! Hagel!‘, rufe ich. Mein Geschirr und meine Decken und ein Bündel Wäsche liegen noch im Stall! Doch der Verwalter führt die Pferde weg. Und der Vogt und die Knechte fallen mit Füßen, Peitschen und Prügeln über mich her. Halb tot sinke ich hinter dem Schlosstor nieder. Ich stehe wieder auf und sage: ‚Die Raubhunde! Wohin führen sie meine Pferde?‘

‚Hinaus aus dem Schlosshof!‘, schreit der Vogt. Dann ruft es: ‚Hetz, Kaiser! Hetz, Jäger!‘ und: ‚Hetz, Spitz!‘ Und eine Meute von mehr als zwölf Hunden fällt über mich her. Da breche ich etwas vom Zaun ab, eine Latte, ich weiß nicht was. Drei Hunde schlage ich tot neben mir nieder. Doch die Bisse zerfleischen mich jämmerlich, und ich muss weichen. Da gellt eine Pfeife: Flüt! Die Hunde laufen in den Hof, die Torflügel gehen zu, der Riegel fällt davor. Und auf der Straße sinke ich ohnmächtig nieder.“

Kohlhaas war bleich im Gesicht. Mit einem gezwungenen Scherz sagte er: „Wolltest du nicht vielleicht davonlaufen, Herse?“ Herse wurde dunkelrot und sah vor sich auf den Boden. „Gib es zu“, sagte Kohlhaas. „Es gefiel dir im Schweinekoben nicht. Du dachtest, im Stall in Kohlhaasenbrück ist es doch besser.“

„Himmelschlag!“, rief Herse. „Mein Geschirr und meine Decken und ein Bündel Wäsche habe ich doch im Schweinekoben zurückgelassen! Ich hatte drei Reichsgulden in einem rotseidenen Halstuch hinter der Krippe versteckt. Hätte ich die nicht eingesteckt? Blitz, Höll und Teufel! Wenn Ihr so redet, dann möchte ich gleich den Schwefelfaden wieder anzünden, den ich weggeworfen habe!“

„Nun, nun!“, sagte der Rosshändler. „Es war ja nicht böse gemeint! Schau, was du gesagt hast, das glaube ich dir Wort für Wort. Und wenn es nötig wird, will ich selbst das Abendmahl darauf nehmen. Es tut mir leid, dass es dir in meinem Dienst nicht besser gegangen ist. Geh, Herse, geh ins Bett. Lass dir eine Flasche Wein geben und tröste dich: Dir soll Gerechtigkeit geschehen!“

Damit stand er auf. Er schrieb eine Liste der Sachen, die der Großknecht im Schweinekoben zurückgelassen hatte. Neben jede Sache schrieb er ihren Wert. Er fragte ihn auch, wie viel seine Heilung kosten werde. Dann gab er ihm noch einmal die Hand und ließ ihn gehen.

Danach erzählte er Lisbeth, seiner Frau, die ganze Geschichte und wie alles zusammenhing. Er erklärte ihr, dass er entschlossen war, die öffentliche Gerechtigkeit für sich anzurufen. Und er hatte die Freude zu sehen, dass sie ihn aus ganzer Seele darin bestärkte. Sie sagte, noch mancher andere Reisende werde über diese Burg ziehen. Vielleicht sei er weniger geduldig als Kohlhaas. Es sei ein Werk Gottes, solcher Unordnung ein Ende zu machen. Und das Geld, das der Prozess kosten werde, wolle sie schon zusammenbringen. Kohlhaas nannte sie eine tapfere Frau. Diesen Tag und den nächsten genoss er mit ihr und seinen Kindern. Dann brach er nach Dresden auf, sobald es seine Geschäfte irgend erlaubten. Dort wollte er seine Klage vor Gericht bringen.

In Dresden schrieb er mit Hilfe eines Rechtsgelehrten, den er kannte, eine Beschwerde. Darin schilderte er genau das Verbrechen, das der Junker Wenzel von Tronka an ihm und an seinem Knecht Herse begangen hatte. Er verlangte, dass der Junker nach dem Gesetz bestraft werde. Die Pferde sollten wieder in ihren früheren Zustand gebracht werden. Und man sollte ihm und seinem Knecht den Schaden ersetzen, den sie erlitten hatten. Die Rechtssache war wirklich klar. Man hatte die Pferde gegen das Gesetz festgehalten. Das warf ein entscheidendes Licht auf alles andere. Man hätte sogar annehmen können, dass die Pferde durch bloßen Zufall krank geworden seien. Selbst dann wäre die Forderung des Rosskamms gerecht gewesen, sie ihm gesund zurückzugeben.

Kohlhaas sah sich in der Hauptstadt um. Dort fehlte es ihm keineswegs an Freunden, die versprachen, seine Sache eifrig zu unterstützen. Durch seinen großen Pferdehandel kannte er die wichtigsten Männer des Landes. Und weil er dabei so ehrlich war, waren sie ihm wohlgesinnt. Er aß mehrmals fröhlich bei seinem Anwalt, der selbst ein angesehener Mann war. Er hinterlegte bei ihm eine Summe Geld für die Kosten des Prozesses. Nach einigen Wochen kehrte er zu Lisbeth, seiner Frau, nach Kohlhaasenbrück zurück. Der Anwalt hatte ihm alle Sorgen über den Ausgang seiner Sache genommen.

Trotzdem vergingen Monate, und das Jahr ging schon zu Ende. Doch aus Sachsen hatte er noch nicht einmal eine Erklärung zu seiner Klage bekommen, geschweige denn eine Entscheidung. Mehrmals wandte er sich von neuem an das Tribunal. Dann fragte er seinen Anwalt in einem vertraulichen Brief, warum es so ungeheuer lange dauere. Da erfuhr er, dass die Klage beim Dresdner Gericht ganz niedergeschlagen worden war. Ein heimlicher Wink von höherer Stelle hatte das bewirkt. Der Rosskamm wunderte sich und fragte in seiner Antwort nach dem Grund. Der Anwalt schrieb ihm: Der Junker Wenzel von Tronka sei mit zwei jungen Herren verwandt, mit Hinz und Kunz von Tronka. Der eine sei Mundschenk beim Landesherrn, der andere sogar Kämmerer. Er riet ihm noch, sich nicht weiter bei Gericht zu bemühen. Er solle lieber versuchen, seine Pferde aus der Tronkenburg wiederzubekommen. Er deutete an, der Junker sei jetzt in der Hauptstadt. Er habe seinen Leuten wohl befohlen, die Pferde herauszugeben. Zum Schluss bat er Kohlhaas um eines: Falls er damit nicht zufrieden sei, solle er ihm wenigstens keine weiteren Aufträge in dieser Sache geben.

Kohlhaas war zu dieser Zeit gerade in der Stadt Brandenburg. Der Stadthauptmann dort hieß Heinrich von Geusau, und Kohlhaasenbrück gehörte zu seinem Bezirk. Der Stadt war eine große Geldsumme zugefallen. Mit diesem Geld richtete Geusau gerade mehrere wohltätige Anstalten für Kranke und Arme ein. Besonders bemühte er sich um eine Mineralquelle, die in einem Dorf in der Gegend sprudelte. Er wollte sie für Kranke nutzbar machen. Man erwartete von ihrer Heilkraft mehr, als sie später wirklich zeigte. Kohlhaas war Geusau bekannt, denn sie hatten früher, zur Zeit seines Aufenthalts am Hof, manches miteinander zu tun gehabt. Darum erlaubte er Herse, dem Großknecht, die kleine Heilquelle zu versuchen. Sie hatte ein Dach und eine Einfassung. Seit jenem schlimmen Tag auf der Tronkenburg hatte Herse nämlich Schmerzen in der Brust, wenn er atmete.

Eines Tages war der Stadthauptmann gerade am Rand des Beckens, in das Kohlhaas den Herse gelegt hatte. Er wollte dort einige Anordnungen treffen. Da kam ein Bote, den Kohlhaas' Frau ihm nachgeschickt hatte. Er brachte den niederschmetternden Brief seines Anwalts aus Dresden. Der Stadthauptmann sprach gerade mit dem Arzt. Dabei bemerkte er, dass Kohlhaas eine Träne auf den Brief fallen ließ, den er geöffnet hatte. Er ging freundlich und herzlich zu ihm hin und fragte, was für ein Unglück ihn getroffen habe. Der Rosshändler antwortete nicht, sondern reichte ihm den Brief. Dieser würdige Mann kannte das abscheuliche Unrecht, das man Kohlhaas auf der Tronkenburg angetan hatte. Er wusste auch, dass Herse an den Folgen krank war, vielleicht für sein ganzes Leben. Er klopfte Kohlhaas auf die Schulter und sagte, er solle nicht den Mut verlieren. Er werde ihm helfen, Genugtuung zu bekommen!

Am Abend ging der Rosskamm, wie Geusau es befohlen hatte, zu ihm ins Schloss. Geusau sagte ihm, er solle eine Supplik an den Kurfürsten von Brandenburg schreiben. Darin solle er den Vorfall kurz darstellen und den Brief des Anwalts beilegen. Man habe auf sächsischem Gebiet Gewalt gegen ihn gebraucht. Darum solle er den Landesherrn um Schutz bitten. Geusau versprach, die Bittschrift dem Kurfürsten in die Hände zu geben. Er werde sie in ein anderes Paket legen, das schon bereitlag. Der Kurfürst werde sich dann sicher für ihn beim Kurfürsten von Sachsen einsetzen, wenn die Umstände es erlaubten. Mehr als einen solchen Schritt brauche es nicht. Dann werde ihm das Tribunal in Dresden Gerechtigkeit verschaffen, trotz aller Tricks des Junkers und seiner Freunde.

Kohlhaas freute sich sehr. Er dankte dem Stadthauptmann herzlich für diesen neuen Beweis seiner Freundlichkeit. Er sagte, es tue ihm nur leid, dass er seine Sache nicht gleich in Berlin vorgebracht habe, ohne vorher etwas in Dresden zu tun. In der Schreibstube des Stadtgerichts schrieb er die Beschwerde, genau so, wie es verlangt wurde. Er gab sie dem Stadthauptmann. Dann kehrte er nach Kohlhaasenbrück zurück. Er war ruhiger über den Ausgang seiner Geschichte als je zuvor.

Doch schon nach wenigen Wochen kam eine traurige Nachricht. Ein Gerichtsherr fuhr in Geschäften des Stadthauptmanns nach Potsdam. Von ihm erfuhr Kohlhaas, dass der Kurfürst die Supplik seinem Kanzler gegeben hatte, dem Grafen Kallheim. Es wäre richtig gewesen, sich direkt an den Hof in Dresden zu wenden. Dort hätte der Graf eine Untersuchung und Bestrafung der Gewalttat verlangen sollen. Das hatte er aber nicht getan. Stattdessen hatte er beim Junker von Tronka selbst um nähere Auskunft gebeten. Der Gerichtsherr hielt mit seinem Wagen vor Kohlhaas' Haus. Er hatte offenbar den Auftrag, ihm diese Nachricht zu bringen. Kohlhaas fragte bestürzt, warum man so gehandelt habe. Darauf konnte der Gerichtsherr ihm keine befriedigende Antwort geben. Er fügte nur hinzu, der Stadthauptmann lasse ihm sagen, er solle Geduld haben. Er schien es eilig zu haben, weiterzufahren. Erst am Ende des kurzen Gesprächs erriet Kohlhaas aus einigen nebenbei gesagten Worten etwas Wichtiges. Der Graf Kallheim war mit der Familie von Tronka verschwägert.

Kohlhaas hatte keine Freude mehr, weder an seiner Pferdezucht noch an Haus und Hof, kaum noch an Frau und Kind. In trüber Ahnung der Zukunft wartete er den nächsten Monat ab. Und ganz wie er es erwartet hatte, kam nach dieser Zeit Herse aus Brandenburg zurück. Das Bad hatte ihm etwas Linderung gebracht. Er brachte einen Brief des Stadthauptmanns mit, der zu einem größeren Schreiben gehörte. Darin stand: Es tue ihm leid, dass er nichts in seiner Sache tun könne. Er schicke ihm eine Resolution der Staatskanzlei, die an ihn gegangen sei. Und er rate ihm, die Pferde aus der Tronkenburg abzuholen und die Sache im Übrigen ruhen zu lassen.

Die Resolution lautete:

> Er ist nach dem Bericht des Tribunals in Dresden ein unnützer Querulant. Der Junker, bei dem er die Pferde zurückgelassen hat, hält sie ihm auf keine Weise zurück. Er soll zur Burg schicken und sie holen. Oder er soll dem Junker wenigstens sagen, wohin er sie ihm schicken soll. Die Staatskanzlei aber soll er auf jeden Fall mit solchen Plackereien und Stänkereien verschonen.

Kohlhaas ging es nicht um die Pferde. Er hätte den gleichen Schmerz gefühlt, wenn es um ein Paar Hunde gegangen wäre. Aber als er diesen Brief bekam, schäumte er vor Wut. Immer wenn er ein Geräusch im Hof hörte, sah er zum Tor. Dabei erwartete er etwas, das ihm so zuwider war wie noch nie etwas in seinem Leben. Vielleicht kamen die Leute des Junkers und brachten ihm die Pferde zurück, abgehungert und elend. Vielleicht sogar mit einer Entschuldigung! Die Welt hatte seine Seele gut erzogen. Aber nur auf diesen einen Fall war sie nicht vorbereitet. Darauf wusste sie keine Antwort, die ihrem Gefühl ganz entsprach. Doch schon bald hörte er von einem Bekannten, der auf dieser Straße gereist war, etwas anderes. Man benutzte die Gäule auf der Tronkenburg weiter auf dem Feld, genau wie die anderen Pferde des Junkers. Es schmerzte ihn, die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu sehen. Doch mitten durch diesen Schmerz zuckte eine innere Zufriedenheit empor. Denn in seiner eigenen Brust war jetzt Ordnung.

Er lud einen Amtmann zu sich ein, seinen Nachbarn. Dieser hatte schon lange vor, seinen Besitz zu vergrößern. Er wollte die Grundstücke kaufen, die an seine Grenze stießen. Der Amtmann setzte sich zu ihm. Dann fragte ihn Kohlhaas, was er für seinen ganzen Besitz in Brandenburg und in Sachsen zahlen wolle. Haus und Hof, alles zusammen, ob es fest war oder nicht. Bei diesen Worten wurde Lisbeth, seine Frau, blass. Sie drehte sich um und hob ihr Jüngstes auf, das hinter ihr auf dem Boden spielte. Der kleine Junge hatte rote Wangen und spielte mit ihren Halsketten. An seinen Wangen vorbei warf sie Blicke auf den Rosskamm, in denen sich der Tod zeigte. Und sie sah auf ein Papier, das er in der Hand hielt.

Der Amtmann sah ihn befremdet an. Er fragte, was ihn plötzlich auf so seltsame Gedanken bringe. Kohlhaas antwortete so heiter, wie er nur konnte. Der Gedanke, seinen Hof an der Havel zu verkaufen, sei nicht ganz neu. Sie hätten beide schon oft darüber gesprochen. Sein Haus in der Vorstadt von Dresden sei im Vergleich damit nur eine Kleinigkeit, die nicht zähle. Kurz, wenn der Amtmann ihm den Gefallen tun und beide Grundstücke übernehmen wolle, dann sei er bereit, den Vertrag mit ihm zu schließen. Mit einem etwas gezwungenen Scherz fügte er hinzu: Kohlhaasenbrück sei ja nicht die Welt. Es könne Ziele geben, neben denen es klein und unwichtig sei, als ordentlicher Vater für sein Haus zu sorgen. Kurz, er müsse ihm sagen, seine Seele sei auf große Dinge gerichtet. Davon werde er vielleicht bald hören.

Diese Worte beruhigten den Amtmann. Lustig sagte er zu der Frau, die das Kind immer wieder küsste: Kohlhaas werde doch wohl nicht gleich Bezahlung verlangen? Er legte Hut und Stock, die er zwischen den Knien gehalten hatte, auf den Tisch. Dann nahm er das Blatt, das der Rosskamm in der Hand hielt, um es durchzulesen. Kohlhaas rückte näher an ihn heran. Er erklärte ihm, es sei ein Kaufvertrag, den er selbst aufgesetzt habe. Nach vier Wochen werde er ungültig. Er zeigte ihm, dass darin nichts fehlte als die Unterschriften und die Summen. Es fehlte der Kaufpreis selbst. Und es fehlte der Reukauf, das heißt die Summe, die er zahlen wollte, falls er innerhalb von vier Wochen zurücktrat. Noch einmal forderte er ihn fröhlich auf, ein Angebot zu machen. Er versicherte ihm, dass er gerecht sein und keine großen Umstände machen werde.

Die Frau ging im Zimmer auf und ab. Ihre Brust hob und senkte sich so heftig, dass ihr das Tuch fast ganz von der Schulter fiel. Der Junge hatte daran gezupft. Der Amtmann sagte, er könne ja den Wert des Besitzes in Dresden gar nicht beurteilen. Da schob ihm Kohlhaas Briefe hin, die man beim Kauf des Hauses geschrieben hatte. Er sagte, er schätze das Haus auf 100 Goldgulden. Dabei ging aus den Briefen hervor, dass es ihn fast um die Hälfte mehr gekostet hatte. Der Amtmann las den Kaufvertrag noch einmal. Er fand darin auf seltsame Weise auch für sich selbst die Freiheit, zurückzutreten. Schon halb entschlossen sagte er, die Zuchtpferde in den Ställen könne er ja nicht brauchen. Doch Kohlhaas antwortete, er wolle die Pferde gar nicht verkaufen. Auch einige Waffen, die in der Rüstkammer hingen, wolle er für sich behalten. Da zögerte der Amtmann noch und zögerte. Endlich wiederholte er ein Angebot, das er ihm vor kurzem auf einem Spaziergang gemacht hatte. Damals war es halb im Scherz, halb im Ernst gewesen. Im Vergleich zum Wert des Besitzes war es lächerlich niedrig.

Kohlhaas schob ihm Tinte und Feder hin, damit er schreiben konnte. Der Amtmann traute seinen Sinnen nicht. Er fragte noch einmal, ob es ihm ernst sei. Der Rosskamm antwortete ein wenig gekränkt, ob er denn glaube, dass er nur Spaß mit ihm treibe. Da nahm der Amtmann mit bedenklichem Gesicht die Feder und schrieb. Doch er strich den Punkt durch, in dem es um die Zahlung ging, falls der Verkäufer den Handel bereute. Er verpflichtete sich, ihm 100 Goldgulden zu leihen. Als Sicherheit dafür sollte das Grundstück in Dresden dienen. Kaufen wollte er es auf keinen Fall. Und er ließ Kohlhaas zwei Monate lang die volle Freiheit, vom Handel wieder zurückzutreten.

Der Rosskamm war von diesem Verhalten gerührt und schüttelte ihm sehr herzlich die Hand. Sie einigten sich noch über eine Hauptbedingung. Ein Viertel des Kaufpreises sollte sofort bar bezahlt werden. Der Rest sollte in drei Monaten in der Hamburger Bank gezahlt werden. Dann rief Kohlhaas nach Wein, um sich über das glücklich abgeschlossene Geschäft zu freuen. Eine Magd kam mit den Flaschen herein. Er sagte ihr, Sternbald, der Knecht, solle ihm den Fuchs satteln. Er müsse in die Hauptstadt reiten, sagte er, dort habe er etwas zu erledigen. Und er deutete an, dass er bald nach seiner Rückkehr offener über das sprechen werde, was er jetzt noch für sich behalten müsse. Dann schenkte er die Gläser ein. Er fragte nach den Polen und den Türken, die gerade damals miteinander im Streit lagen. Er verwickelte den Amtmann in allerlei politische Vermutungen darüber. Zum Schluss trank er noch einmal mit ihm auf das Gelingen ihres Geschäfts und verabschiedete ihn.

Als der Amtmann das Zimmer verlassen hatte, fiel Lisbeth vor ihm auf die Knie. „Wenn du mich irgendwie im Herzen trägst“, rief sie, „mich und die Kinder, die ich dir geboren habe! Wenn wir nicht schon im Voraus verstoßen sind, aus welchem Grund, weiß ich nicht! Dann sag mir, was diese schrecklichen Vorbereitungen bedeuten!“

„Liebste Frau“, sagte Kohlhaas, „es ist nichts, was dich beunruhigen müsste, so wie die Dinge jetzt stehen. Ich habe eine Resolution bekommen. Darin sagt man mir, meine Klage gegen den Junker Wenzel von Tronka sei eine nichtsnutzige Stänkerei. Hier muss ein Missverständnis vorliegen. Darum habe ich beschlossen, meine Klage noch einmal persönlich beim Landesherrn selbst einzureichen.“

„Warum willst du dein Haus verkaufen?“, rief sie und stand mit einer verstörten Bewegung auf.

Der Rosskamm drückte sie sanft an seine Brust. „Weil ich nicht in einem Land bleiben mag, liebste Lisbeth, in dem man mich in meinen Rechten nicht schützen will. Wenn man mich mit Füßen treten will, dann bin ich lieber ein Hund als ein Mensch! Ich bin sicher, dass meine Frau darüber genauso denkt wie ich.“

„Woher weißt du“, fragte sie wild, „dass man dich in deinen Rechten nicht schützen wird? Vielleicht gehst du mit deiner Bittschrift bescheiden zum Herrn, wie es sich gehört. Woher weißt du, dass man sie dann beiseitewirft? Oder dass man sich weigert, dich anzuhören?“

„Gut“, antwortete Kohlhaas, „wenn meine Furcht unbegründet ist, dann ist auch mein Haus noch nicht verkauft. Der Herr selbst ist gerecht, das weiß ich. Ich muss nur an den Leuten vorbei, die ihn umgeben, bis zu ihm selbst. Wenn mir das gelingt, dann bekomme ich mein Recht, daran zweifle ich nicht. Und noch bevor die Woche vorbei ist, komme ich fröhlich zu dir und zu meinen alten Geschäften zurück.“ Er küsste sie und fügte hinzu: „Möchte ich dann bis an das Ende meines Lebens bei dir bleiben! Aber es ist klug“, fuhr er fort, „dass ich mich auf alles gefasst mache. Darum wünsche ich mir, dass du für einige Zeit fortgehst, wenn es möglich ist. Geh mit den Kindern zu deiner Muhme nach Schwerin. Du wolltest sie ja ohnehin schon lange besuchen.“

„Wie?“, rief die Frau. „Ich soll nach Schwerin gehen? Über die Grenze, mit den Kindern, zu meiner Muhme nach Schwerin?“ Das Entsetzen nahm ihr die Sprache.

„Allerdings“, antwortete Kohlhaas, „und wenn es geht, sofort. Ich will bei den Schritten, die ich für meine Sache tun will, auf nichts Rücksicht nehmen müssen.“

„Oh! Ich verstehe dich!“, rief sie. „Du brauchst jetzt nichts mehr als Waffen und Pferde. Alles andere kann nehmen, wer will!“ Damit drehte sie sich um, warf sich auf einen Sessel und weinte.

Kohlhaas war betroffen. „Liebste Lisbeth, was machst du?“, sagte er. „Gott hat mich mit Frau und Kindern und Gütern gesegnet. Soll ich heute zum ersten Mal wünschen, dass es anders wäre?“

Bei diesen Worten war sie ihm errötend um den Hals gefallen. Er setzte sich freundlich zu ihr. „Sag mir“, sprach er und strich ihr die Locken aus der Stirn, „was soll ich tun? Soll ich meine Sache aufgeben? Soll ich zur Tronkenburg gehen und den Ritter bitten, mir die Pferde zurückzugeben? Soll ich aufsitzen und sie dir herreiten?“

Lisbeth wagte nicht, „ja! ja! ja!“ zu sagen. Weinend schüttelte sie den Kopf. Sie drückte ihn heftig an sich und bedeckte seine Brust mit heißen Küssen.

„Nun also!“, rief Kohlhaas. „Du fühlst doch, dass ich mein Recht bekommen muss, wenn ich meinen Handel weiterführen soll. Wenn du das fühlst, dann gönne mir auch die Freiheit, die ich brauche, um es mir zu verschaffen!“

Damit stand er auf. Ein Knecht meldete ihm, dass der Fuchs gesattelt sei. Kohlhaas sagte ihm, morgen müssten auch die Braunen angespannt werden. Sie sollten seine Frau nach Schwerin bringen.

Da sagte Lisbeth, sie habe eine Idee! Sie stand auf und wischte sich die Tränen aus den Augen. Kohlhaas hatte sich an ein Pult gesetzt. Sie fragte ihn, ob er ihr die Bittschrift geben wolle. Dann könne sie an seiner Stelle nach Berlin gehen und sie dem Landesherrn überreichen. Diese Wendung rührte Kohlhaas, und das aus mehr als einem Grund. Er zog sie auf seinen Schoß und sprach: „Liebste Frau, das ist kaum möglich! Der Landesherr ist von vielen Leuten umgeben. Wer sich ihm nähert, muss mit allerlei Ärger rechnen.“

Lisbeth antwortete, in tausend Fällen sei es für eine Frau leichter als für einen Mann, zu ihm zu kommen. „Gib mir die Bittschrift“, wiederholte sie. „Wenn du weiter nichts willst, als dass sie in seinen Händen ist, dann verspreche ich dir: Er soll sie bekommen!“

Kohlhaas hatte schon viele Proben von ihrem Mut und ihrer Klugheit erlebt. Er fragte, wie sie es denn anfangen wolle. Da sah sie verschämt vor sich nieder und antwortete. Der Kastellan des kurfürstlichen Schlosses habe früher um sie geworben, als er in Schwerin im Dienst war. Er sei zwar jetzt verheiratet und habe mehrere Kinder. Aber er habe sie immer noch nicht ganz vergessen. Kurz, Kohlhaas solle es ihr nur überlassen, daraus Vorteil zu ziehen. Daraus und aus manchem anderen Umstand, den zu beschreiben zu lange dauern würde. Kohlhaas küsste sie voller Freude und sagte, dass er ihren Vorschlag annehme. Er erklärte ihr, sie brauche nur eine Wohnung bei der Frau des Kastellans. Dann könne sie den Landesherrn im Schloss selbst ansprechen. Er gab ihr die Bittschrift und ließ die Braunen anspannen. Dann schickte er sie, gut eingepackt, mit Sternbald, seinem treuen Knecht, ab.

Doch diese Reise war von allen erfolglosen Schritten in seiner Sache der allerunglücklichste. Denn schon nach wenigen Tagen kam Sternbald wieder in den Hof. Schritt für Schritt führte er den Wagen. Darin lag die Frau ausgestreckt, mit einer gefährlichen Quetschung an der Brust. Kohlhaas trat bleich an den Wagen. Doch er konnte nichts Zusammenhängendes darüber erfahren, was dieses Unglück verursacht hatte. Der Kastellan war nicht zu Hause gewesen, sagte der Knecht. Darum hatten sie in einem Wirtshaus in der Nähe des Schlosses absteigen müssen. Am anderen Morgen hatte Lisbeth das Wirtshaus verlassen. Dem Knecht hatte sie befohlen, bei den Pferden zu bleiben. Erst am Abend war sie in diesem Zustand zurückgekommen.

Es schien, als hätte sie sich zu kühn bis zum Landesherrn vorgedrängt. Dabei hatte sie einen Stoß mit dem Schaft einer Lanze vor die Brust bekommen. Der Landesherr selbst hatte keine Schuld daran. Es war nur der rohe Eifer einer Wache gewesen, die um ihn herum stand. So berichteten es wenigstens die Leute, die sie am Abend bewusstlos in den Gasthof gebracht hatten. Denn sie selbst konnte kaum sprechen, weil ihr Blut aus dem Mund quoll. Die Bittschrift hatte ihr danach ein Ritter abgenommen. Sternbald sagte, er habe sich gleich auf ein Pferd setzen und Kohlhaas die Nachricht bringen wollen. Doch sie habe darauf bestanden, ohne jede Nachricht vorher zu ihrem Mann nach Kohlhaasenbrück gebracht zu werden. Der Wundarzt, den man gerufen hatte, hatte ihr gesagt, sie solle das nicht tun. Aber sie hatte nicht auf ihn gehört.

Die Reise hatte sie völlig zugrunde gerichtet. Kohlhaas brachte sie ins Bett. Dort lebte sie noch einige Tage und konnte nur unter Schmerzen atmen. Man versuchte vergeblich, sie wieder zu Bewusstsein zu bringen. Man wollte doch erfahren, was geschehen war. Aber sie lag mit starren, schon gebrochenen Augen da und antwortete nicht. Nur kurz vor ihrem Tod kam sie noch einmal zu sich. Ein lutherischer Geistlicher stand neben ihrem Bett. Nach dem Beispiel ihres Mannes hatte sie sich zu diesem Glauben bekannt, der damals gerade neu entstand. Der Geistliche las ihr mit lauter, bewegter und feierlicher Stimme ein Kapitel aus der Bibel vor. Da sah sie ihn plötzlich mit einem finsteren Ausdruck an. Sie nahm ihm die Bibel aus der Hand, als ob es ihr daraus nichts vorzulesen gäbe. Sie blätterte und blätterte und schien etwas darin zu suchen. Kohlhaas saß an ihrem Bett. Mit dem Zeigefinger zeigte sie ihm den Vers: „Vergib deinen Feinden; tue wohl auch denen, die dich hassen.“ Dabei drückte sie ihm mit einem sehr seelenvollen Blick die Hand und starb.

Kohlhaas dachte: „So möge mir Gott nie vergeben, wie ich dem Junker vergebe!“ Er küsste sie, und dabei flossen ihm viele Tränen. Er drückte ihr die Augen zu und verließ das Zimmer. Der Amtmann hatte ihm schon die hundert Goldgulden für die Ställe in Dresden geschickt. Mit diesem Geld bestellte er eine Beerdigung, die eher für eine Fürstin gemacht schien als für sie. Es gab einen Sarg aus Eichenholz, der stark mit Metall beschlagen war. Es gab Kissen aus Seide mit goldenen und silbernen Quasten. Und das Grab war acht Ellen tief und mit Feldsteinen und Kalk ausgelegt. Er stand selbst bei der Grube, sein Jüngstes auf dem Arm, und sah der Arbeit zu. Am Tag der Beerdigung wurde die Tote in einem Saal aufgebahrt. Sie war weiß wie Schnee. Den Saal hatte er ganz mit schwarzem Tuch bedecken lassen. Der Geistliche hatte gerade an ihrer Bahre eine rührende Rede beendet. Da brachte man Kohlhaas die Resolution des Landesherrn auf die Bittschrift, die die Verstorbene übergeben hatte. Sie lautete:

> Er soll die Pferde von der Tronkenburg abholen. In dieser Sache soll er sich nicht weiter an den Landesherrn wenden. Sonst wird er ins Gefängnis geworfen.

Kohlhaas steckte den Brief ein und ließ den Sarg auf den Wagen bringen. Dann wurde der Grabhügel aufgeschüttet und das Kreuz darauf gepflanzt. Die Gäste, die bei der Beerdigung gewesen waren, gingen fort. Danach warf er sich noch einmal vor ihrem Bett nieder, das nun leer war. Und dann nahm er das Geschäft der Rache in die Hand.

Er setzte sich hin und schrieb einen Rechtsschluss. Darin verurteilte er den Junker Wenzel von Tronka kraft der Macht, die ihm angeboten war:

> Der Junker Wenzel von Tronka hat Kohlhaas die Rappen abgenommen und auf den Feldern ruiniert. Er muss sie innerhalb von drei Tagen nach Erhalt dieses Schreibens nach Kohlhaasenbrück bringen. Dort muss er sie selbst in Kohlhaas' Ställen dick füttern.

Diesen Rechtsschluss schickte er durch einen reitenden Boten an den Junker. Er befahl dem Boten, gleich nach der Übergabe des Papiers wieder zu ihm nach Kohlhaasenbrück zu kommen. Die drei Tage vergingen, aber die Pferde kamen nicht. Da rief er Herse. Er erzählte ihm, was er dem Junker wegen der Dickfütterung befohlen hatte. Dann fragte er ihn zwei Dinge. Wollte Herse mit ihm zur Tronkenburg reiten und den Junker holen? Und wollte er über den Junker die Peitsche schwingen, wenn er in den Ställen von Kohlhaasenbrück faul war? Kaum hatte Herse ihn verstanden, da jubelte er: „Herr, heute noch!“ Er warf seine Mütze in die Luft. „Ich lasse mir einen Riemen mit zehn Knoten flechten“, versicherte er, „um ihm das Striegeln beizubringen!“

Da verkaufte Kohlhaas das Haus. Er packte die Kinder in einen Wagen und schickte sie über die Grenze. Als es Nacht wurde, rief er auch die übrigen Knechte zusammen. Es waren sieben, und jeder von ihnen war ihm treu wie Gold. Er bewaffnete sie, gab ihnen Pferde und brach zur Tronkenburg auf.

Mit diesem kleinen Haufen fiel er schon bei Einbruch der dritten Nacht in die Burg ein. Der Zollwärter und der Torwächter standen im Gespräch unter dem Tor. Sie wurden niedergeritten. Die Männer warfen Feuer auf alle Baracken im Burghof, und plötzlich prasselten sie alle in Flammen auf. Herse eilte über die Wendeltreppe in den Turm der Vogtei. Dort saßen der Schlossvogt und der Verwalter halb ausgezogen beim Spiel. Herse überfiel sie mit Hieben und Stichen. Kohlhaas aber stürzte ins Schloss zum Junker Wenzel. So fährt der Engel des Gerichts vom Himmel herab. Der Junker las gerade seinen jungen Freunden den Rechtsschluss vor, den der Rosskamm ihm geschickt hatte. Dabei lachten sie viel. Kaum hörte er Kohlhaas' Stimme im Schlosshof, da wurde er plötzlich leichenblass. „Brüder, rettet euch!“, rief er den Herren zu und verschwand.

Kohlhaas trat in den Saal. Ein Junker Hans von Tronka kam ihm entgegen. Kohlhaas packte ihn an der Brust und schleuderte ihn in die Ecke des Saals, sodass er sein Hirn an den Steinen verspritzte. Die anderen Ritter hatten zu den Waffen gegriffen. Die Knechte überwältigten sie und trieben sie auseinander. Währenddessen fragte Kohlhaas, wo der Junker Wenzel von Tronka sei. Doch die betäubten Männer wussten es nicht. Da sprengte er mit einem Fußtritt die Türen von zwei Zimmern, die in die Seitenflügel des Schlosses führten. Er lief in alle Richtungen durch das große Gebäude, aber er fand niemanden. Fluchend stieg er in den Schlosshof hinab, um die Ausgänge besetzen zu lassen.

Inzwischen hatte das Feuer der Baracken auch das Schloss mit allen Nebengebäuden ergriffen. Starker Rauch qualmte zum Himmel. Sternbald und drei fleißige Knechte schleppten alles zusammen, was nicht niet- und nagelfest war. Sie warfen es als gute Beute zwischen den Pferden auf einen Haufen. Und unter Herses Jubel flogen aus den offenen Fenstern der Vogtei die Leichen des Schlossvogts und des Verwalters herab, mit ihren Frauen und Kindern.

Kohlhaas stieg die Treppe vom Schloss hinunter. Da warf sich ihm die alte Haushälterin zu Füßen, die dem Junker den Haushalt führte. Sie war von der Gicht geplagt. Kohlhaas blieb auf der Stufe stehen und fragte sie, wo der Junker Wenzel von Tronka sei. Mit schwacher, zitternder Stimme antwortete sie, sie glaube, er habe sich in die Kapelle geflüchtet. Da rief er zwei Knechte mit Fackeln. Es gab keine Schlüssel, darum ließ er den Eingang mit Brechstangen und Beilen aufbrechen. Er warf Altäre und Bänke um. Aber zu seinem grimmigen Schmerz fand er den Junker auch hier nicht.

Gerade als Kohlhaas aus der Kapelle zurückkam, eilte ein junger Knecht herbei, der zum Gesinde der Tronkenburg gehörte. Er wollte die Streithengste des Junkers aus einem großen steinernen Stall holen, den die Flammen bedrohten. In demselben Augenblick sah Kohlhaas seine beiden Rappen in einem kleinen Schuppen mit Strohdach. Er fragte den Knecht, warum er nicht die Rappen rette. Der Knecht steckte gerade den Schlüssel in die Stalltür. Er antwortete, der Schuppen stehe ja schon in Flammen. Da riss ihm Kohlhaas heftig den Schlüssel aus der Stalltür und warf ihn über die Mauer. Mit flachen Hieben seiner Klinge, dicht wie Hagel, trieb er den Knecht in den brennenden Schuppen hinein. Die Umstehenden lachten entsetzlich. Und Kohlhaas zwang den Knecht, die Rappen zu retten.

Wenige Augenblicke später stürzte der Schuppen hinter dem Knecht zusammen. Er kam schreckensbleich heraus und hielt die Pferde an der Hand. Doch er fand Kohlhaas nicht mehr. Er ging zu den Knechten auf den Schlossplatz. Der Rosshändler kehrte ihm mehrmals den Rücken zu. Der Knecht fragte ihn, was er nun mit den Tieren machen solle. Da hob Kohlhaas plötzlich mit einer fürchterlichen Bewegung den Fuß. Hätte er zugetreten, wäre der Tritt der Tod des Knechts gewesen. Ohne ihm zu antworten, stieg er auf seinen Braunen. Er setzte sich unter das Tor der Burg. Während die Knechte ihr Werk fortsetzten, wartete er schweigend auf den Tag.

Als es Morgen wurde, war das ganze Schloss bis auf die Mauern niedergebrannt. Niemand war mehr darin außer Kohlhaas und seinen sieben Knechten. Er stieg vom Pferd. Im hellen Sonnenschein untersuchte er noch einmal den ganzen Platz, der jetzt bis in alle Winkel hell war. Es fiel ihm sehr schwer, aber er musste einsehen, dass der Angriff auf die Burg fehlgeschlagen war. Die Brust voll Schmerz und Jammer, schickte er Herse mit einigen Knechten aus. Sie sollten herausfinden, in welche Richtung der Junker geflohen war.

Besonders beunruhigte ihn ein reiches Fräuleinstift namens Erlabrunn. Es lag an den Ufern der Mulde. Seine Äbtissin, Antonia von Tronka, war in der Gegend als fromme, wohltätige und heilige Frau bekannt. Dem unglücklichen Kohlhaas schien es nur zu wahrscheinlich, dass der Junker sich in dieses Stift geflüchtet hatte. Denn er hatte nichts mehr bei sich, was er zum Leben brauchte. Und die Äbtissin war seine leibliche Tante und hatte ihn in seiner frühen Kindheit erzogen. Kohlhaas erkundigte sich nach diesen Dingen. Dann stieg er auf den Turm der Vogtei. Drinnen gab es noch ein Zimmer, in dem man wohnen konnte. Dort schrieb er ein sogenanntes „Kohlhaasisches Mandat“. Darin stand:

> Das Land soll dem Junker Wenzel von Tronka keine Hilfe geben. Denn Kohlhaas liegt mit ihm in einem gerechten Krieg. Jeder Bewohner ist vielmehr verpflichtet, den Junker an Kohlhaas auszuliefern. Das gilt auch für seine Verwandten und Freunde. Wer es nicht tut, wird an Leib und Leben bestraft. Und alles, was er besitzt, wird ganz sicher niedergebrannt.

Diese Erklärung ließ er durch Reisende und Fremde in der Gegend verbreiten. Waldmann, dem Knecht, gab er sogar eine Abschrift. Er gab ihm den genauen Auftrag, sie der Dame Antonia in Erlabrunn in die Hände zu geben. Danach sprach Kohlhaas mit einigen Knechten der Tronkenburg. Sie waren mit dem Junker unzufrieden. Die Aussicht auf Beute lockte sie, und sie wollten in seine Dienste treten. Er bewaffnete sie wie Fußsoldaten mit Armbrüsten und Dolchen. Und er brachte ihnen bei, hinter den berittenen Knechten aufzusitzen. Alles, was die Schar zusammengeschleppt hatte, machte er zu Geld. Das Geld verteilte er unter ihnen. Dann ruhte er sich einige Stunden unter dem Burgtor von seinen elenden Geschäften aus.

Gegen Mittag kam Herse zurück. Kohlhaas' Herz war immer auf die trübsten Ahnungen gefasst, und es hatte ihm schon alles gesagt. Herse bestätigte es nun: Der Junker war im Stift zu Erlabrunn, bei der alten Dame Antonia von Tronka, seiner Tante. Er hatte sich offenbar durch eine Tür in der hinteren Wand des Schlosses gerettet. Diese Tür ging ins Freie hinaus. Dahinter führte eine schmale Steintreppe unter einem kleinen Dach zu einigen Kähnen in die Elbe hinab. Wenigstens berichtete Herse Folgendes: Der Junker war um Mitternacht in einem Kahn ohne Steuer und Ruder in einem Elbdorf angekommen. Dort waren wegen des Brandes in der Tronkenburg viele Leute versammelt, und sie wunderten sich sehr. Mit einem Fuhrwerk aus dem Dorf war er dann nach Erlabrunn weitergereist.

Bei dieser Nachricht seufzte Kohlhaas tief. Er fragte, ob die Pferde gefressen hätten. Man antwortete: ja. Da ließ er die Schar aufsitzen, und schon nach drei Stunden stand er vor Erlabrunn. Am Horizont murmelte ein fernes Gewitter. Vor dem Ort hatten sie Fackeln angezündet. Mit ihnen zog er mit seiner Schar in den Klosterhof ein. Waldmann, der Knecht, trat ihm entgegen. Er meldete ihm, dass er das Mandat richtig abgegeben habe. In diesem Moment sah Kohlhaas die Äbtissin und den Stiftsvogt unter das Portal des Klosters treten. Sie stritten miteinander und waren ganz verstört.

Der Stiftsvogt war ein kleiner, alter, schneeweißer Mann. Er warf grimmige Blicke auf Kohlhaas und ließ sich die Rüstung anlegen. Mit kühner Stimme rief er den Knechten um ihn herum zu, sie sollten die Sturmglocke läuten. Die Äbtissin aber hielt das silberne Bild des Gekreuzigten in der Hand. Sie war bleich wie Leinen. Sie kam die Rampe herab und warf sich mit allen ihren jungen Frauen vor Kohlhaas' Pferd nieder. Herse und Sternbald überwältigten den Stiftsvogt, der kein Schwert in der Hand hatte. Sie führten ihn als Gefangenen zwischen die Pferde. Währenddessen fragte Kohlhaas die Äbtissin, wo der Junker Wenzel von Tronka sei.

Sie löste einen großen Schlüsselring von ihrem Gürtel. „In Wittenberg, Kohlhaas, würdiger Mann!“, antwortete sie. Und mit bebender Stimme fügte sie hinzu: „Fürchte Gott und tue kein Unrecht!“

Da wurde Kohlhaas in die Hölle der unbefriedigten Rache zurückgeschleudert. Er wendete das Pferd und wollte gerade rufen: „Steckt an!“ Da schlug ein ungeheurer Blitz dicht neben ihm in die Erde. Kohlhaas wendete sein Pferd wieder zu ihr zurück. Er fragte sie, ob sie sein Mandat bekommen habe.

„Eben jetzt!“, antwortete die Dame mit schwacher, kaum hörbarer Stimme.

„Wann?“

„Zwei Stunden, nachdem der Junker, mein Vetter, schon abgereist war, so wahr mir Gott helfe!“

Kohlhaas drehte sich mit finsteren Blicken zu Waldmann um. Der Knecht bestätigte stotternd, dass es so war. Die Mulde sei vom Regen angeschwollen, sagte er. Darum habe er nicht früher als eben jetzt ankommen können. Da sammelte sich Kohlhaas. Plötzlich rauschte ein furchtbarer Regenguss auf das Pflaster des Platzes nieder und löschte die Fackeln. Der Regen löste den Schmerz in seiner unglücklichen Brust. Er zog kurz den Hut vor der Dame und wendete sein Pferd. „Folgt mir, meine Brüder“, sagte er, „der Junker ist in Wittenberg!“ Er gab dem Pferd die Sporen und verließ das Stift.

Als es Nacht wurde, kehrte er in einem Wirtshaus an der Landstraße ein. Die Pferde waren sehr müde, darum musste er dort einen Tag ausruhen. Er hatte jetzt einen Haufen von zehn Mann, denn so stark war er inzwischen. Er sah wohl ein, dass er damit einer Stadt wie Wittenberg nicht trotzen konnte. Darum schrieb er ein zweites Mandat. Darin erzählte er kurz, was ihm im Land geschehen war. Dann rief er „jeden guten Christen“ auf, wie er sich ausdrückte:

> Jeder gute Christ soll seine Sache gegen den Junker von Tronka ergreifen. Denn der Junker ist der allgemeine Feind aller Christen. Dafür verspricht Kohlhaas ein Handgeld und andere kriegerische Vorteile.

In einem anderen Mandat, das bald darauf erschien, nannte er sich:

> Ein Herr, frei im Reich und in der Welt, allein Gott untertan.

Das war eine Schwärmerei von kranker und missgestalteter Art. Trotzdem brachte sie ihm viele Leute ein. Durch den Frieden mit Polen war viel Gesindel ohne Brot. Der Klang seines Geldes und die Aussicht auf Beute lockten diese Leute in Mengen an. So zählte er wirklich dreißig und einige Männer, als er auf die rechte Seite der Elbe zurückkehrte. Er wollte Wittenberg niederbrennen.

Mit Pferden und Knechten lagerte er unter dem Dach einer alten, verfallenen Ziegelscheune. Sie stand einsam in einem dunklen Wald, der damals rund um diese Stadt lag. Er schickte Sternbald verkleidet mit dem Mandat in die Stadt. Von ihm erfuhr er, dass man das Mandat dort schon kannte. Kaum hatte er das gehört, brach er mit seinem Haufen auf. Es war der heilige Abend vor Pfingsten. Die Bewohner lagen im tiefsten Schlaf. Da steckte er die Stadt an mehreren Ecken zugleich in Brand. Während die Knechte in der Vorstadt plünderten, klebte er ein Blatt an den Türpfeiler einer Kirche. Darauf stand:

> Er, Kohlhaas, hat die Stadt in Brand gesteckt. Wenn man ihm den Junker nicht ausliefert, wird er sie ganz niederbrennen. Dann wird er „hinter keiner Wand“ mehr suchen müssen, um ihn zu finden.

Das Entsetzen der Einwohner über dieses unerhörte Verbrechen war unbeschreiblich. Zum Glück war die Sommernacht ziemlich ruhig. So zerstörte das Feuer nicht mehr als neunzehn Häuser, darunter allerdings eine Kirche. Gegen Morgen war die Flamme einigermaßen gedämpft. Da schickte der alte Landvogt, Otto von Gorgas, schon ein Fähnlein von fünfzig Mann aus. Sie sollten den schrecklichen Wüterich fangen. Der Hauptmann, der sie führte, hieß Gerstenberg. Er stellte sich dabei aber so schlecht an, dass die ganze Unternehmung Kohlhaas nicht stürzte. Im Gegenteil, sie verhalf ihm zu einem höchst gefährlichen Kriegsruhm. Denn der Hauptmann teilte seine Leute in mehrere Gruppen. So wollte er ihn, wie er meinte, umzingeln und erdrücken. Kohlhaas aber hielt seinen Haufen zusammen. Er griff die einzelnen Gruppen an verschiedenen Orten an und schlug sie. Das Land hatte seine ganze Hoffnung auf diesen Haufen gesetzt. Doch schon am Abend des folgenden Tages stand kein einziger Mann davon mehr gegen ihn im Feld.

Kohlhaas hatte bei diesen Kämpfen einige Leute verloren. Am Morgen des nächsten Tages steckte er die Stadt von neuem in Brand. Seine mörderischen Vorbereitungen waren so gut, dass wieder eine Menge Häuser abbrannten. Dazu brannten fast alle Scheunen der Vorstadt nieder. Dabei klebte er wieder das bekannte Mandat an, und zwar an die Ecken des Rathauses selbst. Er fügte eine Nachricht über das Schicksal des Hauptmanns von Gerstenberg hinzu. Den hatte der Landvogt geschickt, und Kohlhaas hatte ihn vernichtet.

Über diesen Trotz war der Landvogt aufs Äußerste empört. Er stellte sich selbst mit mehreren Rittern an die Spitze eines Haufens von hundertfünfzig Mann. Der Junker Wenzel von Tronka bat ihn schriftlich um eine Wache, und der Landvogt gab sie ihm. Sie sollte ihn vor der Gewalt des Volkes schützen, das ihn unbedingt aus der Stadt haben wollte. In allen Dörfern der Gegend stellte er Wachen auf. Auch auf der Stadtmauer stellte er Posten auf, um die Stadt vor einem Überfall zu schützen. Dann zog er am Tag des heiligen Gervasius selbst aus. Er wollte den Drachen fangen, der das Land verwüstete.

Doch der Rosskamm war klug genug, diesem Haufen auszuweichen. Durch geschickte Märsche lockte er den Landvogt fünf Meilen von der Stadt fort. Durch verschiedene Maßnahmen brachte er ihn auf einen falschen Gedanken. Der Landvogt sollte glauben, dass Kohlhaas vor der Übermacht nach Brandenburg fliehen würde. Doch bei Einbruch der dritten Nacht wandte sich Kohlhaas plötzlich um. In einem wilden Ritt kehrte er nach Wittenberg zurück und steckte die Stadt zum dritten Mal in Brand. Herse schlich sich verkleidet in die Stadt und führte dieses schreckliche Kunststück aus. Ein scharfer Nordwind wehte, und das Feuer fraß verheerend um sich. In weniger als drei Stunden lagen zweiundvierzig Häuser in Schutt und Asche. Dazu kamen zwei Kirchen, mehrere Klöster und Schulen und sogar das Gebäude der kurfürstlichen Landvogtei.

Bei Tagesanbruch glaubte der Landvogt seinen Gegner in Brandenburg. Dann erfuhr er, was geschehen war, und kehrte bestürzt in eiligen Märschen zurück. Er fand die Stadt in allgemeinem Aufruhr. Das Volk lagerte zu Tausenden vor dem Haus des Junkers. Das Haus war mit Balken und Pfählen verrammelt. Mit rasendem Geschrei forderte das Volk, dass man ihn aus der Stadt bringe. Zwei Bürgermeister, Jenkens und Otto, standen in Amtskleidern an der Spitze des ganzen Rates. Vergeblich erklärten sie, man müsse unbedingt die Rückkehr eines Eilboten abwarten. Man hatte ihn an den Präsidenten der Staatskanzlei geschickt. Er sollte die Erlaubnis holen, den Junker nach Dresden zu bringen. Dorthin wollte der Junker aus mancherlei Gründen selbst gehen. Doch der unvernünftige Haufen, mit Spießen und Stangen bewaffnet, gab nichts auf diese Worte. Einige Räte forderten kräftige Maßnahmen, und man misshandelte sie. Schon wollte man das Haus, in dem der Junker war, stürmen und dem Erdboden gleichmachen. Da erschien der Landvogt, Otto von Gorgas, an der Spitze seiner Reiter in der Stadt.

Dieser würdige Herr war es gewohnt, dem Volk schon durch seine bloße Anwesenheit Ehrfurcht und Gehorsam einzuflößen. Seine Unternehmung war fehlgeschlagen. Doch gleichsam als Ersatz dafür hatte er dicht vor den Toren der Stadt drei versprengte Knechte aus der Bande des Mordbrenners gefangen. Vor den Augen des Volkes legte man die Kerle in Ketten. Währenddessen sprach der Landvogt klug zum Rat. Er sei Kohlhaas auf der Spur, sagte er, und werde ihn bald selbst gefesselt einbringen. Alle diese Umstände beruhigten das Volk. So gelang es ihm, die Angst der versammelten Menge zu entwaffnen. Die Leute fanden sich einigermaßen damit ab, dass der Junker bis zur Rückkehr des Eilboten aus Dresden blieb.

In Begleitung einiger Ritter stieg der Landvogt vom Pferd. Man räumte die Palisaden und Pfähle weg, und er ging in das Haus. Dort fand er den Junker, der aus einer Ohnmacht in die andere fiel. Zwei Ärzte versuchten, ihn mit Essenzen und Reizmitteln wieder ins Leben zurückzubringen. Herr Otto von Gorgas fühlte wohl, dass dies nicht der Augenblick war, mit ihm über sein Verhalten zu sprechen. Darum sagte er nur mit einem Blick stiller Verachtung, der Junker solle sich anziehen. Zu seiner eigenen Sicherheit solle er ihm in die Räume der Ritterhaft folgen.

Man zog dem Junker ein Wams an und setzte ihm einen Helm auf. Weil er nicht genug Luft bekam, war seine Brust noch halb offen. So erschien er auf der Straße, am Arm des Landvogts und seines Schwagers, des Grafen von Gerschau. Da stiegen gotteslästerliche und schreckliche Flüche gegen ihn zum Himmel. Die Landsknechte konnten das Volk nur mühsam zurückhalten. Die Leute nannten ihn einen Blutegel, einen elenden Landplager und Menschenquäler. Sie nannten ihn den Fluch der Stadt Wittenberg und das Verderben von Sachsen. Es war ein jämmerlicher Zug durch die zerstörte Stadt. Dabei verlor der Junker mehrmals den Helm, ohne es zu merken. Ein Ritter setzte ihn ihm von hinten wieder auf. Endlich erreichte man das Gefängnis. Dort verschwand er in einem Turm unter dem Schutz einer starken Wache.

Unterdessen kam der Eilbote mit der Resolution des Kurfürsten zurück. Das versetzte die Stadt in neue Sorge. Die Bürger von Dresden hatten sich nämlich in einer dringenden Supplik direkt an die Landesregierung gewandt. Und die Regierung wollte nichts davon wissen, dass der Junker in die Hauptstadt kam, bevor man den Mordbrenner besiegt hatte. Vielmehr verpflichtete sie den Landvogt, den Junker dort zu schützen, wo er war. Denn irgendwo müsse er ja sein. Dazu solle er die Macht gebrauchen, die er zur Verfügung hatte. Der guten Stadt Wittenberg aber meldete sie zur Beruhigung etwas anderes. Ein Heer von fünfhundert Mann unter dem Prinzen Friedrich von Meißen sei schon unterwegs. Es solle die Stadt vor weiteren Belästigungen durch Kohlhaas schützen.

Der Landvogt sah wohl ein, dass eine solche Resolution das Volk keineswegs beruhigen konnte. Denn der Rosshändler hatte vor der Stadt an verschiedenen Orten mehrere kleine Siege erkämpft. Darum gingen sehr unangenehme Gerüchte darüber um, wie stark er geworden war. Außerdem führte er seinen Krieg im Dunkel der Nacht, mit verkleidetem Gesindel, mit Pech, Stroh und Schwefel. So ein Krieg war unerhört und ohne Beispiel. Er hätte sogar einen größeren Schutz wirkungslos machen können als den, mit dem der Prinz von Meißen heranzog. Darum überlegte der Landvogt kurz und beschloss dann, die Resolution ganz und gar zu verschweigen. Er ließ nur einen Brief an die Ecken der Stadt kleben, in dem der Prinz von Meißen ihm seine Ankunft meldete. Bei Tagesanbruch kam ein verdeckter Wagen aus dem Hof des Herrenzwingers. Vier schwer bewaffnete Reiter begleiteten ihn, und er fuhr auf die Straße nach Leipzig hinaus. Die Reiter ließen auf unbestimmte Weise hören, es gehe zur Pleißenburg. So beruhigte sich das Volk über den unseligen Junker, an dessen Dasein Feuer und Schwert gebunden waren. Dann brach der Landvogt selbst mit einem Haufen von dreihundert Mann auf. Er wollte sich mit dem Prinzen Friedrich von Meißen vereinigen.

Inzwischen war Kohlhaas durch die seltsame Stellung, die er in der Welt einnahm, wirklich auf hundertneun Männer angewachsen. In Jassen hatte er auch einen Vorrat an Waffen gefunden. Damit hatte er seine Schar vollständig ausgerüstet. Er erfuhr von dem doppelten Unwetter, das auf ihn zukam. Da beschloss er, ihm mit der Schnelligkeit des Sturmwinds entgegenzugehen, bevor es über ihm zusammenschlug. Schon am nächsten Tag griff er den Prinzen von Meißen in einem nächtlichen Überfall bei Mühlberg an. Bei diesem Gefecht verlor er zu seinem großen Kummer Herse. Gleich bei den ersten Schüssen stürzte Herse an seiner Seite zusammen. Doch dieser Verlust machte Kohlhaas wütend. In einem drei Stunden langen Kampf richtete er den Prinzen übel zu. Der Prinz konnte seine Leute in dem kleinen Ort nicht sammeln. Er hatte mehrere schwere Wunden, und sein Haufen war in völliger Unordnung. Darum musste er bei Tagesanbruch den Rückweg nach Dresden antreten.

Dieser Erfolg machte Kohlhaas tollkühn. Er wandte sich zurück gegen den Landvogt, bevor dieser noch etwas davon wissen konnte. Bei dem Dorf Damerow griff er ihn am hellen Mittag auf freiem Feld an. Bis in die sinkende Nacht kämpfte er mit ihm. Die Verluste waren mörderisch, aber beide Seiten hatten gleich viel Erfolg. Der Landvogt hatte sich in den Kirchhof von Damerow zurückgezogen. Kohlhaas hätte ihn am nächsten Morgen mit dem Rest seines Haufens ganz sicher wieder angegriffen. Doch der Landvogt erfuhr durch Kundschafter von der Niederlage des Prinzen bei Mühlberg. Darum hielt er es für klüger, bis zu einem besseren Zeitpunkt ebenfalls nach Wittenberg zurückzukehren.

Fünf Tage nachdem er diese beiden Haufen auseinandergetrieben hatte, stand Kohlhaas vor Leipzig. Er steckte die Stadt an drei Seiten in Brand. Bei dieser Gelegenheit verbreitete er ein Mandat. Darin nannte er sich so:

> Ein Statthalter Michaels, des Erzengels. Er ist gekommen, um mit Feuer und Schwert die Arglist zu bestrafen. In dieser Arglist ist die ganze Welt versunken. Er bestraft sie an allen, die in diesem Streit für den Junker Partei ergreifen.

Er hatte das Schloss in Lützen überrumpelt und sich darin festgesetzt. Von dort aus rief er das Volk auf, sich ihm anzuschließen. Gemeinsam sollten sie eine bessere Ordnung der Dinge schaffen. Das Mandat war mit einer Art von Wahnsinn unterzeichnet:

> Gegeben auf dem Sitz unserer vorläufigen Weltregierung, dem Erzschlosse zu Lützen.

Zum Glück für die Einwohner von Leipzig fiel anhaltender Regen vom Himmel. Darum breitete sich das Feuer nicht aus. Und weil man schnell löschte, gingen nur einige Kramläden rund um die Pleißenburg in Flammen auf. Trotzdem war das Entsetzen in der Stadt unbeschreiblich. Der rasende Mordbrenner war da, und er glaubte fest, dass der Junker in Leipzig sei. Man schickte einen Haufen von hundertachtzig Reitern gegen ihn aus. Doch man trieb sie auseinander, und sie kamen in die Stadt zurück. Der Rat wollte den Reichtum der Stadt nicht in Gefahr bringen. Darum blieb ihm nichts anderes übrig, als die Tore ganz zu schließen. Die Bürger mussten Tag und Nacht außerhalb der Mauern Wache halten.

Vergeblich ließ der Rat in den Dörfern der Umgebung Erklärungen anschlagen. Darin versicherte er bestimmt, dass der Junker nicht in der Pleißenburg sei. Der Rosskamm bestand in ähnlichen Blättern darauf, dass er doch in der Pleißenburg sei. Und wenn er nicht darin sei, werde er wenigstens so handeln, als ob er darin wäre. Das werde er so lange tun, bis man ihm den Ort mit Namen nenne, an dem der Junker sei.

Der Kurfürst von Sachsen erfuhr durch einen Eilboten von der Not der Stadt Leipzig. Er erklärte, er sammle bereits ein Heer von zweitausend Mann. Er werde sich selbst an die Spitze stellen, um Kohlhaas zu fangen. Herrn Otto von Gorgas erteilte er einen schweren Tadel. Denn der Landvogt hatte eine zweideutige und unüberlegte List benutzt, um den Mordbrenner aus der Gegend von Wittenberg loszuwerden. Bald darauf erfuhr man in der Hauptstadt etwas Neues. In den Dörfern bei Leipzig hatte jemand eine Erklärung an Kohlhaas angeschlagen. Man wusste nicht, wer es gewesen war. Niemand kann die Verwirrung beschreiben, die da ganz Sachsen und besonders die Hauptstadt ergriff. Denn in der Erklärung stand:

> Wenzel, der Junker, befindet sich bei seinen Vettern Hinz und Kunz in Dresden.

Unter diesen Umständen übernahm Doktor Martin Luther eine schwere Aufgabe. Er wollte Kohlhaas mit der Kraft beruhigender Worte in die Grenzen der menschlichen Ordnung zurückbringen. Dabei half ihm das Ansehen, das er in der Welt hatte. Er baute auf etwas Gutes in der Brust des Mordbrenners. Darum veröffentlichte er ein Plakat an ihn. Es wurde in allen Städten und Marktorten des Kurfürstentums angeschlagen und lautete so:

> Kohlhaas, du behauptest, dass man dich geschickt hat, um das Schwert der Gerechtigkeit zu führen. Was wagst du, Vermessener, im Wahnsinn einer blinden Leidenschaft? Du bist doch selbst vom Kopf bis zum Fuß voll Ungerechtigkeit! Der Landesherr, dem du untertan bist, hat dir dein Recht verweigert. Es war dein Recht in einem Streit um eine wertlose Sache. Und deshalb erhebst du dich, Heilloser, mit Feuer und Schwert. Wie der Wolf der Wüste brichst du in die friedliche Gemeinschaft ein, die er schützt. Mit dieser Behauptung hast du die Menschen verführt, und sie ist voll Lüge und Arglist. Meinst du, Sünder, dass du damit einmal vor Gott durchkommst, an dem Tag, der in die Falten aller Herzen scheinen wird?
>
> Wie kannst du sagen, dass man dir dein Recht verweigert hat? Deine grimmige Brust wurde von der Lust an gemeiner Selbstrache gereizt. Deine ersten, leichtfertigen Versuche sind gescheitert. Danach hast du es ganz aufgegeben, dir dein Recht zu verschaffen. Ist eine Bank voll Gerichtsdienern und Schergen etwa deine Obrigkeit? Solche Leute unterschlagen einen Brief, den man ihnen bringt. Oder sie halten ein Urteil zurück, das sie weitergeben sollen. Muss ich dir sagen, Gottvergessener, dass deine Obrigkeit von deiner Sache nichts weiß? Was sage ich? Der Landesherr, gegen den du dich auflehnst, kennt nicht einmal deinen Namen. Einmal wirst du vor Gottes Thron treten und meinen, du könntest ihn anklagen. Dann wird er mit heiterem Gesicht sprechen können: „Diesem Mann, Herr, tat ich kein Unrecht, denn sein Dasein ist meiner Seele fremd.“
>
> Wisse: Das Schwert, das du führst, ist das Schwert des Raubes und der Mordlust. Du bist ein Rebell und kein Krieger des gerechten Gottes. Dein Ziel auf Erden sind Rad und Galgen. Und im Jenseits wartet die Verdammnis, die über Verbrechen und Gottlosigkeit verhängt ist.
>
> Wittenberg, usw.
>
> Martin Luther.

Kohlhaas war gerade im Schloss zu Lützen. In seiner zerrissenen Brust dachte er über einen neuen Plan nach: Er wollte Leipzig niederbrennen. Auf die Nachricht in den Dörfern, dass der Junker Wenzel in Dresden sei, gab er nichts. Denn niemand hatte sie unterschrieben, schon gar nicht der Rat der Stadt, wie er es verlangt hatte. Da bemerkten Sternbald und Waldmann das Plakat. Es war in der Nacht an das Tor des Schlosses angeschlagen worden, und sie bekamen einen großen Schreck. Mehrere Tage lang hofften sie vergeblich, dass Kohlhaas es selbst sehen würde. Sie wollten ihn nicht gern darauf ansprechen. Er erschien zwar in der Abendstunde, finster und in sich gekehrt. Aber er kam nur, um seine kurzen Befehle zu geben, und sah nichts. An einem Morgen wollte er ein paar Knechte aufknöpfen lassen. Sie hatten in der Gegend gegen seinen Willen geplündert. An diesem Morgen beschlossen die beiden, ihn auf das Plakat aufmerksam zu machen.

Gerade kam er vom Richtplatz zurück, und das Volk wich auf beiden Seiten scheu aus. Er kam in dem Aufzug, der seit seinem letzten Mandat bei ihm üblich war. Man trug ein großes Cherubsschwert vor ihm her. Es lag auf einem Kissen aus rotem Leder, das mit goldenen Quasten verziert war. Zwölf Knechte mit brennenden Fackeln folgten ihm. Da stellten sich die beiden Männer um den Pfeiler, an dem das Plakat hing. Sie hielten ihre Schwerter unter dem Arm und standen so seltsam da, dass es ihm auffallen musste.

Kohlhaas hatte die Hände auf dem Rücken zusammengelegt und war in Gedanken versunken. Als er unter das Portal kam, schlug er die Augen auf und stutzte. Die Knechte wichen bei seinem Anblick ehrerbietig zur Seite. Er sah sie zerstreut an und trat mit einigen schnellen Schritten an den Pfeiler heran. Aber wer kann beschreiben, was da in seiner Seele vorging? Er sah das Blatt, das ihn der Ungerechtigkeit beschuldigte. Und es war mit dem teuersten und ehrwürdigsten Namen unterschrieben, den er kannte: mit dem Namen Martin Luthers! Eine dunkle Röte stieg ihm ins Gesicht. Er nahm den Helm ab und las das Blatt zweimal von Anfang bis Ende. Mit unsicheren Blicken drehte er sich zu den Knechten um, als ob er etwas sagen wollte. Aber er sagte nichts. Er löste das Blatt von der Wand und las es noch einmal. Dann rief er: „Waldmann! Lass mir mein Pferd satteln!“ Und danach: „Sternbald! Folge mir ins Schloss!“ Und er verschwand.

Mehr als diese wenigen Worte waren nicht nötig. So war er plötzlich entwaffnet, obwohl er gerade noch so gefährlich und verderblich dastand. Er verkleidete sich als thüringischer Landpächter. Zu Sternbald sagte er, ein sehr wichtiges Geschäft zwinge ihn, nach Wittenberg zu reisen. Vor einigen der besten Knechte übergab er ihm die Führung des Haufens, der in Lützen blieb. Er versicherte, dass er in drei Tagen zurück sein werde. In dieser Zeit sei kein Angriff zu fürchten. Dann zog er nach Wittenberg ab.

Dort stieg er unter einem fremden Namen in einem Wirtshaus ab. Sobald die Nacht angebrochen war, ging er zu Luther. Er trug seinen Mantel und hatte ein Paar Pistolen bei sich, die er in der Tronkenburg erbeutet hatte. So trat er in Luthers Zimmer. Luther saß zwischen Schriften und Büchern an seinem Schreibtisch. Er sah, wie der fremde, seltsame Mann die Tür öffnete und hinter sich verriegelte. Er fragte ihn, wer er sei und was er wolle. Der Mann hielt seinen Hut ehrerbietig in der Hand. Er ahnte schon schüchtern, wie sehr er Luther erschrecken würde.

„Ich bin Michael Kohlhaas, der Rosshändler“, antwortete er.

Kaum hatte er das gesagt, da rief Luther schon: „Weiche fern hinweg!“ Er stand vom Schreibtisch auf und eilte zu einer Klingel. „Dein Atem ist Pest, und deine Nähe ist Verderben!“, fügte er hinzu.

Kohlhaas bewegte sich nicht von der Stelle. Er zog seine Pistole und sagte: „Hochwürdiger Herr, seht diese Pistole! Wenn Ihr die Klingel berührt, streckt sie mich tot zu Euren Füßen nieder! Setzt Euch und hört mich an. Unter den Engeln, deren Psalmen Ihr aufschreibt, seid Ihr nicht sicherer als bei mir.“

Luther setzte sich und fragte: „Was willst du?“

„Ich will Eure Meinung widerlegen, dass ich ein ungerechter Mann bin!“, antwortete Kohlhaas. „In Eurem Plakat habt Ihr mir gesagt, dass meine Obrigkeit von meiner Sache nichts weiß. Nun gut: Verschafft mir freies Geleit! Dann gehe ich nach Dresden und lege ihr meine Sache vor.“

„Heilloser und entsetzlicher Mann!“, rief Luther. Diese Worte verwirrten ihn und beruhigten ihn zugleich. „Wer gab dir das Recht, den Junker von Tronka zu überfallen, nur nach deinen eigenen Rechtsschlüssen? Und du fandest ihn nicht in seiner Burg. Wer gab dir da das Recht, die ganze Gemeinschaft mit Feuer und Schwert heimzusuchen, die ihn schützt?“

„Hochwürdiger Herr, niemand, von jetzt an!“, antwortete Kohlhaas. „Eine Nachricht, die ich aus Dresden bekam, hat mich getäuscht und verführt! Der Krieg, den ich mit der Gemeinschaft der Menschen führe, ist ein Verbrechen. Das ist er, wenn ich nicht aus ihr verstoßen war, wie Ihr mir versichert habt!“

„Verstoßen!“, rief Luther und sah ihn an. „Was für eine Raserei hat deine Gedanken ergriffen? Wer hätte dich aus der Gemeinschaft des Staates verstoßen, in dem du lebtest? Ja, seit es Staaten gibt: Wo gibt es einen Fall, dass irgendjemand daraus verstoßen worden wäre?“

Kohlhaas drückte die Hand zusammen und antwortete: „Verstoßen nenne ich den, dem der Schutz der Gesetze verweigert wird! Denn ich brauche diesen Schutz, damit mein friedliches Gewerbe gedeihen kann. Ja, nur deshalb flüchte ich mich mit allem, was ich erworben habe, in diese Gemeinschaft. Wer mir diesen Schutz verweigert, der stößt mich hinaus zu den Wilden in der Einöde. Er gibt mir die Keule in die Hand, mit der ich mich selbst schütze. Wie wollt Ihr das leugnen?“

„Wer hat dir den Schutz der Gesetze verweigert?“, rief Luther. „Schrieb ich dir nicht, dass der Landesherr deine Klage nicht kennt? Du hast sie bei ihm eingereicht, aber sie ist ihm fremd. Vielleicht unterschlagen Staatsdiener hinter seinem Rücken Prozesse. Oder sie spotten sonst über seinen heiligen Namen, ohne dass er es weiß. Wer außer Gott darf ihn dann zur Rechenschaft ziehen, weil er solche Diener gewählt hat? Und bist du, gottverdammter und entsetzlicher Mensch, berechtigt, ihn deshalb zu richten?“

„Nun gut“, entgegnete Kohlhaas. „Wenn der Landesherr mich nicht verstößt, dann kehre ich auch in die Gemeinschaft zurück, die er schützt. Ich wiederhole es: Verschafft mir freies Geleit nach Dresden! Dann lasse ich den Haufen auseinandergehen, den ich im Schloss zu Lützen gesammelt habe. Und ich bringe die Klage, mit der man mich abgewiesen hat, noch einmal vor das Tribunal des Landes.“

Luther machte ein verdrießliches Gesicht. Er warf die Papiere auf seinem Tisch übereinander und schwieg. Die trotzige Stellung, die dieser seltsame Mensch im Staat einnahm, ärgerte ihn. Er dachte an den Rechtsschluss, den Kohlhaas von Kohlhaasenbrück aus an den Junker geschickt hatte. Dann fragte er, was er denn vom Tribunal in Dresden verlange.

Kohlhaas antwortete: „Die Bestrafung des Junkers nach den Gesetzen. Die Wiederherstellung der Pferde in ihren früheren Zustand. Und Ersatz für den Schaden durch die Gewalttat, die man an uns verübt hat. Diesen Schaden habe ich erlitten und auch mein Knecht Herse, der bei Mühlberg gefallen ist.“

„Ersatz des Schadens!“, rief Luther. „Du hast Summen zu Tausenden bei Juden und Christen aufgenommen, auf Wechsel und Pfänder. Damit hast du deine wilde Selbstrache bezahlt. Wirst du diesen Wert auch auf die Rechnung setzen, wenn man danach fragt?“

„Gott behüte!“, antwortete Kohlhaas. „Haus und Hof und den Wohlstand, den ich besessen habe, fordere ich nicht zurück. Auch nicht die Kosten für das Begräbnis meiner Frau! Herses alte Mutter wird eine Rechnung über die Heilkosten bringen. Dazu eine Liste von allem, was ihr Sohn in der Tronkenburg verloren hat. Ich konnte die Rappen nicht verkaufen und habe dadurch Schaden gehabt. Diesen Schaden kann die Regierung von einem Sachverständigen schätzen lassen.“

„Rasender, unbegreiflicher und entsetzlicher Mensch!“, sagte Luther und sah ihn an. „Dein Schwert hat sich am Junker gerächt, so grimmig, wie man es sich nur denken kann. Was treibt dich jetzt noch, auf einem Urteil gegen ihn zu bestehen? Wenn es am Ende fällt, trifft es ihn doch nur mit einem sehr geringen Gewicht.“

Eine Träne rollte Kohlhaas über die Wange, und er antwortete: „Hochwürdiger Herr! Es hat mich meine Frau gekostet. Kohlhaas will der Welt zeigen, dass sie nicht in einem ungerechten Handel umgekommen ist. Gebt in diesen Punkten meinem Willen nach und lasst den Gerichtshof sprechen. In allem anderen, worüber man noch streiten mag, gebe ich Euch nach.“

Luther sagte: „Schau her: Was du forderst, ist gerecht, wenn die Umstände wirklich so sind, wie die Leute sagen. Du hättest den Streit vor den Landesherrn bringen sollen, bevor du eigenmächtig zur Selbstrache gegriffen hast. Dann hätte man dir deine Forderung Punkt für Punkt bewilligt, daran zweifle ich nicht. Doch wenn man alles gut überlegt: Hättest du dem Junker nicht besser vergeben, um deines Erlösers willen? Du hättest die Rappen bei der Hand nehmen können, so dürr und abgehärmt sie waren. Dann hättest du aufsitzen und heimreiten können, um sie in deinem Stall in Kohlhaasenbrück dick zu füttern.“

Kohlhaas trat ans Fenster. „Kann sein!“, antwortete er. „Kann sein, auch nicht! Hätte ich gewusst, dass ich sie mit Blut aus dem Herzen meiner lieben Frau auf die Beine bringen muss: Kann sein, dann hätte ich getan, wie Ihr sagt, hochwürdiger Herr. Dann hätte ich einen Scheffel Hafer nicht gescheut! Aber sie sind mir nun einmal so teuer zu stehen gekommen. Darum soll die Sache, meine ich, ihren Lauf nehmen. Lasst das Urteil sprechen, wie es mir zusteht. Und lasst den Junker mir die Rappen dick füttern.“

Luther griff in vielerlei Gedanken wieder zu seinen Papieren. Er sagte, er wolle für ihn mit dem Kurfürsten verhandeln. Inzwischen solle Kohlhaas sich im Schloss zu Lützen ruhig verhalten. Wenn der Herr ihm freies Geleit bewillige, werde man es ihm durch öffentliche Anschläge bekannt machen. Kohlhaas beugte sich hinunter, um ihm die Hand zu küssen. Da fuhr Luther fort: „Allerdings weiß ich nicht, ob der Kurfürst Gnade vor Recht ergehen lässt. Denn ich höre, er hat ein Heer zusammengezogen. Er will dich bald im Schloss zu Lützen gefangen nehmen. Aber wie ich dir schon gesagt habe: An meiner Mühe soll es nicht fehlen.“ Damit stand er auf und machte Anstalten, ihn zu entlassen.

Kohlhaas meinte, dass Luthers Fürsprache ihn in diesem Punkt völlig beruhige. Darauf grüßte Luther ihn mit der Hand. Kohlhaas aber kniete plötzlich vor ihm nieder. Er sagte, er habe noch eine Bitte auf dem Herzen. Zu Pfingsten gehe er gewöhnlich zum Tisch des Herrn. Diesmal habe er wegen seiner Kriegszüge die Kirche versäumt. Ob Luther so gütig sein wolle, ohne weitere Vorbereitung seine Beichte zu hören? Und ob er ihm dafür die Wohltat des heiligen Sakraments geben wolle?

Luther überlegte kurz und sah ihn scharf an. „Ja, Kohlhaas, das will ich tun!“, sagte er. „Der Herr aber, dessen Leib du begehrst, vergab seinem Feind.“ Kohlhaas sah ihn verlegen an. Da fügte Luther hinzu: „Willst du dem Junker, der dich beleidigt hat, ebenfalls vergeben? Willst du zur Tronkenburg gehen und dich auf deine Rappen setzen? Und willst du mit ihnen nach Kohlhaasenbrück heimreiten, um sie dick zu füttern?“

„Hochwürdiger Herr“, sagte Kohlhaas. Er wurde rot und nahm Luthers Hand.

„Nun?“

„Der Herr hat auch nicht allen seinen Feinden vergeben. Lasst mich den Kurfürsten vergeben, meinen beiden Herren. Lasst mich dem Schlossvogt und dem Verwalter vergeben, den Herren Hinz und Kunz und allen anderen, die mich in dieser Sache gekränkt haben. Den Junker aber lasst mich, wenn es sein kann, dazu zwingen, dass er mir die Rappen wieder dick füttert.“

Bei diesen Worten drehte Luther ihm mit einem unzufriedenen Blick den Rücken zu und zog an der Klingel. Darauf meldete sich ein Famulus mit einem Licht im Vorraum. Kohlhaas stand verlegen vom Boden auf und trocknete sich die Augen. Der Famulus versuchte vergeblich, die Tür zu öffnen, denn der Riegel war vorgeschoben. Luther hatte sich wieder zu seinen Papieren gesetzt. Da machte Kohlhaas dem Mann die Tür auf. Luther warf einen kurzen Seitenblick auf den fremden Mann und sagte zum Famulus: „Leuchte!“ Der Famulus wunderte sich ein wenig über den Besuch, den er da sah. Er nahm den Hausschlüssel von der Wand. Dann trat er zurück unter die halb offene Tür und wartete, bis der Fremde ging.

Kohlhaas nahm bewegt seinen Hut zwischen beide Hände und sprach: „Und so kann ich, hochwürdigster Herr, die Wohltat der Versöhnung nicht bekommen, um die ich Euch gebeten habe?“

Luther antwortete kurz: „Mit deinem Heiland: nein. Mit dem Landesherrn: Das bleibt einem Versuch vorbehalten, wie ich es dir versprochen habe!“

Damit winkte er dem Famulus, seine Aufgabe ohne weiteren Aufschub zu erledigen. Kohlhaas legte mit einem Ausdruck schmerzlichen Gefühls beide Hände auf die Brust. Er folgte dem Mann, der ihm die Treppe hinunterleuchtete, und verschwand.

Am anderen Morgen schickte Luther ein Sendschreiben an den Kurfürsten von Sachsen. Darin warf er zuerst einen bitteren Seitenblick auf die Herren Hinz und Kunz, den Kämmerer und den Mundschenk von Tronka. Sie waren immer um den Kurfürsten, und jeder wusste, dass sie die Klage unterschlagen hatten. Dann sagte er dem Herrn offen seine Meinung, wie es seine Art war. Bei so ärgerlichen Umständen bleibe nichts anderes übrig, als den Vorschlag des Rosshändlers anzunehmen. Man müsse ihm für das Geschehene Amnestie geben, damit sein Prozess neu beginnen könne. Die öffentliche Meinung, bemerkte er, sei auf höchst gefährliche Weise auf der Seite dieses Mannes. Selbst in Wittenberg, das er dreimal niedergebrannt habe, spreche eine Stimme für ihn. Wenn man sein Angebot ablehne, werde er es ganz sicher dem Volk bekannt machen, mit gehässigen Bemerkungen. Dann könne man das Volk leicht so sehr verführen, dass die Staatsgewalt nichts mehr gegen ihn tun könne. Zum Schluss schrieb er: In diesem außerordentlichen Fall müsse man über ein Bedenken hinweggehen. Es sei zwar bedenklich, mit einem Bürger zu verhandeln, der zu den Waffen gegriffen habe. Aber durch die Art, wie man ihn behandelt habe, sei er wirklich gewissermaßen aus dem Staat hinausgestellt worden. Kurz: Um aus diesem Handel herauszukommen, müsse man ihn eher als eine fremde Macht betrachten, die ins Land eingefallen sei. Als Ausländer passe er ja auch einigermaßen in diese Rolle. Man solle ihn weniger als einen Rebellen betrachten, der sich gegen den Thron auflehne.

Der Kurfürst bekam diesen Brief gerade, als mehrere Herren bei ihm im Schloss waren. Da war der Prinz Christiern von Meißen, der Generalissimus des Reichs. Er war der Onkel des Prinzen Friedrich von Meißen. Dieser war bei Mühlberg geschlagen worden und lag noch an seinen Wunden krank. Da waren der Großkanzler des Tribunals, Graf Wrede, und Graf Kallheim, der Präsident der Staatskanzlei. Und da waren die beiden Herren Hinz und Kunz von Tronka: Kunz war Kämmerer, Hinz war Mundschenk. Sie waren die Jugendfreunde und Vertrauten des Herrn.

Der Kämmerer, Herr Kunz, sprach zuerst. Er war Geheimrat und besorgte den geheimen Briefwechsel des Herrn. Dabei durfte er auch seinen Namen und sein Wappen benutzen. Zuerst erklärte er noch einmal ausführlich etwas über die Klage des Rosshändlers gegen den Junker, seinen Vetter. Er hätte sie niemals eigenmächtig beim Tribunal niedergeschlagen, wenn ihn nicht falsche Angaben verführt hätten. Denn er habe sie für eine völlig grundlose und nichtsnutzige Plackerei gehalten. Dann kam er auf die jetzige Lage. Er bemerkte: Wegen dieses Fehlers habe der Rosskamm kein Recht auf eine so ungeheure Selbstrache gehabt. Weder göttliche noch menschliche Gesetze hätten sie ihm erlaubt. Dann beschrieb er, was geschehen würde, wenn man mit ihm wie mit einer rechtmäßigen Kriegsmacht verhandelte. Welcher Glanz würde dann auf sein gottverdammtes Haupt fallen! Und die Schande, die dadurch auf die heilige Person des Kurfürsten zurückfiele, fand er unerträglich. Im Feuer seiner Rede sagte er, lieber wolle er das Äußerste erleben. Lieber wolle er sehen, dass man den Rechtsschluss des rasenden Rebellen erfüllte. Dann müsste man den Junker, seinen Vetter, nach Kohlhaasenbrück bringen, damit er dort die Rappen dick füttere. Selbst das wäre ihm lieber, als wenn man den Vorschlag von Doktor Luther annähme.

Der Großkanzler des Tribunals, Graf Wrede, wandte sich halb zu ihm. Jetzt zeige Kunz bei der Lösung dieser schwierigen Sache eine so zarte Sorge um den Ruhm des Herrn, sagte er. Er bedaure, dass ihn diese Sorge nicht schon am Anfang der Sache erfüllt habe. Dann trug er dem Kurfürsten sein Bedenken vor. Man solle die Staatsgewalt nicht für eine Maßnahme benutzen, die offenbar unrecht sei. Er warf einen bedeutungsvollen Blick auf den Zulauf, den der Rosshändler immer noch im Land fand. Und er bemerkte, so drohe der Faden der Verbrechen sich endlos weiterzuspinnen. Nur ein schlichtes, gerechtes Handeln könne ihn abreißen. Man müsse den Fehler, den man begangen habe, sofort und ohne Rücksicht wiedergutmachen. Nur so könne die Regierung glücklich aus diesem hässlichen Handel herauskommen.

Der Kurfürst fragte den Prinzen Christiern von Meißen, was er davon halte. Der Prinz wandte sich mit Verehrung an den Großkanzler. Er sagte, dessen Denkungsart erfülle ihn zwar mit dem größten Respekt. Aber Wrede wolle Kohlhaas zu seinem Recht verhelfen. Dabei bedenke er nicht, dass er so Wittenberg und Leipzig schade und dem ganzen Land, das Kohlhaas misshandelt habe. Sie alle hätten einen gerechten Anspruch auf Schadenersatz oder wenigstens auf Bestrafung. Die Ordnung des Staates sei durch diesen Mann so durcheinandergeraten, dass man sie schwerlich wieder einrenken könne. Ein Grundsatz aus der Wissenschaft des Rechts reiche dafür nicht aus. Darum stimme er so wie der Kämmerer. Man solle das Mittel benutzen, das für solche Fälle bestimmt sei. Man solle ein Heer von genügender Größe zusammenbringen. Damit solle man den Rosshändler, der sich in Lützen festgesetzt habe, gefangen nehmen oder zerschlagen.

Der Kämmerer nahm Stühle von der Wand, für den Prinzen und für den Kurfürsten. Er stellte sie höflich ins Zimmer. Dabei sagte er, er freue sich über etwas: Ein Mann von solcher Rechtschaffenheit und Einsicht wolle diese zweideutige Sache mit demselben Mittel lösen wie er.

Der Prinz hielt den Stuhl in der Hand, ohne sich zu setzen, und sah ihn an. Er versicherte ihm, er habe gar keinen Grund, sich darüber zu freuen. Denn zu dieser Maßnahme gehöre notwendig ein erster Schritt. Vorher müsse man nämlich einen Haftbefehl gegen ihn, den Kämmerer, erlassen. Und man müsse ihm den Prozess machen, weil er den Namen des Landesherrn missbraucht habe. Manchmal verlange die Not, vor dem Thron der Gerechtigkeit einen Schleier fallen zu lassen. Das gelte für eine Reihe von Verbrechen, die sich ohne Ende weiter vermehrt hätten. Für sie sei vor den Schranken des Gerichts kein Platz mehr. Aber das gelte nicht für das erste Verbrechen, das alle anderen verursacht habe. Erst wenn man ihn, den Kämmerer, auf Leben und Tod anklage, dürfe der Staat den Rosshändler zermalmen. Denn die Sache des Rosshändlers sei, wie man wisse, sehr gerecht. Und man habe ihm das Schwert, das er führe, selbst in die Hand gegeben.

Bei diesen Worten sah Kunz den Kurfürsten betroffen an. Der Kurfürst wurde über das ganze Gesicht rot, wandte sich ab und trat ans Fenster.

Nach einer verlegenen Pause auf allen Seiten sprach Graf Kallheim. Er sagte, auf diese Weise komme man aus dem Zauberkreis nicht heraus, in dem man gefangen sei. Mit demselben Recht könne man dem Neffen des Prinzen, dem Prinzen Friedrich, den Prozess machen. Denn auch er habe auf seinem seltsamen Streifzug gegen Kohlhaas seine Befehle auf mancherlei Weise überschritten. Man frage nach der großen Schar derer, die diese schwierige Lage verursacht hätten. Dann müsse man auch ihn zu ihnen zählen. Und der Landesherr müsse ihn für das zur Rechenschaft ziehen, was bei Mühlberg geschehen sei.

Der Kurfürst trat mit unsicheren Blicken an seinen Tisch. Währenddessen nahm der Mundschenk, Herr Hinz von Tronka, das Wort. Er sagte, er begreife nicht, wie Männern von solcher Weisheit der richtige Beschluss entgehen könne. Der Rosshändler habe, soviel er wisse, etwas versprochen: Er wolle den Haufen auseinandergehen lassen, mit dem er ins Land gefallen sei. Dafür verlange er bloß freies Geleit nach Dresden und eine neue Untersuchung seiner Sache. Daraus folge aber nicht, dass man ihm für seine frevelhafte Selbstrache Amnestie geben müsse. Das seien zwei verschiedene Rechtsbegriffe. Doktor Luther und auch der Staatsrat schienen sie zu verwechseln. Dann legte er den Finger an die Nase und fuhr fort: „Irgendwann fällt beim Tribunal in Dresden das Urteil wegen der Rappen, gleichgültig wie. Danach hindert uns nichts, den Kohlhaas einzusperren, wegen seiner Mordbrennereien und Räubereien. Das ist eine staatskluge Wendung. Sie vereint die Vorteile der Ansichten beider Staatsmänner. Und der Beifall der Welt und der Nachwelt ist ihr sicher.“

Der Prinz und der Großkanzler antworteten Herrn Hinz auf diese Rede nur mit einem Blick. Die Beratung schien damit beendet. Da sagte der Kurfürst, er wolle die verschiedenen Meinungen bis zur nächsten Sitzung des Staatsrats selbst überdenken.

Es schien, als hätte die vorläufige Maßnahme, von der der Prinz gesprochen hatte, dem Kurfürsten die Lust genommen. Sein Herz war sehr offen für Freundschaft. Nun wollte er den Kriegszug gegen Kohlhaas nicht mehr ausführen, obwohl schon alles dafür vorbereitet war. Wenigstens behielt er den Großkanzler, Graf Wrede, bei sich zurück. Dessen Meinung schien ihm die vernünftigste. Wrede zeigte ihm Briefe. Daraus ging hervor, dass der Rosshändler wirklich schon auf vierhundert Mann angewachsen war. Im Land herrschte allgemeine Unzufriedenheit wegen des unziemlichen Verhaltens des Kämmerers. Darum konnte Kohlhaas bald sogar mit der doppelten und dreifachen Stärke rechnen. Da beschloss der Kurfürst ohne weiteres Zögern, den Rat von Doktor Luther anzunehmen. Er übergab dem Grafen Wrede die ganze Leitung der Kohlhaas-Sache. Und schon nach wenigen Tagen erschien ein Plakat. Wir teilen es hier in seinem Hauptinhalt mit:

> Wir etc., etc. Kurfürst von Sachsen, erteilen dem Michael Kohlhaas, Rosshändler aus dem Brandenburgischen, freies Geleit nach Dresden. Wir tun das in besonders gnädiger Rücksicht auf die Fürsprache, die Doktor Martin Luther bei Uns eingelegt hat. Das Geleit gilt für eine neue Untersuchung seiner Sache. Die Bedingung ist: Er muss innerhalb von drei Tagen, nachdem er dies gesehen hat, die Waffen niederlegen. Vielleicht weist das Tribunal in Dresden seine Klage wegen der Rappen ab. Das ist nicht zu erwarten. Wenn es aber geschieht, wird man gegen ihn mit der ganzen Strenge des Gesetzes vorgehen. Denn er hat eigenmächtig versucht, sich selbst Recht zu verschaffen. Im anderen Fall aber soll ihm und seinem ganzen Haufen Gnade statt Recht gewährt werden. Dann erhält er völlige Amnestie für die Gewalttaten, die er in Sachsen verübt hat.

Das Plakat wurde überall im Land angeschlagen. Kohlhaas erhielt durch Doktor Luther ein Exemplar davon. Die Sprache darin stellte zwar Bedingungen. Trotzdem ließ er sofort seinen ganzen Haufen auseinandergehen, mit Geschenken, Dank und nützlichen Ermahnungen. Alles, was er an Geld, Waffen und Geräten erbeutet hatte, legte er bei den Gerichten in Lützen nieder, als Eigentum des Kurfürsten. Er schickte Waldmann mit Briefen zum Amtmann nach Kohlhaasenbrück. Denn er wollte, wenn möglich, seine Meierei zurückkaufen. Und er schickte Sternbald nach Schwerin, um seine Kinder zu holen. Er wollte sie wieder bei sich haben. Dann verließ er das Schloss zu Lützen. Unerkannt ging er nach Dresden. Den Rest seines kleinen Vermögens trug er in Papieren bei sich.

Der Tag brach gerade an, und die ganze Stadt schlief noch. Da klopfte er an die Tür seines kleinen Besitzes in der Pirnaischen Vorstadt. Dieser Besitz war ihm durch die Ehrlichkeit des Amtmanns geblieben. Thomas, der alte Hausmann, führte dort die Wirtschaft. Er öffnete ihm voller Staunen und Schrecken. Kohlhaas sagte zu ihm, er solle dem Prinzen von Meißen im Gubernium etwas melden: Kohlhaas, der Rosshändler, sei da.

Der Prinz von Meißen hielt es für richtig, sich sofort selbst ein Bild zu machen. Er wollte wissen, wie man mit diesem Mann stand. Bald darauf erschien er mit einem Gefolge von Rittern und Trossknechten. Da fand er in den Straßen zu Kohlhaas' Wohnung schon eine unermessliche Menschenmenge. Eine Nachricht hatte ganz Dresden auf die Beine gebracht, die Stadt und die Vorstadt: Der Würgengel sei da, der die Unterdrücker des Volkes mit Feuer und Schwert verfolge. Man musste die Haustür vor dem Andrang der neugierigen Menge verriegeln. Die Jungen kletterten an den Fenstern hoch. Sie wollten den Mordbrenner sehen, der drinnen frühstückte.

Die Wache machte dem Prinzen Platz, und so drang er ins Haus. Er trat in Kohlhaas' Zimmer. Kohlhaas stand halb angezogen an einem Tisch. Der Prinz fragte ihn, ob er Kohlhaas, der Rosshändler, sei. Kohlhaas nahm eine Brieftasche aus seinem Gürtel. Darin waren mehrere Papiere über seine Lage. Er überreichte sie ihm ehrerbietig und antwortete: „Ja!“ Dann fügte er hinzu, er habe seinen Kriegshaufen aufgelöst. Nun komme er nach Dresden, wie es ihm der Landesherr erlaubt habe. Er wolle seine Klage wegen der Rappen gegen den Junker Wenzel von Tronka vor Gericht bringen.

Der Prinz musterte ihn mit einem flüchtigen Blick von Kopf bis Fuß. Dann las er die Papiere in der Brieftasche durch. Darin fand er einen Schein, den das Gericht in Lützen ausgestellt hatte. Es ging um das, was Kohlhaas zugunsten der kurfürstlichen Kasse dort hinterlegt hatte. Der Prinz ließ sich von ihm erklären, was es damit auf sich hatte. Dann prüfte er die Art des Mannes noch mit mancherlei Fragen. Er fragte nach seinen Kindern, nach seinem Vermögen und nach dem Leben, das er künftig führen wollte. Überall fand er ihn so, dass man seinetwegen wohl ruhig sein konnte. Er gab ihm die Papiere zurück. Er sagte, seinem Prozess stehe nichts im Weg. Um ihn zu beginnen, solle er sich nur direkt an den Großkanzler des Tribunals wenden, an Graf Wrede.

Nach einer Pause trat der Prinz ans Fenster. Mit großen Augen sah er auf das Volk, das vor dem Haus versammelt war. „Inzwischen“, sagte er, „wirst du für die ersten Tage eine Wache annehmen müssen. Sie soll dich schützen, in deinem Haus und auch, wenn du ausgehst!“

Kohlhaas sah betroffen vor sich nieder und schwieg.

„Gleichviel!“, sagte der Prinz und verließ das Fenster wieder. „Was daraus entsteht, hast du dir selbst zuzuschreiben.“ Damit wandte er sich wieder zur Tür, um das Haus zu verlassen.

Kohlhaas hatte sich besonnen und sprach: „Gnädigster Herr! Tut, was Ihr wollt! Gebt mir Euer Wort, dass Ihr die Wache wieder aufhebt, sobald ich es wünsche. Dann habe ich gegen diese Maßnahme nichts einzuwenden!“

Der Prinz antwortete, darüber brauche man nicht zu reden. Man stellte ihm drei Landsknechte für diesen Zweck vor. Er erklärte ihnen: Der Mann, in dessen Haus sie blieben, sei frei. Sie sollten ihm nur zu seinem Schutz folgen, wenn er ausginge. Dann grüßte er den Rosshändler mit einer herablassenden Handbewegung und ging.

Gegen Mittag ging Kohlhaas zum Großkanzler des Tribunals, Graf Wrede. Seine drei Landsknechte begleiteten ihn, und eine unübersehbare Menge folgte ihm. Doch die Polizei hatte die Leute gewarnt, und so taten sie ihm auf keine Weise etwas zuleide. Der Großkanzler empfing ihn mild und freundlich in seinem Vorzimmer. Zwei ganze Stunden lang unterhielt er sich mit ihm. Er ließ sich den ganzen Verlauf der Sache von Anfang bis Ende erzählen. Dann schickte er ihn zu einem berühmten Advokaten der Stadt, der beim Gericht angestellt war. Dieser sollte die Klage sofort aufsetzen und einreichen. Kohlhaas ging ohne Verzögerung in dessen Wohnung. Die Klage wurde ganz so aufgesetzt wie die erste, die man niedergeschlagen hatte. Er forderte die Bestrafung des Junkers nach den Gesetzen und die Wiederherstellung der Pferde in den früheren Zustand. Außerdem forderte er Ersatz für seinen eigenen Schaden. Und er forderte Ersatz für den Schaden seines Knechts Herse, der bei Mühlberg gefallen war. Dieses Geld sollte Herses alte Mutter bekommen. Danach ging Kohlhaas wieder nach Hause. Das Volk begleitete ihn und gaffte ihn immer noch an. Er war fest entschlossen, das Haus nur noch zu verlassen, wenn notwendige Geschäfte ihn riefen.

Inzwischen war auch der Junker aus seiner Haft in Wittenberg entlassen worden. Er hatte eine gefährliche Rose gehabt, die seinen Fuß entzündet hatte. Als er davon gesund war, forderte ihn das Landesgericht mit strenger Frist auf, nach Dresden zu kommen. Dort sollte er sich wegen der Klage des Rosshändlers Kohlhaas verantworten. Es ging um die Rappen, die er ihm widerrechtlich abgenommen und ruiniert hatte. Er stieg im Haus der Brüder ab, des Kämmerers und des Mundschenks von Tronka. Sie waren seine Lehnsvettern. Sie empfingen ihn mit der größten Erbitterung und Verachtung. Sie nannten ihn einen elenden und nichtswürdigen Menschen, der Schande und Schmach über die ganze Familie bringe. Sie kündigten ihm an, dass er seinen Prozess nun ganz sicher verlieren werde. Er solle nur gleich Anstalten machen, die Rappen herbeizuschaffen. Denn man werde ihn dazu verurteilen, sie dick zu füttern, und die ganze Welt werde ihn auslachen.

Der Junker sagte mit schwacher, zitternder Stimme, er sei der bedauernswerteste Mensch der Welt. Er schwor, dass er von dem ganzen verfluchten Handel nur wenig gewusst habe. Dieser Handel stürze ihn nun ins Unglück. Der Schlossvogt und der Verwalter seien an allem schuld. Sie hätten die Pferde ohne sein geringstes Wissen und Wollen bei der Ernte gebraucht. Durch maßlose Anstrengungen hätten sie sie ruiniert, zum Teil auf ihren eigenen Feldern. Während er das sagte, setzte er sich. Er bat sie, ihn nicht mutwillig durch Kränkungen und Beleidigungen in die Krankheit zurückzustoßen. Er sei doch gerade erst davon aufgestanden.

Am anderen Tag schrieben die Herren Hinz und Kunz an ihre Verwalter und Pächter. Die beiden besaßen Güter in der Gegend der niedergebrannten Tronkenburg. Der Junker, ihr Vetter, hatte sie darum gebeten, denn es blieb ja nichts anderes übrig. Sie wollten Nachricht über die Rappen bekommen. Die Pferde waren an jenem unglücklichen Tag verloren gegangen, und seitdem hatte man nichts mehr von ihnen gehört. Der Ort war ganz verwüstet, und man hatte fast alle Einwohner niedergemetzelt. Darum konnten sie nur Folgendes erfahren: Ein Knecht hatte die Pferde aus dem brennenden Schuppen gerettet, in dem sie standen. Die flachen Hiebe des Mordbrenners hatten ihn dazu getrieben. Danach hatte er gefragt, wohin er sie bringen und was er mit ihnen machen solle. Da hatte der grimmige Wüterich ihm als Antwort einen Fußtritt gegeben.

Die alte Haushälterin des Junkers, die von der Gicht geplagt war, hatte sich nach Meißen geflüchtet. Der Junker fragte sie schriftlich. Sie versicherte ihm: Am Morgen nach jener schrecklichen Nacht sei der Knecht mit den Pferden zur brandenburgischen Grenze gezogen. Doch alle Nachfragen dort waren vergeblich. Es schien, dass dieser Nachricht ein Irrtum zugrunde lag. Denn der Junker hatte keinen Knecht, der in Brandenburg zu Hause war oder auch nur an der Straße dorthin.

Männer aus Dresden waren wenige Tage nach dem Brand der Tronkenburg in Wilsdruf gewesen. Sie sagten aus, um diese Zeit sei ein Knecht dort angekommen. Er habe zwei Pferde am Halfter geführt. Die Tiere seien sehr elend gewesen und hätten nicht weitergekonnt. Darum habe er sie im Kuhstall eines Schäfers stehen lassen. Der Schäfer habe sie wieder aufpäppeln wollen. Aus mancherlei Gründen schien es sehr wahrscheinlich, dass dies die gesuchten Rappen waren. Aber Leute, die von dort kamen, versicherten etwas anderes. Der Schäfer aus Wilsdruf habe sie schon wieder verkauft, man wisse nicht, an wen. Und ein drittes Gerücht sagte sogar, die Pferde seien bereits in Gott verschieden. Sie seien in der Knochengrube zu Wilsdruf begraben. Wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hatte, fand man nie heraus.

Den Herren Hinz und Kunz war diese Wendung der Dinge natürlich die liebste, wie man leicht versteht. Denn der Junker, ihr Vetter, hatte keine eigenen Ställe. So mussten sie die Rappen nun nicht in ihren eigenen Ställen dick füttern. Trotzdem wollten sie ganz sicher sein und diesen Umstand bestätigen lassen. Darum schrieb Herr Wenzel von Tronka einen Brief an die Gerichte in Wilsdruf. Er schrieb als Erb-, Lehns- und Gerichtsherr. Er beschrieb die Rappen ausführlich. Sie seien ihm anvertraut gewesen, sagte er, und durch einen Unfall verloren gegangen. Er bat die Gerichte sehr höflich, herauszufinden, wo sie jetzt seien. Den Besitzer, wer er auch sei, sollten sie auffordern und anhalten, die Pferde herauszugeben. Er solle sie in die Ställe des Kämmerers, Herrn Kunz, nach Dresden bringen. Alle Kosten werde man ihm reichlich erstatten.

Wenige Tage später erschien daraufhin wirklich der Mann, an den der Schäfer aus Wilsdruf sie verkauft hatte. Er führte sie auf den Markt der Stadt. Sie waren dürr und wankten, und sie waren an die Runge seines Karrens gebunden. Das Unglück von Herrn Wenzel aber, und noch mehr das Unglück des ehrlichen Kohlhaas, wollte es so: Der Mann war der Abdecker aus Döbbeln.

Herr Wenzel war gerade bei seinem Vetter, dem Kämmerer. Da hörten sie ein unbestimmtes Gerücht: Ein Mann sei in der Stadt angekommen, mit zwei schwarzen Pferden aus dem Brand der Tronkenburg. Sofort gingen beide auf den Schlossplatz, wo der Mann stand. Sie nahmen einige Knechte mit, die sie im Haus schnell zusammengesucht hatten. Wenn es die Pferde von Kohlhaas waren, wollten sie sie dem Mann gegen Erstattung der Kosten abnehmen. Dann wollten sie sie nach Hause führen.

Aber wie betroffen waren die Ritter! Um den Karren mit zwei Rädern, an dem die Tiere festgebunden waren, stand schon ein Haufen Menschen. Das Schauspiel hatte sie angelockt, und von Augenblick zu Augenblick wurden es mehr. Unter endlosem Gelächter riefen sie einander zu: „Die Pferde, wegen denen der Staat wankt, sind schon beim Schinder gelandet!“

Der Junker ging um den Karren herum. Er betrachtete die jämmerlichen Tiere, die jeden Augenblick sterben wollten, so schien es. Dann sagte er verlegen, das seien nicht die Pferde, die er Kohlhaas abgenommen habe. Doch Herr Kunz, der Kämmerer, warf ihm einen Blick voll sprachloser Wut zu. Wäre dieser Blick aus Eisen gewesen, hätte er ihn zerschmettert. Kunz schlug seinen Mantel zurück, sodass man seinen Orden und seine Kette sah. So trat er zum Abdecker. Er fragte ihn, ob das die Rappen seien, die der Schäfer von Wilsdruf erworben habe. Der Junker Wenzel von Tronka, dem sie gehörten, habe sie bei den Gerichten dort verlangt.

Der Abdecker hatte einen Eimer Wasser in der Hand. Er war gerade dabei, einen dicken, gut genährten Gaul zu tränken, der seinen Karren zog. „Die Schwarzen?“, fragte er. Er stellte den Eimer hin und streifte dem Gaul das Gebiss aus dem Maul. Dann sagte er: „Die Rappen, die an die Runge gebunden sind, hat mir der Schweinehirte von Hainichen verkauft. Woher der sie hat und ob sie von dem Wilsdrufer Schäfer kommen, das weiß ich nicht.“ Er nahm den Eimer wieder auf und stemmte ihn zwischen Deichsel und Knie. „Mir hat der Gerichtsbote aus Wilsdruf gesagt, dass ich sie nach Dresden bringen soll, in das Haus derer von Tronka. Aber der Junker, zu dem man mich geschickt hat, heißt Kunz.“ Bei diesen Worten drehte er sich um. Der Gaul hatte einen Rest Wasser im Eimer übrig gelassen. Den schüttete er auf das Pflaster der Straße.

Der Kämmerer stand mitten in den Blicken der höhnisch lachenden Menge. Der Kerl betrieb seine Geschäfte mit gefühllosem Eifer, und Kunz konnte ihn nicht dazu bringen, ihn anzusehen. Er sagte, er sei der Kämmerer Kunz von Tronka. Die Rappen aber, die er abholen solle, müssten dem Junker gehören, seinem Vetter. Ein Knecht sei beim Brand aus der Tronkenburg geflohen und habe sie zum Schäfer in Wilsdruf gebracht. Und ursprünglich seien es zwei Pferde, die dem Rosshändler Kohlhaas gehörten! Der Kerl stand mit gespreizten Beinen da und zog sich die Hose hoch. Kunz fragte ihn, ob er davon nichts wisse. Und ob der Schweinehirte von Hainichen sie nicht vielleicht vom Wilsdrufer Schäfer gekauft habe? Oder von einem Dritten, der sie seinerseits vom Schäfer gekauft habe? Auf diesen Umstand komme alles an.

Der Abdecker hatte sich an den Wagen gestellt und sein Wasser abgeschlagen. Er sagte, man habe ihn mit den Rappen nach Dresden bestellt. Im Haus derer von Tronka solle er sein Geld dafür bekommen. Was Kunz da vorbringe, verstehe er nicht. Vielleicht hätten sie vor dem Schweinehirten aus Hainichen dem Peter oder dem Paul gehört, oder dem Schäfer aus Wilsdruf. Das sei ihm gleich, denn sie seien nicht gestohlen. Damit ging er zu einer Kneipe auf dem Platz, die Peitsche quer über seinem breiten Rücken. Er war hungrig und wollte dort frühstücken.

Der Kämmerer wusste in Gottes weiter Welt nicht, was er mit diesen Pferden machen sollte. Ein Schweinehirte aus Hainichen hatte sie an den Schinder in Döbbeln verkauft. Wenn es nicht die Pferde waren, auf denen der Teufel durch Sachsen ritt, was sollte er dann mit ihnen? Er forderte den Junker auf, ein Wort zu sagen. Der Junker antwortete mit bleichen, bebenden Lippen, am klügsten sei es, die Rappen zu kaufen. Ob sie Kohlhaas gehörten oder nicht, sei gleich. Da verfluchte der Kämmerer Vater und Mutter, die ihn geboren hatten. Er schlug den Mantel zurück und trat aus der Menge zurück. Er wusste gar nicht mehr, was er tun oder lassen sollte.

Der Freiherr von Wenk, ein Bekannter, ritt gerade über die Straße. Kunz rief ihn zu sich heran. Er wollte trotzig den Platz nicht verlassen. Denn das Gesindel blickte höhnisch auf ihn und drückte sich die Taschentücher vor den Mund. Es schien nur darauf zu warten, dass er ging, um dann laut loszulachen. Darum bat er Wenk, beim Großkanzler, Graf Wrede, abzusteigen. Mit dessen Hilfe solle er Kohlhaas herbeiholen, damit er die Rappen besichtige.

Zufällig war Kohlhaas gerade im Zimmer des Großkanzlers. Ein Gerichtsbote hatte ihn gerufen. Man brauchte von ihm gewisse Erklärungen über das, was er in Lützen hinterlegt hatte. Da trat der Freiherr mit seinem Anliegen ins Zimmer. Der Großkanzler erhob sich mit einem verdrießlichen Gesicht von seinem Sessel. Den Rosshändler, den der Freiherr nicht kannte, ließ er mit den Papieren in der Hand zur Seite stehen. Der Freiherr schilderte ihm die schwierige Lage der Herren von Tronka. Der Abdecker von Döbbeln sei gekommen, weil die Gerichte in Wilsdruf eine fehlerhafte Anforderung geschickt hätten. Seine Pferde seien in einem so heillosen Zustand, dass der Junker Wenzel zögern müsse. Er könne sie kaum als die Pferde von Kohlhaas anerkennen. Vielleicht solle man sie trotzdem dem Abdecker abnehmen. Dann wolle man in den Ställen der Ritter versuchen, sie wieder gesund zu machen. Vorher sei aber eine Okular-Inspektion durch Kohlhaas nötig, damit es keinen Zweifel gebe. „Habt also die Güte“, schloss er, „und lasst den Rosshändler durch eine Wache aus seinem Haus holen. Lasst ihn auf den Markt führen, wo die Pferde stehen.“

Der Großkanzler nahm sich die Brille von der Nase. Er sagte, der Freiherr irre sich doppelt. Erstens, wenn er glaube, dass man diesen Umstand nur durch eine Okular-Inspektion von Kohlhaas klären könne. Und zweitens, wenn er sich einbilde, dass er, der Kanzler, Kohlhaas durch eine Wache abführen lassen dürfe, wohin es dem Junker gefalle. Dabei stellte er ihm den Rosshändler vor, der hinter ihm stand. Er setzte sich, setzte seine Brille wieder auf und bat den Freiherrn, sich in dieser Sache an Kohlhaas selbst zu wenden.

Kohlhaas zeigte mit keiner Miene, was in seiner Seele vorging. Er sagte, er sei bereit, ihm auf den Markt zu folgen. Dort wolle er die Rappen besichtigen, die der Abdecker in die Stadt gebracht habe. Der Freiherr drehte sich betroffen zu ihm um. Kohlhaas aber trat noch einmal an den Tisch des Großkanzlers. Er gab ihm aus den Papieren seiner Brieftasche noch mehrere Auskünfte über die Hinterlegung in Lützen. Dann verabschiedete er sich von ihm. Der Freiherr war über das ganze Gesicht rot geworden und ans Fenster getreten. Auch er verabschiedete sich. Beide gingen zum Schlossplatz. Die drei Landsknechte, die der Prinz von Meißen eingesetzt hatte, begleiteten sie, und eine Menge Menschen folgte ihnen.

Der Kämmerer, Herr Kunz, hatte inzwischen seinen Platz in der Menge behauptet, dem Abdecker von Döbbeln gegenüber. Mehrere Freunde waren zu ihm gekommen und hatten ihm abgeraten, doch er war trotzdem geblieben. Sobald der Freiherr mit dem Rosshändler erschien, trat Kunz zu Kohlhaas heran. Er hielt sein Schwert mit Stolz und Würde unter dem Arm. Er fragte ihn, ob die Pferde hinter dem Wagen seine Pferde seien. Der Rosshändler kannte den Herrn nicht, der ihn fragte. Er wandte sich bescheiden zu ihm und rückte an seinem Hut. Dann trat er, ohne zu antworten, an den Schinderkarren heran, und alle Ritter folgten ihm. Die Tiere standen auf wankenden Beinen da, die Köpfe zur Erde gebeugt. Vom Heu, das der Abdecker ihnen vorgelegt hatte, fraßen sie nicht. In zwölf Schritt Entfernung blieb Kohlhaas stehen und betrachtete sie flüchtig. Dann wandte er sich wieder zum Kämmerer um.

„Gnädigster Herr!“, sagte er. „Der Abdecker hat ganz recht. Die Pferde, die an seinen Karren gebunden sind, gehören mir!“

Er sah sich im ganzen Kreis der Herren um und rückte noch einmal den Hut. Dann ging er mit seiner Wache wieder vom Platz fort.

Bei diesen Worten trat der Kämmerer mit einem schnellen Schritt zum Abdecker, sodass sein Helmbusch zitterte. Er warf ihm einen Beutel mit Geld zu. Der Abdecker hielt den Beutel in der Hand. Mit einem Kamm aus Blei kämmte er sich die Haare aus der Stirn zurück und betrachtete das Geld. Währenddessen befahl Kunz einem Knecht, die Pferde loszubinden und nach Hause zu führen! Der Knecht hatte in der Menge einen Kreis von Freunden und Verwandten. Auf den Ruf seines Herrn verließ er sie. Er war ein wenig rot im Gesicht. Er stieg über eine große Mistpfütze, die sich zu Füßen der Pferde gebildet hatte, und trat zu ihnen. Doch kaum hatte er ihre Halfter gepackt, um sie loszubinden, da packte ihn Meister Himboldt am Arm. Himboldt war sein Vetter.

„Du rührst die Schindmähren nicht an!“, rief er und warf ihn vom Karren weg.

Dann ging der Knecht mit unsicheren Schritten über die Mistpfütze zurück zum Kämmerer. Der stand sprachlos über diesen Vorfall da. Der Knecht fügte hinzu, der Kämmerer müsse sich einen Schinderknecht anschaffen, wenn er einen solchen Dienst haben wolle!

Der Kämmerer schäumte vor Wut. Er betrachtete den Meister einen Augenblick lang. Dann drehte er sich um und rief über die Köpfe der Ritter hinweg nach der Wache. Der Freiherr von Wenk hatte die Wache holen lassen, und so kam ein Offizier mit einigen kurfürstlichen Trabanten aus dem Schloss. Kunz beschrieb ihm kurz die schändliche Aufhetzerei, die sich die Bürger der Stadt erlaubten. Dann forderte er ihn auf, den Rädelsführer, Meister Himboldt, zu verhaften. Er packte den Meister an der Brust und klagte ihn an. Himboldt habe seinen Knecht vom Karren weggeschleudert und misshandelt. Dabei habe der Knecht die Rappen nur auf seinen Befehl losbinden wollen.

Der Meister befreite sich mit einer geschickten Drehung und stieß den Kämmerer zurück. „Gnädigster Herr!“, sagte er. „Einem Burschen von zwanzig Jahren sagen, was er zu tun hat, heißt nicht, ihn aufhetzen! Fragt ihn, ob er sich mit den Pferden am Karren abgeben will, gegen Brauch und Anstand. Wenn er es nach dem, was ich gesagt habe, tun will: Meinetwegen! Dann kann er sie jetzt auch gleich abludern und häuten!“

Bei diesen Worten wandte sich der Kämmerer zu dem Knecht um. Er fragte ihn, ob er irgendein Bedenken habe, seinen Befehl zu erfüllen. Er solle die Pferde, die Kohlhaas gehörten, losbinden und nach Hause führen. Der Knecht mischte sich schüchtern unter die Bürger und antwortete: „Die Pferde müssen erst ehrlich gemacht werden, bevor man mir das zumutet.“

Da lief der Kämmerer ihm von hinten nach. Er riss ihm den Hut ab, der mit dem Zeichen seines Hauses geschmückt war, und trat ihn mit Füßen. Dann zog er sein Schwert. Mit wütenden Hieben der Klinge jagte er den Knecht sofort vom Platz und aus seinen Diensten.

„Schmeißt den Mordwüterich doch gleich zu Boden!“, rief Meister Himboldt.

Die Bürger waren über diesen Auftritt empört. Sie traten zusammen und drängten die Wache weg. Himboldt warf den Kämmerer von hinten zu Boden. Er riss ihm Mantel, Kragen und Helm ab und drehte ihm das Schwert aus der Hand. Mit einem grimmigen Wurf schleuderte er es weit über den Platz. Der Junker Wenzel rettete sich aus dem Tumult. Vergeblich rief er den Rittern zu, sie sollten seinem Vetter helfen. Bevor sie auch nur einen Schritt tun konnten, hatte der Andrang des Volkes sie schon zerstreut. So war der Kämmerer der ganzen Wut der Menge ausgeliefert. Beim Fallen hatte er sich den Kopf verletzt. Nur ein Trupp berittener Landsknechte konnte ihn retten. Sie zogen zufällig über den Platz, und der Offizier der kurfürstlichen Trabanten rief sie zu Hilfe. Der Offizier verjagte die Menge und packte den wütenden Meister. Einige Reiter brachten Himboldt ins Gefängnis. Währenddessen hoben zwei Freunde den unglücklichen Kämmerer vom Boden auf. Er war mit Blut bedeckt, und sie brachten ihn nach Hause.

So heillos endete der gut gemeinte und ehrliche Versuch, dem Rosshändler Genugtuung zu verschaffen. Man hatte ihm ja Unrecht angetan. Der Abdecker von Döbbeln hatte sein Geschäft erledigt und wollte nicht länger bleiben. Als die Menge sich zu zerstreuen begann, band er die Pferde an einen Laternenpfahl. Dort blieben sie den ganzen Tag stehen, und niemand kümmerte sich um sie. Die Straßenjungen und Tagediebe machten sich über sie lustig. Weil sie gar keine Pflege und Versorgung hatten, musste sich schließlich die Polizei um sie kümmern. Gegen Einbruch der Nacht rief sie den Abdecker von Dresden herbei. Er sollte sie bis auf weiteres in der Schinderei vor der Stadt versorgen.

Der Rosshändler hatte diesen Vorfall wirklich nicht verschuldet. Trotzdem weckte er im Land eine Stimmung, die für den Ausgang seines Rechtsstreits höchst gefährlich war. Das galt sogar für die gemäßigten und besseren Leute. Man fand sein Verhältnis zum Staat ganz unerträglich. In Privathäusern und auf öffentlichen Plätzen kam eine Meinung auf: Es sei besser, ihm offen Unrecht zu tun und die ganze Sache noch einmal niederzuschlagen. Das sei besser, als ihm Gerechtigkeit zu geben, die er durch Gewalttaten erzwungen habe. Es gehe ja um eine so nichtige Sache. Und man würde damit nur seinen rasenden Starrsinn befriedigen. Zum völligen Verderben des armen Kohlhaas half der Großkanzler selbst mit, diese Stimmung zu festigen und zu verbreiten. Er tat es aus übergroßer Rechtlichkeit und aus einem Hass auf die Familie von Tronka, der daraus kam.

Der Abdecker von Dresden versorgte die Pferde jetzt. Es war höchst unwahrscheinlich, dass sie jemals wieder so würden wie damals, als sie aus dem Stall in Kohlhaasenbrück kamen. Doch angenommen, es wäre durch Kunst und lange Pflege möglich gewesen: Die Schande, die unter diesen Umständen auf die Familie des Junkers fiel, war trotzdem zu groß. Die Familie war eine der ersten und edelsten im Land und hatte großes Gewicht im Staat. Darum schien nichts gerechter und vernünftiger, als die Pferde mit Geld zu bezahlen.

Einige Tage später machte der Präsident, Graf Kallheim, dem Großkanzler in einem Brief diesen Vorschlag. Er schrieb im Namen des Kämmerers, den seine Krankheit abhielt. Der Großkanzler schrieb daraufhin zwar an Kohlhaas. Darin ermahnte er ihn, einen solchen Antrag nicht abzulehnen, wenn man ihn ihm machen sollte. Den Präsidenten selbst aber bat er in einer kurzen, wenig freundlichen Antwort, ihn mit privaten Aufträgen in dieser Sache zu verschonen. Und er forderte den Kämmerer auf, sich selbst an den Rosshändler zu wenden. Er beschrieb ihm Kohlhaas als einen sehr gerechten und bescheidenen Mann.

Der Wille des Rosshändlers war durch den Vorfall auf dem Markt wirklich gebrochen. Er wartete, wie der Großkanzler geraten hatte, nur auf ein Angebot vom Junker oder seinen Verwandten. Dann wäre er ihnen ganz bereitwillig entgegengekommen und hätte ihnen alles Geschehene vergeben. Doch gerade ein solches Angebot zu machen, war für die stolzen Ritter zu kränkend. Die Antwort des Großkanzlers verbitterte sie schwer. Sie zeigten sie dem Kurfürsten. Er hatte am Morgen des nächsten Tages den Kämmerer in seinem Zimmer besucht, wo er krank an seinen Wunden lag. Der Kämmerer sprach mit einer Stimme, die durch seinen Zustand schwach und rührend war. Er habe sein Leben gewagt, um diese Sache nach seinen Wünschen beizulegen. Solle er nun auch noch seine Ehre dem Tadel der Welt aussetzen? Solle er vor einem Mann erscheinen und um Vergleich und Nachgeben bitten? Dieser Mann habe doch alle nur denkbare Schmach und Schande über ihn und seine Familie gebracht.

Der Kurfürst las den Brief. Dann fragte er Graf Kallheim verlegen, ob das Tribunal nicht etwas tun dürfe. Könnte es nicht, ohne weiter mit Kohlhaas zu sprechen, davon ausgehen, dass man die Pferde nicht wiederherstellen kann? Und könnte es dann das Urteil so fällen, als ob sie tot wären, nur auf eine Bezahlung in Geld?

Der Graf antwortete: „Gnädigster Herr, sie sind tot. Im Sinne des Staatsrechts sind sie tot, weil sie keinen Wert haben. Und sie werden auch körperlich tot sein, bevor man sie aus der Abdeckerei in die Ställe der Ritter gebracht hat.“

Darauf steckte der Kurfürst den Brief ein. Er sagte, er wolle selbst mit dem Großkanzler darüber sprechen. Er beruhigte den Kämmerer, der sich halb aufrichtete und dankbar seine Hand nahm. Er empfahl ihm noch, für seine Gesundheit zu sorgen. Dann erhob er sich mit großer Huld von seinem Sessel und verließ das Zimmer.

So standen die Dinge in Dresden. Da zog sich über dem armen Kohlhaas noch ein anderes, größeres Gewitter zusammen, von Lützen her. Die listigen Ritter waren geschickt genug, seinen Blitz auf Kohlhaas' unglücklichen Kopf zu lenken. Es ging um Johann Nagelschmidt. Er war einer der Knechte, die der Rosshändler gesammelt hatte. Nach der Amnestie des Kurfürsten hatte Kohlhaas sie wieder entlassen. Wenige Wochen danach hatte Nagelschmidt an der böhmischen Grenze einen Teil dieses Gesindels wieder zusammengebracht. Diese Leute waren zu jeder Schandtat bereit. Nun setzte Nagelschmidt auf eigene Faust das Gewerbe fort, auf das Kohlhaas ihn gebracht hatte.

Dieser nichtsnutzige Kerl nannte sich einen Statthalter des Kohlhaas. Damit wollte er einerseits den Häschern Angst machen, die ihn verfolgten. Andererseits wollte er das Landvolk wie gewohnt dazu verleiten, bei seinen Gaunereien mitzumachen. Er hatte von seinem Herrn Klugheit gelernt, und so verbreitete er Gerüchte. Die Amnestie sei an mehreren Knechten nicht gehalten worden, die ruhig in ihre Heimat zurückgekehrt waren. Ja, Kohlhaas selbst sei bei seiner Ankunft in Dresden eingesperrt und einer Wache übergeben worden. Das sei ein himmelschreiender Wortbruch. Er ließ Plakate anschlagen, die denen von Kohlhaas ganz ähnlich waren. Darin erschien sein Haufen von Mordbrennern als ein Kriegshaufen, der sich nur zur Ehre Gottes erhoben hatte. Dieser Haufen solle darüber wachen, dass man die Amnestie einhielt, die der Kurfürst ihnen versprochen hatte. Doch wie schon gesagt: Das alles geschah keineswegs zur Ehre Gottes. Es geschah auch nicht aus Treue zu Kohlhaas, dessen Schicksal ihnen völlig gleichgültig war. Unter dem Schutz solcher Lügen wollten sie nur umso bequemer und ungestrafter brennen und plündern.

Sobald die ersten Nachrichten davon nach Dresden kamen, konnten die Ritter ihre Freude nicht unterdrücken. Denn dieser Vorfall gab dem ganzen Handel eine andere Gestalt. Mit weisen und unzufriedenen Seitenblicken erinnerten sie an den Fehler, den man begangen habe. Man habe Kohlhaas Amnestie gegeben, obwohl sie dringend und immer wieder davor gewarnt hätten. Es sei, als ob man Bösewichtern aller Art damit ein Zeichen geben wollte, ihm auf seinem Weg zu folgen. Nagelschmidt behauptete, er habe nur zu den Waffen gegriffen, um seinen unterdrückten Herrn zu schützen. Die Ritter glaubten ihm das gern, aber es genügte ihnen nicht. Sie äußerten sogar die feste Meinung, dass Kohlhaas das ganze Auftreten Nagelschmidts angezettelt habe. Damit wolle er die Regierung in Furcht versetzen. So wolle er das Urteil beschleunigen und es Punkt für Punkt nach seinem rasenden Eigensinn durchsetzen.

Ja, der Mundschenk, Herr Hinz, ging noch weiter. Nach der Tafel hatten sich einige Jagdjunker und Hofherren im Vorzimmer des Kurfürsten um ihn versammelt. Ihnen stellte er die Auflösung des Räuberhaufens in Lützen als eine verfluchte Spiegelfechterei dar. Dabei machte er sich sehr über die Gerechtigkeitsliebe des Großkanzlers lustig. Aus mehreren Umständen, die er witzig zusammenstellte, bewies er Folgendes: Der Haufen sei immer noch in den Wäldern des Kurfürstentums. Er warte nur auf ein Zeichen des Rosshändlers, um von neuem mit Feuer und Schwert hervorzubrechen.

Der Prinz Christiern von Meißen war über diese Wendung der Dinge sehr unzufrieden. Denn sie drohte den Ruhm seines Herrn auf das Empfindlichste zu beflecken. Darum ging er sofort zu ihm ins Schloss. Er durchschaute gut, was die Ritter wollten: Sie wollten Kohlhaas, wenn möglich, wegen neuer Vergehen stürzen. Darum bat er den Kurfürsten um die Erlaubnis, den Rosshändler sofort verhören zu dürfen.

Ein Häscher führte den Rosshändler ins Gubernium, und Kohlhaas wunderte sich darüber. Er erschien mit Heinrich und Leopold, seinen beiden kleinen Jungen, auf dem Arm. Denn Sternbald, der Knecht, war am Tag zuvor mit seinen fünf Kindern bei ihm angekommen. Die Kinder waren in Mecklenburg gewesen. Als Kohlhaas fortging, baten ihn die Jungen unter kindlichen Tränen, mitzukommen. Aus Gründen mancherlei Art, die hier zu weit führen würden, hob er sie auf und nahm sie mit ins Verhör.

Kohlhaas setzte die Kinder neben sich. Der Prinz betrachtete sie mit Wohlgefallen. Freundlich fragte er sie nach ihrem Alter und ihren Namen. Dann erzählte er Kohlhaas, welche Freiheiten sich Nagelschmidt, sein früherer Knecht, in den Tälern des Erzgebirges herausnahm. Er überreichte ihm Nagelschmidts sogenannte Mandate. Dann forderte er ihn auf, vorzubringen, was er zu seiner Rechtfertigung zu sagen wisse.

Der Rosshändler erschrak sehr über diese schändlichen und verräterischen Papiere. Trotzdem hatte er wenig Mühe, es einem so rechtschaffenen Mann wie dem Prinzen zu erklären. Er zeigte überzeugend, dass die Beschuldigungen gegen ihn grundlos waren. Zunächst bemerkte er: So wie die Dinge standen, brauchte er überhaupt keine Hilfe von einem Dritten. Sein Rechtsstreit sei ja auf dem besten Weg. Außerdem trug er einige Briefe bei sich und zeigte sie dem Prinzen. Daraus ging hervor, wie ganz besonders unwahrscheinlich es war, dass Nagelschmidt ihm helfen wollte. Denn kurz bevor der Haufen in Lützen aufgelöst wurde, hatte Kohlhaas den Kerl hängen lassen wollen. Nagelschmidt hatte auf dem Land Notzucht begangen und noch andere Schurkereien. Nur die Amnestie des Kurfürsten hatte ihn gerettet, weil sie das ganze Verhältnis aufhob. Am Tag darauf waren die beiden als Todfeinde auseinandergegangen.

Kohlhaas machte einen Vorschlag, und der Prinz nahm ihn an. Kohlhaas setzte sich hin und schrieb ein Sendschreiben an Nagelschmidt. Nagelschmidt behauptete, er habe sich erhoben, weil man die Amnestie an Kohlhaas und seinem Haufen gebrochen habe. Diese Behauptung erklärte Kohlhaas für eine schändliche und ruchlose Erfindung. Er schrieb ihm, er sei bei seiner Ankunft in Dresden weder eingesperrt noch einer Wache übergeben worden. Und sein Rechtsstreit gehe ganz so voran, wie er es wünsche. Nach der Veröffentlichung der Amnestie habe Nagelschmidt im Erzgebirge gemordet und gebrannt. Dafür überlasse er ihn der ganzen Rache der Gesetze. Das solle dem Gesindel um ihn herum eine Warnung sein. Dem Schreiben wurden einige Teile aus dem Strafverfahren angehängt. Kohlhaas hatte dieses Verfahren im Schloss zu Lützen wegen der erwähnten Schandtaten gegen ihn führen lassen. So sollte das Volk erfahren, was für ein nichtsnutziger Kerl Nagelschmidt war. Schon damals war er für den Galgen bestimmt gewesen. Wie schon gesagt, hatte ihn nur das Patent des Kurfürsten gerettet.

Dann beruhigte der Prinz Kohlhaas wegen des Verdachts. Die Umstände hätten ihn gezwungen, diesen Verdacht im Verhör zu äußern. Er versicherte ihm, dass man die Amnestie auf keine Weise brechen werde, solange er in Dresden sei. Er schenkte den Jungen Obst, das auf seinem Tisch stand, und gab ihnen noch einmal die Hand. Dann grüßte er Kohlhaas und ließ ihn gehen.

Der Großkanzler erkannte trotzdem die Gefahr, die über dem Rosshändler schwebte. Darum tat er sein Äußerstes, um seine Sache zu Ende zu bringen, bevor neue Ereignisse sie verwickelten und verwirrten. Aber genau das wünschten und wollten die staatsklugen Ritter. Früher hatten sie ihre Schuld stillschweigend zugegeben. Sie hatten nur versucht, ein milderes Urteil zu bekommen. Jetzt aber begannen sie, diese Schuld selbst ganz zu leugnen, mit listigen und spitzfindigen Wendungen. Bald behaupteten sie, der Schlossvogt und der Verwalter hätten die Rappen auf der Tronkenburg eigenmächtig zurückgehalten. Der Junker habe davon nichts oder nur wenig gewusst. Bald versicherten sie, die Tiere seien schon bei ihrer Ankunft dort krank gewesen, mit einem heftigen und gefährlichen Husten. Dafür beriefen sie sich auf Zeugen, die sie herbeischaffen wollten. Nach langen Untersuchungen und Erörterungen waren sie mit diesen Gründen geschlagen. Da brachten sie sogar ein Edikt des Kurfürsten vor. Darin hatte man vor zwölf Jahren wegen einer Viehseuche wirklich verboten, Pferde aus Brandenburg nach Sachsen zu bringen. Das sei ein sonnenklarer Beweis, sagten sie: Der Junker habe die Pferde anhalten dürfen, die Kohlhaas über die Grenze gebracht hatte. Ja, er sei sogar dazu verpflichtet gewesen.

Kohlhaas hatte inzwischen seine Meierei von dem wackeren Amtmann in Kohlhaasenbrück zurückgekauft. Er hatte ihm dafür nur eine kleine Entschädigung für seinen Verlust zahlen müssen. Nun wollte er Dresden für einige Tage verlassen und in seine Heimat reisen. Es scheint, er wollte dieses Geschäft vor Gericht abschließen. Doch wir zweifeln nicht: Dieses Geschäft hatte weniger Anteil an seinem Entschluss. Es war zwar wirklich dringend, weil die Wintersaat bestellt werden musste. Aber wichtiger war seine Absicht, unter so seltsamen und bedenklichen Umständen seine Lage zu prüfen. Vielleicht wirkten dabei auch noch Gründe anderer Art mit. Wir wollen sie jedem zu erraten überlassen, der in seiner eigenen Brust Bescheid weiß.

Er ließ die Wache, die man ihm gegeben hatte, zurück und ging zum Großkanzler. Die Briefe des Amtmanns hielt er in der Hand. Er sagte, er wolle die Stadt verlassen, wenn man ihn beim Gericht nicht unbedingt brauche, wie es scheine. Er wolle für acht oder zwölf Tage nach Brandenburg reisen. In dieser Zeit versprach er, wieder zurück zu sein. Der Großkanzler sah mit einem unzufriedenen und bedenklichen Gesicht zu Boden. Er antwortete, er müsse gestehen, dass Kohlhaas' Anwesenheit gerade jetzt nötiger sei als je. Denn die Gegenseite mache listige Einwände und Winkelzüge. Darum brauche das Gericht in tausend unvorhersehbaren Fällen seine Aussagen und Erklärungen. Doch Kohlhaas verwies ihn auf seinen Advokaten, der den Fall gut kannte. Mit bescheidener Hartnäckigkeit blieb er bei seiner Bitte und versprach, sich auf acht Tage zu beschränken. Da sagte der Großkanzler nach einer Pause kurz, während er ihn gehen ließ: Er hoffe, dass Kohlhaas sich dafür Pässe beim Prinzen Christiern von Meißen erbitten werde.

Kohlhaas verstand sich sehr gut auf das Gesicht des Großkanzlers. Er wurde in seinem Entschluss nur bestärkt. Sofort setzte er sich hin und schrieb an den Prinzen von Meißen als Chef des Guberniums. Ohne irgendeinen Grund anzugeben, bat er um Pässe für acht Tage, nach Kohlhaasenbrück und zurück. Auf dieses Schreiben bekam er eine Gubernial-Resolution. Der Schlosshauptmann, Freiherr Siegfried von Wenk, hatte sie unterschrieben. Sie lautete:

> Sein Gesuch um Pässe nach Kohlhaasenbrück wird Seiner Durchlaucht, dem Kurfürsten, vorgelegt werden. Sobald die höchste Bewilligung eintrifft, wird man ihm die Pässe zuschicken.

Kohlhaas erkundigte sich bei seinem Advokaten. Wie komme es, dass ein Freiherr Siegfried von Wenk die Resolution unterschrieben habe? Er habe sich doch an den Prinzen Christiern von Meißen gewandt. Er bekam zur Antwort: Der Prinz sei vor drei Tagen auf seine Güter gereist. Während seiner Abwesenheit habe man die Geschäfte des Guberniums dem Schlosshauptmann übergeben, dem Freiherrn Siegfried von Wenk. Er sei ein Vetter des Herrn mit gleichem Namen, von dem schon die Rede war.

Unter all diesen Umständen begann Kohlhaas das Herz unruhig zu klopfen. Mehrere Tage lang wartete er auf die Entscheidung über seine Bitte. Man hatte sie dem Landesherrn mit befremdlicher Umständlichkeit vorgelegt. Doch es verging eine Woche und noch mehr. Die Entscheidung kam nicht. Und auch das Urteil fiel beim Tribunal nicht, obwohl man es ihm so fest angekündigt hatte. Am zwölften Tag war Kohlhaas fest entschlossen: Er wollte die Gesinnung der Regierung gegen ihn zur Sprache bringen, wie sie auch sein mochte. Er setzte sich hin und bat das Gubernium noch einmal dringend um die Pässe.

Am Abend des folgenden Tages war wieder keine Antwort gekommen. Kohlhaas dachte über seine Lage nach, besonders über die Amnestie, die Doktor Luther für ihn erreicht hatte. Gedankenvoll trat er ans Fenster seines Hinterstübchens. Aber wie betroffen war er da! Er sah die Wache nicht, die ihm der Prinz von Meißen bei seiner Ankunft gegeben hatte. Er hatte ihr ein kleines Nebengebäude auf dem Hof als Unterkunft zugewiesen. Er rief Thomas, den alten Hausmann, und fragte ihn, was das bedeute.

Thomas seufzte und antwortete: „Herr! Es ist nicht alles so, wie es sein soll. Es sind heute mehr Landsknechte als gewöhnlich. Bei Einbruch der Nacht haben sie sich um das ganze Haus verteilt. Zwei stehen mit Schild und Spieß an der vorderen Tür auf der Straße. Zwei stehen an der hinteren Tür im Garten. Und noch zwei andere liegen im Vorsaal auf einem Bund Stroh. Sie sagen, dass sie dort schlafen wollen.“

Kohlhaas verlor die Farbe. Er wandte sich ab und antwortete, das sei gleich, wenn sie nur da seien. Thomas solle den Landsknechten ein Licht hinstellen, sobald er auf den Flur komme, damit sie sehen könnten. Dann öffnete Kohlhaas den vorderen Fensterladen, unter dem Vorwand, ein Gefäß auszugießen. So überzeugte er sich, dass der Alte die Wahrheit gesagt hatte. Denn gerade wurde sogar die Wache ganz leise abgelöst und erneuert. An eine solche Maßnahme hatte bisher, solange es die Wache gab, noch niemand gedacht. Dann legte er sich ins Bett, allerdings ohne große Lust zu schlafen. Sein Entschluss für den nächsten Tag stand sofort fest. Denn nichts gönnte er der Regierung weniger als den Schein der Gerechtigkeit. In Wirklichkeit brach sie ja die Amnestie, die sie ihm versprochen hatte. Wenn er wirklich ein Gefangener war, und daran gab es keinen Zweifel mehr, dann wollte er die Regierung auch zwingen, das klar und offen zu erklären.

Sobald der nächste Morgen anbrach, ließ er seinen Knecht Sternbald den Wagen anspannen und vorfahren. Er gab vor, er wolle zum Verwalter nach Lockewitz fahren. Der Verwalter war ein alter Bekannter. Er hatte ihn einige Tage zuvor in Dresden gesprochen und eingeladen, ihn einmal mit seinen Kindern zu besuchen. Die Landsknechte bemerkten die Bewegungen im Haus und steckten die Köpfe zusammen. Heimlich schickten sie einen von ihnen in die Stadt. Wenige Minuten später erschien ein Gubernial-Offiziant an der Spitze mehrerer Häscher. Er ging in das gegenüberliegende Haus, als ob er dort etwas zu erledigen hätte.

Kohlhaas zog gerade seine Jungen an. Auch er bemerkte diese Bewegungen. Er ließ den Wagen absichtlich länger vor dem Haus warten, als nötig gewesen wäre. Sobald er sah, dass die Polizei mit ihren Vorbereitungen fertig war, trat er mit seinen Kindern vor das Haus. Er kümmerte sich nicht weiter darum. Im Vorbeigehen sagte er zu den Landsknechten, die unter der Tür standen, sie müssten ihm nicht folgen. Er hob die Jungen in den Wagen. Dann küsste und tröstete er die kleinen weinenden Mädchen. Sie sollten nach seiner Anordnung bei der Tochter des alten Hausmanns bleiben.

Kaum war er selbst in den Wagen gestiegen, da kam der Gubernial-Offiziant mit seinen Häschern aus dem gegenüberliegenden Haus. Er trat zu ihm und fragte ihn, wohin er wolle.

„Ich will zu meinem Freund fahren, dem Amtmann in Lockewitz“, antwortete Kohlhaas. „Er hat mich vor einigen Tagen mit meinen beiden Jungen zu sich aufs Land eingeladen.“

Der Gubernial-Offiziant antwortete, in diesem Fall müsse er einige Augenblicke warten. Denn einige berittene Landsknechte würden ihn begleiten, nach dem Befehl des Prinzen von Meißen. Kohlhaas fragte lächelnd vom Wagen herab, ob er glaube, dass er im Haus eines Freundes nicht sicher sei. Der Freund habe angeboten, ihn einen Tag lang an seinem Tisch zu bewirten. Der Offiziant antwortete auf heitere und angenehme Art, die Gefahr sei allerdings nicht groß. Er fügte hinzu, die Knechte würden ihm auch auf keine Weise zur Last fallen. Kohlhaas antwortete ernst, der Prinz von Meißen habe es ihm bei seiner Ankunft in Dresden freigestellt, ob er die Wache annehmen wolle oder nicht. Der Offiziant wunderte sich darüber. Mit vorsichtigen Worten berief er sich auf die Gewohnheit während der ganzen Zeit, die Kohlhaas schon hier war. Da erzählte ihm der Rosshändler den Vorfall, wegen dem man die Wache in seinem Haus eingesetzt hatte. Der Offiziant versicherte ihm, er habe Befehle vom Schlosshauptmann, Freiherrn von Wenk, der jetzt Chef der Polizei sei. Diese Befehle verpflichteten ihn, Kohlhaas ohne Unterbrechung zu beschützen. Wenn er die Begleitung nicht wolle, solle er selbst ins Gubernium gehen. Dort könne er den Irrtum berichtigen, der hier vorliegen müsse.

Kohlhaas warf dem Offizianten einen vielsagenden Blick zu. Er war entschlossen, die Sache zu beugen oder zu brechen. „Das will ich tun“, sagte er. Mit klopfendem Herzen stieg er vom Wagen. Er ließ die Kinder vom Hausmann in den Flur tragen. Der Knecht blieb mit dem Wagen vor dem Haus stehen. Kohlhaas aber ging mit dem Offizianten und seiner Wache ins Gubernium.

Zufällig war der Schlosshauptmann, Freiherr Wenk, gerade mit einer Bande von Nagelschmidts Knechten beschäftigt. Man hatte sie in der Gegend von Leipzig gefangen und am Abend zuvor hergebracht. Er besichtigte sie, und die Ritter bei ihm verhörten die Kerle. Man hätte gern manches von ihnen gehört. In diesem Augenblick trat der Rosshändler mit seiner Begleitung in den Saal. Die Ritter wurden plötzlich still und hörten mit dem Verhör auf. Sobald der Freiherr den Rosshändler sah, ging er auf ihn zu. Er fragte ihn, was er wolle. Der Rosskamm trug ihm ehrerbietig sein Vorhaben vor. Er wolle beim Verwalter in Lockewitz zu Mittag essen. Und er wünsche, die Landsknechte zurücklassen zu dürfen, denn er brauche sie dabei nicht. Der Freiherr wechselte die Farbe im Gesicht. Es schien, als ob er eine andere Rede hinunterschluckte. Dann antwortete er, Kohlhaas täte gut daran, still in seinem Haus zu bleiben. Das Festessen beim Lockewitzer Amtmann solle er vorläufig noch verschieben. Damit schnitt er das ganze Gespräch ab und wandte sich an den Offizianten. Er sagte ihm, bei dem Befehl über diesen Mann bleibe es. Der Mann dürfe die Stadt nur in Begleitung von sechs berittenen Landsknechten verlassen.

Kohlhaas fragte, ob er ein Gefangener sei. Und ob er glauben solle, dass man die Amnestie gebrochen habe? Man hatte sie ihm doch feierlich vor den Augen der ganzen Welt versprochen. Da wandte sich der Freiherr plötzlich zu ihm um, glutrot im Gesicht. Er trat dicht vor ihn hin, sah ihm in die Augen und antwortete: „Ja! Ja! Ja!“ Dann kehrte er ihm den Rücken zu, ließ ihn stehen und ging wieder zu Nagelschmidts Knechten.

Darauf verließ Kohlhaas den Saal. Er sah zwar ein, dass ihm nur noch ein Mittel zur Rettung blieb: die Flucht. Und durch seine Schritte hatte er sie sich sehr erschwert. Trotzdem lobte er sein Verhalten. Denn nun war auch er seinerseits nicht mehr verpflichtet, sich an die Artikel der Amnestie zu halten. Als er nach Hause kam, ließ er die Pferde ausspannen. Sehr traurig und erschüttert ging er in sein Zimmer, und der Gubernial-Offiziant begleitete ihn. Dieser Mann versicherte ihm, alles beruhe sicher nur auf einem Missverständnis, das sich bald lösen werde. Die Art, wie er es sagte, erregte in Kohlhaas Ekel. Währenddessen verriegelten die Häscher auf einen Wink von ihm alle Ausgänge der Wohnung, die auf den Hof führten. Dabei versicherte ihm der Offiziant, der vordere Haupteingang stehe ihm nach wie vor offen, ganz wie er ihn brauchen wolle.

Inzwischen hatten Häscher und Landsknechte den Nagelschmidt in den Wäldern des Erzgebirges von allen Seiten bedrängt. Ihm fehlten alle Mittel, um seine Rolle so weiterzuspielen, wie er sie übernommen hatte. Da kam er auf den Gedanken, Kohlhaas wirklich für sich zu gewinnen. Ein Reisender, der die Straße entlangzog, hatte ihm ziemlich genau berichtet, wie es um den Rechtsstreit in Dresden stand. Zwischen ihnen beiden bestand eine offene Feindschaft. Trotzdem glaubte Nagelschmidt, er könne den Rosshändler zu einem neuen Bündnis bewegen. Darum schickte er einen Knecht mit einem Brief zu ihm. Der Brief war in kaum lesbarem Deutsch geschrieben. Er lautete:

> Wenn Ihr ins Altenburgische kommt und die Führung des Haufens wieder übernehmen wollt, dann bin ich bereit, Euch zu helfen. Der Haufen hat sich dort aus den Resten des aufgelösten Haufens neu gesammelt. Ich helfe Euch mit Pferden, Leuten und Geld, damit Ihr aus Eurer Haft in Dresden fliehen könnt. Ich verspreche, in Zukunft gehorsamer und überhaupt ordentlicher und besser zu sein als früher. Als Beweis meiner Treue und Anhänglichkeit will ich selbst in die Gegend von Dresden kommen. Dort will ich Euch aus Eurem Gefängnis befreien.

Der Kerl, der den Brief trug, hatte aber Pech. In einem Dorf dicht vor Dresden fiel er zu Boden. Er bekam hässliche Krämpfe, an denen er schon seit seiner Jugend litt. Leute kamen ihm zu Hilfe und fanden dabei den Brief in seinem Brustlatz. Sobald er sich erholt hatte, wurde er verhaftet. Eine Wache brachte ihn ins Gubernium, und viel Volk lief mit.

Der Schlosshauptmann von Wenk las den Brief. Sofort ging er zum Kurfürsten ins Schloss. Dort fand er die Herren Kunz und Hinz und den Präsidenten der Staatskanzlei, Graf Kallheim. Kunz war von seinen Wunden wieder gesund. Die Herren meinten, man müsse Kohlhaas ohne weiteres verhaften. Man müsse ihm den Prozess machen, weil er sich heimlich mit Nagelschmidt abgesprochen habe. Sie bewiesen es so: Einen solchen Brief konnte niemand schreiben, wenn nicht vorher auch Briefe von Kohlhaas gekommen waren. Und es musste zwischen ihnen ein frevelhaftes, verbrecherisches Bündnis geben, um neue Gräuel zu planen.

Der Kurfürst aber weigerte sich standhaft. Wegen dieses Briefes allein wollte er das freie Geleit nicht brechen, das er Kohlhaas versprochen hatte. Er meinte vielmehr: Aus dem Brief von Nagelschmidt gehe eher hervor, dass es vorher keine Verbindung zwischen ihnen gegeben habe. Er wollte darüber Klarheit haben. Darum entschloss er sich nach langem Zögern zu einem einzigen Schritt, den der Präsident vorschlug. Der Knecht von Nagelschmidt sollte Kohlhaas den Brief übergeben, so als ob er noch frei wäre. Dann wollte man prüfen, ob Kohlhaas ihn beantworten würde.

Man hatte den Knecht ins Gefängnis gesteckt. Am nächsten Morgen führte man ihn ins Gubernium. Dort gab ihm der Schlosshauptmann den Brief zurück. Er versprach ihm, er solle frei sein, und man werde ihm die verdiente Strafe erlassen. Dafür sollte er den Brief dem Rosshändler übergeben, als ob nichts geschehen wäre. Der Kerl ließ sich ohne weiteres für diese schlechte List gebrauchen. Er tat sehr geheimnisvoll und gab vor, er habe Krebse zu verkaufen. Die Krebse hatte ihm der Gubernial-Offiziant auf dem Markt besorgt. So trat er zu Kohlhaas ins Zimmer.

Kohlhaas las den Brief, während die Kinder mit den Krebsen spielten. Unter anderen Umständen hätte er den Gauner sicher beim Kragen gepackt. Er hätte ihn den Landsknechten übergeben, die vor seiner Tür standen. Aber die Stimmung der Leute war so, dass man auch diesen Schritt auf verschiedene Weise deuten konnte. Außerdem war er völlig überzeugt: Nichts auf der Welt konnte ihn aus dem Handel retten, in den er verwickelt war. Darum sah er dem Kerl mit einem traurigen Blick ins Gesicht. Er kannte dieses Gesicht gut. Er fragte ihn, wo er wohne. Dann bestellte er ihn in einigen Stunden wieder zu sich. Dann wolle er ihm sagen, was er in Bezug auf seinen Herrn beschlossen habe.

Zufällig trat Sternbald gerade in die Tür. Kohlhaas sagte ihm, er solle dem Mann im Zimmer einige Krebse abkaufen. Das Geschäft wurde erledigt, und die beiden gingen fort, ohne einander zu kennen. Dann setzte Kohlhaas sich hin und schrieb einen Brief an Nagelschmidt. Er lautete so:

> Zuerst: Ich nehme deinen Vorschlag an und übernehme die oberste Führung deines Haufens im Altenburgischen. Ich werde mit meinen fünf Kindern vorläufig in Haft gehalten. Um mich daraus zu befreien, sollst du mir einen Wagen mit zwei Pferden in die Neustadt bei Dresden schicken. Damit es schneller geht, brauche ich außerdem noch ein Gespann von zwei Pferden auf der Straße nach Wittenberg. Nur auf diesem Umweg kann ich zu dir kommen. Die Gründe dafür anzugeben, würde zu weit führen. Ich glaube zwar, dass ich die Landsknechte, die mich bewachen, bestechen kann. Aber falls Gewalt nötig ist, sollen ein paar mutige, kluge und gut bewaffnete Knechte in der Neustadt bei Dresden bereit sein. Für die Kosten aller dieser Vorbereitungen schicke ich dir durch den Knecht eine Rolle mit zwanzig Goldkronen. Wenn die Sache erledigt ist, will ich mit dir abrechnen, wofür du das Geld ausgegeben hast. Übrigens will ich nicht, dass du selbst bei meiner Befreiung in Dresden dabei bist, denn das ist unnötig. Ich gebe dir vielmehr den klaren Befehl, im Altenburgischen zu bleiben. Dort sollst du vorläufig die Bande führen, denn sie kann nicht ohne Anführer sein.

Gegen Abend kam der Knecht, und Kohlhaas übergab ihm diesen Brief. Er beschenkte ihn reichlich und schärfte ihm ein, gut auf den Brief aufzupassen.

Seine wirkliche Absicht war, mit seinen fünf Kindern nach Hamburg zu gehen. Von dort wollte er sich in die Levante oder nach Ostindien einschiffen. Oder er wollte so weit fahren, wie der Himmel blau war – über anderen Menschen als denen, die er kannte. Denn seine Seele war vom Kummer tief gebeugt, und er hatte die Dickfütterung der Rappen aufgegeben. Das lag nicht nur an seinem Widerwillen, dafür mit Nagelschmidt gemeinsame Sache zu machen.

Der Kerl brachte diese Antwort dem Schlosshauptmann. Kaum war das geschehen, da wurde der Großkanzler abgesetzt. An seiner Stelle wurde der Präsident, Graf Kallheim, zum Chef des Tribunals ernannt. Und Kohlhaas wurde durch einen Kabinettsbefehl des Kurfürsten verhaftet. Man legte ihm schwere Ketten an und brachte ihn in die Stadttürme. Auf Grund dieses Briefes machte man ihm den Prozess. Der Brief wurde an allen Ecken der Stadt angeschlagen. Vor den Schranken des Tribunals hielt ihm ein Rat den Brief vor. Er fragte ihn, ob er die Handschrift anerkenne.

Kohlhaas antwortete: „Ja!“

Dann fragte man ihn, ob er etwas zu seiner Verteidigung zu sagen wisse. Da schlug er den Blick zu Boden und antwortete: „Nein!“

So wurde er verurteilt. Schinderknechte sollten ihn mit glühenden Zangen kneifen. Dann sollte er gevierteilt werden. Und sein Körper sollte zwischen Rad und Galgen verbrannt werden.

So standen die Dinge für den armen Kohlhaas in Dresden. Da trat der Kurfürst von Brandenburg auf, um ihn aus den Händen der Übermacht und Willkür zu retten. In einer Note an die kurfürstliche Staatskanzlei in Dresden forderte er ihn als brandenburgischen Untertan zurück. Denn der wackere Stadthauptmann, Herr Heinrich von Geusau, hatte ihm die Geschichte dieses seltsamen Mannes erzählt. Dieser Mann war seltsam, aber kein schlechter Mensch. Das war auf einem Spaziergang am Ufer der Spree gewesen. Der Kurfürst war erstaunt und drängte Geusau mit Fragen. Da musste Geusau auch die Schuld erwähnen, die auf der Person des Kurfürsten selbst lastete. Diese Schuld kam von dem ungehörigen Verhalten seines Erzkanzlers, des Grafen Siegfried von Kallheim. Der Kurfürst war darüber sehr empört. Er stellte den Erzkanzler zur Rede. Dabei fand er heraus, dass dessen Verwandtschaft mit dem Haus derer von Tronka an allem schuld war. Ohne weiteres setzte er ihn ab und zeigte ihm auf mehrere Weisen seine Ungnade. Herrn Heinrich von Geusau ernannte er zum Erzkanzler.

Gerade damals lag die Krone Polen mit dem Haus Sachsen im Streit. Worum es dabei ging, wissen wir nicht. Polen bat den Kurfürsten von Brandenburg immer wieder dringend, sich mit ihm gegen das Haus Sachsen zu verbünden. Der Erzkanzler, Herr Geusau, war in solchen Dingen nicht ungeschickt. Darum durfte er hoffen, den Wunsch seines Herrn zu erfüllen: Kohlhaas sollte Gerechtigkeit bekommen, koste es, was es wolle. Dabei wollte er aber die Ruhe des Ganzen nicht mehr aufs Spiel setzen, als es die Rücksicht auf einen einzelnen Menschen erlaubt.

Der Erzkanzler forderte also, dass man Kohlhaas sofort und ohne Bedingung ausliefere. Denn das Verfahren gegen ihn sei ganz willkürlich und missfalle Gott und den Menschen. Wenn Kohlhaas eine Schuld habe, wolle man ihn nach brandenburgischen Gesetzen richten. Der Dresdner Hof könne die Anklagepunkte durch einen Anwalt in Berlin vor Gericht bringen. Ja, Geusau verlangte sogar Pässe für einen Anwalt, den der Kurfürst nach Dresden schicken wollte. Dieser Anwalt sollte Kohlhaas gegen den Junker Wenzel von Tronka zu seinem Recht verhelfen. Es ging um die Rappen, die man ihm auf sächsischem Boden abgenommen hatte. Und es ging um andere himmelschreiende Misshandlungen und Gewalttaten.

Der Kämmerer, Herr Kunz, war bei der Neuverteilung der Staatsämter in Sachsen zum Präsidenten der Staatskanzlei ernannt worden. Er war damals selbst in Bedrängnis. Darum wollte Kunz aus mancherlei Gründen den Berliner Hof nicht verletzen. Sein Herr war über die Note sehr niedergeschlagen. In seinem Namen antwortete Kunz: Man wundere sich, wie unfreundlich und ungerecht Berlin sei. Man spreche dem Hof in Dresden das Recht ab, Kohlhaas nach den Gesetzen zu richten. Dabei gehe es um Verbrechen, die er im Land begangen habe. Und alle Welt wisse doch, dass er ein großes Grundstück in der Hauptstadt besitze. Er leugne auch gar nicht, dass er sächsischer Bürger sei.

Doch die Krone Polen zog schon ein Heer von fünftausend Mann an der Grenze von Sachsen zusammen, um ihre Ansprüche durchzusetzen. Und der Erzkanzler, Herr Heinrich von Geusau, erklärte: „Kohlhaasenbrück, der Ort, nach dem der Rosshändler heißt, liegt in Brandenburg. Man würde es für eine Verletzung des Völkerrechts halten, wenn man das Todesurteil an ihm vollstreckt.“

Da rief der Kurfürst von Sachsen den Prinzen Christiern von Meißen von seinen Gütern zurück. Das tat er auf den Rat des Kämmerers, Herrn Kunz, selbst. Denn Kunz wollte sich aus diesem Handel zurückziehen. Der Prinz war ein verständiger Herr. Nach wenigen Worten von ihm entschloss sich der Kurfürst, Kohlhaas nach der Forderung an den Berliner Hof auszuliefern.

Der Prinz war mit den Ungehörigkeiten, die geschehen waren, wenig zufrieden. Trotzdem musste er auf Wunsch seines bedrängten Herrn die Leitung der Sache Kohlhaas übernehmen. Er fragte den Kurfürsten, auf welchen Grund er den Rosshändler jetzt beim Kammergericht in Berlin anklagen wolle. Auf den leidigen Brief an Nagelschmidt konnte man sich nicht berufen. Denn die Umstände, unter denen er geschrieben war, waren zweideutig und unklar. Die früheren Plünderungen und Brände durfte man aber auch nicht erwähnen. Denn im Plakat hatte man sie ihm vergeben. Darum beschloss der Kurfürst, der Majestät des Kaisers in Wien einen Bericht vorzulegen. Darin ging es um den bewaffneten Einfall von Kohlhaas in Sachsen. Er wollte sich über den Bruch des öffentlichen Landfriedens beschweren, den der Kaiser eingesetzt hatte. Der Kaiser war ja durch keine Amnestie gebunden. Ihn wollte er bitten, Kohlhaas deshalb beim Hofgericht in Berlin durch einen Reichsankläger zur Rechenschaft ziehen zu lassen.

Acht Tage später kam der Ritter Friedrich von Malzahn. Der Kurfürst von Brandenburg hatte ihn mit sechs Reitern nach Dresden geschickt. Er lud den Rosshändler, gefesselt wie er war, auf einen Wagen. So brachte er ihn mit seinen fünf Kindern nach Berlin. Auf die Bitte von Kohlhaas hatte man die Kinder aus Findelhäusern und Waisenhäusern wieder zusammengesucht.

Zur selben Zeit war der Kurfürst von Sachsen nach Dahme gereist. Der Landdrost, Graf Aloysius von Kallheim, hatte ihn zu einer großen Hirschjagd eingeladen. Der Landdrost hatte damals große Besitzungen an der Grenze von Sachsen. Man hatte die Jagd veranstaltet, um den Kurfürsten aufzuheitern. Mit ihm reisten der Kämmerer, Herr Kunz, und dessen Frau, die Dame Heloise. Sie war die Tochter des Landdrosts und die Schwester des Präsidenten. Andere glänzende Herren und Damen waren auch dabei, dazu Jagdjunker und Hofherren. Auf einem Hügel standen Zelte mit Wimpeln, quer über die Straße gebaut. Unter ihrem Dach saß die ganze Gesellschaft an der Tafel. Alle waren noch vom Staub der Jagd bedeckt. Pagen und Edelknaben bedienten sie. Vom Stamm einer Eiche her klang heitere Musik. Da kam der Rosshändler mit seinen Reitern langsam die Straße von Dresden herauf.

Eines der kleinen, zarten Kinder von Kohlhaas war nämlich krank geworden. Darum hatte der Ritter von Malzahn drei Tage lang in Herzberg bleiben müssen. Er war dafür nur dem Fürsten verantwortlich, dem er diente. Darum hatte er es nicht für nötig gehalten, der Regierung in Dresden davon Nachricht zu geben.

Der Kurfürst saß mit halb offener Brust neben der Dame Heloise. Seinen Federhut hatte er nach Art der Jäger mit Tannenzweigen geschmückt. Heloise war in früher Jugend seine erste Liebe gewesen. Die Anmut des Festes um ihn herum machte ihn heiter. Er sagte: „Lasst uns hingehen und dem Unglücklichen, wer es auch sei, diesen Becher mit Wein reichen!“

Die Dame Heloise sah ihn herzlich an und stand sofort auf. Ein Page reichte ihr eine silberne Schale. Sie plünderte die ganze Tafel und füllte die Schale mit Früchten, Kuchen und Brot. Schon hatte die ganze Gesellschaft mit Erfrischungen aller Art das Zelt verlassen. Da kam ihnen der Landdrost mit einem verlegenen Gesicht entgegen. Er bat sie, zurückzubleiben. Der Kurfürst fragte betroffen, was geschehen sei, dass er so bestürzt sei. Der Landdrost wandte sich zum Kämmerer und antwortete stotternd, Kohlhaas sei im Wagen. Diese Nachricht konnte niemand begreifen. Denn alle Welt wusste, dass er schon vor sechs Tagen abgereist war. Der Kämmerer, Herr Kunz, nahm seinen Becher mit Wein. Er drehte sich zum Zelt zurück und schüttete den Wein in den Sand. Der Kurfürst wurde über und über rot. Auf einen Wink des Kämmerers hielt ihm ein Edelknabe einen Teller hin. Darauf stellte der Kurfürst seinen Becher.

Der Ritter Friedrich von Malzahn kannte die Gesellschaft nicht. Er grüßte sie ehrfurchtsvoll. Dann zog er langsam durch die Zeltleinen, die über die Straße liefen, weiter nach Dahme. Die Herrschaften aber gingen auf Einladung des Landdrosts ins Zelt zurück. Sie achteten nicht weiter darauf.

Sobald der Kurfürst sich gesetzt hatte, schickte der Landdrost heimlich nach Dahme. Der Magistrat dort sollte den Rosshändler sofort weiterschaffen lassen. Doch der Ritter erklärte, er wolle bestimmt in dem Ort übernachten, denn es sei schon zu spät am Tag. So musste man sich damit begnügen, ihn ganz leise unterzubringen. Man brachte ihn in eine Meierei, die dem Magistrat gehörte. Sie lag an der Seite, versteckt in Gebüschen.

Gegen Abend hatten die Herrschaften den ganzen Vorfall wieder vergessen. Der Wein und ein üppiger Nachtisch hatten sie abgelenkt. Man hatte ein Rudel Hirsche gesehen. Da brachte der Landdrost den Gedanken auf, sich deshalb noch einmal auf den Anstand zu stellen. Die ganze Gesellschaft nahm den Vorschlag mit Freude an. Alle holten sich Gewehre und eilten paarweise über Gräben und Hecken in den nahen Wald. Die Dame Heloise hing sich an den Arm des Kurfürsten, um bei dem Schauspiel dabei zu sein. Ein Bote war ihnen als Führer zugeteilt. Zu ihrem Erstaunen führte er sie direkt durch den Hof des Hauses, in dem Kohlhaas mit den brandenburgischen Reitern war.

Als die Dame das hörte, sagte sie: „Kommt, gnädigster Herr, kommt!“ Schäkernd steckte sie die Kette, die ihm vom Hals herabhing, in seinen seidenen Brustlatz. „Lasst uns in die Meierei schleichen, bevor der Tross nachkommt! Wir wollen den wunderlichen Mann ansehen, der darin übernachtet!“

Der Kurfürst wurde rot, nahm ihre Hand und sagte: „Heloise! Was fällt Euch ein?“

Doch sie sah ihn betroffen an und antwortete, in seiner Jägerkleidung erkenne ihn ja kein Mensch. Und sie zog ihn fort. Genau in diesem Augenblick kamen ein paar Jagdjunker aus dem Haus. Sie hatten ihre Neugier schon befriedigt. Sie versicherten, der Landdrost habe alles so eingerichtet: Weder der Ritter noch der Rosshändler wisse, welche Gesellschaft in der Gegend von Dahme versammelt sei. Da drückte sich der Kurfürst lächelnd den Hut in die Augen und sagte: „Torheit, du regierst die Welt, und dein Sitz ist ein schöner weiblicher Mund!“

Kohlhaas saß gerade auf einem Bund Stroh, mit dem Rücken zur Wand. Er fütterte sein Kind mit Semmel und Milch. Das Kind war in Herzberg krank geworden. Da traten die Herrschaften in die Meierei, um ihn zu besuchen. Die Dame wollte ein Gespräch anfangen. Sie fragte ihn, wer er sei und was dem Kind fehle. Sie fragte auch, was er verbrochen habe und wohin man ihn unter solcher Bewachung bringe. Kohlhaas rückte vor ihr seine Mütze aus Leder. Er fuhr mit seiner Arbeit fort und gab ihr auf alle Fragen kurze, aber befriedigende Antworten.

Der Kurfürst stand hinter den Jagdjunkern. Er bemerkte eine kleine Kapsel aus Blei, die Kohlhaas an einem seidenen Faden vom Hals hing. Es bot sich gerade nichts Besseres zur Unterhaltung an. Darum fragte er ihn, was diese Kapsel bedeute und was darin sei.

„Ja, gestrenger Herr, diese Kapsel!“, antwortete Kohlhaas. Er streifte sie vom Nacken ab und öffnete sie. Er nahm einen kleinen Zettel heraus, der mit Mundlack versiegelt war. „Mit dieser Kugel hat es eine wunderliche Bewandtnis! Es mögen etwa sieben Monate her sein, genau am Tag nach dem Begräbnis meiner Frau. Ich war von Kohlhaasenbrück aufgebrochen, wie Ihr vielleicht wisst. Ich wollte den Junker von Tronka fangen, der mir viel Unrecht getan hat. Damals hielten der Kurfürst von Sachsen und der Kurfürst von Brandenburg ein Treffen in Jüterbock. Es ging um eine Verhandlung, die ich nicht kenne. Jüterbock ist ein Marktflecken, und mein Streifzug führte mich hindurch. Gegen Abend hatten sich die beiden nach ihren Wünschen geeinigt. Da gingen sie in freundlichem Gespräch durch die Straßen der Stadt. Sie wollten sich den Jahrmarkt ansehen, der dort gerade fröhlich gefeiert wurde. Da trafen sie auf eine Zigeunerin. Sie saß auf einem Schemel und sagte dem Volk um sie herum aus dem Kalender die Zukunft voraus. Die Herren fragten sie im Scherz, ob sie nicht auch ihnen etwas Schönes zu sagen habe.

Ich war mit meinem Haufen gerade in einem Wirtshaus abgestiegen. Ich war auf dem Platz, wo das geschah. Aber ich stand hinter allem Volk am Eingang einer Kirche. Darum konnte ich nicht hören, was die wunderliche Frau den Herren sagte. Die Leute flüsterten einander lachend zu, sie teile nicht jedem ihr Wissen mit. Und sie drängten sich sehr, um das Schauspiel zu sehen. Da stieg ich auf eine Bank, die hinter mir in den Stein des Kircheneingangs gehauen war. Ich war wirklich nicht so neugierig. Ich wollte vielmehr den Neugierigen Platz machen. Von dort aus konnte ich frei über alle hinwegsehen. Kaum sah ich die Herrschaften und das Weib, das vor ihnen auf dem Schemel saß. Sie schien etwas aufzukritzeln. Da steht sie plötzlich auf, auf ihre Krücken gestützt, und sieht sich im Volk um. Sie fasst mich ins Auge. Dabei habe ich nie ein Wort mit ihr gewechselt und mein Leben lang nichts von ihrem Wissen gewollt. Sie drängt sich durch die ganze dichte Menschenmenge zu mir heran und spricht: ‚Da! Wenn es der Herr wissen will, so mag er dich danach fragen!‘ Und damit, gestrenger Herr, reichte sie mir mit ihren dürren, knochigen Händen diesen Zettel. Alles Volk drehte sich zu mir um. Ich war verlegen und sagte: ‚Mütterchen, was schenkst du mir denn da?‘ Sie redete viel unverständliches Zeug. Darin hörte ich aber zu meiner großen Verwunderung meinen Namen. Dann antwortete sie: ‚Ein Amulett, Kohlhaas, der Rosshändler. Bewahr es gut auf, es wird dir einmal das Leben retten!‘ Und sie verschwindet.“

„Nun!“, fuhr Kohlhaas gutmütig fort. „Um die Wahrheit zu sagen: In Dresden hat es mich das Leben nicht gekostet, so scharf es dort auch herging. Wie es mir in Berlin gehen wird und ob ich auch dort damit bestehen werde, das wird die Zukunft zeigen.“

Bei diesen Worten setzte sich der Kurfürst auf eine Bank. Die Dame fragte betroffen, was ihm fehle. Er antwortete: „Nichts, gar nichts!“ Aber schon fiel er ohnmächtig auf den Boden. Sie hatte nicht einmal Zeit, ihm zu helfen und ihn in ihren Armen aufzufangen. In diesem Augenblick trat der Ritter von Malzahn wegen eines Geschäfts ins Zimmer.

„Heiliger Gott!“, sagte er. „Was fehlt dem Herrn?“

„Schafft Wasser her!“, rief die Dame.

Die Jagdjunker hoben ihn auf und trugen ihn auf ein Bett im Nebenzimmer. Ein Page rief den Kämmerer herbei. Kunz versuchte mehrmals vergeblich, ihn wieder zu sich zu bringen. Dann erklärte er, der Kurfürst zeige alle Zeichen, als ob ihn der Schlag getroffen habe. Da erreichte die Bestürzung ihren Gipfel. Der Mundschenk schickte einen reitenden Boten nach Luckau, um einen Arzt zu holen. Als der Kurfürst die Augen aufschlug, ließ der Landdrost ihn in einen Wagen bringen. Schritt für Schritt fuhr man ihn zu seinem Jagdschloss, das in der Nähe lag. Aber nach der Ankunft dort fiel er wegen dieser Reise noch zweimal in Ohnmacht. Erst spät am nächsten Morgen kam der Arzt aus Luckau. Da erholte sich der Kurfürst einigermaßen. Doch er zeigte deutliche Zeichen eines Nervenfiebers, das herannahte.

Sobald er wieder bei klarem Verstand war, richtete er sich halb im Bett auf. Seine erste Frage war sofort: „Wo ist Kohlhaas?“

Der Kämmerer verstand die Frage falsch. Er nahm seine Hand und sagte, er solle sich wegen dieses entsetzlichen Menschen beruhigen. Nach jenem seltsamen und unbegreiflichen Vorfall sei der Mann wie bestimmt in der Meierei in Dahme geblieben, unter brandenburgischer Bewachung. Kunz versicherte ihm sein lebhaftestes Mitgefühl. Er beteuerte auch, er habe seiner Frau die bittersten Vorwürfe gemacht. Denn es sei unverantwortlicher Leichtsinn gewesen, den Kurfürsten mit diesem Mann zusammenzubringen. Dann fragte er ihn, was ihn denn in dem Gespräch mit dem Mann so wunderbar und gewaltig ergriffen habe.

Der Kurfürst sagte, er müsse ihm gestehen: Der Anblick eines nichtigen Zettels sei schuld an dem ganzen unangenehmen Zufall. Der Mann trage diesen Zettel in einer bleiernen Kapsel bei sich. Der Kurfürst fügte noch mancherlei zur Erklärung hinzu, das der Kämmerer nicht verstand. Plötzlich drückte er die Hand von Kunz zwischen seinen Händen. Er versicherte ihm, der Besitz dieses Zettels sei für ihn von äußerster Wichtigkeit. Und er bat ihn, sofort aufs Pferd zu steigen und nach Dahme zu reiten. Dort solle er dem Mann den Zettel abkaufen, um jeden Preis.

Der Kämmerer konnte seine Verlegenheit kaum verbergen. Er versicherte ihm: Wenn dieser Zettel irgendeinen Wert für ihn habe, dann sei nichts nötiger, als das vor Kohlhaas zu verschweigen. Denn vielleicht erfahre Kohlhaas durch ein unvorsichtiges Wort davon. Dann würden alle Reichtümer des Kurfürsten nicht reichen, um den Zettel aus seinen Händen zu kaufen. Denn er sei ein grimmiger Kerl, und seine Rachsucht sei unersättlich. Um ihn zu beruhigen, fügte Kunz hinzu, man müsse an ein anderes Mittel denken. Vielleicht sei es durch List möglich, mit Hilfe eines ganz unbefangenen Dritten. Denn der Bösewicht hänge an dem Zettel selbst wahrscheinlich nicht sehr. So könne man vielleicht den Zettel bekommen, an dem dem Kurfürsten so viel liege.

Der Kurfürst trocknete sich den Schweiß ab. Er fragte, ob man nicht sofort deshalb nach Dahme schicken könne. Man könne den weiteren Transport des Rosshändlers doch vorläufig aufhalten, bis man das Blatt irgendwie habe. Der Kämmerer traute seinen Ohren nicht. Er antwortete: Nach aller Berechnung habe der Rosshändler Dahme leider schon verlassen. Er müsse schon jenseits der Grenze sein, auf brandenburgischem Boden. Wenn man dort versuche, den Transport aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen, gäbe es die unangenehmsten und größten Schwierigkeiten. Vielleicht könne man diese Schwierigkeiten gar nicht beseitigen.

Der Kurfürst legte sich schweigend auf das Kissen zurück, wie ein ganz hoffnungsloser Mensch. Da fragte ihn der Kämmerer, was denn auf dem Zettel stehe. Und durch welchen seltsamen und unerklärlichen Zufall wisse er, dass der Inhalt ihn betreffe? Darauf antwortete der Kurfürst aber nicht. Er warf dem Kämmerer zweideutige Blicke zu, denn er misstraute in diesem Fall seiner Bereitschaft zu helfen. Starr lag er da, und sein Herz klopfte unruhig. Gedankenvoll hielt er ein Taschentuch zwischen den Händen und sah auf dessen Spitze nieder. Plötzlich bat er Kunz, den Jagdjunker vom Stein ins Zimmer zu rufen. Er gab vor, er habe ein anderes Geschäft mit ihm zu erledigen. Vom Stein war ein junger, kräftiger und geschickter Herr. Der Kurfürst hatte ihn schon öfter für geheime Aufträge gebraucht.

Der Kurfürst erklärte dem Jagdjunker die Sache. Er sagte ihm, wie wichtig der Zettel war, den Kohlhaas besaß. Dann fragte er ihn, ob er sich ein ewiges Recht auf seine Freundschaft verdienen wolle. Er solle ihm den Zettel verschaffen, noch bevor Kohlhaas Berlin erreiche. Der Junker überblickte die Lage nur ungefähr, so seltsam war sie. Aber sofort versicherte er, er stehe ihm mit allen seinen Kräften zu Diensten. Da gab ihm der Kurfürst den Auftrag, Kohlhaas nachzureiten. Mit Geld sei ihm wahrscheinlich nicht beizukommen. Darum solle vom Stein ihm in einem klug geplanten Gespräch Freiheit und Leben für den Zettel anbieten. Ja, wenn Kohlhaas darauf bestehe, solle er ihm sogar sofort zur Flucht verhelfen, wenn auch mit Vorsicht. Er solle ihm mit Pferden, Leuten und Geld helfen, den brandenburgischen Reitern zu entkommen, die ihn transportierten.

Der Jagdjunker bat sich ein Blatt von der Hand des Kurfürsten aus, als Beglaubigung. Dann brach er sofort mit einigen Knechten auf. Er schonte die Pferde nicht. So hatte er das Glück, Kohlhaas in einem Dorf an der Grenze zu treffen. Kohlhaas aß dort mit dem Ritter von Malzahn und seinen fünf Kindern zu Mittag. Das Essen war im Freien vor der Tür eines Hauses gedeckt. Der Junker stellte sich dem Ritter von Malzahn als Fremder vor. Er sei auf der Durchreise und wolle den seltsamen Mann sehen, den der Ritter mit sich führe. Der Ritter machte ihn sogleich höflich mit Kohlhaas bekannt und bat ihn an den Tisch. Dann ging der Ritter wegen der Vorbereitungen zur Abreise hin und her. Die Reiter aßen an einem Tisch auf der anderen Seite des Hauses. So fand sich bald eine Gelegenheit, und der Junker konnte dem Rosshändler sagen, wer er war. Er sagte ihm auch, mit welchem besonderen Auftrag er zu ihm kam.

Der Rosshändler kannte bereits Rang und Namen des Mannes, der in der Meierei in Dahme beim Anblick der Kapsel ohnmächtig geworden war. Diese Entdeckung hatte ihn in einen Taumel versetzt. Um diesen Taumel zu krönen, fehlte ihm nur noch eines: das Wissen um die Geheimnisse des Zettels. Doch aus mancherlei Gründen war er entschlossen, den Zettel nicht aus bloßer Neugier zu öffnen. Er dachte an die unedle und unfürstliche Behandlung in Dresden. Dabei war er dort ganz bereit gewesen, alle nur möglichen Opfer zu bringen. Darum sagte er, er wolle den Zettel behalten.

Der Jagdjunker fragte, was ihn zu dieser seltsamen Weigerung bringe. Man biete ihm doch nichts Geringeres als Freiheit und Leben dafür an.

Kohlhaas antwortete: „Edler Herr! Wenn Euer Landesherr käme und spräche: ‚Ich will mich vernichten, mit dem ganzen Tross derer, die mir das Zepter führen helfen‘ – vernichten, versteht Ihr? Das ist allerdings der größte Wunsch, den meine Seele hat. Selbst dann würde ich ihm den Zettel noch verweigern, der ihm mehr wert ist als sein Leben. Und ich würde sprechen: ‚Du kannst mich auf das Schafott bringen, ich aber kann dir wehtun, und ich will's!‘“

Und damit rief er einen Reiter herbei, den Tod im Gesicht. Er forderte ihn auf, ein gutes Stück Essen zu nehmen, das in der Schüssel übrig geblieben war. Für den ganzen Rest der Stunde, die er noch im Ort verbrachte, beachtete er den Junker nicht mehr. Es war, als ob der Junker am Tisch gar nicht da wäre. Erst als er auf den Wagen stieg, drehte er sich noch einmal zu ihm um. Mit einem Blick grüßte er ihn zum Abschied.

Als der Kurfürst diese Nachricht bekam, wurde sein Zustand viel schlimmer. Drei verhängnisvolle Tage lang war der Arzt in größter Sorge um sein Leben. Denn es wurde zur gleichen Zeit von so vielen Seiten angegriffen. Trotzdem wurde er durch die Kraft seiner natürlichen Gesundheit wieder gesund. Er lag einige qualvolle Wochen krank im Bett. Dann ging es ihm wenigstens so gut, dass man ihn in einen Wagen bringen konnte. Gut mit Kissen und Decken versorgt, fuhr man ihn nach Dresden zurück zu seinen Regierungsgeschäften.

Sobald er in Dresden angekommen war, ließ er den Prinzen Christiern von Meißen rufen. Er fragte ihn, wie es mit der Abreise des Gerichtsrats Eibenmayer stehe. Man hatte ihn als Anwalt in der Sache Kohlhaas nach Wien schicken wollen. Dort sollte er der kaiserlichen Majestät die Beschwerde über den gebrochenen kaiserlichen Landfrieden vorlegen. Der Prinz antwortete ihm, Eibenmayer sei schon nach Wien abgereist. So habe es der Befehl verlangt, den der Kurfürst bei seiner Abreise nach Dahme hinterlassen habe. Eibenmayer sei gleich nach der Ankunft des Rechtsgelehrten Zäuner abgereist. Der Kurfürst von Brandenburg hatte Zäuner als Anwalt nach Dresden geschickt. Er sollte dort seine Klage gegen den Junker Wenzel von Tronka wegen der Rappen vor Gericht bringen.

Der Kurfürst wurde rot und trat an seinen Arbeitstisch. Er wunderte sich über diese Eile. Soviel er wisse, habe er erklärt, dass er über die endgültige Abreise des Eibenmayer noch einen genaueren Befehl geben wolle. Denn vorher müsse man noch mit Doktor Luther sprechen, der Kohlhaas die Amnestie verschafft hatte. Dabei warf er einige Briefe und Akten auf dem Tisch übereinander. Man sah ihm an, dass er seinen Ärger zurückhielt.

Der Prinz schwieg eine Weile und sah ihn mit großen Augen an. Dann antwortete er, es tue ihm leid, wenn er ihn in dieser Sache nicht zufriedengestellt habe. Aber er könne ihm den Beschluss des Staatsrats zeigen. Darin habe man ihm zur Pflicht gemacht, den Anwalt zu diesem Zeitpunkt abzuschicken. Er fügte hinzu, im Staatsrat sei auf keinen Fall die Rede davon gewesen, mit Doktor Luther zu sprechen. Früher wäre es vielleicht sinnvoll gewesen, auf diesen geistlichen Herrn Rücksicht zu nehmen. Denn er hatte sich ja für Kohlhaas eingesetzt. Aber jetzt nicht mehr. Denn man habe Kohlhaas die Amnestie vor den Augen der ganzen Welt gebrochen. Man habe ihn verhaftet und an die brandenburgischen Gerichte ausgeliefert, damit sie ihn verurteilten und hinrichteten.

Der Kurfürst sagte, der Fehler, Eibenmayer abzuschicken, sei auch wirklich nicht groß. Trotzdem wünsche er, dass Eibenmayer vorläufig nicht als Ankläger in Wien auftrete, bis auf weiteren Befehl. Er bat den Prinzen, ihm deshalb sofort durch einen Eilboten das Nötige zu schicken. Der Prinz antwortete, dieser Befehl komme leider einen Tag zu spät. Nach einem Bericht, der gerade heute angekommen sei, sei Eibenmayer schon als Anwalt aufgetreten. Er habe die Klage bei der Wiener Staatskanzlei schon eingereicht.

Der Kurfürst fragte betroffen, wie das überhaupt in so kurzer Zeit möglich sei. Der Prinz fügte hinzu, seit der Abreise dieses Mannes seien schon drei Wochen vergangen. Und nach seiner Anweisung habe er die Sache gleich nach seiner Ankunft in Wien erledigen müssen. Eine Verzögerung, bemerkte der Prinz, wäre in diesem Fall noch unpassender gewesen. Denn der brandenburgische Anwalt Zäuner gehe mit dem trotzigsten Nachdruck gegen den Junker Wenzel von Tronka vor. Er habe beim Gerichtshof schon beantragt, dass man die Rappen vorläufig dem Abdecker wegnimmt. So sollten sie später wieder gesund gemacht werden. Und trotz aller Einwände der Gegenseite habe er das auch durchgesetzt.

Der Kurfürst zog an der Klingel und sagte: „Gleichviel! Es hat nichts zu bedeuten!“ Dann wandte er sich mit gleichgültigen Fragen wieder an den Prinzen: Wie es sonst in Dresden stehe? Und was in seiner Abwesenheit geschehen sei? Er konnte seinen inneren Zustand nicht verbergen. Er grüßte den Prinzen mit der Hand und entließ ihn.

Noch am selben Tag forderte er vom Prinzen schriftlich alle Akten über Kohlhaas an. Er gab vor, er wolle die Sache wegen ihrer politischen Wichtigkeit selbst bearbeiten. Nur ein einziger Mensch konnte ihm etwas über die Geheimnisse des Zettels sagen. Der Gedanke war ihm unerträglich, diesen Menschen zu verderben. Darum schrieb er eigenhändig einen Brief an den Kaiser. Darin bat er ihn herzlich und dringend, die Klage von Eibenmayer gegen Kohlhaas vorläufig zurücknehmen zu dürfen. Das solle bis zu einem weiteren Beschluss gelten. Er habe dafür wichtige Gründe, die er ihm vielleicht bald genauer erklären werde.

Der Kaiser antwortete ihm in einer Note, die seine Staatskanzlei ausgestellt hatte:

> Der Wechsel, der plötzlich in der Brust des Kurfürsten geschehen zu sein scheint, befremdet den Kaiser aufs Äußerste. Der Bericht aus Sachsen hat die Sache des Kohlhaas zu einer Angelegenheit des ganzen Heiligen Römischen Reichs gemacht. Darum hat sich der Kaiser als Oberhaupt des Reichs verpflichtet gesehen, in dieser Sache als Ankläger beim Haus Brandenburg aufzutreten. Der Hof-Assessor Franz Müller ist bereits als Anwalt nach Berlin gegangen. Dort soll er Kohlhaas wegen Verletzung des öffentlichen Landfriedens zur Rechenschaft ziehen. Darum kann man die Beschwerde jetzt auf keinen Fall mehr zurücknehmen. Die Sache muss nach den Gesetzen ihren weiteren Gang nehmen.

Dieser Brief schlug den Kurfürsten völlig nieder. Nach einiger Zeit kamen private Briefe aus Berlin, und sie betrübten ihn aufs Äußerste. Darin hieß es, der Prozess beim Kammergericht habe begonnen. Und Kohlhaas werde wahrscheinlich auf dem Schafott enden, trotz aller Mühe des Advokaten, den man ihm gegeben hatte. Da beschloss dieser unglückliche Herr, noch einen Versuch zu machen. In einem eigenhändigen Brief bat er den Kurfürsten von Brandenburg um das Leben des Rosshändlers. Er führte an, die Amnestie, die man diesem Mann versprochen habe, erlaube eigentlich nicht, ihn hinzurichten. Er versicherte ihm, er habe nie die Absicht gehabt, ihn sterben zu lassen. Das gelte trotz der scheinbaren Strenge, mit der man gegen ihn vorgegangen sei. Und er beschrieb ihm, wie trostlos er wäre, wenn es am Ende unerwartet so käme: Berlin habe vorgegeben, Kohlhaas schützen zu wollen. Doch dieser Schutz würde ihm nun mehr schaden, als wenn er in Dresden geblieben wäre. Dort wäre seine Sache nach sächsischen Gesetzen entschieden worden.

Dem Kurfürsten von Brandenburg schien in diesen Angaben mancherlei zweideutig und unklar. Er antwortete ihm:

> Der Anwalt der kaiserlichen Majestät geht mit großem Nachdruck vor. Darum kann man auf keinen Fall von der strengen Vorschrift der Gesetze abweichen, wie der Kurfürst es wünscht. Die Sorge, die er äußert, geht in Wahrheit zu weit. Denn die Beschwerde wegen der Verbrechen, die Kohlhaas in der Amnestie verziehen wurden, kommt ja nicht von ihm, der die Amnestie gegeben hat. Sie kommt vom Oberhaupt des Reichs, und das ist auf keine Weise daran gebunden. Das Reichsoberhaupt hat sie beim Kammergericht in Berlin eingereicht. Nagelschmidt setzt seine Gewalttaten fort, und mit unerhörter Frechheit reichen sie schon bis auf brandenburgisches Gebiet. Darum ist es notwendig, ein abschreckendes Beispiel zu geben. Wenn der Kurfürst dies alles nicht beachten will, soll er sich an die Majestät des Kaisers selbst wenden. Denn ein Machtspruch zu Gunsten von Kohlhaas kann nur von dieser Seite kommen.

Der Kurfürst von Sachsen war voller Kummer und Ärger, weil alle diese Versuche missglückt waren. Er wurde wieder krank. Eines Morgens besuchte ihn der Kämmerer. Da zeigte er ihm die Briefe, die er an den Wiener und den Berliner Hof geschickt hatte. Damit hatte er Kohlhaas das Leben verlängern wollen, um wenigstens Zeit zu gewinnen. So wollte er den Zettel, den Kohlhaas besaß, doch noch bekommen. Der Kämmerer warf sich vor ihm auf die Knie. Er bat ihn bei allem, was ihm heilig und teuer sei: Er solle ihm sagen, was auf diesem Zettel stehe. Der Kurfürst sagte, er solle das Zimmer verriegeln und sich auf das Bett setzen. Dann nahm er seine Hand und drückte sie mit einem Seufzer an sein Herz. Und er begann so:

„Deine Frau hat dir, wie ich höre, schon erzählt: Der Kurfürst von Brandenburg und ich trafen am dritten Tag unseres Treffens in Jüterbock auf eine Zigeunerin. Der Kurfürst ist von Natur aus ein munterer Mensch. Gerade bei Tisch hatte man über die Kunst dieser abenteuerlichen Frau auf ungehörige Weise gesprochen. Darum beschloss er, ihren Ruf durch einen Scherz vor allem Volk zu zerstören. Er trat mit verschränkten Armen vor ihren Tisch. Er verlangte von ihr ein Zeichen für die Weissagung, die sie ihm machen sollte. Man sollte dieses Zeichen noch am selben Tag prüfen können. Sonst könne er nicht an ihre Worte glauben, sagte er, und wäre sie auch die römische Sibylle selbst. Die Frau maß uns flüchtig von Kopf bis Fuß. Dann sagte sie, das Zeichen sei dieses: Der Sohn des Gärtners zog im Park einen großen, gehörnten Rehbock auf. Dieser Rehbock werde uns auf dem Markt entgegenkommen, auf dem wir standen. Und zwar noch bevor wir den Markt verließen.

Nun musst du wissen: Dieser Rehbock war für die Dresdner Küche bestimmt. Man hielt ihn hinter Schloss und Riegel in einem Verschlag mit hohem Lattenzaun. Die Eichen des Parks gaben ihm Schatten. Außerdem gab es im Park noch anderes, kleineres Wild und Geflügel. Darum hielt man den ganzen Park und auch den Garten, der dorthin führte, sorgfältig verschlossen. Es war also gar nicht abzusehen, wie das Tier uns bis auf den Platz entgegenkommen sollte, wie sie behauptete. Trotzdem fürchtete der Kurfürst, dass eine Schelmerei dahintersteckte. Er sprach kurz mit mir. Er war fest entschlossen, alles, was sie noch sagen würde, zum Spaß zuschanden zu machen. Darum schickte er ins Schloss und befahl, den Rehbock sofort zu töten. Er sollte an einem der nächsten Tage für die Tafel zubereitet werden. Dann wandte er sich wieder zu der Frau. Vor ihr war diese Sache laut besprochen worden. Er sagte: ‚Nun, wohlan! Was hast du mir für die Zukunft zu verraten?‘

Die Frau sah in seine Hand und sprach: ‚Heil meinem Kurfürsten und Herrn! Deine Gnaden wird lange regieren. Das Haus, aus dem du stammst, wird lange bestehen. Und deine Nachkommen werden groß und herrlich werden und zu Macht gelangen, vor allen Fürsten und Herren der Welt!‘

Der Kurfürst sah die Frau eine Weile gedankenvoll an. Dann trat er einen Schritt zu mir. Halblaut sagte er, jetzt tue es ihm fast leid, dass er einen Boten geschickt habe, um die Weissagung zunichtezumachen. Die Ritter, die ihm folgten, warfen der Frau unter großem Jubel haufenweise Geld in den Schoß. Es regnete nur so. Der Kurfürst griff selbst in die Tasche und legte ein Goldstück dazu. Dabei fragte er sie, ob der Gruß für mich auch so silbern klinge wie seiner.

Die Frau öffnete einen Kasten, der neben ihr stand. Sie ordnete das Geld darin lange und umständlich nach Sorte und Menge. Dann schloss sie den Kasten wieder. Sie hielt die Hand vor die Augen, als ob die Sonne sie störte, und sah mich an. Ich wiederholte die Frage an sie. Während sie meine Hand prüfte, sagte ich im Scherz zum Kurfürsten: ‚Mir hat sie, scheint es, nichts besonders Angenehmes zu verkünden.‘ Da griff sie nach ihren Krücken und erhob sich langsam vom Schemel. Geheimnisvoll hielt sie die Hände vor den Mund und drängte sich dicht an mich heran. Dann flüsterte sie mir deutlich ins Ohr: ‚Nein!‘

‚So!‘, sagte ich verwirrt und trat einen Schritt vor der Gestalt zurück. Sie setzte sich wieder auf den Schemel hinter ihr. Ihr Blick war kalt und leblos, wie aus Augen aus Marmor. ‚Von welcher Seite droht meinem Haus Gefahr?‘

Die Frau nahm eine Kohle und ein Papier in die Hand und kreuzte die Knie. Sie fragte, ob sie es mir aufschreiben solle. Ich war wirklich verlegen. Aber unter diesen Umständen blieb mir nichts anderes übrig, und ich antwortete: ‚Ja! Das tu!‘ Da antwortete sie: ‚Wohlan! Dreierlei schreibe ich dir auf. Den Namen des letzten Herrschers deines Hauses. Die Jahreszahl, in der er sein Reich verlieren wird. Und den Namen dessen, der es durch die Gewalt der Waffen an sich reißen wird.‘

Das alles geschah vor den Augen des ganzen Volkes. Dann erhebt sie sich. Sie verklebt den Zettel mit Lack, den sie in ihrem welken Mund befeuchtet. Und sie drückt einen Siegelring aus Blei darauf, den sie am Mittelfinger trägt. Ich war neugierig, wie du leicht verstehst, mehr als Worte sagen können. Ich wollte nach dem Zettel greifen. Da spricht sie: ‚Mitnichten, Hoheit!‘ Sie dreht sich um und hebt eine ihrer Krücken hoch. ‚Siehst du jenen Mann dort mit dem Federhut? Er steht auf der Bank hinter allem Volk, am Kircheneingang. Von ihm kannst du den Zettel auslösen, wenn es dir beliebt!‘ Ich hatte noch gar nicht richtig begriffen, was sie sagte. Da lässt sie mich auf dem Platz stehen, sprachlos vor Staunen. Sie schlug den Kasten hinter ihr zu und warf ihn über den Rücken. Dann mischt sie sich unter die Menge des Volkes, das uns umringte. Ich konnte nicht weiter bemerken, was sie tat.

Genau in diesem Augenblick kam der Ritter, den der Kurfürst ins Schloss geschickt hatte. Das war mir wirklich ein herzlicher Trost. Lachend meldete er dem Kurfürsten: Der Rehbock sei getötet. Zwei Jäger hätten ihn vor seinen Augen in die Küche geschleppt. Der Kurfürst legte munter seinen Arm in meinen, um mich vom Platz wegzuführen. Er sagte: ‚Nun, wohlan! So war die Prophezeiung eine alltägliche Gaunerei. Sie war die Zeit und das Gold nicht wert, die sie uns gekostet hat!‘

Aber wie groß war unser Erstaunen! Noch während er diese Worte sprach, erhob sich ringsum auf dem Platz ein Geschrei. Alle Augen wandten sich einem großen Schlächterhund zu, der vom Schlosshof herantrabte. In der Küche hatte er den Rehbock als gute Beute am Nacken gepackt. Knechte und Mägde verfolgten ihn. Drei Schritte vor uns ließ er das Tier auf den Boden fallen. So hatte sich die Prophezeiung der Frau wirklich erfüllt, als Pfand für alles, was sie gesagt hatte. Der Rehbock war uns bis auf den Markt entgegengekommen, wenn auch tot.

Ein Blitz, der an einem Wintertag vom Himmel fällt, kann nicht vernichtender treffen als mich dieser Anblick. Sobald ich mich von der Gesellschaft freimachen konnte, bemühte ich mich sofort um eines. Ich wollte den Mann mit dem Federhut finden, den mir das Weib gezeigt hatte. Drei Tage lang schickte ich meine Leute ohne Pause aus, um zu suchen. Doch keiner von ihnen konnte mir auch nur die kleinste Nachricht von ihm bringen. Und jetzt, Freund Kunz, vor wenigen Wochen, in der Meierei in Dahme, habe ich den Mann mit meinen eigenen Augen gesehen.“

Damit ließ er die Hand des Kämmerers los. Er trocknete sich den Schweiß ab und sank wieder auf sein Lager zurück.

Der Kämmerer hatte zu diesem Vorfall eine andere Ansicht als der Kurfürst. Aber er hielt es für vergebliche Mühe, die Ansicht des Kurfürsten damit zu durchkreuzen und zu berichtigen. Darum bat er ihn, doch irgendein Mittel zu versuchen, um den Zettel zu bekommen. Danach solle er den Kerl seinem Schicksal überlassen. Doch der Kurfürst antwortete, er sehe überhaupt kein Mittel dazu. Dabei brachte ihn ein Gedanke fast zu Jammer und Verzweiflung: Er müsste ohne den Zettel leben. Oder das Wissen davon könnte sogar mit diesem Menschen untergehen. Der Freund fragte ihn, ob er denn versucht habe, die Zigeunerin selbst zu finden. Der Kurfürst antwortete, er habe dem Gubernium unter einem falschen Vorwand einen Befehl gegeben. Seitdem suche das Gubernium dieses Weib an allen Orten des Kurfürstentums, bis heute vergeblich. Er zweifelte überhaupt daran, dass man sie in Sachsen finden könne. Seine Gründe dafür wollte er aber nicht näher erklären.

Nun wollte der Kämmerer gerade nach Berlin reisen. Seine Frau hatte in der Neumark mehrere große Güter geerbt. Sie stammten aus dem Nachlass des abgesetzten Erzkanzlers, Graf Kallheim, der bald darauf gestorben war. Der Kämmerer liebte den Kurfürsten wirklich. Darum überlegte er kurz und fragte ihn dann, ob er ihm in dieser Sache freie Hand lassen wolle. Der Kurfürst drückte die Hand des Kämmerers herzlich an seine Brust und antwortete: „Denke, du seist ich, und schaff mir den Zettel!“

Da gab der Kämmerer seine Geschäfte ab. Er reiste einige Tage früher als geplant ab. Seine Frau ließ er zurück. Nur von einigen Dienern begleitet, fuhr er nach Berlin.

Kohlhaas war inzwischen, wie schon gesagt, in Berlin angekommen. Auf einen besonderen Befehl des Kurfürsten von Brandenburg brachte man ihn in ein ritterliches Gefängnis. Dort nahm man ihn mit seinen fünf Kindern so bequem auf, wie es möglich war. Gleich nachdem der kaiserliche Anwalt aus Wien erschienen war, zog man Kohlhaas vor den Schranken des Kammergerichts zur Rechenschaft. Der Grund war die Verletzung des öffentlichen kaiserlichen Landfriedens. In seiner Verteidigung wandte er ein, man könne ihn nicht für seinen bewaffneten Einfall in Sachsen belangen. Auch nicht für die Gewalttaten, die er dabei begangen hatte. Denn darüber hatte er in Lützen einen Vergleich mit dem Kurfürsten von Sachsen geschlossen. Doch man belehrte ihn: Die Majestät des Kaisers, deren Anwalt hier die Klage führe, könne darauf keine Rücksicht nehmen. Man erklärte ihm die Sache auch genau. Dafür werde er von Dresden her in seiner Sache gegen den Junker Wenzel von Tronka volle Genugtuung bekommen. Da war er sehr bald damit einverstanden.

So kam es, dass das Gesetz genau am Tag der Ankunft des Kämmerers über ihn sprach. Er wurde verurteilt, mit dem Schwert vom Leben zum Tod gebracht zu werden. Das Urteil war mild. Trotzdem glaubte niemand, dass man es vollstrecken würde, so verwickelt war die Lage. Ja, die ganze Stadt hoffte fest auf ein Machtwort des Kurfürsten, denn er war Kohlhaas wohlgesinnt. Man hoffte, er würde das Urteil in eine bloße Gefängnisstrafe verwandeln, vielleicht eine harte und lange.

Der Kämmerer sah aber ein, dass er wohl keine Zeit verlieren durfte. Sonst konnte er den Auftrag seines Herrn nicht erfüllen. Er begann sein Geschäft so: Eines Morgens stand Kohlhaas am Fenster seines Gefängnisses und sah ganz harmlos den Leuten zu, die vorbeigingen. Da zeigte sich ihm der Kämmerer in seiner gewöhnlichen Hofkleidung, genau und ausführlich. Kohlhaas bewegte plötzlich den Kopf. Daraus schloss Kunz, dass der Rosshändler ihn bemerkt hatte. Mit großem Vergnügen sah er vor allem, wie Kohlhaas unwillkürlich mit der Hand an seine Brust griff. Dort lag die Kapsel. Kunz hielt das, was in diesem Augenblick in der Seele von Kohlhaas vorgegangen war, für eine genügende Vorbereitung. Nun wollte er bei dem Versuch, den Zettel zu bekommen, einen Schritt weitergehen.

Er bestellte ein altes Trödelweib zu sich, das auf Krücken herumging. Er hatte sie in den Straßen von Berlin bemerkt, unter einem Haufen von anderem Gesindel, das mit Lumpen handelte. Nach Alter und Kleidung schien sie ziemlich mit der Frau übereinzustimmen, die ihm der Kurfürst beschrieben hatte. Kohlhaas hatte die Frau nur flüchtig gesehen, als sie ihm den Zettel gab. Darum nahm Kunz an, dass er sich ihr Gesicht nicht besonders tief eingeprägt hatte. Er beschloss, ihm dieses Weib an ihrer Stelle unterzuschieben. Wenn es ging, sollte sie bei Kohlhaas die Rolle spielen, als ob sie die Zigeunerin wäre.

Damit sie das konnte, erzählte er ihr ausführlich alles, was zwischen dem Kurfürsten und der Zigeunerin in Jüterbock geschehen war. Er wusste nicht, wie viel die Zigeunerin Kohlhaas verraten hatte. Darum vergaß er nicht, ihr besonders die drei geheimnisvollen Punkte einzuschärfen, die auf dem Zettel standen. Er erklärte ihr auch, was sie in abgerissenen, unverständlichen Worten fallen lassen sollte. Es ging um gewisse Maßnahmen, die man getroffen habe, um den Zettel durch List oder Gewalt zu bekommen. Denn der Zettel sei für den sächsischen Hof von äußerster Wichtigkeit. Dann gab er ihr den Auftrag, Kohlhaas um den Zettel zu bitten. Sie sollte ihn während einiger verhängnisvoller Tage für ihn aufbewahren. Als Vorwand sollte sie sagen, der Zettel sei bei ihm nicht mehr sicher.

Das Trödelweib übernahm den Auftrag sofort, gegen das Versprechen einer großen Belohnung. Einen Teil davon musste ihr der Kämmerer auf ihre Forderung im Voraus bezahlen. Die Mutter von Herse, dem Knecht, der bei Mühlberg gefallen war, besuchte Kohlhaas manchmal mit Erlaubnis der Regierung. Diese Frau kannte das Trödelweib schon seit einigen Monaten. So gelang es ihr an einem der nächsten Tage, zu Kohlhaas zu kommen. Dafür gab sie dem Gefängniswärter ein kleines Geschenk.

Als diese Frau zu Kohlhaas hereinkam, glaubte er, sie wiederzuerkennen. Sie trug einen Siegelring an der Hand und eine Korallenkette am Hals. Daran meinte er die bekannte alte Zigeunerin zu erkennen, die ihm in Jüterbock den Zettel gegeben hatte. Nun ist die Wahrscheinlichkeit nicht immer auf der Seite der Wahrheit. So geschah hier etwas, das wir zwar berichten. Aber wer daran zweifeln will, dem müssen wir die Freiheit dazu lassen. Der Kämmerer hatte nämlich den ungeheuersten Fehler begangen. Er hatte in den Straßen von Berlin ein altes Trödelweib aufgegriffen, um die Zigeunerin nachzuahmen. Und in diesem Weib hatte er die geheimnisvolle Zigeunerin selbst getroffen, die er nachahmen lassen wollte.

Wenigstens berichtete das Weib Folgendes. Sie stützte sich dabei auf ihre Krücken und streichelte die Wangen der Kinder. Die Kinder waren von ihrem wunderlichen Anblick betroffen und lehnten sich an den Vater. Sie sei schon vor längerer Zeit aus Sachsen nach Brandenburg zurückgekehrt. Der Kämmerer habe in den Straßen von Berlin unvorsichtig nach der Zigeunerin gefragt, die im Frühjahr des letzten Jahres in Jüterbock gewesen sei. Da habe sie sich sofort an ihn herangedrängt. Unter einem falschen Namen habe sie sich ihm für das Geschäft angeboten, das er erledigt haben wollte.

Der Rosshändler bemerkte eine seltsame Ähnlichkeit zwischen ihr und seiner verstorbenen Frau Lisbeth. Er hätte sie fragen können, ob sie ihre Großmutter sei. Denn die Züge ihres Gesichts erinnerten ihn aufs Lebhafteste an Lisbeth. Ebenso ihre Hände, die auch in ihrem knochigen Bau noch schön waren. Und besonders die Art, wie sie die Hände beim Reden gebrauchte. Auch ein Mal, das seine Frau am Hals gehabt hatte, bemerkte er an ihrem Hals. In ihm kreuzten sich seltsame Gedanken. Er bat sie, sich auf einen Stuhl zu setzen. Dann fragte er, was sie in aller Welt im Auftrag des Kämmerers zu ihm führe.

Der alte Hund von Kohlhaas schnüffelte um ihre Knie. Sie kraulte ihn mit der Hand, und er wedelte mit dem Schwanz. Dabei antwortete die Frau, der Kämmerer habe ihr einen Auftrag gegeben. Sie solle Kohlhaas verraten, auf welche drei Fragen der Zettel eine geheimnisvolle Antwort enthalte. Diese Fragen seien für den sächsischen Hof wichtig. Sie solle ihn vor einem Abgesandten warnen, der in Berlin sei, um den Zettel zu bekommen. Und sie solle ihn um den Zettel bitten. Als Vorwand solle sie sagen, er sei an seiner Brust, wo er ihn trage, nicht mehr sicher.

Ihre wirkliche Absicht aber sei, ihm Folgendes zu sagen: Die Drohung, man wolle ihm den Zettel durch List oder Gewalt wegnehmen, sei unsinnig. Sie sei nur ein leeres Trugbild. Er stehe unter dem Schutz des Kurfürsten von Brandenburg, in dessen Gewahrsam er sei. Darum habe er nicht das Geringste für den Zettel zu fürchten. Ja, das Blatt sei bei ihm viel sicherer als bei ihr. Er solle sich wohl hüten, es abzugeben, an wen und unter welchem Vorwand auch immer. Sonst bringe man ihn darum. Trotzdem schloss sie mit einem Rat. Sie halte es für klug, den Zettel für den Zweck zu gebrauchen, für den sie ihn ihm auf dem Jahrmarkt in Jüterbock gegeben habe. Er solle auf das Angebot hören, das ihm der Junker vom Stein an der Grenze gemacht habe. Der Zettel könne ihm selbst weiter nichts nützen. Darum solle er ihn dem Kurfürsten von Sachsen für Freiheit und Leben ausliefern.

Kohlhaas jubelte über die Macht, die ihm gegeben war. Sein Feind trat ihn gerade in den Staub. Und genau in diesem Augenblick konnte er ihn tödlich an der Ferse verwunden. Er antwortete: „Nicht um die Welt, Mütterchen, nicht um die Welt!“ Er drückte der Alten die Hand. Er wollte nur wissen, welche Antworten auf die ungeheuren Fragen auf dem Zettel standen.

Das jüngste Kind hatte sich zu ihren Füßen auf den Boden gekauert. Die Frau nahm es auf den Schoß und sprach: „Nicht um die Welt, Kohlhaas, der Rosshändler. Aber um diesen hübschen, kleinen, blonden Jungen!“ Dabei lachte sie den Jungen an, herzte und küsste ihn. Er sah sie mit großen Augen an. Mit ihren dürren Händen reichte sie ihm einen Apfel, den sie in der Tasche trug.

Kohlhaas sagte verwirrt, die Kinder selbst würden ihn für sein Verhalten loben, wenn sie groß wären. Für sie und ihre Enkel könne er nichts Besseres tun, als den Zettel zu behalten. Außerdem fragte er: Wer schütze ihn nach seiner Erfahrung vor einem neuen Betrug? Würde er den Zettel am Ende nicht nutzlos dem Kurfürsten opfern? So wie neulich den Kriegshaufen, den er in Lützen gesammelt hatte?

„Wer mir einmal sein Wort gebrochen hat“, sprach er, „mit dem wechsle ich keins mehr. Nur deine Forderung, klar und eindeutig, trennt mich von dem Blatt, gutes Mütterchen. Durch dieses Blatt habe ich auf so wunderbare Weise Genugtuung für alles bekommen, was ich erlitten habe.“

Die Frau setzte das Kind auf den Boden. Sie sagte, er habe in mancher Hinsicht recht, und er könne tun und lassen, was er wolle! Damit nahm sie ihre Krücken wieder in die Hand und wollte gehen. Kohlhaas wiederholte seine Frage nach dem Inhalt des wunderbaren Zettels. Sie antwortete flüchtig, er könne ihn ja öffnen, obwohl es bloße Neugier wäre. Aber er wollte noch über tausend andere Dinge Auskunft haben, bevor sie ihn verließ. Wer sie eigentlich sei? Woher sie ihr Wissen habe? Warum sie den Zettel dem Kurfürsten verweigert habe, für den er doch geschrieben war? Und warum sie das Wunderblatt gerade ihm gegeben habe, unter so vielen tausend Menschen? Er hatte doch nie nach ihrem Wissen verlangt.

Genau in diesem Augenblick hörte man ein Geräusch. Einige Polizeibeamte stiegen die Treppe herauf. Das Weib bekam plötzlich Angst, dass sie sie in diesen Räumen finden würden. Sie antwortete: „Auf Wiedersehen, Kohlhaas, auf Wiedersehen! Wenn wir uns wiedertreffen, sollst du über all das genug erfahren!“ Sie wandte sich zur Tür und rief: „Lebt wohl, Kinderchen, lebt wohl!“ Sie küsste die Kleinen der Reihe nach und ging.

Inzwischen war der Kurfürst von Sachsen seinen jammervollen Gedanken ausgeliefert. Er hatte zwei Astrologen rufen lassen, Oldenholm und Olearius. Sie standen damals in Sachsen in großem Ansehen. Er fragte sie um Rat wegen des Inhalts des geheimnisvollen Zettels. Dieser Zettel war für ihn und für alle seine Nachkommen so wichtig. Die Männer forschten mehrere Tage lang tiefsinnig im Schlossturm in Dresden. Aber sie konnten sich nicht einigen. Bezog sich die Prophezeiung auf späte Jahrhunderte oder auf die jetzige Zeit? Und war vielleicht die Krone Polen damit gemeint? Mit Polen standen die Dinge immer noch sehr kriegerisch. Dieser gelehrte Streit beruhigte den unglücklichen Herrn nicht. Im Gegenteil: Er schärfte seine Unruhe, um nicht zu sagen seine Verzweiflung. Zuletzt war sie so groß, dass seine Seele sie gar nicht mehr ertragen konnte.

Dazu kam noch etwas. Die Frau des Kämmerers wollte ihm gerade nach Berlin folgen. Kunz gab ihr einen Auftrag: Bevor sie abreiste, sollte sie dem Kurfürsten etwas auf geschickte Weise beibringen. Es stehe schlecht mit der Hoffnung, den Zettel zu bekommen, den Kohlhaas besaß. Denn Kunz hatte einen Versuch mit einem Weib gemacht, und der Versuch war missglückt. Das Weib hatte sich seitdem nicht wieder blicken lassen. Und der Kurfürst von Brandenburg hatte die Akten genau geprüft und das Todesurteil nun unterschrieben. Der Tag der Hinrichtung war schon auf den Montag nach Palmarum festgesetzt.

Als der Kurfürst diese Nachricht bekam, war sein Herz von Kummer und Reue zerrissen. Wie ein ganz verlorener Mensch schloss er sich in seinem Zimmer ein. Zwei Tage lang aß er nichts, denn er war des Lebens müde. Am dritten Tag verschwand er plötzlich aus Dresden. Dem Gubernium meldete er nur kurz, er reise zum Fürsten von Dessau auf die Jagd. Wohin er wirklich ging und ob er nach Dessau fuhr, lassen wir offen. Denn wir haben die Chroniken verglichen, um zu berichten. Doch an dieser Stelle widersprechen sie einander auf seltsame Weise und heben einander auf. Gewiss ist nur dies: Der Fürst von Dessau konnte damals nicht jagen. Er lag krank in Braunschweig bei seinem Onkel, dem Herzog Heinrich. Und am Abend des folgenden Tages kam die Dame Heloise in Berlin bei ihrem Mann an, dem Kämmerer Herrn Kunz. Sie war in Begleitung eines Grafen von Königstein, den sie als ihren Vetter ausgab.

Inzwischen hatte man Kohlhaas auf Befehl des Kurfürsten von Brandenburg das Todesurteil vorgelesen. Man hatte ihm die Ketten abgenommen. Und man hatte ihm die Papiere über sein Vermögen wiedergegeben, die man ihm in Dresden abgesprochen hatte. Das Gericht schickte Räte zu ihm. Sie fragten ihn, was nach seinem Tod mit seinem Besitz geschehen solle. Da machte er mit Hilfe eines Notars ein Testament zu Gunsten seiner Kinder. Den Amtmann von Kohlhaasenbrück, seinen wackeren Freund, setzte er als ihren Vormund ein.

Nichts glich der Ruhe und Zufriedenheit seiner letzten Tage. Denn bald darauf ließ der Kurfürst durch eine besondere Anordnung auch den Zwinger öffnen, in dem Kohlhaas saß. Alle seine Freunde durften nun Tag und Nacht frei zu ihm kommen, und er hatte sehr viele in der Stadt. Ja, er hatte noch eine Genugtuung: Der Theologe Jakob Freising trat in sein Gefängnis, als Abgesandter von Doktor Luther. Er brachte einen eigenhändigen Brief von Luther mit. Der Brief war ohne Zweifel sehr bemerkenswert, aber er ist verloren gegangen. Zwei brandenburgische Dechanten halfen dem geistlichen Herrn. In ihrer Gegenwart empfing Kohlhaas von ihm die Wohltat der heiligen Kommunion.

Dann kam der verhängnisvolle Montag nach Palmarum. Die ganze Stadt war in Bewegung. Sie konnte sich immer noch nicht von der Hoffnung lösen, dass ein Machtwort ihn retten würde. An diesem Tag sollte Kohlhaas die Welt mit sich versöhnen. Denn er hatte allzu rasch versucht, sich in ihr selbst Recht zu verschaffen.

Eben trat er aus dem Tor seines Gefängnisses. Eine starke Wache begleitete ihn. Seine beiden Jungen trug er auf dem Arm. Diese Gunst hatte er sich ausdrücklich vor den Schranken des Gerichts erbeten. Der Theologe Jakob Freising führte ihn. Viele Bekannte drängten sich traurig um ihn, drückten ihm die Hände und nahmen Abschied. Da trat der Kastellan des kurfürstlichen Schlosses zu ihm heran. Sein Gesicht war verstört. Er gab ihm ein Blatt. Ein altes Weib habe es ihm für Kohlhaas übergeben, sagte er. Kohlhaas kannte den Mann nur wenig und sah ihn verwundert an. Er öffnete das Blatt. Im Mundlack war ein Siegelring abgedrückt. Er erinnerte ihn sofort an die bekannte Zigeunerin. Aber wer beschreibt sein Erstaunen, als er darin folgende Nachricht fand:

> Kohlhaas, der Kurfürst von Sachsen ist in Berlin. Er ist schon auf den Richtplatz vorausgegangen. Wenn dir daran liegt: Du erkennst ihn an einem Hut mit blauen und weißen Federbüschen. Die Absicht, in der er kommt, brauche ich dir nicht zu sagen. Er will die Kapsel ausgraben, sobald du verscharrt bist, und den Zettel, der darin ist, öffnen lassen.
>
> Deine Elisabeth.

Kohlhaas war aufs Äußerste bestürzt. Er wandte sich zu dem Kastellan um und fragte ihn, ob er das wunderbare Weib kenne, das ihm den Zettel gegeben hatte.

Der Kastellan antwortete: „Kohlhaas, das Weib –“ Mitten in der Rede stockte er auf seltsame Weise.

In diesem Augenblick setzte sich der Zug wieder in Bewegung und riss Kohlhaas mit fort. So konnte er nicht hören, was der Mann noch sagte. Der Mann schien an allen Gliedern zu zittern.

Als Kohlhaas auf dem Richtplatz ankam, fand er dort den Kurfürsten von Brandenburg mit seinem Gefolge zu Pferde. Zu dem Gefolge gehörte auch der Erzkanzler, Herr Heinrich von Geusau. Um sie herum stand eine unermessliche Menschenmenge. Rechts vom Kurfürsten war der kaiserliche Anwalt Franz Müller, mit einer Abschrift des Todesurteils in der Hand. Links von ihm war der eigene Anwalt des Kurfürsten, der Rechtsgelehrte Anton Zäuner. Er hielt das Konklusum des Dresdner Hofgerichts. Das Volk bildete einen halb offenen Kreis. In seiner Mitte stand ein Herold mit einem Bündel Sachen und mit den beiden Rappen. Die Rappen glänzten vor Gesundheit und stampften mit den Hufen auf die Erde.

Der Erzkanzler, Herr Heinrich, hatte nämlich im Namen seines Herrn die Klage in Dresden geführt. Er hatte sie gegen den Junker Wenzel von Tronka Punkt für Punkt durchgesetzt, ohne die geringste Einschränkung. Man hatte die Pferde ehrlich gemacht, indem man eine Fahne über ihren Köpfen schwang. Man hatte sie dem Abdecker weggenommen, der sie ernährt hatte. Dann hatten die Leute des Junkers sie dick gefüttert. Auf dem Markt in Dresden hatte man sie dem Anwalt übergeben, in Gegenwart einer Kommission, die man eigens dafür eingesetzt hatte.

Kohlhaas kam mit der Wache den Hügel herauf auf den Kurfürsten zu. Da sprach der Kurfürst: „Nun, Kohlhaas, heute ist der Tag, an dem dir dein Recht geschieht! Schau her! Auf der Tronkenburg hat man dir mit Gewalt vieles genommen. Ich bin als dein Landesherr verpflichtet, es dir wieder zu verschaffen. Hier gebe ich dir alles zurück: Rappen, Halstuch, Reichsgulden, Wäsche. Ja, sogar die Kosten für die Heilung deines Knechtes Herse, der bei Mühlberg gefallen ist. Bist du mit mir zufrieden?“

Auf einen Wink des Erzkanzlers gab man Kohlhaas das Konklusum. Er las es mit großen, funkelnden Augen durch. Dabei setzte er die beiden Kinder, die er auf dem Arm trug, neben sich auf den Boden. Er fand darin auch einen Artikel: Der Junker Wenzel wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Da kniete er von weitem vor dem Kurfürsten nieder, ganz überwältigt von seinen Gefühlen. Seine Hände legte er kreuzweise auf die Brust. Dann stand er auf und legte die Hand auf den Schoß des Erzkanzlers. Freudig versicherte er ihm, sein höchster Wunsch auf Erden sei erfüllt. Er trat zu den Pferden, sah sie genau an und klopfte ihnen den fetten Hals. Dann kam er wieder zum Kanzler zurück und erklärte heiter: „Ich schenke sie meinen beiden Söhnen Heinrich und Leopold!“

Der Kanzler, Herr Heinrich von Geusau, wandte sich vom Pferd herab mild zu ihm. Im Namen des Kurfürsten versprach er ihm, man werde seinen letzten Willen heilig halten. Er forderte ihn auf, auch über die übrigen Sachen im Bündel zu bestimmen, wie er es für gut halte. Da rief Kohlhaas die alte Mutter von Herse aus der Menge hervor. Er hatte sie auf dem Platz gesehen. Er übergab ihr die Sachen und sprach: „Da, Mütterchen, das gehört dir!“ Bei dem Geld im Bündel lag auch die Summe, die er selbst als Schadenersatz bekam. Auch diese Summe gab er ihr noch als Geschenk dazu. Sie sollte ihr helfen, sich im Alter zu pflegen und es sich gut gehen zu lassen.

Der Kurfürst rief: „Nun, Kohlhaas, der Rosshändler, du hast auf diese Weise Genugtuung bekommen. Jetzt mach dich bereit, deinerseits der kaiserlichen Majestät Genugtuung zu geben, wegen des Bruchs ihres Landfriedens! Hier steht ihr Anwalt.“

Kohlhaas nahm seinen Hut ab und warf ihn auf die Erde. Er sagte, er sei dazu bereit! Er hob die Kinder noch einmal vom Boden auf und drückte sie an seine Brust. Dann übergab er sie dem Amtmann von Kohlhaasenbrück. Der Amtmann führte sie unter stillen Tränen vom Platz fort. Kohlhaas aber trat an den Block.

Eben knüpfte er sich das Tuch vom Hals und öffnete seinen Brustlatz. Da warf er einen flüchtigen Blick auf den Kreis, den das Volk bildete. Nicht weit von ihm entfernt sah er den wohlbekannten Mann mit blauen und weißen Federbüschen. Er stand zwischen zwei Rittern, die ihn mit ihren Körpern halb verdeckten. Mit einem plötzlichen Schritt trat Kohlhaas dicht vor ihn. Die Wache um ihn herum war darüber verwundert. Er löste die Kapsel von seiner Brust. Er nahm den Zettel heraus, entsiegelte ihn und las ihn. Dabei hielt er den Blick fest auf den Mann mit blauen und weißen Federbüschen gerichtet. Der Mann begann schon, sich süßen Hoffnungen hinzugeben. Da steckte Kohlhaas den Zettel in den Mund und verschlang ihn.

Bei diesem Anblick sank der Mann mit blauen und weißen Federbüschen ohnmächtig und in Krämpfen nieder. Seine Begleiter beugten sich bestürzt zu ihm herab und hoben ihn vom Boden auf. Kohlhaas aber wandte sich zum Schafott. Dort fiel sein Haupt unter dem Beil des Scharfrichters.

Hier endet die Geschichte vom Kohlhaas.

Man legte die Leiche in einen Sarg, und das ganze Volk klagte. Die Träger hoben den Sarg auf, um ihn anständig auf dem Friedhof der Vorstadt zu begraben. Da rief der Kurfürst die Söhne des Toten herbei und schlug sie zu Rittern. Er erklärte dem Erzkanzler, sie sollten in seiner Pagenschule erzogen werden. Der Kurfürst von Sachsen kam bald darauf nach Dresden zurück, zerrissen an Leib und Seele. Was weiter geschah, muss man in der Geschichte nachlesen. Von Kohlhaas aber lebten noch im vergangenen Jahrhundert in Mecklenburg einige frohe und kräftige Nachkommen.

### Glossar

- **der Schlagbaum**: eine Schranke an der Straße, an der man Zoll zahlt.
- **der Passschein**: ein Papier, das die Reise erlaubt.
- **der Schlossvogt**: der Mann, der die Burg für den Herrn verwaltet.
- **das Pfand**: etwas, das man als Sicherheit zurücklässt.
- **die Rappen**: schwarze Pferde.
- **zur Ader lassen**: einem Kranken Blut abnehmen; hier: jemandem Geld abnehmen.
- **der Schweinekoben**: ein kleiner Stall für Schweine.
- **die Schwemme**: eine Stelle am Wasser, wo man Pferde wäscht und tränkt.
- **der Abdecker / der Schindanger**: ein Mann, der tote Tiere wegbringt und häutet / der Platz, auf den man tote Tiere wirft.
- **der Querulant**: jemand, der sich ohne Grund immer beschwert.
- **die Supplik / die Bittschrift**: ein Brief, mit dem man den Herrscher um etwas bittet.
- **die Muhme**: (altes Wort) die Tante.
- **der Junker**: ein junger Adliger, ein junger Herr mit einer Burg und Land.
- **der Gaul / die Mähre**: (alte Wörter) ein Pferd / ein altes, schwaches Pferd.
- **der Schwefelfaden**: ein Faden mit Schwefel, mit dem man Feuer macht.
- **die Gesindestube**: der Raum, in dem die Knechte und Mägde einer Burg sitzen und essen.
- **die Genugtuung**: das, was man bekommt, wenn ein Unrecht wiedergutgemacht wird.
- **das Tribunal**: das hohe Gericht in Dresden.
- **der Kämmerer / der Mundschenk**: hohe Ämter am Hof des Landesherrn: Der Kämmerer sorgt für die Zimmer des Herrn, der Mundschenk für seine Getränke.
- **die Quetschung**: eine schwere Verletzung durch einen Stoß oder Druck.
- **der Wundarzt**: (altes Wort) ein Arzt, der Wunden behandelt.
- **die Elle**: ein altes Maß für Länge.
- **der Rechtsschluss**: ein Urteil; hier eines, das Kohlhaas selbst schreibt.
- **dick füttern / die Dickfütterung**: ein Tier so gut füttern, bis es wieder dick und gesund ist.
- **striegeln**: das Fell eines Pferdes mit einer harten Bürste putzen.
- **das Mandat**: ein öffentlicher Text, den man an Wände klebt.
- **das Stift / die Äbtissin**: ein Kloster für Frauen / die Leiterin dieses Klosters.
- **der Landvogt**: der Beamte, der eine Gegend für den Fürsten regiert.
- **das Fähnlein**: eine kleine Gruppe von Soldaten.
- **der Mordbrenner**: ein Mann, der Häuser anzündet und mordet.
- **das Handgeld**: Geld, das ein Soldat bekommt, wenn er in den Dienst tritt.
- **das Gesinde**: alle Knechte und Mägde eines Hofes oder einer Burg.
- **das Gesindel**: schlechte, gefährliche Leute.
- **die Fackel**: ein Stück Holz, das oben brennt und Licht gibt.
- **der Eilbote**: ein Bote, der eine Nachricht sehr schnell bringt.
- **die Quaste**: Fäden, die unten an einem Kissen oder Tuch hängen, als Schmuck.
- **der Scherge**: (altes Wort) ein Diener des Gerichts, der Menschen festnimmt; klingt abwertend.
- **aufknöpfen**: (altes Wort) einen Menschen aufhängen, als Strafe.
- **das Cherubsschwert**: ein großes Schwert wie das eines Engels; ein Zeichen für Gottes Strafe.
- **der Landpächter**: ein Bauer, der ein Stück Land gegen Geld nutzt, das ihm nicht gehört.
- **das freie Geleit**: das Versprechen, dass man sicher reisen darf und nicht verhaftet wird.
- **der Famulus**: ein junger Helfer eines Gelehrten.
- **der Tisch des Herrn / das Sakrament**: das Abendmahl, die heilige Feier in der Kirche mit Brot und Wein.
- **der Scheffel**: ein altes Maß für Getreide, zum Beispiel für Hafer.
- **die Amnestie**: der Herrscher verzeiht Verbrechen; man wird nicht bestraft.
- **das Gubernium**: die Regierung und Polizei in Dresden.
- **die Rose**: eine Krankheit, bei der die Haut rot und entzündet ist.
- **in Gott verschieden**: gestorben (ein feierlicher Ausdruck).
- **die Runge**: eine senkrechte Stange am Rand eines Wagens.
- **der Abdecker**: ein Mann, der tote Tiere wegbringt und häutet; sein Beruf galt als unehrlich.
- **die Obrigkeit**: die Herren und Ämter, die über ein Land regieren und richten.
- **der Rebell**: ein Mensch, der gegen seinen Herrscher kämpft.
- **Rad und Galgen**: alte Todesstrafen für schwere Verbrecher.
- **der Kämmerer**: ein hoher Beamter am Hof des Fürsten.
- **der Häscher**: ein Polizist, der Leute festnimmt.
- **der Advokat**: ein Anwalt.
- **das Verhör**: man stellt jemandem Fragen, wie vor Gericht oder bei der Polizei.
- **gnädigster Herr**: eine sehr höfliche Anrede für einen hohen Herrn.
- **der Schinder / der Abdecker**: ein Mann, der tote Tiere wegbringt und häutet; sein Beruf galt als unehrlich.
- **die Schindmähre**: ein elendes, altes Pferd, das schon dem Abdecker gehört.
- **sein Wasser abschlagen**: (alter Ausdruck) Urin lassen.
- **die Okular-Inspektion**: (Wort aus dem Gericht) man sieht sich etwas mit eigenen Augen an.
- **die Trabanten**: die Leibwächter des Fürsten.
- **der Rädelsführer**: der Anführer einer Gruppe, die Unruhe macht.
- **abludern und häuten**: einem toten Tier das Fell abziehen; das ist die Arbeit des Abdeckers.
- **ehrlich machen**: (alter Brauch) ein Tier, das der Abdecker berührt hat, wieder „rein“ machen.
- **der Statthalter**: jemand, der an Stelle eines anderen herrscht oder handelt.
- **die Spiegelfechterei**: etwas, das man nur zum Schein tut, um andere zu täuschen.
- **die Notzucht**: (altes Wort) eine Vergewaltigung.
- **das Edikt**: ein Gesetz oder Befehl des Herrschers.
- **die Wintersaat**: Getreide, das man im Herbst sät.
- **der Gubernial-Offiziant**: ein Beamter des Guberniums, der Regierung und Polizei in Dresden.
- **der Jagdjunker**: ein junger Adliger am Hof, der den Fürsten auf die Jagd begleitet.
- **der Erzkanzler**: der höchste Beamte eines Fürsten, der Leiter seiner Regierung.
- **der Tross**: die vielen Leute, die einem Herrn folgen.
- **die Krücken**: Stöcke, auf die sich jemand beim Gehen stützt.
- **ohnmächtig**: ohne Bewusstsein; man fällt plötzlich um.
- **der Brustlatz**: ein Stück Stoff, das vorne die Brust bedeckt, wie eine Weste.
- **der Kabinettsbefehl**: ein Befehl, den der Fürst selbst gibt, ohne Gericht.
- **vierteilen / gevierteilt**: eine grausame alte Strafe: Man teilt den Körper eines Verurteilten in vier Teile.
- **der Schinderknecht**: ein Gehilfe des Abdeckers.
- **das Völkerrecht**: Regeln, die zwischen verschiedenen Staaten gelten.
- **der Reichsankläger**: ein Ankläger, der im Namen des Kaisers und des Reichs vor Gericht spricht.
- **sich auf den Anstand stellen**: (Jägersprache) an einem Ort still warten, bis das Wild kommt.
- **der Mundlack**: Siegellack, den man im Mund feucht macht, um einen Brief zu verschließen.
- **der Marktflecken**: ein großes Dorf mit dem Recht, einen Markt zu halten.
- **der Schemel**: ein kleiner Hocker ohne Lehne.
- **die Sibylle**: eine berühmte Wahrsagerin aus der alten Zeit in Rom.
- **das Nervenfieber**: (altes Wort) eine schwere Krankheit mit hohem Fieber.
- **das Bündel**: mehrere Sachen, die zusammengebunden sind.
- **die Lumpen**: alte, kaputte Kleider und Stoffreste.
- **das ritterliche Gefängnis**: ein besseres Gefängnis für Gefangene von Stand, mit mehr Bequemlichkeit.
- **das Trödelweib**: eine Frau, die mit alten Sachen und Lumpen handelt.
- **die Korallenkette**: eine Halskette aus roten Korallen, kleinen Steinen aus dem Meer.
- **das Mal**: ein Fleck auf der Haut, den man von Geburt an hat.
- **der Zwinger**: hier: der Teil des Gefängnisses, in dem Kohlhaas eingesperrt ist.
- **der Dechant**: ein hoher Geistlicher der Kirche.
- **das Konklusum**: (Wort aus dem Gericht) die schriftliche Entscheidung eines Gerichts.
- **der Block**: ein Holzklotz, auf den der Verurteilte bei der Hinrichtung den Kopf legt.
- **die Pagenschule**: eine Schule am Hof, in der junge Adlige erzogen werden.
- **Palmarum**: der Palmsonntag, der Sonntag vor Ostern.
