# Immensee (Ausgabe B1)

*Theodor Storm*

## Der Alte

An einem Nachmittag im späten Herbst ging ein alter Mann langsam die Straße hinunter. Er war gut gekleidet. Er schien von einem Spaziergang nach Hause zu kommen. Denn seine Schnallenschuhe waren staubig. Solche Schuhe trug man schon lange nicht mehr. Unter dem Arm trug er einen langen Rohrstock mit einem goldenen Knopf. Seine Augen waren dunkel. Es schien, als hätte sich seine ganze verlorene Jugend in diese Augen gerettet. Neben seinen schneeweißen Haaren fielen sie besonders auf. Ruhig sah er um sich. Oder er sah hinunter auf die Stadt. Sie lag vor ihm im Dunst der Abendsonne.

Er schien fast ein Fremder zu sein. Denn nur wenige Leute auf der Straße grüßten ihn. Aber manche mussten in seine ernsten Augen sehen, ob sie wollten oder nicht. Endlich blieb er vor einem hohen Giebelhaus stehen. Er sah noch einmal hinaus auf die Stadt. Dann trat er in die Hausdiele. Die Türglocke klang. Drinnen in der Stube gab es ein Guckfenster zur Diele. Dort wurde nun der grüne Vorhang zur Seite geschoben. Dahinter sah man das Gesicht einer alten Frau. Der Mann winkte ihr mit seinem Rohrstock.

»Noch kein Licht!«, sagte er. Er sprach mit einem etwas südlichen Akzent. Die Haushälterin ließ den Vorhang wieder fallen.

Der Alte ging nun über die weite Hausdiele. Dann ging er durch einen Pesel. Dort standen an den Wänden große Schränke aus Eichenholz mit Vasen aus Porzellan. Durch die Tür gegenüber kam er in einen kleinen Flur. Von dort führte eine enge Treppe zu den oberen Zimmern des Hinterhauses. Er stieg sie langsam hinauf. Oben schloss er eine Tür auf. Dann trat er in ein mittelgroßes Zimmer. Hier war es gemütlich und still. Eine Wand war fast ganz mit Regalen und Bücherschränken bedeckt. An den anderen Wänden hingen Bilder von Menschen und Landschaften. Im Zimmer stand auch ein Tisch mit einer grünen Decke. Auf ihm lagen einige aufgeschlagene Bücher. Vor dem Tisch stand ein schwerer Lehnstuhl mit einem roten Samtkissen.

Der Alte stellte Hut und Stock in die Ecke. Dann setzte er sich in den Lehnstuhl. Er faltete die Hände und schien sich von seinem Spaziergang auszuruhen. Während er so saß, wurde es langsam dunkler. Endlich fiel ein Mondstrahl durch die Fensterscheiben auf die Bilder an der Wand. Der helle Streifen wanderte langsam weiter. Die Augen des Mannes folgten ihm, ohne dass er es wollte. Nun fiel das Licht auf ein kleines Bild in einem einfachen schwarzen Rahmen. »Elisabeth!«, sagte der Alte leise. Und als er das Wort gesagt hatte, war die Zeit verwandelt: Er war in seiner Jugend.

### Glossar

- **Schnallenschuhe**: Schuhe mit einer Schnalle aus Metall; das war eine alte Mode.
- **Rohrstock**: ein langer Spazierstock aus Rohr.
- **Giebelhaus**: ein Haus, bei dem die spitze Seite des Dachs (der Giebel) zur Straße zeigt.
- **Hausdiele**: der große Eingangsraum in einem alten Haus.
- **Guckfenster**: ein kleines Fenster, durch das man in einen anderen Raum sieht.
- **Haushälterin**: eine Frau, die für jemanden den Haushalt macht.
- **Pesel**: das beste, schönste Zimmer in einem alten norddeutschen Haus.
- **Lehnstuhl**: ein großer, bequemer Stuhl mit Armlehnen.
- **Akzent**: die besondere Art, wie jemand spricht, zum Beispiel weil er aus einer anderen Gegend kommt.

## Die Kinder

Bald kam ein kleines Mädchen zu ihm. Es war hübsch und zart. Sie hieß Elisabeth und war wohl fünf Jahre alt. Er selbst war doppelt so alt. Um den Hals trug sie ein kleines rotes Tuch aus Seide. Das passte hübsch zu ihren braunen Augen.

»Reinhard!«, rief sie. »Wir haben frei, frei! Den ganzen Tag keine Schule, und morgen auch nicht.«

Reinhard hatte seine Rechentafel schon unter dem Arm. Schnell stellte er sie hinter die Haustür. Dann liefen beide Kinder durch das Haus in den Garten. Durch die Gartenpforte liefen sie hinaus auf die Wiese. Diese freien Tage hatten sie nicht erwartet, und sie kamen ihnen gerade recht. Reinhard hatte hier mit Elisabeths Hilfe ein Haus aus Rasenstücken gebaut. Darin wollten sie an den Sommerabenden wohnen. Aber es fehlte noch die Bank. Nun begann er sofort mit der Arbeit. Nägel, Hammer und die nötigen Bretter lagen schon bereit. In dieser Zeit ging Elisabeth am Wall entlang. Sie sammelte die Samen der wilden Malve in ihre Schürze. Die Samen hatten die Form von kleinen Ringen. Daraus wollte sie sich Ketten und Halsbänder machen. Reinhard schlug manchen Nagel krumm. Aber endlich war seine Bank doch fertig. Er trat wieder hinaus in die Sonne. Da war Elisabeth schon weit weg, am anderen Ende der Wiese.

»Elisabeth!«, rief er. »Elisabeth!« Da kam sie, und ihre Locken flogen. »Komm«, sagte er, »jetzt ist unser Haus fertig. Du bist ja ganz heiß geworden. Komm herein, wir wollen uns auf die neue Bank setzen. Ich erzähl’ dir etwas.«

Dann gingen sie beide hinein und setzten sich auf die neue Bank. Elisabeth nahm ihre kleinen Ringe aus der Schürze. Sie zog sie auf lange Fäden. Reinhard fing an zu erzählen: »Es waren einmal drei Spinnfrauen –«

»Ach«, sagte Elisabeth, »das kann ich ja auswendig. Du musst auch nicht immer dasselbe erzählen.«

Da musste Reinhard die Geschichte von den drei Spinnfrauen lassen. Stattdessen erzählte er die Geschichte von dem armen Mann. Man hatte ihn in die Löwengrube geworfen.

»Nun war es Nacht«, sagte er, »weißt du? Ganz dunkle Nacht, und die Löwen schliefen. Aber manchmal gähnten sie im Schlaf und streckten die roten Zungen heraus. Dann zitterte der Mann vor Angst. Er dachte, dass der Morgen kommt. Da war plötzlich ein heller Schein um ihn herum. Und als er hinaufsah, stand ein Engel vor ihm. Der winkte ihm mit der Hand. Dann ging er direkt in die Felsen hinein.«

Elisabeth hatte genau zugehört. »Ein Engel?«, sagte sie. »Hatte er denn Flügel?«

»Es ist nur so eine Geschichte«, antwortete Reinhard. »Es gibt ja gar keine Engel.«

»O pfui, Reinhard!«, sagte sie und sah ihm starr ins Gesicht.

Aber er sah sie finster an. Da fragte sie unsicher: »Warum sagen sie es denn immer? Mutter und Tante und auch in der Schule?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete er.

»Aber du«, sagte Elisabeth, »gibt es denn auch keine Löwen?«

»Löwen? Ob es Löwen gibt? In Indien! Da spannen die Götzenpriester sie vor ihre Wagen. Dann fahren sie mit ihnen durch die Wüste. Wenn ich groß bin, will ich selbst einmal dorthin. Da ist es tausendmal schöner als hier bei uns. Da gibt es gar keinen Winter. Du musst auch mit mir kommen. Willst du?«

»Ja«, sagte Elisabeth, »aber dann muss Mutter auch mit, und deine Mutter auch.«

»Nein«, sagte Reinhard, »die sind dann zu alt. Die können nicht mitkommen.«

»Aber ich darf nicht allein.«

»Du wirst schon dürfen. Du wirst dann wirklich meine Frau. Und dann haben die anderen dir nichts zu befehlen.«

»Aber meine Mutter wird weinen.«

»Wir kommen ja wieder«, sagte Reinhard heftig. »Sag es nur ehrlich: Willst du mit mir reisen? Sonst geh’ ich allein, und dann komme ich nie wieder.«

Die Kleine hätte fast geweint. »Mach nur nicht so böse Augen«, sagte sie. »Ich will ja mit nach Indien.«

Reinhard war wild vor Freude. Er nahm sie an beiden Händen und zog sie hinaus auf die Wiese.

»Nach Indien, nach Indien!«, sang er. Er drehte sich mit ihr im Kreis, bis ihr das rote Tuch vom Hals flog. Dann aber ließ er sie plötzlich los und sagte ernst:

»Es wird doch nichts daraus. Du hast keine Courage.«

»Elisabeth! Reinhard!«, rief jetzt jemand von der Gartenpforte. »Hier! Hier!«, antworteten die Kinder. Hand in Hand liefen sie nach Hause.

### Glossar

- **Rechentafel**: eine kleine Tafel, auf der Schulkinder früher schrieben und rechneten.
- **Gartenpforte**: eine kleine Tür im Gartenzaun.
- **Rasenstücken**: Stücke aus Gras mit Erde, die man aus einer Wiese schneidet.
- **Wall**: ein langer, niedriger Hügel aus Erde.
- **Malve**: eine Pflanze mit Blüten; ihre Samen sehen aus wie kleine Ringe.
- **Spinnfrauen**: Frauen, die aus Wolle Fäden machen. „Die drei Spinnerinnen“ ist ein bekanntes Märchen der Brüder Grimm; so fängt es an.
- **Löwengrube**: ein tiefes Loch mit Löwen darin; eine Geschichte aus der Bibel.
- **Götzenpriester**: ein Priester von fremden Göttern.
- **Courage**: der Mut.

## Im Walde

So lebten die Kinder zusammen. Sie war ihm oft zu still, und er war ihr oft zu heftig. Aber deshalb trennten sie sich nicht. Fast alle freien Stunden verbrachten sie zusammen. Im Winter saßen sie in den kleinen, engen Zimmern ihrer Mütter. Im Sommer waren sie draußen in Busch und Feld.

Einmal schimpfte der Lehrer mit Elisabeth, als Reinhard dabei war. Da stieß Reinhard zornig seine Tafel auf den Tisch. So wollte er den Ärger des Mannes auf sich selbst lenken. Aber niemand bemerkte es. Danach hörte Reinhard in den Stunden über fremde Länder nicht mehr zu. Stattdessen schrieb er ein langes Gedicht. Darin verglich er sich selbst mit einem jungen Adler. Der Lehrer war eine graue Krähe, und Elisabeth war die weiße Taube. Der Adler schwor, sich an der grauen Krähe zu rächen. Das wollte er tun, sobald ihm die Flügel gewachsen waren. Dem jungen Dichter standen Tränen in den Augen. Er fühlte sich sehr edel und groß. Als er nach Hause kam, besorgte er sich einen kleinen Pergamentband mit vielen weißen Blättern. Auf die ersten Seiten schrieb er mit sorgfältiger Hand sein erstes Gedicht.

Bald darauf kam er in eine andere Schule. Hier fand er manche neue Freunde unter den Jungen in seinem Alter. Aber seine Freundschaft mit Elisabeth störte das nicht. Früher hatte er ihr Märchen erzählt, immer wieder. Jetzt begann er, die Märchen aufzuschreiben, die ihr am besten gefallen hatten. Dabei hatte er oft Lust, etwas von seinen eigenen Gedanken hineinzuschreiben. Aber er schaffte es nie, und er wusste nicht, warum. So schrieb er sie genau so auf, wie er sie selbst gehört hatte. Dann gab er die Blätter Elisabeth. Sie bewahrte sie sorgfältig in einer Schublade ihrer Schatulle auf. Manchmal las sie abends ihrer Mutter diese Geschichten vor. Sie las aus den Heften, die er geschrieben hatte, und er war dabei. Dann fühlte er eine süße, stille Freude.

Sieben Jahre waren vorbei. Reinhard sollte die Stadt verlassen, um weiter zu lernen. Elisabeth konnte sich nicht an den Gedanken gewöhnen. Bald würde es eine Zeit ganz ohne Reinhard geben. Eines Tages sagte er ihr, er werde weiter Märchen für sie aufschreiben, wie früher. Er wollte sie ihr mit den Briefen an seine Mutter schicken. Sie sollte ihm dann zurückschreiben, wie sie ihr gefallen hatten. Darüber freute sie sich. Der Tag der Abreise kam näher. Aber vorher kam noch mancher Reim in den Pergamentband. Nur dieses Buch war für Elisabeth ein Geheimnis. Dabei war sie der Grund für das ganze Buch und für die meisten Lieder darin. Nach und nach hatten diese Lieder fast die Hälfte der weißen Blätter gefüllt.

Es war im Juni. Reinhard sollte am nächsten Tag abreisen. Man wollte noch einmal einen festlichen Tag zusammen feiern. Deshalb machte eine größere Gesellschaft eine Landpartie in einen der nahen Wälder. Bis zum Rand des Waldes fuhr man eine Stunde lang mit dem Wagen. Dann nahm man die Körbe mit dem Proviant herunter und ging zu Fuß weiter. Zuerst musste man durch einen Tannenwald wandern. Dort war es kühl und ein wenig dunkel. Der Boden war überall mit feinen Nadeln bedeckt. Nach einer halben Stunde kam man aus dem dunklen Tannenwald in einen frischen Buchenwald. Hier war alles hell und grün. Manchmal brach ein Sonnenstrahl durch die Zweige mit den vielen Blättern. Über ihren Köpfen sprang ein Eichhörnchen von Ast zu Ast.

An einem Platz blieb die Gesellschaft stehen. Dort wuchsen uralte Buchen mit ihren Kronen zusammen. Sie bildeten ein Dach aus Blättern, durch das man das Licht sah. Elisabeths Mutter öffnete einen der Körbe. Ein alter Herr machte sich selbst zum Proviantmeister.

»Alle um mich herum, ihr jungen Vögel!«, rief er. »Und hört genau zu, was ich euch zu sagen habe. Zum Frühstück bekommt jetzt jeder von euch zwei trockene Wecken. Die Butter ist zu Hause geblieben. Was man zum Brot isst, muss jeder selbst suchen. Es gibt genug Erdbeeren im Wald. Das heißt: für den, der sie zu finden weiß. Wer ungeschickt ist, muss sein Brot trocken essen. So geht es überall im Leben. Habt ihr meine Rede verstanden?«

»Jawohl!«, riefen die jungen Leute.

»Ja, seht«, sagte der alte Herr, »aber sie ist noch nicht zu Ende. Wir Alten sind im Leben schon genug herumgezogen. Darum bleiben wir jetzt zu Hause. Das heißt: hier unter diesen breiten Bäumen. Wir schälen die Kartoffeln, machen Feuer und decken den Tisch. Und wenn die Uhr zwölf ist, sollen auch die Eier gekocht werden.

»Dafür müsst ihr uns die Hälfte von euren Erdbeeren geben. Dann können auch wir einen Nachtisch servieren. Und nun geht nach Osten und Westen und seid ehrlich!«

Die jungen Leute machten allerlei freche, lustige Gesichter.

»Halt!«, rief der alte Herr noch einmal. »Das muss ich euch wohl nicht sagen: Wer keine findet, muss auch keine abgeben. Aber schreibt euch das hinter eure feinen Ohren: Von uns Alten bekommt er dann auch nichts. Und nun habt ihr für heute genug gute Lehren. Wenn ihr dazu noch Erdbeeren habt, kommt ihr heute schon durchs Leben.«

Die jungen Leute waren derselben Meinung. Sie machten sich paarweise auf den Weg.

»Komm, Elisabeth«, sagte Reinhard, »ich weiß einen Erdbeerenschlag. Du sollst kein trockenes Brot essen.«

Elisabeth band die grünen Bänder ihres Strohhuts zusammen und hängte ihn über den Arm. »Dann komm«, sagte sie, »der Korb ist fertig.«

Dann gingen sie in den Wald hinein, immer tiefer. Sie gingen durch feuchte Baumschatten, wo alles still war. Nur hoch oben in der Luft schrien die Falken, aber man sah sie nicht. Dann ging es wieder durch dichtes Gebüsch. Es war so dicht, dass Reinhard vorangehen musste, um einen Weg zu machen. Hier brach er einen Zweig, dort bog er eine Ranke zur Seite. Bald aber hörte er hinter sich Elisabeth seinen Namen rufen. Er drehte sich um.

»Reinhard!«, rief sie. »Warte doch, Reinhard!«

Er konnte sie nicht sehen. Endlich sah er sie in einiger Entfernung. Sie kämpfte mit den Sträuchern. Ihr feiner kleiner Kopf schaute nur gerade noch über die Spitzen der Farne. Nun ging er noch einmal zurück. Er führte sie durch das Durcheinander von Kräutern und Pflanzen hinaus auf einen freien Platz. Dort flatterten blaue Schmetterlinge zwischen den einsamen Waldblumen. Reinhard strich ihr die feuchten Haare aus dem heißen Gesicht. Dann wollte er ihr den Strohhut aufsetzen, aber sie wollte es nicht. Doch dann bat er sie, und nun ließ sie es geschehen.

»Wo sind denn aber deine Erdbeeren?«, fragte sie endlich. Sie blieb stehen und atmete tief ein.

»Hier haben sie gestanden«, sagte er. »Aber die Kröten waren schneller als wir. Oder die Marder, oder vielleicht die Elfen.«

»Ja«, sagte Elisabeth, »die Blätter sind noch da. Aber sprich hier nicht von Elfen. Komm nur, ich bin noch gar nicht müde. Wir wollen weitersuchen.«

Vor ihnen lag ein kleiner Bach, und dahinter war wieder Wald. Reinhard hob Elisabeth auf seine Arme und trug sie hinüber. Nach einer Weile kamen sie aus dem schattigen Laub wieder hinaus. Vor ihnen lag eine weite Lichtung.

»Hier müssen Erdbeeren sein«, sagte das Mädchen. »Es duftet so süß.«

Sie gingen suchend über den sonnigen Platz, aber sie fanden keine. »Nein«, sagte Reinhard, »es ist nur der Duft des Heidekrauts.«

Überall wuchsen Himbeerbüsche und Hülsendorn durcheinander. Den freien Boden bedeckten Heidekraut und kurzes Gras. Das Heidekraut roch stark, und der Duft erfüllte die Luft.

»Hier ist es einsam«, sagte Elisabeth. »Wo mögen die anderen sein?«

An den Rückweg hatte Reinhard nicht gedacht.

»Warte nur: Woher kommt der Wind?«, sagte er und hob seine Hand in die Höhe. Aber es kam kein Wind.

»Still«, sagte Elisabeth, »mich dünkt, ich habe sie sprechen hören. Ruf einmal dort hinunter.«

Reinhard rief durch die hohle Hand: »Kommt hierher!«

»Hierher!«, rief es zurück.

»Sie haben geantwortet!«, sagte Elisabeth und klatschte in die Hände.

»Nein, es war nichts. Es war nur der Widerhall.«

Elisabeth nahm Reinhards Hand. »Mir graut!«, sagte sie.

»Nein«, sagte Reinhard, »du musst keine Angst haben. Hier ist es wunderschön. Setz dich dort in den Schatten zwischen die Kräuter. Lass uns eine Weile ausruhen. Wir finden die anderen schon.«

Elisabeth setzte sich unter eine Buche, deren Zweige tief herabhingen. Sie hörte aufmerksam nach allen Seiten. Reinhard saß einige Schritte entfernt auf einem Baumstumpf. Schweigend sah er zu ihr hinüber. Die Sonne stand genau über ihnen. Es war Mittag, und es war brennend heiß. Kleine Fliegen standen mit schnellen Flügeln in der Luft. Sie glänzten wie Gold und waren blau wie Stahl. Rings um die beiden war ein feines Schwirren und Summen. Manchmal hörte man tief im Wald die Spechte hämmern. Und man hörte die anderen Waldvögel schreien.

»Horch«, sagte Elisabeth, »es läutet.«

»Wo?«, fragte Reinhard.

»Hinter uns. Hörst du? Es ist Mittag.«

»Dann liegt die Stadt hinter uns. Wenn wir in dieser Richtung geradeaus gehen, müssen wir die anderen treffen.«

So machten sie sich auf den Rückweg. Die Suche nach Erdbeeren hatten sie aufgegeben, denn Elisabeth war müde geworden. Endlich hörten sie zwischen den Bäumen das Lachen der Gesellschaft. Dann sahen sie auch ein weißes Tuch auf dem Boden leuchten. Das war der Tisch, und darauf lagen Erdbeeren in großen Mengen. Der alte Herr hatte eine Serviette im Knopfloch. Er hielt den jungen Leuten weiter seine moralischen Reden. Dabei schnitt er eifrig an einem Braten herum.

»Da sind die Nachzügler!«, riefen die jungen Leute, als sie Reinhard und Elisabeth zwischen den Bäumen kommen sahen.

»Hierher!«, rief der alte Herr. »Tücher ausgeleert, Hüte umgedreht! Nun zeigt her, was ihr gefunden habt.«

»Hunger und Durst!«, sagte Reinhard.

Der alte Herr hielt ihnen die volle Schüssel entgegen. »Wenn das alles ist«, antwortete er, »dann müsst ihr es auch behalten. Ihr kennt die Abmachung. Hier werden keine Müßiggänger gefüttert.«

Endlich ließ er sich aber doch überreden. Nun wurde gegessen. Dazu sang die Drossel aus den Wacholderbüschen.

So ging der Tag vorbei. Aber Reinhard hatte doch etwas gefunden. Es waren keine Erdbeeren, aber es war auch im Wald gewachsen. Als er nach Hause gekommen war, schrieb er in seinen alten Pergamentband:

Hier an der Bergeshalde
Verstummet ganz der Wind;
Die Zweige hängen nieder,
Darunter sitzt das Kind

Sie sitzt im Thymiane,
Sie sitzt in lauter Duft;
Die blauen Fliegen summen
Und blitzen durch die Luft.

Es steht der Wald so schweigend,
Sie schaut so klug darein;
Um ihre braunen Locken
Hinfließt der Sonnenschein.

Der Kuckuck lacht von ferne,
Es geht mir durch den Sinn:
Sie hat die goldnen Augen
Der Waldeskönigin.

So war sie nicht nur sein Schützling. Sie war für ihn auch das Bild für alles Schöne und Wunderbare in seinem jungen Leben, das gerade begann.

### Glossar

- **Krähe**: ein großer schwarzer oder grauer Vogel.
- **Schatulle**: ein kleiner, schöner Kasten für Briefe oder wertvolle Dinge.
- **Körbe**: Mehrzahl von „Korb“: ein Behälter zum Tragen, zum Beispiel für Essen.
- **ungeschickt**: so, dass man etwas nicht gut kann.
- **Kröten**: Tiere, die wie große Frösche aussehen.
- **Hülsendorn**: ein Strauch mit harten, spitzen, grünen Blättern.
- **Pergamentband**: ein kleines Buch mit einem Einband aus Tierhaut (Pergament). Reinhard schreibt seine Gedichte hinein.
- **Proviantmeister**: der Mann, der sich um das Essen für den Ausflug kümmert und es verteilt.
- **Wecken**: Brötchen.
- **schreibt euch das hinter eure feinen Ohren**: merkt euch das gut.
- **Erdbeerenschlag**: ein Platz im Wald, wo viele Erdbeeren wachsen.
- **mich dünkt**: ich glaube, mir scheint.
- **Widerhall**: das Echo.
- **Mir graut**: ich habe Angst.
- **Müßiggänger**: jemand, der nicht arbeitet; ein fauler Mensch.
- **Thymiane**: im Gedicht: der Thymian, eine kleine Pflanze, die stark und gut riecht.
- **Schützling**: jemand, den man beschützt und für den man sorgt.

## Da stand das Kind am Wege

Der Weihnachtsabend kam. Es war noch Nachmittag. Reinhard saß mit anderen Studenten im Ratskeller am alten Eichentisch. Die Lampen an den Wänden brannten schon, denn hier unten wurde es schon dunkel. Aber es waren nur wenige Gäste da. Die Kellner hatten nichts zu tun und lehnten an den Pfeilern der Mauer. In einer Ecke des Gewölbes saßen ein Geigenspieler und ein Zithermädchen. Das Mädchen hatte feine Züge wie eine Zigeunerin. Die beiden hatten ihre Instrumente auf dem Schoß. Sie schienen gleichgültig vor sich hin zu sehen.

Am Tisch der Studenten knallte ein Champagnerkorken. Ein junger Mann, der wie ein Junker aussah, reichte dem Mädchen ein volles Glas hinüber. »Trink, mein böhmisch Liebchen!«, rief er.

»Ich mag nicht«, sagte sie. Dabei bewegte sie sich nicht.

»Dann sing!«, rief der Junker. Er warf ihr eine Silbermünze in den Schoß. Das Mädchen strich sich langsam mit den Fingern durch ihr schwarzes Haar. Der Geigenspieler flüsterte ihr etwas ins Ohr. Aber sie warf den Kopf zurück und stützte das Kinn auf ihre Zither.

»Für den spiel’ ich nicht«, sagte sie.

Reinhard sprang mit dem Glas in der Hand auf und stellte sich vor sie.

»Was willst du?«, fragte sie trotzig.

»Deine Augen sehen.«

»Was geh’n dich meine Augen an?«

Reinhard sah mit blitzenden Augen auf sie hinunter.

»Ich weiß wohl, sie sind falsch!«

Sie legte ihre Wange in die flache Hand und sah ihn lauernd an. Reinhard hob sein Glas an den Mund.

»Auf deine schönen sündhaften Augen!«, sagte er und trank.

Sie lachte und warf den Kopf herum.

»Gib!«, sagte sie. Sie sah ihm mit ihren schwarzen Augen fest in die seinen. Dabei trank sie langsam den Rest aus seinem Glas. Dann spielte sie einen Akkord auf der Zither. Mit tiefer, leidenschaftlicher Stimme sang sie:

Heute, nur heute
Bin ich so schön
Morgen, ach morgen
Muß alles vergeh’n!
Nur diese Stunde
Bist du noch mein;
Sterben, ach sterben
Soll ich allein!

Während der Geigenspieler schnell das Nachspiel spielte, kam ein Neuer zu der Gruppe.

»Ich wollte dich abholen, Reinhard«, sagte er. »Du warst schon weg. Aber das Christkind war bei dir zu Besuch.«

»Das Christkind?«, sagte Reinhard. »Das kommt nicht mehr zu mir.«

»Ach was! Dein ganzes Zimmer roch nach Tannenbaum und braunen Kuchen.«

Reinhard stellte sein Glas hin und griff nach seiner Mütze.

»Was willst du?«, fragte das Mädchen.

»Ich komme gleich wieder.«

Sie runzelte die Stirn. »Bleib!«, rief sie leise und sah ihn vertraut an.

Reinhard zögerte. »Ich kann nicht«, sagte er.

Sie lachte und stieß ihn mit der Fußspitze. »Geh!«, sagte sie. »Du taugst nichts. Ihr taugt alle miteinander nichts.« Während sie sich wegdrehte, stieg Reinhard langsam die Kellertreppe hinauf.

Draußen auf der Straße war es schon tief dämmrig. Er fühlte die frische Winterluft an seiner heißen Stirn. Hier und da fiel aus den Fenstern das helle Licht eines brennenden Weihnachtsbaums. Ab und zu hörte man von drinnen kleine Pfeifen und Blechtrompeten. Dazwischen hörte man fröhliche Kinderstimmen. Gruppen von Bettelkindern gingen von Haus zu Haus. Oder sie stiegen auf die Treppengeländer und versuchten, durch die Fenster zu schauen. Sie wollten die Herrlichkeit sehen, die sie selbst nicht haben durften. Manchmal wurde auch plötzlich eine Tür aufgerissen. Dann jagten schimpfende Stimmen eine ganze Schar solcher kleinen Gäste aus dem hellen Haus in die dunkle Gasse. Anderswo sang man im Hausflur ein altes Weihnachtslied. Darunter waren klare Mädchenstimmen. Reinhard hörte sie nicht. Er ging schnell an allem vorbei, von einer Straße in die andere.

Als er bei seiner Wohnung ankam, war es fast ganz dunkel geworden. Er stolperte die Treppe hinauf und trat in sein Zimmer. Ein süßer Duft kam ihm entgegen. Das fühlte sich an wie zu Hause. Es roch wie in der Weihnachtsstube seiner Mutter. Mit zitternder Hand zündete er seine Kerze an. Da lag ein riesiges Paket auf dem Tisch. Er öffnete es, und die bekannten braunen Festkuchen fielen heraus. Auf einigen waren die Anfangsbuchstaben seines Namens aus Zucker gestreut. Das konnte nur Elisabeth getan haben. Dann kam ein kleines Paket mit feiner, bestickter Wäsche zum Vorschein: Tücher und Manschetten. Zuletzt fand er Briefe von seiner Mutter und von Elisabeth. Reinhard öffnete zuerst Elisabeths Brief. Sie schrieb:

»Die schönen Zuckerbuchstaben können Dir wohl erzählen, wer bei den Kuchen geholfen hat. Dieselbe Person hat auch die Manschetten für Dich gestickt. Bei uns wird es nun am Weihnachtsabend sehr still sein. Meine Mutter stellt immer schon um halb zehn ihr Spinnrad in die Ecke. Es ist so einsam in diesem Winter, wo Du nicht hier bist.

»Am letzten Sonntag ist auch der Hänfling gestorben, den Du mir geschenkt hattest. Ich habe sehr geweint. Aber ich habe ihn doch immer gut gepflegt.

»Er sang sonst immer am Nachmittag, wenn die Sonne auf seinen Käfig schien. Du weißt ja: Wenn er so richtig laut sang, hängte die Mutter oft ein Tuch über den Käfig. So sollte er still werden.

»Nun ist es in der Stube noch stiller. Nur Dein alter Freund Erich besucht uns jetzt manchmal. Du hast uns einmal gesagt, er sieht seinem braunen Überrock ähnlich. Daran muss ich nun immer denken, wenn er zur Tür hereinkommt. Und es ist so komisch! Aber sag es nicht der Mutter, sie wird dann leicht ärgerlich.

»Rate, was ich Deiner Mutter zu Weihnachten schenke! Du kannst es nicht raten? Mich selbst! Erich zeichnet mich mit schwarzer Kreide. Ich musste dreimal für ihn sitzen, jedes Mal eine ganze Stunde.

»Es war mir sehr unangenehm, dass der fremde Mensch mein Gesicht so auswendig lernte. Ich wollte auch nicht. Aber die Mutter hat mich überredet. Sie sagte, es würde der guten Frau Werner eine sehr große Freude machen.

»Aber Du hältst Dein Wort nicht, Reinhard. Du hast keine Märchen geschickt. Ich habe mich oft bei Deiner Mutter über Dich beklagt. Sie sagt dann immer, Du hast jetzt mehr zu tun als solche Kindereien. Aber ich glaube es nicht. Es ist wohl anders.«

Nun las Reinhard auch den Brief seiner Mutter. Dann faltete er beide Briefe langsam wieder zusammen und legte sie weg. Da überfiel ihn ein starkes Heimweh, gegen das er nichts tun konnte. Eine Zeit lang ging er in seinem Zimmer auf und ab. Er sprach leise zu sich selbst, und dann so, dass man es nur halb verstand:

Er wäre fast verirret
Und wußte nicht hinaus;
Da stand das Kind am Wege
Und winkte ihm nach Haus.

Dann ging er an sein Pult und nahm etwas Geld heraus. Er ging wieder hinunter auf die Straße. Hier war es inzwischen stiller geworden. Die Weihnachtsbäume waren heruntergebrannt. Die Kinder zogen nicht mehr in Gruppen durch die Straßen. Der Wind fegte durch die einsamen Straßen. Alte und Junge saßen in ihren Häusern zusammen, jede Familie für sich. Der zweite Teil des Weihnachtsabends hatte begonnen.

Reinhard kam in die Nähe des Ratskellers. Da hörte er von unten Geigenspiel und den Gesang des Zithermädchens. Nun klingelte unten die Kellertür. Eine dunkle Gestalt kam schwankend die breite Treppe herauf, die nur schwach beleuchtet war.

Reinhard trat in den Schatten der Häuser und ging dann schnell vorbei. Nach einer Weile kam er zu dem hellen Laden eines Juweliers. Hier kaufte er ein kleines Kreuz mit roten Korallen. Dann ging er auf demselben Weg zurück, auf dem er gekommen war.

Nicht weit von seiner Wohnung sah er ein kleines Mädchen an einer hohen Haustür stehen. Es trug elende Lumpen. Es versuchte, die Tür zu öffnen, aber es schaffte es nicht. »Soll ich dir helfen?«, sagte er. Das Kind antwortete nichts, ließ aber die schwere Türklinke los. Reinhard hatte die Tür schon geöffnet. »Nein«, sagte er, »sie könnten dich hinausjagen. Komm mit mir! Ich will dir Weihnachtskuchen geben.« Dann machte er die Tür wieder zu und nahm das kleine Mädchen an der Hand. Es ging schweigend mit ihm in seine Wohnung.

Er hatte beim Weggehen das Licht brennen lassen. »Hier hast du Kuchen«, sagte er. Er gab ihr die Hälfte von seinem ganzen Schatz in ihre Schürze. Nur Kuchen mit den Zuckerbuchstaben gab er ihr nicht. »Nun geh nach Hause und gib deiner Mutter auch etwas davon.« Das Kind sah scheu zu ihm hinauf. Es schien solche Freundlichkeit nicht gewohnt zu sein und konnte nichts darauf antworten. Reinhard machte die Tür auf und leuchtete ihr mit dem Licht. Da flog die Kleine mit ihren Kuchen wie ein Vogel die Treppe hinunter und aus dem Haus.

Reinhard machte das Feuer in seinem Ofen stärker. Er stellte das staubige Tintenfass auf seinen Tisch. Dann setzte er sich hin und schrieb und schrieb die ganze Nacht Briefe, an seine Mutter und an Elisabeth. Der Rest der Weihnachtskuchen lag unberührt neben ihm. Aber er hatte Elisabeths Manschetten an seine Ärmel geknöpft. Das sah zu seinem weißen Flausrock sehr seltsam aus. So saß er noch, als die Wintersonne auf die gefrorenen Fensterscheiben fiel. Da zeigte ihm der Spiegel gegenüber ein blasses, ernstes Gesicht.

### Glossar

- **Ratskeller**: ein Restaurant im Keller unter dem Rathaus. In fast jeder großen deutschen Stadt ist der Keller des Rathauses ein Gasthaus geworden, wo man isst und Bier trinkt.
- **Zither**: ein flaches Musikinstrument mit vielen Saiten.
- **Junker**: ein junger Adliger.
- **böhmisch Liebchen**: „Liebling aus Böhmen“; so nennt der Junker das Mädchen, weil sie wie ein Zigeunermädchen aussieht.
- **sündhaften**: so, dass es gegen Gottes Gebote ist.
- **Christkind**: in Deutschland bringt es an Weihnachten die Geschenke. Hier heißt es: Ein Weihnachtspaket ist gekommen.
- **Manschetten**: die Teile am Ende der Hemdärmel.
- **Hänfling**: ein kleiner brauner Singvogel.
- **Überrock**: ein langer Mantel für Männer.
- **Korallen**: ein rotes Material aus dem Meer; man macht Schmuck daraus.
- **Flausrock**: ein Mantel aus dickem, weichem Wollstoff.

## Daheim

Zu Ostern reiste Reinhard nach Hause. Am Morgen nach seiner Ankunft ging er zu Elisabeth.

Das schöne, schlanke Mädchen kam ihm lächelnd entgegen. »Wie groß du geworden bist«, sagte er. Sie wurde rot, aber sie antwortete nichts. Zur Begrüßung hatte er ihre Hand in seine genommen. Sie versuchte sanft, sie ihm wieder wegzuziehen. Er sah sie zweifelnd an. Das hatte sie früher nie getan. Nun war es, als ob etwas Fremdes zwischen ihnen stand.

Das blieb auch so, als er schon länger da war. Er kam Tag für Tag immer wieder. Aber wenn sie allein zusammensaßen, gab es Pausen. Diese Pausen waren ihm unangenehm. Ängstlich versuchte er, sie zu verhindern. Er wollte in den Ferien eine feste Beschäftigung haben. Deshalb fing er an, Elisabeth in Botanik zu unterrichten. Damit hatte er sich in den ersten Monaten an der Universität eifrig beschäftigt.

Elisabeth war gewohnt, ihm in allem zu folgen. Außerdem lernte sie gern. So war sie gleich dazu bereit. Nun machten sie mehrmals in der Woche Ausflüge ins Feld oder in die Heide. Mittags brachten sie die grüne Botanisierkapsel voller Kräuter und Blumen nach Hause. Ein paar Stunden später kam Reinhard dann wieder. Dann teilte er mit Elisabeth, was sie gemeinsam gefunden hatten.

Deshalb kam er auch eines Nachmittags ins Zimmer. Elisabeth stand am Fenster. Dort hing ein vergoldeter Vogelkäfig, den er dort noch nie gesehen hatte. Sie steckte frischen Hühnerschwarm hinein. Im Käfig saß ein Kanarienvogel. Er schlug mit den Flügeln und pickte kreischend nach Elisabeths Finger. Früher hatte an dieser Stelle Reinhards Vogel gehangen.

»Hat sich mein armer Hänfling nach seinem Tod in einen Goldfinken verwandelt?«, fragte er fröhlich.

»Das tun Hänflinge gewöhnlich nicht«, sagte die Mutter. Sie saß im Lehnstuhl und spann. »Ihr Freund Erich hat ihn heute Mittag für Elisabeth geschickt, von seinem Hof.«

»Von welchem Hof?«

»Das wissen Sie nicht?«

»Was denn?«

»Dass Erich seit einem Monat den zweiten Hof seines Vaters am Immensee führt?«

»Aber Sie haben mir kein Wort davon gesagt.«

»Na«, sagte die Mutter, »Sie haben auch mit keinem Wort nach Ihrem Freund gefragt. Er ist ein sehr lieber, vernünftiger junger Mann.«

Die Mutter ging hinaus, um den Kaffee zu machen. Elisabeth stand mit dem Rücken zu Reinhard. Sie schmückte noch immer den Käfig mit Grün. Das sah aus wie eine kleine Laube.

»Bitte, nur ein kleines Weilchen«, sagte sie. »Gleich bin ich fertig.«

Sonst antwortete Reinhard immer, aber diesmal sagte er nichts. Deshalb drehte sie sich um. In seinen Augen lag plötzlich ein Ausdruck von Kummer. So etwas hatte sie dort noch nie gesehen.

»Was fehlt dir, Reinhard?«, fragte sie und trat nahe zu ihm.

»Mir?«, sagte er abwesend. Seine Augen ruhten wie im Traum in ihren Augen.

»Du siehst so traurig aus.«

»Elisabeth«, sagte er, »ich kann den gelben Vogel nicht leiden.«

Sie sah ihn erstaunt an. Sie verstand ihn nicht. »Du bist so seltsam«, sagte sie.

Er nahm ihre beiden Hände, und sie ließ sie ruhig in seinen. Bald kam die Mutter wieder herein. Nach dem Kaffee setzte sie sich an ihr Spinnrad. Reinhard und Elisabeth gingen ins Nebenzimmer, um ihre Pflanzen zu ordnen.

Nun zählten sie Staubfäden. Sie breiteten Blätter und Blüten sorgfältig aus. Von jeder Art legten sie zwei Stück zwischen die Seiten eines großen Folianten. Dort sollten sie trocknen.

Es war ein stiller, sonniger Nachmittag. Nur nebenan surrte das Spinnrad der Mutter. Ab und zu hörte man Reinhards leise Stimme. Er nannte die Ordnungen und Klassen der Pflanzen. Oder er verbesserte Elisabeth, wenn sie die lateinischen Namen ungeschickt aussprach.

»Mir fehlt noch die Maiblume von neulich«, sagte sie jetzt. Alles, was sie gefunden hatten, war nun bestimmt und geordnet.

Reinhard zog einen kleinen weißen Pergamentband aus der Tasche. »Hier ist ein Maiblumenstängel für dich«, sagte er. Er nahm die halb getrocknete Pflanze aus dem Buch.

Elisabeth sah die beschriebenen Seiten. »Hast du wieder Märchen geschrieben?«, fragte sie.

»Es sind keine Märchen«, antwortete er und gab ihr das Buch.

Es waren lauter Gedichte. Die meisten waren höchstens eine Seite lang. Elisabeth blätterte eine Seite nach der anderen um. Sie schien nur die Überschriften zu lesen. »Als sie vom Schulmeister gescholten war.« »Als sie sich im Walde verirrt hatten.« »Mit dem Ostermärchen.« »Als sie mir zum ersten Mal geschrieben hatte.« So hießen fast alle.

Reinhard sah sie aufmerksam an. Sie blätterte immer weiter. Da sah er, wie auf ihrem klaren Gesicht ein zartes Rot erschien. Langsam wurde ihr ganzes Gesicht rot. Er wollte ihre Augen sehen. Aber Elisabeth sah nicht auf. Am Ende legte sie das Buch schweigend vor ihn hin.

»Gib es mir nicht so zurück!«, sagte er.

Sie nahm ein braunes Reis aus der Blechkapsel. »Ich will dein Lieblingskraut hineinlegen«, sagte sie. Dann gab sie ihm das Buch in die Hände.

Endlich kam der letzte Tag der Ferien und der Morgen der Abreise. Elisabeth bat ihre Mutter, ihren Freund zum Postwagen bringen zu dürfen. Die Mutter erlaubte es. Der Postwagen fuhr nur ein paar Straßen von ihrer Wohnung entfernt ab.

Als sie vor die Haustür traten, gab Reinhard ihr den Arm. So ging er schweigend neben dem schlanken Mädchen her. Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto stärker wurde ein Gefühl in ihm. Er musste ihr vor dem langen Abschied noch etwas Wichtiges sagen. Davon hing der ganze Wert und alles Schöne seines künftigen Lebens ab. Und doch fand er das erlösende Wort nicht. Das machte ihm Angst. Er ging immer langsamer.

»Du kommst zu spät«, sagte sie. »Auf St. Marien hat es schon zehn geschlagen.«

Aber er ging deshalb nicht schneller. Endlich sagte er stotternd:

»Elisabeth, du wirst mich jetzt zwei Jahre lang gar nicht sehen. Wirst du mich dann noch genauso lieb haben wie jetzt, wenn ich wieder da bin?«

Sie nickte und sah ihn freundlich an.

»Ich habe dich auch verteidigt«, sagte sie nach einer Pause.

»Mich? Gegen wen musstest du mich denn verteidigen?«

»Gegen meine Mutter. Wir haben gestern Abend, als du gegangen warst, noch lange über dich gesprochen. Sie meinte, du bist nicht mehr so gut, wie du früher warst.«

Reinhard schwieg einen Augenblick. Dann nahm er ihre Hand in seine. Er sah ihr ernst in ihre Kinderaugen und sagte:

»Ich bin noch genauso gut, wie ich gewesen bin. Glaub das nur fest! Glaubst du es, Elisabeth?«

»Ja«, sagte sie.

Er ließ ihre Hand los und ging schnell mit ihr durch die letzte Straße. Je näher der Abschied kam, desto froher wurde sein Gesicht. Er ging fast zu schnell für sie.

»Was hast du, Reinhard?«, fragte sie.

»Ich habe ein Geheimnis, ein schönes!«, sagte er und sah sie mit leuchtenden Augen an. »Wenn ich nach zwei Jahren wieder da bin, dann sollst du es erfahren.«

Inzwischen hatten sie den Postwagen erreicht. Es war gerade noch genug Zeit. Noch einmal nahm Reinhard ihre Hand. »Leb wohl!«, sagte er. »Leb wohl, Elisabeth! Vergiss es nicht!«

Sie schüttelte den Kopf. »Leb wohl!«, sagte sie. Reinhard stieg ein, und die Pferde zogen an. Der Wagen rollte um die Straßenecke. Da sah er noch einmal ihre liebe Gestalt. Langsam ging sie den Weg zurück.

### Glossar

- **Botanik**: die Wissenschaft von den Pflanzen.
- **Botanisierkapsel**: eine Dose aus Blech, in der man gesammelte Pflanzen trägt.
- **Hühnerschwarm**: eine kleine Pflanze, die man Vögeln als Futter gibt (Vogelmiere).
- **Goldfinken**: ein kleiner gelber Vogel; Reinhard nennt den Kanarienvogel im Spaß so.
- **Immensee**: der Name bedeutet „See der Immen“, also „See der Bienen“.
- **Laube**: ein kleines Häuschen aus grünen Zweigen; hier das Grün, mit dem Elisabeth den Käfig schmückt.
- **Staubfäden**: dünne Teile in der Mitte einer Blüte.
- **Folianten**: ein Foliant ist ein sehr großes, dickes Buch.
- **Maiblume**: das Maiglöckchen, eine kleine weiße Frühlingsblume.
- **Reis**: hier: ein kleiner, dünner Zweig.
- **gescholten**: von „schelten“: mit jemandem schimpfen.
- **Postwagen**: eine Kutsche mit Pferden, die Menschen und Post transportiert.

## Ein Brief

Fast zwei Jahre später saß Reinhard vor seiner Lampe zwischen Büchern und Papieren. Er wartete auf einen Freund, mit dem er zusammen studierte. Jemand kam die Treppe herauf. »Herein!« Es war die Wirtin. »Ein Brief für Sie, Herr Werner!« Dann ging sie wieder.

Seit seinem Besuch zu Hause hatte Reinhard nicht an Elisabeth geschrieben. Er hatte auch keinen Brief mehr von ihr bekommen. Auch dieser Brief war nicht von ihr. Es war die Schrift seiner Mutter.

Reinhard brach das Siegel auf und las. Bald las er Folgendes:

»In Deinem Alter, mein liebes Kind, hat fast jedes Jahr noch sein eigenes Gesicht. Denn die Jugend lässt sich nicht ärmer machen. Auch hier hat sich manches verändert. Das wird Dir wohl zuerst wehtun, wenn ich Dich sonst richtig verstanden habe. Erich hat gestern endlich das Jawort von Elisabeth bekommen. Er hatte sie im letzten Vierteljahr schon zweimal vergeblich gefragt. Sie hatte sich lange nicht dazu entschließen können. Nun hat sie es endlich doch getan. Sie ist auch noch viel zu jung. Die Hochzeit wird bald sein, und die Mutter wird dann mit ihnen weggehen.«

### Glossar

- **Wirtin**: die Frau, bei der man ein Zimmer mietet.
- **Schrift**: hier: die Art, wie ein Mensch mit der Hand schreibt.
- **Siegel**: ein Stück Wachs, mit dem man früher einen Brief verschloss.
- **Jawort**: das Ja zu einem Heiratsantrag.
- **Vierteljahr**: drei Monate.
- **vergeblich**: ohne Erfolg.
- **sich entschließen**: sich für etwas entscheiden.

## Immensee

Wieder waren Jahre vergangen. An einem warmen Frühlingsnachmittag wanderte ein junger Mann einen schattigen Waldweg hinunter. Er hatte ein kräftiges, braun gebranntes Gesicht.

Mit seinen ernsten dunklen Augen sah er gespannt in die Ferne. Es war, als ob er darauf wartete, dass sich der eintönige Weg endlich änderte. Aber das geschah lange nicht. Endlich kam langsam ein Karren von unten herauf.

»Hallo! Guter Freund!«, rief der Wanderer dem Bauern zu, der neben dem Karren ging. »Geht’s hier richtig nach Immensee?«

»Immer geradeaus«, antwortete der Mann und rückte an seinem Rundhut.

»Ist es denn noch weit bis dahin?«

»Der Herr ist dicht davor. Keine halbe Pfeif’ Tabak, dann haben’s den See. Das Herrenhaus liegt gleich daneben.«

Der Bauer fuhr vorbei. Der andere ging schneller unter den Bäumen weiter. Nach einer Viertelstunde hörte links plötzlich der Schatten auf. Der Weg führte an einen Abhang. Aus dem Abhang ragten die Spitzen von hundertjährigen Eichen nur gerade so heraus. Über sie hinweg öffnete sich eine weite, sonnige Landschaft. Tief unten lag der See, ruhig und dunkelblau. Fast rundherum lagen grüne Wälder in der Sonne. Nur an einer Stelle öffneten sie sich. Dort sah man weit in die Ferne, bis blaue Berge den Blick begrenzten. Genau gegenüber, mitten im grünen Laub der Wälder, lag etwas wie Schnee. Das waren blühende Obstbäume. Aus ihnen erhob sich auf dem hohen Ufer das Herrenhaus. Es war weiß und hatte rote Ziegel. Ein Storch flog vom Schornstein auf und kreiste langsam über dem Wasser.

»Immensee!«, rief der Wanderer.

Es war fast, als hätte er jetzt das Ziel seiner Reise erreicht. Denn er stand ganz still. Er sah über die Spitzen der Bäume zu seinen Füßen hinüber zum anderen Ufer. Dort schwamm das Spiegelbild des Herrenhauses leise schaukelnd auf dem Wasser. Dann ging er plötzlich weiter.

Jetzt ging es fast steil den Berg hinunter. Die Bäume weiter unten gaben wieder Schatten. Aber sie versteckten auch den See. Nur manchmal blitzte er durch die Lücken zwischen den Zweigen. Bald ging es wieder sanft bergauf. Nun verschwand rechts und links der Wald. Stattdessen lagen Weinberge mit dichtem Laub am Weg entlang. Auf beiden Seiten des Weges standen blühende Obstbäume. Sie waren voll von Bienen, die summten und in den Blüten wühlten. Ein stattlicher Mann in einem braunen Überrock kam dem Wanderer entgegen. Als er ihn fast erreicht hatte, schwenkte er seine Mütze. Mit heller Stimme rief er:

»Willkommen, willkommen, Bruder Reinhard! Willkommen auf Gut Immensee!«

»Gott grüß’ dich, Erich, und Dank für dein Willkommen!«, rief der andere ihm entgegen.

Dann waren sie beieinander und gaben sich die Hände.

»Bist du es denn aber auch wirklich?«, sagte Erich. Er sah aus der Nähe in das ernste Gesicht seines alten Schulkameraden.

»Natürlich bin ich’s, Erich, und du bist es auch. Nur siehst du fast noch fröhlicher aus als früher. Und fröhlich hast du schon immer ausgesehen.«

Bei diesen Worten lächelte Erich froh. Das machte seine einfachen Züge noch viel fröhlicher.

»Ja, Bruder Reinhard«, sagte er und gab ihm noch einmal die Hand. »Ich habe aber seitdem auch das große Los gezogen. Du weißt es ja.«

Dann rieb er sich die Hände und rief vergnügt: »Das wird eine Überraschung! Den erwartet sie nicht, in alle Ewigkeit nicht!«

»Eine Überraschung?«, fragte Reinhard. »Für wen denn?«

»Für Elisabeth.«

»Elisabeth! Du hast ihr nichts von meinem Besuch gesagt?«

»Kein Wort, Bruder Reinhard. Sie denkt nicht an dich, die Mutter auch nicht. Ich habe dich ganz heimlich mit einem Brief hergeholt. So soll die Freude noch größer sein. Du weißt ja, ich hatte immer so meine stillen Plänchen.«

Reinhard wurde nachdenklich. Je näher sie dem Hof kamen, desto schwerer schien ihm das Atmen zu werden.

Auf der linken Seite des Weges hörten nun auch die Weinberge auf. Stattdessen kam ein großer Küchengarten. Er reichte fast bis zum Ufer des Sees hinunter. Der Storch war inzwischen gelandet. Würdevoll spazierte er zwischen den Gemüsebeeten herum.

»Hallo!«, rief Erich und klatschte in die Hände. »Stiehlt mir der hochbeinige Ägypter schon wieder meine kurzen Erbsenstangen!«

Der Vogel flog langsam auf. Er setzte sich auf das Dach eines neuen Gebäudes am Ende des Küchengartens. An seinen Mauern waren Pfirsich- und Aprikosenbäume festgebunden.

»Das ist die Spritfabrik«, sagte Erich. »Ich habe sie erst vor zwei Jahren gebaut. Die Wirtschaftsgebäude hat mein seliger Vater neu bauen lassen. Das Wohnhaus hat schon mein Großvater gebaut. So kommt man immer ein bisschen weiter.«

Bei diesen Worten waren sie auf einen großen Platz gekommen. An den Seiten standen die Wirtschaftsgebäude des Hofes. Hinten lag das Herrenhaus. An seine beiden Flügel schloss sich eine hohe Gartenmauer an. Dahinter sah man Reihen von dunklen Taxuswänden. Hier und da ließen Fliederbäume ihre blühenden Zweige in den Hof hinunterhängen. Männer gingen über den Platz. Ihre Gesichter waren heiß von der Sonne und der Arbeit. Sie grüßten die Freunde. Erich rief dem einen oder anderen einen Auftrag zu. Oder er fragte etwas über ihre Arbeit an diesem Tag.

Dann hatten sie das Haus erreicht. Ein hoher, kühler Hausflur nahm sie auf. An seinem Ende bogen sie links in einen etwas dunkleren Seitengang ein.

Hier öffnete Erich eine Tür. Sie traten in einen großen Gartensaal. Vor den Fenstern wuchs dichtes Laub. Deshalb war der Saal an beiden Seiten mit grünem Dämmerlicht gefüllt. Zwischen den Fenstern standen zwei hohe Flügeltüren weit offen. Durch sie fiel der volle Glanz der Frühlingssonne herein. Man sah hinaus in einen Garten mit runden Blumenbeeten und hohen, steilen Wänden aus Laub. Ein gerader, breiter Weg teilte den Garten. Durch ihn sah man auf den See und weiter auf die Wälder am anderen Ufer. Als die Freunde hineingingen, wehte ihnen ein Strom von Duft entgegen.

Auf einer Terrasse vor der Gartentür saß eine weiße, mädchenhafte Frauengestalt. Sie stand auf und ging den beiden entgegen. Auf halbem Weg blieb sie stehen, wie festgewachsen. Sie starrte den Fremden an, ohne sich zu bewegen. Er lächelte und streckte ihr die Hand entgegen.

»Reinhard!«, rief sie. »Reinhard! Mein Gott, du bist es! – Wir haben uns lange nicht gesehen.«

»Lange nicht«, sagte er. Mehr konnte er nicht sagen. Denn als er ihre Stimme hörte, fühlte er einen feinen, körperlichen Schmerz am Herzen. Er sah zu ihr auf. Da stand sie vor ihm, dieselbe leichte, zarte Gestalt wie früher. Vor Jahren hatte er ihr in seiner Vaterstadt Lebewohl gesagt.

Erich war an der Tür geblieben. Sein Gesicht strahlte vor Freude.

»Nun, Elisabeth?«, sagte er. »Gelt! Den hättest du nicht erwartet, den in alle Ewigkeit nicht!«

Elisabeth sah ihn mit den Augen einer Schwester an.

»Du bist so gut, Erich!«, sagte sie.

Er nahm zärtlich ihre schmale Hand in seine Hände. »Und jetzt, wo wir ihn haben«, sagte er, »lassen wir ihn so bald nicht wieder los. Er ist so lange fort gewesen. Wir wollen, dass er sich hier wieder zu Hause fühlt. Schau nur, wie fremd und vornehm er geworden ist!«

Elisabeth warf einen scheuen Blick auf Reinhards Gesicht. »Das ist nur die Zeit, in der wir nicht zusammen waren«, sagte er.

In diesem Augenblick kam die Mutter zur Tür herein. Am Arm trug sie einen kleinen Korb mit Schlüsseln.

»Herr Werner!«, sagte sie, als sie Reinhard sah. »Na, das ist ein ebenso lieber wie unerwarteter Gast.«

Nun ging das Gespräch ruhig in Fragen und Antworten weiter. Die Frauen setzten sich an ihre Arbeit. Während Reinhard aß und trank, was man für ihn vorbereitet hatte, hatte Erich seinen festen Meerschaumkopf angezündet. Er saß rauchend neben ihm und redete mit ihm.

Am nächsten Tag musste Reinhard mit ihm hinaus. Sie gingen auf die Felder, in die Weinberge, in den Hopfengarten und in die Spritfabrik. Alles war gut in Ordnung. Die Leute arbeiteten auf dem Feld und bei den Kesseln. Sie sahen alle gesund und zufrieden aus.

Mittags traf sich die Familie im Gartensaal. Den Rest des Tages verbrachten sie mehr oder weniger zusammen. Das hing davon ab, wie viel freie Zeit die Gastgeber hatten. Nur vor dem Abendessen und in den ersten Morgenstunden blieb Reinhard in seinem Zimmer und arbeitete.

Seit Jahren sammelte er die Reime und Lieder, die im Volk lebten. Er sammelte sie überall, wo er sie finden konnte. Nun wollte er seinen Schatz ordnen. Wenn möglich, wollte er auch neue Lieder aus der Gegend aufschreiben und dazutun.

Elisabeth war immer sanft und freundlich. Erich war ihr gegenüber immer gleich aufmerksam. Das nahm sie mit einer fast demütigen Dankbarkeit an. Manchmal dachte Reinhard: Das fröhliche Kind von früher hatte wohl eine weniger stille Frau versprochen.

Seit dem zweiten Tag hier machte er jeden Abend einen Spaziergang am Ufer des Sees. Der Weg führte direkt unter dem Garten vorbei. Am Ende des Gartens lag eine Bastei, die über das Ufer hinausragte. Dort stand eine Bank unter hohen Birken. Die Mutter hatte sie die Abendbank genannt. Denn der Platz lag nach Westen, zum Abend hin. Man saß dort meistens bei Sonnenuntergang.

Eines Abends kam Reinhard von einem Spaziergang auf diesem Weg zurück. Da überraschte ihn der Regen. Er suchte Schutz unter einer Linde am Wasser. Aber die schweren Tropfen fielen bald durch die Blätter. Er war schon ganz nass. Es war ihm nun egal, und langsam ging er weiter nach Hause.

Es war fast dunkel, und der Regen fiel immer dichter. Er kam näher zur Abendbank. Da glaubte er, zwischen den schimmernden Birkenstämmen eine weiße Frauengestalt zu sehen. Sie stand ganz still. Beim Näherkommen meinte er zu erkennen, dass sie zu ihm hinsah. Es war, als ob sie auf jemanden wartete.

Er glaubte, es sei Elisabeth. Er ging schneller, um sie zu erreichen. Dann wollte er mit ihr zusammen durch den Garten ins Haus gehen. Aber da drehte sie sich langsam weg. Sie verschwand in den dunklen Seitenwegen.

Er konnte das nicht verstehen. Er war fast zornig auf Elisabeth. Und doch zweifelte er, ob sie es wirklich gewesen war. Aber er hatte Angst, sie danach zu fragen. Als er zurückkam, ging er nicht einmal in den Gartensaal. Denn er wollte nicht sehen, wie Elisabeth vielleicht durch die Gartentür hereinkam.

### Glossar

- **Rundhut**: ein runder Hut, wie ihn Bauern trugen.
- **Keine halbe Pfeif’ Tabak**: man braucht weniger Zeit, als man braucht, um eine halbe Pfeife zu rauchen; also nur ein paar Minuten.
- **haben’s**: Dialekt für „haben Sie“.
- **Herrenhaus**: das große Wohnhaus auf einem Gut.
- **Gott grüß’ dich**: ein Gruß, den man besonders in Süddeutschland benutzt.
- **das große Los gezogen**: im Lotto den größten Preis gewinnen; hier: großes Glück haben, weil er Elisabeth geheiratet hat.
- **Plänchen**: kleine Pläne.
- **hochbeinige Ägypter**: Erichs Spaßname für den Storch, einen großen weißen Vogel mit langen roten Beinen.
- **Spritfabrik**: eine Fabrik, in der man Alkohol (Branntwein) macht.
- **seliger Vater**: der Vater, der schon gestorben ist.
- **Taxuswänden**: hohe, dichte Hecken aus Eiben, das sind dunkelgrüne Bäume.
- **Gelt**: Dialekt aus Süddeutschland: „nicht wahr?“
- **Meerschaumkopf**: eine Tabakpfeife aus einem hellen, leichten Stein (Meerschaum).
- **Bastei**: ein Platz mit einer Mauer, der vorspringt, wie bei einer alten Burg.

## Meine Mutter hat’s gewollt

Einige Tage später, es war schon fast Abend, saß die Familie im Gartensaal zusammen. Um diese Zeit saßen sie immer dort. Die Türen standen offen. Die Sonne war schon hinter den Wäldern auf der anderen Seite des Sees.

Man bat Reinhard, ihnen einige Volkslieder zu zeigen. Ein Freund, der auf dem Land wohnte, hatte sie ihm am Nachmittag geschickt. Reinhard ging in sein Zimmer. Gleich darauf kam er mit einer Rolle aus Papier zurück. Sie schien aus einzelnen, sauber beschriebenen Blättern zu bestehen.

Sie setzten sich an den Tisch, Elisabeth neben Reinhard. »Wir lesen auf gut Glück«, sagte er. »Ich habe sie selbst noch nicht durchgesehen.«

Elisabeth rollte das Manuskript auf. »Hier sind Noten«, sagte sie. »Das musst du singen, Reinhard.«

Reinhard las nun zuerst einige Tiroler Schnaderhüpfel. Beim Lesen summte er manchmal die lustige Melodie halblaut mit. Bald waren alle in der kleinen Gesellschaft fröhlich. »Wer hat denn aber die schönen Lieder gemacht?«, fragte Elisabeth.

»Ach«, sagte Erich, »das hört man den Dingern schon an. Schneidergesellen und Friseure und solches lustiges Gesindel.«

Reinhard sagte: »Sie werden gar nicht gemacht. Sie wachsen. Sie fallen aus der Luft. Sie fliegen über das Land wie Mariengarn, hierhin und dorthin. Und man singt sie an tausend Orten zugleich. In diesen Liedern finden wir unser eigenes Tun und Leiden. Es ist, als hätten wir alle an ihnen mitgeholfen.«

Er nahm ein anderes Blatt: »Ich stand auf hohen Bergen …«

»Das kenne ich!«, rief Elisabeth. »Fang nur an, Reinhard. Ich will dir helfen.«

Und nun sangen sie diese Melodie. Sie ist so rätselhaft, dass man nicht glauben kann, Menschen hätten sie erfunden. Elisabeth begleitete seinen Tenor mit ihrer etwas leisen Altstimme.

Die Mutter nähte inzwischen fleißig. Erich hatte die Hände zusammengelegt und hörte still und ernst zu. Als das Lied zu Ende war, legte Reinhard das Blatt schweigend zur Seite. Vom Ufer des Sees kam durch die Abendstille der Klang von Herdenglocken herauf. Ohne es zu wollen, hörten sie hin. Da hörten sie eine klare Jungenstimme singen:

Ich stand auf hohen Bergen
Und sah ins tiefe Tal . . .

Reinhard lächelte. »Hört ihr es? So geht’s von Mund zu Mund.«

»Es wird oft in dieser Gegend gesungen«, sagte Elisabeth.

»Ja«, sagte Erich, »das ist der Hirtenkasper. Er treibt die Starken nach Hause.«

Sie hörten noch eine Weile zu, bis die Glocken hinter den Wirtschaftsgebäuden verklungen waren. »Das sind Urtöne«, sagte Reinhard. »Sie schlafen tief unten in den Wäldern. Gott weiß, wer sie gefunden hat.«

Er zog ein neues Blatt heraus.

Es war schon dunkler geworden. Ein rotes Abendlicht lag wie Schaum auf den Wäldern am anderen Ufer des Sees. Reinhard rollte das Blatt auf. Elisabeth legte ihre Hand auf die eine Seite und las mit. Dann las Reinhard vor:

Meine Mutter hat’s gewollt,
Den andern ich nehmen sollt’:
Was ich zuvor besessen,
Mein Herz sollt’ es vergessen;
Das hat es nicht gewollt.

Meine Mutter klag’ ich an,
Sie hat nicht wohl getan;
Was sonst in Ehren stünde,
Nun ist es worden Sünde.
Was fang’ ich an!

Für all’ mein’ Stolz und Freud’
Gewonnen hab’ ich Leid.
Ach, wär’ das nicht geschehen,
Ach, könnt’ ich betteln gehen
Über die braune Heid’!

Während Reinhard las, hatte er gespürt, dass das Papier ganz leicht zitterte. Als er fertig war, schob Elisabeth leise ihren Stuhl zurück. Schweigend ging sie hinunter in den Garten. Die Mutter sah ihr nach. Erich wollte ihr folgen. Doch die Mutter sagte: »Elisabeth hat draußen zu tun.« So blieb er.

Draußen aber senkte sich der Abend immer tiefer über Garten und See. Nachtfalter flogen schwirrend an den offenen Türen vorbei. Durch die Türen kam der Duft der Blumen und Büsche immer stärker herein. Vom Wasser her hörte man die Frösche schreien. Unter den Fenstern sang eine Nachtigall, tiefer im Garten eine andere. Der Mond sah über die Bäume.

Reinhard sah noch eine Weile auf die Stelle, wo Elisabeths feine Gestalt zwischen den Laubgängen verschwunden war. Dann rollte er sein Manuskript zusammen. Er sagte allen gute Nacht und ging durch das Haus hinunter ans Wasser.

Die Wälder standen schweigend da. Sie warfen ihr Dunkel weit auf den See hinaus. Die Mitte des Sees aber lag in warmem, schwachem Mondlicht. Manchmal ging ein leises Rauschen durch die Bäume. Aber es war kein Wind. Es war nur das Atmen der Sommernacht.

Reinhard ging immer am Ufer entlang. Einen Steinwurf vom Land entfernt sah er eine weiße Wasserlilie. Plötzlich wollte er sie aus der Nähe sehen. Er zog seine Kleider aus und stieg ins Wasser. Es war flach. Scharfe Pflanzen und Steine schnitten ihm in die Füße. Und er kam nicht in Wasser, das tief genug zum Schwimmen war.

Dann war der Boden plötzlich unter ihm weg. Das Wasser wirbelte über ihm zusammen. Es dauerte eine Zeit, bis er wieder an die Oberfläche kam. Nun bewegte er Hände und Füße und schwamm im Kreis herum. Endlich wusste er wieder, wo er ins Wasser gegangen war. Bald sah er auch die Lilie wieder. Sie lag einsam zwischen den großen, glänzenden Blättern.

Er schwamm langsam hinaus. Manchmal hob er die Arme aus dem Wasser. Dann blitzten die Tropfen im Mondlicht, wenn sie herunterfielen. Aber es war, als ob der Abstand zwischen ihm und der Blume immer gleich blieb. Nur das Ufer lag, wenn er sich umsah, immer undeutlicher hinter ihm. Doch er gab nicht auf. Kräftig schwamm er in derselben Richtung weiter.

Endlich war er der Blume so nahe, dass er die silbernen Blätter im Mondlicht deutlich sehen konnte. Aber zugleich fühlte er sich wie in einem Netz gefangen. Die glatten Stängel kamen vom Grund herauf. Sie wickelten sich um seine nackten Arme und Beine.

Das unbekannte Wasser lag so schwarz um ihn herum. Hinter sich hörte er einen Fisch springen. Plötzlich wurde ihm in dem fremden Element sehr unheimlich. Da zerriss er mit Gewalt das Netz aus Pflanzen. Atemlos und in großer Eile schwamm er zum Land zurück. Von dort sah er zurück auf den See. Die Lilie lag wie vorher fern und einsam über der dunklen Tiefe.

Er zog sich an und ging langsam nach Hause. Er kam aus dem Garten in den Saal. Dort fand er Erich und die Mutter. Sie bereiteten eine kleine Geschäftsreise vor. Die Reise sollte am nächsten Tag stattfinden.

»Wo sind Sie denn so spät in der Nacht gewesen?«, rief ihm die Mutter entgegen.

»Ich?«, antwortete er. »Ich wollte die Wasserlilie besuchen. Aber es ist nichts daraus geworden.«

»Das versteht wieder einmal kein Mensch!«, sagte Erich. »Was in aller Welt hattest du denn mit der Wasserlilie zu tun?«

»Ich habe sie früher einmal gekannt«, sagte Reinhard. »Aber das ist schon lange her.«

### Glossar

- **Volkslieder**: alte Lieder, die die Menschen im Volk singen; niemand weiß, wer sie gemacht hat.
- **Schnaderhüpfel**: kurze, lustige Lieder aus Tirol und Bayern. Das Wort kommt aus dem Dialekt und bedeutet so etwas wie „Schnitter-Tänze“, also Tänze und Lieder der Leute, die auf dem Feld das Korn schneiden.
- **Gesindel**: Leute, von denen man nicht viel hält.
- **Mariengarn**: feine Spinnenfäden, die im Herbst durch die Luft fliegen. Die Menschen glaubten früher, sie gehören zu den Göttern, später zur Jungfrau Maria: Aus diesem Faden sei ihr Totenkleid gewebt worden, und als sie in den Himmel fuhr, habe es sich von ihr gelöst.
- **Ich stand auf hohen Bergen**: ein altes Volkslied von einem schönen, aber armen Mädchen. Sie konnte den jungen Grafen nicht heiraten und ging in ein Kloster.
- **Tenor / Altstimme**: eine hohe Männerstimme / eine tiefe Frauenstimme.
- **Hirtenkasper**: Kasper, der Hirte; ein Junge, der die Tiere hütet.
- **Starken**: junge Kühe (Dialekt aus Süddeutschland).
- **Urtöne**: sehr alte, ursprüngliche Klänge.
- **Nachtigall**: ein kleiner brauner Vogel, der besonders in der Nacht sehr schön singt.
- **Wasserlilie**: eine Blume, die auf dem Wasser eines Sees schwimmt; kurz auch „Lilie“.
- **Stängel**: der lange, dünne Teil einer Pflanze, an dem Blätter und Blüten wachsen.
- **Steinwurf**: so weit, wie man einen Stein werfen kann.
- **Heid’**: im Gedicht: die Heide, ein weites, trockenes Land mit Heidekraut.

## Elisabeth

Am nächsten Nachmittag wanderten Reinhard und Elisabeth auf der anderen Seite des Sees. Mal gingen sie durch den Wald, mal am Rand des Ufers, das weit in den See hinausging. Erich hatte Elisabeth einen Auftrag gegeben. Während er und die Mutter weg waren, sollte sie Reinhard die schönsten Aussichten in der Nähe zeigen. Vor allem sollte er den Hof selbst vom anderen Ufer aus sehen. Nun gingen sie von einem Aussichtspunkt zum anderen.

Endlich wurde Elisabeth müde. Sie setzte sich in den Schatten von Zweigen, die tief herabhingen. Reinhard stand ihr gegenüber und lehnte an einem Baumstamm. Da hörte er tiefer im Wald den Kuckuck rufen. Plötzlich war ihm, als ob dies alles schon einmal genauso gewesen wäre. Er sah sie mit einem seltsamen Lächeln an.

»Wollen wir Erdbeeren suchen?«, fragte er.

»Es ist keine Erdbeerenzeit«, sagte sie.

»Sie wird aber bald kommen.«

Elisabeth schüttelte schweigend den Kopf. Dann stand sie auf, und beide wanderten weiter. Während sie so neben ihm ging, sah er immer wieder zu ihr hin. Denn sie ging schön, als ob ihre Kleider sie tragen würden. Oft blieb er, ohne es zu wollen, einen Schritt zurück. So konnte er sie ganz und voll ansehen.

So kamen sie zu einem freien Platz, auf dem Heidekraut wuchs. Von dort sah man weit über das Land. Reinhard beugte sich hinunter und brach etwas von den Pflanzen ab, die am Boden wuchsen. Als er wieder aufsah, lag in seinem Gesicht ein leidenschaftlicher Schmerz.

»Kennst du diese Blume?«, fragte er.

Sie sah ihn fragend an. »Es ist eine Erika. Ich habe sie oft im Wald gesammelt.«

»Ich habe zu Hause ein altes Buch«, sagte er. »Früher habe ich oft allerlei Lieder und Reime hineingeschrieben. Aber das habe ich lange nicht mehr getan. Zwischen den Seiten liegt auch eine Erika. Aber es ist nur eine verwelkte. Weißt du, wer sie mir gegeben hat?«

Sie nickte stumm. Aber sie senkte die Augen und sah nur auf die Pflanze in seiner Hand. So standen sie lange. Dann hob sie die Augen zu ihm auf. Da sah er, dass sie voller Tränen waren.

»Elisabeth«, sagte er, »hinter jenen blauen Bergen liegt unsere Jugend. Wo ist sie geblieben?«

Sie sprachen nichts mehr. Stumm gingen sie nebeneinander zum See hinunter. Die Luft war schwül, und im Westen stiegen schwarze Wolken auf. »Es wird gewittern«, sagte Elisabeth und ging schneller. Reinhard nickte schweigend. Beide gingen schnell am Ufer entlang, bis sie ihren Kahn erreicht hatten.

Während der Fahrt über den See ließ Elisabeth ihre Hand auf dem Rand des Kahns ruhen. Reinhard ruderte und sah dabei zu ihr hinüber. Aber sie sah an ihm vorbei in die Ferne. So wanderte sein Blick nach unten und blieb auf ihrer Hand. Und die blasse Hand verriet ihm, was ihr Gesicht ihm verschwiegen hatte.

Er sah auf ihr jenen feinen Zug von heimlichem Schmerz. Diesen Zug bekommen oft die Hände schöner Frauen, die nachts auf einem kranken Herzen liegen. Elisabeth fühlte, dass sein Blick auf ihrer Hand ruhte. Da ließ sie sie langsam über den Rand des Bootes ins Wasser gleiten.

Als sie auf dem Hof ankamen, stand vor dem Herrenhaus der Karren eines Scherenschleifers. Ein Mann mit schwarzen, herabhängenden Locken trat fleißig mit dem Fuß das Schleifrad. Dabei summte er zwischen den Zähnen eine Zigeunermelodie. Neben dem Karren lag ein Hund im Geschirr und atmete laut und schwer. Im Hausflur stand ein Mädchen in alten, zerrissenen Kleidern. Sie hatte schöne Züge, aber sie sah verstört aus. Bettelnd streckte sie Elisabeth die Hand entgegen.

Reinhard griff in seine Tasche. Aber Elisabeth war schneller. Hastig leerte sie ihre ganze Börse in die offene Hand der Bettlerin. Dann drehte sie sich schnell um. Reinhard hörte, wie sie schluchzend die Treppe hinaufging.

Er wollte sie aufhalten. Aber dann überlegte er es sich anders und blieb an der Treppe stehen. Das Mädchen stand immer noch im Flur. Sie bewegte sich nicht und hielt das Almosen in der Hand.

»Was willst du noch?«, fragte Reinhard.

Sie bekam einen Schreck. »Ich will nichts mehr«, sagte sie. Dann drehte sie den Kopf zu ihm zurück und starrte ihn mit verirrten Augen an. So ging sie langsam zur Tür. Er rief einen Namen, aber sie hörte es nicht mehr. Mit gesenktem Kopf, die Arme vor der Brust gekreuzt, ging sie über den Hof hinunter:

Sterben, ach! sterben
Soll ich allein!

Ein altes Lied brauste ihm in den Ohren, und sein Atem stand still. Eine kurze Weile stand er da. Dann drehte er sich um und ging in sein Zimmer.

Er setzte sich hin, um zu arbeiten. Aber er hatte keine Gedanken. Eine Stunde lang versuchte er es vergeblich. Dann ging er hinunter ins Familienzimmer. Niemand war da, nur kühle, grüne Dämmerung. Auf Elisabeths Nähtisch lag ein rotes Band. Sie hatte es am Nachmittag um den Hals getragen. Er nahm es in die Hand. Aber es tat ihm weh, und er legte es wieder hin.

Er fand keine Ruhe. Er ging zum See hinunter und band den Kahn los. Er ruderte hinüber und ging noch einmal alle Wege, die er kurz vorher mit Elisabeth gegangen war. Als er wieder nach Hause kam, war es dunkel. Auf dem Hof traf er den Kutscher. Der wollte gerade die Wagenpferde auf die Weide bringen. Die Reisenden waren eben zurückgekommen.

Als er in den Hausflur trat, hörte er Erich im Gartensaal auf und ab gehen. Er ging nicht zu ihm hinein. Er blieb einen Augenblick stehen. Dann stieg er leise die Treppe hinauf in sein Zimmer. Dort setzte er sich in den Lehnstuhl am Fenster. Er tat vor sich selbst so, als ob er die Nachtigall hören wollte. Sie sang unten in den Taxuswänden. Aber er hörte nur das Schlagen seines eigenen Herzens. Unter ihm im Haus ging alles schlafen. Die Nacht verging, aber er merkte es nicht.

So saß er viele Stunden lang. Endlich stand er auf und lehnte sich aus dem offenen Fenster. Der Nachttau tropfte zwischen den Blättern. Die Nachtigall hatte aufgehört zu singen. Langsam verdrängte im Osten ein blassgelber Schimmer das tiefe Blau des Nachthimmels. Ein frischer Wind kam auf und strich über Reinhards heiße Stirn. Die erste Lerche stieg jubelnd in die Luft.

Plötzlich drehte Reinhard sich um und ging zum Tisch. Er tastete nach einem Bleistift. Als er ihn gefunden hatte, setzte er sich. Er schrieb einige Zeilen auf ein weißes Blatt Papier. Als er damit fertig war, nahm er Hut und Stock. Das Papier ließ er liegen. Vorsichtig öffnete er die Tür und ging hinunter in den Flur.

Die Morgendämmerung lag noch in allen Ecken. Die große Hauskatze streckte sich auf der Strohmatte. Er hielt ihr gedankenlos die Hand hin, und sie machte einen Buckel dagegen. Draußen im Garten aber priesterten schon die Spatzen von den Zweigen. Sie sagten es allen, dass die Nacht vorbei war.

Da hörte er oben im Haus eine Tür gehen. Jemand kam die Treppe herunter. Als er aufsah, stand Elisabeth vor ihm. Sie legte die Hand auf seinen Arm. Sie bewegte die Lippen, aber er hörte keine Worte.

»Du kommst nicht wieder«, sagte sie endlich. »Ich weiß es, lüg nicht. Du kommst nie wieder.«

»Nie«, sagte er.

Sie ließ ihre Hand sinken und sagte nichts mehr. Er ging über den Flur zur Tür. Dann drehte er sich noch einmal um. Sie stand ohne Bewegung an derselben Stelle und sah ihn mit toten Augen an. Er machte einen Schritt nach vorn und streckte die Arme nach ihr aus. Dann drehte er sich mit Gewalt weg und ging zur Tür hinaus.

Draußen lag die Welt im frischen Morgenlicht. Die Tautropfen, die in den Spinnennetzen hingen, blitzten in den ersten Sonnenstrahlen. Er sah nicht zurück. Er wanderte schnell hinaus. Und immer mehr versank hinter ihm der stille Hof. Vor ihm aber stieg die große, weite Welt auf.

### Glossar

- **Erika**: eine kleine Pflanze mit kleinen lila Blüten, die auf trockenem Land (der Heide) wächst; auch Heidekraut genannt.
- **Kuckuck**: ein Vogel im Wald, der laut „kuckuck“ ruft.
- **verwelkt**: trocken und nicht mehr frisch (bei Blumen und Pflanzen).
- **Nachtigall**: ein kleiner brauner Vogel, der besonders in der Nacht sehr schön singt.
- **gewittern**: es kommt ein Gewitter mit Blitz und Donner.
- **Kahn**: ein kleines Boot.
- **Scherenschleifers**: ein Scherenschleifer zieht von Ort zu Ort und macht Scheren und Messer scharf.
- **Börse**: hier: der Geldbeutel.
- **Almosen**: Geld oder Essen, das man einem armen Menschen schenkt.
- **verirrten Augen**: Augen, die verwirrt und ohne Ziel blicken.
- **Taxuswänden**: hohe, dichte Hecken aus Eiben, das sind dunkelgrüne Bäume.
- **Lerche**: ein kleiner Vogel, der singend hoch in die Luft fliegt.
- **priesterten**: ein Wort, das Storm selbst erfunden hat. Es bedeutet: Die Spatzen sangen schon so feierlich wie Priester. Man findet das Wort sonst nirgends.

## Der Alte

Der Mond schien nicht mehr durch die Fensterscheiben. Es war dunkel geworden. Aber der Alte saß noch immer mit gefalteten Händen in seinem Lehnstuhl. Er sah vor sich hin in das Zimmer.

Langsam verwandelte sich vor seinen Augen die schwarze Dämmerung um ihn herum in einen breiten, dunklen See. Ein schwarzes Wasser lag hinter dem anderen, immer tiefer und ferner. Und auf dem letzten Wasser schwamm einsam zwischen breiten Blättern eine weiße Wasserlilie. Sie war so fern, dass die Augen des Alten sie kaum erreichten.

Die Tür des Zimmers ging auf, und ein heller Lichtschein fiel herein.

»Es ist gut, dass Sie kommen, Brigitte«, sagte der Alte. »Stellen Sie das Licht auf den Tisch!«

Dann rückte er auch den Stuhl an den Tisch. Er nahm eines der aufgeschlagenen Bücher. Er vertiefte sich in Studien, an denen er einst die Kraft seiner Jugend geübt hatte.

### Glossar

- **Lehnstuhl**: ein großer, bequemer Stuhl mit Armlehnen.
- **Dämmerung**: die Zeit, in der es langsam dunkel wird; das halbe Licht am Abend.
- **Wasserlilie**: eine weiße Blume, die auf dem Wasser schwimmt (Seerose).
- **Lichtschein**: das Licht, das von einer Lampe oder Kerze kommt.
- **vertiefte sich**: sich vertiefen: ganz konzentriert an etwas arbeiten oder lesen.
- **Studien**: die Arbeit eines Wissenschaftlers; das, was man genau lernt und erforscht.
- **einst**: früher, vor langer Zeit.
