# Immensee (Ausgabe A2)

*Theodor Storm*

## Der Alte

An einem Nachmittag im späten Herbst ging ein alter Mann langsam die Straße hinunter. Er trug gute Kleidung. Er kam wohl gerade von einem Spaziergang nach Hause, denn seine Schnallenschuhe waren staubig. Diese Schuhe waren eine alte Mode. Unter dem Arm trug er einen langen Rohrstock mit einem goldenen Knopf.

Seine Augen waren dunkel. Seine ganze verlorene Jugend schien noch in diesen Augen zu leben. Seine Haare waren schneeweiß, und die dunklen Augen sahen darunter seltsam aus. Er sah ruhig um sich oder hinunter in die Stadt. Die Stadt lag vor ihm im Dunst der Abendsonne.

Er schien fast ein Fremder zu sein. Denn nur wenige Leute auf der Straße grüßten ihn. Aber manche sahen in seine ernsten Augen. Sie konnten nicht anders.

Endlich blieb er vor einem hohen Giebelhaus stehen. Er sah noch einmal in die Stadt hinaus. Dann ging er in die Hausdiele. Die Türglocke läutete. Drinnen im Zimmer gab es ein kleines Fenster zur Hausdiele. Dort schob jemand den grünen Vorhang weg. Dahinter erschien das Gesicht von einer alten Frau. Der Mann winkte ihr mit seinem Rohrstock.

»Noch kein Licht!«, sagte er. Er sprach mit einem etwas südlichen Akzent. Die Haushälterin ließ den Vorhang wieder fallen.

Der Alte ging nun über die weite Hausdiele. Dann ging er durch einen Pesel. Dort standen an den Wänden große Schränke aus Eichenholz mit Vasen aus Porzellan. Durch die Tür gegenüber kam er in einen kleinen Flur. Von dort führte eine enge Treppe zu den oberen Zimmern im Hinterhaus. Er stieg die Treppe langsam hinauf. Oben schloss er eine Tür auf und ging in ein mittelgroßes Zimmer.

Hier war es gemütlich und still. Die eine Wand war fast ganz voll mit Regalen und Bücherschränken. An den anderen Wänden waren Bilder von Menschen und Landschaften. Es gab einen Tisch mit einer grünen Decke. Auf dem Tisch lagen einzelne offene Bücher. Vor dem Tisch stand ein schwerer Lehnstuhl mit einem roten Samtkissen.

Der Alte stellte Hut und Stock in die Ecke. Dann setzte er sich in den Lehnstuhl. Er faltete die Hände und schien von seinem Spaziergang auszuruhen. Während er so saß, wurde es langsam dunkler. Endlich fiel ein Mondstrahl durch das Fenster auf die Bilder an der Wand. Der helle Streifen ging langsam weiter. Die Augen von dem Mann folgten ihm ganz von allein. Nun ging der Streifen über ein kleines Bild in einem einfachen schwarzen Rahmen.

»Elisabeth!«, sagte der Alte leise. Und als er das Wort sagte, war die Zeit verwandelt: Er war in seiner Jugend.

### Glossar

- **die Schnallenschuhe**: Schuhe mit einem kleinen Teil aus Metall zum Schließen. Das war eine alte Mode.
- **der Rohrstock**: ein langer Stock zum Gehen.
- **der Dunst**: leichter Nebel in der Luft.
- **das Giebelhaus**: ein Haus. Vorne ist die Wand oben spitz.
- **die Hausdiele**: der große Raum am Eingang von einem alten Haus.
- **winkte**: gab ein Zeichen, mit der Hand oder hier mit dem Stock.
- **der Akzent**: die besondere Art, wie jemand spricht. Man hört: Er kommt aus einer anderen Gegend.
- **die Haushälterin**: eine Frau, die für jemanden im Haus arbeitet.
- **der Pesel**: das schönste Zimmer in einem alten Haus.
- **das Eichenholz**: hartes Holz von einem großen Baum, der Eiche.
- **die Vasen**: schöne Gefäße, zum Beispiel für Blumen.
- **das Porzellan**: ein feines, weißes Material für Tassen, Teller und Vasen.
- **Regalen**: Ein Regal ist ein Möbelstück mit Brettern für Bücher.
- **der Lehnstuhl**: ein großer, bequemer Stuhl mit Armlehnen.
- **faltete**: legte die Hände ineinander.
- **der Mondstrahl**: ein schmaler Streifen Licht vom Mond.
- **der Rahmen**: Holz um ein Bild.
- **verwandelt**: ganz anders als vorher.

## Die Kinder

Bald kam ein kleines Mädchen zu ihm. Sie war zart und hübsch. Sie hieß Elisabeth und war wohl fünf Jahre alt. Er selbst war doppelt so alt. Um den Hals trug sie ein kleines rotes Tuch aus Seide. Das Tuch passte gut zu ihren braunen Augen.

»Reinhard!«, rief sie. »Wir haben frei, frei! Den ganzen Tag keine Schule, und morgen auch nicht.«

Reinhard hatte seine Rechentafel schon unter dem Arm. Schnell stellte er sie hinter die Haustür. Dann liefen beide Kinder durch das Haus in den Garten. Sie liefen durch die Gartenpforte hinaus auf die Wiese. Die freien Tage kamen unerwartet, und das war herrlich für sie.

Reinhard hatte hier mit Elisabeths Hilfe ein Haus aus Rasenstücken gebaut. Dort wollten sie an den Sommerabenden wohnen. Aber die Bank fehlte noch. Nun begann er gleich mit der Arbeit. Nägel, Hammer und die nötigen Bretter lagen schon bereit.

Inzwischen ging Elisabeth an dem Wall entlang. Sie sammelte die Samen von der wilden Malve in ihre Schürze. Die Samen sahen aus wie kleine Ringe. Daraus wollte sie sich Ketten und Halsbänder machen.

Reinhard schlug manche Nägel krumm. Aber endlich war seine Bank doch fertig. Er trat wieder hinaus in die Sonne. Da ging sie schon weit weg am anderen Ende der Wiese.

»Elisabeth!«, rief er. »Elisabeth!«

Da kam sie, und ihre Locken flogen.

»Komm«, sagte er, »nun ist unser Haus fertig. Du bist ja ganz heiß geworden. Komm herein, wir wollen uns auf die neue Bank setzen. Ich erzähle dir etwas.«

Dann gingen beide hinein und setzten sich auf die neue Bank. Elisabeth nahm ihre kleinen Ringe aus der Schürze. Sie zog sie auf lange Fäden. Reinhard begann zu erzählen: »Es waren einmal drei Spinnfrauen—«

»Ach«, sagte Elisabeth, »das weiß ich ja auswendig. Du musst auch nicht immer dasselbe erzählen.«

Da musste Reinhard die Geschichte von den drei Spinnfrauen lassen. Stattdessen erzählte er die Geschichte von dem armen Mann. Man hatte ihn in die Löwengrube geworfen.

»Nun war es Nacht«, sagte er, »weißt du? Es war ganz dunkel, und die Löwen schliefen. Aber manchmal gähnten sie im Schlaf und streckten die roten Zungen heraus. Dann zitterte der Mann und dachte: Jetzt kommt der Morgen. Da war auf einmal ein helles Licht um ihn. Er sah auf, und ein Engel stand vor ihm. Der Engel winkte ihm mit der Hand. Dann ging er gerade in die Felsen hinein.«

Elisabeth hatte gut zugehört. »Ein Engel?«, sagte sie. »Hatte er denn Flügel?«

»Es ist nur so eine Geschichte«, antwortete Reinhard. »Es gibt ja gar keine Engel.«

»O pfui, Reinhard!«, sagte sie und sah ihm starr ins Gesicht.

Aber er sah sie böse an. Da fragte sie unsicher: »Warum sagen sie es denn immer? Mutter und Tante und auch in der Schule?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete er.

»Aber du«, sagte Elisabeth, »gibt es denn auch keine Löwen?«

»Löwen? Ob es Löwen gibt? In Indien. Dort spannen die Götzenpriester sie vor den Wagen und fahren mit ihnen durch die Wüste. Wenn ich groß bin, will ich selbst einmal dorthin. Dort ist es viel tausendmal schöner als hier bei uns. Dort gibt es gar keinen Winter. Du musst auch mit mir kommen. Willst du?«

»Ja«, sagte Elisabeth, »aber Mutter muss dann auch mit, und deine Mutter auch.«

»Nein«, sagte Reinhard, »die sind dann zu alt, die können nicht mit.«

»Ich darf aber nicht allein.«

»Du sollst schon dürfen. Du wirst dann wirklich meine Frau, und dann können die anderen dir nichts befehlen.«

»Aber meine Mutter wird weinen.«

»Wir kommen ja wieder«, sagte Reinhard heftig. »Sag es nur gerade heraus: Willst du mit mir reisen? Sonst gehe ich allein, und dann komme ich nie wieder.«

Die Kleine weinte fast. »Mach nur nicht so böse Augen«, sagte sie. »Ich will ja mit nach Indien.«

Reinhard war wild vor Freude. Er nahm sie an beiden Händen und zog sie hinaus auf die Wiese.

»Nach Indien, nach Indien!«, sang er. Er drehte sich mit ihr im Kreis, und das rote Tuch flog von ihrem Hals. Dann aber ließ er sie plötzlich los und sagte ernst:

»Es wird doch nichts daraus werden; du hast keine Courage.«

»Elisabeth! Reinhard!«, rief es jetzt von der Gartenpforte.

»Hier! Hier!«, antworteten die Kinder. Hand in Hand liefen sie nach Hause.

### Glossar

- **zart**: fein und leicht.
- **das Tuch**: ein Stück Stoff, zum Beispiel für den Hals.
- **die Rechentafel / die Tafel**: eine kleine Platte. Schulkinder schrieben und rechneten früher darauf.
- **die Gartenpforte**: eine kleine Tür in den Garten.
- **unerwartet**: Niemand hat es vorher gewusst.
- **der Rasen**: kurzes Gras. Ein Rasenstück ist ein Stück Erde mit Gras.
- **die Nägel**: kleine, spitze Stücke aus Metall. Man schlägt sie mit dem Hammer in Holz.
- **der Wall**: ein langer, niedriger Hügel aus Erde.
- **die Schürze**: ein Stück Stoff, das man vorne über der Kleidung trägt.
- **die Malve**: eine Pflanze mit Blüten. Ihre Samen sehen aus wie kleine Ringe.
- **krumm**: nicht gerade.
- **die Fäden**: dünne, lange Schnüre. Ein Stück heißt „der Faden“.
- **die Spinnfrau**: eine Frau, die aus Wolle Fäden macht. „Es waren einmal drei Spinnfrauen“: So beginnt ein bekanntes Märchen von den Brüdern Grimm.
- **auswendig wissen**: etwas ganz im Kopf haben, ohne Buch.
- **die Löwengrube**: ein tiefes Loch. Unten sind Löwen.
- **gähnten**: öffneten den Mund weit, zum Beispiel vor Müdigkeit.
- **zitterte**: bewegte sich schnell hin und her, zum Beispiel vor Angst.
- **winkte**: gab mit der Hand ein Zeichen.
- **pfui**: Das sagt man, wenn man etwas schlecht oder böse findet.
- **spannen**: ein Tier an einem Wagen festmachen. Das Tier zieht dann den Wagen.
- **der Götzenpriester**: ein Priester von fremden Göttern.
- **die Courage**: der Mut.
- **nichts daraus werden**: nicht passieren, nicht klappen.

## Im Walde

So lebten die Kinder zusammen. Sie war ihm oft zu still, und er war ihr oft zu heftig. Aber sie blieben trotzdem zusammen. Fast alle freien Stunden verbrachten sie gemeinsam. Im Winter waren sie in den kleinen Zimmern von ihren Müttern. Im Sommer waren sie draußen in Busch und Feld.

Einmal schimpfte der Lehrer mit Elisabeth, und Reinhard war dabei. Reinhard wurde zornig und stieß seine Tafel auf den Tisch. So wollte er den Zorn von dem Mann auf sich ziehen. Niemand bemerkte es. Aber Reinhard hörte in den Geografiestunden nicht mehr zu. Stattdessen schrieb er ein langes Gedicht. Darin war er selbst ein junger Adler. Der Lehrer war eine graue Krähe, und Elisabeth war die weiße Taube. Der Adler schwor Rache an der grauen Krähe. Sobald seine Flügel gewachsen waren, wollte er sich rächen. Dem jungen Dichter standen die Tränen in den Augen. Er fühlte sich sehr edel und groß. Als er nach Hause kam, besorgte er sich einen kleinen Pergamentband. Das Buch hatte viele weiße Seiten. Auf die ersten Seiten schrieb er sorgfältig sein erstes Gedicht.

Bald danach kam er in eine andere Schule. Dort fand er manche neue Freunde in seinem Alter. Aber seine Freundschaft mit Elisabeth blieb wie vorher. Er hatte ihr früher Märchen erzählt, immer wieder. Jetzt begann er, die Märchen aufzuschreiben, die ihr am besten gefallen hatten. Dabei wollte er oft etwas von seinen eigenen Gedanken hineinschreiben. Aber es gelang ihm nie, und er wusste nicht, warum. So schrieb er die Märchen genau so auf, wie er sie selbst gehört hatte. Dann gab er die Blätter Elisabeth. Sie bewahrte sie sorgfältig in einer Schublade von ihrer Schatulle auf. Manchmal las sie am Abend ihrer Mutter diese Geschichten vor. Sie las aus den Heften, die er geschrieben hatte. Reinhard war dann dabei und hörte zu. Das gab ihm ein schönes, zufriedenes Gefühl.

Sieben Jahre waren vergangen. Reinhard sollte für seine weitere Ausbildung die Stadt verlassen. Elisabeth konnte sich nicht an den Gedanken gewöhnen. Bald würde es eine Zeit ganz ohne Reinhard geben. Eines Tages sagte er zu ihr: »Ich werde wieder Märchen für dich aufschreiben, so wie früher. Ich schicke sie dir mit den Briefen an meine Mutter. Du musst mir dann schreiben, wie sie dir gefallen haben.« Darüber freute sie sich.

Die Abreise kam näher. Aber vorher schrieb er noch manche Reime in den Pergamentband. Nur das war für Elisabeth ein Geheimnis. Dabei war sie der Grund für das ganze Buch und für die meisten Lieder. Nach und nach hatten diese Lieder fast die Hälfte von den weißen Seiten gefüllt.

Es war im Juni, und Reinhard sollte am nächsten Tag abreisen. Alle wollten noch einmal einen festlichen Tag zusammen feiern. Deshalb machte eine größere Gruppe einen Ausflug in einen von den nahen Wäldern. Bis zum Rand vom Wald fuhren sie eine Stunde mit dem Wagen. Dann nahmen sie die Körbe mit dem Essen herunter und gingen zu Fuß weiter. Zuerst mussten sie durch einen Tannenwald. Dort war es kühl und dämmrig, und überall lagen feine Nadeln auf dem Boden. Nach einer halben Stunde kamen sie aus dem dunklen Tannenwald in einen frischen Buchenwald. Hier war alles hell und grün. Manchmal kam ein Sonnenstrahl durch die vielen Blätter. Ein Eichhörnchen sprang über ihren Köpfen von Ast zu Ast.

An einem Platz blieb die Gruppe stehen. Hier wuchsen sehr alte Buchen. Ihre Kronen bildeten zusammen ein Dach aus Blättern, und man konnte hindurchsehen. Elisabeths Mutter öffnete einen von den Körben. Ein alter Herr machte sich selbst zum Proviantmeister.

»Alle um mich herum, ihr jungen Vögel!«, rief er. »Hört genau zu, was ich euch sage. Zum Frühstück bekommt jetzt jeder von euch zwei trockene Brötchen. Die Butter ist zu Hause geblieben. Jeder muss selbst etwas zum Brot suchen. Es gibt genug Erdbeeren im Wald, das heißt, für den, der sie finden kann. Wer ungeschickt ist, muss sein Brot trocken essen. So geht es überall im Leben. Habt ihr meine Rede verstanden?«

»Ja wohl!«, riefen die Jungen.

»Ja, seht«, sagte der alte Herr, »sie ist aber noch nicht zu Ende. Wir Alten sind im Leben schon genug herumgereist. Darum bleiben wir jetzt zu Hause, das heißt, hier unter diesen breiten Bäumen. Wir schälen die Kartoffeln und machen Feuer und decken den Tisch. Und wenn die Uhr zwölf ist, kochen wir auch die Eier. Dafür schuldet ihr uns die Hälfte von euren Erdbeeren. Dann können wir auch einen Nachtisch servieren. Und nun geht nach Ost und West und seid ehrlich.«

Die Jungen machten allerlei freche Gesichter.

»Halt!«, rief der alte Herr noch einmal. »Das muss ich euch wohl nicht sagen. Wer keine findet, muss auch keine abgeben. Aber schreibt euch das gut hinter eure feinen Ohren. Von uns Alten bekommt er auch nichts. Und nun habt ihr für diesen Tag genug gute Lehren. Wenn ihr nun noch Erdbeeren dazu habt, kommt ihr für heute schon durchs Leben.«

Die Jungen waren einverstanden. Immer zwei und zwei gingen sie los.

»Komm, Elisabeth«, sagte Reinhard, »ich kenne einen Platz mit vielen Erdbeeren. Du sollst kein trockenes Brot essen.«

Elisabeth band die grünen Bänder von ihrem Strohhut zusammen. Sie hängte ihn über den Arm.

»So komm«, sagte sie, »der Korb ist fertig.«

Dann gingen sie in den Wald hinein, tiefer und tiefer. Sie gingen durch feuchte Baumschatten. Dort war alles still. Nur hoch über ihnen in der Luft schrien die Falken, aber man sah sie nicht. Dann kamen sie wieder durch Büsche. Die Büsche waren so dicht, dass Reinhard vorangehen musste. Er machte einen Weg. Hier brach er einen Zweig, dort bog er eine Ranke zur Seite. Bald aber hörte er hinter sich Elisabeth. Sie rief seinen Namen. Er drehte sich um.

»Reinhard!«, rief sie. »Warte doch, Reinhard!«

Er konnte sie nicht sehen. Endlich sah er sie ein Stück entfernt. Sie kämpfte mit den Büschen. Man sah ihren feinen kleinen Kopf kaum über den Spitzen von den Farnen. Nun ging er noch einmal zurück. Er führte sie durch das Gewirr von Pflanzen und Büschen auf einen freien Platz. Dort flogen blaue Schmetterlinge zwischen den einsamen Waldblumen. Reinhard strich ihr die feuchten Haare aus dem heißen kleinen Gesicht. Dann wollte er ihr den Strohhut aufsetzen, aber sie wollte es nicht. Da bat er sie, und nun ließ sie es doch zu.

»Wo sind denn aber deine Erdbeeren?«, fragte sie endlich. Sie blieb stehen und atmete tief.

»Hier haben sie gestanden«, sagte er. »Aber die Kröten waren schneller als wir, oder die Marder oder vielleicht die Elfen.«

»Ja«, sagte Elisabeth, »die Blätter stehen noch da. Aber sprich hier nicht von Elfen. Komm nur, ich bin noch gar nicht müde. Wir wollen weiter suchen.«

Vor ihnen war ein kleiner Bach, und auf der anderen Seite war wieder der Wald. Reinhard hob Elisabeth auf seine Arme und trug sie hinüber. Nach einer Weile kamen sie aus den schattigen Blättern wieder auf eine weite Lichtung.

»Hier müssen Erdbeeren sein«, sagte das Mädchen. »Es riecht so süß.«

Sie suchten auf dem sonnigen Platz, aber sie fanden keine.

»Nein«, sagte Reinhard, »es ist nur der Duft vom Heidekraut.«

Überall standen Himbeerbüsche und Hülsendorn durcheinander. Auf den freien Stellen vom Boden wuchsen abwechselnd Heidekraut und kurzes Gras. Das Heidekraut roch stark, und dieser Geruch füllte die Luft.

»Hier ist es einsam«, sagte Elisabeth. »Wo sind wohl die anderen?«

An den Rückweg hatte Reinhard nicht gedacht.

»Warte nur: Woher kommt der Wind?«, sagte er und hob seine Hand in die Höhe. Aber es kam kein Wind.

»Still«, sagte Elisabeth, »ich glaube, ich habe sie sprechen hören. Ruf einmal dort hinunter.«

Reinhard rief durch die hohle Hand: »Kommt hierher!«

»Hierher!«, rief es zurück.

»Sie haben geantwortet!«, sagte Elisabeth und klatschte in die Hände.

»Nein, es war nichts. Es war nur das Echo.«

Elisabeth nahm Reinhards Hand. »Ich habe Angst!«, sagte sie.

»Nein, du musst keine Angst haben«, sagte Reinhard. »Hier ist es herrlich. Setz dich dort in den Schatten zwischen die Pflanzen. Wir wollen uns eine Weile ausruhen. Wir finden die anderen schon.«

Elisabeth setzte sich unter eine Buche mit tief hängenden Zweigen. Sie hörte genau in alle Richtungen. Reinhard saß ein paar Schritte entfernt auf einem Baumstumpf. Er sah schweigend zu ihr hinüber. Die Sonne stand gerade über ihnen. Es war die glühende Hitze vom Mittag. Kleine Fliegen standen in der Luft und schlugen mit den Flügeln. Sie waren stahlblau und glänzten wie Gold. Rund um sie war ein feines Schwirren und Summen. Manchmal hörte man tief im Wald die Spechte hämmern, und die anderen Waldvögel schrien laut.

»Horch«, sagte Elisabeth, »es läutet.«

»Wo?«, fragte Reinhard.

»Hinter uns. Hörst du? Es ist Mittag.«

»Dann liegt hinter uns die Stadt. Wenn wir in dieser Richtung geradeaus gehen, müssen wir die anderen treffen.«

So gingen sie zurück. Das Erdbeerensuchen hatten sie aufgegeben, denn Elisabeth war müde geworden. Endlich hörten sie zwischen den Bäumen das Lachen von der Gruppe. Dann sahen sie auch ein weißes Tuch auf dem Boden leuchten. Das war der Tisch, und darauf standen sehr viele Erdbeeren. Der alte Herr hatte eine Serviette im Knopfloch. Er hielt den Jungen weiter seine moralischen Reden. Dabei schnitt er eifrig an einem Braten herum.

Reinhard und Elisabeth kamen durch die Bäume. Die Jungen sahen sie und riefen: »Da sind die Nachzügler.«

»Hierher!«, rief der alte Herr. »Tücher ausgeleert, Hüte umgekehrt! Nun zeigt her, was ihr gefunden habt.«

»Hunger und Durst!«, sagte Reinhard.

Der alte Herr hob ihnen die volle Schüssel entgegen. »Wenn das alles ist, müsst ihr es auch behalten«, antwortete er. »Ihr kennt die Abmachung. Wir füttern hier keine Müßiggänger.«

Endlich ließ er sich aber doch überreden, und nun aßen sie. Dazu sang die Drossel aus den Wacholderbüschen.

So ging der Tag vorbei. Aber Reinhard hatte doch etwas gefunden. Es waren keine Erdbeeren, aber es war auch im Wald gewachsen. Als er nach Hause kam, schrieb er in seinen alten Pergamentband:

> Hier an der Bergeshalde  
> Verstummet ganz der Wind;  
> Die Zweige hängen nieder,  
> Darunter sitzt das Kind

> Sie sitzt im Thymiane,  
> Sie sitzt in lauter Duft;  
> Die blauen Fliegen summen  
> Und blitzen durch die Luft.

> Es steht der Wald so schweigend,  
> Sie schaut so klug darein;  
> Um ihre braunen Locken  
> Hinfließt der Sonnenschein.

> Der Kuckuck lacht von ferne,  
> Es geht mir durch den Sinn:  
> Sie hat die goldnen Augen  
> Der Waldeskönigin.

So war sie nicht nur sein Schützling. In ihr sah er alles Schöne und Wunderbare von seinem jungen Leben. Dieses Leben begann gerade erst.

### Glossar

- **die Tafel**: eine kleine Platte. Schulkinder schrieben und rechneten früher darauf.
- **die Geografiestunden**: Schulstunden über die Länder und Meere der Welt.
- **die Krähe**: ein großer, schwarzer oder grauer Vogel.
- **die Taube**: ein mittelgroßer Vogel, oft grau oder weiß.
- **die Rache**: Man tut jemandem etwas Böses, weil er vorher etwas Böses getan hat.
- **schwor**: versprach sehr ernst.
- **edel**: sehr gut und fein im Herzen.
- **der Pergamentband**: ein kleines Buch. Sein Papier ist aus Tierhaut gemacht. Reinhard schreibt seine Gedichte hinein.
- **die Schublade**: ein kleiner Kasten in einem Möbelstück. Man kann ihn herausziehen.
- **die Schatulle**: ein kleiner, schöner Kasten für wichtige Dinge.
- **gewöhnen**: Sich an etwas gewöhnen heißt: Mit der Zeit wird es normal für einen.
- **die Abreise / abreisen**: von einem Ort weggehen oder wegfahren.
- **die Reime**: hier: kurze Gedichte.
- **die Körbe / Körben / der Korb**: Ein Korb ist ein Gefäß aus dünnem Holz. Man trägt darin zum Beispiel Essen.
- **der Tannenwald**: ein Wald aus Tannen. Tannen sind Bäume mit Nadeln.
- **kühl**: ein wenig kalt.
- **dämmrig**: nicht mehr hell, aber noch nicht dunkel.
- **die Nadeln**: hier: die dünnen, spitzen Blätter von Tannen.
- **der Sonnenstrahl**: ein schmaler Streifen Licht von der Sonne.
- **das Eichhörnchen**: ein kleines Tier mit einem langen Schwanz. Es lebt auf Bäumen.
- **der Ast**: ein dicker Teil von einem Baum. Daran wachsen die Zweige.
- **der Proviantmeister**: der Mann, der sich um das Essen kümmert.
- **die Erdbeeren**: kleine, rote, süße Früchte.
- **ungeschickt**: Man kann etwas nicht gut machen.
- **schälen**: die Haut von Kartoffeln oder Obst wegmachen.
- **servieren**: Essen auf den Tisch bringen.
- **freche**: hier: lustig und nicht ganz brav.
- **sich etwas hinter die Ohren schreiben**: sich etwas gut merken.
- **der Strohhut**: ein leichter Sommerhut aus trockenen Pflanzen.
- **schrien**: riefen sehr laut.
- **die Falken**: Vögel. Sie fangen und fressen kleine Tiere.
- **bog**: Vergangenheit von „biegen“. Hier: drückte zur Seite.
- **Farnen**: Ein Farn ist eine grüne Pflanze mit großen, feinen Blättern.
- **die Kröte**: ein Tier wie ein großer Frosch.
- **der Marder**: ein kleines, wildes Tier mit langem Körper.
- **die Elfe**: ein kleines Wesen aus Märchen.
- **das Heidekraut / die Erika**: eine kleine Pflanze mit kleinen lila Blüten.
- **der Hülsendorn**: ein Busch mit harten, spitzen Blättern (Stechpalme).
- **der Nachzügler**: jemand, der später als die anderen kommt.
- **der Müßiggänger**: jemand, der nicht arbeitet.
- **die Drossel**: ein Vogel, der schön singt.
- **der Wacholder**: ein Busch mit spitzen Nadeln.
- **die Bergeshalde**: die Seite von einem Berg.
- **verstummet**: wird ganz still.
- **der Thymian**: eine kleine Pflanze. Sie riecht stark und gut.
- **in lauter Duft**: nur in gutem Geruch.
- **darein**: hier: in den Wald.
- **hinfließt**: fließt wie Wasser.
- **es geht mir durch den Sinn**: ich denke plötzlich daran.
- **die Waldeskönigin**: die Königin vom Wald.
- **der Schützling**: ein Mensch, auf den man aufpasst.

## Da stand das Kind am Wege

Der Weihnachtsabend kam näher. Es war noch Nachmittag. Reinhard saß mit anderen Studenten im Ratskeller am alten Eichentisch. Die Lampen an den Wänden brannten, denn hier unten wurde es schon dunkel. Aber es waren nur wenige Gäste da. Die Kellner hatten nichts zu tun und lehnten an den Pfeilern. In einer Ecke vom Gewölbe saßen ein Geigenspieler und ein Zithermädchen. Das Mädchen hatte ein feines, zigeunerhaftes Gesicht. Beide hatten ihre Instrumente auf dem Schoß. Sie schienen ohne Interesse vor sich hin zu sehen.

Am Studententisch knallte ein Champagnerkorken. Ein junger Mann sah aus wie ein Junker. Er reichte ein volles Glas zu dem Mädchen hinüber.

»Trinke, mein böhmisch Liebchen!«, rief er.

»Ich mag nicht«, sagte sie und bewegte sich nicht.

»So singe!«, rief der Junker und warf ihr eine Silbermünze in den Schoß.

Das Mädchen strich sich langsam mit den Fingern durch ihr schwarzes Haar. Der Geigenspieler flüsterte ihr etwas ins Ohr. Aber sie warf den Kopf zurück und stützte das Kinn auf ihre Zither.

»Für den spiel’ ich nicht«, sagte sie.

Reinhard sprang mit dem Glas in der Hand auf und stellte sich vor sie.

»Was willst du?«, fragte sie trotzig.

»Deine Augen sehen.«

»Was gehen dich meine Augen an?«

Reinhards Augen blitzten. Er sah auf sie hinunter.

»Ich weiß wohl, sie sind falsch!«

Sie legte ihre Wange in die flache Hand und sah ihn wachsam an. Reinhard hob sein Glas an den Mund.

»Auf deine schönen sündhaften Augen!«, sagte er und trank.

Sie lachte und warf den Kopf herum.

»Gib!«, sagte sie. Sie sah mit ihren schwarzen Augen fest in seine Augen und trank langsam den Rest. Dann spielte sie einen Akkord auf der Zither. Sie sang mit tiefer, leidenschaftlicher Stimme:

> Heute, nur heute  
> Bin ich so schön  
> Morgen, ach morgen  
> Muss alles vergeh’n!  
> Nur diese Stunde  
> Bist du noch mein;  
> Sterben, ach sterben  
> Soll ich allein!

Der Geigenspieler spielte nun schnell das Nachspiel. Da kam ein Freund zu der Gruppe.

»Ich wollte dich abholen, Reinhard«, sagte er. »Du warst schon fort; aber das Christkind war bei dir.«

»Das Christkind?«, sagte Reinhard. »Das kommt nicht mehr zu mir.«

»Ei was! Dein ganzes Zimmer roch nach Tannenbaum und braunen Kuchen.«

Reinhard stellte sein Glas ab und griff nach seiner Mütze.

»Was willst du?«, fragte das Mädchen.

»Ich komme schon wieder.«

Sie runzelte die Stirn. »Bleib!«, rief sie leise und sah ihn vertraut an.

Reinhard zögerte. »Ich kann nicht«, sagte er.

Sie stieß ihn mit der Fußspitze und lachte. »Geh!«, sagte sie. »Du taugst nichts; ihr taugt alle miteinander nichts.«

Sie drehte sich weg, und Reinhard stieg langsam die Kellertreppe hinauf.

Draußen auf der Straße war es schon sehr dämmrig. Er fühlte die frische Winterluft an seiner heißen Stirn. Hier und da brannte ein Tannenbaum in einem Zimmer. Sein helles Licht fiel aus den Fenstern. Manchmal hörte man von drinnen kleine Pfeifen und Blechtrompeten. Dazwischen hörte man fröhliche Kinderstimmen.

Gruppen von Bettelkindern gingen von Haus zu Haus. Manche stiegen auf die Treppengeländer. Sie wollten durch die Fenster die schönen Dinge sehen. Diese Dinge waren nicht für sie. Manchmal riss jemand plötzlich eine Tür auf. Dann schimpften Stimmen, und eine ganze Schar von diesen kleinen Gästen musste hinaus. So kamen sie aus dem hellen Haus auf die dunkle Gasse. An einem anderen Ort sangen Leute im Flur ein altes Weihnachtslied. Klare Mädchenstimmen waren dabei. Reinhard hörte sie nicht. Er ging schnell an allem vorbei, von einer Straße in die andere.

Als er zu seiner Wohnung kam, war es fast ganz dunkel. Er stolperte die Treppe hinauf und ging in sein Zimmer. Ein süßer Duft kam ihm entgegen. Das fühlte sich an wie zu Hause. Es roch wie zu Hause im Weihnachtszimmer von seiner Mutter. Seine Hand zitterte, als er sein Licht anzündete. Da lag ein riesiges Paket auf dem Tisch. Er öffnete es, und die wohlbekannten braunen Festkuchen fielen heraus. Auf einigen lagen die Anfangsbuchstaben von seinem Namen aus Zucker. Das konnte nur Elisabeth getan haben. Dann kam ein kleines Paket mit feiner gestickter Wäsche, Tücher und Manschetten. Zuletzt kamen Briefe von seiner Mutter und von Elisabeth. Reinhard öffnete zuerst den Brief von Elisabeth. Sie schrieb:

»Die schönen Zuckerbuchstaben können Dir wohl sagen, wer bei den Kuchen mitgeholfen hat. Dieselbe Person hat die Manschetten für Dich gestickt. Bei uns wird es nun am Weihnachtsabend sehr still werden. Meine Mutter stellt immer schon um halb zehn ihr Spinnrad in die Ecke. Es ist so einsam diesen Winter, wo Du nicht hier bist.

Nun ist auch vorigen Sonntag der Hänfling gestorben, den Du mir geschenkt hast. Ich habe sehr geweint, aber ich habe ihn immer gut gepflegt.

Er sang sonst immer am Nachmittag, wenn die Sonne auf seinen Käfig schien. Manchmal sang er mit aller Kraft. Du weißt, dann hängte die Mutter oft ein Tuch über den Käfig. So sollte er still sein.

Nun ist es noch stiller im Zimmer. Nur Dein alter Freund Erich besucht uns jetzt manchmal. Du hast uns einmal gesagt, dass er aussieht wie sein brauner Mantel. Daran muss ich nun immer denken, wenn er zur Tür hereinkommt. Es ist wirklich zu komisch. Aber sag es nicht zur Mutter. Sie ärgert sich dann leicht.

Rate, was ich Deiner Mutter zu Weihnachten schenke! Du kannst es nicht raten? Mich selbst! Erich zeichnet mich mit schwarzer Kreide. Ich musste dreimal für ihn sitzen, jedes Mal eine ganze Stunde.

Es war mir sehr unangenehm, dass der fremde Mensch mein Gesicht so auswendig lernte. Ich wollte auch nicht, aber die Mutter hat mich überredet. Sie hat gesagt, das macht der guten Frau Werner eine sehr große Freude.

Aber Du hältst nicht Wort, Reinhard. Du hast keine Märchen geschickt. Ich habe mich oft bei Deiner Mutter über Dich beschwert. Sie sagt dann immer: Du hast jetzt mehr zu tun als solche Kindereien. Ich glaube es aber nicht; es ist wohl anders.«

Nun las Reinhard auch den Brief von seiner Mutter. Dann faltete er beide Briefe langsam wieder zusammen und legte sie weg. Da kam ein sehr starkes Heimweh über ihn. Er ging eine Zeit lang in seinem Zimmer auf und ab. Er sprach leise und dann halb verständlich zu sich selbst:

> Er wäre fast verirret  
> Und wusste nicht hinaus;  
> Da stand das Kind am Wege  
> Und winkte ihm nach Haus.

Dann ging er zu seinem Pult und nahm etwas Geld heraus. Er ging wieder hinunter auf die Straße. Hier war es inzwischen stiller geworden. Die Weihnachtsbäume waren ausgebrannt, und die Kinder zogen nicht mehr durch die Straßen. Der Wind fegte durch die einsamen Straßen. Alte und Junge saßen mit ihren Familien in ihren Häusern. Der zweite Teil vom Weihnachtsabend hatte begonnen.

Reinhard kam in die Nähe vom Ratskeller. Von unten hörte er die Geige und den Gesang vom Zithermädchen. Jetzt klingelte unten die Kellertür. Eine dunkle Gestalt kam schwankend die breite Treppe herauf. Dort war nur wenig Licht.

Reinhard trat in den Schatten von den Häusern und ging dann schnell vorbei. Nach einer Weile kam er zu dem hellen Laden von einem Juwelier. Dort kaufte er ein kleines Kreuz mit roten Korallen. Dann ging er auf demselben Weg wieder zurück.

Nicht weit von seiner Wohnung sah er ein kleines Mädchen in armseligen Lumpen. Es stand an einer hohen Haustür und versuchte vergeblich, sie zu öffnen.

»Soll ich dir helfen?«, sagte er.

Das Kind antwortete nichts, aber es ließ die schwere Türklinke los. Reinhard hatte die Tür schon geöffnet.

»Nein«, sagte er, »sie könnten dich hinausjagen. Komm mit mir! Ich will dir Weihnachtskuchen geben.«

Dann machte er die Tür wieder zu und nahm das kleine Mädchen an der Hand. Still ging es mit ihm in seine Wohnung.

Er hatte das Licht brennen lassen, als er wegging.

»Hier hast du Kuchen«, sagte er. Er gab ihr die Hälfte von seinem ganzen Schatz in ihre Schürze. Aber er gab ihr keine Kuchen mit den Zuckerbuchstaben. »Nun geh nach Haus und gib deiner Mutter auch davon.«

Das Kind sah scheu zu ihm hinauf. Es war solche Freundlichkeit wohl nicht gewohnt und konnte nichts antworten. Reinhard machte die Tür auf und leuchtete ihr. Da flog die Kleine wie ein Vogel mit ihrem Kuchen die Treppe hinunter. Dann lief sie aus dem Haus.

Reinhard machte das Feuer in seinem Ofen stärker. Er stellte das staubige Tintenfass auf den Tisch. Dann setzte er sich hin. Er schrieb und schrieb die ganze Nacht Briefe, an seine Mutter, an Elisabeth. Der Rest von den Weihnachtskuchen lag unberührt neben ihm. Aber er hatte die Manschetten von Elisabeth angeknöpft. Das sah sehr seltsam aus zu seinem weißen Wollmantel. So saß er noch da, als die Wintersonne auf die gefrorenen Fensterscheiben fiel. Sie zeigte ihm im Spiegel gegenüber ein blasses, ernstes Gesicht.

### Glossar

- **der Ratskeller**: der Keller unter dem Rathaus. In fast jeder großen Stadt in Deutschland ist er heute ein Restaurant und Bierlokal.
- **der Eichentisch**: ein Tisch aus dem harten Holz von einer Eiche, einem großen Baum.
- **brannten**: waren an und gaben Licht.
- **der Kellner**: ein Mann, der im Restaurant das Essen und die Getränke bringt.
- **Pfeilern**: Ein Pfeiler ist eine dicke Stütze aus Stein. Er trägt die Decke.
- **das Gewölbe**: ein Raum mit einer runden Decke.
- **der Geigenspieler**: ein Mann, der Geige spielt. Die Geige ist ein Musikinstrument mit vier Saiten.
- **die Zither**: ein flaches Musikinstrument mit vielen Saiten.
- **das Zithermädchen**: ein Mädchen, das Zither spielt.
- **zigeunerhaft**: Mit „Zigeuner“ meinte man früher Sinti und Roma. Das Wort ist alt und beleidigt Menschen. Man benutzt es heute nicht mehr.
- **knallte**: machte ein kurzes, lautes Geräusch.
- **der Champagnerkorken**: der Verschluss von einer Flasche Champagner. Champagner ist ein teurer Wein mit kleinen Blasen.
- **der Junker**: ein junger Mann aus einer adligen Familie.
- **böhmisch**: aus Böhmen. Liebchen: Liebling.
- **flüsterte**: sprach sehr leise.
- **stützte**: ließ etwas auf etwas anderem ruhen.
- **das Kinn**: der Teil vom Gesicht unter dem Mund.
- **sündhaft**: gegen die Regeln von Gott.
- **trank**: Vergangenheit von „trinken“.
- **vergeh’n**: zu Ende gehen.
- **Bist du noch mein**: Du gehörst noch zu mir.
- **Sterben … soll ich allein**: Ich muss allein sterben.
- **das Nachspiel**: die Musik am Ende von einem Lied.
- **das Christkind**: Es bringt in Deutschland an Weihnachten die Geschenke.
- **roch**: Vergangenheit von „riechen“: Man merkt etwas mit der Nase.
- **der Tannenbaum**: ein Baum mit Nadeln. Man stellt ihn an Weihnachten ins Zimmer.
- **taugen**: gut sein für etwas. „Du taugst nichts“ heißt: Du bist zu nichts gut.
- **die Manschette**: das Ende vom Hemdärmel am Handgelenk.
- **sticken**: mit Nadel und Faden Bilder auf Stoff machen.
- **das Spinnrad**: ein altes Gerät. Damit macht man aus Wolle Fäden.
- **der Hänfling**: ein kleiner brauner Singvogel.
- **der Käfig**: ein kleines Haus aus Metall oder Holz für einen Vogel.
- **die schwarze Kreide**: ein schwarzer Stift zum Zeichnen.
- **Wort halten**: tun, was man versprochen hat.
- **das Heimweh**: Man ist traurig, weil man nicht zu Hause ist.
- **Er wäre fast verirret**: Er hatte fast keinen Weg mehr.
- **wusste nicht hinaus**: Er fand den Weg nach draußen nicht.
- **winkte ihm nach Haus**: Das Kind gab ihm mit der Hand ein Zeichen: Komm nach Hause!
- **das Pult**: ein Tisch zum Schreiben.
- **der Juwelier**: ein Mann, der Schmuck verkauft.
- **die Koralle**: ein rotes Material aus dem Meer. Man macht Schmuck daraus.
- **die Lumpen**: alte, kaputte Kleider.

## Daheim

Als Ostern kam, reiste Reinhard in die Heimat. Am Morgen nach seiner Ankunft ging er zu Elisabeth.

»Wie groß du geworden bist«, sagte er, als das schöne, dünne Mädchen ihm lächelnd entgegenkam. Sie wurde rot, aber sie sagte nichts. Er hatte zum Gruß ihre Hand genommen. Sanft versuchte sie, die Hand wegzuziehen. Er sah sie zweifelnd an. Das hatte sie früher nicht getan. Nun war es, als würde etwas Fremdes zwischen sie treten.

Das blieb auch so, als er schon länger da war. Es blieb so, als er Tag für Tag wiederkam. Wenn sie allein zusammensaßen, gab es Pausen. Diese Pausen waren ihm unangenehm, und er versuchte ängstlich, sie zu verhindern. Er wollte in den Ferien eine bestimmte Unterhaltung haben. Deshalb begann er, Elisabeth in Botanik zu unterrichten. Damit hatte er sich in den ersten Monaten an der Universität viel beschäftigt.

Elisabeth war es gewohnt, ihm in allem zu folgen. Außerdem lernte sie gern. Deshalb war sie gern einverstanden. Nun machten sie mehrmals in der Woche Ausflüge ins Feld oder in die Heide. Mittags brachten sie die grüne Botanisierkapsel voll Pflanzen und Blumen nach Hause. Einige Stunden später kam Reinhard wieder, um den gemeinsamen Fund mit Elisabeth zu teilen.

Deshalb kam er auch eines Nachmittags ins Zimmer. Elisabeth stand am Fenster. Dort hing ein vergoldeter Käfig, den er dort noch nie gesehen hatte. Sie steckte frischen Hühnerschwarm an den Käfig. Im Käfig saß ein Kanarienvogel. Er schlug mit den Flügeln und pickte kreischend nach Elisabeths Finger. An dieser Stelle hatte früher Reinhards Vogel gehangen.

»Hat mein armer Hänfling sich nach seinem Tod in einen Goldfinken verwandelt?«, fragte er fröhlich.

»Das tun die Hänflinge gewöhnlich nicht«, sagte Elisabeths Mutter. Sie saß im Lehnstuhl und spann. »Ihr Freund Erich hat ihn heute Mittag für Elisabeth von seinem Hof geschickt.«

»Von welchem Hof?«

»Das wissen Sie nicht?«

»Was denn?«

»Dass Erich vor einem Monat den zweiten Hof von seinem Vater am Immensee übernommen hat?«

»Aber Sie haben mir kein Wort davon gesagt.«

»Ei«, sagte die Mutter, »Sie haben auch noch mit keinem Wort nach Ihrem Freund gefragt. Er ist ein gar lieber, verständiger junger Mann.«

Die Mutter ging hinaus, um den Kaffee zu machen. Elisabeth stand mit dem Rücken zu Reinhard. Sie baute noch an ihrer kleinen Laube.

»Bitte, nur ein kleines Weilchen«, sagte sie. »Gleich bin ich fertig.«

Reinhard antwortete nicht, und das war nicht seine Gewohnheit. Da drehte sie sich um. In seinen Augen lag plötzlich ein Ausdruck von Kummer. So etwas hatte sie dort noch nie gesehen.

»Was fehlt dir, Reinhard?«, fragte sie und kam nahe zu ihm.

»Mir?«, sagte er, ohne nachzudenken. Seine Augen ruhten träumerisch in ihren Augen.

»Du siehst so traurig aus.«

»Elisabeth«, sagte er, »ich kann den gelben Vogel nicht leiden.«

Sie sah ihn erstaunt an. Sie verstand ihn nicht.

»Du bist so sonderbar«, sagte sie.

Er nahm ihre beiden Hände, und sie ließ sie ruhig in seinen Händen.

Bald kam die Mutter wieder herein. Nach dem Kaffee setzte sie sich an ihr Spinnrad. Reinhard und Elisabeth gingen ins Nebenzimmer, um ihre Pflanzen zu ordnen.

Nun zählten sie Staubfäden. Sie legten Blätter und Blüten sorgfältig auseinander. Von jeder Art nahmen sie zwei Stück. Diese legten sie zum Trocknen zwischen die Seiten von einem großen Folianten.

Es war ein stiller Nachmittag voll Sonne. Nur nebenan summte das Spinnrad von der Mutter. Von Zeit zu Zeit hörte man Reinhards leise Stimme. Er nannte die Ordnungen und Klassen von den Pflanzen, oder er korrigierte Elisabeth. Sie sprach die lateinischen Namen ungeschickt aus.

Sie hatten alle Pflanzen bestimmt und geordnet. Da sagte sie: »Mir fehlt noch die Maiblume von neulich.«

Reinhard zog einen kleinen weißen Pergamentband aus der Tasche.

»Hier ist ein Maiblumenstängel für dich«, sagte er und nahm die halb getrocknete Pflanze heraus.

Als Elisabeth die beschriebenen Seiten sah, fragte sie: »Hast du wieder Märchen gedichtet?«

»Es sind keine Märchen«, antwortete er und gab ihr das Buch.

Es waren lauter Verse. Die meisten füllten höchstens eine Seite. Elisabeth blätterte eine Seite nach der anderen um. Sie schien nur die Überschriften zu lesen. »Als sie vom Schulmeister gescholten war.« »Als sie sich im Walde verirrt hatten.« »Mit dem Ostermärchen.« »Als sie mir zum ersten Mal geschrieben hatte.« So lauteten fast alle.

Reinhard sah sie prüfend an. Sie blätterte immer weiter. Dabei sah er, wie zuletzt ein zartes Rot auf ihr klares Gesicht kam. Es bedeckte langsam ihr ganzes Gesicht. Er wollte ihre Augen sehen. Aber Elisabeth sah nicht auf. Am Ende legte sie das Buch still vor ihn hin.

»Gib mir es nicht so zurück!«, sagte er.

Sie nahm ein braunes Reis aus der Blechkapsel.

»Ich will dein Lieblingskraut hineinlegen«, sagte sie und gab ihm das Buch in die Hände.

Endlich kamen der letzte Tag von den Ferien und der Morgen der Abreise. Elisabeth bat die Mutter um Erlaubnis. Sie wollte ihren Freund zum Postwagen begleiten. Die Mutter erlaubte es. Die Station vom Postwagen war einige Straßen von ihrer Wohnung entfernt.

Vor der Haustür gab Reinhard ihr den Arm. So ging er schweigend neben dem schlanken Mädchen her. Sie kamen ihrem Ziel immer näher. Da fühlte er es immer stärker: Er musste ihr noch etwas Wichtiges sagen. Das musste er vor dem langen Abschied tun. Davon hing der ganze Wert von seinem zukünftigen Leben ab. Auch alles Schöne in diesem Leben hing davon ab. Aber er fand das Wort nicht, das ihn retten konnte. Das machte ihm Angst, und er ging immer langsamer.

»Du kommst zu spät«, sagte sie. »Es hat schon zehn geschlagen auf St. Marien.«

Aber er ging deshalb nicht schneller. Endlich sagte er stotternd:

»Elisabeth, du wirst mich nun zwei Jahre gar nicht sehen. Wirst du mich wohl noch genauso lieb haben wie jetzt, wenn ich wieder da bin?«

Sie nickte und sah ihm freundlich ins Gesicht.

Nach einer Pause sagte sie: »Ich habe dich auch verteidigt.«

»Mich? Gegen wen hattest du das nötig?«

»Gegen meine Mutter. Wir haben gestern Abend noch lange über dich gesprochen, als du weggegangen warst. Sie hat gemeint, du bist nicht mehr so gut wie früher.«

Reinhard schwieg einen Moment. Dann nahm er ihre Hand in seine Hand. Er sah ihr ernst in ihre Kinderaugen und sagte:

»Ich bin noch genauso gut, wie ich gewesen bin; glaube du das nur fest! Glaubst du es, Elisabeth?«

»Ja«, sagte sie.

Er ließ ihre Hand los und ging schnell mit ihr durch die letzte Straße. Der Abschied kam immer näher, und sein Gesicht wurde immer fröhlicher. Er ging fast zu schnell für sie.

»Was hast du, Reinhard?«, fragte sie.

»Ich habe ein Geheimnis, ein schönes!«, sagte er und sah sie mit leuchtenden Augen an. »Wenn ich nach zwei Jahren wieder da bin, dann sollst du es erfahren.«

Inzwischen waren sie beim Postwagen. Es war noch gerade genug Zeit. Noch einmal nahm Reinhard ihre Hand.

»Leb wohl!«, sagte er. »Leb wohl, Elisabeth! Vergiss es nicht!«

Sie schüttelte den Kopf. »Leb wohl!«, sagte sie.

Reinhard stieg ein, und die Pferde zogen an. Der Wagen rollte um die Straßenecke. Da sah er noch einmal ihre liebe Gestalt. Sie ging langsam den Weg zurück.

### Glossar

- **zweifelnd**: ohne sicher zu sein.
- **ängstlich**: mit Angst.
- **die Botanik**: die Wissenschaft von den Pflanzen.
- **die Heide**: ein weites, offenes Land.
- **die Botanisierkapsel**: eine Dose aus Blech für gesammelte Pflanzen.
- **vergoldet**: mit einer dünnen Schicht Gold.
- **der Käfig**: ein kleines Haus aus Draht für einen Vogel.
- **der Hühnerschwarm**: eine kleine Pflanze. Vögel fressen sie.
- **der Kanarienvogel**: ein kleiner gelber Singvogel.
- **kreischend**: mit lauter, hoher Stimme.
- **pickte**: schlug mit dem Schnabel, dem harten Mund von einem Vogel.
- **gehangen**: Form von „hängen“.
- **der Hänfling**: ein kleiner brauner Singvogel.
- **der Goldfink**: ein kleiner Vogel. Hier: Reinhards Spaß.
- **der Lehnstuhl**: ein großer, bequemer Stuhl mit Armlehnen.
- **spann**: machte Fäden aus Wolle.
- **Immensee**: der See der Immen. „Immen“ ist ein altes Wort für Bienen.
- **verständiger**: klug. Er tut das Richtige.
- **die Laube**: hier: der Schmuck aus grünen Pflanzen am Käfig.
- **die Gewohnheit**: etwas, was man immer so macht.
- **der Kummer**: große Traurigkeit.
- **ruhten**: hier: blieben still auf etwas.
- **nicht leiden können**: nicht mögen.
- **sonderbar**: komisch, anders als normal.
- **das Spinnrad**: ein altes Gerät. Damit macht man aus Wolle Fäden.
- **ordnen**: alles an den richtigen Platz legen.
- **die Staubfäden**: dünne Teile in der Mitte von einer Blüte.
- **der Foliant**: ein sehr großes, dickes Buch.
- **die Maiblume**: das Maiglöckchen, eine kleine weiße Blume.
- **der Pergamentband**: ein kleines Buch. Sein Papier ist aus Tierhaut gemacht. Reinhard schreibt seine Gedichte hinein.
- **gedichtet**: Form von „dichten“: Gedichte oder Geschichten geschrieben.
- **die Verse**: die Zeilen von einem Gedicht.
- **der Schulmeister**: ein altes Wort für Lehrer.
- **gescholten**: Form von „schelten“: geschimpft.
- **zartes**: fein und leicht.
- **das Reis**: hier: ein kleiner, dünner Zweig.
- **der Postwagen**: eine Kutsche mit Pferden. Sie fährt Menschen und Post.
- **schlanken**: dünn und schön gewachsen.
- **stotternd**: unsicher und mit vielen kurzen Pausen.
- **lieb haben**: jemanden sehr mögen.
- **verteidigt**: Form von „verteidigen“: Gutes über jemanden gesagt, wenn andere schlecht über ihn sprechen.
- **Leb wohl**: Auf Wiedersehen. Das sagt man bei einem langen Abschied.
- **die Gestalt**: der Körper von einem Menschen, so wie man ihn sieht.

## Ein Brief

Fast zwei Jahre später saß Reinhard vor seiner Lampe. Um ihn herum lagen Bücher und Papiere. Er wartete auf einen Freund. Mit diesem Freund studierte er zusammen.

Jemand kam die Treppe herauf.

»Herein!«, rief Reinhard.

Es war die Wirtin.

»Ein Brief für Sie, Herr Werner!«, sagte sie. Dann ging sie wieder weg.

Seit seinem Besuch zu Hause hatte Reinhard nicht an Elisabeth geschrieben. Er hatte auch keinen Brief mehr von ihr bekommen. Auch dieser Brief war nicht von ihr. Es war die Schrift seiner Mutter.

Reinhard brach das Siegel und las. Bald las er Folgendes:

»In Deinem Alter, mein liebes Kind, hat fast jedes Jahr noch sein eigenes Gesicht. Denn die Jugend lässt sich nicht ärmer machen. Auch hier ist manches anders geworden. Das wird Dir wohl erst einmal wehtun, wenn ich Dich sonst richtig verstanden habe. Erich hat sich gestern endlich das Jawort von Elisabeth geholt. Vorher hatte er in den letzten drei Monaten zweimal vergebens gefragt. Sie konnte sich immer nicht entscheiden. Nun hat sie es endlich doch getan, und sie ist auch noch viel zu jung. Die Hochzeit wird bald sein, und die Mutter wird dann mit ihnen weggehen.«

### Glossar

- **die Wirtin**: die Frau, bei der man ein Zimmer mietet.
- **das Siegel**: ein Stück Wachs auf einem Brief. Es hält den Brief zu.
- **die Schrift**: hier: So schreibt ein Mensch mit der Hand.
- **sein eigenes Gesicht**: hier: Jedes Jahr ist anders als die anderen Jahre.
- **ärmer machen**: hier: etwas wegnehmen.
- **wehtun**: hier: traurig machen.
- **das Jawort**: das Ja zu einem Heiratsantrag.
- **vergebens**: ohne Erfolg.
- **entscheiden**: zwischen zwei Möglichkeiten eine wählen.
- **die Hochzeit**: das Fest, wenn zwei Menschen heiraten.

## Immensee

Wieder waren Jahre vergangen.

An einem warmen Frühlingsnachmittag ging ein junger Mann auf einem schattigen Waldweg bergab. Er hatte ein kräftiges Gesicht, braun von der Sonne. Mit seinen ernsten dunklen Augen sah er gespannt in die Ferne. Es war, als würde er endlich eine Änderung erwarten. Aber der Weg blieb immer gleich.

Endlich kam von unten langsam ein Karren herauf. Ein Bauer ging neben dem Karren.

»Hollah! Guter Freund!«, rief der Wanderer dem Bauern zu. »Geht’s hier recht nach Immensee?«

»Immer geradeaus«, antwortete der Mann und rückte an seinem runden Hut.

»Ist es denn noch weit?«

»Der Herr ist dicht davor. Keine halbe Pfeif’ Tabak, so haben’s den See; das Herrenhaus liegt hart daran.«

Der Bauer fuhr vorbei. Der Wanderer ging jetzt schneller unter den Bäumen weiter. Nach einer Viertelstunde hörte links plötzlich der Schatten auf. Der Weg führte an einen Hang. Unten am Hang wuchsen hundert Jahre alte Eichen. Ihre Spitzen kamen kaum bis zum Weg herauf. Über die Bäume hinweg sah man ein weites Land voll Sonne.

Tief unten lag der See, ruhig und dunkelblau. Fast um den ganzen See standen grüne Wälder in der Sonne. Nur an einer Stelle öffneten sich die Wälder. Dort konnte man weit in die Ferne sehen. Ganz hinten schlossen blaue Berge das Bild ab. Gegenüber, mitten im grünen Laub der Wälder, lag etwas wie Schnee. Das waren blühende Obstbäume. Aus ihnen stieg auf dem hohen Ufer das Herrenhaus auf, weiß mit roten Ziegeln. Ein Storch flog vom Schornstein auf. Er flog langsam im Kreis über dem Wasser.

»Immensee!«, rief der Wanderer.

Es war fast, als wäre er jetzt am Ziel von seiner Reise. Denn er stand ganz still. Er sah über die Bäume zu seinen Füßen hinweg zum anderen Ufer. Dort schwamm das Spiegelbild vom Herrenhaus auf dem Wasser und schaukelte leise. Dann ging er plötzlich weiter.

Der Weg ging jetzt fast steil den Berg hinunter. Deshalb gaben die Bäume unten wieder Schatten. Aber sie versteckten auch den See. Nur manchmal blitzte er zwischen den Zweigen. Bald ging es wieder sanft bergauf. Jetzt hörte der Wald rechts und links auf. Stattdessen zogen sich Weinhügel mit dichten Blättern am Weg entlang. Auf beiden Seiten vom Weg standen blühende Obstbäume. Sie waren voll von Bienen. Die Bienen summten und wühlten in den Blüten.

Ein stattlicher Mann in einem braunen Mantel kam dem Wanderer entgegen. Als er ihn fast erreicht hatte, schwenkte er seine Mütze. Er rief mit heller Stimme:

»Willkommen, willkommen, Bruder Reinhard! Willkommen auf Gut Immensee!«

»Gott grüß’ dich, Erich, und Dank für dein Willkommen!«, rief Reinhard zurück.

Dann standen sie voreinander und gaben sich die Hände.

»Bist du es denn aber auch?«, fragte Erich. Dabei sah er aus der Nähe in das ernste Gesicht von seinem alten Schulkameraden.

»Natürlich bin ich es, Erich, und du bist es auch. Nur siehst du fast noch fröhlicher aus, als du immer ausgesehen hast.«

Bei diesen Worten lächelte Erich froh. Durch dieses Lächeln sahen seine einfachen Züge noch viel fröhlicher aus.

»Ja, Bruder Reinhard«, sagte er und gab ihm noch einmal die Hand. »Aber ich habe seitdem auch das große Los gezogen. Das weißt du ja.«

Dann rieb er sich die Hände und rief froh: »Das wird eine Überraschung! Den erwartet sie nicht, in alle Ewigkeit nicht!«

»Eine Überraschung?«, fragte Reinhard. »Für wen denn?«

»Für Elisabeth.«

»Elisabeth! Du hast ihr nicht von meinem Besuch gesagt?«

»Kein Wort, Bruder Reinhard. Sie denkt nicht an dich, die Mutter auch nicht. Ich habe dich ganz heimlich eingeladen. So wird die Freude noch größer. Du weißt, ich hatte immer so meine stillen Plänchen.«

Reinhard wurde nachdenklich. Sie kamen dem Hof immer näher. Und das Atmen schien ihm immer schwerer zu werden.

Links vom Weg hörten nun auch die Weingärten auf. Dort begann ein großer Küchengarten. Er ging fast bis zum Ufer vom See hinunter. Der Storch war inzwischen gelandet. Er ging feierlich zwischen den Gemüsebeeten herum.

»Hollah!«, rief Erich und klatschte in die Hände. »Stiehlt mir der hochbeinige Ägypter schon wieder meine kurzen Erbsenstangen!«

Der Vogel flog langsam auf. Er flog auf das Dach von einem neuen Gebäude. Das Gebäude lag am Ende vom Küchengarten. An seinen Mauern wuchsen Pfirsichbäume und Aprikosenbäume. Man hatte sie dort festgebunden.

»Das ist die Spritfabrik«, sagte Erich. »Ich habe sie erst vor zwei Jahren gebaut. Die Wirtschaftsgebäude hat mein toter Vater neu bauen lassen. Das Wohnhaus hat schon mein Großvater gebaut. So kommt man immer ein bisschen weiter.«

Bei diesen Worten kamen sie auf einen großen Platz. An den Seiten standen die Wirtschaftsgebäude. Hinten stand das Herrenhaus. An seinen beiden Seiten begann eine hohe Gartenmauer. Hinter der Mauer sah man Reihen von dunklen Taxuswänden. Hier und da hingen die Zweige von Syringen mit ihren Blüten in den Hof hinunter. Männer gingen über den Platz. Ihre Gesichter waren heiß von Sonne und Arbeit. Sie grüßten die Freunde. Dabei rief Erich dem einen oder dem anderen einen Auftrag oder eine Frage zu. Es ging um ihre Arbeit an diesem Tag.

Dann waren sie am Haus. Sie kamen in einen hohen, kühlen Flur. Am Ende vom Flur gingen sie nach links in einen etwas dunkleren Seitengang. Hier öffnete Erich eine Tür. Sie traten in einen großen Gartensaal. Viele Blätter bedeckten die Fenster gegenüber. Deshalb lag auf beiden Seiten ein grünes, dämmriges Licht im Saal. Zwischen den Fenstern standen zwei hohe Doppeltüren weit offen. Durch diese Türen fiel das volle Licht von der Frühlingssonne herein. Man sah in einen Garten. Dort gab es Blumenbeete mit genauen Formen und hohe, steile Wände aus Blättern. Ein gerader, breiter Weg teilte den Garten. Am Ende von diesem Weg sah man den See. Dahinter sah man die Wälder am anderen Ufer. Als die Freunde hereinkamen, zog Luft durch den Saal. Sie brachte ihnen einen Strom von Duft entgegen.

Auf einer Terrasse vor der Gartentür saß eine weiße, mädchenhafte Frauengestalt. Sie stand auf und ging ihnen entgegen. Auf halbem Weg blieb sie stehen, als wäre sie am Boden festgewachsen. Sie starrte den Fremden an und bewegte sich nicht. Er streckte ihr lächelnd die Hand entgegen.

»Reinhard!«, rief sie. »Reinhard! Mein Gott, du bist es! Wir haben uns lange nicht gesehen.«

Er sagte: »Lange nicht.«

Er konnte nichts weiter sagen. Denn er hörte ihre Stimme, und da fühlte er einen feinen Schmerz im Körper, am Herzen. Er sah zu ihr auf. Da stand sie vor ihm, dieselbe leichte, zärtliche Gestalt. Vor Jahren hatte er ihr in seiner Heimatstadt Lebewohl gesagt.

Erich war an der Tür geblieben. Sein Gesicht strahlte vor Freude.

»Nun, Elisabeth?«, sagte er. »Gelt! Den hättest du nicht erwartet, den in alle Ewigkeit nicht!«

Elisabeth sah ihn mit schwesterlichen Augen an.

»Du bist so gut, Erich!«, sagte sie.

Er nahm zärtlich ihre schmale Hand in seine Hände. »Und jetzt haben wir ihn«, sagte er. »Jetzt lassen wir ihn nicht so bald wieder los. Er war so lange draußen. Wir wollen, dass er sich hier wieder zu Hause fühlt. Schau nur, wie fremd und vornehm er jetzt aussieht!«

Elisabeth sah scheu und kurz in Reinhards Gesicht.

»Es ist nur die Zeit, die wir nicht zusammen waren«, sagte er.

In diesem Moment kam Elisabeths Mutter zur Tür herein. Sie hatte ein kleines Körbchen mit Schlüsseln am Arm.

»Herr Werner!«, sagte sie, als sie Reinhard sah. »Ei, ein ebenso lieber wie unerwarteter Gast.«

Nun ging das Gespräch ruhig weiter, mit Fragen und Antworten. Die Frauen setzten sich zu ihrer Arbeit. Man hatte für Reinhard etwas zu essen und zu trinken vorbereitet. Während er es genoss, hatte Erich seinen guten Meerschaumkopf angezündet. Er saß neben Reinhard, rauchte und diskutierte.

Am nächsten Tag musste Reinhard mit Erich hinaus. Sie gingen auf die Felder und in die Weinberge. Sie gingen auch in den Hopfengarten und in die Spritfabrik. Alles war in guter Ordnung. Die Leute arbeiteten auf dem Feld und an den Kesseln. Sie sahen alle gesund und zufrieden aus.

Am Mittag traf sich die Familie im Gartensaal. Den Rest vom Tag verbrachten sie mehr oder weniger zusammen. Das hing davon ab, wie viel freie Zeit die Gastgeber hatten. Nur zu bestimmten Zeiten blieb Reinhard in seinem Zimmer und arbeitete. Das waren die Stunden vor dem Abendessen und die ersten Stunden am Vormittag.

Seit Jahren hatte Reinhard die Reime und Lieder gesammelt, die im Volk lebten. Er hatte sie überall gesammelt, wo er sie finden konnte. Nun begann er, seinen Schatz zu ordnen. Er wollte auch neue Notizen aus der Gegend dazutun, wenn das möglich war.

Elisabeth war zu allen Zeiten sanft und freundlich. Erich war immer gleich aufmerksam zu ihr. Das nahm sie mit einer fast demütigen Dankbarkeit an. Manchmal dachte Reinhard: Das fröhliche Kind von früher hat wohl eine weniger stille Frau versprochen.

Seit seinem zweiten Tag hier machte er abends einen Spaziergang am Ufer vom See. Der Weg führte direkt unter dem Garten vorbei. Am Ende vom Garten war eine Bastei. Dort stand eine Bank unter hohen Birken. Die Mutter hatte sie die Abendbank genannt. Denn der Platz lag nach Westen. Von dort sah man die Sonne untergehen. Deshalb benutzte man ihn um diese Zeit am meisten.

Eines Abends kam Reinhard von einem Spaziergang auf diesem Weg zurück. Da überraschte ihn der Regen. Er suchte Schutz unter einer Linde am Wasser. Aber die schweren Tropfen kamen bald durch die Blätter. Er war jetzt ganz nass. Er konnte nichts dagegen tun und ging langsam weiter zurück.

Es war fast dunkel, und es regnete immer stärker. Er kam näher zur Abendbank. Da glaubte er, zwischen den hellen Birkenstämmen eine weiße Frauengestalt zu sehen. Sie stand ganz still. Als er näher kam, schien sie zu ihm hinzusehen. Es war, als würde sie auf jemanden warten.

Er glaubte, dass es Elisabeth war. Er ging schneller, denn er wollte sie erreichen. Er wollte mit ihr durch den Garten zum Haus zurückgehen. Aber da drehte sie sich langsam um. Sie verschwand in den dunklen Seitenwegen.

Er konnte das nicht verstehen. Er war fast böse auf Elisabeth. Und doch zweifelte er, ob sie es gewesen war. Aber er traute sich nicht, sie danach zu fragen. Als er zurückkam, ging er nicht einmal in den Gartensaal. Denn er wollte nur nicht sehen, wie Elisabeth vielleicht durch die Gartentür hereinkam.

### Glossar

- **Immensee**: der See der Immen. „Immen“ ist ein altes Wort für Bienen.
- **der Karren**: ein einfacher Wagen für Waren.
- **Hollah**: ein Ruf wie „Hallo!“.
- **Keine halbe Pfeif’ Tabak**: So kurz, wie man eine halbe Pfeife raucht.
- **haben’s**: haben Sie.
- **hart daran**: direkt daneben.
- **der Hang**: die schräge Seite von einem Berg.
- **die Eichen**: große, starke Bäume.
- **das Laub**: die Blätter von den Bäumen.
- **blühende**: voller Blüten.
- **das Ufer**: das Land direkt am Wasser.
- **das Herrenhaus**: das große Wohnhaus auf einem Gut.
- **Ziegeln**: hier: rote Steine auf dem Dach.
- **der Storch**: ein großer weißer Vogel mit langen Beinen.
- **der Schornstein**: der hohe Teil auf dem Dach. Dort geht der Rauch hinaus.
- **das Spiegelbild**: das Bild von etwas auf dem Wasser oder im Spiegel.
- **schwamm**: Form von „schwimmen“. Hier: lag ruhig auf dem Wasser.
- **summten**: machten ein leises, langes Geräusch.
- **wühlten**: suchten tief in den Blüten.
- **stattlich**: groß und kräftig.
- **schwenkte**: bewegte in der Luft hin und her.
- **die Mütze**: ein weicher Hut.
- **Bruder Reinhard**: So nennt Erich seinen Freund. Reinhard ist nicht sein Bruder.
- **Gut**: ein sehr großer Bauernhof mit viel Land.
- **Gott grüß’ dich**: ein Gruß. Man sagt ihn besonders in Süddeutschland.
- **die Züge**: die Formen von einem Gesicht.
- **das große Los gezogen**: den großen Preis in der Lotterie gewonnen. Hier: sehr großes Glück gehabt.
- **rieb**: bewegte die Hände fest aneinander.
- **in alle Ewigkeit nicht**: niemals.
- **Plänchen**: kleine Pläne.
- **feierlich**: langsam und ernst.
- **Gemüsebeeten**: kleine Stücke Erde im Garten. Dort wächst Gemüse.
- **klatschte**: schlug die Hände zusammen.
- **der hochbeinige Ägypter**: ein Mann aus Ägypten. Hier: Erichs Spaßname für den Storch.
- **Erbsenstangen**: lange, dünne Stöcke im Garten. Erbsen wachsen daran nach oben.
- **die Spritfabrik**: eine Fabrik. Man macht dort Alkohol.
- **die Wirtschaftsgebäude**: die Gebäude für die Arbeit auf einem Hof.
- **Taxuswänden**: hohe, dichte Wände aus dunkelgrünen Büschen.
- **die Syringe**: der Flieder, ein Busch mit lila oder weißen Blüten.
- **starrte**: sah lange und ohne Bewegung auf etwas.
- **die Gestalt**: der Körper von einem Menschen, so wie man ihn sieht.
- **gelt**: nicht wahr?
- **schwesterlich**: wie eine Schwester.
- **vornehm**: fein, wie ein Mensch aus einer reichen, wichtigen Familie.
- **der Meerschaumkopf**: eine Tabakpfeife aus einem hellen, leichten Stein.
- **der Hopfengarten**: ein Feld mit Hopfen. Hopfen braucht man für Bier.
- **der Kessel**: ein großer Topf aus Metall.
- **die Reime**: hier: kurze Gedichte.
- **demütig**: sehr still und bescheiden.
- **die Bastei**: ein Platz mit einer Mauer. Er steht weit nach vorne.
- **die Birken**: Bäume mit einem weißen Stamm.
- **die Abendbank**: eine Bank. Am Abend sieht man von dort die Sonne untergehen.
- **die Linde**: ein großer Baum.

## Meine Mutter hat’s gewollt

Einige Tage später saß die Familie gegen Abend im Gartensaal zusammen. Das taten sie um diese Zeit meistens. Die Türen standen offen. Die Sonne war schon hinter den Wäldern auf der anderen Seite vom See.

Reinhard hatte am Nachmittag einige Volkslieder bekommen. Ein Freund hatte sie ihm geschickt. Dieser Freund wohnte auf dem Land. Die anderen wollten einige von den Liedern kennenlernen. Sie baten Reinhard darum. Er ging in sein Zimmer und kam gleich danach mit einer Papierrolle zurück. Die Rolle schien aus einzelnen Blättern zu bestehen. Die Schrift darauf war sauber.

Sie setzten sich an den Tisch, Elisabeth neben Reinhard.

»Wir lesen auf gut Glück«, sagte er. »Ich habe sie selbst noch nicht durchgesehen.«

Elisabeth rollte das Manuskript auf.

»Hier sind Noten«, sagte sie. »Das musst du singen, Reinhard.«

Reinhard las nun zuerst einige Schnaderhüpfel aus Tirol. Beim Lesen ließ er manchmal die lustige Melodie halb laut klingen. Alle in der kleinen Gruppe wurden fröhlich.

»Wer hat denn aber die schönen Lieder gemacht?«, fragte Elisabeth.

»Ei«, sagte Erich, »das hört man den Dingern schon an. Das waren Schneidergesellen und Friseure und solches lustiges Gesindel.«

Reinhard sagte: »Niemand macht sie. Sie wachsen. Sie fallen aus der Luft. Sie fliegen über Land wie Mariengarn, hierhin und dorthin. Man singt sie an tausend Orten zugleich. Unser eigenstes Tun und Leiden finden wir in diesen Liedern. Es ist, als ob wir alle an ihnen mitgeholfen hätten.«

Er nahm ein anderes Blatt: »Ich stand auf hohen Bergen…«

»Das kenne ich!«, rief Elisabeth. »Stimme nur an, Reinhard; ich will dir helfen.«

Nun sangen sie diese Melodie. Sie ist so rätselhaft, dass man nicht glauben kann: Menschen haben sie erdacht. Elisabeth begleitete seinen Tenor mit ihrer etwas verdeckten Altstimme.

Die Mutter nähte inzwischen fleißig. Erich hatte die Hände ineinandergelegt und hörte andächtig zu. Als das Lied zu Ende war, legte Reinhard das Blatt schweigend zur Seite. Vom Seeufer herauf kam durch die Abendstille der Klang von Herdenglocken. Sie horchten, ohne es zu wollen. Da hörten sie eine klare Jungenstimme singen:

> Ich stand auf hohen Bergen  
> Und sah ins tiefe Tal . . .

Reinhard lächelte. »Hört ihr es wohl? So geht’s von Mund zu Mund.«

»Man singt es oft in dieser Gegend«, sagte Elisabeth.

»Ja«, sagte Erich, »es ist der Hirtenkasper; er treibt die Starken heim.«

Sie horchten noch eine Weile, bis die Glocken hinter den Wirtschaftsgebäuden verschwunden waren.

»Das sind Urtöne«, sagte Reinhard. »Sie schlafen in Waldesgründen; Gott weiß, wer sie gefunden hat.«

Er zog ein neues Blatt heraus.

Es war schon dunkler geworden. Ein rotes Abendlicht lag wie Schaum auf den Wäldern am anderen Ufer. Reinhard rollte das Blatt auf. Elisabeth legte ihre Hand auf die eine Seite und sah mit ihm auf das Blatt. Dann las Reinhard:

> Meine Mutter hat’s gewollt,  
> Den andern ich nehmen sollt’:  
> Was ich zuvor besessen,  
> Mein Herz sollt’ es vergessen;  
> Das hat es nicht gewollt.

> Meine Mutter klag’ ich an,  
> Sie hat nicht wohl getan;  
> Was sonst in Ehren stünde,  
> Nun ist es worden Sünde.  
> Was fang’ ich an!

> Für all’ mein’ Stolz und Freud’  
> Gewonnen hab’ ich Leid.  
> Ach, wär’ das nicht geschehen,  
> Ach, könnt’ ich betteln gehen  
> Über die braune Heid’!

Beim Lesen hatte Reinhard gefühlt, dass das Papier zitterte. Man konnte es fast nicht merken. Als er fertig war, schob Elisabeth leise ihren Stuhl zurück. Sie ging schweigend in den Garten hinunter. Die Mutter sah ihr nach. Erich wollte ihr nachgehen. Aber die Mutter sagte: »Elisabeth hat draußen zu tun.« So ging er nicht.

Draußen aber legte sich der Abend immer mehr über Garten und See. Nachtschmetterlinge surrten schnell an den offenen Türen vorbei. Durch die Türen kam der Duft von Blumen und Büschen immer stärker herein. Vom Wasser herauf hörte man die Frösche schreien. Unter den Fenstern sang eine Nachtigall, tiefer im Garten eine andere. Der Mond sah über die Bäume.

Reinhard sah noch eine Weile auf die Stelle. Dort war Elisabeths feine Gestalt zwischen den Blättern verschwunden. Dann rollte er sein Manuskript zusammen. Er grüßte die anderen und ging durch das Haus hinunter zum Wasser.

Die Wälder standen schweigend und warfen ihr Dunkel weit auf den See hinaus. Die Mitte vom See aber lag in einer schwülen Dämmerung im Mondlicht. Manchmal ging ein leises Rauschen durch die Bäume. Aber es war kein Wind. Es war nur die Sommernacht, die atmete.

Reinhard ging immer weiter am Ufer entlang. Einen Steinwurf vom Land entfernt konnte er eine weiße Wasserlilie sehen. Auf einmal wollte er sie aus der Nähe sehen. Er warf seine Kleider ab und stieg ins Wasser. Es war flach. Scharfe Pflanzen und Steine schnitten ihm in die Füße. Das Wasser wurde immer noch nicht tief genug zum Schwimmen.

Dann war der Boden plötzlich weg. Das Wasser schlug über ihm zusammen. Es dauerte eine Zeit, bis er wieder an die Oberfläche kam. Nun bewegte er Hände und Füße. Er schwamm im Kreis, bis er wusste, wo er ins Wasser gegangen war. Bald sah er auch die Lilie wieder. Sie lag einsam zwischen den großen, glänzenden Blättern.

Er schwamm langsam hinaus. Manchmal hob er die Arme aus dem Wasser. Dann fielen die Tropfen herab und blitzten im Mondlicht. Aber es war, als würde der Abstand zwischen ihm und der Blume gleich bleiben. Wenn er zurücksah, lag nur das Ufer immer undeutlicher im Dunst hinter ihm. Er gab aber nicht auf. Er schwamm kräftig in derselben Richtung weiter.

Endlich war er so nah, dass er die silbernen Blätter im Mondlicht deutlich sah. Aber zugleich fühlte er sich in einem Netz gefangen. Die glatten Stängel kamen vom Grund herauf. Sie wickelten sich um seine nackten Arme und Beine.

Das unbekannte Wasser lag so schwarz um ihn herum. Hinter sich hörte er einen Fisch springen. Plötzlich wurde ihm im fremden Wasser so unheimlich, dass er die Pflanzen mit Gewalt zerriss. Dann schwamm er atemlos und schnell zum Land. Er sah von dort auf den See zurück. Da lag die Lilie wie vorher, fern und einsam über der dunklen Tiefe.

Er zog sich an und ging langsam nach Hause. Als er aus dem Garten in den Saal kam, fand er dort Erich und die Mutter. Sie bereiteten eine kleine Geschäftsreise vor. Diese Reise sollte am nächsten Tag sein.

»Wo sind Sie denn so spät in der Nacht gewesen?«, rief die Mutter ihm entgegen.

»Ich?«, antwortete er. »Ich wollte die Wasserlilie besuchen; es ist aber nichts daraus geworden.«

»Das versteht wieder einmal kein Mensch!«, sagte Erich. »Was in aller Welt hattest du denn mit der Wasserlilie zu tun?«

Reinhard sagte: »Ich habe sie früher einmal gekannt; es ist aber schon lange her.«

### Glossar

- **das Volkslied**: ein altes Lied. Niemand weiß, wer es gemacht hat.
- **auf gut Glück**: ohne Plan.
- **durchgesehen**: gelesen und geprüft.
- **das Manuskript**: Blätter mit einem Text, mit der Hand geschrieben.
- **die Noten**: Zeichen auf Papier. Sie zeigen die Musik von einem Lied.
- **Schnaderhüpfel**: ein Wort aus dem Dialekt für „Schnitterhüpfen“: Tänze oder Lieder von Schnittern. Schnitter schneiden das Getreide auf dem Feld. Man singt diese Lieder besonders in Tirol und in Bayern.
- **Dingern**: hier: die Lieder. Das Wort klingt nicht freundlich.
- **Schneidergesellen**: junge Männer. Sie lernen, Kleider zu machen.
- **Friseure**: Sie schneiden anderen Menschen die Haare.
- **das Gesindel**: Leute, die man nicht achtet.
- **Mariengarn**: feine Fäden von Spinnen auf dem Feld. Die Menschen glaubten früher: Diese Fäden gehören zu den Göttern. Später glaubten sie: Sie gehören zur Jungfrau Maria. Die Leute erzählten: Das Kleid der toten Maria war aus dem feinsten Faden. Als sie in den Himmel fuhr, brach es von ihr ab.
- **Tun und Leiden**: das, was wir tun, und das, was uns wehtut.
- **Ich stand auf hohen Bergen**: ein altes Volkslied. Ein schönes, aber armes Mädchen kann den jungen Grafen nicht heiraten. Sie geht in ein Kloster.
- **Stimme nur an**: Beginne das Lied!
- **rätselhaft**: Man kann es nicht erklären.
- **erdacht**: im Kopf neu gemacht.
- **die Altstimme / der Tenor**: eine tiefe Frauenstimme / eine hohe Männerstimme.
- **verdeckten**: hier: nicht ganz klar.
- **nähte**: Sie arbeitete mit Nadel und Faden.
- **ineinandergelegt**: Eine Hand liegt in der anderen.
- **andächtig**: still und mit viel Achtung, wie in einer Kirche.
- **Herdenglocken**: Glocken am Hals von Tieren. Eine Herde ist eine große Gruppe von Tieren.
- **horchten**: Sie hörten genau hin.
- **von Mund zu Mund**: von einem Menschen zum nächsten.
- **der Hirtenkasper**: Kasper, der Hirte. Ein Hirte passt auf Tiere auf.
- **die Starken**: ein Wort aus dem Dialekt im Süden für „die Färsen“. Das sind junge Kühe.
- **die Glocken**: Dinge aus Metall. Sie klingen, wenn sie sich bewegen.
- **die Urtöne**: sehr alte, erste Klänge.
- **Waldesgründen**: tiefe, stille Stellen im Wald.
- **die Wirtschaftsgebäude**: die Gebäude für die Arbeit auf einem Hof.
- **Den andern ich nehmen sollt’**: Ich sollte den anderen Mann heiraten.
- **Was ich zuvor besessen**: das, was ich vorher hatte.
- **klag’ ich an**: Ich sage: Sie hat Schuld.
- **Sie hat nicht wohl getan**: Sie hat nicht richtig gehandelt.
- **Was sonst in Ehren stünde, Nun ist es worden Sünde**: Das wäre sonst gut und ehrlich. Jetzt ist es eine Sünde.
- **Was fang’ ich an!**: Was soll ich nur tun!
- **Für all’ mein’ Stolz und Freud’ Gewonnen hab’ ich Leid**: Ich hatte Stolz und Freude. Jetzt habe ich nur Leid.
- **Ach, wär’ das nicht geschehen**: Ach, wenn das nur nicht passiert wäre!
- **Ach, könnt’ ich betteln gehen**: Ach, wenn ich nur betteln gehen könnte!
- **die Heid’**: die Heide, ein weites, offenes Land.
- **die Sünde**: etwas, das gegen die Regeln von Gott ist.
- **zitterte**: Es bewegte sich schnell und ganz wenig hin und her.
- **Nachtschmetterlinge**: Tiere mit großen, weichen Flügeln. Sie fliegen in der Nacht.
- **surrten**: Sie machten mit den Flügeln ein leises, helles Geräusch.
- **die Frösche**: kleine, grüne Tiere. Sie leben am Wasser und springen gut.
- **die Nachtigall**: ein kleiner Vogel. Er singt schön in der Nacht.
- **die Gestalt**: der Körper von einem Menschen, so wie man ihn sieht.
- **schwülen**: warm und feucht. Die Luft ist schwer.
- **die Dämmerung**: hier: ein schwaches, halbdunkles Licht.
- **der Steinwurf**: so weit, wie man einen Stein werfen kann.
- **die Wasserlilie**: eine weiße Blume. Sie schwimmt auf dem Wasser.
- **die Lilie**: kurz für „Wasserlilie“.
- **schwamm**: Vergangenheit von „schwimmen“: Er bewegte sich mit Armen und Beinen im Wasser.
- **der Dunst**: feuchte Luft. Man kann nicht mehr klar sehen.
- **die Stängel**: die langen, dünnen Teile von einer Pflanze.
- **nichts daraus geworden**: nicht passiert, nicht geklappt.

## Elisabeth

Am nächsten Nachmittag wanderten Reinhard und Elisabeth auf der anderen Seite vom See. Mal gingen sie durch den Wald, mal am Ufer, wo es vorsprang. Erich hatte Elisabeth einen Auftrag gegeben. Er und die Mutter waren nicht da. In dieser Zeit sollte sie Reinhard die schönsten Aussichten in der Nähe zeigen. Vor allem sollte er den Hof selbst vom anderen Ufer aus sehen. Nun gingen sie von einem Punkt zum anderen.

Endlich wurde Elisabeth müde. Sie setzte sich in den Schatten von Zweigen, die tief hingen. Reinhard stand ihr gegenüber und lehnte an einem Baumstamm. Da hörte er tiefer im Wald den Kuckuck rufen. Und plötzlich hatte er ein Gefühl: Das alles war schon einmal genauso. Er sah sie mit einem seltsamen Lächeln an.

»Wollen wir Erdbeeren suchen?«, fragte er.

Sie sagte: »Es ist keine Erdbeerenzeit.«

»Sie wird aber bald kommen.«

Elisabeth schüttelte schweigend den Kopf. Dann stand sie auf, und sie gingen beide weiter. Sie ging an seiner Seite, und sein Blick ging immer wieder zu ihr. Denn sie ging schön, als ob ihre Kleider sie tragen würden. Oft blieb er einen Schritt zurück, ohne es zu wollen. So konnte er sie ganz sehen.

So kamen sie an einen offenen Platz mit Heide. Von dort konnte man weit ins Land sehen. Reinhard bückte sich und pflückte etwas von den Pflanzen am Boden. Als er wieder aufsah, zeigte sein Gesicht einen leidenschaftlichen Schmerz.

»Kennst du diese Blume?«, fragte er.

Sie sah ihn fragend an. »Es ist eine Erika. Ich habe sie oft im Wald gepflückt.«

»Ich habe zu Hause ein altes Buch«, sagte er. »Früher habe ich allerlei Lieder und Reime hineingeschrieben. Das habe ich aber schon lange nicht mehr getan. Zwischen den Blättern liegt auch eine Erika, aber nur eine verwelkte. Weißt du, wer sie mir gegeben hat?«

Sie nickte stumm. Aber sie senkte die Augen und sah nur auf die Pflanze in seiner Hand. So standen sie lange. Dann hob sie die Augen zu ihm. Er sah, dass sie voll Tränen waren.

Er sagte: »Elisabeth, hinter jenen blauen Bergen liegt unsere Jugend. Wo ist sie geblieben?«

Sie sagten nichts mehr. Sie gingen stumm nebeneinander zum See hinunter. Die Luft war schwül, und im Westen stiegen schwarze Wolken auf.

»Es wird gewittern«, sagte Elisabeth und ging schneller.

Reinhard nickte schweigend. Beide gingen schnell am Ufer entlang, bis sie bei ihrem Kahn waren.

Während der Fahrt über den See ließ Elisabeth ihre Hand auf dem Rand vom Kahn ruhen. Reinhard ruderte und sah zu ihr hinüber. Aber sie sah an ihm vorbei in die Ferne. Da glitt sein Blick nach unten und blieb auf ihrer Hand. Und die blasse Hand sagte ihm, was ihr Gesicht ihm nicht gesagt hatte.

Er sah auf der Hand jene feine Spur von geheimem Schmerz. Diese Spur zeigt sich gern an schönen Frauenhänden, die nachts auf einem kranken Herzen liegen. Elisabeth fühlte seinen Blick auf ihrer Hand. Da ließ sie die Hand langsam über den Rand ins Wasser gleiten.

Sie kamen auf dem Hof an. Vor dem Herrenhaus stand der Karren von einem Scherenschleifer. Ein Mann mit schwarzen, hängenden Locken trat fleißig das Rad. Er summte zwischen den Zähnen eine Zigeunermelodie. Neben dem Rad lag ein eingeschirrter Hund und atmete laut. Im Flur stand ein Mädchen in Lumpen. Sie hatte verstörte, schöne Züge. Sie streckte die Hand zu Elisabeth aus und bettelte.

Reinhard griff in seine Tasche. Aber Elisabeth war schneller. Hastig schüttete sie alles aus ihrem Geldbeutel in die offene Hand von der Bettlerin. Dann drehte sie sich schnell um. Reinhard hörte, wie sie schluchzend die Treppe hinaufging.

Er wollte sie aufhalten. Aber er überlegte es sich anders und blieb an der Treppe. Das Mädchen stand immer noch im Flur. Sie bewegte sich nicht und hielt das Almosen in der Hand.

»Was willst du noch?«, fragte Reinhard.

Sie erschrak. »Ich will nichts mehr«, sagte sie.

Dann drehte sie den Kopf zu ihm zurück. Sie starrte ihn mit den verirrten Augen an und ging langsam zur Tür. Er rief einen Namen, aber sie hörte es nicht mehr. Sie senkte den Kopf und kreuzte die Arme über der Brust. So ging sie über den Hof hinunter:

> Sterben, ach! sterben  
> Soll ich allein!

Ein altes Lied brauste ihm ins Ohr. Sein Atem stand still. Das dauerte eine kurze Weile. Dann drehte er sich um und ging in sein Zimmer.

Er setzte sich hin und wollte arbeiten. Aber er hatte keine Gedanken. Er versuchte es eine Stunde lang vergebens. Dann ging er hinunter ins Familienzimmer. Niemand war da, nur kühle, grüne Dämmerung. Auf Elisabeths Nähtisch lag ein rotes Band. Sie hatte es am Nachmittag um den Hals getragen. Er nahm es in die Hand. Aber es tat ihm weh, und er legte es wieder hin.

Er hatte keine Ruhe. Er ging zum See hinunter und band den Kahn los. Er ruderte hinüber und ging noch einmal alle Wege. Diese Wege war er kurz vorher mit Elisabeth gegangen. Als er wieder nach Hause kam, war es dunkel. Auf dem Hof traf er den Kutscher. Der Kutscher wollte die Wagenpferde auf das Gras bringen. Die Reisenden waren gerade zurückgekommen.

Er kam in den Flur und hörte, wie Erich im Gartensaal auf und ab ging. Er ging nicht zu ihm hinein. Er blieb einen Moment stehen. Dann ging er leise die Treppe hinauf in sein Zimmer. Dort setzte er sich in den Lehnstuhl am Fenster. Er tat vor sich selbst so, als würde er auf die Nachtigall hören. Sie sang unten in den Taxuswänden. Aber er hörte nur das Schlagen von seinem eigenen Herzen. Unter ihm im Haus gingen alle zur Ruhe. Die Nacht verging, und er fühlte es nicht.

So saß er viele Stunden. Endlich stand er auf und lehnte sich aus dem offenen Fenster. Der Nachttau rieselte zwischen den Blättern. Die Nachtigall sang nicht mehr. Im Osten kam langsam ein blassgelbes Licht und nahm das tiefe Blau vom Nachthimmel weg. Ein frischer Wind kam auf und berührte Reinhards heiße Stirn. Die erste Lerche stieg in die Luft und sang voll Freude.

Plötzlich drehte Reinhard sich um und ging zum Tisch. Er tastete nach einem Bleistift. Als er ihn gefunden hatte, setzte er sich hin. Er schrieb damit einige Zeilen auf ein weißes Blatt Papier. Als er fertig war, nahm er Hut und Stock. Das Papier ließ er liegen. Vorsichtig öffnete er die Tür und ging hinunter in den Flur.

Die Morgendämmerung lag noch in allen Ecken. Die große Hauskatze streckte sich auf der Strohmatte. Er hielt ihr die Hand hin, ohne etwas zu denken. Sie machte ihren Rücken rund und drückte ihn gegen seine Hand. Draußen im Garten aber priesterten schon die Spatzen von den Zweigen. Sie sagten es allen, dass die Nacht vorbei war.

Da hörte er oben im Haus eine Tür gehen. Jemand kam die Treppe herunter. Als er aufsah, stand Elisabeth vor ihm. Sie legte die Hand auf seinen Arm. Sie bewegte die Lippen, aber er hörte keine Worte.

Endlich sagte sie: »Du kommst nicht wieder. Ich weiß es, lüge nicht; du kommst nie wieder.«

Er sagte: »Nie.«

Sie ließ ihre Hand sinken und sagte nichts mehr. Er ging über den Flur zur Tür. Dann drehte er sich noch einmal um. Sie stand ohne Bewegung an derselben Stelle und sah ihn mit toten Augen an. Er machte einen Schritt nach vorn und streckte die Arme nach ihr aus. Dann drehte er sich mit Gewalt um und ging zur Tür hinaus.

Draußen lag die Welt im frischen Morgenlicht. In den Spinnennetzen hingen Tautropfen. Sie blitzten in den ersten Sonnenstrahlen. Er sah nicht zurück. Er ging schnell hinaus. Hinter ihm versank der stille Hof immer mehr. Und vor ihm stieg die große, weite Welt auf.

### Glossar

- **wanderten**: Sie gingen lange zu Fuß, oft in der Natur.
- **hingen**: Vergangenheit von „hängen“.
- **der Kuckuck**: ein Vogel. Sein Ruf klingt wie sein Name.
- **Erdbeeren**: kleine, rote, süße Früchte.
- **die Erdbeerenzeit**: die Zeit im Jahr, in der es Erdbeeren gibt.
- **die Heide**: ein weites, offenes Land mit kleinen Pflanzen.
- **bückte sich**: Er ging mit dem Oberkörper nach unten.
- **pflückte / gepflückt**: mit der Hand von der Pflanze genommen.
- **leidenschaftlichen**: sehr stark, mit großem Gefühl.
- **die Erika**: eine kleine Pflanze mit kleinen lila Blüten.
- **allerlei**: viele verschiedene.
- **Reime**: kurze Texte. Die Wörter am Ende der Zeilen klingen ähnlich.
- **verwelkte**: trocken und nicht mehr frisch.
- **stumm**: ohne ein Wort.
- **schwül**: warm und feucht. Die Luft ist schwer.
- **gewittern**: Es kommt ein Gewitter mit Blitz und Donner.
- **der Kahn**: ein kleines Boot.
- **ruderte**: Er bewegte das Boot mit zwei langen Stangen durch das Wasser.
- **glitt / gleiten**: sich leicht und ruhig bewegen.
- **der Karren**: ein kleiner Wagen.
- **der Scherenschleifer**: ein Mann, der von Ort zu Ort zieht und Scheren und Messer scharf macht.
- **das Herrenhaus**: das große Haus von dem Mann, dem der Hof gehört.
- **die Locken**: Haare, die nicht glatt sind, sondern runde Formen haben.
- **summte**: Er sang leise, ohne Worte.
- **die Zigeunermelodie**: Mit „Zigeuner“ meinte man früher Sinti und Roma. Das Wort ist alt und beleidigt Menschen. Man benutzt es heute nicht mehr.
- **eingeschirrter**: Der Hund zieht einen Wagen und trägt dafür Riemen.
- **die Lumpen**: alte, kaputte Kleider.
- **die Züge**: die Formen von einem Gesicht.
- **verstörte**: sehr durcheinander, voll Angst.
- **Hastig**: sehr schnell und ohne Ruhe.
- **die Bettlerin**: eine arme Frau. Sie bittet andere Menschen um Geld.
- **schluchzend**: laut weinend.
- **das Almosen**: Geld für einen armen Menschen.
- **verirrten**: hier: Die Augen finden keinen Halt, sie sehen fremd aus.
- **Sterben … soll ich allein**: Ich muss allein sterben.
- **brauste**: Es klang laut und stark, wie ein starker Wind.
- **vergebens**: ohne Erfolg.
- **die Dämmerung**: hier: ein schwaches, halbdunkles Licht.
- **der Kutscher**: ein Mann, der einen Wagen mit Pferden fährt.
- **der Lehnstuhl**: ein großer, bequemer Stuhl mit Armlehnen.
- **Taxuswänden**: hohe, dichte Wände aus dunkelgrünen Büschen.
- **die Nachtigall**: ein kleiner Vogel. Er singt schön in der Nacht.
- **der Nachttau / die Tautropfen**: kleine Wassertropfen auf Pflanzen, in der Nacht und am Morgen.
- **rieselte**: Es fiel in kleinen Tropfen leise nach unten.
- **die Lerche**: ein kleiner Vogel. Er fliegt singend hoch in die Luft.
- **tastete**: Er suchte mit der Hand, ohne etwas zu sehen.
- **die Morgendämmerung**: die Zeit am Morgen, wenn es langsam hell wird.
- **die Strohmatte**: eine Matte aus trockenen Pflanzen. Sie liegt auf dem Boden.
- **priesterten**: Die Spatzen singen groß und feierlich, wie Priester. Das Wort kommt wohl von Storm. Man findet es sonst nirgends.

## Der Alte

Der Mond schien nicht mehr in die Fenster. Es war dunkel geworden. Aber der Alte saß immer noch in seinem Lehnstuhl. Er hatte die Hände gefaltet und sah vor sich hin in das Zimmer.

Die schwarze Dämmerung lag um ihn herum. Langsam wurde sie vor seinen Augen zu einem breiten, dunklen See. Ein schwarzes Wasser lag hinter dem anderen, immer tiefer und ferner. Auf dem letzten Wasser schwamm einsam eine weiße Wasserlilie zwischen breiten Blättern. Sie war so fern, dass die Augen vom Alten sie kaum erreichten.

Die Zimmertür ging auf, und ein helles Licht fiel ins Zimmer.

Der Alte sagte: »Es ist gut, dass Sie kommen, Brigitte. Stellen Sie das Licht auf den Tisch!«

Dann rückte er auch den Stuhl an den Tisch. Er nahm eines von den offenen Büchern und vertiefte sich in Studien. An diesen Studien hatte er einst die Kraft von seiner Jugend geübt.

### Glossar

- **der Lehnstuhl**: ein großer, bequemer Stuhl mit Armlehnen.
- **die Hände gefaltet**: Die Finger von beiden Händen liegen ineinander.
- **die Dämmerung**: die Zeit, wenn es dunkel wird. Es ist nicht mehr hell, aber auch noch nicht ganz dunkel.
- **die Wasserlilie**: eine weiße Blume. Sie schwimmt auf dem Wasser.
- **Brigitte**: die Haushälterin vom Alten: eine Frau, die für jemanden im Haus arbeitet.
- **rückte**: Er bewegte etwas ein kleines Stück.
- **vertiefte sich**: Er dachte nur noch an seine Bücher und an nichts anderes.
- **die Studien**: die Arbeit mit Büchern und mit Wissen.
- **einst**: vor langer Zeit.
