# Grimms Märchen (Ausgabe B1)

*Jacob und Wilhelm Grimm*

## Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König. Seine Töchter waren alle schön. Aber die jüngste war so schön, dass sich sogar die Sonne wunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien. Dabei hat die Sonne doch schon so vieles gesehen.

Nahe bei dem Schloss des Königs lag ein großer dunkler Wald. In dem Wald stand eine alte Linde, und unter ihr war ein Brunnen. Wenn der Tag nun recht heiß war, ging das Königskind hinaus in den Wald. Dort setzte sie sich an den Rand des kühlen Brunnens. Und wenn sie Langeweile hatte, nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder. Das war ihr liebstes Spielzeug.

Einmal hielt die Königstochter ihr Händchen in die Höhe, aber die goldene Kugel fiel nicht hinein. Sie schlug daneben auf die Erde und rollte direkt ins Wasser hinein. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen, aber die Kugel verschwand. Der Brunnen war tief, so tief, dass man keinen Boden sah. Da fing sie an zu weinen. Sie weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten.

Und während sie so klagte, rief ihr jemand zu: „Was hast du, Königstochter? Du schreist ja so, dass sich ein Stein erbarmen möchte.“

Sie sah sich um, woher die Stimme kam. Da sah sie einen Frosch, der seinen dicken hässlichen Kopf aus dem Wasser streckte.

„Ach, du bist's, alter Wasserpatscher“, sagte sie. „Ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen gefallen ist.“

„Sei still und weine nicht“, antwortete der Frosch. „Ich kann dir wohl helfen. Aber was gibst du mir, wenn ich dein Spielzeug wieder heraufhole?“

„Was du haben willst, lieber Frosch“, sagte sie. „Meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage.“

Der Frosch antwortete: „Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine und deine goldene Krone, die mag ich nicht. Aber wenn du mich lieb haben willst, dann soll ich dein Geselle und Spielkamerad sein. Ich will an deinem Tischlein neben dir sitzen und von deinem goldenen Tellerlein essen. Ich will aus deinem Becherlein trinken und in deinem Bettlein schlafen. Wenn du mir das versprichst, dann steige ich hinunter und hole dir die goldene Kugel wieder herauf.“

„Ach ja“, sagte sie, „ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wieder bringst.“

Sie dachte aber: „Was der dumme Frosch da redet! Der sitzt im Wasser bei den anderen Fröschen und quakt. Er kann nicht der Geselle von einem Menschen sein.“

Als der Frosch das Versprechen bekommen hatte, tauchte er seinen Kopf unter und sank hinab. Nach einem Weilchen kam er wieder heraufgeschwommen. Er hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielzeug wieder sah. Sie hob es auf und sprang damit fort.

„Warte, warte“, rief der Frosch, „nimm mich mit! Ich kann nicht so laufen wie du.“

Aber was half es ihm, dass er ihr sein „quak quak“ so laut nachschrie, wie er konnte! Sie hörte nicht darauf und eilte nach Hause. Bald hatte sie den armen Frosch vergessen. Er musste wieder in seinen Brunnen hinabsteigen.

Am nächsten Tag saß sie mit dem König und allen Hofleuten am Tisch und aß von ihrem goldenen Tellerlein. Da kam etwas die Marmortreppe heraufgekrochen, plitsch platsch, plitsch platsch. Als es oben angekommen war, klopfte es an die Tür und rief: „Königstochter, jüngste, mach mir auf.“

Sie lief zur Tür und wollte sehen, wer draußen war. Als sie aber aufmachte, saß der Frosch davor. Da warf sie die Tür schnell zu, setzte sich wieder an den Tisch und hatte große Angst.

Der König sah wohl, dass ihr das Herz sehr stark klopfte. Er sprach: „Mein Kind, warum fürchtest du dich? Steht etwa ein Riese vor der Tür und will dich holen?“

„Ach nein“, antwortete sie, „es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch.“

„Was will der Frosch von dir?“

„Ach, lieber Vater, gestern saß ich im Wald bei dem Brunnen und spielte. Da fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, hat der Frosch sie wieder heraufgeholt. Er hat es unbedingt verlangt, darum versprach ich ihm, dass er mein Geselle werden sollte. Ich dachte aber, dass er nie aus seinem Wasser herauskommen könnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein.“

Da klopfte es zum zweiten Mal, und es rief:

„Königstochter, jüngste, mach mir auf, weißt du nicht, was gestern du zu mir gesagt bei dem kühlen Brunnenwasser? Königstochter, jüngste, mach mir auf.“

Da sagte der König: „Was du versprochen hast, das musst du auch halten. Geh nur und mach ihm auf.“

Sie ging und öffnete die Tür. Da hüpfte der Frosch herein, immer dicht hinter ihr her, bis zu ihrem Stuhl. Dort saß er und rief: „Heb mich herauf zu dir.“

Sie zögerte, bis der König es endlich befahl. Als der Frosch erst auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch. Und als er dort saß, sprach er: „Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen.“

Das tat sie zwar, aber man sah wohl, dass sie es nicht gern tat. Dem Frosch schmeckte es gut, aber ihr blieb fast jeder Bissen im Hals stecken.

Endlich sprach er: „Ich habe mich satt gegessen und bin müde. Nun trag mich in dein Kämmerlein und mach dein seidenes Bettlein zurecht. Da wollen wir uns schlafen legen.“

Die Königstochter fing an zu weinen. Sie fürchtete sich vor dem kalten Frosch. Sie traute sich nicht, ihn anzufassen, und nun sollte er in ihrem schönen sauberen Bettlein schlafen.

Der König aber wurde zornig und sprach: „Wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du danach nicht verachten.“

Da packte sie ihn mit zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke. Als sie aber im Bett lag, kam er gekrochen und sprach: „Ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du. Heb mich herauf, oder ich sage es deinem Vater.“

Da wurde sie erst richtig bitterböse. Sie holte ihn herauf und warf ihn mit aller Kraft gegen die Wand. „Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.“

Als er aber herabfiel, war er kein Frosch mehr, sondern ein Königssohn mit schönen und freundlichen Augen. Nach dem Willen ihres Vaters war er nun ihr lieber Geselle und Mann. Da erzählte er ihr, dass eine böse Hexe ihn verwünscht hatte. Niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein. Morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen. Dann schliefen sie ein.

Am nächsten Morgen weckte die Sonne sie. Da kam ein Wagen herangefahren, den acht weiße Pferde zogen. Die Pferde hatten weiße Straußenfedern auf dem Kopf und gingen in goldenen Ketten. Hinten auf dem Wagen stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich.

Der treue Heinrich war sehr traurig gewesen, als sein Herr in einen Frosch verwandelt wurde. Darum hatte er drei eiserne Bänder um sein Herz legen lassen. So sollte es nicht vor Schmerz und Traurigkeit zerspringen.

Der Wagen sollte den jungen König in sein Reich abholen. Der treue Heinrich hob beide hinein und stellte sich wieder hinten auf. Er war voller Freude über die Erlösung.

Als sie ein Stück Weg gefahren waren, hörte der Königssohn, dass es hinter ihm krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief:

„Heinrich, der Wagen bricht.“

„Nein, Herr, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen, als Ihr in dem Brunnen saßt, als Ihr eine Fretsche (Frosch) wast (wart).“

Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Königssohn meinte immer, dass der Wagen brach. Aber es waren doch nur die Bänder vom Herzen des treuen Heinrich. Sie sprangen ab, weil sein Herr erlöst und glücklich war.

### Glossar

- **Linde**: ein großer Baum.
- **erbarmen**: Mitleid haben und helfen wollen.
- **Wasserpatscher**: ein Schimpfwort für jemanden, der im Wasser herumspritzt.
- **Geselle**: hier: ein Freund, ein Begleiter.
- **garstig**: hässlich und böse.
- **verachten**: jemanden für schlecht und wertlos halten.
- **verwünscht**: mit Zauber in etwas anderes verwandelt.
- **erlösen**: von einem Zauber oder einer Not befreien.
- **Bänder**: hier: Ringe aus Eisen.

## Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein. Sie hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter holen. Da rief sie alle sieben zu sich und sprach: „Liebe Kinder, ich will hinaus in den Wald. Nehmt euch vor dem Wolf in Acht. Wenn er hereinkommt, frisst er euch alle mit Haut und Haar. Der Bösewicht verstellt sich oft. Aber an seiner rauen Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn gleich erkennen.“

Die Geißlein sagten: „Liebe Mutter, wir wollen uns schon in Acht nehmen. Ihr könnt ohne Sorge fortgehen.“

Da meckerte die Alte und machte sich ruhig auf den Weg.

Es dauerte nicht lange, da klopfte jemand an die Haustür. Er rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht.“

Aber die Geißlein hörten an der rauen Stimme, dass es der Wolf war. „Wir machen nicht auf“, riefen sie. „Du bist nicht unsere Mutter. Sie hat eine feine und liebliche Stimme, aber deine Stimme ist rau. Du bist der Wolf.“

Da ging der Wolf fort zu einem Krämer und kaufte sich ein großes Stück Kreide. Die aß er und machte damit seine Stimme fein. Dann kam er zurück und klopfte an die Haustür. Er rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht.“

Aber der Wolf hatte seine schwarze Pfote in das Fenster gelegt. Das sahen die Kinder und riefen: „Wir machen nicht auf. Unsere Mutter hat keinen schwarzen Fuß wie du. Du bist der Wolf.“

Da lief der Wolf zu einem Bäcker und sprach: „Ich habe mich an den Fuß gestoßen, streich mir Teig darüber.“

Und als der Bäcker ihm die Pfote bestrichen hatte, lief er zum Müller und sprach: „Streu mir weißes Mehl auf meine Pfote.“

Der Müller dachte: „Der Wolf will einen betrügen“, und weigerte sich. Aber der Wolf sprach: „Wenn du es nicht tust, fresse ich dich.“

Da fürchtete sich der Müller und machte ihm die Pfote weiß. Ja, das sind die Menschen.

Nun ging der Bösewicht zum dritten Mal zu der Haustür und klopfte an. Er sprach: „Macht mir auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist heimgekommen und hat jedem von euch etwas aus dem Walde mitgebracht.“

Die Geißlein riefen: „Zeig uns erst deine Pfote, damit wir wissen, dass du unser liebes Mütterchen bist.“

Da legte er die Pfote ins Fenster. Als sie sahen, dass sie weiß war, glaubten sie, dass alles wahr wäre, was er sagte. Sie machten die Tür auf. Wer aber hereinkam, das war der Wolf.

Sie erschraken und wollten sich verstecken. Das eine sprang unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche. Das fünfte sprang in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel, das siebte in den Kasten der Wanduhr.

Aber der Wolf fand sie alle und zögerte nicht lange. Eins nach dem anderen schluckte er in seinen Rachen. Nur das jüngste im Uhrkasten, das fand er nicht. Als der Wolf genug gefressen hatte, ging er langsam davon. Er legte sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum und fing an zu schlafen.

Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Wald wieder heim. Ach, was musste sie da sehen! Die Haustür stand weit offen. Tisch, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben, Decke und Kissen waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder, aber sie waren nirgends zu finden. Sie rief sie nacheinander beim Namen, aber niemand antwortete. Endlich, als sie zum jüngsten kam, rief eine feine Stimme: „Liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten.“

Sie holte es heraus, und es erzählte ihr, dass der Wolf gekommen war und die anderen alle gefressen hatte. Da könnt ihr denken, wie sie über ihre armen Kinder geweint hat.

Endlich ging sie in ihrem Kummer hinaus, und das jüngste Geißlein lief mit. Als sie auf die Wiese kam, lag da der Wolf an dem Baum. Er schnarchte so, dass die Äste zitterten. Sie betrachtete ihn von allen Seiten. Da sah sie, dass sich in seinem vollen Bauch etwas bewegte und zappelte.

„Ach Gott“, dachte sie, „sollten meine armen Kinder, die er zum Abendbrot hinuntergewürgt hat, noch am Leben sein?“

Da musste das Geißlein nach Hause laufen und Schere, Nadel und Zwirn holen. Dann schnitt sie dem Ungetüm den Wanst auf. Kaum hatte sie einen Schnitt getan, da streckte schon ein Geißlein den Kopf heraus. Als sie weiterschnitt, sprangen nacheinander alle sechs heraus. Sie waren noch alle am Leben und hatten nicht einmal Schaden genommen. Denn das Ungetüm hatte sie in seiner Gier ganz hinuntergeschluckt.

Das war eine Freude! Da umarmten sie ihre liebe Mutter und hüpften wie ein Schneider, der Hochzeit hält.

Die Alte aber sagte: „Jetzt geht und sucht Wackersteine. Damit wollen wir dem gottlosen Tier den Bauch füllen, solange es noch schläft.“

Da schleppten die sieben Geißlein in aller Eile die Steine herbei. Sie steckten ihm so viele in den Bauch, wie sie hineinbringen konnten. Dann nähte die Alte ihn so schnell wieder zu, dass er nichts merkte und sich nicht einmal bewegte.

Als der Wolf endlich ausgeschlafen hatte, stand er auf. Die Steine im Magen machten ihm großen Durst, darum wollte er zu einem Brunnen gehen und trinken. Als er aber anfing zu gehen und sich hin und her zu bewegen, stießen die Steine aneinander. Sie rappelten in seinem Bauch. Da rief er:

„Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum? Ich meinte, es wären sechs Geißlein, so sind's lauter Wackerstein.“

Er kam an den Brunnen, bückte sich über das Wasser und wollte trinken. Da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er musste elend ertrinken.

Als die sieben Geißlein das sahen, kamen sie herbeigelaufen. Sie riefen laut: „Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!“ Und sie tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.

### Glossar

- **Geiß**: eine Ziege.
- **Geißlein**: eine junge Ziege.
- **Krämer**: ein Mann, der in einem kleinen Laden Waren verkauft.
- **Kreide**: ein weißer Stein, mit dem man schreibt.
- **Rachen**: das große, offene Maul von einem Tier.
- **Uhrkasten**: der Holzkasten von einer großen Wanduhr.
- **Ungetüm**: ein Monster.
- **Wanst**: ein dicker Bauch.
- **Wackerstein**: ein großer, schwerer Stein.

## Rapunzel

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange ein Kind, aber vergeblich. Endlich hoffte die Frau, dass der liebe Gott ihren Wunsch erfüllen würde.

Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster. Daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll von den schönsten Blumen und Kräutern war. Er war aber von einer hohen Mauer umgeben. Niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte. Sie hatte große Macht, und alle Welt fürchtete sie.

Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab. Da entdeckte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war. Sie sahen so frisch und grün aus, dass die Frau großen Appetit bekam. Sie hatte das größte Verlangen, von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen wurde jeden Tag größer. Sie wusste aber, dass sie keine davon bekommen konnte. Darum wurde sie ganz dünn und sah blass und elend aus.

Da erschrak der Mann und fragte: „Was fehlt dir, liebe Frau?“

„Ach“, antwortete sie, „wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserem Haus zu essen bekomme, sterbe ich.“

Der Mann hatte sie lieb. Er dachte: „Eh du deine Frau sterben lässt, holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten, was es will.“

In der Abenddämmerung stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin. In aller Eile schnitt er eine Hand voll Rapunzeln ab und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sofort Salat daraus und aß ihn voller Gier auf. Die Rapunzeln hatten ihr aber so gut, so gut geschmeckt, dass sie am nächsten Tag noch dreimal so viel Lust bekam. Wenn sie Ruhe haben sollte, musste der Mann noch einmal in den Garten steigen.

In der Abenddämmerung machte er sich also wieder auf den Weg. Als er aber die Mauer hinuntergeklettert war, erschrak er sehr, denn er sah die Zauberin vor sich stehen.

„Wie kannst du es wagen?“, sprach sie mit zornigem Blick. „Du steigst in meinen Garten und stiehlst mir wie ein Dieb meine Rapunzeln! Das soll dir schlecht bekommen.“

„Ach“, antwortete er, „habt Gnade mit mir! Ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen. Meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem Fenster gesehen. Sie hat ein so großes Verlangen danach, dass sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme.“

Da ließ der Zorn der Zauberin nach. Sie sprach zu ihm: „Wenn es so ist, wie du sagst, dann darfst du Rapunzeln mitnehmen, so viele du willst. Aber ich mache eine Bedingung: Du musst mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter.“

Der Mann sagte in seiner Angst alles zu. Als die Frau ihr Kind bekam, erschien sofort die Zauberin. Sie gab dem Kind den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort.

Rapunzel wurde das schönste Kind unter der Sonne. Als sie zwölf Jahre alt war, schloss die Zauberin sie in einen Turm. Der Turm lag in einem Wald und hatte weder Treppe noch Tür. Nur ganz oben war ein kleines Fensterchen. Wenn die Zauberin hineinwollte, stellte sie sich unten hin und rief:

„Rapunzel, Rapunzel, lass mir dein Haar herunter.“

Rapunzel hatte lange prächtige Haare, fein wie gesponnenes Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin hörte, band sie ihre Zöpfe los. Sie wickelte sie oben um einen Fensterhaken. Dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief hinunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.

Nach ein paar Jahren geschah es, dass der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorbeikam. Da hörte er einen Gesang, der so lieblich war, dass er stehen blieb und zuhörte. Das war Rapunzel. In ihrer Einsamkeit ließ sie ihre süße Stimme klingen, um sich die Zeit zu vertreiben.

Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte eine Tür am Turm, aber es war keine zu finden. Er ritt heim. Doch der Gesang hatte ihm das Herz so sehr berührt, dass er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte.

Als er einmal so hinter einem Baum stand, sah er, dass eine Zauberin herankam. Er hörte, wie sie hinaufrief:

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter.“

Da ließ Rapunzel die Zöpfe herunter, und die Zauberin stieg zu ihr hinauf.

Der Königssohn dachte: „Wenn das die Leiter ist, auf der man hinaufkommt, dann will ich auch einmal mein Glück versuchen.“

Am nächsten Tag, als es anfing, dunkel zu werden, ging er zu dem Turm und rief:

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter.“

Sofort fielen die Haare herab, und der Königssohn stieg hinauf.

Am Anfang erschrak Rapunzel sehr, als ein Mann zu ihr hereinkam. Ihre Augen hatten noch nie einen Mann gesehen. Doch der Königssohn fing an, ganz freundlich mit ihr zu reden. Er erzählte ihr, dass ihr Gesang sein Herz so sehr bewegt hatte, dass es ihm keine Ruhe gelassen hatte. Er hatte sie selbst sehen müssen.

Da verlor Rapunzel ihre Angst. Er fragte sie, ob sie ihn zum Mann nehmen wollte. Sie sah, dass er jung und schön war, und dachte: „Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel.“ Sie sagte ja und legte ihre Hand in seine Hand.

Sie sprach: „Ich will gerne mit dir gehen, aber ich weiß nicht, wie ich hinunterkommen kann. Wenn du kommst, bring jedes Mal einen Strang Seide mit. Daraus will ich eine Leiter flechten. Wenn sie fertig ist, steige ich hinunter, und du nimmst mich auf dein Pferd.“

Sie verabredeten, dass er bis dahin jeden Abend zu ihr kommen sollte, denn am Tag kam die Alte.

Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis Rapunzel eines Tages zu ihr sagte: „Sagt mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur? Ihr seid viel schwerer heraufzuziehen als der junge Königssohn. Der ist in einem Augenblick bei mir.“

„Ach, du gottloses Kind“, rief die Zauberin, „was muss ich von dir hören! Ich dachte, ich hätte dich von aller Welt getrennt, und du hast mich doch betrogen!“

In ihrem Zorn packte sie die schönen Haare von Rapunzel und schlug sie ein paar Mal um ihre linke Hand. Mit der rechten griff sie eine Schere, und ritsch, ratsch, waren sie abgeschnitten. Die schönen Zöpfe lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig, dass sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte. Dort musste Rapunzel in großem Jammer und Elend leben.

Am selben Tag hatte sie Rapunzel verstoßen. Am Abend aber machte die Zauberin die abgeschnittenen Zöpfe oben am Fensterhaken fest. Als der Königssohn kam, rief er:

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter.“

Da ließ sie die Haare hinunter. Der Königssohn stieg hinauf. Aber oben fand er nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin. Sie sah ihn mit bösen und giftigen Blicken an.

„Aha“, rief sie höhnisch, „du willst die Frau Liebste holen. Aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr. Die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder sehen.“

Der Königssohn war außer sich vor Schmerz, und in seiner Verzweiflung sprang er vom Turm hinunter. Er blieb am Leben, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte er blind im Wald umher. Er aß nichts als Wurzeln und Beeren und tat nichts als klagen und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau. So wanderte er einige Jahre im Elend umher.

Endlich kam er in die Wüstenei. Dort lebte Rapunzel ärmlich mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Jungen und einem Mädchen. Er hörte eine Stimme, und sie kam ihm so bekannt vor. Da ging er auf sie zu. Als er näher kam, erkannte Rapunzel ihn, fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen aber fielen auf seine Augen. Da wurden sie wieder klar, und er konnte sehen wie früher.

Er führte sie in sein Reich, wo man ihn mit Freude empfing. Sie lebten noch lange glücklich und zufrieden.

### Glossar

- **Rapunzeln**: eine Pflanze, die man als Salat isst.
- **Zauberin**: eine Frau, die zaubern kann.
- **Abenddämmerung**: die Zeit am Abend, wenn es langsam dunkel wird.
- **Ellen**: ein altes Maß für die Länge; eine Elle ist etwa 60 Zentimeter.
- **Zöpfe**: lange, geflochtene Haare.
- **Strang**: hier: ein langes Bündel aus Fäden.
- **gottloses**: böses.
- **Wüstenei**: ein leeres Land, in dem fast nichts wächst.
- **verstoßen**: jemanden fortschicken und nicht mehr bei sich haben wollen.
- **Zwillinge**: zwei Geschwister, die zusammen geboren sind.

## Hänsel und Gretel

Vor einem großen Wald wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Der Junge hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Der Holzhacker hatte wenig zu essen. Und einmal kam eine große Teuerung ins Land. Da konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr beschaffen.

Am Abend lag er im Bett, machte sich Gedanken und drehte sich vor Sorgen hin und her. Er seufzte und sprach zu seiner Frau: „Was soll aus uns werden? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts mehr haben?“

„Weißt du was, Mann“, antwortete die Frau. „Wir führen die Kinder morgen ganz früh hinaus in den Wald, wo er am dichtesten ist. Dort machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot. Dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nach Hause nicht wieder, und wir sind sie los.“

„Nein, Frau“, sagte der Mann, „das tue ich nicht. Wie könnte ich es übers Herz bringen, meine Kinder im Wald allein zu lassen? Die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen.“

„O du Narr“, sagte sie, „dann müssen wir alle vier vor Hunger sterben. Du kannst schon die Bretter für die Särge hobeln.“

Und sie ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte.

„Aber die armen Kinder tun mir doch leid“, sagte der Mann.

Die zwei Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und hatten gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hänsel: „Nun ist's um uns geschehen.“

„Still, Gretel“, sprach Hänsel, „sei nicht traurig. Ich werde uns schon helfen.“

Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf und zog seine Jacke an. Er machte die untere Tür auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz hell, und die weißen Kieselsteine vor dem Haus glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte sich und steckte so viele in seine Jackentasche, wie nur hineinpassten. Dann ging er wieder zurück und sprach zu Gretel: „Hab keine Angst, liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein. Gott wird uns nicht verlassen.“ Und er legte sich wieder in sein Bett.

Als der Tag anbrach, noch bevor die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder. „Steht auf, ihr Faulenzer, wir wollen in den Wald gehen und Holz holen.“ Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sprach: „Da habt ihr etwas für den Mittag, aber esst es nicht vorher auf. Mehr bekommt ihr nicht.“

Gretel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte. Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg in den Wald. Als sie ein Weilchen gegangen waren, blieb Hänsel stehen und schaute zum Haus zurück. Das tat er wieder und immer wieder.

Der Vater sprach: „Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück? Pass auf und vergiss deine Beine nicht.“

„Ach, Vater“, sagte Hänsel, „ich sehe nach meinem weißen Kätzchen. Das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen.“

Die Frau sprach: „Narr, das ist nicht dein Kätzchen, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint.“

Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen. Er hatte immer einen von den glänzenden Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.

Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater: „Nun sammelt Holz, ihr Kinder. Ich will ein Feuer anmachen, damit euch nicht kalt ist.“

Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, so hoch wie ein kleiner Berg. Das Reisig wurde angezündet. Die Flamme brannte recht hoch. Da sagte die Frau: „Nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder, und ruht euch aus. Wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab.“

Hänsel und Gretel saßen am Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes sein Stückchen Brot. Sie hörten die Schläge der Holzaxt, darum glaubten sie, dass ihr Vater in der Nähe wäre. Es war aber nicht die Holzaxt. Es war ein Ast, den er an einen dürren Baum gebunden hatte und den der Wind hin und her schlug.

Als sie so lange gesessen hatten, fielen ihnen vor Müdigkeit die Augen zu, und sie schliefen fest ein. Als sie endlich aufwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fing an zu weinen und sprach: „Wie sollen wir nun aus dem Wald kommen!“

Hänsel aber tröstete sie: „Wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann werden wir den Weg schon finden.“

Und als der volle Mond aufgegangen war, nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und ging den Kieselsteinen nach. Sie schimmerten wie neu geprägte Batzen und zeigten ihnen den Weg. Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei Tagesanbruch wieder zum Haus ihres Vaters.

Sie klopften an die Tür. Da machte die Frau auf und sah, dass es Hänsel und Gretel waren. Sie sprach: „Ihr bösen Kinder, warum habt ihr so lange im Wald geschlafen? Wir haben geglaubt, ihr wolltet gar nicht wiederkommen.“

Der Vater aber freute sich, denn es hatte ihm wehgetan, dass er sie so allein zurückgelassen hatte.

Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken. Die Kinder hörten, wie die Frau nachts im Bett zum Vater sprach: „Alles ist wieder aufgegessen. Wir haben noch einen halben Laib Brot, danach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort. Wir wollen sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder herausfinden. Sonst gibt es keine Rettung für uns.“

Dem Mann wurde das Herz schwer, und er dachte: „Es wäre besser, wenn du den letzten Bissen mit deinen Kindern teilen würdest.“ Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte, schimpfte mit ihm und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt, muss auch B sagen. Und weil er das erste Mal nachgegeben hatte, musste er es auch zum zweiten Mal tun.

Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mit angehört. Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf. Er wollte hinaus und Kieselsteine sammeln wie beim letzten Mal. Aber die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht hinaus. Doch er tröstete sein Schwesterchen und sprach: „Weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig. Der liebe Gott wird uns schon helfen.“

Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bett. Sie bekamen ihr Stückchen Brot, aber das war noch kleiner als beim letzten Mal. Auf dem Weg in den Wald zerbröckelte Hänsel es in der Tasche. Er blieb oft stehen und warf ein Bröcklein auf die Erde.

„Hänsel, was stehst du und guckst dich um?“, sagte der Vater. „Geh weiter.“

„Ich sehe nach meinem Täubchen. Das sitzt auf dem Dach und will mir Ade sagen“, antwortete Hänsel.

„Narr“, sagte die Frau, „das ist nicht dein Täubchen, das ist die Morgensonne, die oben auf den Schornstein scheint.“

Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg.

Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Leben lang noch nicht gewesen waren. Da wurde wieder ein großes Feuer angemacht, und die Frau sagte: „Bleibt nur da sitzen, ihr Kinder. Wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen. Wir gehen in den Wald und hauen Holz. Am Abend, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen euch ab.“

Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, denn er hatte sein Stück auf den Weg gestreut. Dann schliefen sie ein. Der Abend verging, aber niemand kam zu den armen Kindern. Sie wachten erst in der finsteren Nacht auf. Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte: „Wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht. Dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe. Die zeigen uns den Weg nach Hause.“

Als der Mond kam, machten sie sich auf den Weg. Aber sie fanden kein Bröcklein mehr. Denn die vielen tausend Vögel, die im Wald und im Feld umherfliegen, hatten sie weggepickt. Hänsel sagte zu Gretel: „Wir werden den Weg schon finden.“ Aber sie fanden ihn nicht.

Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von morgens bis abends, aber sie kamen nicht aus dem Wald heraus. Sie waren so hungrig, denn sie hatten nichts als die paar Beeren, die auf der Erde wuchsen. Sie waren so müde, dass die Beine sie nicht mehr tragen wollten. Darum legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein.

Nun war es schon der dritte Morgen, seit sie das Haus ihres Vaters verlassen hatten. Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie kamen immer tiefer in den Wald. Wenn nicht bald Hilfe kam, mussten sie vor Hunger und Durst sterben.

Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen. Es sang so schön, dass sie stehen blieben und ihm zuhörten. Als es fertig war, schlug es mit den Flügeln und flog vor ihnen her. Sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen kamen. Auf das Dach setzte es sich. Als sie ganz nah herankamen, sahen sie, dass das Häuschen aus Brot gebaut und mit Kuchen gedeckt war. Die Fenster aber waren aus hellem Zucker.

„Da wollen wir uns dranmachen“, sprach Hänsel, „und eine gute Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel. Du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß.“

Hänsel griff in die Höhe und brach sich ein wenig vom Dach ab, um zu probieren, wie es schmeckte. Gretel stellte sich an die Scheiben und knusperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus:

„Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“

Die Kinder antworteten:

„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.“

Und sie aßen weiter und ließen sich nicht stören. Hänsel schmeckte das Dach sehr gut, und er riss sich ein großes Stück davon herunter. Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich hin und ließ sie sich schmecken.

Da ging auf einmal die Tür auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so sehr, dass sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten.

Die Alte aber wackelte mit dem Kopf und sprach: „Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierhergebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, euch geschieht kein Leid.“

Sie fasste beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da wurde gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannkuchen mit Zucker, Äpfel und Nüsse. Danach wurden zwei schöne Bettlein weiß bezogen. Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.

Die Alte hatte sich nur so freundlich gestellt. Sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte. Sie hatte das Brothäuschen nur gebaut, um sie anzulocken. Wenn ein Kind in ihre Gewalt kam, machte sie es tot, kochte es und aß es. Das war für sie ein Festtag.

Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen. Aber sie haben eine feine Nase wie die Tiere und merken es, wenn Menschen herankommen. Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, lachte sie böse und sprach höhnisch: „Die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen.“

Früh am Morgen, bevor die Kinder aufgewacht waren, stand sie schon auf. Sie sah beide so lieblich schlafen, mit den vollen roten Backen. Da murmelte sie vor sich hin: „Das wird ein guter Bissen werden.“

Sie packte Hänsel mit ihrer dürren Hand, trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn hinter einer Gittertür ein. Er mochte schreien, wie er wollte, es half ihm nichts. Dann ging sie zu Gretel, rüttelte sie wach und rief: „Steh auf, Faulenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes. Er sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, will ich ihn essen.“

Gretel fing an, bitterlich zu weinen, aber es war alles vergeblich. Sie musste tun, was die böse Hexe verlangte.

Nun wurde für den armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief: „Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist.“

Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus. Die Alte hatte trübe Augen und konnte es nicht sehen. Sie meinte, es wären Hänsels Finger, und wunderte sich, dass er gar nicht fett werden wollte.

Als vier Wochen um waren und Hänsel immer mager blieb, wurde sie ungeduldig und wollte nicht länger warten. „He, Gretel“, rief sie dem Mädchen zu, „sei flink und trag Wasser. Ob Hänsel fett oder mager ist, morgen will ich ihn schlachten und kochen.“

Ach, wie klagte das arme Schwesterchen, als sie das Wasser tragen musste! Und wie flossen ihr die Tränen über die Backen herunter!

„Lieber Gott, hilf uns doch“, rief sie. „Hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, dann wären wir wenigstens zusammen gestorben.“

„Spar nur dein Geblärre“, sagte die Alte, „es hilft dir alles nichts.“

Früh am Morgen musste Gretel hinaus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer anzünden.

„Erst wollen wir backen“, sagte die Alte. „Ich habe den Backofen schon geheizt und den Teig geknetet.“

Sie stieß die arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Flammen schon herausschlugen.

„Kriech hinein“, sagte die Hexe, „und sieh nach, ob er richtig heiß ist, damit wir das Brot hineinschieben können.“

Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen. Gretel sollte darin braten, und dann wollte die Hexe sie auch aufessen.

Aber Gretel merkte, was sie vorhatte, und sprach: „Ich weiß nicht, wie ich es machen soll. Wie komm ich da hinein?“

„Dumme Gans“, sagte die Alte, „die Öffnung ist groß genug. Siehst du, ich könnte selbst hinein.“ Sie krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen.

Da gab Gretel ihr einen Stoß, sodass sie weit hineinfuhr. Sie machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing die Hexe an zu heulen, ganz schauerlich. Aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe musste elend verbrennen.

Gretel aber lief geradewegs zu Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief: „Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot.“

Da sprang Hänsel heraus wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn man ihm die Tür aufmacht. Wie haben sie sich gefreut! Sie sind sich um den Hals gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküsst! Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten brauchten, gingen sie in das Haus der Hexe hinein. Da standen in allen Ecken Kästen mit Perlen und Edelsteinen.

„Die sind noch besser als Kieselsteine“, sagte Hänsel und steckte in seine Taschen, was hineinpasste.

Gretel sagte: „Ich will auch etwas mit nach Hause bringen“, und füllte sich ihr Schürzchen voll.

„Aber jetzt wollen wir fort“, sagte Hänsel, „damit wir aus dem Hexenwald herauskommen.“

Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, kamen sie an ein großes Wasser.

„Wir können nicht hinüber“, sprach Hänsel. „Ich sehe keinen Steg und keine Brücke.“

„Hier fährt auch kein Schiffchen“, antwortete Gretel. „Aber da schwimmt eine weiße Ente. Wenn ich sie bitte, hilft sie uns hinüber.“

Da rief sie:

„Entchen, Entchen, da steht Gretel und Hänsel. Kein Steg und keine Brücke, nimm uns auf deinen weißen Rücken.“

Das Entchen kam auch heran. Hänsel setzte sich darauf und bat sein Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen.

„Nein“, antwortete Gretel, „das wird dem Entchen zu schwer. Es soll uns nacheinander hinüberbringen.“

Das tat das gute Tierchen. Als sie glücklich drüben waren und ein Weilchen weitergingen, kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor. Endlich sahen sie von weitem das Haus ihres Vaters. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals.

Der Mann hatte keine frohe Stunde mehr gehabt, seit er die Kinder im Wald gelassen hatte. Die Frau aber war gestorben. Gretel schüttete ihr Schürzchen aus, und die Perlen und Edelsteine sprangen in der Stube herum. Hänsel warf eine Handvoll nach der anderen aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen.

Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große, große Pelzkappe daraus machen.

### Glossar

- **Teuerung**: eine Zeit, in der alles teuer ist und die Menschen hungern.
- **seufzte**: atmete laut aus, weil er traurig war.
- **zerreißen**: in Stücke reißen.
- **hobeln**: Holz glatt machen.
- **Stiefmutter**: die zweite Frau des Vaters.
- **um uns geschehen**: es ist aus mit uns; wir sind verloren.
- **Kieselsteine**: kleine, glatte Steine.
- **Batzen**: alte Münzen.
- **bückte**: beugte sich nach unten.
- **anbrach**: hier: begann (der Tag).
- **Schürze**: ein Stück Stoff, das man bei der Arbeit vor dem Kleid trägt.
- **Ade**: ein altes Wort für „auf Wiedersehen“.
- **Reisig**: dünne, trockene Äste.
- **finstere**: sehr dunkle.
- **Laib**: ein ganzes, rundes Brot.
- **Bröcklein**: ein ganz kleines Stück Brot.
- **Stube**: ein Zimmer in einem Haus.
- **knusper**: von „knuspern“: etwas Hartes in kleinen Bissen essen, sodass man es hört.
- **Krebsschalen**: die harten Teile von einem Krebs; man kann sie nicht essen.
- **Geblärre**: lautes Weinen und Schreien.
- **Riegel**: ein Stück Holz oder Eisen, das eine Tür fest schließt.
- **Schürzchen**: eine kleine Schürze.
- **Steg**: eine kleine, schmale Brücke.

## Das tapfere Schneiderlein

An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster. Er war guter Dinge und nähte mit aller Kraft. Da kam eine Bauersfrau die Straße herunter und rief: „Gut Mus feil! Gut Mus feil!“

Das klang dem Schneiderlein schön in den Ohren. Er steckte seinen zarten Kopf aus dem Fenster und rief: „Hier herauf, liebe Frau, hier werdet Ihr Eure Ware los.“

Die Frau stieg mit ihrem schweren Korb die drei Treppen zum Schneider hinauf. Sie musste alle Töpfe vor ihm auspacken. Er sah sie alle an, hob sie hoch und hielt die Nase daran. Endlich sagte er: „Das Mus scheint mir gut. Wiegt mir doch vier Lot ab, liebe Frau. Auch wenn es ein Viertelpfund wird, kommt es mir nicht darauf an.“

Die Frau hatte gehofft, viel zu verkaufen. Sie gab ihm, was er verlangte, aber sie ging ganz ärgerlich und brummend fort.

„Nun soll Gott mir das Mus segnen“, rief das Schneiderlein, „und es soll mir Kraft und Stärke geben.“ Er holte das Brot aus dem Schrank und schnitt sich ein Stück über den ganzen Laib. Dann strich er das Mus darauf. „Das wird nicht bitter schmecken“, sagte er, „aber erst will ich das Wams fertig machen, bevor ich hineinbeiße.“ Er legte das Brot neben sich, nähte weiter und machte vor Freude immer größere Stiche.

Inzwischen stieg der Geruch von dem süßen Mus hinauf an die Wand. Dort saßen sehr viele Fliegen. Der Geruch lockte sie an, und sie setzten sich in Scharen auf das Brot.

„Ei, wer hat euch eingeladen?“, sagte das Schneiderlein und jagte die ungebetenen Gäste fort.

Aber die Fliegen verstanden kein Deutsch und ließen sich nicht fortjagen. Sie kamen in immer größerer Gesellschaft wieder. Da lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber: Er wurde wütend. Er holte aus der Kiste unter seinem Tisch ein Stück Stoff. „Wartet, jetzt zeige ich es euch!“, rief er und schlug ohne Mitleid darauf. Als er den Stoff wegzog und zählte, lagen nicht weniger als sieben Fliegen vor ihm. Sie waren tot und streckten die Beine von sich.

„Bist du so ein Kerl?“, sagte er und musste seine eigene Tapferkeit bewundern. „Das soll die ganze Stadt erfahren.“ In aller Eile schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel zu und nähte ihn. Mit großen Buchstaben stickte er darauf: „Siebene auf einen Streich!“

„Ei was, Stadt!“, sagte er weiter. „Die ganze Welt soll es erfahren!“ Und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen.

Der Schneider band sich den Gürtel um und wollte in die Welt hinaus. Denn er meinte, die Werkstatt sei zu klein für seine Tapferkeit. Bevor er fortzog, suchte er im Haus herum, ob nichts da war, was er mitnehmen konnte. Er fand aber nichts als einen alten Käse, und den steckte er ein. Vor dem Tor bemerkte er einen Vogel, der sich im Gebüsch gefangen hatte. Der musste zu dem Käse in die Tasche. Nun machte er sich tapfer auf den Weg. Weil er leicht und flink war, fühlte er keine Müdigkeit.

Der Weg führte ihn auf einen Berg. Als er den höchsten Gipfel erreicht hatte, saß da ein gewaltiger Riese und schaute sich ganz gemütlich um. Das Schneiderlein ging mutig auf ihn zu und sprach ihn an: „Guten Tag, Kamerad. Du sitzt wohl da und siehst dir die weite Welt an? Ich bin gerade auf dem Weg dorthin und will mein Glück versuchen. Hast du Lust mitzugehen?“

Der Riese sah den Schneider verächtlich an und sagte: „Du Lump! Du miserabler Kerl!“

„Ach was!“, antwortete das Schneiderlein. Er knöpfte die Jacke auf und zeigte dem Riesen den Gürtel. „Da kannst du lesen, was ich für ein Mann bin.“

Der Riese las: „Siebene auf einen Streich!“ Er meinte, das wären Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte. Da bekam er ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch er wollte ihn erst prüfen. Er nahm einen Stein in die Hand und drückte ihn so fest zusammen, dass das Wasser heraustropfte.

„Mach mir das nach“, sagte der Riese, „wenn du Kraft hast.“

„Ist das alles?“, sagte das Schneiderlein. „Das ist für unsereinen ein Spiel.“ Er griff in die Tasche und holte den weichen Käse heraus. Er drückte ihn, dass der Saft herauslief. „Na“, sagte er, „das war ein wenig besser, nicht wahr?“

Der Riese wusste nicht, was er sagen sollte. Er konnte es von dem Männlein nicht glauben. Da hob er einen Stein auf und warf ihn so hoch, dass man ihn mit den Augen kaum noch sehen konnte.

„Nun, du Erpelmännchen, mach mir das nach.“

„Gut geworfen“, sagte der Schneider, „aber der Stein hat doch wieder auf die Erde fallen müssen. Ich will dir einen werfen, der gar nicht wiederkommt.“ Er griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in die Luft. Der Vogel freute sich über seine Freiheit. Er stieg auf, flog fort und kam nicht wieder.

„Wie gefällt dir das Kunststück, Kamerad?“, fragte der Schneider.

„Werfen kannst du wohl“, sagte der Riese, „aber nun wollen wir sehen, ob du etwas Ordentliches tragen kannst.“ Er führte das Schneiderlein zu einer mächtigen Eiche, die gefällt auf dem Boden lag. „Wenn du stark genug bist, hilf mir, den Baum aus dem Wald zu tragen.“

„Gern“, antwortete der kleine Mann. „Nimm du nur den Stamm auf deine Schulter. Ich hebe die Äste mit den Zweigen auf und trage sie, das ist doch das Schwerste.“

Der Riese nahm den Stamm auf die Schulter. Der Schneider aber setzte sich auf einen Ast. Der Riese konnte sich nicht umsehen und musste den ganzen Baum tragen und das Schneiderlein noch dazu. Der Schneider war dort hinten ganz lustig und guter Dinge. Er pfiff das Lied „Es ritten drei Schneider zum Tore hinaus“, als wäre das Baumtragen ein Kinderspiel.

Der Riese schleppte die schwere Last ein Stück weit. Dann konnte er nicht mehr und rief: „Hör, ich muss den Baum fallen lassen.“

Der Schneider sprang flink herunter. Er fasste den Baum mit beiden Armen, als hätte er ihn getragen. Dann sagte er zum Riesen: „Du bist so ein großer Kerl und kannst den Baum nicht einmal tragen.“

Sie gingen zusammen weiter. Als sie an einem Kirschbaum vorbeikamen, fasste der Riese die Krone des Baumes, wo die reifsten Früchte hingen. Er bog sie herunter, gab sie dem Schneider in die Hand und sagte, er solle essen. Aber das Schneiderlein war viel zu schwach, um den Baum zu halten. Als der Riese losließ, schnellte der Baum in die Höhe, und der Schneider flog mit in die Luft. Er fiel ohne Schaden wieder herunter.

Da sagte der Riese: „Was ist das? Hast du nicht die Kraft, das dünne Bäumchen zu halten?“

„An der Kraft fehlt es nicht“, antwortete das Schneiderlein. „Meinst du, das wäre etwas für einen, der siebene mit einem Streich getroffen hat? Ich bin über den Baum gesprungen, weil die Jäger da unten in das Gebüsch schießen. Spring nach, wenn du kannst.“

Der Riese versuchte es, aber er kam nicht über den Baum. Er blieb in den Ästen hängen. So siegte das Schneiderlein auch hier.

Der Riese sagte: „Wenn du so ein tapferer Kerl bist, dann komm mit in unsere Höhle und übernachte bei uns.“

Das Schneiderlein war bereit und folgte ihm. Als sie in der Höhle ankamen, saßen dort noch andere Riesen am Feuer. Jeder hatte ein gebratenes Schaf in der Hand und aß davon. Das Schneiderlein sah sich um und dachte: „Es ist hier doch viel weitläufiger als in meiner Werkstatt.“

Der Riese zeigte ihm ein Bett und sagte, er solle sich hineinlegen und ausschlafen. Aber das Bett war dem Schneiderlein zu groß. Er legte sich nicht hinein, sondern kroch in eine Ecke. Um Mitternacht meinte der Riese, das Schneiderlein läge in tiefem Schlaf. Da stand er auf, nahm eine große Eisenstange und schlug das Bett mit einem Schlag durch. Er meinte, nun sei es mit dem Grashüpfer vorbei.

Ganz früh am Morgen gingen die Riesen in den Wald. Sie hatten das Schneiderlein ganz vergessen. Da kam er auf einmal ganz lustig und kühn daher. Die Riesen erschraken. Sie fürchteten, er würde sie alle totschlagen, und liefen in aller Eile fort.

Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner spitzen Nase nach. Nachdem er lange gewandert war, kam er in den Hof eines königlichen Palastes. Und da er müde war, legte er sich ins Gras und schlief ein. Während er dort lag, kamen die Leute und betrachteten ihn von allen Seiten. Sie lasen auf dem Gürtel: „Siebene auf einen Streich!“

„Ach“, sagten sie, „was will dieser große Kriegsheld hier mitten im Frieden? Das muss ein mächtiger Herr sein.“

Sie gingen zum König und meldeten es ihm. Sie meinten, wenn ein Krieg ausbräche, wäre das ein wichtiger und nützlicher Mann. Man dürfte ihn um keinen Preis fortlassen. Dem König gefiel der Rat. Er schickte einen von seinen Hofleuten zum Schneiderlein. Der sollte ihm Kriegsdienste anbieten, wenn er aufgewacht war.

Der Abgesandte blieb bei dem Schläfer stehen. Er wartete, bis der sich streckte und die Augen aufschlug. Dann machte er ihm das Angebot.

„Eben deshalb bin ich hierher gekommen“, antwortete das Schneiderlein. „Ich bin bereit, in den Dienst des Königs zu treten.“

So wurde er ehrenvoll empfangen und bekam eine besondere Wohnung.

Die Kriegsleute aber waren böse auf das Schneiderlein und wünschten, er wäre tausend Meilen weit weg. „Was soll daraus werden?“, sagten sie zueinander. „Wenn wir Streit mit ihm bekommen und er zuschlägt, dann fallen auf jeden Streich siebene. Da kann unsereiner nicht bestehen.“

Also fassten sie einen Entschluss. Sie gingen alle zusammen zum König und baten, den Dienst verlassen zu dürfen. „Wir sind nicht dafür gemacht“, sagten sie, „neben einem Mann auszuhalten, der siebene auf einen Streich schlägt.“

Der König war traurig, weil er wegen des einen alle seine treuen Diener verlieren sollte. Er wünschte, seine Augen hätten ihn nie gesehen. Er wäre ihn gern wieder losgeworden. Aber er traute sich nicht, ihn fortzuschicken. Denn er fürchtete, der Held könnte ihn und sein Volk totschlagen und sich selbst auf den Königsthron setzen.

Er dachte lange hin und her. Endlich fand er einen Rat. Er ließ dem Schneiderlein sagen: Weil er ein so großer Kriegsheld sei, wolle der König ihm ein Angebot machen. In einem Wald seines Landes lebten zwei Riesen. Sie raubten, mordeten und legten Feuer und richteten so großen Schaden an. Niemand konnte in ihre Nähe kommen, ohne sein Leben in Gefahr zu bringen. Wenn der Held diese beiden Riesen besiegte und tötete, sollte er die einzige Tochter des Königs zur Frau bekommen. Dazu sollte er das halbe Königreich als Mitgift erhalten. Auch sollten hundert Reiter mitziehen und ihm helfen.

„Das wäre so etwas für einen Mann, wie du einer bist“, dachte das Schneiderlein. „Eine schöne Königstochter und ein halbes Königreich werden einem nicht alle Tage angeboten.“

„O ja“, antwortete er, „die Riesen werde ich schon bezwingen, und die hundert Reiter brauche ich dabei nicht. Wer siebene auf einen Streich trifft, braucht sich vor zweien nicht zu fürchten.“

Das Schneiderlein zog aus, und die hundert Reiter folgten ihm. Als er an den Rand des Waldes kam, sagte er zu seinen Begleitern: „Bleibt nur hier. Ich werde schon allein mit den Riesen fertig.“

Dann sprang er in den Wald hinein und schaute sich rechts und links um. Nach einer Weile sah er die beiden Riesen. Sie lagen unter einem Baum und schliefen. Dabei schnarchten sie so, dass sich die Äste auf und nieder bogen. Das Schneiderlein war nicht faul. Er füllte beide Taschen mit Steinen und stieg damit auf den Baum. In der Mitte rutschte er auf einem Ast entlang, bis er genau über den Schläfern saß. Dann ließ er dem einen Riesen einen Stein nach dem anderen auf die Brust fallen.

Der Riese spürte lange nichts. Doch endlich wachte er auf, stieß seinen Kameraden an und sagte: „Was schlägst du mich?“

„Du träumst“, sagte der andere. „Ich schlage dich nicht.“

Sie legten sich wieder schlafen. Da warf der Schneider einen Stein auf den zweiten hinunter.

„Was soll das?“, rief der andere. „Warum wirfst du mich?“

„Ich werfe dich nicht“, antwortete der erste und brummte.

Sie stritten eine Weile. Doch weil sie müde waren, ließen sie es gut sein, und die Augen fielen ihnen wieder zu. Das Schneiderlein fing sein Spiel von neuem an. Er suchte den dicksten Stein aus und warf ihn dem ersten Riesen mit aller Kraft auf die Brust.

„Das ist zu arg!“, schrie dieser. Er sprang auf wie ein Verrückter und stieß seinen Kameraden gegen den Baum, dass der Baum zitterte. Der andere tat das Gleiche mit ihm. Sie gerieten in solche Wut, dass sie Bäume ausrissen und aufeinander losschlugen. Das taten sie so lange, bis sie endlich beide zugleich tot auf die Erde fielen.

Nun sprang das Schneiderlein herunter. „Ein Glück nur“, sagte er, „dass sie den Baum, auf dem ich saß, nicht ausgerissen haben. Sonst hätte ich wie ein Eichhörnchen auf einen anderen springen müssen. Doch unsereiner ist flink!“

Er zog sein Schwert und gab jedem ein paar kräftige Hiebe in die Brust. Dann ging er hinaus zu den Reitern und sagte: „Die Arbeit ist getan. Ich habe beide erledigt. Aber es ging hart her. Sie haben in der Not Bäume ausgerissen und sich gewehrt. Doch das hilft alles nichts, wenn einer kommt wie ich, der siebene auf einen Streich schlägt.“

„Seid Ihr denn nicht verwundet?“, fragten die Reiter.

„Keine Sorge“, antwortete der Schneider. „Kein Haar haben sie mir gekrümmt.“

Die Reiter wollten ihm nicht glauben und ritten in den Wald hinein. Da fanden sie die Riesen, die in ihrem Blut schwammen, und ringsherum lagen die ausgerissenen Bäume.

Das Schneiderlein verlangte vom König die versprochene Belohnung. Der aber bereute sein Versprechen und dachte von neuem nach, wie er den Helden loswerden könnte. „Bevor du meine Tochter und das halbe Reich bekommst“, sagte er zu ihm, „musst du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Wald läuft ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet. Das musst du erst einfangen.“

„Vor einem Einhorn fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen. Siebene auf einen Streich, das ist meine Sache.“

Er nahm einen Strick und eine Axt mit und ging hinaus in den Wald. Wieder sagte er denen, die ihm zugeteilt waren, sie sollten draußen warten. Er brauchte nicht lange zu suchen. Das Einhorn kam bald daher und sprang geradewegs auf den Schneider los, als wollte es ihn sofort aufspießen.

„Sachte, sachte“, sagte er, „so schnell geht das nicht.“

Er blieb stehen und wartete, bis das Tier ganz nahe war. Dann sprang er flink hinter einen Baum. Das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Baum. Es spießte sein Horn so fest in den Stamm, dass es nicht genug Kraft hatte, es wieder herauszuziehen. So war es gefangen.

„Jetzt hab ich das Vöglein“, sagte der Schneider. Er kam hinter dem Baum hervor und legte dem Einhorn erst den Strick um den Hals. Dann schlug er mit der Axt das Horn aus dem Baum. Als alles in Ordnung war, führte er das Tier fort und brachte es dem König.

Der König wollte ihm den versprochenen Lohn noch nicht geben und stellte eine dritte Forderung. Der Schneider sollte ihm vor der Hochzeit erst ein Wildschwein fangen, das im Wald großen Schaden anrichtete. Die Jäger sollten ihm dabei helfen.

„Gern“, sagte der Schneider, „das ist ein Kinderspiel.“

Die Jäger nahm er nicht mit in den Wald, und sie waren damit sehr zufrieden. Das Wildschwein hatte sie nämlich schon mehrmals so empfangen, dass sie keine Lust hatten, es zu jagen.

Als das Schwein den Schneider sah, lief es mit schäumendem Mund und wetzenden Zähnen auf ihn zu. Es wollte ihn zu Boden werfen. Aber der flinke Held sprang in eine Kapelle, die in der Nähe war. Oben sprang er mit einem Satz gleich wieder aus dem Fenster hinaus. Das Schwein war hinter ihm hergelaufen. Er aber hüpfte außen herum und schlug die Tür hinter ihm zu. Da war das wütende Tier gefangen. Es war viel zu schwer und zu ungeschickt, um aus dem Fenster zu springen.

Das Schneiderlein rief die Jäger herbei. Sie mussten den Gefangenen mit eigenen Augen sehen. Der Held aber ging zum König. Der musste nun sein Versprechen halten, ob er wollte oder nicht. Er gab ihm seine Tochter und das halbe Königreich. Hätte er gewusst, dass kein Kriegsheld, sondern ein Schneiderlein vor ihm stand, hätte es ihm noch mehr wehgetan. Die Hochzeit wurde also mit großer Pracht und kleiner Freude gefeiert, und aus einem Schneider wurde ein König gemacht.

Nach einiger Zeit hörte die junge Königin in der Nacht ihren Mann im Traum sprechen. Er sagte: „Junge, mach mir das Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen.“

Da merkte sie, aus welcher einfachen Familie der junge Herr kam. Am nächsten Morgen klagte sie ihrem Vater ihr Leid. Sie bat ihn, ihr von dem Mann zu helfen, der nichts anderes als ein Schneider sei.

Der König tröstete sie und sagte: „Lass in der nächsten Nacht deine Schlafkammer offen. Meine Diener sollen draußen stehen und hineingehen, wenn er eingeschlafen ist. Sie sollen ihn binden und auf ein Schiff tragen, das ihn in die weite Welt bringt.“

Die Frau war damit zufrieden. Aber der Waffenträger des Königs hatte alles mit angehört. Er mochte den jungen Herrn und erzählte ihm den ganzen Plan.

„Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben“, sagte das Schneiderlein.

Am Abend ging das Schneiderlein zur gewohnten Zeit mit seiner Frau zu Bett. Als sie glaubte, er sei eingeschlafen, stand sie auf, öffnete die Tür und legte sich wieder hin. Das Schneiderlein tat aber nur so, als ob er schliefe. Mit heller Stimme fing er an zu rufen.

„Junge, mach mir das Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen! Ich habe siebene mit einem Streich getroffen, zwei Riesen getötet, ein Einhorn fortgeführt und ein Wildschwein gefangen! Und ich sollte mich vor denen fürchten, die draußen vor der Kammer stehen?“

Als die Diener den Schneider so sprechen hörten, bekamen sie große Angst. Sie liefen, als wäre das wilde Heer hinter ihnen, und keiner wollte sich mehr an ihn wagen. So war und blieb das Schneiderlein sein Leben lang ein König.

### Glossar

- **feil**: zu verkaufen.
- **Mus**: süß gekochte, weiche Früchte, wie Marmelade.
- **Lot**: ein altes, kleines Gewicht, etwa 15 Gramm.
- **Wams**: eine alte Jacke für Männer.
- **Streich**: ein Schlag.
- **Erpelmännchen**: ein Schimpfwort für einen kleinen, schwachen Mann.
- **Mitgift**: Geld oder Besitz, den eine Braut mit in die Ehe bringt.
- **Kapelle**: eine kleine Kirche.
- **Elle**: hier: ein Stock, mit dem ein Schneider Stoff misst.
- **Waffenträger**: ein Mann, der die Waffen für einen König trägt.
- **das wilde Heer**: eine Menge von Geistern aus alten Geschichten.

## Aschenputtel

Einem reichen Mann wurde seine Frau krank. Als sie fühlte, dass ihr Ende kam, rief sie ihre einzige Tochter zu sich ans Bett. Sie sagte: „Liebes Kind, bleib fromm und gut. Dann wird dir der liebe Gott immer helfen. Ich will vom Himmel auf dich herabsehen und will bei dir sein.“ Darauf schloss sie die Augen und starb.

Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zum Grab der Mutter und weinte. Und sie blieb fromm und gut. Als der Winter kam, deckte der Schnee ein weißes Tüchlein über das Grab. Im Frühling zog die Sonne es wieder herunter. Da nahm sich der Mann eine andere Frau.

Die Frau brachte zwei Töchter mit ins Haus. Sie waren schön und weiß im Gesicht, aber hässlich und schwarz im Herzen. Da begann eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind.

„Soll die dumme Gans bei uns in der Stube sitzen!“, sagten sie. „Wer Brot essen will, muss es verdienen. Hinaus mit der Küchenmagd!“

Sie nahmen ihr die schönen Kleider weg, zogen ihr einen alten grauen Kittel an und gaben ihr Holzschuhe. „Seht einmal die stolze Prinzessin, wie fein sie angezogen ist!“, riefen sie. Sie lachten und führten sie in die Küche.

Dort musste sie von morgens bis abends schwer arbeiten. Sie musste früh vor Tagesanbruch aufstehen, Wasser tragen, Feuer machen, kochen und waschen. Außerdem taten ihr die Schwestern alles Böse an, das man sich denken kann. Sie lachten sie aus und schütteten ihr die Erbsen und Linsen in die Asche. So musste sie dasitzen und alles wieder heraussuchen.

Abends, wenn sie sich müde gearbeitet hatte, durfte sie in kein Bett. Sie musste sich neben dem Herd in die Asche legen. Und weil sie deshalb immer staubig und schmutzig aussah, nannten die Schwestern sie Aschenputtel.

Einmal wollte der Vater zur Messe (einem großen Markt) ziehen. Da fragte er die beiden Stieftöchter, was er ihnen mitbringen sollte.

„Schöne Kleider“, sagte die eine.

„Perlen und Edelsteine“, sagte die zweite.

„Aber du, Aschenputtel“, sagte er, „was willst du haben?“

„Vater, brecht für mich den ersten Zweig ab, der Euch auf dem Heimweg an den Hut stößt.“

Er kaufte nun für die beiden Stiefschwestern schöne Kleider, Perlen und Edelsteine. Auf dem Rückweg ritt er durch einen grünen Busch. Da streifte ihn ein Haselzweig und stieß ihm den Hut vom Kopf. Er brach den Zweig ab und nahm ihn mit.

Als er nach Hause kam, gab er den Stieftöchtern, was sie sich gewünscht hatten. Aschenputtel gab er den Zweig von dem Haselbusch. Aschenputtel dankte ihm, ging zum Grab ihrer Mutter und pflanzte den Zweig darauf. Sie weinte so sehr, dass die Tränen auf ihn fielen und ihn gossen. Er wuchs und wurde ein schöner Baum.

Aschenputtel ging jeden Tag dreimal unter den Baum, weinte und betete. Jedes Mal kam ein weißes Vöglein auf den Baum. Wenn sie einen Wunsch aussprach, warf ihr das Vöglein herunter, was sie sich gewünscht hatte.

Nun gab der König ein Fest, das drei Tage dauern sollte. Alle schönen jungen Frauen im Land wurden dazu eingeladen, damit sein Sohn sich eine Braut aussuchen konnte. Die zwei Stiefschwestern hörten, dass auch sie dabei sein sollten, und waren guter Dinge. Sie riefen Aschenputtel und sagten: „Kämm uns die Haare, bürste uns die Schuhe und mach uns die Schnallen fest. Wir gehen zum Fest auf das Schloss des Königs.“

Aschenputtel gehorchte. Aber sie weinte, weil sie auch gern zum Tanz mitgegangen wäre. Sie bat die Stiefmutter, es ihr zu erlauben.

„Du, Aschenputtel“, sagte die Stiefmutter, „du bist voll Staub und Schmutz und willst zum Fest? Du hast keine Kleider und keine Schuhe und willst tanzen!“

Aber Aschenputtel bat immer weiter. Da sagte die Stiefmutter endlich: „Ich habe dir eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet. Wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder herausgesucht hast, darfst du mitgehen.“

Das Mädchen ging durch die Hintertür in den Garten. Sie rief: „Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen:“

„Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.“

Da kamen zwei weiße Täubchen zum Küchenfenster herein, und danach die Turteltäubchen. Endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein und setzten sich um die Asche. Die Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an: pik, pik, pik, pik. Da fingen auch die anderen an: pik, pik, pik, pik. Sie lasen alle guten Körnlein in die Schüssel. Kaum war eine Stunde vorbei, da waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus.

Nun brachte das Mädchen der Stiefmutter die Schüssel. Sie freute sich und glaubte, sie dürfte nun mit zum Fest gehen. Aber die Stiefmutter sagte: „Nein, Aschenputtel, du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen. Du wirst nur ausgelacht.“

Da weinte Aschenputtel. Die Stiefmutter sagte: „Kannst du in einer Stunde zwei Schüsseln voll Linsen aus der Asche heraussuchen, darfst du mitgehen.“ Und sie dachte: „Das kann sie ja niemals.“

Die Stiefmutter schüttete die zwei Schüsseln Linsen in die Asche. Dann ging das Mädchen durch die Hintertür in den Garten. Sie rief: „Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen:“

„Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.“

Da kamen zwei weiße Täubchen zum Küchenfenster herein, und danach die Turteltäubchen. Endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein und setzten sich um die Asche. Die Täubchen nickten mit ihren Köpfchen und fingen an: pik, pik, pik, pik. Da fingen auch die anderen an: pik, pik, pik, pik. Sie lasen alle guten Körner in die Schüsseln. Und noch bevor eine halbe Stunde vorbei war, waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus.

Da trug das Mädchen die Schüsseln zu der Stiefmutter. Sie freute sich und glaubte, nun dürfte sie mit zum Fest gehen. Aber die Stiefmutter sagte: „Es hilft dir alles nichts. Du kommst nicht mit, denn du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen. Wir müssten uns deiner schämen.“ Darauf drehte sie ihr den Rücken zu und eilte mit ihren zwei stolzen Töchtern fort.

Als nun niemand mehr zu Hause war, ging Aschenputtel zum Grab ihrer Mutter unter den Haselbaum und rief:

„Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich.“

Da warf ihr der Vogel ein Kleid aus Gold und Silber herunter. Dazu warf er Pantoffeln herunter, die mit Seide und Silber bestickt waren. In aller Eile zog sie das Kleid an und ging zum Fest. Ihre Schwestern und die Stiefmutter erkannten sie nicht. Sie meinten, sie müsste eine fremde Königstochter sein, so schön sah sie in dem goldenen Kleid aus. An Aschenputtel dachten sie gar nicht. Sie glaubten, sie säße zu Hause im Schmutz und suchte die Linsen aus der Asche.

Der Königssohn kam ihr entgegen, nahm sie bei der Hand und tanzte mit ihr. Er wollte auch mit keiner anderen tanzen. Darum ließ er ihre Hand nicht los. Wenn ein anderer kam und sie zum Tanz bitten wollte, sagte er: „Das ist meine Tänzerin.“

Sie tanzte, bis es Abend war. Da wollte sie nach Hause gehen. Aber der Königssohn sagte: „Ich gehe mit und begleite dich.“ Denn er wollte sehen, zu wem das schöne Mädchen gehörte. Sie lief ihm aber davon und sprang in das Taubenhaus.

Nun wartete der Königssohn, bis der Vater kam. Er sagte ihm, das fremde Mädchen sei in das Taubenhaus gesprungen. Der Alte dachte: „Sollte das Aschenputtel sein?“ Sie mussten ihm Axt und Hacken bringen, damit er das Taubenhaus zerschlagen konnte. Aber es war niemand darin.

Als sie ins Haus kamen, lag Aschenputtel in ihren schmutzigen Kleidern in der Asche. Eine trübe Öllampe brannte im Schornstein. Denn Aschenputtel war schnell hinten aus dem Taubenhaus heruntergesprungen und zum Haselbäumchen gelaufen. Dort hatte sie die schönen Kleider ausgezogen und auf das Grab gelegt. Der Vogel hatte sie wieder weggenommen. Dann hatte sie sich in ihrem grauen Kittelchen in die Küche zur Asche gesetzt.

Am nächsten Tag begann das Fest von neuem. Als die Eltern und die Stiefschwestern wieder fort waren, ging Aschenputtel zu dem Haselbaum und sagte:

„Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich.“

Da warf der Vogel ein noch viel prächtigeres Kleid herunter als am Tag davor. Als sie in diesem Kleid auf dem Fest erschien, staunte jeder über ihre Schönheit. Der Königssohn hatte gewartet, bis sie kam. Er nahm sie gleich bei der Hand und tanzte nur mit ihr. Wenn die anderen kamen und sie zum Tanz baten, sagte er: „Das ist meine Tänzerin.“

Als es nun Abend war, wollte sie fort. Der Königssohn ging ihr nach und wollte sehen, in welches Haus sie ging. Aber sie lief ihm davon, in den Garten hinter dem Haus. Darin stand ein schöner großer Baum, an dem die herrlichsten Birnen hingen. Sie kletterte so flink wie ein Eichhörnchen zwischen die Äste. Der Königssohn wusste nicht, wo sie hingekommen war.

Er wartete aber, bis der Vater kam. Er sagte zu ihm: „Das fremde Mädchen ist mir davongelaufen. Ich glaube, sie ist auf den Birnbaum gesprungen.“ Der Vater dachte: „Sollte das Aschenputtel sein?“ Er ließ sich die Axt holen und schlug den Baum um. Aber es war niemand darauf.

Als sie in die Küche kamen, lag Aschenputtel da in der Asche, wie sonst auch. Denn sie war auf der anderen Seite vom Baum heruntergesprungen. Sie hatte dem Vogel auf dem Haselbäumchen die schönen Kleider zurückgebracht und ihr graues Kittelchen angezogen.

Am dritten Tag, als die Eltern und die Schwestern fort waren, ging Aschenputtel wieder zum Grab ihrer Mutter. Sie sagte zu dem Bäumchen:

„Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich.“

Nun warf ihr der Vogel ein Kleid herunter, das so prächtig und glänzend war wie noch keines zuvor. Die Pantoffeln waren ganz aus Gold. Als sie in dem Kleid zum Fest kam, wussten alle vor Staunen nicht, was sie sagen sollten. Der Königssohn tanzte ganz allein mit ihr. Wenn jemand sie zum Tanz bat, sagte er: „Das ist meine Tänzerin.“

Als es nun Abend war, wollte Aschenputtel fort, und der Königssohn wollte sie begleiten. Aber sie lief ihm so schnell davon, dass er nicht folgen konnte. Der Königssohn hatte aber eine List gebraucht. Er hatte die ganze Treppe mit Pech bestreichen lassen. Als sie die Treppe hinuntersprang, blieb ihr linker Pantoffel hängen. Der Königssohn hob ihn auf. Er war klein und zierlich und ganz aus Gold.

Am nächsten Morgen ging er damit zu dem Mann. Er sagte zu ihm: „Keine andere soll meine Gemahlin werden als die, an deren Fuß dieser goldene Schuh passt.“

Da freuten sich die beiden Schwestern, denn sie hatten schöne Füße. Die Älteste ging mit dem Schuh in die Kammer und wollte ihn anprobieren. Die Stiefmutter stand dabei. Aber sie kam mit der großen Zehe nicht hinein, und der Schuh war ihr zu klein. Da gab ihr die Stiefmutter ein Messer. Sie sagte: „Hau die Zehe ab: Wenn du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.“

Das Mädchen schlug die Zehe ab und zwängte den Fuß in den Schuh. Sie biss die Zähne zusammen und ging hinaus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut auf das Pferd und ritt mit ihr fort. Sie mussten aber am Grab vorbei. Dort saßen die zwei Täubchen auf dem Haselbäumchen und riefen:

„Rucke di guck, rucke di guck, Blut ist im Schuck (Schuh): Der Schuck ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim.“

Da blickte er auf ihren Fuß und sah, wie das Blut herausquoll. Er wendete sein Pferd und brachte die falsche Braut wieder nach Hause. Er sagte, das sei nicht die rechte, die andere Schwester solle den Schuh anziehen.

Da ging diese in die Kammer. Sie kam mit den Zehen gut in den Schuh, aber die Ferse war zu groß. Da gab ihr die Stiefmutter ein Messer. Sie sagte: „Hau ein Stück von der Ferse ab: Wenn du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.“

Das Mädchen schlug ein Stück von der Ferse ab und zwängte den Fuß in den Schuh. Sie biss die Zähne zusammen und ging hinaus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut auf das Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie am Haselbäumchen vorbeikamen, saßen die zwei Täubchen darauf und riefen:

„Rucke di guck, rucke di guck, Blut ist im Schuck: Der Schuck ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim.“

Er blickte hinunter auf ihren Fuß. Er sah, wie das Blut aus dem Schuh quoll und ganz rot an den weißen Strümpfen heraufgestiegen war. Da wendete er sein Pferd und brachte die falsche Braut wieder nach Hause.

„Das ist auch nicht die rechte“, sagte er. „Habt ihr keine andere Tochter?“

„Nein“, sagte der Mann, „nur von meiner verstorbenen Frau ist noch ein kleines verbuttetes Aschenputtel da. Das kann unmöglich die Braut sein.“

Der Königssohn sagte, er solle sie heraufschicken. Die Stiefmutter aber antwortete: „Ach nein, die ist viel zu schmutzig, die darf sich nicht sehen lassen.“

Er wollte sie aber unbedingt sehen, und Aschenputtel musste gerufen werden. Da wusch sie sich erst Hände und Gesicht sauber. Dann ging sie hin und verneigte sich vor dem Königssohn, der ihr den goldenen Schuh reichte. Sie setzte sich auf einen Schemel und zog den Fuß aus dem schweren Holzschuh. Sie steckte ihn in den Pantoffel, und der passte wie angegossen.

Sie richtete sich auf, und der Königssohn sah ihr ins Gesicht. Da erkannte er das schöne Mädchen, das mit ihm getanzt hatte. Er rief: „Das ist die rechte Braut!“

Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden bleich vor Ärger. Er aber nahm Aschenputtel auf das Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie am Haselbäumchen vorbeikamen, riefen die zwei weißen Täubchen:

„Rucke di guck, rucke di guck, kein Blut im Schuck: Der Schuck ist nicht zu klein, die rechte Braut, die führt er heim.“

Als sie das gerufen hatten, kamen beide heruntergeflogen. Sie setzten sich Aschenputtel auf die Schultern, eine rechts, die andere links, und blieben dort sitzen.

Als die Hochzeit mit dem Königssohn gefeiert werden sollte, kamen die falschen Schwestern. Sie wollten sich einschmeicheln und an Aschenputtels Glück teilhaben. Als das Brautpaar nun zur Kirche ging, war die Älteste auf der rechten Seite und die Jüngste auf der linken. Da pickten die Tauben jeder von ihnen das eine Auge aus. Als sie danach herauskamen, war die Älteste auf der linken Seite und die Jüngste auf der rechten. Da pickten die Tauben jeder von ihnen das andere Auge aus. So wurden sie für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit bestraft, ihr ganzes Leben lang.

### Glossar

- **Stiefkind**: das Kind des Mannes oder der Frau aus einer früheren Ehe.
- **Stube**: ein altes Wort für das Wohnzimmer.
- **Kittel**: ein einfaches, grobes Kleid für die Arbeit.
- **schütteten**: ließen aus einem Gefäß fallen (von „schütten“).
- **Herd**: der Platz in der Küche, wo man Feuer macht und kocht.
- **Messe**: hier: ein großer Markt.
- **Stiefschwestern**: hier: die Töchter der neuen Frau des Vaters.
- **Stiefmutter**: die neue Frau des Vaters.
- **zahmen**: nicht wild, an Menschen gewöhnt.
- **Turteltäubchen**: kleine Tauben.
- **lesen**: hier: gute Körner heraussuchen.
- **Kröpfchen**: der Hals von einem Vogel, in dem das Essen zuerst landet.
- **schwirrten**: flogen schnell mit einem leisen, hellen Geräusch.
- **schwärmten**: flogen in einer großen Gruppe.
- **pik**: das Geräusch, wenn ein Vogel Körner pickt.
- **rüttel**: von „rütteln“: stark hin und her bewegen.
- **schüttel**: von „schütteln“: schnell hin und her bewegen.
- **Pantoffeln**: hier: feine, leichte Schuhe.
- **Pech**: eine schwarze, sehr klebrige Masse.
- **Zehe**: einer der fünf Teile vorn am Fuß.
- **zwängte**: drückte mit Kraft in etwas, das zu eng ist.
- **Ferse**: der hintere Teil des Fußes.
- **Schuck**: alte Form von „Schuh“.
- **verbuttetes**: klein geblieben.
- **wie angegossen**: ganz genau passend.

## Frau Holle

Eine Witwe hatte zwei Töchter. Die eine war schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Die Witwe hatte aber die Hässliche und Faule viel lieber, weil sie ihre richtige Tochter war. Die andere musste alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Haus sein.

Das arme Mädchen musste sich jeden Tag an die große Straße zu einem Brunnen setzen. Dort musste sie so viel spinnen, dass ihr das Blut aus den Fingern sprang. Einmal war die Spule ganz blutig. Da beugte sie sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen. Aber die Spule sprang ihr aus der Hand und fiel hinunter.

Sie weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr von dem Unglück. Die Stiefmutter schimpfte aber sehr heftig mit ihr und hatte kein Mitleid. Deshalb sagte sie: „Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.“

Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wusste nicht, was sie tun sollte. In ihrer großen Angst sprang sie in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Sie verlor das Bewusstsein. Als sie erwachte und wieder zu sich kam, war sie auf einer schönen Wiese. Dort schien die Sonne, und viele tausend Blumen standen da.

Sie ging über die Wiese weiter und kam zu einem Backofen, der voller Brot war. Das Brot rief: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: Ich bin schon längst ausgebacken.“

Da trat sie heran und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus.

Danach ging sie weiter und kam zu einem Baum, der voller Äpfel hing. Der Baum rief ihr zu: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“

Da schüttelte sie den Baum, und die Äpfel fielen, als ob sie regneten. Sie schüttelte, bis keiner mehr oben war. Dann legte sie alle zu einem Haufen zusammen und ging wieder weiter.

Endlich kam sie zu einem kleinen Haus. Daraus schaute eine alte Frau. Weil die Frau so große Zähne hatte, bekam das Mädchen Angst und wollte fortlaufen. Aber die alte Frau rief ihr nach: „Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir. Wenn du alle Arbeit im Haus ordentlich tun willst, soll es dir gut gehen. Du musst nur darauf achten, dass du mein Bett gut machst. Du musst es fleißig aufschütteln, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.“

Weil die Alte so freundlich mit ihr sprach, fasste sich das Mädchen ein Herz. Sie war einverstanden und trat in ihren Dienst. Sie machte auch alles so, dass Frau Holle zufrieden war. Das Bett schüttelte sie immer so kräftig auf, dass die Federn wie Schneeflocken herumflogen. Dafür hatte sie auch ein gutes Leben bei ihr: kein böses Wort und jeden Tag Gekochtes und Gebratenes.

Nun war sie eine Zeit lang bei Frau Holle. Da wurde sie traurig und wusste zuerst selbst nicht, was ihr fehlte. Endlich merkte sie, dass es Heimweh war. Hier ging es ihr zwar viele tausendmal besser als zu Hause, aber sie wollte trotzdem dorthin zurück.

Endlich sagte sie zu ihr: „Ich habe Heimweh bekommen. Auch wenn es mir hier unten noch so gut geht, kann ich doch nicht länger bleiben. Ich muss wieder hinauf zu meiner Familie.“

Frau Holle sagte: „Es gefällt mir, dass du wieder nach Hause möchtest. Weil du mir so treu gedient hast, will ich dich selbst wieder hinaufbringen.“

Darauf nahm sie das Mädchen bei der Hand und führte sie vor ein großes Tor. Das Tor wurde geöffnet. Als das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen. Alles Gold blieb an ihr hängen, sodass sie von oben bis unten damit bedeckt war.

„Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist“, sagte Frau Holle. Sie gab ihr auch die Spule zurück, die ihr in den Brunnen gefallen war.

Darauf wurde das Tor geschlossen, und das Mädchen war oben auf der Welt, nicht weit vom Haus ihrer Mutter. Als sie in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:

„Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.“

Da ging sie hinein zu ihrer Mutter. Weil sie so mit Gold bedeckt ankam, nahmen die Mutter und die Schwester sie freundlich auf.

Das Mädchen erzählte alles, was ihr begegnet war. Die Mutter hörte, wie sie zu dem großen Reichtum gekommen war. Da wollte sie der anderen, hässlichen und faulen Tochter gern dasselbe Glück verschaffen. Die Faule musste sich an den Brunnen setzen und spinnen. Damit ihre Spule blutig wurde, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selbst hinein.

Sie kam wie die andere auf die schöne Wiese und ging auf demselben Weg weiter. Sie kam zu dem Backofen. Da schrie das Brot wieder: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: Ich bin schon längst ausgebacken.“

Die Faule aber antwortete: „Da hätt ich Lust, mich schmutzig zu machen.“ Und sie ging fort.

Bald kam sie zu dem Apfelbaum. Der rief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“

Sie antwortete aber: „Du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen.“ Und damit ging sie weiter.

Dann kam sie vor das Haus von Frau Holle. Sie fürchtete sich nicht, denn sie hatte von ihren großen Zähnen schon gehört. Sie trat gleich in ihren Dienst. Am ersten Tag zwang sie sich, war fleißig und gehorchte, wenn Frau Holle ihr etwas sagte. Denn sie dachte an das viele Gold, das Frau Holle ihr schenken würde.

Am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr. Da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie machte Frau Holle auch das Bett nicht so, wie es sich gehörte. Sie schüttelte es nicht, dass die Federn aufflogen.

Frau Holle hatte bald genug davon und sagte ihr, dass sie gehen sollte. Die Faule war damit sehr zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen. Frau Holle führte sie auch zu dem Tor. Aber als sie darunter stand, wurde statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet.

„Das ist zur Belohnung deiner Dienste“, sagte Frau Holle und schloss das Tor zu.

Da kam die Faule nach Hause, aber sie war ganz mit Pech bedeckt. Als der Hahn auf dem Brunnen sie sah, rief er:

„Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.“

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen.

### Glossar

- **Witwe**: eine Frau, deren Mann gestorben ist.
- **Aschenputtel**: hier: ein Mädchen, das im Haus die ganze schmutzige Arbeit machen muss.
- **spinnen**: aus Wolle oder Flachs einen Faden machen.
- **Spule**: ein Stück Holz, um das man den Faden wickelt.
- **Brotschieber**: ein langes Holzbrett, mit dem man Brot aus dem Ofen holt.
- **Kessel**: ein großer Topf.
- **Pech**: eine schwarze, sehr klebrige Masse.
- **Jungfrau**: eine junge, nicht verheiratete Frau.
- **hie**: alte Form von „hier“.

## Rotkäppchen

Es war einmal ein kleines süßes Mädchen. Jeder, der sie nur ansah, hatte sie lieb. Am allerliebsten aber hatte ihre Großmutter sie. Die wusste gar nicht, was sie dem Kind alles geben sollte. Einmal schenkte sie ihr ein Käppchen aus rotem Samt. Weil ihr das so gut stand und sie nichts anderes mehr tragen wollte, hieß sie nur noch Rotkäppchen.

Eines Tages sagte ihre Mutter zu ihr: „Komm, Rotkäppchen, hier hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein. Bring das der Großmutter hinaus. Sie ist krank und schwach, und das wird ihr guttun. Geh los, bevor es heiß wird. Und wenn du draußen bist, geh schön brav und lauf nicht vom Weg ab. Sonst fällst du und zerbrichst das Glas, und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, vergiss nicht, guten Morgen zu sagen. Und schau nicht erst in alle Ecken.“

„Ich will schon alles gut machen“, sagte Rotkäppchen zur Mutter und gab ihr die Hand darauf.

Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf entfernt. Als Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete ihr der Wolf. Rotkäppchen wusste aber nicht, was das für ein böses Tier war, und hatte keine Angst vor ihm.

„Guten Tag, Rotkäppchen“, sagte er.

„Schönen Dank, Wolf.“

„Wohin so früh, Rotkäppchen?“

„Zur Großmutter.“

„Was trägst du unter der Schürze?“

„Kuchen und Wein. Gestern haben wir gebacken. Damit soll sich die kranke und schwache Großmutter etwas Gutes tun und sich stärken.“

„Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?“

„Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichen, da steht ihr Haus. Unten sind die Nusshecken, das wirst du ja wissen“, sagte Rotkäppchen.

Der Wolf dachte bei sich: „Das junge, zarte Ding ist ein fetter Bissen. Es wird noch besser schmecken als die Alte. Du musst es schlau anfangen, damit du beide fängst.“

Da ging er ein Weilchen neben Rotkäppchen her. Dann sagte er: „Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsherum stehen. Warum schaust du dich nicht um? Ich glaube, du hörst gar nicht, wie schön die Vöglein singen. Du gehst ja dahin, als ob du zur Schule gingst. Dabei ist es hier draußen im Wald so lustig.“

Rotkäppchen sah auf. Sie sah, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten und wie überall schöne Blumen standen. Da dachte sie: „Wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, wird sie sich auch freuen. Es ist noch so früh am Tag, dass ich doch zur rechten Zeit ankomme.“

Sie lief vom Weg ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Wenn sie eine gepflückt hatte, meinte sie, weiter weg stehe eine schönere. Sie lief danach und kam immer tiefer in den Wald hinein.

Der Wolf aber ging geradewegs zum Haus der Großmutter und klopfte an die Tür.

„Wer ist draußen?“

„Rotkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf.“

„Drück nur auf die Klinke“, rief die Großmutter. „Ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.“

Der Wolf drückte auf die Klinke, und die Tür sprang auf. Ohne ein Wort zu sagen, ging er gerade zum Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann zog er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge zu.

Rotkäppchen aber war den Blumen nachgelaufen. Als sie so viele hatte, dass sie keine mehr tragen konnte, fiel ihr die Großmutter wieder ein. Sie machte sich auf den Weg zu ihr. Sie wunderte sich, dass die Tür offen stand. Als sie in die Stube trat, kam ihr alles so seltsam vor. Da dachte sie: „Ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mir heute zumute! Sonst bin ich doch so gern bei der Großmutter!“

Sie rief: „Guten Morgen!“ Aber sie bekam keine Antwort. Darauf ging sie zum Bett und zog die Vorhänge zurück. Da lag die Großmutter. Sie hatte die Haube tief ins Gesicht gezogen und sah so seltsam aus.

„Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!“

„Damit ich dich besser hören kann.“

„Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“

„Damit ich dich besser sehen kann.“

„Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!“

„Damit ich dich besser packen kann.“

„Aber, Großmutter, was hast du für ein schrecklich großes Maul!“

„Damit ich dich besser fressen kann.“

Kaum hatte der Wolf das gesagt, sprang er mit einem Satz aus dem Bett und verschlang das arme Rotkäppchen.

Als der Wolf satt war, legte er sich wieder ins Bett. Er schlief ein und fing an, sehr laut zu schnarchen. Der Jäger ging gerade an dem Haus vorbei und dachte: „Wie die alte Frau schnarcht! Du musst doch nachsehen, ob ihr etwas fehlt.“

Da trat er in die Stube. Als er vor dem Bett stand, sah er, dass der Wolf darin lag.

„Finde ich dich hier, du alter Sünder“, sagte er. „Ich habe dich lange gesucht.“

Nun wollte er mit seiner Büchse auf ihn zielen. Da fiel ihm ein, dass der Wolf die Großmutter gefressen haben könnte. Vielleicht war sie noch zu retten. Deshalb schoss er nicht. Er nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden.

Nach ein paar Schnitten sah er das rote Käppchen leuchten. Nach noch ein paar Schnitten sprang das Mädchen heraus und rief: „Ach, wie war ich erschrocken, wie war's so dunkel in dem Wolf seinem Leib!“

Dann kam auch die alte Großmutter noch lebendig heraus und konnte kaum atmen. Rotkäppchen aber holte schnell große Steine. Damit füllten sie dem Wolf den Bauch. Als er aufwachte, wollte er fortspringen. Aber die Steine waren so schwer, dass er gleich zu Boden sank und tot war.

Da waren alle drei froh. Der Jäger zog dem Wolf das Fell ab und ging damit nach Hause. Die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, den Rotkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder. Rotkäppchen aber dachte: „Du willst dein Leben lang nicht wieder allein vom Weg ab in den Wald laufen. Jedenfalls nicht, wenn es dir die Mutter verboten hat.“

Es wird auch erzählt: Einmal brachte Rotkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes. Da sprach ein anderer Wolf sie an und wollte sie vom Weg weglocken. Rotkäppchen aber passte auf und ging geradeaus auf ihrem Weg weiter. Sie sagte der Großmutter, dass sie dem Wolf begegnet war. Er hatte ihr guten Tag gewünscht, aber so böse aus den Augen geschaut.

„Wenn's nicht auf offener Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.“

„Komm“, sagte die Großmutter, „wir wollen die Tür abschließen, damit er nicht hereinkann.“

Bald danach klopfte der Wolf an und rief: „Mach auf, Großmutter, ich bin das Rotkäppchen, ich bring dir Gebackenes.“

Sie schwiegen aber still und machten die Tür nicht auf. Da schlich der Graukopf einige Male um das Haus. Endlich sprang er auf das Dach. Er wollte warten, bis Rotkäppchen am Abend nach Hause ging. Dann wollte er ihr nachschleichen und sie in der Dunkelheit fressen.

Aber die Großmutter merkte, was er vorhatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog. Da sagte sie zu dem Kind: „Nimm den Eimer, Rotkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht. Da trag das Wasser, in dem sie gekocht sind, in den Trog.“

Rotkäppchen trug so lange, bis der große, große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase. Er schnupperte und schaute hinunter. Endlich machte er den Hals so lang, dass er sich nicht mehr halten konnte und anfing zu rutschen. So rutschte er vom Dach herunter, gerade in den großen Trog hinein, und ertrank. Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Hause, und niemand tat ihr etwas Böses.

### Glossar

- **Samt**: ein weicher, teurer Stoff.
- **Bissen**: ein Stück Essen, so viel man auf einmal in den Mund nimmt.
- **Klinke**: der Griff an der Tür.
- **Haube**: eine Mütze für Frauen.
- **Sünder**: ein Mensch, der Böses getan hat.
- **Büchse**: ein Gewehr.
- **Graukopf**: hier: ein anderes Wort für den Wolf.
- **Trog**: ein großer, offener Behälter für Wasser.

## Die Bremer Stadtmusikanten

Es hatte ein Mann einen Esel. Viele Jahre lang hatte der Esel geduldig die Säcke zur Mühle getragen. Aber nun gingen seine Kräfte zu Ende, sodass er immer schlechter arbeiten konnte. Da dachte der Herr daran, ihm kein Futter mehr zu geben. Aber der Esel merkte, dass ihm etwas Schlechtes drohte. Er lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen. Er meinte, dort könnte er ja Stadtmusikant werden.

Als er eine Weile gegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Weg liegen. Der Hund atmete schwer, wie jemand, der sich müde gelaufen hat.

„Nun, was jappst du so, Packan?“, fragte der Esel.

„Ach“, sagte der Hund, „ich bin alt und werde jeden Tag schwächer. Auf der Jagd kann ich auch nicht mehr mitlaufen. Deshalb wollte mein Herr mich totschlagen. Da bin ich schnell weggelaufen. Aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?“

„Weißt du was?“, sprach der Esel. „Ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant. Geh mit und lass dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.“

Der Hund war zufrieden, und sie gingen weiter.

Es dauerte nicht lange, da saß eine Katze am Weg und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter.

„Nun, was ist dir denn passiert, alter Bartputzer?“, sprach der Esel.

„Wer kann da lustig sein, wenn es einem ans Leben geht?“, antwortete die Katze. „Ich werde alt, und meine Zähne werden stumpf. Ich sitze lieber hinter dem Ofen und schnurre, als nach Mäusen zu jagen. Deshalb wollte meine Herrin mich ertränken. Ich bin zwar noch weggelaufen, aber nun weiß ich nicht weiter. Wohin soll ich gehen?“

„Geh mit uns nach Bremen“, sagte der Esel. „Du verstehst doch etwas von der Nachtmusik. Da kannst du ein Stadtmusikant werden.“

Die Katze hielt das für gut und ging mit.

Darauf kamen die drei Flüchtlinge an einem Hof vorbei. Dort saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus voller Kraft.

„Dein Schreien geht einem durch den ganzen Körper“, sprach der Esel. „Was hast du vor?“

„Ich habe gutes Wetter vorausgesagt“, sprach der Hahn, „weil heute unserer lieben Frauen Tag ist. An diesem Tag hat sie dem Christkind die Hemdchen gewaschen und will sie trocknen. Aber morgen zum Sonntag kommen Gäste. Deshalb hat die Hausfrau doch kein Mitleid. Sie hat der Köchin gesagt, dass sie mich morgen in der Suppe essen will. Da soll mir heute Abend der Kopf abgeschnitten werden. Nun schreie ich aus vollem Hals, solange ich noch kann.“

„Ei was, du Rotkopf“, sagte der Esel, „zieh lieber mit uns fort. Wir gehen nach Bremen. Etwas Besseres als den Tod findest du überall. Du hast eine gute Stimme. Wenn wir zusammen Musik machen, dann muss das gut klingen.“

Der Hahn war mit dem Vorschlag einverstanden, und alle vier gingen zusammen fort.

Sie konnten die Stadt Bremen aber nicht an einem Tag erreichen. Am Abend kamen sie in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum. Die Katze und der Hahn setzten sich in die Äste. Der Hahn aber flog bis in die Spitze, wo es für ihn am sichersten war. Bevor er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Seiten um. Da glaubte er, in der Ferne ein Fünkchen brennen zu sehen. Er rief seinen Freunden zu: „Nicht weit von hier muss ein Haus sein, denn ich sehe ein Licht.“

Der Esel sprach: „Dann müssen wir aufbrechen und noch dorthin gehen, denn hier ist die Herberge schlecht.“

Der Hund meinte, ein paar Knochen mit etwas Fleisch daran täten ihm auch gut.

Also machten sie sich auf den Weg zu der Gegend, wo das Licht war. Bald sahen sie es heller leuchten, und es wurde immer größer. Endlich kamen sie vor ein hell erleuchtetes Räuberhaus. Der Esel, der der Größte war, ging zum Fenster und schaute hinein.

„Was siehst du, Grauschimmel?“, fragte der Hahn.

„Was ich sehe?“, antwortete der Esel. „Einen gedeckten Tisch mit gutem Essen und Trinken. Räuber sitzen daran und lassen es sich gut gehen.“

„Das wäre was für uns“, sprach der Hahn.

„Ja, ja, ach, wären wir da!“, sagte der Esel.

Da überlegten die Tiere, wie sie die Räuber hinausjagen könnten, und endlich fanden sie ein Mittel. Der Esel musste sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen. Der Hund musste auf den Rücken des Esels springen, und die Katze musste auf den Hund klettern. Zuletzt flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf.

Als das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen alle zusammen an, ihre Musik zu machen. Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute, und der Hahn krähte. Dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, dass die Scheiben klirrten.

Die Räuber sprangen bei dem furchtbaren Geschrei in die Höhe. Sie glaubten, ein Gespenst käme herein, und flohen in größter Angst in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Freunde an den Tisch. Sie waren mit dem zufrieden, was übrig geblieben war, und aßen, als ob sie vier Wochen hungern müssten.

Als die vier Musikanten fertig waren, löschten sie das Licht und suchten sich einen Schlafplatz. Jeder suchte den Platz, der zu ihm passte und für ihn am bequemsten war. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Tür, die Katze auf den Herd bei der warmen Asche. Der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken. Weil sie müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein.

Als Mitternacht vorbei war, sahen die Räuber von weitem, dass kein Licht mehr im Haus brannte. Auch schien alles ruhig zu sein. Da sprach der Hauptmann: „Wir hätten uns doch nicht sollen ins Bockshorn jagen lassen.“ Er schickte einen Räuber hin, der das Haus untersuchen sollte.

Der Räuber fand alles still. Er ging in die Küche, um Licht zu machen. Die glühenden, feurigen Augen der Katze hielt er für brennende Kohlen. Deshalb hielt er ein Schwefelhölzchen daran, damit es Feuer fing. Aber die Katze verstand keinen Spaß. Sie sprang ihm ins Gesicht, spuckte und kratzte.

Da erschrak er sehr und wollte zur Hintertür hinauslaufen. Aber der Hund, der dort lag, sprang auf und biss ihn ins Bein. Und als er über den Hof am Mist vorbeirannte, gab ihm der Esel noch einen kräftigen Schlag mit dem Hinterfuß. Der Hahn aber war von dem Lärm aufgewacht und munter geworden. Er rief vom Balken herab: „Kikeriki!“

Da lief der Räuber, so schnell er konnte, zu seinem Hauptmann zurück. Er sprach: „Ach, in dem Haus sitzt eine schreckliche Hexe. Sie hat mich angehaucht und mir mit ihren langen Fingern das Gesicht zerkratzt. Vor der Tür steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen. Auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat mit einer Holzkeule auf mich eingeschlagen. Und oben auf dem Dach, da sitzt der Richter. Der rief: ‚Bringt mir den Schelm her.‘ Da bin ich schnell weggelaufen.“

Von nun an trauten sich die Räuber nicht mehr in das Haus. Den vier Bremer Musikanten aber gefiel es darin so gut, dass sie nicht wieder hinauswollten. Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.

### Glossar

- **jappst**: du atmest schnell und schwer, weil du müde bist.
- **Laute**: ein altes Musikinstrument mit Saiten.
- **Pauken**: große Trommeln.
- **ertränken**: jemanden im Wasser sterben lassen.
- **unserer lieben Frauen Tag**: ein Feiertag für Maria, die Mutter von Jesus.
- **Hausfrau**: hier: die Herrin auf dem Hof.
- **Köchin**: eine Frau, die für andere Leute kocht.
- **Herberge**: ein Haus, in dem man übernachten kann.
- **erleuchtetes**: voller Licht.
- **miaute**: machte „miau“ wie eine Katze.
- **krähte**: machte den lauten Ruf des Hahns.
- **Stube**: ein altes Wort für Zimmer.
- **klirrten**: machten das helle Geräusch von Glas.
- **Gespenst**: ein Geist, vor dem man Angst hat.
- **Musikanten**: Menschen, die Musik machen.
- **Mist**: Tierkot und Stroh aus dem Stall.
- **ins Bockshorn jagen lassen**: sich Angst machen lassen.
- **glühenden**: heiß und rot leuchtend.
- **feurigen**: hell leuchtend wie Feuer.
- **Schwefelhölzchen**: ein altes Streichholz.
- **Ungetüm**: ein Monster.
- **Schelm**: ein böser, unehrlicher Mensch.

## Dornröschen

Vor Zeiten lebten ein König und eine Königin. Jeden Tag sagten sie: „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ Aber sie bekamen nie eins.

Als die Königin einmal im Bad saß, kroch ein Frosch aus dem Wasser ans Land. Er sprach zu ihr: „Dein Wunsch wird erfüllt werden. Bevor ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.“

Was der Frosch gesagt hatte, das geschah. Die Königin bekam ein Mädchen, das war so schön, dass der König vor Freude ganz außer sich war. Da gab er ein großes Fest. Er lud nicht nur seine Verwandten, Freunde und Bekannten ein. Er lud auch die weisen Frauen ein, damit sie dem Kind freundlich und gut gesinnt waren. Es gab dreizehn weise Frauen in seinem Reich. Aber er hatte nur zwölf goldene Teller, von denen sie essen sollten. Deshalb musste eine von ihnen zu Hause bleiben.

Das Fest wurde mit aller Pracht gefeiert. Als es zu Ende war, beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben. Die eine schenkte ihr Tugend, die andere Schönheit, die dritte Reichtum. So ging es weiter mit allem, was man sich auf der Welt wünschen kann.

Als elf ihre Sprüche gerade gesagt hatten, kam plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen, dass sie nicht eingeladen war. Sie grüßte niemanden und sah auch niemanden an. Mit lauter Stimme rief sie: „Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.“ Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verließ den Saal.

Alle waren erschrocken. Da trat die zwölfte vor, die ihren Wunsch noch übrig hatte. Sie konnte den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur mildern. Deshalb sagte sie: „Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in den die Königstochter fällt.“

Der König wollte sein liebes Kind vor dem Unglück bewahren. Deshalb gab er den Befehl, dass alle Spindeln im ganzen Königreich verbrannt werden sollten. An dem Mädchen aber gingen alle Gaben der weisen Frauen in Erfüllung. Denn sie war so schön, bescheiden, freundlich und klug, dass jeder sie lieb haben musste, der sie ansah.

An dem Tag, an dem sie gerade fünfzehn Jahre alt wurde, waren der König und die Königin nicht zu Hause. Das Mädchen blieb ganz allein im Schloss zurück. Da ging sie überall herum und sah sich Stuben und Kammern an, wie sie Lust hatte. Endlich kam sie auch zu einem alten Turm. Sie stieg die enge Wendeltreppe hinauf und kam zu einer kleinen Tür. Im Schloss der Tür steckte ein rostiger Schlüssel. Als sie ihn umdrehte, sprang die Tür auf. In einem kleinen Stübchen saß eine alte Frau mit einer Spindel und spann fleißig ihren Flachs.

„Guten Tag, du altes Mütterchen“, sprach die Königstochter, „was machst du da?“

„Ich spinne“, sagte die Alte und nickte mit dem Kopf.

„Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?“, sprach das Mädchen. Sie nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Aber kaum hatte sie die Spindel berührt, da ging der Zauberspruch in Erfüllung. Sie stach sich damit in den Finger.

In dem Augenblick, in dem sie den Stich spürte, fiel sie auf das Bett, das dort stand. Sie lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf breitete sich über das ganze Schloss aus. Der König und die Königin waren gerade nach Hause gekommen und in den Saal getreten. Sie fingen an einzuschlafen, und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hof, die Tauben auf dem Dach und die Fliegen an der Wand. Ja, sogar das Feuer, das auf dem Herd flackerte, wurde still und schlief ein. Der Braten hörte auf zu brutzeln. Der Koch wollte den Küchenjungen gerade an den Haaren ziehen, weil er etwas falsch gemacht hatte. Aber er ließ ihn los und schlief. Und der Wind hörte auf zu wehen, und auf den Bäumen vor dem Schloss bewegte sich kein Blättchen mehr.

Rings um das Schloss aber begann eine Dornenhecke zu wachsen. Sie wurde jedes Jahr höher und zog sich endlich um das ganze Schloss. Sie wuchs auch darüber hinaus, sodass man gar nichts mehr davon sehen konnte, nicht einmal die Fahne auf dem Dach.

Im Land aber erzählte man sich die Sage von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so wurde die Königstochter genannt. Deshalb kamen von Zeit zu Zeit Königssöhne, die durch die Hecke in das Schloss eindringen wollten. Aber das war ihnen nicht möglich. Denn die Dornen hielten fest zusammen, als hätten sie Hände. Die jungen Männer blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder befreien und starben einen elenden Tod.

Nach langen, langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land. Er hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte. Hinter der Hecke sollte ein Schloss stehen. Darin sollte eine wunderschöne Königstochter, die Dornröschen hieß, schon seit hundert Jahren schlafen. Und mit ihr sollten der König, die Königin und der ganze Hofstaat schlafen. Der alte Mann wusste auch von seinem Großvater, dass schon viele Königssöhne gekommen waren. Sie hatten versucht, durch die Dornenhecke zu dringen. Aber sie waren darin hängen geblieben und eines traurigen Todes gestorben.

Da sprach der junge Mann: „Ich fürchte mich nicht. Ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.“

Der gute Alte riet ihm ab, so sehr er konnte, aber der Königssohn hörte nicht auf seine Worte.

Nun waren aber gerade die hundert Jahre vergangen, und der Tag war gekommen, an dem Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn zur Dornenhecke kam, waren es lauter große, schöne Blumen. Sie gingen von selbst auseinander und ließen ihn unverletzt hindurch. Hinter ihm schlossen sie sich wieder zu einer Hecke zusammen.

Im Schlosshof sah er die Pferde und die gefleckten Jagdhunde liegen und schlafen. Auf dem Dach saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen an der Wand. Der Koch in der Küche hielt die Hand noch so, als wollte er den Jungen packen. Die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das gerupft werden sollte.

Er ging weiter und sah im Saal den ganzen Hofstaat liegen und schlafen. Und oben beim Thron lagen der König und die Königin. Er ging noch weiter, und alles war so still, dass man seinen eigenen Atem hören konnte. Endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Tür zu der kleinen Stube, in der Dornröschen schlief.

Da lag sie und war so schön, dass er die Augen nicht von ihr abwenden konnte. Er beugte sich hinunter und gab ihr einen Kuss. Als er sie mit dem Kuss berührt hatte, öffnete Dornröschen die Augen. Sie wachte auf und sah ihn ganz freundlich an.

Da gingen sie zusammen hinunter. Der König erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat, und sie sahen einander mit großen Augen an. Die Pferde im Hof standen auf und schüttelten sich. Die Jagdhunde sprangen und wedelten mit dem Schwanz. Die Tauben auf dem Dach zogen das Köpfchen unter dem Flügel hervor, sahen sich um und flogen ins Feld. Die Fliegen an den Wänden krochen weiter. Das Feuer in der Küche stieg wieder auf, flackerte und kochte das Essen. Der Braten fing wieder an zu brutzeln. Der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, dass er schrie. Und die Magd rupfte das Huhn fertig.

Und dann wurde die Hochzeit des Königssohns mit Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten glücklich bis an ihr Ende.

### Glossar

- **weise Frauen**: Frauen, die viel wissen und zaubern können.
- **Tugend**: eine gute Eigenschaft, gutes Verhalten.
- **Sprüche**: hier: Zauberworte.
- **Spindel**: ein spitzes Stück Holz, mit dem man Faden macht.
- **Wendeltreppe**: eine Treppe, die sich im Kreis dreht.
- **Flachs**: eine Pflanze, aus der man Faden macht.
- **Hofstaat**: alle Menschen am Hof von einem König.
- **Dornenhecke**: viele Sträucher mit spitzen Stacheln.
- **gerupft**: ein totes Huhn wird gerupft: Man zieht ihm die Federn aus.

## Schneewittchen

Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel. Da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen aus schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Während sie nähte und zum Schnee hinaufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger. Da fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Das Rote im weißen Schnee sah so schön aus. Deshalb dachte sie: „Hätte ich doch ein Kind! So weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen!“

Bald darauf bekam sie ein Töchterlein. Sie war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz. Deshalb wurde sie Schneewittchen (Schneeweißchen) genannt. Und als das Kind geboren war, starb die Königin.

Ein Jahr später nahm sich der König eine andere Frau. Sie war schön, aber sie war stolz und hochmütig. Sie konnte es nicht ertragen, dass jemand schöner sein sollte als sie. Sie hatte einen wunderbaren Spiegel. Wenn sie vor ihn trat und sich darin ansah, sprach sie:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Dann antwortete der Spiegel:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.“

Da war sie zufrieden, denn sie wusste, dass der Spiegel die Wahrheit sagte.

Schneewittchen aber wuchs heran und wurde immer schöner. Als sie sieben Jahre alt war, war sie so schön wie der klare Tag und schöner als die Königin selbst. Einmal fragte die Königin ihren Spiegel:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete er:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“

Da erschrak die Königin und wurde gelb und grün vor Neid. Von dieser Stunde an drehte sich ihr das Herz im Leib um, wenn sie Schneewittchen sah. So sehr hasste sie das Mädchen. Und der Neid und der Hochmut wuchsen wie Unkraut in ihrem Herzen immer höher. Deshalb hatte sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr.

Da rief sie einen Jäger und sprach: „Bring das Kind hinaus in den Wald. Ich will sie nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst sie töten und mir Lunge und Leber als Beweis mitbringen.“

Der Jäger gehorchte und führte sie hinaus. Er zog seinen Hirschfänger und wollte ihr unschuldiges Herz durchbohren. Da fing sie an zu weinen und sprach: „Ach, lieber Jäger, lass mir mein Leben. Ich will in den wilden Wald laufen und nie wieder nach Hause kommen.“

Und weil sie so schön war, hatte der Jäger Mitleid und sprach: „So lauf hin, du armes Kind.“

„Die wilden Tiere werden dich bald gefressen haben“, dachte er. Und doch war ihm, als wäre ein Stein von seinem Herzen gerollt, weil er sie nicht töten musste. Gerade kam ein Frischling herbeigesprungen. Der Jäger stach ihn ab, nahm Lunge und Leber heraus und brachte sie der Königin als Beweis. Der Koch musste sie in Salz kochen. Das böse Weib aß sie auf und meinte, sie hätte Schneewittchens Lunge und Leber gegessen.

Nun war das arme Kind in dem großen Wald ganz allein. Sie hatte solche Angst, dass sie alle Blätter an den Bäumen ansah und nicht wusste, was sie tun sollte. Da fing sie an zu laufen. Sie lief über die spitzen Steine und durch die Dornen. Die wilden Tiere sprangen an ihr vorbei, aber sie taten ihr nichts. Sie lief, solange ihre Füße sie trugen, bis es fast Abend war. Da sah sie ein kleines Häuschen und ging hinein, um sich auszuruhen.

In dem Häuschen war alles klein, aber so hübsch und sauber, dass man es nicht beschreiben kann. Dort stand ein Tischlein mit einer weißen Decke. Darauf standen sieben kleine Teller, jedes Tellerlein mit seinem Löffelein. Außerdem lagen dort sieben Messerlein und Gäblein, und es standen dort sieben Becherlein. An der Wand standen sieben Bettlein nebeneinander, mit schneeweißen Laken darüber.

Schneewittchen war so hungrig und durstig. Deshalb aß sie von jedem Tellerlein ein wenig Gemüse und Brot. Aus jedem Becherlein trank sie einen Tropfen Wein. Denn sie wollte nicht einem allein alles wegnehmen. Danach war sie so müde, dass sie sich in ein Bettchen legte. Aber keins passte. Das eine war zu lang, das andere zu kurz. Endlich war das siebte richtig. Darin blieb sie liegen, vertraute sich Gott an und schlief ein.

Als es ganz dunkel geworden war, kamen die Herren des Häuschens nach Hause. Das waren die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz hackten und gruben. Sie zündeten ihre sieben Lichtlein an. Als es nun hell im Häuschen wurde, sahen sie, dass jemand darin gewesen war. Denn nicht alles stand so in Ordnung, wie sie es verlassen hatten.

Der erste sprach: „Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?“

Der zweite: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“

Der dritte: „Wer hat von meinem Brötchen genommen?“

Der vierte: „Wer hat von meinem Gemüschen gegessen?“

Der fünfte: „Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?“

Der sechste: „Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?“

Der siebte: „Wer hat aus meinem Becherlein getrunken?“

Dann sah sich der erste um und sah, dass auf seinem Bett eine kleine Delle war. Da sprach er: „Wer hat in mein Bettchen getreten?“

Die anderen kamen gelaufen und riefen: „In meinem hat auch jemand gelegen.“

Als aber der siebte in sein Bett sah, erblickte er Schneewittchen, die darin lag und schlief. Nun rief er die anderen. Sie kamen herbeigelaufen und schrien vor Staunen. Sie holten ihre sieben Lichtlein und leuchteten Schneewittchen an.

„Ei, du mein Gott! Ei, du mein Gott!“, riefen sie. „Was ist das Kind so schön!“

Sie hatten so große Freude, dass sie sie nicht aufweckten. Sie ließen sie im Bettlein weiterschlafen. Der siebte Zwerg aber schlief bei seinen Freunden, bei jedem eine Stunde. Da war die Nacht vorbei.

Als es Morgen war, wachte Schneewittchen auf. Als sie die sieben Zwerge sah, erschrak sie. Sie waren aber freundlich und fragten: „Wie heißt du?“

„Ich heiße Schneewittchen“, antwortete sie.

„Wie bist du in unser Haus gekommen?“, fragten die Zwerge weiter.

Da erzählte sie ihnen: Ihre Stiefmutter hatte sie umbringen lassen wollen, aber der Jäger hatte ihr das Leben geschenkt. Dann war sie den ganzen Tag gelaufen, bis sie endlich ihr Häuschen gefunden hatte.

Die Zwerge sprachen: „Willst du unseren Haushalt führen, kochen, die Betten machen, waschen, nähen und stricken? Willst du alles ordentlich und sauber halten? Dann kannst du bei uns bleiben, und es soll dir an nichts fehlen.“

„Ja“, sagte Schneewittchen, „von Herzen gern.“

Und sie blieb bei ihnen. Sie hielt ihnen das Haus in Ordnung. Morgens gingen sie in die Berge und suchten Erz und Gold. Abends kamen sie wieder, und dann musste ihr Essen fertig sein. Den Tag über war das Mädchen allein. Deshalb warnten sie die guten Zwerglein und sprachen: „Hüte dich vor deiner Stiefmutter. Sie wird bald wissen, dass du hier bist. Lass ja niemanden herein.“

Die Königin aber glaubte, sie hätte Schneewittchens Lunge und Leber gegessen. Sie dachte nichts anderes, als dass sie wieder die Erste und Allerschönste wäre. Sie trat vor ihren Spiegel und sprach:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete der Spiegel:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Da erschrak sie, denn sie wusste, dass der Spiegel keine Unwahrheit sagte. Sie merkte, dass der Jäger sie betrogen hatte und dass Schneewittchen noch lebte. Da dachte sie wieder und wieder nach, wie sie Schneewittchen umbringen könnte. Denn solange sie nicht die Schönste im ganzen Land war, ließ ihr der Neid keine Ruhe.

Als sie sich endlich etwas ausgedacht hatte, färbte sie sich das Gesicht und kleidete sich wie eine alte Krämerin. Niemand konnte sie mehr erkennen. So ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Tür und rief: „Schöne Ware feil! feil!“

Schneewittchen schaute aus dem Fenster und rief: „Guten Tag, liebe Frau, was habt Ihr zu verkaufen?“

„Gute Ware, schöne Ware“, antwortete sie, „Schnürriemen in allen Farben.“ Und sie holte einen hervor, der aus bunter Seide geflochten war.

„Die ehrliche Frau kann ich hereinlassen“, dachte Schneewittchen. Sie öffnete den Riegel an der Tür und kaufte sich den hübschen Schnürriemen.

„Kind“, sprach die Alte, „wie du aussiehst! Komm, ich will dich einmal ordentlich schnüren.“

Schneewittchen ahnte nichts Böses. Sie stellte sich vor die Alte und ließ sich mit dem neuen Schnürriemen schnüren. Aber die Alte schnürte schnell und so fest, dass Schneewittchen keine Luft mehr bekam und wie tot hinfiel.

„Nun bist du die Schönste gewesen“, sprach sie und eilte hinaus.

Nicht lange danach, am Abend, kamen die sieben Zwerge nach Hause. Wie erschraken sie, als sie ihr liebes Schneewittchen auf der Erde liegen sahen! Sie bewegte sich nicht und war wie tot. Sie hoben sie hoch und sahen, dass sie zu fest geschnürt war. Da schnitten sie den Schnürriemen durch. Nun fing sie an, ein wenig zu atmen, und wurde nach und nach wieder lebendig.

Als die Zwerge hörten, was geschehen war, sprachen sie: „Die alte Krämerin war niemand anders als die gottlose Königin. Hüte dich und lass keinen Menschen herein, wenn wir nicht bei dir sind.“

Als das böse Weib nach Hause gekommen war, ging sie vor den Spiegel und fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete er wie immer:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Als sie das hörte, lief ihr alles Blut zum Herzen, so sehr erschrak sie. Denn sie sah wohl, dass Schneewittchen wieder lebendig geworden war.

„Nun aber“, sprach sie, „will ich mir etwas ausdenken, das dich vernichten soll.“

Mit Hexenkünsten, die sie verstand, machte sie einen giftigen Kamm. Dann verkleidete sie sich und nahm die Gestalt einer anderen alten Frau an. So ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Tür und rief: „Gute Ware feil! feil!“

Schneewittchen schaute heraus und sprach: „Geht nur weiter, ich darf niemanden hereinlassen.“

„Das Ansehen wird dir doch erlaubt sein“, sprach die Alte. Sie zog den giftigen Kamm heraus und hielt ihn hoch.

Er gefiel dem Kind so gut, dass sie sich täuschen ließ und die Tür öffnete. Als sie sich über den Kauf einig waren, sprach die Alte: „Nun will ich dich einmal ordentlich kämmen.“

Das arme Schneewittchen dachte an nichts Böses und ließ die Alte machen. Aber kaum hatte die Alte den Kamm in die Haare gesteckt, da wirkte das Gift darin. Das Mädchen fiel ohnmächtig nieder.

„Du Ausbund von Schönheit“, sprach das böse Weib, „jetzt ist's um dich geschehen.“ Und sie ging fort.

Zum Glück war es bald Abend, und die sieben Zwerglein kamen nach Hause. Als sie Schneewittchen wie tot auf der Erde liegen sahen, hatten sie gleich die Stiefmutter in Verdacht. Sie suchten und fanden den giftigen Kamm. Kaum hatten sie ihn herausgezogen, kam Schneewittchen wieder zu sich und erzählte, was geschehen war. Da warnten sie sie noch einmal, vorsichtig zu sein und niemandem die Tür zu öffnen.

Zu Hause stellte sich die Königin vor den Spiegel und sprach:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete er wie vorher:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist doch noch tausendmal schöner als Ihr.“

Als sie den Spiegel so reden hörte, zitterte und bebte sie vor Zorn.

„Schneewittchen soll sterben“, rief sie, „und wenn es mein eignes Leben kostet.“

Darauf ging sie in eine ganz verborgene, einsame Kammer, wo niemand hinkam. Dort machte sie einen giftigen, giftigen Apfel. Von außen sah er schön aus, weiß mit roten Backen, sodass jeder, der ihn sah, Lust darauf bekam. Aber wer ein Stückchen davon aß, der musste sterben.

Als der Apfel fertig war, färbte sie sich das Gesicht und verkleidete sich als Bauersfrau. So ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Sie klopfte an. Schneewittchen streckte den Kopf aus dem Fenster. Sie sprach: „Ich darf keinen Menschen einlassen, die sieben Zwerge haben es mir verboten.“

„Mir auch recht“, antwortete die Bäuerin. „Meine Äpfel werde ich schon los. Da, einen will ich dir schenken.“

„Nein“, sprach Schneewittchen, „ich darf nichts annehmen.“

„Fürchtest du dich vor Gift?“, sprach die Alte. „Siehst du, da schneide ich den Apfel in zwei Teile. Den roten Backen iss du, den weißen will ich essen.“

Der Apfel war aber so geschickt gemacht, dass nur der rote Backen vergiftet war. Schneewittchen sah den schönen Apfel voller Lust an. Als sie sah, dass die Bäuerin davon aß, konnte sie nicht länger widerstehen. Sie streckte die Hand hinaus und nahm die giftige Hälfte. Aber kaum hatte sie einen Bissen davon im Mund, da fiel sie tot auf die Erde.

Die Königin betrachtete sie mit grausigen Blicken, lachte sehr laut und sprach: „Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz! Diesmal können dich die Zwerge nicht wieder erwecken.“

Zu Hause fragte sie den Spiegel:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete er endlich:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.“

Da hatte ihr neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe haben kann.

Als die Zwerglein am Abend nach Hause kamen, fanden sie Schneewittchen auf der Erde liegen. Kein Atem kam mehr aus ihrem Mund, und sie war tot. Sie hoben sie auf und suchten, ob sie etwas Giftiges fanden. Sie öffneten den Schnürriemen, kämmten ihr die Haare und wuschen sie mit Wasser und Wein. Aber alles half nichts. Das liebe Kind war tot und blieb tot.

Sie legten sie auf eine Bahre, und alle sieben setzten sich daneben und weinten um sie. Sie weinten drei Tage lang. Dann wollten sie sie begraben. Aber sie sah noch so frisch aus wie ein lebender Mensch und hatte noch ihre schönen roten Backen.

Sie sprachen: „Das können wir nicht in die schwarze Erde versenken.“

Sie ließen einen durchsichtigen Sarg aus Glas machen, damit man sie von allen Seiten sehen konnte. Sie legten sie hinein und schrieben mit goldenen Buchstaben ihren Namen darauf und dass sie eine Königstochter war. Dann stellten sie den Sarg draußen auf den Berg. Einer von ihnen blieb immer dabei und bewachte ihn. Auch die Tiere kamen und weinten um Schneewittchen, zuerst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen.

Nun lag Schneewittchen lange, lange Zeit in dem Sarg und verweste nicht. Sie sah aus, als ob sie schliefe. Denn sie war noch so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz.

Es geschah aber, dass ein Königssohn in den Wald geriet und zu dem Zwergenhaus kam, um dort zu übernachten. Er sah auf dem Berg den Sarg und das schöne Schneewittchen darin. Er las, was mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben war. Da sprach er zu den Zwergen: „Lasst mir den Sarg. Ich will euch geben, was ihr dafür haben wollt.“

Aber die Zwerge antworteten: „Wir geben ihn nicht um alles Gold in der Welt.“

Da sprach er: „So schenkt mir ihn, denn ich kann nicht leben, ohne Schneewittchen zu sehen. Ich will sie ehren und hochachten wie mein Liebstes.“

Als er so sprach, hatten die guten Zwerglein Mitleid mit ihm und gaben ihm den Sarg.

Der Königssohn ließ ihn nun von seinen Dienern auf den Schultern forttragen. Da geschah es, dass sie über einen Strauch stolperten. Von dem Schütteln flog das giftige Stück Apfel, das Schneewittchen abgebissen hatte, aus ihrem Hals. Bald darauf öffnete sie die Augen, hob den Deckel vom Sarg und setzte sich auf. Sie war wieder lebendig.

„Ach Gott, wo bin ich?“, rief sie.

Der Königssohn sagte voll Freude: „Du bist bei mir.“ Er erzählte, was geschehen war, und sprach: „Ich habe dich lieber als alles auf der Welt. Komm mit mir in das Schloss meines Vaters, du sollst meine Gemahlin werden.“

Da hatte Schneewittchen ihn gern und ging mit ihm. Ihre Hochzeit wurde mit großer Pracht und Herrlichkeit vorbereitet.

Zu dem Fest wurde aber auch Schneewittchens gottlose Stiefmutter eingeladen. Als sie schöne Kleider angezogen hatte, trat sie vor den Spiegel und sprach:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Der Spiegel antwortete:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber die junge Königin ist tausendmal schöner als Ihr.“

Da stieß das böse Weib einen Fluch aus. Sie bekam solche Angst, solche Angst, dass sie nicht wusste, was sie tun sollte. Zuerst wollte sie gar nicht zur Hochzeit kommen. Aber es ließ ihr keine Ruhe, sie musste hin und die junge Königin sehen. Als sie hineintrat, erkannte sie Schneewittchen. Vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht bewegen.

Aber es standen schon eiserne Pantoffeln über einem Kohlenfeuer. Sie wurden mit Zangen hereingetragen und vor sie hingestellt. Da musste sie in die rot glühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.

### Glossar

- **Ebenholz**: ein sehr hartes, schwarzes Holz.
- **Hirschfänger**: ein langes Jagdmesser.
- **Frischling**: ein junges Wildschwein.
- **Erz**: ein Stein, aus dem man Metall gewinnt.
- **Schnürriemen**: ein Band, mit dem man ein Kleid eng macht.
- **feil**: zu verkaufen.
- **Ausbund**: jemand, der etwas ganz besonders stark hat oder zeigt.
- **Bahre**: ein Gestell, auf dem man Tote trägt.
- **verweste nicht**: der tote Körper wurde nicht schlecht und zerfiel nicht.
- **Pantoffeln**: hier: Schuhe aus Eisen.

## Rumpelstilzchen

Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Einmal kam es dazu, dass er mit dem König sprach. Um sich wichtig zu machen, sagte er zu ihm: „Ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.“

Der König sprach zum Müller: „Das ist eine Kunst, die mir gut gefällt. Wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, dann bring sie morgen in mein Schloss. Dort will ich sie auf die Probe stellen.“

Als nun das Mädchen zu ihm gebracht wurde, führte er sie in eine Kammer, die ganz voll Stroh war. Er gab ihr Rad und Haspel und sprach: „Jetzt mach dich an die Arbeit. Du hast diese Nacht bis morgen früh Zeit. Wenn du dieses Stroh dann nicht zu Gold gesponnen hast, musst du sterben.“

Darauf schloss er die Kammer selbst zu, und sie blieb allein darin.

Da saß nun die arme Müllerstochter und wusste nicht, wie sie ihr Leben retten sollte. Sie verstand gar nichts davon, wie man Stroh zu Gold spinnt. Ihre Angst wurde immer größer, sodass sie endlich zu weinen anfing.

Da ging auf einmal die Tür auf, und ein kleines Männchen kam herein. Er sprach: „Guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint Ihr so sehr?“

„Ach“, antwortete das Mädchen, „ich soll Stroh zu Gold spinnen und verstehe das nicht.“

Das Männchen sprach: „Was gibst du mir, wenn ich es dir spinne?“

„Mein Halsband“, sagte das Mädchen.

Das Männchen nahm das Halsband und setzte sich vor das Rädchen. Und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte er eine andere auf, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war auch die zweite voll. Und so ging es weiter bis zum Morgen. Da war alles Stroh gesponnen, und alle Spulen waren voll Gold.

Bei Sonnenaufgang kam schon der König. Als er das Gold sah, staunte er und freute sich. Aber sein Herz wurde nur noch gieriger nach Gold. Er ließ die Müllerstochter in eine andere Kammer voll Stroh bringen, die noch viel größer war. Er befahl ihr, auch das in einer Nacht zu spinnen, wenn sie ihr Leben liebte.

Das Mädchen wusste sich nicht zu helfen und weinte. Da ging wieder die Tür auf, und das kleine Männchen erschien. Er sprach: „Was gibst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold spinne?“

„Meinen Ring von dem Finger“, antwortete das Mädchen.

Das Männchen nahm den Ring und fing wieder an, mit dem Rad zu schnurren. Bis zum Morgen hatte er alles Stroh zu glänzendem Gold gesponnen.

Der König freute sich über alle Maßen, als er das sah. Aber er hatte noch immer nicht genug Gold. Er ließ die Müllerstochter in eine noch größere Kammer voll Stroh bringen und sprach: „Das musst du noch in dieser Nacht spinnen. Wenn es dir gelingt, sollst du meine Gemahlin werden.“

„Auch wenn es eine Müllerstochter ist“, dachte er, „eine reichere Frau finde ich in der ganzen Welt nicht.“

Als das Mädchen allein war, kam das Männlein zum dritten Mal wieder. Er sprach: „Was gibst du mir, wenn ich dir noch dieses Mal das Stroh spinne?“

„Ich habe nichts mehr, was ich geben könnte“, antwortete das Mädchen.

„So versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind.“

„Wer weiß, wie das noch geht“, dachte die Müllerstochter. Sie wusste sich in ihrer Not auch nicht anders zu helfen. Also versprach sie dem Männchen, was er verlangte, und das Männchen spann dafür noch einmal das Stroh zu Gold.

Am Morgen kam der König und fand alles so, wie er es gewünscht hatte. Da feierte er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müllerstochter wurde eine Königin.

Ein Jahr später brachte sie ein schönes Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Männchen. Da trat er plötzlich in ihre Kammer und sprach: „Nun gib mir, was du versprochen hast.“

Die Königin erschrak. Sie bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreichs an, wenn er ihr das Kind ließ. Aber das Männchen sprach: „Nein, etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt.“

Da fing die Königin so an zu jammern und zu weinen, dass das Männchen Mitleid mit ihr hatte.

„Drei Tage will ich dir Zeit lassen“, sprach er. „Wenn du bis dahin meinen Namen weißt, sollst du dein Kind behalten.“

Nun erinnerte sich die Königin die ganze Nacht an alle Namen, die sie jemals gehört hatte. Sie schickte einen Boten über Land. Er sollte sich weit und breit erkundigen, was es sonst noch für Namen gab.

Als am nächsten Tag das Männchen kam, fing sie mit Kaspar, Melchior, Balzer an. Sie sagte alle Namen, die sie wusste, der Reihe nach. Aber bei jedem sprach das Männlein: „So heiß ich nicht.“

Am zweiten Tag ließ sie in der Nachbarschaft herumfragen, wie die Leute dort hießen. Dann sagte sie dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten Namen. „Heißt du vielleicht Rippenbiest oder Hammelswade oder Schnürbein?“

Aber er antwortete immer: „So heiß ich nicht.“

Am dritten Tag kam der Bote zurück und erzählte: „Neue Namen habe ich keinen einzigen finden können. Aber dann kam ich um die Waldecke an einen hohen Berg, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen. Da sah ich ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer. Um das Feuer sprang ein ganz lächerliches Männchen. Er hüpfte auf einem Bein und schrie:“

„Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind; ach, wie gut ist, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“

Da könnt ihr denken, wie froh die Königin war, als sie den Namen hörte! Bald darauf kam das Männlein herein und fragte: „Nun, Frau Königin, wie heiß ich?“

Da fragte sie zuerst: „Heißt du Kunz?“

„Nein.“

„Heißt du Heinz?“

„Nein.“

„Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

„Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt!“, schrie das Männlein.

Vor Zorn stieß er mit dem rechten Fuß so tief in die Erde, dass er bis zum Bauch hineinfuhr. Dann packte er in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei.

### Glossar

- **spinnen**: aus Wolle oder Flachs einen Faden machen.
- **Stroh**: die trockenen Halme von Getreide.
- **Rad**: ein Spinnrad, ein Gerät mit Rad, mit dem man Faden macht.
- **Haspel**: ein Gerät, auf das man Faden wickelt.
- **Jungfer**: alte Anrede für eine junge, nicht verheiratete Frau.
- **Halsband**: eine Kette für den Hals.
- **Spule**: ein Stück Holz, um das man den Faden wickelt.
- **Boten**: ein Bote ist ein Mann, der Nachrichten bringt.
- **wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen**: an einem sehr einsamen Ort, weit weg von den Menschen.
- **entzwei**: in zwei Teile.

## Hans im Glück

Hans hatte sieben Jahre bei seinem Herrn gedient. Da sagte er zu ihm: „Herr, meine Zeit ist um. Nun möchte ich gerne wieder heim zu meiner Mutter. Gebt mir meinen Lohn.“

Der Herr antwortete: „Du hast mir treu und ehrlich gedient. Wie der Dienst war, so soll der Lohn sein.“ Und er gab ihm ein Stück Gold, das so groß wie Hansens Kopf war.

Hans zog sein Tüchlein aus der Tasche und wickelte den Klumpen hinein. Dann setzte er ihn auf die Schulter und machte sich auf den Weg nach Hause.

Er ging so dahin und setzte immer ein Bein vor das andere. Da sah er einen Reiter, der frisch und fröhlich auf einem munteren Pferd vorbeitrabte.

„Ach“, sagte Hans ganz laut, „was ist das Reiten ein schönes Ding! Da sitzt man wie auf einem Stuhl und stößt sich an keinem Stein. Man spart die Schuhe und kommt voran, man weiß nicht, wie.“

Der Reiter hatte das gehört. Er hielt an und rief: „Ei, Hans, warum läufst du auch zu Fuß?“

„Ich muss ja wohl“, antwortete Hans. „Ich habe hier einen Klumpen nach Hause zu tragen. Es ist zwar Gold, aber ich kann dabei den Kopf nicht gerade halten. Auch drückt er mir auf die Schulter.“

„Weißt du was“, sagte der Reiter, „wir wollen tauschen. Ich gebe dir mein Pferd, und du gibst mir deinen Klumpen.“

„Von Herzen gern“, sagte Hans. „Aber ich sage Euch: Ihr müsst Euch damit schleppen.“

Der Reiter stieg ab, nahm das Gold und half Hans hinauf. Er gab ihm die Zügel fest in die Hände. Dann sagte er: „Wenn es nun recht schnell gehen soll, musst du mit der Zunge schnalzen und hopp hopp rufen.“

Hans war von Herzen froh, als er auf dem Pferd saß und so frei dahinritt. Nach einem Weilchen fiel ihm ein, dass es noch schneller gehen sollte. Er fing an, mit der Zunge zu schnalzen und hopp hopp zu rufen. Das Pferd lief in starkem Trab los. Bevor Hans wusste, was geschah, war er abgeworfen. Er lag in einem Graben, der die Äcker von der Landstraße trennte.

Das Pferd wäre auch davongelaufen, wenn es nicht ein Bauer aufgehalten hätte. Der Bauer kam gerade den Weg entlang und trieb eine Kuh vor sich her.

Hans suchte seine Arme und Beine zusammen und stellte sich wieder auf die Füße. Er war aber schlecht gelaunt und sagte zu dem Bauern: „Das Reiten ist ein schlechter Spaß. Besonders, wenn man auf so eine Mähre gerät wie diese. Sie stößt und wirft einen herunter, sodass man sich den Hals brechen kann. Ich setze mich nie und nimmer wieder darauf. Da lobe ich mir Eure Kuh. Da kann man gemütlich hinterhergehen. Und man hat dazu jeden Tag sicher seine Milch, Butter und Käse. Was gäbe ich darum, wenn ich so eine Kuh hätte!“

„Nun“, sagte der Bauer, „wenn Euch das so sehr freut, tausche ich gern die Kuh gegen das Pferd.“

Hans stimmte mit tausend Freuden zu. Der Bauer schwang sich aufs Pferd und ritt eilig davon.

Hans trieb seine Kuh ruhig vor sich her und dachte über den glücklichen Handel nach. „Ich brauche nur ein Stück Brot, und daran wird es mir ja nicht fehlen. Dann kann ich Butter und Käse dazu essen, sooft ich will. Habe ich Durst, so melke ich meine Kuh und trinke Milch. Herz, was verlangst du mehr?“

Als er zu einem Wirtshaus kam, machte er Halt. In seiner großen Freude aß er alles auf, was er bei sich hatte, sein Mittagessen und sein Abendbrot. Für seine letzten paar Heller ließ er sich ein halbes Glas Bier einschenken. Dann trieb er seine Kuh weiter, immer in Richtung auf das Dorf seiner Mutter.

Je näher der Mittag kam, desto drückender wurde die Hitze. Hans befand sich nun auf einer Heide, die wohl noch eine Stunde dauerte. Da wurde ihm ganz heiß, sodass ihm vor Durst die Zunge am Gaumen klebte.

„Dem ist zu helfen“, dachte Hans. „Jetzt will ich meine Kuh melken und mich an der Milch erfrischen.“

Er band sie an einen dürren Baum. Da er keinen Eimer hatte, stellte er seine Ledermütze unter. Aber wie sehr er sich auch bemühte, es kam kein Tropfen Milch heraus. Weil er sich dabei ungeschickt anstellte, wurde das Tier ungeduldig. Endlich gab es ihm mit einem Hinterfuß einen solchen Schlag vor den Kopf, dass er zu Boden taumelte. Eine Zeit lang wusste er gar nicht, wo er war.

Glücklicherweise kam gerade ein Metzger den Weg entlang, der auf einem Schubkarren ein junges Schwein liegen hatte.

„Was sind das für Streiche!“, rief er und half dem guten Hans auf.

Hans erzählte, was geschehen war.

Der Metzger reichte ihm seine Flasche und sagte: „Da, trinkt einmal und erholt Euch. Die Kuh will wohl keine Milch geben. Das ist ein altes Tier, das man höchstens noch zum Ziehen oder zum Schlachten brauchen kann.“

„Ei, ei“, sagte Hans und strich sich die Haare über den Kopf, „wer hätte das gedacht! Es ist freilich gut, wenn man so ein Tier zu Hause schlachten kann. Was gibt das für Fleisch! Aber ich mache mir aus Kuhfleisch nicht viel. Es ist mir nicht saftig genug. Ja, wer so ein junges Schwein hätte! Das schmeckt anders, und dazu gibt es noch die Würste.“

„Hört, Hans“, sagte da der Metzger, „Euch zuliebe will ich tauschen. Ich will Euch das Schwein für die Kuh lassen.“

„Gott lohn Euch Eure Freundschaft“, sagte Hans. Er übergab ihm die Kuh und ließ sich das Schweinchen vom Karren losmachen. Dann ließ er sich den Strick, an den es gebunden war, in die Hand geben.

Hans zog weiter und dachte darüber nach, wie ihm doch alles nach Wunsch ging. Wenn ihm einmal etwas Ärgerliches begegnete, würde es doch gleich wieder gutgemacht.

Danach kam ein Bursche zu ihm, der eine schöne weiße Gans unter dem Arm trug. Sie wünschten einander einen guten Tag. Hans fing an, von seinem Glück zu erzählen und wie gut er immer getauscht hätte. Der Bursche erzählte ihm, dass er die Gans zu einem Kindtaufschmaus brächte.

„Hebt sie einmal“, fuhr er fort und packte sie bei den Flügeln. „Seht, wie schwer sie ist! Sie ist aber auch acht Wochen lang genudelt worden. Wer in den Braten beißt, muss sich das Fett von beiden Seiten des Mundes abwischen.“

„Ja“, sagte Hans und wog sie mit einer Hand, „die hat ihr Gewicht, aber mein Schwein ist auch keine Sau.“

Inzwischen sah sich der Bursche ganz besorgt nach allen Seiten um und schüttelte auch den Kopf.

„Hört“, fing er dann an, „mit Eurem Schwein ist es vielleicht nicht ganz richtig. In dem Dorf, durch das ich gekommen bin, ist gerade dem Schulzen eines aus dem Stall gestohlen worden. Ich fürchte, ich fürchte, Ihr habt es da in der Hand. Sie haben Leute ausgeschickt. Es wäre eine schlimme Sache, wenn sie Euch mit dem Schwein erwischten. Das Mindeste ist, dass man Euch ins finstere Loch steckt.“

Dem guten Hans wurde angst. „Ach Gott“, sagte er, „helft mir aus der Not! Ihr kennt Euch hier in der Gegend besser aus. Nehmt mein Schwein und lasst mir Eure Gans.“

„Ich muss schon etwas aufs Spiel setzen“, antwortete der Bursche. „Aber ich will nicht schuld sein, dass Ihr ins Unglück geratet.“

Er nahm also das Seil in die Hand und trieb das Schwein schnell auf einen Seitenweg fort. Der gute Hans aber war seine Sorgen los und ging mit der Gans unter dem Arm der Heimat zu.

„Wenn ich es recht überlege“, sagte er zu sich selbst, „habe ich bei dem Tausch noch Vorteil. Erstens den guten Braten. Dann die Menge Fett, die heraustropfen wird. Das gibt Gänsefettbrot für ein Vierteljahr. Und endlich die schönen weißen Federn. Die lasse ich mir in mein Kopfkissen stopfen. Darauf schlafe ich wohl ein, ohne dass mich jemand wiegen muss. Was wird meine Mutter für eine Freude haben!“

Als er durch das letzte Dorf gekommen war, stand da ein Scherenschleifer mit seinem Karren. Sein Rad schnurrte, und er sang dazu:

„Ich schleife die Schere und drehe geschwind und hänge mein Mäntelchen nach dem Wind.“

Hans blieb stehen und sah ihm zu. Endlich sprach er ihn an und sagte: „Euch geht's wohl gut, weil Ihr so lustig bei Eurem Schleifen seid.“

„Ja“, antwortete der Scherenschleifer, „das Handwerk hat einen güldenen Boden. Ein rechter Schleifer ist ein Mann, der Geld in der Tasche findet, sooft er hineingreift. Aber wo habt Ihr die schöne Gans gekauft?“

„Die habe ich nicht gekauft, sondern für mein Schwein eingetauscht.“

„Und das Schwein?“

„Das habe ich für eine Kuh bekommen.“

„Und die Kuh?“

„Die habe ich für ein Pferd bekommen.“

„Und das Pferd?“

„Dafür habe ich einen Klumpen Gold gegeben, so groß wie mein Kopf.“

„Und das Gold?“

„Ei, das war mein Lohn für sieben Jahre Dienst.“

„Ihr habt Euch immer zu helfen gewusst“, sagte der Schleifer. „Könnt Ihr es nun schaffen, dass Ihr beim Aufstehen das Geld in der Tasche springen hört? Dann habt Ihr Euer Glück gemacht.“

„Wie soll ich das anfangen?“, fragte Hans.

„Ihr müsst ein Schleifer werden, wie ich. Dazu braucht man eigentlich nichts als einen Wetzstein. Das andere findet sich schon von selbst. Da habe ich einen, der ist zwar ein wenig beschädigt. Dafür sollt Ihr mir aber auch nichts weiter als Eure Gans geben. Wollt Ihr das?“

„Wie könnt Ihr noch fragen?“, antwortete Hans. „Ich werde ja zum glücklichsten Menschen auf Erden. Wenn ich Geld habe, sooft ich in die Tasche greife, was muss ich mir da noch Sorgen machen?“ Er reichte ihm die Gans und nahm den Wetzstein entgegen.

„Nun“, sagte der Schleifer und hob einen gewöhnlichen schweren Feldstein auf, der neben ihm lag. „Da habt Ihr noch einen tüchtigen Stein dazu. Auf dem kann man gut schlagen, und Ihr könnt Eure alten Nägel gerade klopfen. Nehmt ihn und hebt ihn ordentlich auf.“

Hans lud den Stein auf und ging mit vergnügtem Herzen weiter. Seine Augen leuchteten vor Freude. „Ich muss in einer Glückshaut geboren sein“, rief er. „Alles, was ich mir wünsche, trifft ein, wie bei einem Sonntagskind.“

Da er aber seit Tagesanbruch auf den Beinen gewesen war, wurde er allmählich müde. Auch plagte ihn der Hunger. Er hatte nämlich all sein Essen auf einmal aufgegessen, in der Freude über die Kuh, die er eingetauscht hatte. Endlich konnte er nur noch mit Mühe weitergehen und musste jeden Augenblick Halt machen. Dabei drückten ihn die Steine ganz schrecklich. Da musste er denken, wie gut es wäre, wenn er sie gerade jetzt nicht tragen müsste.

Wie eine Schnecke schlich er zu einem Feldbrunnen. Dort wollte er sich ausruhen und einen frischen Schluck trinken. Damit er die Steine beim Hinsetzen nicht beschädigte, legte er sie vorsichtig neben sich auf den Rand des Brunnens. Dann setzte er sich hin und wollte sich zum Trinken bücken. Da passte er nicht auf und stieß ein klein wenig an. Beide Steine plumpsten hinunter.

Hans sah mit seinen Augen, wie sie in die Tiefe sanken. Da sprang er vor Freude auf. Dann kniete er nieder und dankte Gott mit Tränen in den Augen. Er dankte ihm, dass er ihm auch diese Gnade noch erwiesen hätte. Gott hätte ihn auf eine so gute Art von den schweren Steinen befreit. Nur diese Steine hätten ihn noch gestört, und nun müsste er sich nicht einmal einen Vorwurf machen.

„So glücklich wie ich“, rief er, „gibt es keinen Menschen unter der Sonne.“

Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war.

### Glossar

- **Mähre**: ein altes, schlechtes Pferd.
- **Heller**: eine alte, sehr kleine Münze.
- **Kindtaufschmaus**: ein großes Essen nach der Taufe von einem Kind.
- **genudelt**: mit viel Futter dick gemacht, auch wenn das Tier nicht fressen will.
- **Schulzen**: der Schulze ist der Chef von einem Dorf.
- **finstere Loch**: ein dunkles Gefängnis.
- **Scherenschleifer**: ein Mann, der Scheren und Messer scharf macht.
- **Wetzstein**: ein Stein, mit dem man Messer scharf macht.
- **das Handwerk hat einen güldenen Boden**: Sprichwort: Mit einem Handwerk verdient man gut und sicher Geld.
- **in einer Glückshaut geboren**: so, dass man von Geburt an immer Glück hat.

## Die zertanzten Schuhe

Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter. Eine war immer schöner als die andere. Sie schliefen zusammen in einem Saal, wo ihre Betten nebeneinander standen. Abends, wenn sie darin lagen, schloss der König die Tür zu und verriegelte sie. Wenn er aber am Morgen die Tür aufschloss, sah er, dass ihre Schuhe zertanzt waren. Niemand konnte herausfinden, wie das geschehen war.

Da ließ der König Folgendes ausrufen: Wer herausfinden könnte, wo sie in der Nacht tanzten, sollte sich eine von ihnen zur Frau wählen. Nach dem Tod des Königs sollte er selbst König sein. Wer sich aber meldete und es nach drei Tagen und Nächten nicht herausfände, der hätte sein Leben verloren.

Nicht lange danach meldete sich ein Königssohn und wollte es wagen. Er wurde gut aufgenommen und abends in ein Zimmer geführt, das direkt neben dem Schlafsaal lag. Dort war sein Bett aufgestellt. Er sollte aufpassen, wohin sie gingen und wo sie tanzten. Damit sie nichts heimlich tun und nicht woanders hinausgehen konnten, ließ man auch die Tür zum Saal offen.

Dem Königssohn aber fielen die Augen zu, als wären sie aus Blei, und er schlief ein. Als er am Morgen aufwachte, waren alle zwölf beim Tanzen gewesen. Denn ihre Schuhe standen da und hatten Löcher in den Sohlen.

Am zweiten und dritten Abend ging es nicht anders. Da wurde ihm ohne Erbarmen der Kopf abgeschlagen. Danach kamen noch viele und meldeten sich, um es zu wagen. Sie mussten aber alle ihr Leben lassen.

Nun geschah es, dass ein armer Soldat auf dem Weg in die Stadt war, in der der König wohnte. Er hatte eine Wunde und konnte nicht mehr dienen. Da begegnete ihm eine alte Frau, die fragte ihn, wohin er wollte.

„Ich weiß selbst nicht recht“, sagte er. Und im Scherz fügte er hinzu: „Ich hätte wohl Lust herauszufinden, wo die Königstöchter ihre Schuhe vertanzen, und danach König zu werden.“

„Das ist nicht so schwer“, sagte die Alte. „Du darfst den Wein nicht trinken, der dir abends gebracht wird. Und du musst so tun, als wärst du fest eingeschlafen.“

Dann gab sie ihm ein Mäntelchen und sagte: „Wenn du das umhängst, bist du unsichtbar. Dann kannst du den zwölf nachschleichen.“

Als der Soldat den guten Rat bekommen hatte, wurde es ihm ernst. Deshalb fasste er Mut, ging zum König und meldete sich als Freier. Er wurde genauso gut aufgenommen wie die anderen, und man zog ihm königliche Kleider an.

Abends zur Schlafenszeit wurde er in das Vorzimmer geführt. Als er zu Bett gehen wollte, kam die Älteste und brachte ihm einen Becher Wein. Aber er hatte sich einen Schwamm unter das Kinn gebunden. Er ließ den Wein dort hineinlaufen und trank keinen Tropfen. Dann legte er sich hin. Als er ein Weilchen gelegen hatte, fing er an zu schnarchen wie im tiefsten Schlaf.

Das hörten die zwölf Königstöchter und lachten. Die Älteste sagte: „Der hätte auch sein Leben sparen können.“

Danach standen sie auf und öffneten Schränke, Kisten und Kästen. Sie holten prächtige Kleider heraus und machten sich vor den Spiegeln schön. Sie sprangen herum und freuten sich auf den Tanz.

Nur die Jüngste sagte: „Ich weiß nicht, ihr freut euch, aber mir ist so seltsam zumute. Gewiss geschieht uns ein Unglück.“

„Du bist eine Schneegans“, sagte die Älteste, „die sich immer fürchtet. Hast du vergessen, wie viele Königssöhne schon umsonst hier gewesen sind? Dem Soldaten hätte ich nicht einmal einen Schlaftrunk geben müssen. Der Lümmel wäre auch so nicht aufgewacht.“

Als sie alle fertig waren, sahen sie zuerst nach dem Soldaten. Aber er hatte die Augen zu und bewegte sich nicht. Nun glaubten sie, ganz sicher zu sein.

Da ging die Älteste an ihr Bett und klopfte daran. Sofort sank es in die Erde. Sie stiegen durch die Öffnung hinunter, eine nach der anderen, die Älteste voran.

Der Soldat hatte alles mit angesehen. Er zögerte nicht lange, hängte sein Mäntelchen um und stieg hinter der Jüngsten mit hinunter. Mitten auf der Treppe trat er ihr ein wenig auf das Kleid. Da erschrak sie und rief: „Was ist das? Wer hält mich am Kleid?“

„Sei nicht so dumm“, sagte die Älteste, „du bist an einem Haken hängen geblieben.“

Da gingen sie ganz hinunter. Unten standen sie in einem wunderbar prächtigen Baumgang. Dort waren alle Blätter aus Silber und schimmerten und glänzten.

Der Soldat dachte: „Du willst dir ein Wahrzeichen mitnehmen.“ Er brach einen Zweig ab. Da fuhr ein gewaltiger Krach aus dem Baum.

Die Jüngste rief wieder: „Hier stimmt etwas nicht. Habt ihr den Knall gehört?“

Die Älteste aber sagte: „Das sind Freudenschüsse, weil wir unsere Prinzen bald erlöst haben.“

Dann kamen sie in einen Baumgang, in dem alle Blätter aus Gold waren. Endlich kamen sie in einen dritten, dort waren die Blätter aus klarem Diamant. Von beiden brach er einen Zweig ab. Jedes Mal krachte es, sodass die Jüngste vor Schreck zusammenfuhr. Aber die Älteste blieb dabei, es wären Freudenschüsse.

Sie gingen weiter und kamen zu einem großen Wasser. Darauf lagen zwölf Schifflein, und in jedem saß ein schöner Prinz. Die Prinzen hatten auf die zwölf gewartet, und jeder nahm eine zu sich. Der Soldat aber stieg mit der Jüngsten ein.

Da sagte der Prinz: „Ich weiß nicht, das Schiff ist heute viel schwerer. Ich muss mit aller Kraft rudern, damit ich es vorwärtsbringe.“

„Woher soll das kommen“, sagte die Jüngste, „wenn nicht vom warmen Wetter? Mir ist auch so heiß zumute.“

Auf der anderen Seite des Wassers stand ein schönes, hell erleuchtetes Schloss. Daraus klang eine lustige Musik von Pauken und Trompeten. Sie ruderten hinüber und traten ein. Jeder Prinz tanzte mit seiner Liebsten. Der Soldat aber tanzte unsichtbar mit. Wenn eine einen Becher mit Wein hielt, trank er ihn aus. So war er leer, wenn sie ihn an den Mund brachte. Die Jüngste bekam auch davon Angst, aber die Älteste brachte sie immer zum Schweigen.

Sie tanzten dort bis drei Uhr am anderen Morgen. Da waren alle Schuhe durchgetanzt, und sie mussten aufhören. Die Prinzen fuhren sie über das Wasser zurück. Der Soldat setzte sich diesmal vorn zur Ältesten. Am Ufer nahmen sie von ihren Prinzen Abschied und versprachen, in der folgenden Nacht wiederzukommen.

Als sie an der Treppe waren, lief der Soldat voraus und legte sich in sein Bett. Die zwölf kamen langsam und müde heraufgetrippelt. Da schnarchte er schon wieder so laut, dass alle es hören konnten. Sie sagten: „Vor dem sind wir sicher.“ Dann legten sie ihre schönen Kleider ab und brachten sie weg. Sie stellten die zertanzten Schuhe unter das Bett und legten sich hin.

Am anderen Morgen wollte der Soldat nichts sagen. Er wollte sich das seltsame Treiben noch weiter ansehen. Deshalb ging er in der zweiten und der dritten Nacht wieder mit. Da war alles wie beim ersten Mal, und sie tanzten jedes Mal, bis die Schuhe kaputt waren. Beim dritten Mal aber nahm er als Wahrzeichen einen Becher mit.

Als die Stunde gekommen war, in der er antworten sollte, steckte er die drei Zweige und den Becher ein. So ging er zum König. Die zwölf aber standen hinter der Tür und horchten, was er sagen würde.

Der König fragte: „Wo haben meine zwölf Töchter ihre Schuhe in der Nacht vertanzt?“

Der Soldat antwortete: „Mit zwölf Prinzen in einem unterirdischen Schloss.“ Er berichtete, wie es gewesen war, und holte die Wahrzeichen hervor.

Da ließ der König seine Töchter kommen und fragte sie, ob der Soldat die Wahrheit gesagt hatte. Sie sahen, dass sie verraten waren und dass Leugnen nichts half. So mussten sie alles zugeben.

Darauf fragte der König den Soldaten, welche er zur Frau haben wollte.

Er antwortete: „Ich bin nicht mehr jung, so gebt mir die Älteste.“

Da wurde noch am selben Tag die Hochzeit gefeiert, und ihm wurde das Reich nach dem Tod des Königs versprochen. Die Prinzen aber wurden wieder verwünscht, für so viele Tage, wie sie Nächte mit den zwölf getanzt hatten.

### Glossar

- **zertanzt**: vom vielen Tanzen kaputt.
- **Freier**: ein Mann, der eine Frau heiraten will.
- **Schwamm**: etwas Weiches, das Wasser aufsaugt.
- **Schneegans**: ein ängstlicher, dummer Mensch.
- **Schlaftrunk**: ein Getränk, das müde macht.
- **Lümmel**: ein Mann, der grob und unhöflich ist.
- **Baumgang**: ein Weg mit Bäumen auf beiden Seiten.
- **Wahrzeichen**: hier: ein Beweis.
- **erlöst**: von einem Zauber befreit.
- **verwünscht**: mit einem Zauber belegt.

## Die Sterntaler

Es war einmal ein kleines Mädchen. Ihr Vater und ihre Mutter waren gestorben. Sie war so arm, dass sie kein Kämmerchen mehr hatte, in dem sie wohnen konnte. Sie hatte auch kein Bettchen mehr, in dem sie schlafen konnte. Am Ende hatte sie gar nichts mehr als die Kleider, die sie trug, und ein Stückchen Brot in der Hand. Das Brot hatte ihr ein mitleidiges Herz geschenkt.

Aber sie war gut und fromm. Und weil alle Welt sie verlassen hatte, vertraute sie auf den lieben Gott und ging hinaus ins Feld.

Da begegnete ihr ein armer Mann. Er sagte: „Ach, gib mir etwas zu essen, ich bin so hungrig.“

Sie gab ihm das ganze Stückchen Brot und sagte: „Gott segne dir's.“ Dann ging sie weiter.

Da kam ein Kind, das jammerte. Es sagte: „Ich friere so an meinem Kopf. Schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann.“

Da nahm sie ihre Mütze ab und gab sie ihm.

Als sie noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind. Es hatte kein Leibchen an und fror. Da gab sie ihm ihr Leibchen.

Sie ging noch weiter, da bat wieder ein Kind um ein Röcklein. Auch das gab sie her.

Endlich kam sie in einen Wald, und es war schon dunkel geworden. Da kam noch ein Kind und bat um ein Hemdlein. Das fromme Mädchen dachte: „Es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl dein Hemd weggeben.“ Und sie gab auch noch das Hemd weg.

Und wie sie so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel. Es waren lauter harte, blanke Taler. Sie hatte ihr Hemdlein zwar weggegeben, aber nun hatte sie ein neues an. Das war aus dem allerfeinsten Linnen. Da sammelte sie die Taler hinein und war reich für ihr ganzes Leben.

### Glossar

- **Kämmerchen**: ein sehr kleines Zimmer.
- **mitleidiges Herz**: ein Mensch, der mit anderen fühlt und ihnen helfen will.
- **fromm**: glaubt an Gott und lebt danach.
- **jammerte**: klagte laut, weil es ihm schlecht ging.
- **Leibchen**: eine kurze Weste.
- **Röcklein**: ein kleiner Rock.
- **Taler**: eine alte, große Münze aus Silber.
- **Linnen**: Leinen, ein feiner Stoff.
