# Grimms Märchen (Ausgabe A2)

*Jacob und Wilhelm Grimm*

## Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König. Alle seine Töchter waren schön. Aber die jüngste Tochter war so schön, dass sogar die Sonne sich wunderte. Die Sonne hat doch so vieles gesehen. Aber sie wunderte sich jedes Mal, wenn sie der Königstochter ins Gesicht schien.

Nahe beim Schloss vom König lag ein großer, dunkler Wald. Im Wald stand eine alte Linde, und unter der Linde war ein Brunnen. Wenn der Tag sehr heiß war, ging das Königskind in den Wald. Dort setzte sie sich an den Rand vom kühlen Brunnen. Wenn ihr langweilig war, nahm sie eine goldene Kugel. Sie warf die Kugel hoch und fing sie wieder auf. Das war ihr liebstes Spielzeug.

Einmal fiel die goldene Kugel nicht in die kleine Hand von der Königstochter. Sie hielt die Hand hoch in die Luft. Aber die Kugel flog vorbei, schlug auf die Erde und rollte direkt ins Wasser. Die Königstochter sah der Kugel nach. Aber die Kugel verschwand. Der Brunnen war tief, so tief, dass man den Boden nicht sah. Da fing sie an zu weinen. Sie weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten.

Als sie so klagte, rief jemand: „Was hast du, Königstochter? Du schreist ja, dass sich ein Stein erbarmen möchte.“

Sie sah sich um und suchte die Stimme. Da sah sie einen Frosch. Er streckte seinen dicken, hässlichen Kopf aus dem Wasser.

Sie sagte: „Ach, du bist es, alter Wasserpatscher. Ich weine um meine goldene Kugel. Sie ist mir in den Brunnen gefallen.“

Der Frosch antwortete: „Sei still und weine nicht. Ich kann dir helfen. Aber was gibst du mir, wenn ich dein Spielzeug wieder heraufhole?“

Sie sagte: „Was du haben willst, lieber Frosch. Meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine und auch die goldene Krone auf meinem Kopf.“

Der Frosch antwortete: „Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine will ich nicht. Auch deine goldene Krone will ich nicht. Aber ich will, dass du mich lieb hast. Ich will dein Freund und Spielkamerad sein. Ich will an deinem Tischlein neben dir sitzen. Ich will von deinem goldenen Tellerlein essen und aus deinem Becherlein trinken. Ich will in deinem Bettlein schlafen. Wenn du mir das versprichst, steige ich hinunter. Dann hole ich dir die goldene Kugel wieder herauf.“

Sie sagte: „Ach ja, ich verspreche dir alles, was du willst. Bring mir nur die Kugel wieder.“

Aber sie dachte: „Was redet der dumme Frosch da? Er sitzt bei den anderen Fröschen im Wasser und quakt. Er kann nicht der Freund von einem Menschen sein.“

Der Frosch hörte ihr Versprechen. Da tauchte er seinen Kopf unter und sank nach unten. Nach einer kleinen Weile schwamm er wieder herauf. Er hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter sah ihr schönes Spielzeug wieder und war voll Freude. Sie hob es auf und lief damit fort.

Der Frosch rief: „Warte, warte! Nimm mich mit. Ich kann nicht so laufen wie du.“

Er rief ihr sein „quak quak“ nach, so laut er konnte. Aber das half ihm nichts. Sie hörte nicht darauf. Sie lief schnell nach Hause und vergaß bald den armen Frosch. Er musste wieder in seinen Brunnen hinabsteigen.

Am nächsten Tag saß sie mit dem König und allen Hofleuten am Tisch. Sie aß von ihrem goldenen Tellerlein. Da kam etwas die Marmortreppe heraufgekrochen, plitsch platsch, plitsch platsch. Oben klopfte es an die Tür und rief: „Königstochter, jüngste, mach mir auf.“ Sie lief zur Tür und wollte sehen, wer draußen war. Sie machte auf, und da saß der Frosch. Schnell warf sie die Tür zu. Sie setzte sich wieder an den Tisch und hatte große Angst.

Der König sah, dass ihr Herz sehr stark klopfte. Er sagte: „Mein Kind, wovor hast du Angst? Steht vielleicht ein Riese vor der Tür und will dich holen?“

Sie antwortete: „Ach nein, es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch.“

Der König fragte: „Was will der Frosch von dir?“

Sie sagte: „Ach, lieber Vater, gestern saß ich im Wald beim Brunnen und spielte. Da fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, holte der Frosch sie wieder herauf. Er wollte es unbedingt, und so versprach ich ihm: Du sollst mein Freund werden. Aber ich dachte nie, dass er aus seinem Wasser herauskommen kann. Nun ist er draußen und will zu mir herein.“

Da klopfte es zum zweiten Mal, und es rief:

„Königstochter, jüngste, mach mir auf, weißt du nicht, was gestern du zu mir gesagt bei dem kühlen Brunnenwasser? Königstochter, jüngste, mach mir auf.“

Da sagte der König: „Was du versprochen hast, das musst du auch halten. Geh nur und mach ihm auf.“

Sie ging und öffnete die Tür. Da hüpfte der Frosch herein. Er hüpfte immer hinter ihr her, bis zu ihrem Stuhl. Dort saß er und rief: „Heb mich herauf zu dir.“ Sie wartete und wollte es nicht tun. Endlich befahl es der König. Der Frosch saß nun auf dem Stuhl. Da wollte er auf den Tisch. Und als er auf dem Tisch saß, sagte er: „Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher. Dann können wir zusammen essen.“ Das tat sie, aber man sah gut, dass sie es nicht gern tat. Dem Frosch schmeckte es sehr gut. Aber ihr blieb fast jeder Bissen im Hals stecken.

Endlich sagte er: „Ich habe genug gegessen und bin müde. Nun trag mich in dein Kämmerlein. Mach dein seidenes Bettlein fertig. Dann wollen wir uns schlafen legen.“

Die Königstochter fing an zu weinen. Sie hatte Angst vor dem kalten Frosch. Sie wagte es nicht, ihn anzufassen. Und nun sollte er in ihrem schönen, sauberen Bettlein schlafen.

Aber der König wurde zornig. Er sagte: „Jemand hat dir geholfen, als du in Not warst. Den sollst du danach nicht verachten.“

Da nahm sie ihn mit zwei Fingern. Sie trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke. Aber als sie im Bett lag, kam er herangekrochen. Er sagte: „Ich bin müde. Ich will schlafen, genauso wie du. Heb mich herauf, oder ich sage es deinem Vater.“

Da wurde sie richtig böse. Sie holte ihn herauf und warf ihn mit aller Kraft gegen die Wand. Sie rief: „Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.“

Aber als er herunterfiel, war er kein Frosch mehr. Er war ein Königssohn mit schönen, freundlichen Augen. Nach dem Willen von ihrem Vater war er nun ihr lieber Freund und Mann. Er erzählte ihr: „Eine böse Hexe hat mich verwünscht. Niemand konnte mich aus dem Brunnen erlösen, nur du allein. Morgen wollen wir zusammen in mein Reich gehen.“

Dann schliefen sie ein. Am nächsten Morgen weckte die Sonne sie. Da kam ein Wagen mit acht weißen Pferden. Die Pferde hatten weiße Straußfedern auf dem Kopf und gingen in goldenen Ketten. Hinten auf dem Wagen stand der Diener vom jungen König. Das war der treue Heinrich.

Früher wurde sein Herr ein Frosch. Damals war der treue Heinrich sehr traurig. Darum ließ er drei eiserne Bänder um sein Herz legen. So sollte sein Herz nicht vor Schmerz und Traurigkeit zerspringen.

Der Wagen sollte den jungen König in sein Reich abholen. Der treue Heinrich hob beide hinein. Dann stellte er sich wieder hinten auf den Wagen. Er war voller Freude, weil sein Herr erlöst war.

Sie fuhren ein Stück. Da hörte der Königssohn, dass es hinter ihm krachte. Es klang, als ob etwas zerbricht. Da drehte er sich um und rief:

„Heinrich, der Wagen bricht.“

„Nein, Herr, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen, als Ihr in dem Brunnen saßt, als Ihr eine Fretsche (Frosch) wast (wart).“

Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg. Der Königssohn dachte immer, dass der Wagen bricht. Aber es waren nur die Bänder am Herzen vom treuen Heinrich. Sie sprangen ab, weil sein Herr erlöst und glücklich war.

### Glossar

- **Linde**: ein großer Baum.
- **Brunnen**: ein tiefes Loch in der Erde mit Wasser darin.
- **kühlen**: ein bisschen kalt.
- **Kugel**: ein runder Ball.
- **trösten**: jemandem helfen, wenn er traurig ist.
- **dass sich ein Stein erbarmen möchte**: so traurig, dass sogar ein Stein Mitleid hat.
- **Frosch**: ein kleines Tier. Es lebt am Wasser und kann gut springen.
- **Wasserpatscher**: ein Tier, das im Wasser spritzt und schlägt.
- **Perlen**: kleine, runde, weiße Schmuckstücke aus dem Meer.
- **Edelsteine**: schöne, teure Steine.
- **Becherlein**: ein kleines Glas zum Trinken.
- **Fröschen**: mehr als ein Frosch.
- **quakt**: macht die Laute von einem Frosch.
- **quak**: so klingt ein Frosch.
- **Hofleuten**: alle Menschen am Hof von einem König.
- **plitsch platsch**: so klingt es, wenn etwas Nasses auf den Boden schlägt.
- **Marmortreppe**: eine Treppe aus schönem, hartem Stein.
- **klopfte**: schlug leicht und mehrmals an etwas. Auch ein Herz klopft.
- **garstiger**: hässlich und böse.
- **hüpfte**: machte kleine Sprünge.
- **heb**: nimm und bring nach oben.
- **verachten**: denken, dass jemand schlecht und nichts wert ist.
- **verwünscht**: mit Zauber zu etwas anderem gemacht.
- **erlösen**: von einem Zauber oder von großer Not frei machen.
- **Reich**: das Land von einem König.
- **Straußfedern**: große Federn von einem großen Vogel.
- **Bänder**: hier: Ringe aus Eisen.
- **krachte**: machte ein lautes, hartes Geräusch.
- **Fretsche**: alte Form von „Frosch“.
- **wast**: alte Form von „wart“.

## Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

Es war einmal eine alte Geiß. Sie hatte sieben junge Geißlein. Sie hatte die Geißlein lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter holen. Da rief sie alle sieben zu sich. Sie sagte: „Liebe Kinder, ich gehe in den Wald. Seid vorsichtig, wenn der Wolf kommt. Wenn er hereinkommt, frisst er euch alle mit Haut und Haar. Der böse Wolf verstellt sich oft. Aber ihr erkennt ihn gleich an seiner rauen Stimme und an seinen schwarzen Füßen.“

Die Geißlein sagten: „Liebe Mutter, wir passen gut auf. Ihr könnt ohne Sorge fortgehen.“

Da meckerte die alte Geiß und ging ruhig los.

Es dauerte nicht lange, da klopfte jemand an die Haustür. Er rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder. Eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht.“

Aber die Geißlein hörten an der rauen Stimme, dass es der Wolf war. Sie riefen: „Wir machen nicht auf. Du bist nicht unsere Mutter. Unsere Mutter hat eine feine und schöne Stimme. Aber deine Stimme ist rau. Du bist der Wolf.“

Da ging der Wolf fort zu einem Krämer und kaufte ein großes Stück Kreide. Er aß die Kreide und machte so seine Stimme fein. Dann kam er zurück und klopfte an die Haustür. Er rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder. Eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht.“

Aber der Wolf hatte seine schwarze Pfote ins Fenster gelegt. Das sahen die Kinder und riefen: „Wir machen nicht auf. Unsere Mutter hat keinen schwarzen Fuß wie du. Du bist der Wolf.“

Da lief der Wolf zu einem Bäcker und sagte: „Ich habe mich an den Fuß gestoßen. Streich mir Teig darüber.“

Der Bäcker strich ihm Teig auf die Pfote. Dann lief der Wolf zum Müller und sagte: „Streu mir weißes Mehl auf meine Pfote.“

Der Müller dachte: „Der Wolf will jemanden betrügen.“ Er wollte es nicht tun.

Aber der Wolf sagte: „Wenn du es nicht tust, fresse ich dich.“

Da hatte der Müller Angst und machte ihm die Pfote weiß. Ja, das sind die Menschen.

Nun ging der böse Wolf zum dritten Mal zur Haustür. Er klopfte und sagte: „Macht mir auf, Kinder. Euer liebes Mütterchen ist heimgekommen und hat jedem von euch etwas aus dem Wald mitgebracht.“

Die Geißlein riefen: „Zeig uns erst deine Pfote. Dann wissen wir, dass du unser liebes Mütterchen bist.“

Da legte er die Pfote ins Fenster. Sie sahen, dass die Pfote weiß war. Darum glaubten sie, dass alles wahr war, was er sagte. Und sie machten die Tür auf.

Aber wer hereinkam, das war der Wolf. Sie erschraken und wollten sich verstecken. Das erste sprang unter den Tisch. Das zweite sprang ins Bett. Das dritte sprang in den Ofen. Das vierte sprang in die Küche. Das fünfte sprang in den Schrank. Das sechste sprang unter die Waschschüssel. Das siebte sprang in den Kasten von der Wanduhr.

Aber der Wolf fand sie alle und wartete nicht lange. Er schluckte eins nach dem anderen in sein Maul. Nur das jüngste im Uhrkasten fand er nicht. Der Wolf war nun satt. Er ging hinaus und legte sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum. Dann fing er an zu schlafen.

Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Wald nach Hause. Ach, was sah sie da! Die Haustür stand weit offen. Tisch, Stühle und Bänke lagen auf dem Boden. Die Waschschüssel lag in Stücken da. Jemand hatte Decke und Kissen aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder, aber sie fand sie nirgends. Sie rief die Kinder nacheinander beim Namen, aber niemand antwortete. Endlich rief sie das jüngste. Da rief eine feine Stimme: „Liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten.“

Sie holte es heraus. Es erzählte ihr, dass der Wolf gekommen war und alle anderen gefressen hatte. Da könnt ihr denken, wie sie über ihre armen Kinder geweint hat.

Endlich ging sie in ihrem Kummer hinaus, und das jüngste Geißlein lief mit. Als sie auf die Wiese kam, lag da der Wolf am Baum. Er schnarchte so laut, dass die Äste zitterten. Sie sah ihn von allen Seiten an. Da sah sie, dass sich etwas in seinem vollen Bauch bewegte und zappelte.

Sie dachte: „Ach Gott, er hat meine armen Kinder zum Abendbrot hinuntergeschluckt. Sind sie vielleicht noch am Leben?“

Da musste das Geißlein nach Hause laufen und Schere, Nadel und Faden holen.

Dann schnitt sie dem Ungetüm den Bauch auf. Kaum hatte sie einmal geschnitten, da streckte schon ein Geißlein den Kopf heraus. Sie schnitt weiter. Da sprangen alle sechs nacheinander heraus. Alle lebten noch, und keinem war etwas passiert. Denn das Ungetüm hatte sie in seiner Gier ganz hinuntergeschluckt. Das war eine Freude! Sie umarmten ihre liebe Mutter und hüpften wie ein Schneider, der Hochzeit hält.

Die alte Geiß aber sagte: „Jetzt geht und sucht Wackersteine. Damit wollen wir dem bösen Tier den Bauch füllen. Das machen wir, solange es noch schläft.“

Da schleppten die sieben Geißlein ganz schnell die Steine herbei. Sie steckten so viele Steine in seinen Bauch, wie sie hineinbringen konnten. Dann nähte die alte Geiß den Bauch ganz schnell wieder zu. Darum merkte der Wolf nichts und bewegte sich nicht einmal.

Endlich hatte der Wolf ausgeschlafen und stand auf. Die Steine im Magen machten ihm großen Durst. Darum wollte er zu einem Brunnen gehen und trinken. Er fing an zu gehen und bewegte sich hin und her. Da stießen die Steine in seinem Bauch aneinander und klapperten. Da rief er:

„Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum? Ich meinte, es wären sechs Geißlein, so sind's lauter Wackerstein.“

Er kam an den Brunnen, bückte sich über das Wasser und wollte trinken. Da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er musste elend ertrinken. Die sieben Geißlein sahen das. Da kamen sie herbeigelaufen und riefen laut: „Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!“ Und sie tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.

### Glossar

- **Geiß**: eine Ziege.
- **Geißlein**: eine junge Ziege.
- **frisst**: isst (bei Tieren).
- **mit Haut und Haar**: ganz und gar, alles von einem Tier oder Menschen.
- **rauen**: tief und hart (bei einer Stimme).
- **rau**: tief und hart (bei einer Stimme).
- **meckerte**: machte die Laute von einer Ziege.
- **klopfte**: schlug leicht und mehrmals an etwas.
- **Krämer**: ein Mann, der in einem kleinen Laden Waren verkauft.
- **Kreide**: ein weißer Stein, mit dem man schreibt.
- **Pfote**: der Fuß von einem Tier.
- **streich**: mach etwas Weiches dünn auf etwas.
- **Teig**: Mehl und Wasser. Daraus macht man Brot.
- **Mehl**: ein weißes Pulver. Daraus macht man Brot.
- **hereinkam**: ins Haus kam.
- **erschraken**: bekamen plötzlich große Angst.
- **Waschschüssel**: eine große Schale für Wasser zum Waschen.
- **Uhrkasten**: der Holzkasten von einer großen Wanduhr.
- **schluckte**: brachte etwas durch den Hals in den Bauch.
- **gefressen**: gegessen (bei Tieren).
- **geweint**: Tränen gehabt, weil man sehr traurig war.
- **Kummer**: große Traurigkeit.
- **schnarchte**: machte im Schlaf laute Geräusche.
- **Äste**: die dicken Teile von einem Baum.
- **hinuntergeschluckt**: durch den Hals in den Bauch gebracht.
- **Ungetüm**: ein großes, schreckliches Tier.
- **wie ein Schneider, der Hochzeit hält**: sehr fröhlich.
- **Wackersteine**: große, schwere Steine.
- **rumpelt und pumpelt**: macht laute, dumpfe Geräusche.

## Rapunzel

Es war einmal ein Mann und eine Frau. Sie wünschten sich schon lange ein Kind, aber sie bekamen keins. Endlich hoffte die Frau, dass der liebe Gott ihren Wunsch erfüllt.

Die beiden hatten hinten im Haus ein kleines Fenster. Von dort konnte man in einen prächtigen Garten sehen. Der Garten war voll von den schönsten Blumen und Kräutern. Aber eine hohe Mauer stand um den Garten. Niemand wagte es, hineinzugehen. Denn der Garten gehörte einer Zauberin. Sie hatte große Macht, und alle Menschen hatten Angst vor ihr.

Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah hinunter in den Garten. Da sah sie ein Beet mit den schönsten Rapunzeln. Die Rapunzeln sahen so frisch und grün aus. Da bekam sie große Lust und wollte unbedingt von den Rapunzeln essen. Der Wunsch wurde jeden Tag größer. Sie wusste, dass sie keine Rapunzeln bekommen konnte. Darum wurde sie ganz dünn und sah blass und elend aus.

Da erschrak der Mann und fragte: „Was fehlt dir, liebe Frau?“

Sie antwortete: „Ach, ich muss Rapunzeln aus dem Garten hinter unserem Haus essen. Sonst sterbe ich.“

Der Mann hatte sie lieb und dachte: „Bevor du deine Frau sterben lässt, holst du ihr von den Rapunzeln. Es kann kosten, was es will.“

Am Abend, als es dunkel wurde, stieg er über die Mauer. So kam er in den Garten von der Zauberin. Er schnitt ganz schnell eine Hand voll Rapunzeln ab und brachte sie seiner Frau. Sie machte sofort Salat daraus und aß ihn gierig auf. Die Rapunzeln schmeckten ihr so gut, so gut! Darum hatte sie am nächsten Tag dreimal so viel Lust darauf. Wenn sie Ruhe haben sollte, musste der Mann noch einmal in den Garten steigen.

Am Abend, als es dunkel wurde, stieg er wieder hinüber. Aber als er die Mauer hinuntergeklettert war, erschrak er sehr. Denn er sah die Zauberin vor sich stehen.

Sie sah ihn zornig an. Dann sagte sie: „Wie kannst du es wagen, in meinen Garten zu steigen? Wie kannst du wie ein Dieb meine Rapunzeln stehlen? Das wird schlimm für dich enden.“

Er antwortete: „Ach, seid gnädig mit mir. Ich habe es nur aus Not getan. Meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem Fenster gesehen. Sie will so sehr davon essen. Wenn sie keine bekommt, stirbt sie.“

Da wurde die Zauberin weniger zornig. Sie sagte zu ihm: „Wenn es so ist, wie du sagst, darfst du Rapunzeln mitnehmen. Nimm so viele, wie du willst. Aber ich habe eine Bedingung. Du musst mir das Kind geben, das deine Frau bekommen wird. Es soll ihm gut gehen. Ich will für es sorgen wie eine Mutter.“

Der Mann hatte Angst und sagte zu allem ja. Und als die Frau das Kind bekam, kam sofort die Zauberin. Sie gab dem Kind den Namen Rapunzel und nahm es mit.

Rapunzel wurde das schönste Kind unter der Sonne. Als sie zwölf Jahre alt war, schloss die Zauberin sie in einen Turm ein. Der Turm stand in einem Wald. Er hatte keine Treppe und keine Tür. Nur ganz oben war ein kleines Fenster. Wenn die Zauberin hineinwollte, stellte sie sich unten hin und rief:

„Rapunzel, Rapunzel, lass mir dein Haar herunter.“

Rapunzel hatte lange, prächtige Haare, fein wie gesponnenes Gold. Wenn sie nun die Stimme von der Zauberin hörte, band sie ihre Zöpfe los. Sie wickelte die Zöpfe oben um einen Fensterhaken. Dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.

Nach ein paar Jahren ritt der Sohn vom König durch den Wald. Er kam an dem Turm vorbei. Da hörte er einen Gesang. Der Gesang war so schön, dass er still stehen blieb und zuhörte. Das war Rapunzel. Sie war einsam. Darum sang sie mit ihrer süßen Stimme, und so ging die Zeit vorbei.

Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte eine Tür vom Turm. Aber er fand keine. Er ritt nach Hause. Aber der Gesang hatte sein Herz sehr berührt. Darum ging er jeden Tag in den Wald und hörte zu.

Einmal stand er so hinter einem Baum. Da sah er, dass eine Zauberin kam. Er hörte, wie sie hinaufrief:

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter.“

Da ließ Rapunzel ihre Zöpfe herunter, und die Zauberin stieg zu ihr hinauf. Der Königssohn dachte: „Das ist also die Leiter, auf der man hinaufkommt. Dann will ich auch einmal mein Glück versuchen.“

Am nächsten Tag, als es dunkel wurde, ging er zu dem Turm und rief:

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter.“

Sofort fielen die Haare herunter, und der Königssohn stieg hinauf.

Am Anfang erschrak Rapunzel sehr, als ein Mann zu ihr hereinkam. Noch nie hatten ihre Augen einen Mann gesehen. Aber der Königssohn fing an, ganz freundlich mit ihr zu reden. Er erzählte ihr: „Dein Gesang hat mein Herz so sehr bewegt. Er hat mir keine Ruhe gelassen. Ich musste dich selbst sehen.“

Da verlor Rapunzel ihre Angst. Er fragte sie, ob sie ihn zum Mann nehmen wollte. Sie sah, dass er jung und schön war. Da dachte sie: „Er wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel.“ Sie sagte ja und legte ihre Hand in seine Hand.

Sie sagte: „Ich will gern mit dir gehen. Aber ich weiß nicht, wie ich hinunterkomme. Wenn du kommst, bring jedes Mal einen Strang Seide mit. Daraus will ich eine Leiter flechten. Wenn die Leiter fertig ist, steige ich hinunter, und du nimmst mich auf dein Pferd.“

Sie machten aus, dass er bis dahin jeden Abend zu ihr kam. Denn am Tag kam die Alte.

Die Zauberin merkte auch nichts davon. Aber einmal sagte Rapunzel zu ihr: „Sagt mir doch, Frau Gothel: Wie kommt das nur? Ihr seid viel schwerer heraufzuziehen als der junge Königssohn. Er ist in einem Augenblick bei mir.“

Die Zauberin rief: „Ach, du böses Kind! Was muss ich von dir hören! Ich dachte, ich habe dich von der ganzen Welt getrennt. Und doch hast du mich betrogen!“

In ihrem Zorn packte sie die schönen Haare von Rapunzel. Sie schlug die Haare ein paarmal um ihre linke Hand. Mit der rechten Hand griff sie eine Schere. Und ritsch, ratsch, schnitt sie die Haare ab. Die schönen Zöpfe lagen auf der Erde. Die Zauberin hatte kein Mitleid. Darum brachte sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei. Dort musste Rapunzel in großer Not und im Elend leben.

Am Abend von diesem Tag nahm die Zauberin die Zöpfe, die sie abgeschnitten hatte. Sie machte die Zöpfe oben am Fensterhaken fest. Dann kam der Königssohn und rief:

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter.“

Da ließ sie die Haare hinunter. Der Königssohn stieg hinauf. Aber oben fand er nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin. Sie sah ihn mit bösen, giftigen Blicken an.

Sie rief voll Spott: „Aha, du willst deine Liebste holen. Aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr. Die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren. Du wirst sie nie wieder sehen.“

Der Königssohn war außer sich vor Schmerz. Er war verzweifelt und sprang vom Turm hinunter. Er blieb am Leben, aber er fiel in Dornen. Die Dornen stachen ihm in die Augen. Da lief er blind im Wald umher. Er aß nichts als Wurzeln und Beeren. Er tat nichts anderes als klagen und weinen, weil er seine liebste Frau verloren hatte.

So wanderte er einige Jahre im Elend umher. Endlich kam er in die Wüstenei. Dort lebte Rapunzel arm mit ihren Zwillingen. Sie hatte die Zwillinge geboren, einen Jungen und ein Mädchen. Er hörte eine Stimme, und die Stimme kam ihm so bekannt vor. Da ging er zu ihr hin. Als er näher kam, erkannte ihn Rapunzel. Sie fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen fielen auf seine Augen. Da wurden seine Augen wieder klar, und er konnte sehen wie früher.

Er führte sie in sein Reich. Dort empfingen ihn die Menschen mit Freude. Und sie lebten noch lange glücklich und zufrieden.

### Glossar

- **prächtigen**: sehr schön und groß.
- **Kräutern**: kleine Pflanzen, die gut riechen oder schmecken.
- **wagte**: hatte den Mut, etwas zu tun.
- **Rapunzeln**: eine Pflanze, die man als Salat isst.
- **Zauberin**: eine Frau, die zaubern kann.
- **Beet**: ein kleines Stück Erde im Garten für Pflanzen.
- **erschrak**: bekam plötzlich große Angst.
- **gierig**: mit großer Lust. Man will immer mehr.
- **hinuntergeklettert**: mit Händen und Füßen nach unten gestiegen.
- **gnädig**: freundlich und ohne Strafe.
- **Bedingung**: etwas, das zuerst geschehen muss.
- **prächtige**: sehr schön.
- **gesponnenes**: zu feinen Fäden gemacht.
- **Zöpfe**: lange, geflochtene Haare.
- **wickelte**: legte mehrmals um etwas herum.
- **Ellen**: ein altes Maß für die Länge. Eine Elle ist etwa 60 Zentimeter.
- **ritt**: war auf einem Pferd unterwegs.
- **hereinkam**: ins Zimmer kam.
- **flechten**: lange Fäden oder Haare ineinanderlegen.
- **Strang Seide**: ein langes Stück aus feinem, teurem Faden.
- **heraufzuziehen**: nach oben zu ziehen.
- **Wüstenei**: ein leeres Land, in dem fast nichts wächst.
- **Dornen**: spitze Teile an einer Pflanze.
- **umher**: mal hierhin, mal dorthin.
- **Zwillinge**: zwei Geschwister, die zusammen geboren sind.
- **Reich**: das Land von einem König.

## Hänsel und Gretel

Vor einem großen Wald wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Der Holzhacker hatte wenig zu essen. Und einmal kam eine große Teuerung ins Land. Da konnte er nicht einmal mehr das tägliche Brot besorgen.

Abends lag er im Bett und machte sich Gedanken. Er hatte große Sorgen und drehte sich hin und her. Er seufzte und sagte zu seiner Frau: „Was soll aus uns werden? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren? Wir haben ja für uns selbst nichts mehr.“

Die Frau antwortete: „Weißt du was, Mann? Wir führen die Kinder morgen ganz früh in den Wald, wo er am dichtesten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer und geben jedem noch ein Stückchen Brot. Dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nach Hause nicht wieder, und wir sind sie los.“

Der Mann sagte: „Nein, Frau, das tue ich nicht. Wie kann ich das tun? Ich kann meine Kinder nicht allein im Wald lassen. Die wilden Tiere kommen bald und zerreißen sie.“

Sie sagte: „O du Narr! Dann müssen wir alle vier vor Hunger sterben. Du kannst schon die Bretter für die Särge hobeln.“

Sie ließ ihm keine Ruhe, bis er ja sagte.

Der Mann sagte: „Aber die armen Kinder tun mir doch leid.“

Die zwei Kinder konnten vor Hunger auch nicht einschlafen. Sie hörten, was die Stiefmutter zum Vater sagte. Gretel weinte bittere Tränen und sagte zu Hänsel: „Nun ist es um uns geschehen.“

Hänsel sagte: „Still, Gretel, sei nicht traurig. Ich werde uns schon helfen.“

Der Vater und die Frau schliefen ein. Da stand Hänsel auf und zog seine Jacke an. Er machte die untere Tür auf und schlich hinaus. Der Mond schien ganz hell. Die weißen Kieselsteine vor dem Haus glänzten wie Batzen. Hänsel bückte sich und steckte so viele Steine in seine Jackentasche, wie hineinpassten. Dann ging er wieder zurück. Er sagte zu Gretel: „Hab keine Angst, liebes Schwesterchen, und schlaf ruhig ein. Gott wird uns nicht verlassen.“ Und er legte sich wieder in sein Bett.

Der Tag fing an, und die Sonne war noch nicht aufgegangen. Da kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder. Sie rief: „Steht auf, ihr Faulenzer! Wir wollen in den Wald gehen und Holz holen.“

Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sagte: „Das ist für den Mittag. Aber esst es nicht vorher auf. Mehr bekommt ihr nicht.“

Gretel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte. Dann gingen sie alle zusammen los in den Wald.

Sie gingen ein kleines Stück. Da blieb Hänsel stehen und sah zum Haus zurück. Das tat er wieder und immer wieder.

Der Vater sagte: „Hänsel, was siehst du da? Warum bleibst du zurück? Pass auf und vergiss deine Beine nicht.“

Hänsel sagte: „Ach, Vater, ich sehe nach meinem weißen Kätzchen. Es sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen.“

Die Frau sagte: „Du Narr, das ist nicht dein Kätzchen. Das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint.“

Aber Hänsel hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen. Er hatte immer einen von den hellen Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.

Mitten im Wald sagte der Vater: „Nun sammelt Holz, ihr Kinder. Ich will ein Feuer machen. Dann friert ihr nicht.“

Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch. Man zündete das Reisig an. Die Flamme brannte hoch. Da sagte die Frau: „Nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder, und ruht euch aus. Wir gehen in den Wald und schlagen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab.“

Hänsel und Gretel saßen am Feuer. Als der Mittag kam, aß jedes sein Stückchen Brot. Sie hörten die Schläge von der Holzaxt. Darum glaubten sie, dass ihr Vater in der Nähe war. Aber es war nicht die Holzaxt. Es war ein Ast. Der Vater hatte ihn an einen toten Baum gebunden. Der Wind schlug ihn hin und her.

Sie saßen sehr lange da. Dann fielen ihnen vor Müdigkeit die Augen zu, und sie schliefen fest ein. Als sie endlich aufwachten, war es schon dunkle Nacht. Gretel fing an zu weinen und sagte: „Wie sollen wir nun aus dem Wald kommen!“

Aber Hänsel tröstete sie: „Warte nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist. Dann finden wir den Weg schon.“

Der volle Mond stieg auf. Da nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und ging den Kieselsteinen nach. Die Steine glänzten wie neue Batzen und zeigten ihnen den Weg. Sie gingen die ganze Nacht. Als der Tag anfing, kamen sie wieder zum Haus von ihrem Vater. Sie klopften an die Tür. Die Frau machte auf und sah, dass es Hänsel und Gretel waren. Sie sagte: „Ihr bösen Kinder, warum habt ihr so lange im Wald geschlafen? Wir haben geglaubt, ihr wollt gar nicht wiederkommen.“

Aber der Vater freute sich. Denn es hatte ihm im Herzen wehgetan, dass er sie so allein zurückgelassen hatte.

Nicht lange danach war wieder überall Not. Die Kinder hörten, wie die Frau nachts im Bett zum Vater sagte: „Alles ist wieder aufgegessen. Wir haben noch einen halben Laib Brot, danach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort. Wir wollen sie tiefer in den Wald führen, damit sie den Weg nicht wieder herausfinden. Sonst gibt es keine Rettung für uns.“

Dem Mann wurde das Herz schwer. Er dachte: „Es wäre besser, wenn du den letzten Bissen mit deinen Kindern teilst.“ Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte. Sie schimpfte mit ihm und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt, muss auch B sagen. Der Mann hatte das erste Mal nachgegeben. Darum musste er auch das zweite Mal nachgeben.

Die Kinder waren noch wach und hörten das Gespräch. Der Vater und die Frau schliefen. Da stand Hänsel wieder auf. Er wollte hinaus und Kieselsteine sammeln wie beim letzten Mal. Aber die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht hinaus. Aber er tröstete sein Schwesterchen und sagte: „Weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig. Der liebe Gott wird uns schon helfen.“

Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bett. Sie bekamen ihr Stückchen Brot, aber es war noch kleiner als beim letzten Mal. Auf dem Weg zum Wald brach Hänsel das Brot in der Tasche in kleine Stücke. Er blieb oft stehen und warf ein Bröckchen auf die Erde.

Der Vater sagte: „Hänsel, warum bleibst du stehen und siehst dich um? Geh weiter.“

Hänsel antwortete: „Ich sehe nach meinem Täubchen. Es sitzt auf dem Dach und will mir Ade sagen.“

Die Frau sagte: „Du Narr, das ist nicht dein Täubchen. Das ist die Morgensonne, die oben auf den Schornstein scheint.“

Aber Hänsel warf nach und nach alle Bröckchen auf den Weg.

Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald. Dort waren sie in ihrem ganzen Leben noch nie gewesen. Dort machte man wieder ein großes Feuer. Die Frau sagte: „Bleibt nur hier sitzen, ihr Kinder. Wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen. Wir gehen in den Wald und schlagen Holz. Am Abend, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen euch ab.“

Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel. Denn er hatte sein Stück auf den Weg gestreut. Dann schliefen sie ein. Der Abend ging vorbei, aber niemand kam zu den armen Kindern.

Sie wachten erst in der dunklen Nacht auf. Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte: „Warte nur, Gretel, bis der Mond aufgeht. Dann sehen wir die Brotbröckchen, die ich gestreut habe. Sie zeigen uns den Weg nach Hause.“

Der Mond kam, und sie gingen los. Aber sie fanden kein Bröckchen mehr. Denn die vielen tausend Vögel im Wald und auf dem Feld hatten sie alle weggepickt. Hänsel sagte zu Gretel: „Wir werden den Weg schon finden.“ Aber sie fanden ihn nicht.

Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von morgens bis abends. Aber sie kamen nicht aus dem Wald heraus. Sie waren sehr hungrig, denn sie hatten nur ein paar Beeren von der Erde gegessen. Sie waren so müde, dass die Beine sie nicht mehr tragen wollten. Darum legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein.

Sie hatten das Haus von ihrem Vater verlassen. Nun war es schon der dritte Morgen. Sie fingen wieder an zu gehen. Aber sie kamen immer tiefer in den Wald. Wenn nicht bald Hilfe kam, mussten sie sterben.

Als es Mittag war, sahen sie ein schönes, schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen. Das Vöglein sang so schön, dass sie stehen blieben und zuhörten. Als es fertig war, bewegte es seine Flügel und flog vor ihnen her. Sie gingen ihm nach und kamen zu einem Häuschen. Das Vöglein setzte sich auf das Dach. Sie kamen ganz nah heran. Da sahen sie, dass das Häuschen aus Brot gebaut war. Das Dach war aus Kuchen, und die Fenster waren aus hellem Zucker.

Hänsel sagte: „Da wollen wir essen und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen. Du, Gretel, kannst vom Fenster essen. Das schmeckt süß.“

Hänsel griff nach oben und brach ein wenig vom Dach ab. Er wollte probieren, wie es schmeckte. Gretel stellte sich an die Fensterscheiben und knusperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube:

„Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“

Die Kinder antworteten:

„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.“

Und sie aßen weiter und ließen sich nicht stören. Das Dach schmeckte Hänsel sehr gut, und er riss ein großes Stück herunter. Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus. Sie setzte sich hin und ließ es sich gut schmecken.

Da ging auf einmal die Tür auf. Eine steinalte Frau kam langsam heraus. Sie stützte sich auf eine Krücke. Hänsel und Gretel erschraken sehr. Darum ließen sie fallen, was sie in den Händen hielten.

Die Alte aber wackelte mit dem Kopf. Sie sagte: „Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierhergebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir. Es geschieht euch nichts Böses.“

Sie nahm beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Dort gab es gutes Essen: Milch und Pfannkuchen mit Zucker, Äpfel und Nüsse. Danach standen zwei schöne Bettlein mit weißen Decken bereit. Hänsel und Gretel legten sich hinein und dachten: „Wir sind im Himmel.“

Die Alte tat nur so freundlich. In Wahrheit war sie eine böse Hexe. Sie wartete auf Kinder und hatte das Brothäuschen nur gebaut, um sie zu locken. Wenn ein Kind in ihre Hände kam, machte sie es tot. Sie kochte es und aß es, und das war für sie ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen. Aber sie riechen sehr gut, wie die Tiere, und merken es, wenn Menschen kommen. Schon als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, lachte sie böse. Sie sagte voll Spott: „Die habe ich. Die laufen mir nicht wieder weg.“

Früh am Morgen, bevor die Kinder aufwachten, stand sie schon auf. Sie sah die beiden so schön schlafen, mit ihren vollen roten Backen. Da sagte sie leise vor sich hin: „Das wird ein guter Bissen.“

Dann packte sie Hänsel mit ihrer dünnen Hand. Sie trug ihn in einen kleinen Stall und schloss ihn hinter einer Gittertür ein. Er schrie, so laut er konnte, aber es half ihm nichts.

Dann ging sie zu Gretel, schüttelte sie wach und rief: „Steh auf, Faulenzerin! Trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes. Er sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, will ich ihn essen.“

Gretel fing an, bitterlich zu weinen. Aber es half alles nichts. Sie musste tun, was die böse Hexe wollte.

Nun bekam der arme Hänsel das beste Essen. Aber Gretel bekam nur Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zum Stall und rief: „Hänsel, streck deine Finger heraus. Ich will fühlen, ob du bald fett bist.“

Aber Hänsel streckte ihr einen kleinen Knochen heraus. Die Alte hatte schlechte Augen und konnte ihn nicht sehen. Sie dachte, es waren die Finger von Hänsel. Und sie wunderte sich, dass er gar nicht fett wurde.

Vier Wochen gingen vorbei, und Hänsel blieb immer dünn. Da verlor sie die Geduld und wollte nicht länger warten. Sie rief Gretel zu: „He, Gretel, sei schnell und trag Wasser. Hänsel kann fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen.“

Ach, wie klagte das arme Schwesterchen, als sie das Wasser tragen musste! Wie flossen ihr die Tränen über die Backen! Sie rief: „Lieber Gott, hilf uns doch! Warum haben uns die wilden Tiere im Wald nicht gefressen? Nun sterben wir nicht einmal zusammen.“

Die Alte sagte: „Spar dir dein Geschrei. Es hilft dir alles nichts.“

Früh am Morgen musste Gretel hinaus. Sie musste den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer machen.

Die Alte sagte: „Erst wollen wir backen. Ich habe den Backofen schon heiß gemacht und den Teig geknetet.“

Sie stieß die arme Gretel hinaus zum Backofen. Die Flammen schlugen schon aus dem Ofen heraus.

Die Hexe sagte: „Kriech hinein. Sieh nach, ob der Ofen heiß genug ist. Dann können wir das Brot hineinschieben.“

Wenn Gretel im Ofen war, wollte die Hexe den Ofen zumachen. Dann sollte Gretel darin braten, und die Hexe wollte sie auch aufessen. Aber Gretel merkte, was sie vorhatte. Sie sagte: „Ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Wie komme ich da hinein?“

Die Alte sagte: „Dumme Gans! Die Öffnung ist groß genug. Sieh doch, ich könnte selbst hinein.“

Sie kam langsam heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab Gretel ihr einen Stoß, und die Hexe fiel weit hinein. Gretel machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing die Hexe an zu heulen, ganz schrecklich. Aber Gretel lief fort, und die böse Hexe musste elend verbrennen.

Gretel lief direkt zu Hänsel und öffnete seinen Stall. Sie rief: „Hänsel, wir sind erlöst! Die alte Hexe ist tot.“

Da sprang Hänsel heraus. Er sprang wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn man ihm die Tür aufmacht. Wie haben sie sich gefreut! Sie sind sich um den Hals gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküsst!

Sie mussten nun keine Angst mehr haben. Darum gingen sie in das Haus von der Hexe hinein. Dort standen in allen Ecken Kästen mit Perlen und Edelsteinen.

Hänsel sagte: „Die sind noch besser als Kieselsteine.“ Er steckte in seine Taschen, so viel hineinging.

Gretel sagte: „Ich will auch etwas mit nach Hause bringen.“ Und sie füllte ihre Schürze voll.

Hänsel sagte: „Aber jetzt wollen wir fort, damit wir aus dem Hexenwald herauskommen.“

Sie gingen ein paar Stunden. Da kamen sie an ein großes Wasser. Hänsel sagte: „Wir können nicht hinüber. Ich sehe keinen Steg und keine Brücke.“

Gretel antwortete: „Hier fährt auch kein Schiffchen. Aber da schwimmt eine weiße Ente. Wenn ich sie bitte, hilft sie uns hinüber.“

Da rief sie:

„Entchen, Entchen, da steht Gretel und Hänsel. Kein Steg und keine Brücke, nimm uns auf deinen weißen Rücken.“

Das Entchen kam heran. Hänsel setzte sich darauf und bat sein Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen.

Gretel antwortete: „Nein, das wird dem Entchen zu schwer. Es soll uns nacheinander hinüberbringen.“

Das tat das gute Tierchen. Sie kamen glücklich auf die andere Seite und gingen ein Weilchen weiter. Da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor. Endlich sahen sie von Weitem das Haus von ihrem Vater. Da fingen sie an zu laufen. Sie stürzten in die Stube und fielen ihrem Vater um den Hals.

Der Mann hatte keine frohe Stunde mehr gehabt, seit er die Kinder im Wald gelassen hatte. Die Frau aber war gestorben. Gretel schüttete ihre Schürze aus, und die Perlen und Edelsteine sprangen in der Stube herum. Hänsel warf eine Handvoll nach der anderen aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten zusammen in lauter Freude.

Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus. Wer sie fängt, darf sich eine große, große Pelzkappe daraus machen.

### Glossar

- **Holzhacker**: ein Mann, der im Wald Bäume fällt und Holz schlägt.
- **Teuerung**: eine Zeit, in der alles teuer ist und die Menschen Hunger haben.
- **Narr**: ein dummer Mensch.
- **hobeln**: Holz glatt machen.
- **Särge**: Kisten für Tote.
- **Nun ist es um uns geschehen**: Jetzt ist es das Ende für uns.
- **schlich**: ging leise, damit niemand etwas hört.
- **Kieselsteine**: kleine, glatte Steine.
- **glänzten**: leuchteten hell im Licht.
- **Batzen**: alte Münzen.
- **Schürze**: ein Stück Stoff, das man vorn über dem Kleid trägt.
- **Ade**: alte Form von „Auf Wiedersehen“.
- **Reisig**: dünne, trockene Stücke Holz von Bäumen.
- **Ast**: ein dicker Teil von einem Baum.
- **tröstete**: sprach freundlich mit jemandem, der traurig ist.
- **hat das Lied ein Ende**: dann ist alles vorbei.
- **Bissen**: ein kleines Stück Essen.
- **Wer A sagt, muss auch B sagen**: Wenn man etwas anfängt, muss man auch weitermachen.
- **Bröckchen**: ein sehr kleines Stück.
- **Täubchen**: eine kleine Taube (ein Vogel).
- **gestreut**: in kleinen Stücken auf den Boden geworfen.
- **gesegnete Mahlzeit**: ein gutes Essen, das Gott schenkt.
- **Stube**: ein Zimmer im Haus.
- **knuspern**: etwas Hartes mit kleinen Bissen essen.
- **Krücke**: ein Stock, der beim Gehen hilft.
- **Hexe**: eine böse Frau, die zaubern kann.
- **Stall**: ein kleines Haus für Tiere.
- **trag**: nimm und bring.
- **Krebsschalen**: die harten Teile von einem Krebs (ein Tier im Wasser). Man kann sie nicht essen.
- **Riegel**: ein Stück Holz oder Eisen, das eine Tür fest schließt.
- **erlöst**: frei von großer Not.
- **Steg**: eine kleine, schmale Brücke.
- **Entchen**: eine kleine Ente (ein Vogel auf dem Wasser).

## Das tapfere Schneiderlein

An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster. Er war fröhlich und nähte mit aller Kraft. Da kam eine Bauersfrau die Straße herunter und rief: „Gut Mus feil! Gut Mus feil!“

Das klang schön in den Ohren vom Schneiderlein. Er steckte seinen feinen Kopf aus dem Fenster und rief: „Hier herauf, liebe Frau! Hier werdet Ihr Eure Ware los.“

Die Frau stieg mit ihrem schweren Korb die drei Treppen zum Schneider hinauf. Sie musste alle Töpfe vor ihm auspacken. Er sah sie alle an, hob sie hoch und hielt die Nase daran. Endlich sagte er: „Das Mus scheint mir gut. Wiegt mir doch vier Lot ab, liebe Frau. Auch wenn es ein Viertelpfund wird, ist mir das egal.“

Die Frau hatte gehofft, viel zu verkaufen. Sie gab ihm, was er wollte. Aber sie war ärgerlich und brummte, als sie fortging.

Das Schneiderlein rief: „Nun, Gott soll mir das Mus segnen. Es soll mir Kraft und Stärke geben.“

Er holte das Brot aus dem Schrank und schnitt ein Stück vom ganzen Laib ab. Er strich das Mus darauf. Er sagte: „Das wird nicht bitter schmecken. Aber erst will ich das Wams fertig machen, bevor ich hineinbeiße.“

Er legte das Brot neben sich und nähte weiter. Vor Freude machte er immer größere Stiche.

Da stieg der Geruch vom süßen Mus hinauf an die Wand. Dort saßen viele Fliegen. Der Geruch lockte sie an, und sie setzten sich in großen Scharen auf das Brot.

Das Schneiderlein sagte: „Ei, wer hat euch eingeladen?“ Und er jagte die Gäste fort. Aber die Fliegen verstanden kein Deutsch. Sie ließen sich nicht wegschicken und kamen in immer größeren Gruppen wieder.

Da lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber. Er wurde böse. Er griff in die Kiste unter seinem Tisch und nahm ein Stück Stoff. Er rief: „Warte, ich will es euch geben!“ Und er schlug ohne Mitleid darauf. Er nahm das Tuch weg und zählte. Da lagen nicht weniger als sieben Fliegen tot vor ihm. Sie streckten die Beine von sich.

Er sagte: „Bist du so ein Kerl?“ Er musste selbst seine Tapferkeit bewundern. Dann sagte er: „Das soll die ganze Stadt erfahren.“

Schnell schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel und nähte ihn. Mit großen Buchstaben stickte er darauf: „Siebene auf einen Streich!“

Dann sagte er: „Ei, was ist schon die Stadt! Die ganze Welt soll es erfahren!“ Und sein Herz wackelte vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen.

Der Schneider band sich den Gürtel um den Bauch. Er wollte in die Welt hinaus. Denn er dachte, die Werkstatt ist zu klein für seine Tapferkeit. Bevor er ging, suchte er im Haus, ob er etwas mitnehmen konnte. Er fand aber nur einen alten Käse und steckte ihn ein. Vor dem Tor sah er einen Vogel, der sich im Gebüsch gefangen hatte. Der Vogel musste zum Käse in die Tasche. Nun ging er tapfer weiter. Er war leicht und schnell, darum fühlte er keine Müdigkeit.

Der Weg führte ihn auf einen Berg. Ganz oben auf dem Gipfel saß ein gewaltiger Riese und sah sich ganz ruhig um. Das Schneiderlein ging mutig zu ihm hin und sagte: „Guten Tag, Kamerad! Du sitzt da und siehst dir die weite Welt an, nicht wahr? Ich bin gerade auf dem Weg dorthin und will mein Glück versuchen. Hast du Lust, mitzugehen?“

Der Riese sah den Schneider verächtlich an und sagte: „Du Lump! Du miserabler Kerl!“

Das Schneiderlein antwortete: „Was sagst du da?“ Er knöpfte seine Jacke auf und zeigte dem Riesen den Gürtel. Er sagte: „Da kannst du lesen, was ich für ein Mann bin.“

Der Riese las: „Siebene auf einen Streich!“ Er dachte, dass es Menschen waren. Er dachte, der Schneider hat sieben Menschen erschlagen. Darum bekam er ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl.

Aber er wollte ihn erst prüfen. Er nahm einen Stein in die Hand und drückte ihn, bis Wasser heraustropfte. Der Riese sagte: „Das mach mir nach, wenn du stark bist.“

Das Schneiderlein sagte: „Ist das alles? Das ist für mich nur ein Spiel.“ Er griff in die Tasche und holte den weichen Käse heraus. Dann drückte er ihn, bis der Saft herauslief. Er sagte: „Nun, das war ein wenig besser, nicht wahr?“

Der Riese wusste nicht, was er sagen sollte. Er konnte es von dem kleinen Mann nicht glauben.

Da hob der Riese einen Stein auf. Er warf ihn so hoch, dass man ihn kaum noch sehen konnte. Er sagte: „Nun, du Erpelmännchen, mach mir das nach.“

Der Schneider sagte: „Gut geworfen. Aber der Stein musste doch wieder auf die Erde fallen. Ich werfe dir einen, der gar nicht wiederkommt.“

Er griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in die Luft. Der Vogel freute sich über seine Freiheit. Er stieg auf, flog fort und kam nicht wieder.

Der Schneider fragte: „Wie gefällt dir das, Kamerad?“

Der Riese sagte: „Werfen kannst du wohl. Aber nun wollen wir sehen, ob du etwas Richtiges tragen kannst.“

Er führte das Schneiderlein zu einer großen Eiche. Man hatte den Baum gefällt, und er lag auf dem Boden. Der Riese sagte: „Wenn du stark genug bist, hilf mir. Wir tragen den Baum aus dem Wald.“

Der kleine Mann antwortete: „Gern. Nimm du nur den Stamm auf deine Schulter. Ich hebe die Äste mit den Zweigen hoch und trage sie. Das ist ja das Schwerste.“

Der Riese nahm den Stamm auf die Schulter. Aber der Schneider setzte sich auf einen Ast. Der Riese konnte sich nicht umsehen. So musste er den ganzen Baum tragen und das Schneiderlein noch dazu. Das Schneiderlein saß hinten und war lustig und fröhlich. Er pfiff das Lied „Es ritten drei Schneider zum Tore hinaus“. Es sah aus, als wäre das Baumtragen ein Kinderspiel.

Der Riese schleppte die schwere Last ein Stück. Dann konnte er nicht weiter und rief: „Hör, ich muss den Baum fallen lassen.“

Der Schneider sprang schnell hinunter. Er nahm den Baum mit beiden Armen. Er tat so, als ob er ihn getragen hatte. Er sagte zum Riesen: „Du bist so ein großer Kerl und kannst nicht einmal den Baum tragen.“

Sie gingen zusammen weiter und kamen an einem Kirschbaum vorbei. Der Riese griff die Krone vom Baum, wo die reifsten Früchte hingen. Er bog sie herunter und gab sie dem Schneider in die Hand. Er sagte ihm, dass er essen soll.

Aber das Schneiderlein war viel zu schwach, um den Baum zu halten. Als der Riese losließ, schnellte der Baum in die Höhe. Der Schneider flog mit in die Luft. Er fiel wieder herunter, und es war ihm nichts passiert.

Der Riese sagte: „Was ist das? Hast du nicht die Kraft, den schwachen Zweig zu halten?“

Das Schneiderlein antwortete: „Kraft habe ich genug. Glaubst du, das ist schwer für einen, der siebene auf einen Streich getroffen hat? Ich bin über den Baum gesprungen, weil die Jäger da unten ins Gebüsch schießen. Spring mir nach, wenn du kannst.“

Der Riese versuchte es. Aber er kam nicht über den Baum und blieb in den Ästen hängen. So gewann das Schneiderlein auch hier.

Der Riese sagte: „Wenn du ein so tapferer Kerl bist, komm mit in unsere Höhle. Übernachte bei uns.“

Das Schneiderlein war bereit und ging mit ihm. In der Höhle saßen noch andere Riesen am Feuer. Jeder hatte ein gebratenes Schaf in der Hand und aß davon. Das Schneiderlein sah sich um. Er dachte: „Hier ist viel mehr Platz als in meiner Werkstatt.“

Der Riese zeigte ihm ein Bett und sagte, er soll sich hineinlegen und ausschlafen. Aber das Bett war dem Schneiderlein zu groß. Er legte sich nicht hinein, sondern kroch in eine Ecke.

Um Mitternacht dachte der Riese, dass das Schneiderlein tief schlief. Er stand auf und nahm eine große Eisenstange. Mit einem Schlag schlug er das Bett durch. Er dachte: „Jetzt habe ich den Grashüpfer getötet.“

Früh am Morgen gingen die Riesen in den Wald. Sie hatten das Schneiderlein ganz vergessen. Da kam er auf einmal ganz lustig und mutig heran. Die Riesen erschraken. Sie hatten Angst, dass er sie alle totschlägt, und liefen schnell fort.

Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner spitzen Nase nach. Er wanderte lange und kam in den Hof von einem königlichen Palast. Er war müde, legte sich ins Gras und schlief ein. Während er da lag, kamen die Leute. Sie sahen ihn von allen Seiten an. Auf dem Gürtel lasen sie: „Siebene auf einen Streich!“

Sie sagten: „Ach, was will der große Kriegsheld hier mitten im Frieden? Das muss ein mächtiger Herr sein.“

Sie gingen zum König und erzählten es ihm. Sie sagten: „Wenn Krieg kommt, ist das ein wichtiger und nützlicher Mann. Ihr dürft ihn um keinen Preis fortlassen.“

Dem König gefiel dieser Rat. Er schickte einen von seinen Hofleuten zum Schneiderlein. Der Mann sollte ihm Kriegsdienste anbieten, wenn er aufwachte. Der Abgesandte blieb bei dem Schläfer stehen und wartete. Endlich streckte das Schneiderlein seine Arme und Beine und öffnete die Augen. Da machte ihm der Abgesandte das Angebot.

Das Schneiderlein antwortete: „Genau deshalb bin ich hierhergekommen. Ich bin bereit, dem König zu dienen.“

So empfing man ihn mit großer Ehre und gab ihm eine eigene Wohnung.

Aber die Kriegsleute waren böse auf das Schneiderlein. Sie wünschten, er wäre tausend Meilen weit weg. Sie sagten untereinander: „Was soll daraus werden? Wenn wir Streit mit ihm bekommen und er zuschlägt, fallen bei jedem Streich siebene. Da kann keiner von uns bestehen.“

Sie entschieden sich und gingen alle zusammen zum König. Sie baten ihn, dass sie gehen dürfen. Sie sagten: „Wir können nicht neben einem Mann bleiben, der siebene auf einen Streich schlägt.“

Der König war traurig. Wegen dem einen Mann sollte er alle seine treuen Diener verlieren. Es tat ihm leid, dass er ihn je gesehen hatte. Er wollte ihn gern wieder loswerden. Aber er wagte nicht, ihn fortzuschicken. Denn er hatte Angst vor dem Schneider. Er dachte: „Er kann mich und mein ganzes Volk totschlagen. Dann setzt er sich auf meinen Thron.“

Der König dachte lange nach. Endlich fand er eine Lösung. Er schickte jemanden zum Schneiderlein und ließ ihm sagen: „Du bist ein so großer Kriegsheld. Darum mache ich dir ein Angebot. In einem Wald in meinem Land leben zwei Riesen. Sie rauben und morden und zünden alles an. So machen sie großen Schaden. Niemand kann zu ihnen gehen, ohne sein Leben in Gefahr zu bringen. Wenn du diese beiden Riesen besiegst und tötest, bekommst du meine einzige Tochter zur Frau. Zur Hochzeit bekommst du auch das halbe Königreich. Hundert Reiter sollen mitgehen und dir helfen.“

Das Schneiderlein dachte: „Das ist etwas für einen Mann wie dich. Eine schöne Königstochter und ein halbes Königreich bekommt man nicht alle Tage angeboten.“

Er antwortete: „O ja, die Riesen werde ich schon besiegen. Die hundert Reiter brauche ich dazu nicht. Wer siebene auf einen Streich trifft, muss vor zweien keine Angst haben.“

Das Schneiderlein zog los, und die hundert Reiter folgten ihm. Am Rand vom Wald sagte er zu seinen Begleitern: „Bleibt nur hier. Ich werde mit den Riesen schon allein fertig.“

Dann sprang er in den Wald hinein und sah sich rechts und links um. Nach einem Weilchen sah er die beiden Riesen. Sie lagen unter einem Baum und schliefen. Sie schnarchten so laut, dass sich die Äste auf und ab bogen. Das Schneiderlein war nicht faul. Er füllte beide Taschen mit Steinen und stieg auf den Baum. In der Mitte vom Baum rutschte er auf einem Ast weiter. Dann saß er genau über den Schläfern. Er ließ dem einen Riesen einen Stein nach dem anderen auf die Brust fallen.

Der Riese spürte lange nichts. Aber endlich wachte er auf. Er stieß den anderen Riesen an und sagte: „Warum schlägst du mich?“

Der andere sagte: „Du träumst. Ich schlage dich nicht.“

Sie legten sich wieder schlafen. Da warf der Schneider einen Stein auf den zweiten Riesen. Der zweite rief: „Was soll das? Warum wirfst du mich?“

Der erste brummte: „Ich werfe dich nicht.“

Sie stritten eine Weile. Aber sie waren müde, darum ließen sie es gut sein. Die Augen fielen ihnen wieder zu.

Das Schneiderlein fing sein Spiel wieder an. Er suchte den dicksten Stein aus. Er warf ihn mit aller Kraft dem ersten Riesen auf die Brust. Der Riese schrie: „Das ist zu viel!“ Er sprang wie verrückt auf. Er stieß den anderen so stark gegen den Baum, dass der Baum zitterte. Der andere schlug zurück. Sie wurden so wütend, dass sie Bäume ausrissen. Sie schlugen aufeinander ein, bis endlich beide zugleich tot auf die Erde fielen.

Nun sprang das Schneiderlein hinunter. Er sagte: „Ein Glück, dass sie den Baum nicht ausgerissen haben, auf dem ich saß. So musste ich nicht wie ein Eichhörnchen auf einen anderen Baum springen. Aber ich bin ja schnell.“

Er zog sein Schwert und schlug jedem Riesen ein paarmal kräftig in die Brust. Dann ging er hinaus zu den Reitern und sagte: „Die Arbeit ist getan. Ich habe beide getötet. Aber es war schwer. Sie haben in ihrer Not Bäume ausgerissen und sich gewehrt. Doch das hilft alles nichts, wenn einer kommt wie ich. Ich schlage siebene auf einen Streich.“

Die Reiter fragten: „Seid Ihr denn nicht verwundet?“

Der Schneider antwortete: „Keine Sorge. Kein Haar haben sie mir gekrümmt.“

Die Reiter glaubten ihm nicht und ritten in den Wald hinein. Dort fanden sie die Riesen. Sie schwammen in ihrem Blut. Rundherum lagen die Bäume, die sie ausgerissen hatten.

Das Schneiderlein verlangte vom König die Belohnung, die er ihm versprochen hatte. Aber dem König tat sein Versprechen leid. Er dachte wieder nach, wie er den Helden loswerden konnte. Er sagte zu ihm: „Du bekommst meine Tochter und das halbe Reich. Aber vorher musst du noch eine Heldentat tun. In dem Wald läuft ein Einhorn, das großen Schaden macht. Das musst du erst fangen.“

Das Schneiderlein antwortete: „Vor einem Einhorn habe ich noch weniger Angst als vor zwei Riesen. Siebene auf einen Streich, das ist meine Sache.“

Er nahm ein Seil und eine Axt mit und ging in den Wald. Wieder sagte er den Männern, die ihm helfen sollten, sie sollen draußen warten. Er musste nicht lange suchen. Das Einhorn kam bald und sprang direkt auf den Schneider zu. Es sah aus, als wollte es ihn sofort aufspießen.

Er sagte: „Langsam, langsam! So schnell geht das nicht.“

Er blieb stehen und wartete, bis das Tier ganz nahe war. Dann sprang er schnell hinter den Baum. Das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Baum. Es stieß sein Horn ganz fest in den Stamm. Darum hatte es nicht genug Kraft, um das Horn wieder herauszuziehen. So war es gefangen.

Der Schneider sagte: „Jetzt habe ich das Vöglein.“

Er kam hinter dem Baum hervor und legte dem Einhorn das Seil um den Hals. Dann schlug er mit der Axt das Horn aus dem Baum. Als alles in Ordnung war, führte er das Tier fort und brachte es zum König.

Der König wollte ihm den Lohn immer noch nicht geben und stellte eine dritte Forderung. Vor der Hochzeit sollte der Schneider ein Wildschwein fangen, das im Wald großen Schaden machte. Die Jäger sollten ihm helfen.

Der Schneider sagte: „Gern. Das ist ein Kinderspiel.“

Die Jäger nahm er nicht mit in den Wald. Damit waren sie sehr zufrieden. Denn das Wildschwein hatte sie schon oft schlimm empfangen. Darum wollten sie es nicht jagen.

Das Schwein sah den Schneider. Es hatte Schaum vor dem Mund und wetzte seine Zähne. Es lief auf ihn zu und wollte ihn auf die Erde werfen. Aber der schnelle Held sprang in eine Kapelle in der Nähe. Mit einem Sprung war er oben aus dem Fenster wieder draußen. Das Schwein war hinter ihm hergelaufen. Aber er lief außen um die Kapelle herum. Er schlug die Tür hinter dem Schwein zu. Da war das wütende Tier gefangen. Es war viel zu schwer und zu ungeschickt, um aus dem Fenster zu springen.

Das Schneiderlein rief die Jäger. Sie mussten den Gefangenen mit ihren eigenen Augen sehen. Der Held aber ging zum König. Der König musste nun sein Versprechen halten, ob er wollte oder nicht. Er gab ihm seine Tochter und das halbe Königreich. Dabei stand kein Kriegsheld vor ihm, sondern ein Schneiderlein. Das wusste der König nicht. Sonst wäre er noch trauriger. Die Hochzeit feierte man also mit großer Pracht und kleiner Freude. Und aus einem Schneider wurde ein König.

Nach einiger Zeit hörte die junge Königin etwas in der Nacht. Ihr Mann sprach im Traum. Er sagte: „Junge, mach mir das Wams und flick mir die Hosen. Sonst schlage ich dir die Elle über die Ohren.“

Da merkte sie, in welcher Gasse der junge Herr geboren war. Am nächsten Morgen klagte sie ihrem Vater ihr Leid. Sie sagte: „Hilf mir, diesen Mann loszuwerden. Er ist nichts anderes als ein Schneider.“

Der König tröstete sie und sagte: „Lass in der nächsten Nacht deine Schlafkammer offen. Meine Diener sollen draußen stehen. Wenn er eingeschlafen ist, gehen sie hinein und binden ihn. Dann tragen sie ihn auf ein Schiff, das ihn in die weite Welt bringt.“

Die Frau war damit zufrieden. Aber der Waffenträger vom König hatte alles gehört. Er mochte den jungen Herrn und erzählte ihm den ganzen Plan.

Das Schneiderlein sagte: „Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben.“

Abends legte er sich zur gewohnten Zeit mit seiner Frau ins Bett. Sie glaubte, dass er eingeschlafen war. Da stand sie auf, öffnete die Tür und legte sich wieder hin. Das Schneiderlein tat nur so, als ob er schlief. Da rief er mit heller Stimme: „Junge, mach mir das Wams und flick mir die Hosen. Sonst schlage ich dir die Elle über die Ohren. Ich habe siebene auf einen Streich getroffen. Ich habe zwei Riesen getötet, ein Einhorn fortgeführt und ein Wildschwein gefangen. Und ich soll Angst haben vor denen, die draußen vor der Kammer stehen?“

Die Männer draußen hörten den Schneider so reden. Da bekamen sie große Angst. Sie liefen, als wäre das wilde Heer hinter ihnen. Und keiner wagte es mehr, etwas gegen ihn zu tun. So war und blieb das Schneiderlein sein ganzes Leben lang ein König.

### Glossar

- **Mus**: süß gekochte, weiche Früchte, wie Marmelade.
- **nähte**: arbeitete mit Nadel und Faden.
- **feil**: alt für „zu verkaufen“.
- **Korb**: eine große Tasche aus dünnem Holz.
- **Lot**: ein altes, kleines Gewicht.
- **brummte**: sprach leise und böse.
- **Wams**: eine alte Jacke für Männer.
- **die Laus über die Leber**: Man sagt das, wenn jemand plötzlich böse wird.
- **Tapferkeit**: großer Mut.
- **Streich**: ein Schlag.
- **Gürtel**: ein langes Band, das man um den Bauch trägt.
- **Gebüsch**: viele Büsche zusammen.
- **Riese**: ein sehr großer, starker Mann in Märchen.
- **Erpelmännchen**: ein männliches Entchen; hier ein böses Wort für einen kleinen Mann.
- **hilf**: Form von „helfen“; so bittet man einen Menschen um Hilfe.
- **Ast**: ein dicker Teil von einem Baum.
- **Äste**: mehr als ein Ast.
- **ritten**: waren auf Pferden unterwegs.
- **Grashüpfer**: ein kleines Tier im Gras, das weit springt.
- **seiner spitzen Nase nach**: immer geradeaus, wohin die Nase zeigt.
- **Kriegsheld**: ein Mann, der im Krieg sehr mutig ist.
- **Abgesandte**: ein Mann, den ein König mit einer Nachricht schickt.
- **wagte**: hatte den Mut.
- **besiegen**: in einem Kampf gewinnen.
- **Kein Haar haben sie mir gekrümmt**: Sie haben mir gar nichts getan.
- **Einhorn**: ein Tier aus Märchen, wie ein Pferd, mit einem Horn auf dem Kopf.
- **Axt**: ein Werkzeug, mit dem man Holz schlägt.
- **wetzte**: machte scharf.
- **Kapelle**: eine kleine Kirche.
- **Pracht**: sehr viel Schönes und Teures.
- **in welcher Gasse der junge Herr geboren war**: aus welcher einfachen, armen Familie er kam.
- **flick**: mach wieder ganz, mit Nadel und Faden.
- **Elle**: hier: ein Stock, mit dem ein Schneider Stoff misst.
- **Waffenträger**: ein Mann, der die Waffen für einen König trägt.
- **Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben**: Diesen Plan will ich stoppen.
- **wilde Heer**: viele Geister aus alten Geschichten.

## Aschenputtel

Ein reicher Mann hatte eine Frau, und die Frau wurde krank. Sie fühlte, dass ihr Ende nah war. Da rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett.

Sie sagte: „Liebes Kind, bleib fromm und gut. Dann hilft dir der liebe Gott immer. Und ich will vom Himmel auf dich herunterschauen. Ich will bei dir sein.“

Danach machte sie die Augen zu und starb.

Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zum Grab von der Mutter und weinte. Und sie blieb fromm und gut. Dann kam der Winter. Der Schnee legte ein weißes Tuch auf das Grab. Im Frühling zog die Sonne das Tuch wieder herunter. Da nahm sich der Mann eine andere Frau.

Die Frau brachte zwei Töchter mit ins Haus. Ihre Gesichter waren schön und weiß, aber ihre Herzen waren hässlich und schwarz. Da begann eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind.

Die zwei Töchter sagten: „Soll die dumme Gans bei uns in der Stube sitzen! Wer Brot essen will, muss es verdienen. Raus mit der Küchenmagd!“

Sie nahmen ihr die schönen Kleider weg. Sie zogen ihr einen alten grauen Kittel an und gaben ihr Schuhe aus Holz.

Sie riefen: „Seht einmal die stolze Prinzessin! Wie schön sie sich gemacht hat!“

Sie lachten und führten sie in die Küche. Dort musste sie von morgens bis abends schwer arbeiten. Sie musste früh aufstehen, noch bevor es hell wurde. Sie musste Wasser tragen, Feuer machen, kochen und waschen. Die Schwestern taten ihr außerdem alles Böse an, das sie sich denken konnten. Sie lachten über sie. Sie schütteten ihr die Erbsen und Linsen in die Asche. So musste sie dort sitzen und alles wieder aussuchen. Am Abend war sie müde von der Arbeit. Aber sie kam in kein Bett. Sie musste sich neben den Herd in die Asche legen. Deshalb sah sie immer staubig und schmutzig aus. Und deshalb nannten die Schwestern sie *Aschenputtel*.

Einmal wollte der Vater zur Messe (einem großen Markt) reisen. Er fragte die beiden Stieftöchter: „Was soll ich euch mitbringen?“

Die eine sagte: „Schöne Kleider.“

Die zweite sagte: „Perlen und Edelsteine.“

Er fragte: „Und du, Aschenputtel, was möchtest du haben?“

Aschenputtel antwortete: „Vater, ich möchte den ersten Zweig, der auf dem Heimweg an Euren Hut stößt. Brecht ihn für mich ab.“

Er kaufte nun für die beiden Stiefschwestern schöne Kleider, Perlen und Edelsteine. Auf dem Rückweg ritt er durch einen grünen Busch. Da berührte ihn ein Haselzweig und stieß ihm den Hut vom Kopf. Er brach den Zweig ab und nahm ihn mit. Zu Hause gab er den Stieftöchtern die Kleider, die Perlen und die Edelsteine. Aschenputtel gab er den Zweig vom Haselbusch.

Aschenputtel dankte ihm. Sie ging zum Grab von ihrer Mutter und pflanzte den Zweig darauf. Sie weinte so sehr, dass ihre Tränen auf den Zweig fielen und ihn gossen. Der Zweig wuchs und wurde ein schöner Baum. Aschenputtel ging jeden Tag dreimal unter den Baum. Dort weinte und betete sie. Und jedes Mal kam ein weißes Vöglein auf den Baum. Wenn sie einen Wunsch sagte, warf ihr das Vöglein das herunter, was sie sich wünschte.

Der König machte ein Fest, das drei Tage dauern sollte. Er lud alle schönen jungen Frauen im Land ein. So konnte sein Sohn sich eine Braut aussuchen. Die zwei Stiefschwestern hörten, dass sie auch kommen sollten. Da waren sie fröhlich.

Sie riefen Aschenputtel und sagten: „Kämm uns die Haare, bürste uns die Schuhe. Mach uns die Schnallen fest. Wir gehen zum Fest auf das Schloss vom König.“

Aschenputtel tat das, aber sie weinte. Denn sie wollte auch gern zum Tanz mitgehen. Sie fragte die Stiefmutter, ob sie mitgehen durfte.

Die Stiefmutter sagte: „Du, Aschenputtel, bist voll Staub und Schmutz und willst zum Fest? Du hast keine Kleider und keine Schuhe und willst tanzen!“

Aber Aschenputtel bat immer weiter. Da sagte die Stiefmutter endlich: „Ich habe dir eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet. Wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder ausgesucht hast, darfst du mitgehen.“

Das Mädchen ging durch die Hintertür in den Garten. Sie rief: „Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel! Kommt und helft mir aussuchen.“

„Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.“

Da kamen zwei weiße Täubchen durch das Küchenfenster herein. Danach kamen die Turteltäubchen. Zuletzt flogen alle Vöglein unter dem Himmel in einem großen Schwarm herein. Sie setzten sich um die Asche. Die Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an: pik, pik, pik, pik. Da fingen auch die anderen an: pik, pik, pik, pik. Sie legten alle guten Körner in die Schüssel. Noch keine Stunde war vorbei, da waren sie schon fertig. Sie flogen alle wieder hinaus.

Das Mädchen brachte der Stiefmutter die Schüssel. Sie freute sich und glaubte, dass sie nun zum Fest mitgehen durfte.

Aber die Stiefmutter sagte: „Nein, Aschenputtel, du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen. Alle werden dich nur auslachen.“

Aschenputtel weinte. Da sagte die Stiefmutter: „Such mir zwei Schüsseln Linsen aus der Asche. Wenn du das in einer Stunde schaffst, darfst du mitgehen.“

Und sie dachte: „Das kann sie niemals.“

Die Stiefmutter schüttete die zwei Schüsseln Linsen in die Asche. Das Mädchen ging durch die Hintertür in den Garten. Sie rief: „Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel! Kommt und helft mir aussuchen.“

„Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.“

Da kamen zwei weiße Täubchen durch das Küchenfenster herein. Danach kamen die Turteltäubchen. Zuletzt flogen alle Vöglein unter dem Himmel in einem großen Schwarm herein. Sie setzten sich um die Asche. Die Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an: pik, pik, pik, pik. Da fingen auch die anderen an: pik, pik, pik, pik. Sie legten alle guten Körner in die Schüsseln. Noch keine halbe Stunde war vorbei, da waren sie schon fertig. Sie flogen alle wieder hinaus.

Das Mädchen brachte der Stiefmutter die Schüsseln. Sie freute sich und glaubte, dass sie nun zum Fest mitgehen durfte.

Aber die Stiefmutter sagte: „Es hilft dir alles nichts. Du kommst nicht mit, denn du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen. Wir würden uns für dich schämen.“

Dann drehte sie Aschenputtel den Rücken zu. Sie ging schnell mit ihren zwei stolzen Töchtern fort.

Nun war niemand mehr zu Hause. Aschenputtel ging zum Grab von ihrer Mutter, unter den Haselbaum, und rief:

„Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich.“

Da warf ihr der Vogel ein Kleid aus Gold und Silber herunter. Dazu warf er Pantoffeln mit Stickereien aus Seide und Silber herunter. Ganz schnell zog sie das Kleid an und ging zum Fest. Ihre Schwestern und die Stiefmutter erkannten sie nicht.

Sie dachten: „Das ist sicher eine fremde Königstochter.“

So schön sah sie in dem goldenen Kleid aus. An Aschenputtel dachten sie gar nicht. Sie glaubten, dass sie daheim im Schmutz saß und die Linsen aus der Asche suchte.

Der Königssohn kam zu ihr, nahm sie an der Hand und tanzte mit ihr. Er wollte mit keiner anderen tanzen. Er ließ ihre Hand nicht los. Wenn ein anderer kam und mit ihr tanzen wollte, sagte er: „Das ist meine Tänzerin.“

Sie tanzte bis zum Abend. Dann wollte sie nach Hause gehen.

Aber der Königssohn sagte: „Ich gehe mit und begleite dich.“

Denn er wollte sehen, zu wem das schöne Mädchen gehörte. Aber sie lief ihm weg und sprang in das Taubenhaus. Der Königssohn wartete, bis der Vater kam.

Er sagte ihm: „Das fremde Mädchen ist in das Taubenhaus gesprungen.“

Der Vater dachte: „Ist das vielleicht Aschenputtel?“

Sie mussten ihm eine Axt und Hacken bringen. Damit schlug er das Taubenhaus kaputt. Aber niemand war darin. Sie gingen ins Haus. Da lag Aschenputtel in ihren schmutzigen Kleidern in der Asche. Im Schornstein brannte ein kleines Öllämpchen mit schwachem Licht.

Das war so: Aschenputtel sprang schnell hinten aus dem Taubenhaus herunter. Sie lief zum Haselbäumchen. Dort zog sie die schönen Kleider aus und legte sie auf das Grab. Der Vogel nahm sie wieder weg. Dann ging sie in ihrem grauen Kittel in die Küche und setzte sich zur Asche.

Am nächsten Tag begann das Fest von neuem. Die Eltern und die Stiefschwestern gingen wieder fort. Da ging Aschenputtel zum Haselbaum und sagte:

„Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich.“

Da warf der Vogel ein noch viel schöneres Kleid herunter als am Tag davor. Sie kam in diesem Kleid zum Fest. Alle staunten über ihre Schönheit. Der Königssohn wartete schon auf sie. Er nahm sie gleich an der Hand und tanzte nur mit ihr. Wenn die anderen kamen und mit ihr tanzen wollten, sagte er: „Das ist meine Tänzerin.“

Am Abend wollte sie fort. Der Königssohn ging ihr nach und wollte sehen, in welches Haus sie ging. Aber sie lief ihm weg und sprang in den Garten hinter dem Haus. Dort stand ein schöner großer Baum mit den besten Birnen. Sie kletterte so schnell wie ein Eichhörnchen zwischen die Äste. Der Königssohn wusste nicht, wo sie war. Er wartete, bis der Vater kam.

Er sagte zu ihm: „Das fremde Mädchen ist mir weggelaufen. Ich glaube, sie ist auf den Birnbaum gesprungen.“

Der Vater dachte: „Ist das vielleicht Aschenputtel?“

Er ließ sich die Axt holen und schlug den Baum um. Aber niemand war darauf. Sie gingen in die Küche. Da lag Aschenputtel in der Asche wie immer.

Das war so: Sie sprang auf der anderen Seite vom Baum herunter. Sie brachte dem Vogel auf dem Haselbäumchen die schönen Kleider zurück. Dann zog sie ihren grauen Kittel an.

Am dritten Tag waren die Eltern und die Schwestern wieder fort. Da ging Aschenputtel wieder zum Grab von ihrer Mutter und sagte zu dem Bäumchen:

„Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich.“

Nun warf ihr der Vogel ein Kleid herunter. So ein schönes und glänzendes Kleid hatte sie noch nie gehabt. Und die Pantoffeln waren ganz aus Gold. Sie kam in dem Kleid zum Fest. Da wussten alle vor Staunen nicht, was sie sagen sollten. Der Königssohn tanzte nur mit ihr. Wenn ein anderer kam und mit ihr tanzen wollte, sagte er: „Das ist meine Tänzerin.“

Am Abend wollte Aschenputtel fort. Der Königssohn wollte sie begleiten. Aber sie lief so schnell weg, dass er ihr nicht folgen konnte. Der Königssohn hatte aber eine List benutzt. Auf seinen Befehl war die ganze Treppe voll Pech. Sie lief die Treppe hinunter, und da blieb ihr linker Pantoffel hängen. Der Königssohn hob ihn auf. Der Pantoffel war klein und fein und ganz aus Gold.

Am nächsten Morgen ging er damit zu dem Mann. Er sagte zu ihm: „Nur die Frau, der dieser goldene Schuh passt, wird meine Gemahlin. Keine andere!“

Da freuten sich die beiden Schwestern, denn sie hatten schöne Füße.

Die Älteste ging mit dem Schuh in die Kammer und wollte ihn anprobieren. Die Stiefmutter stand dabei. Aber die große Zehe ging nicht hinein. Der Schuh war ihr zu klein.

Da gab ihr die Stiefmutter ein Messer. Sie sagte: „Hau die Zehe ab! Wenn du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.“

Das Mädchen schlug die Zehe ab. Sie drückte den Fuß in den Schuh. Sie hatte große Schmerzen, aber sie zeigte es nicht. Sie ging hinaus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Aber sie mussten am Grab vorbei. Dort saßen die zwei Täubchen auf dem Haselbäumchen und riefen:

„Rucke di guck, rucke di guck, Blut ist im Schuck (Schuh): Der Schuck ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim.“

Da sah er auf ihren Fuß. Er sah, wie das Blut herauskam. Er drehte sein Pferd um und brachte die falsche Braut wieder nach Hause.

Er sagte: „Das ist nicht die rechte Braut. Die andere Schwester soll den Schuh anziehen.“

Da ging die andere Schwester in die Kammer. Die Zehen kamen gut in den Schuh, aber die Ferse war zu groß.

Da gab ihr die Stiefmutter ein Messer. Sie sagte: „Hau ein Stück von der Ferse ab! Wenn du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.“

Das Mädchen schlug ein Stück von der Ferse ab. Sie drückte den Fuß in den Schuh. Sie hatte große Schmerzen, aber sie zeigte es nicht. Sie ging hinaus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Sie kamen am Haselbäumchen vorbei. Dort saßen die zwei Täubchen und riefen:

„Rucke di guck, rucke di guck, Blut ist im Schuck: Der Schuck ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim.“

Er sah auf ihren Fuß. Er sah, wie das Blut aus dem Schuh herauskam. Das Blut stieg an den weißen Strümpfen hoch, und sie waren ganz rot. Da drehte er sein Pferd um und brachte die falsche Braut wieder nach Hause.

Er sagte: „Das ist auch nicht die rechte Braut. Habt ihr keine andere Tochter?“

Der Mann antwortete: „Nein. Von meiner toten Frau gibt es nur noch ein kleines, verbuttetes Aschenputtel. Sie kann unmöglich die Braut sein.“

Der Königssohn sagte: „Schickt sie herauf.“

Aber die Stiefmutter antwortete: „Ach nein, sie ist viel zu schmutzig. So darf sie sich nicht zeigen.“

Der Königssohn wollte sie aber unbedingt sehen. Also mussten sie Aschenputtel rufen.

Zuerst wusch sie sich die Hände und das Gesicht. Dann ging sie hin und verbeugte sich vor dem Königssohn. Er gab ihr den goldenen Schuh. Sie setzte sich auf einen Hocker. Sie zog den Fuß aus dem schweren Holzschuh und steckte ihn in den Pantoffel. Er passte wie angegossen.

Sie stand auf, und der Königssohn sah ihr ins Gesicht. Da erkannte er das schöne Mädchen vom Tanz.

Er rief: „Das ist die rechte Braut!“

Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden blass vor Ärger. Er aber nahm Aschenputtel aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Sie kamen am Haselbäumchen vorbei. Da riefen die zwei weißen Täubchen:

„Rucke di guck, rucke di guck, kein Blut im Schuck: Der Schuck ist nicht zu klein, die rechte Braut, die führt er heim.“

Dann flogen beide herunter und setzten sich auf die Schultern von Aschenputtel. Eine saß rechts, die andere links. Dort blieben sie sitzen.

Dann sollte die Hochzeit mit dem Königssohn sein. Da kamen die falschen Schwestern. Sie wollten freundliche Worte sagen und etwas von Aschenputtels Glück haben. Das Brautpaar ging zur Kirche. Die Älteste ging rechts, und die Jüngste ging links. Da pickten die Tauben jeder Schwester ein Auge aus. Danach kamen sie aus der Kirche. Nun ging die Älteste links und die Jüngste rechts. Da pickten die Tauben jeder Schwester das andere Auge aus. So waren sie für ihre Bosheit und Falschheit bestraft. Sie blieben ihr Leben lang blind.

### Glossar

- **fromm**: Man glaubt an Gott und tut, was Gott will.
- **Tuch**: ein Stück Stoff.
- **Kittel**: ein einfaches Kleid für die Arbeit.
- **Linsen**: kleine, runde Samen, die man isst.
- **Asche**: das graue Pulver, das nach einem Feuer übrig bleibt.
- **Herd**: der Platz in der Küche, wo man Feuer macht und kocht.
- **Messe**: hier: ein großer Markt.
- **Perlen**: kleine, runde, weiße Kugeln aus dem Meer; man trägt sie als Schmuck.
- **Edelsteine**: schöne, teure Steine, zum Beispiel Diamanten.
- **Stiefschwestern**: die Töchter von der neuen Frau vom Vater.
- **ritt**: war auf einem Pferd unterwegs.
- **Haselzweig**: ein kleiner, junger Zweig von einem Haselbusch.
- **Haselbäumchen**: ein kleiner Haselbaum.
- **Schnallen**: kleine Teile aus Metall, die einen Schuh fest schließen.
- **Stiefmutter**: die neue Frau vom Vater.
- **Täubchen**: eine kleine Taube, ein Vogel.
- **Turteltäubchen**: eine kleine Taube von einer besonderen Art.
- **Kröpfchen**: der Hals von einem Vogel, in dem das Essen zuerst landet.
- **pik**: das Geräusch, wenn ein Vogel mit dem Schnabel Körner isst.
- **rüttel**: beweg dich stark hin und her.
- **schüttel**: beweg dich schnell hin und her.
- **Pantoffeln**: hier: feine, leichte Schuhe.
- **Tänzerin**: eine Frau, die tanzt.
- **Taubenhaus**: ein kleines Haus für Tauben.
- **Schornstein**: ein hohes Rohr, durch das der Rauch aus dem Haus geht.
- **List**: ein kluger Plan, mit dem man jemanden täuscht.
- **Pech**: eine schwarze Masse, die sehr stark klebt.
- **Gemahlin**: die Frau von einem König oder einem Königssohn.
- **Zehe**: einer von den fünf Teilen vorne am Fuß.
- **Ferse**: der hintere Teil vom Fuß.
- **rucke**: „Rucke di guck“ ist der Ruf von einer Taube.
- **Schuck**: alte Form von „Schuh“.
- **rechte**: hier: die richtige.
- **verbuttetes**: klein geblieben.
- **wie angegossen**: Der Schuh passt ganz genau.

## Frau Holle

Eine Witwe hatte zwei Töchter. Die eine war schön und fleißig, die andere war hässlich und faul. Die Witwe hatte die hässliche und faule Tochter viel lieber. Denn das war ihre richtige Tochter. Die andere Tochter musste alle Arbeit tun. Sie war der Aschenputtel im Haus.

Das arme Mädchen musste sich jeden Tag an die große Straße setzen, neben einen Brunnen. Dort musste sie so viel spinnen, dass ihr das Blut aus den Fingern sprang. Einmal war die Spule ganz blutig. Da beugte sich das Mädchen in den Brunnen und wollte die Spule abwaschen. Aber die Spule sprang ihr aus der Hand und fiel hinunter. Das Mädchen weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr von dem Unglück. Die Stiefmutter schimpfte sehr und hatte kein Mitleid.

Sie sagte: „Du hast die Spule hinunterfallen lassen. Also hol sie auch wieder herauf.“

Da ging das Mädchen zum Brunnen zurück. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. In ihrer großen Angst sprang sie in den Brunnen, um die Spule zu holen. Sie verlor das Bewusstsein. Dann wachte sie auf und konnte wieder klar denken. Da war sie auf einer schönen Wiese. Die Sonne schien, und viele tausend Blumen standen dort.

Sie ging auf dieser Wiese weiter und kam zu einem Backofen. Der Backofen war voll Brot.

Das Brot rief: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: Ich bin schon längst ausgebacken.“

Da ging sie zum Backofen. Sie holte mit dem Brotschieber alles heraus, ein Brot nach dem anderen. Danach ging sie weiter und kam zu einem Baum. Der Baum hing voll Äpfel.

Er rief ihr zu: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“

Da schüttelte sie den Baum. Die Äpfel fielen wie Regen. Sie schüttelte, bis kein Apfel mehr oben war. Dann legte sie alle Äpfel auf einen Haufen. Danach ging sie wieder weiter.

Endlich kam sie zu einem kleinen Haus. Eine alte Frau schaute heraus. Die Frau hatte so große Zähne, dass das Mädchen Angst bekam. Sie wollte weglaufen.

Aber die alte Frau rief ihr nach: „Warum hast du Angst, liebes Kind? Bleib bei mir. Wenn du alle Arbeit im Haus ordentlich machst, wird es dir gut gehen. Du musst nur aufpassen, dass du mein Bett gut machst. Du musst es fleißig schütteln, damit die Federn fliegen. Dann schneit es in der Welt. Ich bin Frau Holle.“

Die Alte sprach so freundlich zu ihr, und deshalb bekam das Mädchen Mut. Sie sagte ja und fing bei ihr an zu arbeiten. Sie machte alles so, wie Frau Holle es wollte. Sie schüttelte das Bett immer ganz stark. Die Federn flogen wie Schneeflocken herum. Dafür hatte sie auch ein gutes Leben bei Frau Holle. Sie hörte kein böses Wort, und jeden Tag gab es gekochtes und gebratenes Essen.

Nun war sie eine Zeit lang bei Frau Holle. Da wurde sie traurig. Am Anfang wusste sie selbst nicht, was ihr fehlte. Endlich merkte sie, dass es Heimweh war. Hier ging es ihr viele tausendmal besser als zu Hause. Aber trotzdem wollte sie nach Hause.

Endlich sagte sie zu Frau Holle: „Ich habe Heimweh bekommen. Auch wenn es mir hier unten noch so gut geht, kann ich nicht länger bleiben. Ich muss wieder hinauf zu meiner Familie.“

Frau Holle sagte: „Es gefällt mir, dass du wieder nach Hause möchtest. Du hast mir so treu gedient. Deshalb bringe ich dich selbst wieder hinauf.“

Sie nahm das Mädchen an der Hand und führte sie vor ein großes Tor. Das Tor ging auf. Das Mädchen stand gerade darunter, da fiel ein starker Regen aus Gold. Alles Gold blieb an ihr hängen. So war sie ganz mit Gold bedeckt.

Frau Holle sagte: „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist.“

Sie gab ihr auch die Spule zurück. Das war die Spule aus dem Brunnen. Dann ging das Tor zu. Das Mädchen war oben auf der Welt, nicht weit vom Haus von ihrer Mutter. Sie kam in den Hof. Dort saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:

„Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.“

Da ging sie ins Haus zu ihrer Mutter. Sie war ganz mit Gold bedeckt. Deshalb waren die Mutter und die Schwester gut zu ihr.

Das Mädchen erzählte alles von ihrer Zeit dort unten. Die Mutter hörte, woher der große Reichtum kam. Da wollte sie der anderen Tochter, der hässlichen und faulen, gern das gleiche Glück geben. Die Faule musste sich an den Brunnen setzen und spinnen. Sie wollte eine blutige Spule haben. Deshalb stach sie sich in die Finger und stieß ihre Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selbst hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese. Sie ging auf dem gleichen Weg weiter.

Sie kam zum Backofen. Da rief das Brot wieder: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: Ich bin schon längst ausgebacken.“

Aber die Faule antwortete: „Dazu habe ich keine Lust. Ich will mich nicht schmutzig machen.“

Und sie ging weiter. Bald kam sie zum Apfelbaum.

Er rief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“

Aber sie antwortete: „Nein, das tue ich nicht. Ein Apfel könnte mir auf den Kopf fallen.“

Und sie ging weiter. Sie kam zum Haus von Frau Holle. Sie hatte keine Angst, denn sie wusste schon von den großen Zähnen. Sie fing gleich bei Frau Holle an zu arbeiten.

Am ersten Tag zwang sie sich. Sie war fleißig und tat, was Frau Holle ihr sagte. Denn sie dachte an das viele Gold, das Frau Holle ihr schenken würde. Aber am zweiten Tag fing sie schon an, faul zu sein. Am dritten Tag war sie noch fauler. Da wollte sie am Morgen gar nicht aufstehen. Sie machte auch das Bett von Frau Holle nicht so, wie es sein sollte. Und sie schüttelte es nicht so, dass die Federn flogen.

Bald hatte Frau Holle genug davon. Sie sagte der Faulen, dass sie gehen musste. Die Faule war damit zufrieden.

Sie dachte: „Jetzt kommt der Goldregen.“

Frau Holle führte sie auch zu dem Tor. Sie stand darunter. Aber statt Gold fiel Pech auf sie, ein großer Kessel voll.

Frau Holle sagte: „Das ist die Belohnung für deine Arbeit.“

Und sie schloss das Tor zu.

Da kam die Faule nach Hause. Aber sie war ganz mit Pech bedeckt. Der Hahn auf dem Brunnen sah sie und rief:

„Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.“

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen. Es ging ihr ganzes Leben lang nicht ab.

### Glossar

- **Witwe**: eine Frau, deren Mann gestorben ist.
- **der Aschenputtel**: hier: ein Mädchen, das im Haus die ganze schmutzige Arbeit machen muss.
- **Brunnen**: ein tiefes Loch in der Erde mit Wasser darin.
- **spinnen**: aus Wolle oder Flachs einen Faden machen.
- **Spule**: ein Stück Holz, um das man den Faden wickelt.
- **beugte**: bewegte den Körper nach unten.
- **abwaschen**: mit Wasser sauber machen.
- **Stiefmutter**: eine Frau, die für ein Kind wie eine Mutter ist, aber nicht seine richtige Mutter.
- **verlor das Bewusstsein**: Man fällt um und weiß nichts mehr, wie im Schlaf.
- **Backofen**: ein großer Ofen, in dem man Brot backt.
- **verbrenn**: kurze Form von „verbrenne“: Das Feuer macht mich kaputt.
- **Brotschieber**: ein langes Holzbrett, mit dem man Brot aus dem Ofen holt.
- **Äpfel**: mehr als ein Apfel.
- **schüttel**: beweg mich schnell hin und her.
- **reif**: fertig zum Essen.
- **Federn**: die leichten, weichen Teile von einem Vogel; man füllt damit Betten.
- **Heimweh**: Man ist traurig, weil man nach Hause möchte.
- **gedient**: für jemanden gearbeitet.
- **Tor**: eine große Tür.
- **kikeriki**: so ruft ein Hahn.
- **Jungfrau**: eine junge, nicht verheiratete Frau.
- **hie**: alte Form von „hier“.
- **stach**: machte mit etwas Spitzem ein kleines Loch.
- **Dornhecke**: viele Sträucher mit spitzen Stacheln.
- **schmutzig**: nicht sauber.
- **schmutzige**: nicht saubere, zum Beispiel: eine schmutzige Hand.
- **Pech**: eine schwarze Masse, die sehr stark klebt.
- **Kessel**: ein großer Topf.

## Rotkäppchen

Es war einmal ein kleines süßes Mädchen. Jeder, der sie nur ansah, hatte sie lieb. Aber ihre Großmutter hatte sie am liebsten. Die Großmutter wusste gar nicht, was sie dem Kind alles geben sollte. Einmal schenkte sie ihr ein Käppchen aus rotem Samt. Das Käppchen stand ihr so gut. Sie wollte nichts anderes mehr tragen. Deshalb nannten alle sie nur noch Rotkäppchen.

Eines Tages sagte ihre Mutter zu ihr: „Komm, Rotkäppchen. Hier sind ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein. Bring das der Großmutter hinaus. Sie ist krank und schwach, und das wird ihr guttun. Geh los, bevor es heiß wird. Geh draußen schön brav und lauf nicht vom Weg ab. Sonst fällst du, und das Glas geht kaputt. Dann hat die Großmutter nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, vergiss nicht, guten Morgen zu sagen. Und schau nicht zuerst in alle Ecken.“

Rotkäppchen sagte zur Mutter: „Ich mache schon alles gut.“

Und sie gab ihr die Hand darauf.

Die Großmutter wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf entfernt. Rotkäppchen kam in den Wald, und da traf sie den Wolf. Aber Rotkäppchen wusste nicht, was für ein böses Tier das war. Sie hatte keine Angst vor ihm.

Der Wolf sagte: „Guten Tag, Rotkäppchen.“

Rotkäppchen sagte: „Schönen Dank, Wolf.“

„Wohin gehst du so früh, Rotkäppchen?“

„Zur Großmutter.“

„Was trägst du unter der Schürze?“

„Kuchen und Wein. Wir haben gestern gebacken. Das ist für die kranke und schwache Großmutter. Das soll ihr guttun und sie stark machen.“

„Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?“

Rotkäppchen sagte: „Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald. Ihr Haus steht unter den drei großen Eichen. Unten sind die Nusshecken. Das weißt du sicher.“

Der Wolf dachte: „Das junge, zarte Ding ist ein fetter Bissen. Das wird noch besser schmecken als die Alte. Du musst schlau sein, dann fängst du beide.“

Er ging eine Weile neben Rotkäppchen her. Dann sagte er: „Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen hier überall. Warum schaust du dich nicht um? Ich glaube, du hörst gar nicht, wie schön die Vöglein singen. Du gehst ja so, als ob du zur Schule gehst. Dabei ist es hier draußen im Wald so lustig.“

Rotkäppchen sah auf. Sie sah, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten. Überall standen schöne Blumen.

Sie dachte: „Wenn ich der Großmutter einen frischen Blumenstrauß mitbringe, freut sie sich auch. Es ist so früh am Tag, dass ich trotzdem zur rechten Zeit ankomme.“

Sie lief vom Weg ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Immer wenn sie eine Blume gepflückt hatte, dachte sie: „Weiter hinten steht eine schönere.“ Dann lief sie dorthin. So kam sie immer tiefer in den Wald.

Der Wolf aber ging direkt zum Haus von der Großmutter und klopfte an die Tür.

Die Großmutter fragte: „Wer ist draußen?“

Der Wolf sagte: „Rotkäppchen. Ich bringe Kuchen und Wein. Mach auf.“

Die Großmutter rief: „Drück nur auf die Klinke. Ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.“

Der Wolf drückte auf die Klinke, und die Tür sprang auf. Er sagte kein Wort. Er ging direkt zum Bett von der Großmutter und verschluckte sie. Dann zog er ihre Kleider an und setzte ihre Haube auf. Er legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge zu.

Rotkäppchen lief unterdessen herum und suchte Blumen. Dann hatte sie so viele Blumen, dass sie keine mehr tragen konnte. Da dachte sie wieder an die Großmutter und ging zu ihr. Die Tür stand offen. Darüber wunderte sie sich. Sie ging in die Stube, und alles kam ihr so seltsam vor.

Deshalb dachte sie: „Ach, du mein Gott, was habe ich heute für eine Angst! Sonst bin ich so gern bei der Großmutter!“

Sie rief: „Guten Morgen!“

Aber sie bekam keine Antwort. Dann ging sie zum Bett und zog die Vorhänge zurück. Da lag die Großmutter. Sie hatte die Haube tief ins Gesicht gezogen und sah so seltsam aus.

„Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!“

„Damit ich dich besser hören kann.“

„Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“

„Damit ich dich besser sehen kann.“

„Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!“

„Damit ich dich besser packen kann.“

„Aber, Großmutter, was hast du für ein schrecklich großes Maul!“

„Damit ich dich besser fressen kann.“

Der Wolf sagte das, und schon sprang er aus dem Bett. Er verschluckte das arme Rotkäppchen.

Nun war der Wolf satt. Er legte sich wieder ins Bett und schlief ein. Er fing an, sehr laut zu schnarchen. Da ging gerade der Jäger am Haus vorbei.

Er dachte: „Wie laut die alte Frau schnarcht! Du musst nachsehen, ob ihr etwas fehlt.“

Er ging in die Stube. Er kam zum Bett und sah den Wolf darin liegen.

Er sagte: „Hier finde ich dich, du alter Sünder! Ich habe dich lange gesucht.“

Nun wollte er mit seiner Büchse schießen. Aber da dachte er: „Vielleicht hat der Wolf die Großmutter gefressen. Vielleicht kann ich sie noch retten.“

Er schoss nicht. Er nahm eine Schere. Der Wolf schlief, und der Jäger fing an, ihm den Bauch aufzuschneiden. Nach ein paar Schnitten sah er das rote Käppchen leuchten. Nach ein paar weiteren Schnitten sprang das Mädchen heraus.

Sie rief: „Ach, wie war ich erschrocken! Wie dunkel war es im Bauch vom Wolf!“

Dann kam auch die alte Großmutter lebendig heraus. Sie konnte kaum atmen. Rotkäppchen holte schnell große Steine. Damit füllten sie dem Wolf den Bauch. Der Wolf wachte auf und wollte wegspringen. Aber die Steine waren so schwer, dass er sofort hinfiel und tot war.

Da waren alle drei froh. Der Jäger zog dem Wolf das Fell ab und ging damit nach Hause. Die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein von Rotkäppchen. So wurde sie wieder stark.

Rotkäppchen aber dachte: „Du läufst nie wieder allein vom Weg ab in den Wald. Dein ganzes Leben lang nicht, wenn die Mutter es dir verboten hat.“

Man erzählt auch noch diese Geschichte: Einmal brachte Rotkäppchen der alten Großmutter wieder etwas Gebackenes. Da sprach ein anderer Wolf mit ihr. Er wollte sie vom Weg weglocken. Aber Rotkäppchen passte auf und ging gerade weiter.

Sie sagte der Großmutter: „Ich habe einen Wolf getroffen. Er hat mir guten Tag gesagt. Aber er hat so böse aus den Augen geschaut. Wir waren auf der offenen Straße. Nur deshalb hat er mich nicht gefressen.“

Die Großmutter sagte: „Komm, wir schließen die Tür ab, damit er nicht hereinkommen kann.“

Bald danach klopfte der Wolf an die Tür.

Er rief: „Mach auf, Großmutter. Ich bin das Rotkäppchen. Ich bringe dir Gebackenes.“

Aber sie blieben still und machten die Tür nicht auf. Da schlich der Graukopf ein paar Mal um das Haus. Endlich sprang er aufs Dach. Er wollte warten, bis Rotkäppchen am Abend nach Hause ging. Dann wollte er hinter ihr herschleichen und sie im Dunkeln fressen.

Aber die Großmutter merkte, was er vorhatte. Vor dem Haus stand ein großer Steintrog.

Da sagte sie zu dem Kind: „Nimm den Eimer, Rotkäppchen. Ich habe gestern Würste gekocht. Trag das Wasser von den Würsten in den Trog.“

Rotkäppchen trug so lange Wasser, bis der große, große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase. Er schnupperte und schaute hinunter. Am Ende machte er den Hals so lang, dass er sich nicht mehr halten konnte. Er fing an zu rutschen. So rutschte er vom Dach herunter, direkt in den großen Trog, und ertrank. Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Hause, und niemand tat ihr etwas.

### Glossar

- **Käppchen**: eine kleine Mütze.
- **Samt**: ein weicher, teurer Stoff.
- **guttun**: gut für jemanden sein.
- **Stube**: das Wohnzimmer in einem alten Haus.
- **trägst**: von „tragen“: etwas in der Hand oder am Körper mitnehmen.
- **Schürze**: ein Stück Stoff, das man vorne über der Kleidung hat.
- **gebacken**: von „backen“: Kuchen oder Brot im Ofen machen.
- **Eichen**: große Bäume mit sehr hartem Holz.
- **Nusshecken**: Sträucher, an denen Nüsse wachsen.
- **zarte**: hier: weich und gut zu essen.
- **Bissen**: ein kleines Stück Essen, das man auf einmal in den Mund nimmt.
- **fängst**: von „fangen“: packen und festhalten.
- **Sonnenstrahlen**: das Licht von der Sonne.
- **gepflückt**: von „pflücken“: eine Blume oder eine Frucht von der Pflanze nehmen.
- **klopfte**: von „klopfen“: mit der Hand kurz an eine Tür schlagen.
- **Drück**: von „drücken“: mit der Hand nach unten oder nach vorne bewegen.
- **Klinke**: der Griff an der Tür.
- **verschluckte**: von „verschlucken“: etwas ganz in den Bauch bekommen, ohne zu kauen.
- **Haube**: eine Mütze für Frauen.
- **Maul**: der Mund von einem Tier.
- **fressen**: Tiere fressen, Menschen essen.
- **gefressen**: von „fressen“.
- **schnarchen**: im Schlaf laut atmen.
- **Sünder**: ein Mensch, der viel Böses tut.
- **Büchse**: ein Gewehr.
- **Gebackenes**: Kuchen und andere Sachen, die man im Ofen macht.
- **Graukopf**: hier: der Wolf, weil er graue Haare auf dem Kopf hat.
- **Trog**: ein großer, offener Behälter für Wasser.

## Die Bremer Stadtmusikanten

Ein Mann hatte einen Esel. Der Esel trug schon viele Jahre lang die Säcke zur Mühle, und er klagte nie. Aber nun ging seine Kraft zu Ende. Deshalb konnte er immer schlechter arbeiten. Da dachte sein Herr daran, ihm kein Futter mehr zu geben. Aber der Esel merkte, dass die Lage schlecht für ihn war. Er lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen.

Er dachte: „Dort kann ich ja Stadtmusikant werden.“

Er ging eine Weile. Dann fand er einen Jagdhund auf dem Weg. Der Hund lag dort und atmete schwer wie jemand, der sich müde gelaufen hat.

Der Esel fragte: „Nun, warum atmest du so schwer, Packan?“

Der Hund sagte: „Ach, ich bin alt und werde jeden Tag schwächer. Ich kann auch auf der Jagd nicht mehr laufen. Deshalb wollte mein Herr mich totschlagen. Da bin ich weggelaufen. Aber womit soll ich jetzt mein Brot verdienen?“

Der Esel sagte: „Weißt du was? Ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant. Komm mit und mach dort auch Musik. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.“

Der Hund war zufrieden, und sie gingen weiter.

Es dauerte nicht lange, da saß eine Katze am Weg. Sie machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter.

Der Esel fragte: „Nun, was ist los, alter Bartputzer?“

Die Katze antwortete: „Wer kann lustig sein, wenn das eigene Leben in Gefahr ist? Ich werde alt, und meine Zähne werden stumpf. Ich sitze lieber hinter dem Ofen und schnurre, als Mäuse zu jagen. Deshalb wollte meine Herrin mich im Wasser ertränken. Ich bin noch weggelaufen. Aber jetzt weiß ich keinen Rat mehr. Wo soll ich hin?“

Der Esel sagte: „Geh mit uns nach Bremen. Du verstehst doch etwas von Nachtmusik. Da kannst du Stadtmusikant werden.“

Die Katze fand das gut und ging mit.

Dann kamen die drei Flüchtlinge an einem Hof vorbei. Dort saß der Haushahn auf dem Tor und schrie mit aller Kraft.

Der Esel sagte: „Du schreist so laut, dass es richtig wehtut. Was hast du vor?“

Der Hahn sagte: „Ich habe gutes Wetter vorausgesagt. Denn heute ist unserer lieben Frauen Tag. An diesem Tag hat sie dem Christkind die Hemdchen gewaschen, und sie will sie trocknen. Aber morgen, zum Sonntag, kommen Gäste. Deshalb hat die Hausfrau kein Mitleid. Sie hat der Köchin gesagt, dass sie mich morgen in der Suppe essen will. Heute Abend soll ich mir den Kopf abschneiden lassen. Nun schreie ich aus vollem Hals, solange ich noch kann.“

Der Esel sagte: „Ei was, du Rotkopf! Komm lieber mit uns fort. Wir gehen nach Bremen. Etwas Besseres als den Tod findest du überall. Du hast eine gute Stimme. Wenn wir zusammen Musik machen, wird es sicher gut klingen.“

Der Hahn fand den Vorschlag gut, und sie gingen alle vier zusammen fort.

Aber sie konnten die Stadt Bremen nicht an einem Tag erreichen. Am Abend kamen sie in einen Wald. Dort wollten sie schlafen. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum. Die Katze und der Hahn setzten sich in die Äste. Der Hahn aber flog bis ganz nach oben, denn dort war es am sichersten für ihn. Bevor er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Seiten um. Da meinte er, in der Ferne einen kleinen Funken zu sehen.

Er rief seinen Freunden zu: „Nicht weit von hier muss ein Haus sein. Denn ich sehe ein Licht.“

Der Esel sagte: „Dann müssen wir aufstehen und noch dorthin gehen. Denn hier ist die Herberge schlecht.“

Der Hund sagte: „Ein paar Knochen mit etwas Fleisch daran würden mir auch guttun.“

Also gingen sie in die Richtung von dem Licht. Bald sahen sie es heller leuchten. Es wurde immer größer. Dann standen sie vor einem hellen Räuberhaus. Der Esel war der Größte. Deshalb ging er zum Fenster und schaute hinein.

Der Hahn fragte: „Was siehst du, Grauschimmel?“

Der Esel antwortete: „Was ich sehe? Einen gedeckten Tisch mit gutem Essen und Trinken. Räuber sitzen daran, und es geht ihnen gut.“

Der Hahn sagte: „Das wäre was für uns.“

Der Esel sagte: „Ja, ja, ach, wären wir da!“

Da überlegten die Tiere, wie sie die Räuber hinausjagen konnten. Am Ende fanden sie einen Weg. Der Esel musste sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen. Der Hund musste auf den Rücken vom Esel springen. Die Katze musste auf den Hund klettern. Zuletzt flog der Hahn hinauf und setzte sich auf den Kopf von der Katze.

Dann gab es ein Zeichen, und alle fingen an, ihre Musik zu machen. Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte. Dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube, und die Scheiben klirrten. Die Räuber sprangen bei dem schrecklichen Lärm in die Höhe. Sie glaubten, dass ein Gespenst hereinkam. In großer Angst flohen sie hinaus in den Wald.

Nun setzten sich die vier Freunde an den Tisch. Sie nahmen, was noch übrig war. Sie aßen, als ob sie danach vier Wochen lang nichts mehr bekommen würden.

Dann waren die vier Musiker fertig. Sie machten das Licht aus und suchten sich einen Schlafplatz. Jeder suchte sich den Platz, der zu ihm passte und bequem für ihn war. Der Esel legte sich auf den Mist. Der Hund legte sich hinter die Tür. Die Katze legte sich auf den Herd, zur warmen Asche. Der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken. Sie waren müde von ihrem langen Weg. Deshalb schliefen sie bald ein.

Mitternacht war vorbei. Die Räuber sahen von weitem, dass kein Licht mehr im Haus brannte. Auch schien alles ruhig zu sein.

Da sagte der Hauptmann: „Wir hatten zu viel Angst.“

Er befahl einem Räuber: „Geh hin und untersuche das Haus.“

Der Abgeschickte fand alles still. Er ging in die Küche und wollte ein Licht anmachen. Die Augen von der Katze glühten wie Feuer. Er glaubte, das waren lebendige Kohlen. Deshalb hielt er ein Schwefelhölzchen daran, damit es Feuer fing. Aber die Katze verstand keinen Spaß. Sie sprang ihm ins Gesicht, spuckte und kratzte. Da erschrak er sehr. Er lief weg und wollte durch die Hintertür hinaus. Aber dort lag der Hund. Der Hund sprang auf und biss ihn ins Bein. Der Räuber rannte über den Hof am Mist vorbei. Da gab ihm der Esel noch einen starken Tritt mit dem Hinterfuß. Der Lärm weckte den Hahn, und er war nun ganz wach.

Er rief vom Balken herunter: „Kikeriki!“

Da lief der Räuber, so schnell er konnte, zu seinem Hauptmann zurück.

Er sagte: „Ach, in dem Haus sitzt eine schreckliche Hexe. Sie hat mich angehaucht und mit ihren langen Fingern mein Gesicht zerkratzt. Und vor der Tür steht ein Mann mit einem Messer. Er hat mich ins Bein gestochen. Und auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm. Es hat mit einer Holzkeule auf mich geschlagen. Und oben auf dem Dach sitzt der Richter. Er rief: ‚Bringt mir den Schelm her!‘ Da bin ich schnell weggelaufen.“

Von nun an trauten sich die Räuber nicht mehr in das Haus. Aber den vier Bremer Musikanten gefiel es so gut, dass sie nicht mehr weg wollten. Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.

### Glossar

- **Esel**: ein graues Tier, etwas kleiner als ein Pferd. Es trägt oft Säcke.
- **Mühle**: ein Haus, in dem man aus Korn Mehl macht.
- **Stadtmusikant**: ein Mann, der für eine Stadt Musik macht.
- **Laute**: ein altes Musikinstrument mit Saiten.
- **schlägst**: von „schlagen“: hier: spielen.
- **Pauken**: große Trommeln.
- **ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter**: ein sehr trauriges Gesicht.
- **Bartputzer**: hier: die Katze, weil sie sich oft den Bart putzt.
- **stumpf**: nicht mehr spitz oder scharf.
- **ertränken**: ein Tier oder einen Menschen im Wasser töten.
- **Nachtmusik**: Musik in der Nacht. Katzen schreien oft nachts.
- **schrie**: von „schreien“: sehr laut rufen.
- **wehtut**: von „wehtun“: Schmerzen machen.
- **unserer lieben Frauen Tag**: ein alter christlicher Feiertag.
- **Rotkopf**: hier: der Hahn, weil er rot am Kopf ist.
- **gewaschen**: von „waschen“: mit Wasser sauber machen.
- **Köchin**: eine Frau, die in einem Haus das Essen kocht.
- **abschneiden**: mit einem Messer von etwas wegnehmen.
- **Äste**: die dicken Teile von einem Baum, an denen die Blätter wachsen.
- **Herberge**: ein Haus, in dem man übernachten kann.
- **guttun**: gut für jemanden sein.
- **leuchten**: hell sein, Licht geben.
- **Räuber**: ein Mann, der anderen Menschen mit Gewalt Dinge wegnimmt.
- **Räuberhaus**: ein Haus, in dem Räuber wohnen.
- **Grauschimmel**: hier: der Esel, weil er grau ist.
- **klettern**: mit Händen oder Füßen langsam nach oben gehen.
- **Gespenst**: ein Geist, vor dem Menschen Angst haben.
- **Mist**: Tierkot und Stroh aus dem Stall.
- **Hahnenbalken**: ein langes, dickes Stück Holz im Dach. Dort schläft der Hahn.
- **Hauptmann**: der Chef von einer Gruppe.
- **Schwefelhölzchen**: ein altes Streichholz.
- **Ungetüm**: ein großes, schreckliches Tier.
- **Holzkeule**: ein dicker, schwerer Stock aus Holz.
- **Schelm**: ein böser, unehrlicher Mensch.
- **dem ist der Mund noch warm**: Diese Person hat gerade erst aufgehört zu erzählen.

## Dornröschen

Vor Zeiten lebten ein König und eine Königin. Sie sagten jeden Tag: „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ Aber sie bekamen keins.

Einmal saß die Königin im Bad. Da kroch ein Frosch aus dem Wasser ans Land.

Er sagte zu ihr: „Dein Wunsch wird wahr. Bevor ein Jahr vorbei ist, bekommst du eine Tochter.“

Und es kam so, wie der Frosch sagte. Die Königin bekam ein Mädchen. Es war so schön, dass der König vor Freude nicht wusste, was er tun sollte. Er machte ein großes Fest. Er lud nicht nur seine Verwandten, Freunde und Bekannten ein. Er lud auch die weisen Frauen ein, damit sie gut zu dem Kind waren. Es gab dreizehn weise Frauen in seinem Reich. Sie sollten von goldenen Tellern essen, aber er hatte nur zwölf. Deshalb musste eine von ihnen zu Hause bleiben.

Das Fest war groß und prächtig. Als es zu Ende war, schenkten die weisen Frauen dem Kind ihre Wundergaben. Die eine schenkte ihr Tugend, die andere Schönheit, die dritte Reichtum. So ging es weiter mit allem, was man sich auf der Welt wünschen kann.

Elf weise Frauen waren gerade mit ihren Sprüchen fertig. Da kam plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich rächen, weil sie nicht eingeladen war. Sie grüßte niemanden und sah niemanden an.

Sie rief laut: „Die Königstochter soll sich mit fünfzehn Jahren an einer Spindel stechen. Dann soll sie tot hinfallen.“

Sie sagte kein Wort mehr, drehte sich um und ging aus dem Saal.

Alle waren erschrocken. Da kam die zwölfte nach vorn. Sie hatte ihren Wunsch noch übrig. Sie konnte den bösen Spruch nicht wegnehmen. Sie konnte ihn nur schwächer machen.

Deshalb sagte sie: „Es soll aber kein Tod sein. Die Königstochter soll in einen tiefen Schlaf fallen, und er soll hundert Jahre dauern.“

Der König wollte sein liebes Kind vor dem Unglück schützen. Er befahl, dass man alle Spindeln im ganzen Königreich verbrennen sollte. Bei dem Mädchen wurden alle Gaben von den weisen Frauen wahr. Denn sie war so schön, brav, freundlich und klug. Jeder, der sie ansah, musste sie deshalb lieb haben.

Dann wurde sie fünfzehn Jahre alt. An diesem Tag waren der König und die Königin nicht zu Hause. Das Mädchen blieb ganz allein im Schloss. Da ging sie überall herum. Sie sah sich Stuben und Kammern an, wie es ihr gefiel. Am Ende kam sie auch zu einem alten Turm. Sie stieg die enge Wendeltreppe hinauf und kam zu einer kleinen Tür. Im Schloss von der Tür steckte ein rostiger Schlüssel. Sie drehte ihn um, und die Tür sprang auf. Da saß in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel. Sie spann fleißig ihren Flachs.

Die Königstochter sagte: „Guten Tag, du altes Mütterchen. Was machst du da?“

Die Alte nickte mit dem Kopf und sagte: „Ich spinne.“

Das Mädchen sagte: „Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?“

Sie nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Aber kaum berührte sie die Spindel, da wurde der Zauberspruch wahr. Sie stach sich damit in den Finger.

Als sie den Stich fühlte, fiel sie sofort auf das Bett, das dort stand. Sie lag in einem tiefen Schlaf. Dieser Schlaf ging über das ganze Schloss. Der König und die Königin waren gerade nach Hause gekommen und in den Saal gegangen. Sie fingen an einzuschlafen, und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall und die Hunde im Hof. Die Tauben auf dem Dach schliefen und die Fliegen an der Wand. Sogar das Feuer, das auf dem Herd flackerte, wurde still und schlief ein. Der Braten hörte auf zu brutzeln. Der Küchenjunge hatte etwas falsch gemacht. Deshalb wollte der Koch ihn gerade an den Haaren ziehen. Da ließ er ihn los und schlief. Der Wind hörte auf. Und auf den Bäumen vor dem Schloss bewegte sich kein Blättchen mehr.

Rings um das Schloss begann eine Dornenhecke zu wachsen. Sie wurde jedes Jahr höher. Am Ende wuchs sie um das ganze Schloss und darüber hinaus. Man konnte gar nichts mehr davon sehen, nicht einmal die Fahne auf dem Dach.

Im Land erzählte man eine Sage. Sie handelte vom schönen Dornröschen und ihrem Schlaf. So nannten die Menschen die Königstochter. Deshalb kamen von Zeit zu Zeit Königssöhne. Sie wollten durch die Hecke in das Schloss kommen. Aber das war nicht möglich. Denn die Dornen hielten fest zusammen, als ob sie Hände hätten. Die jungen Männer blieben darin hängen. Sie konnten sich nicht wieder befreien und starben einen schrecklichen Tod.

Nach langen, langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land. Er hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte.

Der alte Mann sagte: „Hinter der Hecke soll ein Schloss stehen. Darin soll schon seit hundert Jahren eine wunderschöne Königstochter schlafen. Sie heißt Dornröschen. Mit ihr sollen der König, die Königin und der ganze Hofstaat schlafen.“

Der alte Mann wusste auch von seinem Großvater: Schon viele Königssöhne waren gekommen. Sie wollten durch die Dornenhecke. Aber sie blieben darin hängen und starben einen traurigen Tod.

Da sagte der junge Königssohn: „Ich fürchte mich nicht. Ich will hingehen und das schöne Dornröschen sehen.“

Der gute Alte riet ihm ab, so sehr er konnte. Aber der Königssohn hörte nicht auf seine Worte.

Nun waren gerade die hundert Jahre vorbei. Der Tag war gekommen, an dem Dornröschen wieder aufwachen sollte. Der Königssohn kam zur Dornenhecke. Da waren dort nur noch große schöne Blumen. Sie gingen von selbst auseinander und ließen ihn durch. Er wurde nicht verletzt. Hinter ihm gingen sie wieder zusammen und waren wieder eine Hecke.

Im Schlosshof sah er die Pferde und die gefleckten Jagdhunde. Sie lagen da und schliefen. Auf dem Dach saßen die Tauben. Sie hatten das Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Er ging ins Haus. Dort schliefen die Fliegen an der Wand. Der Koch in der Küche hielt noch die Hand hoch. Es sah aus, als ob er den Jungen packen wollte. Die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das sie rupfen sollte.

Er ging weiter und sah im Saal den ganzen Hofstaat. Alle lagen da und schliefen. Oben beim Thron lagen der König und die Königin. Er ging noch weiter. Alles war so still, dass man seinen Atem hören konnte. Endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Tür zu der kleinen Stube. Dort schlief Dornröschen.

Da lag sie. Sie war so schön, dass er die Augen nicht von ihr nehmen konnte. Er beugte sich hinunter und gab ihr einen Kuss. Als er sie mit dem Kuss berührte, öffnete Dornröschen die Augen. Sie wachte auf und sah ihn ganz freundlich an.

Dann gingen sie zusammen hinunter. Der König wachte auf, die Königin und der ganze Hofstaat. Sie sahen einander mit großen Augen an. Die Pferde im Hof standen auf und schüttelten sich. Die Jagdhunde sprangen und wedelten mit dem Schwanz. Die Tauben auf dem Dach zogen das Köpfchen unter dem Flügel hervor. Sie sahen sich um und flogen ins Feld. Die Fliegen an den Wänden krochen weiter. Das Feuer in der Küche wurde wieder groß, flackerte und kochte das Essen. Der Braten fing wieder an zu brutzeln. Der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, und der Junge schrie. Und die Magd rupfte das Huhn fertig.

Dann feierten sie die Hochzeit vom Königssohn und von Dornröschen in aller Pracht. Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende.

### Glossar

- **kroch**: von „kriechen“: sich langsam und nah am Boden bewegen.
- **Frosch**: ein kleines grünes Tier. Es lebt am Wasser und springt.
- **lud**: von „einladen“: jemanden zu einem Fest bitten.
- **weisen Frauen**: Frauen, die viel wissen und zaubern können.
- **prächtig**: sehr schön und reich. Das Nomen ist „Pracht“.
- **Wundergaben**: Geschenke, die aus Zauber kommen.
- **Tugend**: eine gute Eigenschaft von einem Menschen.
- **Sprüchen**: hier: Zauberworte.
- **stechen**: mit etwas Spitzem in die Haut gehen.
- **Spindel**: ein spitzes Stück Holz, mit dem man Faden macht.
- **erschrocken**: plötzlich voller Angst.
- **befahl**: von „befehlen“: sagen, dass jemand etwas tun muss.
- **gefiel**: von „gefallen“: Es gefiel ihr = Sie fand es gut.
- **Wendeltreppe**: eine Treppe, die sich im Kreis dreht.
- **rostiger**: alt und braun. So wird Eisen mit der Zeit.
- **Stübchen**: ein kleines Zimmer.
- **spann**: von „spinnen“: aus Flachs oder Wolle Faden machen.
- **Flachs**: eine Pflanze, aus der man Faden macht.
- **Hofstaat**: alle Menschen am Hof von einem König.
- **Tauben**: graue oder weiße Vögel.
- **Dornenhecke**: viele Sträucher mit spitzen Stacheln.
- **Braten**: ein großes Stück Fleisch, das im Ofen gart.
- **brutzeln**: Das Geräusch, wenn Fleisch in heißem Fett brät.
- **Hecke**: viele Sträucher, die dicht nebeneinander stehen.
- **Sage**: eine alte Geschichte, die sich die Menschen erzählen.
- **riet ab**: von „abraten“: sagen, dass jemand etwas besser nicht tun soll.
- **Magd**: eine Frau, die im Haus oder auf dem Hof für andere arbeitet.
- **Huhn**: ein Vogel auf dem Bauernhof, der Eier legt.
- **rupfen**: einem toten Huhn die Federn ausziehen.
- **Thron**: der große Stuhl von einem König.
- **Ohrfeige**: ein Schlag mit der Hand auf die Backe.

## Schneewittchen

Es war einmal mitten im Winter. Die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel. Da saß eine Königin an einem Fenster und nähte. Das Fenster hatte einen Rahmen aus schwarzem Ebenholz. Die Königin nähte und sah zum Schnee hinauf. Da stach sie sich mit der Nadel in den Finger. Drei Tropfen Blut fielen in den Schnee. Das Rot sah im weißen Schnee so schön aus. Deshalb dachte sie: „Ich möchte ein Kind haben. Es soll so weiß wie Schnee sein und so rot wie Blut. Und es soll so schwarz sein wie das Holz an dem Rahmen.“

Bald danach bekam sie eine kleine Tochter. Die Tochter war so weiß wie Schnee und so rot wie Blut. Und sie war so schwarzhaarig wie Ebenholz. Deshalb nannte man sie Schneewittchen (Schneeweißchen). Als das Kind geboren war, starb die Königin.

Nach einem Jahr nahm der König eine andere Frau. Sie war schön, aber sie war stolz und hochmütig. Sie konnte es nicht ertragen, wenn jemand schöner war als sie. Sie hatte einen wunderbaren Spiegel. Wenn sie vor den Spiegel trat und sich darin ansah, sagte sie:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Dann antwortete der Spiegel:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.“

Da war sie zufrieden, denn sie wusste, dass der Spiegel die Wahrheit sagte.

Schneewittchen aber wuchs und wurde immer schöner. Mit sieben Jahren war sie so schön wie der klare Tag. Sie war schöner als die Königin selbst. Einmal fragte die Königin wieder ihren Spiegel:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete er:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“

Da erschrak die Königin. Sie wurde gelb und grün vor Neid. Von dieser Stunde an hasste sie das Mädchen. Immer wenn sie Schneewittchen sah, drehte sich ihr das Herz im Körper um. Der Neid und der Stolz wuchsen in ihrem Herzen wie ein Unkraut. Sie wuchsen immer höher. Deshalb hatte die Königin Tag und Nacht keine Ruhe mehr.

Da rief sie einen Jäger und sagte: „Bring das Kind hinaus in den Wald. Ich will sie nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst sie töten. Bring mir ihre Lunge und ihre Leber als Beweis.“

Der Jäger gehorchte und führte Schneewittchen hinaus. Er zog seinen Hirschfänger. Er wollte in ihr unschuldiges Herz stechen. Da fing sie an zu weinen und sagte: „Ach, lieber Jäger, lass mich leben! Ich will in den wilden Wald laufen. Ich komme nie mehr nach Hause.“

Schneewittchen war so schön, deshalb hatte der Jäger Mitleid. Er sagte: „So lauf hin, du armes Kind.“

Er dachte: „Die wilden Tiere werden dich bald fressen.“ Und doch war ihm, als rollte ein Stein von seinem Herzen. Denn er musste sie nicht töten.

Da kam gerade ein junger Frischling gesprungen. Der Jäger stach ihn tot. Er nahm Lunge und Leber heraus und brachte sie der Königin als Beweis. Der Koch musste sie in Salz kochen. Das böse Weib aß sie auf. Sie glaubte, es waren die Lunge und die Leber von Schneewittchen.

Nun war das arme Kind ganz allein in dem großen Wald. Sie hatte so große Angst, dass sie alle Blätter an den Bäumen ansah. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Da fing sie an zu laufen. Sie lief über spitze Steine und durch Dornen. Die wilden Tiere sprangen an ihr vorbei, aber sie taten ihr nichts. Sie lief, solange ihre Füße noch konnten, bis es fast Abend wurde. Da sah sie ein kleines Häuschen. Sie ging hinein, denn sie wollte sich ausruhen.

In dem Häuschen war alles klein. Aber alles war so fein und sauber, dass man es nicht sagen kann. Da stand ein Tischlein mit einer weißen Decke. Darauf standen sieben kleine Teller. Zu jedem Tellerlein gehörte ein Löffelein. Dazu gab es sieben Messerlein, sieben Gäblein und sieben Becherlein. An der Wand standen sieben Bettlein nebeneinander. Darauf lagen schneeweiße Laken.

Schneewittchen war sehr hungrig und durstig. Deshalb aß sie von jedem Tellerlein ein wenig Gemüse und Brot. Aus jedem Becherlein trank sie einen Tropfen Wein. Denn sie wollte nicht einem allein alles wegnehmen. Danach war sie sehr müde. Deshalb legte sie sich in ein Bettchen, aber keins passte. Das eine war zu lang, das andere zu kurz. Endlich war das siebte richtig. Darin blieb sie liegen. Sie bat Gott um seinen Schutz und schlief ein.

Als es ganz dunkel war, kamen die Herren von dem Häuslein nach Hause. Das waren die sieben Zwerge. Sie hackten und gruben in den Bergen nach Erz. Sie zündeten ihre sieben Lichtlein an. Nun wurde es hell im Häuslein. Da sahen sie, dass jemand im Haus gewesen war. Denn nicht alles stand so in Ordnung, wie sie es verlassen hatten.

Der erste sagte: „Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?“

Der zweite sagte: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“

Der dritte sagte: „Wer hat von meinem Brötchen genommen?“

Der vierte sagte: „Wer hat von meinem Gemüschen gegessen?“

Der fünfte sagte: „Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?“

Der sechste sagte: „Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?“

Der siebte sagte: „Wer hat aus meinem Becherlein getrunken?“

Dann sah sich der erste um. Er sah eine kleine Delle auf seinem Bett. Da sagte er: „Wer hat in mein Bettchen getreten?“

Die anderen kamen gelaufen und riefen: „In meinem hat auch jemand gelegen.“

Der siebte aber sah in sein Bett. Da sah er Schneewittchen. Sie lag darin und schlief. Nun rief er die anderen. Sie kamen gelaufen und schrien vor Staunen. Sie holten ihre sieben Lichtlein und leuchteten auf Schneewittchen.

„Ei, du mein Gott! Ei, du mein Gott!“, riefen sie. „Was ist das Kind so schön!“

Sie hatten so große Freude, dass sie Schneewittchen nicht aufweckten. Sie ließen sie im Bettlein weiterschlafen. Der siebte Zwerg aber schlief bei seinen Freunden. Er schlief bei jedem eine Stunde. Da war die Nacht vorbei.

Am Morgen wachte Schneewittchen auf. Sie sah die sieben Zwerge und erschrak. Aber die Zwerge waren freundlich und fragten: „Wie heißt du?“

„Ich heiße Schneewittchen“, antwortete sie.

„Wie bist du in unser Haus gekommen?“, fragten die Zwerge weiter.

Da erzählte sie es ihnen. Ihre Stiefmutter wollte sie töten lassen. Aber der Jäger hatte ihr das Leben geschenkt. Dann war sie den ganzen Tag gelaufen. Endlich hatte sie ihr Häuslein gefunden.

Die Zwerge sagten: „Willst du unseren Haushalt machen? Willst du kochen, die Betten machen, waschen, nähen und stricken? Und willst du alles ordentlich und sauber halten? Dann kannst du bei uns bleiben. Dir soll nichts fehlen.“

„Ja“, sagte Schneewittchen, „von Herzen gern.“

Und sie blieb bei ihnen. Sie hielt das Haus in Ordnung. Morgens gingen die Zwerge in die Berge und suchten Erz und Gold. Abends kamen sie zurück, und dann musste ihr Essen fertig sein. Den ganzen Tag über war das Mädchen allein. Deshalb warnten die guten Zwerglein sie. Sie sagten: „Hüte dich vor deiner Stiefmutter! Sie wird bald wissen, dass du hier bist. Lass niemanden herein!“

Die Königin aber glaubte, sie hatte die Lunge und die Leber von Schneewittchen gegessen. Sie dachte: „Jetzt bin ich wieder die Erste und die Allerschönste.“ Sie trat vor ihren Spiegel und sagte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete der Spiegel:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Da erschrak sie, denn sie wusste, dass der Spiegel keine Unwahrheit sagte. Sie merkte, dass der Jäger sie betrogen hatte. Schneewittchen lebte noch. Da dachte sie wieder und wieder nach: Wie konnte sie Schneewittchen töten? Denn sie war nicht die Schönste im ganzen Land. Solange das so war, ließ ihr der Neid keine Ruhe.

Endlich hatte sie einen Plan. Sie färbte sich das Gesicht und zog sich an wie eine alte Krämerin. Niemand konnte sie mehr erkennen. So ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Sie klopfte an die Tür und rief: „Schöne Ware feil! Feil!“

Schneewittchen sah aus dem Fenster und rief: „Guten Tag, liebe Frau, was habt Ihr zu verkaufen?“

„Gute Ware, schöne Ware“, antwortete sie, „Schnürriemen in allen Farben.“ Sie holte einen heraus. Er war aus bunter Seide geflochten.

Schneewittchen dachte: „Die ehrliche Frau kann ich hereinlassen.“ Sie öffnete den Riegel an der Tür und kaufte den hübschen Schnürriemen.

„Kind“, sagte die Alte, „wie du aussiehst! Komm, ich will dich einmal ordentlich schnüren.“

Schneewittchen dachte nichts Böses. Sie stellte sich vor die Alte. Die Alte schnürte sie mit dem neuen Schnürriemen. Aber sie schnürte schnell und sehr fest. Da bekam Schneewittchen keine Luft mehr. Sie fiel um, als wäre sie tot.

„Nun bist du die Schönste gewesen“, sagte die Alte und lief schnell hinaus.

Nicht lange danach, am Abend, kamen die sieben Zwerge nach Hause. Wie erschraken sie! Ihr liebes Schneewittchen lag auf der Erde. Sie bewegte sich nicht, als wäre sie tot. Die Zwerge hoben sie hoch. Sie sahen, dass sie zu fest geschnürt war. Da schnitten sie den Schnürriemen in zwei Teile. Da fing sie an, ein wenig zu atmen. Nach und nach wurde sie wieder lebendig. Die Zwerge hörten, was passiert war. Sie sagten: „Die alte Krämerin war niemand anderes als die böse Königin. Hüte dich! Lass keinen Menschen herein, wenn wir nicht bei dir sind.“

Das böse Weib aber kam nach Hause. Sie ging zum Spiegel und fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete er wie immer:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Als sie das hörte, lief ihr alles Blut zum Herzen. So sehr erschrak sie. Denn sie sah, dass Schneewittchen wieder lebendig war.

„Nun aber“, sagte sie, „will ich mir etwas ausdenken. Das soll dein Ende sein.“

Sie konnte Hexenkünste. Damit machte sie einen giftigen Kamm. Dann zog sie sich wieder anders an und sah aus wie eine andere alte Frau. So ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Sie klopfte an die Tür und rief: „Gute Ware feil! Feil!“

Schneewittchen sah hinaus und sagte: „Geht nur weiter, ich darf niemanden hereinlassen.“

„Ansehen darfst du es doch“, sagte die Alte. Sie zog den giftigen Kamm heraus und hielt ihn hoch.

Der Kamm gefiel Schneewittchen so gut, dass sie sich täuschen ließ. Sie öffnete die Tür. Sie und die Alte wurden sich über den Preis einig. Da sagte die Alte: „Nun will ich dich einmal ordentlich kämmen.“

Das arme Schneewittchen dachte an nichts Böses und ließ die Alte machen. Die Alte steckte den Kamm in die Haare. Sofort wirkte das Gift. Das Mädchen fiel ohne Bewusstsein um.

„Du Ausbund von Schönheit“, sagte das böse Weib, „jetzt ist's um dich geschehen.“ Dann ging sie fort.

Zum Glück war es bald Abend. Da kamen die sieben Zwerglein nach Hause. Sie sahen Schneewittchen wie tot auf der Erde liegen. Sofort dachten sie an die Stiefmutter. Sie suchten und fanden den giftigen Kamm. Sie zogen ihn heraus, und sofort wachte Schneewittchen wieder auf. Sie erzählte, was passiert war. Da warnten die Zwerge sie noch einmal: „Pass gut auf und öffne niemandem die Tür!“

Die Königin stellte sich zu Hause vor den Spiegel und sagte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete er wie vorher:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist doch noch tausendmal schöner als Ihr.“

Als sie den Spiegel so reden hörte, zitterte und bebte sie vor Zorn.

„Schneewittchen soll sterben“, rief sie, „und wenn es mein eigenes Leben kostet.“

Dann ging sie in eine ganz geheime, einsame Kammer. Dorthin kam sonst niemand. Dort machte sie einen giftigen, giftigen Apfel. Von außen sah er schön aus, weiß mit roten Backen. Jeder, der ihn sah, wollte ihn essen. Aber wer ein Stückchen davon aß, musste sterben.

Als der Apfel fertig war, färbte sie sich das Gesicht. Sie zog sich an wie eine Bauersfrau. So ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Sie klopfte an. Schneewittchen streckte den Kopf aus dem Fenster und sagte: „Ich darf keinen Menschen hereinlassen. Die sieben Zwerge haben es mir verboten.“

„Mir auch recht“, antwortete die Bäuerin. „Meine Äpfel werde ich schon los. Da, einen will ich dir schenken.“

„Nein“, sagte Schneewittchen, „ich darf nichts annehmen.“

„Fürchtest du dich vor Gift?“, fragte die Alte. „Sieh, ich schneide den Apfel in zwei Teile. Die rote Backe isst du, die weiße will ich essen.“

Der Apfel war aber so schlau gemacht, dass nur die rote Backe giftig war. Schneewittchen sah den schönen Apfel an und wollte ihn gern haben. Sie sah, dass die Bäuerin davon aß. Da konnte sie nicht mehr widerstehen. Sie streckte die Hand hinaus und nahm die giftige Hälfte. Kaum hatte sie einen Bissen im Mund, da fiel sie tot auf die Erde.

Da sah die Königin sie mit schrecklichen Blicken an. Sie lachte sehr laut und sagte: „Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz! Diesmal können dich die Zwerge nicht wieder aufwecken.“

Zu Hause fragte sie den Spiegel:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete er endlich:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.“

Da hatte ihr neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe haben kann.

Am Abend kamen die Zwerglein nach Hause. Sie fanden Schneewittchen auf der Erde. Aus ihrem Mund kam kein Atem mehr. Sie war tot. Die Zwerge hoben sie auf. Sie suchten, ob sie etwas Giftiges fanden. Sie machten den Schnürriemen auf, kämmten ihr die Haare und wuschen sie mit Wasser und Wein. Aber nichts half. Das liebe Kind war tot und blieb tot.

Sie legten sie auf eine Bahre. Alle sieben setzten sich daneben und weinten um sie. Sie weinten drei Tage lang. Dann wollten sie Schneewittchen begraben. Aber sie sah noch so frisch aus wie ein lebender Mensch. Sie hatte noch ihre schönen roten Backen. Die Zwerge sagten: „Wir können sie nicht in die schwarze Erde legen.“

Sie ließen einen Sarg aus Glas machen. Man konnte durch das Glas sehen. So konnte man Schneewittchen von allen Seiten sehen. Sie legten sie hinein. Mit goldenen Buchstaben schrieben sie ihren Namen darauf. Sie schrieben auch, dass sie eine Königstochter war. Dann stellten sie den Sarg draußen auf den Berg. Einer von ihnen blieb immer dabei und bewachte ihn. Auch die Tiere kamen und weinten um Schneewittchen. Zuerst kam eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen.

Nun lag Schneewittchen lange, lange Zeit in dem Sarg. Sie verweste nicht. Sie sah aus, als ob sie schlief. Denn sie war noch so weiß wie Schnee und so rot wie Blut. Und sie war noch so schwarzhaarig wie Ebenholz.

Eines Tages kam ein Königssohn in den Wald. Er kam zu dem Haus von den Zwergen und wollte dort übernachten. Er sah auf dem Berg den Sarg und das schöne Schneewittchen darin. Er las, was mit goldenen Buchstaben darauf stand. Da sagte er zu den Zwergen: „Lasst mir den Sarg. Ich gebe euch, was ihr dafür haben wollt.“

Aber die Zwerge antworteten: „Wir geben ihn nicht für alles Gold in der Welt.“

Da sagte er: „Dann schenkt ihn mir. Denn ich kann nicht leben, ohne Schneewittchen zu sehen. Ich will sie ehren und achten wie mein Liebstes.“

Als er das sagte, hatten die guten Zwerglein Mitleid mit ihm. Sie gaben ihm den Sarg. Der Königssohn ließ ihn von seinen Dienern auf den Schultern wegtragen. Da stolperten die Diener über einen Strauch. Der Sarg wurde geschüttelt. Schneewittchen hatte ein Stück von dem giftigen Apfel abgebissen. Durch das Schütteln flog es aus ihrem Hals. Nicht lange danach öffnete sie die Augen. Sie hob den Deckel vom Sarg hoch und setzte sich auf. Sie war wieder lebendig.

„Ach Gott, wo bin ich?“, rief sie.

Der Königssohn sagte voll Freude: „Du bist bei mir.“ Er erzählte, was passiert war. Dann sagte er: „Ich habe dich lieber als alles auf der Welt. Komm mit mir in das Schloss von meinem Vater. Du sollst meine Frau werden.“

Da hatte Schneewittchen ihn gern und ging mit ihm. Ihre Hochzeit wurde mit großer Pracht und Herrlichkeit vorbereitet.

Zu dem Fest lud man auch die böse Stiefmutter von Schneewittchen ein. Sie zog schöne Kleider an. Dann trat sie vor den Spiegel und sagte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Der Spiegel antwortete:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber die junge Königin ist tausendmal schöner als Ihr.“

Da fluchte das böse Weib. Sie hatte solche Angst, solche Angst! Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Zuerst wollte sie gar nicht zu der Hochzeit gehen. Aber sie hatte keine Ruhe. Sie musste hingehen und die junge Königin sehen. Als sie hineinkam, erkannte sie Schneewittchen. Vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht bewegen.

Aber eiserne Pantoffeln standen schon über dem Kohlenfeuer. Man trug sie mit Zangen herein und stellte sie vor die böse Stiefmutter. Da musste sie in die rot glühenden Schuhe treten. Sie musste so lange tanzen, bis sie tot auf die Erde fiel.

### Glossar

- **Federn**: die leichten, weichen Teile am Körper von einem Vogel.
- **nähte**: von „nähen“: mit Nadel und Faden arbeiten.
- **Ebenholz**: ein sehr hartes, schwarzes Holz.
- **stach**: von „stechen“: mit etwas Spitzem in etwas hineingehen.
- **Nadel**: ein dünnes, spitzes Stück Metall zum Nähen.
- **hochmütig**: Man denkt, man ist besser als alle anderen.
- **Spiegel**: ein Glas, in dem man sich selbst sieht.
- **Ihr**: alte höfliche Anrede für eine Person; heute sagt man „Sie“.
- **erschrak**: von „erschrecken“: plötzlich Angst bekommen.
- **Neid**: ein böses Gefühl: Ein anderer hat etwas, und man will es selbst haben.
- **Lunge**: der Teil im Körper, mit dem man atmet.
- **Hirschfänger**: ein langes Jagdmesser.
- **ein Stein von seinem Herzen**: Eine große Sorge ist weg.
- **Frischling**: ein junges Wildschwein.
- **das böse Weib**: die böse Frau; „Weib“ ist ein altes Wort für „Frau“.
- **Becherlein**: ein kleiner Becher; man trinkt daraus wie aus einem Glas.
- **Zwerge**: sehr kleine Männer in Märchen.
- **Erz**: ein Stein mit Metall darin.
- **Delle**: ein kleines, flaches Loch in etwas Weichem.
- **Stiefmutter**: die neue Frau vom Vater; sie ist nicht die richtige Mutter.
- **Hüte dich**: Pass gut auf, sonst passiert dir etwas Schlimmes.
- **färbte**: von „färben“: einer Sache eine andere Farbe geben.
- **Krämerin**: eine Frau, die Waren verkauft.
- **klopfte**: von „klopfen“: mit der Hand kurz an etwas schlagen.
- **feil**: alt für „zu verkaufen“.
- **Schnürriemen**: ein Band, mit dem man ein Kleid eng macht.
- **geflochten**: aus mehreren Fäden zusammen gedreht und gelegt.
- **schnürte**: von „schnüren“: mit einem Band fest und eng machen.
- **Hexenkünste**: die Zauberei von Hexen.
- **Ausbund von Schönheit**: ein Mensch, der schöner ist als alle anderen.
- **ist's um dich geschehen**: Das ist dein Ende.
- **bebte**: zitterte sehr stark.
- **Backen**: hier: die roten Seiten von einem Apfel.
- **Bäuerin**: eine Frau, die auf einem Bauernhof arbeitet.
- **neidisches**: voll Neid.
- **Bahre**: ein einfaches Bett, auf dem man Tote trägt.
- **Sarg**: eine Kiste für Tote.
- **verweste nicht**: Der tote Körper wurde nicht schlecht.
- **Pracht und Herrlichkeit**: großer Reichtum und große Schönheit.
- **Pantoffeln**: hier: Schuhe aus Eisen.

## Rumpelstilzchen

Es war einmal ein Müller. Er war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Eines Tages sprach er mit dem König. Er wollte wichtig aussehen. Deshalb sagte er zu ihm: „Ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.“

Der König sagte zu dem Müller: „Das ist eine Kunst, die mir gut gefällt. Ist deine Tochter so geschickt, wie du sagst? Dann bring sie morgen in mein Schloss. Da will ich sie prüfen.“

Man brachte das Mädchen zu ihm. Der König führte sie in eine Kammer. Die Kammer lag ganz voll Stroh. Er gab ihr Rad und Haspel und sagte: „Jetzt fang an zu arbeiten. Du hast diese Nacht Zeit, bis morgen früh. Wenn du das Stroh bis dann nicht zu Gold gesponnen hast, musst du sterben.“ Dann schloss er die Kammer selbst zu, und sie blieb allein darin.

Da saß nun die arme Müllerstochter. Es ging um ihr Leben, und sie wusste keinen Rat. Sie verstand gar nichts davon, wie man Stroh zu Gold spinnt. Ihre Angst wurde immer größer, bis sie endlich anfing zu weinen. Da ging auf einmal die Tür auf. Ein kleines Männchen kam herein und sagte: „Guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint Ihr so sehr?“

„Ach“, antwortete das Mädchen, „ich soll Stroh zu Gold spinnen, und ich kann das nicht.“

Das Männchen sagte: „Was gibst du mir, wenn ich es für dich spinne?“

„Mein Halsband“, sagte das Mädchen.

Das Männchen nahm das Halsband und setzte sich vor das Rädchen. Und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte er eine andere Spule auf. Und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war auch die zweite voll. So ging es weiter bis zum Morgen. Da war alles Stroh gesponnen, und alle Spulen waren voll Gold.

Bei Sonnenaufgang kam schon der König. Er sah das Gold, staunte und freute sich. Aber sein Herz wurde nur noch gieriger nach Gold. Er ließ die Müllerstochter in eine andere Kammer voll Stroh bringen. Diese Kammer war noch viel größer. Auch dieses Stroh sollte sie in einer Nacht spinnen, wenn sie ihr Leben liebte.

Das Mädchen wusste nicht, was sie tun sollte, und weinte. Da ging wieder die Tür auf. Das kleine Männchen kam und sagte: „Was gibst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold spinne?“

„Meinen Ring von meinem Finger“, antwortete das Mädchen.

Das Männchen nahm den Ring. Er fing wieder an, mit dem Rad zu schnurren. Bis zum Morgen hatte er alles Stroh zu glänzendem Gold gesponnen.

Der König freute sich sehr, als er das sah. Aber er hatte noch immer nicht genug Gold. Er ließ die Müllerstochter in eine noch größere Kammer voll Stroh bringen. Er sagte: „Dieses Stroh musst du noch in dieser Nacht spinnen. Wenn es dir gelingt, sollst du meine Frau werden.“

Er dachte: „Sie ist zwar nur eine Müllerstochter. Aber eine reichere Frau finde ich in der ganzen Welt nicht.“

Als das Mädchen allein war, kam das Männlein zum dritten Mal. Er sagte: „Was gibst du mir, wenn ich dir auch diesmal das Stroh spinne?“

„Ich habe nichts mehr, was ich geben könnte“, antwortete das Mädchen.

„Dann versprich mir dein erstes Kind, wenn du Königin wirst.“

„Wer weiß, wie das noch geht“, dachte die Müllerstochter. In ihrer Not wusste sie sich nicht anders zu helfen. Also versprach sie dem Männchen, was er wollte. Dafür spann das Männchen noch einmal das Stroh zu Gold.

Am Morgen kam der König und fand alles so, wie er es wünschte. Da hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müllerstochter wurde eine Königin.

Ein Jahr später bekam sie ein schönes Kind. Sie dachte gar nicht mehr an das Männchen. Da kam er plötzlich in ihre Kammer und sagte: „Nun gib mir, was du versprochen hast.“

Die Königin erschrak. Sie bot dem Männchen alle Reichtümer vom Königreich an, wenn er ihr das Kind ließ. Aber das Männchen sagte: „Nein, etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze auf der Welt.“

Da klagte und weinte die Königin so sehr, dass das Männchen Mitleid mit ihr hatte. Er sagte: „Ich gebe dir drei Tage Zeit. Wenn du bis dann meinen Namen weißt, sollst du dein Kind behalten.“

Die ganze Nacht dachte die Königin an alle Namen, die sie jemals gehört hatte. Sie schickte auch einen Boten über das Land. Er sollte überall fragen, welche Namen es sonst noch gab.

Am nächsten Tag kam das Männchen. Sie fing an mit Kaspar, Melchior, Balzer. Dann sagte sie der Reihe nach alle Namen, die sie kannte. Aber bei jedem Namen sagte das Männlein: „So heiß ich nicht.“

Am zweiten Tag ließ sie in der Nachbarschaft fragen, wie die Leute dort hießen. Dann sagte sie dem Männlein die seltsamsten und ungewöhnlichsten Namen: „Heißt du vielleicht Rippenbiest oder Hammelswade oder Schnürbein?“

Aber er antwortete immer: „So heiß ich nicht.“

Am dritten Tag kam der Bote zurück und erzählte: „Neue Namen habe ich keinen einzigen gefunden. Aber dann kam ich an einen hohen Berg bei der Waldecke. Das ist dort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen. Da sah ich ein kleines Haus. Vor dem Haus brannte ein Feuer. Um das Feuer sprang ein ganz lächerliches Männchen. Er hüpfte auf einem Bein und schrie:“

„Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind; ach, wie gut ist, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“

Da könnt ihr denken, wie die Königin froh war, als sie den Namen hörte!

Bald danach kam das Männlein herein und fragte: „Nun, Frau Königin, wie heiß ich?“

Zuerst fragte sie: „Heißt du Kunz?“

„Nein.“

„Heißt du Heinz?“

„Nein.“

„Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

„Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt!“, schrie das Männlein.

Vor Zorn stieß er seinen rechten Fuß in die Erde. Er stieß ihn so tief, dass er bis zum Bauch darin steckte. Dann packte er in seiner Wut seinen linken Fuß mit beiden Händen. Und er riss sich selbst mitten in zwei Teile.

### Glossar

- **Müller**: ein Mann, der in einer Mühle arbeitet und Mehl macht.
- **Stroh**: die trockenen Halme von Getreide.
- **spinnen**: aus Wolle oder Flachs einen Faden machen; hier: aus Stroh Gold machen.
- **Rad**: ein Gerät mit Rad, mit dem man Faden macht.
- **Haspel**: ein Gerät, auf das man Faden wickelt.
- **Jungfer**: altes Wort für eine junge, nicht verheiratete Frau.
- **Ihr**: alte höfliche Anrede für eine Person; heute sagt man „Sie“.
- **Halsband**: eine Kette für den Hals.
- **Spule**: ein Stück Holz, um das man den Faden wickelt.
- **Boten**: Männer, die Nachrichten bringen.
- **Waldecke**: ein Platz am Rand vom Wald.
- **wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen**: an einem einsamen Ort, weit weg von den Menschen.
- **brau ich**: Ich mache Bier.
- **Teufel**: der große Feind von Gott, der Herr von allem Bösen.

## Hans im Glück

Hans hatte sieben Jahre bei seinem Herrn gearbeitet. Da sagte er zu ihm: „Herr, meine Zeit ist vorbei. Nun möchte ich gern wieder nach Hause zu meiner Mutter. Gebt mir meinen Lohn.“

Der Herr antwortete: „Du hast treu und ehrlich für mich gearbeitet. Wie die Arbeit war, so soll der Lohn sein.“ Er gab ihm ein Stück Gold. Es war so groß wie der Kopf von Hans.

Hans zog sein Tüchlein aus der Tasche und wickelte den Klumpen hinein. Er legte ihn auf seine Schulter und ging los nach Hause. Er ging so dahin und setzte immer ein Bein vor das andere. Da sah er einen Reiter. Der Reiter ritt frisch und fröhlich auf einem munteren Pferd vorbei.

„Ach“, sagte Hans ganz laut, „was ist das Reiten für ein schönes Ding! Man sitzt wie auf einem Stuhl. Man stößt sich an keinem Stein. Man spart die Schuhe. Und man kommt vorwärts, man weiß nicht wie.“

Der Reiter hörte das. Er hielt an und rief: „Ei, Hans, warum läufst du auch zu Fuß?“

„Ich muss ja“, antwortete er. „Ich muss einen Klumpen nach Hause tragen. Es ist zwar Gold. Aber ich kann dabei den Kopf nicht gerade halten. Und es drückt mir auf die Schulter.“

„Weißt du was“, sagte der Reiter, „wir wollen tauschen. Ich gebe dir mein Pferd, und du gibst mir deinen Klumpen.“

„Von Herzen gern“, sagte Hans. „Aber ich sage Euch, Ihr müsst Euch damit schleppen.“

Der Reiter stieg ab und nahm das Gold. Er half Hans auf das Pferd und gab ihm die Zügel fest in die Hände. Er sagte: „Wenn es nun recht schnell gehen soll, musst du mit der Zunge schnalzen. Und du musst hopp hopp rufen.“

Hans war seelenfroh, als er auf dem Pferd saß und so frei dahinritt. Nach einem Weilchen dachte er, es sollte noch schneller gehen. Er fing an, mit der Zunge zu schnalzen und hopp hopp zu rufen. Das Pferd lief schnell und stark los. Bevor Hans es merkte, warf es ihn ab. Er lag in einem Graben zwischen den Feldern und der Landstraße.

Das Pferd wollte auch weglaufen. Aber ein Bauer kam gerade auf dem Weg und hielt es an. Er trieb eine Kuh vor sich her. Hans suchte seine Arme und Beine zusammen und stand wieder auf. Aber er war schlecht gelaunt und sagte zu dem Bauern: „Das Reiten ist ein schlechter Spaß. Besonders auf so einer Mähre wie dieser! Sie stößt und wirft einen herunter. Man kann sich den Hals brechen. Ich setze mich nie, nie wieder darauf. Da lobe ich mir Eure Kuh. Hinter ihr kann man gemütlich hergehen. Und dazu hat man jeden Tag sicher Milch, Butter und Käse. Was würde ich geben, wenn ich so eine Kuh hätte!“

„Nun“, sagte der Bauer, „wenn es Euch so eine große Freude macht, will ich tauschen. Ich gebe Euch die Kuh für das Pferd.“

Hans sagte mit tausend Freuden ja. Der Bauer sprang auf das Pferd und ritt schnell davon.

Hans trieb seine Kuh ruhig vor sich her und dachte an den glücklichen Tausch. „Ich brauche nur ein Stück Brot, und das werde ich sicher haben. Dann kann ich dazu Butter und Käse essen, so oft ich will. Wenn ich Durst habe, melke ich meine Kuh und trinke Milch. Herz, was verlangst du mehr?“

Er kam zu einem Wirtshaus und hielt an. In seiner großen Freude aß er alles, was er bei sich hatte. Er aß sein Mittagessen und sein Abendbrot ganz auf. Für seine letzten paar Heller ließ er sich ein halbes Glas Bier geben. Dann trieb er seine Kuh weiter, immer zum Dorf von seiner Mutter.

Es ging auf den Mittag zu, und die Hitze wurde immer stärker. Hans war in einer Heide, die noch ungefähr eine Stunde lang war. Da wurde ihm ganz heiß. Vor Durst klebte ihm die Zunge am Gaumen. Hans dachte: „Da kann ich mir helfen. Jetzt will ich meine Kuh melken und die gute Milch trinken.“

Er band die Kuh an einen dürren Baum. Er hatte keinen Eimer, deshalb stellte er seine Ledermütze darunter. Er gab sich große Mühe, aber es kam kein Tropfen Milch. Und er machte es ungeschickt. Deshalb gab ihm das ungeduldige Tier endlich mit einem Hinterfuß einen Schlag vor den Kopf. Der Schlag war so stark, dass er zu Boden fiel. Eine Zeit lang wusste er gar nicht, wo er war.

Zum Glück kam gerade ein Metzger auf dem Weg. Er hatte ein junges Schwein auf einem Schubkarren. „Was sind das für Sachen!“, rief er und half dem guten Hans auf die Beine. Hans erzählte, was passiert war.

Der Metzger gab ihm seine Flasche und sagte: „Da, trinkt einmal und erholt Euch. Die Kuh will wohl keine Milch geben. Das ist ein altes Tier. Es taugt höchstens noch zum Ziehen oder zum Schlachten.“

„Ei, ei“, sagte Hans und strich sich die Haare über den Kopf. „Das habe ich nicht gedacht! Es ist natürlich gut, wenn man so ein Tier zu Hause schlachten kann. Das gibt viel Fleisch! Aber Kuhfleisch mag ich nicht so gern. Es ist mir nicht saftig genug. Ja, wenn ich so ein junges Schwein hätte! Das schmeckt anders, und dazu gibt es noch die Würste.“

„Hört, Hans“, sagte da der Metzger, „Euch zu Liebe will ich tauschen. Ich gebe Euch das Schwein für die Kuh.“

„Gott lohn Euch Eure Freundschaft“, sagte Hans. Er gab ihm die Kuh. Der Metzger machte das Schweinchen vom Karren los. Er gab Hans den Strick in die Hand, an dem es gebunden war.

Hans ging weiter und dachte: „Alles geht so, wie ich es mir wünsche. Wenn ich einmal Ärger habe, wird es sofort wieder gut.“

Danach kam ein Bursche zu ihm. Er trug eine schöne weiße Gans unter dem Arm. Sie grüßten einander. Hans fing an, von seinem Glück zu erzählen. Er erzählte auch, dass er immer so gut getauscht hatte. Der Bursche erzählte, dass er die Gans zu einem Kindtaufschmaus brachte.

„Hebt sie einmal“, sagte er weiter und packte sie an den Flügeln. „Seht, wie schwer sie ist. Man hat sie auch acht Wochen lang genudelt. Wer in den Braten beißt, muss sich das Fett rechts und links vom Mund abwischen.“

„Ja“, sagte Hans und prüfte sie mit einer Hand. „Die hat ihr Gewicht, aber mein Schwein ist auch keine Sau.“

Der Bursche sah sich nach allen Seiten um. Er sah besorgt aus und schüttelte den Kopf. Dann fing er an: „Hört, mit Eurem Schwein ist vielleicht etwas nicht in Ordnung. Ich bin durch ein Dorf gekommen. Dort hat man dem Schulzen gerade ein Schwein aus dem Stall gestohlen. Ich fürchte, ich fürchte, Ihr habt es da in der Hand. Sie haben Leute ausgeschickt. Es wäre schlimm, wenn sie Euch mit dem Schwein fangen. Dann steckt man Euch mindestens ins finstere Loch.“

Der gute Hans bekam Angst. „Ach Gott“, sagte er, „helft mir aus der Not! Ihr kennt Euch hier besser aus. Nehmt mein Schwein und lasst mir Eure Gans.“

„Ich muss schon etwas aufs Spiel setzen“, antwortete der Bursche. „Aber ich will nicht schuld sein, dass Ihr ins Unglück kommt.“

Er nahm das Seil in die Hand und trieb das Schwein schnell auf einen Seitenweg. Der gute Hans aber hatte keine Sorgen mehr. Er ging mit der Gans unter dem Arm weiter nach Hause.

„Wenn ich es mir recht überlege“, sagte er zu sich selbst, „habe ich bei dem Tausch noch gewonnen. Erstens habe ich den guten Braten. Zweitens läuft viel Fett heraus. Das gibt Gänsefettbrot für ein Vierteljahr. Und drittens habe ich die schönen weißen Federn. Die lasse ich mir in mein Kopfkissen stopfen. Darauf schlafe ich sicher ein, auch wenn mich niemand wiegt. Was wird meine Mutter für eine Freude haben!“

Als er durch das letzte Dorf gekommen war, stand da ein Scherenschleifer mit seinem Karren. Sein Rad schnurrte, und er sang dazu:

„Ich schleife die Schere und drehe geschwind und hänge mein Mäntelchen nach dem Wind.“

Hans blieb stehen und sah ihm zu. Endlich sprach er ihn an und sagte: „Euch geht es gut, weil Ihr so lustig bei Eurer Arbeit seid.“

„Ja“, antwortete der Scherenschleifer, „das Handwerk hat einen güldenen Boden. Ein richtiger Schleifer greift in die Tasche und findet immer Geld darin. Aber wo habt Ihr die schöne Gans gekauft?“

„Die habe ich nicht gekauft. Ich habe sie für mein Schwein getauscht.“

„Und das Schwein?“

„Das habe ich für eine Kuh bekommen.“

„Und die Kuh?“

„Die habe ich für ein Pferd bekommen.“

„Und das Pferd?“

„Dafür habe ich einen Klumpen Gold gegeben, so groß wie mein Kopf.“

„Und das Gold?“

„Ei, das war mein Lohn für sieben Jahre Arbeit.“

„Ihr habt Euch immer zu helfen gewusst“, sagte der Schleifer. „Könnt Ihr nun noch das Geld in der Tasche springen hören, wenn Ihr aufsteht? Dann habt Ihr Euer Glück gemacht.“

„Wie soll ich das machen?“, fragte Hans.

„Ihr müsst ein Schleifer werden, wie ich. Dazu braucht man eigentlich nur einen Wetzstein. Das andere kommt schon von selbst. Da habe ich einen. Er ist zwar ein wenig kaputt. Dafür sollt Ihr mir aber auch nur Eure Gans geben. Wollt Ihr das?“

„Wie könnt Ihr noch fragen?“, antwortete Hans. „Ich werde ja der glücklichste Mensch auf der Erde. Ich habe dann Geld, so oft ich in die Tasche greife. Warum soll ich mir da noch Sorgen machen?“ Er gab ihm die Gans und nahm den Wetzstein.

„Nun“, sagte der Schleifer. Neben ihm lag ein normaler, schwerer Feldstein. Er hob ihn auf und sagte: „Da habt Ihr noch einen guten Stein dazu. Darauf kann man gut schlagen. Ihr könnt Eure alten Nägel darauf gerade klopfen. Nehmt ihn und hebt ihn gut auf.“

Hans nahm den Stein und ging mit frohem Herzen weiter. Seine Augen leuchteten vor Freude. „Ich muss in einer Glückshaut geboren sein“, rief er. „Alles, was ich wünsche, geht in Erfüllung, wie bei einem Sonntagskind.“

Aber er war seit dem frühen Morgen unterwegs, deshalb wurde er langsam müde. Auch der Hunger quälte ihn. Denn er hatte in seiner Freude über die Kuh alles auf einmal aufgegessen. Endlich konnte er nur noch mit Mühe weitergehen. Jeden Augenblick musste er anhalten. Dazu drückten ihn die Steine furchtbar. Da musste er immer wieder denken: „Wie gut wäre es, wenn ich sie jetzt nicht tragen müsste!“

Wie eine Schnecke kam er zu einem Feldbrunnen. Dort wollte er ruhen und frisches Wasser trinken. Er wollte die Steine beim Hinsetzen nicht beschädigen. Deshalb legte er sie vorsichtig neben sich auf den Rand vom Brunnen. Dann setzte er sich hin und wollte sich zum Trinken bücken. Da passte er nicht auf und stieß ein klein wenig an die Steine. Plumps, beide Steine fielen hinunter.

Hans sah, wie sie in der Tiefe versanken. Da sprang er vor Freude auf. Dann kniete er nieder und dankte Gott mit Tränen in den Augen. Gott hatte ihm auch diese Gnade noch geschenkt. Gott hatte ihn auf so gute Art von den schweren Steinen befreit. Hans musste sich keinen Vorwurf machen. Nur die Steine hatten ihn noch gestört.

„So glücklich wie ich“, rief er, „gibt es keinen Menschen unter der Sonne.“

Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er weiter. So kam er nach Hause zu seiner Mutter.

### Glossar

- **Lohn**: das Geld für die Arbeit.
- **Tüchlein**: ein kleines Tuch, ein kleines Stück Stoff.
- **wickelte**: von „wickeln“: ein Tuch um etwas legen.
- **Klumpen**: ein großes, schweres Stück.
- **ritt**: von „reiten“: auf einem Pferd sitzen und vorwärtskommen.
- **munteren**: hier: frisch und voll Kraft.
- **läufst**: von „laufen“: hier: du gehst.
- **tauschen**: etwas geben und dafür etwas anderes bekommen.
- **schleppen**: etwas Schweres mit viel Mühe tragen.
- **Zügel**: die Bänder, mit denen man ein Pferd lenkt.
- **schnalzen**: mit der Zunge einen kurzen, lauten Ton machen.
- **hopp**: ein Ruf: Das Pferd soll schneller laufen.
- **gelaunt**: „schlecht gelaunt“ sein: nicht froh sein, ärgerlich sein.
- **Mähre**: ein altes, schlechtes Pferd.
- **trieb**: von „treiben“: ein Tier vor sich her gehen lassen.
- **Durst**: das Gefühl: Man muss etwas trinken.
- **Heller**: eine alte, sehr kleine Münze.
- **Heide**: ein trockenes, flaches Land.
- **Gaumen**: der obere Teil im Mund.
- **Metzger**: ein Mann, der Tiere schlachtet und Fleisch verkauft.
- **Karren**: ein kleiner, einfacher Wagen.
- **Gans**: ein großer Vogel mit einem langen Hals; man kann ihn essen.
- **Bursche**: ein junger Mann.
- **Kindtaufschmaus**: ein Essen nach der Taufe von einem Kind.
- **Braten**: ein großes Stück Fleisch aus dem Ofen.
- **genudelt**: Man hat dem Tier mit Gewalt viel zu fressen gegeben.
- **keine Sau**: hier: Mein Schwein ist auch nicht schlecht.
- **Schulzen**: der Schulze ist der Chef von einem Dorf.
- **finstere Loch**: hier: das Gefängnis.
- **aufs Spiel setzen**: etwas tun und dabei etwas Wichtiges verlieren können.
- **Scherenschleifer**: ein Mann, der Scheren und Messer scharf macht.
- **Schleifer**: kurz für „Scherenschleifer“.
- **hänge mein Mäntelchen nach dem Wind**: Ich ändere meine Meinung, wie es für mich gut ist.
- **das Handwerk hat einen güldenen Boden**: Diese Arbeit bringt gutes Geld.
- **Wetzstein**: ein Stein, mit dem man Messer scharf macht.
- **Feldstein**: ein normaler Stein vom Feld.
- **Glückshaut**: Wer darin geboren ist, hat immer Glück.
- **Sonntagskind**: ein Mensch, der immer Glück hat.
- **Feldbrunnen**: ein Brunnen auf dem Feld, ein tiefes Loch in der Erde mit Wasser darin.

## Die zertanzten Schuhe

Es war einmal ein König. Er hatte zwölf Töchter, eine immer schöner als die andere. Sie schliefen zusammen in einem Saal. Dort standen ihre Betten nebeneinander. Am Abend lagen sie in ihren Betten. Dann schloss der König die Tür zu und schob den Riegel vor. Aber am Morgen schloss er die Tür auf und sah ihre Schuhe. Sie waren zertanzt. Niemand konnte herausfinden, wie das passiert war.

Da ließ der König ausrufen: „Wer kann herausfinden, wo sie in der Nacht tanzen? Der darf sich eine von ihnen als Frau wählen. Und nach meinem Tod soll er König sein. Aber wer sich meldet, hat drei Tage und Nächte Zeit. Wer es dann nicht weiß, muss sterben.“

Nicht lange danach meldete sich ein Königssohn. Er wollte es wagen. Man nahm ihn gut auf. Am Abend führte man ihn in ein Zimmer neben dem Schlafsaal. Dort stand ein Bett für ihn. Er sollte aufpassen, wohin sie gingen und wo sie tanzten. Die Tür zum Saal blieb offen. So konnten sie nichts heimlich tun. Und sie konnten nicht an einem anderen Ort hinausgehen.

Aber die Augen vom Königssohn wurden schwer wie Blei, und er schlief ein. Am Morgen wachte er auf. Alle zwölf waren beim Tanz gewesen. Denn ihre Schuhe standen da und hatten Löcher in den Sohlen. Am zweiten und am dritten Abend war es nicht anders. Da schlug man ihm ohne Gnade den Kopf ab. Danach kamen noch viele andere und meldeten sich. Aber sie mussten alle sterben.

Nun war ein armer Soldat auf dem Weg in die Stadt, wo der König wohnte. Er hatte eine Wunde und konnte nicht mehr dienen. Da traf er eine alte Frau. Sie fragte ihn, wohin er wollte.

„Ich weiß selbst nicht recht“, sagte er. Und im Spaß sagte er noch: „Ich möchte gern herausfinden, wo die Königstöchter ihre Schuhe zertanzen. Und danach möchte ich König werden.“

„Das ist nicht so schwer“, sagte die Alte. „Du darfst den Wein nicht trinken, den man dir am Abend bringt. Und du musst so tun, als ob du fest eingeschlafen bist.“

Dann gab sie ihm ein Mäntelchen und sagte: „Wenn du das anziehst, bist du unsichtbar. Dann kannst du heimlich hinter den zwölf Königstöchtern hergehen.“

Nach diesem guten Rat wurde es dem Soldaten ernst. Deshalb fasste er Mut und ging zum König. Er meldete sich als Freier. Man nahm ihn genauso gut auf wie die anderen. Man gab ihm königliche Kleider.

Am Abend, zur Schlafenszeit, führte man ihn in das Vorzimmer. Er wollte gerade zu Bett gehen. Da kam die Älteste und brachte ihm einen Becher Wein. Aber er hatte sich einen Schwamm unter das Kinn gebunden. Er ließ den Wein dort hineinlaufen und trank keinen Tropfen. Dann legte er sich hin. Nach einem Weilchen fing er an zu schnarchen wie im tiefsten Schlaf.

Das hörten die zwölf Königstöchter und lachten. Die Älteste sagte: „Auch der muss umsonst sterben.“

Danach standen sie auf. Sie öffneten Schränke, Kisten und Kästen und holten prächtige Kleider heraus. Sie machten sich vor den Spiegeln schön, sprangen herum und freuten sich auf den Tanz.

Nur die Jüngste sagte: „Ich weiß nicht. Ihr freut euch, aber mir ist so seltsam zumute. Sicher passiert uns ein Unglück.“

„Du bist eine Schneegans“, sagte die Älteste. „Du fürchtest dich immer. Hast du vergessen, wie viele Königssöhne schon umsonst hier waren? Der Schlaftrunk für den Soldaten war gar nicht nötig. Der Lümmel wacht auch so nicht auf.“

Als alle fertig waren, sahen sie zuerst nach dem Soldaten. Aber er hatte die Augen zu und bewegte sich nicht. Nun glaubten sie, dass sie ganz sicher waren. Da ging die Älteste an ihr Bett und klopfte daran. Sofort sank das Bett in die Erde. Sie stiegen durch die Öffnung hinunter, eine nach der anderen, die Älteste zuerst.

Der Soldat hatte alles gesehen. Er wartete nicht lange. Er zog sein Mäntelchen an und stieg hinter der Jüngsten hinunter. Mitten auf der Treppe trat er ihr ein wenig auf das Kleid. Da erschrak sie und rief: „Was ist das? Wer hält mich am Kleid?“

„Sei nicht so dumm“, sagte die Älteste. „Du bist an einem Haken hängen geblieben.“

Da gingen sie ganz hinunter. Unten standen sie in einem wunderschönen Baumgang. Alle Blätter waren aus Silber, und sie schimmerten und glänzten. Der Soldat dachte: „Ich will mir ein Wahrzeichen mitnehmen.“ Er brach einen Zweig ab. Da kam ein sehr lauter Krach aus dem Baum.

Die Jüngste rief wieder: „Etwas ist nicht in Ordnung. Habt ihr den Knall gehört?“

Die Älteste aber sagte: „Das sind Freudenschüsse, weil wir unsere Prinzen bald erlöst haben.“

Dann kamen sie in einen Baumgang, wo alle Blätter aus Gold waren. Zuletzt kamen sie in einen dritten. Dort waren die Blätter aus klarem Diamant. Von beiden brach der Soldat einen Zweig ab. Jedes Mal krachte es so, dass die Jüngste vor Schreck zusammenzuckte. Aber die Älteste blieb dabei: Das waren Freudenschüsse.

Sie gingen weiter und kamen zu einem großen Wasser. Darauf lagen zwölf Schifflein. In jedem Schifflein saß ein schöner Prinz. Die Prinzen hatten auf die zwölf Königstöchter gewartet. Jeder Prinz nahm eine zu sich. Der Soldat aber setzte sich zu der Jüngsten ins Schiff.

Da sagte der Prinz: „Ich weiß nicht. Das Schiff ist heute viel schwerer. Ich muss mit aller Kraft rudern, sonst kommt es nicht vorwärts.“

„Das kommt sicher nur vom warmen Wetter“, sagte die Jüngste. „Mir ist auch so heiß.“

Auf der anderen Seite vom Wasser stand ein schönes, hell erleuchtetes Schloss. Daraus kam lustige Musik von Pauken und Trompeten. Sie ruderten hinüber und gingen hinein. Jeder Prinz tanzte mit seiner Liebsten. Der Soldat tanzte unsichtbar mit. Wenn eine Königstochter einen Becher Wein hielt, trank der Soldat ihn aus. Wenn sie ihn an den Mund hob, war er leer. Auch darüber bekam die Jüngste Angst. Aber die Älteste brachte sie immer zum Schweigen.

Sie tanzten dort bis drei Uhr am anderen Morgen. Da waren alle Schuhe durchgetanzt, und sie mussten aufhören. Die Prinzen fuhren sie über das Wasser zurück. Diesmal setzte sich der Soldat vorne zu der Ältesten. Am Ufer sagten sie ihren Prinzen Auf Wiedersehen. Sie versprachen, in der nächsten Nacht wiederzukommen.

An der Treppe lief der Soldat voraus und legte sich in sein Bett. Die zwölf Königstöchter kamen langsam und müde die Treppe herauf. Da schnarchte er schon wieder so laut, dass alle es hören konnten. Sie sagten: „Vor dem sind wir sicher.“ Sie legten ihre schönen Kleider ab und brachten sie weg. Sie stellten die zertanzten Schuhe unter das Bett und legten sich hin.

Am nächsten Morgen wollte der Soldat nichts sagen. Er wollte sich diese seltsame Sache noch weiter ansehen. Er ging in der zweiten und in der dritten Nacht wieder mit. Alles war wie beim ersten Mal. Sie tanzten jedes Mal, bis die Schuhe kaputt waren. Beim dritten Mal aber nahm er als Wahrzeichen einen Becher mit.

Dann kam die Stunde, wo er antworten sollte. Er steckte die drei Zweige und den Becher ein und ging zum König. Die zwölf Königstöchter aber standen hinter der Tür und hörten zu.

Der König fragte: „Wo haben meine zwölf Töchter ihre Schuhe in der Nacht zertanzt?“

Der Soldat antwortete: „Mit zwölf Prinzen in einem unterirdischen Schloss.“ Er erzählte, wie alles gewesen war, und holte die Wahrzeichen heraus.

Da ließ der König seine Töchter kommen. Er fragte sie, ob der Soldat die Wahrheit gesagt hatte. Sie sahen, dass er sie verraten hatte. Lügen half nichts mehr. Also mussten sie alles zugeben.

Dann fragte der König den Soldaten, welche er zur Frau haben wollte. Er antwortete: „Ich bin nicht mehr jung, also gebt mir die Älteste.“

Noch am selben Tag feierten sie die Hochzeit. Dem Soldaten versprach man das Reich nach dem Tod vom König. Aber die Prinzen wurden wieder verwünscht. Der Zauber dauerte so viele Tage, wie sie Nächte mit den zwölf Königstöchtern getanzt hatten.

### Glossar

- **zertanzt**: vom vielen Tanzen kaputt.
- **zertanzen**: so viel tanzen, dass die Schuhe kaputtgehen.
- **Riegel**: ein Stück Holz oder Eisen, das eine Tür fest schließt.
- **Saal**: ein sehr großes Zimmer.
- **ausrufen**: etwas laut für alle Menschen sagen lassen.
- **Blei**: ein sehr schweres Metall.
- **Sohlen**: der untere Teil von einem Schuh.
- **Mäntelchen**: ein kleiner Mantel.
- **unsichtbar**: so, dass man es nicht sehen kann.
- **Freier**: ein Mann, der eine Frau heiraten will.
- **Vorzimmer**: ein kleines Zimmer vor einem anderen Zimmer.
- **Becher**: so etwas wie ein Glas oder eine Tasse zum Trinken.
- **Schwamm**: etwas Weiches, das viel Wasser aufnimmt.
- **Kinn**: der untere Teil vom Gesicht.
- **trank**: von „trinken“: Er trank = er hat getrunken.
- **schnarchen**: im Schlaf laut atmen.
- **Kästen**: Mehrzahl von „Kasten“: so etwas wie eine Kiste.
- **prächtige**: sehr schöne und teure.
- **zumute**: „Mir ist seltsam zumute“ heißt: Ich fühle mich seltsam.
- **Schneegans**: hier: ein dummes Mädchen, das immer Angst hat.
- **Schlaftrunk**: ein Getränk, das müde macht.
- **Lümmel**: ein unhöflicher Mann.
- **klopfte**: schlug leicht auf etwas.
- **erschrak**: bekam plötzlich Angst.
- **Baumgang**: ein Weg mit Bäumen auf beiden Seiten.
- **glänzten**: leuchteten hell.
- **Wahrzeichen**: hier: ein Beweis.
- **Freudenschüsse**: Man schießt in die Luft, weil man sich freut.
- **erlöst**: von einem Zauber oder von großer Not frei gemacht.
- **Diamant**: ein sehr harter, teurer Stein.
- **Pauken**: große Trommeln.
- **Liebsten**: die Frau, die man liebt.
- **verwünscht**: mit Zauber zu etwas anderem gemacht.

## Die Sterntaler

Es war einmal ein kleines Mädchen. Ihr Vater und ihre Mutter waren gestorben. Sie war so arm, dass sie kein Kämmerchen mehr zum Wohnen hatte. Sie hatte kein Bettchen mehr zum Schlafen. Zuletzt hatte sie gar nichts mehr, nur noch ihre Kleider. Und sie hatte noch ein Stückchen Brot in der Hand. Das hatte ihr ein mitleidiges Herz geschenkt. Aber sie war gut und fromm.

Die ganze Welt hatte sie verlassen. Deshalb ging sie hinaus ins Feld und vertraute auf den lieben Gott. Da traf sie einen armen Mann. Er sagte: „Ach, gib mir etwas zu essen, ich bin so hungrig.“

Sie gab ihm das ganze Stückchen Brot und sagte: „Gott segne dir's.“ Dann ging sie weiter.

Da kam ein Kind. Es klagte und sagte: „Mir ist so kalt am Kopf. Schenk mir etwas, das ihn bedeckt.“ Da gab sie dem Kind ihre Mütze.

Sie ging noch eine Weile weiter. Da kam wieder ein Kind. Es hatte kein Leibchen und fror. Da gab sie ihm ihr Leibchen.

Sie ging noch weiter. Da bat ein Kind um ein Röcklein. Auch das gab sie ihm.

Endlich kam sie in einen Wald. Es war schon dunkel. Da kam noch ein Kind und bat um ein Hemdlein. Das fromme Mädchen dachte: „Du kannst wohl auch dein Hemd weggeben.“ Und sie gab auch ihr Hemd noch weg.

Nun hatte sie gar nichts mehr. Da fielen auf einmal die Sterne vom Himmel. Es waren lauter harte, blanke Taler. Sie hatte ihr Hemdlein weggegeben, aber nun hatte sie ein neues an. Es war aus allerfeinstem Linnen. Da sammelte sie die Taler hinein und war reich für ihr ganzes Leben.

### Glossar

- **Sterntaler**: Sterne, die als Taler vom Himmel fallen.
- **Taler**: eine alte, große Münze aus Silber.
- **Kämmerchen**: ein sehr kleines Zimmer.
- **mitleidiges Herz**: ein Mensch, der mit anderen Menschen fühlt und ihnen hilft.
- **fromm**: Man glaubt an Gott und tut, was Gott will.
- **Gott segne dir's**: Gott soll es für dich gut machen.
- **Mütze**: etwas Warmes für den Kopf.
- **Leibchen**: eine kurze Weste.
- **Röcklein**: ein kleiner Rock.
- **Hemdlein**: ein kleines Hemd.
- **blanke**: glatt und glänzend.
- **Linnen**: Leinen, ein feiner Stoff.
