# Der Tod in Venedig (Ausgabe B1)

*Thomas Mann*

## Erstes Kapitel

Gustav Aschenbach, oder von Aschenbach, wie er seit seinem fünfzigsten Geburtstag offiziell hieß, lebte in München. Es war das Jahr 19.. In diesem Jahr sah es auf unserem Kontinent monatelang sehr gefährlich aus. An einem Frühlingsnachmittag hatte Aschenbach von seiner Wohnung in der Prinz-Regentenstraße aus einen längeren Spaziergang gemacht. Er war allein gegangen.

Die Arbeit am Vormittag war schwierig und gefährlich gewesen. Gerade jetzt verlangte sie von seinem Willen größte Vorsicht, Klugheit, Kraft und Genauigkeit. Danach war der Schriftsteller zu aufgeregt und nervös. In seinem Innern lief die Maschine des Schreibens immer weiter. Diese Bewegung war jener »motus animi continuus«. Nach Cicero ist sie das Wichtigste an der Kunst, gut zu reden. Aschenbach konnte diese Bewegung auch nach dem Mittagessen nicht anhalten. Darum fand er auch keinen Schlaf. Dabei brauchte er einmal am Tag einen kurzen Schlaf, der ihm Ruhe gab. Denn seine Kräfte wurden immer schneller schwächer. So war er bald nach dem Tee ins Freie gegangen. Er hoffte, dass Luft und Bewegung ihn wieder gesund machen würden. Dann würde er am Abend gut und erfolgreich arbeiten können.

Es war Anfang Mai. Nach nassen, kalten Wochen war plötzlich ein falscher Hochsommer gekommen. Der Englische Garten hatte erst zarte, junge Blätter. Trotzdem war die Luft dort feucht und warm wie im August. In der Nähe der Stadt war der Park voller Wagen und Spaziergänger gewesen. Immer stillere Wege hatten Aschenbach bis zum Aumeister geführt. Dort hatte er eine kleine Weile auf den Biergarten geschaut. Er war voller einfacher, fröhlicher Leute. Am Rand standen einige Droschken und private Wagen mit Pferden. Von dort war Aschenbach nach Hause gegangen, als die Sonne unterging. Er nahm nicht den Weg durch den Park, sondern ging über die offenen Felder. Nun fühlte er sich müde, und über Föhring drohte ein Gewitter. Darum wartete er am Nördlichen Friedhof auf die Straßenbahn. Sie sollte ihn auf direktem Weg zurück in die Stadt bringen.

Zufällig waren die Haltestelle und ihre Umgebung ganz leer. Kein Mensch war zu sehen. Die Ungererstraße hatte einen Boden aus Steinen. Aber kein Wagen fuhr auf ihr. Ihre Schienen glänzten einsam und liefen weit in Richtung Schwabing. Auch auf der Föhringer Chaussee war kein Fahrzeug zu sehen. Hinter den Zäunen lagen die Werkstätten der Steinmetze. Dort standen Kreuze, Tafeln aus Stein und Grabsteine zum Verkauf. Sie bildeten einen zweiten, leeren Friedhof, in dem niemand wohnte. Auch dort bewegte sich nichts. Gegenüber stand die Aussegnungshalle, ein Gebäude im byzantinischen Stil. Sie lag schweigend im letzten Licht des Tages.

Ihre Vorderseite war mit griechischen Kreuzen geschmückt. Dazu kamen feierliche, heilige Bilder in hellen Farben. Außerdem gab es Sprüche in goldenen Buchstaben. Sie waren auf beiden Seiten gleich verteilt. Es waren ausgewählte Worte aus der Bibel über das Leben nach dem Tod. Zum Beispiel: »Sie gehen ein in die Wohnung Gottes«. Oder: »Das ewige Licht leuchte ihnen«. Einige Minuten lang hatte Aschenbach diese Worte gelesen. Das war beim Warten eine ernste Ablenkung für ihn. Mit seinem inneren Auge verlor er sich in ihrem klaren, geheimnisvollen Sinn.

Dann kam er aus seinen Träumen zurück. Da bemerkte er oben vor dem Eingang, zwischen den Säulen, einen Mann. Dieser Platz lag über den beiden apokalyptischen Tieren an der Treppe. Sie sollten die Treppe schützen. Der Mann sah nicht ganz gewöhnlich aus. Darum gingen Aschenbachs Gedanken plötzlich in eine ganz andere Richtung.

Es blieb unklar, woher der Mann gekommen war. Vielleicht war er aus dem Innern der Halle durch das bronzene Tor getreten. Vielleicht war er auch von außen unbemerkt herangekommen und hinaufgestiegen. Aschenbach dachte nicht lange über diese Frage nach. Er glaubte eher das Erste.

Der Mann war mittelgroß, dünn und ohne Bart. Seine Nase war auffallend kurz und flach. Er hatte rote Haare und die Haut, die oft dazu gehört. Sie war hell wie Milch und hatte viele kleine braune Punkte. Er sah ganz und gar nicht bayerisch aus. Vor allem sein Basthut mit dem breiten, geraden Rand gab ihm etwas Fremdes. Mit diesem Hut sah er aus wie jemand, der von weit her kommt. Dabei trug er den Rucksack, den man hier im Land trägt. Er trug ihn fest auf den Schultern. Sein Anzug war gelblich, hatte einen Gürtel und schien aus einem dicken Wollstoff zu sein. Über dem linken Unterarm trug er einen grauen Mantel gegen den Regen. Diesen Arm stützte er in die Seite. In der rechten Hand hielt er einen Stock mit einer eisernen Spitze. Er drückte ihn schräg gegen den Boden. Einen Fuß hatte er über den anderen gestellt. Mit der Hüfte lehnte er sich an den Griff des Stocks.

Er hielt den Kopf hoch. Sein dünner Hals kam aus einem lockeren Sporthemd heraus. Darum war an diesem Hals der Adamsapfel groß und nackt zu sehen. Seine Augen waren farblos und hatten rote Haare am Rand. Zwischen den Augen standen zwei tiefe, energische Falten, die von oben nach unten liefen. Sie passten seltsam gut zu seiner kurzen, nach oben gebogenen Nase. Mit diesen Augen blickte er scharf und suchend in die Ferne. Seine Haltung wirkte darum stolz, so als ob er alles von oben beherrschte. Sie wirkte mutig, ja sogar wild. Vielleicht kam dieser Eindruck auch von seinem hohen Platz. Vielleicht schien ihm die untergehende Sonne zu hell in die Augen, und er machte darum ein so seltsames Gesicht. Oder sein Gesicht hatte für immer diese hässliche Form. Jedenfalls schienen seine Lippen zu kurz zu sein. Sie waren ganz von den Zähnen zurückgezogen. Die Zähne lagen bis zum Zahnfleisch frei. Weiß und lang zeigten sie sich zwischen den Lippen.

Aschenbach hatte den Fremden halb in Gedanken, halb neugierig angesehen. Vielleicht war er dabei nicht höflich genug gewesen. Denn plötzlich merkte er, dass der Mann zurücksah. Er sah ihn so feindlich an, so direkt in die Augen! Offenbar wollte er auf keinen Fall nachgeben. Aschenbach sollte als Erster wegsehen. Das war Aschenbach peinlich. Er drehte sich weg und ging an den Zäunen entlang. Nebenbei beschloss er, nicht weiter auf diesen Menschen zu achten. In der nächsten Minute hatte er ihn vergessen.

Vielleicht hatte der Fremde, der wie ein Wanderer aussah, seine Fantasie angeregt. Vielleicht war auch ein anderer Einfluss im Spiel, aus dem Körper oder aus der Seele. Jedenfalls spürte Aschenbach ganz überraschend, wie sein Inneres seltsam weit wurde. Er fühlte eine Art Unruhe, die ihn in die Weite zog. Es war ein junges, durstiges Verlangen nach der Ferne. Dieses Gefühl war so lebhaft und so neu! Oder er hatte es vor langer Zeit verloren und verlernt. Es hielt ihn so fest, dass er stehen blieb. Er legte die Hände auf den Rücken und sah zu Boden. So wollte er prüfen, was dieses Gefühl war und wohin es wollte.

Es war Reiselust, nichts weiter. Aber sie kam wirklich wie ein Anfall. Sie wurde zur Leidenschaft und wurde so stark, dass er Dinge sah, die nicht da waren. Sein Verlangen wollte sich plötzlich alle Wunder und Schrecken der großen, bunten Erde vorstellen. Und als Beispiel dafür sah er eine riesige Landschaft. Er sah sie, als ob er sie mit seinen eigenen Augen sähe.

Es war ein tropisches Sumpfgebiet unter einem dichten, nebligen Himmel. Es war feucht, voller Pflanzen und ungesund. Es war eine Wildnis wie am Anfang der Welt, und die Menschen gingen nicht dorthin. Sie bestand aus Inseln, Sümpfen und schmalen Wasserwegen voller Schlamm. Auf den flachen Inseln wuchsen Blätter, so dick wie Hände. Es gab riesige Farne und fette, dicke Pflanzen mit seltsamen Blüten. Palmen mit haarigen Stämmen wuchsen hoch in die Luft. Dazu kamen seltsam geformte Bäume. Sie bildeten dichte Wälder, in denen alles durcheinander wuchs. Ihre Wurzeln wuchsen aus dem Stamm und gingen durch die Luft nach unten in den Boden und ins Wasser. Das Wasser stand still und spiegelte grün und schattig. Darauf schwammen milchweiße Blumen, so groß wie Schüsseln. Fremde Vögel mit hohen Schultern und Schnäbeln ohne richtige Form standen auf langen Beinen im flachen Wasser. Sie blickten ohne Bewegung zur Seite. Durch weite Felder aus hohem Wassergras ging ein klapperndes Reiben und Rauschen. Es klang wie Heere von Soldaten in Rüstungen.

Aschenbach war es, als ob ihn der warme, giftige Atem dieses wilden Landes berührte. Alles wuchs hier wild und ohne Maß, und nichts war zu etwas gut. Dieses Land schien in einem schrecklichen Zustand zwischen Entstehen und Vergehen zu schweben. Zwischen den knotigen Stämmen eines dichten Bambuswaldes glaubte er für einen Augenblick etwas zu sehen. Er sah die Augen des Tigers hell leuchten. Und er fühlte sein Herz klopfen, vor großem Schrecken und vor einem geheimnisvollen Verlangen. Dann verschwand das Bild. Aschenbach schüttelte den Kopf. Er ging weiter an den Zäunen der Steinmetze entlang.

Er hätte die Vorteile des modernen Reisens genießen können, so oft er wollte, wenigstens seit er das Geld dafür hatte. Aber er hatte das Reisen immer nur als etwas für die Gesundheit gesehen. Ab und zu musste er so etwas tun, auch gegen seinen Willen und seine Lust. Er war zu beschäftigt mit den Aufgaben, die ihm sein Ich und die europäische Seele stellten. Er war zu belastet von der Pflicht, immer neue Werke zu schaffen. Und er mochte Ablenkung zu wenig. Darum konnte er kein Freund der bunten Welt da draußen werden. Er war ganz zufrieden mit dem Bild der Erde, das heute jeder bekommen kann. Dafür muss man sich nicht weit von zu Hause entfernen. Er hatte niemals auch nur den Wunsch gehabt, Europa zu verlassen.

Und nun wurde er langsam alt. Er hatte als Künstler Angst, nicht fertig zu werden. Er fürchtete, die Uhr könnte abgelaufen sein, bevor er sein Werk getan hatte. Bevor er sich ganz und gar selbst gegeben hatte. Diese Sorge war nicht mehr nur eine dumme Idee. Er konnte sie nicht mehr einfach beiseiteschieben. Seitdem spielte sich sein äußeres Leben fast nur an zwei Orten ab. Der eine war die schöne Stadt, die seine Heimat geworden war. Der andere war das einfache Landhaus, das er sich in den Bergen gebaut hatte. Dort verbrachte er die regnerischen Sommer.

So spät und so plötzlich war dieser Wunsch über ihn gekommen. Aber sehr bald machten seine Vernunft und seine Selbstzucht diesen Wunsch schwächer. Sie brachten ihn wieder in Ordnung. Diese Selbstzucht hatte er seit seiner Jugend geübt. Er hatte vor, das Werk, für das er lebte, bis zu einem bestimmten Punkt zu bringen. Erst dann wollte er aufs Land ziehen. Der Gedanke an eine Reise durch die Welt war dagegen zu locker. Er passte nicht zu seinem Plan. Eine solche Reise würde ihn für Monate von seiner Arbeit wegführen. Sie durfte ernsthaft nicht in Frage kommen.

Und doch wusste er nur zu gut, woher dieser Wunsch so plötzlich gekommen war. Er gab es sich selbst zu: Es war das Bedürfnis zu fliehen. Es war die Sehnsucht nach der Ferne und dem Neuen. Er wollte frei sein, die Last abwerfen und vergessen. Er wollte weg vom Werk, weg vom Ort seines täglichen Dienstes. Dieser Dienst war streng, kalt und leidenschaftlich zugleich. Zwar liebte er diesen Dienst. Fast liebte er auch den Kampf, der jeden Tag neu begann und ihn so viel Kraft kostete. Es war der Kampf zwischen seinem starken, stolzen Willen und seiner wachsenden Müdigkeit. Sein Wille hatte schon so oft gezeigt, wie stark er war. Von der Müdigkeit aber durfte niemand wissen. Auch sein Werk durfte sie auf keine Weise verraten. Kein Zeichen von Versagen oder Schwäche durfte darin zu sehen sein. Aber es schien klug, den Bogen nicht zu überspannen. Ein so lebhaftes Bedürfnis sollte er nicht stur unterdrücken.

Er dachte an seine Arbeit. Er dachte an die Stelle, an der er sie heute wieder hatte liegen lassen müssen. Schon gestern war es so gewesen. Bei dieser Stelle half weder geduldige Arbeit noch ein schneller Angriff. Er prüfte sie noch einmal. Er versuchte, das Hindernis zu durchbrechen oder aufzulösen. Dann hörte er mit dem Angriff auf, und es schüttelte ihn vor Ekel. Es gab hier keine besondere Schwierigkeit. Was ihn blockierte, waren die Zweifel, die aus seiner Unlust kamen. Sie zeigten sich als eine Unzufriedenheit, die nichts mehr zufriedenstellen konnte.

Allerdings hatte schon der junge Aschenbach die Unzufriedenheit für das Wesen des Talents gehalten. Für ihn war sie der innerste Kern des Talents. Darum hatte er das Gefühl immer kontrolliert und kühl gehalten. Denn er wusste: Das Gefühl ist gern zufrieden, wenn etwas fröhlich und ungefähr richtig ist. Ihm genügt es, wenn etwas nur halb perfekt ist. Nahm das unterdrückte Gefühl nun Rache? Verließ es ihn deshalb? Wollte es seine Kunst nicht mehr tragen und ihr keine Flügel mehr geben? Nahm es alle Lust und alle Freude an der Form und am Ausdruck mit sich fort?

Nicht, dass er schlechte Arbeit machte. Das war wenigstens der Vorteil seiner Jahre: Er wusste jeden Augenblick ruhig und sicher, dass er ein Meister war. Die Nation ehrte ihn dafür. Aber er selbst freute sich nicht daran. Es schien ihm, als fehlten seinem Werk die Zeichen einer lebhaften, spielerischen Laune. Eine solche Laune entsteht aus Freude. Und sie macht den Menschen, die Kunst genießen, mehr Freude als jeder tiefe Inhalt. Dabei ist ein tiefer Inhalt eigentlich wichtiger.

Er fürchtete sich vor dem Sommer auf dem Land. Dort würde er allein in dem kleinen Haus sein. Nur die Magd, die ihm das Essen kochte, wäre bei ihm. Und der Diener, der es ihm auf den Tisch brachte. Er fürchtete sich auch vor den vertrauten Gesichtern der Berge und Felsen. Sie würden wieder um seine unzufriedene Langsamkeit herumstehen. Darum brauchte er eine Unterbrechung. Er brauchte ein Leben ohne Plan und ein paar Tage ohne Arbeit. Er brauchte die Luft der Ferne und neues Blut. Dann würde er den Sommer gut aushalten und viel schaffen können.

Also reisen – damit war er zufrieden. Nicht sehr weit, nicht gerade bis zu den Tigern. Eine Nacht im Schlafwagen und eine Siesta von drei, vier Wochen. Irgendwo an einem beliebten Ferienort im freundlichen Süden …

So dachte er, während die elektrische Straßenbahn laut die Ungererstraße heraufkam. Beim Einsteigen beschloss er, den Abend mit Landkarte und Kursbuch zu verbringen. Auf der Plattform fiel ihm ein, sich nach dem Mann im Basthut umzusehen. Dieser Mann war sein Begleiter an der Haltestelle gewesen, und der Aufenthalt dort hatte immerhin Folgen gehabt. Aber Aschenbach konnte nicht herausfinden, wo der Mann geblieben war. Er war nicht an seinem früheren Platz, nicht an der Haltestelle und auch nicht im Wagen.

### Glossar

- **»motus animi continuus«**: lateinische Worte: die ständige Bewegung der Seele und der Gedanken.
- **die Droschke**: ein Wagen mit Pferden, den man wie ein Taxi mieten kann.
- **der Steinmetz**: ein Handwerker, der Steine bearbeitet, zum Beispiel für Grabsteine.
- **die Aussegnungshalle**: ein Gebäude auf dem Friedhof, in dem man von Toten Abschied nimmt.
- **byzantinisch**: im Stil der alten Kirchen von Byzanz (heute Istanbul), mit Kuppeln, Gold und heiligen Bildern.
- **apokalyptische Tiere**: Tiere aus dem letzten Buch der Bibel, das vom Ende der Welt erzählt; hier als Figuren aus Stein.
- **der Basthut**: ein Hut aus Pflanzenfasern, ähnlich wie ein Strohhut.
- **der Adamsapfel**: die harte Stelle vorne am Hals eines Mannes, die man oft gut sieht.
- **die Selbstzucht**: strenge Ordnung, die man sich selbst gibt; Disziplin.
- **den Bogen überspannen**: zu viel von sich oder anderen verlangen, bis etwas kaputtgeht.
- **das Kursbuch**: ein Buch, in dem steht, wann die Züge fahren.

## Zweites Kapitel

Er war der Autor des klaren und mächtigen Prosa-Epos über das Leben Friedrichs von Preußen. Er war der geduldige Künstler, der in langem Fleiß den Roman »Maja« schuf. Dieser Roman ist wie ein großer Teppich gewebt. Er hat viele Figuren und bringt viele Schicksale von Menschen im Schatten einer einzigen Idee zusammen. Er hatte auch jene starke Erzählung mit dem Titel »Ein Elender« geschrieben. Sie zeigte einer ganzen dankbaren Jugend etwas Wichtiges. Auch wenn man alles tief erkannt hat, kann man sich noch fest und moralisch entscheiden. Und schließlich hatte er den leidenschaftlichen Aufsatz über »Geist und Kunst« geschrieben. Damit sind die Werke seiner reifen Jahre kurz genannt. Dieser Aufsatz hatte eine ordnende Kraft. Seine Sprache war wirkungsvoll und voller Gegensätze. Darum stellten ernste Kritiker ihn direkt neben Schillers Schrift über naive und sentimentalische Dichtung. Dieser Mann also, Gustav Aschenbach, war in L. geboren, einer Kreisstadt der Provinz Schlesien. Sein Vater war ein höherer Beamter am Gericht.

Seine Vorfahren waren Offiziere, Richter und Beamte in der Verwaltung gewesen. Diese Männer hatten im Dienst des Königs und des Staates gelebt. Ihr Leben war streng, anständig und einfach gewesen. Nur einmal hatte sich unter ihnen ein tieferes geistiges Leben gezeigt, in einem Prediger. In der Generation vor ihm kam dann schnelleres, sinnlicheres Blut in die Familie. Es kam durch die Mutter des Dichters. Sie war die Tochter eines böhmischen Kapellmeisters. Von ihr kam auch, dass er etwas fremd aussah. Die Beamten waren nüchtern und genau in ihrer Pflicht gewesen. Diese Art verband sich nun mit dunkleren, leidenschaftlicheren Kräften. Aus dieser Verbindung entstand ein Künstler, und zwar dieser besondere Künstler.

Sein ganzes Wesen war auf Ruhm ausgerichtet. Er war vielleicht nicht wirklich früh reif. Aber er war früh reif und geschickt für die Öffentlichkeit. Das lag an seinem entschiedenen, sehr persönlichen Ton. Er war fast noch Schüler am Gymnasium, da kannte man schon seinen Namen. Zehn Jahre später hatte er gelernt, sich von seinem Schreibtisch aus der Welt zu zeigen. Er verwaltete seinen Ruhm in Briefen. Jeder Satz darin musste kurz sein. Denn viele Menschen wollen etwas von einem Mann, der Erfolg hat und dem man vertraut. Trotzdem musste jeder Satz freundlich und bedeutend sein. Mit vierzig Jahren war er müde von der Mühe und dem Auf und Ab der eigentlichen Arbeit. Und doch musste er jeden Tag viel Post bearbeiten. Die Briefe trugen Briefmarken aus allen Ländern der Welt.

Sein Talent war nie gewöhnlich und flach, aber auch nie seltsam und übertrieben. So konnte es zwei Dinge zugleich gewinnen. Es gewann das Vertrauen des breiten Publikums. Und es gewann die Kenner, die viel verlangen. Sie schätzten sein Werk sehr und erwarteten viel von ihm. Schon als junger Mann musste er für alle Seiten etwas leisten. Und zwar etwas ganz Besonderes. Darum hatte er nie das Nichtstun gekannt. Er kannte auch nie die leichte Art der Jugend, die sich um nichts kümmert.

Mit etwa fünfunddreißig Jahren wurde er in Wien krank. Damals sagte ein feiner Beobachter in einer Gesellschaft über ihn: »Sehen Sie, Aschenbach hat von jeher nur so gelebt.« Dabei schloss der Sprecher die Finger seiner linken Hand fest zur Faust. »Niemals so«, sagte er weiter. Dabei ließ er die offene Hand locker von der Lehne des Sessels hängen. Das stimmte. Und das Tapfere und Moralische daran war: Er war von Natur aus alles andere als stark und gesund. Er war dazu bestimmt, immer mit voller Kraft zu arbeiten. Aber er war nicht wirklich dafür geboren.

Die Ärzte hatten den Jungen nicht in die Schule gehen lassen. Er musste zu Hause unterrichtet werden. Er war allein aufgewachsen, ohne Freunde. Trotzdem hatte er schon früh erkennen müssen, zu welcher Generation er gehörte. In dieser Generation war Talent nicht selten. Selten war aber die körperliche Kraft, die das Talent braucht, um sich ganz zu entwickeln. Diese Generation gibt meist früh ihr Bestes. Und ihr Können hält nur selten bis ins hohe Alter. Aber sein Lieblingswort war »Durchhalten«. In seinem Friedrich-Roman sah er nichts anderes als die höchste Feier dieses Befehls. Für ihn zeigte dieses Wort am besten eine Tugend: leiden und dabei tätig bleiben. Er wünschte sich auch sehr, alt zu werden. Denn er hatte immer eine feste Meinung gehabt. Nur eine bestimmte Art von Künstler ist wirklich groß, umfassend und ehrenwert. Es ist der Künstler, der in jedem Alter des Lebens gute Werke schaffen darf. In jedem Alter schafft er Werke, die genau dazu passen.

Er wollte die Aufgaben, die sein Talent ihm gab, auf zarten Schultern tragen. Und er wollte damit weit gehen. Darum brauchte er sehr viel Zucht. Zum Glück war ihm diese Zucht angeboren. Er hatte sie von der Seite seines Vaters geerbt. Mit vierzig, mit fünfzig Jahren lebte er so wie schon in jüngeren Jahren. In diesem jungen Alter verschwenden andere ihre Kraft und träumen von großen Dingen. Sie verschieben ohne Sorge ihre großen Pläne auf später. Er aber begann seinen Tag früh. Zuerst ließ er viel kaltes Wasser über Brust und Rücken laufen. Dann stellte er zwei hohe Kerzen aus Wachs in silbernen Kerzenhaltern oben an sein Manuskript. In zwei oder drei Stunden am Morgen opferte er der Kunst die Kräfte, die er im Schlaf gesammelt hatte. In diesen Stunden arbeitete er mit ganzem Herzen und sehr genau.

Manche Leute verstanden nichts davon. Sie hielten die Welt der »Maja« für das Werk großer Kraft und eines langen Atems. Dasselbe dachten sie von den großen, breiten Erzählungen über das Heldenleben Friedrichs. Das konnte man ihnen verzeihen. Ja, es bedeutete eigentlich den Sieg seiner Moral. Denn in Wahrheit waren diese Werke Tag für Tag in kleinen Stücken entstanden. Aus hundert einzelnen Ideen waren sie Schicht für Schicht zur Größe aufgebaut worden. Und sie waren nur deshalb an jeder Stelle so ausgezeichnet, weil ihr Autor durchgehalten hatte. Jahrelang hatte er unter der Spannung ein und desselben Werkes ausgehalten. Sein Wille war dabei so stark und ausdauernd wie der Wille, der einst seine Heimatprovinz erobert hatte. Und für das eigentliche Schreiben hatte er nur seine besten und würdigsten Stunden verwendet.

Ein bedeutendes Werk des Geistes kann nur unter einer Bedingung sofort breit und tief wirken. Das persönliche Schicksal des Autors muss dem Schicksal seiner ganzen Generation sehr ähnlich sein. Ja, es muss sogar mit ihm übereinstimmen. Die Menschen wissen nicht, warum sie einem Kunstwerk Ruhm schenken. Sie sind keine Kenner. Trotzdem glauben sie, hundert gute Seiten darin zu finden. So wollen sie erklären, warum es sie so sehr interessiert. Aber der eigentliche Grund für ihr Lob ist etwas, das man nicht messen kann. Es ist Sympathie.

Aschenbach hatte es einmal an einer wenig bekannten Stelle direkt ausgesprochen. Fast alles Große, was es gibt, gibt es als ein Trotzdem. Es ist trotz Sorgen und Schmerzen entstanden, trotz Armut, Einsamkeit und Schwäche des Körpers. Es ist trotz Laster, Leidenschaft und tausend Hindernissen entstanden. Aber das war mehr als eine Bemerkung. Es war eine Erfahrung. Es war geradezu die Formel seines Lebens und seines Ruhmes, der Schlüssel zu seinem Werk. Ist es also ein Wunder, dass es auch der moralische Charakter seiner typischsten Figuren war? Es war auch ihre äußere Haltung.

Dieser Schriftsteller hatte einen neuen Heldentyp am liebsten. Er kam in vielen verschiedenen Gestalten immer wieder vor. Darüber hatte schon früh ein kluger Kritiker geschrieben. Er nannte diesen Helden die Idee »einer intellektuellen und jünglinghaften Männlichkeit«. Diese Männlichkeit beißt, so schrieb er, »in stolzer Scham die Zähne aufeinander«. Und sie steht ruhig da, »während ihr die Schwerter und Speere durch den Leib gehen«. Das war schön, klug und genau, auch wenn es scheinbar zu passiv klang. Denn Haltung im Schicksal und Schönheit im Schmerz bedeuten nicht nur, dass man still leidet. Sie sind eine aktive Leistung, ein echter Sieg. Die Gestalt des Sebastian ist das schönste Symbol dafür. Vielleicht nicht für die Kunst überhaupt, aber sicher für diese Kunst.

Wenn man in diese erzählte Welt hineinsah, sah man viele solche Figuren. Man sah die elegante Selbstbeherrschung. Sie verbirgt bis zum letzten Augenblick vor der Welt, dass innen alles leer wird und der Körper verfällt. Man sah die gelbe Hässlichkeit, der die Natur keinen sinnlichen Reiz gegeben hat. Sie kann ihr heimliches, heißes Verlangen in eine reine Flamme verwandeln. Ja, sie kann sogar im Reich der Schönheit zur Herrscherin werden. Man sah die blasse Schwäche. Sie holt aus den heißen Tiefen des Geistes die Kraft für eine große Tat. Sie wirft ein ganzes stolzes Volk zu Füßen des Kreuzes nieder, zu *ihren* Füßen. Man sah die liebenswürdige Haltung im leeren und strengen Dienst der Form. Und man sah das falsche, gefährliche Leben des geborenen Betrügers. Man sah seine Sehnsucht und seine Kunst, die die Nerven schnell müde und schwach machen.

Wenn man all diese Schicksale betrachtete und noch viele ähnliche, konnte man zweifeln. Gab es überhaupt einen anderen Heldenmut als den Heldenmut der Schwäche? Und welches Heldentum passte jedenfalls besser in diese Zeit als dieses? Gustav Aschenbach war der Dichter all derer, die arbeiten, bis ihre Kräfte fast am Ende sind. Er war der Dichter derer, die zu viel tragen müssen. Sie sind schon ganz verbraucht und halten sich trotzdem noch aufrecht. Er war der Dichter all dieser Menschen, für die Leistung die höchste Moral ist. Sie sind schmal gebaut und haben nur wenige Mittel. Aber durch einen Rausch des Willens und eine kluge Verwaltung ihrer Kräfte erreichen sie etwas. Wenigstens eine Zeit lang gewinnen sie die Wirkung von Größe. Es gibt viele von ihnen, sie sind die Helden der Zeit. Und sie alle erkannten sich in seinem Werk wieder. Sie fanden sich darin bestätigt, erhoben und gelobt. Sie waren ihm dankbar und verbreiteten seinen Namen.

Er war jung und grob gewesen, so wie seine Zeit. Die Zeit hatte ihn schlecht beraten. So war er öffentlich gestolpert und hatte Fehler gemacht. Er hatte sich vor allen lächerlich gemacht. In Worten und Werken war er oft taktlos und unvernünftig gewesen. Aber er hatte die Würde gewonnen. Jedes große Talent, so behauptete er, hat einen natürlichen Drang zur Würde in sich, der es antreibt. Ja, man kann sagen: Seine ganze Entwicklung war ein bewusster und trotziger Aufstieg zur Würde gewesen. Dabei hatte er alles hinter sich gelassen, was ihn durch Zweifel und Ironie hemmte.

Die Masse der Bürger freut sich an lebendigen Figuren, die man leicht verstehen kann und die geistig nichts verlangen. Aber die leidenschaftliche Jugend, die keine Kompromisse kennt, interessiert sich nur für das Problematische. Und Aschenbach war problematisch gewesen und ohne Kompromisse wie jeder junge Mann. Er hatte sich ganz dem Geist hingegeben. Er hatte das Wissen ohne Rücksicht benutzt, bis nichts mehr übrig war. Er hatte das Saatgut zu Mehl gemahlen. Er hatte Geheimnisse verraten, das Talent verdächtigt und die Kunst verraten. Seine Werke unterhielten die gläubigen Leser, sie erhoben sie und machten sie lebendig. Aber zur selben Zeit hielt der junge Künstler die Zwanzigjährigen in Spannung. Er tat es mit seinen bösen, spöttischen Worten über die zweifelhafte Natur der Kunst und der Künstler selbst.

Aber so scheint es zu sein. Gegen nichts wird ein edler, tüchtiger Geist schneller und gründlicher stumpf als gegen den scharfen, bitteren Reiz der Erkenntnis. Und sicher ist Folgendes. Der junge Mann ist traurig, ernst und sehr gründlich. Aber diese Gründlichkeit ist flach im Vergleich mit dem tiefen Entschluss des Mannes, der ein Meister geworden ist. Er beschließt, das Wissen nicht anzuerkennen und es abzulehnen. Mit erhobenem Kopf sieht er darüber hinweg. Das tut er, sobald das Wissen den Willen, die Tat, das Gefühl oder sogar die Leidenschaft schwach machen könnte. Er tut es auch, wenn das Wissen ihnen nur ein wenig den Mut oder die Würde nehmen könnte.

Wie sollte man die berühmte Erzählung vom »Elenden« anders verstehen? Sie war ein Ausbruch des Ekels gegen die unanständige Art der Zeit, alles psychologisch zu erklären. Diese Art zeigte sich in der Figur jenes weichen, albernen Mannes, der nur halb ein Schurke ist. Dieser Mann holt sich mit einem Trick ein Schicksal. Er treibt seine Frau in die Arme eines jungen Mannes ohne Bart. Das tut er aus Schwäche, aus Laster und aus einem schwachen, halben Willen zum Guten. Und er glaubt, weil er so tief denkt, dürfe er gemeine Dinge tun.

Mit großer Kraft lehnte das Werk hier das Schlechte ab. Diese Kraft der Worte zeigte: Er wandte sich ab von allem moralischen Zweifel. Er wandte sich ab von jeder Sympathie mit dem Abgrund. Er sagte Nein zu jenem bequemen Satz des Mitleids: Alles verstehen heißt alles verzeihen. Was sich hier vorbereitete, ja schon geschah, war jenes »Wunder der wiedergeborenen Unbefangenheit«. Wenig später sprach der Autor in einem seiner Dialoge deutlich davon. Er tat es auf eine geheimnisvolle Weise.

Seltsame Zusammenhänge! Um dieselbe Zeit beobachtete man, dass sein Sinn für Schönheit fast zu stark wurde. War das eine geistige Folge dieser »Wiedergeburt«, dieser neuen Würde und Strenge? Seine Werke hatten nun eine Form, die edel, rein, einfach und gleichmäßig war. Dadurch wirkten sie von da an deutlich, ja mit Absicht meisterhaft und klassisch.

Aber was ist mit dem festen moralischen Willen, der über das Wissen hinausgeht? Über das Wissen, das alles auflöst und hemmt? Bedeutet er nicht wiederum eine Vereinfachung der Welt und der Seele? Eine moralische Vereinfachung? Und bedeutet er damit nicht auch, dass man stärker wird für das Böse, das Verbotene, das moralisch Unmögliche? Und hat die Form nicht zwei Gesichter? Ist sie nicht moralisch und zugleich ohne Moral? Moralisch ist sie als Ergebnis und Ausdruck der Zucht. Aber sie ist auch ohne Moral, ja sogar gegen die Moral, und zwar aus einem anderen Grund. Die Moral ist ihr von Natur aus gleichgültig. Ja, im Grunde will sie die Moral unter ihre stolze, grenzenlose Herrschaft zwingen.

Wie dem auch sei! Eine Entwicklung ist ein Schicksal. Manche Entwicklung geschieht vor einer großen Öffentlichkeit, die Anteil nimmt und vertraut. Muss sie nicht anders verlaufen als eine Entwicklung ohne den Glanz und die Pflichten des Ruhmes? Nur wer ewig in der Bohème lebt, findet es langweilig und spottet gern. Solche Menschen spotten, wenn ein großes Talent seine wilde, freie Puppenzeit hinter sich lässt. Sie spotten, wenn es sich daran gewöhnt, die Würde des Geistes deutlich zu zeigen. Und sie spotten, wenn es in seiner Einsamkeit die Sitten eines Königshofs annimmt. Diese Einsamkeit war voll von harten Leiden und Kämpfen, bei denen niemand geholfen hatte. Aber sie hatte es zu Macht und Ehren unter den Menschen gebracht.

Wie viel Spiel, Trotz und Genuss liegt übrigens darin, wie ein Talent sich selbst formt! Mit der Zeit kam etwas Amtliches in Gustav Aschenbachs Werke, etwas, das erziehen wollte. In späteren Jahren war sein Stil nicht mehr direkt und kühn. Er hatte keine feinen, neuen Zwischentöne mehr. Er wurde ein festes Vorbild für andere, glatt und traditionell. Er wollte das Alte bewahren. Er wurde formell, ja er bestand sogar aus festen Formeln. Von Ludwig dem Vierzehnten erzählt man, dass er jedes gemeine Wort aus seiner Sprache strich. So strich auch der alternde Aschenbach jedes gemeine Wort aus seiner Sprache. Damals geschah es, dass die Schulbehörde ausgewählte Seiten von ihm in die vorgeschriebenen Lesebücher der Schulen aufnahm. Das passte innerlich zu ihm. Darum lehnte er auch nicht ab, als ein deutscher Fürst ihm den persönlichen Adel verlieh. Der Fürst war gerade erst auf den Thron gekommen. Er machte den Dichter des »Friedrich« zu seinem fünfzigsten Geburtstag zum Adligen.

Einige Jahre lang war er unruhig und wohnte zur Probe mal hier, mal dort. Dann wählte er früh München als festen Wohnort. Dort lebte er in bürgerlicher Ehre, wie sie dem Geist nur in besonderen Fällen geschenkt wird. Er hatte noch jung ein Mädchen aus einer Familie von Gelehrten geheiratet. Nach einer kurzen glücklichen Zeit trennte der Tod die Ehe. Eine Tochter war ihm geblieben, sie war schon verheiratet. Einen Sohn hatte er nie gehabt.

Gustav von Aschenbach war etwas kleiner als mittelgroß, dunkelhaarig und glatt rasiert. Sein Kopf schien im Verhältnis zu dem fast zarten Körper ein wenig zu groß. Sein Haar war nach hinten gebürstet. Oben auf dem Kopf war es dünn geworden. An den Seiten über den Ohren war es noch sehr voll, aber schon sehr grau. Es lag um eine hohe Stirn mit tiefen Falten. Sie sah fast aus, als hätte sie Narben. Er trug eine goldene Brille, und ihre Gläser hatten keinen Rand. Das Metall der Brille drückte sich oben in seine kräftige, edel gebogene Nase. Der Mund war groß, oft weich und locker, oft plötzlich schmal und gespannt. Die Wangen waren dünn und hatten Falten. Das gut geformte Kinn war in der Mitte leicht geteilt.

Meistens hielt er den Kopf schief zur Seite, als ob er litt. Über diesen Kopf schienen schwere Schicksale gegangen zu sein. Und doch war es die Kunst gewesen, die dieses Gesicht so geformt hatte. Sonst ist ein solches Gesicht das Werk eines schweren, bewegten Lebens. Hinter dieser Stirn waren die schnellen, klugen Antworten im Gespräch zwischen Voltaire und dem König über den Krieg entstanden. Diese Augen blickten müde und tief durch die Gläser. Sie hatten die blutige Hölle der Lazarette im Siebenjährigen Krieg gesehen.

Auch für den einzelnen Menschen ist die Kunst ja ein stärkeres, höheres Leben. Sie macht tiefer glücklich, und sie verbraucht schneller. Sie gräbt in das Gesicht ihres Dieners die Spuren erfundener und geistiger Abenteuer. Auch wenn das äußere Leben still ist wie in einem Kloster, erzeugt sie auf Dauer etwas in den Nerven. Die Nerven werden verwöhnt, zu fein, müde und neugierig. Ein Leben voll wildester Leidenschaften und Genüsse könnte das kaum hervorbringen.

### Glossar

- **das Prosa-Epos**: eine lange, große Erzählung in Prosa, oft über einen Helden.
- **der Kapellmeister**: der Leiter eines Orchesters.
- **naive und sentimentalische Dichtung**: Titel eines berühmten Textes von Schiller; er beschreibt darin zwei Arten von Dichtern und Dichtung.
- **jünglinghaft**: wie ein Jüngling, also wie ein junger Mann, der noch nicht ganz erwachsen ist.
- **die Zucht**: strenge Ordnung, die man sich selbst gibt; Disziplin.
- **Sebastian**: ein Heiliger; man schoss viele Pfeile auf ihn, und er hielt den Schmerz ruhig aus.
- **das Saatgut zu Mehl mahlen**: hier: das verbrauchen, was eigentlich für die Zukunft wachsen sollte.
- **der Abgrund**: ein tiefes Loch; hier: das Dunkle, Gefährliche im Menschen.
- **die Unbefangenheit**: wenn man frei und ohne Zweifel denkt und handelt.
- **die Bohème**: das unordentliche, freie Leben mancher Künstler.
- **die Puppenzeit**: die Zeit, in der eine Raupe in einer Hülle liegt, bevor sie ein Schmetterling wird; hier: die frühe, unfertige Zeit eines Künstlers.
- **das Lazarett**: ein Krankenhaus für verwundete Soldaten.

## Drittes Kapitel

Nach jenem Spaziergang hielten mehrere Geschäfte Aschenbach noch etwa zwei Wochen in München fest. Es waren Geschäfte des Alltags und der Literatur. Endlich sagte er, man solle sein Landhaus innerhalb von vier Wochen für ihn bereit machen. Dann reiste er an einem Tag zwischen Mitte und Ende Mai mit dem Nachtzug nach Triest. Dort blieb er nur vierundzwanzig Stunden. Am nächsten Morgen fuhr er mit dem Schiff nach Pola. Er suchte das Fremde, etwas, das nichts mit seinem Leben zu tun hatte. Aber es sollte schnell zu erreichen sein. So blieb er auf einer Insel in der Adria, nicht weit von der Küste Istriens. Diese Insel wurde seit einigen Jahren sehr gelobt. Dort lebten Bauern in bunten, zerrissenen Kleidern, die eine ganz fremde, wilde Sprache sprachen. Wo das Meer offen war, gab es schöne, wilde Felsen mit vielen Rissen. Aber der Regen und die schwere Luft ärgerten ihn. Auch die kleine, geschlossene Gesellschaft von Österreichern im Hotel störte ihn. Und es fehlte ihm die ruhige, enge Beziehung zum Meer, die nur ein sanfter Sandstrand geben kann. Deshalb hatte er nicht das Gefühl, den richtigen Ort für sich gefunden zu haben. Etwas in seinem Inneren zog ihn fort, aber er wusste noch nicht, wohin. Das machte ihn unruhig. Er studierte die Verbindungen der Schiffe und sah sich suchend um. Und auf einmal stand sein Ziel vor seinen Augen. Es war überraschend und zugleich ganz selbstverständlich. Wohin fuhr man, wenn man über Nacht etwas erreichen wollte, das mit nichts zu vergleichen war? Das Fremde, das ganz anders war, so wie in einem Märchen? Das war doch klar. Was sollte er hier? Er hatte einen Fehler gemacht. Dorthin hatte er reisen wollen. Er wartete nicht lange und beendete den falschen Aufenthalt. Anderthalb Wochen nach seiner Ankunft auf der Insel fuhr er zurück. Ein schnelles Motorboot brachte ihn und sein Gepäck früh am Morgen über das Wasser in den Kriegshafen. Über dem Wasser lag Nebel. Dort ging er nur kurz an Land. Gleich lief er über ein langes Brett auf das feuchte Deck eines Schiffes. Die Maschine des Schiffes lief schon, und es sollte nach Venedig fahren.

Es war ein altes italienisches Schiff, altmodisch, schwarz vom Rauch und düster. Gleich als Aschenbach an Bord kam, drängte ihn ein Matrose in eine Kabine im Inneren des Schiffes. Der Matrose hatte einen krummen Rücken und war schmutzig, und er war auf eine grinsende Art höflich. Die Kabine war wie eine Höhle, und künstliches Licht brannte darin. Dort saß hinter einem Tisch ein Mann mit einem Ziegenbart. Den Hut trug er schief in der Stirn, und im Mundwinkel hatte er den Rest einer Zigarette. Sein Gesicht sah aus wie das Gesicht eines altmodischen Zirkusdirektors. Er schrieb die Daten der Reisenden auf und gab ihnen die Fahrkarten. Dabei machte er seine Geschäfte auf eine leichte Art, die übertrieben war wie eine Grimasse.

»Nach Venedig!«, wiederholte er Aschenbachs Wunsch. Dabei streckte er den Arm und stieß die Feder in den Rest Tinte. Die Tinte war dick wie Brei, und das Tintenfass stand schief. »Nach Venedig erster Klasse! Sie sind bedient, mein Herr!«

Und er schrieb große, krumme Buchstaben, die wie die Spuren von Vogelfüßen aussahen. Aus einer Dose streute er blauen Sand auf die Schrift. Dann ließ er den Sand in eine Schale aus Ton laufen. Er faltete das Papier mit seinen gelben, dünnen Fingern und schrieb wieder.

»Ein glücklich gewähltes Reiseziel!«, redete er dabei. »Ah, Venedig! Eine herrliche Stadt! Eine Stadt, die gebildete Menschen ganz stark anzieht! Wegen ihrer Geschichte und wegen ihrer heutigen Reize!«

Seine Bewegungen waren glatt und schnell, und dazu redete er leeres Zeug. Das verwirrte den Reisenden ein wenig und lenkte ihn ab. Es war fast, als hätte der Mann Angst, der Reisende könnte seinen Entschluss noch ändern. Als könnte er doch nicht nach Venedig fahren wollen. Der Mann nahm eilig das Geld. Geschickt wie ein Mann am Spieltisch im Kasino ließ er das Wechselgeld auf das fleckige Tuch des Tisches fallen.

»Gute Unterhaltung, mein Herr!«, sagte er und verbeugte sich wie ein Schauspieler. »Es ist mir eine Ehre, Sie zu befördern … Meine Herren!«, rief er sofort mit erhobenem Arm.

Er tat so, als liefen die Geschäfte sehr gut. Dabei war niemand mehr da, der eine Fahrkarte wollte. Aschenbach ging zurück auf das Deck.

Er lehnte einen Arm auf das Geländer und betrachtete die Leute am Hafen. Sie standen dort ohne Arbeit herum, um die Abfahrt des Schiffes anzusehen. Er betrachtete auch die Passagiere an Bord. Die Passagiere der zweiten Klasse, Männer und Frauen, saßen auf dem Vorderdeck. Als Sitze benutzten sie Kisten und Bündel. Auf dem ersten Deck reiste eine Gruppe junger Leute. Es waren wohl junge Handelsgehilfen aus Pola. Sie waren in fröhlicher Stimmung und machten zusammen einen Ausflug nach Italien. Sie machten viel Lärm um sich und ihre Reise. Sie redeten und lachten und gefielen sich selbst in ihren lebhaften Gesten. Am Hafen gingen Kameraden von ihnen vorbei, die Mappen unter dem Arm, auf dem Weg zur Arbeit. Diese drohten den Feiernden mit ihren Spazierstöcken. Die jungen Leute auf dem Schiff beugten sich über das Geländer. Sie riefen ihnen schnelle, spöttische Worte nach.

Einer von ihnen war lauter und lustiger als alle anderen. Er hatte eine hohe, schrille Stimme. Er trug einen hellgelben Sommeranzug nach der allerneuesten Mode und eine rote Krawatte. Dazu trug er einen Panamahut mit frech nach oben gebogenem Rand. Aber als Aschenbach ihn genauer ansah, erkannte er mit einer Art Entsetzen: Dieser junge Mann war falsch. Er war alt, daran konnte man nicht zweifeln. Falten umgaben seine Augen und seinen Mund. Das blasse Rot seiner Wangen war Schminke. Das braune Haar unter dem Strohhut mit dem bunten Band war eine Perücke. Sein Hals war alt und dünn. Sein kleiner Bart über der Lippe und das Bärtchen am Kinn waren gefärbt. Er zeigte beim Lachen seine gelben Zähne. Sie waren vollständig, aber es waren nur billige falsche Zähne. Und seine Hände waren die Hände eines sehr alten Mannes. An beiden Zeigefingern trug er schwere Ringe.

Mit einem Schauder sah Aschenbach ihm und seinen Freunden zu. Wussten sie es nicht? Bemerkten sie nicht, dass er alt war? Sahen sie nicht, dass er zu Unrecht ihre bunte, modische Kleidung trug? Dass er zu Unrecht spielte, er sei einer von ihnen? Es schien ganz selbstverständlich und eine alte Gewohnheit zu sein: Sie ließen ihn in ihrer Mitte. Sie behandelten ihn wie einen von ihnen. Er stieß sie zum Spaß in die Rippen, und ohne Ekel stießen sie ihn zurück. Wie war das möglich? Aschenbach bedeckte seine Stirn mit der Hand und schloss die Augen. Sie waren heiß, denn er hatte zu wenig geschlafen. Er hatte das Gefühl, dass nicht alles ganz normal war. Es war, als begänne eine träumerische Fremdheit. Die Welt schien sich zu verändern und seltsam zu werden, und das breitete sich immer weiter aus. Vielleicht konnte er es aufhalten, wenn er sein Gesicht ein wenig vor dem Licht schützte. Danach würde er von Neuem um sich schauen. In diesem Augenblick aber hatte er plötzlich das Gefühl zu schwimmen. Er sah auf und bekam einen Schreck, ohne vernünftigen Grund. Der schwere, dunkle Körper des Schiffes löste sich langsam von der Mauer am Ufer. Die Maschine arbeitete vorwärts und rückwärts. Stück für Stück wurde der Streifen Wasser zwischen Ufer und Schiff breiter. Das Wasser war schmutzig und glänzte in vielen Farben. Nach langsamen, schweren Bewegungen drehte der Dampfer seine Spitze zum offenen Meer. Aschenbach ging hinüber auf die rechte Seite des Schiffes. Dort hatte der Matrose mit dem krummen Rücken ihm einen Liegestuhl aufgestellt. Ein Steward in einem fleckigen Frack fragte nach seinen Wünschen.

Der Himmel war grau, der Wind war feucht. Der Hafen und die Inseln waren zurückgeblieben, und bald verschwand im Nebel alles Land. Flocken von Kohlenstaub fielen auf das Deck. Sie waren von der Feuchtigkeit dick geworden. Das Deck war gewaschen worden, aber es wollte nicht trocknen. Schon nach einer Stunde spannte man ein großes Tuch als Dach auf, denn es begann zu regnen.

Der Reisende ruhte, in seinen Mantel gewickelt, mit einem Buch auf dem Schoß. Die Stunden vergingen, ohne dass er es merkte. Der Regen hatte aufgehört, und man nahm das Dach aus Tuch wieder ab. Der Horizont war vollkommen. Unter dem großen, runden Himmel lag überall das riesige, leere Meer. Aber in einem leeren Raum ohne jede Ordnung verliert unser Sinn auch das Maß für die Zeit. Wir sind dann wie im Halbschlaf in etwas, das kein Ende hat. Seltsame Gestalten gingen wie Schatten durch den Geist des Ruhenden. Es waren der alte Geck und der Mann mit dem Ziegenbart aus dem Inneren des Schiffes. Sie machten unklare Gesten und sagten verwirrte Worte wie im Traum. Und Aschenbach schlief ein.

Um Mittag holte man ihn nach unten zum Essen. Der Speisesaal war lang und schmal wie ein Gang. Die Türen der Schlafkabinen führten direkt auf ihn. Aschenbach saß am oberen Ende eines langen Tisches und bekam die bestellte Mahlzeit. Am unteren Ende saßen die Handelsgehilfen, und der Alte war auch dabei. Seit zehn Uhr tranken sie dort mit dem lustigen Kapitän. Das Essen war schlecht, und Aschenbach war schnell fertig. Es zog ihn hinaus. Er wollte nach dem Himmel sehen. Würde er nicht über Venedig hell werden?

Er hatte fest damit gerechnet. Denn immer hatte die Stadt ihn im Glanz empfangen. Aber Himmel und Meer blieben trüb und grau wie Blei. Manchmal fiel ein feiner Regen. Er fand sich damit ab. Auf dem Wasserweg würde er ein anderes Venedig erreichen. Es würde anders sein als das Venedig, das er bei seinen Ankünften über das Land kennengelernt hatte. Er stand am vorderen Mast, den Blick in der Ferne, und wartete auf das Land. Er dachte an jenen Dichter, der traurig und begeistert zugleich gewesen war. Diesem Dichter waren einst die Kuppeln und Glockentürme seines Traumes aus diesem Wasser aufgestiegen. Aschenbach sprach im Stillen einige Verse dieses Dichters. Darin waren damals Ehrfurcht, Glück und Trauer zu einem ruhigen Lied geworden. Diese Gefühle hatten schon eine Form in der Kunst gefunden, und sie bewegten ihn ohne Mühe. Und er prüfte sein ernstes, müdes Herz. Wartete auf ihn, den Reisenden ohne Arbeit, vielleicht noch eine neue Begeisterung und Verwirrung? Vielleicht noch ein spätes Abenteuer des Gefühls?

Da erschien rechts die flache Küste. Fischerboote fuhren auf dem Meer. Die Insel mit den Badeorten erschien. Der Dampfer ließ sie links liegen. Er fuhr langsamer durch den schmalen Hafeneingang, der nach ihr benannt ist. Auf der Lagune hielt er ganz an. Gegenüber lagen bunte, arme Häuser. Man musste auf das Boot des Gesundheitsdienstes warten.

Eine Stunde verging, bis es kam. Man war angekommen und war es doch nicht. Man hatte keine Eile und war trotzdem voller Ungeduld. Die jungen Leute aus Pola waren auf das Deck gekommen. Militärische Hornsignale klangen aus der Gegend der öffentlichen Gärten über das Wasser. Vielleicht hatten auch diese Signale die jungen Männer aus Patriotismus angezogen. Der Wein, ein Asti, hatte sie begeistert. Nun jubelten sie laut den Bersaglieri zu, die drüben übten. Aber es war widerlich zu sehen, in welchem Zustand der fein angezogene alte Mann war. Das kam von seiner falschen Gemeinschaft mit der Jugend. Sein altes Gehirn hatte den Wein nicht so gut vertragen wie die jungen, kräftigen Männer. Er war schlimm betrunken. Mit dummem Blick und einer Zigarette zwischen den zitternden Fingern schwankte er auf der Stelle. Mühsam hielt er das Gleichgewicht. Der Rausch zog ihn nach vorn und nach hinten. Er wagte nicht, sich von der Stelle zu bewegen, denn beim ersten Schritt wäre er gefallen. Doch er war auf eine traurige Art sehr lustig. Jeden, der in seine Nähe kam, hielt er am Knopf fest. Er redete undeutlich, zwinkerte und kicherte. Er hob seinen faltigen Zeigefinger mit dem Ring zu dummen Späßen. Und mit der Zungenspitze leckte er sich die Mundwinkel, auf eine hässliche, zweideutige Art. Aschenbach sah ihm mit einem finsteren Blick zu. Wieder fühlte er sich verwirrt. Es war, als wollte sich die Welt ein wenig ins Seltsame und Hässliche verändern. Und niemand konnte das aufhalten. Aber er konnte diesem Gefühl nicht weiter nachgehen. Denn gerade begann die Maschine wieder laut zu arbeiten. So nah vor dem Ziel hatte das Schiff seine Fahrt unterbrochen. Jetzt fuhr es weiter durch den Kanal von San Marco.

So sah er ihn wieder, den erstaunlichsten aller Landeplätze. Es war ein wunderbares Bild aus phantastischen Bauten. Die Republik hatte sie den Seefahrern entgegengestellt, die sich voll Ehrfurcht näherten. Er sah die leichte Pracht des Palastes und die Seufzerbrücke. Er sah am Ufer die Säulen mit dem Löwen und dem Heiligen. Er sah die prächtige Seite des Märchentempels, die nach vorn tritt. Und er sah durch das Tor hindurch die Riesenuhr. Während er schaute, dachte er: Mit dem Zug in Venedig ankommen heißt, einen Palast durch die Hintertür zu betreten. Man sollte die unwahrscheinlichste aller Städte nur so erreichen wie er jetzt: mit dem Schiff, über das hohe Meer.

Die Maschine stoppte. Gondeln drängten heran, und die Treppe an der Schiffswand wurde heruntergelassen. Zollbeamte kamen an Bord und machten ihre Arbeit nur oberflächlich. Nun konnten die Passagiere von Bord gehen. Aschenbach sagte, dass er eine Gondel wünsche. Sie sollte ihn und sein Gepäck zur Haltestelle der kleinen Dampfer bringen. Diese Dampfer fahren zwischen der Stadt und dem Lido. Denn er wollte am Meer wohnen. Man war einverstanden und schrie seinen Wunsch hinunter aufs Wasser. Dort schimpften die Männer in den Gondeln im Dialekt miteinander. Noch konnte er nicht hinuntersteigen. Sein Koffer war ihm im Weg. Man zog und trug ihn gerade mühsam die steile Treppe hinunter. So konnte Aschenbach minutenlang dem schrecklichen Alten nicht entkommen. Der Betrunkene wollte dem Fremden zum Abschied unbedingt noch die Ehre erweisen.

»Wir wünschen den glücklichsten Aufenthalt«, meckerte er und verbeugte sich mehrmals tief. »Behalten Sie uns in guter Erinnerung! Au revoir, excusez und bon jour, Euer Exzellenz!«

Sein Mund wurde feucht, er kniff die Augen zusammen und leckte sich die Mundwinkel. Das gefärbte Bärtchen an seiner alten Lippe stand nach oben.

»Unsere Komplimente«, sagte er undeutlich und legte zwei Fingerspitzen an den Mund. »Unsere Komplimente dem Liebchen, dem allerliebsten, dem schönsten Liebchen …«

Und plötzlich fielen ihm die falschen oberen Zähne auf die Unterlippe. Nun konnte Aschenbach entkommen. Er hielt sich am Geländer aus Seil fest und kletterte die Treppe hinunter. Hinter seinem Rücken hörte er noch: »Dem Liebchen, dem feinen Liebchen.« Die Laute klangen weich, hohl und mühsam.

Wer fühlt keine kurze Angst, wenn er zum ersten Mal in eine venezianische Gondel steigt? Oder wenn er es nach langer Zeit wieder tut? Wer muss da nicht gegen eine heimliche Scheu und Enge in der Brust kämpfen? Dieses seltsame Boot ist seit den alten Zeiten der Balladen ganz gleich geblieben. Es ist so besonders schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Särge sind. Es erinnert an lautlose Abenteuer und Verbrechen in der Nacht, wenn das Wasser leise plätschert. Noch mehr erinnert es an den Tod selbst. Es erinnert an das Tragen der Toten, an ein düsteres Begräbnis und an die letzte, schweigende Fahrt. Und hat man bemerkt, wie der Sitz in einem solchen Boot ist? Dieser Armstuhl ist schwarz lackiert wie ein Sarg und mit mattschwarzem Stoff gepolstert. Er ist der weichste und bequemste Sitz der Welt, und er macht den Menschen ganz schlaff. Aschenbach merkte es, als er sich gesetzt hatte. Er saß zu Füßen des Gondoliers, seinem Gepäck gegenüber. Das Gepäck lag ordentlich beisammen vorn an der Spitze des Bootes. Die Ruderer schimpften immer noch, rau und unverständlich, mit drohenden Gesten. Aber die besondere Stille der Stadt auf dem Wasser schien ihre Stimmen sanft aufzunehmen. Sie schien ihnen den Körper zu nehmen und sie über dem Wasser zu verstreuen. Hier im Hafen war es warm. Der warme Wind des Scirocco berührte ihn. Er lehnte in den Kissen auf dem weichen Wasser. Der Reisende schloss die Augen und genoss ein süßes Nichtstun, das er so nicht kannte. »Die Fahrt wird kurz sein«, dachte er. »Wenn sie nur immer dauern würde!« Leise schaukelnd fühlte er, wie er sich von der Menge und dem Lärm der Stimmen entfernte.

Wie still und immer stiller es um ihn wurde! Nichts war zu hören als das Plätschern des Ruders. Dazu kam das hohle Schlagen der Wellen gegen die Spitze des Bootes. Diese Spitze stand steil und schwarz über dem Wasser. Vorn trug sie ein breites Eisen wie eine alte Waffe. Und noch ein drittes Geräusch war zu hören: ein leises Reden. Es war die leise Stimme des Gondoliers. Er sprach zwischen den Zähnen zu sich selbst, in kurzen Stößen. Die Arbeit seiner Arme presste die Laute aus ihm heraus. Aschenbach blickte auf. Mit leichtem Staunen bemerkte er, dass die Lagune um ihn herum immer weiter wurde. Die Gondel fuhr auf das offene Meer zu. Er durfte also nicht zu sehr ruhen. Er musste ein wenig darauf achten, dass man tat, was er wollte.

»Zur Dampferstation also!«, sagte er und drehte sich halb nach hinten um. Das leise Reden hörte auf. Er bekam keine Antwort.

»Zur Dampferstation also!«, wiederholte er. Diesmal drehte er sich ganz um und blickte hinauf in das Gesicht des Gondoliers. Der Mann stand hinter ihm auf dem hohen Rand des Bootes, groß vor dem blassen Himmel. Er hatte ein unfreundliches, ja brutales Gesicht. Er war blau gekleidet wie ein Seemann und trug ein gelbes Tuch als Gürtel. Auf dem Kopf saß frech und schief ein Strohhut ohne Form. Das Stroh dieses Hutes löste sich schon auf. Seine Gesichtszüge ließen ihn gar nicht italienisch aussehen. Auch sein blonder, lockiger Bart über der Lippe sah nicht italienisch aus. Darüber saß eine kurze Nase, die nach oben zeigte. Er war eher schmal gebaut. Man hätte ihn für diesen Beruf nicht besonders geeignet gehalten. Trotzdem führte er das Ruder mit großer Energie und setzte bei jedem Schlag den ganzen Körper ein. Ein paarmal zog er vor Anstrengung die Lippen zurück und zeigte seine weißen Zähne. Er zog die rötlichen Brauen zusammen und blickte über den Gast hinweg. Dann antwortete er bestimmt, fast grob:

»Sie fahren zum Lido.«

Aschenbach antwortete:

»Allerdings. Aber ich habe die Gondel nur genommen, um nach San Marco zu fahren. Ich möchte den Vaporetto benutzen.«

»Sie können den Vaporetto nicht benutzen, mein Herr«, sagte der Gondolier.

»Und warum nicht?«, fragte Aschenbach.

»Weil der Vaporetto kein Gepäck mitnimmt.«

Das stimmte, Aschenbach erinnerte sich. Er schwieg. Aber die Art dieses Menschen schien ihm unerträglich. Sie war unfreundlich und stolz, und so behandelte man in diesem Land sonst keinen Fremden. Er sagte:

»Das ist meine Sache. Vielleicht will ich mein Gepäck zur Aufbewahrung geben. Sie werden umkehren.«

Der Gondolier blieb still. Das Ruder plätscherte, das Wasser schlug dumpf an die Spitze des Bootes. Und das leise Reden begann wieder: Der Gondolier sprach zwischen den Zähnen mit sich selbst.

Was sollte Aschenbach tun? Er war allein auf dem Wasser mit diesem seltsam ungehorsamen Menschen. Der Mann war unheimlich entschlossen. Der Reisende sah kein Mittel, seinen Willen durchzusetzen. Und wie weich konnte er übrigens ruhen, wenn er sich nicht wehrte! Hatte er sich nicht gewünscht, dass die Fahrt lange dauern möge, ja immer? Es war am klügsten, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Und vor allem war es sehr angenehm. Von seinem Sitz schien ein Zauber des Nichtstuns zu kommen. Er kam von diesem niedrigen, schwarz gepolsterten Armstuhl. Der Stuhl schaukelte so sanft unter den Ruderschlägen des Gondoliers in seinem Rücken, der nur tat, was er selbst wollte. Aschenbach dachte träumerisch daran, dass er vielleicht einem Verbrecher in die Hände gefallen war. Aber dieser Gedanke konnte ihn nicht dazu bringen, sich wirklich zu wehren. Ärgerlicher schien ihm eine andere Möglichkeit: Vielleicht wollte der Mann ihm einfach nur Geld abnehmen. Eine Art Pflichtgefühl oder Stolz brachte ihn dazu, sich noch einmal Mühe zu geben. Es war, als erinnerte er sich daran, dass man so etwas verhindern muss. Er fragte:

»Was verlangen Sie für die Fahrt?«

Der Gondolier sah über ihn hinweg und antwortete:

»Sie werden bezahlen.«

Es war klar, was man darauf antworten musste. Aschenbach sagte mechanisch:

»Ich werde nichts bezahlen, gar nichts, wenn Sie mich dorthin fahren, wohin ich nicht will.«

»Sie wollen zum Lido.«

»Aber nicht mit Ihnen.«

»Ich fahre Sie gut.«

»Das ist wahr«, dachte Aschenbach und entspannte sich. »Das ist wahr, du fährst mich gut. Vielleicht willst du nur mein Geld. Vielleicht schickst du mich von hinten mit einem Ruderschlag ins Haus des Aides. Selbst dann wirst du mich gut gefahren haben.«

Aber nichts dergleichen geschah. Es kam sogar Gesellschaft: ein Boot mit Musikanten, Männern und Frauen, die wie Räuber waren. Sie sangen zur Gitarre und zur Mandoline. Ohne zu fragen, fuhren sie direkt neben der Gondel her. Sie füllten die Stille über dem Wasser mit ihrer Poesie für Fremde, die nur Geld bringen sollte. Aschenbach warf Geld in den Hut, den sie ihm hinhielten. Da schwiegen sie und fuhren davon. Und wieder war die leise Stimme des Gondoliers zu hören. Er sprach in kurzen, harten Stößen mit sich selbst.

So kam man an. Die Gondel schaukelte in den Wellen eines Dampfers, der zur Stadt fuhr. Zwei Beamte der Stadt gingen am Ufer auf und ab. Sie hatten die Hände auf dem Rücken und die Gesichter der Lagune zugewandt. Aschenbach stieg am Ufer aus der Gondel. Dabei half ihm jener Alte, der an jedem Landeplatz Venedigs mit seinem Enterhaken bereitsteht. Aschenbach hatte kein Kleingeld. Darum ging er in das Hotel neben der Haltestelle der Dampfer, um dort Geld zu wechseln. Danach wollte er den Ruderer so bezahlen, wie er es für richtig hielt. Man bediente ihn in der Halle, und er kam zurück. Sein Gepäck lag auf einem Karren am Ufer. Aber die Gondel und der Gondolier waren verschwunden.

»Er ist schnell weggefahren«, sagte der Alte mit dem Enterhaken. »Ein schlechter Mann, ein Mann ohne Konzession, gnädiger Herr. Er ist der einzige Gondolier, der keine Konzession hat. Die andern haben hierher telefoniert. Er sah, dass man auf ihn wartete. Da ist er schnell weggefahren.«

Aschenbach zuckte mit den Schultern.

»Der Herr ist umsonst gefahren«, sagte der Alte und hielt den Hut hin. Aschenbach warf Münzen hinein.

Er sagte, man solle sein Gepäck ins Bäder-Hotel bringen. Dann folgte er dem Karren durch die Allee. Es war die weiß blühende Allee, die quer über die Insel bis zum Strand läuft. Auf beiden Seiten lagen kleine Gasthäuser, Basare und Pensionen.

Er betrat das große Hotel von hinten, von der Gartenterrasse aus. Durch die große Halle und die Vorhalle ging er ins Büro. Er war angemeldet, und man empfing ihn hilfsbereit und freundlich. Ein Manager begleitete ihn im Lift hinauf in den zweiten Stock. Er war ein kleiner, leiser Mann, sehr höflich, fast zu höflich, mit einem schwarzen Bart über der Lippe. Er trug einen Gehrock nach französischem Schnitt. Er zeigte Aschenbach sein Zimmer. Es war ein angenehmer Raum mit Möbeln aus Kirschholz. Man hatte ihn mit stark duftenden Blumen geschmückt. Die hohen Fenster gingen auf das offene Meer hinaus. Als der Angestellte gegangen war, trat Aschenbach an eines der Fenster. Hinter ihm brachte man sein Gepäck herein und stellte es im Zimmer auf. Er blickte hinaus auf den Strand, wo am Nachmittag nur wenige Menschen waren. Er sah auf das Meer, auf dem keine Sonne lag. Es war Flut. Niedrige, lange Wellen kamen in ruhigem, gleichem Takt an das Ufer.

Wer einsam ist und schweigt, beobachtet und erlebt die Dinge anders als ein Mensch, der gern unter Leuten ist. Seine Eindrücke sind zugleich unklarer und stärker. Seine Gedanken sind schwerer und seltsamer, und immer liegt ein wenig Traurigkeit darin. Manche Bilder und Eindrücke könnte man leicht erledigen, mit einem Blick, einem Lachen oder einem Gespräch. Aber den Einsamen beschäftigen sie mehr als nötig. Sie werden im Schweigen tiefer und bekommen eine Bedeutung. Sie werden zu einem Erlebnis, zu einem Abenteuer, zu einem Gefühl. Die Einsamkeit bringt das Originale hervor, das kühne und fremde Schöne, das Gedicht. Aber die Einsamkeit bringt auch das Falsche hervor, das, was kein richtiges Maß hat, das Absurde und das Verbotene. So beunruhigten die Erscheinungen der Reise das Herz des Reisenden noch jetzt. Da war der schreckliche alte Geck mit seinem Gerede vom Liebchen. Und da war der verachtete Gondolier, der sein Geld nicht bekommen hatte. Diese Erscheinungen machten dem Verstand keine Schwierigkeiten. Sie gaben ihm eigentlich nichts zum Nachdenken. Trotzdem waren sie im Grunde ganz seltsam, so schien es ihm. Und vielleicht beunruhigten sie ihn gerade durch diesen Widerspruch. Zwischendurch grüßte er mit den Augen das Meer. Er freute sich, dass Venedig so nah und so leicht zu erreichen war. Endlich drehte er sich um und wusch sein Gesicht. Dem Zimmermädchen gab er einige Anweisungen, damit er es noch bequemer hatte. Dann ließ er sich von dem grün gekleideten Schweizer, der den Lift bediente, ins Erdgeschoss hinunterfahren.

Er trank seinen Tee auf der Terrasse an der Seeseite. Dann stieg er hinunter und ging ein gutes Stück auf der Promenade am Meer entlang. Er ging in Richtung Hotel Excelsior. Als er zurückkam, schien es schon Zeit, sich für das Abendessen umzuziehen. Er tat es langsam und genau, wie es seine Art war. Denn er war gewohnt, beim Anziehen zu arbeiten. Trotzdem kam er ein wenig zu früh in die Halle. Dort war schon ein großer Teil der Hotelgäste versammelt. Sie waren einander fremd und taten so, als interessierten sie sich nicht füreinander. Aber alle warteten gemeinsam auf das Essen. Er nahm eine Zeitung vom Tisch und setzte sich in einen Ledersessel. Er betrachtete die Gesellschaft. Sie war anders als die Gesellschaft auf der Insel, wo er zuerst gewesen war, und das gefiel ihm.

Ein weiter Horizont öffnete sich, der vieles erlaubte und in sich aufnahm. Leise mischten sich die Laute der großen Sprachen. Der Abendanzug, der in der ganzen Welt gilt, war wie eine Uniform der guten Sitten. Äußerlich machte er aus den verschiedenen Arten von Menschen eine anständige Einheit. Man sah das trockene, lange Gesicht des Amerikaners und die russische Familie mit ihren vielen Mitgliedern. Man sah englische Damen und deutsche Kinder mit französischen Kindermädchen. Die slawischen Gäste schienen in der Mehrheit zu sein. Ganz in der Nähe wurde Polnisch gesprochen.

Es war eine Gruppe von jungen Menschen, die halb oder kaum erwachsen waren. Sie saßen um ein kleines Tischchen aus Korb. Eine Gouvernante passte auf sie auf. Es waren drei junge Mädchen, wie es schien fünfzehn bis siebzehn Jahre alt. Und es war ein Junge mit langen Haaren, vielleicht vierzehn Jahre alt. Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, dass der Junge vollkommen schön war. Sein Gesicht war blass und auf eine schöne Art verschlossen. Honigfarbenes Haar lockte sich um dieses Gesicht. Er hatte eine gerade Nase, einen lieblichen Mund und einen Ausdruck von sanftem, göttlichem Ernst. Das Gesicht erinnerte an griechische Statuen aus der edelsten Zeit. Die Form war ganz rein und vollendet. Und doch hatte das Gesicht einen so einmaligen, persönlichen Reiz! Der Betrachter glaubte, weder in der Natur noch in der Kunst je etwas so Gelungenes gesehen zu haben.

Außerdem fiel etwas anderes auf. Die Geschwister wurden offenbar nach ganz verschiedenen Regeln gekleidet und erzogen. Die Älteste der drei Mädchen konnte schon als erwachsen gelten. Die Mädchen waren so streng und einfach gekleidet, dass es sie hässlich machte. Sie trugen alle die gleiche Kleidung, wie im Kloster. Sie war dunkelgrau und halblang. Sie war nüchtern und absichtlich so geschnitten, dass sie nicht schön aussah. Nur weiße Kragen machten sie ein wenig heller. Diese Kleidung unterdrückte jede Schönheit der Gestalt. Das Haar war glatt und fest an den Kopf geklebt. Dadurch sahen die Gesichter leer und ausdruckslos aus, wie die Gesichter von Nonnen. Sicher war es eine Mutter, die hier bestimmte. Und sie dachte nicht einmal daran, bei dem Jungen die gleiche Strenge anzuwenden. Bei den Mädchen hielt sie diese Strenge offenbar für nötig. Man sah deutlich: Das Leben des Jungen war von Weichheit und Zärtlichkeit bestimmt. Man hatte darauf geachtet, sein schönes Haar nicht mit der Schere zu schneiden. Wie beim »Dornauszieher« lockte es sich in die Stirn, über die Ohren und noch tiefer in den Nacken. Er trug einen englischen Matrosenanzug. Die weiten Ärmel wurden nach unten enger. Sie lagen eng um die feinen Gelenke seiner Hände, die noch kindlich, aber schmal waren. Der Anzug hatte Schnüre, Schleifen und Stickereien. Das gab der zarten Gestalt etwas Reiches und Verwöhntes. Er saß halb seitlich zum Betrachter. Einen Fuß im schwarzen Lackschuh hatte er vor den anderen gestellt. Einen Ellenbogen stützte er auf die Lehne seines Korbsessels. Die Wange legte er an die geschlossene Hand. Er saß da, locker und doch mit guten Manieren. Er hatte nichts von der steifen, fast unterwürfigen Haltung, an die seine Schwestern gewöhnt schienen. War er krank? Denn die Haut seines Gesichtes war weiß wie Elfenbein. Sie war ganz hell neben dem goldenen Dunkel der Locken um sein Gesicht. Oder war er einfach ein verwöhntes Lieblingskind? Ein Kind, das von einer ungerechten und launischen Liebe getragen wurde? Aschenbach glaubte eher das. Fast jeder Künstler hat von Natur aus eine starke und gefährliche Neigung. Er erkennt eine Ungerechtigkeit an, wenn sie Schönheit schafft. Und er bringt der aristokratischen Bevorzugung Sympathie und Verehrung entgegen.

Ein Kellner ging umher und sagte auf Englisch, dass das Essen bereit sei. Nach und nach gingen die Gäste durch die Glastür in den Speisesaal. Einige Gäste kamen später noch aus der Vorhalle und von den Lifts und gingen vorbei. Drinnen hatte man schon begonnen zu servieren. Aber die jungen Polen blieben noch an ihrem kleinen Tisch. Und Aschenbach wartete mit ihnen. Er saß bequem in seinem tiefen Sessel und hatte außerdem das Schöne vor Augen.

Endlich gab die Gouvernante das Zeichen zum Aufstehen. Sie war eine kleine, dicke Frau mit rotem Gesicht, die nicht ganz zur feinen Gesellschaft gehörte. Mit hochgezogenen Brauen schob sie ihren Stuhl zurück und verbeugte sich. Denn eine große Frau betrat die Halle. Sie war grau-weiß gekleidet und trug sehr viel Perlenschmuck. Die Haltung dieser Frau war kühl und ruhig. Ihr Haar war leicht gepudert. Ihre Frisur und ihr Kleid waren sehr einfach. Diese Einfachheit bestimmt überall dort den Geschmack, wo man fromm und zugleich vornehm ist. Sie hätte die Frau eines hohen deutschen Beamten sein können. Nur ihr Schmuck gab ihr etwas von phantastischem Luxus. Er war wirklich fast unbezahlbar. Sie trug Ohrringe und eine dreifache, sehr lange Kette aus Perlen. Die Perlen waren so groß wie Kirschen und glänzten sanft.

Die Geschwister waren schnell aufgestanden. Sie beugten sich über die Hand ihrer Mutter und küssten sie. Die Mutter blickte mit einem zurückhaltenden Lächeln über ihre Köpfe hinweg. Ihr Gesicht war gepflegt, aber etwas müde, und sie hatte eine spitze Nase. Sie sagte einige Worte auf Französisch zu der Gouvernante. Dann ging sie zur Glastür. Die Geschwister folgten ihr. Zuerst kamen die Mädchen, nach ihrem Alter geordnet. Dann kam die Gouvernante und zuletzt der Junge. Aus irgendeinem Grund drehte er sich um, bevor er über die Schwelle ging. Es war niemand sonst mehr in der Halle. So trafen seine seltsam dämmergrauen Augen die Augen Aschenbachs. Aschenbach saß da, die Zeitung auf den Knien. Ganz in das Schauen verloren, sah er der Gruppe nach.

Was er gesehen hatte, war sicher in keiner Einzelheit besonders gewesen. Man war nicht vor der Mutter zum Essen gegangen. Man hatte auf sie gewartet und sie respektvoll begrüßt. Beim Eintritt in den Saal hatte man die üblichen Formen beachtet. Aber das alles war so deutlich geschehen, mit so viel Disziplin, Pflicht und Selbstachtung. Aschenbach fühlte sich seltsam bewegt. Er zögerte noch einige Augenblicke. Dann ging auch er in den Speisesaal hinüber und ließ sich seinen kleinen Tisch zeigen. Mit einem kurzen Gefühl des Bedauerns stellte er fest: Sein Tisch war sehr weit von dem Tisch der polnischen Familie entfernt.

Er war müde und trotzdem geistig bewegt. Während des langen Essens beschäftigte er sich mit abstrakten Dingen, ja mit Dingen jenseits aller Erfahrung. Er dachte über die geheimnisvolle Verbindung nach, die das Gesetzmäßige mit dem Einzelnen eingehen muss. Nur so kann menschliche Schönheit entstehen. Von dort kam er auf allgemeine Probleme der Form und der Kunst. Am Ende fand er, dass seine Gedanken und Entdeckungen gewissen Worten glichen, die man im Traum hört. Im Traum scheinen sie glücklich und gut. Aber wenn man wieder nüchtern ist, sind sie ganz leer und unbrauchbar. Nach dem Essen blieb er im Park, wo es am Abend duftete. Er rauchte, saß und ging umher. Er ging früh schlafen. Die Nacht verbrachte er in einem langen, tiefen Schlaf, in dem immer wieder Traumbilder erschienen.

Das Wetter wurde am nächsten Tag nicht besser. Der Wind kam vom Land. Unter einem blassen, grauen Himmel lag das Meer matt und still. Es wirkte, als wäre es kleiner geworden. Der Horizont war ohne Glanz und nah. Das Meer war so weit vom Strand zurückgegangen, dass mehrere Reihen langer Sandbänke frei lagen. Als Aschenbach sein Fenster öffnete, glaubte er, den faulen Geruch der Lagune zu riechen.

Er bekam schlechte Laune. Schon in diesem Augenblick dachte er an Abreise. Einmal, vor Jahren, war er zwei heitere Frühlingswochen lang hier gewesen. Dann war dieses Wetter gekommen. Es hatte seiner Gesundheit so sehr geschadet, dass er aus Venedig fliehen musste. Kam nicht schon wieder das unangenehme Gefühl wie bei Fieber, wie damals? Kamen nicht schon wieder der Druck im Kopf und die schweren, müden Augen? Noch einmal den Ort zu wechseln, würde lästig sein. Aber wenn der Wind sich nicht drehte, konnte er hier nicht bleiben. Zur Sicherheit packte er nicht ganz aus. Um neun Uhr frühstückte er im Frühstücksraum. Er lag zwischen Halle und Speisesaal.

In dem Raum war es feierlich still, und darauf sind große Hotels stolz. Die Kellner gingen leise umher. Man hörte nur das Klappern der Tassen und ab und zu ein leises Wort. In einer Ecke, schräg gegenüber der Tür, bemerkte Aschenbach die polnischen Mädchen mit ihrer Erzieherin. Ihr Tisch war zwei Tische von seinem entfernt. Sie saßen sehr gerade da. Ihr aschblondes Haar war frisch und glatt gekämmt, und ihre Augen waren rot. Sie trugen steife Kleider aus blauem Leinen. Die Kleider hatten kleine weiße Kragen und weiße Ränder an den Ärmeln. Sie reichten einander ein Glas mit Marmelade. Sie waren mit ihrem Frühstück fast fertig. Der Junge fehlte.

Aschenbach lächelte. »Nun, kleiner Phäake!«, dachte er. »Du scheinst vor diesen hier ein Vorrecht zu haben. Du darfst so lange schlafen, wie du willst.« Plötzlich wurde er heiter und sprach leise für sich den Vers:

»Oft veränderten Schmuck und warme Bäder und Ruhe.«

Er frühstückte ohne Eile. Der Portier kam in den Saal, die Mütze mit den goldenen Bändern in der Hand. Er brachte ihm einige Briefe, die man ihm nachgeschickt hatte. Aschenbach rauchte eine Zigarette und öffnete ein paar Briefe. So kam es, dass er noch dabei war, als der Langschläfer kam. Man wartete dort drüben schon auf ihn.

Er kam durch die Glastür und ging in der Stille schräg durch den Raum zum Tisch seiner Schwestern. Sein Gang war wunderbar schön. Das sah man an der Haltung des Oberkörpers und daran, wie er den Fuß im weißen Schuh aufsetzte. Er ging sehr leicht, zart und stolz zugleich. Und eine kindliche Schüchternheit machte ihn noch schöner. Zweimal drehte er unterwegs den Kopf in den Saal, hob die Augen und senkte sie wieder. Lächelnd setzte er sich auf seinen Platz und sagte halblaut ein Wort in seiner weichen, undeutlichen Sprache. Jetzt zeigte er dem Betrachter genau sein Gesicht von der Seite. Und wieder staunte Aschenbach. Ja, er bekam fast einen Schreck über die wirklich göttliche Schönheit dieses Menschenkindes. Der Junge trug heute einen leichten Blusenanzug. Der Stoff hatte blaue und weiße Streifen. Auf der Brust hatte er eine Schleife aus roter Seide. Am Hals schloss der Anzug mit einem einfachen weißen Kragen ab. Dieser Kragen passte nicht einmal besonders elegant zu dem Anzug. Aber auf ihm ruhte wie eine Blüte der Kopf. Nichts war mit seiner Schönheit zu vergleichen. Es war das Haupt des Eros, mit dem gelblichen Glanz von parischem Marmor. Er hatte feine und ernste Brauen. Die Seiten der Stirn und das Ohr waren dunkel und weich von den Locken bedeckt. Die Locken fielen dort im rechten Winkel hinein.

»Gut, gut«, dachte Aschenbach mit der kühlen Zustimmung eines Fachmanns. So verstecken Künstler manchmal ihre große Freude und ihre Begeisterung vor einem Meisterwerk. Und weiter dachte er: »Wirklich, wenn nicht Meer und Strand auf mich warteten, ich bliebe hier, so lange du bleibst!« So aber ging er. Das Personal war sehr aufmerksam zu ihm, als er durch die Halle ging. Er ging die große Terrasse hinunter und geradeaus über den Weg aus Brettern. So kam er zum abgesperrten Strand der Hotelgäste. Dort unten arbeitete ein alter Mann ohne Schuhe als Bademeister. Er trug eine Hose aus Leinen, eine Matrosenbluse und einen Strohhut. Aschenbach ließ sich von ihm die gemietete Strandhütte zeigen. Er ließ Tisch und Sessel hinaus auf die Plattform aus Brettern stellen, auf der Sand lag. Dann machte er es sich bequem im Liegestuhl. Den hatte er weiter zum Meer hin in den Sand gezogen, der gelb wie Wachs war.

Das Bild des Strandes unterhielt und erfreute ihn wie immer. Hier genoss am Rand des Meeres eine Kultur sorglos und mit allen Sinnen das Leben. Schon war das graue, flache Meer voller Leben. Kinder liefen durch das flache Wasser, Menschen schwammen. Bunte Gestalten lagen auf den Sandbänken, die Arme unter dem Kopf. Andere ruderten in kleinen, flachen Booten, die rot und blau gestrichen waren. Lachend fielen sie damit ins Wasser. Vor der langen Reihe der Capannen saß man auf den Plattformen wie auf kleinen Veranden. Dort gab es Spiel und Bewegung und auch faule, ausgestreckte Ruhe. Man machte Besuche und plauderte. Sorgfältige Eleganz am Morgen sah man neben Nacktheit. Diese Nacktheit genoss frech und gemütlich die Freiheiten des Ortes. Vorn auf dem feuchten, festen Sand spazierten einzelne Menschen in weißen Bademänteln. Andere trugen weite Kleider wie Hemden in kräftigen Farben. Rechts stand eine Sandburg mit vielen Teilen, die Kinder gebaut hatten. Rundherum steckten kleine Flaggen in den Farben aller Länder. Verkäufer von Muscheln, Kuchen und Früchten knieten im Sand und legten ihre Waren aus. Links standen einige Hütten quer zu den anderen und zum Meer. Auf dieser Seite schlossen sie den Strand ab. Vor einer dieser Hütten saß eine russische Familie. Da waren Männer mit Bärten und großen Zähnen und weiche, langsame Frauen. Da war ein baltisches Fräulein, das an einem Gestell aus Holz saß und das Meer malte. Dabei rief es immer wieder verzweifelt aus. Da waren zwei gutmütige, hässliche Kinder. Und da war eine alte Dienerin im Kopftuch, die sich zärtlich und sehr unterwürfig benahm. Sie lebten dort und genossen alles dankbar. Immer wieder riefen sie die Namen der Kinder, die herumliefen und nicht hörten. Mit ein paar italienischen Wörtern scherzten sie lange mit einem lustigen Alten. Bei ihm kauften sie Süßigkeiten. Sie küssten einander auf die Wangen. Und es war ihnen ganz egal, ob jemand ihre menschliche Gemeinschaft beobachtete.

»Ich will also bleiben«, dachte Aschenbach. »Wo wäre es besser?« Er faltete die Hände im Schoß und ließ seine Augen sich in der Weite des Meeres verlieren. Sein Blick glitt fort, wurde undeutlich und verlor sich im gleichen grauen Nebel dieser leeren Weite. Er liebte das Meer aus tiefen Gründen. Der Künstler arbeitet schwer, und die Welt zeigt ihm unzählige Gestalten, die viel von ihm verlangen. Deshalb sehnt er sich nach Ruhe. Er möchte sich an der Brust des Einfachen, des Riesigen verstecken. Das war ein Grund. Der andere Grund war eine verbotene Neigung. Es war eine Neigung zu dem, was keine Ordnung und kein Maß hat, zum Ewigen, zum Nichts. Diese Neigung war seiner Aufgabe genau entgegengesetzt, und gerade darum verführte sie ihn. Wer sich um das Beste bemüht, sehnt sich danach, im Vollkommenen zu ruhen. Und ist das Nichts nicht eine Form des Vollkommenen?

Wie er nun so tief ins Leere träumte, ging plötzlich eine menschliche Gestalt über die gerade Linie des Ufers. Er holte seinen Blick aus dem Grenzenlosen zurück und sammelte ihn. Da war es der schöne Junge, der von links kam und vor ihm im Sand vorbeiging. Er ging barfuß, bereit, ins Wasser zu gehen, und langsam. Aber er ging so leicht und stolz, als wäre er es ganz gewohnt, ohne Schuhe zu gehen. Er sah sich nach den Hütten um, die quer standen. Dort lebte die russische Familie dankbar und friedlich. Kaum hatte er sie bemerkt, als ein Sturm von zorniger Verachtung über sein Gesicht zog. Seine Stirn wurde dunkel, und sein Mund hob sich. Seine Lippen zogen sich bitter zu einer Seite, so stark, dass die Wange zu zerreißen schien. Seine Brauen waren so stark zusammengezogen, dass die Augen unter ihrem Druck tief zu liegen schienen. Böse und dunkel sprachen sie darunter die Sprache des Hasses. Er blickte zu Boden und blickte noch einmal drohend zurück. Dann machte er mit der Schulter eine heftige Bewegung, als werfe er etwas weg. So ließ er die Feinde hinter sich.

Eine Art Takt oder Schreck, etwas wie Achtung und Scham, brachte Aschenbach dazu, sich abzuwenden. Er tat, als hätte er nichts gesehen. Denn wer ernst ist und zufällig eine Leidenschaft beobachtet, will das Gesehene nicht benutzen. Er will es nicht einmal für sich selbst benutzen. Aber Aschenbach war zugleich froh und bewegt, das heißt: glücklich. Dieser kindische Fanatismus richtete sich gegen das gutmütigste Stück Leben. Er brachte das Göttliche, das bisher nichts sagte, in menschliche Beziehungen. Bisher war der Junge ein kostbares Kunstwerk der Natur gewesen, nur eine Freude für die Augen. Nun schien er ein tieferes Interesse wert. Die Gestalt des Jungen war schon durch ihre Schönheit bedeutend. Jetzt bekam sie auch einen politischen und geschichtlichen Hintergrund. Dieser Hintergrund erlaubte es, ihn ernster zu nehmen, als es seinem Alter entsprach.

Noch immer abgewandt, hörte Aschenbach auf die Stimme des Jungen. Sie war hell und ein wenig schwach. Mit ihr grüßte er schon von Weitem die Spielkameraden an der Sandburg. Sie antworteten ihm. Mehrmals riefen sie ihm seinen Namen entgegen oder eine zärtliche Form davon. Aschenbach hörte mit einer gewissen Neugier zu, konnte aber nichts Genaueres verstehen. Er hörte nur zwei melodische Silben wie »Adgio« oder noch öfter »Adgiu«. Am Ende stand ein lang gerufenes u. Er freute sich über den Klang. Er fand, dass der schöne Klang zu seinem Gegenstand passte. Er wiederholte ihn im Stillen und wandte sich zufrieden seinen Briefen und Papieren zu.

Er hatte seine kleine Schreibmappe für die Reise auf den Knien. Mit dem Füller begann er, diese und jene Briefe zu beantworten. Aber schon nach einer Viertelstunde fand er es schade, diese Situation im Geist zu verlassen. Es war die schönste Situation, die er kannte. Er wollte sie nicht durch eine gleichgültige Arbeit verlieren. Er warf das Schreibzeug zur Seite und wandte sich wieder dem Meer zu. Bald lenkten ihn die Stimmen der jungen Leute an der Sandburg ab. Er drehte den Kopf bequem an der Lehne des Stuhls nach rechts. Er wollte sehen, was der gute Adgio dort machte.

Der erste Blick fand ihn, denn die rote Schleife auf seiner Brust war nicht zu übersehen. Mit anderen zusammen legte er ein altes Brett als Brücke über den feuchten Graben der Sandburg. Er gab dazu Anweisungen, rief und winkte mit dem Kopf. Es waren ungefähr zehn Freunde bei ihm. Es waren Jungen und Mädchen in seinem Alter und einige jüngere. Sie redeten durcheinander in verschiedenen Sprachen: Polnisch, Französisch und auch Sprachen vom Balkan. Aber sein Name war am häufigsten zu hören. Offenbar wollten alle mit ihm spielen. Alle wollten seine Freundschaft und bewunderten ihn. Besonders einer schien sein nächster Begleiter und Freund zu sein. Er war ein Pole wie er, ein kräftiger Bursche, den man ungefähr »Jaschu« rief. Er hatte schwarzes Haar, das von Haarfett glänzte, und trug einen Anzug aus Leinen mit Gürtel. Für diesmal war die Arbeit an der Sandburg fertig. Da gingen die beiden Arm in Arm den Strand entlang. Und der, den man »Jaschu« rief, gab dem schönen Jungen einen Freundschaftskuss.

Aschenbach hatte Lust, ihm mit dem Finger zu drohen. »Dir aber rat ich, Kritobulos«, dachte er lächelnd, »geh ein Jahr auf Reisen! Denn so viel Zeit brauchst du mindestens, um wieder gesund zu werden.« Dann frühstückte er große, ganz reife Erdbeeren, die er bei einem Händler kaufte. Es war sehr warm geworden. Trotzdem kam die Sonne nicht durch die dünne graue Schicht am Himmel. Der Geist wurde müde und schwer. Die Sinne aber genossen die riesige, betäubende Stille des Meeres. Es gab einen Namen, der ungefähr wie »Adgio« klang. Diesen Namen zu erraten und zu erforschen, schien dem ernsten Mann eine passende Aufgabe. Sie füllte ihn ganz aus. Er half sich mit einigen Erinnerungen an das Polnische. So stellte er fest: Gemeint war wohl »Tadzio«. Das war die Kurzform von »Tadeusz«, und wenn man ihn rief, klang es »Tadziu«.

Tadzio badete. Aschenbach hatte ihn aus den Augen verloren. Dann entdeckte er seinen Kopf weit draußen im Meer. Er sah auch den Arm, mit dem Tadzio beim Schwimmen weit ausholte. Denn das Meer war wohl bis weit hinaus flach. Aber schon schien man sich Sorgen um ihn zu machen. Schon riefen Frauenstimmen von den Hütten nach ihm. Wieder riefen sie diesen Namen, der den Strand fast wie ein Losungswort beherrschte. Er hatte weiche Konsonanten und am Ende ein langes, gerufenes u. Das gab ihm etwas zugleich Süßes und Wildes: »Tadziu, Tadziu!« Er gehorchte und lief durch das Meer zurück, den Kopf nach hinten geworfen. Das Wasser hielt ihn zurück, und er schlug es mit den Beinen zu Schaum. Man sah die lebendige Gestalt, lieblich und streng, noch vor dem Alter eines Mannes. Mit nassen Locken und schön wie ein zarter Gott kam er aus den Tiefen von Himmel und Meer. Er stieg aus dem Element und entkam ihm. Dieser Anblick weckte Bilder aus den Mythen. Er war wie eine Erzählung der Dichter von den ersten Zeiten. Sie erzählt vom Ursprung der Form und von der Geburt der Götter. Aschenbach hörte mit geschlossenen Augen auf diesen Gesang, der in seinem Inneren klang. Und wieder dachte er, dass es hier gut sei und dass er bleiben wolle.

Später lag Tadzio im Sand und ruhte sich vom Baden aus. Er hatte sein weißes Tuch um sich gelegt und unter der rechten Schulter durchgezogen. Den Kopf hatte er auf den Arm gelegt. Manchmal betrachtete Aschenbach ihn nicht, sondern las einige Seiten in seinem Buch. Aber auch dann vergaß er fast nie, dass der Junge dort lag. Er wusste: Nur eine kleine Drehung des Kopfes nach rechts, und er konnte das Wunderbare sehen. Fast schien es ihm, als säße er hier, um auf den Ruhenden aufzupassen. Er war mit eigenen Dingen beschäftigt. Und doch wachte er ständig über das edle Menschenbild dort rechts, nicht weit von ihm. Eine väterliche Güte erfüllte und bewegte sein Herz. Es war die gerührte Zuneigung dessen, der mit Opfern im Geist das Schöne schafft. Diese Zuneigung galt dem, der die Schönheit hat.

Nach Mittag verließ er den Strand. Er ging zurück ins Hotel und ließ sich mit dem Lift hinauf zu seinem Zimmer fahren. Dort stand er längere Zeit vor dem Spiegel. Er betrachtete sein graues Haar und sein müdes, scharfes Gesicht. In diesem Augenblick dachte er an seinen Ruhm. Er dachte daran, dass viele Menschen ihn auf der Straße erkannten und voll Respekt ansahen. Das taten sie wegen seiner Worte, die immer sicher trafen und voller Schönheit waren. Er dachte an alle äußeren Erfolge seines Talents, die ihm einfielen. Er dachte sogar daran, dass man ihn geadelt hatte. Dann ging er zum Lunch hinunter in den Saal und aß an seinem kleinen Tisch. Nach dem Essen stieg er in den Lift. Junge Leute, die auch vom Essen kamen, drängten hinter ihm in die kleine Kabine. Auch Tadzio trat ein. Er stand ganz nahe bei Aschenbach. Zum ersten Mal war er ihm so nah. Aschenbach sah ihn nicht mit dem Abstand, mit dem man ein Bild ansieht. Er sah ihn genau, mit den Einzelheiten seiner Menschlichkeit. Irgendjemand sprach den Jungen an. Er antwortete mit einem unbeschreiblich lieblichen Lächeln. Dabei stieg er schon wieder aus, im ersten Stock. Er ging rückwärts hinaus, mit gesenkten Augen. »Schönheit macht schamhaft«, dachte Aschenbach. Er dachte sehr genau darüber nach, warum. Er hatte jedoch bemerkt, dass Tadzios Zähne nicht sehr schön waren. Sie waren etwas zackig und blass, ohne den Glanz der Gesundheit. Sie wirkten seltsam zerbrechlich und durchsichtig, wie manchmal bei Menschen mit zu wenig Blut. »Er ist sehr zart, er ist kränklich«, dachte Aschenbach. »Er wird wahrscheinlich nicht alt werden.« Mit diesem Gedanken kam ein Gefühl von Zufriedenheit oder Beruhigung. Aber er wollte über dieses Gefühl nicht genauer nachdenken.

Er blieb zwei Stunden in seinem Zimmer. Am Nachmittag fuhr er mit dem Vaporetto über die faul riechende Lagune nach Venedig. Er stieg bei San Marco aus und trank auf dem Platz Tee. Dann machte er einen Spaziergang durch die Straßen, wie er es hier jeden Tag tat. Aber gerade dieser Spaziergang veränderte seine Stimmung und seine Entschlüsse völlig.

In den Gassen lag eine schlimme, feuchte Hitze. Die Luft war so dick, dass die Gerüche wie Wolken stehen blieben. Sie gingen nicht weg. Sie kamen aus Wohnungen, Läden und kleinen Küchen: Geruch von Öl, Wolken von Parfüm und viele andere. Der Zigarettenrauch blieb an seinem Ort hängen und zog nur langsam ab. Die vielen Menschen in den engen Gassen störten den Spaziergänger, statt ihn zu unterhalten. Je länger er ging, desto mehr quälte ihn ein schrecklicher Zustand. Die Seeluft kann ihn zusammen mit dem Scirocco hervorbringen. Er ist Aufregung und Schwäche zugleich. Peinlicher Schweiß brach ihm aus. Seine Augen versagten, und seine Brust war eng. Er hatte Fieber, und das Blut schlug in seinem Kopf. Er floh aus den vollen Geschäftsstraßen über Brücken in die Gassen der Armen. Dort störten ihn Bettler. Die schlechten Gerüche der Kanäle machten ihm das Atmen schwer. Dann kam er auf einen stillen Platz. Es war einer jener Orte im Inneren Venedigs, die vergessen und wie verzaubert wirken. Er ruhte am Rand eines Brunnens aus und trocknete sich die Stirn. Da sah er ein, dass er abreisen musste.

Zum zweiten Mal, und jetzt endgültig, war es bewiesen: Diese Stadt war bei diesem Wetter sehr schädlich für ihn. Trotzdem zu bleiben, schien gegen alle Vernunft. Und ob der Wind sich drehen würde, war ganz ungewiss. Er musste sich schnell entscheiden. Schon jetzt nach Hause zu fahren, war unmöglich. Weder das Sommerhaus noch die Winterwohnung war für ihn bereit. Aber nicht nur hier gab es Meer und Strand. Anderswo gab es sie ohne die Lagune und ihre ungesunde, feuchte Luft. Er erinnerte sich an einen kleinen Badeort nicht weit von Triest. Man hatte ihm diesen Ort sehr gelobt. Warum nicht dorthin? Und zwar sofort, damit sich der neue Wechsel noch lohnte. Er sagte sich, dass er entschlossen sei, und stand auf. An der nächsten Haltestelle für Gondeln nahm er ein Boot. Er ließ sich durch die trüben Kanäle, die wie ein Labyrinth waren, nach San Marco fahren. Sie fuhren unter feinen Balkonen aus Marmor hindurch, an deren Seiten Löwenfiguren standen. Sie fuhren um nasse, glatte Ecken von Mauern und an traurigen Fassaden von Palästen vorbei. Im Wasser schaukelte Abfall, und darin spiegelten sich große Firmenschilder. Er hatte Mühe, nach San Marco zu kommen. Denn der Gondolier arbeitete mit Fabriken für Spitzen und mit Werkstätten für Glas zusammen. Überall versuchte er, ihn abzusetzen, damit er etwas besichtigte und kaufte. Manchmal begann die seltsame Fahrt durch Venedig ihren Zauber zu wirken. Aber dann tat der Geschäftsgeist der gesunkenen Königin das Seine. Er wollte den Fremden wie ein Taschendieb nur das Geld aus der Tasche holen. Das machte Aschenbach wieder nüchtern und schlecht gelaunt.

Zurück im Hotel, erklärte er noch vor dem Diner im Büro: Unerwartete Umstände zwangen ihn, morgen früh abzureisen. Man bedauerte das und gab ihm die Rechnung. Er aß und verbrachte den warmen Abend in einem Schaukelstuhl auf der hinteren Terrasse. Dabei las er Zeitungen. Bevor er schlafen ging, packte er sein Gepäck ganz für die Abreise.

Er schlief nicht besonders gut, denn die nahe Abreise machte ihn unruhig. Als er am Morgen das Fenster öffnete, war der Himmel immer noch grau. Aber die Luft schien frischer. Und schon begann er zu bereuen. War diese Entscheidung nicht zu schnell und falsch gewesen? War sie nicht aus einem kranken Zustand gekommen, auf den man nicht hören durfte? Er hätte noch ein wenig warten können. Er hätte nicht so schnell den Mut verlieren müssen. Er hätte versuchen können, sich an die Luft Venedigs zu gewöhnen. Oder er hätte auf besseres Wetter warten können. Dann hätte er jetzt einen Vormittag am Strand vor sich, wie gestern. Stattdessen hatte er nun Eile und Mühe vor sich. Zu spät. Nun musste er weiter wollen, was er gestern gewollt hatte. Er zog sich an und fuhr um acht Uhr hinunter ins Erdgeschoss zum Frühstück.

Als er in den Frühstücksraum kam, war noch kein Gast da. Während er saß und auf seine Bestellung wartete, kamen einzelne Gäste. Er hatte die Teetasse am Mund, als die polnischen Mädchen mit ihrer Begleiterin hereinkamen. Streng und frisch vom Morgen, mit roten Augen, gingen sie zu ihrem Tisch in der Fensterecke. Gleich danach kam der Portier zu ihm, die Mütze in der Hand, und sagte, er müsse jetzt los. Das Auto stehe bereit, sagte er. Es bringe ihn und andere Reisende zum Hotel Excelsior. Von dort fahre das Motorboot die Herrschaften durch den Privatkanal der Gesellschaft zum Bahnhof. Die Zeit dränge.

Aschenbach fand, dass sie gar nicht drängte. Bis zur Abfahrt seines Zuges blieb noch mehr als eine Stunde. Er ärgerte sich über die Gewohnheit der Hotels, die Abreisenden zu früh aus dem Haus zu schicken. Er sagte dem Portier, dass er in Ruhe frühstücken wolle. Der Mann ging zögernd weg. Nach fünf Minuten erschien er wieder. Es sei unmöglich, dass der Wagen noch länger warte. Dann solle er fahren und seinen Koffer mitnehmen, antwortete Aschenbach ärgerlich. Er selbst wolle zur richtigen Zeit den öffentlichen Dampfer nehmen. Man solle die Sorge um seine Reise ihm selbst überlassen. Der Angestellte verbeugte sich. Aschenbach war froh, dass er sich nicht hatte drängen lassen. Er beendete sein Frühstück ohne Eile. Er ließ sich vom Kellner sogar noch Zeitungen bringen. Die Zeit war schon recht knapp, als er aufstand. Und genau in diesem Augenblick kam Tadzio durch die Glastür herein.

Auf dem Weg zum Tisch seiner Familie kreuzte er den Weg des Mannes, der abreiste. Vor dem grauhaarigen Mann mit der hohen Stirn senkte er bescheiden die Augen. Doch gleich hob er sie wieder zu ihm auf, auf seine liebliche Art, weich und voll. Und dann war er vorbei. »Adieu, Tadzio!«, dachte Aschenbach. »Ich sah dich kurz.« Gegen seine Gewohnheit sprach er das Gedachte wirklich mit den Lippen aus. Und er fügte hinzu: »Sei gesegnet!« Dann reiste er ab. Er verteilte Trinkgelder, und der kleine, leise Manager im französischen Gehrock verabschiedete ihn. Er verließ das Hotel zu Fuß, so wie er gekommen war. Der Hausdiener folgte ihm mit dem Handgepäck. Sie gingen durch die weiß blühende Allee quer über die Insel zur Haltestelle der Dampfer. Er erreichte sie und setzte sich. Und was nun folgte, war eine Fahrt voller Leiden und Kummer, durch alle Tiefen der Reue.

Es war die bekannte Fahrt über die Lagune, an San Marco vorbei und den Großen Kanal hinauf. Aschenbach saß vorn auf der runden Bank. Den Arm stützte er auf das Geländer, und mit der Hand schützte er die Augen vor dem Licht. Die öffentlichen Gärten blieben zurück. Die Piazzetta öffnete sich noch einmal in fürstlicher Schönheit, und dann ließ man sie hinter sich. Dann kam die lange Reihe der Paläste. Als der Kanal eine Kurve machte, erschien der prächtige, weite Marmorbogen des Rialto. Der Mann, der Abschied nahm, schaute, und seine Brust war zerrissen. Die Luft der Stadt hatte diesen leicht faulen Geruch von Meer und Sumpf. Er hatte so sehr vor ihm fliehen wollen. Jetzt atmete er ihn tief ein, zärtlich und schmerzlich. War es möglich, dass er es nicht gewusst und nicht bedacht hatte? Wie sehr hing sein Herz an all dem! Heute Morgen war es nur ein halbes Bedauern gewesen. Es war nur ein leiser Zweifel gewesen, ob er richtig handelte. Jetzt wurde daraus Kummer, wirklicher Schmerz, eine Not der Seele. Sie war so bitter, dass ihm mehrmals die Tränen in die Augen kamen. Er sagte sich, dass er diese Not unmöglich hätte vorhersehen können. Was war so schwer zu ertragen, ja manchmal ganz unerträglich? Es war offenbar der Gedanke, dass er Venedig nie wiedersehen sollte. Dies war ein Abschied für immer. Denn die Stadt hatte ihn zum zweiten Mal krank gemacht. Zum zweiten Mal musste er sie plötzlich verlassen. Deshalb musste er sie von nun an als einen Ort betrachten, der für ihn unmöglich und verboten war. Er war nicht stark genug für diesen Ort. Es wäre sinnlos gewesen, wieder hierherzukommen. Ja, er fühlte: Wenn er jetzt abreiste, würden Scham und Trotz ihn hindern, die geliebte Stadt je wiederzusehen. Zweimal hatte sein Körper vor ihr versagt. Hier kämpften die Wünsche seiner Seele und die Kraft seines Körpers miteinander. Dieser Kampf schien dem Alternden plötzlich sehr schwer und wichtig. Die Niederlage seines Körpers schien ihm so beschämend. Er wollte sie um jeden Preis verhindern. Er verstand nicht mehr, wie leicht er sich gestern ergeben hatte. Ohne ernsthaften Kampf hatte er beschlossen, diese Niederlage zu tragen und anzunehmen.

Inzwischen näherte sich der Dampfer dem Bahnhof. Schmerz und Ratlosigkeit stiegen in ihm, bis er ganz verwirrt war. Die Abreise schien dem Gequälten unmöglich, aber die Umkehr ebenso. So ganz zerrissen betrat er den Bahnhof. Es war sehr spät. Er durfte keinen Augenblick verlieren, wenn er den Zug erreichen wollte. Er wollte es und wollte es nicht. Aber die Zeit drängte und trieb ihn vorwärts wie eine Peitsche. Er eilte, um sich seine Fahrkarte zu besorgen. Im Lärm der Halle suchte er nach dem Angestellten der Hotelgesellschaft, der hier arbeitete. Der Mann erschien und meldete, der große Koffer sei schon aufgegeben. Schon aufgegeben? Ja, bestens – nach Como. Nach Como? Es gab ein schnelles Hin und Her, mit zornigen Fragen und verlegenen Antworten. Dabei kam heraus, was geschehen war. Schon in der Gepäckstelle des Hotels Excelsior war ein Fehler passiert. Der Koffer war zusammen mit fremdem Gepäck in eine ganz falsche Richtung geschickt worden.

Aschenbach hatte Mühe, das Gesicht zu machen, das unter diesen Umständen als einziges verständlich war. Denn eine abenteuerliche Freude, eine unglaubliche Heiterkeit erschütterte von innen seine Brust. Es war fast wie ein Krampf. Der Angestellte eilte davon, um den Koffer vielleicht noch aufzuhalten. Wie zu erwarten, kam er ohne Erfolg zurück. Da erklärte Aschenbach, dass er ohne sein Gepäck nicht reisen wolle. Er sei entschlossen, umzukehren und im Bäder-Hotel auf den Koffer zu warten. Ob das Motorboot der Gesellschaft am Bahnhof liege? Der Mann versicherte, es liege vor der Tür. Mit vielen schnellen italienischen Worten überredete er den Mann am Schalter, die Fahrkarte zurückzunehmen. Er schwor, man werde telegrafieren. Man werde nichts sparen und nichts vergessen, um den Koffer bald zurückzuholen. Und so geschah das Seltsame. Zwanzig Minuten nach seiner Ankunft am Bahnhof war der Reisende wieder auf dem Großen Kanal. Er war auf dem Rückweg zum Lido.

Was für ein seltsames, unglaubliches, beschämendes Abenteuer, komisch wie ein Traum! Man hatte von diesen Orten gerade in tiefster Traurigkeit für immer Abschied genommen. Nun hatte das Schicksal einen umgedreht und zurückgeworfen. Und man sah sie in derselben Stunde wieder! Vorn schäumte das Wasser, und das kleine, eilige Boot fuhr schnell seinem Ziel zu. Lustig und geschickt fuhr es zwischen Gondeln und Dampfern hindurch. Sein Passagier machte ein Gesicht, als ärgere er sich und ergebe sich in sein Schicksal. Doch darunter versteckte er die ängstliche, wilde Freude eines Jungen, der davongelaufen ist. Noch immer musste er von Zeit zu Zeit innerlich über dieses Pech lachen. Er sagte sich: Selbst ein Sonntagskind hätte kein freundlicheres Pech treffen können. Man musste nun Erklärungen geben und erstaunte Gesichter aushalten. Dann war, so sagte er sich, alles wieder gut. Dann war ein Unglück verhindert und ein schwerer Irrtum korrigiert. Alles, was er hinter sich zu lassen geglaubt hatte, öffnete sich ihm wieder. Es gehörte ihm wieder, so lange er wollte … Täuschte ihn übrigens die schnelle Fahrt? Oder kam der Wind zu allem Glück jetzt wirklich vom Meer?

Die Wellen schlugen gegen die Betonwände des schmalen Kanals, der durch die Insel zum Hotel Excelsior führt. Dort wartete ein Omnibus mit Motor auf den Heimkehrenden. Er brachte ihn auf geradem Weg über dem Meer mit seinen kleinen Wellen zum Bäder-Hotel. Der kleine Manager mit dem Bart über der Lippe und dem geschwungenen Gehrock kam zur Begrüßung die Treppe herunter.

Leise und sehr höflich bedauerte er den Zwischenfall. Er nannte ihn äußerst peinlich für sich und für das Haus. Aber er fand Aschenbachs Entschluss, hier auf das Gepäck zu warten, sehr richtig. Leider sei sein Zimmer schon vergeben. Aber ein anderes, nicht schlechteres, stehe sofort bereit. »Pas de chance, monsieur«, sagte der Schweizer Liftboy lächelnd, als sie hinauffuhren. Und so bekam der Flüchtling wieder ein Zimmer. Es glich dem vorigen in Lage und Einrichtung fast genau.

Er war müde und verwirrt von diesem seltsamen Vormittag. Er verteilte den Inhalt seiner Handtasche im Zimmer. Dann setzte er sich in einen Sessel am offenen Fenster. Das Meer war blassgrün geworden. Die Luft schien dünner und reiner. Der Strand mit seinen Hütten und Booten wirkte bunter, obwohl der Himmel noch grau war. Aschenbach blickte hinaus, die Hände im Schoß gefaltet. Er war zufrieden, wieder hier zu sein. Und er schüttelte unzufrieden den Kopf, weil er seine Meinung so oft änderte. Er kannte ja nicht einmal seine eigenen Wünsche! So saß er wohl eine Stunde, ruhte und träumte ohne Gedanken. Um Mittag sah er Tadzio. Er trug einen Anzug aus Leinen mit Streifen und mit roter Schleife. Er kam vom Meer her durch das Tor am Strand und über die Wege aus Brettern zurück zum Hotel. Aschenbach erkannte ihn von oben sofort, noch bevor er ihn richtig angesehen hatte. Er wollte etwas denken wie: »Sieh, Tadzio, da bist ja auch du wieder!« Aber im gleichen Augenblick fühlte er, wie dieser lockere Gruß zusammenfiel und stumm wurde. Vor der Wahrheit seines Herzens konnte er nicht bestehen. Er fühlte die Begeisterung seines Blutes, die Freude und den Schmerz seiner Seele. Und er erkannte, dass ihm der Abschied wegen Tadzio so schwer geworden war.

Er saß ganz still und ungesehen an seinem hohen Platz und blickte in sich hinein. Sein Gesicht wurde wach, seine Brauen hoben sich. Ein aufmerksames, neugieriges und kluges Lächeln spannte seinen Mund. Dann hob er den Kopf. Seine beiden Arme hingen schlaff über die Lehnen des Sessels hinunter. Mit ihnen machte er eine langsame Bewegung, drehend und hebend, die Handflächen nach vorn. Es war, als zeigte er, dass er die Arme öffnete und ausbreitete. Es war eine Geste, die gern willkommen hieß und ruhig aufnahm.

### Glossar

- **die Gondel**: ein langes, schmales, schwarzes Boot in Venedig, das ein Mann im Stehen mit einem Ruder fährt.
- **der Gondolier**: der Mann, der eine Gondel fährt.
- **die Lagune**: das flache Wasser zwischen Venedig und dem offenen Meer.
- **der Ziegenbart**: ein schmaler, spitzer Bart nur am Kinn, wie bei einer Ziege.
- **der Geck**: ein Mann, der zu viel Wert auf modische Kleidung legt.
- **die Bersaglieri**: italienische Soldaten einer besonderen Truppe.
- **die Konzession**: eine offizielle Erlaubnis für einen Beruf.
- **der Enterhaken**: eine lange Stange mit einem Haken, mit der man Boote heranzieht.
- **das Haus des Aides**: das Reich der Toten in der griechischen Sage.
- **der Gehrock**: eine lange, elegante Jacke für Männer, wie man sie früher trug.
- **die Gouvernante**: eine Frau, die in einer reichen Familie die Kinder erzieht und auf sie aufpasst.
- **der Dornauszieher**: eine berühmte alte Statue: ein Junge zieht sich einen Dorn aus dem Fuß.
- **der Phäake**: ein Mensch aus einem Volk in Homers »Odyssee«, das gern feiert, badet und es bequem hat.
- **das Haupt des Eros**: der Kopf des griechischen Gottes der Liebe, wie man ihn von alten Statuen kennt.
- **parischer Marmor**: feiner weißer Marmor von der griechischen Insel Paros.
- **die Capannen**: die kleinen Strandhütten aus Holz, in denen man sich umzieht und im Schatten sitzt.
- **Kritobulos**: ein Mann aus einem alten griechischen Text; Sokrates rät ihm, ein Jahr zu reisen, um wieder vernünftig zu werden.
- **das Losungswort**: ein Wort, das alle kennen und rufen, wie ein Erkennungszeichen.
- **das Sonntagskind**: ein Mensch, der immer viel Glück hat.

## Viertes Kapitel

Nun fuhr Tag für Tag der Gott mit den heißen Wangen nackt durch die Räume des Himmels. Er lenkte seinen Wagen mit vier Pferden, und die Pferde atmeten Feuer. Seine gelben Locken wehten im Ostwind, der zur gleichen Zeit stark blies. Ein weißer Glanz wie Seide lag auf dem weiten Pontos, der sich langsam hob und senkte. Der Sand war sehr heiß. Der Himmel war blau und glänzte silbern. Vor den Strandhütten waren rotbraune Tücher gegen die Sonne gespannt. Unter ihnen lag ein Stück Schatten mit einer klaren, scharfen Grenze. Dort verbrachte man die Vormittage. Aber auch der Abend war herrlich. Dann dufteten die Pflanzen im Park süß und stark, und oben zogen die Sterne wie in einem Tanz. Leise kam das Geräusch des Meeres in der Nacht herauf und sprach zur Seele. Solch ein Abend versprach froh einen neuen Sonnentag. Es würde ein Tag voll leichter, geordneter Ruhe sein. Und er war geschmückt mit sehr vielen Möglichkeiten für schöne Zufälle, die dicht beieinander lagen.

Ein so bequemes Unglück hatte den Gast hier festgehalten. Doch als er seinen Koffer zurückbekam, sah er darin keinen Grund, wieder wegzufahren. Zwei Tage lang hatte er auf manches verzichten müssen. Er hatte im Reiseanzug zum Essen in den großen Speisesaal kommen müssen. Dann brachte man endlich den verlorenen Koffer wieder in sein Zimmer. Nun packte er gründlich aus und füllte Schrank und Schubladen mit seinen Sachen. Er wollte erst einmal bleiben, und er wusste nicht, wie lange. Er freute sich, die Stunden am Strand im Anzug aus Seide zu verbringen. Und er freute sich, beim Diner wieder in passender Abendkleidung an seinem Tischchen zu sitzen.

Der angenehme, gleichmäßige Rhythmus dieses Lebens hatte ihn schon in seiner Macht. Dieses weiche, helle und sanfte Leben hatte ihn schnell verzaubert. Was für ein Ort war das wirklich! Hier gab es die Freuden eines feinen Lebens am Strand im Süden. Und ganz nah und bereit lag die seltsame, wunderbare Stadt. Aschenbach liebte das Genießen nicht. Immer wenn er feiern, sich ausruhen oder gute Tage haben sollte, wurde er bald unruhig. Besonders in jüngeren Jahren war das so gewesen. Dann wollte er unzufrieden zurück zu seiner hohen, schweren Arbeit. Er wollte zurück zum heiligen, ernsten Dienst seines Alltags. Nur dieser Ort verzauberte ihn. Er machte seinen Willen locker und machte ihn glücklich.

Manchmal saß er am Vormittag unter dem Schattentuch seiner Hütte und träumte über das blaue Meer des Südens hin. Oder er lehnte in einer warmen Nacht in den Kissen der Gondel. Sie brachte ihn unter dem großen Sternenhimmel vom Markusplatz nach Hause zum Lido. Er war lange auf dem Platz geblieben. Nun blieben die bunten Lichter und die weiche Musik des Abends hinter ihm zurück. In solchen Stunden erinnerte er sich an sein Landhaus in den Bergen. Dort kämpfte er im Sommer mit seiner Arbeit. Dort zogen die Wolken tief durch den Garten. Am Abend löschten schreckliche Gewitter das Licht im Haus. Und die Raben, die er fütterte, flogen oben in den Spitzen der Fichten. Dann schien es ihm, als wäre er in das elysische Land gebracht worden, an die Grenzen der Erde. Dort ist den Menschen das leichteste Leben geschenkt. Dort gibt es keinen Schnee und keinen Winter, keinen Sturm und keinen starken Regen. Okeanos lässt immer einen sanften, kühlen Wind aufsteigen. Die Tage vergehen in glücklicher Ruhe, ohne Mühe und ohne Kampf. Sie gehören ganz der Sonne und ihren Festen.

Viel, fast ständig sah Aschenbach den Jungen Tadzio. Der Raum war klein, und alle Gäste lebten nach der gleichen Ordnung. Darum war der Schöne den ganzen Tag in seiner Nähe, nur mit kurzen Pausen. Er sah ihn und traf ihn überall. Er traf ihn in den unteren Räumen des Hotels. Er traf ihn auf den kühlen Fahrten über das Wasser zur Stadt und zurück. Er traf ihn auch im Glanz des Platzes. Und oft traf er ihn zwischendurch auf Wegen und Brücken, wenn der Zufall noch half. Vor allem aber hatte er am Vormittag am Strand viel Gelegenheit dazu, ganz regelmäßig und zu seinem Glück. Dann konnte er die schöne Gestalt still und fast fromm betrachten und studieren. Ja, gerade dieses feste, sichere Glück erfüllte ihn mit Zufriedenheit und Lebensfreude. Jeden Tag waren die Umstände wieder genauso günstig. Das machte ihm den Aufenthalt so wertvoll. Und so folgte angenehm ein Sonnentag auf den anderen.

Er stand früh auf, so wie früher, wenn ihn die Arbeit drängte. Er war vor den meisten anderen am Strand. Die Sonne war dann noch mild, und das Meer lag weiß und sehr hell in seinen Morgenträumen. Er grüßte freundlich den Wächter an der Sperre. Wie einen Bekannten grüßte er auch den alten Mann mit dem weißen Bart, der barfuß ging. Der Alte hatte ihm den Platz vorbereitet. Er hatte das braune Schattentuch gespannt und die Möbel der Hütte auf die Plattform gestellt. Aschenbach setzte sich. Drei oder vier Stunden gehörten nun ihm. In diesen Stunden stieg die Sonne hoch und bekam eine furchtbare Kraft. Das Meer wurde immer tiefer blau. Und er durfte Tadzio sehen.

Er sah ihn von links kommen, am Rand des Meeres entlang. Oder er sah ihn von hinten zwischen den Hütten herauskommen. Manchmal merkte er auch plötzlich, dass er sein Kommen verpasst hatte. Dann erschrak er, aber froh, denn der Junge war schon da. Er trug schon den blau-weißen Badeanzug, der jetzt am Strand seine einzige Kleidung war. Er hatte sein gewohntes Leben in Sonne und Sand wieder begonnen. Es war ein schönes, nutzloses Leben ohne Arbeit, immer in Bewegung, halb Spiel und halb Ruhe. Er ging langsam umher, lief durch das flache Wasser, grub, fing, lag im Sand und schwamm. Die Frauen auf der Plattform passten auf ihn auf. Mit hohen Stimmen riefen sie seinen Namen: »Tadziu! Tadziu!« Dann kam er mit lebhaften Gesten zu ihnen gelaufen. Er erzählte ihnen, was er erlebt hatte. Er zeigte ihnen, was er gefunden und gefangen hatte: Muscheln, Seepferdchen, Quallen und Krebse, die zur Seite laufen. Aschenbach verstand kein Wort von dem, was er sagte. Vielleicht war es etwas ganz Alltägliches. Aber in seinem Ohr war es ein schöner, weicher und unklarer Klang. So machte die fremde Sprache die Rede des Jungen zu Musik. Eine fröhliche, wilde Sonne goss reichen Glanz über ihn aus. Und das tiefe, große Meer war immer der Hintergrund, vor dem er erschien.

Bald kannte der Mann, der ihn beobachtete, jede Linie und jede Haltung dieser Gestalt, die sich so frei zeigte. Jede schon bekannte Schönheit begrüßte er freudig aufs Neue. Seine Bewunderung fand kein Ende.

Einmal rief man den Jungen, damit er einen Gast begrüßte. Der Gast machte den Frauen bei der Hütte einen Besuch. Der Junge lief herbei, vielleicht noch nass vom Meer. Er warf die Locken zurück und gab dem Gast die Hand. Dabei stand er auf einem Bein und hatte den anderen Fuß auf die Zehenspitzen gestellt. So drehte er sich auf eine sehr hübsche Weise, schön und voller Spannung. Er war schüchtern aus Freundlichkeit. Und er wollte gefallen, weil das seine Pflicht als Adliger war.

Oder er lag ausgestreckt im Sand, das Badetuch um die Brust gewickelt. Seinen fein geformten Arm stützte er in den Sand, und das Kinn lag in seiner Hand. Der Junge, den man »Jaschu« rief, saß dicht neben ihm am Boden und sagte ihm schöne Dinge. Nichts war schöner als das Lächeln in seinen Augen und auf seinen Lippen. Mit diesem Lächeln sah der Junge, der mehr galt, zu dem anderen auf. Dieser galt weniger und diente ihm.

Oder er stand allein am Rand des Meeres, nicht bei seiner Familie, sondern ganz nah bei Aschenbach. Er stand aufrecht und hatte die Hände im Nacken zusammengelegt. Langsam bewegte er sich auf den Füßen vor und zurück und träumte ins Blaue. Kleine Wellen liefen heran und badeten seine Zehen. Sein honigfarbenes Haar lag in Locken an den Seiten des Kopfes und im Nacken. Die Sonne schien auf ihn, und er wirkte wie eine Statue aus einem klareren Stoff. Was für eine Disziplin, was für eine Genauigkeit des Gedankens lag in dieser schlanken, jungen, vollkommenen Gestalt! Ein strenger und reiner Wille hatte im Dunkeln gearbeitet. Er hatte dieses göttliche Kunstwerk ans Licht gebracht. Aber kannte er, der Künstler, diesen Willen nicht gut? Wirkte dieser Wille nicht auch in ihm selbst? Auch er war voll kontrollierter Leidenschaft, wenn er arbeitete. Dann befreite er aus dem Marmor der Sprache die schlanke Form, die er im Geist gesehen hatte. Und er zeigte sie den Menschen als Statue und Spiegel geistiger Schönheit.

Statue und Spiegel! Seine Augen hielten die edle Gestalt dort am Rand des Blauen fest. Mit immer größerer Begeisterung glaubte er, mit diesem Blick das Schöne selbst zu verstehen. Er sah die Form als einen Gedanken Gottes. Er sah die eine, reine Vollkommenheit, die im Geist lebt. Von ihr stand hier ein menschliches Bild, leicht und schön, damit man es anbetete. Das war der Rausch. Und ohne zu zögern, ja gierig hieß der alternde Künstler ihn willkommen. Sein Geist drehte sich im Kreis, und seine Bildung geriet in Bewegung. Sein Gedächtnis brachte sehr alte Gedanken wieder hervor. Man hatte sie ihn in seiner Jugend gelehrt. Aber bis jetzt waren sie nie von seinem eigenen Feuer lebendig geworden.

Stand nicht geschrieben, dass die Sonne unsere Aufmerksamkeit von den geistigen auf die sichtbaren Dinge lenkt? Sie macht Verstand und Gedächtnis schwach und verzaubert sie, so hieß es. Vor Vergnügen vergisst die Seele dann ganz ihren eigentlichen Zustand. Sie bleibt voll Staunen und Bewunderung an dem schönsten Ding hängen, auf das die Sonne scheint. Ja, nur mit Hilfe einer sichtbaren Gestalt kann sie sich dann noch zu höherem Denken erheben. Amor machte es wirklich wie die Mathematiker. Sie zeigen Kindern, die noch nicht abstrakt denken können, Bilder der reinen Formen, die man anfassen kann. So benutzte auch der Gott gern die Gestalt und Farbe menschlicher Jugend. Damit wollte er uns das Geistige sichtbar machen. Er machte sie zu einem Werkzeug der Erinnerung und schmückte sie mit allem Glanz der Schönheit. Und wenn wir sie sehen, brennen wir vor Schmerz und Hoffnung.

So dachte der Begeisterte, so konnte er fühlen. Und aus dem Rausch des Meeres und dem Glanz der Sonne entstand für ihn ein schönes Bild. Es war die alte Platane nicht weit von den Mauern Athens. Es war jener heilige, schattige Ort, voll vom Duft der Kirschblüten. Heilige Bilder und fromme Geschenke schmückten ihn, zu Ehren der Nymphen und des Acheloos. Ganz klar floss der Bach am Fuß des Baumes mit den breiten Ästen über glatte Steine. Die Grillen sangen wie Geigen. Der Rasen ging sanft nach unten, sodass man im Liegen den Kopf hoch halten konnte. Dort lagen zwei Männer, geschützt vor der Hitze des Tages. Der eine war älter, der andere jung. Der eine war hässlich, der andere schön. Der Weise lag bei dem, der so leicht zu lieben war. Mit höflichen Worten und klugen Scherzen wollte Sokrates dem Phaidros gefallen. Dabei lehrte er ihn über Sehnsucht und Tugend.

Er sprach zu ihm von dem heißen Erschrecken, das ein fühlender Mensch erlebt. Es kommt, wenn sein Auge ein Bild der ewigen Schönheit sieht. Er sprach zu ihm von den niedrigen Wünschen des schlechten Menschen, dem nichts heilig ist. Dieser Mensch kann die Schönheit nicht denken, wenn er ihr Bild sieht. Und er kann keinen tiefen Respekt fühlen. Sokrates sprach auch von der heiligen Angst, die den edlen Menschen ergreift. Sie kommt, wenn ihm ein göttliches Gesicht, eine vollkommene Gestalt erscheint. Dann zittert er und ist außer sich. Er wagt kaum hinzusehen. Er ehrt den, der die Schönheit besitzt. Ja, er würde ihm Opfer bringen wie einer Statue, wenn er nicht fürchten müsste, den Menschen verrückt vorzukommen.

»Denn die Schönheit, mein Phaidros, nur sie ist liebenswert und sichtbar zugleich. Merke dir das gut! Sie ist die einzige Form des Geistigen, die wir mit den Sinnen empfangen und mit den Sinnen ertragen können. Was würde sonst aus uns werden? Was wäre, wenn das Göttliche, die Vernunft, die Tugend und die Wahrheit uns sichtbar erscheinen wollten? Würden wir dann nicht vor Liebe sterben und verbrennen, wie einst Semele vor Zeus? So ist die Schönheit der Weg des Fühlenden zum Geist. Sie ist nur der Weg, nur ein Mittel, kleiner Phaidros…«

Und dann sagte der schlaue Mann, der um Phaidros warb, das Feinste. Er sagte, dass der Liebende göttlicher ist als der Geliebte. Denn in dem Liebenden ist der Gott, aber nicht in dem anderen. Das ist vielleicht der zärtlichste und spöttischste Gedanke, der jemals gedacht wurde. Aus ihm kommen aller schlaue Spaß und alle heimliche Freude der Sehnsucht.

Das Glück des Schriftstellers ist ein Gedanke, der ganz Gefühl werden kann. Und es ist ein Gefühl, das ganz Gedanke werden kann. Solch ein lebendiger Gedanke, solch ein genaues Gefühl gehörte dem Einsamen damals und gehorchte ihm. Es war der Gedanke, dass die Natur vor Glück zittert, wenn der Geist sich voll Respekt vor der Schönheit verbeugt. Plötzlich wünschte er sich, zu schreiben. Man sagt zwar, dass Eros das Nichtstun liebt und nur dafür geschaffen ist. Aber in diesem Moment der Krise wollte seine starke Erregung etwas schaffen. Der Anlass war fast gleichgültig.

Eine Frage war an die geistige Welt gegangen. Man wollte, dass jemand offen seine Meinung über ein großes, brennendes Problem der Kultur und des Geschmacks sagte. Diese Anfrage hatte auch den Reisenden erreicht. Das Thema kannte er gut, er hatte es selbst erlebt. Plötzlich war sein Wunsch zu stark für ihn: Er wollte es im Licht seiner Worte glänzen lassen. Und er wollte dabei in Tadzios Nähe arbeiten. Beim Schreiben wollte er die Gestalt des Jungen als Vorbild nehmen. Sein Stil sollte den Linien dieser Gestalt folgen, die ihm göttlich schien. Er wollte ihre Schönheit ins Geistige tragen, so wie der Adler einst den troischen Hirten in den Himmel trug.

Nie hatte er die Freude am Wort süßer gefühlt. Nie hatte er so gut gewusst, dass Eros im Wort ist. Das erlebte er in diesen gefährlich schönen Stunden. Er saß an seinem einfachen Tisch unter dem Schattentuch. Er hatte das Idol vor Augen und die Musik seiner Stimme im Ohr. So formte er nach Tadzios Schönheit seinen kleinen Aufsatz. Es waren anderthalb Seiten in sehr feiner Sprache. Ihre Reinheit, ihr Adel und ihr starkes, lebendiges Gefühl sollten bald die Bewunderung vieler Menschen wecken.

Es ist sicher gut, dass die Welt nur das schöne Werk kennt. Sie weiß nicht, woher es kommt und unter welchen Umständen es entsteht. Sie weiß nicht, aus welchen Quellen die Ideen zum Künstler flossen. Wüsste sie es, wäre sie oft verwirrt und erschreckt. Und so würde die Wirkung des sehr guten Werkes verloren gehen. Seltsame Stunden! Seltsam erschöpfende Mühe! Seltsame Begegnung eines Geistes mit einer schönen Gestalt, aus der etwas Neues entstand! Dann legte Aschenbach seine Arbeit weg und ging vom Strand fort. Da fühlte er sich erschöpft, ja zerstört. Es war ihm, als ob sein Gewissen ihm Vorwürfe machte, als hätte er etwas Verbotenes getan.

Am nächsten Morgen wollte er gerade das Hotel verlassen. Da sah er von der großen Treppe vor dem Hotel aus Tadzio. Der Junge war schon auf dem Weg zum Meer, und zwar allein. Gerade kam er an die Sperre zum Strand. Da kam Aschenbach ein Wunsch, ein einfacher Gedanke. Er könnte die Gelegenheit nutzen. Er könnte mit dem Jungen eine leichte, fröhliche Bekanntschaft machen. Der Junge hatte ihm, ohne es zu wissen, so viel hohes Gefühl und so viel Bewegung geschenkt. Er könnte ihn ansprechen und sich über seine Antwort und seinen Blick freuen. Der Gedanke lag nahe und ließ ihn nicht mehr los. Der Schöne ging langsam, man konnte ihn einholen. Aschenbach ging schneller.

Er erreichte ihn auf dem Weg aus Holz hinter den Hütten. Er wollte ihm die Hand auf den Kopf oder auf die Schulter legen. Ein Wort, ein freundlicher französischer Satz lag ihm schon auf den Lippen. Da fühlte er, dass sein Herz wie ein Hammer schlug, vielleicht auch vom schnellen Gehen. Er hatte so wenig Atem, dass er nur mit enger Stimme und zitternd hätte sprechen können. Er zögerte und versuchte, sich zu kontrollieren. Plötzlich fürchtete er, schon zu lange dicht hinter dem Schönen zu gehen. Er fürchtete, dass der Junge es merkte und sich fragend umsah. Er versuchte es noch einmal, aber es gelang nicht. Er gab auf und ging mit gesenktem Kopf an ihm vorbei.

»Zu spät!«, dachte er in diesem Augenblick. »Zu spät!« Aber war es wirklich zu spät? Dieser Schritt, den er nicht getan hatte, hätte vielleicht zu etwas Gutem geführt. Er hätte zu etwas Leichtem und Frohem geführt. Er hätte ihn gesund und wieder nüchtern gemacht. Aber wahrscheinlich wollte der alternde Mann nicht wieder nüchtern werden. Der Rausch war ihm zu teuer.

Wer kann das Wesen des Künstlers erklären! Wer versteht, wie tief in ihm Disziplin und fehlende Selbstkontrolle verbunden sind! Denn wer nicht wieder nüchtern werden will, obwohl es gut für ihn wäre, hat keine Kontrolle über sich. Aschenbach hatte keine Lust mehr auf Selbstkritik. Sein Geschmack und die geistige Haltung seiner Jahre machten ihn nicht bereit dazu. Auch sein Respekt vor sich selbst, seine Reife und seine späte Einfachheit hinderten ihn. Er wollte seine Gründe nicht genau untersuchen. Er wollte nicht entscheiden, warum er seinen Plan nicht ausgeführt hatte. War es aus Gewissen gewesen? Oder aus Schwäche und Leichtsinn? Er war verwirrt. Er fürchtete, dass jemand seinen Lauf und seine Niederlage beobachtet hatte, und wäre es nur der Strandwächter. Er fürchtete sehr, lächerlich zu sein.

Im Übrigen machte er im Stillen Witze über seine komische und zugleich heilige Angst. »Erschrocken«, dachte er, »erschrocken wie ein Hahn, der im Kampf voll Angst seine Flügel hängen lässt. Das ist wirklich der Gott. Er bricht unseren Mut, wenn wir das Liebenswerte sehen. Er drückt unseren stolzen Sinn ganz zu Boden…« Er spielte mit dem Gedanken und träumte. Und er war viel zu stolz, um ein Gefühl zu fürchten.

Er achtete schon nicht mehr darauf, wie lange seine freie Zeit dauerte, die er sich selbst gegeben hatte. An die Heimreise dachte er nicht einmal. Er hatte sich viel Geld schicken lassen. Er sorgte sich nur um eines: dass die polnische Familie wegfahren könnte. Doch er hatte heimlich und nebenbei den Friseur des Hotels gefragt. So hatte er erfahren, dass die Familie erst kurz vor ihm angekommen war. Die Sonne machte sein Gesicht und seine Hände braun. Der salzige Wind vom Meer regte ihn auf und machte ihn stark für das Gefühl. Früher hatte er jede neue Kraft sofort für ein Werk gebraucht. Er hatte alles, was Schlaf, Essen oder Natur ihm gaben, in seine Arbeit gesteckt. Nun machte er es anders. Sonne, Ruhe und Meeresluft gaben ihm jeden Tag neue Kraft. Und all diese Kraft ließ er großzügig und ohne zu sparen in Rausch und Gefühl aufgehen.

Sein Schlaf war leicht. Zwischen den herrlichen Tagen, die alle gleich waren, lagen kurze Nächte voll glücklicher Unruhe. Zwar ging er früh schlafen. Denn um neun Uhr, wenn Tadzio nicht mehr zu sehen war, schien ihm der Tag zu Ende. Aber ganz früh am Morgen, wenn es gerade hell wurde, weckte ihn ein zartes, tiefes Erschrecken. Sein Herz erinnerte sich an sein Abenteuer. Es hielt ihn nicht mehr in den Kissen. Er stand auf und legte sich etwas Leichtes um, gegen die Kühle des frühen Morgens. Dann setzte er sich ans offene Fenster und wartete auf den Sonnenaufgang.

Das wunderbare Ereignis machte seine Seele fromm und still. Der Schlaf hatte sie heilig gemacht. Noch lagen Himmel, Erde und Meer in einem blassen, unheimlichen Licht, das wie Glas aussah. Noch schwamm ein Stern, der schon schwächer wurde, im leeren Raum. Aber dann kam ein leichter Wind, eine Nachricht von fernen Orten, die man nicht erreichen kann. Sie meldete, dass Eos sich von der Seite ihres Mannes erhob. Und die fernsten Streifen von Himmel und Meer wurden zum ersten Mal süß rot. Daran erkennt man, dass man die Welt wieder sehen und fühlen kann. Die Göttin kam näher. Sie hatte junge Männer entführt, auch Kleitos und Kephalos. Alle Götter des Olymp waren neidisch, und doch hatte sie die Liebe des schönen Orion genossen.

Da begann am Rand der Welt ein Streuen von Rosen, ein Leuchten und Blühen, schöner, als man sagen kann. Kindliche Wolken schwebten hell im Licht, in einem rosa und hellblauen Nebel, wie kleine, dienende Liebesgötter. Ein tiefes Rot fiel auf das Meer, und das Meer schien es in Wellen nach vorn zu tragen. Goldene Speere schossen von unten hoch bis in den Himmel. Der Glanz wurde zu Feuer. Lautlos und mit göttlicher Kraft rollten Feuer und Flammen herauf. Und mit schnellen Hufen stiegen die heiligen Pferde ihres Bruders über die Erde hoch.

Der Einsame saß wach da, und die Pracht des Gottes strahlte ihn an. Er schloss die Augen und ließ das herrliche Licht seine Augenlider küssen. Alte Gefühle kamen zurück, frühe, süße Schmerzen des Herzens. Sie waren im strengen Dienst seines Lebens gestorben. Nun kehrten sie so seltsam verwandelt zurück. Er erkannte sie mit einem verwirrten, erstaunten Lächeln. Er dachte nach und träumte. Langsam formten seine Lippen einen Namen. Er lächelte immer noch, das Gesicht nach oben gewandt, die Hände im Schoß gefaltet. So schlief er in seinem Sessel noch einmal ein.

Aber dieser Tag, der so feurig und festlich begann, war im Ganzen seltsam feierlich und wie in einen Mythos verwandelt. Woher kam plötzlich der leichte Wind, der so sanft und voll Bedeutung um Kopf und Ohr spielte? Er war wie ein Flüstern von höheren Mächten. Weiße Federwolken standen in großen Gruppen am Himmel, wie Herden der Götter auf der Weide. Ein stärkerer Wind kam auf. Da liefen die Pferde des Poseidon heran und stellten sich auf die Hinterbeine. Auch Stiere kamen, die dem Gott mit den blauen Locken gehörten. Sie brüllten, rannten an und senkten die Hörner. Zwischen den Felsen am ferneren Strand aber sprangen die Wellen hoch wie hüpfende Ziegen. Eine heilig verwandelte Welt voll wildem, göttlichem Leben umgab den Verzauberten. Und sein Herz träumte zarte Sagen.

Mehrmals saß er auf einer Bank im Park, wenn hinter Venedig die Sonne unterging. Dann schaute er Tadzio zu. Der Junge war weiß gekleidet und trug einen bunten Gürtel. Er spielte auf dem glatten Platz aus kleinen Steinen mit einem Ball. Und Aschenbach glaubte, Hyakinthos zu sehen, der sterben musste, weil zwei Götter ihn liebten. Ja, er fühlte den schmerzenden Neid des Zephyr auf den Rivalen. Dieser Rivale vergaß sein Orakel, seinen Bogen und seine Kithara, um immer mit dem Schönen zu spielen. Aschenbach sah, wie die Wurfscheibe den lieben, schönen Kopf traf. Grausame Eifersucht hatte sie gelenkt. Er fing, selbst ganz blass, den gebrochenen Körper auf. Und die Blume, die aus dem süßen Blut wuchs, trug die Worte seiner endlosen Klage…

Nichts ist seltsamer und schwieriger als die Beziehung von Menschen, die sich nur mit den Augen kennen. Sie begegnen sich täglich, ja stündlich, und beobachten einander. Aber sie müssen so tun, als wären sie sich gleichgültig und fremd. Sie grüßen sich nicht und sprechen kein Wort. Dazu zwingen sie die Regeln der Gesellschaft oder ihre eigene Laune. Zwischen ihnen ist Unruhe und eine übergroße Neugier. Sie wollen einander kennenlernen und miteinander sprechen. Aber dieser Wunsch bleibt unerfüllt und wird unnatürlich unterdrückt, bis er fast krankhaft wird. Und zwischen ihnen ist auch eine Art gespannter Respekt. Denn der Mensch liebt und ehrt den anderen Menschen, solange er ihn nicht beurteilen kann. Die Sehnsucht entsteht aus fehlendem Wissen.

Zwischen Aschenbach und dem jungen Tadzio musste notwendig eine Art Beziehung und Bekanntschaft entstehen. Mit tiefer Freude konnte der Ältere feststellen, dass seine Aufmerksamkeit nicht ganz ohne Antwort blieb. Warum nahm der Schöne zum Beispiel morgens nie mehr den Weg aus Holz hinter den Hütten? Er nahm nur noch den vorderen Weg durch den Sand. Er ging langsam an Aschenbachs Platz vorbei zur Hütte seiner Familie. Manchmal ging er unnötig dicht an ihm vorbei und berührte fast seinen Tisch und seinen Stuhl. Zog ein stärkeres Gefühl so den zarten, gedankenlosen Jungen an, dem es galt?

Aschenbach wartete jeden Tag darauf, dass Tadzio erschien. Manchmal tat er so, als wäre er beschäftigt, wenn der Junge kam. Dann ließ er den Schönen vorbeigehen, als hätte er ihn nicht bemerkt. Manchmal aber blickte er auch auf, und ihre Blicke trafen sich. Dann waren beide tief ernst. Das gebildete, würdevolle Gesicht des Älteren zeigte keine innere Bewegung. Aber in Tadzios Augen war ein Suchen, ein nachdenkliches Fragen. Er ging langsamer, als ob er zögerte. Er blickte zu Boden und dann wieder lieb und schön auf. Und wenn er vorbei war, schien seine Haltung etwas zu sagen. Nur seine Erziehung schien ihn daran zu hindern, sich umzudrehen.

Einmal aber, an einem Abend, kam es anders. Die polnischen Geschwister und ihre Gouvernante hatten bei der Hauptmahlzeit im großen Saal gefehlt. Aschenbach hatte es mit Sorge bemerkt. Nach dem Essen ging er sehr unruhig vor dem Hotel auf und ab, unten an der Terrasse. Er trug seinen Abendanzug und einen Strohhut. Plötzlich sah er im Licht der großen Lampen die Schwestern auftauchen, die wie Nonnen aussahen. Mit ihnen kam die Gouvernante. Und vier Schritte hinter ihnen kam Tadzio. Offenbar kamen sie gerade vom Dampfer. Aus irgendeinem Grund hatten sie in der Stadt gegessen. Auf dem Wasser war es wohl kühl gewesen. Tadzio trug eine dunkelblaue Seemannsjacke mit goldenen Knöpfen und eine passende Mütze. Sonne und Seeluft verbrannten ihn nicht. Seine Haut war leicht gelb wie Marmor geblieben, wie am Anfang. Doch heute schien er blasser als sonst. Vielleicht kam es von der Kühle oder vom blassen Licht der Lampen, das wie Mondlicht war. Seine schönen, gleichmäßigen Augenbrauen waren schärfer gezeichnet, seine Augen waren tief dunkel. Er war schöner, als man sagen kann. Und wie schon oft fühlte Aschenbach mit Schmerzen: Worte können die sichtbare Schönheit nur loben, aber nicht wiedergeben.

Er hatte diesen lieben Anblick nicht erwartet. Der Anblick kam überraschend. Er hatte keine Zeit gehabt, seinem Gesicht Ruhe und Würde zu geben. Freude, Überraschung und Bewunderung standen vielleicht offen darin. Da traf sein Blick den Blick des Jungen, den er vermisst hatte. Und in dieser Sekunde geschah es: Tadzio lächelte. Er lächelte ihn an, sprechend, vertraut, lieb und offen. Seine Lippen öffneten sich erst langsam im Lächeln. Es war das Lächeln des Narziß, der sich über das spiegelnde Wasser beugt. Es war jenes tiefe, verzauberte Lächeln voller Sehnsucht. Mit ihm streckt Narziß die Arme nach dem Spiegelbild seiner eigenen Schönheit aus. Es war ein Lächeln, das ein ganz klein wenig schief war. Es war schief, weil sein Bemühen ohne Hoffnung ist, denn sein Spiegelbild kann er nie erreichen. Es war neugierig und ein wenig gequält.

Der Mann, der dieses Lächeln bekommen hatte, lief damit schnell fort, wie mit einem gefährlichen Geschenk des Schicksals. Er war so tief erschüttert, dass er vor dem Licht der Terrasse und des Vorgartens fliehen musste. Mit schnellen Schritten suchte er das Dunkel des hinteren Parks. Seltsam ärgerliche und zugleich zärtliche Warnungen kamen aus ihm heraus: »Du darfst so nicht lächeln! Hör zu, man darf so niemanden anlächeln!« Er warf sich auf eine Bank. Ganz außer sich atmete er den Duft der Pflanzen in der Nacht ein. Er lehnte sich zurück und ließ die Arme hängen. Er war ganz überwältigt, und mehrmals zitterte er am ganzen Körper. Dann flüsterte er die alte, feste Formel der Sehnsucht. Hier war sie unmöglich, absurd, schlecht und lächerlich. Und doch war sie heilig und auch hier noch voll Würde: »Ich liebe dich!«

### Glossar

- **der Pontos**: ein altes griechisches Wort für das Meer.
- **das elysische Land**: in der griechischen Sage ein glückliches Land am Ende der Welt, wo die Menschen ohne Mühe leben.
- **die Gondel**: ein schmales schwarzes Boot in Venedig; ein Mann fährt es mit einem langen Ruder.
- **die Raben**: große schwarze Vögel.
- **die Bewunderung**: das Gefühl, wenn man etwas oder jemanden sehr schön oder sehr gut findet.
- **der Rausch**: ein Zustand, in dem man von einem starken Gefühl wie betrunken ist.
- **die Platane**: ein großer Laubbaum mit breiten Ästen und heller, fleckiger Rinde.
- **Eos**: die griechische Göttin der Morgenröte.
- **Hyakinthos**: ein schöner junger Mann aus der griechischen Sage; ein Gott tötete ihn aus Eifersucht mit einer Wurfscheibe, aus seinem Blut wuchs eine Blume.
- **die Kithara**: ein altes griechisches Musikinstrument mit Saiten.
- **die Gouvernante**: eine Frau, die in einer reichen Familie die Kinder erzieht.
- **Narziß**: ein schöner junger Mann aus der griechischen Sage, der sein eigenes Spiegelbild im Wasser liebte.

## Fünftes Kapitel

In der vierten Woche seines Aufenthalts auf dem Lido machte Gustav von Aschenbach einige unheimliche Beobachtungen. Sie betrafen die Welt um ihn herum. Erstens schien es ihm, als ob sein Hotel immer weniger Gäste hätte, obwohl die Saison weiterging. Eigentlich hätten es mehr werden müssen. Und besonders schien die deutsche Sprache um ihn herum immer seltener zu werden und ganz zu schweigen. Am Ende hörte er bei Tisch und am Strand nur noch fremde Klänge. Eines Tages war er beim Friseur, den er jetzt oft besuchte. Dort hörte er im Gespräch ein Wort, das ihn misstrauisch machte. Der Mann hatte eine deutsche Familie erwähnt, die gerade nach kurzem Aufenthalt weggefahren war. Dann fügte er freundlich redend und schmeichelnd hinzu: »Sie bleiben, mein Herr. Sie haben keine Angst vor dem Übel.«

Aschenbach sah ihn an. »Vor dem Übel?«, wiederholte er.

Der Mann, der sonst so gern redete, schwieg plötzlich. Er tat beschäftigt und tat so, als hörte er die Frage nicht. Aschenbach fragte noch einmal, dringender. Da erklärte der Friseur, er wisse von nichts. Verlegen redete er viel und versuchte, das Gespräch auf etwas anderes zu lenken.

Das war am Mittag. Am Nachmittag fuhr Aschenbach nach Venedig. Es war windstill, und die Sonne brannte schwer. Ihn trieb der krankhafte Wunsch, den polnischen Geschwistern zu folgen. Er hatte gesehen, wie sie mit ihrer Begleiterin zum Dampfer gingen. Bei San Marco fand er sein Idol nicht. Aber beim Tee saß er an seinem runden eisernen Tischchen auf der Schattenseite des Platzes. Da merkte er plötzlich in der Luft einen seltsamen Geruch. Nun schien es ihm, als wäre dieser Geruch schon seit Tagen da gewesen, ohne dass er es bemerkt hatte. Es war ein süßlicher Geruch wie von Medizin. Er erinnerte an Not, an Wunden und an eine verdächtige Sauberkeit. Er prüfte den Geruch und erkannte ihn nachdenklich. Dann beendete er seinen Imbiss. Er verließ den Platz auf der Seite, die der Kirche gegenüberlag.

In den engen Gassen wurde der Geruch stärker. An den Straßenecken klebten gedruckte Plakate. Darin warnte die Stadt ihre Bewohner väterlich vor gewissen Krankheiten von Magen und Darm. Bei diesem Wetter seien sie ganz normal, hieß es. Man solle keine Austern und Muscheln essen. Auch vor dem Wasser der Kanäle warnten die Plakate. Man sah deutlich, dass diese Anordnung die Wahrheit schöner machen wollte. Auf Brücken und Plätzen standen Gruppen von Leuten schweigend zusammen. Und der Fremde stand unter ihnen, spürte etwas und dachte nach.

Ein Ladenbesitzer lehnte in der Tür seines Ladens. Darin lagen Ketten aus Korallen und Schmuck aus falschen Amethysten. Aschenbach bat ihn um Auskunft über den unangenehmen Geruch. Der Mann sah ihn mit schweren Augen prüfend an. Dann wurde er schnell lebhaft.

»Eine Vorsichtsmaßnahme, mein Herr!«, antwortete er und machte lebhafte Gesten dazu. »Eine Anordnung der Polizei, die man richtig finden muss. Dieses Wetter drückt, und der Scirocco ist nicht gut für die Gesundheit. Kurz, Sie verstehen, eine vielleicht übertriebene Vorsicht…«

Aschenbach dankte ihm und ging weiter. Auch auf dem Dampfer, der ihn zum Lido zurückbrachte, spürte er jetzt den Geruch des Mittels gegen die Bakterien.

Zurück im Hotel ging er sofort in die Halle zum Zeitungstisch. Er sah sich die Zeitungen an. In den Zeitungen in fremden Sprachen fand er nichts. Die Zeitungen aus seiner Heimat berichteten von Gerüchten. Sie nannten Zahlen, die sich immer wieder änderten. Sie zitierten amtliche Erklärungen, die alles bestritten. Und sie zweifelten daran, dass diese Erklärungen wahr waren. So verstand er nun, warum die deutschen und österreichischen Gäste wegfuhren. Die Menschen aus den anderen Ländern wussten offenbar nichts. Sie ahnten nichts und waren noch nicht beunruhigt.

»Man soll schweigen!«, dachte Aschenbach erregt und warf die Zeitungen auf den Tisch zurück. »Man soll das verschweigen!«

Aber zugleich füllte sich sein Herz mit Zufriedenheit über das Abenteuer, in das die Welt draußen geraten wollte. Denn der Leidenschaft passt, wie dem Verbrechen, die sichere Ordnung des Alltags nicht. Auch der Wohlstand des Alltags passt ihr nicht. Jede Schwäche der bürgerlichen Ordnung muss ihr willkommen sein. Jede Verwirrung und jedes Unglück der Welt muss ihr willkommen sein. Denn sie hofft, ohne es klar zu wissen, dass sie dabei einen Vorteil findet. So fühlte Aschenbach eine dunkle Zufriedenheit über das, was in den schmutzigen Gassen Venedigs geschah. Die Behörden versteckten es. Es war das schlimme Geheimnis der Stadt. Und es wurde eins mit seinem eigenen, ganz persönlichen Geheimnis. Auch ihm lag sehr viel daran, dass es ein Geheimnis blieb. Denn der Verliebte fürchtete nur eines: dass Tadzio wegfahren könnte. Und mit großem Schrecken erkannte er, dass er dann nicht mehr wüsste, wie er leben sollte.

In letzter Zeit genügte es ihm nicht mehr, den schönen Jungen durch die tägliche Ordnung und durch Glück zu sehen. Er folgte ihm, er verfolgte ihn. Sonntags zum Beispiel kamen die Polen nie an den Strand. Er erriet, dass sie in San Marco zur Messe gingen. Er eilte dorthin. Aus der Hitze des Platzes trat er in das goldene Halbdunkel der Kirche. Dort fand er den, den er vermisst hatte. Der Junge war beim Gottesdienst über eine Bank zum Beten gebeugt. Aschenbach stand im Hintergrund auf dem alten Mosaikboden, der viele Risse hatte. Um ihn herum knieten Menschen, beteten leise und machten das Zeichen des Kreuzes. Die schwere, dichte Pracht des orientalischen Tempels lag schwer und reich auf seinen Sinnen. Vorne ging der reich geschmückte Priester hin und her. Er tat seine Arbeit am Altar und sang. Weihrauch stieg auf und legte sich wie Nebel um die schwachen kleinen Flammen der Altarkerzen. Und in den dumpfen, süßen Duft des Opfers schien sich leise ein anderer zu mischen: der Geruch der kranken Stadt. Aber durch Rauch und Glitzern sah Aschenbach, wie der Schöne dort vorne den Kopf drehte. Er suchte ihn und sah ihn.

Dann strömte die Menge durch die offenen Türen hinaus auf den hellen Platz voller Tauben. Der Verliebte versteckte sich in der Vorhalle und wartete dort heimlich. Er sah die Polen aus der Kirche kommen. Er sah, wie die Geschwister sich feierlich von der Mutter verabschiedeten. Die Mutter ging nach Hause und wandte sich zur Piazzetta. Er stellte fest, dass der Schöne, die Schwestern und die Gouvernante nach rechts gingen. Die Schwestern sahen aus wie Nonnen. Sie gingen durch das Tor des Uhrturms und in die Merceria. Aschenbach ließ ihnen etwas Vorsprung. Dann folgte er ihnen heimlich auf ihrem Spaziergang durch Venedig.

Er musste stehen bleiben, wenn sie stehen blieben. Wenn sie umkehrten, musste er in kleine Gaststätten und Höfe fliehen, damit sie an ihm vorbeigingen. Er verlor sie. Heiß und erschöpft suchte er sie über Brücken und in schmutzigen Sackgassen. Manchmal sah er sie plötzlich in einem engen Durchgang auf sich zukommen. Dort konnte er nicht ausweichen. Dann litt er Minuten tödlicher Qual. Trotzdem kann man nicht sagen, dass er litt. Kopf und Herz waren ihm wie betrunken. Und seine Schritte folgten den Befehlen des Dämons. Diesem Dämon macht es Freude, die Vernunft und die Würde des Menschen mit Füßen zu treten.

Irgendwo stiegen Tadzio und seine Familie dann in eine Gondel. Aschenbach hatte sich hinter einer Hausecke oder einem Brunnen versteckt, während sie einstiegen. Kurz nachdem sie vom Ufer weggefahren waren, tat er das Gleiche. Er sprach schnell und leise mit dem Gondolier. Er versprach ihm ein großzügiges Trinkgeld. Dafür sollte er jener Gondel folgen, die gerade dort um die Ecke bog. Er sollte es unauffällig tun und mit etwas Abstand. Und es lief Aschenbach ein Schauer über den Rücken, als der Mann antwortete. Er tat es mit der schlauen Bereitschaft eines Menschen, der solche heimlichen Aufträge gut kennt. Im gleichen leisen Ton versicherte er ihm, dass er bedient werde, gewissenhaft bedient.

So fuhr und schaukelte Aschenbach dahin und lehnte in weichen, schwarzen Kissen. Er folgte dem anderen schwarzen Boot mit dem spitzen Schnabel. An seine Spur band ihn die Leidenschaft. Manchmal verschwand es aus seinem Blick. Dann fühlte er Kummer und Unruhe. Aber sein Gondolier schien in solchen Aufträgen gut geübt zu sein. Er fuhr schlau, schnell quer über die Kanäle und auf kürzeren Wegen. So brachte er ihm das gesuchte Boot immer wieder vor Augen. Die Luft war still und voller Gerüche. Schwer brannte die Sonne durch die feuchte, dicke Luft, die den Himmel dunkelgrau färbte. Das Wasser schlug leise gegen Holz und Stein. Der Gondolier rief, halb als Warnung und halb als Gruß. Aus der Ferne, aus der Stille des Labyrinths, kam eine Antwort, nach einer seltsamen Abmachung.

Aus kleinen, hoch liegenden Gärten hingen Blüten über alte, brüchige Mauern, weiß und violett, und sie dufteten nach Mandeln. Arabische Fensterrahmen spiegelten sich im trüben Wasser. Die Marmorstufen einer Kirche führten hinunter ins Wasser. Ein Bettler saß darauf und klagte über seine Not. Er hielt seinen Hut hin und zeigte das Weiße seiner Augen, als wäre er blind. Ein Händler mit alten Sachen stand vor seinem dunklen Laden. Mit sehr unterwürfigen Gesten lud er den Vorbeifahrenden ein, bei ihm zu halten. Er hoffte, ihn zu betrügen. Das war Venedig, die schmeichelnde und verdächtige Schöne. Diese Stadt war halb Märchen und halb Falle für Fremde. In ihrer schlechten, faulen Luft war früher die Kunst wild und reich gewachsen. Und sie hatte den Musikern Klänge geschenkt, die sanft wiegen und auf verführerische Weise müde machen. Dem Abenteurer war es, als tränke sein Auge diese Pracht. Es war ihm, als würden solche Melodien seinem Ohr schmeicheln. Er erinnerte sich auch daran, dass die Stadt krank war. Und er wusste, dass sie es aus Gier nach Geld verheimlichte. Da sah er noch wilder nach der Gondel, die vor ihm dahinfuhr.

So wusste und wollte der Verwirrte nichts anderes mehr. Er wollte nur noch ohne Pause dem Menschen folgen, der ihn so brennen ließ. Er wollte von ihm träumen, wenn er nicht da war. Und wie alle Liebenden sprach er zärtliche Worte zu seinem bloßen Schattenbild. Die Einsamkeit, die Fremde und das Glück eines späten, tiefen Rausches machten ihm Mut. Sie überredeten ihn, sich auch das Seltsamste zu erlauben, ohne Scheu und ohne rot zu werden. So war es einmal geschehen, dass er spät am Abend von Venedig zurückkam. Im ersten Stock des Hotels blieb er an der Zimmertür des schönen Jungen stehen. Ganz betrunken von seinem Gefühl lehnte er die Stirn an den Türrahmen. Lange konnte er sich nicht davon trennen. Dabei riskierte er, in einer so verrückten Lage gesehen und ertappt zu werden.

Trotzdem gab es auch Augenblicke, in denen er anhielt und halb wieder klar dachte. »Auf welchen Wegen!«, dachte er dann erschrocken. »Auf welchen Wegen!« Er war ein Mann mit großen natürlichen Verdiensten. Solche Männer interessieren sich auf aristokratische Art für ihre Herkunft. Wie sie war er es gewohnt, bei seinen Leistungen und Erfolgen an seine Vorfahren zu denken. Im Geist versicherte er sich ihrer Zustimmung, ihrer Zufriedenheit und ihrer Achtung, die sie ihm geben mussten. An sie dachte er auch jetzt und hier. Dabei war er in ein so unerlaubtes Erlebnis geraten. Er war in so fremden, maßlosen Gefühlen gefangen. Er dachte an ihre würdige Strenge und an ihre anständige Männlichkeit. Und er lächelte traurig. Was würden sie sagen?

Aber was hätten sie wohl zu seinem ganzen Leben gesagt? Es war so weit von ihrem Leben abgewichen, dass es schon fast krankhaft geworden war. Es war ein Leben unter der Macht der Kunst. Er selbst hatte als junger Mann im bürgerlichen Geist seiner Väter spöttisch darüber gesprochen. Und doch war es im Grunde ihrem Leben so ähnlich gewesen! Auch er hatte gedient. Auch er hatte sich in harter Disziplin geübt. Auch er war Soldat und Krieger gewesen wie manche von ihnen. Denn die Kunst war ein Krieg, ein Kampf, der alle Kräfte kostete. Für diesen Kampf war man heute nicht lange stark genug. Es war ein Leben gewesen, in dem er sich immer wieder selbst besiegt hatte, ein Leben des »Trotzdem«. Es war ein strenges, festes Leben ohne Genuss. Er hatte es zum Symbol für ein zartes, modernes Heldentum gemacht. Er durfte es wohl männlich und tapfer nennen.

Und es schien ihm, als passte der Eros, der ihn beherrschte, irgendwie besonders gut zu einem solchen Leben. Es schien ihm, als würde der Gott ein solches Leben besonders mögen. Hatte Eros nicht bei den tapfersten Völkern ganz besonders hohes Ansehen gehabt? Ja, hieß es nicht, dass er durch Tapferkeit in ihren Städten geblüht hatte? Viele Kriegshelden der alten Zeit hatten sein Joch gern getragen. Denn nichts, was der Gott von ihnen verlangte, galt als Schande. Es gab Taten, die man sonst Feigheit genannt hätte, wenn sie anderen Zwecken gedient hätten. Dazu gehörte es, auf die Knie zu fallen, zu schwören, dringend zu bitten und sich wie ein Sklave zu verhalten. Doch dem Liebenden brachten diese Taten keine Schande. Im Gegenteil, man lobte ihn noch dafür.

So dachte der Verliebte. So versuchte er, sich zu stützen und seine Würde zu bewahren. Aber zugleich richtete er ständig eine suchende und sture Aufmerksamkeit auf die unsauberen Vorgänge im Inneren Venedigs. Das war das Abenteuer der Welt draußen. Es floss dunkel mit dem Abenteuer seines Herzens zusammen. Und es fütterte seine Leidenschaft mit unklaren, wilden Hoffnungen, die kein Gesetz kannten. Er wollte unbedingt Neues und Sicheres über den Stand des Übels erfahren. Er wollte wissen, ob es sich ausbreitete. Darum durchsuchte er in den Kaffeehäusern der Stadt die Zeitungen aus seiner Heimat. Denn vom Lesetisch in der Hotelhalle waren sie seit einigen Tagen verschwunden. Darin wechselten sich Behauptungen und das Gegenteil davon ab. Die Zahl der Kranken und der Toten sollte zwanzig, vierzig, ja hundert und mehr betragen. Gleich danach wurde wieder jedes Auftreten der Seuche bestritten. Oder man sagte, es seien nur ganz einzelne Fälle, die von außen gekommen seien. Dazwischen standen warnende Bedenken. Es gab Proteste gegen das gefährliche Spiel der italienischen Behörden. Sicherheit war nicht zu bekommen.

Trotzdem fühlte der Einsame, dass er ein besonderes Recht hatte, an dem Geheimnis teilzuhaben. Zwar war er davon ausgeschlossen. Aber er fand eine seltsame Befriedigung darin, den Wissenden schwierige Fragen zu stellen. Sie hielten alle zusammen und schwiegen. Und er zwang sie, ihn ausdrücklich anzulügen. Eines Tages sprach er so beim Frühstück im großen Speisesaal den Manager an. Das war der kleine, leise gehende Mann im langen Rock nach französischer Mode. Er ging grüßend und aufpassend zwischen den Gästen umher. Auch an Aschenbachs Tischchen blieb er stehen, um ein wenig zu reden. Der Gast fragte ihn locker und nebenbei: Warum desinfizierte man eigentlich seit einiger Zeit Venedig? Warum in aller Welt?

»Es handelt sich«, antwortete der Mann, der so leise schlich, »um eine Maßnahme der Polizei. Durch das schwüle und ungewöhnlich warme Wetter könnten allerlei Unannehmlichkeiten entstehen. Es könnte Störungen der öffentlichen Gesundheit geben. Die Maßnahme soll das pflichtgemäß und rechtzeitig verhindern.«

»Die Polizei ist zu loben«, antwortete Aschenbach.

Sie sprachen noch ein paar Worte über das Wetter. Dann verabschiedete sich der Manager.

Noch am selben Tag, am Abend nach dem Diner, kam eine kleine Gruppe von Straßensängern aus der Stadt. Sie trat im Vorgarten des Hotels auf. Es waren zwei Männer und zwei Frauen. Sie standen am eisernen Mast einer Bogenlampe. Ihre Gesichter, hell vom weißen Licht, wandten sie zur großen Terrasse hinauf. Dort saßen die Gäste bei Kaffee und kühlen Getränken und ließen sich die volkstümliche Vorführung gefallen. Das Personal des Hotels hörte an den Türen zur Halle zu. Da standen Liftboys, Kellner und Angestellte aus dem Büro. Die russische Familie genoss alles eifrig und genau. Sie hatte sich Rohrstühle hinunter in den Garten stellen lassen, um den Musikern näher zu sein. Dort saß sie dankbar im Halbkreis. Hinter den Herrschaften stand ihre alte, sehr unterwürfige Dienerin mit einem Kopftuch wie ein Turban.

Die armen Musiker spielten auf einer Mandoline, einer Gitarre, einer Harmonika und einer quietschenden Geige. Musikstücke ohne Gesang wechselten mit Liedern ab. Die jüngere der beiden Frauen hatte eine scharfe, hässliche Stimme. Sie sang mit dem Tenor, der süß und sehr hoch sang, ein sehnsüchtiges Liebesduett. Aber das eigentliche Talent und der Chef der Gruppe war deutlich der andere Mann. Er spielte die Gitarre und war eine Art komischer Sänger mit tiefer Stimme. Er hatte fast keine Stimme, aber er konnte großartig mit Gesicht und Körper spielen. Und er hatte eine erstaunliche komische Energie. Oft löste er sich mit seinem großen Instrument im Arm von den anderen. Spielend kam er nach vorne bis an den Rand, wie auf einer Bühne. Dort belohnte man seine Späße mit fröhlichem Lachen. Besonders die Russen auf ihren Plätzen unten waren begeistert von so viel südlicher Lebhaftigkeit. Mit Beifall und Zurufen ermutigten sie ihn, immer frecher und sicherer aus sich herauszugehen.

Aschenbach saß am Geländer der Terrasse. Ab und zu kühlte er seine Lippen mit einer Mischung aus Granatapfelsaft und Soda. Dunkelrot funkelte sie vor ihm im Glas. Seine Nerven nahmen die einfachen Klänge gierig auf, die gewöhnlichen und sehnsüchtigen Melodien. Denn die Leidenschaft macht den feinen Geschmack schwach. Sie nimmt Reize ganz ernst, über die ein nüchterner Mensch lachen würde. Oder er würde sie unwillig ablehnen. Durch die Sprünge des Spaßmachers war auf Aschenbachs Gesicht ein starres Lächeln entstanden. Dieses Lächeln tat ihm schon weh. Er saß locker da. Aber innerlich war er aufs Äußerste gespannt und aufmerksam. Denn sechs Schritte von ihm entfernt lehnte Tadzio am steinernen Geländer.

Er stand dort in dem weißen Anzug mit Gürtel, den er manchmal zur Hauptmahlzeit trug. Er bewegte sich ganz natürlich schön, und das konnte er nicht verlieren. Den linken Unterarm hatte er auf das Geländer gelegt. Die Füße waren gekreuzt, und die rechte Hand lag an der Hüfte. Er blickte zu den Straßensängern hinunter. Sein Gesichtsausdruck war kaum ein Lächeln. Er zeigte nur eine ferne Neugier und eine höfliche Aufmerksamkeit. Manchmal richtete er sich gerade auf. Dann zog er mit einer schönen Bewegung beider Arme die weiße Jacke unter dem Ledergürtel glatt.

Manchmal aber drehte er auch den Kopf über die linke Schulter. Er tat es zögernd und vorsichtig, oder auch schnell und plötzlich, als wollte er jemanden überraschen. Er blickte zu dem Platz, an dem sein Bewunderer saß. Der Alternde bemerkte es mit Triumph, und seine Vernunft schwankte dabei. Und er bemerkte es auch mit Schrecken. Der Junge fand Aschenbachs Augen nicht. Denn eine beschämende Sorge zwang den Verwirrten, seine Blicke ängstlich zu kontrollieren. Hinten auf der Terrasse saßen die Frauen, die auf Tadzio aufpassten. Und es war so weit gekommen, dass der Verliebte fürchten musste, aufgefallen zu sein. Er fürchtete, dass man ihn verdächtigte.

Ja, mehrmals hatte er etwas bemerken müssen, und dabei war er fast steif und kalt geworden. Am Strand, in der Hotelhalle und auf der Piazza San Marco hatte man Tadzio aus seiner Nähe zurückgerufen. Man achtete darauf, ihn von Aschenbach fernzuhalten. Das musste er als schreckliche Beleidigung empfinden. Sein Stolz litt darunter unbekannte Qualen. Aber sein Gewissen hinderte ihn daran, diese Beleidigung zurückzuweisen.

Inzwischen hatte der Gitarrist ein Solo begonnen und begleitete sich selbst. Es war ein beliebtes Straßenlied mit mehreren Strophen, das man gerade in ganz Italien sang. Beim Refrain fiel seine Gruppe jedes Mal mit Gesang und allen Instrumenten ein. Er trug das Lied sehr lebendig und dramatisch vor. Er war schmal gebaut, und auch sein Gesicht war mager und eingefallen. Er stand getrennt von den anderen auf dem Kies, in einer frechen, mutigen Haltung. Den schäbigen Filzhut hatte er in den Nacken geschoben. Darum kamen unter dem Rand dicke rote Haare hervor. Zum Klang der Saiten warf er seine Späße zur Terrasse hinauf, halb sprechend und halb singend. Vor Anstrengung schwollen dabei die Adern auf seiner Stirn.

Er schien nicht aus Venedig zu sein. Er war eher von der Art der Komiker aus Neapel. Er war halb Zuhälter, halb Komödiant, brutal und kühn, gefährlich und unterhaltsam. Der Text seines Liedes war nur albern. Aber in seinem Mund bekam es etwas mit zwei Bedeutungen, etwas unklar Unanständiges. Das kam von seinem Gesicht, das ständig spielte, und von seinen Körperbewegungen. Es kam auch davon, dass er vielsagend zwinkerte und die Zunge glatt im Mundwinkel spielen ließ. Er trug ein Sporthemd mit weichem Kragen zu sonst städtischer Kleidung. Aus dem Kragen wuchs sein magerer Hals mit einem auffallend großen und nackt wirkenden Adamsapfel. Sein Gesicht war bleich und hatte eine stumpfe Nase. Es war bartlos, und man konnte sein Alter schwer schätzen. Grimassen und Laster schienen tiefe Linien hineingezogen zu haben. Zwischen seinen rötlichen Augenbrauen standen zwei Falten, trotzig, herrisch, fast wild. Seltsam passten sie zum Grinsen seines beweglichen Mundes.

Aber etwas anderes lenkte die tiefe Aufmerksamkeit des Einsamen eigentlich auf ihn. Er bemerkte, dass diese verdächtige Figur auch ihre eigene verdächtige Luft mit sich zu tragen schien. Jedes Mal, wenn der Refrain wieder begann, machte der Sänger einen grotesken Rundgang. Er machte dabei Späße und schüttelte grüßend Hände. Dieser Rundgang führte ihn direkt unter Aschenbachs Platz vorbei. Und jedes Mal, wenn das geschah, stieg eine Wolke von starkem Karbolgeruch zur Terrasse hinauf. Sie kam von seinen Kleidern und von seinem Körper.

Nach dem Lied begann er, Geld zu sammeln. Er fing bei den Russen an, die gern gaben. Dann kam er die Stufen herauf. So frech er sich bei der Vorführung benommen hatte, so demütig zeigte er sich hier oben. Er verbeugte sich immer wieder tief und schlich zwischen den Tischen umher. Ein Lächeln voll falscher, unterwürfiger Freundlichkeit zeigte seine starken Zähne. Doch die beiden Falten standen immer noch drohend zwischen seinen roten Brauen. Die Leute betrachteten das fremde Wesen, das hier seinen Lebensunterhalt sammelte, mit Neugier und etwas Ekel. Mit spitzen Fingern warfen sie Münzen in seinen Filzhut. Sie passten auf, ihn nicht zu berühren. Wenn der körperliche Abstand zwischen dem Komödianten und den feinen Leuten verschwindet, entsteht immer eine gewisse Verlegenheit. Das ist so, auch wenn das Vergnügen noch so groß ist. Er fühlte diese Verlegenheit und versuchte, sich durch sehr unterwürfiges Verhalten zu entschuldigen. Er kam zu Aschenbach, und mit ihm kam der Geruch. Niemand ringsum schien sich darüber Gedanken zu machen.

»Hör mal!«, sagte der Einsame leise und fast mechanisch. »Man desinfiziert Venedig. Warum?«

Der Spaßmacher antwortete heiser: »Wegen der Polizei! Das ist Vorschrift, mein Herr, bei solcher Hitze und bei Scirocco. Der Scirocco drückt. Er ist nicht gut für die Gesundheit…« Er sprach, als wunderte er sich, dass man so etwas fragen konnte. Mit der flachen Hand zeigte er, wie sehr der Scirocco drückte.

»Es gibt also kein Übel in Venedig?«, fragte Aschenbach sehr leise und zwischen den Zähnen.

Das muskulöse Gesicht des Spaßmachers wurde zu einer Grimasse komischer Ratlosigkeit. »Ein Übel? Aber was für ein Übel? Ist der Scirocco ein Übel? Ist vielleicht unsere Polizei ein Übel? Sie machen wohl Spaß! Ein Übel! Was denn noch! Eine Vorsichtsmaßnahme, verstehen Sie doch! Eine Anordnung der Polizei gegen die Wirkungen des drückenden Wetters…« Er machte Gesten dazu.

»Es ist gut«, sagte Aschenbach wieder kurz und leise. Schnell ließ er ein unpassend großes Geldstück in den Hut fallen. Dann gab er dem Mann mit den Augen ein Zeichen, zu gehen.

Der Mann gehorchte grinsend und verbeugte sich mehrmals. Aber er hatte die Treppe noch nicht erreicht, als zwei Angestellte des Hotels sich auf ihn stürzten. Sie hielten ihre Gesichter dicht an seines und verhörten ihn flüsternd. Er zuckte mit den Schultern und versicherte etwas. Er schwor, dass er geschwiegen habe. Man sah es ihm an. Sie ließen ihn los, und er kehrte in den Garten zurück. Unter der Bogenlampe sprach er kurz mit seiner Gruppe. Dann trat er noch einmal vor, um ein Lied zum Dank und zum Abschied zu singen.

Der Einsame erinnerte sich nicht, dieses Lied jemals gehört zu haben. Es war ein freches Lied in einem Dialekt, den man nicht verstand. Es hatte einen Refrain, der aus Lachen bestand. In diesen Refrain fiel die ganze Gruppe jedes Mal aus vollem Hals ein. Dann hörten die Worte und auch die Instrumente auf. Es blieb nur ein Lachen übrig, irgendwie im Rhythmus geordnet, aber sehr natürlich. Besonders der Solist konnte es mit großem Talent täuschend lebendig machen. Der künstlerische Abstand zwischen ihm und den Herrschaften war jetzt wieder da. Darum hatte er seine ganze Frechheit wiedergefunden. Sein künstliches Lachen schickte er unverschämt zur Terrasse hinauf. Es war ein Lachen voll Spott.

Schon gegen Ende des gesungenen Teils der Strophe schien er gegen einen starken Drang zum Lachen zu kämpfen. Er schluchzte, und seine Stimme schwankte. Er drückte die Hand gegen den Mund und drehte die Schultern. Im richtigen Augenblick brach das wilde Lachen aus ihm heraus. Es heulte und platzte aus ihm hervor, und es klang so echt, dass es ansteckte. Es übertrug sich auf die Zuhörer. Auch auf der Terrasse breitete sich eine Heiterkeit aus, die keinen Grund hatte und nur von sich selbst lebte. Gerade das schien die wilde Freude des Sängers zu verdoppeln. Er beugte die Knie und schlug sich auf die Oberschenkel. Er hielt sich die Seiten, als wollte er vor Lachen platzen. Er lachte nicht mehr, er schrie. Er zeigte mit dem Finger nach oben. Es war, als gäbe es nichts Komischeres als die lachende Gesellschaft dort oben. Und am Ende lachten alle im Garten und auf der Veranda, sogar die Kellner, Liftboys und Hausdiener in den Türen.

Aschenbach ruhte nicht mehr in seinem Stuhl. Er saß aufrecht, als wollte er sich wehren oder fliehen. Aber das Lachen, der Krankenhausgeruch, der heraufwehte, und die Nähe des Schönen verbanden sich für ihn zu einem Traumzauber. Dieser Zauber hielt seinen Kopf und seine Sinne gefangen. Er konnte ihn nicht zerreißen und ihm nicht entkommen. In der allgemeinen Bewegung und Unruhe wagte er es, zu Tadzio hinüberzublicken. Dabei durfte er bemerken, dass der Schöne seinen Blick zurückgab und ebenfalls ernst blieb. Es war, als richtete er sein Verhalten und sein Gesicht nach dem anderen. Die allgemeine Stimmung schien keine Macht über ihn zu haben, weil der andere sich ihr entzog. Dieser kindliche, bedeutungsvolle Gehorsam war so rührend und überwältigend, dass Aschenbach sich kaum beherrschen konnte. Der Grauhaarige hätte fast sein Gesicht in den Händen versteckt.

Es war ihm auch so vorgekommen, als ob Tadzios gelegentliches Aufrichten und tiefes Atmen ein Seufzen bedeutete. Vielleicht war es ein Druck auf der Brust. »Er ist kränklich, er wird wahrscheinlich nicht alt werden«, dachte er wieder. Er dachte es mit jener nüchternen Sachlichkeit, in die Rausch und Sehnsucht manchmal seltsam ausbrechen. Und reine Fürsorge erfüllte sein Herz, und zugleich eine maßlose Befriedigung.

Die Musiker aus Venedig hatten inzwischen aufgehört und zogen ab. Beifall begleitete sie. Ihr Anführer schmückte auch noch seinen Abgang mit Späßen aus. Man lachte über seine Verbeugungen und seine Kusshände, und darum machte er doppelt so viele. Als die anderen schon draußen waren, tat er so, als würde er rückwärts schmerzhaft gegen einen Lampenmast laufen. Dann schlich er scheinbar krumm vor Schmerzen zum Tor. Dort warf er plötzlich die Maske des komischen Pechvogels ab. Er richtete sich auf, ja er sprang leicht in die Höhe. Frech streckte er den Gästen auf der Terrasse die Zunge heraus und verschwand im Dunkel.

Die Badegäste gingen auseinander. Tadzio stand schon lange nicht mehr am Geländer. Aber der Einsame saß noch lange an seinem Tischchen, bei dem Rest seines Granatapfelgetränks. Die Kellner wunderten sich darüber. Die Nacht ging weiter, die Zeit zerfiel. Im Haus seiner Eltern hatte es vor vielen Jahren eine Sanduhr gegeben. Plötzlich sah er das zerbrechliche, bedeutungsvolle kleine Gerät wieder, als stünde es vor ihm. Lautlos und fein lief der rostrote Sand durch die enge Stelle im Glas. Und weil er oben zu Ende ging, hatte sich dort ein kleiner, schneller Wirbel gebildet.

Schon am nächsten Tag, am Nachmittag, machte der sture Mann einen neuen Schritt. Er wollte die Welt draußen auf die Probe stellen. Und diesmal hatte er vollen Erfolg. Er ging vom Markusplatz in das englische Reisebüro, das dort lag. An der Kasse wechselte er etwas Geld. Dann stellte er mit dem Gesicht eines misstrauischen Fremden dem Angestellten, der ihn bediente, seine schicksalhafte Frage. Es war ein Engländer in Kleidern aus Wolle, noch jung. Er trug das Haar in der Mitte geteilt, und seine Augen lagen nah beieinander. Er hatte jene ruhige, treue Ehrlichkeit, die im schlauen, schnellen Süden so fremd und merkwürdig wirkt.

Er begann: »Kein Grund zur Sorge, Sir. Eine Maßnahme ohne ernste Bedeutung. Solche Anordnungen werden oft getroffen. Sie sollen den schädlichen Wirkungen der Hitze und des Scirocco vorbeugen…«

Aber dann hob er seine blauen Augen und begegnete dem Blick des Fremden. Es war ein müder und etwas trauriger Blick. Mit leichter Verachtung war er auf seine Lippen gerichtet. Da wurde der Engländer rot.

»Das ist«, fuhr er halblaut und etwas bewegt fort, »die amtliche Erklärung. Man hält es hier für richtig, darauf zu bestehen. Ich will Ihnen sagen, dass noch etwas anderes dahintersteckt.«

Und dann sagte er in seiner ehrlichen, ruhigen Sprache die Wahrheit.

Seit mehreren Jahren zeigte die indische Cholera eine immer stärkere Neigung, sich auszubreiten und zu wandern. Sie war in den warmen Sümpfen des Ganges-Deltas entstanden. Dort liegt ein wildes, nutzloses Land aus Inseln und sehr alten Wäldern. Alles wächst dort zu dicht, und die Menschen gehen nicht dorthin. Im dichten Bambus versteckt sich der Tiger. Mit dem giftigen Atem dieses Landes war die Seuche aufgestiegen. In ganz Hindustan war sie lange Zeit besonders wild und heftig gewesen. Dann hatte sie sich nach Osten bis China verbreitet, nach Westen bis Afghanistan und Persien. Sie war den wichtigsten Handelsstraßen gefolgt. So hatte sie ihre Schrecken bis Astrachan getragen, ja sogar bis Moskau. Europa zitterte vor Angst, dass dieser böse Geist von dort über das Land kommen könnte. Aber syrische Händler hatten die Seuche inzwischen über das Meer gebracht. Fast gleichzeitig war sie in mehreren Häfen am Mittelmeer aufgetaucht. In Toulon und Malaga hatte sie ihren Kopf erhoben. In Palermo und Neapel hatte sie mehrmals ihre Maske gezeigt. Und aus ganz Calabrien und Apulien schien sie nicht mehr weggehen zu wollen. Nur der Norden der Halbinsel war frei geblieben. Doch Mitte Mai dieses Jahres fand man in Venedig an ein und demselben Tag die furchtbaren Vibrionen. Man fand sie in zwei toten Körpern, die sehr mager und fast schwarz waren. Der eine war ein Helfer auf einem Boot, die andere eine Frau, die Gemüse verkaufte. Man hielt die Fälle geheim. Aber nach einer Woche waren es zehn, dann zwanzig, dann dreißig. Und sie kamen aus verschiedenen Stadtteilen. Ein Mann aus der österreichischen Provinz hatte zu seinem Vergnügen einige Tage in Venedig verbracht. Er fuhr in seine kleine Heimatstadt zurück und starb dort. Die Zeichen der Krankheit waren ganz eindeutig. So kamen die ersten Gerüchte über das Unglück der Stadt in der Lagune in deutsche Zeitungen. Die Behörden von Venedig ließen antworten, die Gesundheit in der Stadt sei nie besser gewesen. Gleichzeitig trafen sie die nötigsten Maßnahmen gegen die Krankheit. Aber wahrscheinlich trugen Lebensmittel die Krankheit in sich, Gemüse, Fleisch oder Milch. Denn obwohl man alles bestritt und versteckte, fraß sich das Sterben in den engen Gassen weiter. Die Sommerhitze war zu früh gekommen und machte das Wasser der Kanäle warm. Das half der Seuche besonders, sich zu verbreiten. Ja, es schien, als hätte die Seuche neue Kraft bekommen. Ihre Erreger schienen doppelt so stark zu sein und sich doppelt so schnell zu vermehren. Nur sehr wenige Kranke wurden wieder gesund. Achtzig von hundert Kranken starben, und zwar auf schreckliche Weise. Denn das Übel kam mit größter Wildheit. Oft zeigte es seine gefährlichste Form, die man »die trockene« nennt. Dabei kam sehr viel Wasser aus den Adern. Aber der Körper konnte es nicht einmal nach außen bringen. Innerhalb weniger Stunden trocknete der Kranke aus. Sein Blut wurde ganz dick und klebrig, und er erstickte daran. Dabei zuckte sein Körper vor Schmerzen, und er klagte heiser. Gut für ihn, wenn die Krankheit nach leichter Übelkeit als tiefe Ohnmacht ausbrach. Das geschah manchmal. Aus dieser Ohnmacht wachte er dann nicht mehr oder kaum noch auf. Anfang Juni füllten sich still die Isolierbaracken des Ospedale civico. In den beiden Häusern für Kinder ohne Eltern wurde der Platz knapp. Und zwischen dem Kai der neuen Fundamente und San Michele, der Friedhofsinsel, herrschte ein unheimlich lebhafter Verkehr. Aber die Stadt fürchtete großen Schaden für alle. Man dachte an die Kunstausstellung, die vor Kurzem in den öffentlichen Gärten eröffnet worden war. Und man dachte an die riesigen Verluste bei einer Panik und einem schlechten Ruf. Diese Verluste drohten den Hotels, den Geschäften und dem ganzen vielfältigen Geschäft mit den Fremden. Diese Angst war in der Stadt stärker als die Liebe zur Wahrheit. Sie war auch stärker als der Respekt vor internationalen Verträgen. So brachte sie die Behörden dazu, stur weiter zu schweigen und alles abzustreiten. Der oberste Arzt der Stadt Venedig, ein Mann mit großen Verdiensten, war wütend von seinem Amt zurückgetreten. Heimlich hatte man ihn durch einen Mann ersetzt, der leichter gehorchte. Das Volk wusste das. Die Mächtigen waren korrupt, und alles war unsicher. Der Tod ging in der Stadt um und hatte sie in einen Ausnahmezustand gebracht. Darum wurde bei den einfachen Leuten die Moral schlechter. Dunkle, böse Wünsche gegen die Gemeinschaft wurden stärker. Viele kannten kein Maß und keine Scham mehr, und es gab immer mehr Verbrechen. Anders als sonst sah man abends viele Betrunkene. Man erzählte, dass böse Gestalten nachts die Straßen unsicher machten. Immer wieder gab es Überfälle und sogar Morde. Denn schon zweimal hatte sich gezeigt, dass angebliche Opfer der Seuche in Wahrheit vergiftet worden waren. Ihre eigenen Verwandten hatten sie mit Gift getötet. Und die Prostitution wurde aufdringlich und maßlos. Sie nahm Formen an, die man hier sonst nicht kannte. Man kannte sie nur aus dem Süden des Landes und aus dem Orient.

Das Entscheidende von diesen Dingen sprach der Engländer offen aus. »Sie täten gut daran«, sagte er am Ende, »lieber heute als morgen wegzufahren. Länger als ein paar Tage wird die Sperre kaum noch auf sich warten lassen.«

»Danke Ihnen«, sagte Aschenbach und verließ das Büro.

Auf dem Platz war es feucht und heiß, aber ohne Sonne. Fremde, die nichts wussten, saßen vor den Cafés. Andere standen vor der Kirche, ganz von Tauben bedeckt. Sie sahen zu, wie die vielen Tiere durcheinanderliefen, mit den Flügeln schlugen und einander wegdrängten. Die Tauben pickten nach den Maiskörnern, die man ihnen in hohlen Händen hinhielt. Der Einsame ging auf den Steinplatten des prächtigen Platzes auf und ab. Er war erregt wie im Fieber und triumphierte, weil er die Wahrheit besaß. Dabei hatte er einen Geschmack von Ekel auf der Zunge und einen fantastischen Schrecken im Herzen. Er dachte an eine reinigende, anständige Tat. Heute Abend nach dem Diner konnte er zu der Frau mit den Perlen gehen. Er konnte zu ihr sprechen, und er überlegte sich die Worte genau: »Erlauben Sie einem Fremden, Madame, Ihnen mit einem Rat zu dienen. Es ist eine Warnung, die man Ihnen verschweigt, weil man nur an sich selbst denkt. Reisen Sie ab, sofort, mit Tadzio und Ihren Töchtern! Venedig ist verseucht.« Dann konnte er dem Werkzeug eines spöttischen Gottes zum Abschied die Hand auf den Kopf legen. Er konnte sich abwenden und aus diesem Sumpf fliehen. Aber zugleich fühlte er, dass er unendlich weit davon entfernt war, so einen Schritt im Ernst zu wollen. Dieser Schritt würde ihn zurückführen. Er würde ihn sich selbst zurückgeben. Aber wer außer sich ist, hasst nichts mehr, als wieder zu sich zu kommen. Er erinnerte sich an ein weißes Gebäude mit Schriften, die im Abendlicht glänzten. In ihrer durchsichtigen Mystik hatte sich das Auge seines Geistes verloren. Dann erinnerte er sich an jene seltsame Gestalt des Wanderers. Sie hatte in dem alternden Mann eine junge Sehnsucht nach der Ferne und dem Fremden geweckt. Und er dachte an die Heimkehr, an Vernunft, Nüchternheit, Mühe und Meisterschaft. Dieser Gedanke ekelte ihn so sehr, dass sein Gesicht aussah, als wäre ihm körperlich übel.

»Man soll schweigen!«, flüsterte er heftig. Und: »Ich werde schweigen!«

Er wusste, dass er das Geheimnis teilte und mitschuldig war. Dieses Bewusstsein machte ihn betrunken, so wie wenig Wein ein müdes Gehirn betrunken macht. Das Bild der kranken Stadt, um die sich niemand mehr kümmerte, stand wild vor seinem Geist. Es weckte in ihm Hoffnungen, die man nicht aussprechen kann. Sie gingen über die Vernunft hinaus und waren unglaublich süß. Was war das zarte Glück, von dem er vorhin einen Augenblick geträumt hatte, gegen diese Erwartungen? Was galten ihm noch Kunst und Tugend gegen die Vorteile des Chaos? Er schwieg und blieb.

In dieser Nacht hatte er einen furchtbaren Traum. Aber kann man das einen Traum nennen? Es war ein Erlebnis für Körper und Geist zugleich. Es geschah im tiefsten Schlaf, ganz frei, und er erlebte es mit allen Sinnen. Aber er sah sich selbst nicht im Raum, mitten unter den Ereignissen. Der Schauplatz war vielmehr seine Seele selbst. Die Ereignisse brachen von außen in sie ein. Sie warfen seinen Widerstand mit Gewalt nieder, einen tiefen, geistigen Widerstand. Sie gingen durch ihn hindurch. Und sie ließen seine Existenz, die Kultur seines Lebens, zerstört und vernichtet zurück.

Am Anfang war Angst, Angst und Lust und eine erschrockene Neugier auf das, was kommen wollte. Es war Nacht, und seine Sinne hörten genau hin. Denn von weit her kam ein wildes Durcheinander näher, ein großer Lärm aus vielen Geräuschen. Es klirrte, es dröhnte laut, und es donnerte dumpf. Dazu kamen schrille Freudenschreie und ein bestimmtes Heulen mit einem langgezogenen u-Laut. Durch alles drang ein tiefes, lockendes Flötenspiel, schamlos und ohne Pause. Es war lauter als alles, auf schreckliche und süße Weise. Auf schamlos aufdringliche Art verzauberte es den Körper bis tief in den Bauch. Aber er kannte ein Wort. Es war dunkel, doch es nannte das, was kam: »*Der fremde Gott!*« Ein rauchiges Feuer leuchtete auf. Da erkannte er eine Landschaft mit Bergen, ähnlich wie die um sein Sommerhaus. In zerrissenem Licht kam es von einem Berg mit Wald. Zwischen Baumstämmen und Felsen voller Moos rollte es sich und stürzte im Wirbel herab. Es waren Menschen und Tiere, ein Schwarm, eine wilde, schreiende Menge. Sie füllten den Hang mit Körpern, Flammen, Lärm und einem schwankenden Tanz im Kreis. Frauen stolperten über zu lange Kleider aus Fell, die ihnen vom Gürtel hingen. Sie warfen die Köpfe zurück, seufzten laut und schüttelten kleine Trommeln mit Glocken darüber. Sie schwangen Fackeln, die Funken warfen, und nackte Dolche. Manche hielten Schlangen mit zuckenden Zungen in der Mitte des Körpers fest. Andere trugen schreiend ihre Brüste in beiden Händen. Männer mit Hörnern über der Stirn trugen Pelz um die Hüften und hatten Haut voller Haare. Sie beugten den Nacken und hoben Arme und Beine. Sie schlugen laut Becken aus Metall gegeneinander und schlugen wütend auf große Trommeln. Dabei trieben glatte Knaben mit Stöcken voller Blätter Ziegenböcke an. Sie hielten sich an den Hörnern der Böcke fest. Laut vor Freude schreiend ließen sie sich von ihren Sprüngen mitziehen. Und die Begeisterten heulten den Ruf aus weichen Konsonanten mit dem langgezogenen u am Ende. Er war süß und wild zugleich, wie man noch nie einen gehört hatte. Hier klang er auf und wurde laut in die Luft gerufen, wie von Hirschen. Dort antworteten viele Stimmen darauf, in wildem Triumph. Mit diesem Ruf trieben sie einander zum Tanz an und dazu, Arme und Beine wild zu werfen. Und sie ließen ihn niemals enden. Aber der tiefe, lockende Ton der Flöte drang durch alles und beherrschte alles. Lockte er nicht auch ihn, der das alles gegen seinen Willen erlebte? Lockte er ihn nicht schamlos und ohne Pause zum Fest ohne Maß und zum äußersten Opfer? Groß war sein Ekel, groß seine Angst. Ehrlich war sein Wille, das Seine bis zuletzt zu schützen. Er wollte es gegen den Fremden schützen, gegen den Feind des ruhigen und würdigen Geistes. Aber die Bergwände warfen den Lärm und das Heulen zurück und machten sie viel lauter. Der Lärm wuchs, wurde zu stark und wurde zu einem Wahnsinn, der alles mitriss. Gerüche drückten auf seine Sinne. Da war der beißende Geruch der Böcke und der Geruch von Körpern, die schwer atmeten. Da war ein Hauch wie von faulendem Wasser. Und dazu kam noch ein anderer Geruch, der ihm vertraut war: nach Wunden und nach einer Krankheit, die sich verbreitete. Mit den Schlägen der Trommeln schlug laut sein Herz. Sein Gehirn drehte sich im Kreis. Wut packte ihn, Blindheit, eine Lust, die ihm die Sinne nahm. Und seine Seele wollte sich dem Tanz des Gottes anschließen. Das obszöne Symbol, riesig und aus Holz, wurde aufgedeckt und hochgehoben. Da heulten sie ihren Ruf noch wilder. Mit Schaum vor dem Mund rasten sie umher. Lachend und seufzend reizten sie einander mit unanständigen Gesten und gierigen Händen. Sie stießen einander die spitzen Stöcke ins Fleisch und leckten das Blut von Armen und Beinen. Aber nun war der Träumende mit ihnen und in ihnen, und er gehörte dem fremden Gott. Ja, sie waren er selbst. Sie warfen sich auf die Tiere, rissen sie auseinander und töteten sie. Sie aßen gierig Stücke Fleisch, die noch dampften. Auf dem Moos, das wild durcheinanderlag, begann eine grenzenlose Vermischung, als Opfer für den Gott. Und seine Seele schmeckte die schamlose Lust und den Wahnsinn des Untergangs.

Aus diesem Traum wachte Aschenbach auf. Seine Nerven waren kaputt, er war ganz zerstört. Ohne Kraft war er dem Dämon verfallen. Er fürchtete die beobachtenden Blicke der Menschen nicht mehr. Es war ihm gleich, ob sie ihn verdächtigten. Sie flohen ja auch, sie fuhren weg. Viele Strandhütten standen leer, und im Speisesaal gab es große Lücken. In der Stadt sah man nur noch selten einen Fremden. Die Wahrheit schien bekannt geworden zu sein. Die Geschäftsleute hielten fest zusammen, doch die Panik ließ sich nicht länger aufhalten. Aber die Frau mit den Perlen blieb mit ihrer Familie. Vielleicht kamen die Gerüchte nicht zu ihr. Vielleicht war sie auch zu stolz und ohne Angst, um vor ihnen wegzulaufen. Tadzio blieb. Und Aschenbach war so gefangen, dass er manchmal einen Gedanken hatte. Flucht und Tod könnten alles störende Leben um ihn herum entfernen. Dann bliebe er allein mit dem schönen Jungen auf dieser Insel zurück. Morgens am Meer ruhte sein Blick schwer, verantwortungslos und ohne Pause auf dem geliebten Jungen. Am Abend folgte er ihm unwürdig durch Gassen, in denen heimlich das ekelhafte Sterben umging. In solchen Momenten schien ihm das Schreckliche voller Aussichten. Und das Gesetz der Moral schien ihm nicht mehr zu gelten.

Wie jeder Liebende wollte er gefallen. Und er hatte bittere Angst, dass es nicht möglich sein könnte. Er gab seiner Kleidung junge, fröhliche Kleinigkeiten dazu. Er trug Edelsteine und benutzte Parfüm. Mehrmals am Tag brauchte er viel Zeit, um sich zurechtzumachen. Geschmückt, erregt und gespannt kam er zu Tisch. Er sah die süße Jugend, die ihn verzaubert hatte. Dann ekelte er sich vor seinem alternden Körper. Der Anblick seines grauen Haares und seiner scharfen Gesichtszüge stürzte ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, seinen Körper wieder frisch zu machen und ihn zu erneuern. Er ging oft zum Friseur des Hotels.

Er saß im Stuhl, mit einem Tuch um die Schultern, und lehnte sich zurück. Der Mann, der so viel redete, pflegte ihn mit seinen Händen. Mit gequältem Blick betrachtete Aschenbach sein Spiegelbild.

»Grau«, sagte er mit schiefem Mund.

»Ein wenig«, antwortete der Mann. »Und zwar wegen einer kleinen Nachlässigkeit. Bedeutende Menschen sind oft gleichgültig gegen äußere Dinge. Das kann man verstehen, aber man kann es nicht unbedingt loben. Und das umso weniger, weil gerade solchen Menschen Vorurteile über das Natürliche und das Künstliche nicht gut passen. Manche Leute sind sehr streng gegen die Kunst der Kosmetik. Wären sie logisch, müssten sie auch bei ihren Zähnen so streng sein. Dann würden viele Leute das gar nicht in Ordnung finden. Am Ende sind wir so alt, wie sich unser Geist und unser Herz fühlen. Graues Haar ist manchmal sogar eine größere Unwahrheit als die Korrektur, die man ablehnt. In Ihrem Fall, mein Herr, hat man ein Recht auf seine natürliche Haarfarbe. Erlauben Sie mir, Ihnen Ihre Farbe einfach zurückzugeben?«

»Wie das?«, fragte Aschenbach.

Da wusch der Mann, der so gut reden konnte, das Haar des Gastes mit zwei Arten von Wasser. Das eine war klar, das andere dunkel. Danach war das Haar schwarz wie in jungen Jahren. Dann legte er es mit der Brennschere in weiche Wellen. Er trat zurück und betrachtete den Kopf genau.

»Jetzt müsste man nur noch«, sagte er, »die Haut des Gesichts ein wenig frischer machen.«

Er war wie jemand, der nicht aufhören kann und sich nie genug tut. Mit immer neuem Eifer ging er von einer Arbeit zur nächsten. Aschenbach ruhte bequem und konnte sich nicht wehren. Vielmehr war er voller Hoffnung und erregt von dem, was geschah. Im Spiegel sah er, wie seine Augenbrauen einen klareren, gleichmäßigeren Bogen bekamen. Seine Augen wurden länger geschnitten. Etwas Farbe unter dem Lid ließ sie mehr glänzen. Weiter unten war die Haut braun und hart wie Leder gewesen. Dort erwachte jetzt, weich aufgetragen, ein zartes Rot. Seine Lippen waren eben noch ganz blass gewesen. Nun wurden sie voll und rot wie Himbeeren. Die tiefen Linien der Wangen und des Mundes und die Falten um die Augen verschwanden. Sie verschwanden unter Creme und einem leichten Schein von Jugend. Mit Herzklopfen sah er einen blühenden jungen Mann. Endlich war der Kosmetiker zufrieden. Wie solche Leute es tun, dankte er seinem Kunden mit sehr unterwürfiger Höflichkeit.

»Eine unbedeutende Nachhilfe«, sagte er und machte noch eine letzte Kleinigkeit an Aschenbachs Aussehen. »Nun kann der Herr sich unbedenklich verlieben.«

Der Verzauberte ging hinaus, glücklich wie im Traum, verwirrt und ängstlich. Seine Krawatte war rot. Um seinen breiten Strohhut, der viel Schatten gab, war ein buntes Band gebunden.

Ein lauwarmer Sturmwind war aufgekommen. Es regnete selten und wenig, aber die Luft war feucht und dick. Sie war voll von fauligen Gerüchen. Überall schlug und klatschte es, und der Wind pfiff um die Ohren. Aschenbach hatte unter der Schminke Fieber. Ihm schien, als wären böse Geister des Windes in der Luft am Werk. Es waren unheimliche Vögel des Meeres. Sie warfen das Essen des Verurteilten durcheinander, fraßen daran und machten es mit Dreck schmutzig. Denn die Schwüle nahm ihm den Appetit. Und immer wieder kam ihm der Gedanke, das Essen sei mit der Krankheit vergiftet.

Eines Nachmittags war Aschenbach dem Schönen gefolgt. Dabei war er tief in das Durcheinander der Gassen im Inneren der kranken Stadt geraten. Er verlor die Orientierung. Denn die Gassen, Kanäle, Brücken und kleinen Plätze des Labyrinths sahen sich zu ähnlich. Er wusste nicht einmal mehr sicher, wo Norden und Süden waren. Er wollte nur das Bild, dem er so sehnsüchtig folgte, nicht aus den Augen verlieren. Er musste beschämend vorsichtig sein. Er drückte sich an Mauern und versteckte sich hinter den Rücken von Leuten, die vor ihm gingen. Lange merkte er nicht, wie müde und erschöpft er war. Das Gefühl und die ständige Spannung hatten seinem Körper und seinem Geist das angetan. Tadzio ging hinter seiner Familie. In den engen Gassen ließ er die Erzieherin und die Schwestern, die wie Nonnen aussahen, meistens vorgehen. Allein ging er langsam hinterher. Manchmal drehte er den Kopf und sah über die Schulter zurück. Mit einem Blick seiner seltsamen, dämmergrauen Augen prüfte er, ob sein Bewunderer ihm folgte. Er sah ihn, und er verriet ihn nicht. Dieses Wissen machte Aschenbach wie betrunken. Diese Augen lockten ihn weiter. Die Leidenschaft führte ihn wie einen Narren an einem Seil. So schlich der Verliebte seiner unpassenden Hoffnung nach. Und am Ende wurde er doch um ihren Anblick betrogen. Die Polen gingen über eine kurze Brücke mit hohem Bogen. Die Höhe des Bogens versteckte sie vor ihm. Als er selbst oben ankam, fand er sie nicht mehr. Er suchte sie in drei Richtungen: geradeaus und nach beiden Seiten den schmalen, schmutzigen Kai entlang. Es war umsonst. Endlich zwangen ihn Erschöpfung und Schwäche, mit dem Suchen aufzuhören.

Sein Kopf brannte, und sein Körper war mit klebrigem Schweiß bedeckt. Sein Nacken zitterte. Ein Durst quälte ihn, den er nicht mehr ertragen konnte. Er suchte nach irgendetwas, das ihn sofort wieder frisch machen würde. Vor einem kleinen Gemüseladen kaufte er etwas Obst. Es waren Erdbeeren, überreife und weiche Ware. Er aß im Gehen davon. Vor ihm öffnete sich ein kleiner Platz. Er war verlassen und sah wie verzaubert aus. Aschenbach erkannte ihn. Hier hatte er vor Wochen den Plan zur Flucht gefasst, der dann gescheitert war. In der Mitte des Platzes stand eine Zisterne. Auf ihre Stufen ließ er sich sinken und lehnte den Kopf an den steinernen Rand. Es war still. Zwischen den Pflastersteinen wuchs Gras. Überall lagen Abfälle. Rund um den Platz standen alte, vom Wetter beschädigte Häuser von ungleicher Höhe. Eines davon sah aus wie ein Palast. Es hatte Fenster, die oben spitz waren und hinter denen die Leere wohnte. Und es hatte kleine Balkone mit Löwen. Im Erdgeschoss eines anderen Hauses war eine Apotheke. Manchmal brachten warme Windstöße Karbolgeruch.

Da saß er, der Meister. Er war der Künstler, der würdig geworden war. Er war der Autor des »Elenden«. In so vorbildlich reiner Form hatte er dem unordentlichen Künstlerleben und der dunklen Tiefe abgesagt. Er hatte dem Abgrund seine Sympathie entzogen und abgelehnt, was abzulehnen war. Er war hoch gestiegen. Er hatte sein Wissen überwunden und war über alle Ironie hinausgewachsen. Er hatte sich an die Pflichten gewöhnt, die das Vertrauen der Massen mit sich bringt. Sein Ruhm war amtlich, sein Name war geadelt. An seinem Stil sollten die Jungen in den Schulen lernen. Da saß er. Seine Augenlider waren geschlossen. Nur manchmal kam ein spöttischer und verlegener Blick seitlich darunter hervor und versteckte sich schnell wieder. Seine weichen, kraftlosen Lippen waren mit Kosmetik gefärbt. Sie formten einzelne Worte. Es waren Worte aus dem, was sein halb schlafendes Gehirn in seltsamer Traumlogik hervorbrachte.

»Denn die Schönheit, Phaidros, merke dir das gut! Nur die Schönheit ist göttlich und zugleich sichtbar. Und darum ist sie der Weg der Sinne. Sie ist, kleiner Phaidros, der Weg des Künstlers zum Geist. Aber was glaubst du, mein Lieber? Kann einer jemals Weisheit und wahre männliche Würde gewinnen, wenn sein Weg zum Geist durch die Sinne führt? Oder glaubst du eher – ich lasse dir die Entscheidung frei –, dass dies ein gefährlicher und lieblicher Weg ist? Ein wahrer Weg des Irrtums und der Sünde, der notwendig in die Irre führt? Denn du musst wissen: Wir Dichter können den Weg der Schönheit nicht gehen, ohne dass Eros mitkommt. Er macht sich selbst zu unserem Führer. Ja, wir mögen auf unsere Art Helden sein und keusche Krieger. Trotzdem sind wir wie Frauen. Denn die Leidenschaft ist das, was uns erhebt, und unsere Sehnsucht muss Liebe bleiben. Das ist unsere Lust und unsere Schande. Siehst du nun, dass wir Dichter weder weise noch würdig sein können? Dass wir notwendig in die Irre gehen? Dass wir notwendig ohne Maß bleiben, Abenteurer des Gefühls? Die meisterhafte Haltung unseres Stils ist Lüge und Narrheit. Unser Ruhm und unsere Ehre sind ein lächerliches Theaterstück. Das Vertrauen der Menge zu uns ist höchst lächerlich. Und das Volk und die Jugend durch die Kunst zu erziehen, ist ein gewagtes Unternehmen. Man sollte es verbieten. Denn wie könnte einer ein guter Erzieher sein, der von Natur aus zum Abgrund hingezogen wird? Diese Neigung ist ihm angeboren, und man kann sie nicht verbessern. Wir möchten den Abgrund wohl nicht wahrhaben und Würde gewinnen. Aber wie wir uns auch drehen, er zieht uns an. So sagen wir zum Beispiel der Erkenntnis ab, die alles auflöst. Denn die Erkenntnis, Phaidros, hat keine Würde und keine Strenge. Sie weiß, versteht und verzeiht, ohne Haltung und ohne Form. Sie hat Sympathie mit dem Abgrund, sie ist der Abgrund. Diese Erkenntnis lehnen wir also entschlossen ab. Von nun an streben wir nur noch nach der Schönheit. Das heißt: nach Einfachheit, Größe und neuer Strenge, nach der zweiten Unbefangenheit und nach der Form. Aber Form und Unbefangenheit, Phaidros, führen zum Rausch und zur Gier. Sie führen den Edlen vielleicht zu einer schrecklichen Sünde des Gefühls. Seine eigene schöne Strenge lehnt diese Sünde als gemein ab. Sie führen zum Abgrund, auch sie zum Abgrund. Uns Dichter, sage ich, führen sie dorthin. Denn wir können nicht nach oben steigen, wir können nur maßlos werden. Und nun gehe ich, Phaidros. Bleib du hier. Und erst wenn du mich nicht mehr siehst, dann geh auch du.«

* * * * *

Einige Tage später fühlte sich Gustav von Aschenbach nicht wohl. Darum verließ er das Bäder-Hotel später am Morgen als sonst. Er kämpfte mit Anfällen von Schwindel, die nur halb körperlich waren. Dabei stiegen heftige Angst und Ratlosigkeit in ihm auf. Er hatte das Gefühl, es gebe keinen Ausweg und keine Aussicht mehr. Es war nicht klar, ob sich das auf die Welt draußen bezog oder auf sein eigenes Leben. In der Halle sah er eine große Menge Gepäck, das für den Transport bereitlag. Er fragte einen Türsteher, wer abreise. Als Antwort hörte er den polnischen Adelsnamen, den er heimlich erwartet hatte. Sein krankes, eingefallenes Gesicht veränderte sich dabei nicht. Er hob nur kurz den Kopf, so wie man nebenbei etwas zur Kenntnis nimmt, das man nicht wissen musste. Dann fragte er noch:

»Wann?«

Man antwortete ihm: »Nach dem Lunch.«

Er nickte und ging zum Meer.

Dort war es ungemütlich. Zwischen dem Strand und der ersten langen Sandbank lag ein weites, flaches Wasser. Darüber liefen kleine Wellen von vorn nach hinten. Über dem Badeort lag etwas wie Herbst, als wäre seine Zeit vorbei. Früher war er so bunt und lebendig gewesen, jetzt war er fast verlassen. Der Sand wurde nicht mehr sauber gehalten. Am Rand des Meeres stand ein Fotoapparat auf drei Beinen. Er schien niemandem zu gehören. Ein schwarzes Tuch lag darüber und schlug und klatschte im kälteren Wind.

Tadzio war mit drei oder vier Spielkameraden, die ihm geblieben waren, rechts vor der Hütte seiner Familie. Aschenbach ruhte in seinem Liegestuhl, eine Decke über den Knien. Er lag ungefähr in der Mitte zwischen dem Meer und der Reihe der Strandhütten. Noch einmal sah er ihm zu. Niemand passte auf das Spiel auf. Die Frauen waren wohl mit den Vorbereitungen für die Reise beschäftigt. So schien das Spiel keine Regeln zu haben, und es wurde wild. Da war jener kräftige Junge im Gürtelanzug mit dem schwarzen, fettig glänzenden Haar, den man »Jaschu« rief. Ein Wurf Sand ins Gesicht hatte ihn gereizt und blind gemacht. Er zwang Tadzio zum Ringkampf. Der Kampf endete schnell: Der schwächere, schöne Junge fiel. Es war, als ob Jaschus dienendes Gefühl in dieser Stunde des Abschieds zu grausamer Gewalt wurde. Als wollte er sich für eine lange Sklaverei rächen, ließ der Sieger den Besiegten auch jetzt nicht los. Jaschu kniete auf Tadzios Rücken und drückte dessen Gesicht lange in den Sand. Tadzio war schon vom Kampf außer Atem und drohte zu ersticken. Er versuchte wild, den Jungen auf seinem Rücken abzuschütteln. Für Augenblicke hörten die Versuche ganz auf. Dann kamen sie nur noch als ein Zucken wieder. Entsetzt wollte Aschenbach aufspringen, um ihn zu retten. Da ließ der grobe Junge sein Opfer endlich los. Tadzio war sehr bleich. Er richtete sich halb auf und stützte sich auf einen Arm. So saß er mehrere Minuten lang, ohne sich zu bewegen. Sein Haar war verwirrt, und seine Augen wurden dunkel. Dann stand er ganz auf und ging langsam fort. Die anderen riefen ihn, zuerst fröhlich, dann ängstlich und bittend. Er hörte nicht. Der Schwarzhaarige bereute seine Tat wohl sofort. Er holte ihn ein und wollte Frieden mit ihm machen. Tadzio wies ihn mit einer Bewegung der Schulter zurück. Er ging schräg hinunter zum Wasser. Er war barfuß und trug seinen gestreiften Leinenanzug mit der roten Schleife.

Am Rand des Wassers blieb er eine Weile. Mit gesenktem Kopf zeichnete er mit einer Fußspitze Figuren in den feuchten Sand. Dann ging er in das flache Wasser vor der Sandbank. Selbst an der tiefsten Stelle reichte es ihm nicht bis an die Knie. Locker ging er hindurch und kam zur Sandbank. Dort stand er einen Augenblick und sah in die Weite. Dann ging er langsam nach links über den langen, schmalen Streifen Sand. Breites Wasser trennte ihn vom Festland. Seine stolze Laune trennte ihn von den Kameraden. So ging er dort draußen, mit wehendem Haar, ganz allein und ohne Verbindung zu allem. Er ging im Meer, im Wind, vor der nebligen Weite ohne Grenzen. Wieder blieb er stehen und schaute hinaus. Und plötzlich, wie aus einer Erinnerung, aus einem Impuls heraus, drehte er sich. Mit einer Hand an der Hüfte drehte er den Oberkörper in einer schönen Wendung aus seiner Haltung. Er blickte über die Schulter zum Ufer. Der Mann, der dort zuschaute, saß so, wie er einst gesessen hatte. Damals war dieser dämmergraue Blick von jener Schwelle zurückgekommen und hatte zum ersten Mal den seinen getroffen. Sein Kopf hatte an der Lehne des Stuhls langsam die Bewegung des Jungen dort draußen verfolgt. Nun hob er sich, als wollte er dem Blick entgegenkommen. Dann sank er auf die Brust. Seine Augen sahen nun von unten. Sein Gesicht aber zeigte den schlaffen, tiefen Ausdruck eines festen Schlafes. Ihm war aber, als lächle ihm der bleiche und liebliche Psychagog dort draußen zu. Als winke er ihm. Als nehme er die Hand von der Hüfte, zeige hinaus und schwebe voran in das Riesige, das so viel versprach. Und wie so oft machte er sich auf, ihm zu folgen.

Minuten vergingen, bis man dem Mann zu Hilfe eilte, der seitlich im Stuhl zusammengesunken war. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch am selben Tag erfuhr eine respektvoll erschütterte Welt von seinem Tod.

### Glossar

- **das Übel**: etwas Schlimmes; hier ein verstecktes Wort für eine Krankheit.
- **desinfizieren**: mit einem chemischen Mittel Bakterien töten.
- **der Karbolgeruch**: der Geruch von Karbol, einem stark riechenden Mittel gegen Bakterien.
- **die Gondel**: ein schmales schwarzes Boot in Venedig; ein Mann fährt es mit einem langen Ruder.
- **der Gondolier**: der Mann, der eine Gondel fährt.
- **der Dämon**: ein böser Geist, der Macht über einen Menschen hat.
- **das Joch**: ein Holz, mit dem man früher Tiere vor den Wagen spannte; hier: eine Last, die man tragen muss.
- **der Refrain**: der Teil eines Liedes, der nach jeder Strophe wiederkommt.
- **der Filzhut**: ein weicher Hut aus Filz, einem dicken, festen Stoff.
- **der Granatapfel**: eine rote Frucht mit vielen Kernen.
- **die Sanduhr**: eine Uhr aus Glas, in der Sand von oben nach unten läuft.
- **die Cholera**: eine schwere, oft tödliche Krankheit des Darms, die sich schnell unter vielen Menschen verbreitet.
- **die Vibrionen**: die kleinen Bakterien, die die Cholera bringen.
- **die Isolierbaracken**: einfache Häuser, in denen man Kranke von den anderen Menschen trennt.
- **die Sperre**: wenn eine Stadt wegen einer Krankheit geschlossen wird und niemand mehr reisen darf.
- **verseucht**: voll von einer gefährlichen Krankheit.
- **der fremde Gott**: hier ein wilder Gott des Rausches aus der griechischen Sage.
- **die Brennschere**: ein heißes Gerät, mit dem man Haare in Wellen oder Locken legt.
- **unbedenklich**: ohne Sorge, ohne Bedenken.
- **die Zisterne**: ein Brunnen, in dem Regenwasser gesammelt wird.
- **der Psychagog**: der Seelenführer; in der griechischen Sage der Gott, der die Toten in das Reich der Toten führt.
