# Der Schimmelreiter (Ausgabe B1)

*Theodor Storm*

## Der Schimmelreiter

### Theodor Storm

Was ich hier erzählen will, habe ich vor mehr als einem halben Jahrhundert erfahren. Das war im Haus meiner Urgroßmutter, der alten Frau Senator Feddersen. Ich saß neben ihrem Lehnstuhl und las in einem Heft einer Zeitschrift. Das Heft war in blaue Pappe eingebunden. Ich weiß nicht mehr, ob es die „Leipziger“ oder „Pappes Hamburger Lesefrüchte“ waren. Die alte Frau war über achtzig Jahre alt. Manchmal strich sie mit ihrer weichen Hand zärtlich über das Haar ihres Urenkels. Das fühle ich noch heute wie einen Schauer. Sie selbst und jene Zeit sind längst begraben. Seitdem habe ich vergeblich nach jenen Seiten gesucht. Darum kann ich nicht garantieren, dass die Tatsachen wahr sind. Und wenn jemand sie bestreiten wollte, könnte ich sie auch nicht verteidigen. Nur so viel kann ich sagen: Ich habe die Geschichte seit damals nie vergessen. Und das, obwohl mich nichts von außen je wieder an sie erinnert hat.

Es war im dritten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts, an einem Nachmittag im Oktober – so begann der damalige Erzähler. Ich ritt bei starkem Unwetter auf einem nordfriesischen Deich entlang. Links von mir lag schon seit über einer Stunde die öde Marsch. Alles Vieh war schon von dort weggebracht. Rechts von mir lag das Wattenmeer der Nordsee, und zwar sehr unangenehm nah. Vom Deich aus sollte man eigentlich Halligen und Inseln sehen können. Aber ich sah nur die gelbgrauen Wellen. Sie schlugen ohne Pause gegen den Deich, als ob sie vor Wut brüllten. Manchmal spritzten sie mich und das Pferd mit schmutzigem Schaum voll. Dahinter lag eine wüste Dämmerung. Man konnte Himmel und Erde nicht mehr unterscheiden. Denn auch der halbe Mond, der jetzt hoch stand, war meist von treibenden dunklen Wolken bedeckt. Es war eiskalt. Meine Hände waren steif vor Kälte und konnten kaum die Zügel halten. Ich verstand gut, warum die Krähen und Möwen sich vom Sturm ins Land treiben ließen. Sie krächzten und gackerten dabei die ganze Zeit. Die Nacht begann, und schon konnte ich die Hufe meines Pferdes nicht mehr sicher erkennen. Kein Mensch war mir begegnet. Ich hörte nur das Geschrei der Vögel. Manchmal streiften sie mich oder meine treue Stute fast mit ihren langen Flügeln. Und ich hörte das Toben von Wind und Wasser. Ich gebe zu: Manchmal wünschte ich mich an einen sicheren Ort.

Das Wetter dauerte jetzt schon den dritten Tag. Ich war schon zu lange bei einem Verwandten geblieben, den ich besonders gern hatte. Er besaß einen Hof in einer der nördlicheren Harden. Heute aber ging es nicht länger. Ich hatte Geschäfte in der Stadt. Sie lag wohl noch ein paar Stunden weit im Süden vor mir. Mein Vetter und seine liebe Frau hatten mit allen Mitteln versucht, mich zu überreden. Es gab auch noch die schönen Perinette- und Grand-Richard-Äpfel aus dem eigenen Garten zu probieren. Trotzdem war ich am Nachmittag fortgeritten. „Wart nur, bis du ans Meer kommst“, hatte er mir noch an seiner Haustür nachgerufen. „Du kehrst noch wieder um. Dein Zimmer halten wir für dich frei!“

Und wirklich: Einen Augenblick lang dachte ich daran. Das war, als eine schwarze Wolkenschicht es um mich herum pechfinster machte. Gleichzeitig versuchten die heulenden Windstöße, mich und meine Stute vom Deich zu drücken. „Sei kein Narr!“, dachte ich. „Kehr um und setz dich zu deinen Freunden ins warme Nest.“ Dann aber fiel mir ein: Der Weg zurück war wohl noch länger als der Weg zu meinem Ziel. Und so trabte ich weiter und zog den Kragen meines Mantels über die Ohren.

Jetzt aber kam auf dem Deich etwas auf mich zu. Ich hörte nichts. Aber manchmal ließ der halbe Mond ein schwaches Licht herab. Dann glaubte ich immer deutlicher, eine dunkle Gestalt zu erkennen. Bald kam sie näher, und ich sah es: Sie saß auf einem Pferd, einem hochbeinigen, mageren Schimmel. Ein dunkler Mantel flatterte um ihre Schultern. Im Vorbeifliegen sahen mich zwei brennende Augen aus einem bleichen Gesicht an.

Wer war das? Was wollte der? – Und jetzt fiel mir ein: Ich hatte keinen Hufschlag gehört und kein Keuchen des Pferdes. Dabei waren Pferd und Reiter ganz nah an mir vorbeigekommen.

Ich dachte darüber nach und ritt weiter. Aber ich hatte nicht lange Zeit zum Denken. Schon kam es von hinten wieder an mir vorbei. Mir war, als ob der fliegende Mantel mich streifte. Die Erscheinung war wie beim ersten Mal lautlos an mir vorbeigejagt. Dann sah ich sie immer weiter weg vor mir. Dann war es, als ob ich plötzlich ihren Schatten an der Binnenseite des Deiches hinuntergehen sah.

Etwas zögernd ritt ich hinterher. Als ich jene Stelle erreicht hatte, sah ich unten im Koog, dicht am Deich, das Wasser einer großen Wehle glänzen. So nennen die Leute dort die Löcher, die die Sturmfluten ins Land reißen. Sie bleiben dann meist als kleine, aber sehr tiefe Teiche liegen.

Das Wasser war auffallend still, auch wenn der Deich es schützte. Der Reiter konnte es nicht trüb gemacht haben. Ich sah nichts mehr von ihm. Aber ich sah etwas anderes, und darüber freute ich mich jetzt sehr. Vor mir, unten aus dem Koog, schimmerten viele einzelne Lichter zu mir herauf. Sie schienen aus jenen langen friesischen Häusern zu kommen. Diese lagen einzeln auf mehr oder weniger hohen Werften. Dicht vor mir aber, auf halber Höhe des Binnendeiches, lag ein großes Haus derselben Art. An der Südseite, rechts von der Haustür, waren alle Fenster hell. Dahinter sah ich Menschen, und ich glaubte, sie trotz des Sturmes zu hören. Mein Pferd war schon von selbst auf den Weg am Deich hinuntergegangen. Der Weg führte mich vor die Tür des Hauses. Ich sah wohl, dass es ein Wirtshaus war. Denn vor den Fenstern standen die sogenannten „Ricks“. Das sind Balken auf zwei Pfosten mit großen Eisenringen. Daran bindet man das Vieh und die Pferde an, die hier haltmachen.

Ich band mein Pferd an einen der Ringe. Dann übergab ich es dem Knecht, der mir im Flur entgegenkam. Aus der Stubentür hörte ich jetzt deutlich Menschenstimmen und das Klirren von Gläsern. „Ist hier eine Versammlung?“, fragte ich ihn.

„Is wull so wat“, antwortete der Knecht auf Plattdeutsch, „Diekgraf und Gevollmächtigten un wecke von de annern Interessenten! Dat is um’t hoge Water!“ Später erfuhr ich, dass man hier neben dem Friesischen schon seit über hundert Jahren Plattdeutsch spricht.

Als ich eintrat, sah ich etwa ein Dutzend Männer an einem Tisch sitzen. Der Tisch lief unter den Fenstern entlang. Eine Punschbowle stand darauf. Ein besonders stattlicher Mann schien die Leitung zu haben.

Ich grüßte und fragte, ob ich mich zu ihnen setzen dürfe. Das erlaubten sie mir sehr gern. „Sie halten hier Wache!“, sagte ich zu jenem Mann. „Draußen ist böses Wetter. Die Deiche werden es schwer haben!“

„Gewiss“, antwortete er. „Aber wir hier an der Ostseite glauben, dass wir jetzt außer Gefahr sind. Nur drüben an der anderen Seite ist es nicht sicher. Die Deiche dort sind meist noch mehr nach dem alten Muster gebaut. Unseren Hauptdeich hat man schon im vorigen Jahrhundert umgebaut. – Uns ist vorhin da draußen kalt geworden. Und Ihnen“, fügte er hinzu, „wird es genauso gegangen sein. Aber wir müssen hier noch ein paar Stunden aushalten. Wir haben zuverlässige Leute draußen, die uns berichten.“ Und bevor ich beim Wirt etwas bestellen konnte, stand schon ein dampfendes Glas vor mir.

Bald erfuhr ich, dass mein freundlicher Nachbar der Deichgraf war. Wir kamen ins Gespräch, und ich begann, ihm von meiner seltsamen Begegnung auf dem Deich zu erzählen. Er hörte aufmerksam zu. Plötzlich bemerkte ich, dass um uns herum alle schwiegen. „Der Schimmelreiter!“, rief einer aus der Runde. Die anderen erschraken, und eine Unruhe ging durch die Gruppe.

Der Deichgraf war aufgestanden. „Ihr braucht nicht zu erschrecken“, sagte er über den Tisch hinweg. „Das gilt nicht nur für uns. Anno 17 hat es auch denen drüben gegolten. Mögen sie auf alles vorbereitet sein!“

Jetzt wollte mir nachträglich ein Schauer über den Rücken laufen. „Verzeihung!“, sagte ich. „Was ist das mit dem Schimmelreiter?“

Etwas abseits, hinter dem Ofen, saß ein kleiner, magerer Mann. Er war ein wenig gebückt und trug einen abgetragenen schwarzen Rock. Die eine Schulter schien ein wenig verwachsen. Er hatte kein Wort zum Gespräch der anderen gesagt. Sein Haar war spärlich und grau, aber seine Wimpern waren noch dunkel. Und seine Augen zeigten deutlich, dass er nicht zum Schlafen hier saß.

Auf diesen Mann zeigte der Deichgraf mit der Hand. „Unser Schulmeister“, sagte er mit lauter Stimme, „kann Ihnen das von uns allen am besten erzählen. Freilich nur auf seine Art. Und nicht so richtig, wie es meine alte Haushälterin Antje Vollmers zu Hause tun würde.“

„Sie scherzen, Deichgraf!“, kam die etwas kränkliche Stimme des Schulmeisters hinter dem Ofen hervor. „Sie wollen mich wirklich neben Ihren dummen Drachen stellen!“

„Ja, ja, Schulmeister!“, antwortete der andere. „Aber bei den Drachen sollen solche Geschichten am besten aufgehoben sein!“

„Natürlich!“, sagte der kleine Herr. „In diesem Punkt sind wir nicht ganz derselben Meinung.“ Und ein überlegenes Lächeln glitt über sein feines Gesicht.

„Sie sehen ja“, flüsterte mir der Deichgraf ins Ohr. „Er ist immer noch ein wenig hochmütig. In seiner Jugend hat er einmal Theologie studiert. Er wollte heiraten, aber aus der Verlobung wurde nichts. Nur deshalb ist er hier in seiner Heimat als Schulmeister geblieben.“

Der Schulmeister war inzwischen aus seiner Ecke am Ofen hervorgekommen. Er hatte sich neben mich an den langen Tisch gesetzt. „Erzählen Sie, erzählen Sie doch, Schulmeister!“, riefen ein paar der Jüngeren aus der Runde.

„Nun gut“, sagte der Alte und wandte sich zu mir. „Ich tue Ihnen gern den Gefallen. Aber es ist viel Aberglaube dabei. Und es ist eine Kunst, die Geschichte ohne ihn zu erzählen.“

„Ich muss Sie bitten, den Aberglauben nicht wegzulassen“, antwortete ich. „Vertrauen Sie mir nur. Ich werde die Spreu schon selbst vom Weizen trennen!“

Der Alte sah mich mit einem verständnisvollen Lächeln an. „Also gut!“, sagte er.

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts, oder genauer gesagt: in der Zeit davor und danach, gab es hier einen Deichgrafen. Er verstand mehr von Deichen und Sielen, als Bauern und Hofbesitzer sonst davon verstehen. Aber es reichte wohl doch kaum. Denn er hatte wenig von dem gelesen, was die studierten Fachleute darüber geschrieben hatten. Sein Wissen hatte er sich selbst ausgedacht, allerdings schon von Kindheit an. Sie haben sicher schon gehört, Herr, dass die Friesen gut rechnen. Vielleicht haben Sie auch schon von unserem Hans Mommsen von Fahretoft gehört. Er war ein Bauer und konnte doch Kompasse und Seeuhren, Fernrohre und Orgeln bauen. Nun, ein Stück von so einem Mann war auch der Vater des späteren Deichgrafen gewesen. Freilich nur ein kleines Stück. Er hatte ein paar Fennen, auf denen er Raps und Bohnen anbaute. Dort graste auch eine Kuh. Im Herbst und im Frühjahr ging er manchmal auch Land vermessen. Im Winter, wenn der Nordwestwind von draußen kam und an seinen Fensterläden rüttelte, saß er in seiner Stube. Dort ritzte und stach er mit seinen Werkzeugen an seinen Zeichnungen. Der Junge saß meistens dabei. Er sah über seine Fibel oder Bibel hinweg dem Vater zu, wie er maß und rechnete. Dabei grub er die Hand in seine blonden Haare. Eines Abends fragte er den Alten etwas. Der Vater hatte gerade etwas aufgeschrieben. Warum musste das genau so sein? Warum konnte es nicht anders sein? Und dann sagte der Junge seine eigene Meinung dazu. Aber der Vater wusste darauf keine Antwort. Er schüttelte den Kopf und sagte: „Das kann ich dir nicht sagen. Es ist eben so, und du irrst dich. Wenn du mehr wissen willst, dann such morgen in der Kiste auf unserem Dachboden. Dort liegt ein Buch. Einer, der Euklid hieß, hat es geschrieben. Das wird es dir sagen!“

– Am nächsten Tag lief der Junge auf den Dachboden und fand das Buch bald. Denn es gab überhaupt nicht viele Bücher in dem Haus. Aber der Vater lachte, als der Junge es vor ihn auf den Tisch legte. Es war ein holländischer Euklid. Holländisch ist zwar halb Deutsch, aber beide verstanden es nicht. „Ja, ja“, sagte der Vater, „das Buch ist noch von meinem Vater. Der verstand es. Ist denn kein deutsches da?“

Der Junge sprach nur wenig. Er sah den Vater ruhig an und sagte nur: „Darf ich es behalten? Ein deutsches ist nicht da.“

Der Alte nickte. Da zeigte der Junge noch ein zweites, halb zerrissenes Büchlein. „Das auch?“, fragte er wieder.

„Nimm sie alle beide!“, sagte Tede Haien. „Sie werden dir nicht viel nützen.“

Aber das zweite Buch war eine kleine holländische Grammatik. Und da der Winter noch lange nicht vorbei war, half es dem Jungen sehr. Als endlich die Stachelbeeren im Garten wieder blühten, verstand er den Euklid, der damals sehr beliebt war, fast überall.

„Ich weiß wohl, Herr“, unterbrach sich der Erzähler, „dass man dasselbe auch von Hans Mommsen erzählt. Aber schon vor seiner Geburt hat man hier bei uns die Geschichte von Hauke Haien erzählt. So hieß der Junge. Sie wissen ja auch: Es muss nur einmal ein Größerer kommen. Dann lädt man ihm alles auf, was seine Vorgänger einmal im Ernst oder im Spaß getan haben mögen.“

Der Alte sah, dass der Junge sich weder für Kühe noch für Schafe interessierte. Er merkte kaum, wann die Bohnen blühten. Dabei ist das doch die Freude jedes Mannes in der Marsch. Der Vater dachte auch: Die kleine Stelle kann einen Bauern und einen Jungen ernähren. Aber einen Halbgelehrten und einen Knecht kann sie nicht ernähren. Außerdem hatte er es selbst zu nichts gebracht. Darum schickte er seinen großen Jungen an den Deich. Dort musste er mit anderen Arbeitern von Ostern bis Martini Erde karren. „Das wird ihn vom Euklid heilen“, sagte er zu sich selbst.

Und der Junge karrte. Aber den Euklid hatte er immer in der Tasche. Wenn die Arbeiter ihr Frühstück oder ihre Vesper aßen, saß er auf seinem umgedrehten Schubkarren. Dann hielt er das Buch in der Hand. Im Herbst stiegen die Fluten höher, und manchmal musste man die Arbeit unterbrechen. Dann ging er nicht mit den anderen nach Hause. Er blieb an der Seeseite des Deiches sitzen, die schräg zum Wasser abfiel. Dort hielt er die Hände um die Knie gefaltet. Stundenlang sah er zu, wie die trüben Wellen der Nordsee immer höher an die Grasnarbe des Deiches schlugen. Das Wasser lief über seine Füße, und der Schaum spritzte ihm ins Gesicht. Erst dann rückte er ein paar Fuß höher. Dann blieb er wieder sitzen. Er hörte das Klatschen des Wassers nicht. Er hörte auch nicht das Geschrei der Möwen und Strandvögel. Sie flogen um ihn herum und über ihn hinweg und streiften ihn fast mit ihren Flügeln. Ihre schwarzen Augen blitzten in seine Augen. Er sah auch nicht, wie sich vor ihm die Nacht über die weite, wilde Wasserwüste ausbreitete. Er sah hier nur den Rand des Wassers, wo die Wellen brachen. Bei Hochwasser traf das Wasser mit hartem Schlag immer wieder dieselbe Stelle. Vor seinen Augen wusch es die Grasnarbe aus dem steilen Deich.

Nachdem er lange hingestarrt hatte, nickte er vielleicht langsam mit dem Kopf. Oder er zeichnete, ohne aufzusehen, mit der Hand eine weiche Linie in die Luft. Es war, als wollte er dem Deich damit eine sanftere Schräge geben. Schließlich wurde es so dunkel, dass alle Dinge der Erde vor seinen Augen verschwanden. Nur die Flut donnerte ihm noch in den Ohren. Dann stand er auf und trabte halb durchnässt nach Hause.

Eines Abends kam er so zu seinem Vater in die Stube. Der Vater putzte gerade seine Messgeräte. Da fuhr er auf: „Was machst du da draußen? Du hättest ertrinken können! Das Wasser beißt heute in den Deich.“

Hauke sah ihn trotzig an.

„Hörst du mich nicht? Ich sage, du hättest ertrinken können.“

„Ja“, sagte Hauke, „aber ich bin doch nicht ertrunken!“

„Nein“, antwortete der Alte nach einer Weile und sah ihm wie abwesend ins Gesicht. „Diesmal noch nicht.“

„Aber“, sagte Hauke wieder, „unsere Deiche sind nichts wert!“

„Was sagst du da, Junge?“

„Die Deiche, sage ich!“

„Was ist mit den Deichen?“

„Sie taugen nichts, Vater!“, antwortete Hauke.

Der Alte lachte ihm ins Gesicht. „Was denn, Junge? Du bist wohl das Wunderkind aus Lübeck!“

Aber der Junge ließ sich nicht beirren. „Die Wasserseite ist zu steil“, sagte er. „Wenn es einmal so kommt wie schon mehr als einmal, dann können wir auch hier hinter dem Deich ertrinken!“

Der Alte holte seinen Kautabak aus der Tasche. Er drehte ein Stück ab und schob es hinter die Zähne. „Und wie viele Karren hast du heute geschoben?“, fragte er ärgerlich. Denn er sah wohl: Auch die Arbeit am Deich hatte den Jungen nicht vom Denken abgebracht.

„Weiß nicht, Vater“, sagte der Junge. „So viel wie die anderen. Vielleicht ein halbes Dutzend mehr. Aber – die Deiche müssen anders werden!“

„Nun“, meinte der Alte und lachte kurz auf, „vielleicht bringst du es ja zum Deichgrafen. Dann mach sie anders!“

„Ja, Vater!“, antwortete der Junge.

Der Alte sah ihn an und schluckte ein paarmal. Dann ging er aus der Tür. Er wusste nicht, was er dem Jungen antworten sollte.

Ende Oktober war die Arbeit am Deich vorbei. Aber auch danach blieb der Weg nach Norden zum Haf hinaus für Hauke Haien die liebste Unterhaltung. Um Allerheiligen herum toben gewöhnlich die großen Herbststürme. Wir sagen von diesem Tag, dass Friesland ihn wohl beklagen mag. Hauke wartete auf Allerheiligen so, wie heute die Kinder auf Weihnachten warten. Wenn eine Springflut bevorstand, konnte man sicher sein: Er lag trotz Sturm und Wetter weit draußen am Deich, ganz allein. Die Möwen gackerten. Das Wasser tobte gegen den Deich. Beim Zurückfließen riss es ganze Fetzen von der Grasdecke mit ins Meer. Dann hätte man Haukes zorniges Lachen hören können. „Ihr könnt nichts Richtiges“, schrie er in den Lärm hinaus, „genauso wie die Menschen auch nichts können!“ Endlich, oft schon im Dunkeln, trabte er aus der weiten Öde den Deich entlang nach Hause. Seine lange, dünne Gestalt erreichte die niedrige Tür unter dem Rohrdach seines Vaters. Dann schlüpfte er darunter hindurch in das kleine Zimmer.

Manchmal hatte er eine Faust voll Kleierde mitgebracht. Dann setzte er sich neben den Alten, der ihn jetzt machen ließ. Beim Licht der dünnen Unschlittkerze knetete er allerlei kleine Modelle von Deichen. Er legte sie in eine flache Schale mit Wasser. Damit versuchte er nachzumachen, wie die Wellen den Deich auswaschen. Oder er nahm seine Schiefertafel. Darauf zeichnete er das Profil der Deiche auf der Seeseite, so wie es seiner Meinung nach sein musste.

Mit seinen alten Schulkameraden wollte er nichts zu tun haben. Es schien auch, als ob ihnen nichts an dem Träumer lag. Es wurde wieder Winter, und der Frost kam. Da wanderte er noch weiter auf den Deich hinaus, bis zu Stellen, an denen er früher nie gewesen war. Schließlich lag die endlose, mit Eis bedeckte Fläche der Watten vor ihm.

Im Februar fror es lange. Da fand man Leichen, die das Meer angetrieben hatte. Sie hatten draußen am offenen Haf auf den gefrorenen Watten gelegen. Eine junge Frau war dabei gewesen, als man sie ins Dorf brachte. Sie stand jetzt vor dem alten Haien und redete viel. „Glauben Sie nicht, dass sie wie Menschen aussahen!“, rief sie. „Nein, wie die Seeteufel! So große Köpfe!“ Dabei hielt sie die gespreizten Hände weit auseinander. „Pechschwarz und glänzend, wie frisch gebackenes Brot! Und die Krabben hatten an ihnen genagt. Und die Kinder schrien laut, als sie sie sahen!“

Für den alten Haien war so etwas nichts Neues. „Die sind wohl schon seit November im Meer getrieben!“, sagte er ruhig.

Hauke stand schweigend daneben. Aber sobald er konnte, schlich er sich auf den Deich hinaus. Man konnte nicht sagen, warum. Vielleicht wollte er nach weiteren Toten suchen. Vielleicht zog ihn auch nur das Grauen an, das noch über den jetzt verlassenen Stellen liegen musste. Er lief weiter und weiter, bis er einsam in der Öde stand. Dort wehten nur die Winde über den Deich. Dort gab es nur die klagenden Stimmen der großen Vögel, die schnell vorbeischossen. Links von ihm lag die leere, weite Marsch. Auf der anderen Seite lag der endlose Strand mit der Fläche der Watten. Sie glänzte jetzt vom Eis. Es war, als ob die ganze Welt in einem weißen Tod lag.

Hauke blieb oben auf dem Deich stehen, und seine scharfen Augen suchten weit umher. Aber von Toten war nichts mehr zu sehen. Unter dem Eis drängten sich die unsichtbaren Strömungen des Watts. Nur dort hob und senkte sich die Eisfläche in langen Linien, wie Flüsse.

Er lief nach Hause. Aber an einem der nächsten Abende war er wieder dort draußen. An jenen Stellen war das Eis jetzt gespalten. Aus den Rissen stieg es auf wie Rauchwolken. Über das ganze Watt spannte sich ein Netz aus Dampf und Nebel. Es mischte sich seltsam mit der Dämmerung des Abends. Hauke starrte darauf. Denn in dem Nebel gingen dunkle Gestalten auf und ab. Sie schienen ihm so groß wie Menschen. Sie bewegten sich würdevoll, aber mit seltsamen, erschreckenden Gesten. Sie hatten lange Nasen und Hälse. Weit draußen sah er sie an den rauchenden Spalten auf und ab spazieren. Plötzlich begannen sie, unheimlich wie Narren auf und ab zu springen. Die großen sprangen über die kleinen, und die kleinen sprangen gegen die großen. Dann breiteten sie sich aus und verloren jede Form.

„Was wollen die? Sind das die Geister der Ertrunkenen?“, dachte Hauke. „Hoiho!“, schrie er laut in die Nacht hinaus. Aber die Gestalten draußen kümmerten sich nicht um seinen Schrei. Sie trieben ihr seltsames Spiel weiter.

Da fielen ihm die furchtbaren norwegischen Seegespenster ein. Ein alter Kapitän hatte ihm einmal von ihnen erzählt. Statt eines Gesichts tragen sie einen stumpfen Büschel Seegras auf dem Nacken. Aber Hauke lief nicht fort. Er bohrte die Absätze seiner Stiefel fest in den Klei des Deiches. Starr sah er dem närrischen Spuk zu. In der beginnenden Dunkelheit spielte er vor seinen Augen weiter. „Seid ihr auch hier bei uns?“, sagte er mit harter Stimme. „Ihr sollt mich nicht vertreiben!“

Erst als die Dunkelheit alles bedeckte, ging er mit steifen, langsamen Schritten heim. Aber hinter ihm kam etwas wie Flügelrauschen und lautes Geschrei. Er sah sich nicht um. Aber er ging auch nicht schneller, und er kam erst spät nach Hause. Doch er soll nie seinem Vater oder jemand anderem davon erzählt haben. Erst viele Jahre später nahm er sein Mädchen mit auf den Deich hinaus. Es war schwach im Geist, und der Herrgott hatte ihn später damit belastet. Es war dieselbe Tageszeit und dieselbe Jahreszeit. Und dasselbe Wesen soll sich damals draußen auf den Watten gezeigt haben. Aber er sagte ihr, sie solle sich nicht fürchten. Das seien nur die Fischreiher und die Krähen. Im Nebel sähen sie so groß und furchtbar aus. Sie holten sich die Fische aus den offenen Spalten.

„Weiß Gott, Herr!“, unterbrach sich der Schulmeister. „Es gibt auf der Erde allerlei Dinge, die ein ehrliches Christenherz verwirren können. Aber der Hauke war weder ein Narr noch ein Dummkopf.“

Da ich nichts antwortete, wollte er weitererzählen. Die anderen Gäste hatten bisher lautlos zugehört. Sie hatten nur das niedrige Zimmer mit immer dichterem Tabakrauch gefüllt. Jetzt aber kam plötzlich Bewegung unter sie. Erst einzelne, dann fast alle drehten sich zum Fenster. Die Fenster hatten keine Vorhänge, und man konnte hinaussehen. Draußen trieb der Sturm die Wolken, und Licht und Dunkel jagten durcheinander. Aber auch mir war, als hätte ich den mageren Reiter auf seinem Schimmel vorbeisausen sehen.

„Warten Sie ein wenig, Schulmeister!“, sagte der Deichgraf leise.

„Sie brauchen keine Angst zu haben, Deichgraf!“, antwortete der kleine Erzähler. „Ich habe ihn nicht beleidigt, und ich habe auch keinen Grund dazu.“ Dabei sah er mit seinen kleinen, klugen Augen zu ihm auf.

„Ja, ja“, meinte der andere. „Lassen Sie sich nur Ihr Glas wieder füllen.“ Das geschah. Die Zuhörer drehten sich wieder zu ihm, die meisten mit etwas verwirrten Gesichtern. Dann erzählte er seine Geschichte weiter:

So wuchs Hauke für sich allein auf. Am liebsten hatte er nur mit Wind und Wasser und mit den Bildern der Einsamkeit zu tun. So wurde er zu einem langen, mageren Burschen. Er war schon über ein Jahr lang konfirmiert. Da wurde es auf einmal anders mit ihm. Das kam von dem alten weißen Angorakater der alten Trien’ Jans. Ihr Sohn hatte ihn einmal von seiner Seereise nach Spanien mitgebracht. Später war der Sohn verunglückt. Trien’ wohnte ein gutes Stück weiter draußen auf dem Deich in einer kleinen Kate. Wenn die Alte in ihrem Haus arbeitete, saß dieses Ungetüm von einem Kater meistens vor der Haustür. Er blinzelte in den Sommertag hinaus und nach den Kiebitzen, die vorbeiflogen. Wenn Hauke vorbeiging, miaute der Kater ihn an, und Hauke nickte ihm zu. Die beiden wussten, was sie miteinander hatten.

Nun war es einmal im Frühjahr. Hauke lag, wie er es gewohnt war, oft draußen am Deich. Er lag schon weiter unten, nahe am Wasser, zwischen Strandnelken und dem duftenden Seewermut. Er ließ sich von der schon kräftigen Sonne bescheinen. Am Tag vorher hatte er sich oben auf der Geest die Taschen voller Kieselsteine gesammelt. Bei Ebbe lagen die Watten frei. Die kleinen grauen Strandläufer huschten schreiend darüber hin. Da holte er plötzlich einen Stein hervor und warf ihn nach den Vögeln. Das hatte er seit seiner Kindheit geübt. Meistens blieb ein Vogel auf dem Schlick liegen. Aber genauso oft konnte er ihn dort nicht holen. Hauke hatte schon daran gedacht, den Kater mitzunehmen. Er wollte ihn wie einen Jagdhund dressieren, der die Beute bringt. Aber es gab auch hier und da feste Stellen oder Sandbänke. Dann lief er hinaus und holte sich seine Beute selbst. Manchmal saß der Kater noch vor der Haustür, wenn Hauke zurückkam. Dann schrie das Tier vor Gier, die es nicht verbergen konnte. Es schrie so lange, bis Hauke ihm einen der gefangenen Vögel zuwarf.

Heute ging er mit der Jacke über der Schulter heim. Er trug nur einen einzigen Vogel mit nach Hause. Diesen Vogel kannte er noch nicht. Seine Federn sahen aus wie aus bunter Seide und Metall. Der Kater miaute wie gewöhnlich, als er ihn kommen sah. Aber diesmal wollte Hauke seine Beute nicht hergeben. Es war vielleicht ein Eisvogel. Er kümmerte sich nicht um die Gier des Tieres. „Abwechselnd!“, rief er ihm zu. „Heute mir, morgen dir! Das hier ist kein Katzenfutter!“ Aber der Kater kam vorsichtig herangeschlichen. Hauke stand da und sah ihn an. Der Vogel hing an seiner Hand. Der Kater blieb mit erhobener Pfote stehen. Doch der Bursche kannte seinen Katzenfreund wohl noch nicht ganz. Denn er drehte ihm den Rücken zu und wollte gerade weitergehen. Da fühlte er einen Ruck, und die Beute war ihm entrissen. Gleichzeitig schlug ihm eine scharfe Kralle ins Fleisch. Eine Wut wie die eines Raubtiers schoss dem jungen Menschen ins Blut. Er griff wie wild um sich und hatte den Räuber schon am Genick gepackt. Mit der Faust hielt er das mächtige Tier in die Höhe und würgte es. Die Augen quollen ihm aus dem rauen Fell hervor. Hauke achtete nicht darauf, dass die starken Hinterpfoten ihm den Arm aufrissen. „Hoiho!“, schrie er und packte noch fester zu. „Wir wollen sehen, wer von uns beiden es am längsten aushält!“

Plötzlich fielen die Hinterbeine der großen Katze schlaff herunter. Hauke ging ein paar Schritte zurück und warf sie gegen die Kate der Alten. Sie bewegte sich nicht mehr. Da drehte er sich um und ging weiter nach Hause.

Aber der Angorakater war der Schatz seiner Herrin. Er war ihr Gefährte. Er war das Einzige, was ihr Sohn, der Matrose, ihr hinterlassen hatte. Der Sohn war hier an der Küste plötzlich gestorben. Im Sturm hatte er seiner Mutter beim Porrenfangen helfen wollen. Hauke war wohl kaum hundert Schritte weitergegangen. Mit einem Tuch fing er das Blut aus seinen Wunden auf. Da gellte ihm schon von der Kate her ein Heulen und Jammern in die Ohren. Er drehte sich um und sah die alte Frau vor ihrer Kate am Boden liegen. Ihr graues Haar flog im Wind um ihr rotes Kopftuch. „Tot!“, rief sie. „Tot!“ Drohend hob sie ihren mageren Arm gegen ihn. „Du sollst verflucht sein! Du hast ihn totgeschlagen, du nichtsnutziger Strandläufer! Du warst es nicht wert, ihm den Schwanz zu bürsten!“ Sie warf sich über das Tier. Zärtlich wischte sie ihm mit ihrer Schürze das Blut ab, das noch aus Nase und Maul lief. Dann begann sie von Neuem zu jammern.

„Bist du bald fertig?“, rief Hauke ihr zu. „Dann lass dir sagen: Ich besorge dir einen Kater, der mit dem Blut von Mäusen und Ratten zufrieden ist!“

Dann ging er weiter, als ob ihn nichts mehr kümmerte. Aber die tote Katze musste ihn doch im Kopf durcheinanderbringen. Denn als er zu den Häusern kam, ging er am Haus seines Vaters vorbei. Er ging auch an den anderen Häusern vorbei. Dann ging er noch eine weite Strecke nach Süden auf dem Deich, in Richtung Stadt.

Inzwischen ging auch Trien’ Jans auf demselben Deich in dieselbe Richtung. In ihren Armen trug sie eine Last in einem alten, blau karierten Kissenbezug. Sie hielt die Last sorgfältig fest, als ob es ein Kind wäre. Ihr graues Haar flatterte im leichten Frühlingswind. Ein Bauer kam ihr entgegen. „Was schleppen Sie denn da, Trina?“, fragte er.

„Mehr als dein Haus und Hof“, antwortete die Alte. Dann ging sie eifrig weiter. Bald kam sie in die Nähe vom Haus des alten Haien, das unten lag. Da ging sie den Akt zu den Häusern hinunter. So nennt man bei uns die Wege für Vieh und Fußgänger, die schräg an der Seite des Deiches hinab- oder hinaufführen.

Der alte Tede Haien stand gerade vor der Tür und sah nach dem Wetter. Sie stand schnaufend vor ihm und bohrte ihren Krückstock in die Erde. „Na, Trien’!“, sagte er. „Was bringen Sie Neues in Ihrem Sack?“

„Erst lassen Sie mich in die Stube, Tede Haien! Dann sollen Sie es sehen!“ Dabei sahen ihre Augen ihn mit einem seltsamen Funkeln an.

„Dann kommen Sie!“, sagte der Alte. Was kümmerten ihn die Augen dieser dummen Frau?

Als beide hineingegangen waren, sprach sie weiter: „Nehmen Sie den alten Tabakkasten und das Schreibzeug vom Tisch! – Was haben Sie denn immer zu schreiben? – So. Und jetzt wischen Sie ihn sauber ab!“

Der Alte wurde fast neugierig und tat alles, was sie sagte. Dann nahm sie den blauen Bezug an beiden Zipfeln. Sie schüttete den großen toten Kater daraus auf den Tisch. „Da haben Sie ihn!“, rief sie. „Ihr Hauke hat ihn totgeschlagen.“ Danach aber begann sie, bitterlich zu weinen. Sie streichelte das dicke Fell des toten Tieres und legte ihm die Pfoten zusammen. Sie beugte ihre lange Nase über seinen Kopf. Dann flüsterte sie ihm zärtliche Worte in die Ohren, die niemand verstand.

Tede Haien sah zu. „So“, sagte er, „Hauke hat ihn totgeschlagen?“ Er wusste nicht, was er mit der heulenden Frau machen sollte.

Die Alte nickte ihm grimmig zu: „Ja, ja, so wahr mir Gott helfe, das hat er getan!“ Ihre Hand war von der Gicht ganz krumm. Mit dieser Hand wischte sie sich die Tränen aus den Augen. „Kein Kind mehr, kein lebendiges Wesen mehr!“, klagte sie. „Sie wissen es ja auch: Wenn es nach Allerheiligen kommt, frieren uns Alten abends im Bett die Beine. Statt zu schlafen, hören wir, wie der Nordwestwind an unseren Fensterläden rüttelt. Ich höre das nicht gern, Tede Haien. Er kommt von dort, wo mein Junge im Schlick versunken ist.“

Tede Haien nickte, und die Alte streichelte das Fell ihres toten Katers. „Aber der hier“, begann sie wieder, „wenn ich im Winter am Spinnrad saß, dann saß er bei mir. Er spann auch und sah mich mit seinen grünen Augen an! Und wenn mir kalt wurde, kroch ich in mein Bett. Dann dauerte es nicht lange, und er sprang zu mir. Er legte sich auf meine frierenden Beine, und wir schliefen zusammen warm!“ Die Alte sah den alten Mann an, der neben ihr am Tisch stand. Ihre Augen funkelten. Es war, als ob sie bei dieser Erinnerung Zustimmung suchte.

Tede Haien aber sagte langsam und ruhig: „Ich weiß einen Rat für Sie, Trien’ Jans.“ Er ging zu seiner Schatulle und nahm eine Silbermünze aus der Schublade. „Sie sagen, dass Hauke Ihnen das Tier getötet hat. Und ich weiß, dass Sie nicht lügen. Aber hier ist ein Krontaler von Christian dem Vierten. Damit kaufen Sie sich ein gegerbtes Lammfell für Ihre kalten Beine! Und wenn unsere Katze bald Junge bekommt, dürfen Sie sich das größte davon aussuchen. Das zusammen ist wohl so viel wert wie ein alter, schwacher Angorakater! Und jetzt nehmen Sie das Vieh. Bringen Sie es meinetwegen zum Racker in der Stadt. Und halten Sie das Maul darüber, dass es hier auf meinem ehrlichen Tisch gelegen hat!“

Während er sprach, hatte die Frau schon nach dem Taler gegriffen. Sie hatte ihn in einer kleinen Tasche versteckt, die sie unter ihren Röcken trug. Dann stopfte sie den Kater wieder in den Kissenbezug. Mit ihrer Schürze wischte sie die Blutflecken vom Tisch. Dann stakste sie zur Tür hinaus. „Vergessen Sie mir nur den jungen Kater nicht!“, rief sie noch zurück.

– Eine Weile später ging der alte Haien in der engen kleinen Stube auf und ab. Da kam Hauke herein und warf seinen bunten Vogel auf den Tisch. Auf der weiß gescheuerten Tischplatte sah er aber den Blutfleck, den man noch erkennen konnte. Da fragte er wie nebenbei: „Was ist denn das?“

Der Vater blieb stehen: „Das ist Blut, das du hast fließen lassen!“

Dem Jungen stieg doch die Hitze ins Gesicht: „Ist Trien’ Jans etwa mit ihrem Kater hier gewesen?“

Der Alte nickte: „Warum hast du ihn ihr totgeschlagen?“

Hauke zeigte seinen blutigen Arm. „Deshalb“, sagte er. „Er hatte mir den Vogel weggerissen!“

Der Alte sagte nichts dazu. Er ging wieder eine Zeit lang auf und ab. Dann blieb er vor dem Jungen stehen und sah ihn eine Weile wie abwesend an. „Die Sache mit dem Kater habe ich in Ordnung gebracht“, sagte er dann. „Aber siehst du, Hauke, die Kate hier ist zu klein. Zwei Herren können nicht darauf sitzen. Es ist jetzt Zeit, du musst dir eine Stelle als Knecht suchen!“

„Ja, Vater“, antwortete Hauke. „So etwas habe ich auch schon gedacht.“

„Warum?“, fragte der Alte.

„Na ja, man wird innerlich wütend, wenn man es nicht an einem ordentlichen Stück Arbeit auslassen kann.“

„So?“, sagte der Alte. „Und darum hast du den Angorakater totgeschlagen? Das könnte leicht noch schlimmer werden?“

„Das kann wohl sein, Vater. Aber der Deichgraf hat seinen Kleinknecht fortgejagt. Diese Arbeit könnte ich schon machen!“

Der Alte begann wieder, auf und ab zu gehen. Dabei spuckte er den schwarzen Tabaksaft aus. „Der Deichgraf ist ein Dummkopf, dumm wie eine Saatgans! Er ist nur Deichgraf, weil sein Vater und sein Großvater es auch waren. Und wegen seiner neunundzwanzig Fennen. Wenn Martini kommt, müssen danach die Rechnungen für Deiche und Siele gemacht werden. Dann füttert er den Schulmeister mit Gänsebraten und Met und Weizenkringeln. Er sitzt dabei und nickt, wenn der mit seiner Feder die Zahlenreihen hinunterfährt. Und er sagt: ‚Ja, ja, Schulmeister, Gott segne Sie! Wie gut Sie rechnen können!‘ Aber manchmal kann der Schulmeister nicht, oder er will nicht. Dann muss der Deichgraf selbst ran. Er sitzt und schreibt und streicht wieder durch. Sein großer dummer Kopf wird rot und heiß. Und die Augen quellen hervor wie Glaskugeln, als ob das bisschen Verstand da hinauswollte.“

Der Junge stand aufrecht vor dem Vater und wunderte sich, was der alles sagen konnte. So hatte er ihn noch nie reden hören. „Ja, Gott helfe ihm!“, sagte er. „Dumm ist er wohl. Aber seine Tochter Elke, die kann rechnen!“

Der Alte sah ihn scharf an. „Ahoi, Hauke!“, rief er. „Was weißt du von Elke Volkerts?“

„Nichts, Vater. Der Schulmeister hat es mir nur erzählt.“

Der Alte antwortete nicht darauf. Er schob nur langsam sein Stück Tabak von einer Backe in die andere. „Und du denkst“, sagte er dann, „du wirst dort auch mitrechnen können.“

„O ja, Vater, das könnte schon gehen“, antwortete der Sohn. Dabei zuckte es ernst um seinen Mund.

Der Alte schüttelte den Kopf. „Na, meinetwegen. Versuch einmal dein Glück!“

„Danke, Vater!“, sagte Hauke. Er stieg zu seinem Bett auf dem Dachboden hinauf. Dort setzte er sich auf die Bettkante und dachte nach. Warum hatte sein Vater ihn nach Elke Volkerts gefragt? Natürlich kannte er sie. Sie war ein schlankes Mädchen von achtzehn Jahren. Sie hatte ein schmales, bräunliches Gesicht. Ihre dunklen Augenbrauen wuchsen über den trotzigen Augen und der schmalen Nase zusammen. Doch er hatte noch kaum ein Wort mit ihr gesprochen. Nun, wenn er zum alten Tede Volkerts ging, wollte er sie genauer ansehen. Er wollte wissen, was es mit dem Mädchen auf sich hatte. Und er wollte gleich jetzt gehen, damit kein anderer ihm die Stelle wegnahm. Es war ja kaum erst Abend. Also zog er seine Sonntagsjacke und seine besten Stiefel an. Dann machte er sich gut gelaunt auf den Weg.

– Das lange Haus des Deichgrafen sah man schon von Weitem. Denn es stand auf einer hohen Werfte. Vor allem aber stand dort der höchste Baum des Dorfes, eine gewaltige Esche. Der Großvater des jetzigen Deichgrafen war der erste Deichgraf der Familie gewesen. In seiner Jugend hatte er östlich von der Haustür eine Esche gepflanzt. Aber die ersten beiden Bäume waren eingegangen. Darum hatte er am Morgen seiner Hochzeit diesen dritten Baum gepflanzt. Er stand noch heute da, und seine Krone wurde immer mächtiger. Im Wind, der hier ohne Pause weht, rauschte sie wie aus alten Zeiten.

Nach einer Weile stieg der lange Hauke die hohe Werfte hinauf. An ihren Seiten waren Rüben und Kohl gepflanzt. Oben sah er die Tochter des Hausherrn neben der niedrigen Haustür stehen. Ihr einer, etwas magerer Arm hing schlaff herab. Die andere Hand schien hinter dem Rücken nach dem Eisenring zu greifen. Auf beiden Seiten der Tür war je ein solcher Ring in der Mauer. Wer vor das Haus ritt, konnte dort sein Pferd anbinden. Das Mädchen schien von dort über den Deich hinaus auf das Meer zu sehen. An diesem stillen Abend sank die Sonne gerade ins Wasser. Mit ihrem letzten Licht vergoldete sie zugleich das bräunliche Mädchen.

Hauke stieg etwas langsamer die Werfte hinauf und dachte: „So ist sie gar nicht so dösig!“ Dann war er oben. „Guten Abend auch!“, sagte er und trat zu ihr. „Wonach schaust du denn mit deinen großen Augen, Jungfer Elke?“

„Nach dem“, antwortete sie, „was hier jeden Abend passiert. Aber man kann es hier nicht jeden Abend so sehen.“ Sie ließ den Ring aus der Hand fallen, und er schlug klingend gegen die Mauer. „Was willst du, Hauke Haien?“, fragte sie.

„Etwas, das dir hoffentlich nicht unangenehm ist“, sagte er. „Dein Vater hat seinen Kleinknecht fortgejagt. Da dachte ich, ich gehe bei euch in Dienst.“

Sie ließ ihre Blicke an ihm hinunterwandern. „Du bist noch ziemlich dünn und schlaksig, Hauke!“, sagte sie. „Aber zwei feste Augen nützen uns mehr als zwei feste Arme!“ Dabei sah sie ihn fast finster an. Aber Hauke hielt ihrem Blick tapfer stand. „Dann komm“, sprach sie weiter. „Der Hausherr ist in der Stube. Lass uns hineingehen.“

Am nächsten Tag kam Tede Haien mit seinem Sohn in das große Zimmer des Deichgrafen. Die Wände waren mit glasierten Kacheln bedeckt. Auf ihnen konnte man hübsche Bilder betrachten. Hier sah man ein Schiff mit vollen Segeln oder einen Angler am Ufer. Dort lag ein Rind vor einem Bauernhaus. Unterbrochen wurde diese haltbare Wandverkleidung von einem mächtigen Wandbett. Seine Türen waren jetzt zugeschoben. Daneben war ein Wandschrank. Durch seine zwei Glastüren sah man allerlei Porzellan und Silbergeschirr. Neben der Tür zum Pesel nebenan war eine holländische Uhr mit Schlagwerk hinter einer Glasscheibe in die Wand eingebaut.

Der Hausherr war dick und neigte zum Schlaganfall. Er saß am Ende des blank gescheuerten Tisches im Lehnstuhl auf seinem bunten Wollkissen. Er hatte die Hände über dem Bauch gefaltet. Aus seinen runden Augen starrte er zufrieden auf das Gerippe einer fetten Ente. Gabel und Messer lagen vor ihm auf dem Teller.

„Guten Tag, Deichgraf!“, sagte Haien. Der Deichgraf drehte langsam Kopf und Augen zu ihm hin.

„Sie sind es, Tede?“, antwortete er. Man hörte seiner Stimme die fette Ente an, die er gegessen hatte. „Setzen Sie sich. Es ist ein gutes Stück Weg von Ihnen zu mir herüber!“

„Ich komme, Deichgraf“, sagte Tede Haien. Er setzte sich auf die Bank, die an der Wand entlanglief, dem anderen in der Ecke gegenüber. „Sie haben Ärger mit Ihrem Kleinknecht gehabt. Und Sie haben sich mit meinem Jungen geeinigt, dass er an seine Stelle kommt!“

Der Deichgraf nickte: „Ja, ja, Tede. Aber – was meinen Sie mit Ärger? Wir Marschleute haben, Gott tröste uns, etwas dagegen einzunehmen!“ Er nahm das Messer, das vor ihm lag, und klopfte damit fast zärtlich auf das Gerippe der armen Ente. „Das war mein Lieblingsvogel“, fügte er gemütlich lachend hinzu. „Sie hat mir aus der Hand gefressen!“

„Ich dachte“, sagte der alte Haien und überhörte das Letzte, „der Bursche hätte Ihnen Unheil im Stall gemacht.“

„Unheil? Ja, Tede, freilich, Unheil genug! Der dicke Kerl hatte die Kälber nicht getränkt. Er lag betrunken auf dem Heuboden. Das Vieh schrie die ganze Nacht vor Durst. Ich musste deshalb bis Mittag nachschlafen. So kann ein Hof nicht bestehen!“

„Nein, Deichgraf. Aber bei meinem Jungen besteht da keine Gefahr.“

Hauke stand mit den Händen in den Taschen am Türpfosten. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und betrachtete die Fensterrahmen gegenüber.

Der Deichgraf hatte die Augen zu ihm gehoben und nickte zu ihm hinüber: „Nein, nein, Tede.“ Und dann nickte er auch dem Alten zu. „Ihr Hauke wird meine Nachtruhe nicht stören. Der Schulmeister hat es mir schon vorher gesagt: Der sitzt lieber vor der Rechentafel als vor einem Glas Schnaps.“

Hauke hörte nicht auf dieses Lob. Denn Elke war in die Stube gekommen. Mit leichter Hand räumte sie die Reste des Essens vom Tisch. Dabei streifte sie ihn kurz mit ihren dunklen Augen. Da fielen auch seine Blicke auf sie. „Bei Gott“, sagte er zu sich selbst, „auch so sieht sie nicht dösig aus!“

Das Mädchen war hinausgegangen. „Sie wissen ja, Tede“, begann der Deichgraf wieder, „unser Herrgott hat mir keinen Sohn geschenkt!“

„Ja, Deichgraf, aber lassen Sie sich das nicht zu Herzen gehen“, antwortete der andere. „Denn man sagt ja, in der dritten Generation geht der Verstand einer Familie verloren. Ihr Großvater – das wissen wir alle noch – war einer, der das Land beschützt hat!“

Nach einigem Nachdenken sah der Deichgraf ganz verwirrt aus. „Wie meinen Sie das, Tede Haien?“, sagte er und setzte sich in seinem Lehnstuhl auf. „Ich bin doch selbst die dritte Generation!“

„Ach so! Nichts für ungut, Deichgraf. Man redet eben so!“ Und der magere Tede Haien sah den alten, würdigen Herrn mit etwas boshaften Augen an.

Der aber sprach ohne Sorge weiter: „Von alten Frauen dürfen Sie sich solchen Unsinn nicht einreden lassen, Tede Haien. Sie kennen nur meine Tochter nicht. Die rechnet mich selbst dreimal in Grund und Boden! Ich wollte nur sagen: Ihr Hauke kann außer auf dem Feld auch hier in meiner Stube manches lernen. Mit Feder oder Rechenstift. Und das wird ihm nicht schaden!“

„Ja, ja, Deichgraf, das wird er. Da haben Sie völlig recht!“, sagte der alte Haien. Dann begann er, noch einige Vorteile für den Dienstvertrag auszuhandeln. Daran hatte sein Sohn am Abend vorher nicht gedacht. So sollte Hauke außer seinen Leinenhemden im Herbst noch acht Paar Wollstrümpfe als Zugabe zu seinem Lohn bekommen. Und im Frühling wollte der Vater ihn acht Tage lang für die eigene Arbeit zu Hause haben. Und so weiter. Aber der Deichgraf war mit allem einverstanden. Hauke Haien schien ihm eben der richtige Kleinknecht zu sein.

„Na, Gott steh dir bei, Junge“, sagte der Alte, als sie gerade aus dem Haus gegangen waren. „Wenn der dir die Welt erklären soll!“

Aber Hauke antwortete ruhig: „Keine Sorge, Vater. Es wird schon alles gut werden.“

Und Hauke hatte nicht so unrecht gehabt. Die Welt wurde ihm immer klarer, je länger er in diesem Haus lebte. Oder jedenfalls das, was für ihn die Welt bedeutete. Vielleicht wurde sie ihm umso klarer, weil ihm kein klügerer Mensch half. So musste er sich auf seine eigene Kraft verlassen, wie er es schon immer getan hatte. Für einen im Haus schien er allerdings nicht der Richtige zu sein. Das war der Großknecht Ole Peters. Er war ein tüchtiger Arbeiter und hatte ein flinkes Mundwerk. Ihm hatte der frühere Kleinknecht besser gefallen. Der war faul, aber dumm und kräftig gewesen. Ole hatte ihm in aller Ruhe die Tonne Hafer auf den Rücken laden können. Und er hatte ihn herumstoßen können, so viel er wollte. Hauke war noch stiller, aber im Kopf war er Ole überlegen. Ihn konnte Ole nicht so behandeln. Hauke hatte eine ganz eigene Art, ihn anzusehen. Trotzdem suchte Ole Arbeiten für ihn aus, die für seinen noch jungen Körper gefährlich sein konnten. Dann sagte der Großknecht: „Da hättest du nur den dicken Niß sehen sollen, dem ging das leicht von der Hand!“ Und Hauke packte mit aller Kraft an. Mit Mühe brachte er die Arbeit doch zu Ende. Zu seinem Glück konnte Elke das meistens verhindern, entweder selbst oder durch ihren Vater. Man kann wohl fragen, was manchmal ganz fremde Menschen miteinander verbindet. Vielleicht lag es daran, dass sie beide geborene Rechner waren. Und das Mädchen konnte nicht zusehen, wie ihr Kamerad bei der groben Arbeit zugrunde ging.

Der Streit zwischen Großknecht und Kleinknecht wurde auch im Winter nicht besser. Da waren nach Martini die verschiedenen Rechnungen für die Deiche zur Prüfung angekommen.

Es war an einem Maiabend, aber es war ein Wetter wie im November. Drinnen im Haus hörte man draußen hinter dem Deich die Brandung donnern. „He, Hauke“, sagte der Hausherr, „komm herein! Jetzt kannst du zeigen, ob du rechnen kannst!“

„Uns’ Weert“, antwortete Hauke – so nennen hier die Leute ihren Herrn –, „ich soll aber erst das Jungvieh füttern!“

„Elke!“, rief der Deichgraf. „Wo bist du, Elke? – Geh zu Ole und sag ihm, er soll das Jungvieh füttern. Hauke soll rechnen!“

Elke lief schnell in den Stall und gab dem Großknecht den Auftrag. Er war gerade dabei, das Pferdegeschirr vom Tag wieder an seinen Platz zu hängen.

Ole Peters schlug mit einer Trense gegen den Pfosten neben sich, als wollte er sie kaputt machen. „Der Teufel soll den verfluchten Schreiberknecht holen!“

Sie hörte die Worte noch, bevor sie die Stalltür wieder geschlossen hatte.

„Nun?“, fragte der Alte, als sie in die Stube kam.

„Ole wollte es schon machen“, sagte die Tochter und biss sich ein wenig auf die Lippen. Sie setzte sich Hauke gegenüber auf einen grob geschnitzten Holzstuhl. Solche Stühle machte man damals hier an Winterabenden noch selbst im Haus. Aus einer Schublade hatte sie einen weißen Strumpf mit einem roten Vogelmuster genommen. An dem strickte sie jetzt weiter. Die langbeinigen Tiere darauf sollten wohl Reiher oder Störche sein. Hauke saß ihr gegenüber und war ganz in seine Rechnungen vertieft. Der Deichgraf selbst ruhte in seinem Lehnstuhl und blinzelte schläfrig nach Haukes Feder. Auf dem Tisch brannten zwei Unschlittkerzen, wie immer im Haus des Deichgrafen. Die beiden Fenster hatten Scheiben in Blei. Vor ihnen waren draußen die Läden geschlossen und von innen festgeschraubt. Der Wind konnte also poltern, wie er wollte. Manchmal hob Hauke den Kopf von der Arbeit. Dann sah er einen Augenblick auf die Vogelstrümpfe oder auf das schmale, ruhige Gesicht des Mädchens.

Da kam aus dem Lehnstuhl plötzlich ein lautes Schnarchen. Ein Blick und ein Lächeln flogen zwischen den beiden jungen Menschen hin und her. Dann wurde der Atem des Alten allmählich ruhiger. Man konnte jetzt ein wenig plaudern. Hauke wusste nur nicht, worüber. Doch dann hob sie das Strickzeug hoch, und die Vögel zeigten sich in ihrer ganzen Länge. Da flüsterte er über den Tisch:

„Wo hast du das gelernt, Elke?“

„Was gelernt?“, fragte das Mädchen zurück.

„Das Vogelstricken“, sagte Hauke.

„Das? Von Trien’ Jans draußen am Deich. Sie kann allerlei. Sie war früher einmal hier bei meinem Großvater im Dienst.“

„Da warst du aber wohl noch nicht geboren?“, sagte Hauke.

„Ich glaube nicht. Aber sie ist später noch oft ins Haus gekommen.“

„Mag sie denn Vögel?“, fragte Hauke. „Ich dachte, sie hält es nur mit Katzen!“

Elke schüttelte den Kopf. „Sie zieht ja Enten groß und verkauft sie. Aber im letzten Frühjahr hast du doch den Angorakater totgeschlagen. Danach sind ihr hinten im Stall die Ratten an die Enten gegangen. Jetzt will sie sich vorn am Haus einen neuen Stall bauen.“

„So“, sagte Hauke und pfiff leise durch die Zähne. „Dafür hat sie sich also Lehm und Steine von der Geest hergeschleppt! Aber dann steht der Stall ja auf dem Binnenweg! – Hat sie denn eine Erlaubnis?“

„Das weiß ich nicht“, meinte Elke. Aber er hatte das letzte Wort so laut gesagt, dass der Deichgraf aus seinem Schlummer auffuhr. „Was für eine Erlaubnis?“, fragte er und sah fast wild von einem zur anderen. „Was soll die Erlaubnis?“

Hauke erklärte ihm die Sache. Da klopfte ihm der Deichgraf lachend auf die Schulter: „Ach was, der Binnenweg ist breit genug! Gott helfe dem Deichgrafen, wenn er sich auch noch um die Entenställe kümmern soll!“

Es tat Hauke leid, dass er die Alte und ihre jungen Enten den Ratten ausgeliefert haben sollte. Darum gab er sich mit dieser Antwort zufrieden. „Aber, uns’ Weert“, begann er wieder, „manchem würde ein kleiner Zwicker guttun. Und wenn Sie ihn nicht selbst zwicken wollen, dann zwicken Sie den Gevollmächtigten. Der soll doch auf die Deichordnung aufpassen!“

„Wie, was sagt der Junge?“ Der Deichgraf setzte sich ganz auf. Elke ließ ihren kunstvollen Strumpf sinken und hörte zu.

„Ja, uns’ Weert“, sprach Hauke weiter, „Sie haben doch schon die Frühlingsschau gemacht. Aber trotzdem hat Peter Jansen auf seinem Stück Deich das Unkraut noch immer nicht entfernt. Im Sommer werden da wieder die Stieglitze lustig um die roten Distelblüten spielen! Und gleich daneben ist an der Außenseite eine ganze Mulde im Deich, wie eine Wiege. Ich weiß nicht, wem das Stück gehört. Bei schönem Wetter liegt die Mulde immer voller kleiner Kinder, die sich darin wälzen. Aber – Gott schütze uns vor Hochwasser!“

Die Augen des alten Deichgrafen waren immer größer geworden.

„Und dann –“, sagte Hauke wieder.

„Was denn noch, Junge?“, fragte der Deichgraf. „Bist du noch nicht fertig?“ Es klang, als ob ihm die Rede seines Kleinknechts schon zu viel geworden war.

„Ja, dann, uns’ Weert“, sprach Hauke weiter. „Sie kennen doch die dicke Vollina, die Tochter vom Gevollmächtigten Harders. Sie holt immer die Pferde ihres Vaters aus der Fenne. Sobald sie mit ihren runden Waden auf der alten gelben Stute sitzt, heißt es: Hü hopp! Und dann geht es jedes Mal schräg die Dossierung hinauf auf den Deich!“

Erst jetzt bemerkte Hauke, dass Elke ihre klugen Augen auf ihn gerichtet hatte. Sie schüttelte leise den Kopf.

Er schwieg. Aber da schlug der Alte mit der Faust auf den Tisch, dass es ihm in den Ohren dröhnte. „Da soll doch der Blitz einschlagen!“, rief er. Hauke erschrak fast über die Bärenstimme, die plötzlich hier hervorbrach. „Eine Strafe! Schreib mir das dicke Mensch für eine Strafe auf, Hauke! Das Mädchen hat mir im letzten Sommer drei junge Enten weggefangen! Ja, ja, schreib nur auf“, wiederholte er, als Hauke zögerte. „Ich glaube sogar, es waren vier!“

„Aber Vater“, sagte Elke, „war es nicht der Otter, der die Enten geholt hat?“

„Ein großer Otter!“, rief der Alte schnaufend. „Ich werde doch die dicke Vollina und einen Otter auseinanderhalten können! Nein, nein, vier Enten, Hauke. – Aber was du sonst noch erzählst: Der Herr Oberdeichgraf und ich sind im Frühjahr an deinem Unkraut und an deiner Mulde vorbeigefahren. Vorher hatten wir zusammen hier in meinem Haus gefrühstückt. Und wir haben doch nichts sehen können. Ihr beiden aber“ – und er nickte ein paarmal bedeutungsvoll zu Hauke und seiner Tochter hin – „dankt Gott, dass ihr nicht Deichgraf seid! Man hat nur zwei Augen, und man soll mit hundert sehen. – Nimm nur die Rechnungen über die Bestickungsarbeiten, Hauke, und prüf sie nach. Die Kerle rechnen oft zu schlampig!“

Dann lehnte er sich wieder in seinem Stuhl zurück. Er ruckte seinen schweren Körper ein paarmal hin und her. Bald überließ er sich wieder dem sorglosen Schlummer.

So etwas wiederholte sich an manchem Abend. Hauke hatte scharfe Augen. Wenn sie zusammensaßen, zeigte er dem Alten immer wieder etwas in Deichsachen. Mal hatte jemand etwas Schädliches getan, mal hatte jemand etwas versäumt. Der Alte konnte nicht immer die Augen davor schließen. So kam unerwartet mehr Leben in die Verwaltung. Manche hatten früher im alten Trott weiter gesündigt. Jetzt fühlten sie plötzlich, wie man ihnen auf die frechen oder faulen Finger klopfte. Unwillig und verwundert sahen sie sich um. Woher kamen denn die Schläge? Und Ole, der Großknecht, beeilte sich, die Sache so weit wie möglich herumzuerzählen. So wollte er in diesen Kreisen Widerwillen gegen Hauke wecken. Und gegen seinen Vater, der ja mitschuldig sein musste. Die anderen aber waren nicht betroffen, oder es ging ihnen wirklich um die Sache. Sie lachten und freuten sich, dass der Junge den Alten einmal etwas in Trab gebracht hatte. „Schade nur“, sagten sie, „dass der Bursche nicht genug Klei unter den Füßen hat! Sonst gäbe er später einmal wieder einen Deichgrafen, wie es sie früher gab. Aber die paar Demat seines Alten, die reichen dafür eben nicht!“

Im nächsten Herbst kam der Herr Amtmann und Oberdeichgraf zur Deichschau. Der alte Tede Volkerts lud ihn zum Frühstück ein. Dabei sah der Oberdeichgraf ihn von oben bis unten an. „Wahrhaftig, Deichgraf“, sagte er, „das habe ich mir schon gedacht. Sie sind wirklich um ein Halbstieg Jahre jünger geworden! Diesmal haben Sie mir mit all Ihren Vorschlägen ganz schön eingeheizt. Wenn wir nur heute mit allem fertig werden!“

„Das wird schon, das wird schon, gestrenger Herr Oberdeichgraf“, antwortete der Alte schmunzelnd. „Der Gänsebraten da wird die Kräfte schon stärken! Ja, Gott sei Dank, ich bin noch immer frisch und munter!“ Er sah sich in der Stube um, ob Hauke nicht etwa in der Nähe war. Dann fügte er würdevoll und ruhig hinzu: „So hoffe ich zu Gott, dass ich mein Amt noch ein paar Jahre mit Segen führen kann.“

„Und darauf, lieber Deichgraf“, antwortete sein Vorgesetzter und stand auf, „wollen wir dieses Glas zusammen trinken!“

Elke hatte das Frühstück bestellt. Gerade als die Gläser aneinanderklangen, ging sie mit leisem Lachen aus der Stubentür. Dann holte sie eine Schüssel mit Abfällen aus der Küche. Sie ging durch den Stall, um sie vor der Außentür den Hühnern und Enten hinzuwerfen. Im Stall stand Hauke Haien. Mit der Furke steckte er den Kühen Heu in ihre Raufen. Wegen des schlechten Wetters hatte man sie schon jetzt in den Stall holen müssen. Als er das Mädchen kommen sah, stieß er die Furke auf den Boden. „Na, Elke!“, sagte er.

Sie blieb stehen und nickte ihm zu: „Ja, Hauke. Aber eben hättest du drinnen sein sollen!“

„Meinst du? Warum denn, Elke?“

„Der Herr Oberdeichgraf hat den Hausherrn gelobt!“

„Den Hausherrn? Was geht mich das an?“

„Nein, ich meine, er hat den Deichgrafen gelobt!“

Das Gesicht des jungen Mannes wurde dunkelrot. „Ich weiß schon“, sagte er, „worauf du hinauswillst!“

„Werd nur nicht rot, Hauke! Eigentlich warst ja du es, den der Oberdeichgraf gelobt hat!“

Hauke sah sie mit einem halben Lächeln an. „Du doch auch, Elke!“, sagte er.

Aber sie schüttelte den Kopf. „Nein, Hauke. Als ich allein die Helferin war, hat uns keiner gelobt. Ich kann ja auch nur rechnen. Du aber siehst draußen alles, was eigentlich der Deichgraf selbst sehen sollte. Du hast mich übertroffen!“

„Das wollte ich nicht. Am wenigsten bei dir“, sagte Hauke schüchtern. Er stieß den Kopf einer Kuh zur Seite. „Komm, Rotbunt, friss mir nicht die Furke auf! Du sollst ja alles bekommen!“

„Denk nur nicht, dass es mir leidtut, Hauke“, sagte das Mädchen, nachdem sie kurz nachgedacht hatte. „Das ist ja Männersache!“

Da streckte Hauke ihr den Arm entgegen: „Elke, gib mir die Hand darauf!“

Unter den dunklen Augenbrauen des Mädchens wurde das Gesicht tiefrot. „Warum? Ich lüge doch nicht!“, rief sie.

Hauke wollte antworten. Aber sie war schon aus dem Stall hinaus. Er stand mit seiner Furke in der Hand da. Er hörte nur, wie draußen die Enten und Hühner um sie herum schnatterten und krähten.

Es war im Januar von Haukes drittem Dienstjahr. Da sollte ein Winterfest gefeiert werden. Hier nennt man es „Eisboseln“. Es hatte lange gefroren, und die Winde an der Küste waren ruhig gewesen. Darum waren alle Gräben zwischen den Fennen mit einer festen, glatten Eisfläche bedeckt. So bildeten die vielen Landstücke jetzt eine weite Bahn. Auf ihr warf man kleine Holzkugeln, die mit Blei gefüllt waren. Mit ihnen sollte man das Ziel erreichen. Tag für Tag wehte ein leichter Nordostwind. Alles war schon vorbereitet. Im Osten, oberhalb der Marsch, lag das Kirchdorf auf der Geest. Die Geestleute von dort hatten im letzten Jahr gewonnen. Man hatte sie zum Wettkampf herausgefordert, und sie hatten angenommen. Jede Seite hatte neun Werfer aufgestellt. Auch der Obmann und die Kretler waren gewählt. Die Kretler mussten bei Streit über einen zweifelhaften Wurf miteinander verhandeln. Dafür nahm man immer Leute, die ihre Sache ins beste Licht rücken konnten. Am liebsten nahm man Burschen mit gesundem Menschenverstand und einem lustigen Mundwerk. Dazu gehörte vor allem Ole Peters, der Großknecht des Deichgrafen. „Werft nur wie die Teufel“, sagte er. „Das Reden mache ich umsonst!“

Es war gegen Abend vor dem Festtag. In der Nebenstube des Kirchspielskrugs oben auf der Geest hatten sich einige Werfer getroffen. Sie wollten entscheiden, ob einige Spieler, die sich zuletzt noch gemeldet hatten, mitmachen durften. Auch Hauke Haien war unter diesen. Zuerst hatte er nicht gewollt, obwohl er wusste, wie gut er werfen konnte. Aber er fürchtete, dass Ole Peters ihn ablehnen würde. Ole hatte nämlich ein Ehrenamt in dem Spiel. Diese Niederlage wollte Hauke sich ersparen. Aber Elke hatte ihn noch im letzten Augenblick umgestimmt. „Er wird es nicht wagen, Hauke“, hatte sie gesagt. „Er ist der Sohn eines Tagelöhners. Dein Vater hat eine Kuh und ein Pferd, und außerdem ist er der klügste Mann im Dorf!“

„Aber wenn er es trotzdem schafft?“

Sie sah ihn halb lächelnd mit ihren dunklen Augen an. „Dann“, sagte sie, „kann er lange warten, wenn er abends mit der Tochter seines Hausherrn tanzen will!“ – Da hatte Hauke ihr mutig zugenickt.

Nun standen die jungen Leute, die noch mitspielen wollten, vor dem Kirchspielskrug. Sie froren und trampelten mit den Füßen. Sie sahen hinauf zur Spitze des Kirchturms, der aus Felsblöcken gebaut war. Gleich daneben lag der Krug. Die Tauben des Pastors suchten sich im Sommer ihr Futter auf den Feldern des Dorfes. Jetzt kamen sie gerade von den Höfen und Scheunen der Bauern zurück. Dort hatten sie sich ihre Körner gesucht. Nun verschwanden sie unter den Schindeln des Turmes, hinter denen sie ihre Nester hatten. Im Westen über dem Haf leuchtete ein glühendes Abendrot.

„Morgen wird gutes Wetter!“, sagte einer der jungen Burschen und begann, heftig auf und ab zu gehen. „Aber kalt! Kalt!“ Ein zweiter sah keine Taube mehr fliegen. Da ging er ins Haus und stellte sich lauschend neben die Tür der Stube. Von drinnen hörte man jetzt ein lebhaftes Durcheinanderreden. Auch Hauke, der Kleinknecht des Deichgrafen, war neben ihn getreten. „Hör mal, Hauke“, sagte der Bursche zu ihm, „jetzt streiten sie über dich!“ Und deutlich hörte man von drinnen die knarrende Stimme von Ole Peters: „Kleinknechte und Jungen gehören nicht dazu!“

„Komm“, flüsterte der andere und versuchte, Hauke am Ärmel an die Stubentür zu ziehen. „Hier kannst du lernen, wie viel sie von dir halten!“

Aber Hauke riss sich los und ging wieder vor das Haus. „Sie haben uns nicht ausgesperrt, damit wir zuhören!“, rief er zurück.

Vor dem Haus stand der dritte von denen, die sich angemeldet hatten. „Ich fürchte, bei mir gibt es ein Problem“, rief er ihm entgegen. „Ich bin kaum achtzehn Jahre alt. Wenn sie nur nicht den Taufschein sehen wollen! Dich, Hauke, wird dein Großknecht schon hinausreden!“

„Ja, hinaus!“, brummte Hauke und schleuderte mit dem Fuß einen Stein über den Weg. „Nur nicht hinein!“

Der Lärm in der Stube wurde stärker. Dann wurde es allmählich still. Die draußen hörten wieder den leisen Nordostwind, der sich oben an der Spitze des Kirchturms brach. Der Lauscher kam wieder zu ihnen. „Über wen haben sie da drinnen geredet?“, fragte der Achtzehnjährige.

„Über den da!“, sagte der andere und zeigte auf Hauke. „Ole Peters wollte ihn als einen bloßen Jungen hinstellen. Aber alle schrien dagegen. ‚Und sein Vater hat Vieh und Land‘, sagte Jeß Hansen. ‚Ja, Land‘, rief Ole Peters, ‚das man auf dreizehn Karren wegfahren kann!‘ – Zuletzt kam Ole Hensen. ‚Still da!‘, schrie er. ‚Ich will es euch zeigen: Sagt doch, wer ist der erste Mann im Dorf?‘ Da schwiegen sie erst und schienen nachzudenken. Dann sagte eine Stimme: ‚Das ist doch wohl der Deichgraf!‘ Und alle anderen riefen: ‚Na gut, meinetwegen der Deichgraf!‘ – ‚Und wer ist denn der Deichgraf?‘, rief Ole Hensen wieder. ‚Aber jetzt denkt gut nach!‘ – Da begann einer leise zu lachen, und dann noch einer. Zuletzt war in der Stube nichts als lautes Lachen. ‚Nun, dann ruft ihn‘, sagte Ole Hensen. ‚Ihr wollt doch nicht den Deichgrafen von der Tür wegstoßen!‘ Ich glaube, sie lachen immer noch. Aber die Stimme von Ole Peters war nicht mehr zu hören!“ So beendete der Bursche seinen Bericht.

Fast im selben Augenblick wurde drinnen im Haus die Stubentür aufgerissen. „Hauke! Hauke Haien!“, rief es laut und fröhlich in die Nacht hinaus.

Da trabte Hauke ins Haus. Er hörte nicht mehr, wer denn nun der Deichgraf war. Was in seinem Kopf vorging, hat aber wohl niemand erfahren.

– Nach einer Weile kam er wieder zum Haus seiner Herrschaft. Da sah er Elke unten am Tor der Auffahrt stehen. Das Mondlicht schimmerte über die unendliche Weidefläche, die weiß vom Reif war. „Stehst du hier, Elke?“, fragte er.

Sie nickte nur. „Was ist passiert?“, sagte sie. „Hat er es gewagt?“

„Warum sollte er nicht!“

„Na, und?“

„Ja, Elke. Ich darf es morgen doch versuchen!“

„Gute Nacht, Hauke!“ Und sie lief schnell die Werfte hinauf und verschwand im Haus.

Langsam folgte er ihr.

Am nächsten Nachmittag sah man auf der weiten Weide eine dunkle Menschenmenge. Die Weide zog sich im Osten an der Landseite des Deiches entlang. Die Menge stand manchmal ganz still. Dann flog zweimal eine Holzkugel aus ihr heraus über den Boden. Die Sonne hatte ihn jetzt vom Reif befreit. Danach rückte die Menge langsam weiter, weg von den langen, niedrigen Häusern hinter ihr. In der Mitte waren die beiden Mannschaften der Eisbosler. Um sie herum standen Alt und Jung. Das waren alle, die in jenen Häusern oder oben auf der Geest wohnten oder zu Gast waren. Die älteren Männer trugen lange Röcke und rauchten bedächtig aus kurzen Pfeifen. Die Frauen trugen Tücher und Jacken. Manche zogen Kinder an der Hand oder trugen sie auf dem Arm. Nach und nach überquerte man die gefrorenen Gräben. Aus ihnen funkelte der bleiche Schein der Nachmittagssonne durch die scharfen Spitzen des Schilfs. Es fror stark. Aber das Spiel ging ohne Pause weiter. Alle Augen folgten immer wieder der fliegenden Kugel. Denn an ihr hing heute die Ehre des ganzen Dorfes. Der Kretler der Marschleute trug einen weißen, der Kretler der Geestleute einen schwarzen Stab mit einer Eisenspitze. Wo die Kugel liegen blieb, schlug man den Stab in den gefrorenen Boden. Dabei schwieg die Gegenpartei anerkennend, oder sie lachte höhnisch. Wessen Kugel zuerst das Ziel erreichte, der hatte das Spiel für seine Mannschaft gewonnen.

Die Leute sprachen nur wenig. Nur bei einem besonders guten Wurf hörte man einen Ruf der jungen Männer oder Frauen. Oder einer von den Alten nahm die Pfeife aus dem Mund. Dann klopfte er damit dem Werfer auf die Schulter und sagte ein paar gute Worte: „Das war ein Wurf, sagte Zacharies und warf sein Weib aus der Luke!“ Oder: „So hat dein Vater auch geworfen. Gott tröste ihn in der Ewigkeit!“ Oder was sie sonst noch Gutes sagten.

Bei seinem ersten Wurf hatte Hauke kein Glück gehabt. Gerade als er den Arm nach hinten schwang, zog eine Wolke von der Sonne weg. Die Wolke hatte die Sonne vorher bedeckt. Jetzt traf der volle Sonnenstrahl Hauke in die Augen. Der Wurf wurde zu kurz. Die Kugel fiel auf einen Graben und blieb im hohlen Eis stecken.

„Gilt nicht! Gilt nicht! Hauke, noch einmal!“, riefen seine Mitspieler.

Aber der Kretler der Geestleute sprang auf und widersprach: „Das muss gelten! Geworfen ist geworfen!“

„Ole! Ole Peters!“, schrie die Jugend aus der Marsch. „Wo ist Ole? Wo, zum Teufel, steckt er?“

Aber er war schon da. „Schreit doch nicht so! Muss Hauke irgendwo geflickt werden? Das habe ich mir schon gedacht.“

„Ach was! Hauke muss noch einmal werfen! Jetzt zeig, dass du dein Maul am rechten Fleck hast!“

„Das habe ich schon!“, rief Ole. Er stellte sich dem Kretler der Geest gegenüber und redete einen Haufen Unsinn. Aber diesmal fehlten die Spitzen und die Schärfe, die sonst aus seinen Worten blitzten. Neben ihm stand das Mädchen mit den rätselhaften Augenbrauen. Sie sah ihn mit zornigen Augen scharf an. Aber sie durfte nichts sagen, denn die Frauen hatten in dem Spiel keine Stimme.

„Du redest Unsinn“, rief der andere Kretler, „weil dir der Sinn nicht helfen kann! Sonne, Mond und Sterne sind für uns alle gleich, und sie stehen immer am Himmel. Der Wurf war ungeschickt, und alle ungeschickten Würfe gelten!“

So stritten sie noch eine Weile miteinander. Aber am Ende entschied der Obmann: Hauke durfte seinen Wurf nicht wiederholen.

„Vorwärts!“, riefen die Geestleute. Ihr Kretler zog den schwarzen Stab aus dem Boden. Der nächste Werfer trat dort an, als man seine Nummer rief, und schleuderte die Kugel nach vorn. Der Großknecht des Deichgrafen wollte dem Wurf zusehen. Dabei musste er an Elke Volkerts vorbei. „Wem zuliebe hast du heute deinen Verstand zu Hause gelassen?“, flüsterte sie ihm zu.

Da sah er sie fast grimmig an. Aller Spaß war aus seinem breiten Gesicht verschwunden. „Dir zuliebe!“, sagte er. „Denn du hast deinen auch vergessen.“

„Geh nur! Ich kenne dich, Ole Peters!“, antwortete das Mädchen und richtete sich hoch auf. Er aber drehte den Kopf weg und tat, als hätte er das nicht gehört.

Und das Spiel ging weiter, mit dem schwarzen und dem weißen Stab. Als Hauke wieder werfen durfte, flog seine Kugel schon so weit, dass man das Ziel deutlich sah. Es war die große, weiß gekalkte Tonne. Hauke war jetzt ein kräftiger junger Kerl. Als Junge hatte er jeden Tag Mathematik und Werfen geübt. „Oho, Hauke!“, rief es aus der Menge. „Das war ja, als hätte der Erzengel Michael selbst geworfen!“ Eine alte Frau mit Kuchen und Schnaps drängte sich durch die Menge zu ihm. Sie schenkte ein Glas voll und bot es ihm an. „Komm“, sagte sie, „wir wollen uns wieder vertragen. Das heute ist besser als damals, als du mir die Katze totgeschlagen hast!“ Als er sie ansah, erkannte er Trien’ Jans. „Ich danke dir, Alte“, sagte er. „Aber ich trinke das nicht.“ Er griff in seine Tasche und drückte ihr ein frisch geprägtes Markstück in die Hand. „Nimm das und trink das Glas selbst aus, Trien’. So haben wir uns vertragen!“

„Du hast recht, Hauke!“, antwortete die Alte und tat, was er sagte. „Du hast recht. Das ist auch besser für eine alte Frau wie mich!“

„Wie geht es mit deinen Enten?“, rief er ihr noch nach. Sie ging schon mit ihrem Korb weg. Aber sie schüttelte nur den Kopf, ohne sich umzudrehen, und schlug mit ihren alten Händen in die Luft. „Nichts, nichts, Hauke! In euren Gräben sind zu viele Ratten. Gott tröste mich! Man muss sich anders ernähren!“ Und damit drängte sie sich in die Menge und bot wieder ihren Schnaps und ihre Honigkuchen an.

Die Sonne war endlich hinter dem Deich untergegangen. Stattdessen glühte ein rotvioletter Schimmer auf. Manchmal flogen schwarze Krähen vorbei, und für Augenblicke sahen sie aus wie vergoldet. Es wurde Abend. Auf den Fennen aber rückte die dunkle Menschenmenge immer weiter. Sie entfernte sich von den schwarzen Häusern, die schon weit weg lagen, und kam der Tonne näher. Ein besonders guter Wurf musste sie jetzt erreichen können. Die Marschleute waren an der Reihe. Hauke sollte werfen.

Die kreideweiße Tonne zeichnete sich hell im breiten Abendschatten ab, der jetzt vom Deich über die Fläche fiel. „Die werdet ihr uns diesmal wohl noch lassen!“, rief einer von den Geestleuten. Denn es ging hart her. Die Geestleute lagen mindestens ein halbes Stieg Fuß vorn.

Haukes hagere Gestalt trat gerade aus der Menge. Aus seinem langen Friesengesicht sahen die grauen Augen nach vorn, zur Tonne. Seine Hand hing herab, und in ihr lag die Kugel.

„Der Vogel ist dir wohl zu groß“, hörte er da Ole Peters’ knarrende Stimme ganz nah an seinem Ohr. „Sollen wir ihn gegen einen grauen Topf tauschen?“

Hauke drehte sich um und sah ihn mit festem Blick an. „Ich werfe für die Marsch!“, sagte er. „Wohin gehörst denn du?“

„Ich denke, auch dorthin. Aber du wirfst doch wohl für Elke Volkerts!“

„Geh zur Seite!“, schrie Hauke und stellte sich wieder in Position. Aber Ole drängte sich mit dem Kopf noch näher an ihn heran. Da packte ihn plötzlich eine Hand, noch bevor Hauke selbst etwas tun konnte. Sie riss ihn nach hinten, sodass der Bursche gegen seine lachenden Freunde taumelte. Es war keine große Hand gewesen. Denn als Hauke kurz den Kopf drehte, sah er Elke Volkerts neben sich. Sie zupfte ihren Ärmel zurecht. Ihre dunklen Augenbrauen standen wie zornig in ihrem heißen Gesicht.

Da flog es wie die Kraft von Stahl in Haukes Arm. Er beugte sich ein wenig vor und wog die Kugel ein paarmal in der Hand. Dann holte er aus. Auf beiden Seiten war es totenstill. Alle Augen folgten der fliegenden Kugel. Man hörte, wie sie sausend durch die Luft schnitt. Plötzlich, schon weit vom Wurfplatz entfernt, verdeckten die Flügel einer Silbermöwe die Kugel. Die Möwe kam schreiend vom Deich herüber. Aber zugleich hörte man in der Ferne, wie die Kugel an die Tonne schlug. „Hurra für Hauke!“, riefen die Marschleute. Laut ging es durch die Menge: „Hauke! Hauke Haien hat das Spiel gewonnen!“

Alle drängten sich dicht um ihn. Aber Hauke hatte nur zur Seite gegriffen, nach einer einzigen Hand. Sie riefen wieder: „Was stehst du da, Hauke? Die Kugel liegt ja in der Tonne!“ Aber auch da nickte er nur und ging nicht von der Stelle. Erst als er fühlte, dass sich die kleine Hand fest um seine schloss, sagte er: „Ihr habt wohl recht. Ich glaube auch, ich habe gewonnen!“

Dann strömte die ganze Menge zurück. Elke und Hauke wurden getrennt und von den Leuten mitgerissen, auf den Weg zum Krug. Der Weg führte an der Werfte des Deichgrafen vorbei und dann zur Geest hinauf. Hier aber kamen beide aus dem Gedränge heraus. Elke ging in ihre Kammer. Hauke stand hinten auf der Werfte vor der Stalltür. Er sah, wie die dunkle Menge langsam nach oben wanderte. Dort, im Kirchspielskrug, war ein Raum für die Tänzer bereit. Die Dunkelheit breitete sich langsam über die weite Gegend. Um ihn herum wurde es immer stiller. Nur hinter ihm im Stall bewegte sich das Vieh. Oben von der Geest glaubte er schon die Klarinetten aus dem Krug pfeifen zu hören. Da hörte er an der Hausecke ein Kleid rauschen. Kleine, feste Schritte gingen den Fußweg hinab, der durch die Fennen zur Geest hinaufführte. Nun sah er in der Dämmerung auch die Gestalt. Es war Elke. Auch sie ging zum Tanz in den Krug. Das Blut schoss ihm in den Hals. Sollte er ihr nicht nachlaufen und mit ihr gehen? Aber Hauke war kein Held gegenüber Frauen. Er dachte über diese Frage nach und blieb stehen, bis sie im Dunkeln verschwunden war.

Dann war die Gefahr vorbei, dass er sie einholte. Nun ging auch er denselben Weg, bis er oben den Krug bei der Kirche erreichte. Die Leute drängten sich vor dem Haus und im Flur und redeten und schrien. Dazu kam der schrille Klang der Geigen und Klarinetten. Der Lärm umgab ihn und machte ihn fast taub. Niemand beachtete ihn, als er sich in den „Gildesaal“ drückte. Der Saal war nicht groß und so voll, dass man kaum einen Schritt weit sehen konnte. Schweigend stellte er sich an den Türpfosten und sah in das unruhige Gedränge. Die Menschen kamen ihm wie Narren vor. Er musste sich auch keine Sorgen machen, dass jemand noch an den Kampf vom Nachmittag dachte. Keiner dachte mehr daran, wer erst vor einer Stunde das Spiel gewonnen hatte. Jeder sah nur auf sein Mädchen und drehte sich mit ihr im Kreis. Seine Augen suchten nur die eine, und endlich – dort! Sie tanzte mit ihrem Vetter, dem jungen Deichgevollmächtigten. Aber schon sah er sie nicht mehr. Er sah nur andere Mädchen aus Marsch und Geest, die ihm egal waren. Dann brachen die Geigen und Klarinetten plötzlich ab, und der Tanz war zu Ende. Aber gleich begann schon der nächste. Hauke fragte sich, ob Elke ihm auch Wort halten würde. Vielleicht tanzte sie mit Ole Peters an ihm vorbei? Bei dem Gedanken hätte er fast aufgeschrien. Und dann – ja, was wollte er dann tun? Aber bei diesem Tanz schien sie gar nicht mitzumachen. Endlich ging auch er zu Ende. Es folgte ein anderer, ein Zweitritt, der hier gerade erst in Mode gekommen war. Die Musik setzte wie rasend ein. Die jungen Männer stürzten zu den Mädchen, und die Lichter an den Wänden flackerten. Hauke streckte den Hals, so weit er konnte, um die Tanzenden zu erkennen. Und dort, im dritten Paar, das war Ole Peters! Aber wer war die Tänzerin? Ein breiter Bursche aus der Marsch stand vor ihr und verdeckte ihr Gesicht. Doch der Tanz raste weiter, und Ole und seine Partnerin drehten sich heraus. „Vollina! Vollina Harders!“, rief Hauke fast laut und atmete gleich erleichtert auf. Aber wo blieb Elke? Hatte sie keinen Tänzer? Oder hatte sie alle abgelehnt, weil sie nicht mit Ole tanzen wollte? Die Musik hörte wieder auf, und ein neuer Tanz begann. Aber wieder sah er Elke nicht! Doch dort kam Ole, noch immer die dicke Vollina in den Armen. „Nun, nun“, sagte Hauke. „Da wird Jeß Harders mit seinen fünfundzwanzig Demat wohl bald aufs Altenteil gehen müssen! – Aber wo ist Elke?“

Er verließ seinen Türpfosten und drängte sich weiter in den Saal hinein. Da stand er plötzlich vor ihr. Sie saß mit einer älteren Freundin in einer Ecke. „Hauke!“, rief sie und sah mit ihrem schmalen Gesicht zu ihm auf. „Bist du hier? Ich habe dich gar nicht tanzen sehen!“

„Ich tanze auch nicht“, antwortete er.

„Warum nicht, Hauke?“ Sie stand halb auf und sagte: „Willst du mit mir tanzen? Ole Peters habe ich es nicht gegönnt. Der kommt nicht wieder!“

Aber Hauke machte keine Bewegung. „Danke, Elke“, sagte er. „Ich kann das nicht gut genug. Die Leute könnten über dich lachen. Und dann ...“ Er stockte plötzlich. Er sah sie nur herzlich mit seinen grauen Augen an, als müssten sie den Rest sagen.

„Was meinst du, Hauke?“, fragte sie leise.

„Ich meine, Elke, der Tag kann für mich gar nicht schöner enden, als er es schon getan hat.“

„Ja“, sagte sie, „du hast das Spiel gewonnen.“

„Elke!“, mahnte er kaum hörbar.

Da stieg ihr eine heiße Röte ins Gesicht. „Geh!“, sagte sie. „Was willst du?“ Und sie schlug die Augen nieder.

Jetzt zog ein Bursche die Freundin zum Tanz fort. Da sagte Hauke lauter: „Ich dachte, Elke, ich hätte etwas Besseres gewonnen!“

Noch ein paar Augenblicke suchten ihre Augen auf dem Boden. Dann hob sie sie langsam. Ihr Blick traf seinen, und in diesem Blick lag die stille Kraft ihres Wesens. Er strömte durch ihn wie Sommerluft. „Tu, was dein Herz dir sagt, Hauke!“, sagte sie. „Wir sollten uns doch kennen!“

Elke tanzte an diesem Abend nicht mehr. Als die beiden dann nach Hause gingen, hielten sie sich an der Hand. Hoch am Himmel funkelten die Sterne über der schweigenden Marsch. Ein leichter Ostwind wehte und brachte strenge Kälte. Aber die beiden gingen ohne viele Tücher und Mäntel dahin, als wäre es plötzlich Frühling geworden.

Hauke hatte an etwas gedacht, das er erst in einer ungewissen Zukunft brauchen konnte. Aber er wollte damit für sich allein still feiern. Deshalb ging er am nächsten Sonntag in die Stadt zum alten Goldschmied Andersen und bestellte einen starken Goldring. „Strecken Sie den Finger her, damit wir messen können!“, sagte der Alte und griff nach seinem Ringfinger. „Nun“, meinte er, „der ist gar nicht so dick, wie er bei euch Leuten sonst ist!“ Aber Hauke sagte: „Messen Sie lieber am kleinen Finger!“, und hielt ihn ihm hin.

Der Goldschmied sah ihn etwas erstaunt an. Aber die Einfälle der jungen Bauernburschen waren ihm egal. „Da werden wir schon so einen unter den Mädchenringen haben!“, sagte er. Hauke schoss das Blut in beide Wangen. Aber der kleine Goldring passte auf seinen kleinen Finger. Hastig nahm er ihn und bezahlte mit blankem Silber. Dann steckte er ihn in die Westentasche. Sein Herz klopfte laut dabei, und es war, als täte er etwas sehr Feierliches. Dort trug er den Ring von nun an jeden Tag, mit Unruhe und doch mit Stolz. Es war, als wäre die Westentasche nur dafür da, einen Ring zu tragen.

So trug er ihn über ein Jahr lang. Der Ring musste sogar noch in eine neue Westentasche wandern. Die Gelegenheit, ihn zu befreien, war immer noch nicht gekommen. Hauke hatte auch schon daran gedacht, einfach geradewegs zu seinem Hausherrn zu gehen. Sein Vater hatte ja auch eigenes Land im Dorf! Aber wenn er ruhiger wurde, wusste er es besser. Der alte Deichgraf hätte seinen Kleinknecht nur ausgelacht. Und so lebten er und die Tochter des Deichgrafen nebeneinander her. Auch sie schwieg, wie ein junges Mädchen schweigt. Und doch lebten beide so, als gingen sie immer Hand in Hand.

Ein Jahr nach jenem Winterfest hatte Ole Peters seinen Dienst gekündigt und Vollina Harders geheiratet. Hauke hatte recht gehabt: Der Alte war aufs Altenteil gegangen. Statt der dicken Tochter ritt nun der lustige Schwiegersohn die gelbe Stute in die Fenne. Und rückwärts ritt er, wie man sagte, immer gegen den Deich hinauf. Hauke war Großknecht geworden, und ein Jüngerer war an seine Stelle getreten. Zuerst hatte der Deichgraf ihn aber nicht aufsteigen lassen wollen. „Kleinknecht ist besser!“, hatte er gebrummt. „Ich brauche ihn hier bei meinen Büchern!“ Aber Elke hatte gesagt: „Dann geht auch Hauke, Vater!“ Da hatte der Alte Angst bekommen. So wurde Hauke Großknecht, und trotzdem half er weiter bei der Arbeit des Deichgrafen mit.

Nach einem weiteren Jahr begann er, mit Elke darüber zu sprechen. Er sagte, sein Vater werde schwach. Der Hausherr lasse ihn im Sommer nur ein paar Tage auf dem Hof des Vaters arbeiten. Das reiche nun nicht mehr. Der Alte quäle sich, und er dürfe das nicht länger mit ansehen. – Es war ein Sommerabend. Die beiden standen in der Dämmerung unter der großen Esche vor der Haustür. Das Mädchen sah eine Weile stumm in die Zweige des Baumes hinauf. Dann antwortete sie: „Ich wollte es nicht sagen, Hauke. Ich dachte, du würdest von selbst das Richtige tun.“

„Dann muss ich fort aus eurem Haus“, sagte er, „und kann nicht wiederkommen.“

Sie schwiegen eine Weile und sahen in das Abendrot, das drüben hinter dem Deich im Meer versank. „Du musst es wissen“, sagte sie. „Ich war heute Morgen noch bei deinem Vater. Er war in seinem Lehnstuhl eingeschlafen. Die Zeichenfeder hatte er in der Hand, und das Zeichenbrett mit einer halben Zeichnung lag vor ihm auf dem Tisch. Dann wachte er auf und unterhielt sich mühsam eine Viertelstunde mit mir. Als ich gehen wollte, hielt er mich voller Angst an der Hand zurück. Es war, als fürchtete er, es wäre das letzte Mal. Aber ...“

„Was aber, Elke?“, fragte Hauke, als sie zögerte.

Ein paar Tränen liefen dem Mädchen über die Wangen. „Ich habe nur an meinen Vater gedacht“, sagte sie. „Glaub mir, es wird ihm schwerfallen, ohne dich zu sein.“ Es war, als müsste sie sich Mut fassen, bevor sie weitersprach: „Mir ist oft, als ob er sich auf den Tod vorbereitet.“

Hauke antwortete nicht. Ihm war plötzlich, als bewegte sich der Ring in seiner Tasche. Dieses Gefühl kam ganz von selbst, und es ärgerte ihn. Aber noch bevor er den Ärger unterdrücken konnte, sprach Elke weiter: „Nein, sei nicht böse, Hauke! Ich vertraue darauf, dass du uns auch so nicht verlässt!“

Da griff er eifrig nach ihrer Hand, und sie zog sie nicht zurück. Noch eine Weile standen die jungen Menschen in der sinkenden Dunkelheit beieinander. Dann glitten ihre Hände auseinander, und jeder ging seinen Weg. – Ein Windstoß fuhr hoch und rauschte durch die Blätter der Esche. Er ließ die Läden an der Vorderseite des Hauses klappern. Aber langsam kam die Nacht, und Stille lag über der ungeheuren Ebene.

Durch Elkes Hilfe ließ der alte Deichgraf Hauke aus dem Dienst gehen, obwohl er nicht rechtzeitig gekündigt hatte. Jetzt waren zwei neue Knechte im Haus. – Noch ein paar Monate später starb Tede Haien. Aber bevor er starb, rief er den Sohn an sein Bett. „Setz dich zu mir, mein Kind“, sagte der Alte mit schwacher Stimme, „ganz nah zu mir! Du brauchst dich nicht zu fürchten. Wer bei mir ist, das ist nur der dunkle Engel des Herrn. Er kommt, um mich zu rufen.“

Der Sohn war erschüttert und setzte sich dicht an das dunkle Wandbett. „Sagen Sie mir, Vater, was Sie noch zu sagen haben!“

„Ja, mein Sohn, noch etwas“, sagte der Alte und streckte seine Hände über die Decke. „Als du zum Deichgrafen in den Dienst gingst, warst du noch ein halber Junge. Damals hattest du schon im Kopf, selbst einmal Deichgraf zu werden. Das hat mich angesteckt. Nach und nach dachte auch ich, dass du der richtige Mann dafür bist. Aber dein Erbe war für so ein Amt zu klein. Ich habe während deiner Dienstzeit sparsam gelebt, weil ich es größer machen wollte.“

Hauke griff heftig nach den Händen seines Vaters. Der Alte versuchte sich aufzurichten, damit er ihn sehen konnte. „Ja, ja, mein Sohn“, sagte er. „Dort in der obersten Schublade der Schatulle liegt das Dokument. Du weißt, die alte Antje Wohlers hat eine Fenne von fünf und einem halben Demat. Aber sie ist alt und verkrüppelt, und von der Miete allein konnte sie nicht mehr leben. Deshalb habe ich der armen Frau immer um Martini eine feste Summe gegeben. Wenn ich mehr hatte, gab ich ihr auch mehr. Dafür hat sie mir die Fenne übertragen. Vor Gericht ist alles erledigt. – Nun liegt auch sie im Sterben. Sie hat den Krebs, die Krankheit unserer Marschen. Du wirst nichts mehr zahlen müssen!“

Eine Weile schloss er die Augen. Dann sagte er noch: „Es ist nicht viel. Aber du hast dann mehr, als du bei mir gewohnt warst. Möge es dir in deinem Leben auf der Erde helfen!“

Während der Sohn ihm dankte, schlief der Alte ein. Er hatte nichts mehr zu erledigen. Schon nach einigen Tagen drückte ihm der dunkle Engel des Herrn die Augen für immer zu, und Hauke trat sein Erbe an.

Am Tag nach der Beerdigung kam Elke in Haukes Haus. „Danke, dass du hereinschaust, Elke!“, rief Hauke ihr als Gruß entgegen.

Aber sie antwortete: „Ich schaue nicht herein. Ich will bei dir ein wenig Ordnung machen, damit du ordentlich in deinem Haus wohnen kannst! Dein Vater hat vor lauter Zahlen und Zeichnungen nicht viel um sich herum gesehen. Auch der Tod bringt Unordnung. Ich will es dir wieder ein wenig lebendig machen!“

Er sah sie voll Vertrauen mit seinen grauen Augen an. „Dann mach nur Ordnung!“, sagte er. „Mir ist es auch lieber so.“

Dann begann sie aufzuräumen. Das Zeichenbrett, das noch dalag, wurde abgestaubt und auf den Dachboden getragen. Zeichenfedern, Bleistift und Kreide schloss sie sorgfältig in einer Schublade der Schatulle ein. Dann rief sie die junge Magd zu Hilfe. Mit ihr stellte sie alle Möbel im Zimmer anders und besser auf. Nun schien das Zimmer heller und größer zu sein. Lächelnd sagte Elke: „Das können nur wir Frauen!“ Hauke trauerte um seinen Vater, aber trotzdem sah er mit glücklichen Augen zu. Wo es nötig war, half er auch selbst.

Gegen Abend – es war Anfang September – war alles so, wie sie es für ihn wollte. Da nahm sie seine Hand und nickte ihm mit ihren dunklen Augen zu. „Nun komm und iss bei uns zu Abend. Denn ich musste meinem Vater versprechen, dich mitzubringen. Wenn du dann heimgehst, kannst du ruhig in dein Haus gehen!“

Dann traten sie in die große Wohnstube des Deichgrafen. Die Läden waren geschlossen, und die beiden Kerzen brannten schon auf dem Tisch. Der Deichgraf wollte aus seinem Lehnstuhl aufstehen, aber sein schwerer Körper sank zurück. So rief er seinem früheren Knecht nur entgegen: „Recht so, recht so, Hauke, dass du deine alten Freunde besuchst! Komm nur näher, immer näher!“ Als Hauke an seinem Stuhl stand, nahm er dessen Hand in seine beiden runden Hände. „Nun, nun, mein Junge“, sagte er, „sei jetzt nur ruhig, denn sterben müssen wir alle. Und dein Vater war keiner von den Schlechtesten! – Aber, Elke, sorg jetzt dafür, dass der Braten auf den Tisch kommt. Wir müssen uns stärken! Es gibt viel Arbeit für uns, Hauke! Die Herbstschau kommt bald, und die Deich- und Sielrechnungen sind haushoch. Dazu der neue Deichschaden am Westerkoog – ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht! Aber dein Kopf ist, Gott sei Dank, um einiges jünger. Du bist ein braver Junge, Hauke!“

Nach dieser langen Rede, in der der Alte sein ganzes Herz gezeigt hatte, ließ er sich in seinen Stuhl zurückfallen. Sehnsüchtig blinzelte er zur Tür, durch die Elke gerade mit der Bratenschüssel hereinkam. Hauke stand lächelnd neben ihm. „Nun setz dich“, sagte der Deichgraf, „damit wir nicht unnötig Zeit verlieren. Kalt schmeckt das nicht!“

Und Hauke setzte sich. Es schien ihm selbstverständlich, die Arbeit von Elkes Vater mitzumachen. Dann kam die Herbstschau, und das Jahr ging noch ein paar Monate weiter. Bis dahin hatte er auch den besten Teil davon getan.

Der Schulmeister hörte auf zu erzählen und sah um sich. Ein Möwenschrei hatte gegen das Fenster geschlagen. Draußen im Hausflur hörte man ein Trampeln, als ob jemand den Klei von seinen schweren Stiefeln trat.

Der Deichgraf und die Gevollmächtigten drehten die Köpfe zur Stubentür. „Was ist los?“, rief der Deichgraf.

Ein starker Mann war hereingekommen, den Südwester auf dem Kopf. „Herr“, sagte er, „wir beide haben es gesehen, Hans Nickels und ich. Der Schimmelreiter hat sich in den Bruch gestürzt!“

„Wo haben Sie das gesehen?“, fragte der Deichgraf.

„Es gibt dort ja nur die eine Wehle, in Jansens Fenne, wo der Hauke-Haien-Koog beginnt.“

„Habt ihr es nur einmal gesehen?“

„Nur einmal. Es war auch nur wie ein Schatten. Aber deshalb muss es nicht das erste Mal gewesen sein.“

Der Deichgraf war aufgestanden. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte er zu mir. „Wir müssen draußen nachsehen, wohin das Unheil will!“ Dann ging er mit dem Boten zur Tür hinaus. Auch alle anderen brachen auf und folgten ihm.

Ich blieb mit dem Schullehrer allein in dem großen, leeren Zimmer. Die Fenster hatten keine Vorhänge, und nun saßen auch keine Gäste mehr mit dem Rücken davor. So sah man frei hinaus und sah, wie der Sturm die dunklen Wolken über den Himmel jagte. Der Alte saß noch auf seinem Platz. Auf seinen Lippen lag ein überlegenes, fast mitleidiges Lächeln. „Es ist hier zu leer geworden“, sagte er. „Darf ich Sie zu mir auf mein Zimmer einladen? Ich wohne hier im Haus. Und glauben Sie mir, ich kenne die Stürme hier am Deich. Wir haben nichts zu fürchten.“

Ich nahm dankend an, denn auch ich begann hier zu frieren. Wir nahmen ein Licht mit und stiegen die Treppen zu einer Giebelstube hinauf. Auch sie lag nach Westen, aber vor den Fenstern hingen jetzt dunkle Wolldecken. In einem Bücherregal sah ich eine kleine Bibliothek, daneben die Porträts von zwei alten Professoren. Vor einem Tisch stand ein großer Ohrensessel. „Machen Sie es sich bequem!“, sagte mein freundlicher Gastgeber. Er warf etwas Torf in den kleinen Ofen, der noch glühte. Oben auf dem Ofen stand ein Kessel aus Blech. „Nur noch ein Weilchen! Er wird bald sausen. Dann mache ich uns ein Gläschen Grog, das hält Sie wach!“

„Das ist nicht nötig“, sagte ich. „Ich werde nicht müde, wenn ich Ihren Hauke auf seinem Lebensweg begleite!“

„Meinen Sie?“ Er nickte mir mit seinen klugen Augen zu. Ich saß inzwischen bequem in seinem Sessel. „Nun, wo waren wir stehen geblieben? – Ja, ja, ich weiß schon! Also:“

Hauke hatte sein Erbe von seinem Vater angetreten. Auch die alte Antje Wohlers war an ihrer Krankheit gestorben, und so war ihre Fenne dazugekommen. Aber seit dem Tod seines Vaters, oder besser, seit dessen letzten Worten, war etwas in ihm gewachsen. Den Keim dazu hatte er schon seit seiner Kindheit in sich getragen. Er sagte es sich immer wieder, viel zu oft. Er war der richtige Mann, wenn es einen neuen Deichgrafen geben musste. Das war es! Sein Vater musste es ja wissen, er war der klügste Mann im Dorf gewesen. Er hatte ihm dieses Wort wie ein letztes Geschenk zum Erbe dazugelegt. Auch die Fenne der Wohlers verdankte er ihm. Sie sollte der erste Stein auf dem Weg nach oben sein! Denn auch mit dieser Fenne war es noch nicht genug. Ein Deichgraf musste noch mehr Land vorweisen können! – Aber sein Vater hatte einsame Jahre lang sparsam gelebt. Mit dem, was er sich selbst nicht gegönnt hatte, hatte er den neuen Besitz erworben. Das konnte Hauke auch, er konnte sogar noch mehr. Denn die Kraft seines Vaters war schon verbraucht gewesen. Er aber konnte noch jahrelang die schwerste Arbeit tun! – So konnte er vielleicht das nötige Land erzwingen. Aber durch seine scharfen Eingriffe in die Verwaltung seines alten Hausherrn hatte er sich im Dorf keine Freunde gemacht. Und Ole Peters, sein alter Feind, hatte vor Kurzem geerbt und wurde langsam ein reicher Mann! Eine Reihe von Gesichtern zog vor seinem inneren Auge vorüber. Alle sahen ihn mit bösen Augen an. Da packte ihn ein Groll gegen diese Menschen. Er streckte die Arme aus, als wollte er nach ihnen greifen. Denn sie wollten ihn von dem Amt wegdrängen, zu dem von allen nur er berufen war. – Diese Gedanken ließen ihn nicht los, sie kamen immer wieder. So wuchsen in seinem jungen Herzen neben Ehrlichkeit und Liebe auch Ehrgeiz und Hass. Aber diese beiden verschloss er tief in seinem Inneren. Nicht einmal Elke ahnte etwas davon.

Als das neue Jahr gekommen war, gab es eine Hochzeit. Die Braut war eine Verwandte von Haiens, und Hauke und Elke waren beide eingeladen. Ein näherer Verwandter kam nicht, und so saßen die beiden beim Hochzeitsessen zufällig nebeneinander. Nur ein Lächeln auf beiden Gesichtern zeigte ihre Freude darüber. Aber Elke saß heute teilnahmslos im Lärm der Gespräche und der klirrenden Gläser.

„Fehlt dir etwas?“, fragte Hauke.

„Ach, eigentlich nichts. Es sind mir nur zu viele Menschen hier.“

„Aber du siehst so traurig aus!“

Sie schüttelte den Kopf. Dann sprachen sie wieder nicht.

Da stieg bei ihrem Schweigen so etwas wie Eifersucht in ihm auf. Heimlich griff er unter dem herabhängenden Tischtuch nach ihrer Hand. Aber sie zuckte nicht. Ihre Hand schloss sich wie voll Vertrauen um seine. Fühlte sie sich verlassen, weil sie jeden Tag ihren schwachen Vater ansehen musste? – Hauke dachte nicht daran, sich das zu fragen. Aber ihm stockte der Atem, als er jetzt seinen Goldring aus der Tasche zog. „Lässt du ihn dort sitzen?“, fragte er zitternd und schob den Ring auf den Ringfinger der schmalen Hand.

Gegenüber am Tisch saß die Frau Pastorin. Plötzlich legte sie ihre Gabel hin und wandte sich an ihren Nachbarn. „Mein Gott, das Mädchen!“, rief sie. „Sie wird ja totenblass!“

Aber das Blut kehrte schon in Elkes Gesicht zurück. „Kannst du warten, Hauke?“, fragte sie leise.

Der kluge Friese dachte doch noch ein paar Augenblicke nach. „Worauf?“, sagte er dann.

„Das weißt du wohl. Ich brauche es dir nicht zu sagen.“

„Du hast recht“, sagte er. „Ja, Elke, ich kann warten – wenn es nur nicht zu lange dauert!“

„O Gott, ich fürchte, das Ende ist nah! Sprich nicht so, Hauke. Du sprichst vom Tod meines Vaters!“ Sie legte die andere Hand auf ihre Brust. „Bis dahin“, sagte sie, „trage ich den Goldring hier. Du musst nicht fürchten, dass du ihn zurückbekommst, solange ich lebe!“

Da lächelten beide. Ihre Hände drückten sich so fest, dass das Mädchen bei einer anderen Gelegenheit wohl laut aufgeschrien hätte.

Die Frau Pastorin hatte die ganze Zeit zu Elkes Augen hingesehen. Unter dem Spitzenrand des goldbrokatenen Käppchens brannten sie jetzt wie dunkles Feuer. Aber bei dem immer lauteren Lärm am Tisch hatte sie nichts verstanden. An ihren Nachbarn wandte sie sich auch nicht wieder. Denn hier schien ihr eine Ehe zu wachsen, und so etwas störte sie nie. Schon wegen des Traupfennigs tat sie das nicht, der dabei für ihren Mann, den Pastor, mitwuchs.

Elkes Vorahnung erfüllte sich. Eines Morgens nach Ostern fand man den Deichgrafen Tede Volkerts tot in seinem Bett. Man sah es an seinem Gesicht: Er hatte ein ruhiges Ende gehabt. In den letzten Monaten hatte er auch mehrmals gesagt, dass er das Leben satt hatte. Sein Lieblingsessen, der Ofenbraten, und sogar seine Enten hatten ihm nicht mehr geschmeckt.

Nun gab es im Dorf eine große Beerdigung. Oben auf der Geest, auf dem Friedhof um die Kirche, lag im Westen ein Grab mit einem Gitter aus Schmiedeeisen. Ein breiter blauer Grabstein war jetzt hochgehoben und lehnte an einer Traueresche. Auf dem Stein war das Bild des Todes mit stark gezahnten Kiefern eingehauen. Darunter stand in großen Buchstaben:

„Dat is de Dot, de Allens fritt, Nimmt Kunst un Wetenschop di mit; De kloke Mann is nu vergån Gott gäw em selik Uperstån.“

Es war das Grab des früheren Deichgrafen Volkert Tedsen. Nun war eine frische Grube gegraben, denn dort sollte sein Sohn begraben werden, der verstorbene Deichgraf Tede Volkerts. Schon kam unten aus der Marsch der Trauerzug heran, viele Wagen aus allen Dörfern des Kirchspiels. Auf dem vordersten stand der schwere Sarg. Die beiden glänzenden schwarzen Pferde aus dem Stall des Deichgrafen zogen ihn schon den sandigen Hang zur Geest hinauf. Schweife und Mähnen der Pferde wehten im scharfen Frühlingswind. Der Friedhof um die Kirche war bis an die Wälle voller Menschen. Sogar auf dem gemauerten Tor hockten Jungen mit kleinen Kindern im Arm. Alle wollten die Beerdigung sehen.

Unten in der Marsch hatte Elke im Haus das Leichenmahl vorbereitet, im Pesel und in der Wohnstube. Alter Wein wurde zu den Gedecken gestellt. Am Platz des Oberdeichgrafen – denn auch er war heute gekommen – und am Platz des Pastors stand je eine Flasche Langkork. Als alles fertig war, ging sie durch den Stall vor die Hoftür. Auf ihrem Weg traf sie niemanden. Die Knechte fuhren mit zwei Gespannen im Trauerzug. Hier blieb sie stehen, und ihre Trauerkleider wehten im Frühlingswind. Sie sah, wie drüben beim Dorf die letzten Wagen zur Kirche hinauffuhren. Nach einer Weile gab es dort ein Gedränge, und dann schien es totenstill zu werden. Elke faltete die Hände. Jetzt senkten sie wohl den Sarg in die Grube: „Und zur Erde wieder sollst du werden!“ Ohne es zu wollen, sprach sie die Worte leise nach, als hätte sie sie von dort hören können. Dann füllten sich ihre Augen mit Tränen. Ihre gefalteten Hände sanken von der Brust in den Schoß. „Vater unser, der du bist im Himmel!“, betete sie mit ganzem Herzen. Als das Vaterunser zu Ende war, stand sie noch lange unbeweglich da. Sie war jetzt die Herrin dieses großen Marschhofes. Gedanken an Tod und Leben begannen in ihr miteinander zu kämpfen.

Ein fernes Rollen weckte sie. Als sie die Augen öffnete, sah sie schon wieder Wagen um Wagen in schneller Fahrt. Sie kamen von der Marsch herab auf ihren Hof zu. Sie richtete sich auf und sah noch einmal scharf hinaus. Dann ging sie, wie sie gekommen war, durch den Stall zurück in die feierlich vorbereiteten Zimmer. Auch hier war niemand. Nur durch die Wand hörte sie die Mägde in der Küche lärmen. Der Festtisch stand still und einsam da. Der Spiegel zwischen den Fenstern war mit weißen Tüchern verhängt, ebenso die Messingknöpfe am Ofen. Nichts glänzte mehr im Zimmer. Elke sah, dass die Türen des Wandbetts offen standen, in dem ihr Vater seinen letzten Schlaf geschlafen hatte. Sie ging hin und schob sie fest zu. Fast ohne zu denken las sie den Spruch, der zwischen Rosen und Nelken mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben stand:

„Hest du din Dagwerk richtig dån Da kommt de Slap von sülvst heran.“

Das war noch vom Großvater! – Sie warf einen Blick auf den Wandschrank. Er war fast leer, aber durch die Glastüren sah sie noch den geschliffenen Pokal. Ihr Vater hatte ihn, wie er gern erzählte, in seiner Jugend bei einem Ringreiten als Preis gewonnen. Sie nahm ihn heraus und stellte ihn an den Platz des Oberdeichgrafen. Dann ging sie ans Fenster, denn sie hörte schon die Wagen die Werfte heraufrollen. Einer nach dem anderen hielt vor dem Haus. Munterer, als sie gekommen waren, sprangen die Gäste nun von ihren Sitzen auf den Boden. Alle rieben sich die Hände, plauderten und drängten sich ins Zimmer. Bald setzte man sich an den festlichen Tisch, auf dem die guten Speisen dampften. Der Oberdeichgraf und der Pastor saßen im Pesel. Lärm und lautes Reden liefen den Tisch entlang, als hätte der Tod hier nie seine schreckliche Stille ausgebreitet. Stumm ging Elke mit den Mägden um die Tische und sah auf ihre Gäste. Beim Leichenmahl sollte nichts fehlen. Auch Hauke Haien saß im Wohnzimmer, neben Ole Peters und anderen kleineren Besitzern.

Nach dem Essen holte man die weißen Tonpfeifen aus der Ecke und zündete sie an. Elke war wieder beschäftigt und bot den Gästen volle Kaffeetassen an. Denn auch beim Kaffee wurde heute nicht gespart. Im Wohnzimmer stand der Oberdeichgraf am Schreibpult des eben Begrabenen. Er sprach mit dem Pastor und dem weißhaarigen Deichgevollmächtigten Jewe Manners. „Alles gut, meine Herren“, sagte der Oberdeichgraf. „Den alten Deichgrafen haben wir mit Ehren begraben. Aber woher nehmen wir den neuen? Ich denke, Manners, Sie werden dieses Amt übernehmen müssen!“

Der alte Manners lächelte und hob das schwarze Samtkäppchen von seinen weißen Haaren. „Herr Oberdeichgraf“, sagte er, „das Spiel würde zu kurz werden. Als der verstorbene Tede Volkerts Deichgraf wurde, wurde ich Gevollmächtigter. Das bin ich nun schon vierzig Jahre!“

„Das ist kein Mangel, Manners. So kennen Sie die Geschäfte umso besser und werden keine Mühe mit ihnen haben!“

Aber der Alte schüttelte den Kopf. „Nein, nein, Euer Gnaden, lassen Sie mich, wo ich bin. So laufe ich wohl noch ein paar Jahre mit!“

Der Pastor half ihm. „Warum“, sagte er, „nehmen wir nicht den, der das Amt in den letzten Jahren tatsächlich geführt hat?“

Der Oberdeichgraf sah ihn an. „Das verstehe ich nicht, Herr Pastor!“

Aber der Pastor zeigte mit dem Finger in den Pesel. Dort schien Hauke zwei älteren Leuten langsam und ernst etwas zu erklären. „Dort steht er“, sagte er, „die lange Friesengestalt mit den klugen grauen Augen! Daneben die hagere Nase, und darüber die zwei Schädelwölbungen! Er war der Knecht des Alten und sitzt jetzt auf seinem eigenen kleinen Hof. Er ist allerdings etwas jung!“

„Er scheint ein Dreißiger zu sein“, sagte der Oberdeichgraf und sah sich den Mann genau an.

„Er ist kaum vierundzwanzig“, sagte der Gevollmächtigte Manners. „Aber der Pastor hat recht. In den letzten Jahren kamen vom Deichgrafenamt gute Vorschläge für Deiche und Siele und so weiter. Die waren alle von ihm. Mit dem Alten war am Ende doch nichts mehr los.“

„So, so?“, machte der Oberdeichgraf. „Und Sie meinen, er wäre nun auch der Mann, um das Amt seines alten Herrn zu übernehmen?“

„Der Mann wäre er schon“, antwortete Jewe Manners. „Aber ihm fehlt das, was man hier ‚Klei unter den Füßen‘ nennt. Sein Vater hatte ungefähr fünfzehn Demat, er selbst hat vielleicht gut zwanzig. Aber damit ist hier bis jetzt niemand Deichgraf geworden.“

Der Pastor öffnete schon den Mund, als wollte er etwas einwenden. Da trat plötzlich Elke Volkerts zu ihnen, die schon eine Weile im Zimmer war. „Erlauben mir Euer Gnaden ein Wort?“, sagte sie zu dem hohen Beamten. „Es ist nur, damit aus einem Irrtum kein Unrecht wird!“

„Dann sprechen Sie, Jungfer Elke!“, antwortete er. „Weisheit von hübschen Mädchenlippen hört sich immer gut an!“

„Es ist keine Weisheit, Euer Gnaden. Ich will nur die Wahrheit sagen.“

„Auch die muss man ja hören können, Jungfer Elke!“

Das Mädchen ließ ihre dunklen Augen noch einmal zur Seite gehen. Es war, als wollte sie sehen, ob jemand zuhörte, der es nicht sollte. „Euer Gnaden“, begann sie dann, und ihre Brust hob sich schneller. „Mein Pate, Jewe Manners, hat Ihnen gesagt, dass Hauke Haien nur etwa zwanzig Demat besitzt. Das stimmt im Augenblick auch. Aber sobald es nötig ist, wird Hauke noch mehr sein Eigen nennen. Es wird so viel mehr sein, wie dieser Hof an Demat groß ist. Es ist der Hof meines Vaters, und jetzt ist es meiner. Für einen Deichgrafen wird das zusammen wohl reichen.“

Der alte Manners streckte den weißen Kopf zu ihr hin, als müsste er erst sehen, wer da eigentlich sprach. „Was ist das?“, sagte er. „Kind, was sagst du da?“

Aber Elke zog an einem schwarzen Bändchen einen glänzenden Goldring aus ihrem Mieder. „Ich bin verlobt, Pate Manners“, sagte sie. „Hier ist der Ring, und Hauke Haien ist mein Bräutigam.“

„Und wann?“, fragte der alte Manners. „Das darf ich wohl fragen, denn ich habe dich bei der Taufe gehalten, Elke Volkerts. Wann ist das denn passiert?“

„Das war schon vor längerer Zeit. Aber ich war volljährig, Pate Manners“, sagte sie. „Mein Vater war schon schwach geworden. Ich kannte ihn und wollte ihm damit keine Sorgen mehr machen. Jetzt ist er bei Gott und wird einsehen, dass sein Kind bei diesem Mann gut aufgehoben ist. Ich hätte auch das ganze Trauerjahr nichts darüber gesagt. Aber jetzt musste ich reden, für Hauke und für den Koog.“ Sie wandte sich an den Oberdeichgrafen und sagte noch: „Euer Gnaden, verzeihen Sie mir das!“

Die drei Männer sahen sich an. Der Pastor lachte, und der alte Gevollmächtigte sagte nur: „Hmm, hmm!“ Der Oberdeichgraf rieb sich die Stirn wie vor einer wichtigen Entscheidung. „Ja, liebe Jungfer“, sagte er endlich. „Aber wie steht es hier im Koog mit den Rechten am Besitz in der Ehe? Ich muss gestehen, in diesem Durcheinander kenne ich mich im Moment nicht genau aus!“

„Das brauchen Euer Gnaden auch nicht“, antwortete die Tochter des Deichgrafen. „Ich werde meinem Bräutigam vor der Hochzeit meinen Besitz übertragen. Ich habe auch meinen kleinen Stolz“, fügte sie lächelnd hinzu. „Ich will den reichsten Mann im Dorf heiraten!“

„Nun, Manners“, meinte der Pastor, „ich denke, auch als Pate werden Sie nichts dagegen haben. Ich werde dann den jungen Deichgrafen mit der Tochter des alten trauen!“

Der Alte schüttelte leise den Kopf. „Unser Herrgott gebe seinen Segen!“, sagte er feierlich.

Der Oberdeichgraf aber gab dem Mädchen die Hand. „Wahr und weise haben Sie gesprochen, Elke Volkerts. Ich danke Ihnen für diese klaren Worte. Ich hoffe, dass ich auch in Zukunft Gast in Ihrem Haus sein darf, bei freundlicheren Gelegenheiten als heute. Aber dass ein so junges Mädchen einen Deichgrafen gemacht hat, das ist das Wunderbare an der Sache!“

„Euer Gnaden“, antwortete Elke und sah den freundlichen hohen Beamten noch einmal mit ihren ernsten Augen an. „Einem rechten Mann darf auch die Frau wohl helfen!“ Dann ging sie in den Pesel nebenan und legte schweigend ihre Hand in die von Hauke Haien.

Mehrere Jahre waren vergangen. Im kleinen Haus von Tede Haien wohnte jetzt ein kräftiger Arbeiter mit Frau und Kind. Der junge Deichgraf Hauke Haien lebte mit seiner Frau Elke Volkerts auf dem Hof ihres Vaters. Im Sommer rauschte die mächtige Esche wie immer am Haus. Darunter stand jetzt eine Bank. Aber abends sah man dort meist nur die junge Frau, allein, mit einer Hausarbeit in den Händen. Noch immer fehlte ein Kind in dieser Ehe. Und der Mann hatte anderes zu tun, als abends vor der Tür zu sitzen. Er hatte zwar früher schon mitgeholfen. Doch aus der Amtszeit des Alten gab es noch viele Dinge, die nicht erledigt waren. Damals hatte auch er es nicht für gut gehalten, sie anzufassen. Aber jetzt musste nach und nach alles aus dem Weg. Er räumte mit allem streng und gründlich auf. Dazu kam die Arbeit auf dem Hof, der durch sein eigenes Land noch größer geworden war. Trotzdem versuchte er immer noch, den Kleinknecht zu sparen. So sahen sich die beiden Eheleute nicht viel. Am Sonntag gingen sie zur Kirche. Sonst sahen sie sich meist nur beim Mittagessen, das Hauke eilig aß, und am Morgen und am Abend. Es war ein Leben voller Arbeit, aber trotzdem ein zufriedenes.

Dann ging ein störendes Wort um. An einem Sonntag nach der Kirche blieb eine etwas unruhige Gruppe oben im Krug sitzen und trank weiter. Es waren jüngere Besitzer aus der Marsch- und der Geestgemeinde. Beim vierten oder fünften Glas redeten sie zwar nicht über König und Regierung, so hoch griff man damals noch nicht. Aber sie redeten über die Beamten der Gemeinde und die höheren Beamten, und vor allem über Abgaben und Lasten. Je länger sie redeten, desto weniger gefiel ihnen davon. Besonders die neuen Deichlasten gefielen ihnen nicht. Alle Siele und Schleusen, die sonst immer gehalten hatten, mussten jetzt angeblich repariert werden. Am Deich fanden sich immer neue Stellen, die Hunderte Karren Erde brauchten. Der Teufel sollte die ganze Geschichte holen!

„Das kommt von eurem klugen Deichgrafen“, rief einer von den Geestleuten. „Der grübelt immer und steckt dann seine Finger in alles!“

„Ja, Marten“, sagte Ole Peters, der ihm gegenübersaß. „Da hast du recht. Er ist hinterlistig und will sich beim Oberdeichgrafen beliebt machen. Aber wir haben ihn nun einmal!“

„Warum habt ihr ihn euch aufladen lassen?“, sagte der andere. „Nun müsst ihr es bar bezahlen.“

Ole Peters lachte. „Ja, Marten Fedders, so ist das nun bei uns, und daran lässt sich nichts ändern. Der alte wurde Deichgraf wegen seines Vaters, der neue wegen seines Weibes.“ Das Gelächter, das jetzt um den Tisch lief, zeigte, wie gut dieses Wort allen gefiel.

Aber es war an einem öffentlichen Wirtshaustisch gesagt worden. Es blieb nicht dort. Bald lief es im Geestdorf und unten im Marschdorf um, und so kam es auch zu Hauke. Wieder zog vor seinem inneren Auge die Reihe der feindlichen Gesichter vorüber. Und noch spöttischer, als es gewesen war, hörte er das Lachen am Wirtshaustisch. „Hunde!“, schrie er. Seine Augen sahen grimmig zur Seite, als wollte er sie auspeitschen lassen.

Da legte Elke ihre Hand auf seinen Arm. „Lass sie. Sie wären alle gern, was du bist!“

„Das ist es ja!“, antwortete er voller Groll.

„Und“, fuhr sie fort, „hat Ole Peters nicht selbst in einen Hof eingeheiratet?“

„Das hat er, Elke. Aber was er mit Vollina geheiratet hat, das reichte nicht zum Deichgrafen!“

„Sag lieber: Er selbst reichte dazu nicht aus!“ Sie standen in ihrem Zimmer zwischen den Fenstern. Elke drehte ihren Mann so, dass er sich im Spiegel sehen musste. „Da steht der Deichgraf!“, sagte sie. „Nun sieh ihn dir an. Nur wer ein Amt führen kann, der hat es!“

„Du hast nicht unrecht“, antwortete er nachdenklich, „und doch ... Nun, Elke, ich muss zur Osterschleuse. Die Türen schließen wieder nicht!“

Sie drückte ihm die Hand. „Komm, sieh mich erst einmal an! Was hast du? Deine Augen sehen so in die Ferne.“

„Nichts, Elke, du hast ja recht.“

Er ging. Aber er war noch nicht lange unterwegs, da hatte er die Schleuse schon vergessen. Ein anderer Gedanke packte ihn. Seit Jahren trug er diesen Gedanken mit sich herum, erst halb zu Ende gedacht. Vor den dringenden Geschäften des Amtes war er ganz zurückgetreten. Jetzt kam er zurück, stärker als je zuvor, als wären Hauke plötzlich Flügel gewachsen.

Er merkte es selbst kaum, da war er schon oben auf dem Haffdeich. Er war eine weite Strecke nach Süden gegangen, in Richtung Stadt. Das Dorf, das nach dieser Seite lag, war links von ihm längst verschwunden. Er ging immer weiter, und seine Augen sahen ohne Pause zur Seeseite auf das breite Vorland. Wäre jemand neben ihm gegangen, hätte er sehen müssen, wie angestrengt es hinter diesen Augen arbeitete. Endlich blieb er stehen. Das Vorland wurde hier zu einem schmalen Streifen am Deich. „Es muss gehen!“, sagte er zu sich selbst. „Sieben Jahre im Amt! Sie sollen nicht mehr sagen, dass ich nur Deichgraf bin wegen meines Weibes!“

Noch immer stand er da, und sein Blick ging scharf und genau nach allen Seiten über das grüne Vorland. Dann ging er zurück bis zu einer Stelle, wo auch hier ein schmaler Streifen Weideland in die breite Landfläche überging. Dicht am Deich aber schoss ein starker Meeresstrom hindurch. Er trennte das Vorland fast ganz vom Festland und machte es zu einer Hallig. Eine einfache Holzbrücke führte hinüber, damit man mit Vieh und mit Heu- und Getreidewagen hin- und zurückkommen konnte. Jetzt war Ebbe. Die goldene Septembersonne glitzerte auf dem etwa hundert Schritte breiten Streifen Schlick. Sie glitzerte auch auf dem tiefen Priel in seiner Mitte, durch den das Meer noch immer sein Wasser trieb. „Das lässt sich dämmen!“, sagte Hauke zu sich selbst, nachdem er dem Spiel eine Zeit lang zugesehen hatte. Dann sah er auf. In Gedanken zog er eine Linie von dem Deich, auf dem er stand, über den Priel. Sie lief am Rand des abgetrennten Landes entlang, nach Süden herum und dann wieder nach Osten zurück. Dort ging sie über die Fortsetzung des Priels bis an den Deich. Diese unsichtbare Linie aber war ein neuer Deich. Er war auch neu in der Form seines Profils, das es bis jetzt nur in Haukes Kopf gab.

„Das gäbe einen Koog von ungefähr tausend Demat“, sagte er lächelnd zu sich selbst. „Nicht gerade groß, aber ...“

Eine andere Rechnung kam ihm in den Sinn. Das Vorland gehörte hier der Gemeinde. Die einzelnen Mitglieder hatten Anteile daran, je nach der Größe ihres Besitzes oder nach anderen rechtmäßigen Käufen. Er begann zusammenzuzählen. Wie viele Anteile hatte er von seinem Vater, wie viele von Elkes Vater bekommen? Und wie viele hatte er während seiner Ehe selbst gekauft? Das hatte er zum Teil aus dem dunklen Gefühl getan, dass es ihm einmal nützen würde. Zum Teil hatte er sie gekauft, als er seine Schafzucht vergrößerte. Es waren schon sehr viele. Denn auch von Ole Peters hatte er alle Anteile gekauft. Ole hatte sich geärgert, weil bei einer teilweisen Überschwemmung sein bester Schafbock ertrunken war. Aber das war ein seltsamer Unfall gewesen. Denn so weit Hauke sich erinnerte, waren selbst bei hohen Fluten dort nur die Ränder überschwemmt worden. Was für gutes Weide- und Kornland musste das werden, und wie wertvoll, wenn sein neuer Deich es umgab! Es stieg ihm zu Kopf wie ein Rausch. Aber er drückte die Nägel in seine Handflächen und zwang seine Augen, klar und nüchtern zu sehen. Was lag dort vor ihm? Eine große Fläche ohne Deich. Wer wusste, welchen Stürmen und Fluten sie schon in den nächsten Jahren ausgesetzt sein würde? An ihrem äußersten Rand zog langsam eine Herde schmutziger Schafe grasend entlang. Und für ihn bedeutete es einen Haufen Arbeit, Kampf und Ärger! Trotz allem ging er vom Deich hinab und den Fußweg über die Fennen zu seiner Werfte. Und ihm war, als brächte er einen großen Schatz mit nach Hause.

Im Flur kam ihm Elke entgegen. „Wie war es mit der Schleuse?“, fragte sie.

Er sah mit geheimnisvollem Lächeln zu ihr hinunter. „Wir werden bald eine andere Schleuse brauchen“, sagte er, „und Siele und einen neuen Deich!“

„Ich verstehe dich nicht“, antwortete Elke, während sie ins Zimmer gingen. „Was willst du, Hauke?“

„Ich will“, sagte er langsam und hielt dann einen Augenblick inne, „ich will das große Vorland eindeichen. Es beginnt unserem Hof gegenüber und geht dann nach Westen hinaus. Es soll ein fester Koog werden. Die hohen Fluten haben uns fast ein Menschenalter in Ruhe gelassen. Aber vielleicht kommt eine von den schlimmen wieder und stört das Anwachsen des Landes. Dann kann die ganze Herrlichkeit auf einmal zu Ende sein. Nur aus alter Bequemlichkeit hat man das bis heute so gelassen!“

Sie sah ihn voller Staunen an. „Dann schimpfst du ja mit dir selbst!“, sagte sie.

„Das tue ich, Elke. Aber bisher gab es auch so viel anderes zu tun!“

„Ja, Hauke. Du hast gewiss genug getan!“

Er hatte sich in den Lehnstuhl des alten Deichgrafen gesetzt, und seine Hände griffen fest um beide Lehnen.

„Hast du denn Mut dazu?“, fragte seine Frau.

„Den habe ich, Elke!“, sagte er hastig.

„Sei nicht zu schnell, Hauke. Das ist eine Arbeit auf Leben und Tod. Fast alle werden gegen dich sein. Niemand wird dir deine Mühe und Sorge danken!“

Er nickte. „Ich weiß!“, sagte er.

„Und wenn es nun nicht gelingen würde!“, rief sie wieder. „Seit meiner Kindheit habe ich gehört, dass man den Priel nicht stopfen kann. Darum dürfe man ihn nicht anrühren.“

„Das war eine Ausrede für die Faulen!“, sagte Hauke. „Warum sollte man den Priel denn nicht stopfen können?“

„Das habe ich nicht gehört. Vielleicht, weil er gerade durchgeht. Das Wasser spült zu stark.“ Eine Erinnerung kam ihr, und ein fast schelmisches Lächeln trat in ihre ernsten Augen. „Als ich ein Kind war“, sagte sie, „hörte ich einmal die Knechte darüber reden. Sie meinten, wenn dort ein Damm halten soll, muss etwas Lebendiges hineingeworfen und im Damm vergraben werden. Bei einem Deichbau auf der anderen Seite, vor etwa hundert Jahren, soll man ein Zigeunerkind im Damm vergraben haben. Sie sollen es der Mutter für viel Geld abgekauft haben. Aber jetzt würde wohl keine Mutter ihr Kind verkaufen!“

Hauke schüttelte den Kopf. „Da ist es gut, dass wir keins haben. Sonst würden sie es noch von uns verlangen!“

„Sie würden es nicht bekommen!“, sagte Elke und legte wie in Angst die Arme über ihren Bauch.

Hauke lächelte. Doch sie fragte noch einmal: „Und die ungeheuren Kosten? Hast du daran gedacht?“

„Das habe ich, Elke. Was wir dort gewinnen, wird viel mehr sein als die Kosten. Auch die Kosten für die Erhaltung des alten Deiches werden zu einem guten Teil wegfallen. Wir arbeiten ja selbst und haben über achtzig Gespanne in der Gemeinde. Auch an jungen, starken Männern fehlt es hier nicht. Du sollst mich wenigstens nicht umsonst zum Deichgrafen gemacht haben, Elke. Ich will ihnen zeigen, dass ich einer bin!“

Sie hatte sich vor ihn gehockt und ihn voller Sorge angesehen. Nun stand sie mit einem Seufzer auf. „Ich muss weiter an meine Arbeit“, sagte sie, und ihre Hand strich langsam über seine Wange. „Tu du die deine, Hauke!“

„Amen, Elke!“, sagte er mit ernstem Lächeln. „Arbeit ist für uns beide da!“

Und es gab genug Arbeit für beide, doch die schwerste Last fiel jetzt auf die Schultern des Mannes. An Sonntagnachmittagen, oft auch nach Feierabend, saß Hauke mit einem tüchtigen Feldmesser zusammen. Sie waren vertieft in Rechnungen, Zeichnungen und Pläne. War er allein, ging es ebenso weiter und endete oft lange nach Mitternacht. Dann schlich er in die gemeinsame Schlafkammer. Denn die stickigen Wandbetten in der Wohnstube wurden in Haukes Haushalt nicht mehr benutzt. Seine Frau lag mit geschlossenen Augen da, als ob sie schliefe, damit er endlich zur Ruhe kam. Dabei hatte sie mit klopfendem Herzen auf ihn gewartet. Manchmal küsste er ihre Stirn und sagte leise ein Wort der Liebe. Dann legte er sich selbst zum Schlafen hin, doch der Schlaf kam oft erst beim ersten Hahnenschrei. Im Wintersturm lief er auf den Deich hinaus, mit Bleistift und Papier in der Hand. Er stand dort und zeichnete und schrieb, während ein Windstoß ihm die Mütze vom Kopf riss. Das lange, fahle Haar flog ihm um das heiße Gesicht. Solange das Eis den Weg nicht versperrte, fuhr er auch mit einem Knecht im Boot ins Wattenmeer hinaus. Dort maß er mit Lot und Stange die Tiefe der Strömungen, bei denen er noch nicht sicher war. Elke zitterte oft genug um ihn. Aber wenn er wieder da war, hätte er das nur an ihrem festen Händedruck merken können. Oder am hellen Blitz in ihren sonst so stillen Augen. „Geduld, Elke“, sagte er einmal, als ihm schien, dass seine Frau ihn nicht gehen lassen konnte. „Ich muss selbst erst ganz sicher sein, bevor ich meinen Antrag stelle!“ Da nickte sie und ließ ihn gehen. Auch ritt er nicht selten in die Stadt zum Oberdeichgrafen. Und nach all dem und der Mühe in Haus und Landwirtschaft folgte immer wieder die Arbeit bis in die Nacht. Mit anderen Menschen hatte er außer bei Arbeit und Geschäft fast keinen Kontakt mehr. Selbst mit seiner Frau sprach er immer weniger. „Es sind schlimme Zeiten, und sie werden noch lange dauern“, sagte Elke zu sich selbst und ging an ihre Arbeit.

Endlich hatten Sonne und Frühlingswinde überall das Eis gebrochen. Da war auch die letzte Vorarbeit getan. Die Eingabe an den Oberdeichgrafen war fertig. Er sollte sie bei den höheren Stellen empfehlen. Sie enthielt den Vorschlag, das erwähnte Vorland einzudeichen. Das sollte dem öffentlichen Wohl dienen, besonders dem Koog und ebenso der Kasse der Herrschaft. Denn die Kasse würde schon in wenigen Jahren die Abgaben von ungefähr tausend Demat bekommen. Die Eingabe war sauber abgeschrieben. Dazu gehörten Pläne und Zeichnungen aller Orte, wie sie jetzt waren und wie sie werden sollten. Auch die Schleusen und Siele waren dabei und alles, was sonst dazugehörte. Alles war in ein festes Paket verpackt und trug das Amtssiegel des Deichgrafen.

„Da ist es, Elke“, sagte der junge Deichgraf. „Nun gib ihm deinen Segen!“

Elke legte ihre Hand in seine. „Wir wollen fest zusammenhalten“, sagte sie.

„Das wollen wir.“

Dann brachte ein reitender Bote die Eingabe in die Stadt.

„Bitte beachten Sie, lieber Herr“, unterbrach der Schulmeister seine Erzählung und sah mich freundlich mit seinen feinen Augen an. „Was ich bisher erzählt habe, habe ich in fast vierzig Jahren Arbeit in diesem Koog gesammelt. Ich habe es aus den Überlieferungen vernünftiger Leute und aus den Erzählungen ihrer Enkel und Urenkel. Was ich Ihnen jetzt erzählen muss, gehört dazu, damit Sie das Ende verstehen. Es war damals das Geschwätz des ganzen Marschdorfes, und das ist es noch heute. Man erzählt es sich, sobald um Allerheiligen die Spinnräder zu surren anfangen.“

Etwa fünf- bis sechshundert Schritte nördlich vom Hof des Deichgrafen konnte man damals vom Deich aus eine kleine Hallig sehen. Sie lag ein paar tausend Schritte draußen im Wattenmeer und etwas weiter vom gegenüberliegenden Marschufer entfernt. Man nannte sie „Jeverssand“ oder auch „Jevershallig“. Die Großväter der damaligen Leute hatten dort noch Schafe weiden lassen, denn damals wuchs noch Gras darauf. Aber das hatte aufgehört. Die niedrige Hallig war ein paarmal unter Seewasser gekommen, gerade im Hochsommer. Dadurch war das Gras verkümmert, und auch für Schafe war die Hallig nicht mehr zu gebrauchen. So kamen nur noch Möwen und andere Vögel vom Strand dorthin und manchmal ein Fischadler. An mondhellen Abenden sah man vom Deich aus nur die Nebel, mal leichter, mal schwerer, darüber hinziehen. Wenn der Mond von Osten auf die Hallig schien, wollte man dort auch Knochen erkennen. Es waren ein paar weiß gebleichte Gerippe ertrunkener Schafe und das Gerippe eines Pferdes. Niemand verstand freilich, wie das Pferd dorthin gekommen war.

Es war Ende März. Nach Feierabend stand der Tagelöhner aus dem Tede-Haienschen Haus an dieser Stelle. Neben ihm stand Iven Johns, der Knecht des jungen Deichgrafen. Sie starrten unbeweglich zu der Hallig hinüber. Im trüben Mondlicht war sie kaum zu erkennen. Etwas Auffälliges schien die beiden dort festzuhalten. Der Tagelöhner steckte die Hände in die Taschen und schüttelte sich. „Komm, Iven“, sagte er, „das ist nichts Gutes. Lass uns nach Hause gehen!“

Iven lachte, aber es klang auch Angst darin. „Ach was, es ist ein lebendiges Wesen, ein großes! Wer, zum Teufel, hat es auf das Stück Schlick hinaufgejagt? Sieh nur, jetzt streckt es den Hals zu uns herüber! Nein, es senkt den Kopf, es frisst! Ich dachte, dort gibt es nichts zu fressen! Was es nur sein mag?“

„Was geht uns das an!“, antwortete der Tagelöhner. „Gute Nacht, Iven, wenn du nicht mitkommen willst. Ich gehe nach Hause!“

„Ja, ja. Du hast eine Frau, du kommst ins warme Bett! Bei mir in der Kammer ist auch nur Märzluft!“

„Gute Nacht dann!“, rief der Tagelöhner zurück und trabte auf dem Deich nach Hause. Der Knecht sah sich ein paarmal nach ihm um. Aber die Neugier auf unheimliche Dinge hielt ihn noch fest. Da kam vom Dorf her eine untersetzte, dunkle Gestalt auf dem Deich auf ihn zu. Es war der Dienstjunge des Deichgrafen. „Was willst du, Karsten?“, rief ihm der Knecht entgegen.

„Ich? Nichts“, sagte der Junge. „Aber unser Hausherr will mit dir sprechen, Iven Johns!“

Der Knecht sah schon wieder zur Hallig. „Gleich, ich komme gleich!“, sagte er.

„Wonach guckst du denn so?“, fragte der Junge.

Der Knecht hob den Arm und zeigte stumm zur Hallig. „Oha!“, flüsterte der Junge. „Da geht ein Pferd – ein Schimmel – das muss der Teufel reiten! Wie kommt ein Pferd nach Jevershallig?“

„Weiß nicht, Karsten. Wenn es nur ein richtiges Pferd ist!“

„Ja, ja, Iven. Sieh nur, es frisst ganz wie ein Pferd! Aber wer hat es dahin gebracht? So große Boote haben wir im Dorf gar nicht! Vielleicht ist es auch nur ein Schaf. Peter Ohm sagt, im Mondschein wird aus zehn Torfringeln ein ganzes Dorf. Nein, sieh! Jetzt springt es – es muss doch ein Pferd sein!“

Beide standen eine Weile schweigend da und sahen nur zu dem, was drüben undeutlich geschah. Der Mond stand hoch am Himmel und schien auf das weite Wattenmeer. Die steigende Flut begann gerade, ihr Wasser über die glitzernden Schlickflächen zu spülen. Man hörte nur das leise Geräusch des Wassers, in dieser riesigen Weite keine Tierstimme. Auch in der Marsch hinter dem Deich war es leer. Kühe und Rinder standen alle noch in den Ställen. Nichts bewegte sich. Nur das, was sie für ein Pferd hielten, für einen Schimmel, schien sich dort auf Jevershallig noch zu bewegen. „Es wird heller“, unterbrach der Knecht die Stille. „Ich sehe deutlich die weißen Schafgerippe schimmern!“

„Ich auch“, sagte der Junge und streckte den Hals. Dann aber, als fiele es ihm plötzlich ein, zupfte er den Knecht am Ärmel. „Iven“, flüsterte er, „das Pferdegerippe, das sonst dabeilag – wo ist es? Ich kann es nicht sehen!“

„Ich sehe es auch nicht! Seltsam!“, sagte der Knecht.

„Nicht so seltsam, Iven! Manchmal, ich weiß nicht, in welchen Nächten, sollen sich die Knochen erheben. Dann tun sie so, als ob sie lebendig wären!“

„So?“, machte der Knecht. „Das ist ja Altweiberglaube!“

„Kann sein, Iven“, meinte der Junge.

„Aber ich meine, du sollst mich holen. Komm, wir müssen nach Hause! Hier bleibt es doch immer dasselbe.“

Der Junge wollte nicht fort, bis der Knecht ihn mit Gewalt herumdrehte und auf den Weg brachte. Die gespenstische Hallig lag schon ein gutes Stück hinter ihnen. Da sagte Iven: „Hör mal, Karsten, du giltst ja als Allerweltsbengel. Ich glaube, du möchtest das am liebsten selbst untersuchen!“

„Ja“, antwortete Karsten und schauderte nachträglich noch ein wenig. „Ja, das möchte ich, Iven!“

„Ist das dein Ernst?“ Der Junge gab ihm fest die Hand darauf. „Dann binden wir morgen Abend unser Boot los“, sagte der Knecht. „Du fährst nach Jeverssand, und ich bleibe so lange auf dem Deich stehen.“

„Ja“, antwortete der Junge, „das geht! Ich nehme meine Peitsche mit!“

„Tu das!“

Schweigend kamen sie zum Haus ihrer Herrschaft und stiegen langsam die hohe Werfte hinauf.

Am nächsten Abend, um dieselbe Zeit, saß der Knecht auf dem großen Stein vor der Stalltür. Da kam der Junge zu ihm und knallte mit seiner Peitsche. „Das pfeift ja seltsam!“, sagte der Knecht.

„Allerdings. Nimm dich in Acht“, antwortete der Junge. „Ich habe auch Nägel in die Schnur geflochten.“

„Dann komm!“, sagte der andere.

Der Mond stand wie gestern am Osthimmel und schien klar von oben herab. Bald waren beide wieder draußen auf dem Deich und sahen hinüber nach Jevershallig. Sie lag wie ein Nebelfleck im Wasser. „Da geht es wieder“, sagte der Knecht. „Am Nachmittag war ich hier, da war es nicht da. Aber ich habe deutlich das weiße Pferdegerippe liegen sehen!“

Der Junge streckte den Hals. „Das ist jetzt nicht da, Iven“, flüsterte er.

„Nun, Karsten, wie ist es?“, sagte der Knecht. „Hast du noch Lust, hinüberzufahren?“

Karsten überlegte einen Augenblick. Dann knallte er mit seiner Peitsche in die Luft. „Mach nur das Boot los, Iven!“

Drüben aber war es, als höbe das Wesen dort den Hals und streckte den Kopf zum Festland hin. Sie sahen es nicht mehr, denn sie gingen schon den Deich hinab bis zu der Stelle, wo das Boot lag. „Nun, steig ein!“, sagte der Knecht, als er es losgebunden hatte. „Ich bleibe hier, bis du zurück bist! Du musst im Osten anlegen. Dort konnte man immer landen!“ Der Junge nickte schweigend und fuhr mit seiner Peitsche in die Mondnacht hinaus. Der Knecht ging unten am Deich zurück und stieg wieder an der Stelle hinauf, wo sie vorhin gestanden hatten. Bald sah er drüben eine steile, dunkle Stelle, zu der ein breiter Priel führte. Dort legte das Boot an, und eine untersetzte Gestalt sprang an Land. War es nicht, als knallte der Junge mit seiner Peitsche? Aber es konnte auch das Geräusch der steigenden Flut sein. Mehrere hundert Schritte weiter nördlich sah er, was sie für einen Schimmel gehalten hatten. Und jetzt! Ja, die Gestalt des Jungen ging genau darauf zu. Nun hob es den Kopf, als wäre es überrascht. Und der Junge knallte mit der Peitsche, das war jetzt deutlich zu hören. Aber was fiel ihm ein? Er drehte um und ging den Weg zurück, den er gekommen war. Das Wesen drüben schien ohne Pause weiterzufressen. Kein Wiehern war von dort zu hören gewesen. Manchmal schien es, als zögen weiße Wasserstreifen über die Erscheinung. Der Knecht sah wie gebannt hinüber.

Da hörte er, wie das Boot am Ufer auf dieser Seite anlegte. Bald sah er den Jungen aus der Dämmerung zu ihm den Deich heraufsteigen. „Nun, Karsten“, fragte er, „was war es?“

Der Junge schüttelte den Kopf. „Nichts war es!“, sagte er. „Vom Boot aus hatte ich es kurz vorher noch gesehen. Aber dann, als ich auf der Hallig war – der Henker weiß, wo sich das Tier verkrochen hatte! Der Mond schien doch hell genug. Aber als ich an die Stelle kam, war nichts da als die bleichen Knochen von einem halben Dutzend Schafen. Etwas weiter lag auch das Pferdegerippe mit seinem weißen, langen Schädel. Der Mond schien in seine leeren Augenhöhlen!“

„Hmm!“, meinte der Knecht. „Hast du auch richtig hingesehen?“

„Ja, Iven, ich stand direkt daneben. Ein gottverlassener Kiewiet hatte sich hinter dem Gerippe zur Nachtruhe geduckt. Er flog schreiend auf, sodass ich erschrak. Da habe ich ein paarmal mit der Peitsche hinter ihm her geknallt.“

„Und das war alles?“

„Ja, Iven. Mehr weiß ich nicht.“

„Es ist auch genug“, sagte der Knecht. Er zog den Jungen am Arm zu sich heran und zeigte hinüber zur Hallig. „Dort, siehst du etwas, Karsten?“

„Wahrhaftig, da geht es ja wieder!“

„Wieder?“, sagte der Knecht. „Ich habe die ganze Zeit hinübergesehen. Aber es war gar nicht fort. Du bist ja genau auf das unheimliche Wesen zugegangen!“

Der Junge starrte ihn an. Plötzlich lag Entsetzen auf seinem sonst so kecken Gesicht, und auch der Knecht sah es. „Komm!“, sagte Iven. „Wir gehen nach Hause. Von hier aus bewegt es sich wie lebendig, und drüben liegen nur die Knochen. Das ist mehr, als du und ich begreifen können. Aber sprich nicht darüber! Über solche Dinge darf man nicht reden!“

So drehten sie um, und der Junge trabte neben ihm her. Sie sprachen nicht, und die Marsch lag lautlos an ihrer Seite.

Der Mond nahm ab, und die Nächte wurden dunkel. Da geschah etwas anderes.

Hauke Haien war zur Zeit des Pferdemarktes in die Stadt geritten, aber nicht wegen des Marktes. Trotzdem brachte er gegen Abend ein zweites Pferd mit nach Hause. Es hatte raues Fell und war so mager, dass man jede Rippe zählen konnte. Seine Augen lagen matt und eingefallen in den Höhlen. Elke kam vor die Haustür, um ihren Mann zu begrüßen. „Hilf Himmel!“, rief sie. „Was sollen wir mit dem alten Schimmel?“ Denn Hauke war mit ihm vor das Haus geritten und hielt unter der Esche. Da hatte sie gesehen, dass das arme Tier auch lahmte.

Der junge Deichgraf aber sprang lachend von seinem braunen Wallach. „Lass nur, Elke. Es kostet auch nicht viel!“

Die kluge Frau antwortete: „Du weißt doch, das Billigste ist meist auch das Teuerste.“

„Aber nicht immer, Elke. Das Tier ist höchstens vier Jahre alt, sieh es dir nur genauer an! Es ist verhungert und misshandelt. Unser Hafer wird ihm guttun. Ich werde es selbst versorgen, damit sie es mir nicht überfüttern.“

Das Tier stand inzwischen mit gesenktem Kopf da, und die Mähne hing lang am Hals herunter. Hauke rief nach den Knechten. Frau Elke ging währenddessen um das Pferd herum und betrachtete es. Aber sie schüttelte den Kopf. „So eins war noch nie in unserem Stall!“

Als jetzt der Dienstjunge um die Hausecke kam, blieb er plötzlich stehen. Seine Augen waren erschrocken. „Nun, Karsten“, rief der Deichgraf, „was fährt dir in die Knochen? Gefällt dir mein Schimmel nicht?“

„Ja – o ja, uns’ Weert, warum denn nicht!“

„Dann bring die Tiere in den Stall. Gib ihnen kein Futter, ich komme gleich selbst!“

Der Junge fasste vorsichtig den Halfter des Schimmels. Dann griff er schnell, wie zum Schutz, nach dem Zügel des Wallachs, den er ja kannte. Hauke aber ging mit seiner Frau ins Zimmer. Sie hatte ein Warmbier für ihn bereit, und auch Brot und Butter standen da.

Er war bald satt. Dann stand er auf und ging mit seiner Frau im Zimmer auf und ab. Das Abendlicht spielte auf den Kacheln an den Wänden. „Lass dir erzählen, Elke“, sagte er, „wie ich zu dem Tier gekommen bin. Ich war wohl eine Stunde beim Oberdeichgrafen. Er hatte gute Nachrichten für mich. Dies und das wird wohl anders werden als in meinen Plänen. Aber die Hauptsache, mein Profil, ist angenommen! Schon in den nächsten Tagen kann der Befehl zum neuen Deichbau da sein!“

Elke seufzte, ohne es zu wollen. „Also doch?“, sagte sie voller Sorge.

„Ja, Frau“, antwortete Hauke. „Es wird hart werden. Aber dazu, denke ich, hat der Herrgott uns zusammengebracht! Unser Hof ist jetzt so gut in Ordnung, dass du einen großen Teil schon selbst übernehmen kannst. Denk nur zehn Jahre weiter – dann haben wir einen ganz anderen Besitz.“

Bei seinen ersten Worten hatte sie seine Hand fest in ihre gedrückt. Aber seine letzten Worte konnten sie nicht freuen. „Für wen soll der Besitz sein?“, sagte sie. „Du müsstest schon eine andere Frau nehmen. Ich bringe dir keine Kinder.“

Tränen schossen ihr in die Augen. Aber er zog sie fest in seine Arme. „Das überlassen wir dem Herrgott“, sagte er. „Jetzt und auch dann noch sind wir jung genug, um uns selbst über die Früchte unserer Arbeit zu freuen.“

Während er sie hielt, sah sie ihn lange mit ihren dunklen Augen an. „Verzeih, Hauke“, sagte sie. „Manchmal bin ich eine mutlose Frau!“

Er beugte sich zu ihrem Gesicht und küsste sie. „Du bist mein Weib und ich dein Mann, Elke! Und das wird sich nicht mehr ändern.“

Da legte sie die Arme fest um seinen Nacken. „Du hast recht, Hauke, und was kommt, das kommt für uns beide.“ Dann löste sie sich errötend von ihm. „Du wolltest mir von dem Schimmel erzählen“, sagte sie leise.

„Das wollte ich, Elke. Ich habe dir schon gesagt, dass mein Kopf und mein Herz voller Freude waren. Das kam von der guten Nachricht des Oberdeichgrafen. So ritt ich gerade wieder aus der Stadt hinaus. Da, auf dem Damm hinter dem Hafen, begegnete mir ein ruppiger Kerl. Ich wusste nicht, ob er ein Vagabund war, ein Kesselflicker oder sonst was. Der Kerl zog den Schimmel am Halfter hinter sich her. Das Tier aber hob den Kopf und sah mich mit stumpfen Augen an. Mir war, als wollte es mich um etwas bitten. Und ich war in diesem Augenblick ja reich genug. ‚He, Landsmann!‘, rief ich. ‚Wohin wollen Sie mit der Kracke?‘

Der Kerl blieb stehen und der Schimmel auch. ‚Verkaufen!‘, sagte er und nickte mir listig zu.

‚Nur nicht an mich!‘, rief ich lustig.

‚Ich denke doch!‘, sagte er. ‚Das ist ein tüchtiges Pferd. Unter hundert Talern ist es nicht bezahlt.‘

Ich lachte ihm ins Gesicht.

‚Nun‘, sagte er, ‚lachen Sie nicht so hart. Sie sollen es mir ja nicht zahlen! Aber ich kann es nicht brauchen, bei mir geht es zugrunde. Bei Ihnen würde es bald ganz anders aussehen!‘

Da sprang ich von meinem Wallach und sah dem Schimmel ins Maul. Ich sah gleich, dass es noch ein junges Tier war. ‚Was soll es denn kosten?‘, rief ich, denn das Pferd sah mich wieder wie bittend an.

‚Herr, nehmen Sie es für dreißig Taler!‘, sagte der Kerl. ‚Und den Halfter gebe ich Ihnen dazu!‘

Und da, Frau, habe ich eingeschlagen. Der Bursche hielt mir seine braune Hand hin, die fast wie eine Klaue aussah. So haben wir den Schimmel, und ich denke, auch billig genug! Seltsam war nur, was dann geschah. Als ich mit den Pferden wegritt, hörte ich bald hinter mir ein Lachen. Ich drehte den Kopf und sah den Slowaken. Er stand noch da, mit gespreizten Beinen, die Arme auf dem Rücken. Und er lachte hinter mir her wie ein Teufel.“

„Pfui!“, rief Elke. „Wenn der Schimmel dir nur nichts von seinem alten Herrn mitbringt! Möge er dir gedeihen, Hauke!“

„Er selbst soll es jedenfalls gut haben, so weit ich das schaffen kann!“ Und der Deichgraf ging in den Stall, wie er es vorhin dem Jungen gesagt hatte.

Aber nicht nur an jenem Abend fütterte er den Schimmel. Er tat es von nun an immer selbst und ließ das Tier nicht aus den Augen. Er wollte zeigen, dass er einen Priesterhandel gemacht hatte. Auf jeden Fall sollte nichts versäumt werden. Schon nach wenigen Wochen wurde die Haltung des Tieres besser. Langsam verschwanden die rauen Haare, und ein glänzendes, blau geapfeltes Fell kam zum Vorschein. Eines Tages führte er es auf dem Hof herum, und es schritt schlank auf seinen festen Beinen. Hauke dachte an den seltsamen Verkäufer. „Der Kerl war ein Narr oder ein Schuft, der es gestohlen hat!“, murmelte er vor sich hin. Bald warf das Pferd im Stall den Kopf herum, wenn es nur seine Schritte hörte, und wieherte ihm entgegen. Nun sah er auch, dass es hatte, was die Araber verlangen: ein fleischlos Angesicht. Daraus blitzten ein Paar feurige braune Augen. Dann führte er es aus dem Stall und legte ihm einen leichten Sattel auf. Aber kaum saß er oben, da kam ein Wiehern wie ein Freudenschrei aus der Kehle des Tieres. Es flog mit ihm davon, die Werfte hinab auf den Weg und dann zum Deich. Doch der Reiter saß fest. Als sie oben waren, ging es ruhiger, leicht, wie tanzend, und warf den Kopf zum Meer hin. Er klopfte und streichelte ihm den glänzenden Hals, aber das brauchte es schon nicht mehr. Das Pferd schien ganz eins mit seinem Reiter. Er ritt ein Stück nach Norden den Deich entlang, wendete es leicht und kam wieder auf den Hof zurück.

Die Knechte standen unten an der Auffahrt und warteten auf die Rückkehr ihres Hausherrn. „So, John“, rief dieser und sprang von seinem Pferd. „Nun reite du es in die Fenne zu den andern. Es trägt dich wie in einer Wiege!“

Der Schimmel schüttelte den Kopf und wieherte laut in die sonnige Marsch hinaus. Währenddessen schnallte ihm der Knecht den Sattel ab, und der Junge lief damit zur Geschirrkammer. Dann legte der Schimmel den Kopf auf die Schulter seines Herrn und ließ sich behaglich streicheln. Aber der Knecht wollte sich jetzt auf seinen Rücken schwingen. Da sprang das Pferd mit einem plötzlichen Satz zur Seite. Dann stand es wieder ganz still und richtete seine schönen Augen auf seinen Herrn. „Hoho, Iven“, rief dieser. „Hat er dir wehgetan?“ Und er versuchte, seinem Knecht vom Boden aufzuhelfen.

Der rieb sich eifrig die Hüfte. „Nein, Herr, es geht noch. Aber den Schimmel reitet der Teufel!“

„Und ich!“, fügte Hauke lachend hinzu. „Dann bring ihn am Zügel in die Fenne!“

Der Knecht gehorchte, ein wenig beschämt, und der Schimmel ließ sich ruhig von ihm führen.

Einige Abende später standen der Knecht und der Junge zusammen vor der Stalltür. Hinter dem Deich war das Abendrot erloschen, und über dem Koog lag schon tiefe Dämmerung. Nur selten kam aus der Ferne das Brüllen eines aufgeschreckten Rindes oder der Schrei einer Lerche. Ihr Leben endete, weil ein Wiesel oder eine Wasserratte sie überfiel. Der Knecht lehnte am Türpfosten und rauchte eine kurze Pfeife, deren Rauch er schon nicht mehr sehen konnte. Er und der Junge hatten noch nicht miteinander gesprochen. Aber den Jungen bedrückte etwas, und er wusste nur nicht, wie er den schweigsamen Knecht ansprechen sollte. „Du, Iven!“, sagte er endlich. „Weißt du, das Pferdegerippe auf Jeverssand!“

„Was ist damit?“, fragte der Knecht.

„Ja, Iven, was ist damit? Es ist gar nicht mehr da, weder am Tag noch bei Mondschein. Wohl zwanzigmal bin ich auf den Deich hinausgelaufen!“

„Die alten Knochen sind wohl zusammengefallen?“, sagte Iven und rauchte ruhig weiter.

„Aber ich war auch bei Mondschein draußen. Drüben auf Jeverssand geht auch nichts mehr herum!“

„Ja“, sagte der Knecht. „Wenn die Knochen auseinandergefallen sind, kann es wohl nicht mehr aufstehen!“

„Mach keinen Spaß, Iven! Ich weiß es jetzt. Ich kann dir sagen, wo es ist!“

Der Knecht drehte sich plötzlich zu ihm um: „Nun, wo ist es denn?“

„Wo?“, wiederholte der Junge mit Nachdruck. „Es steht in unserem Stall. Da steht es, seit es nicht mehr auf der Hallig ist. Der Hausherr füttert es auch nicht umsonst immer selbst. Ich weiß Bescheid, Iven!“

Der Knecht paffte eine Weile heftig in die Nacht hinaus. „Du bist nicht klug, Karsten“, sagte er dann. „Unser Schimmel? Wenn je ein Pferd lebendig war, dann dieses! Wie kann so ein Allerweltsjunge wie du solchen Altweiberglauben haben?“

Aber der Junge ließ sich nicht überzeugen. Wenn der Teufel in dem Schimmel steckte, warum sollte er dann nicht lebendig sein? Im Gegenteil, das war umso schlimmer! Jedes Mal erschrak er, wenn er gegen Abend den Stall betrat. Auch im Sommer stand das Tier manchmal dort. Dann warf es seinen feurigen Kopf so plötzlich nach ihm herum. „Hol’s der Teufel!“, brummte er dann. „Wir bleiben auch nicht mehr lange zusammen!“

So suchte er sich heimlich einen neuen Dienst und kündigte. Um Allerheiligen trat er als Knecht bei Ole Peters ein. Hier fand er andächtige Zuhörer für seine Geschichte vom Teufelspferd des Deichgrafen. Die dicke Frau Vollina und ihr Vater hörten gern zu und gruselten sich dabei behaglich. Das war Jeß Harders, der frühere Deichgevollmächtigte, ein geistig stumpfer Mann. Später erzählten sie die Geschichte allen weiter, die einen Groll gegen den Deichgrafen hatten oder solche Dinge gern hörten.

Inzwischen war schon Ende März durch die Oberdeichgrafschaft der Befehl zur neuen Eindeichung eingetroffen. Hauke rief zuerst die Deichgevollmächtigten zusammen. Eines Tages erschienen alle im Krug oben bei der Kirche. Er las ihnen die Hauptpunkte aus den bisherigen Schriftstücken vor. Zuerst kam sein Antrag, dann der Bericht des Oberdeichgrafen und zuletzt der endgültige Bescheid. Dieser Bescheid enthielt vor allem die Annahme des Profils, das Hauke vorgeschlagen hatte. Der neue Deich sollte nicht steil wie früher sein, sondern allmählich zur Seeseite abfallen. Aber die Männer hörten nicht mit heiteren oder auch nur zufriedenen Gesichtern zu.

„Ja, ja“, sagte ein alter Gevollmächtigter, „da haben wir nun die Bescherung. Proteste werden nicht helfen, denn der Oberdeichgraf hält unserem Deichgrafen den Daumen!“

„Da hast du wohl recht, Detlev Wiens“, fügte ein zweiter hinzu. „Die Frühlingsarbeit steht vor der Tür, und nun soll auch noch ein endlos langer Deich gebaut werden. Da muss ja alles liegen bleiben.“

„Das könnt ihr dieses Jahr noch zu Ende bringen“, sagte Hauke. „So schnell geht es nicht los!“

Das wollten nur wenige zugeben. „Aber dein Profil!“, sagte ein dritter und brachte etwas Neues zur Sprache. „Der Deich wird ja auch außen zum Wasser hin so breit, wie Lawrenz sein Kind nicht lang war! Woher soll das Material kommen? Wann soll die Arbeit fertig werden?“

„Wenn nicht in diesem, dann im nächsten Jahr. Das hängt am meisten von uns selbst ab!“, sagte Hauke.

Ein ärgerliches Lachen ging durch die Gesellschaft. „Aber wozu die unnütze Arbeit? Der Deich soll ja nicht höher werden als der alte“, rief eine neue Stimme. „Und ich meine, der steht schon über dreißig Jahre!“

„Da haben Sie recht“, sagte Hauke. „Vor dreißig Jahren ist der alte Deich gebrochen. Davor vor fünfunddreißig und noch einmal vor fünfundvierzig Jahren. Seitdem aber haben uns die höchsten Fluten verschont, obwohl er noch immer steil und unvernünftig dasteht. Der neue Deich aber soll trotz solcher Fluten hundert und aber hundert Jahre stehen. Er wird nicht durchbrochen werden, denn die Wellen finden an dem sanften Abfall zur Seeseite keinen Angriffspunkt. So werdet ihr für euch und eure Kinder ein sicheres Land gewinnen. Deshalb halten mir die Herrschaft und der Oberdeichgraf den Daumen. Und das solltet ihr auch zu eurem eigenen Vorteil einsehen!“

Die Versammelten waren nicht bereit, sofort darauf zu antworten. Da erhob sich mühsam ein alter weißhaariger Mann von seinem Stuhl. Es war Frau Elkes Pate, Jewe Manners, der auf Haukes Bitte noch immer Gevollmächtigter geblieben war. „Deichgraf Hauke Haien“, sagte er, „du machst uns viel Unruhe und Kosten. Ich wollte, du hättest damit gewartet, bis der Herrgott mich zur Ruhe gehen lässt. Aber du hast recht, das kann nur die Unvernunft bestreiten. Wir müssen Gott jeden Tag danken, dass er uns das kostbare Stück Vorland erhalten hat. Das hat er trotz unserer Trägheit getan, gegen Sturm und Wasser. Aber jetzt ist es wohl höchste Zeit. Jetzt müssen wir selbst Hand anlegen und es mit all unserem Wissen und Können schützen. Wir dürfen Gottes Geduld nicht länger herausfordern. Ich, meine Freunde, bin ein Greis. Ich habe Deiche bauen und brechen sehen. Hauke Haien hat diesen Deich nach der Einsicht geplant, die Gott ihm geschenkt hat. Und er hat ihn bei der Herrschaft für euch durchgesetzt. Diesen Deich wird niemand von euch Lebenden brechen sehen. Und wenn ihr selbst ihm nicht danken wollt, eure Enkel werden ihm einmal den Ehrenkranz nicht verweigern können!“

Jewe Manners setzte sich wieder. Er nahm sein blaues Schnupftuch aus der Tasche und wischte sich ein paar Tropfen von der Stirn. Der alte Mann war noch immer als tüchtig und völlig ehrlich bekannt. Die Versammlung wollte ihm nicht gerade zustimmen, und so schwieg sie weiter. Aber Hauke Haien ergriff das Wort, und alle sahen, dass er bleich geworden war. „Ich danke Ihnen, Jewe Manners“, sagte er, „dass Sie noch hier sind und dass Sie das gesagt haben. Ihr anderen Herren Gevollmächtigten, seht den neuen Deichbau bitte wenigstens als etwas an, das nicht mehr zu ändern ist. Die Last davon trage freilich ich. Und nun lasst uns beschließen, was jetzt nötig ist!“

„Sprechen Sie!“, sagte einer der Gevollmächtigten. Und Hauke breitete die Karte des neuen Deiches auf dem Tisch aus. „Vorhin hat einer gefragt, woher wir die viele Erde nehmen sollen“, begann er. „Ihr seht: Soweit das Vorland in die Watten hinausgeht, ist außerhalb der Deichlinie ein Streifen Land frei gelassen. Von dort können wir die Erde nehmen. Auch das Vorland, das nördlich und südlich vom neuen Koog am Deich entlangläuft, liefert Erde. Wir brauchen an den Wasserseiten nur eine gute Lage Klei. Innen oder in der Mitte kann man auch Sand nehmen. Nun müssen wir zuerst einen Feldmesser holen. Er soll die Linie des neuen Deiches auf dem Vorland abstecken. Der Mann, der mir bei dem Plan geholfen hat, passt wohl am besten dazu. Außerdem müssen wir bei einigen Wagenbauern Sturzkarren bestellen, für ein Pferd und mit einer Gabeldeichsel. Mit ihnen holen wir den Klei und das andere Material heran. Für das Dämmen des Priels und für die Binnenseiten brauchen wir Stroh zur Bestickung des Deiches. An den Binnenseiten müssen wir uns vielleicht mit Sand begnügen. Ich kann jetzt nicht sagen, wie viele hundert Fuder Stroh das sein werden. Vielleicht sind es mehr, als die Marsch hier entbehren kann! Lasst uns also beraten, wie wir das alles zuerst beschaffen und einrichten. Die neue Schleuse hier an der Westseite zum Wasser hin soll später ein tüchtiger Zimmermann bauen.“

Die Versammelten hatten sich um den Tisch gestellt. Sie betrachteten die Karte nur mit halbem Auge und begannen langsam zu sprechen. Aber es war, als ob sie nur sprachen, damit überhaupt etwas gesagt wurde. Als es um den Feldmesser ging, meinte einer der Jüngeren: „Sie haben es ausgedacht, Deichgraf. Sie müssen selbst am besten wissen, wer dazu taugt.“

Aber Hauke antwortete: „Ihr seid Geschworene. Darum müsst ihr nach eurer eigenen Meinung sprechen, nicht nach meiner, Jakob Meyen. Wenn ihr es dann besser sagt, lasse ich meinen Vorschlag fallen!“

„Nun ja, es wird schon recht sein“, sagte Jakob Meyen.

Aber einem der Älteren war es doch nicht ganz recht. Er hatte einen Neffen, den Sohn seines Bruders. So einen guten Feldmesser sollte es hier in der Marsch noch nicht gegeben haben! Er sollte sogar noch besser sein als der Vater des Deichgrafen, der verstorbene Tede Haien!

So wurde über die beiden Feldmesser verhandelt. Endlich beschloss man, ihnen die Arbeit gemeinsam zu übertragen. Ähnlich ging es bei den Sturzkarren, bei der Strohlieferung und bei allem anderen. Hauke kam spät und fast erschöpft nach Hause, auf seinem Wallach, den er damals noch ritt. Er setzte sich in den alten Lehnstuhl, der noch von seinem gewichtigen, aber leichter lebenden Vorgänger stammte. Da war auch schon seine Frau neben ihm. „Du siehst so müde aus, Hauke“, sagte sie und strich ihm mit ihrer schmalen Hand das Haar aus der Stirn.

„Ein wenig wohl!“, antwortete er.

„Und geht es denn?“

„Es geht schon“, sagte er mit bitterem Lächeln. „Aber ich selbst muss die Räder schieben und froh sein, wenn sie nicht zurückgehalten werden!“

„Aber doch nicht von allen?“

„Nein, Elke. Dein Pate, Jewe Manners, ist ein guter Mann. Ich wollte, er wäre dreißig Jahre jünger.“

Nach einigen Wochen war die Deichlinie abgesteckt, und der größte Teil der Sturzkarren war geliefert. Da rief der Deichgraf alle Anteilbesitzer des neuen Kooges im Kirchspielskrug zusammen. Auch die Besitzer der Ländereien hinter dem alten Deich kamen. Er wollte ihnen einen Plan über die Verteilung der Arbeit und der Kosten vorlegen und ihre Einwände hören. Denn auch die Landbesitzer hinter dem alten Deich mussten ihren Teil an Arbeit und Kosten tragen. Das galt, soweit der neue Deich und die neuen Siele die Kosten für die älteren Anlagen verminderten. Dieser Plan war für Hauke ein schweres Stück Arbeit gewesen. Der Oberdeichgraf hatte ihm neben einem Deichboten auch noch einen Deichschreiber verschafft. Ohne diese Hilfe wäre er nicht so bald fertig geworden. Dabei hatte er auch jetzt wieder jeden Tag bis in die Nacht gearbeitet. Wenn er dann todmüde ins Bett ging, wartete seine Frau nicht mehr wie früher im gespielten Schlaf auf ihn. Auch sie hatte so viel Arbeit am Tag, dass sie nachts tief schlief. Sie lag da wie am Grund eines tiefen Brunnens, und nichts konnte sie stören.

Hauke las nun seinen Plan vor und breitete die Papiere wieder auf dem Tisch aus. Sie hatten schon drei Tage hier im Krug gelegen, damit jeder sie ansehen konnte. Es waren ernste Männer da, die diesen gewissenhaften Fleiß mit Respekt betrachteten. Nach ruhiger Überlegung nahmen sie die gerechten Sätze ihres Deichgrafen an. Andere aber hatten ihre Anteile am neuen Land verkauft, oder ihre Väter oder andere frühere Besitzer hatten das getan. Sie beschwerten sich, dass sie für den neuen Koog zahlen sollten, dessen Land sie nichts mehr anging. Sie vergaßen, dass durch die neuen Arbeiten auch ihre alten Ländereien nach und nach entlastet würden. Wieder andere besaßen Anteile im neuen Koog. Sie schrien, man solle ihnen diese doch abnehmen, man könne sie für wenig Geld haben. Denn die Lasten, die man ihnen dafür auflegte, seien ungerecht, und damit könnten sie nicht bestehen. Ole Peters aber lehnte mit grimmigem Gesicht am Türpfosten und rief dazwischen: „Besinnt euch erst und vertraut dann unserem Deichgrafen! Der versteht zu rechnen. Er hatte schon die meisten Anteile. Da wusste er mir auch noch meine abzuhandeln. Und als er sie hatte, beschloss er, diesen neuen Koog einzudeichen!“

Nach diesen Worten war es einen Augenblick totenstill in der Versammlung. Der Deichgraf stand an dem Tisch, auf dem er seine Papiere ausgebreitet hatte. Er hob den Kopf und sah zu Ole Peters hinüber. „Du weißt genau, Ole Peters“, sagte er, „dass du mich verleumdest. Du tust es trotzdem. Denn du weißt auch, dass ein guter Teil des Schmutzes, mit dem du mich bewirfst, an mir hängen bleibt. Die Wahrheit ist: Du wolltest deine Anteile loswerden, und ich brauchte sie damals für meine Schafzucht. Und du willst noch mehr wissen? Du hast im Krug ein schmutziges Wort gesagt: Ich sei nur Deichgraf meines Weibes wegen. Dieses Wort hat mich aufgerüttelt. Ich wollte euch zeigen, dass ich um meiner selbst willen Deichgraf sein kann. Und so, Ole Peters, habe ich getan, was schon der Deichgraf vor mir hätte tun sollen. Aber vielleicht trägst du mir nach, dass deine Anteile damals meine geworden sind. Du hörst es ja: Es gibt genug Leute, die jetzt ihre Anteile billig anbieten, nur weil ihnen die Arbeit zu viel ist!“

Von einem kleinen Teil der Männer kam ein zustimmendes Murmeln. Der alte Jewe Manners, der mitten unter ihnen stand, rief laut: „Bravo, Hauke Haien! Unser Herrgott wird dein Werk gelingen lassen!“

Aber man kam doch nicht zu Ende, obwohl Ole Peters schwieg und die Leute erst zum Abendbrot auseinandergingen. Erst in einer zweiten Versammlung wurde alles geordnet. Aber auch das gelang nur, weil Hauke etwas auf sich nahm. Für den nächsten Monat übernahm er vier Gespanne statt der drei, die er stellen musste.

Endlich, als schon die Pfingstglocken durch das Land läuteten, hatte die Arbeit begonnen. Ohne Pause fuhren die Sturzkarren vom Vorland zur Deichlinie und kippten dort den Klei ab. Genauso viele Karren waren schon wieder auf dem Rückweg, um auf dem Vorland neuen Klei zu laden. An der Deichlinie selbst standen Männer mit Schaufeln und Spaten. Sie brachten die Erde an ihren Platz und machten sie eben. Riesige Fuder Stroh wurden herangefahren und abgeladen. Das Stroh bedeckte nicht nur das leichtere Material an den Binnenseiten, also Sand und lose Erde. Allmählich wurden einzelne Strecken des Deiches fertig und mit Grassoden belegt. An manchen Stellen wurden diese Soden mit einer festen Strohbestickung überzogen, zum Schutz gegen die nagenden Wellen.

Aufseher gingen hin und her. Wenn es stürmte, standen sie mit weit aufgerissenem Mund da und schrien ihre Befehle durch Wind und Wetter. Dazwischen ritt der Deichgraf auf seinem Schimmel, den er jetzt als einziges Pferd benutzte. Das Tier flog mit seinem Reiter hin und her. Rasch und trocken gab Hauke seine Anordnungen. Er lobte die Arbeiter, oder er schickte einen Faulen oder Ungeschickten ohne Erbarmen weg. „Das hilft nicht!“, rief er dann. „Wegen deiner Faulheit darf uns der Deich nicht verderben!“ Schon von Weitem hörten sie das Schnauben seines Pferdes, wenn er unten aus dem Koog heraufkam. Dann griffen alle Hände fester zu: „Frisch zu! Der Schimmelreiter kommt!“

Zur Frühstückszeit lagen die Arbeiter in Haufen mit ihrem Morgenbrot auf der Erde. Dann ritt Hauke an den verlassenen Arbeitsstellen entlang. Seine Augen erkannten scharf, wo schlampige Hände den Spaten geführt hatten. Manchmal ritt er auch zu den Leuten und erklärte ihnen, wie die Arbeit gemacht werden musste. Dann sahen sie wohl zu ihm auf und kauten geduldig an ihrem Brot weiter. Aber er hörte von ihnen keine Zustimmung, ja überhaupt kein Wort.

Einmal ritt er um diese Tageszeit, es war schon spät, zu dem nächsten Haufen der Frühstückenden. Er hatte an einer Deichstelle die Arbeit in besonders guter Ordnung gefunden. Er sprang von seinem Schimmel und fragte heiter, wer dort so saubere Arbeit gemacht habe. Aber sie sahen ihn nur scheu und düster an. Nur langsam und wie widerwillig wurden ein paar Namen genannt. Der Mann, dem er sein Pferd gegeben hatte, hielt es mit beiden Händen. Das Tier stand ruhig wie ein Lamm. Der Mann blickte fast ängstlich in die schönen Augen des Pferdes, die wie gewöhnlich auf seinen Herrn gerichtet waren.

„Nun, Marten!“, rief Hauke. „Was stehst du da, als ob dir der Donner in die Beine gefahren wäre?“

„Herr, Ihr Pferd ist so ruhig, als ob es etwas Böses vorhätte!“

Hauke lachte und nahm das Pferd selbst am Zügel. Es rieb sofort zärtlich den Kopf an seiner Schulter. Einige Arbeiter sahen scheu zu Pferd und Reiter hinüber. Andere aßen schweigend ihr Frühstück, als ob sie das alles nichts anginge. Dann und wann warfen sie einen Brocken hinauf zu den Möwen. Die Möwen hatten sich den Futterplatz gemerkt. Mit ihren schlanken Flügeln senkten sie sich fast auf die Köpfe der Männer. Der Deichgraf blickte eine Weile wie gedankenlos auf die bettelnden Vögel. Er sah zu, wie sie die zugeworfenen Bissen mit ihren Schnäbeln fingen. Dann sprang er in den Sattel und ritt davon, ohne sich nach den Leuten umzusehen. Einige Worte, die jetzt unter ihnen laut wurden, klangen für ihn fast wie Hohn. „Was ist das?“, sagte er zu sich selbst. „Hatte Elke also recht, dass sie alle gegen mich sind? Auch diese Knechte und kleinen Leute? Vielen von ihnen bringt mein neuer Deich doch Wohlstand ins Haus!“

Er gab seinem Pferd die Sporen, und es flog wie toll in den Koog hinunter. Von dem unheimlichen Glanz, den sein früherer Dienstjunge dem Schimmelreiter gegeben hatte, wusste er freilich nichts. Aber die Leute hätten ihn jetzt sehen sollen! Die Augen starrten aus seinem hageren Gesicht, sein Mantel flog, und der Schimmel sprühte!

So waren der Sommer und der Herbst vergangen. Bis gegen Ende November wurde noch gearbeitet. Dann zwangen Frost und Schnee die Männer, mit dem Werk aufzuhören. Man war nicht fertig geworden und beschloss, den Koog offen zu lassen. Der Deich ragte acht Fuß aus der Fläche hervor. Nur im Westen, zum Wasser hin, wo die Schleuse hinkommen sollte, hatte man eine Lücke gelassen. Auch oben vor dem alten Deich war der Priel noch unberührt. So konnte die Flut wie in den letzten dreißig Jahren in den Koog eindringen. Dabei konnte sie dort und am neuen Deich keinen großen Schaden anrichten. Und so überließ man das Werk der Menschenhände dem großen Gott. Man stellte es in seinen Schutz, bis die Frühlingssonne die Vollendung möglich machen würde.

Inzwischen war im Haus des Deichgrafen etwas Frohes geschehen: Im neunten Ehejahr war noch ein Kind geboren worden. Es war rot und runzlig und wog seine sieben Pfund, wie es sich für neugeborene Mädchen gehört. Nur sein Schreien klang seltsam gedämpft, und das hatte der Wehmutter nicht gefallen. Das Schlimmste aber war: Am dritten Tag lag Elke in hohem Fieber. Sie redete wirr und erkannte weder ihren Mann noch ihre alte Helferin. Die wilde Freude, die Hauke beim Anblick seines Kindes gepackt hatte, war zu Trauer geworden. Man holte den Arzt aus der Stadt. Er saß am Bett, fühlte den Puls, schrieb ein Rezept und sah ratlos um sich. Hauke schüttelte den Kopf. „Der hilft nicht. Nur Gott kann helfen!“ Er hatte sich sein eigenes Christentum zurechtgerechnet, aber etwas hielt sein Gebet zurück. Als der alte Doktor weggefahren war, stand er am Fenster und starrte in den Wintertag hinaus. Die Kranke schrie aus ihren Fieberträumen auf, und er faltete die Hände. Er wusste selbst nicht, ob er es aus Frömmigkeit tat. Vielleicht tat er es nur, um sich in seiner ungeheuren Angst nicht selbst zu verlieren.

„Wasser! Das Wasser!“, wimmerte die Kranke. „Halt mich!“, schrie sie. „Halt mich, Hauke!“ Dann sank ihre Stimme, und es klang, als ob sie weinte: „Aufs Meer, ins Haf hinaus? O lieber Gott, ich sehe ihn nie wieder!“

Da drehte er sich um und schob die Wärterin vom Bett weg. Er fiel auf die Knie, umarmte seine Frau und riss sie an sich: „Elke! Elke, erkenne mich doch, ich bin ja bei dir!“

Aber sie öffnete nur weit die glühenden Fieberaugen und sah um sich wie eine, die rettungslos verloren ist.

Er legte sie zurück auf ihre Kissen. Dann presste er die Hände ineinander. „Herr, mein Gott“, schrie er, „nimm sie mir nicht! Du weißt, ich kann ohne sie nicht sein!“ Dann war es, als ob er sich besann. Leiser fügte er hinzu: „Ich weiß ja, du kannst nicht immer, wie du willst, auch du nicht. Du bist allweise, du musst nach deiner Weisheit handeln. O Herr, sprich nur durch einen Hauch zu mir!“

Es war, als ob plötzlich eine Stille eingetreten wäre. Er hörte nur noch ein leises Atmen. Als er sich zum Bett drehte, lag seine Frau in ruhigem Schlaf. Nur die Wärterin sah ihn mit entsetzten Augen an. Er hörte die Tür gehen. „Wer war das?“, fragte er.

„Herr, die Magd Ann’ Grete ist hinausgegangen. Sie hatte den Warmkorb hereingebracht.“

„Warum sehen Sie mich so verstört an, Frau Levke?“

„Ich? Ich bin über Ihr Gebet erschrocken. Damit beten Sie niemanden vom Tod los!“

Hauke sah sie mit seinen durchdringenden Augen an. „Besuchen Sie auch, wie unsere Ann’ Grete, die Konventikel bei dem holländischen Flickschneider Jantje?“

„Ja, Herr. Wir haben beide den lebendigen Glauben!“

Hauke antwortete ihr nicht. Die Konventikel der Separatisten waren damals weit verbreitet und hatten auch unter den Friesen Anhänger gefunden. Heruntergekommene Handwerker spielten darin die Hauptrolle, oder Schulmeister, die man wegen Trunkenheit entlassen hatte. Mädchen, junge und alte Frauen, Faulenzer und einsame Menschen liefen eifrig zu den heimlichen Versammlungen. Dort konnte jeder den Priester spielen. Auch Ann’ Grete aus dem Haus des Deichgrafen ging dorthin, und der Dienstjunge, der in sie verliebt war. Die beiden verbrachten dort ihre freien Abende. Elke hatte Hauke ihre Bedenken nicht verschwiegen. Aber er hatte gemeint, in Glaubenssachen solle man niemandem hineinreden. Das schade keinem, und es sei doch besser dort als in der Schnapskneipe!

So war es dabei geblieben, und so schwieg er auch jetzt. Aber über ihn schwieg man nicht. Seine Gebetsworte liefen von Haus zu Haus: Er hatte Gottes Allmacht bestritten! Was war denn ein Gott ohne Allmacht? Er war ein Gottesleugner! Die Sache mit dem Teufelspferd mochte am Ende auch stimmen!

Hauke erfuhr nichts davon. Er hatte in diesen Tagen nur Ohren und Augen für seine Frau. Selbst das Kind war für ihn nicht mehr auf der Welt.

Der alte Arzt kam wieder, er kam jeden Tag, manchmal zweimal. Einmal blieb er eine ganze Nacht. Er schrieb wieder ein Rezept, und der Knecht Iven Johns ritt damit in höchster Eile zur Apotheke. Dann aber wurde das Gesicht des Arztes freundlicher, und er nickte dem Deichgrafen vertraulich zu: „Es geht! Es geht! Mit Gottes Hilfe!“ Eines Tages war der Doktor mit der Kranken allein. Hatte nun seine Kunst die Krankheit besiegt? Oder hatte der liebe Gott auf Haukes Gebet hin doch noch einen Ausweg finden können? Der Doktor sprach zu ihr, und seine alten Augen lachten. „Frau, jetzt kann ich es Ihnen ruhig sagen: Heute hat der Doktor seinen Festtag. Es stand schlimm um Sie, aber nun gehören Sie wieder zu uns, zu den Lebendigen!“

Da brach es wie ein Meer von Licht aus ihren dunklen Augen. „Hauke! Hauke, wo bist du?“, rief sie. Er hörte den hellen Ruf und stürzte ins Zimmer an ihr Bett. Da schlug sie die Arme um seinen Nacken. „Hauke, mein Mann, gerettet! Ich bleibe bei dir!“

Da zog der alte Doktor sein seidenes Taschentuch aus der Tasche. Er wischte sich damit über Stirn und Wangen und ging kopfnickend aus dem Zimmer.

Am dritten Abend nach diesem Tag sprach ein frommer Redner im Konventikel bei dem holländischen Schneider. Es war ein Pantoffelmacher, den der Deichgraf aus der Arbeit gejagt hatte. Er erklärte seinen Zuhörern die Eigenschaften Gottes: „Es gibt einen, der Gottes Allmacht bestreitet. Er sagt: ‚Ich weiß, du kannst nicht, was du willst.‘ Wir kennen den Unglücklichen ja alle. Er liegt wie ein Stein auf der Gemeinde. Wer so spricht, der ist von Gott abgefallen. Er sucht den Feind Gottes, den Freund der Sünde, als seinen Tröster. Denn nach irgendeinem Stab muss die Hand des Menschen greifen. Ihr aber, hütet euch vor dem, der so betet. Sein Gebet ist Fluch!“

Auch das lief von Haus zu Haus. Was läuft nicht herum in einer kleinen Gemeinde? Und auch zu Haukes Ohren kam es. Er sagte kein Wort darüber, nicht einmal zu seiner Frau. Nur manchmal umarmte er sie heftig und zog sie an sich: „Bleib mir treu, Elke! Bleib mir treu!“

Dann sahen ihre Augen voll Staunen zu ihm auf. „Dir treu? Wem sollte ich denn sonst treu sein?“ Nach einer kurzen Weile aber hatte sie sein Wort verstanden. „Ja, Hauke, wir sind uns treu. Nicht nur, weil wir uns brauchen.“

Und dann ging jeder wieder an seine Arbeit.

Das wäre so weit gut gewesen. Aber trotz aller lebendigen Arbeit war eine Einsamkeit um ihn. In seinem Herzen setzten sich Trotz und Verschlossenheit gegen andere Menschen fest. Nur zu seiner Frau blieb er immer der Gleiche. An der Wiege seines Kindes lag er abends und morgens auf den Knien, als sei dort der Ort seines ewigen Heils. Gegen Gesinde und Arbeiter aber wurde er strenger. Die Ungeschickten und Nachlässigen hatte er früher ruhig getadelt. Jetzt fuhr er sie hart an, und sie erschraken. Elke ging manchmal leise hin und machte es wieder gut.

Als der Frühling näher kam, begannen die Deicharbeiten von Neuem. Die neue Schleuse sollte jetzt gebaut werden. Zu ihrem Schutz schloss man die Lücke in der westlichen Deichlinie mit einem Kajedeich. Er war halbmondförmig nach innen und ebenso nach außen. Zusammen mit der Schleuse wuchs allmählich auch der Hauptdeich in die Höhe, und das ging immer schneller. Leichter wurde die Arbeit für den Deichgrafen nicht. Denn Jewe Manners war im Winter gestorben, und an seine Stelle war Ole Peters als Deichgevollmächtigter getreten. Hauke hatte nicht versuchen wollen, das zu verhindern. Früher hatte er vom alten Paten seiner Frau oft ermutigende Worte bekommen. Dazu gab es freundliche Schläge auf die linke Schulter. Jetzt kam von dem Nachfolger heimlicher Widerstand. Er brachte unnötige Einwände vor, die Hauke mit unnötigen Gründen bekämpfen musste. Denn Ole gehörte zwar zu den Wichtigen, aber in Deichsachen nicht zu den Klugen. Auch stand ihm der „Schreiberknecht“ von früher her immer noch im Weg.

Der strahlendste Himmel breitete sich wieder über Meer und Marsch. Der Koog wurde wieder bunt von starken Rindern, deren Brüllen von Zeit zu Zeit die weite Stille unterbrach. Hoch oben in der Himmelsluft sangen ohne Pause die Lerchen. Aber man hörte es erst, wenn der Gesang einmal für die Länge eines Atemzugs verstummte. Kein Unwetter störte die Arbeit. Die Schleuse stand schon mit ihren ungestrichenen Balken da. Nicht in einer einzigen Nacht hatte sie den Schutz des Kajedeichs gebraucht. Der Herrgott schien dem neuen Werk seine Gunst zu schenken.

Auch Frau Elkes Augen lachten ihrem Mann zu, wenn er auf seinem Schimmel vom Deich nach Hause kam. „Bist doch ein braves Tier geworden!“, sagte sie dann und klopfte dem Pferd den glänzenden Hals. Wenn sie das Kind auf dem Arm hatte, sprang Hauke vom Pferd. Er ließ das winzige Ding auf seinen Armen tanzen. Manchmal richtete der Schimmel seine braunen Augen auf das Kind. Dann sagte Hauke wohl: „Komm her, du sollst auch die Ehre haben!“ Er setzte die kleine Wienke – denn so war sie getauft worden – auf seinen Sattel. Dann führte er den Schimmel auf der Werfte im Kreis herum. Auch die alte Esche hatte manchmal die Ehre. Er setzte das Kind auf einen schwankenden Ast und ließ es schaukeln. Die Mutter stand mit lachenden Augen in der Haustür. Aber das Kind lachte nicht. Seine Augen, zwischen denen ein feines Näschen saß, schauten ein wenig stumpf in die Ferne. Die kleinen Hände griffen nicht nach dem Stöckchen, das der Vater ihm hinhielt. Hauke achtete nicht darauf, er verstand auch nichts von so kleinen Kindern.

Nur Elke sah manchmal das helläugige Mädchen auf dem Arm ihrer Arbeitsfrau. Diese Frau hatte zur selben Zeit wie sie ein Kind bekommen. Dann sagte Elke schmerzlich: „Meines ist noch nicht so weit wie deines, Stina!“

Die Frau schüttelte ihren dicken Jungen, den sie an der Hand hatte, mit derber Liebe. „Ja, Frau, die Kinder sind verschieden“, rief sie dann wohl. „Der da hat mir schon die Äpfel aus der Kammer gestohlen, bevor er zwei Jahre alt war!“

Und Elke strich dem dicken Buben das Kraushaar aus den Augen. Dann drückte sie heimlich ihr stilles Kind ans Herz.

Als es Oktober wurde, stand die neue Schleuse an der Westseite schon fest im Hauptdeich. Der Deich schloss sich von beiden Seiten an sie an. Bis auf die Lücken beim Priel fiel er nun ringsum mit seinem sanften Profil zu den Wasserseiten ab. Er überragte die normale Flut um fünfzehn Fuß. Von seiner Nordwestecke sah man an Jevershallig vorbei frei ins Wattenmeer hinaus. Aber hier griffen auch die Winde schärfer an. Die Haare flogen, und wer hier hinausschauen wollte, musste seine Mütze fest auf dem Kopf haben.

Ende November setzten Sturm und Regen ein. Da blieb nur noch dicht am alten Deich die Schlucht zu schließen. Auf ihrem Grund schoss an der Nordseite das Meerwasser durch den Priel in den neuen Koog. Auf beiden Seiten standen die Wände des Deiches, und der Abgrund zwischen ihnen musste jetzt verschwinden. Trockenes Sommerwetter hätte die Arbeit wohl erleichtert. Aber auch so musste sie getan werden, denn ein neuer Sturm konnte das ganze Werk gefährden. Und Hauke setzte alles daran, jetzt den Abschluss zu erreichen.

Der Regen strömte, der Wind pfiff. Aber seine hagere Gestalt auf dem feurigen Schimmel tauchte bald hier, bald dort aus den schwarzen Menschenmassen auf. Sie arbeiteten oben und unten an der Nordseite des Deiches neben der Schlucht. Jetzt sah man ihn unten bei den Sturzkarren. Sie mussten den Klei schon von weit her aus dem Vorland holen. Eben kam ein dichter Haufen von ihnen beim Priel an und versuchte, die Last abzuwerfen. Durch das Klatschen des Regens und das Brausen des Windes klangen von Zeit zu Zeit die scharfen Befehle des Deichgrafen. Er wollte heute hier allein befehlen. Er rief die Karren nach ihren Nummern auf und wies die Drängenden zurück. Ein „Halt!“ aus seinem Mund, und unten ruhte die Arbeit. „Stroh! Ein Fuder Stroh hinunter!“, rief er zu den Männern oben. Von einem der Fuder, die oben standen, stürzte das Stroh auf den nassen Klei hinunter. Unten sprangen Männer dazwischen und zerrten es auseinander. Sie schrien nach oben, man solle sie nur nicht begraben.

Und wieder kamen neue Karren. Hauke war schon wieder oben und sah von seinem Schimmel in die Schlucht hinab. Er sah, wie sie dort schaufelten und Erde hinunterstürzten. Dann richtete er seine Augen auf das Haf hinaus. Es wehte scharf. Er sah, wie der Wasserrand immer höher am Deich hinaufkletterte und wie die Wellen sich noch höher hoben. Er sah auch, wie die Leute trieften und bei der schweren Arbeit kaum atmen konnten. Der Wind schnitt ihnen die Luft vor dem Mund ab, und der kalte Regen strömte über sie. „Aushalten, Leute! Aushalten!“, schrie er zu ihnen hinunter. „Nur noch einen Fuß höher, dann ist es genug für diese Flut!“

Durch den ganzen Lärm des Wetters hörte man das Geräusch der Arbeit. Das Klatschen der Kleimassen, das Rasseln der Karren und das Rauschen des Strohes von oben gingen ohne Halt weiter. Dazwischen hörte man manchmal das Winseln eines kleinen gelben Hundes. Er fror, wirkte wie verloren und wurde zwischen Menschen und Wagen herumgestoßen. Plötzlich aber kam ein jämmerlicher Schrei des kleinen Tieres von unten aus der Schlucht herauf. Hauke blickte hinunter. Er hatte gesehen, wie man es von oben hinuntergeschleudert hatte. Eine plötzliche Zornesröte stieg ihm ins Gesicht. „Halt! Haltet ein!“, schrie er zu den Karren hinunter. Denn der nasse Klei wurde ohne Halt weiter aufgeschüttet.

„Warum?“, schrie eine raue Stimme von unten herauf. „Doch nicht wegen dieser elenden Hundekreatur?“

„Halt, sage ich!“, schrie Hauke wieder. „Bringt mir den Hund! Bei unserem Werk soll kein Unrecht geschehen!“

Aber keine Hand rührte sich. Nur ein paar Spaten voll zähem Klei flogen noch neben das schreiende Tier. Da gab er seinem Schimmel die Sporen, sodass das Tier einen Schrei ausstieß. Er stürmte den Deich hinunter, und alle wichen vor ihm zurück. „Den Hund!“, schrie er. „Ich will den Hund!“

Eine Hand schlug sanft auf seine Schulter, als wäre es die Hand des alten Jewe Manners. Doch als er sich umsah, war es nur ein Freund des Alten. „Nehmen Sie sich in Acht, Deichgraf!“, flüsterte der ihm zu. „Sie haben keine Freunde unter diesen Leuten. Lassen Sie es mit dem Hund gut sein!“

Der Wind pfiff, der Regen klatschte. Die Leute hatten die Spaten in den Boden gesteckt, einige hatten sie weggeworfen. Hauke beugte sich zu dem Alten. „Wollen Sie meinen Schimmel halten, Harke Jens?“, fragte er. Jener hatte kaum den Zügel in der Hand, da war Hauke schon in die Kluft gesprungen. Er hielt das kleine winselnde Tier in seinem Arm. Fast im selben Augenblick saß er wieder hoch im Sattel und sprengte auf den Deich zurück. Seine Augen flogen über die Männer, die bei den Wagen standen. „Wer war es?“, rief er. „Wer hat die Kreatur hinuntergeworfen?“

Einen Augenblick schwiegen alle. Denn aus dem hageren Gesicht des Deichgrafen sprühte der Zorn, und sie hatten abergläubische Angst vor ihm. Da trat von einem Wagen ein stiernackiger Kerl vor ihn hin. „Ich habe es nicht getan, Deichgraf“, sagte er. Er biss ein Stückchen von einer Rolle Kautabak ab und schob es sich erst ruhig in den Mund. „Aber der es getan hat, hat recht getan. Wenn Ihr Deich halten soll, muss etwas Lebendiges hinein!“

„Etwas Lebendiges? Aus welchem Katechismus hast du das gelernt?“

„Aus keinem, Herr!“, antwortete der Kerl, und ein freches Lachen kam aus seiner Kehle. „Das haben schon unsere Großväter gewusst. Die konnten sich im Christentum wohl mit Ihnen messen! Ein Kind ist noch besser. Wenn keins da ist, tut es auch ein Hund!“

„Schweig du mit deinen Heidenlehren!“, schrie Hauke ihn an. „Es würde besser stopfen, wenn man dich hineinwürfe.“

„Oho!“, klang es. Der Ruf war aus einem Dutzend Kehlen gekommen. Der Deichgraf sah ringsum grimmige Gesichter und geballte Fäuste. Er sah wohl, dass das keine Freunde waren. Der Gedanke an seinen Deich überfiel ihn wie ein Schrecken. Was sollte werden, wenn jetzt alle ihre Spaten hinwarfen?

Als er nun nach unten blickte, sah er wieder den Freund des alten Jewe Manners. Der ging dort zwischen den Arbeitern umher und sprach mit diesem und jenem. Hier lachte er einem zu, dort klopfte er einem mit freundlichem Gesicht auf die Schulter. Einer nach dem anderen griff wieder nach seinem Spaten. Noch einige Augenblicke, und die Arbeit war wieder in vollem Gang. Was wollte er denn noch? Der Priel musste geschlossen werden, und den Hund trug er sicher genug in den Falten seines Mantels. Mit plötzlichem Entschluss wandte er seinen Schimmel zum nächsten Wagen: „Stroh an die Kante!“, rief er herrisch. Fast wie eine Maschine gehorchte ihm der Fuhrknecht. Bald rauschte es in die Tiefe hinab, und von allen Seiten regten sich wieder alle Arme.

Eine Stunde wurde noch so gearbeitet. Es war nach sechs Uhr, und schon brach tiefe Dämmerung herein. Der Regen hatte aufgehört. Da rief Hauke die Aufseher zu seinem Pferd. „Morgen früh um vier Uhr ist wieder alles auf dem Platz“, sagte er. „Der Mond wird noch am Himmel stehen. Dann machen wir mit Gott den Abschluss! Und dann noch etwas!“, rief er, als sie gehen wollten. „Kennt ihr den Hund?“ Und er nahm das zitternde Tier aus seinem Mantel.

Sie verneinten. Nur einer sagte: „Der bettelt schon seit Tagen im Dorf herum. Der gehört niemandem!“

„Dann gehört er mir!“, antwortete der Deichgraf. „Vergesst nicht: morgen früh um vier Uhr!“ Und er ritt davon.

Als er nach Hause kam, trat Ann’ Grete aus der Tür. Sie hatte saubere Kleider an, und ihm fuhr durch den Kopf, dass sie jetzt zum Konventikelschneider ging. „Halt die Schürze auf!“, rief er ihr zu. Ohne nachzudenken tat sie es, und er warf ihr das Hündlein hinein, das voll Klei war. „Bring ihn der kleinen Wienke. Er soll ihr Spielkamerad werden! Aber wasch und wärm ihn vorher. So tust du auch ein Werk, das Gott gefällt. Denn die Kreatur ist vor Kälte fast steif.“

Ann’ Grete konnte nicht anders, sie musste ihrem Hausherrn gehorchen. Deshalb kam sie heute nicht zum Konventikel.

Am nächsten Tag wurde der letzte Spatenstich am neuen Deich getan. Der Wind hatte sich gelegt. In anmutigem Flug schwebten Möwen und Avosetten über Land und Wasser hin und her. Von Jevershallig klang das tausendstimmige Geschrei der Rottgänse. Sie ließen es sich noch heute an der Küste der Nordsee gut gehen. Aus den weißen Morgennebeln über der weiten Marsch stieg langsam ein goldener Herbsttag. Er beleuchtete das neue Werk der Menschenhände.

Nach einigen Wochen kamen die herrschaftlichen Kommissäre mit dem Oberdeichgrafen, um das Werk zu besichtigen. Im Haus des Deichgrafen gab es ein großes Festmahl, das erste seit dem Leichenmahl des alten Tede Volkerts. Alle Deichgevollmächtigten und die größten Interessenten waren eingeladen. Nach dem Essen wurden alle Wagen der Gäste und des Deichgrafen angespannt. Der Oberdeichgraf hob Frau Elke in die Karriole, vor der der braune Wallach mit den Hufen stampfte. Dann sprang er selbst hinterher und nahm die Zügel in die Hand. Er wollte die kluge Frau seines Deichgrafen selbst fahren. So ging es munter von der Werfte auf den Weg hinaus. Dann fuhren sie den Akt zum neuen Deich hinauf und auf ihm um den jungen Koog herum. Inzwischen war ein leichter Nordwestwind aufgekommen, und an der Nord- und Westseite des neuen Deiches wurde die Flut hinaufgetrieben. Aber man konnte es deutlich sehen: Der sanfte Abfall bewirkte einen sanfteren Anschlag der Wellen. Die herrschaftlichen Kommissäre lobten den Deichgrafen ohne Ende. Hier und da brachten Gevollmächtigte langsam Bedenken vor, aber diese gingen in dem Lob bald unter.

Auch das ging vorüber. Aber eines Tages bekam der Deichgraf noch eine Genugtuung. Er ritt gerade still und selbstbewusst in Gedanken auf dem neuen Deich entlang. Da kam ihm wohl die Frage, warum der Koog nun nach einer der herrschaftlichen Prinzessinnen heißen sollte. Ohne ihn wäre dieser Koog nicht da, in ihm steckten sein Schweiß und seine Nachtwachen. Trotzdem war er schließlich „der neue Karolinenkoog“ getauft worden. Es war nun einmal so: Auf allen Schriftstücken, die dazugehörten, stand dieser Name, auf einigen sogar in roter Frakturschrift. Als er aufblickte, sah er zwei Arbeiter mit ihren Geräten auf sich zukommen. Der eine ging etwa zwanzig Schritte hinter dem anderen. „So warte doch!“, hörte er den Hinteren rufen. Der andere stand gerade an einem Akt, der in den Koog hinunterführte. Er rief ihm zu: „Ein andermal, Jens! Es ist schon spät. Ich soll hier Klei schlagen!“

„Wo denn?“

„Na, hier, im Hauke-Haien-Koog!“

Er rief es laut und trabte dabei den Akt hinunter. Die ganze Marsch da unten sollte es wohl hören. Hauke aber war es, als höre er seinen Ruhm verkünden. Er richtete sich im Sattel auf und gab dem Schimmel die Sporen. Mit festen Augen sah er über die weite Landschaft zu seiner Linken. „Hauke-Haien-Koog!“, wiederholte er leise. Das klang, als könnte er niemals anders heißen! Mochten sie sich wehren, so viel sie wollten, an seinem Namen kamen sie doch nicht vorbei. Und der Name der Prinzessin? Würde er nicht bald nur noch in alten Schriften vermodern? Der Schimmel ging in stolzem Galopp, und vor seinen Ohren summte es: „Hauke-Haien-Koog! Hauke-Haien-Koog!“ In seinen Gedanken wuchs der neue Deich fast zu einem achten Weltwunder. In ganz Friesland gab es nichts Vergleichbares! Und er ließ den Schimmel tanzen. Ihm war, als stünde er mitten unter allen Friesen. Er war einen Kopf größer als sie, und seine Blicke flogen scharf und mitleidig über sie hin.

Allmählich waren drei Jahre seit der Eindeichung vergangen. Das neue Werk hatte sich bewährt, und die Reparaturen hatten nur wenig gekostet. Im Koog aber blühte jetzt fast überall der weiße Klee. Ging man über die geschützten Weiden, trug einem der Sommerwind ganze Wolken süßen Dufts entgegen. Nun war die Zeit gekommen, die bisher nur gedachten Anteile in wirkliche zu verwandeln. Alle Teilhaber sollten ihre festen Stücke für immer als Eigentum bekommen. Hauke hatte nicht gezögert und vorher noch einige neue Anteile erworben. Ole Peters hatte sich verbissen zurückgehalten, und ihm gehörte nichts im neuen Koog. Ganz ohne Ärger und Streit ging auch diese Teilung nicht ab. Aber er wurde trotzdem damit fertig, und auch dieser Tag lag hinter dem Deichgrafen.

Von nun an lebte er einsam für seine Pflichten als Hausherr und als Deichgraf und für seine Familie. Die alten Freunde lebten nicht mehr, und neue zu finden, dazu war er nicht geeignet. Aber unter seinem Dach herrschte Frieden, den auch das stille Kind nicht störte. Es sprach wenig. Das ständige Fragen, das aufgeweckte Kinder an sich haben, kam selten vor. Und wenn es vorkam, war die Antwort meist schwer. Aber ihr liebes, einfältiges Gesichtchen sah fast immer zufrieden aus. Sie hatte zwei Spielkameraden, und die waren ihr genug. Wenn sie über die Werfte ging, sprang das gerettete gelbe Hündlein immer um sie herum. Und wenn der Hund sich zeigte, war auch klein Wienke nicht mehr weit. Der zweite Kamerad war eine Lachmöwe. Der Hund hieß „Perle“, und die Möwe hieß „Klaus“.

Klaus war durch einen alten Menschen auf den Hof gekommen. Die achtzigjährige Trien’ Jans konnte sich in ihrer Kate auf dem Außendeich nicht mehr ernähren. Da hatte Frau Elke gemeint, die alte Dienstmagd ihres Großvaters könnte bei ihnen noch ein paar stille Abendstunden verbringen. Auch eine gute Kammer zum Sterben könnte sie hier finden. So holten sie und Hauke die Alte, halb mit Gewalt, auf den Hof. Sie brachten sie im Nordweststübchen der neuen Scheune unter. Der Deichgraf hatte sie vor einigen Jahren neben dem Haupthaus bauen müssen, als er seine Wirtschaft vergrößerte. Ein paar Mägde hatten daneben ihre Kammer bekommen und konnten der alten Frau nachts helfen.

An den Wänden standen ringsum ihre alten Möbel: eine Schatulle aus Zuckerkistenholz, darüber zwei bunte Bilder vom verlorenen Sohn. Dazu kamen ein Spinnrad, das längst nicht mehr benutzt wurde, und ein sehr sauberes Gardinenbett. Vor dem Bett stand ein plumper Schemel, der mit dem weißen Fell des früheren Angorakaters bezogen war. Aber sie hatte auch etwas Lebendiges bei sich gehabt und hierher mitgebracht: die Möwe Klaus. Der Vogel hielt sich schon seit Jahren an sie und wurde von ihr gefüttert. Wenn es Winter wurde, flog er freilich mit den anderen Möwen nach Süden. Er kam erst wieder, wenn am Strand der Wermut duftete.

Die Scheune lag etwas tiefer an der Werfte. Die Alte konnte von ihrem Fenster aus nicht über den Deich aufs Meer hinaussehen. „Du hältst mich hier wie eine Gefangene, Deichgraf!“, murrte sie eines Tages, als Hauke zu ihr hereinkam. Sie zeigte mit ihrem krummen Finger auf die Fennen, die dort unten lagen. „Wo ist denn Jeverssand? Da hinter den roten oder hinter den schwarzen Ochsen?“

„Was wollen Sie denn mit Jeverssand?“, fragte Hauke.

„Ach was, Jeverssand!“, brummte die Alte. „Aber ich will doch sehen, wo mein Junge damals zu Gott gegangen ist!“

„Wenn Sie das sehen wollen“, antwortete Hauke, „dann müssen Sie sich oben unter die Esche setzen. Da sehen Sie das ganze Haf!“

„Ja“, sagte die Alte. „Ja, wenn ich deine jungen Beine hätte, Deichgraf!“

So ähnlich sah lange der Dank für die Hilfe aus, die ihr die Leute des Deichgrafen gaben. Dann aber wurde es auf einmal anders. Eines Morgens guckte Wienkes kleiner Kinderkopf durch die halb offene Tür zu ihr herein. „Na“, rief die Alte, die mit verschränkten Händen auf ihrem Holzstuhl saß, „was willst du denn hier?“

Aber das Kind kam schweigend näher und sah sie mit seinen gleichgültigen Augen ununterbrochen an.

„Bist du das Deichgrafskind?“, fragte Trien’ Jans. Das Kind senkte den Kopf, als ob es nickte, und sie fuhr fort: „Dann setz dich hier auf meinen Schemel! Das war ein Angorakater – so groß! Aber dein Vater hat ihn totgeschlagen. Wenn er noch lebte, könntest du auf ihm reiten.“

Wienke richtete stumm ihre Augen auf das weiße Fell. Dann kniete sie nieder und begann, es mit ihren kleinen Händen zu streicheln. So machen es Kinder bei einer lebenden Katze oder einem Hund. „Armer Kater!“, sagte sie dann und streichelte weiter.

„So!“, rief die Alte nach einer Weile. „Jetzt ist es genug. Sitzen kannst du heute auch noch auf ihm. Vielleicht hat dein Vater ihn auch nur deshalb totgeschlagen!“ Dann hob sie das Kind an beiden Armen hoch und setzte es kräftig auf den Schemel. Das Kind blieb stumm und unbeweglich sitzen und sah sie nur immer an. Da begann sie, den Kopf zu schütteln. „Du strafst ihn, Gott der Herr! Ja, ja, du strafst ihn!“, murmelte sie. Aber es schien, dass sie doch Mitleid mit dem Kind bekam. Ihre knochige Hand strich über sein dünnes Haar, und die Augen der Kleinen sahen aus, als ob ihr das guttat.

Von nun an kam Wienke jeden Tag zu der Alten in die Kammer. Bald setzte sie sich von selbst auf den Angoraschemel. Trien’ Jans hatte immer kleine Fleisch- und Brotstückchen vorrätig und gab sie ihr in die Händchen. Das Kind warf sie auf den Fußboden. Dann kam die Möwe mit Gekreisch und ausgebreiteten Flügeln aus irgendeiner Ecke geschossen und stürzte sich darauf. Zuerst erschrak das Kind und schrie auf vor dem großen, stürmischen Vogel. Aber bald wurde es wie ein gelerntes Spiel. Wenn sie nur ihr Köpfchen durch den Türspalt steckte, schoss der Vogel schon auf sie zu. Er setzte sich ihr auf Kopf oder Schulter, bis die Alte ihr half und die Fütterung beginnen konnte.

Trien’ Jans hatte es sonst nicht leiden können, wenn jemand auch nur die Hand nach ihrem „Klaus“ ausstreckte. Jetzt sah sie geduldig zu, wie das Kind ihr den Vogel allmählich ganz abgewann. Er ließ sich willig von ihr fangen. Sie trug ihn herum und wickelte ihn in ihre Schürze. Manchmal sprang auf der Werfte das gelbe Hündlein um sie herum und eifersüchtig an dem Vogel hoch. Dann rief sie wohl: „Nicht du, nicht du, Perle!“ Und sie hob die Möwe mit ihren Ärmchen so hoch, dass diese sich selbst befreite. Schreiend flog sie über die Werfte. Nun versuchte der Hund, mit Schmeicheln und Springen ihren Platz auf Wienkes Armen zu erobern.

Manchmal fielen Haukes und Elkes Augen zufällig auf dieses seltsame Vierblatt. Nur ein gleicher Mangel hielt die vier am selben Stängel zusammen. Dann flog wohl ein zärtlicher Blick zu ihrem Kind. Wenn sie sich aber abgewandt hatten, blieb nur noch ein Schmerz auf ihrem Gesicht. Jeder trug ihn einsam mit sich fort, denn das erlösende Wort war zwischen ihnen noch nicht gesprochen worden.

Da kam ein Sommervormittag. Wienke saß mit der Alten und den beiden Tieren auf den großen Steinen vor dem Scheunentor. Ihre beiden Eltern gingen dort vorbei. Der Deichgraf führte seinen Schimmel hinter sich, die Zügel über dem Arm. Er wollte auf den Deich hinaus und hatte das Pferd selbst von der Fenne geholt. Seine Frau hatte sich auf der Werfte bei ihm eingehängt. Die Sonne schien warm, es war fast schwül, und manchmal kam ein Windstoß aus Südsüdost. Dem Kind wurde es dort wohl unbehaglich. „Wienke will mit!“, rief sie, schüttelte die Möwe von ihrem Schoß und griff nach der Hand ihres Vaters.

„So komm!“, sagte er.

Aber Frau Elke rief: „Bei diesem Wind? Sie fliegt dir weg!“

„Ich halte sie schon. Heute haben wir warme Luft und lustiges Wasser, da kann sie es tanzen sehen.“

Elke lief ins Haus und holte noch ein Tüchlein und ein Käppchen für ihr Kind. „Aber es gibt ein Unwetter“, sagte sie. „Seht zu, dass ihr fortkommt, und seid bald wieder hier!“

Hauke lachte: „Das soll uns nicht erwischen!“ Und er hob das Kind zu sich auf den Sattel. Frau Elke blieb noch eine Weile auf der Werfte. Sie hielt die Hand über die Augen und sah, wie die beiden zum Weg und zum Deich hinübertrabten. Trien’ Jans saß auf dem Stein und murmelte etwas Unverständliches mit ihren welken Lippen.

Das Kind lag regungslos im Arm des Vaters. Es war, als ob es unter der schweren Gewitterluft kaum atmen konnte. Er neigte den Kopf zu ihm. „Nun, Wienke?“, fragte er.

Das Kind sah ihn eine Weile an. „Vater“, sagte es, „du kannst das doch! Kannst du nicht alles?“

„Was soll ich können, Wienke?“

Aber sie schwieg. Sie schien ihre eigene Frage nicht verstanden zu haben.

Es war Hochflut. Als sie auf den Deich hinaufkamen, traf Wienke der Widerschein der Sonne vom weiten Wasser in die Augen. Ein Wirbelwind trieb die Wellen in die Höhe, und neue kamen heran und schlugen klatschend gegen den Strand. Da klammerte sie ihre Händchen ängstlich um die Faust ihres Vaters, die den Zügel hielt. Davon sprang der Schimmel mit einem Satz zur Seite. Die blassblauen Augen sahen in wirrem Schreck zu Hauke auf. „Das Wasser, Vater! Das Wasser!“, rief sie.

Aber er löste sich sanft und sagte: „Still, Kind, du bist bei deinem Vater. Das Wasser tut dir nichts!“

Sie strich sich das fahlblonde Haar aus der Stirn und wagte es wieder, auf das Meer hinauszusehen. „Es tut mir nichts“, sagte sie zitternd. „Nein, sag, dass es uns nichts tun soll. Du kannst das, und dann tut es uns auch nichts!“

„Das kann nicht ich, Kind“, antwortete Hauke ernst. „Aber der Deich, auf dem wir reiten, der schützt uns. Den hat dein Vater ausgedacht und bauen lassen.“

Ihre Augen sahen ihn an, als ob sie das nicht ganz verstand. Dann versteckte sie ihr auffallend kleines Köpfchen im weiten Mantel ihres Vaters.

„Warum versteckst du dich, Wienke?“, flüsterte er ihr zu. „Ist dir noch immer bange?“

Und ein zitterndes Stimmchen kam aus den Falten des Mantels: „Wienke will lieber nicht sehen. Aber du kannst doch alles, Vater?“

Ein ferner Donner rollte gegen den Wind heran. „Hoho?“, rief Hauke. „Da kommt es!“ Und er wendete sein Pferd zur Rückkehr. „Nun wollen wir heim zur Mutter!“

Das Kind atmete tief. Aber erst als sie die Werfte und das Haus erreicht hatten, hob es das Köpfchen von der Brust seines Vaters. Frau Elke nahm ihr im Zimmer das Tüchlein und die Kapuze ab. Da blieb sie wie ein kleiner stummer Kegel vor der Mutter stehen. „Nun, Wienke“, sagte die Mutter und schüttelte sie leicht, „magst du das große Wasser?“

Aber das Kind riss die Augen auf. „Es spricht“, sagte sie. „Wienke ist bange!“

„Es spricht nicht. Es rauscht und tost nur!“

Das Kind sah in die Ferne. „Hat es Beine?“, fragte es wieder. „Kann es über den Deich kommen?“

„Nein, Wienke. Dafür passt dein Vater auf, er ist der Deichgraf.“

„Ja“, sagte das Kind und klatschte mit einfältigem Lächeln in die Händchen. „Vater kann alles – alles!“ Dann wandte sie sich plötzlich von der Mutter ab und rief: „Lass Wienke zu Trien’ Jans, die hat rote Äpfel!“

Elke öffnete die Tür und ließ das Kind hinaus. Als sie die Tür wieder geschlossen hatte, hob sie die Augen zu ihrem Mann. Sie waren voll tiefster Trauer, diese Augen, aus denen ihm sonst nur Trost und Mut gekommen waren.

Er gab ihr die Hand und drückte sie, als ob sie kein weiteres Wort brauchten. Aber sie sagte leise: „Nein, Hauke, lass mich sprechen. Das Kind, das ich dir nach Jahren geboren habe, wird für immer ein Kind bleiben. O lieber Gott! Es ist schwachsinnig. Ich muss es einmal vor dir sagen.“

„Ich wusste es längst“, sagte Hauke und hielt die Hand seiner Frau fest, die sie ihm entziehen wollte.

„Dann sind wir also doch allein geblieben“, sagte sie wieder.

Aber Hauke schüttelte den Kopf. „Ich habe sie lieb. Sie schlingt ihre Ärmchen um mich und drückt sich fest an meine Brust. Das möchte ich für alle Schätze nicht missen!“

Die Frau sah finster vor sich hin. „Aber warum?“, sagte sie. „Was habe ich arme Mutter denn verschuldet?“

„Ja, Elke, das habe ich auch gefragt, und zwar den, der es allein wissen kann. Aber du weißt ja auch: Der Allmächtige gibt den Menschen keine Antwort. Vielleicht, weil wir sie nicht begreifen würden.“

Er hatte auch die andere Hand seiner Frau gefasst und zog sie sanft zu sich. „Lass dich nicht davon abbringen, dein Kind so zu lieben, wie du es tust. Sei sicher, das versteht es!“

Da warf sich Elke an die Brust ihres Mannes und weinte sich aus. Nun war sie mit ihrem Leid nicht mehr allein. Dann lächelte sie ihn plötzlich an. Sie drückte ihm heftig die Hand, lief hinaus und holte ihr Kind aus der Kammer der alten Trien’ Jans. Sie nahm es auf den Schoß, streichelte und küsste es, bis es stammelnd sagte: „Mutter, mein’ liebe Mutter!“

So lebten die Menschen auf dem Hof des Deichgrafen still zusammen. Wäre das Kind nicht da gewesen, hätte ihnen viel gefehlt.

Allmählich ging der Sommer zu Ende. Die Zugvögel waren durchgezogen, und die Luft war leer vom Gesang der Lerchen. Nur vor den Scheunen pickten beim Dreschen noch einige Körner, und manchmal hörte man sie kreischend davonfliegen. Schon war alles hart gefroren. Eines Nachmittags saß die alte Trien’ Jans in der Küche des Haupthauses. Sie saß auf der Holzstufe einer Treppe, die neben dem Herd zum Dachboden führte. In den letzten Wochen war es, als sei sie wieder aufgelebt. Sie kam jetzt gern einmal in die Küche und sah Frau Elke bei der Arbeit zu. Eines Tages hatte klein Wienke sie an der Schürze hierhergezogen. Seitdem war keine Rede mehr davon, dass ihre Beine sie nicht tragen konnten. Jetzt kniete das Kind neben ihr und sah mit stillen Augen in die Flammen, die aus dem Herdloch aufflackerten. Ihr eines Händchen hielt sich am Ärmel der Alten fest, das andere lag in ihrem eigenen fahlblonden Haar. Trien’ Jans erzählte.

„Du weißt“, sagte sie, „ich war Hausmagd bei deinem Urgroßvater, und dann musste ich die Schweine füttern. Der war klüger als sie alle. Es ist schrecklich lange her, aber eines Abends, der Mond schien, da ließen sie die Haffschleuse schließen. Und sie konnte nicht mehr zurück ins Meer. Oh, wie sie schrie und sich mit ihren Fischhändchen in die harten, struppigen Haare griff! Ja, Kind, ich habe es gesehen und habe sie selbst schreien hören! Die Gräben zwischen den Fennen waren alle voll Wasser. Der Mond schien darauf, sodass sie wie Silber glänzten. Sie schwamm aus einem Graben in den anderen und hob die Arme. Sie schlug das, was ihre Hände waren, aneinander, dass man es weithin klatschen hörte. Es war, als ob sie beten wollte. Aber, Kind, beten können diese Kreaturen nicht. Ich saß vor der Haustür auf ein paar Balken, die man zum Bauen gebracht hatte. Ich sah weit über die Fennen. Und das Wasserweib schwamm immer noch in den Gräben. Wenn sie die Arme hob, glitzerten auch die wie Silber und Diamanten. Zuletzt sah ich sie nicht mehr. Die Wildgänse und Möwen hatte ich die ganze Zeit nicht gehört. Jetzt flogen sie wieder mit Pfeifen und Schnattern durch die Luft.“

Die Alte schwieg. Das Kind hatte ein Wort aufgefangen. „Konnte nicht beten?“, fragte sie. „Was sagst du? Wer war es?“

„Kind“, sagte die Alte, „die Wasserfrau war es. Das sind Undinger, die nicht selig werden können.“

„Nicht selig!“, wiederholte das Kind. Ein tiefer Seufzer hob die kleine Brust, als ob sie das verstanden hätte.

„Trien’ Jans!“, kam eine tiefe Stimme von der Küchentür, und die Alte zuckte leicht zusammen. Es war der Deichgraf Hauke Haien, der dort am Türpfosten lehnte. „Was erzählen Sie dem Kind da? Habe ich Ihnen nicht befohlen, Ihre Märchen für sich zu behalten oder sie den Gänsen und Hühnern zu erzählen?“

Die Alte sah ihn mit einem bösen Blick an und schob die Kleine von sich weg. „Das sind keine Märchen“, murmelte sie vor sich hin. „Das hat mein Großonkel mir erzählt.“

„Ihr Großonkel, Trien’? Sie wollten es doch eben selbst erlebt haben.“

„Das ist egal“, sagte die Alte. „Aber Sie glauben nicht, Hauke Haien. Sie wollen wohl noch meinen Großonkel zum Lügner machen!“ Dann rückte sie näher an den Herd und streckte die Hände über die Flammen des Feuerlochs.

Der Deichgraf warf einen Blick zum Fenster. Draußen begann es gerade erst zu dämmern. „Komm, Wienke!“, sagte er und zog sein schwachsinniges Kind zu sich. „Komm mit mir, ich will dir draußen vom Deich aus etwas zeigen! Aber wir müssen zu Fuß gehen. Der Schimmel ist beim Schmied.“ Dann ging er mit ihr in die Stube, und Elke band dem Kind dicke wollene Tücher um Hals und Schultern. Bald danach ging der Vater mit ihr auf dem alten Deich nach Nordwesten. Sie gingen an Jeverssand vorbei bis dorthin, wo die Watten breit und fast unübersehbar wurden.

Bald trug er sie, bald ging sie an seiner Hand. Die Dämmerung wurde allmählich stärker, und in der Ferne verschwand alles im Dunst. Aber dort, wohin das Auge noch reichte, hatten die unsichtbar schwellenden Strömungen im Watt das Eis zerrissen. Hauke Haien hatte es in seiner Jugend einmal gesehen, und jetzt war es wieder so. Aus den Spalten stiegen wie damals die rauchenden Nebel. An ihnen entlang waren wieder die unheimlichen, närrischen Gestalten. Sie hüpften gegeneinander, machten Verbeugungen und dehnten sich plötzlich erschreckend in die Breite.

Das Kind klammerte sich ängstlich an seinen Vater und deckte dessen Hand über sein Gesichtchen. „Die Seeteufel!“, flüsterte es zitternd zwischen seinen Fingern hindurch. „Die Seeteufel!“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, Wienke, weder Wasserweiber noch Seeteufel. So etwas gibt es nicht. Wer hat dir davon erzählt?“

Sie sah mit stumpfem Blick zu ihm hinauf, aber sie antwortete nicht. Er strich ihr zärtlich über die Wangen. „Sieh nur wieder hin!“, sagte er. „Das sind nur arme, hungrige Vögel! Sieh nur, wie jetzt der große seine Flügel ausbreitet. Sie holen sich die Fische, die in die rauchenden Spalten kommen.“

„Fische“, wiederholte Wienke.

„Ja, Kind, das alles ist lebendig, so wie wir. Etwas anderes gibt es nicht. Aber der liebe Gott ist überall!“

Klein Wienke hatte ihre Augen fest auf den Boden gerichtet und hielt den Atem an. Es war, als sähe sie erschrocken in einen Abgrund. Vielleicht schien es auch nur so. Der Vater blickte lange auf sie, er bückte sich und sah in ihr Gesichtchen. Aber keine Regung ihrer verschlossenen Seele war darin zu erkennen. Er hob sie auf den Arm und steckte ihre steif gefrorenen Händchen in einen seiner dicken Wollhandschuhe. „So, mein Wienke“, sagte er, und das Kind hörte wohl nicht die heftige Innigkeit in seinen Worten. „So, wärm dich bei mir! Du bist doch unser Kind, unser einziges. Du hast uns lieb! …“ Die Stimme brach ihm. Aber die Kleine drückte zärtlich ihr Köpfchen in seinen rauen Bart.

So gingen sie friedlich nach Hause.

Nach Neujahr war wieder einmal die Sorge ins Haus gekommen. Ein Marschfieber hatte den Deichgrafen gepackt. Auch er kam dem Grab sehr nahe. Elke pflegte ihn, und er wurde wieder gesund, aber er schien kaum noch derselbe Mann. Die Schwäche des Körpers lag auch auf seinem Geist. Besorgt sah Elke, wie leicht er immer zufrieden war. Trotzdem drängte es ihn gegen Ende März, seinen Schimmel zu besteigen. Zum ersten Mal wollte er wieder auf seinem Deich entlangreiten. Es war an einem Nachmittag. Die Sonne hatte vorher geschienen, aber jetzt lag sie schon lange hinter trübem Dunst.

Im Winter hatte es ein paarmal Hochwasser gegeben, aber das war nicht wichtig gewesen. Nur drüben am anderen Ufer war auf einer Hallig eine Herde Schafe ertrunken. Dort war auch ein Stück vom Vorland abgerissen worden. Hier auf dieser Seite und am neuen Koog war kein nennenswerter Schaden entstanden. Aber in der letzten Nacht hatte ein stärkerer Sturm getobt. Jetzt musste der Deichgraf selbst hinaus und alles mit eigenen Augen ansehen. Er war schon unten von der Südostecke aus auf dem neuen Deich herumgeritten, und alles war gut erhalten. Dann kam er an die Nordostecke, dort, wo der neue Deich auf den alten stößt. Der neue Deich war unbeschädigt. Aber früher hatte der Priel hier den alten Deich erreicht und war an ihm entlanggeflossen. An dieser Stelle sah er, dass die Grasnarbe auf breiter Fläche zerstört und weggerissen war. Im Körper des Deiches hatte die Flut eine Höhle gegraben. Dadurch war ein Gewirr von Mäusegängen freigelegt worden. Hauke stieg vom Pferd und sah sich den Schaden aus der Nähe an. Das Unheil durch die Mäuse schien ohne Zweifel unsichtbar weiterzulaufen.

Er erschrak heftig. Auf das alles hätte man schon beim Bau des neuen Deiches achten müssen. Damals war es übersehen worden, also musste es jetzt geschehen! Das Vieh war noch nicht auf den Fennen, und das Gras war ungewöhnlich weit zurück. Wohin er auch blickte, alles sah leer und öde aus. Er stieg wieder auf sein Pferd und ritt am Ufer hin und her. Es war Ebbe. Er sah genau, wie der Strom von außen sich wieder ein neues Bett im Schlick gegraben hatte. Jetzt war er von Nordwesten auf den alten Deich gestoßen. Der neue Deich aber hatte dem Aufprall widerstehen können, soweit der Strom ihn traf. Denn er hatte das sanftere Profil.

Ein Berg von neuer Mühe und Arbeit stand vor der Seele des Deichgrafen. Der alte Deich musste hier nicht nur verstärkt werden. Auch sein Profil musste dem des neuen angenähert werden. Vor allem aber musste der Priel, der wieder gefährlich geworden war, durch neue Dämme oder Lahnungen abgeleitet werden. Noch einmal ritt er auf dem neuen Deich bis zur äußersten Nordwestecke, dann wieder zurück. Seine Augen blieben ununterbrochen auf das neu gegrabene Bett des Priels gerichtet. Es zeichnete sich neben ihm deutlich genug im freiliegenden Schlick ab. Der Schimmel drängte vorwärts, schnaubte und schlug mit den Vorderhufen. Aber der Reiter hielt ihn zurück. Er wollte langsam reiten, und er wollte auch die innere Unruhe bändigen, die immer wilder in ihm aufstieg.

Wenn wieder eine Sturmflut käme – eine wie 1655, die Gut und Menschen ohne Zahl verschlungen hatte! Wenn sie wiederkäme, wie sie schon mehrmals gekommen war! Ein heißer Schauer lief dem Reiter über den Körper. Der alte Deich würde den Stoß nicht aushalten! Was dann, was sollte dann geschehen? Nur ein einziges Mittel würde es geben, um vielleicht den alten Koog und Gut und Leben darin zu retten. Hauke fühlte sein Herz stillstehen, und sein sonst so fester Kopf wurde schwindlig. Er sprach es nicht aus, aber in ihm sprach es stark genug. Dein Koog, der Hauke-Haien-Koog, müsste aufgegeben und der neue Deich durchstochen werden!

Schon sah er im Geist die stürzende Flut hereinbrechen und Gras und Klee mit ihrem salzigen, schäumenden Gischt bedecken. Er stieß dem Schimmel die Sporen in die Flanken. Das Tier schrie auf und flog am Deich entlang und dann den Akt hinunter zur Werfte des Deichgrafen.

Den Kopf voll innerer Schrecken und ungeordneter Pläne, kam er nach Hause. Er warf sich in seinen Lehnstuhl. Als Elke mit der Tochter ins Zimmer kam, stand er wieder auf, hob das Kind hoch und küsste es. Dann jagte er das gelbe Hündlein mit ein paar leichten Schlägen von sich weg. „Ich muss noch einmal nach oben in den Krug!“, sagte er und nahm seine Mütze vom Türhaken. Er hatte sie eben erst dort aufgehängt.

Seine Frau sah ihn besorgt an: „Was willst du dort? Es wird schon Abend, Hauke!“

„Deichgeschichten!“, murmelte er vor sich hin. „Ich treffe dort einige von den Gevollmächtigten.“

Sie ging ihm nach und drückte ihm die Hand, denn mit diesen Worten war er schon zur Tür hinaus. Sonst hatte Hauke Haien alles bei sich allein entschieden. Jetzt drängte es ihn, ein Wort von Menschen zu hören, die er sonst kaum beachtet hatte. Im Gastzimmer traf er Ole Peters mit zwei Gevollmächtigten und einem Bewohner des Kooges am Kartentisch. „Du kommst wohl von draußen, Deichgraf?“, sagte Ole Peters. Er nahm die halb ausgeteilten Karten auf und warf sie wieder hin.

„Ja, Ole“, antwortete Hauke. „Ich war dort, es sieht übel aus.“

„Übel? Nun, ein paar hundert Soden und eine Bestickung wird es wohl kosten. Ich war dort am Nachmittag.“

„So billig wird es nicht abgehen, Ole“, antwortete der Deichgraf. „Der Priel ist wieder da. Er stößt jetzt zwar nicht von Norden auf den alten Deich, aber dafür von Nordwesten!“

„Du hättest ihn lassen sollen, wo du ihn gefunden hast!“, sagte Ole trocken.

„Das heißt“, antwortete Hauke, „der neue Koog geht dich nichts an, und darum sollte es ihn nicht geben. Das ist deine eigene Schuld! Aber vielleicht müssen wir Lahnungen legen, um den alten Deich zu schützen. Dann bringt der grüne Klee hinter dem neuen das reichlich wieder ein!“

„Was sagen Sie, Deichgraf?“, riefen die Gevollmächtigten. „Lahnungen? Wie viele denn? Sie fassen gern alles beim teuersten Ende an!“

Die Karten lagen unberührt auf dem Tisch. „Ich will es dir sagen, Deichgraf“, sagte Ole Peters und stemmte beide Arme auf. „Dein neuer Koog ist ein fressendes Werk, das du uns da beschert hast! Noch leiden alle an den schweren Kosten deiner breiten Deiche. Nun frisst er uns auch den alten Deich, und wir sollen ihn erneuern! Zum Glück ist es nicht so schlimm. Er hat diesmal gehalten und wird es auch weiter tun! Steig nur morgen wieder auf deinen Schimmel und sieh es dir noch einmal an!“

Hauke war aus dem Frieden seines Hauses hierher gekommen. Die Worte, die er eben gehört hatte, waren immer noch maßvoll. Aber er konnte es nicht übersehen: Hinter ihnen lag ein zäher Widerstand. Er hatte das Gefühl, dass ihm dagegen noch die alte Kraft fehlte. „Ich will tun, was du mir rätst, Ole“, sagte er. „Ich fürchte nur, ich werde es so finden, wie ich es heute gesehen habe.“

Eine unruhige Nacht folgte diesem Tag. Hauke wälzte sich schlaflos in seinen Kissen. Auch Elke lag wach, weil sie sich Sorgen um ihren Mann machte.

„Was ist mit dir?“, fragte sie. „Wenn dich etwas drückt, dann sprich darüber. Das haben wir doch immer so gehalten!“

„Es ist nichts Besonderes, Elke!“, antwortete er. „Am Deich und an den Schleusen muss etwas repariert werden. Du weißt, dass ich so etwas immer nachts im Kopf durcharbeiten muss.“

Mehr sagte er nicht. Er wollte frei bleiben in dem, was er tat. Ohne dass er es wusste, stand ihm etwas im Weg: der klare Verstand und der starke Geist seiner Frau. In seiner jetzigen Schwäche waren sie ein Hindernis für ihn. Er wich ihnen aus, ohne es zu wollen.

Am nächsten Vormittag ging er wieder auf den Deich hinaus. Da war die Welt eine andere als am Tag zuvor. Zwar war wieder tiefe Ebbe, aber der Tag stieg noch. Die helle Frühlingssonne ließ ihre Strahlen fast senkrecht auf die endlosen Watten fallen. Die weißen Möwen schwebten ruhig hin und her. Unsichtbar über ihnen, hoch unter dem azurblauen Himmel, sangen die Lerchen ihre ewige Melodie.

Hauke wusste nicht, wie die Natur uns mit ihrer Schönheit betrügen kann. Er stand an der Nordwestecke des Deiches und suchte das neue Bett des Priels. Gestern hatte es ihn so erschreckt. Aber die Sonne schoss ihr Licht steil von oben herab, und er fand es zuerst gar nicht. Erst als er seine Augen mit der Hand vor den blendenden Strahlen schützte, konnte er es erkennen. Aber trotzdem mussten ihn die Schatten in der gestrigen Dämmerung getäuscht haben. Jetzt war das Bett nur schwach zu sehen. Die freigelegten Mäusegänge mussten den Schaden im Deich mehr verursacht haben als die Flut. Natürlich musste hier etwas geschehen. Aber man musste nur sorgfältig aufgraben, und dann konnte man den Schaden heilen. Ole Peters hatte es ja gesagt: Frische Soden und einige Ruten Strohbestickung waren genug.

„So schlimm war es nicht“, sagte er erleichtert zu sich selbst. „Gestern warst du doch dein eigener Narr!“

Er rief die Gevollmächtigten zusammen, und die Arbeiten wurden ohne Widerspruch beschlossen. Das war bisher noch nie geschehen. Der Deichgraf meinte zu fühlen, wie sich eine stärkende Ruhe in seinem noch geschwächten Körper ausbreitete. Nach einigen Wochen war alles sauber ausgeführt.

Das Jahr ging weiter. Der neu gelegte Rasen wuchs ungestört und wurde grün durch die Strohdecke hindurch. Aber je weiter das Jahr ging und je grüner der Rasen wurde, desto unruhiger wurde Hauke. Er ging oder ritt an dieser Stelle vorbei, und er wandte die Augen ab. Er ritt dicht an der Innenseite des Deiches. Ein paarmal hätte er dort vorbeimüssen. Dann ließ er sein schon gesatteltes Pferd wieder in den Stall zurückführen. Dann wieder hatte er dort nichts zu tun. Trotzdem ging er plötzlich zu Fuß dorthin, nur um schnell und ungesehen von seiner Werfte wegzukommen. Manchmal kehrte er auch um, weil er es nicht ertragen konnte, die unheimliche Stelle noch einmal anzusehen. Am Ende hätte er am liebsten alles mit den Händen wieder aufgerissen. Denn dieses Stück Deich lag vor seinen Augen wie ein schlechtes Gewissen, das draußen eine Gestalt bekommen hatte. Und doch konnte seine Hand es nicht mehr berühren. Und mit niemandem durfte er darüber sprechen, nicht einmal mit seiner Frau.

So kam der September. In der Nacht hatte ein mäßiger Sturm getobt, und zuletzt war er nach Nordwest umgesprungen. Am trüben Vormittag danach, zur Zeit der Ebbe, ritt Hauke auf den Deich hinaus. Er ließ seine Augen über die Watten gehen, und da fuhr ihm der Schreck durch den Körper. Dort, von Nordwest herauf, sah er plötzlich wieder das gespenstische neue Bett des Priels. Es war schärfer und tiefer ausgegraben als vorher. Er strengte seine Augen an, so sehr er konnte, aber es wollte nicht mehr verschwinden.

Als er nach Hause kam, nahm Elke seine Hand. Sie sah in sein düsteres Gesicht. „Was hast du, Hauke?“, fragte sie. „Es ist doch kein neues Unglück? Wir sind jetzt so glücklich. Ich habe das Gefühl, du hast nun Frieden mit ihnen allen!“

Bei diesen Worten konnte er seine verworrene Angst nicht aussprechen.

„Nein, Elke“, sagte er, „niemand ist mein Feind. Es ist nur ein Amt mit großer Verantwortung, die Gemeinde vor dem Meer unseres Herrgotts zu schützen.“

Er machte sich los, weil er weiteren Fragen seiner geliebten Frau ausweichen wollte. Er ging in den Stall und in die Scheune, als ob er alles prüfen müsste. Aber er sah nichts um sich herum. Er bemühte sich nur, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Er wollte sich selbst davon überzeugen, dass es nur eine krankhaft übertriebene Angst war.

„Das Jahr, von dem ich Ihnen erzähle“, sagte nach einer Weile mein Gastgeber, der Schulmeister, „war das Jahr 1756. Dieses Jahr wird man in dieser Gegend nie vergessen. Im Haus von Hauke Haien brachte es eine Tote.“

Ende September lag die fast neunzigjährige Trien’ Jans im Sterben. Sie lag in der Kammer, die man ihr in der Scheune gegeben hatte. Man hatte sie auf ihren Wunsch in den Kissen aufgerichtet. Ihre Augen gingen durch die kleinen Fensterscheiben mit den Bleirahmen in die Ferne. Dort am Himmel musste eine dünnere Luftschicht über einer dichteren liegen, denn es war hohe Kimmung. Die Spiegelung hob in diesem Augenblick das Meer wie einen flimmernden Silberstreifen über den Rand des Deiches. So schimmerte es blendend in die Kammer hinein. Auch die Südspitze von Jeverssand war zu sehen.

Am Fußende des Bettes hockte die kleine Wienke. Mit einer Hand hielt sie sich fest an der Hand ihres Vaters, der neben ihr stand. Der Tod grub gerade das hippokratische Gesicht in die Züge der Sterbenden. Das Kind starrte atemlos auf diese unheimliche Verwandlung, die es nicht verstand. Das Gesicht war nicht schön, aber es war ihm vertraut. „Was macht sie? Was ist das, Vater?“, flüsterte Wienke voller Angst und grub die Fingernägel in die Hand ihres Vaters.

„Sie stirbt!“, sagte der Deichgraf.

„Stirbt!“, wiederholte das Kind und schien in verworrene Gedanken zu versinken.

Aber die Alte bewegte noch einmal die Lippen: „Jins! Jins!“ Dann brach es kreischend aus ihr hervor, wie ein Notschrei. Ihre knochigen Arme streckten sich nach der flimmernden Spiegelung des Meeres draußen. „Hölp mi! Hölp mi! Du bist ja båven Wåter... Gott gnåd de annern!“

Ihre Arme sanken herab, und man hörte ein leises Krachen des Bettes. Sie hatte aufgehört zu leben.

Das Kind seufzte tief und hob die blassen Augen zu seinem Vater auf. „Stirbt sie noch immer?“, fragte es.

„Sie hat es hinter sich!“, sagte der Deichgraf und nahm das Kind auf den Arm. „Sie ist nun weit weg von uns, beim lieben Gott.“

„Beim lieben Gott!“, wiederholte das Kind und schwieg eine Weile, als müsste es über die Worte nachdenken. „Ist das gut, beim lieben Gott?“

„Ja, das ist das Beste.“ Aber in Haukes Innerem klangen schwer die letzten Worte der Sterbenden nach. „Gott gnåd de annern!“, sagte es leise in ihm. Was wollte die alte Hexe? Sind denn die Sterbenden Propheten?

Bald nachdem Trien’ Jans oben bei der Kirche begraben worden war, sprachen die Leute immer lauter von allerlei Unglück. Sie sprachen auch von seltsamem Geschmeiß, das die Menschen in Nordfriesland erschreckt haben sollte. Und das war sicher: Am Sonntag Lätare hatte ein Wirbelwind oben von der Turmspitze den goldenen Hahn heruntergeworfen. Auch das war richtig: Im Hochsommer fiel wie Schnee ein großes Geschmeiß vom Himmel. Man konnte die Augen nicht dagegen öffnen, und hinterher lag es fast eine Hand hoch auf den Fennen. So etwas hatte noch niemand gesehen.

Nach Ende September fuhren der Großknecht und die Magd Ann’ Grete in die Stadt zum Markt. Er brachte Korn dorthin und sie Butter. Als sie zurückkamen, kletterten sie mit schreckensbleichen Gesichtern von ihrem Wagen. „Was ist? Was habt ihr?“, riefen die anderen Mägde. Sie waren hinausgelaufen, als sie den Wagen rollen hörten.

Ann’ Grete trat in ihren Reisekleidern atemlos in die große Küche. „Nun erzähl doch!“, riefen die Mägde wieder. „Wo ist das Unglück passiert?“

„Ach, unser lieber Jesus möge uns beschützen!“, rief Ann’ Grete. „Ihr kennt doch das alt’ Mariken vom Ziegelhof, von drüben, überm Wasser. Wir stehen mit unserer Butter ja immer zusammen an der Apothekerecke. Die hat es mir erzählt. Und Iven Johns sagte auch: ‚Das gibt ein Unglück!‘, sagte er. ‚Ein Unglück über ganz Nordfriesland! Glaub mir, Ann’ Gret’! Und‘“ – sie machte ihre Stimme leiser – „‚mit dem Schimmel des Deichgrafen ist am Ende auch etwas nicht richtig!‘“

„Scht! Scht!“, machten die anderen Mägde.

„Ja, ja, was kümmert mich das! Aber drüben, auf der anderen Seite, geht es noch schlimmer zu als bei uns! Dort sind nicht nur Fliegen und Geschmeiß vom Himmel gefallen, sondern auch Blut, wie Regen. Am Sonntagmorgen danach hat der Pastor sein Waschbecken genommen, und da waren fünf Totenköpfe darin, so groß wie Erbsen. Alle sind gekommen, um das zu sehen. Im Monat August sind schreckliche rotköpfige Raupen über das Land gezogen. Sie haben Korn und Mehl und Brot weggefressen und alles, was sie fanden. Kein Feuer konnte sie vernichten!“

Die Erzählerin verstummte plötzlich. Keine der Mägde hatte bemerkt, dass die Hausfrau in die Küche gekommen war. „Was redet ihr da?“, sagte sie. „Lasst das nicht den Hausherrn hören!“ Nun wollten alle erzählen. Aber sie sagte: „Das ist nicht nötig. Ich habe genug davon gehört. Geht an eure Arbeit, das bringt euch mehr Segen!“ Dann nahm sie Ann’ Gret’ mit in die Stube und rechnete mit ihr die Marktgeschäfte ab.

So fand das abergläubische Geschwätz im Haus des Deichgrafen bei der Herrschaft keinen Halt. Aber in die anderen Häuser drang es immer mehr ein. Je länger die Abende wurden, desto leichter ging das. Wie schwere Luft lag es auf allen. Heimlich sagten sie es sich: Ein Unglück, ein schweres Unglück würde über Nordfriesland kommen.

Es war vor Allerheiligen, im Oktober. Den ganzen Tag hatte es stark aus Südwest gestürmt. Abends stand ein halber Mond am Himmel. Dunkelbraune Wolken jagten über ihn hin, und Schatten und trübes Licht flogen auf der Erde durcheinander. Der Sturm wurde immer stärker.

Im Zimmer des Deichgrafen stand noch der leere Abendtisch. Die Knechte waren in den Stall geschickt worden, um dort auf das Vieh aufzupassen. Die Mägde mussten im Haus und auf den Dachböden nachsehen, ob Türen und Luken gut verschlossen waren. Der Sturm sollte nicht hineinfassen und Unheil anrichten. Drinnen stand Hauke neben seiner Frau am Fenster. Er hatte eben sein Abendbrot hinuntergeschlungen. Er war draußen auf dem Deich gewesen. Schon früh am Nachmittag war er zu Fuß hinausgelaufen. An manchen Stellen schien der Deich schwach zu sein. Dort hatte er spitze Pfähle und Säcke voll Klei oder Erde zusammentragen lassen. Überall hatte er Leute aufgestellt. Sie sollten die Pfähle einrammen und mit den Säcken dämmen, sobald die Flut den Deich zu beschädigen begann. Die meisten Menschen hatte er an den Winkel im Nordwesten gestellt. Dort stießen der alte und der neue Deich zusammen. Nur im Notfall durften sie ihre Plätze verlassen. So hatte er es draußen zurückgelassen. Dann, vor kaum einer Viertelstunde, war er nass und zerzaust in sein Haus gekommen. Jetzt horchte er auf die Windböen, die an den Scheiben in ihren Bleirahmen rüttelten. Er blickte wie gedankenlos in die wilde Nacht hinaus. Die Wanduhr hinter ihrer Glasscheibe schlug gerade acht. Das Kind stand neben der Mutter. Es fuhr zusammen und versteckte den Kopf in ihren Kleidern. „Klaus!“, rief es weinend. „Wo ist mein Klaus?“

Sie konnte wohl so fragen. Denn die Möwe war wie schon im vorigen Jahr auch jetzt nicht auf ihre Winterreise gegangen. Der Vater hörte die Frage nicht. Aber die Mutter nahm das Kind auf den Arm. „Dein Klaus ist in der Scheune“, sagte sie. „Da sitzt er warm.“

„Warum?“, sagte Wienke. „Ist das gut?“

„Ja, das ist gut.“

Der Hausherr stand noch am Fenster. „Es geht nicht länger, Elke!“, sagte er. „Ruf eine von den Mägden. Der Sturm drückt uns die Scheiben ein. Die Luken müssen festgeschraubt werden!“

Auf das Wort der Hausfrau lief die Magd hinaus. Aus dem Zimmer sah man, wie ihre Röcke flogen. Aber als sie die Klammern gelöst hatte, riss ihr der Sturm den Laden aus der Hand. Er warf ihn gegen die Fenster, sodass ein paar Scheiben zersplitterten und in die Stube flogen. Eines der Lichter ging qualmend aus. Hauke musste selbst hinaus, um zu helfen. Nur mit Mühe kamen die Luken nach und nach vor die Fenster. Als sie wieder ins Haus gingen und die Tür aufrissen, fuhr eine Böe hinter ihnen her. Glas und Silber klirrten im Wandschrank durcheinander. Oben über ihren Köpfen zitterten und krachten die Balken. Es war, als wollte der Sturm das Dach von den Mauern reißen. Aber Hauke kam nicht wieder ins Zimmer! Elke hörte, wie er durch die Tenne zum Stall ging. „Den Schimmel! Den Schimmel, John, schnell!“ So hörte sie ihn rufen. Dann kam er wieder in die Stube. Sein Haar war zerzaust, aber seine grauen Augen leuchteten. „Der Wind ist umgesprungen!“, rief er. „Nach Nordwest, bei halber Springflut! Das ist kein Wind mehr. Einen solchen Sturm haben wir noch nicht erlebt!“

Elke war totenblass geworden. „Und du musst noch einmal hinaus?“

Er nahm ihre beiden Hände und drückte sie wie im Krampf in seine. „Das muss ich, Elke.“

Langsam hob sie ihre dunklen Augen zu ihm. Ein paar Sekunden lang sahen sie sich an, doch es war wie eine Ewigkeit. „Ja, Hauke“, sagte sie. „Ich weiß es wohl, du musst!“

Da hörte man draußen vor der Haustür ein Pferd traben. Sie fiel ihm um den Hals, und einen Augenblick lang schien es, als könnte sie ihn nicht loslassen. Aber auch das war nur ein Augenblick.

„Das ist *unser* Kampf!“, sagte Hauke. „Ihr seid hier sicher. An dieses Haus ist noch keine Flut gestiegen. Und bete zu Gott, dass er auch mit mir ist!“

Hauke hüllte sich in seinen Mantel. Elke nahm ein Tuch und wickelte es ihm sorgfältig um den Hals. Sie wollte etwas sagen, aber ihre zitternden Lippen konnten es nicht.

Draußen wieherte der Schimmel. Es klang wie Trompetenschall in das Heulen des Sturmes hinein. Elke war mit ihrem Mann hinausgegangen. Die alte Esche knarrte, als würde sie gleich auseinanderbrechen.

„Steigen Sie auf, Herr!“, rief der Knecht. „Der Schimmel ist wie verrückt. Die Zügel könnten reißen.“

Hauke schlang die Arme um seine Frau. „Bei Sonnenaufgang bin ich wieder da!“

Schon war er auf sein Pferd gesprungen. Das Tier stieg mit den Vorderhufen in die Höhe. Dann jagte es wie ein Streithengst, der sich in die Schlacht stürzt, mit seinem Reiter die Werfte hinunter. Es jagte hinaus in Nacht und Sturmgeheul. „Vater, mein Vater!“, schrie eine klägliche Kinderstimme hinter ihm her. „Mein lieber Vater!“

Wienke war im Dunkeln hinter ihm hergelaufen. Aber schon nach hundert Schritten stolperte sie über einen Erdhaufen und fiel zu Boden.

Der Knecht Iven Johns brachte das weinende Kind zur Mutter zurück. Elke lehnte am Stamm der Esche, deren Zweige über ihr die Luft peitschten. Wie abwesend starrte sie in die Nacht hinaus, in der ihr Mann verschwunden war. Manchmal setzten das Brüllen des Sturmes und das ferne Klatschen des Meeres einen Augenblick aus. Dann fuhr sie wie im Schreck zusammen. Sie hatte jetzt das Gefühl, dass alles nur ihn vernichten wollte. Wenn es ihn gefasst hätte, würde es plötzlich verstummen. Ihre Knie zitterten. Der Sturm hatte ihre Haare gelöst und spielte mit ihnen. „Hier ist das Kind, Frau!“, schrie John ihr zu. „Halten Sie es fest!“ Und er drückte der Mutter die Kleine in den Arm.

„Das Kind? Ich hatte dich vergessen, Wienke!“, rief sie. „Gott verzeihe mir.“ Dann drückte sie es an ihre Brust, so fest, wie nur Liebe halten kann, und fiel mit ihm auf die Knie. „Herr Gott und du, mein Jesus, lass uns nicht Witwe und Waise werden! Schütze ihn, o lieber Gott! Nur du und ich, wir allein kennen ihn!“ Und der Sturm hörte nicht mehr auf. Es tönte und donnerte, als sollte die ganze Welt in ungeheurem Lärm untergehen.

„Gehen Sie ins Haus, Frau!“, sagte John. „Kommen Sie!“ Er half ihnen auf und führte die beiden ins Haus und in die Stube.

Der Deichgraf Hauke Haien jagte auf seinem Schimmel auf den Deich zu. Der schmale Weg war tief aufgeweicht, denn in den Tagen vorher war unendlich viel Regen gefallen. Aber der nasse, saugende Klei schien die Hufe des Tieres nicht festzuhalten. Es war, als hätte es festen Sommerboden unter sich. Wie eine Wilde Jagd trieben die Wolken am Himmel. Unten lag die weite Marsch. Man konnte sie nicht erkennen. Sie war wie eine Wüste voll unruhiger Schatten. Von dem Wasser hinter dem Deich, das immer gewaltiger wurde, kam ein dumpfes Tosen. Es klang, als müsste es alles andere verschlingen. „Vorwärts, Schimmel!“, rief Hauke. „Wir reiten unseren schlimmsten Ritt!“

Da klang es wie ein Todesschrei unter den Hufen seines Pferdes. Er riss den Zügel zurück und sah sich um. Neben ihm, dicht über dem Boden, zog eine Schar weißer Möwen vorbei. Sie flogen halb, und halb wurden sie vom Sturm geschleudert. Dabei stießen sie ein höhnisches Gegacker aus. Sie suchten Schutz im Land. Eine von ihnen lag zertreten am Weg. Der Mond schien gerade kurz durch die Wolken. Dem Reiter war, als flatterte ein rotes Band an ihrem Hals. „Klaus!“, rief er. „Armer Klaus!“

War es der Vogel seines Kindes? Hatte er Pferd und Reiter erkannt und bei ihnen Schutz gesucht? Der Reiter wusste es nicht. „Vorwärts!“, rief er wieder. Schon hob der Schimmel die Hufe zu neuem Rennen. Da hörte der Sturm plötzlich auf, und es wurde totenstill. Das dauerte nur eine Sekunde, dann kam er mit neuer Wut zurück. Aber in dieser Zeit hatten Menschenstimmen und verlorenes Hundegebell das Ohr des Reiters erreicht. Er wandte den Kopf zurück zu seinem Dorf. Das Mondlicht brach hervor, und er sah Menschen auf den Werften und vor den Häusern. Sie arbeiteten an hoch beladenen Wagen. Wie im Flug sah er noch andere Wagen, die eilig zur Geest hinauffuhren. Er hörte das Brüllen der Rinder, die aus den warmen Ställen dort hinaufgetrieben wurden. „Gott sei Dank! Sie sind dabei, sich und ihr Vieh zu retten!“, rief es in ihm. Und dann rief es mit einem Angstschrei: „Mein Weib! Mein Kind! Nein, nein, auf unsere Werfte steigt das Wasser nicht!“

Aber das war nur ein Augenblick. Wie eine Vision flog alles an ihm vorbei.

Eine furchtbare Böe kam brüllend vom Meer herüber. Gegen sie stürmten Pferd und Reiter den schmalen Akt zum Deich hinauf. Als sie oben waren, hielt Hauke sein Pferd mit Gewalt an. Aber wo war das Meer? Wo war Jeverssand? Wo war das Ufer drüben? Nur Berge von Wasser sah er vor sich. Sie stiegen drohend gegen den Nachthimmel. In der furchtbaren Dämmerung türmten sie sich übereinander und schlugen gegen das feste Land. Mit weißen Kronen kamen sie heran. Sie heulten, als wäre in ihnen der Schrei aller furchtbaren Raubtiere der Wildnis. Der Schimmel schlug mit den Vorderhufen und schnaubte mit seinen Nüstern in den Lärm hinaus. Den Reiter aber wollte das Gefühl überfallen, dass hier alle Menschenmacht zu Ende war. Es war, als müssten jetzt die Nacht, der Tod, das Nichts hereinbrechen.

Doch er dachte wieder klar: Es war ja eine Sturmflut, nur hatte er selbst noch nie eine solche gesehen. Seine Frau und sein Kind saßen sicher auf der hohen Werfte, in dem festen Haus. Aber sein Deich! Wie ein Stolz flog es ihm durch die Brust. Der Hauke-Haien-Deich, wie die Leute ihn nannten, konnte jetzt beweisen, wie man Deiche bauen muss!

Aber was war das? Er hielt an dem Winkel zwischen den beiden Deichen. Wo waren die Leute, die er hierher gestellt hatte? Sie sollten hier doch Wache halten! Er blickte nach Norden den alten Deich hinauf, denn auch dorthin hatte er einzelne Leute geschickt. Weder hier noch dort konnte er einen Menschen sehen. Er ritt ein Stück hinaus, aber er blieb allein. Nur das Wehen des Sturmes und das Brausen des Meeres aus unendlicher Ferne schlugen betäubend an sein Ohr. Er wandte das Pferd und kam wieder zu der verlassenen Ecke. Er ließ seine Augen an der Linie des neuen Deiches entlanggleiten. Deutlich erkannte er: Hier rollten die Wellen langsamer und weniger gewaltig heran. Fast schien es, als wäre dort anderes Wasser. „Der soll schon stehen!“, murmelte er, und etwas wie ein Lachen stieg in ihm auf.

Aber das Lachen verging ihm, als seine Blicke weiter an der Linie seines Deiches entlangglitten. An der Nordwestecke: Was war das dort? Ein dunkler Haufen wimmelte durcheinander. Er sah, wie es sich eifrig bewegte und drängte. Kein Zweifel, das waren Menschen! Was wollten sie jetzt an seinem Deich? Was arbeiteten sie dort? Schon drückte er dem Schimmel die Sporen in die Flanken, und das Tier flog mit ihm davon. Der Sturm kam von der Seite. Manchmal waren die Böen so gewaltig, dass sie Pferd und Reiter fast vom Deich in den neuen Koog warfen. Aber Pferd und Reiter wussten, wo sie ritten. Schon sah Hauke, dass dort wohl ein paar Dutzend Menschen eifrig arbeiteten. Und schon sah er deutlich, dass eine Rinne quer durch den neuen Deich gegraben war. Mit Gewalt hielt er sein Pferd an. „Halt!“, schrie er. „Halt! Was für einen Teufelsunfug treibt ihr hier?“

Sie hatten vor Schreck die Spaten ruhen lassen, als sie plötzlich den Deichgrafen unter sich sahen. Der Sturm hatte ihnen seine Worte zugetragen. Er sah wohl, dass mehrere ihm antworten wollten. Aber er sah nur ihre heftigen Bewegungen, denn sie standen alle links von ihm. Was sie sagten, nahm der Sturm mit. Hier draußen warf der Sturm die Menschen manchmal wie im Taumel gegeneinander. Darum drängten sie sich dicht zusammen. Mit seinen schnellen Augen maß Hauke die gegrabene Rinne und den Stand des Wassers. Trotz des neuen Profils klatschte es fast bis zur Höhe des Deiches hinauf und bespritzte Pferd und Reiter. Nur noch zehn Minuten Arbeit, das sah er wohl. Dann würde die Hochflut durch die Rinne brechen, und das Meer würde den Hauke-Haien-Koog begraben!

Der Deichgraf winkte einen der Arbeiter auf die andere Seite seines Pferdes. „Nun, so sprich!“, schrie er. „Was treibt ihr hier? Was soll das heißen?“

Der Mann schrie zurück: „Wir sollen den neuen Deich durchstechen, Herr, damit der alte Deich nicht bricht!“

„Was sollt ihr?“

„Den neuen Deich durchstechen!“

„Und den Koog überschwemmen? Welcher Teufel hat euch das befohlen?“

„Nein, Herr, kein Teufel. Der Gevollmächtigte Ole Peters ist hier gewesen, der hat es befohlen!“

Der Zorn stieg dem Reiter in die Augen. „Kennt ihr mich?“, schrie er. „Wo ich bin, hat Ole Peters nichts zu befehlen! Fort mit euch! An eure Plätze, wo ich euch hingestellt habe!“

Und als sie zögerten, ritt er mit seinem Schimmel mitten zwischen sie: „Fort, zu eurer oder des Teufels Großmutter!“

„Herr, passen Sie auf!“, rief einer aus dem Haufen. Er stieß mit seinem Spaten nach dem Tier, das sich wie rasend benahm. Aber ein Hufschlag schleuderte ihm den Spaten aus der Hand, und ein anderer Mann stürzte zu Boden. Da erhob sich plötzlich ein Schrei aus dem übrigen Haufen. Es war ein Schrei, wie ihn nur die Todesangst aus einer Menschenkehle reißt. Einen Augenblick lang waren alle wie gelähmt, auch der Deichgraf und der Schimmel. Nur ein Arbeiter hatte seinen Arm wie ein Wegweiser ausgestreckt. Er zeigte zur Nordwestecke der beiden Deiche, dorthin, wo der neue auf den alten stieß. Man hörte nur das Tosen des Sturmes und das Rauschen des Wassers.

Hauke drehte sich im Sattel: Was war dort los? Seine Augen wurden groß. „Herr Gott! Ein Bruch! Ein Bruch im alten Deich!“

„Das ist Ihre Schuld, Deichgraf!“, schrie eine Stimme aus dem Haufen. „Ihre Schuld! Nehmen Sie das mit vor Gottes Thron!“

Haukes zornrotes Gesicht war totenbleich geworden. Der Mond, der darauf schien, konnte es nicht bleicher machen. Seine Arme hingen schlaff herab, er wusste kaum, dass er den Zügel hielt. Aber auch das war nur ein Augenblick. Schon richtete er sich auf, und ein hartes Stöhnen brach aus seinem Mund. Dann wandte er stumm sein Pferd, und der Schimmel schnaubte und raste mit ihm ostwärts auf dem Deich dahin. Die Augen des Reiters flogen scharf nach allen Seiten. In seinem Kopf wühlten die Gedanken: Welche Schuld musste er vor Gottes Thron tragen? Der Durchstich des neuen Deiches? Vielleicht hätten sie ihn fertiggebracht, wenn er nicht Halt gerufen hätte. Aber da war noch etwas. Es schoss ihm heiß ins Herz, er wusste es nur zu gut. Im vorigen Sommer! Hätte damals Ole Peters’ böses Maul ihn nicht zurückgehalten! Da lag es! Er allein hatte die Schwäche des alten Deiches erkannt. Er hätte trotz allem das neue Werk durchsetzen müssen. „Herr Gott, ja, ich bekenne es“, rief er plötzlich laut in den Sturm hinaus. „Ich habe mein Amt schlecht geführt!“

Zu seiner Linken, dicht an den Hufen des Pferdes, tobte das Meer. Vor ihm lag in voller Finsternis der alte Koog mit seinen Werften und den Häusern seiner Heimat. Das bleiche Himmelslicht war ganz verloschen. Nur von einer Stelle brach ein Lichtschein durch das Dunkel. Wie ein Trost kam es an das Herz des Mannes. Das Licht musste von seinem Haus herüberscheinen. Es war für ihn wie ein Gruß von Frau und Kind. Gott sei Dank, sie saßen sicher auf der hohen Werfte! Die anderen waren gewiss schon oben im Geestdorf. Von dort schimmerte so viel Licht, wie er noch nie gesehen hatte. Sogar hoch oben aus der Luft brach Licht in die Nacht hinaus, das kam wohl vom Kirchturm. „Sie werden alle fort sein, alle!“, sagte Hauke zu sich selbst. „Freilich wird auf mancher Werfte ein Haus in Trümmern liegen. Für die überschwemmten Fennen werden schlechte Jahre kommen. Siele und Schleusen müssen repariert werden! Wir müssen es tragen, und ich will helfen, auch denen, die mir Böses getan haben. Nur sei gnädig mit uns Menschen, Herr, mein Gott!“

Da warf er einen Blick zur Seite auf den neuen Koog. Um ihn herum schäumte das Meer, aber in ihm lag es wie nächtlicher Friede. Ein Jubelschrei brach aus der Brust des Reiters, er konnte ihn nicht zurückhalten. „Der Hauke-Haien-Deich, er soll schon halten! Er wird es noch nach hundert Jahren tun!“

Ein Rauschen wie Donner zu seinen Füßen weckte ihn aus diesen Träumen. Der Schimmel wollte nicht mehr weiter. Was war das? Das Pferd sprang zurück, und er fühlte es: Ein Stück Deich stürzte vor ihm in die Tiefe. Er riss die Augen auf und schüttelte alle Gedanken ab. Er hielt am alten Deich, der Schimmel hatte mit den Vorderhufen schon darauf gestanden. Ohne es zu wollen, riss er das Pferd zurück. Da flog die letzte Wolke vom Mond, und das milde Gestirn beleuchtete das Grauen. Schäumend und zischend stürzte es vor ihm in die Tiefe, in den alten Koog hinab.

Wie ohne Verstand starrte Hauke darauf. Das war eine Sündflut, die Tiere und Menschen verschlingen wollte. Da blinkte ihm wieder der Lichtschein in die Augen. Es war derselbe, den er vorhin gesehen hatte. Er brannte noch immer auf seiner Werfte. Mutiger sah er jetzt in den Koog hinunter. Vor ihm stürzte der Strudel tosend hinab und verwirrte die Sinne. Aber dahinter war nur noch eine Breite von etwa hundert Schritten überflutet. Dahinter konnte er deutlich den Weg erkennen, der vom Koog heranführte. Er sah noch mehr: einen Wagen, nein, eine zweirädrige Karriole, die wie wild auf den Deich zufuhr. Eine Frau und auch ein Kind saßen darin. Und jetzt: War das nicht das kreischende Bellen eines kleinen Hundes, das im Sturm vorbeiflog? Allmächtiger Gott! Das waren seine Frau und sein Kind! Schon waren sie dicht herangekommen, und die schäumende Wassermasse drängte auf sie zu. Ein Schrei, ein Schrei der Verzweiflung brach aus der Brust des Reiters. „Elke!“, schrie er. „Elke! Zurück! Zurück!“

Aber Sturm und Meer waren nicht barmherzig. Ihr Toben zerriss seine Worte. Nur seinen Mantel hatte der Sturm gepackt, und er hätte ihn fast vom Pferd gerissen. Der Wagen flog ohne Halt der stürzenden Flut entgegen. Da sah er, dass die Frau die Arme wie zu ihm hinauf streckte. Hatte sie ihn erkannt? Hatten die Sehnsucht und die Todesangst um ihn sie aus dem sicheren Haus getrieben? Und jetzt: Rief sie ihm ein letztes Wort zu? Die Fragen fuhren durch seinen Kopf, aber sie blieben ohne Antwort. Von ihr zu ihm, von ihm zu ihr gingen alle Worte verloren. Nur ein Brausen wie beim Weltuntergang füllte ihre Ohren und ließ keinen anderen Laut hinein.

„Mein Kind! O Elke, o treue Elke!“, schrie Hauke in den Sturm hinaus. Da sank wieder ein großes Stück des Deiches vor ihm in die Tiefe, und donnernd stürzte das Meer hinterher. Noch einmal sah er unten den Kopf des Pferdes und die Räder des Wagens aus dem wilden Grauen auftauchen. Dann gingen sie wirbelnd darin unter. Die starren Augen des Reiters, der so einsam auf dem Deich hielt, sahen nichts mehr. „Das Ende!“, sagte er leise vor sich hin. Dann ritt er an den Abgrund. Unter ihm begannen die Wasser, unheimlich rauschend, sein Heimatdorf zu überfluten. Noch immer sah er das Licht von seinem Haus schimmern, aber es schien ihm wie ohne Seele. Er richtete sich hoch auf und stieß dem Schimmel die Sporen in die Flanken. Das Tier bäumte sich auf und hätte sich fast überschlagen, aber die Kraft des Mannes drückte es hinunter. „Vorwärts!“, rief er noch einmal, wie er es so oft zum festen Ritt gerufen hatte. „Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!“

Noch ein Stich mit den Sporen. Ein Schrei des Schimmels, lauter als Sturm und Wellen. Dann unten aus dem hinabstürzenden Strom ein dumpfer Schall, ein kurzer Kampf.

Der Mond sah leuchtend aus der Höhe herab. Aber unten auf dem Deich war kein Leben mehr, nur noch die wilden Wasser. Sie hatten den alten Koog bald fast ganz überflutet. Noch immer aber ragte die Werfte von Hauke Haiens Hof aus den Wellen hervor. Noch immer schimmerte von dort der Lichtschein. Auf der Geest wurden die Häuser langsam dunkel. Aber die einsame Lampe im Kirchturm warf von dort noch ihre zitternden Lichtfunken über die schäumenden Wellen.

Der Schulmeister schwieg. Ich griff nach dem gefüllten Glas, das schon lange vor mir stand. Aber ich führte es nicht zum Mund. Meine Hand blieb auf dem Tisch liegen.

„Das ist die Geschichte von Hauke Haien“, begann mein Gastgeber noch einmal. „So habe ich sie nach bestem Wissen erzählt. Die Wirtschafterin unseres Deichgrafen hätte sie Ihnen freilich anders erzählt. Denn man berichtet auch Folgendes. Das weiße Pferdegerippe war nach der Flut wieder im Mondschein auf Jevershallig zu sehen, wie früher. Das ganze Dorf will es gesehen haben. So viel ist sicher: Hauke Haien, seine Frau und sein Kind ertranken in dieser Flut. Nicht einmal ihr Grab habe ich oben auf dem Kirchhof finden können. Das abfließende Wasser hat die toten Körper wohl durch den Bruch ins Meer hinausgetrieben. Auf dem Meeresgrund haben sie sich dann wohl langsam ganz aufgelöst. So haben sie Ruhe vor den Menschen gehabt. Aber der Hauke-Haien-Deich steht noch jetzt, nach hundert Jahren. Morgen reiten Sie zur Stadt. Wenn Sie dann die halbe Stunde Umweg nicht scheuen, haben Sie ihn unter den Hufen Ihres Pferdes.“

„Jewe Manners hatte dem Erbauer des Deiches einst den Dank der Enkel versprochen. Wie Sie gesehen haben, ist dieser Dank ausgeblieben. Denn so ist es, Herr. Dem Sokrates gaben sie ein Gift zu trinken, und unseren Herrn Christus schlugen sie ans Kreuz! In unserer Zeit geht das nicht mehr so leicht. Aber man macht einen Gewaltmenschen oder einen bösen, stiernackigen Priester zum Heiligen. Und einen tüchtigen Kerl macht man zum Spuk und Nachtgespenst, nur weil er einen Kopf größer war als wir. Das geschieht noch alle Tage.“

Als der ernsthafte kleine Mann das gesagt hatte, stand er auf und horchte nach draußen. „Dort draußen hat sich etwas verändert“, sagte er und zog die Wolldecke vom Fenster. Es war heller Mondschein. „Sehen Sie nur“, fuhr er fort, „dort kommen die Gevollmächtigten zurück. Aber sie gehen auseinander, sie gehen nach Hause. Drüben am anderen Ufer muss ein Bruch geschehen sein. Das Wasser ist gefallen.“

Ich sah neben ihm hinaus. Die Fenster hier oben lagen über dem Rand des Deiches. Es war so, wie er gesagt hatte. Ich nahm mein Glas und trank den Rest. „Ich danke Ihnen für diesen Abend!“, sagte ich. „Ich denke, wir können ruhig schlafen!“

„Das können wir“, antwortete der kleine Herr. „Ich wünsche Ihnen von Herzen eine gute Nacht!“

Beim Hinuntergehen traf ich unten im Flur den Deichgrafen. Er wollte noch eine Karte mit nach Hause nehmen, die er in der Schankstube gelassen hatte. „Alles vorbei!“, sagte er. „Aber unser Schulmeister hat Ihnen wohl etwas Schönes eingeredet. Er gehört zu den Aufklärern!“

„Er scheint ein vernünftiger Mann zu sein!“

„Ja, ja, gewiss. Aber Ihren eigenen Augen können Sie doch nicht misstrauen. Und drüben auf der anderen Seite ist der Deich gebrochen, das habe ich ja vorausgesagt!“

Ich zuckte die Achseln. „Darüber muss ich erst einmal schlafen! Gute Nacht, Herr Deichgraf!“

Er lachte: „Gute Nacht!“

Am nächsten Morgen war das goldenste Sonnenlicht über einer weiten Verwüstung aufgegangen. In diesem Licht ritt ich über den Hauke-Haien-Deich zur Stadt hinunter.

### Glossar

- **die Marsch**: flaches, fruchtbares Land hinter dem Deich am Meer.
- **das Wattenmeer / die Watten**: Meeresboden an der Küste, der bei Ebbe trocken liegt.
- **der Koog**: ein Stück Land, das durch einen Deich vom Meer gewonnen und geschützt ist.
- **die Werfte**: ein künstlicher Erdhügel, auf dem ein Haus steht, damit es bei Hochwasser trocken bleibt.
- **der Deichgraf**: der Mann, der für die Deiche in einem Gebiet verantwortlich ist.
- **die Spreu vom Weizen trennen**: das Wahre vom Falschen unterscheiden.
- **der Klei / die Kleierde**: schwere, fette Erde aus der Marsch; man baut Deiche daraus.
- **die Porren**: Nordseekrabben.
- **der Racker**: ein Mann, der tote Tiere abholt und beseitigt.
- **mager / mageren**: sehr dünn.
- **die Stube / die Stubentür**: das Wohnzimmer in einem alten Haus / die Tür zu diesem Zimmer.
- **die Möwe / die Möwen**: ein großer weißer Vogel am Meer.
- **die Krähe / die Krähen**: ein großer schwarzer Vogel.
- **gackern / gackerten**: kurz und laut schreien wie ein Huhn.
- **traben / trabte**: schnell mit kurzen Schritten laufen oder reiten.
- **toben**: wild und laut sein.
- **friesisch / friesischen**: aus Friesland, dem Land an der Nordseeküste.
- **der Gevollmächtigte / die Gevollmächtigten**: ein Vertreter der Landbesitzer, der dem Deichgrafen bei den Deichen hilft.
- **flüstern / flüsterte**: sehr leise sprechen.
- **abwesend**: mit den Gedanken ganz woanders.
- **das Haf**: hier: das Meer vor der Küste.
- **hoiho**: ein lauter Ruf.
- **der Angorakater**: ein Kater mit langem, weichem Fell.
- **miauen / miaute**: die Laute einer Katze machen.
- **Is wull so wat … um’t hoge Water**: Plattdeutsch: „Ja, so etwas ist es wohl: der Deichgraf und die Gevollmächtigten und einige von den anderen Interessenten. Es geht um das hohe Wasser.“
- **die Urgroßmutter**: die Mutter der Großmutter oder des Großvaters.
- **der Urenkel / des Urenkels**: das Kind eines Enkels oder einer Enkelin.
- **die Pappe**: dickes, festes Papier.
- **krächzen / krächzten**: rau und heiser schreien, wie eine Krähe.
- **der Huf / die Hufe**: der harte untere Teil vom Fuß eines Pferdes.
- **der Hufschlag**: das Geräusch der Hufe, wenn ein Pferd läuft.
- **das Keuchen**: schweres, lautes Atmen.
- **pechfinster**: ganz dunkel.
- **umkehren / kehr um**: zurückgehen oder zurückreiten; „kehr um“ heißt: Geh zurück!
- **trüb**: nicht klar, schmutzig (bei Wasser).
- **das Klirren**: das helle Geräusch, wenn Gläser aneinanderstoßen.
- **der Schlick**: weicher, nasser Schlamm am Meeresboden.
- **die Schürze**: ein Stück Stoff, das man bei der Arbeit vor der Kleidung trägt.
- **dösig**: dumm, verschlafen.
- **der Pesel**: das gute, große Zimmer in einem friesischen Bauernhaus, für Feste.
- **das dicke Mensch**: ein altes, unhöfliches Wort für eine dicke Frau oder ein dickes Mädchen.
- **die Dossierung**: die Form und Schräge der Deichseite.
- **die Bestickungsarbeiten**: Arbeiten, bei denen man Stroh in den Deich steckt, damit die Erde nicht weggespült wird.
- **die Furke**: eine Heugabel.
- **das Eisboseln**: ein Winterspiel: Man wirft Holzkugeln mit Blei über das Eis zu einem Ziel.
- **der Kretler**: beim Eisboseln der Mann, der bei Streit für seine Mannschaft spricht.
- **ein halbes Stieg / ein Halbstieg**: ein altes Zählmaß: Ein Stieg sind zwanzig Stück, ein halbes Stieg sind also zehn.
- **die Geest / die Geestleute**: das höhere, sandige Land hinter der Marsch / die Menschen, die dort wohnen.
- **Uns’ Weert**: Plattdeutsch: „unser Herr“.
- **die Mulde**: eine flache, runde Vertiefung im Boden.
- **die Wiege**: ein kleines Bett für ein Baby, das man schaukeln kann.
- **das Gerippe**: die Knochen eines toten Tieres oder Menschen.
- **der Strumpf**: ein langes Kleidungsstück aus Wolle für den Fuß und das Bein.
- **der Schlummer**: ein leichter Schlaf.
- **zwicken / der Zwicker**: jemanden kurz und fest kneifen; hier: jemanden streng ermahnen.
- **der Obmann**: der Mann, der beim Spiel entscheidet, wenn es Streit gibt.
- **schleudern / schleuderte**: mit viel Kraft werfen.
- **Zweitritt**: ein Tanz, der damals neu in Mode war.
- **Schatulle**: ein kleines Möbelstück oder ein Kasten für Papiere und wertvolle Dinge.
- **Mieder**: der enge obere Teil eines Frauenkleides.
- **Traupfennig**: das Geld, das der Pastor für eine Hochzeit bekommt.
- **Leichenmahl**: das Essen für die Gäste nach einer Beerdigung.
- **Langkork**: ein guter, teurer Wein in einer Flasche mit langem Korken.
- **Ringreiten**: ein Spiel: Reiter versuchen, im schnellen Ritt mit einem Stab einen kleinen Ring zu treffen.
- **„Klei unter den Füßen“**: viel Land besitzen.
- **Schädelwölbungen**: zwei runde Stellen oben an der Stirn.
- **Geest**: das höhere, trockene und sandige Land hinter der Marsch.
- **Gedränge**: viele Menschen, die eng zusammenstehen und sich drücken.
- **Deichgevollmächtigten**: Form von „Deichgevollmächtigter“: ein Vertreter der Bauern, der dem Deichgrafen bei den Aufgaben am Deich hilft.
- **Friesengesicht**: das Gesicht eines Friesen; die Friesen leben an der Nordseeküste.
- **knarrende**: rau und unangenehm, wie das Geräusch einer alten Tür.
- **wirfst**: Form von „werfen“: du wirfst.
- **taumelte**: ging unsicher und fiel fast um.
- **zupfte**: zog mit den Fingern leicht an etwas.
- **wog**: hier: hielt etwas in der Hand und prüfte, wie schwer es ist.
- **Möwe**: ein großer weißer oder grauer Vogel am Meer.
- **schrille**: sehr hoch und unangenehm laut.
- **rückwärts**: hier: zurück.
- **Dat is de Dot, de Allens fritt**: Plattdeutsch: „Das ist der Tod, der alles frisst. Er nimmt Kunst und Wissenschaft mit. Der kluge Mann ist nun gestorben. Gott schenke ihm eine selige Auferstehung.“
- **Hest du din Dagwerk richtig dån**: Plattdeutsch: „Hast du deine Tagesarbeit richtig getan, dann kommt der Schlaf von selbst.“
- **Eingabe**: ein schriftlicher Antrag an ein Amt.
- **Weib**: ein altes Wort für „Frau“ oder „Ehefrau“; hier ist es nicht böse gemeint.
- **Allerweltsbengel**: ein Junge, der alles kann und alles wagt.
- **Kiewiet**: ein anderes Wort für Kiebitz, einen Vogel der Wiesen an der Küste.
- **Kesselflicker**: ein Mann, der von Ort zu Ort zieht und Töpfe und Kessel repariert.
- **Kracke**: ein altes, schwaches Pferd.
- **Priesterhandel**: hier: ein sehr guter Kauf.
- **blau geapfelt**: ein helles Fell mit runden, bläulich-grauen Flecken.
- **ein fleischlos Angesicht**: ein schmaler Pferdekopf mit wenig Fleisch; das gilt als schön.
- **Peitsche**: ein Stiel mit einer langen Schnur; man knallt damit oder schlägt damit Tiere.
- **Priel**: ein schmaler, tiefer Wasserlauf im Watt.
- **Gerippe**: alle Knochen eines toten Tieres oder Menschen.
- **flüsterte**: sprach ganz leise.
- **glitzerte**: glänzte mit vielen kleinen Lichtpunkten.
- **Schlick**: weicher, nasser Schlamm am Meer.
- **trabte**: lief mit kurzen, schnellen Schritten.
- **geritten**: Form von „reiten“: auf einem Pferd sitzen und sich fortbewegen.
- **Gevollmächtigte**: ein Vertreter der Bauern, der dem Deichgrafen bei den Aufgaben am Deich hilft.
- **rieb**: bewegte die Hand fest auf etwas hin und her.
- **uns’ Weert**: Plattdeutsch für „unser Hausherr“.
- **Sturzkarren**: Karren, die man kippen kann, um Erde abzuladen.
- **Bestickung**: Stroh, das man in den Deich steckt, damit die Erde nicht weggespült wird.
- **Fuder**: eine volle Wagenladung, zum Beispiel Stroh.
- **Kajedeich**: ein kleiner Deich nur für kurze Zeit, zum Schutz während der Bauarbeit.
- **Konventikel**: eine geheime religiöse Versammlung außerhalb der Kirche.
- **Wehmutter**: eine Frau, die bei der Geburt eines Kindes hilft.
- **Allerweltsjunge**: ein Junge, der überall dabei ist und vor nichts Angst hat.
- **so breit, wie Lawrenz sein Kind nicht lang war**: eine Redensart: sehr, sehr breit.
- **Allmacht**: die Kraft Gottes, alles tun zu können.
- **Gevollmächtigter**: ein Mann, der für die Landbesitzer in Deichsachen mitbestimmt.
- **Gevollmächtigten**: Mehrzahl von „Gevollmächtigter“.
- **Spaten**: ein Werkzeug zum Graben in der Erde.
- **Möwen**: weiße Seevögel.
- **Haf**: altes Wort für „Meer“.
- **behaglich**: angenehm und gemütlich.
- **feurigen**: hier: wild und voller Kraft.
- **Ungeschickten**: Menschen, die eine Arbeit nicht gut können.
- **Hoho**: ein Ruf, wenn man überrascht ist.
- **gehorchte**: von „gehorchen“: tun, was ein anderer sagt.
- **beschämt**: verlegen, weil man sich schämt.
- **erloschen**: ausgegangen, nicht mehr zu sehen (bei Licht oder Feuer).
- **stiernackiger**: mit einem sehr dicken, starken Hals, wie ein Stier.
- **Karriole**: ein leichter Wagen mit zwei Rädern.
- **Akt**: ein schräger Weg, der an der Seite des Deiches hinauf- oder hinabführt.
- **Kommissäre**: Beamte, die im Auftrag der Herrschaft etwas prüfen.
- **Undinger**: Wesen, die keine richtigen Menschen sind.
- **Seeteufel**: Gespenster aus dem Meer im Aberglauben.
- **Lahnungen**: niedrige Dämme aus Pfählen und Reisig im Watt; sie lenken das Wasser ab.
- **Soden**: ausgestochene Stücke Rasen mit Erde.
- **durchstochen**: ein Graben wird quer durch den Deich gegraben, damit Wasser durchfließt.
- **Sporen**: Metallteile an den Stiefeln des Reiters; damit treibt er das Pferd an.
- **Kreatur**: ein Lebewesen, ein Tier.
- **Schürze**: ein Stück Stoff, das man bei der Arbeit vor der Kleidung trägt.
- **Schemel**: ein kleiner Sitz ohne Lehne.
- **Klee**: eine Pflanze auf der Wiese; ein gutes Futter für Tiere.
- **murmelte**: von „murmeln“: leise und undeutlich sprechen.
- **erschrak**: von „erschrecken“: plötzlich Angst bekommen.
- **Dunst**: leichter Nebel in der Luft.
- **gegraben**: von „graben“: ein Loch in die Erde machen.
- **Hundekreatur**: ein Hund; hier abfällig gemeint.
- **wichen**: von „weichen“: zur Seite gehen, Platz machen.
- **pfiff**: von „pfeifen“: hier macht der Wind einen hohen, lauten Ton.
- **Kluft**: eine tiefe Spalte; hier die Schlucht im Deich.
- **winselnde**: leise und klagend, wie ein Hund, der Angst oder Schmerzen hat.
- **hageren**: sehr dünn und mager.
- **sprühte**: von „sprühen“: hier war der Zorn deutlich im Gesicht zu sehen.
- **abergläubische**: voll Aberglauben: Man glaubt an Geister und böse Zeichen.
- **Kautabak**: Tabak, den man im Mund kaut.
- **Katechismus**: ein Buch, das die Lehre der Kirche erklärt.
- **Oho**: ein Ruf des Ärgers oder des Protests.
- **Konventikelschneider**: der Schneider, bei dem sich der Konventikel trifft.
- **Spatenstich**: das einmalige Graben mit dem Spaten.
- **anmutigem**: schön und leicht.
- **Avosetten**: schwarz-weiße Wasservögel mit einem langen, gebogenen Schnabel.
- **die Kimmung**: eine Luftspiegelung über dem Meer; ferne Dinge erscheinen höher.
- **das hippokratische Gesicht**: das Gesicht eines Menschen kurz vor dem Tod.
- **das Geschmeiß**: viele kleine, unangenehme Tiere, zum Beispiel Fliegen und andere Insekten.
- **die Luken**: hier: die Fensterläden; sonst auch kleine Öffnungen im Dach.
- **die Wilde Jagd**: im alten Volksglauben eine Schar von Geistern, die nachts durch die Luft jagt.
- **der Bruch**: eine Stelle, an der das Wasser den Deich zerstört hat.
- **das Weib**: altes Wort für „Frau“ oder „Ehefrau“; hier nicht unfreundlich gemeint.
- **verschon**: von „verschonen“: jemandem nichts Böses tun, ihn am Leben lassen.
- **die Aufklärer**: Menschen, die nur an die Vernunft glauben, nicht an Gespenster.
- **Hölp**: plattdeutsch für „hilf“; „Hölp mi“ heißt „Hilf mir“.
- **båven Wåter**: plattdeutsch für „über dem Wasser“.
- **Gott gnåd de annern**: plattdeutsch für „Gott sei den anderen gnädig“.
- **die Mägde**: Frauen, die im Haus und auf dem Hof eines Bauern arbeiten.
- **die Stube**: altes Wort für „Wohnzimmer“.
- **die Hufe**: die harten Füße des Pferdes.
- **den Hufen**: von „die Hufe“: die harten Füße des Pferdes.
- **die Sporen**: Metallteile an den Stiefeln des Reiters; damit treibt er das Pferd an.
- **die Rinne**: ein langer, schmaler Graben.
- **der Spaten**: ein Werkzeug zum Graben in der Erde.
- **die Ebbe**: die Zeit, in der das Meer zurückgeht und das Wasser niedrig steht.
- **die Möwen**: weiße Seevögel.
- **des Priels**: von „der Priel“: ein schmaler Wasserlauf im Watt.
- **die Gevollmächtigten**: Männer, die für die Landbesitzer in Deichsachen mitbestimmen.
- **umgesprungen**: von „umspringen“: Der Wind kommt plötzlich aus einer anderen Richtung.
- **verworrene**: unklar, durcheinander.
- **flimmernden**: von „flimmern“: unruhig glänzen.
- **grub**: von „graben“: ein Loch in die Erde machen; hier auch: tief in etwas drücken.
- **Gret**: kurz für den Namen „Ann’ Grete“.
- **die Pfähle**: dicke, spitze Stangen aus Holz, die man in den Boden schlägt.
- **zerzaust**: durcheinander, nicht ordentlich (bei Haaren).
- **horchte**: von „horchen“: genau hinhören.
- **die Böe**: ein kurzer, starker Windstoß.
- **zitterten**: von „zittern“: sich schnell und leicht hin und her bewegen.
- **das Tosen**: ein lauter, dumpfer Lärm, zum Beispiel vom Wasser.
- **schnaubte**: von „schnauben“: laut und stark durch die Nase atmen.
- **das Brausen**: ein lautes, gleichmäßiges Rauschen.
- **wälzte**: von „wälzen“: sich hin und her drehen.
- **wich**: von „ausweichen“: sich von etwas fernhalten.
- **azurblauen**: klar und leuchtend blau.
- **blendenden**: so hell, dass die Augen wehtun.
- **die Ruten**: hier: ein altes Längenmaß.
