# Der Prozess (Ausgabe B1)

*Franz Kafka*

## Verhaftung · Gespräch mit Frau Grubach · Dann Fräulein Bürstner

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin von Frau Grubach, seiner Zimmervermieterin, brachte ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück. Diesmal kam sie nicht. Das war noch nie geschehen. K. wartete noch ein Weilchen. Von seinem Kopfkissen aus sah er die alte Frau, die ihm gegenüber wohnte. Sie beobachtete ihn mit einer Neugier, die bei ihr ganz ungewöhnlich war. Dann läutete er, überrascht und hungrig zugleich.

Sofort klopfte es, und ein Mann trat ein, den K. in dieser Wohnung noch nie gesehen hatte. Er war schlank und doch kräftig gebaut. Er trug einen eng anliegenden schwarzen Anzug. Wie ein Reiseanzug hatte er verschiedene Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfe und einen Gürtel. Deshalb sah er besonders praktisch aus, aber man wusste nicht genau, wozu er eigentlich dienen sollte.

„Wer sind Sie?“, fragte K. und saß gleich halb aufrecht im Bett.

Der Mann ging aber über die Frage hinweg, als müsste man seine Anwesenheit einfach hinnehmen. Er sagte nur: „Sie haben geläutet?“

„Anna soll mir das Frühstück bringen“, sagte K.

Zuerst versuchte er schweigend, durch Beobachten und Nachdenken herauszufinden, wer der Mann eigentlich war. Aber der Mann ließ sich nicht lange ansehen. Er wandte sich zur Tür und öffnete sie ein wenig. Offenbar stand jemand direkt dahinter. Zu diesem sagte er: „Er will, dass Anna ihm das Frühstück bringt.“

Im Nebenzimmer lachte jemand ein wenig. Nach dem Klang war nicht sicher, ob nicht mehrere Personen lachten. Der fremde Mann konnte dadurch nichts erfahren haben, was er nicht schon vorher gewusst hatte. Trotzdem sagte er jetzt zu K. im Ton einer Meldung: „Es ist unmöglich.“

„Das wäre neu“, sagte K., sprang aus dem Bett und zog schnell seine Hose an. „Ich will doch sehen, was für Leute im Nebenzimmer sind. Und ich will sehen, wie Frau Grubach diese Störung mir gegenüber rechtfertigen wird.“

Ihm fiel gleich ein, dass er das nicht hätte laut sagen müssen. So erkannte er gewissermaßen an, dass der Fremde ein Recht hatte, ihn zu beaufsichtigen. Aber das schien ihm jetzt nicht wichtig. Der Fremde verstand es allerdings so, denn er sagte: „Wollen Sie nicht lieber hierbleiben?“

„Ich will weder hierbleiben noch von Ihnen angesprochen werden, solange Sie sich mir nicht vorstellen.“

„Es war gut gemeint“, sagte der Fremde und öffnete nun von selbst die Tür.

K. ging langsamer ins Nebenzimmer, als er wollte. Dort sah es auf den ersten Blick fast genauso aus wie am Abend vorher. Es war das Wohnzimmer von Frau Grubach. Das Zimmer war voll von Möbeln, Decken, Porzellan und Fotos. Vielleicht war heute ein wenig mehr Platz darin als sonst. Man erkannte das nicht gleich, vor allem weil die größte Veränderung ein Mann war. Er saß am offenen Fenster mit einem Buch, von dem er jetzt aufblickte.

„Sie hätten in Ihrem Zimmer bleiben sollen! Hat Franz Ihnen das denn nicht gesagt?“

„Ja, was wollen Sie denn?“, sagte K. Er sah von dem neuen Bekannten zu dem Mann, der Franz hieß und in der Tür stehen geblieben war. Dann sah er wieder zurück. Durch das offene Fenster sah man wieder die alte Frau. Mit der Neugier sehr alter Leute war sie an das Fenster getreten, das jetzt gegenüberlag. So konnte sie auch weiterhin alles sehen.

„Ich will doch zu Frau Grubach —“, sagte K. Er machte eine Bewegung, als würde er sich von den zwei Männern losreißen. Dabei standen sie weit von ihm entfernt. Er wollte weitergehen.

„Nein“, sagte der Mann am Fenster, warf das Buch auf ein Tischchen und stand auf. „Sie dürfen nicht weggehen, Sie sind ja gefangen.“

„Es sieht so aus“, sagte K. „Und warum denn?“, fragte er dann.

„Wir haben nicht den Auftrag, Ihnen das zu sagen. Gehen Sie in Ihr Zimmer und warten Sie. Das Verfahren hat nun einmal begonnen, und Sie werden alles zur richtigen Zeit erfahren. Ich tue schon mehr, als mein Auftrag erlaubt, wenn ich so freundschaftlich mit Ihnen rede. Aber ich hoffe, dass es niemand hört außer Franz. Und der ist selbst gegen alle Vorschriften freundlich zu Ihnen. Sie haben mit Ihren Wächtern viel Glück gehabt. Wenn Sie auch weiterhin so viel Glück haben, können Sie zuversichtlich sein.“

K. wollte sich setzen. Aber jetzt sah er, dass es im ganzen Zimmer keinen Platz zum Sitzen gab, außer dem Stuhl am Fenster.

„Sie werden noch einsehen, wie wahr das alles ist“, sagte Franz. Gleichzeitig mit dem anderen Mann ging er auf K. zu. Besonders der andere war viel größer als K. und klopfte ihm öfter auf die Schulter. Beide prüften K.s Nachthemd. Sie sagten, er werde jetzt ein viel schlechteres Hemd anziehen müssen. Aber dieses Hemd und seine übrige Wäsche würden sie aufbewahren. Wenn seine Sache gut ausging, würden sie ihm alles zurückgeben.

„Es ist besser, Sie geben die Sachen uns als ins Depot“, sagten sie. „Im Depot wird nämlich öfter gestohlen. Außerdem verkauft man dort alle Sachen nach einer gewissen Zeit, egal ob das Verfahren zu Ende ist oder nicht. Und wie lange dauern solche Prozesse doch, besonders in letzter Zeit! Sie bekämen dann am Ende zwar vom Depot das Geld aus dem Verkauf. Aber erstens ist dieses Geld schon an sich wenig. Denn beim Verkauf entscheidet nicht das höchste Angebot, sondern die höchste Bestechung. Und zweitens wird das Geld erfahrungsgemäß immer weniger. Denn es wird von Hand zu Hand und von Jahr zu Jahr weitergegeben.“

K. achtete kaum auf diese Reden. Vielleicht hatte er noch das Recht, über seine Sachen zu bestimmen, aber das war ihm nicht viel wert. Viel wichtiger war ihm, Klarheit über seine Lage zu bekommen. In Gegenwart dieser Leute konnte er aber nicht einmal nachdenken. Immer wieder stieß der Bauch des zweiten Wächters geradezu freundschaftlich an ihn. Es konnten ja nur Wächter sein. Wenn K. aber aufsah, erblickte er ein trockenes, knochiges Gesicht, das gar nicht zu diesem dicken Körper passte. Es hatte eine starke, zur Seite gedrehte Nase. Über K. hinweg verständigte sich dieses Gesicht mit dem anderen Wächter.

Was waren das denn für Menschen? Wovon sprachen sie? Zu welcher Behörde gehörten sie? K. lebte doch in einem Rechtsstaat. Überall herrschte Frieden, alle Gesetze galten. Wer wagte es, ihn in seiner Wohnung zu überfallen? Er neigte immer dazu, alles möglichst leichtzunehmen. Das Schlimmste glaubte er erst, wenn es eintrat. Er sorgte nicht für die Zukunft vor, selbst wenn alles drohte. Hier schien ihm das aber nicht richtig. Man konnte das Ganze zwar als Spaß ansehen, als einen groben Spaß. Vielleicht hatten die Kollegen in der Bank ihn aus unbekannten Gründen veranstaltet, vielleicht weil heute sein dreißigster Geburtstag war. Das war natürlich möglich. Vielleicht brauchte er den Wächtern nur irgendwie ins Gesicht zu lachen, und sie würden mitlachen. Vielleicht waren es Dienstmänner von der Straßenecke, sie sahen ihnen nicht unähnlich. Trotzdem hatte er sich diesmal schon beim ersten Anblick des Wächters Franz entschieden. Er wollte nicht den kleinsten Vorteil aus der Hand geben, den er vielleicht gegenüber diesen Leuten hatte.

Man würde später sagen, er habe keinen Spaß verstanden. Darin sah K. nur eine ganz kleine Gefahr. Es war sonst nicht seine Gewohnheit, aus Erfahrungen zu lernen. Aber jetzt erinnerte er sich an einige an sich unwichtige Fälle. In diesen Fällen hatte er sich, anders als seine Freunde, bewusst unvorsichtig benommen. Er hatte nicht das geringste Gefühl für die möglichen Folgen gehabt. Und das Ergebnis hatte ihn dafür bestraft. Das sollte nicht wieder geschehen, zumindest nicht diesmal. War es eine Komödie, so wollte er mitspielen.

Noch war er frei. „Erlauben Sie“, sagte er und ging eilig zwischen den Wächtern hindurch in sein Zimmer.

„Er scheint vernünftig zu sein“, hörte er hinter sich sagen.

In seinem Zimmer riss er gleich die Schubladen des Schreibtischs auf. Dort lag alles in großer Ordnung. Aber gerade die Ausweispapiere, die er suchte, konnte er in der Aufregung nicht gleich finden. Schließlich fand er seinen Radfahrausweis und wollte schon damit zu den Wächtern gehen. Dann aber schien ihm dieses Papier zu unbedeutend. Er suchte weiter, bis er den Geburtsschein fand.

Als er ins Nebenzimmer zurückkam, öffnete sich gerade die gegenüberliegende Tür. Frau Grubach wollte dort hereinkommen. Man sah sie nur einen Augenblick, denn kaum hatte sie K. erkannt, da wurde sie offenbar verlegen. Sie bat um Verzeihung, verschwand und schloss äußerst vorsichtig die Tür.

„Kommen Sie doch herein“, hatte K. gerade noch sagen können.

Nun stand er mit seinen Papieren in der Mitte des Zimmers. Er sah noch auf die Tür, die sich nicht wieder öffnete. Erst ein Ruf der Wächter ließ ihn aufschrecken. Sie saßen an dem Tischchen am offenen Fenster. K. erkannte jetzt, dass sie sein Frühstück aßen.

„Warum ist sie nicht hereingekommen?“, fragte er.

„Sie darf nicht“, sagte der große Wächter. „Sie sind doch verhaftet.“

„Wie kann ich denn verhaftet sein? Und noch dazu auf diese Weise?“

„Jetzt fangen Sie schon wieder an“, sagte der Wächter und tauchte ein Butterbrot in den kleinen Honigtopf. „Solche Fragen beantworten wir nicht.“

„Sie werden sie beantworten müssen“, sagte K. „Hier sind meine Ausweispapiere. Zeigen Sie mir jetzt Ihre und vor allem den Haftbefehl.“

„Du lieber Himmel!“, sagte der Wächter. „Warum können Sie Ihre Lage nicht annehmen? Es scheint, als wollten Sie uns nutzlos reizen. Dabei stehen wir Ihnen jetzt wahrscheinlich näher als alle anderen Menschen.“

„Es ist so, glauben Sie es doch“, sagte Franz. Er führte die Kaffeetasse in seiner Hand nicht zum Mund. Stattdessen sah er K. mit einem langen Blick an. Dieser Blick war wahrscheinlich bedeutungsvoll, aber man konnte ihn nicht verstehen. Ohne es zu wollen, ließ K. sich mit Franz auf ein Gespräch der Blicke ein. Dann aber schlug er auf seine Papiere und sagte: „Hier sind meine Ausweispapiere.“

„Was kümmern uns denn die?“, rief nun der große Wächter. „Sie benehmen sich schlimmer als ein Kind. Was wollen Sie denn? Wollen Sie Ihren großen verfluchten Prozess dadurch schnell beenden, dass Sie mit uns Wächtern über Ausweise und Haftbefehl diskutieren. Wir sind niedrige Angestellte. Von Ausweispapieren verstehen wir kaum etwas. Mit Ihrer Sache haben wir nur eines zu tun. Wir halten zehn Stunden täglich bei Ihnen Wache und werden dafür bezahlt. Das ist alles, was wir sind. Trotzdem können wir eines verstehen. Die hohen Behörden, in deren Dienst wir stehen, informieren sich sehr genau, bevor sie eine solche Verhaftung anordnen. Sie kennen die Gründe der Verhaftung und die Person des Verhafteten. Da gibt es keinen Irrtum. Ich kenne von unserer Behörde nur die niedrigsten Stufen. Aber soweit ich sie kenne, sucht sie nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung. Sondern sie wird, wie es im Gesetz heißt, von der Schuld angezogen und muss uns Wächter ausschicken. Das ist Gesetz. Wo sollte es da einen Irrtum geben?“

„Dieses Gesetz kenne ich nicht“, sagte K.

„Umso schlimmer für Sie“, sagte der Wächter.

„Es besteht wohl auch nur in Ihren Köpfen“, sagte K. Er wollte sich irgendwie in die Gedanken der Wächter einschleichen. Er wollte sie zu seinem Vorteil wenden oder sich dort heimisch machen.

Aber der Wächter sagte nur abweisend: „Sie werden es zu fühlen bekommen.“

Franz mischte sich ein und sagte: „Sieh, Willem, er gibt zu, dass er das Gesetz nicht kennt. Und gleichzeitig behauptet er, er sei schuldlos.“

„Du hast ganz recht, aber ihm kann man nichts klarmachen“, sagte der andere.

K. antwortete nicht mehr. Muss ich mich durch das Geschwätz dieser niedrigsten Angestellten noch mehr verwirren lassen?, dachte er. Sie geben ja selbst zu, dass sie das sind. Sie reden jedenfalls von Dingen, die sie gar nicht verstehen. Dass sie so sicher sind, ist nur durch ihre Dummheit möglich. Ich muss nur mit einem Menschen sprechen, der auf meiner Stufe steht. Ein paar Worte werden alles viel klarer machen als die längsten Reden mit diesen hier.

Er ging einige Male im freien Teil des Zimmers auf und ab. Drüben sah er die alte Frau. Sie hatte einen noch viel älteren Mann zum Fenster gezerrt und hielt ihn mit den Armen fest. K. musste diesem Schauspiel ein Ende machen.

„Führen Sie mich zu Ihrem Vorgesetzten“, sagte er.

„Wenn er es wünscht, nicht früher“, sagte der Wächter, der Willem genannt worden war. „Und nun rate ich Ihnen, in Ihr Zimmer zu gehen und sich ruhig zu verhalten. Warten Sie darauf, was über Sie entschieden wird. Wir raten Ihnen: Lassen Sie sich nicht durch nutzlose Gedanken ablenken, sondern sammeln Sie sich. Man wird große Anforderungen an Sie stellen. Sie haben uns nicht so behandelt, wie es unsere Freundlichkeit verdient hätte. Sie haben etwas vergessen. Wir mögen sein, was wir wollen, aber zumindest jetzt sind wir Ihnen gegenüber freie Männer. Das ist kein kleiner Vorteil. Trotzdem sind wir bereit, Ihnen ein kleines Frühstück aus dem Café drüben zu bringen, falls Sie Geld haben.“

Ohne auf dieses Angebot zu antworten, stand K. ein Weilchen still. Vielleicht konnte er die Tür zum nächsten Zimmer öffnen oder sogar die Tür zum Vorzimmer. Vielleicht würden die beiden gar nicht wagen, ihn zu hindern. Vielleicht wäre es die einfachste Lösung, die Sache auf die Spitze zu treiben. Aber vielleicht würden sie ihn doch packen. Und wenn er einmal am Boden lag, dann war seine ganze Überlegenheit verloren. In gewisser Hinsicht hatte er diese Überlegenheit ihnen gegenüber jetzt noch. Deshalb wählte er lieber die sichere Lösung, die der natürliche Verlauf bringen musste. Er ging in sein Zimmer zurück. Weder er noch die Wächter sagten ein weiteres Wort.

Er warf sich auf sein Bett und nahm vom Waschtisch einen schönen Apfel. Den hatte er sich gestern Abend für das Frühstück bereitgelegt. Jetzt war das sein einziges Frühstück. Beim ersten großen Bissen versicherte er sich, dass es jedenfalls viel besser war als das Frühstück aus dem schmutzigen Nachtcafé. Das hätte er durch die Gnade der Wächter bekommen können. Er fühlte sich wohl und zuversichtlich. Zwar fehlte er heute Vormittag in der Bank. Aber das war bei seiner ziemlich hohen Stellung leicht zu entschuldigen. Sollte er den wirklichen Grund nennen? Er wollte es tun. Wenn man ihm nicht glaubte, was in diesem Fall verständlich war, konnte er Frau Grubach als Zeugin nennen. Oder auch die beiden Alten von drüben, die jetzt wohl gerade zum gegenüberliegenden Fenster marschierten.

Es wunderte K., dass sie ihn in das Zimmer getrieben und hier allein gelassen hatten. Wenigstens wunderte es ihn, wenn er wie die Wächter dachte. Denn hier hatte er doch mehrere Möglichkeiten, sich umzubringen. Gleichzeitig fragte er sich aber, wenn er wie er selbst dachte, welchen Grund er dazu haben könnte. Etwa weil die zwei nebenan saßen und sein Frühstück genommen hatten. Es wäre so sinnlos gewesen, sich umzubringen, dass er es nicht gekonnt hätte, selbst wenn er es gewollt hätte. Wenn die Wächter nicht so auffallend dumm gewesen wären, hätte man Folgendes annehmen können. Auch sie hätten aus derselben Überzeugung keine Gefahr darin gesehen, ihn allein zu lassen. Sie konnten jetzt, wenn sie wollten, zusehen, wie er zu einem kleinen Wandschrank ging. Darin bewahrte er einen guten Schnaps auf. Ein Glas trank er zuerst als Ersatz für das Frühstück. Ein zweites Glas sollte ihm Mut machen. Das zweite trank er nur aus Vorsicht, für den unwahrscheinlichen Fall, dass es nötig sein sollte.

Da erschreckte ihn ein Ruf aus dem Nebenzimmer so sehr, dass er mit den Zähnen ans Glas schlug.

„Der Aufseher ruft Sie“, hieß es.

Nur das Schreien erschreckte ihn, dieses kurze, abgehackte, militärische Schreien. Das hätte er dem Wächter Franz gar nicht zugetraut. Der Befehl selbst war ihm sehr willkommen. „Endlich“, rief er zurück. Er schloss den Wandschrank ab und eilte sofort ins Nebenzimmer. Dort standen die zwei Wächter. Als wäre das selbstverständlich, jagten sie ihn wieder in sein Zimmer zurück.

„Was fällt Euch ein?“, riefen sie. „Im Hemd wollt Ihr vor den Aufseher? Er lässt Euch durchprügeln und uns mit.“

„Lasst mich, zum Teufel“, rief K., der schon bis zu seinem Kleiderschrank zurückgedrängt war. „Wenn man mich im Bett überfällt, kann man nicht erwarten, mich im Festanzug zu finden.“

„Es hilft nichts“, sagten die Wächter. Immer wenn K. schrie, wurden sie ganz ruhig, ja fast traurig. Dadurch verwirrten sie ihn oder brachten ihn gewissermaßen zur Vernunft.

„Lächerliche Zeremonien!“, brummte er noch. Aber er hob schon eine Jacke vom Stuhl. Er hielt sie ein Weilchen mit beiden Händen, als sollten die Wächter darüber urteilen. Sie schüttelten die Köpfe.

„Es muss eine schwarze Jacke sein“, sagten sie.

K. warf die Jacke auf den Boden und sagte: „Es ist doch noch nicht die Hauptverhandlung.“ Er wusste selbst nicht, wie er das meinte.

Die Wächter lächelten, blieben aber dabei: „Es muss eine schwarze Jacke sein.“

„Wenn die Sache dadurch schneller geht, soll es mir recht sein“, sagte K. Er öffnete selbst den Kleiderschrank und suchte lange unter den vielen Anzügen. Er wählte seinen besten schwarzen Anzug. Unter seinen Bekannten hatte die Taille dieser Jacke fast Aufsehen erregt. Er nahm auch ein anderes Hemd heraus und begann, sich sorgfältig anzuziehen. Die Wächter hatten vergessen, ihn zum Baden zu zwingen. Heimlich glaubte er, dass dadurch alles schneller ging. Er beobachtete sie, ob sie sich vielleicht doch daran erinnern würden. Aber das fiel ihnen natürlich gar nicht ein. Dagegen vergaß Willem nicht, Franz zum Aufseher zu schicken. Franz sollte melden, dass K. sich anzog.

Als K. ganz angezogen war, musste er direkt vor Willem durch das leere Nebenzimmer gehen. Er kam in das nächste Zimmer, dessen Tür mit beiden Flügeln schon offen stand. K. wusste genau, wer hier wohnte. Seit kurzer Zeit hatte ein Fräulein Bürstner das Zimmer, eine Schreibmaschinistin. Sie ging gewöhnlich sehr früh zur Arbeit und kam spät nach Hause. K. hatte mit ihr kaum mehr als ein paar Grußworte gewechselt. Jetzt stand das Nachttischchen von ihrem Bett als Verhandlungstisch in der Mitte des Zimmers. Der Aufseher saß dahinter. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und einen Arm auf die Rückenlehne des Stuhls gelegt.

In einer Ecke des Zimmers standen drei junge Leute. Sie sahen die Fotos von Fräulein Bürstner an, die in einer Matte an der Wand steckten. An der Klinke des offenen Fensters hing eine weiße Bluse. Am Fenster gegenüber lehnten wieder die zwei Alten. Aber ihre Gesellschaft war größer geworden, denn hinter ihnen stand, viel größer als sie, ein Mann. Sein Hemd war auf der Brust offen. Er drückte und drehte seinen rötlichen Spitzbart mit den Fingern.

„Josef K.?“, fragte der Aufseher, vielleicht nur, um K.s zerstreute Blicke auf sich zu lenken. K. nickte.

„Die Ereignisse von heute Morgen haben Sie wohl sehr überrascht?“, fragte der Aufseher. Dabei verschob er mit beiden Händen die paar Gegenstände auf dem Nachttischchen. Das waren die Kerze mit Streichhölzern, ein Buch und ein Nadelkissen. Es sah aus, als brauchte er sie für die Verhandlung.

„Gewiss“, sagte K. Er fühlte sich wohl, weil er endlich einem vernünftigen Menschen gegenüberstand und mit ihm über seine Sache sprechen konnte. „Gewiss, ich bin überrascht, aber ich bin keineswegs sehr überrascht.“

„Nicht sehr überrascht?“, fragte der Aufseher. Er stellte nun die Kerze in die Mitte des Tischchens und ordnete die anderen Sachen um sie herum.

„Sie missverstehen mich vielleicht“, sagte K. schnell. „Ich meine —“ Hier unterbrach er sich und sah sich nach einem Stuhl um. „Ich kann mich doch setzen?“, fragte er.

„Das ist nicht üblich“, antwortete der Aufseher.

„Ich meine“, sagte K. nun ohne weitere Pause, „ich bin allerdings sehr überrascht. Aber ich bin dreißig Jahre auf der Welt und musste mich allein durchschlagen, so wie es mir bestimmt war. Da ist man gegen Überraschungen abgehärtet und nimmt sie nicht zu schwer. Besonders die heutige nicht.“

„Warum besonders die heutige nicht?“

„Ich will nicht sagen, dass ich das Ganze für einen Spaß halte. Dafür scheinen mir die Vorbereitungen doch zu umfangreich. Alle Mitglieder der Pension müssten daran beteiligt sein und auch Sie alle. Das ginge über die Grenzen eines Spaßes. Ich will also nicht sagen, dass es ein Spaß ist.“

„Ganz richtig“, sagte der Aufseher und sah nach, wie viele Streichhölzer in der Schachtel waren.

„Andererseits aber“, fuhr K. fort und wandte sich dabei an alle. Er hätte sich gern sogar den drei jungen Leuten bei den Fotos zugewendet. „Andererseits aber kann die Sache auch nicht sehr wichtig sein. Ich bin nämlich angeklagt, aber ich finde nicht die kleinste Schuld, wegen der man mich anklagen könnte. Daraus schließe ich das. Aber auch das ist Nebensache. Die Hauptfrage ist: Von wem bin ich angeklagt? Welche Behörde führt das Verfahren? Sind Sie Beamte? Keiner hat eine Uniform, wenn man nicht Ihren Anzug“ — hier wandte er sich an Franz — „eine Uniform nennen will. Aber es ist doch eher ein Reiseanzug. In diesen Fragen verlange ich Klarheit. Ich bin überzeugt, dass wir danach herzlich voneinander Abschied nehmen können.“

Der Aufseher schlug die Streichholzschachtel auf den Tisch.

„Sie befinden sich in einem großen Irrtum“, sagte er. „Diese Herren hier und ich sind für Ihre Sache völlig unwichtig. Wir wissen sogar fast nichts von ihr. Wir könnten die korrektesten Uniformen tragen, und Ihre Sache würde um nichts schlechter stehen. Ich kann Ihnen auch durchaus nicht sagen, dass Sie angeklagt sind. Oder vielmehr: Ich weiß nicht, ob Sie es sind. Sie sind verhaftet, das ist richtig, mehr weiß ich nicht. Vielleicht haben die Wächter etwas anderes geschwätzt, dann ist es eben nur Geschwätz gewesen. Ich beantworte Ihre Fragen nicht, aber ich kann Ihnen etwas raten. Denken Sie weniger an uns und an das, was mit Ihnen geschehen wird. Denken Sie lieber mehr an sich. Und machen Sie nicht so viel Lärm mit dem Gefühl Ihrer Unschuld. Das stört den nicht gerade schlechten Eindruck, den Sie sonst machen. Auch sollten Sie überhaupt im Reden zurückhaltender sein. Sie hätten auch nur ein paar Worte sagen können. Fast alles, was Sie vorhin gesagt haben, hätte man dann aus Ihrem Verhalten erkennen können. Außerdem war es nichts besonders Günstiges für Sie.“

K. starrte den Aufseher an. Von einem vielleicht jüngeren Menschen bekam er hier Lehren wie in der Schule? Für seine Offenheit wurde er mit einem Tadel bestraft? Und über den Grund seiner Verhaftung und über den, der sie angeordnet hatte, erfuhr er nichts?

Er geriet in eine gewisse Aufregung. Er ging auf und ab, und niemand hinderte ihn daran. Er schob seine Manschetten zurück, befühlte seine Brust und strich sein Haar glatt. Er kam an den drei Herren vorbei und sagte: „Es ist ja sinnlos.“ Da drehten sie sich zu ihm um und sahen ihn freundlich, aber ernst an. Schließlich blieb er wieder vor dem Tisch des Aufsehers stehen.

„Der Staatsanwalt Hasterer ist mein guter Freund“, sagte er. „Kann ich mit ihm telefonieren?“

„Gewiss“, sagte der Aufseher, „aber ich weiß nicht, welchen Sinn das haben sollte. Außer Sie haben mit ihm irgendeine private Sache zu besprechen.“

„Welchen Sinn?“, rief K., mehr erschrocken als verärgert. „Wer sind Sie denn? Sie wollen einen Sinn und führen das Sinnloseste auf, was es gibt. Da würde ja sogar ein Stein weich werden! Die Herren haben mich zuerst überfallen. Und jetzt sitzen oder stehen sie hier herum. Vor Ihnen lassen sie mich Kunststücke machen wie ein dressiertes Pferd. Welchen Sinn es hätte, mit einem Staatsanwalt zu telefonieren, wenn ich angeblich verhaftet bin? Gut, ich werde nicht telefonieren.“

„Aber doch“, sagte der Aufseher und streckte die Hand zum Vorzimmer aus, wo das Telefon war. „Bitte telefonieren Sie doch.“

„Nein, ich will nicht mehr“, sagte K. und ging zum Fenster.

Drüben war noch die Gesellschaft am Fenster. Nur weil K. jetzt ans Fenster getreten war, schien sie beim ruhigen Zuschauen ein wenig gestört. Die Alten wollten aufstehen, aber der Mann hinter ihnen beruhigte sie.

„Dort sind auch solche Zuschauer“, rief K. ganz laut dem Aufseher zu und zeigte mit dem Zeigefinger hinaus. „Weg von dort“, rief er dann hinüber.

Die drei wichen auch sofort ein paar Schritte zurück. Die beiden Alten gingen sogar hinter den Mann, der sie mit seinem breiten Körper verdeckte. Nach seinen Mundbewegungen zu urteilen, sagte er irgendetwas, das man auf diese Entfernung nicht verstand. Ganz verschwanden sie aber nicht. Sie schienen auf den Augenblick zu warten, in dem sie unbemerkt wieder ans Fenster kommen konnten.

„Aufdringliche, rücksichtslose Leute!“, sagte K., als er sich wieder zum Zimmer umdrehte. Der Aufseher stimmte ihm vielleicht zu, das glaubte K. mit einem Seitenblick zu erkennen. Aber es war genauso gut möglich, dass er gar nicht zugehört hatte. Denn er hatte eine Hand fest auf den Tisch gedrückt und schien die Länge seiner Finger zu vergleichen. Die zwei Wächter saßen auf einem Koffer, der mit einer schönen Decke bedeckt war, und rieben ihre Knie. Die drei jungen Leute hatten die Hände in die Hüften gelegt und sahen ziellos herum. Es war still wie in irgendeinem vergessenen Büro.

„Nun, meine Herren“, rief K. Einen Augenblick lang schien es ihm, als trüge er alle auf seinen Schultern. „Nach Ihrem Aussehen zu urteilen, dürfte meine Sache beendet sein. Ich finde, es ist am besten, wenn wir nicht mehr darüber nachdenken, ob Ihr Vorgehen berechtigt war oder nicht. Wir sollten die Sache versöhnlich abschließen, mit einem Händedruck. Wenn Sie auch dieser Meinung sind, dann bitte.“ Er trat an den Tisch des Aufsehers und reichte ihm die Hand.

Der Aufseher hob die Augen, nagte an den Lippen und sah auf K.s ausgestreckte Hand. K. glaubte immer noch, der Aufseher werde sie nehmen. Doch dieser stand auf und nahm einen harten runden Hut, der auf Fräulein Bürstners Bett lag. Er setzte ihn vorsichtig mit beiden Händen auf, wie man es beim Anprobieren neuer Hüte macht.

„Wie einfach Ihnen alles scheint!“, sagte er dabei zu K. „Wir sollten die Sache versöhnlich abschließen, meinten Sie? Nein, nein, das geht wirklich nicht. Damit will ich aber durchaus nicht sagen, dass Sie verzweifeln sollen. Nein, warum denn? Sie sind nur verhaftet, nichts weiter. Das musste ich Ihnen mitteilen. Das habe ich getan, und ich habe auch gesehen, wie Sie es aufgenommen haben. Damit ist es für heute genug, und wir können uns verabschieden, allerdings nur vorläufig. Sie werden jetzt wohl in die Bank gehen wollen?“

„In die Bank?“, fragte K. „Ich dachte, ich wäre verhaftet.“ K. fragte mit einem gewissen Trotz. Denn obwohl sein Händedruck nicht angenommen worden war, fühlte er sich immer unabhängiger von allen diesen Leuten. Das galt besonders, seit der Aufseher aufgestanden war. Er spielte mit ihnen. Falls sie weggingen, wollte er ihnen bis zur Haustür nachlaufen und ihnen seine Verhaftung anbieten. Darum wiederholte er auch: „Wie kann ich denn in die Bank gehen, da ich verhaftet bin?“

„Ach so“, sagte der Aufseher, der schon an der Tür war. „Sie haben mich missverstanden. Sie sind verhaftet, gewiss, aber das soll Sie nicht daran hindern, Ihren Beruf auszuüben. Auch in Ihrer gewöhnlichen Lebensweise sollen Sie nicht gehindert werden.“

„Dann ist das Verhaftetsein nicht sehr schlimm“, sagte K. und ging nahe an den Aufseher heran.

„Ich habe es nie anders gemeint“, sagte dieser.

„Dann scheint aber nicht einmal die Mitteilung der Verhaftung sehr notwendig gewesen zu sein“, sagte K. und ging noch näher. Auch die anderen waren näher gekommen. Alle standen jetzt auf engem Raum an der Tür.

„Es war meine Pflicht“, sagte der Aufseher.

„Eine dumme Pflicht“, sagte K., ohne nachzugeben.

„Mag sein“, antwortete der Aufseher, „aber wir wollen mit solchen Reden nicht unsere Zeit verlieren. Ich hatte angenommen, dass Sie in die Bank gehen wollen. Da Sie auf alle Worte aufpassen, füge ich hinzu: Ich zwinge Sie nicht, in die Bank zu gehen. Ich hatte nur angenommen, dass Sie es wollen. Ich möchte Ihnen das erleichtern und Ihre Ankunft in der Bank möglichst unauffällig machen. Deshalb habe ich diese drei Herren, Ihre Kollegen, hier für Sie bereitgehalten.“

„Wie?“, rief K. und starrte die drei erstaunt an. Diese farblosen, blutarmen jungen Leute kannte er in seiner Erinnerung immer noch nur als Gruppe bei den Fotos. Aber sie waren tatsächlich Beamte aus seiner Bank. Keine Kollegen, das war zu viel gesagt und schon eine Lücke in der Allwissenheit des Aufsehers. Aber untergeordnete Beamte aus der Bank waren es wirklich. Wie hatte K. das übersehen können? Der Aufseher und die Wächter mussten ihn sehr beschäftigt haben, wenn er diese drei nicht erkannt hatte. Da war der steife Rabensteiner, der die Hände schwang. Da war der blonde Kullich mit den tief liegenden Augen. Und da war Kaminer mit dem unerträglichen Lächeln, das von einer chronischen Muskelzerrung kam.

„Guten Morgen!“, sagte K. nach einem Weilchen und gab den Herren, die sich korrekt verbeugten, die Hand. „Ich habe Sie gar nicht erkannt. Nun werden wir also an die Arbeit gehen, nicht?“

Die Herren nickten lachend und eifrig, als hätten sie die ganze Zeit darauf gewartet. Aber K. vermisste seinen Hut, der in seinem Zimmer liegen geblieben war. Da liefen alle drei hintereinander los, um ihn zu holen. Das ließ immerhin auf eine gewisse Verlegenheit schließen. K. stand still und sah ihnen durch die zwei offenen Türen nach. Der Letzte war natürlich der gleichgültige Rabensteiner, der nur in einem eleganten Trab lief. Kaminer überreichte den Hut. K. musste sich ausdrücklich sagen, dass Kaminers Lächeln keine Absicht war, ja dass er überhaupt nicht absichtlich lächeln konnte. Das war übrigens auch in der Bank oft nötig. Im Vorzimmer öffnete dann Frau Grubach der ganzen Gesellschaft die Wohnungstür. Sie sah gar nicht sehr schuldbewusst aus. K. sah, wie so oft, auf ihr Schürzenband. Es schnitt so unnötig tief in ihren mächtigen Körper ein.

Unten entschied sich K., die Uhr in der Hand, ein Automobil zu nehmen. So wollte er die Verspätung von schon einer halben Stunde nicht unnötig vergrößern. Kaminer lief zur Ecke, um den Wagen zu holen. Die zwei anderen versuchten offensichtlich, K. abzulenken. Da zeigte Kullich plötzlich auf die Haustür gegenüber. Dort erschien gerade der große Mann mit dem blonden Spitzbart. Im ersten Augenblick war es ihm ein wenig peinlich, dass er sich jetzt in seiner ganzen Größe zeigte. Er trat zurück zur Wand und lehnte sich an. Die Alten waren wohl noch auf der Treppe. K. ärgerte sich über Kullich, weil dieser auf den Mann aufmerksam machte. K. hatte ihn selbst schon früher gesehen, ja sogar erwartet.

„Schauen Sie nicht hin“, stieß er hervor. Er merkte nicht, wie auffallend eine solche Sprache gegenüber selbstständigen Männern war. Es war aber auch keine Erklärung nötig, denn gerade kam das Automobil. Man setzte sich und fuhr los.

Da erinnerte sich K., dass er das Weggehen des Aufsehers und der Wächter gar nicht bemerkt hatte. Der Aufseher hatte ihm die drei Beamten verdeckt, und dann die Beamten den Aufseher. Viel Geistesgegenwart zeigte das nicht. K. nahm sich vor, sich in dieser Hinsicht genauer zu beobachten. Doch ohne es zu wollen, drehte er sich noch um. Er beugte sich über den hinteren Teil des Automobils, um vielleicht den Aufseher und die Wächter noch zu sehen. Aber gleich drehte er sich wieder zurück und lehnte sich bequem in die Ecke des Wagens. Er hatte nicht einmal versucht, jemanden zu suchen. Man sah es ihm nicht an, aber gerade jetzt hätte er ein paar gute Worte gebraucht. Doch nun schienen die Herren müde zu sein. Rabensteiner sah rechts aus dem Wagen, Kullich links. Nur Kaminer stand mit seinem Grinsen zur Verfügung. Leider verbot es die Menschlichkeit, darüber einen Spaß zu machen.

In diesem Frühjahr verbrachte K. seine Abende meistens auf dieselbe Weise. Er saß gewöhnlich bis neun Uhr im Büro. Wenn es danach noch möglich war, machte er einen kleinen Spaziergang, allein oder mit Beamten. Dann ging er in eine Bierstube. Dort saß er an einem Stammtisch mit meist älteren Herren gewöhnlich bis elf Uhr zusammen. Es gab aber auch Ausnahmen von dieser Einteilung. Der Bankdirektor schätzte K.s Arbeitskraft und seine Zuverlässigkeit sehr. Manchmal lud er ihn zu einer Autofahrt oder zu einem Abendessen in seiner Villa ein. Außerdem ging K. einmal in der Woche zu einem Mädchen namens Elsa. Sie arbeitete nachts bis in den späten Morgen als Kellnerin in einer Weinstube. Am Tag empfing sie Besuche nur vom Bett aus.

An diesem Abend aber wollte K. sofort nach Hause gehen. Der Tag war schnell vergangen, mit anstrengender Arbeit und vielen ehrenden und freundschaftlichen Geburtstagswünschen. In allen kleinen Pausen der Arbeit hatte er daran gedacht. Er wusste nicht genau, was er meinte. Aber es schien ihm, als hätten die Ereignisse am Morgen in Frau Grubachs ganzer Wohnung eine große Unordnung verursacht. Und gerade er schien nötig zu sein, um die Ordnung wiederherzustellen. War diese Ordnung einmal hergestellt, dann war jede Spur jener Ereignisse ausgelöscht. Alles ging dann wieder seinen alten Gang. Besonders von den drei Beamten war nichts zu befürchten. Sie waren wieder in der großen Beamtenschaft der Bank verschwunden. Man konnte keine Veränderung an ihnen bemerken. K. hatte sie öfter einzeln und gemeinsam in sein Büro gerufen, nur um sie zu beobachten. Jedes Mal hatte er sie zufrieden wieder gehen lassen können.

Als er um halb zehn abends vor seinem Haus ankam, traf er im Hauseingang einen jungen Burschen. Der Bursche stand dort breitbeinig und rauchte eine Pfeife.

„Wer sind Sie?“, fragte K. sofort und brachte sein Gesicht nahe an den Burschen. Man sah nicht viel im Halbdunkel des Flurs.

„Ich bin der Sohn des Hausmeisters, gnädiger Herr“, antwortete der Bursche. Er nahm die Pfeife aus dem Mund und trat zur Seite.

„Der Sohn des Hausmeisters?“, fragte K. und klopfte mit seinem Stock ungeduldig auf den Boden.

„Wünscht der gnädige Herr etwas? Soll ich den Vater holen?“

„Nein, nein“, sagte K. In seiner Stimme lag etwas Verzeihendes, als hätte der Bursche etwas Böses getan und er würde ihm verzeihen. „Es ist gut“, sagte er dann und ging weiter. Aber bevor er die Treppe hinaufstieg, drehte er sich noch einmal um.

Er hätte direkt in sein Zimmer gehen können. Aber weil er mit Frau Grubach sprechen wollte, klopfte er gleich an ihre Tür. Sie saß mit einem Strickstrumpf am Tisch, auf dem noch ein Haufen alter Strümpfe lag. K. entschuldigte sich zerstreut, dass er so spät kam. Aber Frau Grubach war sehr freundlich und wollte keine Entschuldigung hören. Für ihn sei sie immer zu sprechen, sagte sie. Er wisse sehr gut, dass er ihr bester und liebster Mieter sei. K. sah sich im Zimmer um. Es war wieder vollkommen wie früher. Das Frühstücksgeschirr, das am Morgen auf dem Tischchen am Fenster gestanden hatte, war auch schon weggeräumt. Frauenhände schaffen doch im Stillen viel, dachte er. Er hätte das Geschirr vielleicht auf der Stelle zerschlagen können, aber bestimmt nicht hinaustragen. Er sah Frau Grubach mit einer gewissen Dankbarkeit an.

„Warum arbeiten Sie noch so spät?“, fragte er. Sie saßen nun beide am Tisch, und K. vergrub von Zeit zu Zeit seine Hand in den Strümpfen.

„Es gibt viel Arbeit“, sagte sie. „Während des Tages gehöre ich den Mietern. Wenn ich meine eigenen Sachen in Ordnung bringen will, bleiben mir nur die Abende.“

„Ich habe Ihnen heute wohl noch eine außergewöhnliche Arbeit gemacht.“

„Wieso denn?“, fragte sie und wurde etwas eifriger. Die Arbeit ruhte in ihrem Schoß.

„Ich meine die Männer, die heute früh hier waren.“

„Ach so“, sagte sie und wurde wieder ruhig. „Das hat mir keine besondere Arbeit gemacht.“

K. sah schweigend zu, wie sie den Strickstrumpf wieder nahm. Sie scheint sich zu wundern, dass ich davon spreche, dachte er. Sie scheint es nicht für richtig zu halten, dass ich davon spreche. Umso wichtiger ist es, dass ich es tue. Nur mit einer alten Frau kann ich davon sprechen.

„Doch, Arbeit hat es bestimmt gemacht“, sagte er dann, „aber es wird nicht wieder vorkommen.“

„Nein, das kann nicht wieder vorkommen“, sagte sie bestätigend und lächelte K. fast traurig an.

„Meinen Sie das ernst?“, fragte K.

„Ja“, sagte sie leiser, „aber vor allem dürfen Sie es nicht zu schwer nehmen. Was geschieht nicht alles in der Welt! Sie reden so vertraulich mit mir, Herr K. Da kann ich Ihnen ja gestehen, dass ich ein wenig hinter der Tür gehorcht habe. Auch die beiden Wächter haben mir einiges erzählt. Es geht ja um Ihr Glück, und das liegt mir wirklich am Herzen. Vielleicht mehr, als mir zusteht, denn ich bin ja nur die Vermieterin. Nun, ich habe also einiges gehört, aber ich kann nicht sagen, dass es etwas besonders Schlimmes war. Nein. Sie sind zwar verhaftet, aber nicht so, wie ein Dieb verhaftet wird. Wenn man wie ein Dieb verhaftet wird, ist es schlimm. Aber diese Verhaftung —. Es kommt mir wie etwas Gelehrtes vor. Entschuldigen Sie, wenn ich etwas Dummes sage. Es kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, das ich zwar nicht verstehe, das man aber auch nicht verstehen muss.“

„Das ist gar nichts Dummes, was Sie gesagt haben, Frau Grubach. Wenigstens bin auch ich zum Teil Ihrer Meinung. Nur urteile ich über das Ganze noch schärfer als Sie. Für mich ist es nicht einmal etwas Gelehrtes, sondern überhaupt nichts. Man hat mich überrascht, das war es. Ich hätte gleich nach dem Aufwachen aufstehen sollen, ohne mich durch Annas Ausbleiben stören zu lassen. Ich hätte ohne Rücksicht auf irgendjemanden, der mir in den Weg trat, zu Ihnen gehen sollen. Ich hätte diesmal ausnahmsweise etwa in der Küche frühstücken können. Sie hätten mir die Kleider aus meinem Zimmer bringen können. Kurz, wenn ich vernünftig gehandelt hätte, wäre nichts weiter geschehen. Alles, was entstehen wollte, wäre gleich erstickt worden. Aber man ist so wenig vorbereitet. In der Bank zum Beispiel bin ich vorbereitet. Dort könnte mir so etwas unmöglich geschehen. Ich habe dort einen eigenen Diener. Das allgemeine Telefon und das Bürotelefon stehen vor mir auf dem Tisch. Immerzu kommen Leute, Kunden und Beamte. Außerdem und vor allem bin ich dort immer mitten in der Arbeit und deshalb geistesgegenwärtig. Es würde mir geradezu Vergnügen machen, dort einer solchen Sache gegenüberzustehen. Nun, es ist vorbei, und ich wollte eigentlich gar nicht mehr darüber sprechen. Ich wollte nur Ihr Urteil hören, das Urteil einer vernünftigen Frau. Ich bin sehr froh, dass wir darin übereinstimmen. Nun müssen Sie mir aber die Hand geben. Eine solche Übereinstimmung muss durch Handschlag bestätigt werden.“

Ob sie mir die Hand geben wird? Der Aufseher hat mir die Hand nicht gegeben, dachte er. Er sah die Frau anders an als früher, prüfend. Sie stand auf, weil auch er aufgestanden war. Sie war ein wenig verlegen, weil sie nicht alles verstanden hatte, was K. gesagt hatte. Wegen dieser Verlegenheit sagte sie etwas, das sie gar nicht sagen wollte und das auch gar nicht passte.

„Nehmen Sie es doch nicht so schwer, Herr K.“, sagte sie. Sie hatte Tränen in der Stimme und vergaß natürlich auch den Handschlag.

„Ich wüsste nicht, dass ich es schwer nehme“, sagte K. Er war plötzlich müde und erkannte, wie wertlos jede Zustimmung dieser Frau war.

An der Tür fragte er noch: „Ist Fräulein Bürstner zu Hause?“

„Nein“, sagte Frau Grubach. Bei dieser trockenen Auskunft lächelte sie mit einem späten, vernünftigen Mitgefühl. „Sie ist im Theater. Wollten Sie etwas von ihr? Soll ich ihr etwas ausrichten?“

„Ach, ich wollte nur ein paar Worte mit ihr reden.“

„Ich weiß leider nicht, wann sie kommt. Wenn sie im Theater ist, kommt sie gewöhnlich spät.“

„Das ist ganz egal“, sagte K. und drehte den gesenkten Kopf schon zur Tür, um wegzugehen. „Ich wollte mich nur bei ihr entschuldigen, dass ich heute ihr Zimmer benutzt habe.“

„Das ist nicht nötig, Herr K., Sie sind zu rücksichtsvoll. Das Fräulein weiß ja von gar nichts. Sie war seit dem frühen Morgen noch nicht zu Hause. Es ist auch schon alles in Ordnung gebracht, sehen Sie selbst.“ Und sie öffnete die Tür zu Fräulein Bürstners Zimmer.

„Danke, ich glaube es“, sagte K., ging dann aber doch zu der offenen Tür. Der Mond schien still in das dunkle Zimmer. Soweit man sehen konnte, war wirklich alles an seinem Platz. Auch die Bluse hing nicht mehr an der Fensterklinke. Die Kissen im Bett schienen auffallend hoch, sie lagen zum Teil im Mondlicht.

„Das Fräulein kommt oft spät nach Hause“, sagte K. und sah Frau Grubach an, als wäre sie dafür verantwortlich.

„So sind eben junge Leute!“, sagte Frau Grubach entschuldigend.

„Gewiss, gewiss“, sagte K., „aber es kann zu weit gehen.“

„Das kann es“, sagte Frau Grubach, „wie recht Sie haben, Herr K. Vielleicht sogar in diesem Fall. Ich will Fräulein Bürstner gewiss nicht verleumden. Sie ist ein gutes, liebes Mädchen, freundlich, ordentlich, pünktlich, fleißig. Das alles schätze ich sehr. Aber eines ist wahr: Sie sollte stolzer und zurückhaltender sein. Ich habe sie in diesem Monat schon zweimal in abgelegenen Straßen gesehen, und immer mit einem anderen Herrn. Das ist mir sehr peinlich. Ich erzähle es, bei Gott, nur Ihnen, Herr K. Aber ich werde auch mit dem Fräulein selbst darüber sprechen müssen. Es ist übrigens nicht das Einzige, was mir an ihr verdächtig ist.“

„Sie sind auf ganz falschem Weg“, sagte K. wütend und konnte es fast nicht verbergen. „Übrigens haben Sie offenbar auch meine Bemerkung über das Fräulein missverstanden. So war es nicht gemeint. Ich warne Sie sogar ehrlich davor, dem Fräulein irgendetwas zu sagen. Sie irren sich völlig. Ich kenne das Fräulein sehr gut, und nichts von dem, was Sie sagten, ist wahr. Übrigens gehe ich vielleicht zu weit. Ich will Sie nicht hindern, sagen Sie ihr, was Sie wollen. Gute Nacht.“

„Herr K.“, sagte Frau Grubach bittend und eilte ihm bis zu seiner Tür nach, die er schon geöffnet hatte. „Ich will ja noch gar nicht mit dem Fräulein reden. Natürlich will ich sie vorher noch weiter beobachten. Nur Ihnen habe ich anvertraut, was ich wusste. Schließlich muss es doch im Sinn jedes Mieters sein, wenn man die Pension rein zu halten versucht. Etwas anderes will ich damit nicht.“

„Die Reinheit!“, rief K. noch durch den Türspalt. „Wenn Sie die Pension rein halten wollen, müssen Sie zuerst mir kündigen.“ Dann schlug er die Tür zu. Ein leises Klopfen beachtete er nicht mehr.

Er hatte gar keine Lust zu schlafen. Deshalb beschloss er, noch wach zu bleiben und bei dieser Gelegenheit festzustellen, wann Fräulein Bürstner kommen würde. Vielleicht wäre es dann auch möglich, noch ein paar Worte mit ihr zu reden, so unpassend das sein mochte. Er lehnte im Fenster und drückte seine müden Augen. Da dachte er einen Augenblick sogar daran, Frau Grubach zu bestrafen. Er könnte Fräulein Bürstner überreden, gemeinsam mit ihm zu kündigen. Aber das erschien ihm sofort schrecklich übertrieben. Er hatte sogar den Verdacht gegen sich selbst, dass er wegen der Ereignisse am Morgen die Wohnung wechseln wollte. Nichts wäre unsinniger gewesen, und vor allem nichts zweckloser und verächtlicher.

Als er nicht mehr auf die leere Straße hinaussehen mochte, öffnete er die Tür zum Vorzimmer ein wenig. So konnte er vom Sofa aus jeden sehen, der die Wohnung betrat. Dann legte er sich auf das Sofa. Bis etwa elf Uhr lag er ruhig da und rauchte eine Zigarre. Von da an hielt er es dort nicht mehr aus. Er ging ein wenig ins Vorzimmer, als könnte er dadurch Fräulein Bürstners Ankunft beschleunigen. Er hatte kein besonderes Verlangen nach ihr. Er konnte sich nicht einmal genau erinnern, wie sie aussah. Aber nun wollte er mit ihr reden. Es ärgerte ihn, dass sie durch ihr spätes Kommen auch noch Unruhe und Unordnung in das Ende dieses Tages brachte. Sie war auch schuld daran, dass er heute nicht zu Abend gegessen hatte. Und ihretwegen hatte er auch seinen Besuch bei Elsa nicht gemacht, den er für heute geplant hatte. Beides konnte er allerdings noch nachholen. Er brauchte nur jetzt in das Weinlokal zu gehen, in dem Elsa arbeitete. Das wollte er auch noch tun, später, nach dem Gespräch mit Fräulein Bürstner.

Es war nach halb zwölf, als jemand im Treppenhaus zu hören war. K. war in Gedanken laut im Vorzimmer auf und ab gegangen, als wäre es sein eigenes Zimmer. Jetzt flüchtete er hinter seine Tür. Es war Fräulein Bürstner. Sie fror, und während sie die Tür abschloss, zog sie einen seidenen Schal um ihre schmalen Schultern zusammen. Im nächsten Augenblick musste sie in ihr Zimmer gehen. Um Mitternacht durfte K. dort bestimmt nicht eindringen. Er musste sie also jetzt ansprechen. Aber unglücklicherweise hatte er vergessen, das elektrische Licht in seinem Zimmer anzumachen. Deshalb sah es wie ein Überfall aus, wenn er nun aus dem dunklen Zimmer trat. Es musste sie zumindest sehr erschrecken. Er war hilflos, und es war keine Zeit zu verlieren. Deshalb flüsterte er durch den Türspalt: „Fräulein Bürstner.“ Es klang wie eine Bitte, nicht wie ein Ruf.

„Ist jemand hier?“, fragte Fräulein Bürstner und sah sich mit großen Augen um.

„Ich bin es“, sagte K. und trat vor.

„Ach, Herr K.!“, sagte Fräulein Bürstner lächelnd. „Guten Abend.“ Und sie gab ihm die Hand.

„Ich wollte ein paar Worte mit Ihnen sprechen. Erlauben Sie mir das jetzt?“

„Jetzt?“, fragte Fräulein Bürstner. „Muss es jetzt sein? Das ist ein wenig sonderbar, nicht?“

„Ich warte seit neun Uhr auf Sie.“

„Nun ja, ich war im Theater, ich wusste doch nichts von Ihnen.“

„Der Anlass für das, was ich Ihnen sagen will, hat sich erst heute ergeben.“

„So. Nun, ich habe ja nichts Grundsätzliches dagegen, außer dass ich zum Umfallen müde bin. Also kommen Sie auf ein paar Minuten in mein Zimmer. Hier können wir uns auf keinen Fall unterhalten, wir wecken ja alle. Das wäre mir unseretwegen noch unangenehmer als wegen der Leute. Warten Sie hier, bis ich in meinem Zimmer Licht gemacht habe. Dann machen Sie hier das Licht aus.“

K. tat das. Dann wartete er aber noch, bis Fräulein Bürstner ihn aus ihrem Zimmer noch einmal leise rief.

„Setzen Sie sich“, sagte sie und zeigte auf das Sofa. Sie selbst blieb aufrecht am Bettpfosten stehen, trotz der Müdigkeit, von der sie gesprochen hatte. Nicht einmal ihren kleinen Hut legte sie ab, der mit sehr vielen Blumen geschmückt war. „Was wollten Sie also? Ich bin wirklich neugierig.“ Sie kreuzte leicht die Beine.

„Sie werden vielleicht sagen“, begann K., „dass die Sache nicht so dringend war, dass wir sie jetzt besprechen müssen, aber —“

„Einleitungen überhöre ich immer“, sagte Fräulein Bürstner.

„Das erleichtert meine Aufgabe“, sagte K. „Ihr Zimmer wurde heute früh ein wenig in Unordnung gebracht, gewissermaßen durch meine Schuld. Es waren fremde Leute, gegen meinen Willen, und doch, wie gesagt, durch meine Schuld. Dafür wollte ich um Entschuldigung bitten.“

„Mein Zimmer?“, fragte Fräulein Bürstner und sah statt des Zimmers K. prüfend an.

„Es ist so“, sagte K., und nun sahen beide einander zum ersten Mal in die Augen. „Die Art und Weise, wie es geschah, ist an sich kein Wort wert.“

„Aber das ist doch das eigentlich Interessante“, sagte Fräulein Bürstner.

„Nein“, sagte K.

„Nun“, sagte Fräulein Bürstner, „ich will mich nicht in Geheimnisse drängen. Wenn Sie darauf bestehen, dass es uninteressant ist, will ich nichts dagegen sagen. Die Entschuldigung, um die Sie bitten, gebe ich Ihnen gern. Besonders weil ich keine Spur von Unordnung finden kann.“ Mit den flachen Händen tief an den Hüften machte sie einen Rundgang durch das Zimmer. Bei der Matte mit den Fotos blieb sie stehen. „Sehen Sie doch“, rief sie, „meine Fotos sind wirklich durcheinander. Das ist aber hässlich. Also ist jemand ohne Recht in meinem Zimmer gewesen.“

K. nickte und verfluchte im Stillen den Beamten Kaminer, der seine öde, sinnlose Lebhaftigkeit nie beherrschen konnte.

„Es ist sonderbar“, sagte Fräulein Bürstner, „dass ich Ihnen etwas verbieten muss, was Sie sich selbst verbieten müssten. Nämlich in meiner Abwesenheit mein Zimmer zu betreten.“

„Ich habe Ihnen doch erklärt, Fräulein“, sagte K. und ging auch zu den Fotos. „Nicht ich habe Ihre Fotos angefasst. Aber da Sie mir nicht glauben, muss ich es also gestehen. Die Untersuchungskommission hat drei Bankbeamte mitgebracht. Einer von ihnen hat die Fotos wahrscheinlich in die Hand genommen. Ich werde ihn bei der nächsten Gelegenheit aus der Bank werfen.“ Das Fräulein sah ihn mit einem fragenden Blick an, und K. fügte hinzu: „Ja, es war eine Untersuchungskommission hier.“

„Ihretwegen?“, fragte das Fräulein.

„Ja“, antwortete K.

„Nein“, rief das Fräulein und lachte.

„Doch“, sagte K. „Glauben Sie denn, dass ich schuldlos bin?“

„Nun, schuldlos“, sagte das Fräulein. „Ich will nicht gleich ein Urteil aussprechen, das vielleicht schwere Folgen hat. Ich kenne Sie ja auch nicht. Immerhin, es muss doch schon ein schwerer Verbrecher sein, dem man gleich eine Untersuchungskommission schickt. Aber Sie sind ja frei. Aus Ihrer Ruhe schließe ich wenigstens, dass Sie nicht aus dem Gefängnis entlaufen sind. Also können Sie doch kein solches Verbrechen begangen haben.“

„Ja“, sagte K., „aber die Untersuchungskommission kann doch eingesehen haben, dass ich unschuldig bin. Oder doch nicht so schuldig, wie man angenommen hat.“

„Gewiss, das kann sein“, sagte Fräulein Bürstner sehr aufmerksam.

„Sehen Sie“, sagte K., „Sie haben nicht viel Erfahrung in Gerichtssachen.“

„Nein, das habe ich nicht“, sagte Fräulein Bürstner, „und das habe ich auch schon oft bedauert. Denn ich möchte alles wissen, und gerade Gerichtssachen interessieren mich sehr. Das Gericht hat eine eigentümliche Anziehungskraft, nicht? Aber ich werde auf diesem Gebiet sicher mehr lernen. Denn nächsten Monat fange ich als Kanzleikraft in einem Advokatenbüro an.“

„Das ist sehr gut“, sagte K. „Dann können Sie mir in meinem Prozess ein wenig helfen.“

„Das könnte sein“, sagte Fräulein Bürstner. „Warum denn nicht? Ich verwende gern meine Kenntnisse.“

„Ich meine es auch im Ernst“, sagte K., „oder zumindest im halben Ernst, so wie Sie es meinen. Für einen Advokaten ist die Sache doch zu klein. Aber einen Ratgeber könnte ich gut brauchen.“

„Ja, aber wenn ich Ratgeber sein soll, müsste ich wissen, worum es geht“, sagte Fräulein Bürstner.

„Das ist eben das Problem“, sagte K., „das weiß ich selbst nicht.“

„Dann haben Sie sich also einen Spaß mit mir gemacht“, sagte Fräulein Bürstner übertrieben enttäuscht. „Es war wirklich unnötig, sich dafür diese späte Nachtzeit auszusuchen.“ Und sie ging von den Fotos weg, wo sie so lange zusammen gestanden hatten.

„Aber, mein Fräulein“, sagte K., „ich mache keinen Spaß. Warum wollen Sie mir nicht glauben! Was ich weiß, habe ich Ihnen schon gesagt. Sogar mehr, als ich weiß. Denn es war gar keine Untersuchungskommission. Ich nenne es nur so, weil ich keinen anderen Namen dafür weiß. Es wurde gar nichts untersucht. Ich wurde nur verhaftet, aber von einer Kommission.“

Fräulein Bürstner saß auf dem Sofa und lachte wieder. „Wie war es denn?“, fragte sie.

„Schrecklich“, sagte K. Aber er dachte jetzt gar nicht daran. Der Anblick von Fräulein Bürstner hatte ihn ganz ergriffen. Sie stützte das Gesicht auf eine Hand, der Ellbogen ruhte auf dem Kissen des Sofas. Die andere Hand strich langsam über ihre Hüfte.

„Das ist zu allgemein“, sagte Fräulein Bürstner.

„Was ist zu allgemein?“, fragte K. Dann erinnerte er sich und fragte: „Soll ich Ihnen zeigen, wie es gewesen ist?“ Er wollte sich bewegen und doch nicht weggehen.

„Ich bin schon müde“, sagte Fräulein Bürstner.

„Sie kamen so spät“, sagte K.

„Nun endet es damit, dass ich Vorwürfe bekomme. Das ist auch berechtigt, denn ich hätte Sie nicht mehr hereinlassen sollen. Es war ja auch nicht notwendig, wie sich gezeigt hat.“

„Es war notwendig, das werden Sie erst jetzt sehen“, sagte K. „Darf ich das Nachttischchen von Ihrem Bett wegrücken?“

„Was fällt Ihnen ein?“, sagte Fräulein Bürstner. „Das dürfen Sie natürlich nicht!“

„Dann kann ich es Ihnen nicht zeigen“, sagte K. aufgeregt, als würde man ihm damit einen riesigen Schaden zufügen.

„Ja, wenn Sie es für die Darstellung brauchen, dann rücken Sie das Tischchen ruhig weg“, sagte Fräulein Bürstner. Nach einem Weilchen fügte sie mit schwächerer Stimme hinzu: „Ich bin so müde, dass ich mehr erlaube, als gut ist.“

K. stellte das Tischchen in die Mitte des Zimmers und setzte sich dahinter. „Sie müssen sich richtig vorstellen, wo die Personen waren, das ist sehr interessant. Ich bin der Aufseher. Dort auf dem Koffer sitzen zwei Wächter. Bei den Fotos stehen drei junge Leute. An der Fensterklinke hängt, was ich nur nebenbei erwähne, eine weiße Bluse. Und jetzt fängt es an. Ach, ich vergesse mich selbst. Die wichtigste Person, also ich, steht hier vor dem Tischchen. Der Aufseher sitzt äußerst bequem da. Er hat die Beine übereinandergeschlagen, der Arm hängt hier über die Lehne hinunter. Ein Lümmel, wie es keinen zweiten gibt. Und jetzt fängt es also wirklich an. Der Aufseher ruft, als ob er mich wecken müsste. Er schreit geradezu. Damit Sie es verstehen, muss ich leider auch schreien. Es ist übrigens nur mein Name, den er so schreit.“

Fräulein Bürstner hörte lachend zu. Sie legte den Zeigefinger an den Mund, um K. am Schreien zu hindern. Aber es war zu spät. K. war zu sehr in der Rolle. Er rief langsam: „Josef K.“ Das war übrigens nicht so laut, wie er gedroht hatte. Aber doch so, dass sich der Ruf, der plötzlich herausgekommen war, erst allmählich im Zimmer zu verbreiten schien.

Da klopfte es an die Tür des Nebenzimmers, einige Male, stark, kurz und regelmäßig. Fräulein Bürstner wurde blass und legte die Hand aufs Herz. K. erschrak besonders stark. Denn noch ein Weilchen konnte er an nichts anderes denken als an die Ereignisse des Morgens. Und an das Mädchen, dem er sie vorspielte. Kaum war er wieder ruhig, sprang er zu Fräulein Bürstner und nahm ihre Hand.

„Fürchten Sie nichts“, flüsterte er, „ich werde alles in Ordnung bringen. Aber wer kann das sein? Hier nebenan ist doch nur das Wohnzimmer, und da schläft niemand.“

„Doch“, flüsterte Fräulein Bürstner an K.s Ohr, „seit gestern schläft hier ein Neffe von Frau Grubach, ein Hauptmann. Es ist gerade kein anderes Zimmer frei. Auch ich habe nicht mehr daran gedacht. Dass Sie so schreien mussten! Ich bin darüber unglücklich.“

„Dazu gibt es gar keinen Grund“, sagte K. Als sie jetzt auf das Kissen zurücksank, küsste er ihre Stirn.

„Weg, weg“, sagte sie und richtete sich schnell wieder auf. „Gehen Sie doch, gehen Sie doch, was wollen Sie? Er horcht doch an der Tür, er hört doch alles. Wie Sie mich quälen!“

„Ich gehe nicht, bevor Sie ein wenig ruhiger sind“, sagte K. „Kommen Sie in die andere Ecke des Zimmers, dort kann er uns nicht hören.“

Sie ließ sich dorthin führen.

„Sie denken nicht daran“, sagte er, „dass es für Sie zwar unangenehm ist, aber durchaus nicht gefährlich. Frau Grubach entscheidet in dieser Sache, besonders weil der Hauptmann ihr Neffe ist. Und Sie wissen, wie sehr sie mich verehrt. Alles, was ich sage, glaubt sie unbedingt. Sie ist auch sonst von mir abhängig, denn sie hat eine größere Summe von mir geliehen. Schlagen Sie eine Erklärung für unser Zusammensein vor. Ich nehme jeden Vorschlag an, wenn er nur ein wenig passt. Und ich verspreche Ihnen, dass ich Frau Grubach dazu bringe, diese Erklärung zu glauben. Sie wird sie nicht nur vor den Leuten glauben, sondern wirklich und ehrlich. Mich müssen Sie dabei in keiner Weise schonen. Wollen Sie verbreiten, dass ich Sie überfallen habe? Dann wird Frau Grubach das erfahren und es glauben. Sie wird trotzdem nicht das Vertrauen zu mir verlieren, so sehr hängt sie an mir.“

Fräulein Bürstner sah still und ein wenig zusammengesunken vor sich auf den Boden.

„Warum sollte Frau Grubach nicht glauben, dass ich Sie überfallen habe?“, fügte K. hinzu. Vor sich sah er ihr Haar, rötliches Haar, gescheitelt, niedrig gebauscht und fest zusammengehalten. Er glaubte, sie werde ihn ansehen. Aber sie sagte, ohne ihre Haltung zu ändern: „Verzeihen Sie, ich bin durch das plötzliche Klopfen erschrocken. Nicht so sehr durch die Folgen, die die Anwesenheit des Hauptmanns haben könnte. Es war so still nach Ihrem Schrei, und dann klopfte es, deshalb bin ich so erschrocken. Ich saß auch nahe an der Tür, es klopfte fast neben mir. Für Ihre Vorschläge danke ich, aber ich nehme sie nicht an. Ich kann für alles, was in meinem Zimmer geschieht, die Verantwortung tragen, und zwar gegenüber jedem. Ich wundere mich, dass Sie nicht merken, was für eine Beleidigung für mich in Ihren Vorschlägen liegt. Neben den guten Absichten natürlich, die ich gewiss anerkenne. Aber nun gehen Sie, lassen Sie mich allein. Ich brauche das jetzt noch mehr als vorher. Aus den paar Minuten, um die Sie gebeten haben, ist nun eine halbe Stunde und mehr geworden.“

K. fasste sie an der Hand und dann am Handgelenk. „Aber Sie sind mir nicht böse?“, sagte er.

Sie streifte seine Hand ab und antwortete: „Nein, nein, ich bin niemals und niemandem böse.“

Er griff wieder nach ihrem Handgelenk. Das ließ sie jetzt zu und führte ihn so zur Tür. Er war fest entschlossen wegzugehen. Aber vor der Tür blieb er stehen, als hätte er nicht erwartet, hier eine Tür zu finden. Diesen Augenblick nutzte Fräulein Bürstner. Sie machte sich los, öffnete die Tür und schlüpfte ins Vorzimmer. Von dort sagte sie leise zu K.: „Nun kommen Sie doch, bitte. Sehen Sie.“ Sie zeigte auf die Tür des Hauptmanns, unter der Licht hervorkam. „Er hat Licht gemacht und unterhält sich über uns.“

„Ich komme schon“, sagte K. Er lief vor, fasste sie und küsste sie auf den Mund und dann über das ganze Gesicht. Er tat es wie ein durstiges Tier, das mit der Zunge über das endlich gefundene Quellwasser jagt. Schließlich küsste er sie auf den Hals, dort, wo die Kehle ist. Dort ließ er die Lippen lange liegen. Ein Geräusch aus dem Zimmer des Hauptmanns ließ ihn aufschauen.

„Jetzt werde ich gehen“, sagte er. Er wollte Fräulein Bürstner beim Vornamen nennen, aber er kannte ihn nicht. Sie nickte müde und ließ ihm die Hand zum Küssen. Dabei hatte sie sich schon halb abgewendet, als wüsste sie nichts davon. Dann ging sie gebückt in ihr Zimmer. Kurz darauf lag K. in seinem Bett. Er schlief sehr bald ein. Vor dem Einschlafen dachte er noch ein Weilchen über sein Verhalten nach. Er war damit zufrieden, wunderte sich aber, dass er nicht noch zufriedener war. Wegen des Hauptmanns machte er sich ernste Sorgen um Fräulein Bürstner.

### Glossar

- **verleumdet**: über jemanden wurden schlechte, falsche Dinge erzählt.
- **das Depot**: ein Ort, an dem Sachen aufbewahrt werden.
- **die Bestechung**: jemand bekommt heimlich Geld, damit er etwas Verbotenes tut.
- **der Haftbefehl**: ein offizielles Papier, das eine Verhaftung anordnet.
- **die Hauptverhandlung**: der wichtigste Termin in einem Prozess.
- **das Vorzimmer**: ein kleiner Raum direkt hinter der Wohnungstür.
- **der Aufseher**: ein Beamter, der Wächter führt und kontrolliert.
- **die Matte**: eine flache, weiche Unterlage; hier hängt sie an der Wand.
- **die Geistesgegenwart**: man reagiert in einem wichtigen Moment schnell und richtig.
- **der Stammtisch**: ein Tisch in einem Lokal, an dem sich dieselben Gäste regelmäßig treffen.
- **die Weinstube**: ein kleines Lokal, in dem man Wein trinkt.
- **die Pension**: eine Wohnung oder ein Haus, wo man ein Zimmer mietet und oft auch isst.
- **geistesgegenwärtig**: man reagiert in einem wichtigen Moment schnell und richtig.
- **kündigen**: sagen, dass ein Vertrag endet, zum Beispiel für eine Wohnung.
- **die Untersuchungskommission**: eine Gruppe von Personen, die eine Sache prüfen soll.
- **die Kanzleikraft**: eine Frau, die in einem Büro schreibt und Papiere ordnet.
- **das Advokatenbüro**: das Büro eines Advokaten; Advokat ist ein altes Wort für Anwalt.
- **der Lümmel**: ein frecher Mann mit schlechtem Benehmen.

## Erste Untersuchung

K. war telefonisch informiert worden: Am nächsten Sonntag sollte eine kleine Untersuchung in seiner Sache stattfinden. Man machte ihn darauf aufmerksam, dass diese Untersuchungen nun regelmäßig folgen würden. Vielleicht nicht jede Woche, aber doch ziemlich oft. Einerseits liege es im allgemeinen Interesse, den Prozess schnell zu beenden. Andererseits müssten die Untersuchungen in jeder Hinsicht gründlich sein. Sie dürften aber wegen der Anstrengung nie zu lange dauern. Deshalb habe man diesen Ausweg gewählt: schnell aufeinanderfolgende, aber kurze Untersuchungen. Den Sonntag habe man als Untersuchungstag bestimmt, um K. nicht bei seiner Arbeit zu stören. Man setze voraus, dass er damit einverstanden sei. Wenn er einen anderen Termin wünsche, werde man ihm entgegenkommen, so gut es gehe. Die Untersuchungen seien zum Beispiel auch in der Nacht möglich, aber dann sei K. wohl nicht frisch genug. Jedenfalls bleibe es beim Sonntag, solange K. nichts dagegen sage. Es sei selbstverständlich, dass er unbedingt erscheinen müsse. Darauf müsse man ihn wohl nicht erst aufmerksam machen. Man nannte ihm die Nummer des Hauses, in das er kommen sollte. Es war ein Haus in einer entfernten Straße in der Vorstadt, in der K. noch nie gewesen war.

Als K. diese Nachricht bekommen hatte, hängte er den Hörer ein, ohne zu antworten. Er hatte sofort beschlossen, am Sonntag hinzugehen. Es war sicher notwendig. Der Prozess kam in Gang, und er musste sich dagegenstellen. Diese erste Untersuchung sollte auch die letzte sein. Er stand noch nachdenklich beim Apparat, da hörte er hinter sich die Stimme des Direktor-Stellvertreters. Dieser wollte telefonieren, aber K. stand ihm im Weg.

„Schlechte Nachrichten?“, fragte der Direktor-Stellvertreter leichthin. Er wollte nichts erfahren. Er wollte nur K. vom Apparat wegbringen.

„Nein, nein“, sagte K., trat zur Seite, ging aber nicht weg.

Der Direktor-Stellvertreter nahm den Hörer. Während er auf die Verbindung wartete, sagte er über den Hörer hinweg: „Eine Frage, Herr K.? Möchten Sie mir am Sonntagmorgen das Vergnügen machen und zu einer Fahrt auf meinem Segelboot mitkommen. Es wird eine größere Gesellschaft sein, sicher sind auch Bekannte von Ihnen dabei. Unter anderem Staatsanwalt Hasterer. Wollen Sie kommen? Kommen Sie doch!“

K. versuchte, auf die Worte des Direktor-Stellvertreters zu achten. Sie waren nicht unwichtig für ihn. Denn er hatte sich mit dem Direktor-Stellvertreter nie sehr gut verstanden. Diese Einladung war also ein Versuch, sich mit ihm zu versöhnen. Sie zeigte, wie wichtig K. in der Bank geworden war. Sie zeigte auch, wie wertvoll seine Freundschaft dem zweithöchsten Beamten der Bank erschien, oder wenigstens seine Neutralität. Diese Einladung war eine Demütigung für den Direktor-Stellvertreter. Daran änderte es nichts, dass er sie nur beim Warten auf die Verbindung über den Hörer hinweg gesagt hatte. Aber K. musste eine zweite Demütigung folgen lassen. Er sagte: „Vielen Dank! Aber ich habe am Sonntag leider keine Zeit, ich habe schon eine Verpflichtung.“

„Schade“, sagte der Direktor-Stellvertreter und wandte sich dem Telefongespräch zu, denn die Verbindung war gerade hergestellt. Es war kein kurzes Gespräch. Aber K. war so zerstreut, dass er die ganze Zeit neben dem Apparat stehen blieb. Erst als der Direktor-Stellvertreter auflegte, erschrak er. Um sein nutzloses Herumstehen wenigstens ein wenig zu entschuldigen, sagte er: „Ich bin gerade angerufen worden. Ich soll irgendwohin kommen, aber man hat vergessen, mir zu sagen, um wie viel Uhr.“

„Fragen Sie doch noch einmal nach“, sagte der Direktor-Stellvertreter.

„Es ist nicht so wichtig“, sagte K., obwohl seine schon vorher schwache Entschuldigung dadurch noch schlechter wurde. Der Direktor-Stellvertreter sprach noch im Weggehen über andere Dinge. K. zwang sich auch zu antworten. Aber er dachte hauptsächlich daran, dass es am besten sei, am Sonntag um neun Uhr vormittags hinzukommen. Denn um diese Zeit fangen an Werktagen alle Gerichte an zu arbeiten.

Am Sonntag war das Wetter trüb. K. war sehr müde, denn er war wegen einer Feier am Stammtisch bis spät in die Nacht im Gasthaus geblieben. Er hätte fast verschlafen. Er hatte keine Zeit zum Nachdenken. Er konnte auch die verschiedenen Pläne nicht ordnen, die er sich während der Woche ausgedacht hatte. Eilig zog er sich an und lief ohne Frühstück in die Vorstadt, die man ihm genannt hatte. Er hatte wenig Zeit, sich umzusehen. Trotzdem traf er seltsamerweise die drei Beamten, die mit seiner Sache zu tun hatten: Rabensteiner, Kullich und Kaminer. Die ersten beiden fuhren in einer Straßenbahn quer über K.s Weg. Kaminer saß auf der Terrasse eines Kaffeehauses und beugte sich gerade neugierig über das Geländer, als K. vorbeikam. Alle sahen ihm wohl nach und wunderten sich, wie ihr Vorgesetzter lief. Es war eine Art Trotz, der K. davon abgehalten hatte zu fahren. Er hasste in dieser seiner Sache jede fremde Hilfe, auch die kleinste. Er wollte auch niemanden um etwas bitten und dadurch auch nur ein wenig einweihen. Und schließlich hatte er nicht die geringste Lust, sich vor der Untersuchungskommission durch zu große Pünktlichkeit zu erniedrigen. Trotzdem lief er jetzt, um möglichst um neun Uhr dort zu sein. Dabei hatte man ihn gar nicht für eine bestimmte Uhrzeit bestellt.

Er hatte gedacht, er würde das Haus schon von Weitem erkennen. Vielleicht an irgendeinem Zeichen, das er sich selbst nicht genau vorgestellt hatte, oder an einer besonderen Bewegung vor dem Eingang. Aber so war es nicht. Das Haus sollte in der Juliusstraße sein, und K. blieb an ihrem Anfang einen Augenblick stehen. Auf beiden Seiten standen fast gleiche Häuser: hohe, graue Miethäuser, in denen arme Leute wohnten. Jetzt, am Sonntagmorgen, waren die meisten Fenster besetzt. Männer in Hemdsärmeln lehnten dort und rauchten oder hielten kleine Kinder vorsichtig und zärtlich an den Fensterrand. Andere Fenster waren hoch mit Bettzeug gefüllt, und darüber erschien kurz der zerzauste Kopf einer Frau. Die Leute riefen einander über die Straße etwas zu. Ein solcher Zuruf löste gerade über K. ein großes Gelächter aus. In regelmäßigen Abständen gab es in der langen Straße kleine Läden mit verschiedenen Lebensmitteln. Sie lagen tiefer als die Straße, und man erreichte sie über ein paar Stufen. Dort gingen Frauen ein und aus oder standen auf den Stufen und plauderten. Ein Obsthändler pries seine Waren zu den Fenstern hinauf. Er war genauso unaufmerksam wie K. und hätte ihn mit seinem Karren fast umgeworfen. Gerade begann ein Grammofon zu spielen, das in besseren Stadtvierteln ausgedient hatte. Es spielte mörderisch.

K. ging tiefer in die Straße hinein. Er ging langsam, als hätte er jetzt schon Zeit. Oder als sähe ihn der Untersuchungsrichter aus irgendeinem Fenster und wüsste also, dass K. gekommen war. Es war kurz nach neun Uhr. Das Haus lag ziemlich weit hinten. Es war fast ungewöhnlich groß, besonders die Toreinfahrt war hoch und weit. Sie war offenbar für Lastkarren gedacht, die zu den verschiedenen Warenlagern gehörten. Diese Lager lagen jetzt verschlossen um den großen Hof. Auf ihnen standen die Namen von Firmen, von denen K. einige aus dem Bankgeschäft kannte. Gegen seine sonstige Gewohnheit beschäftigte er sich genauer mit all diesen äußeren Dingen. Er blieb auch ein wenig am Eingang des Hofes stehen. In seiner Nähe saß ein barfüßiger Mann auf einer Kiste und las eine Zeitung. Auf einem Handkarren schaukelten zwei Jungen. Vor einer Pumpe stand ein schwaches junges Mädchen in einer Nachtjacke. Während das Wasser in ihre Kanne strömte, blickte sie zu K. hinüber. In einer Ecke des Hofes spannte man zwischen zwei Fenstern ein Seil, an dem die Wäsche zum Trocknen schon hing. Ein Mann stand unten und leitete die Arbeit mit ein paar Zurufen.

K. ging zur Treppe, um zum Untersuchungszimmer zu kommen. Aber dann blieb er wieder stehen. Denn außer dieser Treppe sah er im Hof noch drei andere Treppenaufgänge. Außerdem schien ein kleiner Durchgang am Ende des Hofes in einen zweiten Hof zu führen. Er ärgerte sich, dass man ihm nicht genauer gesagt hatte, wo das Zimmer lag. Man behandelte ihn wirklich mit einer seltsamen Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit. Er hatte vor, das sehr laut und deutlich festzustellen. Schließlich stieg er doch die erste Treppe hinauf. Dabei spielte er in Gedanken mit einem Satz des Wächters Willem: Das Gericht werde von der Schuld angezogen. Daraus folgte eigentlich, dass das Untersuchungszimmer an der Treppe liegen musste, die K. zufällig wählte.

Beim Hinaufgehen störte er viele Kinder, die auf der Treppe spielten. Wenn er durch ihre Reihe ging, sahen sie ihn böse an. „Wenn ich wieder einmal herkommen sollte“, sagte er sich, „muss ich etwas mitbringen. Entweder Süßigkeiten, um sie zu gewinnen, oder den Stock, um sie zu schlagen.“ Kurz vor dem ersten Stock musste er sogar ein Weilchen warten, bis eine Spielkugel ihren Weg beendet hatte. Zwei kleine Jungen mit den verzwickten Gesichtern erwachsener Gauner hielten ihn währenddessen an der Hose fest. Hätte er sie abschütteln wollen, hätte er ihnen wehtun müssen. Und er fürchtete ihr Geschrei.

Im ersten Stock begann die eigentliche Suche. Er konnte ja nicht nach der Untersuchungskommission fragen. Deshalb erfand er einen Tischler Lanz. Der Name fiel ihm ein, weil der Hauptmann, der Neffe von Frau Grubach, so hieß. Nun wollte er in allen Wohnungen fragen, ob hier ein Tischler Lanz wohne. So konnte er in die Zimmer hineinsehen. Es zeigte sich aber, dass das meistens ohne Weiteres möglich war. Denn fast alle Türen standen offen, und die Kinder liefen ein und aus. Meistens waren es kleine Zimmer mit einem Fenster, in denen auch gekocht wurde. Manche Frauen hielten Babys im Arm und arbeiteten mit der freien Hand am Herd. Halbwüchsige Mädchen, die anscheinend nur Schürzen trugen, liefen am fleißigsten hin und her. In allen Zimmern waren die Betten noch benutzt. Dort lagen Kranke oder Leute, die noch schliefen, oder Leute, die sich in ihren Kleidern ausstreckten. An den Wohnungen mit geschlossenen Türen klopfte K. und fragte, ob hier ein Tischler Lanz wohne. Meistens öffnete eine Frau, hörte die Frage an und wandte sich ins Zimmer zu jemandem, der aus dem Bett aufstand.

„Der Herr fragt, ob ein Tischler Lanz hier wohnt.“

„Tischler Lanz?“, fragte jemand aus dem Bett.

„Ja“, sagte K., obwohl die Untersuchungskommission ganz sicher nicht hier war und seine Aufgabe damit beendet war.

Viele glaubten, es sei K. sehr wichtig, den Tischler Lanz zu finden. Sie dachten lange nach. Sie nannten einen Tischler, der aber nicht Lanz hieß, oder einen Namen, der nur ganz entfernt wie Lanz klang. Oder sie fragten bei den Nachbarn. Oder sie begleiteten K. zu einer weit entfernten Tür. Dort wohne vielleicht so ein Mann zur Untermiete, meinten sie, oder dort sei jemand, der besser Auskunft geben könne. Schließlich musste K. kaum noch selbst fragen, sondern wurde auf diese Weise durch die Stockwerke gezogen. Er bedauerte seinen Plan, der ihm zuerst so praktisch vorgekommen war. Vor dem fünften Stock beschloss er, die Suche aufzugeben. Er verabschiedete sich von einem freundlichen jungen Arbeiter, der ihn weiter hinaufführen wollte, und ging hinunter. Aber dann ärgerte ihn wieder, wie nutzlos das ganze Unternehmen war. Er ging noch einmal zurück und klopfte an die erste Tür im fünften Stock. Das Erste, was er in dem kleinen Zimmer sah, war eine große Wanduhr, die schon zehn Uhr zeigte.

„Wohnt ein Tischler Lanz hier?“, fragte er.

„Bitte“, sagte eine junge Frau mit schwarzen, leuchtenden Augen, die gerade in einem Kübel Kinderwäsche wusch. Sie zeigte mit der nassen Hand auf die offene Tür des Nebenzimmers.

K. glaubte, in eine Versammlung zu kommen. Ein Gedränge von ganz verschiedenen Leuten füllte ein mittelgroßes Zimmer mit zwei Fenstern. Niemand kümmerte sich um den Neuen. Das Zimmer war knapp unter der Decke von einer Galerie umgeben. Auch diese war ganz voll. Die Leute dort konnten nur gebückt stehen und stießen mit Kopf und Rücken an die Decke. Die Luft war K. zu dumpf. Er ging wieder hinaus und sprach mit der jungen Frau, die ihn wahrscheinlich falsch verstanden hatte. „Ich habe nach einem Tischler gefragt, nach einem gewissen Lanz?“, sagte er.

„Ja“, sagte die Frau, „gehen Sie bitte hinein.“

K. wäre ihr vielleicht nicht gefolgt. Aber die Frau ging auf ihn zu und griff nach der Türklinke. „Nach Ihnen muss ich schließen“, sagte sie, „es darf niemand mehr hinein.“

„Sehr vernünftig“, sagte K., „aber es ist jetzt schon zu voll.“ Dann ging er aber doch wieder hinein.

Unmittelbar bei der Tür unterhielten sich zwei Männer. Der eine machte mit beiden weit ausgestreckten Händen die Bewegung des Geldzählens. Der andere sah ihm scharf in die Augen. Zwischen diesen beiden Männern hindurch griff eine Hand nach K. Es war ein kleiner Junge mit roten Wangen.

„Kommen Sie, kommen Sie“, sagte er.

K. ließ sich von ihm führen. Es zeigte sich, dass in dem wimmelnden Gedränge doch ein schmaler Weg frei war. Vielleicht trennte er zwei Parteien. Dafür sprach auch, dass K. in den ersten Reihen rechts und links kaum ein Gesicht sah, das ihm zugewandt war. Er sah nur die Rücken von Leuten, die ihre Reden und Bewegungen nur an Leute ihrer eigenen Partei richteten. Die meisten waren schwarz angezogen, in alten, langen, lose hängenden Festtagsjacken. Nur diese Kleidung verwirrte K. Sonst hätte er das Ganze für eine politische Versammlung im Stadtbezirk gehalten.

Am anderen Ende des Saals, zu dem K. geführt wurde, war ein sehr niedriges Podium, das ebenfalls überfüllt war. Darauf stand quer ein kleiner Tisch. Hinter ihm, nah am Rand des Podiums, saß ein kleiner, dicker Mann, der schnaufte. Er unterhielt sich gerade unter großem Gelächter mit einem Mann, der hinter ihm stand. Dieser hatte den Ellbogen auf die Stuhllehne gestützt und die Beine gekreuzt. Manchmal warf der dicke Mann den Arm in die Luft, als machte er jemanden lächerlich nach. Der Junge, der K. führte, hatte Mühe, seine Meldung zu machen. Zweimal hatte er schon auf den Zehenspitzen versucht, etwas zu sagen, aber der Mann oben hatte ihn nicht beachtet. Erst als jemand oben auf dem Podium auf den Jungen aufmerksam machte, wandte sich der Mann ihm zu. Er beugte sich hinunter und hörte seinen leisen Bericht an. Dann zog er seine Uhr und sah schnell zu K. hin.

„Sie hätten vor einer Stunde und fünf Minuten erscheinen sollen“, sagte er.

K. wollte etwas antworten, aber er hatte keine Zeit dazu. Denn kaum hatte der Mann zu Ende gesprochen, erhob sich in der rechten Saalhälfte ein allgemeines Murren.

„Sie hätten vor einer Stunde und fünf Minuten erscheinen sollen“, wiederholte der Mann nun mit lauterer Stimme. Dabei sah er schnell in den Saal hinunter. Sofort wurde auch das Murren stärker. Da der Mann nichts mehr sagte, verlor es sich nur langsam. Jetzt war es im Saal viel stiller als bei K.s Eintritt. Nur die Leute auf der Galerie hörten nicht auf, ihre Bemerkungen zu machen. Oben im Halbdunkel, im Dunst und Staub, konnte man nicht viel erkennen. Aber sie schienen schlechter angezogen zu sein als die Leute unten. Manche hatten Kissen mitgebracht und zwischen den Kopf und die Decke gelegt, damit sie sich nicht wund drückten.

K. hatte beschlossen, mehr zu beobachten als zu reden. Deshalb verteidigte er sich nicht gegen den Vorwurf, zu spät gekommen zu sein. Er sagte nur: „Vielleicht bin ich zu spät gekommen, aber jetzt bin ich hier.“ Beifall folgte, wieder aus der rechten Saalhälfte. „Leicht zu gewinnende Leute“, dachte K. Gestört wurde er nur durch die Stille in der linken Saalhälfte, die gerade hinter ihm lag. Von dort war nur ganz vereinzeltes Klatschen gekommen. Er überlegte, was er sagen könnte, um alle auf einmal zu gewinnen. Oder, wenn das nicht möglich war, wenigstens für eine Zeit auch die anderen.

„Ja“, sagte der Mann, „aber ich bin nicht mehr verpflichtet, Sie jetzt zu verhören.“ Wieder gab es Murren, diesmal aber aus einem Missverständnis. Denn der Mann winkte den Leuten mit der Hand ab und fuhr fort: „Ich will es aber ausnahmsweise heute noch tun. Eine solche Verspätung darf sich aber nicht wiederholen. Und nun treten Sie vor!“

Irgendjemand sprang vom Podium herunter, sodass für K. ein Platz frei wurde. Er stieg hinauf. Er stand eng an den Tisch gedrückt. Das Gedränge hinter ihm war so groß, dass er dagegen ankämpfen musste. Sonst hätte er den Tisch des Untersuchungsrichters und vielleicht auch diesen selbst vom Podium gestoßen.

Der Untersuchungsrichter kümmerte sich aber nicht darum. Er saß ganz bequem auf seinem Stuhl. Er sagte dem Mann hinter ihm noch ein letztes Wort. Dann griff er nach einem kleinen Notizbuch, dem einzigen Gegenstand auf seinem Tisch. Es sah aus wie ein Schulheft, war alt und durch vieles Blättern ganz aus der Form geraten.

„Also“, sagte der Untersuchungsrichter. Er blätterte in dem Heft und sagte im Ton einer Feststellung zu K.: „Sie sind Zimmermaler?“

„Nein“, sagte K., „sondern erster Prokurist einer großen Bank.“

Auf diese Antwort folgte bei der rechten Partei ein Gelächter. Es war so herzlich, dass K. mitlachen musste. Die Leute stützten sich mit den Händen auf die Knie und schüttelten sich wie bei schweren Hustenanfällen. Sogar einige auf der Galerie lachten. Der Untersuchungsrichter war ganz böse geworden. Gegen die Leute unten war er wahrscheinlich machtlos. Deshalb ließ er seinen Zorn an der Galerie aus. Er sprang auf und drohte der Galerie. Seine Augenbrauen, die sonst kaum auffielen, drängten sich buschig, schwarz und groß über seinen Augen.

Die linke Saalhälfte aber war immer noch still. Die Leute standen dort in Reihen und hatten ihre Gesichter dem Podium zugewandt. Sie hörten die Worte oben genauso ruhig an wie den Lärm der anderen Partei. Sie duldeten sogar, dass einzelne aus ihren Reihen hier und da mit der anderen Partei zusammen handelten. Die linke Partei war übrigens kleiner. Ihre Leute waren im Grunde vielleicht genauso unbedeutend wie die der rechten Partei. Aber durch ihr ruhiges Verhalten wirkten sie bedeutender. Als K. jetzt zu reden begann, war er überzeugt, dass er in ihrem Sinn sprach.

„Herr Untersuchungsrichter, Sie haben gefragt, ob ich Zimmermaler bin. Genauer gesagt, Sie haben gar nicht gefragt, sondern es mir einfach ins Gesicht gesagt. Das ist typisch für die ganze Art des Verfahrens, das gegen mich geführt wird. Sie können einwenden, dass es überhaupt kein Verfahren ist. Da haben Sie ganz recht, denn es ist nur ein Verfahren, wenn ich es als solches anerkenne. Aber ich erkenne es also für den Augenblick an, sozusagen aus Mitleid. Man kann ihm nur mit Mitleid begegnen, wenn man es überhaupt beachten will. Ich sage nicht, dass es ein schlampiges Verfahren ist. Aber ich möchte Ihnen dieses Wort anbieten, damit Sie sich selbst erkennen.“

K. unterbrach sich und sah in den Saal hinunter. Was er gesagt hatte, war scharf, schärfer als er es gewollt hatte, aber doch richtig. Es hätte Beifall hier oder dort verdient. Aber alles war still. Man wartete offenbar gespannt auf das Folgende. Vielleicht bereitete sich in der Stille ein Ausbruch vor, der allem ein Ende machen würde. Störend war, dass sich jetzt die Tür am Ende des Saals öffnete. Die junge Wäscherin, die wahrscheinlich mit ihrer Arbeit fertig war, kam herein. Trotz aller Vorsicht zog sie einige Blicke auf sich. Nur der Untersuchungsrichter machte K. direkt Freude, denn K.s Worte schienen ihn sofort getroffen zu haben. Er hatte bis jetzt im Stehen zugehört. Denn er war wegen der Galerie aufgestanden, und dann hatte ihn K.s Rede überrascht. Jetzt, in der Pause, setzte er sich langsam, als sollte es niemand bemerken. Wahrscheinlich um sein Gesicht zu beruhigen, nahm er wieder das Heftchen vor.

„Es hilft nichts“, fuhr K. fort, „auch Ihr Heftchen, Herr Untersuchungsrichter, bestätigt, was ich sage.“ K. war zufrieden, nur seine eigenen ruhigen Worte in der fremden Versammlung zu hören. Er wagte es sogar, dem Untersuchungsrichter das Heft einfach wegzunehmen. Mit den Fingerspitzen hob er es an einem mittleren Blatt hoch, als hätte er Angst davor. Auf beiden Seiten hingen die eng beschriebenen, fleckigen Blätter mit den gelben Rändern herunter.

„Das sind die Akten des Untersuchungsrichters“, sagte er und ließ das Heft auf den Tisch fallen. „Lesen Sie ruhig weiter darin, Herr Untersuchungsrichter. Vor diesem Schuldbuch habe ich wirklich keine Angst, obwohl es mir nicht zugänglich ist. Denn ich kann es nur mit zwei Fingerspitzen anfassen und nicht in die Hand nehmen.“

Der Untersuchungsrichter griff nach dem Heftchen, so wie es auf den Tisch gefallen war. Er versuchte, es ein wenig in Ordnung zu bringen, und las wieder darin. Das konnte nur ein Zeichen tiefer Demütigung sein, oder man musste es zumindest so verstehen.

Die Gesichter in der ersten Reihe waren so gespannt auf K. gerichtet, dass er ein Weilchen zu ihnen hinuntersah. Es waren lauter ältere Männer, einige hatten weiße Bärte. Waren vielleicht sie die Entscheidenden, die die ganze Versammlung beeinflussen konnten. Auch die Demütigung des Untersuchungsrichters hatte die Versammlung nicht aus ihrer Bewegungslosigkeit gebracht. In diese war sie seit K.s Rede versunken.

„Was mir geschehen ist“, fuhr K. fort, etwas leiser als vorher. Er suchte immer wieder die Gesichter der ersten Reihe ab, und das gab seiner Rede etwas Unruhiges. „Was mir geschehen ist, ist nur ein einzelner Fall. Als solcher ist er nicht sehr wichtig, denn ich nehme ihn nicht sehr schwer. Aber er ist das Zeichen eines Verfahrens, wie man es gegen viele anwendet. Für diese stehe ich hier, nicht für mich.“

Er hatte, ohne es zu wollen, die Stimme erhoben. Irgendwo klatschte jemand mit erhobenen Händen und rief: „Bravo! Warum denn nicht? Bravo! Und wieder Bravo!“ Die Männer in der ersten Reihe griffen hier und da in ihre Bärte. Keiner drehte sich wegen des Rufs um. Auch K. gab ihm keine Bedeutung, aber er fühlte sich doch ermutigt. Er hielt es jetzt gar nicht mehr für nötig, dass alle Beifall klatschten. Es genügte, wenn die Allgemeinheit über die Sache nachzudenken begann und nur manchmal einer durch Überredung gewonnen wurde.

„Ich will keinen Erfolg als Redner“, sagte K. aufgrund dieser Überlegung. „Den könnte ich wohl auch nicht erreichen. Der Herr Untersuchungsrichter spricht wahrscheinlich viel besser, das gehört ja zu seinem Beruf. Ich will nur die öffentliche Besprechung eines öffentlichen Missstandes. Hören Sie: Ich bin vor etwa zehn Tagen verhaftet worden. Über die Verhaftung selbst lache ich, aber das gehört jetzt nicht hierher. Ich wurde am frühen Morgen im Bett überfallen. Vielleicht hatte man den Befehl, irgendeinen Zimmermaler zu verhaften, der ebenso unschuldig ist wie ich. Nach dem, was der Untersuchungsrichter sagte, ist das nicht ausgeschlossen. Aber man wählte mich. Das Nebenzimmer war von zwei groben Wächtern besetzt. Wenn ich ein gefährlicher Räuber wäre, hätte man nicht besser vorsorgen können. Diese Wächter waren außerdem heruntergekommenes Gesindel. Sie redeten ununterbrochen auf mich ein. Sie wollten sich bestechen lassen. Sie wollten mir mit falschen Versprechungen Wäsche und Kleider abnehmen. Sie wollten Geld, um mir angeblich ein Frühstück zu bringen. Dabei hatten sie mein eigenes Frühstück vor meinen Augen schamlos aufgegessen. Aber damit nicht genug. Ich wurde in ein drittes Zimmer vor den Aufseher geführt. Es war das Zimmer einer Dame, die ich sehr schätze. Und ich musste zusehen, wie dieses Zimmer wegen mir, aber ohne meine Schuld, sozusagen beschmutzt wurde. Denn die Wächter und der Aufseher waren darin. Es war nicht leicht, ruhig zu bleiben. Aber es gelang mir. Ich fragte den Aufseher vollkommen ruhig, warum ich verhaftet sei. Wenn er hier wäre, müsste er das bestätigen. Was antwortete dieser Aufseher nun? Ich sehe ihn noch vor mir, wie er auf dem Stuhl der erwähnten Dame sitzt, ein Bild des dümmsten Hochmuts. Meine Herren, er antwortete im Grunde nichts. Vielleicht wusste er wirklich nichts. Er hatte mich verhaftet und war damit zufrieden. Er tat sogar noch mehr: Er brachte drei niedrige Angestellte meiner Bank in das Zimmer dieser Dame. Diese beschäftigten sich damit, Fotos der Dame zu betasten und in Unordnung zu bringen. Die Angestellten waren natürlich noch aus einem anderen Grund da. Sie sollten, genau wie meine Vermieterin und ihr Dienstmädchen, die Nachricht von meiner Verhaftung verbreiten. Sie sollten meinem öffentlichen Ansehen schaden und vor allem meine Stellung in der Bank erschüttern. Nichts davon ist gelungen, nicht das Geringste. Meine Vermieterin ist eine ganz einfache Person. Ich will ihren Namen hier zu ihrer Ehre nennen, sie heißt Frau Grubach. Selbst Frau Grubach war vernünftig genug, um eines zu verstehen. Eine solche Verhaftung bedeutet nicht mehr als ein Streich von Jungen auf der Straße, auf die niemand genug aufpasst. Ich wiederhole: Mir hat das Ganze nur Unannehmlichkeiten und vorübergehenden Ärger gebracht. Aber hätte es nicht auch schlimmere Folgen haben können?“

Als K. sich hier unterbrach und zu dem stillen Untersuchungsrichter hinsah, glaubte er etwas zu bemerken. Der Untersuchungsrichter schien gerade mit einem Blick jemandem in der Menge ein Zeichen zu geben. K. lächelte und sagte: „Gerade gibt der Herr Untersuchungsrichter hier neben mir jemandem von Ihnen ein geheimes Zeichen. Es sind also Leute unter Ihnen, die von hier oben gelenkt werden. Ich weiß nicht, ob das Zeichen jetzt Zischen oder Beifall auslösen sollte. Ich verrate die Sache vorzeitig und verzichte damit ganz bewusst darauf, die Bedeutung des Zeichens zu erfahren. Es ist mir vollkommen gleichgültig. Ich erlaube dem Herrn Untersuchungsrichter hiermit öffentlich, seinen bezahlten Angestellten dort unten laut zu befehlen. Statt mit geheimen Zeichen kann er es mit Worten tun. Er kann zum Beispiel einmal sagen: Jetzt zischt! Und das nächste Mal: Jetzt klatscht!“

Verlegen oder ungeduldig rückte der Untersuchungsrichter auf seinem Stuhl hin und her. Der Mann hinter ihm, mit dem er schon vorher gesprochen hatte, beugte sich wieder zu ihm. Vielleicht wollte er ihm ganz allgemein Mut machen oder ihm einen besonderen Rat geben. Unten unterhielten sich die Leute leise, aber lebhaft. Die zwei Parteien, die vorher so gegensätzliche Meinungen gehabt zu haben schienen, vermischten sich. Einzelne Leute zeigten mit dem Finger auf K., andere auf den Untersuchungsrichter. Der neblige Dunst im Zimmer war äußerst lästig. Man konnte deshalb die Leute weiter hinten nicht genau beobachten. Besonders für die Besucher auf der Galerie musste er störend sein. Sie mussten den Leuten der Versammlung leise Fragen stellen, um mehr zu erfahren. Dabei sahen sie scheu von der Seite zum Untersuchungsrichter. Die Antworten kamen ebenso leise, hinter vorgehaltenen Händen.

„Ich bin gleich fertig“, sagte K. und schlug mit der Faust auf den Tisch, weil keine Glocke da war. Vor Schreck fuhren die Köpfe des Untersuchungsrichters und seines Beraters sofort auseinander. „Die ganze Sache steht mir fern, deshalb beurteile ich sie ruhig. Wenn Ihnen etwas an diesem angeblichen Gericht liegt, können Sie großen Vorteil davon haben, mir zuzuhören. Ihre Gespräche über das, was ich sage, verschieben Sie bitte auf später. Denn ich habe keine Zeit und werde bald gehen.“

Sofort war es still, so sehr beherrschte K. schon die Versammlung. Man schrie nicht mehr durcheinander wie am Anfang. Man klatschte nicht einmal mehr Beifall. Aber man schien schon überzeugt zu sein oder auf dem besten Weg dazu.

„Es gibt keinen Zweifel“, sagte K. sehr leise. Denn das angespannte Zuhören der ganzen Versammlung freute ihn. In dieser Stille entstand ein Rauschen, das aufregender war als der begeistertste Beifall. „Es gibt keinen Zweifel, dass hinter allen Äußerungen dieses Gerichts eine große Organisation steht. In meinem Fall also hinter der Verhaftung und der heutigen Untersuchung. Diese Organisation beschäftigt nicht nur bestechliche Wächter, dumme Aufseher und Untersuchungsrichter, die im besten Fall bescheiden sind. Sie unterhält außerdem auf jeden Fall Richter von hohem und höchstem Rang. Dazu kommt die unzählbare, unvermeidliche Begleitung von Dienern, Schreibern, Polizisten und anderen Hilfskräften, vielleicht sogar Henkern. Ich habe keine Angst vor dem Wort. Und welchen Sinn hat diese große Organisation, meine Herren? Ihr Sinn besteht darin, dass unschuldige Personen verhaftet werden. Gegen sie wird dann ein sinnloses und meistens, wie in meinem Fall, ergebnisloses Verfahren begonnen. Das Ganze ist so sinnlos – wie könnte man da die schlimmste Korruption der Beamten verbergen? Das ist unmöglich, das könnte auch der höchste Richter nicht einmal für sich selbst schaffen. Darum versuchen die Wächter, den Verhafteten die Kleider vom Leib zu stehlen. Darum brechen Aufseher in fremde Wohnungen ein. Darum sollen Unschuldige nicht verhört, sondern lieber vor ganzen Versammlungen erniedrigt werden. Die Wächter haben mir nur von Depots erzählt, in die man das Eigentum der Verhafteten bringt. Ich würde diese Depots gern einmal sehen. Dort verfault das mühsam erarbeitete Vermögen der Verhafteten, soweit es nicht von diebischen Depotbeamten gestohlen wird.“

K. wurde durch ein Kreischen vom Ende des Saals unterbrochen. Er hielt die Hand über die Augen, um hinsehen zu können. Denn das trübe Tageslicht machte den Dunst weißlich und blendete. Es ging um die Waschfrau, die K. schon bei ihrem Eintreten als große Störung erkannt hatte. Ob sie jetzt schuld war oder nicht, konnte man nicht erkennen. K. sah nur, dass ein Mann sie in eine Ecke bei der Tür gezogen hatte und dort an sich drückte. Aber nicht sie kreischte, sondern der Mann. Er hatte den Mund breit gezogen und blickte zur Decke. Ein kleiner Kreis hatte sich um die beiden gebildet. Die Galeriebesucher in der Nähe schienen begeistert zu sein. Denn K. hatte Ernst in die Versammlung gebracht, und nun wurde dieser Ernst auf diese Weise unterbrochen. Unter dem ersten Eindruck wollte K. sofort hinlaufen. Er dachte auch, alle würden dort Ordnung schaffen wollen und zumindest das Paar aus dem Saal schicken. Aber die ersten Reihen vor ihm blieben ganz fest. Keiner bewegte sich, und keiner ließ K. durch. Im Gegenteil, man hinderte ihn. Irgendeine Hand griff ihn hinten am Kragen, er hatte keine Zeit, sich umzudrehen. Alte Männer hielten die Arme vor. K. dachte eigentlich nicht mehr an das Paar. Ihm war, als würde seine Freiheit eingeschränkt, als meinte man es mit der Verhaftung ernst. Und er sprang ohne Rücksicht vom Podium hinunter. Nun stand er dem Gedränge Auge in Auge gegenüber. Hatte er die Leute falsch beurteilt? Hatte er seiner Rede zu viel Wirkung zugetraut? Hatten sie sich verstellt, solange er gesprochen hatte? Hatten sie jetzt, da er zu den Schlussfolgerungen kam, genug von der Verstellung? Was für Gesichter rings um ihn! Kleine schwarze Äuglein huschten hin und her. Die Wangen hingen herab wie bei Betrunkenen. Die langen Bärte waren steif und dünn. Griff man hinein, so war es, als würde man nur Krallen bilden und nicht in Bärte greifen. Unter den Bärten aber schimmerten am Jackenkragen Abzeichen in verschiedener Größe und Farbe. Das war die eigentliche Entdeckung, die K. machte. Alle hatten diese Abzeichen, soweit man sehen konnte. Alle gehörten zusammen, die scheinbaren Parteien rechts und links. Und als er sich plötzlich umdrehte, sah er die gleichen Abzeichen am Kragen des Untersuchungsrichters. Dieser hatte die Hände im Schoß und sah ruhig hinunter.

„So!“, rief K. und warf die Arme in die Höhe. Die plötzliche Erkenntnis brauchte Platz. „Ihr seid ja alle Beamte, wie ich sehe. Ihr seid ja die korrupte Bande, gegen die ich gesprochen habe. Ihr habt euch hier gedrängt, als Zuhörer und Schnüffler. Ihr habt scheinbar Parteien gebildet, und eine hat applaudiert, um mich zu prüfen. Ihr wolltet lernen, wie man Unschuldige verführen soll. Nun, ich hoffe, ihr wart hier richtig nutzlos. Entweder habt ihr euch darüber unterhalten, dass jemand die Verteidigung der Unschuld von euch erwartet hat, oder aber –“

„Lass mich, oder ich schlage!“, rief K. einem zitternden alten Mann zu, der sich besonders nah an ihn herangeschoben hatte.

„– oder aber ihr habt wirklich etwas gelernt. Und damit wünsche ich euch Glück zu eurem Gewerbe.“

Er nahm schnell seinen Hut, der am Rand des Tisches lag, und drängte sich zum Ausgang. Überall war Stille, jedenfalls die Stille der vollkommensten Überraschung. Der Untersuchungsrichter schien aber noch schneller gewesen zu sein als K., denn er erwartete ihn bei der Tür.

„Einen Augenblick“, sagte er.

K. blieb stehen. Aber er sah nicht den Untersuchungsrichter an, sondern die Tür, deren Klinke er schon in der Hand hatte.

„Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen“, sagte der Untersuchungsrichter, „dass Sie sich heute um einen Vorteil gebracht haben. Das ist Ihnen vielleicht noch nicht bewusst geworden. Ich meine den Vorteil, den ein Verhör für den Verhafteten in jedem Fall bedeutet.“

K. lachte die Tür an. „Ihr Lumpen, ich schenke euch alle Verhöre!“, rief er, öffnete die Tür und eilte die Treppe hinunter. Hinter ihm erhob sich der Lärm der Versammlung, die wieder lebendig geworden war. Die Leute begannen, die Ereignisse zu besprechen, so wie Studenten das tun.

### Glossar

- **Stammtisch**: ein fester Tisch in einem Gasthaus, an dem sich dieselben Leute regelmäßig treffen.
- **Untermiete**: man wohnt bei einem Mieter und zahlt ihm Geld für ein Zimmer.
- **Galerie**: ein schmaler, hoher Platz für Zuschauer an den Wänden eines Saals.
- **Podium**: eine niedrige Fläche im Saal, die höher liegt als der Boden; dort stehen oder sitzen wichtige Personen.
- **Zimmermaler**: ein Handwerker, der die Wände von Zimmern streicht.
- **Akten**: alle Papiere, die zu einem Fall gehören.
- **Gesindel**: ein böses Wort für Menschen, die man verachtet.
- **Henker**: ein Mann, der Menschen tötet, die zum Tod verurteilt sind.
- **Abzeichen**: ein kleines Zeichen an der Kleidung; es zeigt, zu welcher Gruppe jemand gehört.
- **Lumpen**: hier: ein Schimpfwort für schlechte Menschen.

## Im leeren Sitzungssaal · Der Student · Die Kanzleien

K. wartete in der nächsten Woche von Tag zu Tag auf eine neue Nachricht. Er konnte nicht glauben, dass man seinen Verzicht auf Verhöre wörtlich genommen hatte. Die erwartete Nachricht kam aber bis Sonntagabend wirklich nicht. Da nahm er an, dass man ihn stillschweigend wieder bestellt hatte – ins gleiche Haus und für die gleiche Zeit. Deshalb ging er am Sonntag wieder hin. Diesmal ging er direkt über Treppen und Gänge. Einige Leute erinnerten sich an ihn und grüßten ihn an ihren Türen. Aber er musste niemanden mehr fragen und kam bald zu der richtigen Tür. Auf sein Klopfen wurde ihm gleich geöffnet. Er sah sich nicht weiter nach der bekannten Frau um, die bei der Tür stehen blieb. Er wollte gleich ins Nebenzimmer.

„Heute ist keine Sitzung“, sagte die Frau.

„Warum sollte keine Sitzung sein?“, fragte er. Er wollte es nicht glauben. Aber die Frau überzeugte ihn, indem sie die Tür des Nebenzimmers öffnete. Das Zimmer war wirklich leer, und in seiner Leere sah es noch trauriger aus als am letzten Sonntag. Auf dem Tisch, der unverändert auf dem Podium stand, lagen einige Bücher.

„Kann ich mir die Bücher ansehen?“, fragte K. Er war nicht besonders neugierig. Er wollte nur nicht ganz nutzlos hier gewesen sein.

„Nein“, sagte die Frau und schloss wieder die Tür, „das ist nicht erlaubt. Die Bücher gehören dem Untersuchungsrichter.“

„Ach so“, sagte K. und nickte, „die Bücher sind wohl Gesetzbücher. Es gehört zur Art dieses Gerichts, dass man nicht nur unschuldig, sondern auch unwissend verurteilt wird.“

„Es wird so sein“, sagte die Frau, die ihn nicht genau verstanden hatte.

„Nun, dann gehe ich wieder“, sagte K.

„Soll ich dem Untersuchungsrichter etwas ausrichten?“, fragte die Frau.

„Sie kennen ihn?“, fragte K.

„Natürlich“, sagte die Frau, „mein Mann ist ja Gerichtsdiener.“

Erst jetzt bemerkte K., dass das Zimmer ein vollständig eingerichtetes Wohnzimmer war. Beim letzten Mal hatte dort nur ein Waschkübel gestanden. Die Frau bemerkte sein Staunen und sagte: „Ja, wir wohnen hier umsonst, aber an Sitzungstagen müssen wir das Zimmer ausräumen. Die Stellung meines Mannes hat manche Nachteile.“

„Ich staune nicht so sehr über das Zimmer“, sagte K. und sah sie böse an. „Ich staune eher darüber, dass Sie verheiratet sind.“

„Meinen Sie vielleicht den Vorfall in der letzten Sitzung, durch den ich Ihre Rede gestört habe?“, fragte die Frau.

„Natürlich“, sagte K. „Heute ist das schon vorbei und fast vergessen, aber damals hat es mich richtig wütend gemacht. Und nun sagen Sie selbst, dass Sie eine verheiratete Frau sind.“

„Es war nicht zu Ihrem Nachteil, dass Ihre Rede abgebrochen wurde. Man hat nachher noch sehr schlecht über sie geurteilt.“

„Mag sein“, sagte K., um das Thema zu wechseln, „aber das entschuldigt Sie nicht.“

„Alle, die mich kennen, entschuldigen mich“, sagte die Frau. „Der Mann, der mich damals umarmt hat, verfolgt mich schon lange. Im Allgemeinen bin ich vielleicht nicht verführerisch, aber für ihn bin ich es. Dagegen gibt es keinen Schutz, auch mein Mann hat sich schon damit abgefunden. Wenn er seine Stellung behalten will, muss er es dulden. Denn dieser Mann ist Student und wird wahrscheinlich einmal mehr Macht bekommen. Er ist immer hinter mir her. Gerade bevor Sie kamen, ist er weggegangen.“

„Das passt zu allem anderen“, sagte K., „es überrascht mich nicht.“

„Sie wollen hier wohl einiges verbessern?“, fragte die Frau langsam und prüfend. Es klang, als sagte sie etwas, das für sie und für K. gefährlich war. „Das habe ich schon aus Ihrer Rede geschlossen, die mir persönlich sehr gut gefallen hat. Allerdings habe ich nur einen Teil gehört. Den Anfang habe ich verpasst, und während des Schlusses lag ich mit dem Studenten auf dem Boden.“ Nach einer Pause sagte sie: „Es ist ja so widerlich hier.“ Sie nahm K.s Hand. „Glauben Sie, dass es Ihnen gelingen wird, etwas zu verbessern?“

K. lächelte und drehte seine Hand ein wenig in ihren weichen Händen. „Eigentlich“, sagte er, „bin ich nicht dazu angestellt, hier etwas zu verbessern, wie Sie es ausdrücken. Wenn Sie das zum Beispiel dem Untersuchungsrichter sagen würden, würde man Sie auslachen oder bestrafen. Aus freiem Willen hätte ich mich in diese Dinge auch sicher nicht eingemischt. Dass dieses Gericht Verbesserungen braucht, hätte mir niemals den Schlaf geraubt. Aber ich bin angeblich verhaftet worden. Ich bin nämlich verhaftet. Dadurch bin ich gezwungen worden, hier einzugreifen, und zwar für mich selbst. Wenn ich dabei aber auch Ihnen irgendwie nützlich sein kann, tue ich das natürlich sehr gern. Nicht nur aus Nächstenliebe, sondern auch deshalb, weil Sie mir auch helfen können.“

„Wie könnte ich das denn?“, fragte die Frau.

„Indem Sie mir zum Beispiel jetzt die Bücher dort auf dem Tisch zeigen.“

„Aber gern!“, rief die Frau und zog ihn eilig hinter sich her. Es waren alte, abgegriffene Bücher. Ein Einband war in der Mitte fast zerbrochen, die Stücke hingen nur noch durch Fasern zusammen.

„Wie schmutzig hier alles ist“, sagte K. und schüttelte den Kopf. Bevor K. nach den Büchern greifen konnte, wischte die Frau mit ihrer Schürze wenigstens oberflächlich den Staub weg. K. schlug das erste Buch auf. Ein unanständiges Bild erschien. Ein Mann und eine Frau saßen nackt auf dem Sofa. Die gemeine Absicht des Zeichners war deutlich zu erkennen. Aber er war so ungeschickt gewesen, dass man am Ende doch nur einen Mann und eine Frau sah. Sie ragten allzu körperlich aus dem Bild heraus und saßen übertrieben aufrecht da. Wegen der falschen Perspektive wandten sie sich einander nur mühsam zu. K. blätterte nicht weiter. Er schlug nur noch die Titelseite des zweiten Buches auf. Es war ein Roman mit dem Titel: „Die Plagen, welche Grete von ihrem Manne Hans zu erleiden hatte.“

„Das sind also die Gesetzbücher, die man hier studiert“, sagte K. „Von solchen Menschen soll ich gerichtet werden.“

„Ich werde Ihnen helfen“, sagte die Frau. „Wollen Sie?“

„Könnten Sie das wirklich, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen? Sie haben doch vorhin gesagt, Ihr Mann sei sehr abhängig von seinen Vorgesetzten.“

„Trotzdem will ich Ihnen helfen“, sagte die Frau. „Kommen Sie, wir müssen es besprechen. Reden Sie nicht mehr über meine Gefahr. Ich fürchte die Gefahr nur dort, wo ich sie fürchten will. Kommen Sie.“ Sie zeigte auf das Podium und bat ihn, sich mit ihr auf die Stufe zu setzen.

„Sie haben schöne dunkle Augen“, sagte sie, als sie saßen, und sah K. von unten ins Gesicht. „Man sagt mir, dass ich auch schöne Augen habe, aber Ihre sind viel schöner. Sie sind mir übrigens gleich aufgefallen, als Sie zum ersten Mal hier hereinkamen. Sie waren auch der Grund, warum ich später hier ins Versammlungszimmer gegangen bin. Das tue ich sonst nie, und es ist mir sogar gewissermaßen verboten.“

‚Das ist also alles‘, dachte K. ‚Sie bietet sich mir an. Sie ist verdorben wie alle hier. Sie hat die Gerichtsbeamten satt, und das ist ja verständlich. Deshalb begrüßt sie jeden beliebigen Fremden mit einem Kompliment über seine Augen.‘ K. stand schweigend auf, als hätte er seine Gedanken laut ausgesprochen und der Frau damit sein Verhalten erklärt.

„Ich glaube nicht, dass Sie mir helfen könnten“, sagte er. „Um mir wirklich zu helfen, müsste man Beziehungen zu hohen Beamten haben. Sie kennen aber sicher nur die niedrigen Angestellten, die sich hier in Mengen herumtreiben. Diese kennen Sie sicher sehr gut, und bei ihnen könnten Sie auch manches erreichen. Das bezweifle ich nicht. Aber das Größte, was man bei ihnen erreichen könnte, wäre für das Ende des Prozesses völlig unwichtig. Sie aber hätten dadurch einige Freunde verloren. Das will ich nicht. Führen Sie Ihre bisherige Beziehung zu diesen Leuten weiter. Mir scheint nämlich, dass Sie sie brauchen. Ich sage das nicht ohne Bedauern. Denn um Ihr Kompliment irgendwie zu erwidern: Auch Sie gefallen mir gut. Besonders wenn Sie mich so traurig ansehen wie jetzt, wozu Sie übrigens gar keinen Grund haben. Sie gehören zu der Gesellschaft, die ich bekämpfen muss. Aber Sie fühlen sich in ihr sehr wohl. Sie lieben sogar den Studenten. Und wenn Sie ihn nicht lieben, dann ziehen Sie ihn wenigstens Ihrem Mann vor. Das konnte man aus Ihren Worten leicht erkennen.“

„Nein!“, rief sie. Sie blieb sitzen und griff nur nach K.s Hand, die er nicht schnell genug wegzog. „Sie dürfen jetzt nicht weggehen. Sie dürfen nicht mit einem falschen Urteil über mich weggehen. Könnten Sie jetzt wirklich weggehen? Bin ich wirklich so wertlos, dass Sie mir nicht einmal den Gefallen tun wollen, noch ein kleines Weilchen hierzubleiben?“

„Sie verstehen mich falsch“, sagte K. und setzte sich. „Wenn Ihnen wirklich wichtig ist, dass ich hierbleibe, bleibe ich gern. Ich habe ja Zeit, ich bin doch gekommen, weil ich heute eine Verhandlung erwartet habe. Mit dem, was ich vorhin gesagt habe, wollte ich Sie nur um eines bitten. Unternehmen Sie in meinem Prozess nichts für mich. Aber auch das muss Sie nicht kränken. Denn mir liegt gar nichts am Ende des Prozesses, und über eine Verurteilung werde ich nur lachen. Vorausgesetzt, dass der Prozess überhaupt zu einem wirklichen Ende kommt, was ich sehr bezweifle. Ich glaube eher, dass das Verfahren schon abgebrochen worden ist oder bald abgebrochen wird. Aus Faulheit oder Vergesslichkeit der Beamten oder vielleicht sogar aus Angst. Möglich ist allerdings auch, dass man den Prozess nur scheinbar weiterführt, weil man auf eine größere Bestechung hofft. Das wäre ganz vergeblich, das kann ich heute schon sagen, denn ich besteche niemanden. Sie könnten mir aber einen Gefallen tun. Sagen Sie es dem Untersuchungsrichter oder irgendjemand anderem, der wichtige Nachrichten gern verbreitet. Ich werde mich niemals zu einer Bestechung bringen lassen, auch nicht durch Kunststücke, von denen die Herren wohl viele kennen. Es wäre ganz aussichtslos, das können Sie ihnen offen sagen. Vielleicht hat man es übrigens schon selbst bemerkt. Und selbst wenn nicht, ist es mir gar nicht so wichtig, dass man es jetzt schon erfährt. Den Herren würde dadurch ja nur Arbeit erspart. Allerdings auch mir einige Unannehmlichkeiten. Aber die nehme ich gern auf mich, wenn ich weiß, dass jede zugleich ein Schlag für die anderen ist. Und dafür will ich sorgen. Kennen Sie eigentlich den Untersuchungsrichter?“

„Natürlich“, sagte die Frau. „An ihn habe ich sogar zuerst gedacht, als ich Ihnen Hilfe angeboten habe. Ich wusste nicht, dass er nur ein niedriger Beamter ist. Aber wenn Sie es sagen, wird es wahrscheinlich stimmen. Trotzdem glaube ich, dass der Bericht, den er nach oben schickt, einigen Einfluss hat. Und er schreibt so viele Berichte. Sie sagen, dass die Beamten faul sind. Aber sicher nicht alle, besonders nicht dieser Untersuchungsrichter. Er schreibt sehr viel. Letzten Sonntag zum Beispiel dauerte die Sitzung bis gegen Abend. Alle Leute gingen weg, aber der Untersuchungsrichter blieb im Saal. Ich musste ihm eine Lampe bringen. Ich hatte nur eine kleine Küchenlampe, aber er war damit zufrieden und fing gleich an zu schreiben. Inzwischen war auch mein Mann gekommen, der an jenem Sonntag gerade Urlaub hatte. Wir holten die Möbel und richteten unser Zimmer wieder ein. Dann kamen noch Nachbarn, und wir unterhielten uns noch bei einer Kerze. Kurz, wir vergaßen den Untersuchungsrichter und gingen schlafen. Plötzlich in der Nacht wache ich auf, es muss schon tief in der Nacht gewesen sein. Neben dem Bett steht der Untersuchungsrichter. Er hält die Hand vor die Lampe, sodass kein Licht auf meinen Mann fällt. Das war unnötig, denn mein Mann schläft so fest, dass ihn auch das Licht nicht geweckt hätte. Ich war so erschrocken, dass ich fast geschrien hätte. Aber der Untersuchungsrichter war sehr freundlich und mahnte mich zur Vorsicht. Er flüsterte mir zu, dass er bis jetzt geschrieben habe und mir nun die Lampe zurückbringe. Und er werde niemals den Anblick vergessen, wie er mich schlafend gefunden habe. Mit all dem wollte ich Ihnen nur sagen, dass der Untersuchungsrichter wirklich viele Berichte schreibt, besonders über Sie. Denn Ihr Verhör war sicher eines der Hauptthemen der zweitägigen Sitzung. Solche langen Berichte können doch nicht ganz bedeutungslos sein. Außerdem können Sie aus dem Vorfall auch sehen, dass sich der Untersuchungsrichter um mich bemüht. Gerade jetzt am Anfang kann ich großen Einfluss auf ihn haben, denn er muss mich erst jetzt bemerkt haben. Dass ich ihm viel bedeute, dafür habe ich jetzt noch andere Beweise. Gestern hat er mir durch den Studenten seidene Strümpfe als Geschenk geschickt. Zu dem Studenten hat er viel Vertrauen, er ist sein Mitarbeiter. Angeblich sind die Strümpfe dafür, dass ich das Sitzungszimmer aufräume. Aber das ist nur ein Vorwand, denn diese Arbeit ist nur meine Pflicht, und dafür wird mein Mann bezahlt. Es sind schöne Strümpfe, sehen Sie.“ Sie streckte die Beine, zog die Röcke bis zum Knie hoch und sah auch selbst die Strümpfe an. „Es sind schöne Strümpfe, aber eigentlich zu fein und nicht passend für mich.“

Plötzlich unterbrach sie sich. Sie legte ihre Hand auf K.s Hand, als wollte sie ihn beruhigen, und flüsterte: „Still, Bertold sieht uns zu.“

K. hob langsam den Blick. In der Tür des Sitzungszimmers stand ein junger Mann. Er war klein und hatte nicht ganz gerade Beine. Er hatte einen kurzen, dünnen, rötlichen Vollbart, in dem er ständig mit den Fingern herumfuhr. So versuchte er, sich Würde zu geben. K. sah ihn neugierig an. Das war ja der erste Student dieser unbekannten Rechtswissenschaft, dem er sozusagen menschlich begegnete. Dieser Mann würde wahrscheinlich auch einmal eine höhere Stelle als Beamter bekommen. Der Student dagegen schien sich gar nicht um K. zu kümmern. Er zog nur für einen Augenblick einen Finger aus seinem Bart und winkte der Frau damit. Dann ging er zum Fenster. Die Frau beugte sich zu K. und flüsterte: „Seien Sie mir nicht böse, ich bitte Sie sehr. Denken Sie auch nicht schlecht von mir. Ich muss jetzt zu ihm gehen, zu diesem scheußlichen Menschen. Sehen Sie nur seine krummen Beine an. Aber ich komme gleich zurück, und dann gehe ich mit Ihnen, wenn Sie mich mitnehmen. Ich gehe, wohin Sie wollen. Sie können mit mir tun, was Sie wollen. Ich werde glücklich sein, wenn ich möglichst lange von hier fort bin, am liebsten für immer.“

Sie streichelte noch K.s Hand, sprang auf und lief zum Fenster. Ohne es zu wollen, griff K. noch nach ihrer Hand, aber ins Leere. Die Frau verlockte ihn wirklich. Trotz allem Nachdenken fand er keinen guten Grund, warum er dieser Verlockung nicht nachgeben sollte. Kurz kam ihm der Gedanke, dass die Frau ihn für das Gericht einfange. Aber er wies ihn ohne Mühe zurück. Wie konnte sie ihn einfangen? Blieb er nicht immer so frei, dass er das ganze Gericht sofort zerschlagen konnte, wenigstens soweit es ihn betraf? Konnte er nicht wenigstens so viel Vertrauen zu sich haben? Und ihr Angebot zu helfen klang ehrlich und war vielleicht nicht wertlos. Und vielleicht gab es keine bessere Rache am Untersuchungsrichter und seinen Leuten, als ihnen diese Frau für sich wegzunehmen. Dann könnte es einmal so kommen. Der Untersuchungsrichter würde mühsam an Lügenberichten über K. arbeiten. Spät in der Nacht würde er das Bett der Frau leer finden. Und leer deshalb, weil sie K. gehörte. Weil diese Frau am Fenster nur K. gehörte. Dieser üppige, gelenkige, warme Körper in dem dunklen Kleid aus grobem, schwerem Stoff gehörte nur ihm.

Nachdem er so seine Bedenken gegen die Frau beseitigt hatte, wurde ihm das leise Gespräch am Fenster zu lang. Er klopfte mit den Knöcheln auf das Podium und dann auch mit der Faust. Der Student sah kurz über die Schulter der Frau zu K. hin, ließ sich aber nicht stören. Er drückte sich sogar enger an die Frau und umarmte sie. Sie senkte tief den Kopf, als hörte sie ihm aufmerksam zu. Als sie sich bückte, küsste er sie laut auf den Hals, fast ohne im Reden aufzuhören. K. sah darin die Tyrannei bestätigt, über die die Frau geklagt hatte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Mit Seitenblicken auf den Studenten überlegte er, wie er ihn möglichst schnell loswerden könnte. Deshalb war es ihm nicht unangenehm, dass der Student etwas sagte. K.s Herumgehen, das schon manchmal zu einem Stampfen geworden war, störte ihn offenbar.

„Wenn Sie ungeduldig sind, können Sie weggehen“, sagte der Student. „Sie hätten auch schon früher weggehen können, niemand hätte Sie vermisst. Ja, Sie hätten sogar weggehen sollen, und zwar schon, als ich hereinkam, und zwar so schnell wie möglich.“

In dieser Bemerkung mochte alle mögliche Wut zum Ausbruch kommen. Jedenfalls lag darin aber auch der Hochmut des künftigen Gerichtsbeamten, der mit einem unbeliebten Angeklagten sprach. K. blieb ganz nah bei ihm stehen und sagte lächelnd: „Ich bin ungeduldig, das ist richtig. Aber diese Ungeduld lässt sich am leichtesten beseitigen, wenn Sie uns verlassen. Ich habe gehört, dass Sie Student sind. Wenn Sie vielleicht hergekommen sind, um zu studieren, mache ich Ihnen gern Platz und gehe mit der Frau weg. Sie werden übrigens noch viel studieren müssen, bevor Sie Richter werden. Ich kenne Ihr Gericht zwar noch nicht sehr genau. Aber ich nehme an, dass grobe Reden allein noch lange nicht genügen. Darin sind Sie allerdings schon unverschämt gut.“

„Man hätte ihn nicht so frei herumlaufen lassen sollen“, sagte der Student. Es klang, als wollte er der Frau K.s beleidigende Rede erklären. „Das war ein Fehler. Ich habe es dem Untersuchungsrichter gesagt. Man hätte ihn zwischen den Verhören wenigstens in seinem Zimmer halten sollen. Der Untersuchungsrichter ist manchmal unbegreiflich.“

„Unnütze Reden“, sagte K. und streckte die Hand nach der Frau aus. „Kommen Sie.“

„Ach so“, sagte der Student, „nein, nein, die bekommen Sie nicht.“ Mit einer Kraft, die man ihm nicht zugetraut hätte, hob er sie auf einen Arm. Mit gebeugtem Rücken lief er zur Tür und sah zärtlich zu ihr auf. Man sah deutlich, dass er etwas Angst vor K. hatte. Trotzdem wagte er es, K. noch zu reizen. Mit der freien Hand streichelte und drückte er den Arm der Frau. K. lief ein paar Schritte neben ihm her. Er war bereit, ihn zu packen und, wenn es sein musste, zu würgen. Da sagte die Frau: „Es hilft nichts, der Untersuchungsrichter lässt mich holen, ich darf nicht mit Ihnen gehen. Dieses kleine Scheusal“, und dabei fuhr sie dem Studenten mit der Hand übers Gesicht, „dieses kleine Scheusal lässt mich nicht.“

„Und Sie wollen nicht befreit werden!“, schrie K. und legte die Hand auf die Schulter des Studenten. Der schnappte mit den Zähnen nach ihr.

„Nein!“, rief die Frau und wehrte K. mit beiden Händen ab. „Nein, nein, nur das nicht, woran denken Sie denn! Das wäre mein Verderben. Lassen Sie ihn doch, oh bitte, lassen Sie ihn doch. Er führt ja nur den Befehl des Untersuchungsrichters aus und trägt mich zu ihm.“

„Dann soll er laufen, und Sie will ich nie mehr sehen“, sagte K., wütend vor Enttäuschung. Er gab dem Studenten einen Stoß in den Rücken. Der Student stolperte kurz. Gleich darauf sprang er mit seiner Last noch höher, weil er sich freute, dass er nicht gefallen war. K. ging ihnen langsam nach. Er sah ein, dass das die erste zweifellose Niederlage war, die er von diesen Leuten erlitten hatte. Natürlich gab es keinen Grund, deshalb Angst zu haben. Er hatte die Niederlage nur deshalb erlitten, weil er den Kampf gesucht hatte. Wenn er zu Hause bliebe und sein gewohntes Leben führte, wäre er jedem dieser Leute tausendfach überlegen. Er könnte jeden mit einem Fußtritt aus dem Weg räumen. Und er stellte sich die allerlächerlichste Szene vor. Dieser klägliche Student, dieses aufgeblasene Kind, dieser krumme Bartträger würde vor Elsas Bett knien. Er würde mit gefalteten Händen um Gnade bitten. K. gefiel diese Vorstellung so sehr, dass er etwas beschloss. Wenn sich irgendeine Gelegenheit ergab, wollte er den Studenten einmal zu Elsa mitnehmen.

Aus Neugier eilte K. noch zur Tür. Er wollte sehen, wohin die Frau getragen wurde. Der Student würde sie doch wohl nicht auf dem Arm durch die Straßen tragen. Es zeigte sich, dass der Weg viel kürzer war. Gleich gegenüber der Wohnungstür führte eine schmale Holztreppe nach oben, wahrscheinlich zum Dachboden. Sie machte eine Biegung, sodass man ihr Ende nicht sah. Über diese Treppe trug der Student die Frau hinauf. Er ging schon sehr langsam und stöhnte, denn das Laufen hatte ihn geschwächt. Die Frau grüßte mit der Hand zu K. hinunter. Sie zog die Schultern hoch und ließ sie wieder sinken, um zu zeigen, dass sie an dieser Entführung unschuldig war. Viel Bedauern lag aber nicht in dieser Bewegung. K. sah sie ohne Ausdruck an, wie eine Fremde. Er wollte weder zeigen, dass er enttäuscht war, noch dass er die Enttäuschung leicht überwinden konnte.

Die beiden waren schon verschwunden, aber K. stand immer noch in der Tür. Er musste annehmen, dass die Frau ihn nicht nur betrogen, sondern auch belogen hatte. Sie hatte ja gesagt, sie werde zum Untersuchungsrichter getragen. Aber der Untersuchungsrichter würde doch nicht auf dem Dachboden sitzen und warten. Die Holztreppe erklärte nichts, so lange man sie auch ansah. Da bemerkte K. einen kleinen Zettel neben dem Aufgang. Er ging hinüber und las in einer kindlichen, ungeübten Schrift: „Aufgang zu den Gerichtskanzleien.“ Hier auf dem Dachboden dieses Miethauses waren also die Gerichtskanzleien? Das war keine Einrichtung, vor der man viel Respekt haben konnte. Für einen Angeklagten war es beruhigend, sich vorzustellen, wie wenig Geld dieses Gericht hatte. Denn es brachte seine Kanzleien dort unter, wo die Mieter ihren nutzlosen Kram hinwarfen. Und diese Mieter gehörten selbst schon zu den Ärmsten. Allerdings war es nicht ausgeschlossen, dass das Gericht genug Geld hatte. Vielleicht stürzten sich die Beamten darauf, bevor es für das Gericht verwendet wurde. Nach K.s bisherigen Erfahrungen war das sogar sehr wahrscheinlich. So ein Verfall des Gerichts war für einen Angeklagten zwar entwürdigend. Aber im Grunde war er noch beruhigender, als es die Armut des Gerichts gewesen wäre. Nun verstand K. auch, warum man ihn zum ersten Verhör nicht auf den Dachboden bestellt hatte. Man hatte sich geschämt und ihn lieber in seiner Wohnung belästigt. Wie stand K. doch da gegenüber dem Richter, der auf dem Dachboden saß. K. selbst hatte in der Bank ein großes Zimmer mit einem Vorzimmer. Durch eine riesige Fensterscheibe konnte er auf den belebten Platz der Stadt hinuntersehen. Allerdings hatte er keine Nebeneinnahmen aus Bestechungen oder Unterschlagungen. Er konnte sich auch von keinem Diener eine Frau auf dem Arm ins Büro tragen lassen. Darauf wollte K. aber gern verzichten, wenigstens in diesem Leben.

K. stand noch vor dem Zettel, als ein Mann die Treppe heraufkam. Er sah durch die offene Tür ins Wohnzimmer, von dem aus man auch ins Sitzungszimmer sehen konnte. Schließlich fragte er K., ob er hier vor Kurzem eine Frau gesehen habe.

„Sie sind der Gerichtsdiener, nicht wahr?“, fragte K.

„Ja“, sagte der Mann, „ach so, Sie sind der Angeklagte K., jetzt erkenne ich Sie auch. Seien Sie willkommen.“ Und er gab K. die Hand, was K. gar nicht erwartet hatte. „Heute ist aber keine Sitzung angesetzt“, sagte der Gerichtsdiener dann, als K. schwieg.

„Ich weiß“, sagte K. und betrachtete die zivile Jacke des Gerichtsdieners. Als einziges Zeichen seines Amtes hatte sie neben einigen gewöhnlichen Knöpfen auch zwei vergoldete Knöpfe. Sie schienen von einem alten Offiziersmantel abgeschnitten zu sein. „Ich habe vor einem Weilchen mit Ihrer Frau gesprochen. Sie ist nicht mehr hier. Der Student hat sie zum Untersuchungsrichter getragen.“

„Sehen Sie“, sagte der Gerichtsdiener, „immer trägt man sie mir weg. Heute ist doch Sonntag, und ich muss nicht arbeiten. Aber nur um mich von hier zu entfernen, schickt man mich mit einer unnützen Nachricht weg. Und zwar nicht weit weg, sodass ich hoffe, vielleicht noch rechtzeitig zurückzukommen, wenn ich mich sehr beeile. Ich laufe also, so schnell ich kann. Ich schreie dem Amt, zu dem man mich geschickt hat, meine Nachricht durch den Türspalt zu. Ich bin so außer Atem, dass man sie kaum verstanden haben wird. Dann laufe ich wieder zurück. Aber der Student hat sich noch mehr beeilt als ich. Er hatte allerdings auch einen kürzeren Weg, er musste nur die Bodentreppe hinunterlaufen. Wäre ich nicht so abhängig, hätte ich den Studenten schon längst hier an der Wand zerdrückt. Hier neben dem Zettel. Davon träume ich immer. Hier, ein wenig über dem Fußboden, ist er festgedrückt, die Arme gestreckt, die Finger gespreizt. Die krummen Beine sind zu einem Kreis gedreht, und ringsherum sind Blutspritzer. Bisher war es aber nur ein Traum.“

„Gibt es keine andere Hilfe?“, fragte K. lächelnd.

„Ich wüsste keine“, sagte der Gerichtsdiener. „Und jetzt wird es noch schlimmer. Bisher hat er sie nur zu sich getragen. Jetzt trägt er sie auch zum Untersuchungsrichter, was ich allerdings längst erwartet habe.“

„Hat denn Ihre Frau gar keine Schuld daran?“, fragte K. Er musste sich bei dieser Frage beherrschen, so stark fühlte jetzt auch er die Eifersucht.

„Aber sicher“, sagte der Gerichtsdiener, „sie hat sogar die größte Schuld. Sie hat sich ja an ihn gehängt. Und er läuft allen Frauen nach. Allein in diesem Haus ist er schon aus fünf Wohnungen hinausgeworfen worden, in die er sich eingeschlichen hatte. Meine Frau ist allerdings die schönste im ganzen Haus. Und gerade ich darf mich nicht wehren.“

„Wenn es so ist, dann gibt es allerdings keine Hilfe“, sagte K.

„Warum denn nicht?“, fragte der Gerichtsdiener. „Der Student ist ein Feigling. Man müsste ihn einmal, wenn er meine Frau anrühren will, so verprügeln, dass er es nie mehr wagt. Aber ich darf es nicht, und andere tun mir den Gefallen nicht, denn alle fürchten seine Macht. Nur ein Mann wie Sie könnte es tun.“

„Wieso denn ich?“, fragte K. erstaunt.

„Sie sind doch angeklagt“, sagte der Gerichtsdiener.

„Ja“, sagte K., „aber umso mehr müsste ich ihn doch fürchten. Er hat vielleicht keinen Einfluss auf das Ende des Prozesses, aber wahrscheinlich auf die Voruntersuchung.“

„Ja, sicher“, sagte der Gerichtsdiener, als wäre K.s Ansicht genauso richtig wie seine eigene. „Aber bei uns werden in der Regel keine aussichtslosen Prozesse geführt.“

„Ich bin nicht Ihrer Meinung“, sagte K., „aber das soll mich nicht hindern, mir den Studenten bei Gelegenheit einmal vorzunehmen.“

„Ich wäre Ihnen sehr dankbar“, sagte der Gerichtsdiener etwas förmlich. Er schien eigentlich doch nicht zu glauben, dass sein höchster Wunsch erfüllt werden konnte.

„Vielleicht“, fuhr K. fort, „würden auch noch andere Ihrer Beamten das Gleiche verdienen, und vielleicht sogar alle.“

„Ja, ja“, sagte der Gerichtsdiener, als wäre das selbstverständlich. Dann sah er K. mit einem vertrauensvollen Blick an, was er bisher trotz aller Freundlichkeit nicht getan hatte. Er fügte hinzu: „Man rebelliert eben immer.“ Aber das Gespräch schien ihm doch ein wenig unangenehm geworden zu sein. Denn er beendete es und sagte: „Jetzt muss ich mich in der Kanzlei melden. Wollen Sie mitkommen?“

„Ich habe dort nichts zu tun“, sagte K.

„Sie könnten sich die Kanzleien ansehen. Niemand wird sich um Sie kümmern.“

„Lohnt es sich denn, sie anzusehen?“, fragte K. zögernd. Aber er hatte große Lust mitzugehen.

„Nun“, sagte der Gerichtsdiener, „ich dachte, es würde Sie interessieren.“

„Gut“, sagte K. schließlich, „ich gehe mit.“ Und er lief schneller als der Gerichtsdiener die Treppe hinauf.

Beim Eintreten wäre er fast hingefallen, denn hinter der Tür war noch eine Stufe.

„Auf das Publikum nimmt man nicht viel Rücksicht“, sagte er.

„Man nimmt überhaupt keine Rücksicht“, sagte der Gerichtsdiener. „Sehen Sie nur hier das Wartezimmer.“

Es war ein langer Gang. Von dort führten grob gezimmerte Türen zu den einzelnen Abteilungen des Dachbodens. Es gab kein direktes Licht von draußen, aber ganz dunkel war es trotzdem nicht. Manche Abteilungen hatten zum Gang hin nämlich keine Bretterwände. Sie hatten nur Holzgitter, die allerdings bis zur Decke reichten. Durch diese Gitter kam etwas Licht. Man konnte durch sie auch einzelne Beamte sehen. Sie schrieben an Tischen, oder sie standen direkt am Gitter und beobachteten durch die Lücken die Leute auf dem Gang.

Es waren nur wenige Leute auf dem Gang, wahrscheinlich weil Sonntag war. Sie machten einen sehr bescheidenen Eindruck. Sie saßen in fast regelmäßigen Abständen auf zwei Reihen langer Holzbänke, die an beiden Seiten des Ganges standen. Alle waren nachlässig angezogen. Trotzdem gehörten die meisten zu den höheren Klassen. Das zeigten ihr Gesichtsausdruck, ihre Haltung, ihre Bärte und viele kleine Einzelheiten, die man kaum genau bestimmen konnte. Kleiderhaken gab es nicht. Deshalb hatten sie die Hüte unter die Bank gestellt, wahrscheinlich einer nach dem Beispiel des anderen.

Die Leute, die der Tür am nächsten saßen, sahen K. und den Gerichtsdiener und standen zum Gruß auf. Das sahen die nächsten, und sie glaubten, dass sie auch grüßen müssten. So standen alle auf, als die zwei vorbeigingen. Sie standen nie ganz gerade. Der Rücken war gebeugt, die Knie waren geknickt, sie standen da wie Straßenbettler.

K. wartete auf den Gerichtsdiener, der ein wenig hinter ihm ging, und sagte: „Wie gedemütigt die sein müssen.“

„Ja“, sagte der Gerichtsdiener, „es sind Angeklagte. Alle, die Sie hier sehen, sind Angeklagte.“

„Wirklich!“, sagte K. „Dann sind es ja meine Kollegen.“

Und er wandte sich an den nächsten, einen großen, schlanken Mann, der schon fast graue Haare hatte.

„Worauf warten Sie hier?“, fragte K. höflich.

Die unerwartete Frage machte den Mann aber verwirrt. Das sah besonders peinlich aus, denn er war offenbar ein Mann mit viel Erfahrung in der Welt. Anderswo konnte er sich sicher beherrschen, und seine Überlegenheit über viele Menschen gab er nicht leicht auf. Hier aber wusste er auf eine so einfache Frage keine Antwort. Er sah zu den anderen hin, als müssten sie ihm helfen. Es war, als könnte niemand eine Antwort von ihm verlangen, wenn diese Hilfe nicht kam.

Da trat der Gerichtsdiener dazu. Um den Mann zu beruhigen und aufzumuntern, sagte er: „Der Herr hier fragt ja nur, worauf Sie warten. Antworten Sie doch.“

Die Stimme des Gerichtsdieners war dem Mann wahrscheinlich bekannt und wirkte besser.

„Ich warte –“, begann er und stockte.

Offenbar hatte er diesen Anfang gewählt, um ganz genau auf die Frage zu antworten. Aber jetzt fand er die Fortsetzung nicht. Einige der Wartenden waren näher gekommen und standen um die Gruppe herum.

Der Gerichtsdiener sagte zu ihnen: „Weg, weg, macht den Gang frei.“

Sie wichen ein wenig zurück, aber nicht bis zu ihren früheren Plätzen. Inzwischen hatte der Gefragte sich gesammelt. Er antwortete sogar mit einem kleinen Lächeln.

„Ich habe vor einem Monat einige Beweisanträge in meiner Sache gemacht und warte auf die Entscheidung.“

„Sie scheinen sich ja viel Mühe zu geben“, sagte K.

„Ja“, sagte der Mann, „es ist ja meine Sache.“

„Nicht jeder denkt so wie Sie“, sagte K. „Ich zum Beispiel bin auch angeklagt. Aber ich schwöre es bei Gott, ich habe keinen Beweisantrag gestellt und auch sonst nichts dieser Art getan. Halten Sie das denn für nötig?“

„Ich weiß nicht genau“, sagte der Mann, wieder ganz unsicher. Er glaubte offenbar, dass K. einen Scherz mit ihm machte. Aus Angst vor einem neuen Fehler hätte er deshalb wahrscheinlich am liebsten seine frühere Antwort ganz wiederholt. Aber unter K.s ungeduldigem Blick sagte er nur: „Was mich betrifft, ich habe Beweisanträge gestellt.“

„Sie glauben wohl nicht, dass ich angeklagt bin?“, fragte K.

„O bitte, gewiss“, sagte der Mann und trat ein wenig zur Seite. Aber in der Antwort war kein Glaube, sondern nur Angst.

„Sie glauben mir also nicht?“, fragte K. Das demütige Wesen des Mannes forderte ihn dazu auf, ohne dass er es merkte. Er fasste ihn beim Arm, als wollte er ihn zum Glauben zwingen. Er wollte ihm nicht wehtun und hatte ihn auch nur ganz leicht angefasst. Trotzdem schrie der Mann auf, als hätte K. ihn nicht mit zwei Fingern, sondern mit einer glühenden Zange gepackt. Dieses lächerliche Schreien machte K. endgültig überdrüssig. Wenn man ihm nicht glaubte, dass er angeklagt war, dann war es umso besser. Vielleicht hielt der Mann ihn sogar für einen Richter. Zum Abschied fasste er ihn nun wirklich fester, stieß ihn auf die Bank zurück und ging weiter.

„Die meisten Angeklagten sind so empfindlich“, sagte der Gerichtsdiener.

Hinter ihnen sammelten sich jetzt fast alle Wartenden um den Mann, der schon aufgehört hatte zu schreien. Sie schienen ihn genau über den Vorfall auszufragen.

Jetzt kam K. ein Wächter entgegen. Man erkannte ihn vor allem an seinem Säbel, dessen Scheide wenigstens der Farbe nach aus Aluminium war. K. staunte darüber und griff sogar mit der Hand danach. Der Wächter war wegen des Schreiens gekommen und fragte, was geschehen war. Der Gerichtsdiener versuchte, ihn mit einigen Worten zu beruhigen. Aber der Wächter erklärte, dass er doch selbst nachsehen müsse. Er salutierte und ging weiter, mit sehr eiligen, aber sehr kurzen Schritten. Wahrscheinlich machte die Gicht sie so kurz.

K. kümmerte sich nicht lange um ihn und die Leute auf dem Gang. Etwa in der Mitte des Ganges sah er nämlich, dass man rechts durch eine Öffnung ohne Tür abbiegen konnte. Er fragte den Gerichtsdiener, ob das der richtige Weg sei. Der Gerichtsdiener nickte, und K. bog dort ab. Es störte ihn, dass er immer einen oder zwei Schritte vor dem Gerichtsdiener gehen musste. Wenigstens an diesem Ort konnte es so aussehen, als würde er als Verhafteter vorgeführt. Er wartete also öfter auf den Gerichtsdiener, aber dieser blieb gleich wieder zurück. Schließlich wollte K. seinem Unbehagen ein Ende machen.

„Nun habe ich gesehen, wie es hier aussieht“, sagte er. „Ich will jetzt weggehen.“

„Sie haben noch nicht alles gesehen“, sagte der Gerichtsdiener ganz harmlos.

„Ich will nicht alles sehen“, sagte K., der sich übrigens wirklich müde fühlte. „Ich will gehen. Wie kommt man zum Ausgang?“

„Sie haben sich doch nicht schon verirrt?“, fragte der Gerichtsdiener erstaunt. „Sie gehen hier bis zur Ecke und dann rechts den Gang hinunter, geradeaus bis zur Tür.“

„Kommen Sie mit“, sagte K. „Zeigen Sie mir den Weg. Ich werde ihn nicht finden, es gibt hier so viele Wege.“

„Es ist der einzige Weg“, sagte der Gerichtsdiener nun schon vorwurfsvoll. „Ich kann nicht wieder mit Ihnen zurückgehen. Ich muss doch meine Meldung machen und habe durch Sie schon viel Zeit verloren.“

„Kommen Sie mit“, wiederholte K. jetzt schärfer, als hätte er den Gerichtsdiener endlich bei einer Lüge erwischt.

„Schreien Sie doch nicht so“, flüsterte der Gerichtsdiener. „Hier sind ja überall Büros. Wenn Sie nicht allein zurückgehen wollen, dann gehen Sie noch ein Stückchen mit mir. Oder warten Sie hier, bis ich meine Meldung gemacht habe. Dann gehe ich gern wieder mit Ihnen zurück.“

„Nein, nein“, sagte K., „ich werde nicht warten, und Sie müssen jetzt mit mir gehen.“

K. hatte sich in dem Raum, in dem er war, noch gar nicht umgesehen. Erst jetzt blickte er hin, denn eine der vielen Holztüren ringsherum öffnete sich. Ein Mädchen trat ein, das wohl K.s lautes Sprechen gehört hatte.

„Was wünscht der Herr?“, fragte sie.

Hinter ihr sah man in der Ferne im Halbdunkel noch einen Mann näher kommen. K. blickte den Gerichtsdiener an. Dieser hatte doch gesagt, dass sich niemand um K. kümmern werde, und nun kamen schon zwei. Es fehlte nur wenig, dann würden die Beamten auf ihn aufmerksam werden und wissen wollen, warum er hier war. Die einzige verständliche und annehmbare Erklärung war, dass er Angeklagter war und den Tag des nächsten Verhörs erfahren wollte. Gerade diese Erklärung wollte er aber nicht geben, besonders weil sie auch nicht der Wahrheit entsprach. Er war nämlich nur aus Neugier gekommen. Oder er wollte feststellen, dass dieses Gericht innen ebenso widerlich war wie außen. Als Erklärung war das noch unmöglicher. Und es schien ja, dass er damit recht hatte. Er wollte nicht weiter eindringen. Das, was er bisher gesehen hatte, bedrückte ihn genug. Gerade jetzt war er nicht in der Lage, einem höheren Beamten gegenüberzutreten. Ein solcher Beamter konnte aber hinter jeder Tür auftauchen. Er wollte weggehen, und zwar mit dem Gerichtsdiener oder, wenn es sein musste, allein.

Aber sein stummes Dastehen musste auffallen. Und wirklich sahen ihn das Mädchen und der Gerichtsdiener an. Es war, als müsste in der nächsten Minute eine große Verwandlung mit ihm geschehen. Und das wollten sie nicht verpassen. In der Türöffnung stand der Mann, den K. vorher in der Ferne bemerkt hatte. Er hielt sich am oberen Balken der niedrigen Tür fest. Er schaukelte ein wenig auf den Zehenspitzen, wie ein ungeduldiger Zuschauer. Das Mädchen erkannte als Erste, dass K. sich so benahm, weil er sich ein wenig unwohl fühlte. Sie brachte einen Stuhl und fragte: „Wollen Sie sich nicht setzen?“

K. setzte sich sofort und stützte die Ellbogen auf die Lehnen, um noch besseren Halt zu haben.

„Sie haben ein wenig Schwindel, nicht?“, fragte sie ihn.

Er hatte nun ihr Gesicht nahe vor sich. Es hatte den strengen Ausdruck, den manche Frauen gerade in ihrer schönsten Jugend haben.

„Machen Sie sich darüber keine Gedanken“, sagte sie. „Das ist hier nichts Außergewöhnliches. Fast jeder bekommt so einen Anfall, wenn er zum ersten Mal herkommt. Sie sind zum ersten Mal hier? Nun ja, das ist nichts Außergewöhnliches. Die Sonne brennt hier auf das Dachgerüst, und das heiße Holz macht die Luft so dumpf und schwer. Deshalb ist der Ort für Büros nicht sehr geeignet, obwohl er sonst große Vorteile hat. Aber an Tagen mit viel Parteienverkehr kann man die Luft kaum noch atmen, und das ist fast jeder Tag. Außerdem wird hier oft Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Man kann es den Mietern nicht ganz verbieten. Wenn Sie das bedenken, werden Sie sich nicht mehr wundern, dass Ihnen ein wenig übel wurde. Aber an die Luft gewöhnt man sich schließlich sehr gut. Wenn Sie zum zweiten oder dritten Mal herkommen, werden Sie das Drückende hier kaum noch spüren. Fühlen Sie sich schon besser?“

K. antwortete nicht. Es war ihm zu peinlich, dass er den Leuten hier durch diese plötzliche Schwäche ausgeliefert war. Außerdem ging es ihm jetzt, da er die Ursachen seiner Übelkeit kannte, nicht besser, sondern noch ein wenig schlechter. Das Mädchen merkte es gleich. Um K. etwas Erfrischung zu verschaffen, nahm sie eine Stange mit Haken, die an der Wand lehnte. Damit stieß sie eine kleine Luke auf, die genau über K. war und ins Freie führte. Aber es fiel so viel Ruß herein, dass sie die Luke gleich wieder zuziehen musste. Dann musste sie K.s Hände mit ihrem Taschentuch vom Ruß reinigen. Denn K. war zu müde, um das selbst zu tun. Er wäre gern hier ruhig sitzen geblieben, bis er stark genug zum Weggehen war. Das würde aber umso früher geschehen, je weniger man sich um ihn kümmerte.

Nun sagte das Mädchen aber auch noch: „Hier können Sie nicht bleiben, hier stören wir den Verkehr.“ K. fragte mit den Blicken, welchen Verkehr er denn hier störe. „Ich werde Sie, wenn Sie wollen, ins Krankenzimmer führen. Helfen Sie mir bitte“, sagte sie zu dem Mann in der Tür, und dieser kam gleich näher.

Aber K. wollte nicht ins Krankenzimmer. Gerade das wollte er ja vermeiden, dass man ihn noch weiter führte. Je weiter er kam, desto schlimmer musste es werden.

„Ich kann schon gehen“, sagte er deshalb. Durch das bequeme Sitzen war er verwöhnt, und er stand zitternd auf. Dann aber konnte er sich nicht aufrecht halten.

„Es geht doch nicht“, sagte er kopfschüttelnd und setzte sich seufzend wieder hin. Er erinnerte sich an den Gerichtsdiener, der ihn trotz allem leicht hinausführen konnte. Aber der schien schon lange weg zu sein. K. sah zwischen dem Mädchen und dem Mann, die vor ihm standen, hindurch. Er konnte den Gerichtsdiener aber nicht finden.

„Ich glaube“, sagte der Mann, „das Unwohlsein des Herrn kommt von der Atmosphäre hier.“ Der Mann war übrigens elegant gekleidet. Besonders fiel seine graue Weste auf, die in zwei langen, scharf geschnittenen Spitzen endete. „Es wird daher am besten sein, und dem Herrn auch am liebsten, wenn wir ihn nicht erst ins Krankenzimmer führen. Führen wir ihn lieber ganz aus den Kanzleien hinaus.“

„Das ist es!“, rief K. Vor lauter Freude unterbrach er den Mann fast. „Mir wird sicher sofort besser werden. Ich bin auch gar nicht so schwach. Ich brauche nur ein wenig Unterstützung unter den Achseln. Ich werde Ihnen nicht viel Mühe machen, es ist ja auch kein langer Weg. Führen Sie mich nur zur Tür. Ich setze mich dann noch ein wenig auf die Stufen und werde mich gleich erholen. Ich leide nämlich gar nicht unter solchen Anfällen, es überrascht mich selbst. Ich bin doch auch Beamter und an Büroluft gewöhnt, aber hier scheint es doch zu schlimm zu sein. Sie sagen es selbst. Seien Sie also bitte so freundlich und führen Sie mich ein wenig. Ich habe nämlich Schwindel, und es wird mir schlecht, wenn ich allein aufstehe.“ Und er hob die Schultern, damit die beiden ihm leichter unter die Arme greifen konnten.

Aber der Mann folgte der Bitte nicht. Er ließ die Hände ruhig in den Hosentaschen und lachte laut.

„Sehen Sie“, sagte er zu dem Mädchen, „ich habe es also doch richtig getroffen. Dem Herrn ist nur hier nicht wohl, nicht im Allgemeinen.“

Das Mädchen lächelte auch. Aber sie schlug dem Mann leicht mit den Fingerspitzen auf den Arm, als hätte er sich mit K. einen zu starken Spaß erlaubt.

„Aber was denken Sie denn“, sagte der Mann, noch immer lachend. „Ich will den Herrn ja wirklich hinausführen.“

„Dann ist es gut“, sagte das Mädchen und neigte für einen Augenblick ihren zierlichen Kopf.

K. starrte wieder traurig vor sich hin und schien keine Erklärung zu brauchen. Trotzdem sagte das Mädchen zu ihm: „Nehmen Sie das Lachen nicht zu wichtig. Dieser Herr – ich darf Sie doch vorstellen?“ Der Herr gab mit einer Handbewegung die Erlaubnis. „Dieser Herr ist also der Auskunftgeber. Er gibt den wartenden Parteien alle Auskunft, die sie brauchen. Unser Gericht ist in der Bevölkerung nicht sehr bekannt, deshalb werden viele Auskünfte verlangt. Er weiß auf alle Fragen eine Antwort. Wenn Sie einmal Lust haben, können Sie ihn gern prüfen. Das ist aber nicht sein einziger Vorzug. Sein zweiter Vorzug ist die elegante Kleidung. Wir, das heißt die Beamten, meinten einmal: Der Auskunftgeber spricht immer wieder mit den Parteien, und zwar als Erster. Deshalb muss man ihn auch elegant anziehen, damit der erste Eindruck würdig ist. Wir anderen sind leider, wie Sie gleich an mir sehen können, sehr schlecht und altmodisch angezogen. Es hat auch nicht viel Sinn, Geld für Kleidung auszugeben, denn wir sind fast ununterbrochen in den Kanzleien. Wir schlafen ja auch hier. Aber wie gesagt, für den Auskunftgeber hielten wir schöne Kleidung einmal für nötig. Unsere Verwaltung ist in dieser Hinsicht etwas sonderbar und gab sie uns nicht. Da machten wir eine Sammlung, auch Parteien gaben etwas dazu. Und wir kauften ihm diesen schönen Anzug und noch andere. Jetzt wäre alles bereit, um einen guten Eindruck zu machen. Aber durch sein Lachen verdirbt er es wieder und erschreckt die Leute.“

„So ist es“, sagte der Herr spöttisch. „Aber ich verstehe nicht, Fräulein, warum Sie dem Herrn alle unsere Intimitäten erzählen. Oder besser gesagt: aufdrängen, denn er will sie ja gar nicht wissen. Sehen Sie nur, wie er dasitzt. Er ist offenbar mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt.“

K. hatte nicht einmal Lust zu widersprechen. Das Mädchen meinte es vielleicht gut. Vielleicht wollte sie ihn ablenken oder ihm die Möglichkeit geben, sich zu sammeln. Aber das Mittel war falsch.

„Ich musste ihm Ihr Lachen erklären“, sagte das Mädchen. „Es war ja beleidigend.“

„Ich glaube, er würde noch schlimmere Beleidigungen verzeihen, wenn ich ihn schließlich hinausführe.“

K. sagte nichts und sah nicht einmal auf. Er ließ es zu, dass die zwei über ihn sprachen wie über eine Sache. Das war ihm sogar am liebsten. Aber plötzlich fühlte er die Hand des Auskunftgebers an einem Arm und die Hand des Mädchens am anderen.

„Also auf, Sie schwacher Mann“, sagte der Auskunftgeber.

„Ich danke Ihnen beiden vielmals“, sagte K. freudig überrascht. Er stand langsam auf und führte die fremden Hände selbst an die Stellen, wo er die Stütze am meisten brauchte.

Sie näherten sich dem Gang. Da sprach das Mädchen leise in K.s Ohr.

„Es sieht so aus, als wäre es mir besonders wichtig, den Auskunftgeber in ein gutes Licht zu stellen. Aber man mag es glauben, ich will doch die Wahrheit sagen. Er hat kein hartes Herz. Er muss kranke Parteien nicht hinausführen und tut es doch, wie Sie sehen. Vielleicht ist niemand von uns hartherzig. Vielleicht wollten wir alle gern helfen. Aber als Gerichtsbeamte sehen wir leicht so aus, als wären wir hartherzig und wollten niemandem helfen. Ich leide richtig darunter.“

„Wollen Sie sich nicht hier ein wenig setzen?“, fragte der Auskunftgeber. Sie waren schon im Gang, genau vor dem Angeklagten, den K. vorher angesprochen hatte. K. schämte sich fast vor ihm. Vorher hatte er so aufrecht vor ihm gestanden, und jetzt mussten ihn zwei stützen. Seinen Hut balancierte der Auskunftgeber auf den gespreizten Fingern. K.s Frisur war zerstört, die Haare hingen ihm in die schweißnasse Stirn. Aber der Angeklagte schien nichts davon zu bemerken. Demütig stand er vor dem Auskunftgeber, der über ihn hinwegsah, und versuchte nur, seine Anwesenheit zu entschuldigen.

„Ich weiß“, sagte er, „dass über meine Anträge heute noch nicht entschieden werden kann. Aber ich bin trotzdem gekommen. Ich dachte, ich könnte ja hier warten. Es ist Sonntag, ich habe Zeit, und hier störe ich nicht.“

„Sie müssen das nicht so sehr entschuldigen“, sagte der Auskunftgeber. „Ihre Sorgfalt ist ja ganz lobenswert. Sie nehmen hier zwar unnötig den Platz weg. Aber solange es mir nicht lästig wird, will ich Sie durchaus nicht daran hindern, Ihre Angelegenheit genau zu verfolgen. Wenn man Leute gesehen hat, die ihre Pflicht schändlich vernachlässigten, lernt man, mit Leuten wie Ihnen Geduld zu haben. Setzen Sie sich.“

„Wie gut er mit den Parteien reden kann“, flüsterte das Mädchen.

K. nickte, aber er fuhr gleich auf, als der Auskunftgeber ihn wieder fragte: „Wollen Sie sich nicht hier hinsetzen?“

„Nein“, sagte K., „ich will nicht ausruhen.“

Er hatte das so bestimmt wie möglich gesagt. In Wirklichkeit hätte es ihm aber sehr gutgetan, sich hinzusetzen. Er war wie seekrank. Er glaubte, auf einem Schiff in schwerer See zu sein. Es war ihm, als stürzte das Wasser gegen die Holzwände. Aus der Tiefe des Ganges schien ein Brausen zu kommen wie von Wellen, die sich überschlagen. Der Gang schien quer zu schaukeln, und die wartenden Parteien auf beiden Seiten schienen gesenkt und gehoben zu werden. Umso unbegreiflicher war die Ruhe des Mädchens und des Mannes, die ihn führten. Er war ihnen ausgeliefert. Wenn sie ihn losließen, musste er hinfallen wie ein Brett. Aus ihren kleinen Augen gingen scharfe Blicke hin und her. K. fühlte ihre gleichmäßigen Schritte, ohne selbst mitzugehen, denn er wurde fast von Schritt zu Schritt getragen. Endlich merkte er, dass sie zu ihm sprachen, aber er verstand sie nicht. Er hörte nur den Lärm, der alles erfüllte. Durch ihn hindurch schien ein gleichbleibender hoher Ton zu klingen, wie von einer Sirene.

„Lauter“, flüsterte er mit gesenktem Kopf und schämte sich. Er wusste ja, dass sie laut genug gesprochen hatten, auch wenn er sie nicht verstand.

Da kam ihm endlich ein frischer Luftzug entgegen, als wäre die Wand vor ihnen durchgerissen. Neben sich hörte er sagen: „Zuerst will er weg. Dann aber kann man ihm hundertmal sagen, dass hier der Ausgang ist, und er rührt sich nicht.“

K. merkte, dass er vor der Ausgangstür stand, die das Mädchen geöffnet hatte. Ihm war, als wären alle seine Kräfte mit einem Mal zurückgekehrt. Um einen Vorgeschmack der Freiheit zu bekommen, trat er gleich auf eine Treppenstufe. Von dort verabschiedete er sich von seinen Begleitern, die sich zu ihm herabbeugten.

„Vielen Dank“, wiederholte er und drückte beiden immer wieder die Hände. Er hörte erst auf, als er zu sehen glaubte, dass sie die Luft von der Treppe schlecht vertrugen. Sie waren ja an die Luft der Kanzleien gewöhnt, und diese hier war verhältnismäßig frisch. Sie konnten kaum antworten. Das Mädchen wäre vielleicht abgestürzt, wenn K. die Tür nicht äußerst schnell geschlossen hätte.

K. stand dann noch einen Augenblick still. Mit Hilfe eines Taschenspiegels brachte er sein Haar in Ordnung. Er hob seinen Hut auf, der auf dem nächsten Treppenabsatz lag. Der Auskunftgeber hatte ihn wohl dorthin geworfen. Dann lief er so frisch und in so langen Sprüngen die Treppe hinunter, dass ihm das fast Angst machte. Seine Gesundheit war sonst ganz fest, und solche Überraschungen hatte sie ihm noch nie bereitet. Wollte sein Körper etwa eine Revolution machen und ihm einen neuen Prozess bereiten, weil er den alten so mühelos ertrug. Er lehnte den Gedanken nicht ganz ab, bei nächster Gelegenheit zu einem Arzt zu gehen. Auf jeden Fall aber wollte er alle zukünftigen Sonntagvormittage besser verwenden als diesen. Darin konnte er sich selbst beraten.

### Glossar

- **Sitzung**: ein Termin, bei dem das Gericht zusammenkommt und arbeitet.
- **Podium**: eine niedrige Fläche im Saal, die höher liegt als der Boden; dort stehen oder sitzen wichtige Personen.
- **Gerichtsdiener**: ein einfacher Angestellter des Gerichts, der Nachrichten bringt.
- **Plagen**: schwere Sorgen und Leiden.
- **Vorwand**: ein falscher Grund, den man nennt, um den wahren Grund zu verstecken.
- **Scheusal**: ein Schimpfwort für einen hässlichen oder bösen Menschen.
- **Dachboden**: der Raum direkt unter dem Dach eines Hauses.
- **Gerichtskanzleien**: die Büros des Gerichts.
- **Voruntersuchung**: die erste Prüfung eines Falls vor der eigentlichen Verhandlung.
- **Beweisanträge**: Bitten an das Gericht, Beweise zu prüfen.
- **Säbel**: eine lange Waffe mit einer scharfen Klinge; sie steckt in einer Hülle, der Scheide.
- **Gicht**: eine Krankheit, bei der die Gelenke und oft die Füße wehtun.
- **Parteien**: Menschen, die wegen ihrer Sache zum Gericht kommen.
- **Parteienverkehr**: das Kommen und Gehen der Parteien in einem Amt.
- **Kanzleien**: die Büros des Gerichts.
- **Luke**: ein kleines Fenster oder eine kleine Öffnung im Dach.
- **Ruß**: schwarzer Staub, der entsteht, wenn etwas brennt.
- **Auskunftgeber**: ein Mann im Gericht, der Fragen von Besuchern beantwortet.

## Die Freundin des Fräulein Bürstner

In der nächsten Zeit war es K. unmöglich, mit Fräulein Bürstner auch nur ein paar Worte zu sprechen. Er versuchte es auf ganz verschiedene Weise, aber sie wusste es immer zu verhindern. Er kam gleich nach dem Büro nach Hause. Dann saß er in seinem Zimmer auf dem Sofa, ohne das Licht anzumachen. Er tat nichts anderes, als das Vorzimmer zu beobachten. Manchmal ging das Dienstmädchen vorbei und schloss die Tür des scheinbar leeren Zimmers. Dann stand er nach einem Weilchen auf und öffnete sie wieder. Morgens stand er eine Stunde früher auf als sonst. So konnte er Fräulein Bürstner vielleicht allein treffen, wenn sie ins Büro ging. Aber keiner dieser Versuche gelang.

Dann schrieb er ihr einen Brief, sowohl ins Büro als auch in die Wohnung. Darin versuchte er noch einmal, sein Verhalten zu rechtfertigen. Er bot ihr jede Wiedergutmachung an. Er versprach, niemals die Grenzen zu überschreiten, die sie ihm setzen würde. Er bat nur um die Möglichkeit, einmal mit ihr zu sprechen. Das sei besonders wichtig, denn auch bei Frau Grubach könne er nichts unternehmen. Zuerst müsse er sich mit ihr beraten. Schließlich teilte er ihr mit, dass er den ganzen nächsten Sonntag in seinem Zimmer bleiben werde. Dort werde er auf ein Zeichen von ihr warten. Das Zeichen sollte ihm die Erfüllung seiner Bitte versprechen. Oder es sollte ihm wenigstens erklären, warum sie die Bitte nicht erfüllen könne. Er habe doch versprochen, sich in allem nach ihr zu richten. Die Briefe kamen nicht zurück, aber es kam auch keine Antwort.

Am Sonntag gab es dagegen ein Zeichen, das deutlich genug war. Gleich am frühen Morgen bemerkte K. durch das Schlüsselloch eine besondere Bewegung im Vorzimmer. Bald wurde klar, was los war. Eine Lehrerin für Französisch zog in das Zimmer von Fräulein Bürstner um. Sie war übrigens eine Deutsche und hieß Montag. Sie war ein schwaches, blasses Mädchen, das ein wenig hinkte, und hatte bisher ein eigenes Zimmer gehabt. Stundenlang sah man sie durch das Vorzimmer schlurfen. Immer war noch ein Wäschestück oder ein Deckchen oder ein Buch vergessen. Das musste sie dann extra holen und in die neue Wohnung hinübertragen.

Frau Grubach brachte K. das Frühstück. Seitdem sie K. so verärgert hatte, überließ sie dem Dienstmädchen nicht die kleinste Arbeit für ihn. Diesmal konnte K. sich nicht zurückhalten und sprach sie zum ersten Mal wieder an.

„Warum ist denn heute so ein Lärm im Vorzimmer?“, fragte er, während er den Kaffee eingoss. „Könnte das nicht aufhören? Muss gerade am Sonntag aufgeräumt werden?“

K. sah nicht zu Frau Grubach auf. Trotzdem bemerkte er, dass sie wie erleichtert aufatmete. Selbst diese strengen Fragen verstand sie als Verzeihung oder als Beginn der Verzeihung.

„Es wird nicht aufgeräumt, Herr K.“, sagte sie. „Fräulein Montag zieht nur zu Fräulein Bürstner um und bringt ihre Sachen hinüber.“

Sie sagte nichts weiter. Sie wartete, wie K. es aufnehmen würde und ob er ihr erlauben würde, weiterzusprechen. Aber K. stellte sie auf die Probe. Er rührte nachdenklich mit dem Löffel im Kaffee und schwieg. Dann sah er zu ihr auf und sagte: „Haben Sie Ihren früheren Verdacht gegen Fräulein Bürstner schon aufgegeben.“

„Herr K.!“, rief Frau Grubach, die nur auf diese Frage gewartet hatte, und hielt ihm ihre gefalteten Hände hin. „Sie haben eine kleine Bemerkung neulich so schwer genommen. Ich habe ja nicht im Geringsten daran gedacht, Sie oder irgendjemanden zu kränken. Sie kennen mich doch lange genug, Herr K., um das zu wissen. Sie wissen gar nicht, wie ich in den letzten Tagen gelitten habe! Ich sollte meine Mieter verleumden! Und Sie, Herr K., haben das geglaubt! Und Sie haben gesagt, ich soll Ihnen kündigen! Ihnen kündigen!“

Beim letzten Ausruf erstickte ihre Stimme schon unter Tränen. Sie hob die Schürze vors Gesicht und schluchzte laut.

„Weinen Sie doch nicht, Frau Grubach“, sagte K. und sah zum Fenster hinaus. Er dachte nur an Fräulein Bürstner und daran, dass sie ein fremdes Mädchen in ihr Zimmer aufgenommen hatte.

Er drehte sich wieder zum Zimmer um, und Frau Grubach weinte noch immer.

„Weinen Sie doch nicht“, sagte er noch einmal. „Ich habe es damals auch nicht so schlimm gemeint. Wir haben uns eben gegenseitig missverstanden. Das kann auch alten Freunden einmal passieren.“

Frau Grubach schob die Schürze unter die Augen, um zu sehen, ob K. wirklich versöhnt war.

„Nun ja, es ist so“, sagte K. Nach dem Verhalten von Frau Grubach hatte der Hauptmann offenbar nichts verraten. Darum wagte K. noch hinzuzufügen: „Glauben Sie denn wirklich, dass ich wegen eines fremden Mädchens Ihr Feind werden könnte.“

„Das ist es ja eben, Herr K.“, sagte Frau Grubach. Es war ihr Unglück, dass sie gleich etwas Ungeschicktes sagte, sobald sie sich etwas freier fühlte. „Ich habe mich immer wieder gefragt: Warum setzt sich Herr K. so sehr für Fräulein Bürstner ein? Warum streitet er ihretwegen mit mir, obwohl er weiß, dass mir jedes böse Wort von ihm den Schlaf nimmt? Ich habe ja über das Fräulein nichts anderes gesagt, als was ich mit eigenen Augen gesehen habe.“

K. sagte dazu nichts. Mit dem ersten Wort hätte er sie aus dem Zimmer jagen müssen, und das wollte er nicht. Er trank nur seinen Kaffee und ließ Frau Grubach fühlen, dass sie überflüssig war. Draußen hörte man wieder den schleppenden Schritt von Fräulein Montag, die durch das ganze Vorzimmer ging.

„Hören Sie es?“, fragte K. und zeigte mit der Hand zur Tür.

„Ja“, sagte Frau Grubach und seufzte. „Ich wollte ihr helfen und auch das Dienstmädchen helfen lassen. Aber sie ist eigensinnig, sie will alles selbst hinübertragen. Ich wundere mich über Fräulein Bürstner. Mir ist es oft lästig, dass Fräulein Montag bei mir wohnt. Und Fräulein Bürstner nimmt sie sogar zu sich ins Zimmer.“

„Das muss Sie gar nicht kümmern“, sagte K. und zerdrückte die Zuckerreste in der Tasse. „Haben Sie denn dadurch einen Schaden?“

„Nein“, sagte Frau Grubach. „An sich ist es mir ganz willkommen. Dadurch wird ein Zimmer frei, und ich kann dort meinen Neffen, den Hauptmann, unterbringen. Ich musste ihn in den letzten Tagen nebenan im Wohnzimmer wohnen lassen. Schon lange fürchtete ich, dass er Sie dabei gestört haben könnte. Er nimmt nicht viel Rücksicht.“

„Was für Einfälle!“, sagte K. und stand auf. „Davon kann keine Rede sein. Sie halten mich wohl für überempfindlich, weil ich diese Wanderungen von Fräulein Montag nicht vertrage. Jetzt geht sie wieder zurück.“

Frau Grubach fühlte sich ganz machtlos.

„Soll ich ihr sagen, Herr K., dass sie den Rest des Umzugs verschieben soll? Wenn Sie wollen, tue ich es sofort.“

„Aber sie soll doch zu Fräulein Bürstner umziehen!“, sagte K.

„Ja“, sagte Frau Grubach. Sie verstand nicht ganz, was K. meinte.

„Nun also“, sagte K., „dann muss sie doch ihre Sachen hinübertragen.“

Frau Grubach nickte nur. Diese stumme Hilflosigkeit sah von außen nicht anders aus als Trotz, und sie reizte K. noch mehr. Er begann, im Zimmer vom Fenster zur Tür auf und ab zu gehen. So nahm er Frau Grubach die Möglichkeit wegzugehen, was sie sonst wahrscheinlich getan hätte.

Gerade war K. wieder einmal bis zur Tür gekommen, als es klopfte. Es war das Dienstmädchen. Sie meldete, dass Fräulein Montag gern ein paar Worte mit Herrn K. sprechen möchte. Sie bitte ihn deshalb ins Esszimmer, wo sie auf ihn warte. K. hörte das Dienstmädchen nachdenklich an. Dann wandte er sich mit einem fast höhnischen Blick zu der erschrockenen Frau Grubach um. Dieser Blick schien zu sagen, dass K. diese Einladung schon lange vorausgesehen habe. Sie passe auch sehr gut zu der Quälerei, die er an diesem Sonntagvormittag durch die Mieter von Frau Grubach erlebe. Er schickte das Dienstmädchen mit der Antwort zurück, dass er sofort komme. Dann ging er zum Kleiderschrank, um die Jacke zu wechseln. Frau Grubach jammerte leise über die lästige Person. Er antwortete ihr nur mit der Bitte, das Frühstücksgeschirr schon wegzutragen.

„Sie haben ja fast nichts angerührt“, sagte Frau Grubach.

„Ach, tragen Sie es doch weg“, rief K. Es war ihm, als wäre Fräulein Montag irgendwie in alles hineingemischt und machte alles widerlich.

Als er durch das Vorzimmer ging, sah er zu der geschlossenen Tür von Fräulein Bürstners Zimmer hin. Aber dorthin war er nicht eingeladen, sondern ins Esszimmer. Er riss die Tür auf, ohne zu klopfen.

Es war ein sehr langes, aber schmales Zimmer mit nur einem Fenster. Es gab dort nur so viel Platz, dass man in den Ecken an der Türseite zwei Schränke schräg aufstellen konnte. Den übrigen Raum füllte ganz der lange Esstisch aus. Er begann nahe der Tür und reichte bis knapp zum großen Fenster, an das man deshalb fast nicht herankam. Der Tisch war schon gedeckt, und zwar für viele Personen, denn am Sonntag aßen fast alle Mieter hier zu Mittag.

Als K. eintrat, kam Fräulein Montag vom Fenster her an der einen Seite des Tisches entlang auf ihn zu. Sie grüßten einander stumm. Dann sagte Fräulein Montag, den Kopf wie immer ungewöhnlich hoch erhoben: „Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen.“

K. sah sie mit zusammengekniffenen Augen an.

„Gewiss“, sagte er. „Sie wohnen doch schon längere Zeit bei Frau Grubach.“

„Aber ich glaube, Sie kümmern sich nicht viel um die Pension“, sagte Fräulein Montag.

„Nein“, sagte K.

„Wollen Sie sich nicht setzen?“, sagte Fräulein Montag.

Beide zogen schweigend zwei Stühle am äußersten Ende des Tisches hervor und setzten sich einander gegenüber. Aber Fräulein Montag stand gleich wieder auf, denn sie hatte ihre kleine Handtasche auf dem Fensterbrett liegen lassen. Sie ging sie holen und schleifte dabei durch das ganze Zimmer. Als sie zurückkam, schwenkte sie die Handtasche leicht. Dann sagte sie: „Ich möchte nur im Auftrag meiner Freundin ein paar Worte mit Ihnen sprechen. Sie wollte selbst kommen, aber sie fühlt sich heute ein wenig unwohl. Sie bittet Sie, sie zu entschuldigen und mich an ihrer Stelle anzuhören. Sie hätte Ihnen auch nichts anderes sagen können als ich. Im Gegenteil, ich glaube, ich kann Ihnen sogar mehr sagen, weil ich ja verhältnismäßig unbeteiligt bin. Glauben Sie das nicht auch?“

„Was wäre denn zu sagen?“, antwortete K. Er war es müde, die Augen von Fräulein Montag ständig auf seine Lippen gerichtet zu sehen. Damit wollte sie schon darüber herrschen, was er erst sagen wollte. „Fräulein Bürstner will mir offenbar das persönliche Gespräch nicht erlauben, um das ich sie gebeten habe.“

„Das ist es“, sagte Fräulein Montag, „oder vielmehr, so ist es gar nicht. Sie drücken es sonderbar scharf aus. Gespräche werden doch im Allgemeinen nicht erlaubt, und es geschieht auch nicht das Gegenteil. Aber es kann geschehen, dass man ein Gespräch für unnötig hält, und so ist es eben hier. Jetzt, nach Ihrer Bemerkung, kann ich ja offen reden. Sie haben meine Freundin schriftlich oder mündlich um ein Gespräch gebeten. Nun weiß meine Freundin aber, was dieses Gespräch betreffen soll. Das muss ich wenigstens annehmen. Deshalb ist sie überzeugt, dass es niemandem nützen würde, wenn das Gespräch wirklich stattfände. Die Gründe dafür kenne ich nicht. Übrigens hat sie mir erst gestern davon erzählt, und nur ganz kurz. Dabei sagte sie, dass auch Ihnen jedenfalls nicht viel an dem Gespräch liegen könne. Denn Sie seien nur durch einen Zufall auf diesen Gedanken gekommen. Sie würden auch ohne besondere Erklärung die Sinnlosigkeit des Ganzen erkennen, wenn nicht schon jetzt, dann doch sehr bald. Ich antwortete, das möge richtig sein. Aber damit alles ganz klar werde, würde ich es doch für vorteilhaft halten, Ihnen eine ausdrückliche Antwort zu geben. Ich bot an, diese Aufgabe zu übernehmen, und nach einigem Zögern gab meine Freundin nach. Ich hoffe nun, dass ich auch in Ihrem Sinne gehandelt habe. Denn selbst die kleinste Unsicherheit in der unwichtigsten Sache ist doch immer quälend. Und wenn man sie so leicht beseitigen kann wie hier, dann soll es besser sofort geschehen.“

„Ich danke Ihnen“, sagte K. sofort. Er stand langsam auf, sah Fräulein Montag an, dann über den Tisch hin, dann aus dem Fenster. Das Haus gegenüber stand in der Sonne. Dann ging er zur Tür. Fräulein Montag folgte ihm ein paar Schritte, als würde sie ihm nicht ganz vertrauen. Vor der Tür mussten aber beide zurückweichen, denn sie öffnete sich, und Hauptmann Lanz trat ein. K. sah ihn zum ersten Mal aus der Nähe. Es war ein großer, etwa vierzigjähriger Mann mit einem braun gebrannten, fleischigen Gesicht. Er machte eine leichte Verbeugung, die auch K. galt. Dann ging er zu Fräulein Montag und küsste ihr voller Respekt die Hand. Er bewegte sich sehr geschickt. Seine Höflichkeit gegenüber Fräulein Montag stand in starkem Gegensatz dazu, wie K. sie behandelt hatte. Trotzdem schien Fräulein Montag K. nicht böse zu sein. Denn sie wollte ihn sogar, wie K. zu bemerken glaubte, dem Hauptmann vorstellen. Aber K. wollte nicht vorgestellt werden. Er hätte weder zum Hauptmann noch zu Fräulein Montag irgendwie freundlich sein können. Der Handkuss hatte sie für ihn zu einer Gruppe verbunden. Diese Gruppe wollte ihn von Fräulein Bürstner fernhalten und tat dabei ganz harmlos und selbstlos. K. glaubte aber nicht nur das zu erkennen. Er erkannte auch, dass Fräulein Montag ein gutes Mittel gewählt hatte. Allerdings konnte es auch gegen sie selbst wirken. Sie übertrieb die Bedeutung der Beziehung zwischen Fräulein Bürstner und K. Vor allem übertrieb sie die Bedeutung des Gesprächs, um das er gebeten hatte. Gleichzeitig versuchte sie es so zu drehen, als wäre es K., der alles übertrieb. Sie sollte sich täuschen, K. wollte nichts übertreiben. Er wusste, dass Fräulein Bürstner ein kleines Schreibmaschinenfräulein war, das ihm nicht lange Widerstand leisten sollte. Dabei dachte er absichtlich gar nicht an das, was er von Frau Grubach über Fräulein Bürstner erfahren hatte.

Das alles überlegte er, während er das Zimmer verließ und kaum grüßte. Er wollte gleich in sein Zimmer gehen. Aber hinter sich hörte er aus dem Esszimmer ein kleines Lachen von Fräulein Montag. Das brachte ihn auf den Gedanken, dass er beide vielleicht überraschen könnte, den Hauptmann wie Fräulein Montag. Er sah sich um und horchte, ob ihn aus einem der Zimmer ringsum jemand stören könnte. Überall war es still. Man hörte nur das Gespräch aus dem Esszimmer und aus dem Gang zur Küche die Stimme von Frau Grubach. Die Gelegenheit schien günstig. K. ging zur Tür von Fräulein Bürstners Zimmer und klopfte leise. Da sich nichts rührte, klopfte er noch einmal, aber es kam noch immer keine Antwort. Schlief sie? Oder war sie wirklich unwohl? Oder tat sie nur so, als wäre sie nicht da, weil sie ahnte, dass nur K. so leise klopfen konnte? K. nahm an, dass sie nur so tat, und klopfte stärker. Als das Klopfen keinen Erfolg hatte, öffnete er schließlich vorsichtig die Tür. Er hatte dabei das Gefühl, etwas Unrechtes und außerdem Nutzloses zu tun.

Im Zimmer war niemand. Es erinnerte übrigens kaum noch an das Zimmer, das K. gekannt hatte. An der Wand standen jetzt zwei Betten hintereinander. Drei Stühle in der Nähe der Tür waren voll mit Kleidern und Wäsche, und ein Schrank stand offen. Fräulein Bürstner war wahrscheinlich weggegangen, während Fräulein Montag im Esszimmer auf K. eingeredet hatte. K. war darüber nicht sehr erschrocken. Er hatte kaum noch erwartet, Fräulein Bürstner so leicht zu treffen. Er hatte diesen Versuch fast nur aus Trotz gegen Fräulein Montag gemacht. Umso peinlicher war ihm, was er sah, als er die Tür wieder schloss. In der offenen Tür des Esszimmers standen Fräulein Montag und der Hauptmann und unterhielten sich. Vielleicht standen sie dort schon, seit K. die Tür geöffnet hatte. Sie vermieden jeden Anschein, dass sie K. beobachteten. Sie unterhielten sich leise. K.s Bewegungen folgten sie mit den Blicken nur so, wie man während eines Gesprächs zerstreut umherblickt. Aber diese Blicke lagen doch schwer auf K. Er beeilte sich, an der Wand entlang in sein Zimmer zu kommen.

### Glossar

- **Vorzimmer**: ein kleiner Raum direkt hinter der Wohnungstür.
- **schlurfen**: langsam gehen, ohne die Füße richtig zu heben.
- **Verdacht**: die Vermutung, dass jemand etwas Falsches getan hat.
- **verleumden**: schlechte, falsche Dinge über jemanden erzählen.
- **kündigen**: sagen, dass ein Vertrag (zum Beispiel für ein Zimmer) endet.
- **Pension**: eine Wohnung oder ein Haus, wo man ein Zimmer mietet und oft auch isst.
- **Hauptmann**: ein Offizier beim Militär.
- **Handkuss**: ein alter, höflicher Gruß: Ein Mann küsst einer Frau die Hand.
- **Schreibmaschinenfräulein**: eine junge Frau, die im Büro auf der Schreibmaschine schreibt.

## Der Prügler

An einem der nächsten Abende ging K. durch den Korridor, der sein Büro von der Haupttreppe trennte. Er ging diesmal fast als Letzter nach Hause. Nur in der Expedition arbeiteten noch zwei Diener im kleinen Licht einer Glühbirne. Da hörte er Seufzer hinter einer Tür. Er hatte immer vermutet, dass hinter dieser Tür eine Rumpelkammer war, hatte sie aber nie selbst gesehen. Er blieb erstaunt stehen und horchte noch einmal, um sicher zu sein, dass er sich nicht irrte. Eine Weile wurde es still, aber dann waren es doch wieder Seufzer. Zuerst wollte er einen der Diener holen, denn vielleicht konnte man einen Zeugen brauchen. Dann aber packte ihn eine so starke Neugier, dass er die Tür geradezu aufriss.

Es war, wie er richtig vermutet hatte, eine Rumpelkammer. Hinter der Schwelle lagen alte, unbrauchbare Formulare und umgeworfene leere Tintenflaschen aus Ton. In der Kammer selbst aber standen drei Männer, gebückt in dem niedrigen Raum. Eine Kerze, die auf einem Regal befestigt war, gab ihnen Licht.

„Was treibt Ihr hier?“, fragte K. Er sprach hastig vor Aufregung, aber nicht laut.

Einer der Männer beherrschte die anderen offenbar und zog den Blick zuerst auf sich. Er steckte in einer Art dunkler Lederkleidung. Sie ließ den Hals bis tief zur Brust und die ganzen Arme nackt. Er antwortete nicht. Aber die zwei anderen riefen: „Herr! Wir sollen geprügelt werden, weil du dich beim Untersuchungsrichter über uns beklagt hast.“

Und jetzt erst erkannte K., dass es wirklich die Wächter Franz und Willem waren. Der Dritte hielt eine Rute in der Hand, um sie zu prügeln.

„Nun“, sagte K. und starrte sie an, „ich habe mich nicht beklagt. Ich habe nur gesagt, was in meiner Wohnung geschehen ist. Und einwandfrei habt Ihr Euch ja nicht benommen.“

„Herr“, sagte Willem, während Franz sich hinter ihm offenbar vor dem Dritten in Sicherheit bringen wollte. „Wenn Ihr wüsstet, wie schlecht wir bezahlt sind, würdet Ihr besser über uns urteilen. Ich muss eine Familie ernähren, und Franz hier wollte heiraten. Man versucht, reicher zu werden, wie es eben geht. Mit Arbeit allein gelingt es nicht, selbst mit der härtesten nicht. Eure feine Wäsche hat mich verlockt. Den Wächtern ist das natürlich verboten, es war unrecht. Aber es ist Tradition, dass die Wäsche den Wächtern gehört. Es ist immer so gewesen, glaubt es mir. Das ist ja auch verständlich. Was bedeuten solche Dinge denn noch für den, der so unglücklich ist, verhaftet zu werden? Wenn er aber öffentlich davon spricht, dann muss die Strafe kommen.“

„Was Ihr jetzt sagt, wusste ich nicht. Ich habe auch keineswegs Eure Bestrafung verlangt. Mir ging es um ein Prinzip.“

„Franz“, sagte Willem zum anderen Wächter, „habe ich dir nicht gesagt, dass der Herr unsere Bestrafung nicht verlangt hat. Jetzt hörst du, dass er nicht einmal gewusst hat, dass wir bestraft werden müssen.“

„Lass dich durch solche Reden nicht rühren“, sagte der Dritte zu K. „Die Strafe ist ebenso gerecht wie unvermeidlich.“

„Höre nicht auf ihn“, sagte Willem. Er unterbrach sich nur, um die Hand schnell an den Mund zu führen, denn er hatte einen Rutenhieb darauf bekommen. „Wir werden nur bestraft, weil du uns angezeigt hast. Sonst wäre uns nichts geschehen, selbst wenn man erfahren hätte, was wir getan haben. Kann man das Gerechtigkeit nennen? Wir zwei, besonders aber ich, hatten uns als Wächter lange Zeit sehr bewährt. Du musst selbst zugeben, dass wir aus der Sicht der Behörde gut gewacht haben. Wir hatten Aussicht, vorwärtszukommen. Wir wären sicher bald auch Prügler geworden, wie dieser hier. Er hatte eben das Glück, dass ihn niemand angezeigt hat, denn so eine Anzeige kommt wirklich nur sehr selten vor. Und jetzt, Herr, ist alles verloren. Unsere Laufbahn ist beendet. Wir werden noch viel niedrigere Arbeiten machen müssen als den Wachdienst. Und außerdem bekommen wir jetzt diese schrecklich schmerzhaften Prügel.“

„Kann denn die Rute solche Schmerzen machen?“, fragte K. und prüfte die Rute, die der Prügler vor ihm schwang.

„Wir werden uns ja ganz nackt ausziehen müssen“, sagte Willem.

„Ach so“, sagte K. und sah den Prügler genau an. Er war braun gebrannt wie ein Matrose und hatte ein wildes, frisches Gesicht.

„Gibt es keine Möglichkeit, den beiden die Prügel zu ersparen?“, fragte K. ihn.

„Nein“, sagte der Prügler und schüttelte lächelnd den Kopf. „Zieht Euch aus“, befahl er den Wächtern. Und zu K. sagte er: „Du musst ihnen nicht alles glauben. Sie sind durch die Angst vor den Prügeln schon ein wenig schwachsinnig geworden. Was dieser hier zum Beispiel“, er zeigte auf Willem, „über seine mögliche Laufbahn erzählt hat, ist einfach lächerlich. Sieh an, wie fett er ist. Die ersten Rutenhiebe werden überhaupt im Fett verloren gehen. Weißt du, warum er so fett geworden ist? Er hat die Gewohnheit, allen Verhafteten das Frühstück aufzuessen. Hat er nicht auch dein Frühstück aufgegessen? Nun, ich habe es ja gesagt. Aber ein Mann mit so einem Bauch kann nie im Leben Prügler werden, das ist ganz ausgeschlossen.“

„Es gibt auch solche Prügler“, behauptete Willem, der gerade seinen Hosengürtel öffnete.

„Nein“, sagte der Prügler und strich ihm so mit der Rute über den Hals, dass er zusammenzuckte. „Du sollst nicht zuhören, sondern dich ausziehen.“

„Ich würde dich gut belohnen, wenn du sie laufen lässt“, sagte K. und zog seine Brieftasche hervor. Er sah den Prügler dabei nicht noch einmal an. Solche Geschäfte macht man am besten, wenn beide die Augen gesenkt halten.

„Du willst mich dann wohl auch anzeigen“, sagte der Prügler, „und auch mir noch Prügel verschaffen. Nein, nein!“

„Sei doch vernünftig“, sagte K. „Wenn ich gewollt hätte, dass diese zwei bestraft werden, würde ich sie jetzt nicht freikaufen wollen. Ich könnte einfach die Tür hier zuschlagen, nichts mehr sehen und hören und nach Hause gehen. Das tue ich aber nicht. Mir liegt vielmehr ernsthaft daran, sie zu befreien. Hätte ich geahnt, dass sie bestraft werden sollen oder auch nur können, hätte ich ihre Namen nie genannt. Ich halte sie nämlich gar nicht für schuldig. Schuldig ist die Organisation, schuldig sind die hohen Beamten.“

„So ist es!“, riefen die Wächter und bekamen sofort einen Hieb über ihren schon nackten Rücken.

„Hättest du hier unter deiner Rute einen hohen Richter“, sagte K., „dann würde ich dich wirklich nicht hindern zuzuschlagen.“ Während er sprach, drückte er die Rute nieder, die sich schon wieder heben wollte. „Im Gegenteil, ich würde dir noch Geld geben, damit du dich für die gute Sache stärkst.“

„Was du sagst, klingt ja glaubwürdig“, sagte der Prügler, „aber ich lasse mich nicht bestechen. Ich bin zum Prügeln angestellt, also prügle ich.“

Der Wächter Franz war bisher ziemlich zurückhaltend gewesen, vielleicht weil er hoffte, dass K.s Eingreifen gut ausgehen würde. Jetzt ging er, nur noch mit der Hose bekleidet, zur Tür. Er kniete nieder und hängte sich an K.s Arm.

„Wenn du uns nicht beide retten kannst, dann versuche wenigstens, mich zu befreien“, flüsterte er. „Willem ist älter als ich und in jeder Hinsicht weniger empfindlich. Er hat auch schon einmal vor ein paar Jahren eine leichte Prügelstrafe bekommen. Ich aber habe meine Ehre noch nicht verloren. Und ich habe das alles nur wegen Willem getan, der im Guten und Schlechten mein Lehrer ist. Unten vor der Bank wartet meine arme Braut darauf, wie es ausgeht. Ich schäme mich ja so entsetzlich.“

Er trocknete mit K.s Jacke sein Gesicht, das ganz voller Tränen war.

„Ich warte nicht mehr“, sagte der Prügler. Er fasste die Rute mit beiden Händen und schlug auf Franz ein. Willem kauerte in einer Ecke und sah heimlich zu, ohne es zu wagen, den Kopf zu drehen. Da stieg der Schrei auf, den Franz ausstieß, ein einziger, der sich nicht veränderte. Er schien nicht von einem Menschen zu kommen, sondern von einem gequälten Instrument. Der ganze Korridor stöhnte davon, das ganze Haus musste es hören.

„Schrei nicht!“, rief K. Er konnte sich nicht zurückhalten. Gespannt sah er in die Richtung, aus der die Diener kommen mussten, und stieß dabei Franz. Er stieß ihn nicht stark, aber doch stark genug, dass er niederfiel. Franz war nicht mehr bei sich und suchte im Krampf mit den Händen den Boden ab. Den Schlägen entging er aber nicht, die Rute fand ihn auch auf dem Boden. Während er sich unter ihr wälzte, schwang ihre Spitze regelmäßig auf und ab.

Und schon erschien in der Ferne ein Diener und ein paar Schritte hinter ihm ein zweiter. K. hatte die Tür schnell zugeworfen. Er ging zu einem nahen Fenster zum Hof und öffnete es. Das Schreien hatte vollständig aufgehört. Damit die Diener nicht näher kamen, rief er: „Ich bin es.“

„Guten Abend, Herr Prokurist“, rief es zurück. „Ist etwas geschehen?“

„Nein, nein“, antwortete K. „Es schreit nur ein Hund auf dem Hof.“

Die Diener rührten sich trotzdem nicht, und er fügte hinzu: „Sie können bei Ihrer Arbeit bleiben.“

Um kein Gespräch mit den Dienern führen zu müssen, beugte er sich aus dem Fenster. Als er nach einem Weilchen wieder in den Korridor sah, waren sie schon weg. K. aber blieb nun beim Fenster. In die Rumpelkammer wagte er nicht zu gehen, und nach Hause wollte er auch nicht. Er sah hinunter in einen kleinen viereckigen Hof. Ringsherum lagen Büroräume. Alle Fenster waren jetzt schon dunkel, nur die obersten fingen einen Widerschein des Mondes auf. K. versuchte angestrengt, mit den Blicken in das Dunkel einer Hofecke einzudringen. Dort standen einige Handkarren ineinandergeschoben.

Es quälte ihn, dass es ihm nicht gelungen war, das Prügeln zu verhindern. Aber es war nicht seine Schuld. Es lag daran, dass Franz geschrien hatte. Gewiss, es musste sehr wehgetan haben, aber in einem entscheidenden Augenblick muss man sich beherrschen. Ohne dieses Schreien hätte K. sehr wahrscheinlich noch ein Mittel gefunden, den Prügler zu überreden. Wenn die ganze unterste Beamtenschaft Gesindel war, warum hätte gerade der Prügler eine Ausnahme machen sollen. Er hatte doch das unmenschlichste Amt. K. hatte auch gut beobachtet, wie die Augen des Prüglers beim Anblick der Banknote geleuchtet hatten. Der Prügler hatte mit dem Prügeln offenbar nur Ernst gemacht, um die Bestechungssumme noch ein wenig zu erhöhen. Und K. hätte nicht gespart, denn er wollte die Wächter wirklich befreien. Er hatte nun schon angefangen, die Korruption dieses Gerichts zu bekämpfen. Da war es selbstverständlich, dass er auch hier eingriff. Aber in dem Augenblick, als Franz zu schreien anfing, war natürlich alles zu Ende. K. konnte nicht zulassen, dass die Diener und vielleicht noch alle möglichen Leute kamen. Sie hätten ihn überrascht, wie er mit den Leuten in der Rumpelkammer verhandelte. Dieses Opfer konnte wirklich niemand von K. verlangen. Wenn er das gewollt hätte, wäre es ja fast einfacher gewesen, sich selbst auszuziehen. Er hätte sich dem Prügler als Ersatz für die Wächter anbieten können. Übrigens hätte der Prügler diesen Ersatz sicher nicht angenommen. Denn damit hätte er, ohne einen Vorteil zu gewinnen, seine Pflicht schwer verletzt. Wahrscheinlich hätte er sie sogar doppelt verletzt. Denn solange das Verfahren lief, war K. wohl für alle Angestellten des Gerichts unverletzlich. Allerdings konnten hier auch besondere Regeln gelten. Jedenfalls hatte K. nichts anderes tun können, als die Tür zuzuschlagen. Dadurch war aber auch jetzt noch durchaus nicht jede Gefahr für ihn beseitigt. Dass er zuletzt noch Franz einen Stoß gegeben hatte, war bedauerlich und nur durch seine Aufregung zu entschuldigen.

Aus der Ferne hörte er die Schritte der Diener. Damit sie nicht auf ihn aufmerksam wurden, schloss er das Fenster und ging in Richtung Haupttreppe. Bei der Tür zur Rumpelkammer blieb er kurz stehen und horchte. Es war ganz still. Der Mann konnte die Wächter totgeprügelt haben, sie waren ja ganz in seiner Macht. K. hatte schon die Hand nach der Klinke ausgestreckt, zog sie dann aber wieder zurück. Helfen konnte er niemandem mehr, und die Diener mussten gleich kommen. Aber er versprach sich, die Sache noch zur Sprache zu bringen. Die wirklich Schuldigen, die hohen Beamten, wollte er bestrafen, so gut er konnte und wie sie es verdienten. Keiner von ihnen hatte es bisher gewagt, sich ihm zu zeigen. Als er die große Außentreppe der Bank hinunterging, beobachtete er sorgfältig alle Passanten. Aber selbst in der weiteren Umgebung war kein Mädchen zu sehen, das auf jemanden wartete. Franz hatte also gelogen, als er sagte, dass seine Braut auf ihn warte. Das war allerdings eine verzeihliche Lüge, die nur größeres Mitleid wecken sollte.

Auch am nächsten Tag gingen K. die Wächter nicht aus dem Kopf. Er war bei der Arbeit zerstreut. Um fertig zu werden, musste er noch etwas länger im Büro bleiben als am Tag davor. Als er auf dem Heimweg wieder an der Rumpelkammer vorbeikam, öffnete er sie aus Gewohnheit. Er hatte Dunkelheit erwartet. Was er stattdessen sah, machte ihn ganz fassungslos. Alles war unverändert, genauso wie am Abend davor, als er die Tür geöffnet hatte. Die Formulare und Tintenflaschen lagen gleich hinter der Schwelle. Da standen der Prügler mit der Rute und die Wächter, die noch vollständig angezogen waren. Die Kerze stand auf dem Regal. Und die Wächter begannen zu klagen und riefen: „Herr!“

Sofort warf K. die Tür zu und schlug noch mit den Fäusten dagegen, als wäre sie dann fester verschlossen. Fast weinend lief er zu den Dienern, die ruhig an den Kopiermaschinen arbeiteten und erstaunt innehielten.

„Räumt doch endlich die Rumpelkammer aus!“, rief er. „Wir versinken ja im Schmutz.“

Die Diener waren bereit, es am nächsten Tag zu tun. K. nickte. Jetzt, spät am Abend, konnte er sie nicht mehr zu der Arbeit zwingen, wie er es eigentlich vorgehabt hatte. Er setzte sich ein wenig, um die Diener noch ein Weilchen in der Nähe zu behalten. Er warf einige Kopien durcheinander und glaubte, dass es so aussah, als würde er sie prüfen. Er sah ein, dass die Diener nicht wagen würden, gleichzeitig mit ihm wegzugehen. Deshalb ging er müde und gedankenlos nach Hause.

### Glossar

- **Korridor**: ein langer, schmaler Gang in einem Haus.
- **Expedition**: die Abteilung einer Firma, die Post und Waren verschickt.
- **Rumpelkammer**: ein kleiner Raum für alte, unnütze Sachen.
- **Rute**: ein dünner Stock zum Schlagen.
- **Prügler**: ein Mann, dessen Arbeit es ist, andere mit einem Stock zu schlagen.
- **angezeigt**: jemand hat einer Behörde gemeldet, dass ein anderer etwas Verbotenes getan hat.
- **bestechen**: jemandem heimlich Geld geben, damit er etwas Verbotenes tut.
- **Laufbahn**: der Weg, den jemand in seinem Beruf nach oben geht.
- **Gesindel**: ein abwertendes Wort für Leute, die man für schlecht hält.

## Der Onkel · Leni

Eines Nachmittags war K. gerade sehr beschäftigt, denn die Post musste bald abgeschlossen werden. Da drängte sich K.s Onkel Karl ins Zimmer, zwischen zwei Dienern, die Schriftstücke hereintrugen. Der Onkel war ein kleiner Grundbesitzer vom Land. K. erschrak bei diesem Anblick weniger als vor längerer Zeit, als er sich das Kommen des Onkels vorgestellt hatte. Der Onkel musste kommen, das stand für K. schon etwa einen Monat lang fest. Schon damals hatte er ihn vor sich zu sehen geglaubt: ein wenig gebückt, den eingedrückten Panamahut in der linken Hand. In dieser Vorstellung streckte er ihm die rechte Hand schon von Weitem entgegen. Mit rücksichtsloser Eile reichte er sie über den Schreibtisch und stieß alles um, was ihm im Weg war.

Der Onkel war immer in Eile. Ihn verfolgte nämlich ein unglücklicher Gedanke. Er blieb immer nur einen Tag in der Hauptstadt. In dieser Zeit musste er, so glaubte er, alles erledigen können, was er sich vorgenommen hatte. Außerdem durfte er sich kein Gespräch, kein Geschäft und kein Vergnügen entgehen lassen, das sich zufällig ergab. Dabei musste K. ihm in allen möglichen Dingen helfen. Der Onkel war früher sein Vormund gewesen, deshalb war K. ihm besonders verpflichtet. Außerdem musste er ihn bei sich übernachten lassen. „Das Gespenst vom Lande“ nannte K. ihn gewöhnlich.

Gleich nach der Begrüßung bat der Onkel K. um ein kurzes Gespräch unter vier Augen. K. lud ihn ein, sich in den Sessel zu setzen, aber dazu hatte er keine Zeit.

„Es ist notwendig“, sagte er und schluckte mühsam. „Zu meiner Beruhigung ist es notwendig.“

K. schickte sofort die Diener aus dem Zimmer und sagte ihnen, dass sie niemanden hereinlassen sollten.

„Was habe ich gehört, Josef?“, rief der Onkel, als sie allein waren. Er setzte sich auf den Tisch und stopfte, ohne hinzusehen, verschiedene Papiere unter sich, um besser zu sitzen.

K. schwieg. Er wusste, was kommen würde. Aber nach der anstrengenden Arbeit war er plötzlich entspannt und gab sich zuerst einer angenehmen Müdigkeit hin. Er sah durch das Fenster auf die andere Straßenseite. Von seinem Platz aus sah man nur einen kleinen dreieckigen Ausschnitt davon: ein Stück leere Hausmauer zwischen zwei Schaufenstern.

„Du schaust aus dem Fenster!“, rief der Onkel und hob die Arme. „Um Himmels willen, Josef, antworte mir doch! Ist es wahr? Kann es denn wahr sein?“

„Lieber Onkel“, sagte K. und riss sich aus seinen Gedanken, „ich weiß ja gar nicht, was du von mir willst.“

„Josef“, sagte der Onkel warnend, „die Wahrheit hast du immer gesagt, soviel ich weiß. Soll ich deine letzten Worte als schlimmes Zeichen verstehen.“

„Ich ahne ja, was du willst“, sagte K. gehorsam. „Du hast wahrscheinlich von meinem Prozess gehört.“

„So ist es“, antwortete der Onkel und nickte langsam. „Ich habe von deinem Prozess gehört.“

„Von wem denn?“, fragte K.

„Erna hat es mir geschrieben“, sagte der Onkel. „Sie hat ja keinen Kontakt mit dir. Du kümmerst dich leider nicht viel um sie. Trotzdem hat sie es erfahren. Heute habe ich den Brief bekommen und bin natürlich sofort hergefahren. Aus keinem anderen Grund, aber dieser Grund scheint zu genügen. Ich kann dir die Stelle im Brief vorlesen, die dich betrifft.“ Er zog den Brief aus der Brieftasche. „Hier ist es. Sie schreibt: Josef habe ich schon lange nicht gesehen. Vorige Woche war ich einmal in der Bank. Aber Josef war so beschäftigt, dass man mich nicht zu ihm ließ. Ich habe fast eine Stunde gewartet. Dann musste ich aber nach Hause, weil ich Klavierstunde hatte. Ich hätte gern mit ihm gesprochen. Vielleicht gibt es bald eine Gelegenheit. Zu meinem Namenstag hat er mir eine große Schachtel Schokolade geschickt. Das war sehr lieb und aufmerksam. Ich habe damals vergessen, es Euch zu schreiben. Erst jetzt, da Ihr mich fragt, erinnere ich mich daran. Schokolade, müsst Ihr wissen, verschwindet in der Pension nämlich sofort. Kaum hat man verstanden, dass man Schokolade geschenkt bekommen hat, ist sie auch schon weg. Aber über Josef wollte ich Euch noch etwas sagen. Wie gesagt, ließ man mich in der Bank nicht zu ihm, weil er gerade mit einem Herrn verhandelte. Ich wartete eine Zeit lang ruhig. Dann fragte ich einen Diener, ob die Verhandlung noch lange dauern werde. Er sagte, das könne wohl sein. Es gehe nämlich wahrscheinlich um den Prozess, der gegen den Herrn Prokuristen geführt werde. Ich fragte, was denn das für ein Prozess sei und ob er sich nicht irre. Er aber sagte, er irre sich nicht. Es sei ein Prozess, und zwar ein schwerer Prozess. Mehr wisse er aber nicht. Er selbst möchte dem Herrn Prokuristen gern helfen, denn dieser sei ein guter und gerechter Herr. Aber er wisse nicht, wie er das anfangen solle. Er könne nur wünschen, dass sich einflussreiche Herren um ihn kümmerten. Das werde auch sicher geschehen, und es werde schließlich ein gutes Ende nehmen. Vorläufig aber stehe es gar nicht gut. Das könne er an der Laune des Herrn Prokuristen sehen. Ich habe diesen Reden natürlich nicht viel Bedeutung gegeben. Ich habe auch versucht, den einfältigen Diener zu beruhigen, und ihm verboten, mit anderen darüber zu sprechen. Ich halte das Ganze für Geschwätz. Trotzdem wäre es vielleicht gut, wenn Du, liebster Vater, bei Deinem nächsten Besuch der Sache nachgehen würdest. Es wird Dir leicht sein, Genaueres zu erfahren. Und wenn es wirklich nötig sein sollte, wird es Dir auch leicht sein, durch Deine großen einflussreichen Bekanntschaften einzugreifen. Vielleicht ist es aber nicht nötig, und das ist ja das Wahrscheinlichste. Dann hat Deine Tochter wenigstens bald Gelegenheit, Dich zu umarmen. Darüber würde sie sich freuen.“

„Ein gutes Kind“, sagte der Onkel, als er mit dem Vorlesen fertig war. Er wischte sich einige Tränen aus den Augen.

K. nickte. Wegen der verschiedenen Störungen der letzten Zeit hatte er Erna vollständig vergessen, sogar ihren Geburtstag. Die Geschichte von der Schokolade war offenbar nur erfunden, um ihn vor Onkel und Tante zu schützen. Das war sehr rührend. Er wollte ihr von jetzt an regelmäßig Theaterkarten schicken, aber das war sicher kein genügender Dank dafür. Aber Besuche in der Pension waren jetzt nichts für ihn. Auch zu Gesprächen mit einer kleinen 18-jährigen Gymnasiastin fühlte er sich nicht geeignet.

„Und was sagst du jetzt?“, fragte der Onkel. Durch den Brief hatte er alle Eile und Aufregung vergessen, und er schien ihn noch einmal zu lesen.

„Ja, Onkel“, sagte K., „es ist wahr.“

„Wahr?“, rief der Onkel. „Was ist wahr? Wie kann es denn wahr sein? Was für ein Prozess? Doch nicht ein Strafprozess?“

„Ein Strafprozess“, antwortete K.

„Und du sitzt ruhig hier und hast einen Strafprozess am Hals?“, rief der Onkel. Er wurde immer lauter.

„Je ruhiger ich bin, desto besser wird es am Ende ausgehen“, sagte K. müde. „Fürchte nichts.“

„Das kann mich nicht beruhigen“, rief der Onkel. „Josef, lieber Josef, denk an dich, an deine Verwandten, an unseren guten Namen! Du warst bisher unsere Ehre. Du darfst nicht unsere Schande werden. Deine Haltung“, er legte den Kopf schief und sah K. an, „gefällt mir nicht. So verhält sich kein unschuldig Angeklagter, der noch bei Kräften ist. Sag mir nur schnell, worum es geht, damit ich dir helfen kann. Es geht natürlich um die Bank?“

„Nein“, sagte K. und stand auf. „Aber du sprichst zu laut, lieber Onkel. Der Diener steht wahrscheinlich an der Tür und horcht. Das ist mir unangenehm. Wir wollen lieber weggehen. Ich werde dir dann alle Fragen beantworten, so gut es geht. Ich weiß sehr gut, dass ich der Familie eine Erklärung schuldig bin.“

„Richtig“, schrie der Onkel, „sehr richtig! Beeil dich nur, Josef, beeil dich!“

„Ich muss nur noch einige Aufträge geben“, sagte K. und rief seinen Vertreter telefonisch zu sich. Nach wenigen Augenblicken trat dieser ein. In seiner Aufregung zeigte der Onkel ihm mit der Hand, dass K. ihn gerufen hatte. Daran hätte aber auch sonst kein Zweifel bestanden. K. stand vor dem Schreibtisch. Mit leiser Stimme erklärte er dem jungen Mann, was in seiner Abwesenheit heute noch erledigt werden musste. Dazu nahm er verschiedene Schriftstücke zu Hilfe. Der junge Mann hörte kühl, aber aufmerksam zu.

Der Onkel störte. Zuerst stand er mit großen Augen dabei und biss sich nervös auf die Lippen. Er hörte zwar nicht zu, aber es sah so aus, und schon das störte genug. Dann ging er im Zimmer auf und ab. Hier und da blieb er vor dem Fenster oder vor einem Bild stehen. Dabei brach er immer wieder in Ausrufe aus. Er rief zum Beispiel: „Mir ist es vollständig unbegreiflich!“ Oder er rief: „Jetzt sagt mir nur, was soll denn daraus werden.“

Der junge Mann tat, als bemerkte er nichts davon. Er hörte K.s Aufträge ruhig bis zum Ende an und notierte sich auch einiges. Dann verneigte er sich vor K. und auch vor dem Onkel und ging hinaus. Der Onkel drehte ihm aber gerade den Rücken zu. Er sah aus dem Fenster und knüllte mit ausgestreckten Händen die Vorhänge zusammen.

Die Tür hatte sich kaum geschlossen, da rief der Onkel: „Endlich ist der Hampelmann weggegangen! Jetzt können doch auch wir gehen. Endlich!“

In der Vorhalle standen einige Beamte und Diener herum, und gerade ging auch der Direktor-Stellvertreter hindurch. Leider konnte nichts den Onkel dazu bringen, dort keine Fragen nach dem Prozess zu stellen.

„Also, Josef“, begann er. Die Leute verbeugten sich, und er antwortete mit einem leichten Salutieren. „Jetzt sag mir offen, was es für ein Prozess ist.“

K. machte einige nichtssagende Bemerkungen und lachte auch ein wenig. Erst auf der Treppe erklärte er dem Onkel, dass er vor den Leuten nicht offen reden wollte.

„Richtig“, sagte der Onkel, „aber jetzt rede.“ Mit gesenktem Kopf hörte er zu und rauchte in kurzen, eiligen Zügen eine Zigarre.

„Vor allem, Onkel“, sagte K., „geht es gar nicht um einen Prozess vor dem gewöhnlichen Gericht.“

„Das ist schlimm“, sagte der Onkel.

„Wie?“, sagte K. und sah den Onkel an.

„Dass das schlimm ist, meine ich“, wiederholte der Onkel.

Sie standen auf der Freitreppe, die zur Straße führte. Der Portier schien zu horchen, deshalb zog K. den Onkel hinunter. Der lebhafte Straßenverkehr nahm sie auf. Der Onkel hatte sich bei K. eingehängt und fragte nicht mehr so dringend nach dem Prozess. Sie gingen sogar eine Zeit lang schweigend weiter.

„Wie ist es aber geschehen?“, fragte der Onkel endlich. Er blieb so plötzlich stehen, dass die Leute hinter ihm erschraken und auswichen. „Solche Dinge kommen doch nicht plötzlich. Sie bereiten sich lange vor. Es muss Anzeichen gegeben haben. Warum hast du mir nicht geschrieben. Du weißt, dass ich alles für dich tue. Ich bin ja gewissermaßen noch dein Vormund und war bis heute stolz darauf. Natürlich werde ich dir auch jetzt noch helfen. Nur ist das jetzt sehr schwer, da der Prozess schon läuft. Am besten wäre es jedenfalls, wenn du dir jetzt einen kleinen Urlaub nimmst und zu uns aufs Land kommst. Du bist auch ein wenig dünner geworden, das merke ich jetzt. Auf dem Land wirst du wieder zu Kräften kommen. Das wird gut sein, denn dir stehen ja sicher Anstrengungen bevor. Außerdem bist du dort dem Gericht gewissermaßen entzogen. Hier haben sie alle möglichen Machtmittel, und sie wenden sie notwendigerweise automatisch auch gegen dich an. Aufs Land müssten sie aber erst Leute schicken. Oder sie müssten versuchen, nur durch Briefe, Telegramme oder Telefonanrufe auf dich einzuwirken. Das schwächt die Wirkung natürlich ab. Es befreit dich zwar nicht, aber du kannst aufatmen.“

„Sie könnten mir ja verbieten wegzufahren“, sagte K. Die Rede des Onkels hatte ihn ein wenig in ihren Gedankengang hineingezogen.

„Ich glaube nicht, dass sie das tun werden“, sagte der Onkel nachdenklich. „So groß ist der Verlust an Macht nicht, wenn du abreist.“

K. fasste den Onkel unter dem Arm, damit er nicht stehen bleiben konnte. „Ich dachte“, sagte er, „dass du das Ganze noch weniger wichtig nehmen würdest als ich. Und jetzt nimmst du es selbst so schwer.“

„Josef!“, rief der Onkel. Er wollte sich losmachen, um stehen bleiben zu können, aber K. ließ ihn nicht. „Du bist verwandelt! Du hast die Dinge doch immer so richtig verstanden, und gerade jetzt kannst du es nicht mehr? Willst du denn den Prozess verlieren? Weißt du, was das bedeutet? Das bedeutet, dass du einfach gestrichen wirst. Und dass die ganze Verwandtschaft mitgerissen oder wenigstens bis auf den Boden gedemütigt wird. Josef, nimm dich doch zusammen! Deine Gleichgültigkeit macht mich verrückt. Wenn man dich ansieht, möchte man fast dem Sprichwort glauben: ‚Einen solchen Prozess haben heißt ihn schon verloren haben.‘“

„Lieber Onkel“, sagte K., „die Aufregung ist so unnütz. Sie ist es auf deiner Seite und wäre es auch auf meiner. Mit Aufregung gewinnt man keine Prozesse. Lass auch meine praktischen Erfahrungen ein wenig gelten. Ich achte deine ja auch immer sehr, auch jetzt, selbst wenn sie mich überraschen. Du sagst, dass auch die Familie unter dem Prozess leiden würde. Ich für meinen Teil kann das durchaus nicht verstehen, aber das ist Nebensache. Ich will dir also gern in allem folgen. Nur den Aufenthalt auf dem Land halte ich nicht für vorteilhaft, selbst in deinem Sinn nicht. Das würde nämlich Flucht und Schuldbewusstsein bedeuten. Außerdem werde ich hier zwar mehr verfolgt, aber ich kann die Sache hier auch selbst mehr vorantreiben.“

„Richtig“, sagte der Onkel in einem Ton, als kämen sie einander jetzt endlich näher. „Ich machte den Vorschlag nur aus einem Grund. Wenn du hierbliebst, sah ich die Sache durch deine Gleichgültigkeit in Gefahr. Ich hielt es für besser, wenn ich an deiner Stelle für dich arbeitete. Willst du die Sache aber mit aller Kraft selbst vorantreiben, so ist das natürlich viel besser.“

„Darin wären wir uns also einig“, sagte K. „Und hast du jetzt einen Vorschlag, was ich zunächst machen soll?“

„Ich muss mir die Sache natürlich noch überlegen“, sagte der Onkel. „Du musst bedenken, dass ich jetzt schon 20 Jahre fast ununterbrochen auf dem Land bin. Dabei lässt der Spürsinn für solche Dinge nach. Verschiedene wichtige Verbindungen zu Personen, die sich hier vielleicht besser auskennen, sind von selbst lockerer geworden. Ich bin auf dem Land ein wenig verlassen, das weißt du ja. Man merkt es selbst eigentlich erst bei solchen Gelegenheiten. Zum Teil kam deine Sache für mich auch unerwartet. Seltsamerweise ahnte ich allerdings nach Ernas Brief schon etwas Ähnliches. Und heute, als ich dich sah, wusste ich es fast sicher. Aber das ist gleichgültig. Das Wichtigste ist jetzt, keine Zeit zu verlieren.“

Schon während seiner Rede hatte er sich auf die Zehenspitzen gestellt und einem Automobil gewinkt. Jetzt rief er dem Fahrer eine Adresse zu und zog K. gleichzeitig hinter sich in den Wagen.

„Wir fahren jetzt zum Advokaten Huld“, sagte er. „Er war mein Schulkollege. Du kennst den Namen sicher auch? Nicht? Das ist aber merkwürdig. Er hat doch als Verteidiger und Armenadvokat einen bedeutenden Ruf. Ich aber habe besonders zu ihm als Menschen großes Vertrauen.“

„Mir ist alles recht, was du unternimmst“, sagte K. Aber die eilige und dringende Art, mit der der Onkel die Sache behandelte, war ihm unangenehm. Es war nicht sehr erfreulich, als Angeklagter zu einem Armenadvokaten zu fahren. „Ich wusste nicht“, sagte er, „dass man in einer solchen Sache auch einen Advokaten nehmen kann.“

„Aber natürlich“, sagte der Onkel. „Das ist ja selbstverständlich. Warum denn nicht? Und nun erzähl mir alles, was bisher geschehen ist, damit ich genau über die Sache Bescheid weiß.“

K. begann sofort zu erzählen und verschwieg nichts. Der Onkel meinte, der Prozess sei eine große Schande. K.s vollständige Offenheit war der einzige Protest, den er sich dagegen erlauben konnte. Den Namen von Fräulein Bürstner erwähnte er nur einmal und kurz. Das machte seine Offenheit aber nicht geringer, denn Fräulein Bürstner hatte mit dem Prozess nichts zu tun. Während er erzählte, sah er aus dem Fenster. Er beobachtete, wie sie sich gerade jener Vorstadt näherten, in der die Gerichtskanzleien waren. Er machte den Onkel darauf aufmerksam, aber der fand diesen Zufall nicht besonders auffällig.

Der Wagen hielt vor einem dunklen Haus. Der Onkel läutete gleich im Erdgeschoss an der ersten Tür. Während sie warteten, zeigte er lächelnd seine großen Zähne. Er flüsterte: „8 Uhr, eine ungewöhnliche Zeit für Besuche von Klienten. Huld nimmt es mir aber nicht übel.“

Im Guckloch der Tür erschienen zwei große schwarze Augen. Sie sahen die beiden Gäste ein Weilchen an und verschwanden. Die Tür öffnete sich aber nicht. Der Onkel und K. bestätigten einander, dass sie die zwei Augen gesehen hatten.

„Ein neues Dienstmädchen, das sich vor Fremden fürchtet“, sagte der Onkel und klopfte noch einmal.

Wieder erschienen die Augen. Jetzt konnte man sie fast für traurig halten. Vielleicht war das aber auch nur eine Täuschung. Sie konnte von der offenen Gasflamme kommen, die nahe über ihren Köpfen brannte. Die Flamme zischte stark, gab aber wenig Licht.

„Öffnen Sie!“, rief der Onkel und schlug mit der Faust gegen die Tür. „Hier sind Freunde des Herrn Advokaten!“

„Der Herr Advokat ist krank“, flüsterte es hinter ihnen.

In einer Tür am anderen Ende des kleinen Ganges stand ein Herr im Schlafrock. Er hatte das mit sehr leiser Stimme gesagt. Der Onkel war schon wegen des langen Wartens wütend. Mit einem Ruck drehte er sich um und rief: „Krank? Sie sagen, er ist krank?“ Fast drohend ging er auf den Herrn zu, als wäre dieser Herr die Krankheit.

„Man hat schon geöffnet“, sagte der Herr und zeigte auf die Tür des Advokaten. Dann raffte er seinen Schlafrock zusammen und verschwand.

Die Tür war wirklich geöffnet worden. Ein junges Mädchen stand in einer langen weißen Schürze im Vorzimmer und hielt eine Kerze in der Hand. K. erkannte die dunklen, ein wenig hervortretenden Augen wieder.

„Nächstens öffnen Sie früher“, sagte der Onkel statt einer Begrüßung, während das Mädchen einen kleinen Knicks machte. „Komm, Josef“, sagte er dann zu K., der sich langsam an dem Mädchen vorbeischob.

„Der Herr Advokat ist krank“, sagte das Mädchen, denn der Onkel lief, ohne sich aufzuhalten, auf eine Tür zu.

K. staunte das Mädchen noch an, während es sich schon umgedreht hatte, um die Wohnungstür wieder abzuschließen. Es hatte ein rundes Gesicht wie eine Puppe. Nicht nur die blassen Wangen und das Kinn waren rund, auch die Schläfen und die Ränder der Stirn.

„Josef!“, rief der Onkel wieder. Das Mädchen fragte er: „Ist es das Herzleiden?“

„Ich glaube wohl“, sagte das Mädchen. Es war schon mit der Kerze vorausgegangen und hatte die Zimmertür geöffnet.

In einer Ecke des Zimmers, wohin das Kerzenlicht noch nicht reichte, hob sich im Bett ein Gesicht mit langem Bart.

„Leni, wer kommt denn?“, fragte der Advokat. Die Kerze blendete ihn, und er erkannte die Gäste nicht.

„Karl, dein alter Freund ist es“, sagte der Onkel.

„Ach, Karl“, sagte der Advokat und ließ sich auf die Kissen zurückfallen. Es war, als müsste er sich vor diesem Besuch nicht verstellen.

„Steht es wirklich so schlecht?“, fragte der Onkel und setzte sich auf den Bettrand. „Ich glaube es nicht. Es ist ein Anfall deines Herzleidens und wird vorübergehen wie die früheren.“

„Möglich“, sagte der Advokat leise. „Aber es ist schlimmer als je zuvor. Ich atme schwer, schlafe gar nicht und verliere jeden Tag an Kraft.“

„So“, sagte der Onkel und drückte den Panamahut mit seiner großen Hand fest aufs Knie. „Das sind schlechte Nachrichten. Hast du übrigens die richtige Pflege? Es ist hier auch so traurig, so dunkel. Es ist schon lange her, seit ich zum letzten Mal hier war. Damals schien es mir freundlicher. Auch dein kleines Fräulein hier scheint nicht sehr lustig zu sein, oder sie verstellt sich.“

Das Mädchen stand noch immer mit der Kerze nahe bei der Tür. Ihr Blick war unbestimmt, aber soweit man es erkennen konnte, sah sie eher K. an als den Onkel. Das tat sie sogar, als der Onkel jetzt von ihr sprach. K. lehnte an einem Stuhl, den er in die Nähe des Mädchens geschoben hatte.

„Wenn man so krank ist wie ich“, sagte der Advokat, „muss man Ruhe haben. Für mich ist es hier nicht traurig.“ Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Und Leni pflegt mich gut, sie ist brav.“

Das konnte den Onkel aber nicht überzeugen. Er hatte sichtlich ein Vorurteil gegen die Pflegerin. Er antwortete dem Kranken zwar nichts, aber er folgte der Pflegerin mit strengen Blicken. Sie ging jetzt zum Bett und stellte die Kerze auf das Nachttischchen. Dann beugte sie sich über den Kranken und flüsterte mit ihm, während sie die Kissen ordnete. Der Onkel vergaß fast die Rücksicht auf den Kranken. Er stand auf und ging hinter der Pflegerin hin und her. K. hätte sich nicht gewundert, wenn er sie hinten am Rock gepackt und vom Bett weggezogen hätte. K. selbst sah allem ruhig zu. Die Krankheit des Advokaten war ihm sogar nicht ganz unwillkommen. Gegen den Eifer, den der Onkel für seine Sache zeigte, hatte er nichts tun können. Jetzt wurde dieser Eifer ohne sein Zutun abgelenkt, und das war ihm recht.

Da sagte der Onkel, vielleicht nur, um die Pflegerin zu beleidigen: „Fräulein, bitte lassen Sie uns ein Weilchen allein. Ich habe mit meinem Freund eine persönliche Angelegenheit zu besprechen.“

Die Pflegerin war noch weit über den Kranken gebeugt und strich gerade das Laken an der Wand glatt. Sie drehte nur den Kopf. „Sie sehen, der Herr ist so krank, er kann keine Angelegenheiten besprechen“, sagte sie sehr ruhig. Ihre Ruhe war ein auffallender Unterschied zu den Reden des Onkels, die vor Wut stockten und dann wieder überflossen. Wahrscheinlich hatte sie die Worte des Onkels nur aus Bequemlichkeit wiederholt. Trotzdem konnte sogar ein Unbeteiligter es als Spott verstehen. Der Onkel aber fuhr natürlich hoch, als hätte ihn etwas gestochen.

„Du Verdammte“, sagte er, im ersten Gurgeln der Aufregung noch ziemlich unverständlich. K. erschrak, obwohl er etwas Ähnliches erwartet hatte. Er lief auf den Onkel zu, fest entschlossen, ihm mit beiden Händen den Mund zuzuhalten. Zum Glück richtete sich aber hinter dem Mädchen der Kranke auf. Der Onkel machte ein finsteres Gesicht, als schluckte er etwas Ekelhaftes hinunter. Dann sagte er ruhiger: „Wir haben natürlich auch noch nicht den Verstand verloren. Wäre das, was ich verlange, nicht möglich, würde ich es nicht verlangen. Bitte gehen Sie jetzt.“

Die Pflegerin stand aufrecht am Bett und wandte sich dem Onkel ganz zu. Mit der einen Hand streichelte sie, so glaubte K. zu bemerken, die Hand des Advokaten.

„Du kannst vor Leni alles sagen“, sagte der Kranke, ohne Zweifel im Ton einer dringenden Bitte.

„Es betrifft nicht mich“, sagte der Onkel. „Es ist nicht mein Geheimnis.“ Und er drehte sich um, als wollte er nicht mehr verhandeln, aber noch ein wenig Bedenkzeit geben.

„Wen betrifft es denn?“, fragte der Advokat mit erlöschender Stimme und legte sich wieder zurück.

„Meinen Neffen“, sagte der Onkel. „Ich habe ihn auch mitgebracht.“ Und er stellte ihn vor: Prokurist Josef K.

„Oh“, sagte der Kranke viel lebhafter und streckte K. die Hand entgegen. „Verzeihen Sie, ich habe Sie gar nicht bemerkt. Geh, Leni“, sagte er dann zu der Pflegerin. Sie wehrte sich auch gar nicht mehr. Er reichte ihr die Hand, als wäre es ein Abschied für lange Zeit.

Der Onkel war versöhnt näher gekommen. „Du bist also“, sagte der Advokat endlich zu ihm, „nicht zu einem Krankenbesuch gekommen, sondern du kommst in Geschäften.“

Es war, als hätte der Gedanke an einen Krankenbesuch den Advokaten bisher gelähmt. So kräftig sah er jetzt aus. Er stützte sich die ganze Zeit auf einen Ellbogen, was ziemlich anstrengend sein musste. Und immer wieder zog er an einer Strähne in der Mitte seines Bartes.

„Du siehst schon viel gesünder aus“, sagte der Onkel, „seit diese Hexe draußen ist.“ Er unterbrach sich, flüsterte: „Ich wette, dass sie horcht“, und sprang zur Tür. Aber hinter der Tür war niemand. Der Onkel kam zurück. Er war nicht enttäuscht, denn dass sie nicht horchte, erschien ihm als eine noch größere Bosheit. Aber er war verbittert.

„Du verkennst sie“, sagte der Advokat. Weiter nahm er die Pflegerin nicht in Schutz. Vielleicht wollte er damit ausdrücken, dass sie keinen Schutz brauchte. Aber mit viel mehr Anteilnahme fuhr er fort: „Nun zur Angelegenheit deines Herrn Neffen. Ich wäre glücklich, wenn meine Kraft für diese sehr schwierige Aufgabe reichen würde. Ich fürchte sehr, dass sie nicht reichen wird. Jedenfalls will ich nichts unversucht lassen. Wenn ich nicht genüge, könnte man ja noch jemand anderen dazuholen. Um ehrlich zu sein, interessiert mich die Sache zu sehr. Ich könnte es nicht über mich bringen, überhaupt nicht daran teilzunehmen. Wenn mein Herz es nicht aushält, so findet es hier wenigstens eine würdige Gelegenheit, ganz zu versagen.“

K. glaubte, kein Wort dieser ganzen Rede zu verstehen. Er sah den Onkel an, um eine Erklärung zu finden. Aber der Onkel saß mit der Kerze in der Hand auf dem Nachttischchen. Von dort war bereits eine Arzneiflasche auf den Teppich gerollt. Er nickte zu allem, was der Advokat sagte, und war mit allem einverstanden. Hier und da sah er K. an, als sollte dieser ebenfalls einverstanden sein. Hatte der Onkel dem Advokaten vielleicht schon früher von dem Prozess erzählt? Aber das war unmöglich. Alles, was vorher geschehen war, sprach dagegen.

„Ich verstehe nicht ...“, sagte K. deshalb.

„Ja, habe vielleicht ich Sie missverstanden?“, fragte der Advokat, ebenso erstaunt und verlegen wie K. „Ich war vielleicht voreilig. Worüber wollten Sie denn mit mir sprechen? Ich dachte, es geht um Ihren Prozess?“

„Natürlich“, sagte der Onkel, und dann fragte er K.: „Was willst du denn?“

„Ja, aber woher wissen Sie denn etwas über mich und meinen Prozess?“, fragte K.

„Ach so“, sagte der Advokat lächelnd. „Ich bin doch Advokat. Ich verkehre in Gerichtskreisen. Man spricht dort über verschiedene Prozesse. Die auffälligeren behält man im Gedächtnis, besonders wenn es um den Neffen eines Freundes geht. Das ist doch nichts Merkwürdiges.“

„Was willst du denn?“, fragte der Onkel K. noch einmal. „Du bist so unruhig.“

„Sie verkehren in diesen Gerichtskreisen?“, fragte K.

„Ja“, sagte der Advokat.

„Du fragst wie ein Kind“, sagte der Onkel.

„Mit wem sollte ich denn verkehren, wenn nicht mit Leuten aus meinem Fach?“, fügte der Advokat hinzu.

Das klang so unwiderlegbar, dass K. gar nicht antwortete. „Sie arbeiten doch bei dem Gericht im Justizpalast und nicht bei dem auf dem Dachboden“, hatte er sagen wollen. Aber er konnte sich nicht überwinden, es wirklich zu sagen.

„Sie müssen doch bedenken“, fuhr der Advokat fort. Sein Ton klang, als erklärte er nebenbei etwas Selbstverständliches, das man gar nicht sagen müsste. „Sie müssen doch bedenken, dass ich aus solchen Kontakten auch große Vorteile für meine Klienten ziehe. Das gilt in vielfacher Hinsicht, und man darf nicht einmal immer davon reden. Natürlich bin ich jetzt wegen meiner Krankheit ein wenig behindert. Aber ich bekomme trotzdem Besuch von guten Freunden vom Gericht und erfahre doch einiges. Ich erfahre vielleicht mehr als manche, die bei bester Gesundheit den ganzen Tag bei Gericht verbringen. So habe ich zum Beispiel gerade jetzt einen lieben Besuch.“ Und er zeigte in eine dunkle Zimmerecke.

„Wo denn?“, fragte K., in der ersten Überraschung fast grob. Er sah unsicher umher. Das Licht der kleinen Kerze reichte bei Weitem nicht bis zur gegenüberliegenden Wand. Und wirklich begann sich dort in der Ecke etwas zu bewegen. Der Onkel hielt jetzt die Kerze hoch. In ihrem Licht sah man dort an einem kleinen Tischchen einen älteren Herrn sitzen. Er hatte wohl gar nicht geatmet, da er so lange unbemerkt geblieben war. Jetzt stand er umständlich auf. Offenbar war er unzufrieden damit, dass man auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Er bewegte die Hände wie kurze Flügel. Es war, als wollte er damit alle Vorstellungen und Begrüßungen abwehren. Es war, als wollte er die anderen auf keinen Fall durch seine Anwesenheit stören. Es war, als bäte er dringend, wieder ins Dunkel zurückzudürfen und vergessen zu werden. Das konnte man ihm nun aber nicht mehr erlauben.

„Ihr habt uns nämlich überrascht“, sagte der Advokat zur Erklärung. Dabei winkte er dem Herrn aufmunternd zu, näher zu kommen. Dieser tat es langsam und zögernd und sah sich um, aber doch mit einer gewissen Würde. „Der Herr Kanzleidirektor – ach so, Verzeihung, ich habe nicht vorgestellt. Hier mein Freund Karl K., hier sein Neffe Prokurist Josef K. und hier der Herr Kanzleidirektor. Der Herr Kanzleidirektor also war so freundlich, mich zu besuchen. Den Wert eines solchen Besuches kann eigentlich nur verstehen, wer Bescheid weiß. Man muss wissen, wie viel Arbeit der liebe Kanzleidirektor hat. Nun, er kam aber trotzdem. Wir unterhielten uns friedlich, soweit meine Schwäche es erlaubte. Wir hatten Leni zwar nicht verboten, Besuche hereinzulassen, denn es waren keine zu erwarten. Aber wir meinten doch, dass wir allein bleiben sollten. Dann aber kamen deine Faustschläge, Karl, und der Herr Kanzleidirektor rückte mit Stuhl und Tisch in die Ecke. Nun aber zeigt sich, dass wir möglicherweise eine gemeinsame Angelegenheit zu besprechen haben. Das heißt, wenn der Wunsch danach besteht. Wir können also sehr gut wieder zusammenrücken. – Herr Kanzleidirektor“, sagte er, neigte den Kopf, lächelte unterwürfig und zeigte auf einen Lehnstuhl in der Nähe des Bettes.

„Ich kann leider nur noch ein paar Minuten bleiben“, sagte der Kanzleidirektor freundlich. Er setzte sich breit in den Lehnstuhl und sah auf die Uhr. „Die Geschäfte rufen mich. Jedenfalls will ich die Gelegenheit nicht verpassen, einen Freund meines Freundes kennenzulernen.“

Er neigte den Kopf leicht zum Onkel hin. Der Onkel schien mit der neuen Bekanntschaft sehr zufrieden. Aber seiner Natur nach konnte er Gefühle der Ergebenheit nicht ausdrücken. Deshalb begleitete er die Worte des Kanzleidirektors mit einem verlegenen, aber lauten Lachen. Ein hässlicher Anblick!

K. konnte alles ruhig beobachten, denn um ihn kümmerte sich niemand. Der Kanzleidirektor war nun schon einmal hervorgezogen worden. Deshalb übernahm er, wie es seine Gewohnheit zu sein schien, die Herrschaft über das Gespräch. Der Advokat hörte aufmerksam zu, die Hand am Ohr. Seine erste Schwäche hatte vielleicht nur dazu dienen sollen, den neuen Besuch zu vertreiben. Der Onkel diente als Kerzenträger. Er balancierte die Kerze auf seinem Oberschenkel, und der Advokat sah oft besorgt hin. Der Onkel war bald nicht mehr verlegen, sondern nur noch begeistert. Ihn entzückte die Redeweise des Kanzleidirektors, und ihn entzückten auch die sanften, wellenförmigen Handbewegungen, die seine Rede begleiteten. K. lehnte am Bettpfosten. Der Kanzleidirektor beachtete ihn überhaupt nicht, vielleicht sogar mit Absicht. K. diente den alten Herren nur als Zuhörer. Übrigens wusste er kaum, wovon die Rede war. Bald dachte er an die Pflegerin und daran, wie schlecht der Onkel sie behandelt hatte. Bald überlegte er, ob er den Kanzleidirektor nicht schon einmal gesehen hatte. Vielleicht sogar in der Versammlung bei seiner ersten Untersuchung. Vielleicht täuschte er sich. Aber zu den Teilnehmern in der ersten Reihe, den alten Herren mit den dünnen Bärten, hätte der Kanzleidirektor ausgezeichnet gepasst.

Da kam aus dem Vorzimmer ein Lärm wie von zerbrechendem Porzellan, und alle horchten auf.

„Ich will nachsehen, was geschehen ist“, sagte K. Er ging langsam hinaus, als wollte er den anderen noch Gelegenheit geben, ihn zurückzuhalten. Kaum war er im Vorzimmer und wollte sich im Dunkel zurechtfinden, da legte sich eine kleine Hand auf seine Hand. Mit dieser Hand hielt er noch die Tür fest. Die fremde Hand war viel kleiner als seine, und sie schloss die Tür leise. Es war die Pflegerin, die hier gewartet hatte.

„Es ist nichts geschehen“, flüsterte sie. „Ich habe nur einen Teller gegen die Mauer geworfen, um Sie herauszuholen.“

In seiner Verlegenheit sagte K.: „Ich habe auch an Sie gedacht.“

„Desto besser“, sagte die Pflegerin. „Kommen Sie.“

Nach ein paar Schritten kamen sie zu einer Tür aus mattem Glas, und die Pflegerin öffnete sie vor K.

„Treten Sie doch ein“, sagte sie.

Es war jedenfalls das Arbeitszimmer des Advokaten. Das Mondlicht beleuchtete jetzt nur ein kleines viereckiges Stück Fußboden an jedem der zwei großen Fenster, dort aber hell. Soweit man in diesem Licht sehen konnte, standen hier schwere alte Möbel.

„Hierher“, sagte die Pflegerin und zeigte auf eine dunkle Truhe mit einer geschnitzten Lehne aus Holz.

Noch als er saß, sah K. sich im Zimmer um. Es war ein hohes, großes Zimmer. Die Kunden des Armenadvokaten mussten sich hier verloren fühlen. K. glaubte die kleinen Schritte zu sehen, mit denen die Besucher zu dem gewaltigen Schreibtisch vorgingen. Dann aber vergaß er das und hatte nur noch Augen für die Pflegerin. Sie saß ganz nah neben ihm und drückte ihn fast an die Seitenlehne.

„Ich dachte“, sagte sie, „Sie würden allein zu mir herauskommen, ohne dass ich Sie erst rufen müsste. Es war doch merkwürdig. Zuerst sahen Sie mich gleich beim Eintreten ununterbrochen an, und dann ließen Sie mich warten. Nennen Sie mich übrigens Leni“, fügte sie noch schnell und plötzlich hinzu, als dürfte kein Augenblick dieses Gesprächs verloren gehen.

„Gern“, sagte K. „Was aber das Merkwürdige betrifft, Leni, so ist es leicht zu erklären. Erstens musste ich doch das Geschwätz der alten Herren anhören und konnte nicht ohne Grund weglaufen. Zweitens bin ich nicht frech, sondern eher schüchtern. Und auch Sie, Leni, sahen wirklich nicht so aus, als ob man Sie mit einem Sprung gewinnen könnte.“

„Das ist es nicht“, sagte Leni, legte den Arm über die Lehne und sah K. an. „Aber ich gefiel Ihnen nicht, und wahrscheinlich gefalle ich Ihnen auch jetzt nicht.“

„Gefallen wäre ja nicht viel“, sagte K. ausweichend.

„Oh!“, sagte sie lächelnd. Durch K.s Bemerkung und diesen kleinen Ausruf gewann sie eine gewisse Überlegenheit. Deshalb schwieg K. ein Weilchen.

Da er sich schon an das Dunkel im Zimmer gewöhnt hatte, konnte er verschiedene Einzelheiten der Einrichtung erkennen. Besonders fiel ihm ein großes Bild auf, das rechts von der Tür hing. Er beugte sich vor, um es besser zu sehen. Es zeigte einen Mann im Talar eines Richters. Er saß auf einem hohen Thronsessel, dessen Vergoldung an vielen Stellen aus dem Bild hervorstach. Das Ungewöhnliche war, dass dieser Richter nicht in Ruhe und Würde dort saß. Er drückte den linken Arm fest an die Rücken- und Seitenlehne. Den rechten Arm aber hatte er völlig frei, und nur mit der Hand umfasste er die Seitenlehne. Es sah aus, als wollte er im nächsten Augenblick heftig und vielleicht empört aufspringen, um etwas Entscheidendes zu sagen. Oder sogar, um das Urteil zu verkünden. Den Angeklagten musste man sich wohl am Fuß der Treppe denken. Ihre obersten Stufen waren noch auf dem Bild zu sehen, sie waren mit einem gelben Teppich bedeckt.

„Vielleicht ist das mein Richter“, sagte K. und zeigte mit einem Finger auf das Bild.

„Ich kenne ihn“, sagte Leni und sah auch zu dem Bild hinauf. „Er kommt öfter hierher. Das Bild stammt aus seiner Jugend. Aber er kann dem Bild niemals auch nur ähnlich gewesen sein, denn er ist fast winzig klein. Trotzdem hat er sich auf dem Bild so in die Länge ziehen lassen. Er ist nämlich unsinnig eitel, wie alle hier. Aber auch ich bin eitel und sehr unzufrieden damit, dass ich Ihnen gar nicht gefalle.“

Auf die letzte Bemerkung antwortete K. nur damit, dass er Leni umarmte und an sich zog. Sie lehnte still den Kopf an seine Schulter. Zu dem Übrigen aber sagte er: „Was für einen Rang hat er?“

„Er ist Untersuchungsrichter“, sagte sie. Sie nahm K.s Hand, mit der er sie hielt, und spielte mit seinen Fingern.

„Wieder nur Untersuchungsrichter“, sagte K. enttäuscht. „Die hohen Beamten verstecken sich. Aber er sitzt doch auf einem Thronsessel.“

„Das ist alles Erfindung“, sagte Leni, das Gesicht über K.s Hand gebeugt. „In Wirklichkeit sitzt er auf einem Küchenstuhl, auf dem eine alte Pferdedecke zusammengefaltet liegt. Aber müssen Sie denn immerzu an Ihren Prozess denken?“, fügte sie langsam hinzu.

„Nein, durchaus nicht“, sagte K. „Ich denke wahrscheinlich sogar zu wenig an ihn.“

„Das ist nicht der Fehler, den Sie machen“, sagte Leni. „Sie sind zu unnachgiebig, so habe ich es gehört.“

„Wer hat das gesagt?“, fragte K. Er fühlte ihren Körper an seiner Brust und sah auf ihr reiches, dunkles, fest gedrehtes Haar hinab.

„Ich würde zu viel verraten, wenn ich das sagen würde“, antwortete Leni. „Fragen Sie bitte nicht nach Namen. Aber legen Sie Ihren Fehler ab und seien Sie nicht mehr so unnachgiebig! Gegen dieses Gericht kann man sich ja nicht wehren, man muss das Geständnis machen. Machen Sie doch bei der nächsten Gelegenheit das Geständnis. Erst dann haben Sie die Möglichkeit zu entkommen, erst dann. Aber selbst das ist ohne fremde Hilfe nicht möglich. Wegen dieser Hilfe müssen Sie sich aber keine Sorgen machen. Die will ich Ihnen selbst geben.“

„Sie verstehen viel von diesem Gericht und von den Betrügereien, die hier nötig sind“, sagte K. Da sie sich allzu stark an ihn drängte, hob er sie auf seinen Schoß.

„So ist es gut“, sagte sie und machte es sich auf seinem Schoß bequem. Sie strich den Rock glatt und zog die Bluse zurecht. Dann hängte sie sich mit beiden Händen an seinen Hals, lehnte sich zurück und sah ihn lange an.

„Und wenn ich das Geständnis nicht mache, dann können Sie mir nicht helfen?“, fragte K. versuchsweise. Ich werbe Helferinnen, dachte er fast verwundert. Zuerst Fräulein Bürstner, dann die Frau des Gerichtsdieners und endlich diese kleine Pflegerin. Sie scheint ein unbegreifliches Bedürfnis nach mir zu haben. Wie sie auf meinem Schoß sitzt, als wäre es ihr einzig richtiger Platz!

„Nein“, antwortete Leni und schüttelte langsam den Kopf. „Dann kann ich Ihnen nicht helfen. Aber Sie wollen meine Hilfe ja gar nicht. Sie legen keinen Wert darauf, Sie sind eigensinnig und lassen sich nicht überzeugen.“ Nach einem Weilchen fragte sie: „Haben Sie eine Geliebte?“

„Nein“, sagte K.

„O doch“, sagte sie.

„Ja, wirklich“, sagte K. „Denken Sie nur, ich habe sie verleugnet und trage doch sogar ihr Foto bei mir.“

Auf ihre Bitte zeigte er ihr ein Foto von Elsa. Leni krümmte sich auf seinem Schoß zusammen und studierte das Bild. Es war ein schnell aufgenommenes Foto. Elsa war nach einem schnellen Drehtanz fotografiert worden, wie sie ihn im Weinlokal gern tanzte. Ihr Rock flog noch in den Falten der Drehung um sie herum. Die Hände hatte sie auf die festen Hüften gelegt, und mit gespanntem Hals sah sie lachend zur Seite. Wem ihr Lachen galt, konnte man auf dem Bild nicht erkennen.

„Sie ist stark geschnürt“, sagte Leni und zeigte auf die Stelle, wo man das ihrer Meinung nach sehen konnte. „Sie gefällt mir nicht, sie ist unbeholfen und grob. Vielleicht ist sie aber zu Ihnen sanft und freundlich, das könnte man nach dem Bild vermuten. So große, starke Mädchen können oft gar nichts anderes, als sanft und freundlich zu sein. Aber könnte sie sich für Sie opfern?“

„Nein“, sagte K. „Sie ist weder sanft und freundlich, noch könnte sie sich für mich opfern. Ich habe bisher auch weder das eine noch das andere von ihr verlangt. Ja, ich habe das Bild noch nicht einmal so genau angesehen wie Sie.“

„Sie liegt Ihnen also gar nicht viel am Herzen“, sagte Leni. „Sie ist also gar nicht Ihre Geliebte.“

„Doch“, sagte K. „Ich nehme mein Wort nicht zurück.“

„Mag sie also jetzt Ihre Geliebte sein“, sagte Leni. „Aber Sie würden sie nicht sehr vermissen, wenn Sie sie verlieren oder gegen jemand anderen eintauschen würden. Zum Beispiel gegen mich.“

„Gewiss“, sagte K. lächelnd, „das wäre denkbar. Aber sie hat Ihnen gegenüber einen großen Vorteil. Sie weiß nichts von meinem Prozess. Und selbst wenn sie etwas davon wüsste, würde sie nicht daran denken. Sie würde nicht versuchen, mich zur Nachgiebigkeit zu überreden.“

„Das ist kein Vorteil“, sagte Leni. „Wenn sie keine anderen Vorteile hat, verliere ich nicht den Mut. Hat sie irgendeinen körperlichen Fehler?“

„Einen körperlichen Fehler?“, fragte K.

„Ja“, sagte Leni. „Ich habe nämlich so einen kleinen Fehler, sehen Sie.“ Sie spreizte den Mittel- und den Ringfinger ihrer rechten Hand. Das Häutchen dazwischen reichte fast bis zum obersten Gelenk der kurzen Finger. Im Dunkel merkte K. nicht gleich, was sie ihm zeigen wollte. Deshalb führte sie seine Hand dorthin, damit er es fühlte.

„Was für ein Spiel der Natur“, sagte K. Als er die ganze Hand betrachtet hatte, fügte er hinzu: „Was für eine hübsche Kralle!“

Mit einer Art Stolz sah Leni zu, wie K. staunend immer wieder ihre zwei Finger auseinanderzog und zusammenlegte. Schließlich küsste er sie kurz und ließ sie los.

„Oh!“, rief sie sofort. „Sie haben mich geküsst!“ Eilig und mit offenem Mund kletterte sie mit den Knien auf seinen Schoß. K. sah fast erschrocken zu ihr auf. Jetzt, da sie ihm so nah war, ging ein bitterer, erregender Geruch wie von Pfeffer von ihr aus. Sie nahm seinen Kopf an sich, beugte sich über ihn und biss und küsste seinen Hals. Sie biss sogar in seine Haare.

„Sie haben mich eingetauscht“, rief sie von Zeit zu Zeit. „Sehen Sie, nun haben Sie mich doch eingetauscht!“

Da rutschte ihr Knie ab. Mit einem kleinen Schrei fiel sie fast auf den Teppich. K. umfasste sie, um sie noch zu halten, und wurde zu ihr hinuntergezogen.

„Jetzt gehörst du mir“, sagte sie.

„Hier hast du den Hausschlüssel, komm, wann du willst“, waren ihre letzten Worte. Ein zielloser Kuss traf ihn noch beim Weggehen auf den Rücken. Als er aus dem Haustor trat, fiel ein leichter Regen. Er wollte in die Mitte der Straße gehen, um Leni vielleicht noch am Fenster zu sehen. Vor dem Haus wartete ein Automobil, das K. in seiner Zerstreutheit gar nicht bemerkt hatte. Da stürzte der Onkel heraus und packte ihn an den Armen. Er stieß ihn gegen das Haustor, als wollte er ihn dort festnageln.

„Junge“, rief er, „wie konntest du das nur tun! Du hast deiner Sache, die auf gutem Weg war, schrecklich geschadet. Du verkriechst dich mit einem kleinen schmutzigen Ding, das außerdem offensichtlich die Geliebte des Advokaten ist, und bleibst stundenlang weg. Du suchst nicht einmal einen Vorwand und verheimlichst nichts. Nein, du bist ganz offen, läufst zu ihr und bleibst bei ihr. Und unterdessen sitzen wir beisammen: der Onkel, der sich für dich abmüht, der Advokat, der für dich gewonnen werden soll. Und vor allem der Kanzleidirektor, dieser große Herr, der deine Sache im Augenblick geradezu beherrscht. Wir wollen beraten, wie man dir helfen könnte. Ich muss den Advokaten vorsichtig behandeln, und er wiederum den Kanzleidirektor. Und du hättest doch allen Grund, mich wenigstens zu unterstützen. Stattdessen bleibst du weg. Schließlich lässt es sich nicht mehr verheimlichen. Nun, es sind höfliche, gewandte Männer. Sie sprechen nicht davon, sie schonen mich. Aber schließlich können auch sie sich nicht mehr überwinden. Da sie von der Sache nicht reden können, verstummen sie. Wir haben minutenlang schweigend dagesessen und gehorcht, ob du nicht doch endlich kommst. Alles vergebens. Endlich steht der Kanzleidirektor auf, der viel länger geblieben ist, als er ursprünglich wollte. Er verabschiedet sich und bedauert mich sichtlich, ohne mir helfen zu können. Mit unbegreiflicher Liebenswürdigkeit wartet er noch eine Zeit lang in der Tür, dann geht er. Ich war natürlich glücklich, dass er weg war, denn mir war schon die Luft zum Atmen ausgegangen. Auf den kranken Advokaten hat das alles noch stärker gewirkt. Der gute Mann konnte gar nicht sprechen, als ich mich von ihm verabschiedete. Du hast wahrscheinlich zu seinem vollständigen Zusammenbruch beigetragen. So beschleunigst du den Tod eines Mannes, auf den du angewiesen bist. Und mich, deinen Onkel, lässt du hier im Regen stundenlang warten. Fühl nur, ich bin ganz durchnässt!“

### Glossar

- **erschrecken**: plötzlich Angst bekommen.
- **gebückt**: mit einem nach vorn gebeugten Rücken.
- **Panamahut**: ein leichter Hut aus feinem Stroh.
- **Gespenst**: ein Geist, vor dem Menschen Angst haben.
- **ahnen**: etwas vermuten oder fühlen, ohne es sicher zu wissen.
- **Prokurist**: ein leitender Angestellter, der für die Bank unterschreiben darf.
- **einfältig**: nicht klug, ein wenig dumm.
- **Geschwätz**: dummes, unwichtiges Gerede.
- **Strafprozess**: ein Prozess, in dem es um eine Straftat und eine Strafe geht.
- **horchen**: heimlich und genau zuhören.
- **beeilen**: sich beeilen: schnell machen, weil man wenig Zeit hat.
- **unbegreiflich**: so, dass man es nicht verstehen kann.
- **knüllen**: etwas mit den Händen fest zusammendrücken, sodass es Falten bekommt.
- **Hampelmann**: eine Puppe, die man an einer Schnur bewegt; auch ein böses Wort für einen Menschen ohne eigenen Willen.
- **salutieren**: zum Gruß die Hand an die Stirn oder an den Hut heben.
- **gestrichen werden**: von einer Liste genommen werden; nicht mehr dazugehören.
- **Advokat**: ein altes Wort für einen Rechtsanwalt.
- **Armenadvokat**: ein Advokat, der arme Menschen vor Gericht verteidigt.
- **flüstern**: sehr leise sprechen.
- **Knicks**: eine kleine höfliche Bewegung: Ein Mädchen beugt kurz die Knie.
- **Schlafrock**: ein langer, bequemer Mantel, den man zu Hause trägt.
- **Kanzleidirektor**: der Chef eines Gerichtsbüros.
- **Truhe**: eine große Kiste aus Holz, in der man Dinge aufbewahrt.
- **Talar**: das lange, weite Kleidungsstück eines Richters.
- **Thronsessel**: ein großer, prächtiger Sitz, wie ihn ein König hat.
- **unnachgiebig**: so, dass man nicht nachgibt und seine Meinung nicht ändert.
- **Geständnis**: man sagt offen, dass man schuldig ist.
- **verleugnen**: sagen, dass es eine Person nicht gibt oder dass man nichts mit ihr zu tun hat.
- **geschnürt**: mit einem engen Kleidungsstück fest um den Körper gebunden.
- **Kralle**: der spitze, harte Nagel am Fuß von Tieren, zum Beispiel bei Katzen und Vögeln.
- **Vorwand**: ein falscher Grund, den man nennt, damit niemand den wahren Grund erfährt.

## Advokat · Fabrikant · Maler

An einem Vormittag im Winter saß K. in seinem Büro. Draußen fiel Schnee im trüben Licht. Es war noch früh, aber K. war schon sehr müde. Er wollte sich wenigstens vor den untersten Beamten schützen. Deshalb hatte er dem Diener den Auftrag gegeben, niemanden von ihnen hereinzulassen. Er sei mit einer größeren Arbeit beschäftigt, hatte er gesagt. Aber er arbeitete nicht. Er drehte sich in seinem Sessel und schob langsam einige Gegenstände auf dem Tisch hin und her. Dann ließ er, ohne es zu wissen, den ganzen Arm ausgestreckt auf der Tischplatte liegen. So blieb er mit gesenktem Kopf unbeweglich sitzen.

Der Gedanke an den Prozess verließ ihn nicht mehr. Schon öfter hatte er überlegt, ob es nicht gut wäre, eine Verteidigungsschrift auszuarbeiten und beim Gericht einzureichen. Darin wollte er kurz sein Leben beschreiben. Bei jedem irgendwie wichtigen Ereignis wollte er erklären, aus welchen Gründen er so gehandelt hatte. Er wollte auch sagen, ob er dieses Handeln heute für falsch oder für richtig hielt. Und er wollte die Gründe für dieses oder jenes Urteil nennen.

Eine solche Verteidigungsschrift hatte zweifellos Vorteile gegenüber der bloßen Verteidigung durch den Advokaten. Dieser war übrigens auch sonst nicht ohne Fehler. K. wusste ja gar nicht, was der Advokat unternahm. Viel war es jedenfalls nicht. Schon einen Monat lang hatte er K. nicht mehr zu sich gerufen. Auch bei keiner der früheren Besprechungen hatte K. den Eindruck gehabt, dass dieser Mann viel für ihn erreichen konnte. Vor allem hatte er ihn fast gar nicht ausgefragt. Dabei gab es hier doch so viel zu fragen. Fragen war die Hauptsache. K. hatte das Gefühl, als ob er selbst alle nötigen Fragen stellen könnte. Der Advokat dagegen fragte nicht. Er erzählte selbst oder saß K. stumm gegenüber. Dabei beugte er sich ein wenig über den Schreibtisch vor, wahrscheinlich wegen seines schwachen Gehörs. Er zog an einer Strähne in seinem Bart und blickte auf den Teppich hinunter. Vielleicht blickte er gerade auf die Stelle, wo K. mit Leni gelegen hatte. Hin und wieder gab er K. einige leere Ermahnungen, wie man sie Kindern gibt. Das waren ebenso nutzlose wie langweilige Reden. Bei der Schlussabrechnung wollte K. dafür keinen Heller bezahlen.

Wenn der Advokat glaubte, K. genug gedemütigt zu haben, begann er gewöhnlich, ihn wieder ein wenig aufzumuntern. Dann erzählte er: Er hat schon viele ähnliche Prozesse ganz oder teilweise gewonnen. Diese Prozesse waren in Wirklichkeit vielleicht nicht so schwierig wie dieser. Aber äußerlich waren sie noch hoffnungsloser. Eine Liste dieser Prozesse hat er hier in der Schublade. Dabei klopfte er an irgendeine Schublade des Tisches. Die Schriften kann er leider nicht zeigen, denn sie sind Amtsgeheimnisse. Trotzdem hilft K. jetzt die große Erfahrung, die er durch alle diese Prozesse gewonnen hat. Natürlich hat er sofort zu arbeiten begonnen. Die erste Eingabe ist schon fast fertig. Sie ist sehr wichtig, denn der erste Eindruck der Verteidigung bestimmt oft die ganze Richtung des Verfahrens.

Leider werden die ersten Eingaben beim Gericht aber manchmal gar nicht gelesen, und darauf muss er K. aufmerksam machen. Man legt sie einfach zu den Akten. Man sagt, dass das Verhör und die Beobachtung des Angeklagten vorläufig wichtiger sind als alles Geschriebene. Wenn jemand drängt, fügt man noch etwas hinzu. Vor der Entscheidung, wenn alles Material gesammelt ist, wird man natürlich alle Akten im Zusammenhang prüfen. Dazu gehört auch diese erste Eingabe. Leider ist aber auch das meistens nicht richtig. Die erste Eingabe wird gewöhnlich verlegt oder geht ganz verloren. Selbst wenn sie bis zum Ende erhalten bleibt, wird sie kaum gelesen. Das weiß der Advokat allerdings nur aus Gerüchten. Das alles ist bedauerlich, aber nicht ganz ohne Berechtigung.

K. soll nicht vergessen, dass das Verfahren nicht öffentlich ist. Es kann öffentlich werden, wenn das Gericht es für nötig hält, aber das Gesetz schreibt das nicht vor. Deshalb dürfen der Angeklagte und seine Verteidigung die Schriften des Gerichts nicht sehen, vor allem nicht die Anklageschrift. Man weiß daher im Allgemeinen nicht oder wenigstens nicht genau, gegen was sich die erste Eingabe richten muss. Sie kann also eigentlich nur durch Zufall etwas enthalten, was für die Sache wichtig ist. Wirklich passende Eingaben mit Beweisen kann man erst später schreiben. Erst im Laufe der Verhöre treten die einzelnen Punkte der Anklage und ihre Begründung deutlicher hervor. Oder man kann sie dann wenigstens erraten. Unter diesen Umständen ist die Verteidigung natürlich in einer sehr ungünstigen und schwierigen Lage. Aber auch das ist Absicht. Die Verteidigung ist nämlich durch das Gesetz nicht eigentlich erlaubt, sondern nur geduldet. Selbst darüber gibt es Streit, ob man aus der betreffenden Stelle im Gesetz wenigstens diese Duldung herauslesen soll. Streng genommen gibt es daher gar keine Advokaten, die das Gericht anerkennt. Alle, die vor diesem Gericht als Advokaten auftreten, sind im Grunde nur Winkeladvokaten.

Das nimmt dem ganzen Stand natürlich sehr viel von seiner Würde. Wenn K. demnächst einmal in die Gerichtskanzleien geht, kann er sich ja das Advokatenzimmer ansehen. Dann hat er auch das einmal gesehen. Vor der Gesellschaft, die dort zusammen ist, wird er vermutlich erschrecken. Schon die enge, niedrige Kammer, die man ihnen gegeben hat, zeigt die Verachtung des Gerichts für diese Leute. Licht bekommt die Kammer nur durch eine kleine Luke. Die Luke liegt so hoch, dass man nicht einfach hinausschauen kann. Man muss erst einen Kollegen suchen, der einen auf den Rücken nimmt. Dicht vor der Luke steht übrigens ein Schornstein. Sein Rauch fährt einem dann in die Nase und macht das Gesicht schwarz.

Noch ein Beispiel für diese Zustände: Im Fußboden dieser Kammer ist schon seit mehr als einem Jahr ein Loch. Es ist nicht so groß, dass ein Mensch durchfallen könnte. Aber es ist groß genug, dass man mit einem Bein ganz einsinkt. Das Advokatenzimmer liegt auf dem zweiten Dachboden. Wenn einer einsinkt, hängt sein Bein also in den ersten Dachboden hinunter. Und zwar genau in den Gang, wo die Parteien warten. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man unter Advokaten solche Verhältnisse schändlich nennt. Beschwerden an die Verwaltung haben nicht den geringsten Erfolg. Dagegen ist es den Advokaten strengstens verboten, irgendetwas in dem Zimmer auf eigene Kosten ändern zu lassen.

Aber auch diese Behandlung der Advokaten hat ihren Grund. Man will die Verteidigung möglichst ausschalten. Alles soll auf den Angeklagten selbst gestellt sein. Das ist im Grunde kein schlechter Standpunkt. Aber nichts wäre falscher, als daraus zu schließen, dass die Advokaten bei diesem Gericht für den Angeklagten unnötig sind. Im Gegenteil: Bei keinem anderen Gericht sind sie so notwendig wie bei diesem. Das Verfahren ist nämlich im Allgemeinen nicht nur vor der Öffentlichkeit geheim, sondern auch vor dem Angeklagten. Natürlich nur, soweit das möglich ist, aber es ist in sehr weitem Ausmaß möglich. Auch der Angeklagte darf die Gerichtsschriften nämlich nicht sehen. Aus den Verhören kann man nur sehr schwer auf die Schriften schließen, die dahinterstehen. Das gilt besonders für den Angeklagten. Er ist ja befangen und hat alle möglichen Sorgen, die ihn ablenken. Hier greift nun die Verteidigung ein. Bei den Verhören dürfen Verteidiger im Allgemeinen nicht dabei sein. Sie müssen den Angeklagten daher nach den Verhören darüber ausfragen, möglichst noch an der Tür des Untersuchungszimmers. Aus diesen oft schon sehr unklaren Berichten müssen sie das nehmen, was für die Verteidigung nützlich ist.

Aber das Wichtigste ist das nicht. Denn viel kann man auf diese Weise nicht erfahren. Natürlich erfährt auch hier wie überall ein tüchtiger Mann mehr als andere. Das Wichtigste bleiben trotzdem die persönlichen Beziehungen des Advokaten. In ihnen liegt der Hauptwert der Verteidigung. K. hat ja wohl schon selbst erlebt, dass die allerunterste Organisation des Gerichts nicht ganz vollkommen ist. Dort gibt es Angestellte, die ihre Pflicht vergessen und sich bestechen lassen. Dadurch bekommt die strenge Abschließung des Gerichts gewissermaßen Lücken. Hier drängt sich nun die Mehrzahl der Advokaten hinein. Hier wird bestochen und ausgehorcht. Wenigstens in früherer Zeit kamen sogar Fälle vor, in denen Akten gestohlen wurden. Man kann nicht leugnen, dass sich so für den Augenblick einige gute Ergebnisse für den Angeklagten erreichen lassen. Manchmal sind sie sogar überraschend gut. Damit stolzieren diese kleinen Advokaten dann herum und locken neue Kunden an. Aber für den weiteren Verlauf des Prozesses bedeutet es entweder nichts oder nichts Gutes.

Wirklichen Wert haben nur ehrliche persönliche Beziehungen, und zwar mit höheren Beamten. Gemeint sind damit natürlich nur höhere Beamte der unteren Grade. Nur dadurch kann man den Verlauf des Prozesses beeinflussen, zuerst kaum merkbar, später aber immer deutlicher. Das können natürlich nur wenige Advokaten. Hier hat K. sehr gut gewählt. Nur noch vielleicht ein oder zwei Advokaten können ähnliche Beziehungen nachweisen wie Dr. Huld. Diese kümmern sich allerdings nicht um die Gesellschaft im Advokatenzimmer und haben auch nichts mit ihr zu tun. Umso enger ist aber ihre Verbindung mit den Gerichtsbeamten. Dr. Huld muss nicht einmal immer zum Gericht gehen. Er muss auch nicht immer in den Vorzimmern der Untersuchungsrichter warten, bis sie zufällig erscheinen. Dort hängt es von ihrer Laune ab, ob man einen meist nur scheinbaren Erfolg erreicht oder nicht einmal diesen. Nein, K. hat es ja selbst gesehen: Die Beamten, und darunter ziemlich hohe, kommen selbst zu ihm. Sie geben gern Auskunft, offene oder wenigstens leicht verständliche. Sie besprechen den nächsten Fortgang der Prozesse. In einzelnen Fällen lassen sie sich sogar überzeugen und nehmen die fremde Ansicht gern an.

Allerdings darf man ihnen gerade in diesem letzten Punkt nicht zu sehr vertrauen. Sie können ihre neue, für die Verteidigung günstige Absicht noch so bestimmt aussprechen. Trotzdem gehen sie vielleicht direkt in ihre Kanzlei und geben für den nächsten Tag einen Gerichtsbeschluss heraus. Dieser enthält genau das Gegenteil. Vielleicht ist er für den Angeklagten noch viel strenger als ihre erste Absicht, die sie angeblich ganz aufgegeben hatten. Dagegen kann man sich natürlich nicht wehren. Denn was sie unter vier Augen gesagt haben, ist eben nur unter vier Augen gesagt. Daraus kann man keine öffentlichen Folgerungen ziehen. Außerdem muss die Verteidigung ja auch sonst versuchen, sich die Gunst der Herren zu erhalten.

Andererseits ist auch Folgendes richtig. Die Herren suchen die Verbindung mit der Verteidigung nicht nur aus Menschenliebe oder Freundschaft. Gemeint ist natürlich nur eine sachkundige Verteidigung. In gewisser Hinsicht sind sie vielmehr auch auf sie angewiesen. Hier zeigt sich eben der Nachteil einer Gerichtsorganisation, die sogar schon an ihrem Anfang den geheimen Bericht festlegt. Den Beamten fehlt die Verbindung mit der Bevölkerung. Für die gewöhnlichen mittleren Prozesse sind sie gut ausgerüstet. Ein solcher Prozess rollt fast von selbst auf seiner Bahn und braucht nur hier und da einen Anstoß. Aber vor den ganz einfachen Fällen und vor den besonders schwierigen stehen sie oft ratlos. Sie sind Tag und Nacht in ihr Gesetz eingezwängt. Deshalb haben sie nicht den richtigen Sinn für menschliche Beziehungen, und das fehlt ihnen in solchen Fällen sehr. Dann kommen sie zum Advokaten, um sich Rat zu holen. Hinter ihnen trägt ein Diener die Akten, die sonst so geheim sind. An diesem Fenster hätte man manche Herren sehen können, von denen man es am wenigsten erwarten würde. Sie schauten ganz trostlos auf die Gasse hinaus. Der Advokat saß währenddessen an seinem Tisch und studierte die Akten, um ihnen einen guten Rat geben zu können.

Gerade bei solchen Gelegenheiten kann man übrigens sehen, wie ungewöhnlich ernst die Herren ihren Beruf nehmen. Sie geraten in große Verzweiflung über Hindernisse, die sie ihrer Natur nach nicht überwinden können. Auch sonst ist ihre Stellung nicht leicht, und man darf ihnen nicht Unrecht tun und sie für leicht halten. Die Rangordnung des Gerichts mit ihren Stufen ist unendlich und selbst für Eingeweihte nicht zu überblicken. Das Verfahren vor den Gerichtshöfen ist aber im Allgemeinen auch für die unteren Beamten geheim. Sie können daher die Sachen, die sie bearbeiten, auf ihrem weiteren Weg kaum jemals ganz verfolgen. Die Gerichtssache erscheint also in ihrem Bereich, und oft wissen sie nicht, woher sie kommt. Dann geht sie weiter, und sie erfahren nicht, wohin. Man kann aus den einzelnen Phasen des Prozesses, aus der letzten Entscheidung und ihren Gründen etwas lernen. Aber diesen Beamten bleibt diese Belehrung versagt. Sie dürfen sich nur mit dem Teil des Prozesses beschäftigen, den das Gesetz für sie abgegrenzt hat. Von allem Weiteren, also von den Ergebnissen ihrer eigenen Arbeit, wissen sie meist weniger als die Verteidigung. Denn diese bleibt in der Regel fast bis zum Schluss des Prozesses mit dem Angeklagten in Verbindung. Auch in dieser Hinsicht können sie also von der Verteidigung manches Wertvolle erfahren.

Wundert sich K. noch, wenn er das alles bedenkt, dass die Beamten so gereizt sind? Manchmal zeigen sie das den Parteien gegenüber auf beleidigende Weise, diese Erfahrung macht jeder. Alle Beamten sind gereizt, selbst wenn sie ruhig scheinen. Darunter leiden natürlich besonders die kleinen Advokaten. Man erzählt zum Beispiel folgende Geschichte, die sehr wahr zu sein scheint.

Ein alter Beamter, ein guter, stiller Herr, hatte eine schwierige Gerichtssache. Besonders die Eingaben des Advokaten hatten sie verwickelt gemacht. Er studierte sie einen Tag und eine Nacht ohne Pause. Diese Beamten sind tatsächlich fleißig wie niemand sonst. Gegen Morgen, nach 24 Stunden Arbeit, die wahrscheinlich nicht viel gebracht hatte, ging er zur Eingangstür. Dort stellte er sich in einen Hinterhalt. Jeden Advokaten, der eintreten wollte, warf er die Treppe hinunter. Die Advokaten sammelten sich unten auf dem Treppenabsatz und berieten, was sie tun sollten. Einerseits haben sie kein eigentliches Recht darauf, eingelassen zu werden. Sie können also rechtlich kaum etwas gegen den Beamten unternehmen. Außerdem müssen sie sich, wie schon gesagt, hüten, die Beamten gegen sich aufzubringen. Andererseits ist jeder Tag, den sie nicht beim Gericht verbringen, für sie verloren. Es war ihnen also sehr wichtig hineinzukommen. Schließlich einigten sie sich darauf, den alten Herrn müde zu machen. Immer wieder schickten sie einen Advokaten los, der die Treppe hinauflief. Dort leistete er so viel Widerstand wie möglich, allerdings nur passiven, und ließ sich hinunterwerfen. Unten fingen ihn seine Kollegen auf. Das dauerte etwa eine Stunde. Dann wurde der alte Herr wirklich müde, denn er war ja auch von der Nachtarbeit schon erschöpft. Er ging in seine Kanzlei zurück. Die Advokaten unten wollten es zuerst gar nicht glauben. Sie schickten einen hinauf, der hinter der Tür nachsehen sollte, ob dort wirklich niemand mehr war. Erst dann zogen sie ein und wagten wahrscheinlich nicht einmal, leise zu schimpfen.

Denn die Advokaten denken gar nicht daran, beim Gericht irgendwelche Verbesserungen einzuführen oder durchzusetzen. Selbst der kleinste Advokat kann die Verhältnisse ja wenigstens zum Teil überblicken. Fast jeder Angeklagte dagegen, selbst ganz einfältige Leute, denkt gleich beim allerersten Eintritt in den Prozess an Verbesserungsvorschläge. Das ist sehr bezeichnend. Damit verschwenden sie oft Zeit und Kraft, die man viel besser verwenden könnte. Das einzig Richtige ist es, sich mit den vorhandenen Verhältnissen abzufinden. Dass man Einzelheiten verbessern kann, ist ein unsinniger Aberglaube. Und selbst wenn es möglich wäre, hätte man bestenfalls etwas für künftige Fälle erreicht. Sich selbst aber hätte man unendlich geschadet. Denn man hätte die besondere Aufmerksamkeit der Beamten erregt, und diese sind immer rachsüchtig.

Nur keine Aufmerksamkeit erregen! Sich ruhig verhalten, auch wenn es einem noch so sehr gegen den Sinn geht! Man muss einzusehen versuchen, dass dieser große Gerichtsorganismus gewissermaßen ewig in der Schwebe bleibt. Wenn man an seinem Platz selbstständig etwas ändert, zieht man sich den Boden unter den Füßen weg. Man kann dann selbst abstürzen. Der große Organismus aber schafft sich für die kleine Störung leicht an einer anderen Stelle Ersatz. Denn alles ist ja miteinander verbunden. Er bleibt unverändert. Oder er wird noch geschlossener, noch aufmerksamer, noch strenger, noch böser, und das ist sogar wahrscheinlich. Man soll die Arbeit doch dem Advokaten überlassen, statt sie zu stören.

Vorwürfe nützen ja nicht viel, besonders wenn man ihren Grund nicht in seiner ganzen Bedeutung verständlich machen kann. Aber gesagt werden muss es doch: K. hat seiner Sache sehr geschadet durch sein Verhalten gegenüber dem Kanzleidirektor. Diesen einflussreichen Mann muss man fast schon von der Liste streichen. Auf dieser Liste stehen alle, bei denen man etwas für K. tun kann. Selbst wenn man den Prozess nur kurz erwähnt, überhört er das mit deutlicher Absicht. In manchen Dingen sind die Beamten ja wie Kinder. Oft kann man sie mit harmlosen Dingen so verletzen, dass sie selbst mit guten Freunden nicht mehr reden. K.s Verhalten gehörte allerdings leider nicht zu diesen harmlosen Dingen. Sie wenden sich von diesen Freunden ab, wenn sie ihnen begegnen, und arbeiten in allem gegen sie. Aber dann, ganz überraschend und ohne besonderen Grund, lachen sie über einen kleinen Scherz und sind versöhnt. Man wagt diesen Scherz nur, weil alles aussichtslos scheint. Es ist eben gleichzeitig schwer und leicht, mit ihnen umzugehen. Feste Regeln dafür gibt es kaum. Manchmal muss man sich wundern, dass ein einziges normales Leben dafür reicht. Man muss ja so viel verstehen, um hier mit einigem Erfolg zu arbeiten.

Es kommen allerdings trübe Stunden, wie sie ja jeder hat. Dann glaubt man, nicht das Geringste erreicht zu haben. Dann scheint es einem, als hätten nur bestimmte Prozesse gut geendet. Das waren die Prozesse, die von Anfang an für ein gutes Ende bestimmt waren. Das wäre auch ohne jede Hilfe geschehen. Alle anderen sind verloren gegangen, trotz allen Herumlaufens und aller Mühe. Auch die kleinen scheinbaren Erfolge, über die man sich so gefreut hat, haben nichts geholfen. Dann scheint einem allerdings nichts mehr sicher. Manche Prozesse wären von selbst gut verlaufen. Vielleicht hat man sie gerade durch die eigene Hilfe auf Abwege gebracht. Wenn man danach gefragt würde, würde man es nicht einmal zu leugnen wagen. Auch das ist ja eine Art Selbstvertrauen, aber es ist das einzige, das dann noch übrig bleibt.

Solche Anfälle sind natürlich nur Anfälle, nichts weiter. Advokaten bekommen sie besonders dann, wenn man ihnen plötzlich einen Prozess aus der Hand nimmt. Diesen Prozess haben sie schon weit und zufriedenstellend geführt. Das ist wohl das Schlimmste, was einem Advokaten geschehen kann. Nicht etwa der Angeklagte nimmt ihnen den Prozess weg, das geschieht wohl niemals. Ein Angeklagter, der einmal einen bestimmten Advokaten genommen hat, muss bei ihm bleiben, was auch geschieht. Wie könnte er sich überhaupt noch allein halten, wenn er einmal Hilfe in Anspruch genommen hat? Das geschieht also nicht. Aber es geschieht manchmal, dass der Prozess eine Richtung nimmt, in die der Advokat nicht mehr mitgehen darf. Der Prozess und der Angeklagte und alles wird dem Advokaten einfach weggenommen. Dann können auch die besten Beziehungen zu den Beamten nicht mehr helfen, denn sie selbst wissen nichts. Der Prozess ist eben in eine Phase getreten, in der man keine Hilfe mehr leisten darf. Jetzt bearbeiten ihn unerreichbare Gerichtshöfe, und auch der Angeklagte ist für den Advokaten nicht mehr erreichbar. Man kommt dann eines Tages nach Hause und findet auf seinem Tisch alle die vielen Eingaben. Man hat sie in dieser Sache mit allem Fleiß und mit den schönsten Hoffnungen geschrieben. Jetzt hat man sie zurückgeschickt, weil man sie nicht in die neue Phase des Prozesses mitnehmen darf. Es sind wertlose Fetzen. Dabei muss der Prozess noch nicht verloren sein, durchaus nicht. Wenigstens gibt es keinen entscheidenden Grund, das anzunehmen. Man weiß nur nichts mehr von dem Prozess und wird auch nichts mehr von ihm erfahren.

Nun sind solche Fälle ja glücklicherweise Ausnahmen. Und selbst wenn K.s Prozess ein solcher Fall sein sollte, ist er vorläufig noch weit von dieser Phase entfernt. Hier gibt es noch reichlich Gelegenheit für die Arbeit des Advokaten. K. kann sicher sein, dass sie genutzt wird. Die Eingabe ist, wie gesagt, noch nicht überreicht, aber das eilt auch nicht. Viel wichtiger sind die einleitenden Besprechungen mit den entscheidenden Beamten, und die haben schon stattgefunden. Mit verschiedenem Erfolg, das muss man offen zugeben. Es ist viel besser, vorläufig keine Einzelheiten zu verraten. Sie könnten K. nur ungünstig beeinflussen und ihn zu hoffnungsvoll oder zu ängstlich machen. Nur so viel kann man sagen: Einzelne Beamte haben sich sehr günstig geäußert und sich auch sehr bereitwillig gezeigt. Andere haben sich weniger günstig geäußert, aber ihre Hilfe keineswegs verweigert. Das Ergebnis ist also im Ganzen sehr erfreulich. Nur darf man daraus keine besonderen Schlüsse ziehen. Denn alle Vorverhandlungen beginnen ähnlich, und erst die weitere Entwicklung zeigt, was sie wert sind. Jedenfalls ist noch nichts verloren. Vielleicht gelingt es noch, den Kanzleidirektor trotz allem zu gewinnen, und dafür ist schon einiges eingeleitet. Dann ist das Ganze, wie die Chirurgen sagen, eine reine Wunde, und man kann ruhig das Folgende erwarten.

In solchen und ähnlichen Reden war der Advokat unerschöpflich. Sie wiederholten sich bei jedem Besuch. Immer gab es Fortschritte, aber nie konnte man K. sagen, welcher Art diese Fortschritte waren. Immerzu wurde an der ersten Eingabe gearbeitet, aber sie wurde nicht fertig. Beim nächsten Besuch stellte sich das meistens als gewisser Vorteil heraus. Denn die letzte Zeit wäre für die Übergabe sehr ungünstig gewesen, und das hatte man nicht voraussehen können. Manchmal war K. ganz erschöpft von den Reden. Dann bemerkte er, dass es selbst mit allen Schwierigkeiten doch sehr langsam vorwärtsging. Man antwortete ihm dann, es gehe gar nicht langsam vorwärts. Aber man wäre schon viel weiter, wenn K. rechtzeitig zum Advokaten gekommen wäre. Das hatte er aber leider versäumt. Und dieses Versäumnis werde auch noch weitere Nachteile bringen, nicht nur zeitliche.

Die einzige angenehme Unterbrechung dieser Besuche war Leni. Sie richtete es immer so ein, dass sie dem Advokaten den Tee brachte, wenn K. da war. Dann stand sie hinter K. und tat so, als würde sie zusehen, wie der Advokat den Tee eingoss und trank. Dabei beugte er sich mit einer Art Gier tief zur Tasse hinunter. Heimlich ließ sie K. ihre Hand fassen. Es war ganz still. Der Advokat trank, K. drückte Lenis Hand, und Leni wagte es manchmal, K.s Haare sanft zu streicheln.

„Du bist noch hier?“, fragte der Advokat, als er fertig war.

„Ich wollte das Geschirr wegnehmen“, sagte Leni.

Es gab noch einen letzten Händedruck. Der Advokat wischte sich den Mund ab und begann mit neuer Kraft, auf K. einzureden.

War es Trost oder Verzweiflung, was der Advokat erreichen wollte? K. wusste es nicht. Aber bald war er sicher, dass seine Verteidigung nicht in guten Händen war. Es mochte ja alles richtig sein, was der Advokat erzählte. Allerdings sah man deutlich, dass er sich möglichst in den Vordergrund stellen wollte. Wahrscheinlich hatte er noch nie einen so großen Prozess geführt, wie es K.s Prozess seiner Meinung nach war. Aber die persönlichen Beziehungen zu den Beamten, von denen er immerzu sprach, blieben verdächtig. Mussten sie denn nur zu K.s Nutzen ausgebeutet werden? Der Advokat vergaß nie zu bemerken, dass es nur um niedrige Beamte ging. Das waren also Beamte in sehr abhängiger Stellung. Für ihr Fortkommen konnten gewisse Wendungen der Prozesse wahrscheinlich wichtig sein. Benutzten sie vielleicht den Advokaten, um solche Wendungen zu erreichen, die für den Angeklagten natürlich immer ungünstig waren? Vielleicht taten sie das nicht in jedem Prozess, gewiss, das war nicht wahrscheinlich. Es gab dann wohl wieder Prozesse, in denen sie dem Advokaten für seine Dienste Vorteile gaben. Denn auch sie mussten ja wollen, dass sein Ruf keinen Schaden nahm. Wenn es aber wirklich so war, wie würden sie dann in K.s Prozess eingreifen? Das war ja, wie der Advokat erklärte, ein sehr schwieriger, also wichtiger Prozess. Er hatte gleich am Anfang beim Gericht große Aufmerksamkeit erregt. Es konnte nicht sehr zweifelhaft sein, was sie tun würden. Anzeichen dafür konnte man ja schon sehen. Die erste Eingabe war immer noch nicht überreicht, obwohl der Prozess schon Monate dauerte. Nach den Angaben des Advokaten war alles noch am Anfang. Das war natürlich gut geeignet, den Angeklagten einzuschläfern und hilflos zu halten. Dann konnte man ihn plötzlich mit der Entscheidung überfallen. Oder wenigstens mit der Mitteilung, dass die Untersuchung zu seinen Ungunsten abgeschlossen war und an die höheren Behörden weiterging.

Es war unbedingt nötig, dass K. selbst eingriff. Gerade wenn er so müde war wie an diesem Wintervormittag, konnte er diese Überzeugung nicht abweisen. Alles zog ihm dann willenlos durch den Kopf. Die Verachtung, die er früher für den Prozess gehabt hatte, galt nicht mehr. Wäre er allein auf der Welt gewesen, hätte er den Prozess leicht missachten können. Allerdings war es auch sicher, dass der Prozess dann überhaupt nicht entstanden wäre. Jetzt aber hatte ihn der Onkel schon zum Advokaten gezogen, und er musste Rücksicht auf die Familie nehmen. Seine Stellung war nicht mehr ganz unabhängig vom Verlauf des Prozesses. Er selbst hatte unvorsichtig und mit einer gewissen unerklärlichen Zufriedenheit vor Bekannten vom Prozess gesprochen. Andere hatten auf unbekannte Weise davon erfahren. Das Verhältnis zu Fräulein Bürstner schien mit dem Prozess zu schwanken. Kurz, er hatte kaum noch die Wahl, den Prozess anzunehmen oder abzulehnen. Er stand mitten darin und musste sich wehren. Wenn er müde war, dann war das schlimm.

Zu übertriebener Sorge gab es allerdings vorläufig keinen Grund. Er hatte es geschafft, sich in der Bank in relativ kurzer Zeit zu seiner hohen Stellung hochzuarbeiten. Er hatte sich in dieser Stellung gehalten, und alle erkannten ihn an. Jetzt musste er diese Fähigkeiten nur ein wenig dem Prozess zuwenden. Dann musste es ohne Zweifel gut ausgehen. Wenn man etwas erreichen wollte, musste man vor allem jeden Gedanken an eine mögliche Schuld von Anfang an ablehnen. Es gab keine Schuld. Der Prozess war nichts anderes als ein großes Geschäft. Solche Geschäfte hatte er schon oft mit Vorteil für die Bank abgeschlossen. Wie immer lauerten in diesem Geschäft verschiedene Gefahren, die man eben abwehren musste. Dazu durfte man allerdings nicht mit Gedanken an irgendeine Schuld spielen. Man musste möglichst fest an den eigenen Vorteil denken. Aus dieser Sicht war es auch unvermeidlich, dem Advokaten die Vertretung sehr bald zu entziehen. Am besten geschah das noch an diesem Abend. Nach seinen Erzählungen war das zwar etwas Unerhörtes und wahrscheinlich sehr beleidigend. Aber K. konnte nicht dulden, dass seine Anstrengungen im Prozess auf Hindernisse stießen. Vielleicht hatte sein eigener Advokat sie verursacht. War der Advokat aber einmal abgeschüttelt, dann musste die Eingabe sofort überreicht werden. Und möglichst jeden Tag musste man darauf drängen, dass sie beachtet wurde. Dazu genügte es natürlich nicht, wenn K. wie die anderen im Gang saß und den Hut unter die Bank stellte. Er selbst oder die Frauen oder andere Boten mussten Tag für Tag die Beamten bedrängen. Sie mussten die Beamten zwingen, nicht mehr durch das Gitter auf den Gang zu schauen. Stattdessen sollten sie sich an ihren Tisch setzen und K.s Eingabe studieren. Diese Anstrengungen durfte man nicht aufgeben. Alles musste organisiert und überwacht werden. Das Gericht sollte einmal auf einen Angeklagten stoßen, der sein Recht zu verteidigen wusste.

Aber selbst wenn K. sich das alles zutraute, war die Schwierigkeit, die Eingabe zu schreiben, überwältigend. Früher, etwa noch vor einer Woche, hatte er an eine Möglichkeit nur mit Scham denken können. Vielleicht musste er einmal selbst eine solche Eingabe machen. Dass das auch schwierig sein konnte, daran hatte er gar nicht gedacht. Er erinnerte sich an einen Vormittag, an dem er gerade sehr viel Arbeit gehabt hatte. Plötzlich hatte er alles zur Seite geschoben und den Schreibblock genommen. Er wollte versuchsweise den Gedankengang einer solchen Eingabe entwerfen. Vielleicht wollte er ihn dann dem schwerfälligen Advokaten zur Verfügung stellen. Gerade in diesem Augenblick hatte sich die Tür des Direktionszimmers geöffnet. Der Direktor-Stellvertreter war mit großem Gelächter eingetreten. Das war für K. damals sehr peinlich gewesen. Dabei hatte der Direktor-Stellvertreter natürlich nicht über die Eingabe gelacht, von der er nichts wusste. Er lachte über einen Börsenwitz, den er eben gehört hatte. Um diesen Witz zu verstehen, brauchte man eine Zeichnung. Der Direktor-Stellvertreter beugte sich über K.s Tisch und nahm ihm den Bleistift aus der Hand. Damit zeichnete er auf den Schreibblock, der für die Eingabe bestimmt gewesen war.

Heute wusste K. nichts mehr von Scham, die Eingabe musste gemacht werden. Sehr wahrscheinlich fand er im Büro keine Zeit dafür. Dann musste er sie nachts zu Hause machen. Wenn auch die Nächte nicht reichten, dann musste er Urlaub nehmen. Nur nicht auf halbem Weg stehen bleiben! Das war nicht nur in Geschäften, sondern immer und überall das Unsinnigste. Die Eingabe bedeutete freilich eine fast endlose Arbeit. Man musste keinen sehr ängstlichen Charakter haben und konnte doch leicht glauben, dass man sie niemals fertigstellen konnte. Nicht aus Faulheit oder Hinterlist, denn das konnte nur den Advokaten an der Fertigstellung hindern. Sondern weil man die Anklage nicht kannte und noch weniger ihre möglichen Erweiterungen. Deshalb musste man sich an das ganze Leben erinnern, bis in die kleinsten Handlungen und Ereignisse. Man musste es darstellen und von allen Seiten prüfen. Und wie traurig war eine solche Arbeit außerdem! Sie war vielleicht geeignet, einmal nach der Pensionierung den kindisch gewordenen Geist zu beschäftigen. Sie konnte ihm helfen, die langen Tage zu verbringen. Aber jetzt brauchte K. alle Gedanken für seine Arbeit. Da er noch im Aufstieg und schon eine Drohung für den Direktor-Stellvertreter war, verging jede Stunde mit größter Schnelligkeit. Und er wollte die kurzen Abende und Nächte als junger Mensch genießen. Jetzt sollte er mit dem Schreiben dieser Eingabe beginnen!

Wieder endete sein Denken in Klagen. Fast ohne es zu wollen, nur um dem ein Ende zu machen, suchte er mit dem Finger einen Knopf. Es war der Knopf der elektrischen Glocke, die ins Vorzimmer führte. Während er ihn drückte, blickte er zur Uhr hinauf. Es war 11 Uhr. Zwei Stunden, eine lange, kostbare Zeit, hatte er verträumt und war natürlich noch müder als vorher. Immerhin war die Zeit nicht verloren, denn er hatte Entschlüsse gefasst, die wertvoll sein konnten.

Die Diener brachten außer verschiedener Post zwei Visitenkarten von Herren, die schon längere Zeit auf K. warteten. Es waren gerade sehr wichtige Kunden der Bank, die man eigentlich auf keinen Fall hätte warten lassen dürfen. Warum kamen sie zu dieser ungünstigen Zeit? Und die Herren hinter der geschlossenen Tür schienen auch etwas zu fragen. Warum verwendete der fleißige K. die beste Geschäftszeit für private Dinge? K. war müde von dem, was gewesen war, und müde vor dem, was kommen würde. Er stand auf, um den ersten zu empfangen.

Es war ein kleiner, munterer Herr, ein Fabrikant, den K. gut kannte. Er bedauerte, K. bei wichtiger Arbeit gestört zu haben. K. bedauerte seinerseits, dass er den Fabrikanten so lange hatte warten lassen. Aber schon dieses Bedauern sprach er ganz mechanisch und mit fast falscher Betonung aus. Der Fabrikant hätte das bemerken müssen, wenn er nicht ganz von seinem Geschäft erfüllt gewesen wäre. Stattdessen zog er eilig Rechnungen und Tabellen aus allen Taschen und breitete sie vor K. aus. Er erklärte verschiedene Posten. Er verbesserte einen kleinen Rechenfehler, den er sogar bei diesem schnellen Überblick bemerkt hatte. Er erinnerte K. an ein ähnliches Geschäft, das er mit ihm vor etwa einem Jahr abgeschlossen hatte. Nebenbei erwähnte er, dass sich diesmal eine andere Bank mit größten Opfern um das Geschäft bewarb. Schließlich schwieg er, um K.s Meinung zu hören.

K. hatte am Anfang der Rede des Fabrikanten auch tatsächlich gut zugehört. Der Gedanke an das wichtige Geschäft hatte dann auch ihn ergriffen, nur leider nicht für lange. Bald hatte er nicht mehr zugehört. Er hatte noch ein Weilchen zu den lauteren Ausrufen des Fabrikanten mit dem Kopf genickt. Schließlich hatte er auch das nicht mehr getan. Er hatte nur noch den kahlen Kopf angesehen, der sich über die Papiere beugte. Er hatte sich gefragt, wann der Fabrikant endlich erkennen würde, dass seine ganze Rede nutzlos war. Als er nun schwieg, glaubte K. zuerst wirklich, der Fabrikant wolle ihm Gelegenheit zu einem Geständnis geben. K. sollte zugeben, dass er nicht fähig war zuzuhören. Aber der gespannte Blick des Fabrikanten, der offenbar auf alle Antworten gefasst war, zeigte ihm etwas anderes. Mit Bedauern merkte K., dass die geschäftliche Besprechung weitergehen musste. Er neigte also den Kopf wie vor einem Befehl. Dann fuhr er mit dem Bleistift langsam über den Papieren hin und her. Hin und wieder hielt er an und starrte eine Ziffer an. Der Fabrikant vermutete Einwände. Vielleicht waren die Ziffern wirklich nicht sicher, vielleicht waren sie nicht das Entscheidende. Jedenfalls bedeckte der Fabrikant die Papiere mit der Hand. Er rückte ganz nahe an K. heran und begann von Neuem, das Geschäft im Allgemeinen darzustellen.

„Es ist schwierig“, sagte K. und verzog die Lippen.

Die Papiere, das Einzige, woran er sich halten konnte, waren verdeckt. Deshalb sank er haltlos gegen die Seitenlehne. Er blickte sogar nur schwach auf, als sich die Tür des Direktionszimmers öffnete. Dort erschien nicht ganz deutlich, etwa wie hinter einem Gazeschleier, der Direktor-Stellvertreter. K. dachte nicht weiter darüber nach. Er beobachtete nur die unmittelbare Wirkung, und die war für ihn sehr erfreulich. Denn sofort hüpfte der Fabrikant vom Stuhl auf und eilte dem Direktor-Stellvertreter entgegen. K. wünschte, der Fabrikant wäre noch zehnmal schneller gewesen, denn er fürchtete, der Direktor-Stellvertreter könnte wieder verschwinden. Diese Furcht war unnötig. Die Herren trafen sich, gaben einander die Hand und gingen gemeinsam auf K.s Schreibtisch zu. Der Fabrikant beklagte sich, dass er beim Prokuristen so wenig Interesse für das Geschäft gefunden habe. Dabei zeigte er auf K., der sich unter dem Blick des Direktor-Stellvertreters wieder über die Papiere beugte. Dann lehnten sich die zwei an den Schreibtisch, und der Fabrikant begann, den Direktor-Stellvertreter für sich zu gewinnen. K. hatte das Gefühl, dass über seinem Kopf zwei Männer über ihn selbst verhandelten. Ihre Größe stellte er sich dabei übertrieben vor. Langsam versuchte er, mit vorsichtig nach oben gedrehten Augen zu erfahren, was dort oben geschah. Ohne hinzusehen, nahm er eines der Papiere vom Schreibtisch und legte es auf die flache Hand. Allmählich hob er es zu den Herren hinauf und stand dabei selbst auf. Er dachte dabei an nichts Bestimmtes. Er hatte nur das Gefühl: So müsste er sich verhalten, wenn er einmal die große Eingabe fertig hätte. Diese sollte ihn ganz entlasten.

Der Direktor-Stellvertreter nahm mit aller Aufmerksamkeit an dem Gespräch teil. Er sah nur kurz auf das Papier und las gar nicht, was dort stand. Denn was dem Prokuristen wichtig war, war ihm unwichtig. Er nahm es aus K.s Hand, sagte: „Danke, ich weiß schon alles“, und legte es ruhig wieder auf den Tisch. K. sah ihn verbittert von der Seite an. Aber der Direktor-Stellvertreter merkte es gar nicht. Oder wenn er es merkte, machte es ihm nur noch mehr Mut. Er lachte öfter laut auf. Einmal brachte er den Fabrikanten durch eine schnelle, treffende Antwort deutlich in Verlegenheit. Aber er holte ihn sofort wieder heraus, indem er sich selbst einen Einwand machte. Schließlich lud er ihn ein, in sein Büro hinüberzukommen, wo sie die Sache zu Ende bringen könnten.

„Es ist eine sehr wichtige Sache“, sagte er zum Fabrikanten, „das sehe ich vollständig ein. Und der Herr Prokurist wird gewiss froh sein, wenn wir ihm das abnehmen.“

Selbst bei dieser Bemerkung sprach er eigentlich nur zum Fabrikanten.

„Die Sache verlangt ruhige Überlegung. Er aber scheint heute sehr überlastet zu sein. Außerdem warten ja einige Leute im Vorzimmer schon stundenlang auf ihn.“

K. hatte gerade noch genug Fassung, sich vom Direktor-Stellvertreter wegzudrehen. Sein freundliches, aber starres Lächeln zeigte er nur dem Fabrikanten. Sonst griff er gar nicht ein. Er stützte sich ein wenig vorgebeugt mit beiden Händen auf den Schreibtisch, wie ein Kommis hinter dem Pult. So sah er zu, wie die zwei Herren weiterredeten, die Papiere vom Tisch nahmen und im Direktionszimmer verschwanden. In der Tür drehte sich der Fabrikant noch einmal um. Er sagte, er verabschiede sich noch nicht, sondern werde dem Herrn Prokuristen natürlich über den Erfolg der Besprechung berichten. Auch habe er ihm noch eine andere kleine Mitteilung zu machen.

Endlich war K. allein. Er dachte gar nicht daran, einen anderen Kunden hereinzulassen. Nur undeutlich wurde ihm bewusst, wie angenehm es war: Die Leute draußen glaubten, er verhandle noch mit dem Fabrikanten. Deshalb könne niemand zu ihm hereinkommen, nicht einmal der Diener. Er ging zum Fenster, setzte sich auf das Fensterbrett und hielt sich mit einer Hand an der Klinke fest. So sah er auf den Platz hinaus. Der Schnee fiel noch immer, und es war noch gar nicht heller geworden.

Lange saß er so und wusste nicht, was ihm eigentlich Sorgen machte. Nur von Zeit zu Zeit sah er ein wenig erschrocken über die Schulter zur Tür des Vorzimmers. Dort glaubte er irrtümlich ein Geräusch gehört zu haben. Aber niemand kam, und so wurde er ruhiger. Er ging zum Waschtisch, wusch sich mit kaltem Wasser und kehrte mit freierem Kopf an seinen Platz am Fenster zurück. Der Entschluss, seine Verteidigung selbst in die Hand zu nehmen, erschien ihm nun ernster, als er zuerst gedacht hatte. Solange er die Verteidigung dem Advokaten überlassen hatte, hatte der Prozess ihn im Grunde wenig berührt. Er hatte ihn aus der Ferne beobachtet, und der Prozess hatte ihn kaum direkt erreichen können. Er hatte nachsehen können, wann er wollte, wie seine Sache stand. Aber er hatte auch den Kopf wieder zurückziehen können, wann er wollte. Wenn er seine Verteidigung jetzt selbst führte, musste er sich wenigstens für den Augenblick ganz dem Gericht aussetzen. Der Erfolg sollte ja später seine vollständige und endgültige Befreiung sein. Aber um diese zu erreichen, musste er sich vorläufig in viel größere Gefahr begeben als bisher. Hätte er daran gezweifelt, hätte ihn das heutige Treffen mit dem Direktor-Stellvertreter und dem Fabrikanten vom Gegenteil überzeugen können. Wie hatte er doch dagesessen, schon durch den bloßen Entschluss, sich selbst zu verteidigen, ganz verwirrt? Wie sollte es dann später werden? Was für Tage lagen vor ihm! Würde er den Weg finden, der durch alles hindurch zu einem guten Ende führte? Eine sorgfältige Verteidigung war nötig, alles andere war sinnlos. Aber bedeutete das nicht zugleich, dass er sich von allem anderen möglichst abschließen musste? Würde er das glücklich überstehen? Und wie sollte ihm das in der Bank gelingen? Es ging ja nicht nur um die Eingabe. Dafür hätte vielleicht ein Urlaub genügt, obwohl die Bitte um Urlaub gerade jetzt ein großes Risiko gewesen wäre. Es ging um einen ganzen Prozess, und niemand konnte sagen, wie lange er dauern würde. Was für ein Hindernis war plötzlich in K.s Karriere geworfen worden!

Und jetzt sollte er für die Bank arbeiten? – Er sah zum Schreibtisch hin. – Jetzt sollte er Kunden hereinlassen und mit ihnen verhandeln? Sein Prozess rollte weiter. Oben auf dem Dachboden saßen die Beamten des Gerichts über den Schriften dieses Prozesses. Und in dieser Zeit sollte er die Geschäfte der Bank erledigen? Sah das nicht aus wie eine Folter, die das Gericht anerkannte und die zum Prozess gehörte und ihn begleitete? Und würde man in der Bank bei der Beurteilung seiner Arbeit an seine besondere Lage denken? Niemand und niemals. Ganz unbekannt war sein Prozess ja nicht, auch wenn noch nicht ganz klar war, wer davon wusste und wie viel. Bis zum Direktor-Stellvertreter war das Gerücht aber hoffentlich noch nicht gekommen. Sonst hätte man schon deutlich gesehen, wie er es gegen K. ausnutzte, ohne jede Kollegialität und Menschlichkeit. Und der Direktor? Gewiss, er war K. freundlich gesinnt. Sobald er vom Prozess erfahren hätte, hätte er K. wahrscheinlich manches erleichtern wollen, soweit es an ihm lag. Aber damit wäre er sicher nicht durchgekommen. Das Gegengewicht, das K. bisher gebildet hatte, begann nämlich schwächer zu werden. Deshalb geriet der Direktor jetzt immer mehr unter den Einfluss des Direktor-Stellvertreters. Dieser nutzte außerdem die Krankheit des Direktors aus, um seine eigene Macht zu stärken. Was hatte K. also zu hoffen? Vielleicht schwächte er durch solche Gedanken seine Kraft zum Widerstand. Aber es war doch auch nötig, sich nicht selbst zu täuschen. Er musste alles so klar sehen, wie es im Augenblick möglich war.

Ohne besonderen Grund öffnete er das Fenster, nur um noch nicht zum Schreibtisch zurückkehren zu müssen. Es ließ sich nur schwer öffnen, und er musste die Klinke mit beiden Händen drehen. Dann zog durch das ganze breite und hohe Fenster Nebel ins Zimmer, der mit Rauch vermischt war. Er füllte den Raum mit einem leichten Geruch nach Brand. Auch einige Schneeflocken wurden hereingeweht.

„Ein hässlicher Herbst“, sagte hinter K. der Fabrikant. Er kam vom Direktor-Stellvertreter und war unbemerkt ins Zimmer getreten. K. nickte und sah unruhig auf die Aktentasche des Fabrikanten. Daraus würde dieser nun wohl die Papiere ziehen und K. das Ergebnis der Verhandlungen mitteilen. Der Fabrikant folgte aber K.s Blick und klopfte auf seine Tasche, ohne sie zu öffnen.

„Sie wollen hören, wie es ausgegangen ist“, sagte er. „Ich habe den Geschäftsabschluss schon fast in der Tasche. Ein reizender Mensch, Ihr Direktor-Stellvertreter, aber durchaus nicht ungefährlich.“

Er lachte, schüttelte K.s Hand und wollte auch ihn zum Lachen bringen. Aber K. fand es nun wieder verdächtig, dass der Fabrikant ihm die Papiere nicht zeigen wollte. Und an seiner Bemerkung fand er nichts zum Lachen.

„Herr Prokurist“, sagte der Fabrikant, „Sie leiden wohl unter dem Wetter. Sie sehen heute so bedrückt aus.“

„Ja“, sagte K. und griff sich mit der Hand an die Schläfe, „Kopfschmerzen, Familiensorgen.“

„Sehr richtig“, sagte der Fabrikant, „jeder hat sein Kreuz zu tragen.“ Er war ein eiliger Mensch und konnte niemandem ruhig zuhören.

Ohne es zu wollen, hatte K. einen Schritt zur Tür gemacht, als wolle er den Fabrikanten hinausbegleiten. Dieser aber sagte: „Ich hätte noch eine kleine Mitteilung für Sie, Herr Prokurist. Ich fürchte sehr, dass ich Sie gerade heute damit vielleicht störe. Aber ich war in letzter Zeit schon zweimal bei Ihnen und habe es jedes Mal vergessen. Wenn ich es noch länger aufschiebe, verliert es wahrscheinlich ganz seinen Zweck. Das wäre aber schade, denn im Grunde ist meine Mitteilung vielleicht doch nicht wertlos.“

Bevor K. antworten konnte, trat der Fabrikant nahe an ihn heran. Er klopfte mit dem Fingerknöchel leicht an K.s Brust und sagte leise: „Sie haben einen Prozess, nicht wahr?“

K. trat zurück und rief sofort: „Das hat Ihnen der Direktor-Stellvertreter gesagt.“

„Ach nein“, sagte der Fabrikant, „woher sollte denn der Direktor-Stellvertreter es wissen?“

„Durch Sie?“, fragte K. schon viel ruhiger.

„Ich erfahre hin und wieder etwas vom Gericht“, sagte der Fabrikant. „Darum geht es eben in der Mitteilung, die ich Ihnen machen wollte.“

„So viele Leute sind mit dem Gericht in Verbindung!“, sagte K. mit gesenktem Kopf und führte den Fabrikanten zum Schreibtisch.

Sie setzten sich wieder wie vorher. „Es ist leider nicht sehr viel, was ich Ihnen mitteilen kann“, sagte der Fabrikant. „Aber in solchen Dingen soll man auch das Kleinste nicht vernachlässigen. Außerdem wollte ich Ihnen unbedingt irgendwie helfen, auch wenn meine Hilfe noch so bescheiden ist. Wir waren doch bisher gute Geschäftsfreunde, nicht? Nun also.“

K. wollte sich für sein Verhalten bei der heutigen Besprechung entschuldigen. Aber der Fabrikant ließ sich nicht unterbrechen. Er schob die Aktentasche hoch unter die Achsel, um zu zeigen, dass er es eilig hatte. Dann fuhr er fort:

„Von Ihrem Prozess weiß ich durch einen gewissen Titorelli. Er ist Maler. Titorelli ist nur sein Künstlername, seinen wirklichen Namen kenne ich gar nicht. Er kommt schon seit Jahren von Zeit zu Zeit in mein Büro und bringt kleine Bilder mit. Er ist fast ein Bettler, und ich gebe ihm dafür immer eine Art Almosen. Es sind übrigens hübsche Bilder, Heidelandschaften und Ähnliches. Diese Verkäufe liefen ganz glatt ab, wir hatten uns beide schon daran gewöhnt. Aber einmal kam er doch zu oft, und ich machte ihm Vorwürfe. Wir kamen ins Gespräch. Es interessierte mich, wie er allein vom Malen leben konnte. Und da erfuhr ich zu meinem Staunen, dass er sein Geld hauptsächlich mit Porträts verdient. Er arbeite für das Gericht, sagte er. Für welches Gericht, fragte ich. Und nun erzählte er mir von dem Gericht. Sie können sich wohl am besten vorstellen, wie erstaunt ich über diese Erzählungen war. Seitdem höre ich bei jedem seiner Besuche irgendwelche Neuigkeiten vom Gericht. So bekomme ich allmählich einen großen Einblick in die Sache. Allerdings redet Titorelli sehr viel, und ich muss ihn oft bremsen. Er lügt sicher auch, das ist der eine Grund. Vor allem aber bricht ein Geschäftsmann wie ich unter den eigenen Sorgen fast zusammen. Da kann er sich nicht noch viel um fremde Dinge kümmern. Aber das nur nebenbei. Vielleicht, so dachte ich jetzt, kann Titorelli Ihnen ein wenig helfen. Er kennt viele Richter. Auch wenn er selbst keinen großen Einfluss haben sollte, kann er Ihnen doch Ratschläge geben. Er kann Ihnen sagen, wie man an verschiedene einflussreiche Leute herankommt. Diese Ratschläge sind vielleicht an sich nicht entscheidend. Aber in Ihren Händen werden sie meiner Meinung nach sehr wichtig sein. Sie sind ja fast ein Advokat. Ich sage immer: Prokurist K. ist fast ein Advokat. Oh, ich mache mir keine Sorgen wegen Ihres Prozesses. Wollen Sie nun aber zu Titorelli gehen? Auf meine Empfehlung hin wird er sicher alles tun, was er kann. Ich denke wirklich, Sie sollten hingehen. Es muss natürlich nicht heute sein, einmal, bei Gelegenheit. Das will ich aber noch sagen: Auch wenn gerade ich Ihnen diesen Rat gebe, sind Sie zu nichts verpflichtet. Sie müssen nicht wirklich zu Titorelli gehen. Nein, wenn Sie glauben, dass Sie Titorelli nicht brauchen, lassen Sie ihn sicher besser ganz beiseite. Vielleicht haben Sie schon einen ganz genauen Plan, und Titorelli könnte ihn stören. Nein, dann gehen Sie natürlich auf keinen Fall hin. Es kostet sicher auch Überwindung, sich von so einem Burschen Ratschläge geben zu lassen. Nun, wie Sie wollen. Hier ist das Empfehlungsschreiben und hier die Adresse.“

Enttäuscht nahm K. den Brief und steckte ihn in die Tasche. Selbst im besten Fall war der Vorteil aus dieser Empfehlung verhältnismäßig kleiner als der Schaden. Denn der Fabrikant wusste von seinem Prozess, und der Maler verbreitete die Nachricht weiter. Der Fabrikant war schon auf dem Weg zur Tür. K. konnte sich kaum dazu zwingen, ihm mit ein paar Worten zu danken.

„Ich werde hingehen“, sagte er, als er sich an der Tür vom Fabrikanten verabschiedete. „Oder ich schreibe ihm, dass er einmal zu mir ins Büro kommen soll, weil ich jetzt sehr beschäftigt bin.“

„Ich wusste ja“, sagte der Fabrikant, „dass Sie den besten Ausweg finden würden. Allerdings dachte ich, Sie wollten es lieber vermeiden, Leute wie diesen Titorelli in die Bank einzuladen. Und zwar, um hier mit ihm über den Prozess zu sprechen. Es ist auch nicht immer gut, Briefe an solche Leute aus der Hand zu geben. Aber Sie haben sicher alles durchdacht und wissen, was Sie tun dürfen.“

K. nickte und begleitete den Fabrikanten noch durch das Vorzimmer. Aber obwohl er äußerlich ruhig war, war er über sich selbst sehr erschrocken. Er hatte eigentlich nur gesagt, dass er Titorelli schreiben würde, um dem Fabrikanten etwas zu zeigen. Der Fabrikant sollte sehen, dass er die Empfehlung schätzte und sofort über ein Treffen mit Titorelli nachdachte. Aber wenn er Titorellis Hilfe für wertvoll gehalten hätte, hätte er auch nicht gezögert, ihm wirklich zu schreiben. Die Gefahren, die das bringen konnte, hatte er erst durch die Bemerkung des Fabrikanten erkannt. Konnte er sich wirklich schon so wenig auf seinen eigenen Verstand verlassen? Es war also möglich, dass er einen zweifelhaften Menschen mit einem deutlichen Brief in die Bank einlud. Dort wollte er ihn um Rat wegen seines Prozesses bitten, nur durch eine Tür vom Direktor-Stellvertreter getrennt. War es dann nicht möglich und sogar sehr wahrscheinlich, dass er auch andere Gefahren übersah oder in sie hineinrannte? Nicht immer stand jemand neben ihm, um ihn zu warnen. Und gerade jetzt, wo er mit all seiner Kraft auftreten wollte, kamen solche Zweifel an seiner eigenen Wachsamkeit! Diese Zweifel hatte er bisher nicht gekannt. Sollten die Schwierigkeiten, die er bei der Arbeit im Büro spürte, nun auch im Prozess beginnen? Jetzt verstand er allerdings gar nicht mehr, wie das möglich gewesen war. Wie hatte er nur an Titorelli schreiben und ihn in die Bank einladen wollen?

Er schüttelte noch den Kopf darüber, als der Diener zu ihm trat. Der Diener machte ihn auf drei Herren aufmerksam, die hier im Vorzimmer auf einer Bank saßen. Sie warteten schon lange darauf, zu K. hereingelassen zu werden. Jetzt, da der Diener mit K. sprach, waren sie aufgestanden. Jeder wollte die gute Gelegenheit nutzen und vor den anderen an K. herankommen. Die Bank war so rücksichtslos, sie hier im Wartezimmer ihre Zeit verlieren zu lassen. Deshalb wollten auch sie keine Rücksicht mehr nehmen.

„Herr Prokurist“, sagte schon der eine.

Aber K. hatte sich vom Diener den Wintermantel bringen lassen. Während der Diener ihm hineinhalf, wandte er sich an alle drei. „Verzeihen Sie, meine Herren, ich habe im Augenblick leider keine Zeit für Sie. Ich bitte Sie sehr um Verzeihung, aber ich muss einen dringenden Geschäftsgang erledigen und sofort weggehen. Sie haben ja selbst gesehen, wie lange ich eben aufgehalten wurde. Wären Sie so freundlich, morgen oder irgendwann wiederzukommen? Oder wollen wir die Sachen vielleicht telefonisch besprechen? Oder wollen Sie mir vielleicht jetzt kurz sagen, worum es geht? Dann gebe ich Ihnen eine ausführliche schriftliche Antwort. Am besten wäre es allerdings, Sie kämen bald wieder.“

Diese Vorschläge überraschten die Herren sehr, denn sie sollten nun ganz umsonst gewartet haben. Sie sahen einander stumm an.

„Wir sind also einig?“, fragte K. Er hatte sich zum Diener umgedreht, der ihm nun auch den Hut brachte. Durch die offene Tür zu K.s Zimmer sah man, dass es draußen viel stärker schneite. K. schlug deshalb den Mantelkragen hoch und knöpfte ihn oben am Hals zu.

Da kam gerade der Direktor-Stellvertreter aus dem Nebenzimmer. Er sah lächelnd, wie K. im Wintermantel mit den Herren verhandelte. Er fragte: „Sie gehen jetzt weg, Herr Prokurist.“

„Ja“, sagte K. und richtete sich auf, „ich habe einen Geschäftsgang zu machen.“

Aber der Direktor-Stellvertreter hatte sich schon den Herren zugewandt. „Und die Herren?“, fragte er. „Ich glaube, sie warten schon lange.“

„Wir haben uns schon geeinigt“, sagte K.

Aber nun ließen sich die Herren nicht mehr halten. Sie umringten K. und erklärten, sie hätten nicht stundenlang gewartet, wenn ihre Angelegenheiten nicht wichtig wären. Diese müssten jetzt besprochen werden, und zwar ausführlich und unter vier Augen.

Der Direktor-Stellvertreter hörte ihnen ein Weilchen zu. Er betrachtete auch K., der den Hut in der Hand hielt und hier und da den Staub abwischte. Dann sagte er: „Meine Herren, es gibt ja einen sehr einfachen Ausweg. Wenn Sie sich mit mir zufriedengeben wollen, übernehme ich sehr gern die Verhandlungen statt des Herrn Prokuristen. Ihre Angelegenheiten müssen natürlich sofort besprochen werden. Wir sind Geschäftsleute wie Sie und wissen, wie wertvoll die Zeit von Geschäftsleuten ist. Wollen Sie hier eintreten?“ Und er öffnete die Tür, die zum Vorzimmer seines Büros führte.

Wie gut verstand es doch der Direktor-Stellvertreter, alles an sich zu nehmen, was K. jetzt aufgeben musste! Aber gab K. nicht mehr auf, als unbedingt nötig war? Er lief mit unklaren und, wie er zugeben musste, sehr kleinen Hoffnungen zu einem unbekannten Maler. Und währenddessen erlitt sein Ansehen hier einen Schaden, der nicht mehr zu heilen war. Es wäre wahrscheinlich viel besser gewesen, den Wintermantel wieder auszuziehen. Dann hätte er wenigstens die zwei Herren zurückgewinnen können, die ja nebenan noch warten mussten. K. hätte es vielleicht auch versucht. Aber jetzt erblickte er in seinem Zimmer den Direktor-Stellvertreter, der im Bücherregal etwas suchte, als wäre es sein eigenes. Als K. sich aufgeregt der Tür näherte, rief dieser: „Ach, Sie sind noch nicht weggegangen.“ Er wandte ihm sein Gesicht zu. Die vielen straffen Falten darin schienen nicht Alter, sondern Kraft zu beweisen. Sofort suchte er weiter.

„Ich suche die Abschrift eines Vertrags“, sagte er. „Der Vertreter der Firma behauptet, dass sie bei Ihnen sein soll. Wollen Sie mir nicht suchen helfen.“

K. machte einen Schritt, aber der Direktor-Stellvertreter sagte: „Danke, ich habe sie schon gefunden.“ Er kehrte mit einem großen Paket Schriften in sein Zimmer zurück. Darin war nicht nur die Abschrift, sondern sicher noch vieles andere.

Jetzt bin ich ihm nicht gewachsen, sagte sich K. Aber wenn meine persönlichen Schwierigkeiten einmal beseitigt sind, dann soll er es wirklich als Erster spüren, und zwar möglichst bitter. Dieser Gedanke beruhigte K. ein wenig. Der Diener hielt ihm schon lange die Tür zum Korridor offen. K. gab ihm den Auftrag, dem Direktor bei Gelegenheit zu melden, dass er auf einem Geschäftsgang sei. Dann verließ er die Bank. Er war fast glücklich darüber, dass er sich eine Zeit lang mehr seiner Sache widmen konnte.

Er fuhr sofort zum Maler. Dieser wohnte in einer Vorstadt auf der ganz anderen Seite der Stadt als die Gerichtskanzleien. Es war eine noch ärmere Gegend. Die Häuser waren noch dunkler, und die Gassen waren voll Schmutz, der langsam auf dem geschmolzenen Schnee umhertrieb. Am Haus des Malers war nur ein Flügel des großen Tors offen. Im anderen Flügel aber war unten in der Mauer eine Lücke gebrochen. Gerade als K. sich näherte, schoss daraus eine widerliche gelbe, rauchende Flüssigkeit hervor. Eine Ratte floh davor in den nahen Kanal. Unten an der Treppe lag ein kleines Kind auf dem Bauch und weinte. Aber man hörte es kaum. Aus einer Klempnerwerkstatt auf der anderen Seite des Torgangs kam nämlich ein Lärm, der alles übertönte. Die Tür der Werkstatt war offen. Drei Gehilfen standen im Halbkreis um irgendein Werkstück und schlugen mit den Hämmern darauf. An der Wand hing eine große Platte aus Weißblech. Sie warf ein bleiches Licht, das zwischen zwei Gehilfen hindurchfiel und die Gesichter und Arbeitsschürzen beleuchtete. K. warf auf alles nur einen kurzen Blick. Er wollte hier möglichst schnell fertig werden. Er wollte den Maler nur mit ein paar Worten ausfragen und sofort in die Bank zurückgehen. Schon der kleinste Erfolg hier sollte noch gut auf seine heutige Arbeit in der Bank wirken.

Im dritten Stock musste er langsamer gehen, denn er war ganz außer Atem. Die Treppen und die Stockwerke waren übermäßig hoch, und der Maler sollte ganz oben in einer Dachkammer wohnen. Auch war die Luft sehr drückend. Es gab keinen Hof im Treppenhaus. Die enge Treppe war auf beiden Seiten von Mauern eingeschlossen. Nur hier und da gab es darin, fast ganz oben, kleine Fenster.

Gerade als K. kurz stehen blieb, liefen ein paar kleine Mädchen aus einer Wohnung. Sie eilten lachend die Treppe hinauf. K. folgte ihnen langsam. Er holte eines der Mädchen ein, das gestolpert und hinter den anderen zurückgeblieben war. Während sie nebeneinander weiterstiegen, fragte er: „Wohnt hier ein Maler Titorelli?“

Das Mädchen war kaum dreizehn Jahre alt und etwas bucklig. Sie sah von der Seite zu ihm auf. Sie lächelte nicht einmal, sondern sah K. ernst und mit scharfem Blick an. K. fragte: „Kennst du den Maler Titorelli?“

Sie nickte und fragte ihrerseits: „Was wollen Sie von ihm?“

K. hielt es für günstig, sich noch schnell ein wenig über Titorelli zu informieren. „Ich will mich von ihm malen lassen“, sagte er.

„Malen lassen?“, fragte sie und öffnete den Mund sehr weit. Sie schlug leicht mit der Hand gegen K., als hätte er etwas sehr Überraschendes oder Ungeschicktes gesagt. Dann lief sie, so schnell sie konnte, hinter den anderen Mädchen her. Deren Geschrei verlor sich schon undeutlich oben im Haus.

Bei der nächsten Wendung der Treppe traf K. aber schon wieder alle Mädchen. Die Bucklige hatte ihnen offenbar von K.s Absicht erzählt, und sie erwarteten ihn. Sie standen auf beiden Seiten der Treppe und drückten sich an die Mauer, damit K. bequem zwischen ihnen durchkam. Ihre Gesichter und die Art, wie sie in zwei Reihen standen, waren eine Mischung aus Kindlichkeit und Frechheit. Oben, an der Spitze der Mädchen, die sich jetzt hinter K. lachend zusammenschlossen, war die Bucklige. Sie übernahm die Führung. K. hatte es ihr zu verdanken, dass er gleich den richtigen Weg fand. Er wollte nämlich geradeaus weitersteigen. Sie aber zeigte ihm, dass er eine Abzweigung der Treppe nehmen musste, um zu Titorelli zu kommen. Die Treppe zu ihm war besonders schmal und sehr lang. Sie hatte keine Biegung, man konnte sie ganz überblicken, und oben endete sie direkt an Titorellis Tür. Über dieser Tür war schräg ein kleines Oberlichtfenster eingesetzt. Deshalb war sie im Gegensatz zur übrigen Treppe ziemlich hell. Die Tür bestand aus ungestrichenen Balken. Darauf war mit roter Farbe in breiten Pinselstrichen der Name Titorelli gemalt. K. und die Mädchen hinter ihm waren kaum in der Mitte der Treppe, als oben die Tür ein wenig aufging. Der Grund war offenbar das Geräusch der vielen Schritte. In der Türspalte erschien ein Mann, der wahrscheinlich nur ein Nachthemd trug. „Oh!“, rief er, als er die Menge kommen sah, und verschwand. Die Bucklige klatschte vor Freude in die Hände. Die anderen Mädchen drängten hinter K., um ihn schneller vorwärtszutreiben.

Sie waren aber noch nicht einmal oben, als der Maler die Tür ganz aufriss. Mit einer tiefen Verbeugung lud er K. ein hereinzukommen. Die Mädchen aber wehrte er ab. Er wollte keine von ihnen hereinlassen, so sehr sie auch baten. Sie versuchten sogar, gegen seinen Willen einzudringen, wenn er es schon nicht erlaubte. Nur der Buckligen gelang es, unter seinem ausgestreckten Arm durchzuschlüpfen. Aber der Maler jagte hinter ihr her und brachte sie wieder vor die Tür zu den anderen Mädchen. Diese hatten es nicht gewagt, die Schwelle zu überschreiten, obwohl der Maler seinen Posten verlassen hatte. K. wusste nicht, wie er das Ganze beurteilen sollte. Es sah nämlich so aus, als ob alles in Freundschaft geschähe. Die Mädchen an der Tür streckten eines hinter dem anderen die Hälse in die Höhe. Sie riefen dem Maler verschiedene Worte zu, die wohl scherzhaft gemeint waren und die K. nicht verstand. Auch der Maler lachte.

Dann schloss er die Tür, verbeugte sich noch einmal vor K. und gab ihm die Hand. „Kunstmaler Titorelli“, stellte er sich vor.

K. zeigte auf die Tür, hinter der die Mädchen flüsterten, und sagte: „Sie scheinen im Haus sehr beliebt zu sein.“

„Ach, die Fratzen!“, sagte der Maler und versuchte vergeblich, sein Nachthemd am Hals zuzuknöpfen. Er war barfuß und trug sonst nur eine breite gelbliche Leinenhose. Sie wurde von einem Riemen gehalten, dessen langes Ende frei hin und her schlug. „Diese Fratzen sind eine wahre Last für mich“, fuhr er fort. Der letzte Knopf seines Nachthemds war gerade abgerissen, und er gab es auf. Er holte einen Stuhl und drängte K., sich zu setzen. „Ich habe eine von ihnen einmal gemalt, sie ist heute gar nicht dabei. Seitdem verfolgen mich alle. Wenn ich selbst hier bin, kommen sie nur herein, wenn ich es erlaube. Aber wenn ich einmal weg bin, ist immer mindestens eine da. Sie haben sich einen Schlüssel zu meiner Tür machen lassen, den sie einander leihen. Man kann sich kaum vorstellen, wie lästig das ist. Ich komme zum Beispiel mit einer Dame nach Hause, die ich malen soll. Ich öffne die Tür mit meinem Schlüssel. Und da finde ich etwa die Bucklige am Tischchen. Ihre kleinen Geschwister, auf die sie aufpassen soll, laufen herum und machen das Zimmer in allen Ecken schmutzig. Gestern bin ich erst spät abends nach Hause gekommen. Entschuldigen Sie bitte deshalb meinen Zustand und die Unordnung im Zimmer. Warum sie sich so zu mir drängen, weiß ich nicht. Dass ich sie nicht zu mir locken will, haben Sie wohl eben gesehen. Natürlich stört mich das auch bei der Arbeit. Wenn ich dieses Atelier nicht umsonst bekommen hätte, wäre ich schon längst ausgezogen.“

Gerade rief hinter der Tür ein Stimmchen, zart und ängstlich: „Titorelli, dürfen wir schon kommen?“

„Nein“, antwortete der Maler.

„Ich allein auch nicht?“, fragte es wieder.

„Auch nicht“, sagte der Maler, ging zur Tür und schloss ab.

K. hatte sich inzwischen im Zimmer umgesehen. Er wäre selbst nie auf den Gedanken gekommen, dass man dieses elende kleine Zimmer ein Atelier nennen konnte. Mehr als zwei lange Schritte konnte man hier kaum machen, weder der Länge noch der Breite nach. Alles war aus Holz, der Fußboden, die Wände und die Decke. Zwischen den Balken sah man schmale Ritzen. K. gegenüber stand an der Wand das Bett, das mit verschiedenfarbigem Bettzeug überladen war. In der Mitte des Zimmers stand eine Staffelei mit einem Bild. Es war mit einem Hemd verhüllt, dessen Ärmel bis zum Boden hingen. Hinter K. war das Fenster. Im Nebel konnte man durch dieses nicht weiter sehen als bis zum schneebedeckten Dach des Nachbarhauses.

Das Drehen des Schlüssels im Schloss erinnerte K. daran, dass er bald hatte weggehen wollen. Er zog deshalb den Brief des Fabrikanten aus der Tasche und gab ihn dem Maler. „Ich habe durch diesen Herrn, Ihren Bekannten, von Ihnen erfahren“, sagte er. „Ich bin auf seinen Rat hin gekommen.“

Der Maler las den Brief flüchtig durch und warf ihn aufs Bett. Der Fabrikant hatte ganz sicher von Titorelli als einem Bekannten gesprochen. Er hatte ihn einen armen Menschen genannt, der von seinen Almosen lebte. Sonst hätte man jetzt wirklich glauben können, Titorelli kenne den Fabrikanten nicht oder erinnere sich wenigstens nicht an ihn. Außerdem fragte der Maler nun: „Wollen Sie Bilder kaufen oder sich selbst malen lassen?“

K. sah den Maler erstaunt an. Was stand denn eigentlich in dem Brief? K. hatte es für selbstverständlich gehalten, dass der Fabrikant dem Maler darin alles erklärt hatte. Der Maler sollte wissen, dass K. sich hier nur wegen seines Prozesses erkundigen wollte. Er war doch zu eilig und unüberlegt hierhergelaufen! Aber er musste dem Maler jetzt irgendwie antworten. Mit einem Blick auf die Staffelei sagte er: „Sie arbeiten gerade an einem Bild?“

„Ja“, sagte der Maler und warf das Hemd, das über der Staffelei hing, dem Brief nach aufs Bett. „Es ist ein Porträt. Eine gute Arbeit, aber noch nicht ganz fertig.“

Der Zufall war K. günstig. Die Möglichkeit, vom Gericht zu reden, wurde ihm geradezu angeboten. Denn es war offenbar das Porträt eines Richters. Es war dem Bild im Arbeitszimmer des Advokaten übrigens auffallend ähnlich. Zwar war dies ein ganz anderer Richter. Er war ein dicker Mann mit einem schwarzen buschigen Vollbart, der seitlich weit die Wangen hinaufreichte. Auch war jenes Bild ein Ölbild, dieses aber war schwach und undeutlich mit Pastellfarben angefangen. Aber alles Übrige war ähnlich. Denn auch hier wollte sich der Richter gerade drohend von seinem Thronsessel erheben und hielt die Seitenlehnen fest. „Das ist ja ein Richter“, hatte K. gleich sagen wollen. Er hielt sich aber vorläufig noch zurück. Er trat näher an das Bild heran, als wolle er die Einzelheiten studieren. In der Mitte über der Rückenlehne des Thronsessels stand eine große Figur. Er konnte sie sich nicht erklären und fragte den Maler nach ihr. Sie müsse noch ein wenig ausgearbeitet werden, antwortete der Maler. Er holte von einem Tischchen einen Pastellstift und zeichnete damit ein wenig an den Rändern der Figur. Für K. wurde sie dadurch aber nicht deutlicher.

„Es ist die Gerechtigkeit“, sagte der Maler schließlich.

„Jetzt erkenne ich sie“, sagte K., „hier ist die Binde um die Augen und hier die Waage. Aber sind nicht an den Fersen Flügel, und läuft sie nicht?“

„Ja“, sagte der Maler, „ich musste es im Auftrag so malen. Es ist eigentlich die Gerechtigkeit und die Siegesgöttin in einem.“

„Das ist keine gute Verbindung“, sagte K. lächelnd. „Die Gerechtigkeit muss ruhen, sonst schwankt die Waage, und es ist kein gerechtes Urteil möglich.“

„Ich richte mich da nach meinem Auftraggeber“, sagte der Maler.

„Ja, gewiss“, sagte K., der mit seiner Bemerkung niemanden hatte kränken wollen. „Sie haben die Figur so gemalt, wie sie wirklich auf dem Thronsessel steht.“

„Nein“, sagte der Maler, „ich habe weder die Figur noch den Thronsessel gesehen. Das alles ist Erfindung, aber man hat mir gesagt, was ich malen soll.“

„Wie?“, fragte K. Er tat absichtlich so, als verstehe er den Maler nicht ganz. „Es ist doch ein Richter, der auf dem Richterstuhl sitzt.“

„Ja“, sagte der Maler, „aber es ist kein hoher Richter, und er hat niemals auf so einem Thronsessel gesessen.“

„Und er lässt sich doch in so feierlicher Haltung malen? Er sitzt ja da wie ein Gerichtspräsident.“

„Ja, eitel sind die Herren“, sagte der Maler. „Aber sie haben die höhere Erlaubnis, sich so malen zu lassen. Jedem ist genau vorgeschrieben, wie er sich malen lassen darf. Nur kann man leider gerade nach diesem Bild die Einzelheiten der Kleidung und des Sitzes nicht beurteilen. Die Pastellfarben sind für solche Darstellungen nicht geeignet.“

„Ja“, sagte K., „es ist seltsam, dass es in Pastellfarben gemalt ist.“

„Der Richter wollte es so“, sagte der Maler, „es ist für eine Dame bestimmt.“

Der Anblick des Bildes schien ihm Lust auf die Arbeit gemacht zu haben. Er krempelte die Hemdärmel hoch und nahm einige Stifte in die Hand. K. sah zu, wie unter den zitternden Spitzen der Stifte neben dem Kopf des Richters ein rötlicher Schatten entstand. Er lief wie Strahlen zum Rand des Bildes hin und verlor sich dort. Allmählich umgab dieses Spiel des Schattens den Kopf wie ein Schmuck oder eine hohe Auszeichnung. Um die Figur der Gerechtigkeit aber blieb es hell, bis auf eine kaum sichtbare Färbung. In dieser Helligkeit schien die Figur besonders nach vorn zu treten. Sie erinnerte kaum noch an die Göttin der Gerechtigkeit, aber auch nicht an die des Sieges. Sie sah jetzt vielmehr ganz wie die Göttin der Jagd aus. Die Arbeit des Malers zog K. mehr an, als er wollte. Schließlich aber machte er sich doch Vorwürfe. Er war schon so lange hier und hatte im Grunde noch nichts für seine eigene Sache getan.

„Wie heißt dieser Richter?“, fragte er plötzlich.

„Das darf ich nicht sagen“, antwortete der Maler. Er war tief zum Bild hinuntergebeugt. Seinen Gast, den er zuerst so höflich empfangen hatte, vernachlässigte er deutlich. K. hielt das für eine Laune und ärgerte sich darüber, weil er dadurch Zeit verlor.

„Sie sind wohl ein Vertrauensmann des Gerichts?“, fragte er.

Sofort legte der Maler die Stifte beiseite, richtete sich auf, rieb die Hände aneinander und sah K. lächelnd an. „Nur immer gleich mit der Wahrheit heraus“, sagte er. „Sie wollen etwas über das Gericht erfahren, wie es ja auch in Ihrem Empfehlungsschreiben steht. Und zunächst haben Sie über meine Bilder gesprochen, um mich zu gewinnen. Aber das nehme ich Ihnen nicht übel. Sie konnten ja nicht wissen, dass das bei mir nicht passt. O bitte!“, sagte er scharf abwehrend, als K. etwas einwenden wollte. Dann fuhr er fort: „Im Übrigen haben Sie mit Ihrer Bemerkung völlig recht, ich bin ein Vertrauensmann des Gerichts.“

Er machte eine Pause, als wolle er K. Zeit lassen, sich mit dieser Tatsache abzufinden. Man hörte jetzt wieder die Mädchen hinter der Tür. Sie drängten sich wahrscheinlich um das Schlüsselloch. Vielleicht konnte man auch durch die Ritzen ins Zimmer hereinsehen. K. verzichtete darauf, sich irgendwie zu entschuldigen, denn er wollte den Maler nicht ablenken. Aber er wollte auch nicht, dass der Maler zu stolz wurde und dadurch gewissermaßen unerreichbar. Deshalb fragte er: „Ist das eine öffentlich anerkannte Stellung?“

„Nein“, sagte der Maler kurz, als könne er deshalb nicht weiterreden.

K. wollte ihn aber nicht verstummen lassen und sagte: „Nun, oft sind solche nicht anerkannten Stellungen einflussreicher als die anerkannten.“

„Genau das ist bei mir der Fall“, sagte der Maler und nickte mit gerunzelter Stirn. „Ich sprach gestern mit dem Fabrikanten über Ihren Fall. Er fragte mich, ob ich Ihnen nicht helfen wolle. Ich antwortete: ‚Der Mann kann ja einmal zu mir kommen.‘ Und nun freue ich mich, Sie so bald hier zu sehen. Die Sache scheint Ihnen ja sehr nahezugehen, worüber ich mich natürlich gar nicht wundere. Wollen Sie vielleicht zuerst Ihren Mantel ablegen?“

Obwohl K. nur ganz kurz hierbleiben wollte, war ihm diese Aufforderung sehr willkommen. Die Luft im Zimmer war ihm allmählich drückend geworden. Öfter hatte er schon verwundert auf einen kleinen Eisenofen in der Ecke gesehen, der zweifellos nicht geheizt war. Die schwüle Hitze im Zimmer war nicht zu erklären. Während er den Wintermantel ablegte und auch noch die Jacke aufknöpfte, sagte der Maler entschuldigend: „Ich muss Wärme haben. Es ist hier doch sehr gemütlich, nicht? Das Zimmer liegt in dieser Hinsicht sehr gut.“

K. sagte nichts dazu. Aber es war eigentlich nicht die Wärme, die ihm unangenehm war. Es war vielmehr die dumpfe Luft, die das Atmen fast behinderte. Das Zimmer war wohl schon lange nicht gelüftet worden. Das Unangenehme wurde für K. noch stärker, als der Maler ihn bat, sich aufs Bett zu setzen. Er selbst setzte sich auf den einzigen Stuhl des Zimmers vor der Staffelei. Außerdem schien der Maler falsch zu verstehen, warum K. nur am Bettrand blieb. Er bat ihn, es sich bequem zu machen. Als K. zögerte, ging er selbst hin und drängte ihn tief in die Betten und Kissen hinein. Dann kehrte er zu seinem Stuhl zurück. Endlich stellte er die erste sachliche Frage, und sie ließ K. alles andere vergessen.

„Sind Sie unschuldig?“, fragte er.

„Ja“, sagte K. Diese Frage zu beantworten, machte ihm geradezu Freude. Besonders weil er es gegenüber einem Privatmann tat, also ohne jede Verantwortung. Noch niemand hatte ihn so offen gefragt. Um diese Freude ganz zu genießen, fügte er noch hinzu: „Ich bin vollständig unschuldig.“

„So“, sagte der Maler, senkte den Kopf und schien nachzudenken. Plötzlich hob er den Kopf wieder und sagte: „Wenn Sie unschuldig sind, dann ist die Sache ja sehr einfach.“

K.s Blick wurde trüb. Dieser angebliche Vertrauensmann des Gerichts redete wie ein unwissendes Kind. „Meine Unschuld macht die Sache nicht einfacher“, sagte K. Er musste trotz allem lächeln und schüttelte langsam den Kopf. „Es kommt auf viele Feinheiten an, in denen sich das Gericht verliert. Zum Schluss aber zieht es von irgendwoher, wo ursprünglich gar nichts war, eine große Schuld hervor.“

„Ja, ja, gewiss“, sagte der Maler, als störe K. unnötig seinen Gedankengang. „Aber Sie sind doch unschuldig?“

„Nun ja“, sagte K.

„Das ist die Hauptsache“, sagte der Maler. Gegengründe konnten ihn nicht beeinflussen. Aber trotz seiner Entschiedenheit war nicht klar, ob er aus Überzeugung so redete oder nur aus Gleichgültigkeit. Das wollte K. zuerst feststellen, und deshalb sagte er: „Sie kennen das Gericht sicher viel besser als ich. Ich weiß nicht viel mehr, als ich darüber gehört habe, allerdings von ganz verschiedenen Leuten. Aber darin stimmten alle überein: Das Gericht erhebt keine leichtsinnigen Anklagen. Und wenn es einmal anklagt, ist es fest von der Schuld des Angeklagten überzeugt. Von dieser Überzeugung kann man es nur schwer abbringen.“

„Schwer?“, fragte der Maler und warf eine Hand in die Höhe. „Niemals kann man das Gericht davon abbringen. Stellen Sie sich vor: Ich male hier alle Richter nebeneinander auf eine Leinwand. Dann verteidigen Sie sich vor dieser Leinwand. Sie werden damit mehr Erfolg haben als vor dem wirklichen Gericht.“

„Ja“, sagte K. für sich und vergaß, dass er den Maler nur hatte ausfragen wollen.

Wieder begann ein Mädchen hinter der Tür zu fragen: „Titorelli, geht er denn nicht schon bald weg?“

„Seid still!“, rief der Maler zur Tür hin. „Seht ihr denn nicht, dass ich mit dem Herrn eine Besprechung habe.“

Aber das Mädchen war damit nicht zufrieden und fragte: „Du wirst ihn malen?“

Und als der Maler nicht antwortete, sagte sie noch: „Bitte mal ihn nicht, einen so hässlichen Menschen.“

Ein Durcheinander von Rufen folgte. Man konnte sie nicht verstehen, aber alle stimmten ihr zu.

Der Maler machte einen Sprung zur Tür und öffnete sie einen Spalt. Man sah die gefalteten Hände der Mädchen, die sie bittend nach vorn streckten.

„Wenn ihr nicht still seid, werfe ich euch alle die Treppe hinunter“, sagte er. „Setzt euch hier auf die Stufen und seid ruhig.“

Wahrscheinlich gehorchten sie nicht gleich, denn er musste kommandieren: „Runter auf die Stufen!“ Erst dann wurde es still.

„Verzeihen Sie“, sagte der Maler, als er zu K. zurückkam.

K. hatte sich kaum zur Tür gedreht. Er hatte es ganz dem Maler überlassen, ob und wie er ihn schützen wollte. Auch jetzt bewegte er sich kaum, als der Maler sich zu ihm hinunterbeugte. Man sollte ihn draußen nicht hören, deshalb flüsterte er K. ins Ohr: „Auch diese Mädchen gehören zum Gericht.“

„Wie?“, fragte K. Er nahm den Kopf zur Seite und sah den Maler an.

Dieser aber setzte sich wieder auf seinen Stuhl. Halb im Scherz, halb als Erklärung sagte er: „Es gehört ja alles zum Gericht.“

„Das habe ich noch nicht bemerkt“, sagte K. kurz. Weil der Maler das so allgemein sagte, war der Satz über die Mädchen gar nicht mehr beunruhigend. Trotzdem sah K. ein Weilchen zur Tür hin. Dahinter saßen die Mädchen jetzt still auf den Stufen.

„Sie scheinen noch keinen Überblick über das Gericht zu haben“, sagte der Maler. Er hatte die Beine weit auseinandergestreckt und klatschte mit den Fußspitzen auf den Boden. „Aber da Sie unschuldig sind, werden Sie ihn auch nicht brauchen. Ich allein hole Sie heraus.“

„Wie wollen Sie das tun?“, fragte K. „Sie haben doch vor Kurzem selbst gesagt, dass das Gericht für Beweise völlig unzugänglich ist.“

„Unzugänglich nur für Beweise, die man vor dem Gericht vorbringt“, sagte der Maler. Er hob den Zeigefinger, als ob K. einen feinen Unterschied nicht bemerkt hätte. „Anders ist es mit dem, was man in dieser Sache hinter dem öffentlichen Gericht versucht. Also in den Beratungszimmern, in den Korridoren oder zum Beispiel auch hier im Atelier.“

Was der Maler jetzt sagte, schien K. nicht mehr so unglaubwürdig. Es passte vielmehr gut zu dem, was K. auch von anderen Leuten gehört hatte. Ja, es war sogar sehr hoffnungsvoll. Der Advokat hatte gesagt, dass man einen Richter durch persönliche Beziehungen leicht lenken konnte. Wenn das wirklich so war, dann waren die Beziehungen des Malers zu den eitlen Richtern besonders wichtig. Man durfte sie auf keinen Fall unterschätzen. Dann passte der Maler sehr gut in den Kreis von Helfern, den K. langsam um sich sammelte. In der Bank hatte man einmal sein Organisationstalent gelobt. Hier war er ganz allein auf sich gestellt. Das war eine gute Gelegenheit, es bis zum Äußersten zu erproben.

Der Maler beobachtete, welche Wirkung seine Erklärung auf K. hatte. Dann sagte er ein wenig ängstlich: „Fällt es Ihnen nicht auf, dass ich fast wie ein Jurist spreche? Das kommt von dem ständigen Umgang mit den Herren vom Gericht. Ich habe natürlich viel Gewinn davon. Aber der künstlerische Schwung geht zum großen Teil verloren.“

„Wie sind Sie denn zum ersten Mal mit den Richtern in Verbindung gekommen?“, fragte K. Er wollte zuerst das Vertrauen des Malers gewinnen, bevor er ihn direkt in seine Dienste nahm.

„Das war sehr einfach“, sagte der Maler. „Ich habe diese Verbindung geerbt. Schon mein Vater war Gerichtsmaler. Diese Stellung wird immer vererbt. Neue Leute kann man dafür nicht brauchen. Für das Malen der verschiedenen Beamtengrade gibt es nämlich viele verschiedene und vor allem geheime Regeln. Deshalb werden sie außerhalb bestimmter Familien überhaupt nicht bekannt. Dort in der Schublade zum Beispiel habe ich die Aufzeichnungen meines Vaters, die ich niemandem zeige. Aber nur wer sie kennt, ist fähig, Richter zu malen. Und selbst wenn ich sie verlieren würde, blieben mir noch viele Regeln, die ich allein in meinem Kopf habe. Deshalb könnte mir niemand meine Stellung streitig machen. Jeder Richter will doch so gemalt werden, wie die alten großen Richter gemalt worden sind. Und das kann nur ich.“

„Das ist beneidenswert“, sagte K. und dachte an seine Stellung in der Bank. „Ihre Stellung ist also unerschütterlich?“

„Ja, unerschütterlich“, sagte der Maler und hob stolz die Schultern. „Deshalb kann ich es auch wagen, hin und wieder einem armen Mann zu helfen, der einen Prozess hat.“

„Und wie tun Sie das?“, fragte K., als wäre nicht er selbst gerade ein armer Mann genannt worden.

Der Maler ließ sich aber nicht ablenken. Er sagte: „In Ihrem Fall zum Beispiel werde ich Folgendes tun, da Sie ja vollständig unschuldig sind.“

K. wurde es schon lästig, dass der Maler immer wieder von seiner Unschuld sprach. Manchmal schien es ihm, als stellte der Maler mit solchen Bemerkungen eine Bedingung für seine Hilfe. Die Bedingung war, dass der Prozess gut ausging. Damit wurde die Hilfe natürlich sinnlos. Trotz dieser Zweifel beherrschte sich K. und unterbrach den Maler nicht. Auf die Hilfe des Malers wollte er nicht verzichten, dazu war er entschlossen. Auch schien ihm diese Hilfe keineswegs fragwürdiger als die des Advokaten. Er zog sie sogar bei Weitem vor, weil sie harmloser und offener angeboten wurde.

Der Maler hatte seinen Stuhl näher zum Bett gezogen und fuhr leise fort. „Ich habe vergessen, Sie zuerst zu fragen, welche Art der Befreiung Sie wünschen. Es gibt drei Möglichkeiten: die wirkliche Freisprechung, die scheinbare Freisprechung und die Verschleppung. Die wirkliche Freisprechung ist natürlich das Beste. Nur habe ich nicht den geringsten Einfluss auf diese Art der Lösung. Ich glaube, es gibt überhaupt keine einzelne Person, die darauf Einfluss hätte. Hier entscheidet wahrscheinlich nur die Unschuld des Angeklagten. Da Sie unschuldig sind, könnten Sie sich wirklich allein auf Ihre Unschuld verlassen. Dann brauchen Sie aber weder mich noch irgendeine andere Hilfe.“

Diese geordnete Darstellung überraschte K. zuerst sehr. Dann aber sagte er genauso leise wie der Maler: „Ich glaube, Sie widersprechen sich.“

„Wie denn?“, fragte der Maler geduldig und lehnte sich lächelnd zurück.

Durch dieses Lächeln hatte K. das Gefühl, als ob er jetzt dabei wäre, Widersprüche zu entdecken. Aber nicht in den Worten des Malers, sondern im Gerichtsverfahren selbst. Trotzdem gab er nicht nach und sagte: „Sie haben früher gesagt, dass das Gericht für Beweise unzugänglich ist. Später haben Sie das auf das öffentliche Gericht beschränkt. Und jetzt sagen Sie sogar, dass der Unschuldige vor dem Gericht keine Hilfe braucht. Das ist schon ein Widerspruch. Außerdem haben Sie früher gesagt, dass man die Richter persönlich beeinflussen kann. Jetzt aber bestreiten Sie, dass man die wirkliche Freisprechung, wie Sie sie nennen, jemals durch persönlichen Einfluss erreichen kann. Das ist der zweite Widerspruch.“

„Diese Widersprüche sind leicht zu erklären“, sagte der Maler. „Wir sprechen hier von zwei verschiedenen Dingen. Von dem, was im Gesetz steht, und von dem, was ich persönlich erfahren habe. Das dürfen Sie nicht verwechseln. Im Gesetz steht natürlich, dass der Unschuldige freigesprochen wird. Ich habe es allerdings nicht gelesen. Dort steht aber nicht, dass man die Richter beeinflussen kann. Ich habe nun aber genau das Gegenteil erfahren. Ich weiß von keiner wirklichen Freisprechung, aber von vielen Beeinflussungen. Es ist natürlich möglich, dass in allen Fällen, die ich kenne, keine Unschuld vorhanden war. Aber ist das nicht unwahrscheinlich? In so vielen Fällen keine einzige Unschuld? Schon als Kind hörte ich dem Vater genau zu, wenn er zu Hause von Prozessen erzählte. Auch die Richter, die in sein Atelier kamen, erzählten vom Gericht. In unseren Kreisen spricht man überhaupt von nichts anderem. Sobald ich selbst zu Gericht gehen konnte, nutzte ich jede Möglichkeit. Ich habe unzählige Prozesse in wichtigen Stadien gehört und sie verfolgt, soweit man sie sehen kann. Und ich muss es zugeben: Ich habe nicht einen einzigen wirklichen Freispruch erlebt.“

„Keinen einzigen Freispruch also“, sagte K., als spräche er zu sich selbst und zu seinen Hoffnungen. „Das bestätigt aber die Meinung, die ich schon vom Gericht habe. Es hat also auch von dieser Seite keinen Zweck. Ein einziger Henker könnte das ganze Gericht ersetzen.“

„Sie dürfen nicht verallgemeinern“, sagte der Maler unzufrieden. „Ich habe ja nur von meinen Erfahrungen gesprochen.“

„Das genügt doch“, sagte K. „Oder haben Sie von Freisprüchen aus früherer Zeit gehört?“

„Solche Freisprüche soll es allerdings gegeben haben“, antwortete der Maler. „Nur ist das sehr schwer festzustellen. Die abschließenden Entscheidungen des Gerichts werden nicht veröffentlicht. Nicht einmal die Richter bekommen sie zu sehen. Deshalb sind über alte Gerichtsfälle nur Legenden erhalten. Diese enthalten allerdings meistens sogar wirkliche Freisprechungen. Man kann sie glauben, aber beweisen kann man sie nicht. Trotzdem muss man sie nicht ganz vernachlässigen. Ein gewisses Stück Wahrheit enthalten sie wohl sicher, und sie sind auch sehr schön. Ich selbst habe einige Bilder gemalt, die solche Legenden zeigen.“

„Bloße Legenden ändern meine Meinung nicht“, sagte K. „Man kann sich vor Gericht wohl auch nicht auf diese Legenden berufen?“

Der Maler lachte. „Nein, das kann man nicht“, sagte er.

„Dann ist es nutzlos, darüber zu reden“, sagte K. Er wollte vorläufig alle Meinungen des Malers hinnehmen, auch wenn er sie für unwahrscheinlich hielt. Das galt auch dann, wenn sie anderen Berichten widersprachen. Er hatte jetzt keine Zeit, alles zu prüfen, was der Maler sagte, oder es gar zu widerlegen. Es war schon das Äußerste, wenn er den Maler zu irgendeiner Hilfe brachte, selbst wenn sie nicht entscheidend war. Darum sagte er: „Lassen wir also die wirkliche Freisprechung. Sie haben aber noch zwei andere Möglichkeiten genannt.“

„Die scheinbare Freisprechung und die Verschleppung. Nur um diese beiden kann es gehen“, sagte der Maler. „Wollen Sie aber nicht die Jacke ausziehen, bevor wir davon reden. Es ist Ihnen wohl heiß.“

„Ja“, sagte K. Bisher hatte er nur auf die Erklärungen des Malers geachtet. Aber jetzt, da man ihn an die Hitze erinnert hatte, brach ihm starker Schweiß auf der Stirn aus. „Es ist fast unerträglich.“

Der Maler nickte, als ob er K.s Unbehagen sehr gut verstünde.

„Könnte man nicht das Fenster öffnen?“, fragte K.

„Nein“, sagte der Maler. „Es ist bloß eine fest eingesetzte Glasscheibe. Man kann es nicht öffnen.“

Jetzt erkannte K., worauf er die ganze Zeit gehofft hatte. Plötzlich würde der Maler oder er selbst zum Fenster gehen und es aufreißen. Er war sogar bereit gewesen, den Nebel mit offenem Mund einzuatmen. Das Gefühl, hier ganz von der Luft abgeschnitten zu sein, machte ihn schwindlig. Er schlug leicht mit der Hand auf das Federbett neben sich. Mit schwacher Stimme sagte er: „Das ist ja unbequem und ungesund.“

„O nein“, sagte der Maler, um sein Fenster zu verteidigen. „Es ist zwar nur eine einfache Scheibe. Aber weil man sie nicht aufmachen kann, hält sie die Wärme hier besser fest als ein Doppelfenster. Will ich aber lüften, kann ich eine meiner Türen oder sogar beide öffnen. Das ist aber nicht sehr nötig, denn durch die Spalten zwischen den Balken kommt überall Luft herein.“

K. war durch diese Erklärung ein wenig getröstet und sah sich um, weil er die zweite Tür finden wollte.

Der Maler bemerkte das und sagte: „Sie ist hinter Ihnen. Ich musste das Bett davorstellen.“

Erst jetzt sah K. die kleine Tür in der Wand.

„Hier ist eben alles viel zu klein für ein Atelier“, sagte der Maler. Es war, als wollte er verhindern, dass K. etwas daran tadelte. „Ich musste mich einrichten, so gut es ging. Das Bett vor der Tür steht natürlich an einem sehr schlechten Platz. Der Richter zum Beispiel, den ich jetzt male, kommt immer durch die Tür beim Bett. Ich habe ihm auch einen Schlüssel für diese Tür gegeben. So kann er auch hier im Atelier auf mich warten, wenn ich nicht zu Hause bin. Nun kommt er aber gewöhnlich früh am Morgen, wenn ich noch schlafe. Es reißt mich natürlich immer aus dem tiefsten Schlaf, wenn sich neben dem Bett die Tür öffnet. Sie würden allen Respekt vor den Richtern verlieren, wenn Sie meine Flüche hören würden. So empfange ich ihn nämlich, wenn er früh am Morgen über mein Bett steigt. Ich könnte ihm den Schlüssel natürlich wegnehmen, aber dadurch würde es nur schlimmer werden. Man kann hier alle Türen mit der geringsten Anstrengung aus den Angeln brechen.“

Während dieser ganzen Rede überlegte K., ob er die Jacke ausziehen sollte. Schließlich sah er ein, dass er sonst nicht länger hierbleiben konnte. Er zog also die Jacke aus, legte sie aber über die Knie. So konnte er sie wieder anziehen, sobald die Besprechung zu Ende war.

Kaum hatte er die Jacke ausgezogen, rief eines der Mädchen: „Er hat schon die Jacke ausgezogen!“ Man hörte, wie sich alle zu den Spalten drängten, um es selbst zu sehen.

„Die Mädchen glauben nämlich, dass ich Sie malen werde“, sagte der Maler, „und dass Sie deshalb die Jacke ablegen.“

„So“, sagte K., nur wenig belustigt. Er fühlte sich nämlich nicht viel besser als vorher, obwohl er jetzt in Hemdsärmeln dasaß. Fast mürrisch fragte er: „Wie nannten Sie die zwei anderen Möglichkeiten?“ Er hatte die Ausdrücke schon wieder vergessen.

„Die scheinbare Freisprechung und die Verschleppung“, sagte der Maler. „Es liegt an Ihnen, was Sie davon wählen. Beides kann man mit meiner Hilfe erreichen, natürlich nicht ohne Mühe. Der Unterschied ist: Die scheinbare Freisprechung verlangt eine starke Anstrengung für eine bestimmte Zeit. Die Verschleppung verlangt eine viel geringere, aber dauernde Anstrengung. Zuerst also die scheinbare Freisprechung. Wenn Sie diese wünschen, schreibe ich auf einen Bogen Papier eine Bestätigung Ihrer Unschuld. Den Text für eine solche Bestätigung habe ich von meinem Vater, und er ist ganz unangreifbar. Mit dieser Bestätigung mache ich nun einen Rundgang bei den Richtern, die ich kenne. Ich fange zum Beispiel mit dem Richter an, den ich jetzt male. Heute Abend, wenn er zur Sitzung kommt, lege ich ihm die Bestätigung vor. Ich erkläre ihm, dass Sie unschuldig sind, und ich bürge für Ihre Unschuld. Das ist aber keine bloß äußerliche, sondern eine wirkliche, bindende Bürgschaft.“

In den Blicken des Malers lag so etwas wie ein Vorwurf. K. wolle ihm die Last einer solchen Bürgschaft aufladen, schienen sie zu sagen.

„Das wäre ja sehr freundlich“, sagte K. „Und der Richter würde Ihnen glauben und mich trotzdem nicht wirklich freisprechen?“

„Wie ich schon sagte“, antwortete der Maler. „Übrigens ist es durchaus nicht sicher, dass mir jeder glauben würde. Mancher Richter wird zum Beispiel verlangen, dass ich Sie selbst zu ihm bringe. Dann müssten Sie also einmal mitkommen. In einem solchen Fall ist die Sache allerdings schon halb gewonnen. Besonders, da ich Ihnen vorher natürlich genau erklären würde, wie Sie sich bei diesem Richter verhalten müssen. Schlimmer ist es bei den Richtern, die mich von Anfang an abweisen. Auch das wird vorkommen. Ich werde es natürlich mehrmals versuchen. Aber auf diese Richter müssen wir verzichten. Das dürfen wir aber auch, denn einzelne Richter können hier nicht entscheiden. Irgendwann habe ich dann genug Unterschriften von Richtern auf dieser Bestätigung. Dann gehe ich damit zu dem Richter, der gerade Ihren Prozess führt. Vielleicht habe ich auch seine Unterschrift. Dann geht alles noch ein wenig schneller als sonst. Im Allgemeinen gibt es dann überhaupt nicht mehr viele Hindernisse. Für den Angeklagten ist das die Zeit der höchsten Zuversicht. Es ist merkwürdig, aber wahr: Die Leute sind in dieser Zeit zuversichtlicher als nach dem Freispruch. Jetzt ist keine besondere Mühe mehr nötig. In der Bestätigung hat der Richter die Bürgschaft einer Anzahl von Richtern. Er kann Sie also ohne Sorge freisprechen. Nach verschiedenen Formalitäten wird er das ohne Zweifel auch tun, mir und anderen Bekannten zuliebe. Sie aber treten aus dem Gericht und sind frei.“

„Dann bin ich also frei“, sagte K. zögernd.

„Ja“, sagte der Maler, „aber nur scheinbar frei. Oder besser gesagt: zeitweilig frei. Die untersten Richter, zu denen meine Bekannten gehören, haben nämlich nicht das Recht, endgültig freizusprechen. Dieses Recht hat nur das oberste Gericht, das für Sie, für mich und für uns alle ganz unerreichbar ist. Wie es dort aussieht, wissen wir nicht. Und wir wollen es, nebenbei gesagt, auch nicht wissen. Das große Recht, von der Anklage zu befreien, haben unsere Richter also nicht. Sie haben aber das Recht, von der Anklage loszulösen. Das heißt: Wenn Sie auf diese Weise freigesprochen werden, sind Sie für den Augenblick von der Anklage getrennt. Aber sie schwebt weiter über Ihnen. Sobald der höhere Befehl kommt, kann sie sofort wieder wirken. Ich habe ja so gute Verbindungen zum Gericht. Deshalb kann ich Ihnen auch etwas über die Vorschriften für die Gerichtskanzleien sagen. Dort zeigt sich rein äußerlich der Unterschied zwischen der wirklichen und der scheinbaren Freisprechung. Bei einer wirklichen Freisprechung sollen die Prozessakten vollständig abgelegt werden. Sie verschwinden ganz aus dem Verfahren. Nicht nur die Anklage, auch der Prozess und sogar der Freispruch sind vernichtet. Alles ist vernichtet. Anders beim scheinbaren Freispruch. Mit der Akte ändert sich nichts, nur kommen die Bestätigung der Unschuld, der Freispruch und seine Begründung hinzu. Sonst aber bleibt sie im Verfahren. Der ständige Betrieb der Gerichtskanzleien verlangt, dass sie an die höheren Gerichte weitergeleitet wird. Dann kommt sie zu den niedrigen zurück. So pendelt sie auf und ab, mit größeren und kleineren Schwingungen, mit größeren und kleineren Stockungen. Diese Wege kann man nicht berechnen. Von außen gesehen kann es manchmal scheinen, als wäre alles längst vergessen, die Akte verloren und der Freispruch vollkommen. Ein Eingeweihter wird das nicht glauben. Keine Akte geht verloren, beim Gericht gibt es kein Vergessen. Eines Tages, wenn niemand es erwartet, nimmt irgendein Richter die Akte aufmerksam in die Hand. Er erkennt, dass in diesem Fall die Anklage noch lebendig ist, und ordnet die sofortige Verhaftung an. Ich habe hier angenommen, dass zwischen dem scheinbaren Freispruch und der neuen Verhaftung eine lange Zeit vergeht. Das ist möglich, und ich weiß von solchen Fällen. Es ist aber genauso gut möglich, dass der Freigesprochene vom Gericht nach Hause kommt. Dort warten dann schon Beauftragte, um ihn wieder zu verhaften. Dann ist das freie Leben natürlich zu Ende.“

„Und der Prozess beginnt von Neuem?“, fragte K. fast ungläubig.

„Allerdings“, sagte der Maler. „Der Prozess beginnt von Neuem. Aber es gibt wieder die Möglichkeit, wie vorher einen scheinbaren Freispruch zu erreichen. Man muss wieder alle Kräfte zusammennehmen und darf nicht aufgeben.“ Das Letzte sagte der Maler vielleicht wegen des Eindrucks, den K. auf ihn machte. K. war nämlich ein wenig zusammengesunken.

Es war, als wollte K. schneller sein als der Maler mit irgendwelchen Enthüllungen. Er fragte: „Ist es aber nicht schwieriger, einen zweiten Freispruch zu erreichen als den ersten?“

„Man kann dazu nichts Bestimmtes sagen“, antwortete der Maler. „Sie meinen wohl, dass die zweite Verhaftung das Urteil der Richter gegen den Angeklagten beeinflusst? Das ist nicht der Fall. Die Richter haben diese Verhaftung ja schon beim Freispruch vorhergesehen. Das wirkt also kaum. Aber aus unzähligen anderen Gründen können sich die Stimmung der Richter und ihre rechtliche Beurteilung des Falles geändert haben. Die Bemühungen um den zweiten Freispruch müssen also den veränderten Umständen angepasst werden. Im Allgemeinen müssen sie ebenso kräftig sein wie vor dem ersten Freispruch.“

„Aber dieser zweite Freispruch ist doch wieder nicht endgültig“, sagte K. und drehte abweisend den Kopf.

„Natürlich nicht“, sagte der Maler. „Dem zweiten Freispruch folgt die dritte Verhaftung, dem dritten Freispruch die vierte Verhaftung und so weiter. Das liegt schon im Begriff des scheinbaren Freispruchs.“

K. schwieg.

„Der scheinbare Freispruch scheint Ihnen offenbar nicht vorteilhaft zu sein“, sagte der Maler. „Vielleicht passt die Verschleppung besser zu Ihnen. Soll ich Ihnen erklären, was die Verschleppung eigentlich ist?“

K. nickte.

Der Maler hatte sich breit in seinem Stuhl zurückgelehnt. Das Nachthemd war weit offen. Er hatte eine Hand daruntergeschoben und strich damit über die Brust und die Seiten.

„Die Verschleppung“, sagte der Maler und sah einen Augenblick vor sich hin, als suchte er eine ganz genaue Erklärung. „Die Verschleppung bedeutet, dass der Prozess dauernd im niedrigsten Prozessstadium gehalten wird. Um das zu erreichen, muss der Angeklagte in ständigem persönlichem Kontakt mit dem Gericht bleiben. Und der Helfer muss das erst recht. Ich wiederhole: Man braucht dafür nicht so viel Kraft wie für einen scheinbaren Freispruch. Man muss aber viel aufmerksamer sein. Man darf den Prozess nicht aus den Augen verlieren. Man muss in regelmäßigen Abständen und außerdem bei besonderen Gelegenheiten zu dem zuständigen Richter gehen. Man muss auf jede Weise versuchen, ihn freundlich zu halten. Kennt man den Richter nicht persönlich, muss man ihn durch bekannte Richter beeinflussen lassen. Deshalb darf man aber die direkten Gespräche nicht aufgeben. Versäumt man dabei nichts, dann kann man ziemlich sicher annehmen, dass der Prozess nicht über sein erstes Stadium hinauskommt. Der Prozess hört zwar nicht auf. Aber der Angeklagte ist vor einer Verurteilung fast so sicher, als wäre er frei. Gegenüber dem scheinbaren Freispruch hat die Verschleppung einen Vorteil: Die Zukunft des Angeklagten ist weniger unbestimmt. Der Schrecken der plötzlichen Verhaftungen bleibt ihm erspart. Zum scheinbaren Freispruch gehören nämlich große Anstrengungen und Aufregungen. Der Angeklagte muss nicht fürchten, dass sie gerade dann kommen, wenn seine sonstigen Umstände am schlechtesten sind. Allerdings hat auch die Verschleppung für den Angeklagten gewisse Nachteile, die man nicht unterschätzen darf. Ich denke dabei nicht daran, dass der Angeklagte hier niemals frei ist. Das ist er ja auch beim scheinbaren Freispruch im eigentlichen Sinn nicht. Es ist ein anderer Nachteil. Der Prozess kann nicht stillstehen, ohne dass es wenigstens scheinbare Gründe dafür gibt. Deshalb muss im Prozess nach außen hin etwas geschehen. Von Zeit zu Zeit müssen also verschiedene Anordnungen getroffen werden. Der Angeklagte muss verhört werden, Untersuchungen müssen stattfinden und so weiter. Der Prozess muss eben immer weiter in dem kleinen Kreis gedreht werden, auf den man ihn künstlich beschränkt hat. Das bringt für den Angeklagten natürlich gewisse Unannehmlichkeiten. Sie dürfen sie sich aber auch nicht zu schlimm vorstellen. Es ist ja alles nur äußerlich. Die Verhöre zum Beispiel sind nur ganz kurz. Wenn man einmal keine Zeit oder keine Lust hat hinzugehen, darf man sich entschuldigen. Bei gewissen Richtern kann man die Anordnungen sogar für eine lange Zeit im Voraus gemeinsam festlegen. Im Grunde geht es nur darum, dass man sich als Angeklagter von Zeit zu Zeit bei seinem Richter meldet.“

Schon während der letzten Worte hatte K. die Jacke über den Arm gelegt und war aufgestanden.

„Er steht schon auf!“, rief es sofort draußen vor der Tür.

„Sie wollen schon fortgehen?“, fragte der Maler, der auch aufgestanden war. „Es ist sicher die Luft, die Sie von hier vertreibt. Das ist mir sehr peinlich. Ich hätte Ihnen auch noch manches zu sagen. Ich musste mich ganz kurz fassen. Ich hoffe aber, dass ich verständlich war.“

„O ja“, sagte K. Er hatte sich zum Zuhören gezwungen, und von dieser Anstrengung tat ihm der Kopf weh.

Trotzdem fasste der Maler noch einmal alles zusammen, als wollte er K. einen Trost für den Heimweg mitgeben. „Beide Methoden haben etwas gemeinsam. Sie verhindern eine Verurteilung des Angeklagten.“

„Sie verhindern aber auch die wirkliche Freisprechung“, sagte K. leise, als schämte er sich, dass er das erkannt hatte.

„Sie haben den Kern der Sache erfasst“, sagte der Maler schnell.

K. legte die Hand auf seinen Mantel, konnte sich aber nicht einmal entschließen, die Jacke anzuziehen. Am liebsten hätte er alles zusammengepackt und wäre damit an die frische Luft gelaufen. Auch die Mädchen konnten ihn nicht dazu bringen, sich anzuziehen. Dabei riefen sie einander schon zu früh zu, dass er es tat.

Dem Maler lag daran, K.s Stimmung irgendwie zu deuten. Deshalb sagte er: „Sie haben sich wohl wegen meiner Vorschläge noch nicht entschieden. Das finde ich richtig. Ich hätte Ihnen sogar davon abgeraten, sich sofort zu entscheiden. Die Unterschiede zwischen den Vorteilen und Nachteilen sind haarfein. Man muss alles genau abwägen. Allerdings darf man auch nicht zu viel Zeit verlieren.“

„Ich werde bald wiederkommen“, sagte K. In einem plötzlichen Entschluss zog er die Jacke an, warf den Mantel über die Schulter und eilte zur Tür. Dahinter begannen die Mädchen jetzt zu schreien. K. glaubte, die schreienden Mädchen durch die Tür zu sehen.

„Sie müssen aber Wort halten“, sagte der Maler, der ihm nicht gefolgt war. „Sonst komme ich in die Bank, um selbst nachzufragen.“

„Schließen Sie doch die Tür auf“, sagte K. und riss an der Klinke. Die Mädchen hielten sie draußen fest, das merkte er am Gegendruck.

„Wollen Sie, dass die Mädchen Sie stören?“, fragte der Maler. „Nehmen Sie doch lieber diesen Ausgang.“ Und er zeigte auf die Tür hinter dem Bett.

K. war damit einverstanden und sprang zum Bett zurück. Aber statt die Tür dort zu öffnen, kroch der Maler unter das Bett. Von unten fragte er: „Nur noch einen Augenblick. Wollen Sie nicht noch ein Bild sehen, das ich Ihnen verkaufen könnte?“

K. wollte nicht unhöflich sein. Der Maler hatte sich wirklich um ihn gekümmert und versprochen, ihm weiter zu helfen. Auch hatte K. vergessen, über die Bezahlung für die Hilfe zu sprechen. Deshalb konnte er ihn jetzt nicht abweisen. Er ließ sich das Bild zeigen, obwohl er vor Ungeduld zitterte, aus dem Atelier wegzukommen.

Der Maler zog unter dem Bett einen Haufen Bilder ohne Rahmen hervor. Sie waren voller Staub. Als der Maler den Staub vom obersten Bild wegblasen wollte, wirbelte dieser längere Zeit vor K.s Augen und nahm ihm den Atem.

„Eine Heidelandschaft“, sagte der Maler und reichte K. das Bild. Es zeigte zwei schwache Bäume, die weit voneinander entfernt im dunklen Gras standen. Im Hintergrund war ein bunter Sonnenuntergang.

„Schön“, sagte K., „ich kaufe es.“

K. hatte das gedankenlos so kurz gesagt. Deshalb war er froh, dass der Maler es ihm nicht übelnahm, sondern ein zweites Bild vom Boden aufhob.

„Hier ist ein Gegenstück zu diesem Bild“, sagte der Maler.

Vielleicht war es als Gegenstück gedacht, aber man konnte nicht den geringsten Unterschied zum ersten Bild bemerken. Hier waren die Bäume, hier das Gras und dort der Sonnenuntergang. Aber K. war das nicht wichtig.

„Es sind schöne Landschaften“, sagte er. „Ich kaufe beide und werde sie in meinem Büro aufhängen.“

„Das Motiv scheint Ihnen zu gefallen“, sagte der Maler und holte ein drittes Bild herauf. „Es trifft sich gut, dass ich noch ein ähnliches Bild hier habe.“

Es war aber nicht ähnlich, es war vielmehr genau dieselbe alte Heidelandschaft. Der Maler nutzte diese Gelegenheit, alte Bilder zu verkaufen, gut aus.

„Ich nehme auch dieses noch“, sagte K. „Wie viel kosten die drei Bilder?“

„Darüber sprechen wir nächstes Mal“, sagte der Maler. „Sie haben jetzt Eile, und wir bleiben ja in Verbindung. Übrigens freut es mich, dass Ihnen die Bilder gefallen. Ich gebe Ihnen alle Bilder mit, die ich hier unten habe. Es sind lauter Heidelandschaften, ich habe schon viele Heidelandschaften gemalt. Manche Leute lehnen solche Bilder ab, weil sie zu düster sind. Andere aber lieben gerade das Düstere, und Sie gehören zu ihnen.“

Aber K. hatte jetzt kein Interesse an den beruflichen Erfahrungen des Bettelmalers.

„Packen Sie alle Bilder ein!“, rief er und unterbrach den Maler. „Morgen kommt mein Diener und holt sie.“

„Das ist nicht nötig“, sagte der Maler. „Ich hoffe, ich kann Ihnen einen Träger besorgen, der gleich mit Ihnen geht.“ Und endlich beugte er sich über das Bett und schloss die Tür auf. „Steigen Sie ohne Scheu auf das Bett“, sagte der Maler. „Das tut jeder, der hier hereinkommt.“

K. hätte auch ohne diese Aufforderung keine Rücksicht genommen. Er hatte sogar schon einen Fuß mitten auf das Federbett gesetzt. Da sah er durch die offene Tür hinaus und zog den Fuß wieder zurück.

„Was ist das?“, fragte er den Maler.

„Worüber staunen Sie?“, fragte dieser und staunte nun selbst. „Das sind die Gerichtskanzleien. Wussten Sie nicht, dass hier Gerichtskanzleien sind? Gerichtskanzleien sind doch fast auf jedem Dachboden, warum sollten sie gerade hier fehlen? Auch mein Atelier gehört eigentlich zu den Gerichtskanzleien, aber das Gericht hat es mir zur Verfügung gestellt.“

K. erschrak nicht so sehr darüber, dass er auch hier Gerichtskanzleien gefunden hatte. Er erschrak hauptsächlich über sich selbst, über seine Unwissenheit in Gerichtssachen. Für einen Angeklagten gab es, so schien es ihm, eine Grundregel. Er musste immer vorbereitet sein und durfte sich niemals überraschen lassen. Er durfte nicht ahnungslos nach rechts schauen, wenn links der Richter neben ihm stand. Und gerade gegen diese Grundregel verstieß er immer wieder.

Vor ihm lag ein langer Gang. Von dort wehte Luft herein. Verglichen mit ihr war die Luft im Atelier erfrischend. Zu beiden Seiten des Ganges standen Bänke, genau wie im Wartezimmer der Kanzlei, die für K. zuständig war. Es schien genaue Vorschriften dafür zu geben, wie Kanzleien eingerichtet sein mussten. Im Augenblick waren hier nicht sehr viele Parteien unterwegs. Ein Mann saß halb liegend auf der Bank. Er hatte das Gesicht in seine Arme vergraben und schien zu schlafen. Ein anderer stand im Halbdunkel am Ende des Ganges.

K. stieg nun über das Bett, und der Maler folgte ihm mit den Bildern. Bald trafen sie einen Gerichtsdiener. K. erkannte jetzt schon alle Gerichtsdiener an dem Goldknopf, den sie an ihrem Zivilanzug unter den gewöhnlichen Knöpfen hatten. Der Maler gab dem Gerichtsdiener den Auftrag, K. mit den Bildern zu begleiten. K. wankte mehr, als er ging, und drückte das Taschentuch an den Mund. Sie waren schon nahe am Ausgang, da stürmten ihnen die Mädchen entgegen. Auch sie blieben K. also nicht erspart. Sie hatten offenbar gesehen, dass die zweite Tür des Ateliers geöffnet worden war. Nun hatten sie den Umweg gemacht, um von dieser Seite hereinzukommen.

„Ich kann Sie nicht mehr begleiten!“, rief der Maler lachend, während die Mädchen sich um ihn drängten. „Auf Wiedersehen. Und überlegen Sie nicht zu lange!“

K. sah sich nicht einmal nach ihm um. Auf der Straße nahm er den ersten Wagen, der ihm begegnete. Er wollte den Diener loswerden, denn dessen Goldknopf stach ihm ständig in die Augen. Dabei fiel er sonst wahrscheinlich niemandem auf. Der Diener wollte in seinem Diensteifer noch auf den Kutschbock steigen, aber K. jagte ihn hinunter. Der Mittag war schon längst vorüber, als K. vor der Bank ankam. Er hätte die Bilder gern im Wagen gelassen. Aber er fürchtete, dass er sie dem Maler bei irgendeiner Gelegenheit vorzeigen müsste. Deshalb ließ er sie in sein Büro bringen und schloss sie in die unterste Schublade seines Schreibtisches ein. So waren sie wenigstens für die allernächsten Tage vor den Blicken des Direktor-Stellvertreters sicher.

### Glossar

- **Eingabe**: ein Text, den man an das Gericht schickt, zum Beispiel zur Verteidigung.
- **Heller**: eine alte Münze mit sehr kleinem Wert.
- **Winkeladvokaten**: Anwälte ohne richtige Erlaubnis, oft billig und unehrlich.
- **geduldet**: nicht richtig erlaubt, aber man lässt es trotzdem zu.
- **Parteien**: hier: die Leute, die mit dem Gericht zu tun haben und dort warten.
- **eine reine Wunde**: so nennen Chirurgen eine saubere Wunde, die gut heilen kann.
- **Gazeschleier**: ein sehr dünnes, durchsichtiges Tuch.
- **Kommis**: ein einfacher Angestellter in einem Geschäft.
- **Advokat**: altes Wort für Anwalt.
- **Advokaten**: Mehrzahl von Advokat: Anwälte.
- **Advokatenzimmer**: der Raum im Gericht, der für die Advokaten bestimmt ist.
- **Prokuristen**: von Prokurist: ein leitender Angestellter, der für die Bank unterschreiben darf.
- **trüben**: von trüb: dunkel und nicht klar.
- **unbeweglich**: ohne jede Bewegung.
- **Strähne**: ein Büschel langer Haare.
- **Ermahnungen**: Worte, mit denen man jemandem sagt, was er tun oder lassen soll.
- **gedemütigt**: so behandelt, dass man sich klein und wertlos fühlt.
- **Verhör**: wenn das Gericht oder die Polizei einen Menschen genau befragt.
- **bedauerlich**: schade, nicht schön.
- **schändlich**: sehr schlecht, so dass man sich dafür schämen muss.
- **befangen**: nicht frei im Denken, weil man selbst betroffen ist.
- **Almosen**: Geld oder Essen, das man einem armen Menschen schenkt.
- **sein Kreuz zu tragen**: eigene Sorgen und Probleme haben.
- **Heidelandschaften**: Bilder von flachem, leerem Land mit Gras und wenigen Bäumen.
- **bucklig**: mit einem krummen Rücken.
- **Fratzen**: hier ein unfreundliches Wort für freche Kinder.
- **Staffelei**: ein Gestell aus Holz, auf dem ein Bild steht, während man es malt.
- **Pastellfarben**: weiche Farbstifte, die helle und zarte Farben geben.
- **Thronsessel**: ein großer, prächtiger Stuhl, wie ihn ein König benutzt.
- **Vertrauensmann**: jemand, dem eine Gruppe vertraut und der für sie arbeitet.
- **Jurist**: jemand, der Recht studiert hat und die Gesetze gut kennt.
- **unerschütterlich**: so fest, dass nichts es ändern oder zerstören kann.
- **Henker**: ein Mann, dessen Arbeit es ist, zum Tod verurteilte Menschen zu töten.
- **Legenden**: alte Geschichten, von denen man nicht weiß, ob sie wahr sind.
- **Bürgschaft**: man verspricht fest, dass etwas stimmt, und steht selbst dafür ein.
- **Akte**: alle Papiere, die ein Gericht oder Amt zu einem Fall sammelt.
- **scheinbare Freisprechung**: ein Freispruch, der nur für eine Zeit gilt; die Anklage kann wiederkommen.
- **Verschleppung**: man sorgt dafür, dass der Prozess immer am Anfang bleibt und nicht weitergeht.
- **Kutschbock**: der hohe Sitz vorne an einem Pferdewagen, auf dem der Fahrer sitzt.

## Kaufmann Block · Kündigung des Advokaten

Endlich hatte K. sich doch entschlossen: Der Advokat sollte ihn nicht mehr vertreten. Er zweifelte zwar immer noch, ob das richtig war. Aber die Überzeugung, dass es notwendig war, war stärker. Der Entschluss kostete K. an dem Tag, an dem er zum Advokaten gehen wollte, viel Arbeitskraft. Er arbeitete besonders langsam und musste sehr lange im Büro bleiben. Es war schon nach 10 Uhr, als er endlich vor der Tür des Advokaten stand.

Noch bevor er läutete, überlegte er: Wäre es nicht besser, dem Advokaten am Telefon oder in einem Brief zu kündigen? Das persönliche Gespräch würde sicher sehr peinlich werden. Trotzdem wollte K. am Ende nicht darauf verzichten. Bei jeder anderen Art der Kündigung würde der Advokat sie schweigend oder mit ein paar förmlichen Worten annehmen. Vielleicht könnte Leni einiges herausfinden, aber sonst würde K. nie erfahren, wie der Advokat die Kündigung aufgenommen hatte. Er würde auch nicht erfahren, welche Folgen sie nach der Meinung des Advokaten für K. haben könnte. Und diese Meinung war nicht unwichtig. Wenn der Advokat ihm aber gegenübersaß und von der Kündigung überrascht wurde, sah es anders aus. Selbst wenn der Advokat nicht viel sagte, konnte K. dann alles aus seinem Gesicht und Benehmen leicht erkennen. Es war sogar möglich, dass K. überzeugt wurde. Vielleicht war es doch gut, dem Advokaten die Verteidigung zu überlassen. Dann würde er seine Kündigung zurücknehmen.

Das erste Läuten an der Tür des Advokaten war wie gewöhnlich zwecklos. „Leni könnte schneller sein“, dachte K. Aber es war schon ein Vorteil, wenn sich die andere Partei nicht einmischte. Das tat sie sonst gewöhnlich: Entweder begann der Mann im Schlafrock zu stören oder jemand anders. Während K. zum zweiten Mal auf den Knopf drückte, sah er zu der anderen Tür zurück. Aber diesmal blieb auch sie geschlossen. Endlich erschienen an dem Guckfenster in der Tür des Advokaten zwei Augen. Es waren aber nicht Lenis Augen. Jemand schloss die Tür auf, drückte sich aber zunächst noch dagegen. Er rief in die Wohnung zurück: „Er ist es“, und öffnete erst dann ganz. K. hatte gegen die Tür gedrängt, denn er hörte schon etwas hinter sich. In der Tür der anderen Wohnung wurde hastig der Schlüssel im Schloss gedreht. Als sich die Tür vor ihm endlich öffnete, stürmte er deshalb geradezu ins Vorzimmer. Er sah noch, wie Leni im Hemd durch den Gang zwischen den Zimmern davonlief. Der Warnruf des Mannes an der Tür war für sie bestimmt gewesen. K. sah ihr ein Weilchen nach und drehte sich dann zu dem Mann um. Es war ein kleiner, dürrer Mann mit Vollbart, und er hielt eine Kerze in der Hand.

„Sie sind hier angestellt?“, fragte K.

„Nein“, antwortete der Mann, „ich bin hier fremd. Der Advokat ist nur mein Vertreter. Ich bin wegen einer Rechtssache hier.“

„Ohne Jacke?“, fragte K. und zeigte mit der Hand auf die unvollständige Kleidung des Mannes.

„Ach, verzeihen Sie“, sagte der Mann. Er beleuchtete sich selbst mit der Kerze, als sähe er seinen Zustand zum ersten Mal.

„Leni ist Ihre Geliebte?“, fragte K. kurz. Er stand mit leicht gespreizten Beinen da und hielt die Hände mit dem Hut hinter dem Rücken. Schon weil er einen starken Mantel trug, fühlte er sich dem dünnen Kleinen sehr überlegen.

„O Gott“, sagte der Mann und hob erschrocken eine Hand abwehrend vor das Gesicht. „Nein, nein, was denken Sie denn?“

„Sie sehen glaubwürdig aus“, sagte K. lächelnd, „trotzdem – kommen Sie.“ Er winkte ihm mit dem Hut und ließ ihn vor sich gehen.

„Wie heißen Sie denn?“, fragte K. auf dem Weg.

„Block, Kaufmann Block“, sagte der Kleine. Dabei drehte er sich zu K. um, aber K. ließ ihn nicht stehen bleiben.

„Ist das Ihr wirklicher Name?“, fragte K.

„Gewiss“, war die Antwort, „warum zweifeln Sie denn?“

„Ich dachte, Sie könnten einen Grund haben, Ihren Namen zu verschweigen“, sagte K.

Er fühlte sich so frei, wie man es sonst nur in der Fremde ist, wenn man mit niedrigen Leuten spricht. Dann behält man alles für sich, was einen selbst betrifft. Man redet nur ruhig von den Interessen der anderen. Dadurch hebt man sie vor sich selbst hoch, kann sie aber auch fallen lassen, wann man will.

Bei der Tür zum Arbeitszimmer des Advokaten blieb K. stehen. Er öffnete sie und rief dem Kaufmann zu, der gehorsam weitergegangen war: „Nicht so eilig, leuchten Sie hier.“

K. dachte, Leni könnte sich hier versteckt haben. Er ließ den Kaufmann alle Ecken absuchen, aber das Zimmer war leer. Vor dem Bild des Richters hielt K. den Kaufmann hinten an den Hosenträgern fest.

„Kennen Sie den?“, fragte er und zeigte mit dem Finger nach oben.

Der Kaufmann hob die Kerze, sah blinzelnd hinauf und sagte: „Es ist ein Richter.“

„Ein hoher Richter?“, fragte K. Er stellte sich seitlich vor den Kaufmann, um zu beobachten, welchen Eindruck das Bild auf ihn machte.

Der Kaufmann sah bewundernd nach oben. „Es ist ein hoher Richter“, sagte er.

„Sie wissen darüber nicht viel“, sagte K. „Unter den niedrigen Untersuchungsrichtern ist er der niedrigste.“

„Nun erinnere ich mich“, sagte der Kaufmann und senkte die Kerze, „ich habe es auch schon gehört.“

„Aber natürlich“, rief K., „ich vergaß ja, natürlich müssen Sie es schon gehört haben.“

„Aber warum denn, warum denn?“, fragte der Kaufmann, während K. ihn mit den Händen zur Tür schob.

Draußen auf dem Gang sagte K.: „Sie wissen doch, wo sich Leni versteckt hat?“

„Versteckt?“, sagte der Kaufmann. „Nein, aber sie dürfte in der Küche sein und dem Advokaten eine Suppe kochen.“

„Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“, fragte K.

„Ich wollte Sie ja hinführen, aber Sie haben mich wieder zurückgerufen“, antwortete der Kaufmann. Er schien durch die widersprüchlichen Befehle verwirrt zu sein.

„Sie glauben wohl, dass Sie sehr schlau sind“, sagte K., „führen Sie mich also!“

In der Küche war K. noch nie gewesen. Sie war überraschend groß und reich ausgestattet. Allein der Herd war dreimal so groß wie gewöhnliche Herde. Vom Übrigen sah man keine Einzelheiten, denn jetzt beleuchtete nur eine kleine Lampe beim Eingang die Küche. Am Herd stand Leni, wie immer in weißer Schürze. Sie leerte Eier in einen Topf, der auf einem Spiritusfeuer stand.

„Guten Abend, Josef“, sagte sie mit einem Blick zur Seite.

„Guten Abend“, sagte K. Mit einer Hand zeigte er auf einen Stuhl, der etwas abseits stand. Dort sollte sich der Kaufmann hinsetzen, und das tat er auch. K. aber ging ganz nah hinter Leni, beugte sich über ihre Schulter und fragte: „Wer ist der Mann?“

Leni legte einen Arm um K., mit der anderen Hand rührte sie die Suppe. Sie zog ihn zu sich nach vorn und sagte: „Es ist ein bedauernswerter Mensch, ein armer Kaufmann, ein gewisser Block. Sieh ihn nur an.“

Beide blickten zurück. Der Kaufmann saß auf dem Stuhl, den K. ihm gezeigt hatte. Er hatte die Kerze ausgeblasen, denn ihr Licht war jetzt unnötig. Nun drückte er mit den Fingern den Docht zusammen, damit er nicht rauchte.

„Du warst im Hemd“, sagte K. und drehte ihren Kopf mit der Hand wieder zum Herd.

Sie schwieg.

„Er ist dein Geliebter?“, fragte K.

Sie wollte nach dem Suppentopf greifen, aber K. nahm ihre beiden Hände und sagte: „Nun, antworte!“

Sie sagte: „Komm ins Arbeitszimmer, ich werde dir alles erklären.“

„Nein“, sagte K., „ich will, dass du es hier erklärst.“

Sie hängte sich an ihn und wollte ihn küssen. Aber K. wehrte sie ab und sagte: „Ich will nicht, dass du mich jetzt küsst.“

„Josef“, sagte Leni und sah K. bittend und doch offen in die Augen. „Du wirst doch nicht auf Herrn Block eifersüchtig sein.“ Dann wandte sie sich an den Kaufmann. „Rudi“, sagte sie, „so hilf mir doch, du siehst, man verdächtigt mich. Lass die Kerze.“

Man hätte denken können, er hätte nicht aufgepasst. Aber er wusste genau, worum es ging. „Ich wüsste auch nicht, warum Sie eifersüchtig sein sollten“, sagte er. Das war keine besonders geschickte Antwort.

„Ich weiß es eigentlich auch nicht“, sagte K. und sah den Kaufmann lächelnd an.

Leni lachte laut. K. passte einen Moment nicht auf, und sie hängte sich bei ihm ein. Sie flüsterte: „Lass ihn jetzt, du siehst ja, was für ein Mensch er ist. Ich habe mich ein wenig um ihn gekümmert, weil er ein großer Kunde des Advokaten ist, aus keinem anderen Grund. Und du? Willst du heute noch mit dem Advokaten sprechen? Er ist heute sehr krank, aber wenn du willst, melde ich dich trotzdem an. Über Nacht bleibst du aber ganz sicher bei mir. Du warst auch schon so lange nicht bei uns, selbst der Advokat hat nach dir gefragt. Vernachlässige den Prozess nicht! Auch ich muss dir verschiedene Dinge sagen, die ich erfahren habe. Aber jetzt zieh erst einmal deinen Mantel aus!“

Sie half ihm beim Ausziehen und nahm ihm den Hut ab. Sie lief mit den Sachen ins Vorzimmer, um sie aufzuhängen. Dann lief sie wieder zurück und sah nach der Suppe.

„Soll ich zuerst dich anmelden oder ihm zuerst die Suppe bringen.“

„Melde mich zuerst an“, sagte K.

Er war ärgerlich. Eigentlich hatte er mit Leni genau über seine Sache sprechen wollen, besonders über die Kündigung. Aber weil der Kaufmann da war, hatte er keine Lust mehr dazu. Jetzt hielt er seine Sache aber für zu wichtig. Dieser kleine Kaufmann sollte nicht vielleicht darüber entscheiden. Deshalb rief er Leni zurück, die schon auf dem Gang war.

„Bring ihm doch zuerst die Suppe“, sagte er, „er soll sich für das Gespräch mit mir stärken. Er wird es nötig haben.“

„Sie sind auch ein Klient des Advokaten“, sagte der Kaufmann leise aus seiner Ecke, als wollte er es nur feststellen.

Das wurde aber nicht gut aufgenommen.

„Was geht Sie das denn an?“, sagte K.

Und Leni sagte: „Wirst du still sein.“ Dann sagte sie zu K.: „Dann bringe ich ihm also zuerst die Suppe.“ Sie goss die Suppe auf einen Teller. „Man muss dann nur befürchten, dass er bald einschläft. Nach dem Essen schläft er bald ein.“

„Das, was ich ihm sagen werde, wird ihn wach halten“, sagte K. Er wollte immer wieder zeigen, dass er etwas Wichtiges mit dem Advokaten zu besprechen hatte. Leni sollte fragen, was es war, und erst dann wollte er sie um Rat bitten. Aber sie erfüllte genau nur die Befehle, die er aussprach.

Als sie mit der Tasse an ihm vorbeiging, stieß sie absichtlich sanft an ihn. Sie flüsterte: „Sobald er die Suppe gegessen hat, melde ich dich gleich an. Dann bekomme ich dich möglichst bald wieder.“

„Geh nur“, sagte K., „geh nur.“

„Sei doch freundlicher“, sagte sie und drehte sich in der Tür mit der Tasse noch einmal ganz um.

K. sah ihr nach. Nun war es endgültig beschlossen, dass der Advokat entlassen würde. Es war wohl auch besser, dass er vorher nicht mehr mit Leni darüber sprechen konnte. Sie konnte das Ganze kaum genug überblicken und hätte ihm sicher abgeraten. Vielleicht hätte sie K. diesmal wirklich von der Kündigung abgehalten. Dann wäre er weiter voller Zweifel und Unruhe geblieben. Nach einiger Zeit hätte er seinen Entschluss schließlich doch ausgeführt, denn dieser Entschluss war zu zwingend. Aber je früher er ihn ausführte, desto mehr Schaden konnte er verhindern. Vielleicht konnte übrigens der Kaufmann etwas dazu sagen.

K. drehte sich um. Kaum bemerkte das der Kaufmann, wollte er sofort aufstehen.

„Bleiben Sie sitzen“, sagte K. und zog einen Stuhl neben ihn. „Sind Sie schon ein alter Klient des Advokaten?“

„Ja“, sagte der Kaufmann, „ein sehr alter Klient.“

„Wie viele Jahre vertritt er Sie denn schon?“, fragte K.

„Ich weiß nicht, wie Sie es meinen“, sagte der Kaufmann. „In geschäftlichen Rechtssachen – ich habe ein Getreidegeschäft – vertritt mich der Advokat, seit ich das Geschäft übernommen habe. Also etwa seit 20 Jahren. In meinem eigenen Prozess, an den Sie wahrscheinlich denken, vertritt er mich auch von Anfang an. Das sind schon mehr als 5 Jahre. Ja, weit über 5 Jahre“, fügte er hinzu und zog eine alte Brieftasche hervor. „Hier habe ich alles aufgeschrieben. Wenn Sie wollen, sage ich Ihnen die genauen Daten. Es ist schwer, alles zu behalten. Mein Prozess dauert wahrscheinlich schon viel länger. Er begann kurz nach dem Tod meiner Frau, und das ist schon länger als 5½ Jahre her.“

K. rückte näher zu ihm. „Der Advokat übernimmt also auch gewöhnliche Rechtssachen?“, fragte er. Diese Verbindung von Geschäft und Rechtswissenschaft schien ihm ungewöhnlich beruhigend.

„Gewiss“, sagte der Kaufmann. Dann flüsterte er K. zu: „Man sagt sogar, dass er in diesen Rechtssachen besser ist als in den anderen.“ Aber dann schien er seine Worte zu bereuen. Er legte K. eine Hand auf die Schulter und sagte: „Ich bitte Sie sehr, verraten Sie mich nicht.“

K. klopfte ihm beruhigend auf den Oberschenkel und sagte: „Nein, ich bin kein Verräter.“

„Er ist nämlich rachsüchtig“, sagte der Kaufmann.

„Gegen einen so treuen Klienten wird er sicher nichts tun“, sagte K.

„O doch“, sagte der Kaufmann, „wenn er aufgeregt ist, macht er keine Unterschiede. Übrigens bin ich ihm nicht wirklich treu.“

„Wieso denn nicht?“, fragte K.

„Soll ich es Ihnen anvertrauen?“, fragte der Kaufmann zweifelnd.

„Ich denke, Sie dürfen es“, sagte K.

„Nun“, sagte der Kaufmann, „ich werde es Ihnen zum Teil anvertrauen. Aber Sie müssen mir auch ein Geheimnis sagen. Dann haben wir beide etwas gegeneinander in der Hand, wenn es um den Advokaten geht.“

„Sie sind sehr vorsichtig“, sagte K., „aber ich werde Ihnen ein Geheimnis sagen, das Sie vollständig beruhigen wird. Worin besteht also Ihre Untreue gegenüber dem Advokaten?“

„Ich habe“, sagte der Kaufmann zögernd, als gestehe er etwas Unehrenhaftes, „ich habe außer ihm noch andere Advokaten.“

„Das ist doch nichts so Schlimmes“, sagte K. ein wenig enttäuscht.

„Hier schon“, sagte der Kaufmann. Seit seinem Geständnis atmete er schwer, aber nach K.s Bemerkung fasste er mehr Vertrauen. „Es ist nicht erlaubt. Und am wenigsten ist es erlaubt, neben einem sogenannten Advokaten auch noch Winkeladvokaten zu nehmen. Und gerade das habe ich getan. Ich habe außer ihm noch fünf Winkeladvokaten.“

„Fünf!“, rief K. Erst diese Zahl überraschte ihn. „Fünf Advokaten außer diesem?“

Der Kaufmann nickte. „Ich verhandle gerade noch mit einem sechsten.“

„Aber wozu brauchen Sie denn so viele Advokaten?“, fragte K.

„Ich brauche alle“, sagte der Kaufmann.

„Wollen Sie mir das nicht erklären?“, fragte K.

„Gern“, sagte der Kaufmann. „Vor allem will ich meinen Prozess natürlich nicht verlieren. Deshalb darf ich nichts übersehen, was mir nützen könnte. Selbst wenn die Hoffnung auf Nutzen in einem bestimmten Fall nur ganz gering ist, darf ich sie nicht wegwerfen. Darum habe ich alles, was ich besitze, für den Prozess verwendet. Ich habe zum Beispiel alles Geld aus meinem Geschäft genommen. Früher füllten die Büros meines Geschäfts fast ein Stockwerk. Heute genügt eine kleine Kammer im Hinterhaus, wo ich mit einem Lehrling arbeite. Daran war natürlich nicht nur das fehlende Geld schuld. Noch mehr lag es daran, dass dem Geschäft meine Arbeitskraft fehlte. Wenn man für seinen Prozess etwas tun will, kann man sich mit anderen Dingen nur wenig beschäftigen.“

„Sie arbeiten also auch selbst beim Gericht?“, fragte K. „Gerade darüber möchte ich gern etwas erfahren.“

„Darüber kann ich nur wenig berichten“, sagte der Kaufmann. „Am Anfang habe ich es wohl auch versucht, aber ich habe bald wieder damit aufgehört. Es ist zu anstrengend und bringt nicht viel Erfolg. Selbst dort zu arbeiten und zu verhandeln, war wenigstens für mich ganz unmöglich. Schon das Sitzen und Warten dort ist eine große Anstrengung. Sie kennen ja selbst die schwere Luft in den Kanzleien.“

„Wieso wissen Sie denn, dass ich dort war?“, fragte K.

„Ich war gerade im Wartezimmer, als Sie durchgingen.“

„Was für ein Zufall!“, rief K. Er war ganz gefesselt und vergaß völlig, wie lächerlich der Kaufmann ihm vorher vorgekommen war. „Sie haben mich also gesehen! Sie waren im Wartezimmer, als ich durchging. Ja, ich bin dort einmal durchgegangen.“

„Das ist kein so großer Zufall“, sagte der Kaufmann, „ich bin dort fast jeden Tag.“

„Ich werde jetzt wahrscheinlich auch öfter hingehen müssen“, sagte K. „Aber man wird mich wohl kaum mehr so ehrenvoll empfangen wie damals. Alle standen auf. Man dachte wohl, ich sei ein Richter.“

„Nein“, sagte der Kaufmann, „wir grüßten damals den Gerichtsdiener. Dass Sie ein Angeklagter sind, das wussten wir. Solche Nachrichten verbreiten sich sehr schnell.“

„Das wussten Sie also schon“, sagte K. „Dann fanden Sie mein Benehmen vielleicht hochmütig. Sprach man nicht darüber?“

„Nein“, sagte der Kaufmann, „im Gegenteil. Aber das sind Dummheiten.“

„Was für Dummheiten denn?“, fragte K.

„Warum fragen Sie danach?“, sagte der Kaufmann ärgerlich. „Sie scheinen die Leute dort noch nicht zu kennen und werden es vielleicht falsch verstehen. Sie müssen bedenken: In diesem Verfahren kommen immer wieder viele Dinge vor, für die der Verstand nicht mehr ausreicht. Man ist einfach zu müde und zu abgelenkt für vieles. Als Ersatz flüchtet man sich in den Aberglauben. Ich rede von den anderen, aber ich bin selbst gar nicht besser. Ein solcher Aberglaube ist zum Beispiel dieser: Viele wollen aus dem Gesicht des Angeklagten erkennen, wie sein Prozess ausgeht. Besonders aus der Form der Lippen. Diese Leute haben also behauptet, Ihre Lippen würden es zeigen: Sie würden sicher und bald verurteilt. Ich wiederhole, es ist ein lächerlicher Aberglaube. In den meisten Fällen zeigen die Tatsachen auch, dass er ganz falsch ist. Aber wenn man unter diesen Leuten lebt, ist es schwer, sich solchen Meinungen zu entziehen. Denken Sie nur, wie stark dieser Aberglaube wirken kann. Sie haben dort doch einen Mann angesprochen, nicht? Er konnte Ihnen aber kaum antworten. Natürlich gibt es viele Gründe, dort verwirrt zu sein. Aber einer davon war auch der Anblick Ihrer Lippen. Er hat später erzählt, er habe auf Ihren Lippen auch das Zeichen seiner eigenen Verurteilung zu sehen geglaubt.“

„Meine Lippen?“, fragte K. Er zog einen Taschenspiegel hervor und sah sich an. „Ich kann an meinen Lippen nichts Besonderes erkennen. Und Sie?“

„Ich auch nicht“, sagte der Kaufmann, „ganz und gar nicht.“

„Wie abergläubisch diese Leute sind!“, rief K.

„Sagte ich es nicht?“, fragte der Kaufmann.

„Haben sie denn so viel Kontakt miteinander und tauschen ihre Meinungen aus?“, sagte K. „Ich habe mich bisher ganz abseits gehalten.“

„Im Allgemeinen haben sie keinen Kontakt miteinander“, sagte der Kaufmann. „Das wäre nicht möglich, es sind ja so viele. Es gibt auch wenig gemeinsame Interessen. Manchmal glaubt eine Gruppe an ein gemeinsames Interesse, aber das ist bald als Irrtum zu erkennen. Gemeinsam lässt sich gegen das Gericht nichts durchsetzen. Jeder Fall wird für sich untersucht, es ist ja das sorgfältigste Gericht. Gemeinsam kann man also nichts durchsetzen. Nur ein Einzelner erreicht manchmal im Geheimen etwas. Erst wenn es erreicht ist, erfahren es die anderen, und keiner weiß, wie es geschehen ist. Es gibt also keine Gemeinsamkeit. Man trifft sich zwar hin und wieder in den Wartezimmern, aber dort wird wenig besprochen. Die abergläubischen Meinungen gibt es schon seit alter Zeit, und sie vermehren sich fast von selbst.“

„Ich sah die Herren dort im Wartezimmer“, sagte K., „ihr Warten kam mir so nutzlos vor.“

„Das Warten ist nicht nutzlos“, sagte der Kaufmann, „nutzlos ist nur, selbst einzugreifen. Ich sagte schon, dass ich jetzt außer diesem noch fünf Advokaten habe. Man sollte doch glauben – ich selbst glaubte es zuerst –, dass ich ihnen jetzt die Sache ganz überlassen könnte. Das wäre aber ganz falsch. Ich kann sie ihnen weniger überlassen, als wenn ich nur einen hätte. Das verstehen Sie wohl nicht?“

„Nein“, sagte K. Er legte beruhigend die Hand auf die Hand des Kaufmanns, um ihn an seinem allzu schnellen Reden zu hindern. „Ich möchte Sie nur bitten, ein wenig langsamer zu reden. Das sind alles sehr wichtige Dinge für mich, und ich kann ihnen nicht richtig folgen.“

„Gut, dass Sie mich daran erinnern“, sagte der Kaufmann. „Sie sind ja ein Neuer, ein Junger. Ihr Prozess ist ein halbes Jahr alt, nicht wahr? Ja, ich habe davon gehört. Ein so junger Prozess! Ich aber habe diese Dinge schon unzählige Male durchdacht. Sie sind für mich das Selbstverständlichste auf der Welt.“

„Sie sind wohl froh, dass Ihr Prozess schon so weit fortgeschritten ist?“, fragte K. Er wollte nicht direkt fragen, wie es um die Sache des Kaufmanns stand. Er bekam aber auch keine klare Antwort.

„Ja, ich habe meinen Prozess fünf Jahre lang weitergewälzt“, sagte der Kaufmann und senkte den Kopf. „Das ist keine kleine Leistung.“

Dann schwieg er ein Weilchen. K. horchte, ob Leni nicht schon kam. Einerseits wollte er nicht, dass sie kam, denn er hatte noch viele Fragen. Sie sollte ihn auch nicht bei diesem vertraulichen Gespräch mit dem Kaufmann überraschen. Andererseits ärgerte er sich darüber, dass sie trotz seiner Anwesenheit so lange beim Advokaten blieb. Sie blieb viel länger, als man brauchte, um die Suppe zu bringen.

„Ich erinnere mich noch genau an die Zeit“, begann der Kaufmann wieder, und K. hörte sofort aufmerksam zu. „Damals war mein Prozess etwa so alt wie jetzt Ihr Prozess. Ich hatte nur diesen Advokaten, war aber nicht sehr zufrieden mit ihm.“

Hier erfahre ich ja alles, dachte K. Er nickte lebhaft, als könnte er den Kaufmann dadurch ermuntern, alles Wichtige zu sagen.

„Mein Prozess“, fuhr der Kaufmann fort, „kam nicht vorwärts. Es gab zwar Untersuchungen, und ich kam auch zu jeder. Ich sammelte Material und gab alle meine Geschäftsbücher beim Gericht ab. Das war, wie ich später erfuhr, nicht einmal nötig. Ich lief immer wieder zum Advokaten, und er reichte auch verschiedene Eingaben ein –“

„Verschiedene Eingaben?“, fragte K.

„Ja, gewiss“, sagte der Kaufmann.

„Das ist mir sehr wichtig“, sagte K. „In meinem Fall arbeitet er noch immer an der ersten Eingabe. Er hat noch nichts getan. Ich sehe jetzt, dass er mich schändlich vernachlässigt.“

„Dass die Eingabe noch nicht fertig ist, kann verschiedene berechtigte Gründe haben“, sagte der Kaufmann. „Übrigens zeigte sich später, dass meine Eingaben ganz wertlos waren. Ein freundlicher Gerichtsbeamter hat mir sogar erlaubt, eine davon selbst zu lesen. Sie war zwar gelehrt, aber eigentlich ohne Inhalt. Vor allem sehr viel Latein, das ich nicht verstehe. Dann seitenlange allgemeine Anrufungen des Gerichts. Dann Schmeicheleien für bestimmte Beamte, die zwar nicht genannt waren. Aber jemand, der sich auskennt, musste sie auf jeden Fall erraten. Dann Eigenlob des Advokaten, wobei er sich geradezu wie ein Hund vor dem Gericht demütigte. Und zuletzt Untersuchungen von Rechtsfällen aus alter Zeit, die meinem Fall ähnlich sein sollten. Diese Untersuchungen waren allerdings sehr sorgfältig gemacht, soweit ich ihnen folgen konnte. Ich will mit alldem auch nicht über die Arbeit des Advokaten urteilen. Die Eingabe, die ich gelesen habe, war auch nur eine unter mehreren. Aber jedenfalls, und davon will ich jetzt sprechen, konnte ich damals in meinem Prozess keinen Fortschritt sehen.“

„Was für einen Fortschritt wollten Sie denn sehen?“, fragte K.

„Sie fragen ganz vernünftig“, sagte der Kaufmann lächelnd. „In diesem Verfahren kann man nur selten Fortschritte sehen. Aber damals wusste ich das nicht. Ich bin Kaufmann und war es damals noch viel mehr als heute. Ich wollte Fortschritte haben, die man greifen kann. Das Ganze sollte sich dem Ende nähern oder wenigstens richtig vorwärtsgehen. Stattdessen gab es nur Verhöre, die meist den gleichen Inhalt hatten. Die Antworten hatte ich schon bereit wie eine Litanei. Mehrmals in der Woche kamen Gerichtsboten in mein Geschäft, in meine Wohnung oder wo sie mich sonst fanden. Das störte natürlich. Heute ist es wenigstens in dieser Hinsicht viel besser, der Anruf am Telefon stört mich weniger. Auch unter meinen Geschäftsfreunden und besonders unter meinen Verwandten begannen sich Gerüchte über meinen Prozess zu verbreiten. Schaden gab es also von allen Seiten. Aber nichts, gar nichts sprach dafür, dass auch nur die erste Gerichtsverhandlung bald stattfinden würde. Ich ging also zum Advokaten und beklagte mich. Er gab mir zwar lange Erklärungen, lehnte es aber entschieden ab, etwas in meinem Sinne zu tun. Niemand habe Einfluss darauf, wann die Verhandlung festgesetzt werde. Ich verlangte, dass er in einer Eingabe darauf drängte. Das sei einfach unerhört, sagte er, und würde mich und ihn ruinieren. Ich dachte: Was dieser Advokat nicht will oder kann, wird ein anderer wollen und können. Ich suchte mir also andere Advokaten. Ich will es gleich vorwegnehmen: Keiner hat die Hauptverhandlung verlangt oder durchgesetzt. Das ist wirklich unmöglich, allerdings mit einer Einschränkung, von der ich noch sprechen werde. In diesem Punkt hat mich dieser Advokat also nicht getäuscht. Sonst aber musste ich nicht bereuen, dass ich noch zu anderen Advokaten gegangen bin. Sie haben von Dr. Huld wohl auch schon manches über die Winkeladvokaten gehört. Er hat sie Ihnen wahrscheinlich als sehr verächtlich beschrieben, und das sind sie wirklich. Allerdings macht er immer einen kleinen Fehler, wenn er von ihnen spricht und sich und seine Kollegen mit ihnen vergleicht. Darauf will ich Sie ganz nebenbei auch aufmerksam machen. Er nennt die Advokaten seines Kreises dann immer zur Unterscheidung die ‚großen Advokaten‘. Das ist falsch. Natürlich kann sich jeder ‚groß‘ nennen, wenn er will. Aber hier entscheidet doch nur der Gebrauch beim Gericht. Danach gibt es außer den Winkeladvokaten noch kleine und große Advokaten. Dieser Advokat und seine Kollegen sind jedoch nur die kleinen Advokaten. Von den großen Advokaten habe ich nur gehört, gesehen habe ich sie nie. Sie stehen im Rang unvergleichlich viel höher über den kleinen Advokaten als diese über den verachteten Winkeladvokaten.“

„Die großen Advokaten?“, fragte K. „Wer sind denn die? Wie kommt man zu ihnen?“

„Sie haben also noch nie von ihnen gehört“, sagte der Kaufmann. „Es gibt kaum einen Angeklagten, der nicht eine Zeit lang von ihnen träumt, wenn er von ihnen erfahren hat. Lassen Sie sich lieber nicht dazu verführen. Wer die großen Advokaten sind, weiß ich nicht, und zu ihnen kommen kann man wohl gar nicht. Ich kenne keinen Fall, von dem man sicher sagen könnte, dass sie eingegriffen haben. Manchen verteidigen sie, aber durch den eigenen Willen kann man das nicht erreichen. Sie verteidigen nur den, den sie verteidigen wollen. Die Sache, die sie übernehmen, muss aber wohl schon über das niedrige Gericht hinausgekommen sein. Im Übrigen ist es besser, nicht an sie zu denken. Sonst kommen einem die Gespräche mit den anderen Advokaten, ihre Ratschläge und ihre Hilfe so widerlich und nutzlos vor. Ich habe es selbst erlebt. Man möchte dann am liebsten alles wegwerfen, sich zu Hause ins Bett legen und von nichts mehr hören. Das wäre aber natürlich wieder das Dümmste, und man hätte auch im Bett nicht lange Ruhe.“

„Sie dachten damals also nicht an die großen Advokaten?“, fragte K.

„Nicht lange“, sagte der Kaufmann und lächelte wieder. „Ganz vergessen kann man sie leider nicht, besonders nachts kommen solche Gedanken leicht. Aber damals wollte ich ja sofortige Erfolge, deshalb ging ich zu den Winkeladvokaten.“

„Wie ihr hier beieinandersitzt!“, rief Leni. Sie war mit der Tasse zurückgekommen und blieb in der Tür stehen.

Sie saßen wirklich eng beieinander. Bei der kleinsten Drehung mussten ihre Köpfe zusammenstoßen. Der Kaufmann war nicht nur klein, er hielt auch noch den Rücken krumm. Deshalb hatte K. sich auch tief bücken müssen, wenn er alles hören wollte.

„Noch ein Weilchen“, rief K. Leni abwehrend zu. Ungeduldig zuckte er mit der Hand, die noch immer auf der Hand des Kaufmanns lag.

„Er wollte, dass ich ihm von meinem Prozess erzähle“, sagte der Kaufmann zu Leni.

„Erzähle nur, erzähle“, sagte sie. Sie sprach liebevoll mit dem Kaufmann, aber doch auch von oben herab.

Das gefiel K. nicht. Wie er jetzt erkannt hatte, hatte der Mann doch einen gewissen Wert. Vor allem hatte er Erfahrungen, und er konnte sie gut erzählen. Leni beurteilte ihn wahrscheinlich falsch. K. sah ärgerlich zu, als Leni dem Kaufmann jetzt die Kerze abnahm, die er die ganze Zeit festgehalten hatte. Sie wischte ihm die Hand mit ihrer Schürze ab. Dann kniete sie neben ihm nieder, um etwas Wachs wegzukratzen, das auf seine Hose getropft war.

„Sie wollten mir von den Winkeladvokaten erzählen“, sagte K. und schob ohne ein weiteres Wort Lenis Hand weg.

„Was willst du denn?“, fragte Leni, schlug leicht nach K. und arbeitete weiter.

„Ja, von den Winkeladvokaten“, sagte der Kaufmann und fuhr sich über die Stirn, als dächte er nach.

K. wollte ihm helfen und sagte: „Sie wollten sofortige Erfolge haben und gingen deshalb zu den Winkeladvokaten.“

„Ganz richtig“, sagte der Kaufmann, sprach aber nicht weiter.

„Er will vielleicht vor Leni nicht davon sprechen“, dachte K. Er unterdrückte seine Ungeduld, das Weitere sofort zu hören, und drängte den Mann nicht mehr.

„Hast du mich angemeldet?“, fragte er Leni.

„Natürlich“, sagte sie, „er wartet auf dich. Lass jetzt Block, mit Block kannst du auch später reden. Er bleibt ja hier.“

K. zögerte noch. „Sie bleiben hier?“, fragte er den Kaufmann. Er wollte dessen eigene Antwort hören. Leni sollte nicht von dem Kaufmann sprechen, als wäre er gar nicht da. K. war heute voll heimlichem Ärger gegen Leni.

Und wieder antwortete nur Leni: „Er schläft öfter hier.“

„Schläft hier?“, rief K. Er hatte gedacht, der Kaufmann würde hier nur auf ihn warten, während er rasch mit dem Advokaten sprach. Dann wollten sie zusammen weggehen und alles gründlich und ungestört besprechen.

„Ja“, sagte Leni, „nicht jeder wird wie du, Josef, zu jeder beliebigen Stunde zum Advokaten vorgelassen. Du scheinst dich ja gar nicht zu wundern, dass der Advokat dich trotz seiner Krankheit noch um 11 Uhr nachts empfängt. Was deine Freunde für dich tun, nimmst du als allzu selbstverständlich an. Nun, deine Freunde, oder vor allem ich, tun es gern. Ich will keinen anderen Dank und brauche auch keinen anderen, als dass du mich lieb hast.“

„Dich lieb haben?“, dachte K. im ersten Augenblick. Erst dann ging es ihm durch den Kopf: „Nun ja, ich habe sie lieb.“ Trotzdem sagte er und ließ alles andere beiseite: „Er empfängt mich, weil ich sein Klient bin. Wenn man auch dafür noch fremde Hilfe bräuchte, müsste man bei jedem Schritt gleichzeitig betteln und danken.“

„Wie schlimm er heute ist, nicht?“, fragte Leni den Kaufmann.

„Jetzt bin ich der, der nicht da ist“, dachte K. Er wurde fast sogar auf den Kaufmann böse, denn dieser übernahm Lenis Unhöflichkeit.

„Der Advokat empfängt ihn auch noch aus anderen Gründen“, sagte er. „Sein Fall ist nämlich interessanter als meiner. Außerdem ist sein Prozess noch am Anfang und wahrscheinlich noch nicht sehr verfahren. Da beschäftigt sich der Advokat noch gern mit ihm. Später wird das anders werden.“

„Ja, ja“, sagte Leni und sah den Kaufmann lachend an, „wie er schwatzt!“ Dann wandte sie sich an K.: „Ihm darfst du nämlich gar nichts glauben. Er ist so lieb, wie er geschwätzig ist. Vielleicht kann der Advokat ihn auch deshalb nicht leiden. Jedenfalls empfängt er ihn nur, wenn er in Stimmung ist. Ich habe mir schon viel Mühe gegeben, das zu ändern, aber es ist unmöglich. Denk nur, manchmal melde ich Block an, aber er empfängt ihn erst am dritten Tag danach. Wenn Block dann aber nicht da ist, wenn er gerufen wird, ist alles verloren. Dann muss er von Neuem angemeldet werden. Deshalb habe ich Block erlaubt, hier zu schlafen. Es ist ja schon vorgekommen, dass der Advokat in der Nacht nach ihm geläutet hat. Jetzt ist Block also auch in der Nacht bereit. Allerdings kommt es jetzt wieder vor, dass der Advokat den Befehl, ihn vorzulassen, manchmal zurücknimmt, wenn Block da ist.“

K. sah den Kaufmann fragend an. Dieser nickte und sprach so offen wie vorher mit K. Vielleicht war er vor Scham nicht ganz bei der Sache. „Ja“, sagte er, „man wird später sehr abhängig von seinem Advokaten.“

„Er klagt ja nur zum Schein“, sagte Leni. „Er schläft sehr gern hier, das hat er mir schon oft gestanden.“

Sie ging zu einer kleinen Tür und stieß sie auf. „Willst du sein Schlafzimmer sehen?“, fragte sie K.

K. ging hin und sah von der Schwelle aus in den niedrigen Raum ohne Fenster. Ein schmales Bett füllte ihn vollständig aus. In dieses Bett musste man über den Bettpfosten steigen. Am Kopfende des Bettes war eine Vertiefung in der Mauer. Dort standen, sehr genau geordnet, eine Kerze, Tintenfass und Feder. Daneben lag ein Bündel Papiere, wahrscheinlich Schriften zum Prozess.

„Sie schlafen im Dienstmädchenzimmer?“, fragte K. und drehte sich wieder zum Kaufmann um.

„Leni hat es mir überlassen“, antwortete der Kaufmann, „es ist sehr vorteilhaft.“

K. sah ihn lange an. Der erste Eindruck von dem Kaufmann war vielleicht doch der richtige gewesen. Erfahrungen hatte er, denn sein Prozess dauerte schon lange. Aber er hatte diese Erfahrungen teuer bezahlt. Plötzlich ertrug K. den Anblick des Kaufmanns nicht mehr.

„Bring ihn doch ins Bett“, rief er Leni zu, die ihn gar nicht zu verstehen schien.

Er selbst wollte zum Advokaten gehen. Durch die Kündigung wollte er sich nicht nur vom Advokaten befreien, sondern auch von Leni und dem Kaufmann. Aber noch bevor er zur Tür gekommen war, sprach ihn der Kaufmann mit leiser Stimme an: „Herr Prokurist.“

K. drehte sich mit bösem Gesicht um.

„Sie haben Ihr Versprechen vergessen“, sagte der Kaufmann. Von seinem Stuhl aus streckte er sich bittend zu K. hin. „Sie wollten mir auch ein Geheimnis sagen.“

„Das stimmt“, sagte K. und warf auch Leni einen kurzen Blick zu, die ihn aufmerksam ansah. „Also hören Sie: Es ist allerdings fast kein Geheimnis mehr. Ich gehe jetzt zum Advokaten, um ihn zu entlassen.“

„Er entlässt ihn!“, rief der Kaufmann. Er sprang vom Stuhl und lief mit erhobenen Armen in der Küche herum. Immer wieder rief er: „Er entlässt den Advokaten!“

Leni wollte sofort auf K. losgehen, aber der Kaufmann kam ihr in den Weg. Dafür gab sie ihm mit den Fäusten einen Schlag. Noch mit geballten Fäusten lief sie dann hinter K. her, aber er hatte einen großen Vorsprung. Er war schon im Zimmer des Advokaten, als Leni ihn einholte. Die Tür hatte er fest hinter sich geschlossen. Aber Leni hielt sie mit dem Fuß offen, fasste ihn am Arm und wollte ihn zurückziehen. Er drückte ihr Handgelenk so stark, dass sie ihn mit einem Seufzer loslassen musste. Sie wagte nicht gleich, ins Zimmer zu kommen. K. aber schloss die Tür mit dem Schlüssel ab.

„Ich warte schon sehr lange auf Sie“, sagte der Advokat vom Bett aus. Er legte ein Schriftstück, das er beim Licht einer Kerze gelesen hatte, auf den kleinen Nachttisch. Dann setzte er eine Brille auf und sah K. scharf an.

Statt sich zu entschuldigen, sagte K.: „Ich gehe bald wieder weg.“

Weil das keine Entschuldigung war, beachtete der Advokat K.s Bemerkung nicht. Er sagte: „Ich werde Sie in Zukunft zu dieser späten Stunde nicht mehr vorlassen.“

„Das passt gut zu meinem Anliegen“, sagte K.

Der Advokat sah ihn fragend an. „Setzen Sie sich“, sagte er.

„Weil Sie es wünschen“, sagte K., zog einen Stuhl zum Nachttisch und setzte sich.

„Es schien mir, dass Sie die Tür abgeschlossen haben“, sagte der Advokat.

„Ja“, sagte K., „es war wegen Leni.“ Er hatte nicht die Absicht, irgendjemanden zu schonen.

Aber der Advokat fragte: „War sie wieder zudringlich?“

„Zudringlich?“, fragte K.

„Ja“, sagte der Advokat. Er lachte dabei und bekam einen Hustenanfall. Als der vorbei war, begann er wieder zu lachen. „Sie haben ihre Zudringlichkeit doch wohl schon bemerkt?“, fragte er. Er klopfte K. auf die Hand, die dieser zerstreut auf den Nachttisch gestützt hatte. K. zog sie schnell zurück.

„Sie geben dem nicht viel Bedeutung“, sagte der Advokat, als K. schwieg. „Desto besser. Sonst hätte ich mich vielleicht bei Ihnen entschuldigen müssen. Es ist eine Eigenart von Leni, die ich ihr übrigens längst verziehen habe. Ich würde auch nicht davon reden, wenn Sie nicht eben die Tür abgeschlossen hätten. Ihnen müsste ich diese Eigenart allerdings wohl am wenigsten erklären. Aber Sie sehen mich so erschrocken an, und deshalb tue ich es. Diese Eigenart besteht darin, dass Leni die meisten Angeklagten schön findet. Sie hängt sich an alle und liebt alle, und allerdings scheinen auch alle sie zu lieben. Um mich zu unterhalten, erzählt sie mir manchmal davon, wenn ich es erlaube. Ich bin über das Ganze nicht so erstaunt, wie Sie es zu sein scheinen. Wenn man den richtigen Blick dafür hat, findet man die Angeklagten wirklich oft schön. Das ist allerdings eine merkwürdige, gewissermaßen naturwissenschaftliche Erscheinung. Natürlich verändert die Anklage das Aussehen nicht so, dass man es deutlich und genau bestimmen könnte. Es ist ja nicht wie in anderen Gerichtssachen. Die meisten bleiben bei ihrer gewöhnlichen Lebensweise. Wenn sie einen guten Advokaten haben, der für sie sorgt, behindert der Prozess sie nicht sehr. Trotzdem können Leute mit Erfahrung aus der größten Menge die Angeklagten Mann für Mann erkennen. Woran? werden Sie fragen. Meine Antwort wird Sie nicht zufriedenstellen. Die Angeklagten sind eben die Schönsten. Es kann nicht die Schuld sein, die sie schön macht. Denn – so muss wenigstens ich als Advokat sprechen – es sind ja nicht alle schuldig. Es kann auch nicht die richtige Strafe sein, die sie jetzt schon schön macht. Denn es werden ja nicht alle bestraft. Es kann also nur an dem Verfahren gegen sie liegen, das irgendwie an ihnen hängt. Allerdings gibt es unter den Schönen auch besonders Schöne. Schön sind aber alle, selbst Block, dieser elende Wurm.“

Als der Advokat fertig war, war K. vollkommen ruhig. Zu den letzten Worten hatte er sogar deutlich genickt. So bestätigte er sich selbst seine alte Ansicht. Der Advokat versuchte ihn immer, und auch diesmal, mit allgemeinen Mitteilungen abzulenken, die nicht zur Sache gehörten. So wollte er die Hauptfrage vermeiden: Was hatte er wirklich für K.s Sache getan? Der Advokat merkte wohl, dass K. ihm diesmal mehr Widerstand leistete als sonst. Denn er schwieg jetzt, damit K. selbst sprechen konnte. Da K. stumm blieb, fragte er dann: „Sind Sie heute mit einer bestimmten Absicht zu mir gekommen?“

„Ja“, sagte K. und schirmte die Kerze ein wenig mit der Hand ab, um den Advokaten besser zu sehen. „Ich wollte Ihnen sagen, dass ich Ihnen mit dem heutigen Tag meine Vertretung entziehe.“

„Verstehe ich Sie richtig?“, fragte der Advokat. Er richtete sich halb im Bett auf und stützte sich mit einer Hand auf die Kissen.

„Ich nehme es an“, sagte K. Er saß ganz gerade da, wie ein Mann, der auf der Lauer liegt.

„Nun, wir können ja auch diesen Plan besprechen“, sagte der Advokat nach einem Weilchen.

„Es ist kein Plan mehr“, sagte K.

„Mag sein“, sagte der Advokat, „wir wollen aber trotzdem nichts übereilen.“ Er gebrauchte das Wort „wir“, als wollte er K. nicht freilassen. Und als wollte er wenigstens sein Berater bleiben, wenn er schon nicht sein Vertreter sein durfte.

„Es ist nicht übereilt“, sagte K., stand langsam auf und trat hinter seinen Stuhl. „Es ist gut überlegt und vielleicht sogar zu lange. Der Entschluss ist endgültig.“

„Dann erlauben Sie mir nur noch einige Worte“, sagte der Advokat. Er schob das Federbett weg und setzte sich auf den Bettrand. Seine nackten, weißhaarigen Beine zitterten vor Kälte. Er bat K., ihm vom Sofa eine Decke zu holen.

K. holte die Decke und sagte: „Sie riskieren ganz unnötig eine Erkältung.“

„Der Anlass ist wichtig genug“, sagte der Advokat. Er wickelte den Oberkörper in das Federbett und dann die Beine in die Decke. „Ihr Onkel ist mein Freund, und auch Sie sind mir im Laufe der Zeit lieb geworden. Ich gebe das offen zu. Ich muss mich dafür nicht schämen.“

Diese sentimentalen Reden des alten Mannes waren K. sehr unangenehm. Denn sie zwangen ihn zu einer längeren Erklärung, die er gern vermieden hätte. Außerdem machten sie ihn unsicher, das gab er sich selbst offen zu. Seinen Entschluss konnten sie allerdings niemals ändern.

„Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Gesinnung“, sagte er. „Ich erkenne auch an, dass Sie sich sehr um meine Sache gekümmert haben. Sie haben getan, was Ihnen möglich war und was Ihnen für mich vorteilhaft schien. Aber ich bin in der letzten Zeit zu der Überzeugung gekommen, dass das nicht genügt. Natürlich werde ich nie versuchen, Sie von meiner Ansicht zu überzeugen. Sie sind ja viel älter und erfahrener. Wenn ich es manchmal ohne Absicht versucht habe, so verzeihen Sie mir. Aber die Sache ist, wie Sie selbst sagten, wichtig genug. Ich bin überzeugt, dass man viel stärker in den Prozess eingreifen muss, als es bisher geschehen ist.“

„Ich verstehe Sie“, sagte der Advokat, „Sie sind ungeduldig.“

„Ich bin nicht ungeduldig“, sagte K. ein wenig gereizt und achtete nicht mehr so sehr auf seine Worte. „Sie haben es wohl bei meinem ersten Besuch bemerkt, als ich mit meinem Onkel zu Ihnen kam. Der Prozess war mir nicht sehr wichtig. Wenn man mich nicht gewissermaßen mit Gewalt an ihn erinnerte, vergaß ich ihn ganz. Aber mein Onkel bestand darauf, dass ich Ihnen meine Vertretung übergebe. Ich tat es, um ihm einen Gefallen zu tun. Nun hätte man doch erwarten sollen, dass mir der Prozess noch leichter fallen würde als bis dahin. Denn man übergibt dem Advokaten doch die Vertretung, um die Last des Prozesses ein wenig loszuwerden. Aber es geschah das Gegenteil. Nie zuvor hatte ich so große Sorgen wegen des Prozesses wie jetzt, seit Sie mich vertreten. Als ich allein war, tat ich nichts in meiner Sache, aber ich fühlte es kaum. Jetzt dagegen hatte ich einen Vertreter, und alles war dafür eingerichtet, dass etwas geschah. Ohne Pause und immer gespannter wartete ich darauf, dass Sie eingreifen. Aber es kam nichts. Allerdings bekam ich von Ihnen verschiedene Mitteilungen über das Gericht, die mir vielleicht niemand sonst hätte geben können. Aber das kann mir nicht genügen, wenn mir der Prozess jetzt im Geheimen immer näher auf den Leib rückt.“

K. hatte den Stuhl von sich gestoßen. Er stand aufrecht da, die Hände in den Jackentaschen.

„Von einem gewissen Zeitpunkt in der Praxis an“, sagte der Advokat leise und ruhig, „geschieht nichts wesentlich Neues mehr. Wie viele Parteien standen schon in ähnlichen Abschnitten ihrer Prozesse wie Sie vor mir und sprachen ähnlich!“

„Dann hatten alle diese ähnlichen Parteien genauso recht wie ich“, sagte K. „Das widerlegt mich gar nicht.“

„Ich wollte Sie damit nicht widerlegen“, sagte der Advokat. „Aber ich wollte noch hinzufügen, dass ich bei Ihnen mehr Urteilskraft erwartet hätte als bei anderen. Besonders weil ich Ihnen mehr Einblick in das Gericht und in meine Arbeit gegeben habe als anderen Parteien. Und nun muss ich sehen, dass Sie trotz allem nicht genug Vertrauen zu mir haben. Sie machen es mir nicht leicht.“

Wie sich der Advokat vor K. demütigte! Ohne jede Rücksicht auf die Ehre seines Standes, die gerade in diesem Punkt sicher am empfindlichsten ist. Und warum tat er das? Dem Anschein nach war er doch ein sehr beschäftigter Advokat und außerdem ein reicher Mann. Der entgangene Verdienst und der Verlust eines Klienten konnten ihm an sich nicht viel bedeuten. Außerdem war er kränklich und hätte selbst dafür sorgen sollen, dass man ihm Arbeit abnahm. Und trotzdem hielt er K. so fest! Warum? War es persönliche Anteilnahme für den Onkel? Oder hielt er K.s Prozess wirklich für so außergewöhnlich? Hoffte er, sich darin auszuzeichnen, entweder für K. oder – diese Möglichkeit konnte man nie ausschließen – für die Freunde beim Gericht? An ihm selbst war nichts zu erkennen, so rücksichtslos prüfend K. ihn auch ansah. Man hätte fast annehmen können, dass er mit absichtlich verschlossener Miene auf die Wirkung seiner Worte wartete. Aber er deutete K.s Schweigen offenbar allzu günstig für sich, denn er fuhr fort:

„Sie werden bemerkt haben, dass ich zwar eine große Kanzlei habe, aber keine Hilfskräfte beschäftige. Das war früher anders. Es gab eine Zeit, in der einige junge Juristen für mich arbeiteten, heute arbeite ich allein. Das hängt zum Teil damit zusammen, dass sich meine Praxis verändert hat. Ich habe mich immer mehr auf Rechtssachen von der Art der Ihrigen beschränkt. Zum Teil liegt es auch daran, dass ich diese Rechtssachen immer tiefer verstanden habe. Ich fand, dass ich diese Arbeit niemandem überlassen durfte. Sonst hätte ich mich an meinen Klienten und an meiner Aufgabe versündigt. Der Entschluss, alle Arbeit selbst zu tun, hatte die natürlichen Folgen. Ich musste fast alle Bitten um Vertretung ablehnen. Ich konnte nur denen nachgeben, die mir besonders nahegingen. Nun, es gibt ja genug Kreaturen, sogar ganz in der Nähe. Sie stürzen sich auf jeden Brocken, den ich wegwerfe. Und außerdem wurde ich vor Überanstrengung krank. Aber trotzdem bereue ich meinen Entschluss nicht. Vielleicht hätte ich mehr Vertretungen ablehnen sollen, als ich es getan habe. Aber ich habe mich den übernommenen Prozessen ganz gewidmet, und das hat sich als unbedingt notwendig gezeigt. Die Erfolge haben es belohnt. Ich habe einmal in einer Schrift den Unterschied sehr schön ausgedrückt gefunden. Es ging um die Vertretung in gewöhnlichen Rechtssachen und die Vertretung in diesen Rechtssachen. Dort hieß es: Der eine Advokat führt seinen Klienten an einem dünnen Faden bis zum Urteil. Der andere aber hebt seinen Klienten gleich auf die Schultern. Er trägt ihn, ohne ihn abzusetzen, zum Urteil und noch darüber hinaus. So ist es. Aber es war nicht ganz richtig, als ich sagte, dass ich diese große Arbeit niemals bereue. Wenn man sie so vollständig verkennt wie in Ihrem Fall, dann, nun dann bereue ich fast.“

Diese Reden machten K. mehr ungeduldig, als dass sie ihn überzeugten. Er glaubte irgendwie aus dem Ton des Advokaten herauszuhören, was ihn erwartete, wenn er nachgab. Wieder würden die leeren Versprechungen beginnen. Wieder würde der Advokat von der Eingabe sprechen, die vorwärtskam, und von der besseren Stimmung der Gerichtsbeamten. Aber auch von den großen Schwierigkeiten, die sich der Arbeit entgegenstellten. Kurz, alles, was K. bis zum Überdruss kannte, würde wieder hervorgeholt werden. Es sollte ihn wieder mit unbestimmten Hoffnungen täuschen und mit unbestimmten Drohungen quälen. Das musste endgültig verhindert werden.

Deshalb sagte er: „Was wollen Sie in meiner Sache unternehmen, wenn Sie die Vertretung behalten?“

Der Advokat fügte sich sogar dieser beleidigenden Frage und antwortete: „Das, was ich für Sie bereits unternommen habe, weiter fortsetzen.“

„Ich wusste es ja“, sagte K., „nun ist aber jedes weitere Wort überflüssig.“

„Ich werde noch einen Versuch machen“, sagte der Advokat, als ob das, was K. erregte, nicht K. geschähe, sondern ihm. „Ich vermute nämlich etwas. Sie beurteilen meine Hilfe als Advokat falsch, und auch sonst verhalten Sie sich falsch. Das kommt wohl daher, dass man Sie zu gut behandelt, obwohl Sie Angeklagter sind. Oder richtiger gesagt: nachlässig, scheinbar nachlässig. Auch das Letztere hat seinen Grund. Es ist oft besser, in Ketten als frei zu sein. Aber ich möchte Ihnen doch zeigen, wie andere Angeklagte behandelt werden. Vielleicht können Sie daraus etwas lernen. Ich werde jetzt nämlich Block rufen. Schließen Sie die Tür auf und setzen Sie sich hier neben den Nachttisch.“

„Gern“, sagte K. und tat, was der Advokat verlangt hatte. Zu lernen war er immer bereit. Aber um auf jeden Fall sicher zu sein, fragte er noch: „Sie haben aber zur Kenntnis genommen, dass ich Ihnen meine Vertretung entziehe?“

„Ja“, sagte der Advokat, „aber Sie können es heute noch rückgängig machen.“ Er legte sich wieder ins Bett zurück, zog das Federbett bis zum Knie und drehte sich zur Wand. Dann läutete er.

Fast gleichzeitig mit dem Glockenzeichen erschien Leni. Mit raschen Blicken versuchte sie zu erfahren, was geschehen war. Dass K. still beim Bett des Advokaten saß, schien sie zu beruhigen. Sie nickte K., der sie starr ansah, lächelnd zu.

„Hole Block“, sagte der Advokat.

Aber statt ihn zu holen, trat sie nur vor die Tür und rief: „Block! Zum Advokaten!“ Dann schlüpfte sie hinter K.s Stuhl. Wahrscheinlich tat sie das, weil der Advokat zur Wand gedreht blieb und sich um nichts kümmerte. Von nun an störte sie K. Sie beugte sich über die Stuhllehne vor. Oder sie fuhr ihm mit den Händen durchs Haar und strich über seine Wangen, allerdings sehr zart und vorsichtig. Schließlich versuchte K. sie daran zu hindern. Er fasste sie an einer Hand, die sie ihm nach einigem Widerstreben überließ.

Block war auf den Ruf hin sofort gekommen, blieb aber vor der Tür stehen. Er schien zu überlegen, ob er eintreten sollte. Er zog die Augenbrauen hoch und neigte den Kopf, als horchte er, ob der Befehl wiederholt würde. K. hätte ihn ermuntern können einzutreten. Aber er hatte sich vorgenommen, nicht nur mit dem Advokaten endgültig zu brechen, sondern mit allem in dieser Wohnung. Deshalb bewegte er sich nicht. Auch Leni schwieg. Block merkte, dass ihn wenigstens niemand wegjagte. Er kam auf den Zehenspitzen herein, das Gesicht gespannt, die Hände hinter dem Rücken verkrampft. Die Tür ließ er offen, falls er sich zurückziehen musste. K. sah er gar nicht an, sondern immer nur das hohe Federbett. Darunter war der Advokat nicht einmal zu sehen, denn er hatte sich ganz nah an die Wand geschoben.

Da hörte man aber seine Stimme: „Block hier?“, fragte er.

Block war schon ein großes Stück weitergekommen. Diese Frage traf ihn wie ein Stoß gegen die Brust und dann wie einer in den Rücken. Er taumelte, blieb tief gebückt stehen und sagte: „Zu dienen.“

„Was willst du?“, fragte der Advokat. „Du kommst ungelegen.“

„Wurde ich nicht gerufen?“, fragte Block, mehr sich selbst als den Advokaten. Er hielt die Hände zum Schutz vor sich und war bereit wegzulaufen.

„Du wurdest gerufen“, sagte der Advokat, „trotzdem kommst du ungelegen.“ Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Du kommst immer ungelegen.“

Seit der Advokat sprach, sah Block nicht mehr zum Bett hin. Er starrte vielmehr irgendwohin in eine Ecke und lauschte nur. Es war, als wäre der Seitenblick des Sprechers zu blendend, um ihn zu ertragen. Aber auch das Zuhören war schwer, denn der Advokat sprach leise und schnell gegen die Wand.

„Wollt Ihr, dass ich weggehe?“, fragte Block.

„Nun bist du einmal da“, sagte der Advokat. „Bleib!“

Man hätte glauben können, der Advokat hätte nicht Blocks Wunsch erfüllt, sondern ihm etwa mit Prügeln gedroht. Denn jetzt begann Block wirklich zu zittern.

„Ich war gestern beim dritten Richter, meinem Freund“, sagte der Advokat, „und habe das Gespräch allmählich auf dich gelenkt. Willst du wissen, was er sagte?“

„O bitte“, sagte Block.

Da der Advokat nicht gleich antwortete, wiederholte Block seine Bitte und beugte sich vor, als wollte er niederknien. Da fuhr K. ihn an: „Was tust du?“, rief er.

Leni hatte ihn an dem Ausruf hindern wollen, deshalb fasste er auch ihre zweite Hand. Es war nicht der Druck der Liebe, mit dem er sie festhielt. Sie seufzte auch öfter und versuchte, ihm ihre Hände zu entziehen.

Für K.s Ausruf aber wurde Block bestraft, denn der Advokat fragte ihn: „Wer ist denn dein Advokat?“

„Ihr seid es“, sagte Block.

„Und außer mir?“, fragte der Advokat.

„Niemand außer Euch“, sagte Block.

„Dann folge auch niemandem sonst“, sagte der Advokat.

Block erkannte das vollständig an. Er sah K. mit bösen Blicken an und schüttelte heftig den Kopf gegen ihn. Hätte man dieses Benehmen in Worte übersetzt, wären es grobe Beschimpfungen gewesen. Mit diesem Menschen hatte K. freundschaftlich über seine eigene Sache reden wollen!

„Ich werde dich nicht mehr stören“, sagte K. und lehnte sich im Stuhl zurück. „Knie nieder oder krieche auf allen vieren, tu, was du willst, ich werde mich nicht darum kümmern.“

Aber Block hatte doch Ehrgefühl, wenigstens gegenüber K. Denn mit den Fäusten fuchtelnd ging er auf ihn zu. Er rief so laut, wie er es in der Nähe des Advokaten nur wagte: „Sie dürfen nicht so mit mir reden, das ist nicht erlaubt. Warum beleidigen Sie mich? Und noch dazu hier vor dem Herrn Advokaten! Hier sind wir beide, Sie und ich, nur aus Barmherzigkeit geduldet. Sie sind kein besserer Mensch als ich, denn Sie sind auch angeklagt und haben auch einen Prozess. Wenn Sie aber trotzdem noch ein Herr sind, dann bin ich ein ebensolcher Herr, wenn nicht sogar ein noch größerer. Und ich will auch als ein solcher angesprochen werden, gerade von Ihnen. Sie halten sich vielleicht für bevorzugt, weil Sie hier sitzen und ruhig zuhören dürfen. Und weil ich, wie Sie sagen, auf allen vieren krieche. Dann erinnere ich Sie an den alten Rechtsspruch: Für den Verdächtigen ist Bewegung besser als Ruhe. Denn wer ruht, kann immer, ohne es zu wissen, auf einer Waagschale sein und mit seinen Sünden gewogen werden.“

K. sagte nichts. Er sah diesen verwirrten Menschen nur staunend mit unbeweglichen Augen an. Was für Veränderungen waren in der letzten Stunde schon mit ihm geschehen! War es der Prozess, der ihn so hin und her warf? War es der Prozess, der ihn nicht erkennen ließ, wo Freund und wo Feind war? Sah er denn nicht, dass der Advokat ihn absichtlich demütigte? Dieses Mal wollte der Advokat nichts anderes, als vor K. mit seiner Macht anzugeben. So wollte er vielleicht auch K. unterwerfen. Vielleicht konnte Block das nicht erkennen. Oder er fürchtete den Advokaten so sehr, dass ihm diese Erkenntnis nichts half. Aber wie kam es dann, dass er doch wieder so schlau oder so kühn war, den Advokaten zu betrügen? Er verschwieg ihm ja, dass außer ihm noch andere Advokaten für ihn arbeiteten. Und wieso wagte er es, K. anzugreifen? K. konnte doch sofort sein Geheimnis verraten.

Aber Block wagte noch mehr. Er ging zum Bett des Advokaten und begann, sich nun auch dort über K. zu beschweren. „Herr Advokat“, sagte er, „habt Ihr gehört, wie dieser Mann mit mir gesprochen hat? Man kann die Stunden seines Prozesses noch zählen. Und schon will er mir gute Lehren geben, einem Mann, der seit fünf Jahren im Prozess steht. Er beschimpft mich sogar. Er weiß nichts und beschimpft mich! Dabei habe ich, soweit meine schwachen Kräfte reichen, genau studiert, was Anstand, Pflicht und Gerichtsgebrauch verlangen.“

„Kümmere dich um niemanden“, sagte der Advokat, „und tu, was dir richtig scheint.“

„Gewiss“, sagte Block, als spräche er sich selbst Mut zu. Mit einem kurzen Seitenblick kniete er nun direkt beim Bett nieder. „Ich knie schon, mein Advokat“, sagte er.

Aber der Advokat schwieg. Block streichelte mit einer Hand vorsichtig das Federbett.

In der Stille, die jetzt herrschte, befreite sich Leni von K.s Händen und sagte: „Du tust mir weh. Lass mich. Ich gehe zu Block.“

Sie ging hin und setzte sich auf den Bettrand. Block freute sich sehr über ihr Kommen. Mit lebhaften, aber stummen Zeichen bat er sie sofort, beim Advokaten für ihn zu sprechen. Er brauchte die Mitteilungen des Advokaten offenbar sehr dringend. Aber vielleicht nur, damit seine übrigen Advokaten sie ausnützen konnten. Leni wusste wahrscheinlich genau, wie man beim Advokaten etwas erreichen konnte. Sie zeigte auf die Hand des Advokaten und spitzte die Lippen wie zum Kuss. Sofort führte Block den Handkuss aus, und auf Lenis Aufforderung hin wiederholte er ihn noch zweimal. Aber der Advokat schwieg noch immer. Da beugte sich Leni über den Advokaten. Als sie sich so streckte, wurde die schöne Form ihres Körpers sichtbar. Tief zu seinem Gesicht gebeugt, strich sie über sein langes weißes Haar. Das zwang ihn nun doch zu einer Antwort.

„Ich zögere, es ihm mitzuteilen“, sagte der Advokat. Man sah, dass er den Kopf ein wenig schüttelte, vielleicht um den Druck von Lenis Hand stärker zu fühlen. Block horchte mit gesenktem Kopf, als würde er durch dieses Horchen ein Verbot brechen.

„Warum zögerst du denn?“, fragte Leni.

K. hatte das Gefühl, ein einstudiertes Gespräch zu hören. Es hatte sich schon oft wiederholt und würde sich noch oft wiederholen. Nur für Block konnte es nie etwas Altes werden.

„Wie hat er sich heute verhalten?“, fragte der Advokat, statt zu antworten.

Bevor Leni antwortete, sah sie zu Block hinunter. Ein Weilchen beobachtete sie, wie er die Hände zu ihr hob und bittend aneinanderrieb. Schließlich nickte sie ernst, wandte sich zum Advokaten und sagte: „Er war ruhig und fleißig.“

Ein alter Kaufmann, ein Mann mit langem Bart, bat ein junges Mädchen flehend um ein gutes Zeugnis. Vielleicht hatte er dabei heimliche Absichten. Trotzdem konnte nichts ihn in den Augen eines Mitmenschen rechtfertigen. Er nahm fast dem Zuschauer die Würde. So wirkte also die Methode des Advokaten. Zum Glück war K. ihr nicht lange genug ausgesetzt gewesen. Der Klient vergaß schließlich die ganze Welt. Er hoffte nur noch, sich auf diesem Irrweg bis zum Ende des Prozesses zu schleppen. Das war kein Klient mehr, das war der Hund des Advokaten. Der Advokat hätte ihm befehlen können, unter das Bett wie in eine Hundehütte zu kriechen und von dort zu bellen. Block hätte es mit Lust getan. K. hörte prüfend und überlegen zu. Es war, als hätte er den Auftrag, sich alles hier genau zu merken. Und als sollte er es an einer höheren Stelle anzeigen und einen Bericht abgeben.

„Was hat er während des ganzen Tages getan?“, fragte der Advokat.

„Ich habe ihn im Dienstmädchenzimmer eingesperrt, wo er sich ja gewöhnlich aufhält“, sagte Leni. „Er sollte mich nicht bei der Arbeit stören. Durch die Lücke konnte ich von Zeit zu Zeit nachsehen, was er machte. Er kniete immer auf dem Bett. Die Schriften, die du ihm geliehen hast, hatte er auf dem Fensterbrett aufgeschlagen, und er las darin. Das hat einen guten Eindruck auf mich gemacht. Das Fenster führt nämlich nur in einen Luftschacht und gibt fast kein Licht. Dass Block trotzdem las, zeigte mir, wie gehorsam er ist.“

„Es freut mich, das zu hören“, sagte der Advokat. „Hat er aber auch mit Verständnis gelesen?“

Block bewegte während dieses Gesprächs ununterbrochen die Lippen. Offenbar formulierte er die Antworten, die er von Leni erhoffte.

„Darauf kann ich natürlich nicht sicher antworten“, sagte Leni. „Jedenfalls habe ich gesehen, dass er gründlich las. Er hat den ganzen Tag die gleiche Seite gelesen und beim Lesen den Finger an den Zeilen entlanggeführt. Immer wenn ich zu ihm hineinsah, hat er geseufzt, als würde ihm das Lesen viel Mühe machen. Die Schriften, die du ihm geliehen hast, sind wahrscheinlich schwer zu verstehen.“

„Ja“, sagte der Advokat, „das sind sie allerdings. Ich glaube auch nicht, dass er etwas davon versteht. Sie sollen ihm nur eine Ahnung davon geben, wie schwer der Kampf ist, den ich für seine Verteidigung führe. Und für wen führe ich diesen schweren Kampf? Für – es ist fast lächerlich, es auszusprechen – für Block. Auch was das bedeutet, soll er begreifen lernen. Hat er ununterbrochen studiert?“

„Fast ununterbrochen“, antwortete Leni. „Nur einmal hat er mich um Wasser zum Trinken gebeten. Da habe ich ihm ein Glas durch die Luke gereicht. Um 8 Uhr habe ich ihn dann herausgelassen und ihm etwas zu essen gegeben.“

Block warf K. einen kurzen Seitenblick zu, als würde hier Rühmliches von ihm erzählt, das auch K. beeindrucken müsste. Er schien jetzt gute Hoffnung zu haben, bewegte sich freier und rückte auf den Knien hin und her. Umso deutlicher sah man, wie er bei den folgenden Worten des Advokaten erstarrte.

„Du lobst ihn“, sagte der Advokat. „Aber gerade das macht es mir schwer zu reden. Der Richter hat sich nämlich nicht günstig geäußert, weder über Block selbst noch über seinen Prozess.“

„Nicht günstig?“, fragte Leni. „Wie ist das möglich?“

Block sah sie mit einem sehr gespannten Blick an. Es war, als traute er ihr zu, die längst gesprochenen Worte des Richters noch zu seinen Gunsten zu wenden.

„Nicht günstig“, sagte der Advokat. „Es war ihm sogar unangenehm, als ich von Block zu sprechen begann. Reden Sie nicht von Block, sagte er. Er ist mein Klient, sagte ich. Sie lassen sich missbrauchen, sagte er. Ich halte seine Sache nicht für verloren, sagte ich. Sie lassen sich missbrauchen, wiederholte er. Ich glaube es nicht, sagte ich. Block ist im Prozess fleißig und immer hinter seiner Sache her. Er wohnt fast bei mir, um immer alles Neue zu erfahren. Solchen Eifer findet man nicht immer. Gewiss, er ist persönlich nicht angenehm, hat hässliche Manieren und ist schmutzig. Aber als Prozesspartei ist er tadellos. Ich sagte tadellos, ich übertrieb absichtlich. Darauf sagte er: Block ist bloß schlau. Er hat viel Erfahrung gesammelt und versteht es, den Prozess zu verschleppen. Aber seine Unwissenheit ist noch viel größer als seine Schlauheit. Was würde er wohl sagen, wenn er erfahren würde, dass sein Prozess noch gar nicht begonnen hat? Wenn man ihm sagen würde, dass noch nicht einmal das Glockenzeichen zum Beginn des Prozesses gegeben ist? Ruhig, Block“, sagte der Advokat. Denn Block begann gerade, sich auf unsicheren Knien zu erheben, und wollte offenbar um Aufklärung bitten.

Jetzt sprach der Advokat zum ersten Mal mit längeren Worten direkt zu Block. Mit müden Augen sah er halb ziellos, halb zu Block hinunter. Unter diesem Blick sank Block langsam wieder auf die Knie zurück.

„Diese Äußerung des Richters hat für dich gar keine Bedeutung“, sagte der Advokat. „Erschrick doch nicht bei jedem Wort. Wenn sich das wiederholt, werde ich dir gar nichts mehr verraten. Man kann keinen Satz beginnen, ohne dass du einen anschaust, als käme jetzt dein Endurteil. Schäme dich hier vor meinem Klienten! Du erschütterst auch das Vertrauen, das er zu mir hat. Was willst du denn? Noch lebst du, noch stehst du unter meinem Schutz. Sinnlose Angst! Du hast irgendwo gelesen, dass das Endurteil manchmal ganz unerwartet kommt, aus jedem beliebigen Mund und zu jeder beliebigen Zeit. Mit vielen Einschränkungen ist das allerdings wahr. Ebenso wahr ist aber, dass deine Angst mich anwidert. Ich sehe darin einen Mangel an dem notwendigen Vertrauen. Was habe ich denn gesagt? Ich habe die Äußerung eines Richters wiedergegeben. Du weißt, die verschiedenen Ansichten über das Verfahren häufen sich so sehr, dass niemand mehr hindurchsehen kann. Dieser Richter zum Beispiel setzt den Anfang des Verfahrens zu einem anderen Zeitpunkt an als ich. Ein Meinungsunterschied, nichts weiter. In einem gewissen Abschnitt des Prozesses wird nach altem Brauch ein Glockenzeichen gegeben. Nach der Ansicht dieses Richters beginnt damit der Prozess. Ich kann dir jetzt nicht alles sagen, was dagegen spricht, du würdest es auch nicht verstehen. Es soll dir genügen, dass viel dagegen spricht.“

Verlegen fuhr Block unten mit den Fingern durch das Fell des Bettvorlegers. Die Angst wegen der Worte des Richters ließ ihn zeitweise seine Unterwürfigkeit gegenüber dem Advokaten vergessen. Dann dachte er nur an sich und drehte die Worte des Richters nach allen Seiten.

„Block“, sagte Leni warnend und zog ihn am Jackenkragen ein wenig in die Höhe. „Lass jetzt das Fell und höre dem Advokaten zu.“

K. verstand nicht, wie der Advokat hatte denken können, ihn durch diese Vorführung zu gewinnen. Wenn er ihn nicht schon früher verjagt hätte, hätte er es durch diese Szene erreicht.

### Glossar

- **der Advokat**: altes Wort für Anwalt.
- **die Advokaten**: Mehrzahl von Advokat: Anwälte.
- **der Klient**: jemand, den ein Advokat vertritt.
- **anvertrauen**: jemandem etwas Geheimes sagen, weil man ihm vertraut.
- **entlässt**: von „entlassen“: jemandem sagen, dass er nicht mehr für einen arbeiten soll.
- **abgeraten**: von „abraten“: jemandem sagen, dass er etwas lieber nicht tun soll.
- **flüsterte**: von „flüstern“: sehr leise sprechen.
- **die Schürze**: ein Stück Stoff, das man bei der Arbeit vor der Kleidung trägt.
- **gespreizten**: weit auseinander gestellt (zum Beispiel Beine).
- **blinzelnd**: mit den Augen schnell auf und zu machend.
- **goss**: von „gießen“: etwas Flüssiges irgendwohin laufen lassen.
- **Winkeladvokaten**: Anwälte ohne richtige Erlaubnis, oft billig und unehrlich.
- **die Eingabe**: ein Brief oder eine Schrift an das Gericht, zum Beispiel zur Verteidigung.
- **im Hemd**: nur in Unterwäsche, ohne Kleid.
- **die Geliebte**: eine Frau, mit der ein Mann eine heimliche Liebesbeziehung hat.
- **der Docht**: der Faden in der Mitte einer Kerze, der brennt.
- **der Aberglaube**: ein Glaube an Zeichen und geheimnisvolle Kräfte, für den es keinen vernünftigen Grund gibt.
- **die Litanei**: ein langes Gebet mit immer gleichen Worten; hier: etwas, das man immer wieder gleich aufsagt.
- **weitergewälzt**: etwas Schweres mühsam weiterbewegt; hier: den Prozess mit viel Mühe am Laufen gehalten.
- **der Advokat, die Advokaten**: ein altes Wort für Rechtsanwalt.
- **zudringlich**: so, dass man anderen zu nahe kommt und sie stört.
- **die Zudringlichkeit**: ein Verhalten, mit dem man anderen zu nahe kommt und sie stört.
- **zerstreut**: mit den Gedanken nicht bei der Sache.
- **das Federbett**: eine dicke, weiche Bettdecke, die mit Federn gefüllt ist.
- **zitterten**: von zittern: sich vor Kälte oder Angst schnell und leicht bewegen.
- **wickelte**: von wickeln: etwas fest um etwas legen, zum Beispiel eine Decke um die Beine.
- **demütigte**: von demütigen: sich selbst oder einen anderen klein machen und die Würde nehmen.
- **kränklich**: oft krank und schwach.
- **Kreaturen**: ein verächtliches Wort für Menschen, die man nicht achtet.
- **unbestimmten**: von unbestimmt: nicht klar, nicht genau.
- **horchte**: von horchen: genau und aufmerksam hinhören.
- **ungelegen**: zu einer schlechten Zeit, sodass man stört.
- **Zu dienen**: eine sehr höfliche, alte Antwort: Ja, ich bin hier und tue, was Sie wünschen.
- **der Ausruf**: etwas, das man plötzlich und laut ruft.
- **krieche**: von kriechen: sich auf Händen und Knien am Boden bewegen.
- **der Rechtsspruch**: ein alter, kurzer Satz über das Recht.
- **die Waagschale**: der Teil einer Waage, auf dem das liegt, was man wiegt.
- **der Luftschacht**: ein enger, hoher Raum im Haus, durch den Luft kommt.
- **das Glockenzeichen**: ein Signal mit einer Glocke.
- **tadellos**: ohne jeden Fehler.
- **das Endurteil**: die letzte Entscheidung des Gerichts in einem Prozess.
- **der Bettvorleger**: ein kleiner Teppich oder ein Fell vor dem Bett.

## Im Dom

K. bekam den Auftrag, einem italienischen Geschäftsfreund der Bank einige Kunstdenkmäler zu zeigen. Dieser Mann war für die Bank sehr wichtig, und er war zum ersten Mal in dieser Stadt. Zu einer anderen Zeit hätte K. diesen Auftrag gewiss für eine Ehre gehalten. Aber jetzt konnte er sein Ansehen in der Bank nur noch mit großer Anstrengung halten. Deshalb übernahm er den Auftrag ungern.

Jede Stunde, die er nicht im Büro sein konnte, machte ihm Kummer. Er konnte die Zeit im Büro zwar längst nicht mehr so gut nutzen wie früher. Manche Stunden verbrachte er dort so, dass es nur gerade noch nach Arbeit aussah. Aber desto größer waren seine Sorgen, wenn er nicht im Büro war. Dann glaubte er zu sehen, wie der Direktor-Stellvertreter von Zeit zu Zeit in sein Büro kam. Dieser Mann hatte ja immer schon auf eine Gelegenheit gewartet. Er setzte sich an K.s Schreibtisch und durchsuchte seine Papiere. Er empfing Kunden, mit denen K. seit Jahren fast befreundet war, und nahm sie ihm weg. Vielleicht entdeckte er sogar Fehler. K. sah sich bei der Arbeit jetzt immer aus tausend Richtungen von Fehlern bedroht. Er konnte sie nicht mehr vermeiden.

Manchmal bekam er den Auftrag, etwas geschäftlich zu erledigen oder sogar eine kleine Reise zu machen. Solche Aufträge waren in der letzten Zeit ganz zufällig häufiger geworden. Auch wenn sie noch so sehr wie eine Ehre aussahen, lag daher immerhin eine Vermutung nahe: Man wollte ihn für eine Weile aus dem Büro entfernen und seine Arbeit prüfen. Oder man glaubte wenigstens, dass man im Büro leicht ohne ihn auskam. Die meisten dieser Aufträge hätte er ohne Schwierigkeit ablehnen können. Aber er wagte es nicht. Denn wenn seine Befürchtung auch nur ein wenig begründet war, dann bedeutete jede Ablehnung ein Geständnis seiner Angst. Deshalb nahm er solche Aufträge scheinbar ruhig an. Als er eine anstrengende zweitägige Geschäftsreise machen sollte, verschwieg er sogar eine ernste Erkältung. Es herrschte gerade regnerisches Herbstwetter, und er wollte nicht riskieren, dass man ihn deshalb von der Reise abhielt.

Von dieser Reise kam er mit wütenden Kopfschmerzen zurück. Da erfuhr er, dass er am nächsten Tag den italienischen Geschäftsfreund begleiten sollte. Die Versuchung, wenigstens dieses eine Mal Nein zu sagen, war sehr groß. Vor allem war das, was man ihm zugedacht hatte, keine Arbeit, die direkt mit dem Geschäft zu tun hatte. Diese gesellschaftliche Pflicht gegenüber dem Geschäftsfreund war an sich zweifellos wichtig genug. Aber sie war nicht wichtig für K. Er wusste genau, dass er sich nur durch Erfolge bei der Arbeit halten konnte. Wenn ihm das nicht gelang, war es völlig wertlos, selbst wenn er diesen Italiener unerwartet bezaubern sollte. Er wollte nicht einmal für einen Tag von seiner Arbeit weggeschoben werden. Denn er hatte zu große Angst, dass man ihn nicht mehr zurücklassen würde. Diese Angst war übertrieben, das erkannte er sehr genau. Aber sie bedrückte ihn trotzdem.

In diesem Fall war es allerdings fast unmöglich, einen annehmbaren Grund für eine Absage zu erfinden. K.s Italienisch war zwar nicht sehr gut, aber es genügte immerhin. Entscheidend aber war etwas anderes: K. hatte aus früherer Zeit einige Kenntnisse über Kunst. Das war in der Bank in sehr übertriebener Weise bekannt geworden. Denn K. war eine Zeit lang Mitglied des Vereins zur Erhaltung der städtischen Kunstdenkmäler gewesen. Auch das war übrigens nur aus geschäftlichen Gründen geschehen. Der Italiener aber war, wie man durch Gerüchte erfahren hatte, ein Kunstliebhaber. Deshalb war es selbstverständlich, dass man K. als Begleiter wählte.

Es war ein sehr regnerischer, stürmischer Morgen. K. kam schon um 7 Uhr ins Büro, voll Ärger über den Tag, der vor ihm lag. Er wollte wenigstens noch etwas Arbeit fertig machen, bevor der Besuch ihn von allem abhielt. Er war sehr müde, denn er hatte die halbe Nacht eine italienische Grammatik studiert, um sich ein wenig vorzubereiten. Das Fenster, an dem er in letzter Zeit viel zu oft saß, lockte ihn mehr als der Schreibtisch. Aber er widerstand und setzte sich an die Arbeit.

Leider kam gerade der Diener herein. Er meldete, der Herr Direktor habe ihn geschickt. Er solle nachsehen, ob der Herr Prokurist schon hier sei. Wenn ja, möge er so freundlich sein und ins Empfangszimmer hinüberkommen. Der Herr aus Italien sei schon da.

„Ich komme schon“, sagte K. Er steckte ein kleines Wörterbuch in die Tasche. Unter den Arm nahm er ein Album der städtischen Sehenswürdigkeiten, das er für den Fremden vorbereitet hatte. Dann ging er durch das Büro des Direktor-Stellvertreters in das Direktionszimmer. Er war glücklich, dass er so früh ins Büro gekommen war und sofort bereitstehen konnte. Das hatte wohl niemand ernsthaft erwartet. Das Büro des Direktor-Stellvertreters war natürlich noch leer wie in tiefer Nacht. Wahrscheinlich hatte der Diener auch ihn ins Empfangszimmer rufen sollen, aber ohne Erfolg.

Als K. ins Empfangszimmer trat, standen die zwei Herren aus den tiefen Sesseln auf. Der Direktor lächelte freundlich und war offenbar sehr erfreut, dass K. kam. Er stellte die beiden sofort einander vor. Der Italiener schüttelte K. kräftig die Hand und nannte lachend irgendjemanden einen Frühaufsteher. K. verstand nicht genau, wen er meinte. Es war außerdem ein seltsames Wort, und K. erriet seinen Sinn erst nach einer Weile. Er antwortete mit einigen glatten Sätzen. Der Italiener nahm sie wieder lachend hin und fuhr dabei mehrmals mit nervöser Hand über seinen graublauen, buschigen Schnurrbart. Dieser Bart war offenbar parfümiert. Man wollte fast näher herangehen und daran riechen.

Alle setzten sich, und ein kleines einleitendes Gespräch begann. Da bemerkte K. mit großem Unbehagen, dass er den Italiener nur in Bruchstücken verstand. Wenn der Mann ganz ruhig sprach, verstand er ihn fast vollständig. Das waren aber nur seltene Ausnahmen. Meistens quollen ihm die Worte aus dem Mund, und er schüttelte dabei den Kopf wie vor Lust. Bei solchen Reden geriet er regelmäßig in irgendeinen Dialekt. Für K. hatte dieser Dialekt nichts Italienisches mehr. Der Direktor aber verstand ihn nicht nur, er sprach ihn auch. Das hätte K. allerdings voraussehen können. Denn der Italiener stammte aus Süditalien, und dort war auch der Direktor einige Jahre gewesen.

Jedenfalls erkannte K., dass er sich mit dem Italiener zum größten Teil nicht würde verständigen können. Denn auch sein Französisch war nur schwer zu verstehen. Außerdem verdeckte der Bart die Bewegungen der Lippen, die vielleicht beim Verstehen geholfen hätten. K. sah viele Unannehmlichkeiten voraus. Vorläufig gab er es auf, den Italiener verstehen zu wollen. Neben dem Direktor, der ihn so leicht verstand, wäre das eine unnötige Anstrengung gewesen. K. beobachtete ihn nur noch missmutig. Der Italiener ruhte tief und doch leicht in dem Sessel. Öfter zupfte er an seiner kurzen, scharf geschnittenen Jacke. Einmal hob er die Arme und versuchte, mit lockeren Handgelenken irgendetwas darzustellen. K. beugte sich vor und ließ die Hände nicht aus den Augen, aber er konnte es nicht begreifen.

Sonst hatte K. nichts zu tun und folgte nur mechanisch mit den Blicken dem Hin und Her der Reden. Schließlich spürte er wieder seine frühere Müdigkeit. Einmal bemerkte er zu seinem Schrecken, dass er in der Zerstreutheit gerade hatte aufstehen, sich umdrehen und weggehen wollen. Zum Glück bemerkte er es noch rechtzeitig.

Endlich sah der Italiener auf die Uhr und sprang auf. Er verabschiedete sich vom Direktor. Dann drängte er sich so dicht an K., dass K. seinen Sessel zurückschieben musste, um sich bewegen zu können. Der Direktor erkannte gewiss an K.s Augen, in welcher Not er gegenüber diesem Italienisch war. Er mischte sich in das Gespräch. Das tat er so klug und zart, dass es aussah, als ob er nur kleine Ratschläge hinzufügte. In Wirklichkeit aber machte er K. in aller Kürze alles verständlich, was der Italiener sagte. Der Italiener fiel ihm dabei unermüdlich ins Wort.

So erfuhr K., dass der Italiener vorläufig noch einige Geschäfte zu erledigen habe. Er werde leider auch insgesamt nur wenig Zeit haben. Er wolle auf keinen Fall in Eile alle Sehenswürdigkeiten ablaufen. Vielmehr habe er beschlossen, nur den Dom zu besichtigen, diesen aber gründlich. Das gelte allerdings nur, wenn K. zustimme, denn die Entscheidung liege bei ihm allein. Er freue sich sehr, diese Besichtigung in Begleitung eines so gelehrten und liebenswürdigen Mannes zu machen. Damit war K. gemeint. K. war aber nur damit beschäftigt, den Italiener zu überhören und die Worte des Direktors schnell aufzufassen. Wenn K. die Zeit passe, bitte er ihn, in zwei Stunden im Dom zu sein, etwa um 10 Uhr. Er selbst hoffe, um diese Zeit bestimmt schon dort sein zu können.

K. antwortete etwas Passendes. Der Italiener drückte zuerst dem Direktor die Hand, dann K., dann noch einmal dem Direktor. Dann ging er zur Tür, und die beiden folgten ihm. Er wandte sich ihnen nur noch halb zu, aber er hörte immer noch nicht auf zu reden.

K. blieb danach noch eine Weile beim Direktor, der heute besonders krank aussah. Der Direktor glaubte, er müsse sich bei K. irgendwie entschuldigen. Sie standen vertraulich nahe beieinander. Zuerst habe er selbst mit dem Italiener gehen wollen, sagte er. Aber dann habe er beschlossen, lieber K. zu schicken. Einen näheren Grund gab er nicht an. Wenn K. den Italiener nicht gleich am Anfang verstehe, solle er sich dadurch nicht verwirren lassen. Das Verständnis komme sehr schnell. Und auch wenn er vieles gar nicht verstehen sollte, sei das nicht so schlimm. Denn für den Italiener sei es gar nicht so wichtig, verstanden zu werden. Übrigens sei K.s Italienisch überraschend gut, und er werde die Sache gewiss ausgezeichnet schaffen. Damit war K. verabschiedet.

In der Zeit, die ihm noch blieb, schrieb er seltene Wörter aus dem Wörterbuch heraus. Er brauchte sie für die Führung im Dom. Es war eine äußerst lästige Arbeit. Diener brachten die Post. Beamte kamen mit verschiedenen Anfragen. Sie sahen, dass K. beschäftigt war, und blieben an der Tür stehen. Aber sie gingen nicht weg, bis K. sie angehört hatte. Der Direktor-Stellvertreter ließ es sich nicht entgehen, K. zu stören. Er kam öfter herein, nahm ihm das Wörterbuch aus der Hand und blätterte offenbar ganz sinnlos darin. Wenn sich die Tür öffnete, tauchten sogar Kunden im Halbdunkel des Vorzimmers auf und verbeugten sich zögernd. Sie wollten auf sich aufmerksam machen, waren aber nicht sicher, ob man sie sah. Das alles bewegte sich um K. wie um einen Mittelpunkt. Er selbst stellte die Wörter zusammen, die er brauchte, und suchte sie im Wörterbuch. Dann schrieb er sie heraus, übte ihre Aussprache und versuchte schließlich, sie auswendig zu lernen. Aber sein früheres gutes Gedächtnis schien ihn ganz verlassen zu haben. Diese Anstrengung machte ihm der Italiener. Manchmal wurde er so wütend auf ihn, dass er das Wörterbuch unter Papieren vergrub. Er hatte die feste Absicht, sich nicht mehr vorzubereiten. Aber dann sah er etwas ein. Er konnte vor den Kunstwerken im Dom doch nicht stumm mit dem Italiener auf und ab gehen. Und mit noch größerer Wut zog er das Wörterbuch wieder hervor.

Genau um halb zehn, als er gerade weggehen wollte, klingelte das Telefon. Leni wünschte ihm einen guten Morgen und fragte, wie es ihm gehe. K. dankte eilig. Er sagte, er könne jetzt unmöglich ein Gespräch führen, denn er müsse in den Dom.

„In den Dom?“, fragte Leni.

„Nun ja, in den Dom.“

„Warum denn in den Dom?“, sagte Leni.

K. versuchte, es ihr kurz zu erklären. Aber kaum hatte er damit angefangen, sagte Leni plötzlich: „Sie hetzen dich.“

K. ertrug kein Mitleid, um das er nicht gebeten und das er nicht erwartet hatte. Er verabschiedete sich mit zwei Worten. Aber während er den Hörer an seinen Platz hängte, sagte er doch noch etwas. Er sprach halb zu sich, halb zu dem fernen Mädchen, das es nicht mehr hörte: „Ja, sie hetzen mich.“

Nun war es aber schon spät. Es bestand fast schon die Gefahr, dass er nicht rechtzeitig ankam. Er fuhr im Automobil hin. Im letzten Augenblick hatte er noch an das Album gedacht. Am Morgen hatte er keine Gelegenheit gefunden, es zu übergeben, und deshalb nahm er es jetzt mit. Er hielt es auf den Knien und trommelte während der ganzen Fahrt unruhig darauf. Der Regen war schwächer geworden, aber es war feucht, kühl und dunkel. Man würde im Dom wenig sehen. Aber K.s Erkältung würde sich dort durch das lange Stehen auf den kalten Fliesen sehr verschlimmern.

Der Domplatz war ganz leer. K. erinnerte sich an etwas, das ihm schon als kleinem Kind aufgefallen war. In den Häusern an diesem engen Platz waren immer fast alle Vorhänge heruntergelassen. Bei dem heutigen Wetter war das allerdings verständlicher als sonst. Auch im Dom schien niemand zu sein. Natürlich kam jetzt niemand auf die Idee, hierherzukommen. K. lief durch beide Seitenschiffe. Er traf nur eine alte Frau, die in ein warmes Tuch gehüllt vor einem Marienbild kniete und es ansah. Von weitem sah er dann noch einen hinkenden Diener in einer Tür in der Mauer verschwinden.

K. war pünktlich gekommen. Gerade als er eintrat, hatte es 10 geschlagen. Aber der Italiener war noch nicht da. K. ging zum Haupteingang zurück und stand dort eine Zeit lang unentschlossen. Dann ging er im Regen einmal um den Dom herum. Er wollte nachsehen, ob der Italiener vielleicht an irgendeinem Seiteneingang wartete. Er war nirgends zu finden. Hatte der Direktor vielleicht die Zeit falsch verstanden? Wie konnte man diesen Menschen auch richtig verstehen. Wie es auch sein mochte, jedenfalls musste K. zunächst eine halbe Stunde auf ihn warten.

Da er müde war, wollte er sich setzen. Er ging wieder in den Dom. Auf einer Stufe fand er einen kleinen Fetzen, der wie ein Teppich aussah. Er zog ihn mit der Fußspitze vor eine nahe Bank. Dann wickelte er sich fester in seinen Mantel, stellte den Kragen hoch und setzte sich. Um sich abzulenken, schlug er das Album auf und blätterte ein wenig darin. Aber bald musste er aufhören. Denn es wurde so dunkel, dass er im nahen Seitenschiff kaum noch eine Einzelheit erkennen konnte, als er aufblickte.

In der Ferne funkelte auf dem Hauptaltar ein großes Dreieck aus Kerzenlichtern. K. hätte nicht sicher sagen können, ob er sie schon früher gesehen hatte. Vielleicht waren sie erst jetzt angezündet worden. Die Kirchendiener schleichen von Beruf, man bemerkt sie nicht. Als K. sich zufällig umdrehte, sah er nicht weit hinter sich auch eine hohe, starke Kerze brennen. Sie war an einer Säule befestigt. Das war schön. Aber für die Altarbilder, die meistens im Dunkel der Seitenaltäre hingen, reichte dieses Licht überhaupt nicht. Es machte die Dunkelheit eher noch größer.

Der Italiener hatte ebenso vernünftig wie unhöflich gehandelt, als er nicht gekommen war. Man hätte nichts sehen können. Man hätte nur mit K.s elektrischer Taschenlampe einige Bilder Stück für Stück absuchen können. Um zu prüfen, was man davon erwarten konnte, ging K. zu einer nahen kleinen Seitenkapelle. Er stieg ein paar Stufen hinauf bis zu einer niedrigen Brüstung aus Marmor. Er beugte sich darüber und beleuchtete mit der Lampe das Altarbild. Davor schwebte störend das ewige Licht.

Das Erste, was K. sah und zum Teil erriet, war ein großer Ritter in einer Rüstung. Er war ganz am Rand des Bildes dargestellt. Er stützte sich auf sein Schwert, das er vor sich in den kahlen Boden gestoßen hatte. Nur einige Grashalme wuchsen hier und da hervor. Der Ritter schien aufmerksam etwas zu beobachten, das vor ihm geschah. Es war erstaunlich, dass er so stehen blieb und nicht näher kam. Vielleicht sollte er Wache stehen. K. hatte schon lange keine Bilder mehr gesehen. Er betrachtete den Ritter längere Zeit, obwohl er immer wieder mit den Augen zwinkern musste. Denn er vertrug das grüne Licht der Lampe nicht. Dann ließ er das Licht über den übrigen Teil des Bildes gleiten. Er fand eine Grablegung Christi in der gewöhnlichen Art, und es war übrigens ein neueres Bild. Er steckte die Lampe ein und ging zu seinem Platz zurück.

Es war nun wahrscheinlich schon unnötig, auf den Italiener zu warten. Aber draußen regnete es gewiss in Strömen. Und da es hier nicht so kalt war, wie K. erwartet hatte, beschloss er, vorläufig hierzubleiben. In seiner Nähe war die große Kanzel. Auf ihrem kleinen runden Dach waren halb liegend zwei leere goldene Kreuze angebracht, deren äußerste Spitzen sich kreuzten. Die Außenwand der Brüstung und der Übergang zur tragenden Säule bestanden aus grünem Laubwerk. Kleine Engel griffen hinein, bald lebhaft, bald ruhend. K. trat vor die Kanzel und untersuchte sie von allen Seiten. Der Stein war überaus sorgfältig bearbeitet. Das tiefe Dunkel zwischen dem Laubwerk und dahinter schien wie eingefangen und festgehalten. K. legte seine Hand in eine solche Lücke und tastete dann vorsichtig den Stein ab. Er hatte bisher gar nicht gewusst, dass es diese Kanzel gab.

Da bemerkte er zufällig hinter der nächsten Bankreihe einen Kirchendiener. Er stand dort in einer hängenden, faltigen schwarzen Jacke. In der linken Hand hielt er eine Schnupftabakdose, und er betrachtete K.

„Was will denn der Mann?“, dachte K. „Bin ich ihm verdächtig? Will er ein Trinkgeld?“

Als der Kirchendiener nun sah, dass K. ihn bemerkt hatte, zeigte er mit der rechten Hand in irgendeine unbestimmte Richtung. Zwischen zwei Fingern hielt er noch eine Prise Tabak. Sein Benehmen war fast unverständlich. K. wartete noch eine Weile. Aber der Kirchendiener hörte nicht auf, mit der Hand etwas zu zeigen, und nickte noch dazu mit dem Kopf.

„Was will er denn?“, fragte K. leise. Er wagte es nicht, hier zu rufen. Dann aber zog er die Geldtasche heraus und drängte sich durch die nächste Bank, um zu dem Mann zu kommen. Doch dieser machte sofort eine abwehrende Handbewegung, zuckte die Schultern und hinkte davon. So ähnlich wie dieses eilige Hinken war der Gang, mit dem K. als Kind das Reiten auf Pferden nachzuahmen versucht hatte.

„Ein kindischer Alter“, dachte K., „sein Verstand reicht nur noch für den Kirchendienst aus. Wie er stehen bleibt, wenn ich stehe, und wie er aufpasst, ob ich weitergehen will.“

Lächelnd folgte K. dem Alten durch das ganze Seitenschiff fast bis zur Höhe des Hauptaltars. Der Alte hörte nicht auf, etwas zu zeigen. Aber K. drehte sich absichtlich nicht um. Das Zeigen hatte doch keinen anderen Zweck, als ihn von der Spur des Alten abzubringen. Schließlich ließ er wirklich von ihm ab. Er wollte ihn nicht zu sehr ängstigen. Auch wollte er diese Erscheinung nicht ganz verscheuchen, falls der Italiener doch noch kommen sollte.

Er trat in das Hauptschiff, um seinen Platz zu suchen, denn dort hatte er das Album liegen lassen. Da bemerkte er an einer Säule eine kleine Nebenkanzel. Sie stand fast direkt neben den Bänken des Altarchors. Sie war ganz einfach, aus kahlem, bleichem Stein. Sie war so klein, dass sie aus der Ferne wie eine noch leere Nische für eine Statue aussah. Der Prediger konnte gewiss keinen vollen Schritt von der Brüstung zurücktreten. Außerdem begann das steinerne Gewölbe der Kanzel ungewöhnlich tief. Es hatte keinen Schmuck und stieg stark gebogen in die Höhe. Deshalb konnte ein mittelgroßer Mann dort nicht aufrecht stehen. Er musste sich dauernd über die Brüstung vorbeugen. Das Ganze war wie für die Qual des Predigers gemacht. Es war unverständlich, wozu man diese Kanzel brauchte. Man hatte doch die andere, große und so kunstvoll geschmückte Kanzel.

Auch diese kleine Kanzel wäre K. gewiss nicht aufgefallen, wenn oben nicht eine Lampe befestigt gewesen wäre. Solche Lampen stellt man gewöhnlich kurz vor einer Predigt bereit. Sollte jetzt etwa eine Predigt stattfinden? In der leeren Kirche? K. sah die Treppe hinunter, die sich an die Säule schmiegte und zur Kanzel führte. Sie war so schmal, als sollte sie nicht für Menschen, sondern nur zum Schmuck der Säule dienen. Aber unten an der Kanzel stand wirklich der Geistliche, und K. lächelte vor Staunen. Der Geistliche hielt die Hand am Geländer, bereit hinaufzusteigen, und sah zu K. hin. Dann nickte er ganz leicht mit dem Kopf. Darauf bekreuzigte sich K. und verbeugte sich, was er schon früher hätte tun sollen. Der Geistliche gab sich einen kleinen Schwung und stieg mit kurzen, schnellen Schritten die Kanzel hinauf.

Sollte wirklich eine Predigt beginnen? War der Kirchendiener vielleicht doch nicht ganz ohne Verstand? Hatte er K. dem Prediger zutreiben wollen? Das war in der leeren Kirche allerdings äußerst notwendig gewesen. Übrigens gab es ja noch irgendwo vor einem Marienbild eine alte Frau, die auch hätte kommen sollen. Und wenn es schon eine Predigt sein sollte, warum begann sie nicht mit der Orgel? Aber die Orgel blieb still und glänzte nur schwach aus dem Dunkel ihrer großen Höhe.

K. überlegte, ob er jetzt nicht schnell weggehen sollte. Wenn er es jetzt nicht tat, gab es keine Aussicht, dass er es während der Predigt tun konnte. Dann musste er bleiben, solange sie dauerte. Im Büro verlor er so viel Zeit. Auf den Italiener zu warten, dazu war er längst nicht mehr verpflichtet. Er sah auf seine Uhr, es war 11. Aber konnte denn wirklich gepredigt werden? Konnte K. allein die Gemeinde sein? Und wenn er ein Fremder gewesen wäre, der nur die Kirche besichtigen wollte? Im Grunde war er auch nichts anderes. Es war unsinnig, an eine Predigt zu denken, jetzt um 11 Uhr, an einem Werktag bei diesem schrecklichen Wetter. Es war zweifellos ein Geistlicher, ein junger Mann mit glattem, dunklem Gesicht. Er ging offenbar nur hinauf, um die Lampe zu löschen, die aus Versehen angezündet worden war.

Aber so war es nicht. Der Geistliche prüfte vielmehr das Licht und drehte es noch ein wenig höher. Dann wandte er sich langsam der Brüstung zu und fasste sie vorn am kantigen Rand mit beiden Händen. So stand er eine Zeit lang und blickte umher, ohne den Kopf zu bewegen. K. war ein großes Stück zurückgewichen und lehnte mit den Ellbogen an der vordersten Kirchenbank. Mit unsicheren Augen sah er irgendwo, ohne genau zu wissen wo, den Kirchendiener. Der kauerte sich mit krummem Rücken friedlich zusammen, als ob er seine Aufgabe erledigt hätte. Was für eine Stille herrschte jetzt im Dom! Aber K. musste sie stören, denn er wollte nicht hierbleiben. Vielleicht war es die Pflicht des Geistlichen, zu einer bestimmten Stunde zu predigen, ganz gleich unter welchen Umständen. Dann sollte er es tun. Es würde auch ohne K.s Hilfe gelingen, und K.s Anwesenheit würde die Wirkung gewiss nicht steigern.

Langsam setzte sich K. also in Bewegung. Auf den Fußspitzen tastete er sich an der Bank entlang. Dann kam er auf den breiten Hauptweg, und auch dort störte ihn nichts. Nur klang der Steinboden unter dem leisesten Schritt, und die Gewölbe hallten davon wider. Das Echo war schwach, aber es hörte nicht auf, und es lief vielfach und gesetzmäßig weiter. K. fühlte sich ein wenig verlassen, als er dort allein zwischen den leeren Bänken hindurchging, vielleicht vom Geistlichen beobachtet. Auch schien ihm die Größe des Doms gerade an der Grenze dessen zu liegen, was Menschen noch ertragen können. Als er zu seinem früheren Platz kam, griff er ohne Aufenthalt hastig nach dem Album, das dort lag, und nahm es an sich. Er hatte den Bereich der Bänke schon fast verlassen und näherte sich dem freien Raum vor dem Ausgang. Da hörte er zum ersten Mal die Stimme des Geistlichen. Eine mächtige, geübte Stimme. Wie drang sie durch den Dom, der bereit war, sie aufzunehmen! Aber der Geistliche rief nicht die Gemeinde. Es war ganz eindeutig, und es gab keine Ausreden, er rief: Josef K.!

K. blieb stehen und sah vor sich auf den Boden. Vorläufig war er noch frei. Er konnte noch weitergehen und durch eine der drei kleinen dunklen Holztüren verschwinden, die nicht weit vor ihm waren. Das würde eben bedeuten, dass er nicht verstanden hatte. Oder es würde bedeuten, dass er zwar verstanden hatte, sich aber nicht darum kümmern wollte. Wenn er sich aber umdrehte, war er festgehalten. Denn dann hatte er das Geständnis gemacht, dass er gut verstanden hatte. Er hatte dann gestanden, dass er wirklich der Gerufene war und dass er auch folgen wollte. Hätte der Geistliche noch einmal gerufen, wäre K. gewiss weggegangen. Aber alles blieb still, so lange K. auch wartete. Da drehte er doch ein wenig den Kopf, denn er wollte sehen, was der Geistliche jetzt machte. Er stand ruhig auf der Kanzel wie vorher. Aber man sah deutlich, dass er K.s Kopfbewegung bemerkt hatte. Es wäre ein kindliches Versteckspiel gewesen, wenn K. sich jetzt nicht ganz umgedreht hätte. Er tat es, und der Geistliche winkte ihn mit dem Finger näher. Da jetzt alles offen geschehen konnte, lief er mit langen, fliegenden Schritten zur Kanzel. Er tat es auch aus Neugier und um die Sache abzukürzen. Bei den ersten Bänken blieb er stehen. Aber dem Geistlichen schien die Entfernung noch zu groß. Er streckte die Hand aus und zeigte mit dem scharf gesenkten Zeigefinger auf eine Stelle direkt vor der Kanzel. K. folgte auch darin. An diesem Platz musste er den Kopf schon weit zurückbeugen, um den Geistlichen noch zu sehen.

„Du bist Josef K.“, sagte der Geistliche und hob eine Hand auf der Brüstung in einer unbestimmten Bewegung.

„Ja“, sagte K. Er dachte daran, wie offen er früher immer seinen Namen genannt hatte. Seit einiger Zeit war er ihm eine Last. Jetzt kannten auch Leute seinen Namen, die er zum ersten Mal traf. Wie schön war es, sich zuerst vorzustellen und erst dann gekannt zu werden.

„Du bist angeklagt“, sagte der Geistliche besonders leise.

„Ja“, sagte K., „man hat es mir mitgeteilt.“

„Dann bist du der, den ich suche“, sagte der Geistliche. „Ich bin der Gefängniskaplan.“

„Ach so“, sagte K.

„Ich habe dich hierher rufen lassen“, sagte der Geistliche, „um mit dir zu sprechen.“

„Ich wusste es nicht“, sagte K. „Ich bin hierhergekommen, um einem Italiener den Dom zu zeigen.“

„Lass das Nebensächliche“, sagte der Geistliche. „Was hältst du in der Hand? Ist es ein Gebetbuch?“

„Nein“, antwortete K., „es ist ein Album der städtischen Sehenswürdigkeiten.“

„Leg es aus der Hand“, sagte der Geistliche.

K. warf es so heftig weg, dass es aufklappte und mit zerdrückten Blättern ein Stück über den Boden rutschte.

„Weißt du, dass dein Prozess schlecht steht?“, fragte der Geistliche.

„Es scheint mir auch so“, sagte K. „Ich habe mir alle Mühe gegeben, aber bisher ohne Erfolg. Allerdings habe ich die Eingabe noch nicht fertig.“

„Wie stellst du dir das Ende vor?“, fragte der Geistliche.

„Früher dachte ich, es müsse gut enden“, sagte K., „jetzt zweifle ich manchmal selbst daran. Ich weiß nicht, wie es enden wird. Weißt du es?“

„Nein“, sagte der Geistliche, „aber ich fürchte, es wird schlecht enden. Man hält dich für schuldig. Dein Prozess wird vielleicht über ein niedriges Gericht gar nicht hinauskommen. Man hält wenigstens vorläufig deine Schuld für bewiesen.“

„Ich bin aber nicht schuldig“, sagte K. „Es ist ein Irrtum. Wie kann denn ein Mensch überhaupt schuldig sein. Wir sind hier doch alle Menschen, einer wie der andere.“

„Das ist richtig“, sagte der Geistliche, „aber so reden die Schuldigen gewöhnlich.“

„Hast auch du ein Vorurteil gegen mich?“, fragte K.

„Ich habe kein Vorurteil gegen dich“, sagte der Geistliche.

„Ich danke dir“, sagte K. „Alle anderen aber, die an dem Verfahren beteiligt sind, haben ein Vorurteil gegen mich. Sie übertragen es auch auf die Unbeteiligten. Meine Lage wird immer schwieriger.“

„Du verstehst die Tatsachen falsch“, sagte der Geistliche. „Das Urteil kommt nicht auf einmal, das Verfahren geht allmählich ins Urteil über.“

„So ist es also“, sagte K. und senkte den Kopf.

„Was willst du als Nächstes in deiner Sache tun?“, fragte der Geistliche.

„Ich will noch Hilfe suchen“, sagte K. und hob den Kopf, um zu sehen, wie der Geistliche das beurteilte. „Es gibt noch gewisse Möglichkeiten, die ich nicht genutzt habe.“

„Du suchst zu viel fremde Hilfe“, sagte der Geistliche missbilligend, „und besonders bei Frauen. Merkst du denn nicht, dass es nicht die wahre Hilfe ist.“

„Manchmal und sogar oft könnte ich dir recht geben“, sagte K., „aber nicht immer. Die Frauen haben eine große Macht. Wenn ich einige Frauen, die ich kenne, dazu bringen könnte, gemeinsam für mich zu arbeiten, müsste ich durchkommen. Besonders bei diesem Gericht, das fast nur aus Frauenjägern besteht. Zeig dem Untersuchungsrichter eine Frau aus der Ferne. Dann rennt er den Gerichtstisch und den Angeklagten um, nur um rechtzeitig hinzukommen.“

Der Geistliche neigte den Kopf zur Brüstung. Erst jetzt schien das Dach der Kanzel ihn niederzudrücken. Was für ein Unwetter mochte draußen sein? Das war kein trüber Tag mehr, das war schon tiefe Nacht. Kein gemaltes Glas der großen Fenster konnte die dunkle Wand auch nur mit einem Schimmer unterbrechen. Und gerade jetzt begann der Kirchendiener, die Kerzen auf dem Hauptaltar eine nach der anderen auszulöschen.

„Bist du mir böse?“, fragte K. den Geistlichen. „Du weißt vielleicht nicht, was für einem Gericht du dienst.“

Er bekam keine Antwort.

„Es sind doch nur meine Erfahrungen“, sagte K.

Oben blieb es immer noch still.

„Ich wollte dich nicht beleidigen“, sagte K.

Da schrie der Geistliche zu K. hinunter: „Siehst du denn nicht zwei Schritte weit?“

Es war im Zorn geschrien, aber gleichzeitig wie von einem, der jemanden fallen sieht. Weil er selbst erschrocken ist, schreit er unvorsichtig und ohne es zu wollen.

Nun schwiegen beide lange. Gewiss konnte der Geistliche K. in dem Dunkel unten nicht genau erkennen. K. dagegen sah den Geistlichen im Licht der kleinen Lampe deutlich. Warum kam der Geistliche nicht herunter? Eine Predigt hatte er ja nicht gehalten. Er hatte K. nur einige Mitteilungen gemacht. Wenn K. sie genau beachtete, würden sie ihm wahrscheinlich mehr schaden als nützen. Aber die gute Absicht des Geistlichen schien K. zweifellos zu sein. Wenn er herunterkäme, war es nicht unmöglich, dass K. sich mit ihm einigen würde. Es war auch nicht unmöglich, dass er von ihm einen entscheidenden und annehmbaren Rat bekäme. Dieser Rat würde ihm zum Beispiel nicht zeigen, wie man den Prozess beeinflussen konnte. Er würde ihm zeigen, wie man aus dem Prozess ausbrechen könnte. Wie man ihn umgehen könnte. Wie man außerhalb des Prozesses leben könnte. Diese Möglichkeit musste es geben, K. hatte in der letzten Zeit öfter daran gedacht. Kannte der Geistliche eine solche Möglichkeit, dann würde er sie vielleicht verraten, wenn man ihn darum bat. Das war möglich, obwohl er selbst zum Gericht gehörte. Und obwohl er sein sanftes Wesen unterdrückt und K. sogar angeschrien hatte, als K. das Gericht angegriffen hatte.

„Willst du nicht herunterkommen?“, sagte K. „Es ist doch keine Predigt zu halten. Komm zu mir herunter.“

„Jetzt kann ich schon kommen“, sagte der Geistliche. Vielleicht bereute er sein Schreien. Während er die Lampe von ihrem Haken löste, sagte er: „Ich musste zuerst aus der Entfernung mit dir sprechen. Sonst lasse ich mich zu leicht beeinflussen und vergesse meinen Dienst.“

K. erwartete ihn unten an der Treppe. Der Geistliche streckte ihm schon beim Hinuntergehen von einer oberen Stufe die Hand entgegen.

„Hast du ein wenig Zeit für mich?“, fragte K.

„So viel Zeit, wie du brauchst“, sagte der Geistliche und gab K. die kleine Lampe, damit er sie trug. Auch in der Nähe verlor sich eine gewisse Feierlichkeit nicht aus seinem Wesen.

„Du bist sehr freundlich zu mir“, sagte K. Sie gingen nebeneinander im dunklen Seitenschiff auf und ab. „Du bist eine Ausnahme unter allen, die zum Gericht gehören. Ich habe mehr Vertrauen zu dir als zu irgendjemandem von ihnen, und ich kenne schon so viele. Mit dir kann ich offen reden.“

„Täusche dich nicht“, sagte der Geistliche.

„Worin sollte ich mich denn täuschen?“, fragte K.

„In dem Gericht täuschst du dich“, sagte der Geistliche. „In den einleitenden Schriften zum Gesetz heißt es von dieser Täuschung:“

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später eintreten dürfe.

„Es ist möglich“, sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht.“

Das Tor zum Gesetz steht offen wie immer, und der Türhüter tritt zur Seite. Deshalb bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehen. Als der Türhüter das merkt, lacht er. Er sagt: „Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.“

Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet. Das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er. Aber jetzt sieht er sich den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer an. Er sieht seine große Spitznase und den langen, dünnen, schwarzen, tatarischen Bart. Da beschließt er doch, lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Hocker und lässt ihn seitlich von der Tür sitzen.

Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter macht mit ihm öfter kleine Verhöre. Er fragt ihn nach seiner Heimat und nach vielem anderen. Es sind aber teilnahmslose Fragen, wie große Herren sie stellen. Und zum Schluss sagt er ihm immer wieder, dass er ihn noch nicht einlassen könne.

Der Mann hat sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet. Er verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an. Aber er sagt dabei: „Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“

Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergisst die anderen Türhüter, und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. In den ersten Jahren verflucht er den unglücklichen Zufall laut. Später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch. In dem jahrelangen Studium des Türhüters hat er auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt. Deshalb bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen.

Schließlich werden seine Augen schwach. Er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur die Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der aus der Tür des Gesetzes bricht und nicht erlischt. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tod sammeln sich in seinem Kopf alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage. Diese Frage hat er dem Türhüter bisher noch nicht gestellt. Er winkt ihm zu, denn er kann seinen steif werdenden Körper nicht mehr aufrichten. Der Türhüter muss sich tief zu ihm hinunterbeugen, denn die Größenunterschiede haben sich sehr zum Nachteil des Mannes verändert.

„Was willst du denn jetzt noch wissen?“, fragt der Türhüter. „Du bist unersättlich.“

„Alle streben doch nach dem Gesetz“, sagt der Mann. „Wieso kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat.“

Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon am Ende ist. Um sein schwindendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an. „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“

„Der Türhüter hat also den Mann getäuscht“, sagte K. sofort. Die Geschichte zog ihn sehr stark an.

„Sei nicht voreilig“, sagte der Geistliche. „Übernimm nicht ungeprüft die fremde Meinung. Ich habe dir die Geschichte im Wortlaut der Schrift erzählt. Von Täuschung steht darin nichts.“

„Es ist aber klar“, sagte K., „und deine erste Deutung war ganz richtig. Der Türhüter hat die erlösende Mitteilung erst gemacht, als sie dem Mann nicht mehr helfen konnte.“

„Er wurde nicht früher gefragt“, sagte der Geistliche. „Bedenke auch, dass er nur Türhüter war. Als solcher hat er seine Pflicht erfüllt.“

„Warum glaubst du, dass er seine Pflicht erfüllt hat?“, fragte K. „Er hat sie nicht erfüllt. Seine Pflicht war es vielleicht, alle Fremden abzuwehren. Aber diesen Mann, für den der Eingang bestimmt war, hätte er einlassen müssen.“

„Du hast nicht genug Achtung vor der Schrift und veränderst die Geschichte“, sagte der Geistliche. „Die Geschichte enthält zwei wichtige Erklärungen des Türhüters über den Einlass in das Gesetz. Eine steht am Anfang, eine am Ende. Die eine Stelle lautet: dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Die andere lautet: Dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Gäbe es zwischen diesen beiden Erklärungen einen Widerspruch, dann hättest du recht, und der Türhüter hätte den Mann getäuscht. Nun gibt es aber keinen Widerspruch. Im Gegenteil, die erste Erklärung weist sogar auf die zweite hin. Man könnte fast sagen, dass der Türhüter über seine Pflicht hinausging. Denn er stellte dem Mann eine zukünftige Möglichkeit des Einlasses in Aussicht. Zu jener Zeit scheint es nur seine Pflicht gewesen zu sein, den Mann abzuweisen. Tatsächlich wundern sich viele Erklärer der Schrift, dass der Türhüter jene Andeutung überhaupt gemacht hat. Denn er scheint die Genauigkeit zu lieben und wacht streng über sein Amt.“

„Viele Jahre lang verlässt er seinen Posten nicht“, fuhr der Geistliche fort, „und schließt das Tor erst ganz zuletzt. Er ist sich der Wichtigkeit seines Dienstes sehr bewusst, denn er sagt: ‚Ich bin mächtig.‘ Er hat Ehrfurcht vor den Vorgesetzten, denn er sagt: ‚Ich bin nur der unterste Türhüter.‘ Er ist nicht geschwätzig, denn während der vielen Jahre stellt er nur, wie es heißt, ‚teilnahmslose Fragen‘. Er ist nicht bestechlich. Denn er sagt über ein Geschenk: ‚Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.‘ Wo es um die Erfüllung der Pflicht geht, lässt er sich weder rühren noch verbittern. Denn von dem Mann heißt es: ‚Er ermüdet den Türhüter durch seine Bitten.‘ Schließlich deutet auch sein Äußeres auf einen pedantischen Charakter hin. Das sind die große Spitznase und der lange, dünne, schwarze, tatarische Bart. Kann es einen pflichttreueren Türhüter geben.“

„Nun mischen sich aber in den Türhüter noch andere Wesenszüge“, fuhr der Geistliche fort. „Sie sind für den, der Einlass verlangt, sehr günstig. Und sie machen immerhin verständlich, dass er mit jener Andeutung einer zukünftigen Möglichkeit etwas über seine Pflicht hinausgehen konnte. Es ist nämlich nicht zu leugnen, dass er ein wenig einfältig und damit auch ein wenig eingebildet ist. Seine Äußerungen über seine Macht und über die Macht der anderen Türhüter mögen an sich richtig sein. Das gilt auch für seine Worte über ihren Anblick, den sogar er nicht ertragen kann. Ich sage, alle diese Äußerungen mögen an sich richtig sein. Aber die Art, wie er sie vorbringt, zeigt doch, dass seine Auffassung durch Einfalt und Überheblichkeit getrübt ist. Die Erklärer sagen dazu: ‚Richtiges Auffassen einer Sache und Missverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.‘ Jedenfalls muss man annehmen, dass jene Einfalt und Überheblichkeit die Bewachung des Eingangs doch schwächen. Das gilt, auch wenn sie sich vielleicht nur wenig zeigen. Es sind Lücken im Charakter des Türhüters.“

„Hinzu kommt“, fuhr der Geistliche fort, „dass der Türhüter von Natur aus freundlich zu sein scheint. Er ist durchaus nicht immer Amtsperson. Gleich in den ersten Augenblicken macht er einen Spaß. Er lädt den Mann zum Eintritt ein, obwohl sein Verbot ausdrücklich bestehen bleibt. Dann schickt er ihn nicht etwa fort. Sondern er gibt ihm, wie es heißt, einen Hocker und lässt ihn seitlich von der Tür sitzen. Er erträgt durch alle die Jahre geduldig die Bitten des Mannes. Er macht die kleinen Verhöre und nimmt die Geschenke an. Er lässt es vornehm zu, dass der Mann neben ihm laut flucht. Der Mann verflucht den unglücklichen Zufall, der den Türhüter hier aufgestellt hat. Alles das lässt auf Regungen des Mitleids schließen. Nicht jeder Türhüter hätte so gehandelt. Und schließlich beugt er sich auf einen Wink hin noch tief zu dem Mann hinunter. So gibt er ihm Gelegenheit zur letzten Frage. Der Türhüter weiß ja, dass alles zu Ende ist. Nur eine schwache Ungeduld spricht aus den Worten: ‚Du bist unersättlich.‘ Manche gehen in dieser Art der Erklärung sogar noch weiter. Sie meinen, die Worte ‚Du bist unersättlich‘ drücken eine Art freundschaftlicher Bewunderung aus. Diese ist allerdings nicht frei von Herablassung. Jedenfalls sieht die Gestalt des Türhüters so am Ende anders aus, als du glaubst.“

„Du kennst die Geschichte genauer als ich und schon längere Zeit“, sagte K.

Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte K.: „Du glaubst also, der Mann wurde nicht getäuscht?“

„Missverstehe mich nicht“, sagte der Geistliche. „Ich zeige dir nur die Meinungen, die es darüber gibt. Du musst nicht zu viel auf Meinungen achten. Die Schrift ist unveränderlich, und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber. In diesem Fall gibt es sogar eine Meinung, nach der gerade der Türhüter der Getäuschte ist.“

„Das ist eine weitgehende Meinung“, sagte K. „Wie wird sie begründet?“

„Die Begründung“, antwortete der Geistliche, „geht von der Einfalt des Türhüters aus. Man sagt, dass er das Innere des Gesetzes nicht kennt. Er kennt nur den Weg, den er vor dem Eingang immer wieder abgehen muss. Seine Vorstellungen vom Inneren gelten als kindlich. Man nimmt an, dass er selbst das fürchtet, wovor er dem Mann Angst machen will. Ja, er fürchtet es mehr als der Mann. Denn dieser will ja nichts anderes als eintreten, selbst als er von den schrecklichen Türhütern im Inneren gehört hat. Der Türhüter dagegen will nicht eintreten, wenigstens erfährt man nichts davon.“

„Andere sagen zwar“, fuhr der Geistliche fort, „dass er schon im Inneren gewesen sein muss. Denn er ist doch einmal in den Dienst des Gesetzes aufgenommen worden, und das könne nur im Inneren geschehen sein. Darauf ist zu antworten, dass er wohl auch durch einen Ruf aus dem Inneren zum Türhüter bestellt worden sein könnte. Und tief im Inneren dürfte er zumindest nicht gewesen sein. Denn schon den Anblick des dritten Türhüters kann er nicht mehr ertragen. Außerdem wird nicht berichtet, dass er in den vielen Jahren etwas vom Inneren erzählt hätte. Nur die Bemerkung über die Türhüter macht er. Es könnte ihm verboten sein, aber auch von einem Verbot hat er nichts erzählt. Aus alldem schließt man, dass er über das Aussehen und die Bedeutung des Inneren nichts weiß und sich darüber täuscht.“

„Aber auch über den Mann vom Lande soll er sich täuschen“, sagte der Geistliche. „Denn er ist diesem Mann untergeordnet und weiß es nicht. Dass er den Mann als einen Untergeordneten behandelt, erkennt man aus vielem, woran du dich noch erinnern dürftest. Dass er ihm aber tatsächlich untergeordnet ist, soll nach dieser Meinung ebenso deutlich sein. Vor allem steht der Freie über dem Gebundenen. Nun ist der Mann tatsächlich frei. Er kann hingehen, wohin er will. Nur der Eingang in das Gesetz ist ihm verboten, und überdies nur von einem Einzelnen, vom Türhüter. Wenn er sich auf den Hocker seitlich vom Tor setzt und dort sein Leben lang bleibt, so geschieht das freiwillig. Die Geschichte erzählt von keinem Zwang. Der Türhüter dagegen ist durch sein Amt an seinen Posten gebunden. Er darf sich nicht nach draußen entfernen. Allem Anschein nach darf er aber auch nicht in das Innere gehen, selbst wenn er es wollte. Außerdem steht er zwar im Dienst des Gesetzes, aber er dient nur für diesen Eingang. Also dient er auch nur für diesen Mann, denn für ihn allein ist dieser Eingang bestimmt. Auch aus diesem Grund ist er ihm untergeordnet. Es ist anzunehmen, dass er viele Jahre lang, ein ganzes Mannesalter lang, gewissermaßen nur leeren Dienst geleistet hat. Denn es wird gesagt, dass ein Mann kommt, also jemand im Mannesalter. Also musste der Türhüter lange warten, bis sich sein Zweck erfüllte. Und er musste so lange warten, wie es dem Mann beliebte, der doch freiwillig kam. Aber auch das Ende des Dienstes wird durch das Lebensende des Mannes bestimmt. Bis zum Ende bleibt er ihm also untergeordnet.“

„Und immer wieder wird betont“, sagte der Geistliche, „dass der Türhüter von alldem nichts zu wissen scheint. Daran sieht man aber nichts Auffälliges. Denn nach dieser Meinung täuscht sich der Türhüter noch viel schwerer, und zwar über seinen Dienst. Zuletzt spricht er nämlich vom Eingang und sagt: ‚Ich gehe jetzt und schließe ihn.‘ Aber am Anfang heißt es, dass das Tor zum Gesetz offensteht wie immer. Wenn es aber immer offensteht, dann heißt ‚immer‘: unabhängig von der Lebensdauer des Mannes, für den es bestimmt ist. Dann wird es auch der Türhüter nicht schließen können. Darüber gehen die Meinungen auseinander, was der Türhüter mit der Ankündigung will, dass er das Tor schließen wird. Will er nur eine Antwort geben oder seine Dienstpflicht betonen? Oder will er den Mann noch im letzten Augenblick in Reue und Trauer versetzen? Darin aber sind viele einig, dass er das Tor nicht wird schließen können. Sie glauben sogar, dass er wenigstens am Ende auch in seinem Wissen dem Mann untergeordnet ist. Denn dieser sieht den Glanz, der aus dem Eingang des Gesetzes bricht. Der Türhüter aber steht als Türhüter wohl mit dem Rücken zum Eingang. Und er zeigt auch durch keine Äußerung, dass er eine Veränderung bemerkt hätte.“

„Das ist gut begründet“, sagte K. Er hatte einzelne Stellen aus der Erklärung des Geistlichen halblaut für sich wiederholt. „Es ist gut begründet, und ich glaube nun auch, dass der Türhüter getäuscht ist. Dadurch bin ich aber von meiner früheren Meinung nicht abgekommen, denn beide decken sich teilweise. Es ist nicht entscheidend, ob der Türhüter klar sieht oder getäuscht wird. Ich sagte, der Mann wird getäuscht. Wenn der Türhüter klar sieht, könnte man daran zweifeln. Wenn der Türhüter aber getäuscht ist, dann muss sich seine Täuschung notwendig auf den Mann übertragen. Der Türhüter ist dann zwar kein Betrüger, aber so einfältig, dass er sofort aus dem Dienst gejagt werden müsste. Du musst doch bedenken, dass die Täuschung des Türhüters ihm selbst nichts schadet, dem Mann aber tausendfach.“

„Hier stößt du auf eine Gegenmeinung“, sagte der Geistliche. „Manche sagen nämlich, dass die Geschichte niemandem ein Recht gibt, über den Türhüter zu urteilen. Wie er uns auch erscheinen mag, er ist doch ein Diener des Gesetzes. Also gehört er zum Gesetz, also ist er dem menschlichen Urteil entzogen. Man darf dann auch nicht glauben, dass der Türhüter dem Mann untergeordnet ist. Er ist durch seinen Dienst auch nur an den Eingang des Gesetzes gebunden. Aber das ist unvergleichlich mehr, als frei in der Welt zu leben. Der Mann kommt erst zum Gesetz, der Türhüter ist schon dort. Er ist vom Gesetz zum Dienst bestellt. An seiner Würdigkeit zu zweifeln, hieße am Gesetz zweifeln.“

„Mit dieser Meinung stimme ich nicht überein“, sagte K. kopfschüttelnd. „Denn wenn man sich ihr anschließt, muss man alles, was der Türhüter sagt, für wahr halten. Dass das aber nicht möglich ist, hast du ja selbst ausführlich begründet.“

„Nein“, sagte der Geistliche, „man muss nicht alles für wahr halten, man muss es nur für notwendig halten.“

„Trübselige Meinung“, sagte K. „Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.“

K. sagte das abschließend, aber sein Endurteil war es nicht. Er war zu müde, um alle Folgerungen der Geschichte zu überblicken. Es waren auch ungewohnte Gedankengänge, in die sie ihn führte. Es waren unwirkliche Dinge, die sich besser für ein Gespräch unter Gerichtsbeamten eigneten als für ihn. Die einfache Geschichte hatte ihre Form verloren, und er wollte sie von sich abschütteln. Der Geistliche zeigte jetzt ein großes Zartgefühl. Er duldete es und nahm K.s Bemerkung schweigend auf, obwohl sie gewiss nicht mit seiner eigenen Meinung übereinstimmte.

Sie gingen eine Zeit lang schweigend weiter. K. hielt sich eng neben dem Geistlichen und wusste in der Dunkelheit nicht, wo er war. Die Lampe in seiner Hand war längst ausgegangen. Einmal glänzte direkt vor ihm die silberne Statue eines Heiligen, nur mit dem Schimmer des Silbers. Gleich darauf ging sie wieder ins Dunkel über. K. wollte nicht ganz auf den Geistlichen angewiesen bleiben. Deshalb fragte er ihn: „Sind wir jetzt nicht in der Nähe des Haupteingangs?“

„Nein“, sagte der Geistliche, „wir sind weit von ihm entfernt. Willst du schon fortgehen?“

K. hatte gerade jetzt nicht daran gedacht. Trotzdem sagte er sofort: „Gewiss, ich muss fortgehen. Ich bin Prokurist einer Bank, man wartet auf mich. Ich bin nur hergekommen, um einem ausländischen Geschäftsfreund den Dom zu zeigen.“

„Nun“, sagte der Geistliche und gab K. die Hand, „dann geh.“

„Ich kann mich aber im Dunkeln allein nicht zurechtfinden“, sagte K.

„Geh links zur Wand“, sagte der Geistliche. „Dann geh weiter die Wand entlang, ohne sie zu verlassen, und du wirst einen Ausgang finden.“

Der Geistliche hatte sich erst ein paar Schritte entfernt, aber K. rief schon sehr laut: „Bitte, warte noch.“

„Ich warte“, sagte der Geistliche.

„Willst du nicht noch etwas von mir?“, fragte K.

„Nein“, sagte der Geistliche.

„Du warst vorher so freundlich zu mir“, sagte K., „und hast mir alles erklärt. Jetzt aber entlässt du mich, als läge dir nichts an mir.“

„Du musst doch fortgehen“, sagte der Geistliche.

„Nun ja“, sagte K., „sieh das doch ein.“

„Sieh du zuerst ein, wer ich bin“, sagte der Geistliche.

„Du bist der Gefängniskaplan“, sagte K. und ging näher zu ihm hin. Seine sofortige Rückkehr in die Bank war nicht so notwendig, wie er es dargestellt hatte. Er konnte recht gut noch hierbleiben.

„Ich gehöre also zum Gericht“, sagte der Geistliche. „Warum sollte ich also etwas von dir wollen. Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entlässt dich, wenn du gehst.“

### Glossar

- **Kunstdenkmäler**: alte, wertvolle Bauwerke und Kunstwerke, zum Beispiel Kirchen.
- **Frühaufsteher**: ein Mensch, der morgens sehr früh aufsteht.
- **hetzen**: jemanden ständig antreiben und nicht zur Ruhe kommen lassen.
- **Seitenschiffe**: die langen Räume an den Seiten einer großen Kirche; in der Mitte liegt das Hauptschiff.
- **das ewige Licht**: eine kleine Lampe in einer Kirche, die immer brennt.
- **Grablegung Christi**: ein Bild, das zeigt, wie Jesus Christus ins Grab gelegt wird.
- **Kanzel**: ein erhöhter Platz in der Kirche, von dem der Priester spricht.
- **Schnupftabakdose**: eine kleine Dose für Tabak, den man durch die Nase einzieht.
- **bekreuzigte sich**: er machte mit der Hand das Zeichen des Kreuzes auf seinem Körper.
- **Gefängniskaplan**: ein Priester, der im Gefängnis arbeitet.
- **täuschen**: jemanden etwas Falsches glauben lassen; sich täuschen: etwas Falsches glauben.
- **Türhüter**: ein Mann, der an einer Tür wacht und entscheidet, wer hineindarf.
- **Mann vom Lande**: ein einfacher Mann, der nicht aus der Stadt kommt.
- **tatarischen**: so wie bei den Tataren, einem Volk aus dem Osten.
- **Flöhe**: sehr kleine springende Tiere, die im Fell oder Pelz leben.
- **unersättlich**: so, dass man nie genug bekommt.
- **Erklärer**: gelehrte Menschen, die alte Schriften deuten.
- **pedantischen**: übertrieben genau und streng bei kleinen Dingen.
- **einfältig**: sehr einfach im Denken, nicht sehr klug.
- **untergeordnet**: niedriger im Rang; jemand steht unter einem anderen.

## Ende

Am Vorabend seines 31. Geburtstages kamen zwei Herren in K.s Wohnung. Es war gegen 9 Uhr abends, die Zeit der Stille auf den Straßen. Sie trugen Gehröcke, waren bleich und fett und hatten Zylinderhüte, die sich scheinbar nicht verrücken ließen. Bei der Wohnungstür gab es eine kleine Förmlichkeit darum, wer zuerst eintreten sollte. Vor K.s Tür wiederholte sich die gleiche Förmlichkeit in größerem Umfang.

K. war dieser Besuch nicht angekündigt worden. Trotzdem saß er, ebenfalls schwarz angezogen, in einem Sessel nahe der Tür. Er zog langsam neue Handschuhe an, die sich eng über die Finger spannten. Er hielt sich so, wie man Gäste erwartet. Er stand gleich auf und sah die Herren neugierig an.

„Sie sind also für mich bestimmt?“, fragte er.

Die Herren nickten. Einer zeigte mit dem Zylinderhut in der Hand auf den anderen. K. gab sich selbst zu, dass er einen anderen Besuch erwartet hatte. Er ging zum Fenster und sah noch einmal auf die dunkle Straße. Auch fast alle Fenster auf der anderen Straßenseite waren noch dunkel. In vielen waren die Vorhänge heruntergelassen. In einem beleuchteten Fenster des Stockwerks spielten kleine Kinder hinter einem Gitter miteinander. Sie konnten sich noch nicht von ihren Plätzen wegbewegen und tasteten mit den Händchen nacheinander.

„Alte, untergeordnete Schauspieler schickt man, um mich zu holen“, sagte sich K. Er sah sich um, um sich noch einmal davon zu überzeugen. „Man versucht, auf billige Weise mit mir fertig zu werden.“

K. wandte sich plötzlich ihnen zu und fragte: „An welchem Theater spielen Sie.“

„Theater?“, fragte der eine Herr mit zuckenden Mundwinkeln den anderen um Rat. Der andere benahm sich wie ein Stummer, der mit seinem widerspenstigen Körper kämpft.

„Sie sind nicht darauf vorbereitet, gefragt zu werden“, sagte sich K. und ging seinen Hut holen.

Schon auf der Treppe wollten sich die Herren bei K. einhängen. Aber K. sagte: „Erst auf der Straße, ich bin nicht krank.“ Gleich vor dem Tor aber hängten sie sich bei ihm ein. So war K. noch nie mit einem Menschen gegangen. Sie hielten die Schultern eng hinter seinen Schultern. Sie knickten die Arme nicht ein, sondern umschlangen damit K.s Arme in ihrer ganzen Länge. Unten fassten sie K.s Hände mit einem schulmäßigen, geübten, unwiderstehlichen Griff. K. ging steif und gerade zwischen ihnen. Alle drei bildeten jetzt eine solche Einheit: Hätte man einen von ihnen zerschlagen, wären alle zerschlagen gewesen. Es war eine Einheit, wie sie fast nur Lebloses bilden kann.

Unter den Laternen versuchte K. öfter, seine Begleiter deutlicher zu sehen. In der Dämmerung seines Zimmers war das nicht möglich gewesen. Auch hier war es schwer, weil sie so eng aneinander gingen. Vielleicht sind es Tenöre, dachte er, als er ihr schweres Doppelkinn sah. Er ekelte sich vor der Sauberkeit ihrer Gesichter. Man sah geradezu noch die säubernde Hand. Sie war in ihre Augenwinkel gefahren, hatte ihre Oberlippe gerieben und die Falten am Kinn ausgekratzt.

Als K. das bemerkte, blieb er stehen, und deshalb blieben auch die anderen stehen. Sie waren am Rand eines freien, menschenleeren Platzes mit Gartenanlagen.

„Warum hat man gerade Sie geschickt!“, rief er mehr, als er fragte.

Die Herren wussten scheinbar keine Antwort. Sie warteten mit dem hängenden freien Arm, wie Krankenpfleger, wenn der Kranke sich ausruhen will.

„Ich gehe nicht weiter“, sagte K. versuchsweise.

Darauf brauchten die Herren nicht zu antworten. Es genügte, dass sie den Griff nicht lockerten und K. von der Stelle wegzuheben versuchten. Aber K. leistete Widerstand. „Ich werde nicht mehr viel Kraft brauchen, ich werde jetzt alle einsetzen“, dachte er. Er dachte an die Fliegen, die von der Leimrute wegwollen, während ihre Beinchen zerreißen. „Die Herren werden schwere Arbeit haben.“

Da stieg vor ihnen aus einer tiefer gelegenen Straße auf einer kleinen Treppe Fräulein Bürstner zum Platz hinauf. Es war nicht ganz sicher, ob sie es war, die Ähnlichkeit war allerdings groß. K. war es aber auch nicht wichtig, ob es bestimmt Fräulein Bürstner war. Ihm wurde nur sofort klar, wie wertlos sein Widerstand war. Es war nichts Heldenhaftes, wenn er Widerstand leistete und den Herren jetzt Schwierigkeiten machte. Es war auch nichts Heldenhaftes, wenn er in der Abwehr noch den letzten Schein des Lebens zu genießen versuchte.

Er setzte sich in Bewegung. Das machte den Herren Freude, und von dieser Freude ging noch etwas auf ihn selbst über. Sie duldeten es jetzt, dass er die Richtung bestimmte. Er bestimmte sie nach dem Weg, den das Fräulein vor ihnen nahm. Er tat es nicht, weil er sie einholen wollte. Er tat es auch nicht, weil er sie möglichst lange sehen wollte. Er tat es nur, um die Mahnung nicht zu vergessen, die sie für ihn bedeutete.

Seine Schritte und die Schritte der beiden anderen gingen im gleichen Takt, und das bestätigte seine Gedanken. „Das Einzige, was ich jetzt tun kann“, sagte er sich. „Das Einzige, was ich jetzt tue: bis zum Ende den ruhig ordnenden Verstand behalten. Ich wollte immer mit zwanzig Händen in die Welt hineingreifen. Und dazu noch für einen Zweck, den man nicht billigen kann. Das war falsch. Soll ich nun zeigen, dass nicht einmal der einjährige Prozess mich etwas lehren konnte? Soll ich als ein Mensch abgehen, der nur schwer begreift? Soll man mir nachsagen dürfen, dass ich den Prozess am Anfang beenden und jetzt am Ende wieder beginnen will. Ich will nicht, dass man das sagt. Ich bin dankbar, dass man mir auf diesem Weg diese halbstummen, verständnislosen Herren mitgegeben hat. Und dass man es mir überlassen hat, mir selbst das Notwendige zu sagen.“

Das Fräulein war inzwischen in eine Seitenstraße abgebogen. Aber K. brauchte sie jetzt nicht mehr und überließ sich seinen Begleitern. Alle drei gingen nun in vollem Einverständnis über eine Brücke im Mondschein. Jeder kleinen Bewegung, die K. machte, gaben die Herren jetzt bereitwillig nach. Als er sich ein wenig zum Geländer wandte, drehten auch sie sich in ganzer Front dorthin. Das Wasser glänzte und zitterte im Mondlicht und teilte sich um eine kleine Insel. Dort häuften sich die Blätter von Bäumen und Sträuchern, wie zusammengedrängt. Unter ihnen führten Kieswege mit bequemen Bänken entlang, die jetzt nicht zu sehen waren. Auf diesen Bänken hatte K. sich in manchem Sommer gestreckt und gedehnt.

„Ich wollte ja gar nicht stehen bleiben“, sagte er zu seinen Begleitern, beschämt durch ihre Bereitwilligkeit. Der eine schien dem anderen hinter K.s Rücken einen sanften Vorwurf wegen des missverständlichen Stehenbleibens zu machen. Dann gingen sie weiter.

Sie kamen durch einige ansteigende Straßen, in denen hier und da Polizisten standen oder gingen. Manche waren in der Ferne, manche ganz nah. Einer hatte einen buschigen Schnurrbart und hielt die Hand am Griff des Säbels. Er trat wie mit Absicht nahe an die Gruppe heran, die nicht ganz unverdächtig war. Die Herren blieben zögernd stehen. Der Polizist schien schon den Mund zu öffnen. Da zog K. die Herren mit Kraft vorwärts. Öfter drehte er sich vorsichtig um, ob der Polizist nicht folgte. Als aber eine Ecke zwischen ihnen und dem Polizisten lag, begann K. zu laufen. Die Herren mussten trotz großer Atemnot mitlaufen.

So kamen sie schnell aus der Stadt hinaus, die in dieser Richtung fast ohne Übergang an die Felder grenzte. Ein kleiner Steinbruch, verlassen und öde, lag in der Nähe eines Hauses, das noch ganz städtisch war. Hier blieben die Herren stehen. Vielleicht war dieser Ort von Anfang an ihr Ziel gewesen. Vielleicht waren sie auch zu erschöpft, um weiterzulaufen. Jetzt ließen sie K. los, der stumm wartete. Sie nahmen die Zylinderhüte ab und sahen sich im Steinbruch um. Dabei wischten sie sich mit den Taschentüchern den Schweiß von der Stirn. Überall lag der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die keinem anderen Licht gegeben ist.

Sie tauschten einige Höflichkeiten darüber aus, wer die nächsten Aufgaben erledigen sollte. Die Herren schienen die Aufträge ungeteilt bekommen zu haben. Dann ging der eine zu K. und zog ihm die Jacke, die Weste und schließlich das Hemd aus. K. fröstelte, ohne es zu wollen. Darauf gab ihm der Herr einen leichten, beruhigenden Schlag auf den Rücken. Dann legte er die Sachen sorgfältig zusammen. Er tat es wie mit Dingen, die man noch brauchen wird, wenn auch nicht in allernächster Zeit. K. sollte in der immerhin kühlen Nachtluft nicht ohne Bewegung bleiben. Deshalb nahm ihn der Herr unter den Arm und ging mit ihm ein wenig auf und ab. Der andere Herr suchte währenddessen im Steinbruch nach irgendeiner passenden Stelle. Als er sie gefunden hatte, winkte er, und der erste Herr führte K. hin. Es war nahe an der Wand des Steinbruchs, dort lag ein losgebrochener Stein. Die Herren setzten K. auf die Erde, lehnten ihn an den Stein und legten seinen Kopf oben darauf. Trotz aller Anstrengung, die sie sich gaben, und obwohl K. ihnen entgegenkam, blieb seine Haltung sehr gezwungen und unglaubwürdig. Der eine Herr bat deshalb den anderen, ihm für eine Weile das Hinlegen K.s allein zu überlassen. Aber auch dadurch wurde es nicht besser. Schließlich ließen sie K. in einer Lage, die nicht einmal die beste von den bisher erreichten Lagen war.

Dann öffnete der eine Herr seinen Gehrock. An einem Gürtel um die Weste hing eine Scheide. Aus ihr nahm er ein langes, dünnes, auf beiden Seiten geschärftes Fleischermesser. Er hielt es hoch und prüfte die Schneiden im Licht. Wieder begannen die widerlichen Höflichkeiten. Der eine reichte das Messer über K. hinweg dem anderen, und dieser reichte es wieder über K. zurück. K. wusste jetzt genau, dass es seine Pflicht gewesen wäre, selbst zuzugreifen. Er hätte das Messer fassen müssen, als es von Hand zu Hand über ihm schwebte, und es sich hineinstoßen. Aber er tat es nicht, sondern drehte den noch freien Hals und sah umher. Ganz konnte er sich nicht bewähren, er konnte den Behörden nicht alle Arbeit abnehmen. Die Verantwortung für diesen letzten Fehler trug der, der ihm den Rest der dafür nötigen Kraft verweigert hatte.

Seine Blicke fielen auf das oberste Stockwerk des Hauses neben dem Steinbruch. Wie ein Licht aufzuckt, so flogen dort die Flügel eines Fensters auseinander. Ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor. Er streckte die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der Anteil nahm? Einer, der helfen wollte? War es ein Einzelner? Waren es alle? Gab es noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiss gab es solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? Er hob die Hände und spreizte alle Finger.

Aber an K.s Hals legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere ihm das Messer ins Herz stieß. Dort drehte er es zweimal. Mit sterbenden Augen sah K. noch die Herren, nahe vor seinem Gesicht. Sie lehnten Wange an Wange aneinander und beobachteten die Entscheidung. „Wie ein Hund!“, sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

### Glossar

- **Vorabend**: der Abend vor einem besonderen Tag.
- **Gehröcke**: lange, feine Jacken für Herren, die man früher zu feierlichen Anlässen trug.
- **Zylinderhüte**: hohe, feine Hüte für Herren.
- **Tenöre**: Sänger mit einer hohen Männerstimme.
- **Leimrute**: ein Stock mit Klebstoff, an dem kleine Tiere festkleben.
- **Mahnung**: etwas, das einen an etwas Wichtiges erinnert oder warnt.
- **Steinbruch**: ein Ort, wo man Steine aus dem Berg holt.
- **Scheide**: eine feste Hülle für ein Messer oder ein Schwert.
- **Fleischermesser**: ein großes Messer, wie es ein Metzger benutzt.
- **bewähren**: zeigen, dass man eine Aufgabe erfüllen kann.
- **Einwände**: Gründe, die man gegen etwas nennt.
