# Aus dem Leben eines Taugenichts (Ausgabe B1)

*Joseph von Eichendorff*

## Erstes Kapitel

Das Rad an der Mühle meines Vaters brauste und rauschte schon wieder ganz lustig. Der Schnee tropfte fleißig vom Dach. Die Spatzen zwitscherten und flatterten dazwischen herum. Ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen. In dem warmen Sonnenschein fühlte ich mich richtig wohl.

Da kam mein Vater aus dem Haus. Er war schon seit dem frühen Morgen in der Mühle herumgelaufen und hatte gearbeitet. Seine Schlafmütze saß schief auf dem Kopf. Er sagte zu mir: »Du Taugenichts! Da sonnst du dich schon wieder. Du streckst und reckst deine Knochen, bis sie müde sind, und lässt mich die ganze Arbeit allein machen. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür. Geh auch einmal hinaus in die Welt und verdiene dir selbst dein Brot.«

»Nun«, sagte ich, »wenn ich ein Taugenichts bin, dann ist es gut. Dann will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.«

Eigentlich war mir das sehr recht. Denn kurz vorher war mir selbst der Gedanke gekommen, auf Reisen zu gehen. Das kam von der Goldammer. Im Herbst und im Winter hatte sie immer traurig an unserem Fenster gesungen: Bauer, miet mich, Bauer, miet mich! Jetzt, in der schönen Frühlingszeit, hörte ich sie wieder ganz stolz und lustig vom Baum rufen: Bauer, behalt deinen Dienst!

Ich ging also ins Haus und holte meine Geige von der Wand. Ich spielte sie recht hübsch. Mein Vater gab mir noch ein paar Groschen für den Weg mit. Und so spazierte ich langsam durch das lange Dorf hinaus. Ich hatte eine richtige heimliche Freude, als ich rechts und links alle meine alten Bekannten und Kameraden zur Arbeit gehen sah. Sie gruben und pflügten, wie gestern und vorgestern und immer. Und ich zog währenddessen in die freie Welt hinaus. Ich rief den armen Leuten nach allen Seiten stolz und zufrieden Adjes zu. Aber keiner kümmerte sich sehr darum. In meinem Herzen war es wie ein ewiger Sonntag. Als ich endlich ins freie Feld kam, nahm ich meine liebe Geige hervor. Ich ging auf der Landstraße weiter, spielte und sang:

»Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.

Die Trägen, die zu Hause liegen,
Erquicket nicht das Morgenrot,
Sie wissen nur vom Kinderwiegen,
Von Sorgen, Last und Not um Brot.

Die Bächlein von den Bergen springen,
Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,
Was sollt ich nicht mit ihnen singen
Aus voller Kehl und frischer Brust?

Den lieben Gott laß ich nur walten;
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd und Himmel will erhalten,
Hat auch mein Sach aufs best bestellt!«

Während ich mich so umsah, kam eine prächtige Reisekutsche ganz nahe an mich heran. Sie fuhr wohl schon einige Zeit hinter mir her. Ich hatte es nicht gemerkt, weil mein Herz so voller Musik war. Denn der Wagen fuhr ganz langsam. Zwei vornehme Damen steckten die Köpfe aus dem Wagen und hörten mir zu. Die eine war besonders schön und jünger als die andere. Aber eigentlich gefielen mir alle beide. Als ich nun aufhörte zu singen, ließ die ältere den Wagen anhalten. Sie sprach mich sehr freundlich an: »Ei, lustiger Gesell, Er weiß ja recht hübsche Lieder zu singen.«

Ich war nicht faul und antwortete: »Wenn ich Euer Gnaden dienen darf: Ich wüsste noch viel schönere.«

Darauf fragte sie mich wieder: »Wohin wandert Er denn schon so früh am Morgen?«

Da schämte ich mich, weil ich das selbst nicht wusste. Deshalb sagte ich mutig: »Nach Wien.«

Nun sprachen die beiden miteinander in einer fremden Sprache, die ich nicht verstand. Die jüngere schüttelte ein paarmal den Kopf. Die andere aber lachte immerzu. Endlich rief sie mir zu: »Spring Er nur hinten mit auf, wir fahren auch nach Wien.«

Wer war froher als ich! Ich machte eine Verbeugung und war mit einem Sprung hinten auf dem Wagen. Der Kutscher knallte mit der Peitsche. Wir flogen über die glänzende Straße davon, so schnell, dass mir der Wind am Hut pfiff.

Hinter mir versanken nun das Dorf, die Gärten und die Kirchtürme. Vor mir tauchten neue Dörfer, Schlösser und Berge auf. Unter mir flogen Felder, Büsche und Wiesen bunt vorbei. Über mir sangen unzählige Lerchen in der klaren blauen Luft. Ich schämte mich, laut zu schreien. Aber innerlich jubelte ich. Ich strampelte und tanzte auf dem Trittbrett des Wagens herum. Dabei hätte ich beinahe meine Geige verloren, die ich unter dem Arm hielt. Dann aber stieg die Sonne immer höher. Rings am Horizont stiegen schwere weiße Mittagswolken auf. In der Luft und über dem weiten Land wurde alles so leer und schwül und still. Die Kornfelder bewegten sich nur leise wie Wellen. Da fiel mir erst wieder mein Dorf ein, und mein Vater und unsere Mühle. Ich dachte daran, wie kühl und gemütlich es dort an dem schattigen Weiher war. Und nun lag alles so weit, weit hinter mir. Mir war dabei so seltsam zumute, als müsste ich wieder umkehren. Ich steckte meine Geige zwischen Rock und Weste. Dann setzte ich mich voller Gedanken auf das Trittbrett und schlief ein.

Als ich die Augen öffnete, stand der Wagen still unter hohen Linden. Hinter den Bäumen führte eine breite Treppe zwischen Säulen in ein prächtiges Schloss. Seitlich durch die Bäume sah ich die Türme von Wien. Die Damen waren anscheinend schon lange ausgestiegen. Die Pferde waren ausgespannt. Ich erschrak sehr, weil ich auf einmal so allein dasaß. Schnell sprang ich in das Schloss hinein. Da hörte ich von oben aus einem Fenster lachen.

In diesem Schloss ging es mir seltsam. Zuerst sah ich mich in der weiten, kühlen Eingangshalle um. Da klopfte mir jemand mit einem Stock auf die Schulter. Ich drehte mich schnell um. Da stand ein großer Herr in prächtiger Amtskleidung. Über der Schulter trug er ein breites Band aus Gold und Seide, das bis zu den Hüften hing. In der Hand hielt er einen Stab, der oben versilbert war. In seinem Gesicht hatte er eine außerordentlich lange, gebogene kurfürstliche Nase. Er war breit und prächtig wie ein aufgeblasener Puter. Dieser Mann fragte mich, was ich hier wollte. Ich war ganz verblüfft. Vor Schreck und Staunen brachte ich kein Wort heraus. Dann rannten mehrere Diener die Treppe herauf und herunter. Sie sagten gar nichts, sondern sahen mich nur von oben bis unten an. Danach kam eine Kammerjungfer direkt auf mich zu. Dass sie eine Kammerjungfer war, hörte ich erst später. Sie sagte, ich sei ein charmanter Junge. Die gnädige Herrschaft lasse mich fragen, ob ich hier als Gärtnerbursche dienen wollte.

Ich griff nach meiner Weste. Meine paar Groschen waren weg! Weiß Gott, sie mussten beim Herumtanzen auf dem Wagen aus der Tasche gesprungen sein. Ich hatte nichts mehr als mein Geigenspiel. Und dafür wollte mir der Herr mit dem Stab nicht einmal einen Heller geben. Das sagte er mir nämlich im Vorbeigehen. In meiner großen Angst sagte ich deshalb zu der Kammerjungfer: »Ja.« Dabei sah ich immer noch von der Seite auf die unheimliche Gestalt. Der Mann ging nämlich in der Halle immerzu auf und ab, wie das Pendel einer Turmuhr. Gerade kam er wieder majestätisch und schaurig aus dem Hintergrund heran.

Zuletzt kam endlich der Gärtner. Er brummte etwas von Gesindel und Bauerlümmel in seinen Bart. Dann führte er mich in den Garten. Unterwegs hielt er mir noch eine lange Predigt. Ich sollte nur schön nüchtern und fleißig sein. Ich sollte nicht in der Welt herumziehen. Ich sollte keine brotlosen Künste und keine unnützen Sachen treiben. Dann könnte ich es mit der Zeit auch einmal zu etwas Rechtem bringen. – Es gab noch viele andere hübsche, gut gesagte, nützliche Lehren. Ich habe nur seitdem fast alles wieder vergessen. Überhaupt weiß ich eigentlich gar nicht recht, wie das alles so gekommen war. Ich sagte nur immerzu zu allem: Ja. Denn mir war zumute wie einem Vogel, dem man die Flügel nass gemacht hat. – So hatte ich also, Gott sei Dank, Arbeit und Brot. –

Im Garten lebte es sich schön. Ich bekam jeden Tag reichlich warmes Essen. Und ich hatte mehr Geld, als ich für Wein brauchte. Nur hatte ich leider ziemlich viel zu tun. Auch die Tempel, die Lauben und die schönen grünen Wege gefielen mir sehr gut. Ich wäre nur gern ruhig darin spazieren gegangen. Und ich hätte mich gern so vernünftig unterhalten wie die Herren und Damen, die jeden Tag dorthin kamen. Sobald der Gärtner fort und ich allein war, zog ich sofort meine kurze Tabakspfeife heraus. Ich setzte mich hin und dachte mir schöne, höfliche Sätze aus. Mit diesen Sätzen wollte ich die junge schöne Dame unterhalten, die mich ins Schloss mitgebracht hatte. Das wollte ich tun, wenn ich ein Kavalier wäre und mit ihr hier spazieren ginge. Oder ich legte mich an schwülen Nachmittagen auf den Rücken. Das tat ich, wenn alles so still war, dass man nur die Bienen summen hörte. Ich sah zu, wie über mir die Wolken in Richtung meines Dorfes flogen. Die Gräser und Blumen bewegten sich hin und her. Und ich dachte an die Dame. Dann geschah es oft, dass die schöne Frau wirklich in der Ferne durch den Garten ging. Sie trug eine Gitarre oder ein Buch. Sie war so still, groß und freundlich wie ein Engelsbild. So wusste ich nicht recht, ob ich träumte oder wach war.

So sang ich auch einmal vor mich hin, als ich gerade an einem Lusthaus vorbei zur Arbeit ging:

»Wohin ich geh und schaue,
In Feld und Wald und Tal,
Vom Berg ins Himmelsblaue,
Vielschöne gnädge Fraue,
Grüß ich dich tausendmal.«

Da sah ich aus dem dunklen, kühlen Lusthaus zwei schöne, junge, frische Augen hervorfunkeln. Sie blitzten zwischen den halb geöffneten Jalousien und den Blumen hervor, die dort standen. Ich war ganz erschrocken. Ich sang das Lied nicht zu Ende. Ohne mich umzusehen, ging ich fort an die Arbeit.

Am Abend – es war gerade ein Samstag – stand ich mit der Geige im Gartenhaus am Fenster. Ich freute mich schon auf den kommenden Sonntag und dachte noch an die funkelnden Augen. Da kam auf einmal die Kammerjungfer durch die Dämmerung herangeschlichen.

»Da schickt Euch die vielschöne gnädige Frau etwas. Das sollt Ihr auf ihre Gesundheit trinken. Eine gute Nacht auch!«

Mit diesen Worten stellte sie mir schnell eine Flasche Wein aufs Fensterbrett. Sofort war sie wieder zwischen den Blumen und Hecken verschwunden, wie eine Eidechse.

Ich aber stand noch lange vor der wunderbaren Flasche und wusste nicht, was mit mir geschehen war. – Vorher hatte ich schon lustig Geige gespielt. Aber jetzt spielte und sang ich erst richtig. Ich sang das Lied von der schönen Frau ganz zu Ende und dann alle Lieder, die ich kannte. Ich spielte, bis draußen alle Nachtigallen erwachten und Mond und Sterne schon lange über dem Garten standen. Ja, das war einmal eine gute, schöne Nacht!

Keinem wird an der Wiege gesungen, was später aus ihm wird. Eine blinde Henne findet manchmal auch ein Korn. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Unverhofft kommt oft. Der Mensch denkt, und Gott lenkt. So dachte ich nach, als ich am nächsten Tag wieder mit meiner Pfeife im Garten saß. Dabei sah ich aufmerksam an mir herunter. Da kam es mir fast so vor, als wäre ich eigentlich doch ein richtiger Lump. – Von nun an stand ich jeden Tag sehr früh auf, ganz gegen meine Gewohnheit. Ich stand auf, bevor sich der Gärtner und die anderen Arbeiter rührten. Da war es draußen im Garten so wunderschön. Die Blumen, die Springbrunnen, die Rosenbüsche und der ganze Garten funkelten in der Morgensonne. Sie glänzten wie lauter Gold und Edelsteine. In den hohen Buchenalleen war es noch so still, kühl und feierlich wie in einer Kirche. Nur die Vögel flatterten und pickten auf dem Sand. Direkt vor dem Schloss, gerade unter den Fenstern der schönen Frau, stand ein blühender Strauch. Dorthin ging ich immer am frühesten Morgen. Ich duckte mich hinter die Zweige und sah zu den Fenstern hinauf. Denn ich hatte nicht den Mut, mich offen zu zeigen. Da sah ich jedes Mal die allerschönste Dame ans offene Fenster treten. Sie war noch warm und halb verschlafen und trug ein schneeweißes Kleid. Mal flocht sie sich die dunkelbraunen Haare. Dabei ließ sie ihre schönen, lebhaften Augen über den Busch und den Garten wandern. Mal bog und band sie die Blumen, die vor ihrem Fenster standen. Oder sie nahm die Gitarre in ihren weißen Arm und sang dazu über den Garten hinaus. Sie sang so wunderbar, dass mir noch heute das Herz vor Wehmut schwer wird. Das passiert, wenn mir manchmal eines von den Liedern einfällt. – Und ach, das alles ist schon lange her!

So ging das wohl über eine Woche lang. Aber einmal stand sie gerade wieder am Fenster, und ringsum war alles still. Da flog mir eine dumme Fliege in die Nase. Ich musste schrecklich niesen, und das Niesen wollte gar nicht aufhören. Sie lehnte sich weit aus dem Fenster und sah mich Ärmsten hinter dem Strauch lauschen. – Nun schämte ich mich und kam viele Tage nicht mehr hin.

Endlich wagte ich es wieder. Aber diesmal blieb das Fenster zu. Ich saß vier, fünf, sechs Morgen hinter dem Strauch, aber sie kam nicht wieder ans Fenster. Da wurde mir die Zeit lang. Ich nahm meinen Mut zusammen. Nun ging ich jeden Morgen offen und frei am Schloss entlang, unter allen Fenstern vorbei. Aber die liebe schöne Frau kam einfach nicht. Ein Stück weiter sah ich dann immer die andere Dame am Fenster stehen. So genau hatte ich sie noch nie angesehen. Sie war wirklich recht schön rot und dick. Sie sah ganz prächtig und stolz aus, wie eine Tulpe. Ich machte ihr immer eine tiefe Verbeugung. Und ich kann es nicht anders sagen: Sie dankte mir jedes Mal. Dabei nickte sie und blinzelte ganz außerordentlich höflich mit den Augen. – Nur ein einziges Mal glaube ich gesehen zu haben, dass auch die Schöne an ihrem Fenster stand. Sie stand hinter der Gardine und guckte versteckt hervor. –

Viele Tage vergingen jedoch, ohne dass ich sie sah. Sie kam nicht mehr in den Garten. Sie kam nicht mehr ans Fenster. Der Gärtner nannte mich einen faulen Bengel. Ich hatte schlechte Laune. Wenn ich in Gottes freie Welt hinaussah, war mir sogar meine eigene Nasenspitze im Weg.

So lag ich an einem Sonntagnachmittag im Garten. Ich sah in die blauen Wolken meiner Tabakspfeife und ärgerte mich. Ich ärgerte mich, dass ich kein anderes Handwerk gelernt hatte. Dann hätte ich mich wenigstens auch auf einen blauen Montag freuen können. Die anderen Burschen waren inzwischen alle schön angezogen zu den Tanzsälen in der nahen Vorstadt gegangen. Dort wogte alles im Sonntagsstaat in der warmen Luft hin und her. Die Leute schwärmten zwischen den hellen Häusern und den wandernden Drehorgeln herum. Ich aber saß wie eine Rohrdommel im Schilf an einem einsamen Weiher im Garten. Ich schaukelte in dem Kahn, der dort angebunden war. Die Vesperglocken klangen aus der Stadt über den Garten herüber. Die Schwäne zogen auf dem Wasser langsam neben mir hin und her. Mir war so schwer ums Herz, als müsste ich sterben. –

Da hörte ich von weitem allerlei Stimmen, ein lustiges Durcheinander von Reden und Lachen. Es kam immer näher und näher. Dann schimmerten rote und weiße Tücher, Hüte und Federn durch das Grün. Auf einmal kam eine helle, bunte Gruppe von jungen Herren und Damen vom Schloss über die Wiese. Sie kamen direkt auf mich zu. Meine beiden Damen waren mitten unter ihnen. Ich stand auf und wollte weggehen. Da sah mich die ältere von den schönen Damen.

»Ei, das ist ja wie gerufen!«, rief sie mir lachend zu. »Fahr Er uns doch über den Teich an das andere Ufer!«

Nun stiegen die Damen eine nach der anderen vorsichtig und ängstlich in den Kahn. Die Herren halfen ihnen dabei. Sie machten sich ein wenig wichtig mit ihrem Mut auf dem Wasser. Als sich alle Frauen auf die Seitenbänke gesetzt hatten, stieß ich vom Ufer ab. Einer von den jungen Herren stand ganz vorn. Er fing heimlich an, das Boot zu schaukeln. Da drehten sich die Damen ängstlich hin und her, und einige schrien sogar. Die schöne Frau hielt eine Lilie in der Hand. Sie saß dicht am Rand des Bootes und sah still lächelnd in die klaren Wellen hinunter. Mit der Lilie berührte sie das Wasser. So war ihr ganzes Bild noch einmal im Wasser zu sehen, zwischen den gespiegelten Wolken und Bäumen. Sie sah aus wie ein Engel, der leise durch den tiefen blauen Himmel zieht.

Ich sah noch so zu ihr hin. Da hatte die andere, die lustige Dicke von meinen zwei Damen, plötzlich eine Idee. Ich sollte ihr während der Fahrt etwas vorsingen. Schnell drehte sich ein sehr zierlicher junger Herr zu ihr herum. Er hatte eine Brille auf der Nase und saß neben ihr. Er küsste ihr sanft die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen für die kluge Idee! Ein Volkslied, das vom Volk selbst in freiem Feld und Wald *gesungen* wird, ist ein Alpenröslein auf der Alpe selbst. Die Wunderhörner sind nur Herbarien. Das Volkslied ist die Seele der Nationalseele.«

Ich aber sagte, ich wüsste kein Lied, das für so feine Herrschaften schön genug wäre. Da sprach die schnippische Kammerjungfer. Sie stand mit einem Korb voller Tassen und Flaschen dicht neben mir. Ich hatte sie bis jetzt noch gar nicht bemerkt.

»Er weiß doch ein recht hübsches Liedchen von einer vielschönen Fraue.«

»Ja, ja, das sing Er nur ganz mutig!«, rief darauf sofort wieder die Dame.

Ich wurde über und über rot. – In diesem Moment blickte auch die schöne Frau auf einmal vom Wasser auf. Sie sah mich an, und das ging mir durch Leib und Seele. Da überlegte ich nicht lange. Ich fasste mir ein Herz und sang aus voller Brust und mit großer Freude:

»Wohin ich geh und schaue,
In Feld und Wald und Tal,
Vom Berg hinab in die Aue:
Vielschöne, hohe Fraue,
Grüß ich dich tausendmal.

In meinem Garten find ich
Viel Blumen, schön und fein,
Viel Kränze wohl draus wind ich,
Und tausend Gedanken bind ich
Und Grüße mit darein.

*Ihr* darf ich keinen reichen,
Sie ist zu hoch und schön,
Die müssen alle verbleichen,
Die Liebe nur ohnegleichen
Bleibt ewig im Herzen stehn.

Ich schein wohl froher Dinge
Und schaffe auf und ab,
Und ob das Herz zerspringe,
Ich grabe fort und singe
Und grab mir bald mein Grab.«

Wir kamen ans Land, und die Herrschaften stiegen alle aus. Viele von den jungen Herren hatten mich während meines Liedes vor den Damen verspottet. Sie hatten listige Gesichter gemacht und geflüstert. Ich hatte es wohl bemerkt. Der Herr mit der Brille nahm mich beim Weggehen an der Hand. Er sagte etwas zu mir, aber ich weiß selbst nicht mehr, was. Die ältere von meinen Damen sah mich sehr freundlich an. Die schöne Frau hatte während meines ganzen Liedes die Augen gesenkt. Nun ging auch sie fort und sagte gar nichts. – Mir aber standen schon beim Singen die Tränen in den Augen. Das Herz wollte mir von dem Lied zerspringen, vor Scham und vor Schmerz. Jetzt wurde mir auf einmal alles ganz klar. Ich sah, wie schön *sie* ist und wie arm ich bin, verspottet und von der Welt verlassen. – Und als sie alle hinter den Büschen verschwunden waren, konnte ich mich nicht länger halten. Ich warf mich ins Gras und weinte bitterlich.

### Glossar

- **Taugenichts**: ein Mensch, der nichts Nützliches tut; ein Faulenzer.
- **Goldammer**: ein kleiner gelber Singvogel.
- **Groschen / Heller**: alte, kleine Münzen; sehr wenig Geld.
- **Euer Gnaden**: sehr höfliche Anrede für Adlige.
- **Kammerjungfer**: eine Dienerin, die einer vornehmen Dame persönlich hilft.
- **kurfürstliche Nase**: eine sehr große, vornehme Nase (ein Witz des Erzählers).
- **Puter**: ein Truthahn; ein großer Vogel, der sich stolz aufbläst.
- **Gärtnerbursche**: ein junger Helfer des Gärtners.
- **Lusthaus**: ein kleines Haus im Park zum Ausruhen.
- **blauer Montag**: ein Montag, an dem man nicht arbeitet.
- **Rohrdommel**: ein Vogel, der still und allein im Schilf am Wasser sitzt.
- **Wunderhörner / Herbarien**: Wunderhörner: Bücher mit gesammelten Volksliedern; Herbarien: Sammlungen von getrockneten Pflanzen.
- **brausen**: laut rauschen, wie Wasser oder Wind.
- **zwitschern**: so singen kleine Vögel: hell und schnell.
- **recken**: strecken, lang machen.
- **Bauer, miet mich / behalt deinen Dienst**: der Ruf des Vogels: »Bauer, nimm mich als Knecht« und »Bauer, ich will deine Arbeit nicht«.
- **pflügen**: mit einem Pflug die Erde auf dem Feld umgraben.
- **Adjes**: alte Form von »Adieu«: auf Wiedersehen.
- **erquicken**: frisch und froh machen (im Lied: »Erquicket«).
- **Kehl / Erd**: im Lied kurz für »Kehle« (der Hals innen) und »Erde«.
- **Gesell**: alte Form von »Geselle«: junger Mann, Kamerad.
- **Kutscher**: der Mann, der den Wagen mit den Pferden lenkt.
- **gnädig**: »gnädige Frau«, »gnädige Herrschaft«: höfliche Anrede für vornehme Leute.
- **Lilie**: eine große, meist weiße Blume.

## Zweites Kapitel

Dicht am Garten der Herrschaft führte die Landstraße vorbei. Nur eine hohe Mauer trennte sie vom Garten. Dort stand ein sehr sauberes Zollhäuschen mit einem roten Ziegeldach. Hinter dem Häuschen lag ein kleiner Blumengarten mit einem bunten Zaun. Durch eine Lücke in der Mauer grenzte er an den Schlossgarten, und zwar an seinen schattigsten und verstecktesten Teil. Gerade war dort der Zolleinnehmer gestorben, der früher hier gewohnt hatte.

Eines Morgens lag ich noch im tiefsten Schlaf. Da kam früh der Schreiber vom Schloss zu mir. Er rief mich, ich sollte sofort zum Herrn Amtmann kommen. Ich zog mich schnell an und ging langsam hinter dem lustigen Schreiber her. Unterwegs brach er mal hier, mal dort eine Blume ab und steckte sie vorn an seinen Rock. Mal focht er mit seinem Spazierstöckchen kunstvoll in der Luft herum. Dabei redete er allerlei zu mir in den Wind hinein. Ich verstand aber nichts davon, denn meine Augen und Ohren waren noch voller Schlaf. Dann trat ich in die Kanzlei. Dort war es noch gar nicht richtig hell. Der Amtmann saß hinter einem riesigen Tintenfass, hinter Stapeln von Papier und Büchern und unter einer mächtigen Perücke. Er sah mich an wie eine Eule aus ihrem Nest und fing an: »Wie heißt Er? Woher ist Er? Kann Er schreiben, lesen und rechnen?«

Ich sagte Ja. Da antwortete er: »Na, die gnädige Herrschaft hat Ihm die freie Stelle als Einnehmer gegeben. Das ist wegen Seiner guten Führung und Seiner besonderen Verdienste.«

Ich dachte schnell für mich über mein bisheriges Benehmen und meine Manieren nach. Und ich musste zugeben: Am Ende fand ich selbst, dass der Amtmann recht hatte. – Und so war ich wirklich Zolleinnehmer geworden, ehe ich es selbst merkte.

Ich zog sofort in meine neue Wohnung und hatte mich bald eingerichtet. Ich fand dort noch mehrere Sachen, die der verstorbene Einnehmer seinem Nachfolger hinterlassen hatte. Darunter waren ein prächtiger roter Schlafrock mit gelben Punkten, grüne Pantoffeln, eine Schlafmütze und einige Pfeifen mit langen Rohren. Das alles hatte ich mir schon einmal gewünscht, als ich noch zu Hause war. Dort hatte ich nämlich immer unseren Pfarrer so gemütlich herumgehen sehen. Den ganzen Tag saß ich deshalb auf dem Bänkchen vor meinem Haus, in Schlafrock und Schlafmütze. Sonst hatte ich nämlich nichts zu tun. Ich rauchte Tabak aus der längsten Pfeife, die der verstorbene Einnehmer hinterlassen hatte. Und ich sah zu, wie die Leute auf der Landstraße hin und her gingen, fuhren und ritten. Ich wünschte mir nur immer, dass auch einmal ein paar Leute aus meinem Dorf vorbeikämen. Diese Leute hatten immer gesagt, aus mir würde mein Leben lang nichts. Sie sollten mich einmal so sehen! – Der Schlafrock stand mir gut, und überhaupt gefiel mir das alles sehr. So saß ich also da und dachte über allerlei nach. Ich dachte, dass aller Anfang schwer ist. Und ich dachte, dass das vornehmere Leben eigentlich doch sehr bequem ist. Heimlich fasste ich den Entschluss, von nun an nicht mehr zu reisen. Ich wollte auch Geld sparen wie die anderen. Mit der Zeit wollte ich es ganz sicher zu etwas Großem in der Welt bringen. Bei all meinen Plänen, Sorgen und Geschäften vergaß ich aber die allerschönste Frau keineswegs.

Die Kartoffeln und das andere Gemüse in meinem kleinen Garten warf ich hinaus. Stattdessen pflanzte ich überall die allerschönsten Blumen. Der Portier vom Schloss mit der großen kurfürstlichen Nase kam oft zu mir, seit ich hier wohnte. Er war mein intimer Freund geworden. Wegen der Blumen sah er mich nun bedenklich von der Seite an. Er hielt mich für einen, den sein plötzliches Glück verrückt gemacht hatte. Aber das störte mich nicht. Denn nicht weit von mir hörte ich im Garten der Herrschaft feine Stimmen sprechen. Ich glaubte, darunter die Stimme meiner schönen Frau zu erkennen. Sehen konnte ich wegen der dichten Büsche aber niemanden. Da band ich jeden Tag einen Strauß aus den schönsten Blumen, die ich hatte. Jeden Abend, wenn es dunkel wurde, stieg ich über die Mauer. Dort stand mitten in einer Laube ein steinerner Tisch. Darauf legte ich den Strauß. Und jeden Abend, wenn ich den neuen Strauß brachte, war der alte vom Tisch verschwunden.

Eines Abends war die Herrschaft zur Jagd geritten. Die Sonne ging gerade unter und bedeckte das ganze Land mit Glanz und Schimmer. Die Donau schlängelte sich prächtig in die weite Ferne, als wäre sie aus Gold und Feuer. Von allen Bergen bis tief ins Land hinein sangen und jubelten die Winzer. Ich saß mit dem Portier auf dem Bänkchen vor meinem Haus. In der lauen Luft freute ich mich, wie der lustige Tag vor uns langsam dunkel und still wurde. Da hörte man auf einmal von fern die Hörner der Jäger, die nach Hause kamen. Von den Bergen gegenüber antworteten sie einander ab und zu ganz lieblich. Ich war tief im Herzen glücklich. Ich sprang auf und rief wie verzaubert vor Freude: »Nein, das ist doch ein herrlicher Beruf, die edle Jägerei!«

Der Portier aber klopfte ruhig seine Pfeife aus und sagte: »Das stellt Ihr Euch nur so vor. Ich habe es auch mitgemacht. Man verdient kaum so viel, wie die Schuhsohlen kosten, die man dabei abläuft. Und Husten und Schnupfen wird man überhaupt nicht los. Das kommt von den ewig nassen Füßen.«

Ich weiß nicht, warum, aber da packte mich eine närrische Wut. Ich zitterte richtig am ganzen Körper. Auf einmal fand ich den ganzen Kerl abscheulich: seinen langweiligen Mantel, die ewigen Füße, seinen Schnupftabak, die große Nase, alles. – Ganz außer mir packte ich ihn an der Brust und sagte: »Portier, jetzt geht Ihr sofort nach Hause, oder ich verprügle Euch hier auf der Stelle!«

Bei diesen Worten dachte der Portier wieder, was er schon früher gedacht hatte: Ich sei verrückt geworden. Er sah mich bedenklich und mit heimlicher Angst an. Ohne ein Wort riss er sich von mir los. Mit langen Schritten ging er zum Schloss und sah sich dabei immer wieder unheimlich nach mir um. Im Schloss erzählte er atemlos, ich sei nun wirklich wahnsinnig geworden.

Ich aber musste am Ende laut lachen. Ich war von Herzen froh, den superklugen Gesellen los zu sein. Denn es war gerade die Zeit, zu der ich den Blumenstrauß immer in die Laube legte. Auch heute sprang ich schnell über die Mauer. Ich ging gerade auf das steinerne Tischchen zu. Da hörte ich in einiger Entfernung die Schritte von Pferden. Weglaufen konnte ich nicht mehr. Denn schon kam meine schöne gnädige Frau selbst langsam die Allee herabgeritten. Sie trug ein grünes Jagdkleid und auf dem Hut nickende Federn. Sie schien tief in Gedanken zu sein. Mir war genauso zumute wie früher beim Lesen in den alten Büchern meines Vaters. Darin hatte ich von der schönen Magelone gelesen. Auch sie kam so unter den hohen Bäumen hervor. Die Waldhörner klangen immer näher, und die Abendlichter wechselten. – Ich konnte mich nicht von der Stelle rühren. Sie aber erschrak heftig, als sie mich auf einmal sah. Fast ohne es zu wollen, hielt sie an. Ich war wie betrunken vor Angst, Herzklopfen und großer Freude. Dann bemerkte ich, dass sie wirklich meinen Blumenstrauß von gestern an der Brust trug. Da konnte ich mich nicht länger halten. Ganz verwirrt sagte ich: »Schönste gnädige Frau, nehmt auch noch diesen Blumenstrauß von mir! Nehmt alle Blumen aus meinem Garten und alles, was ich habe. Ach, könnte ich doch nur für Euch ins Feuer springen!«

Sie hatte mich gleich am Anfang so ernst und fast böse angesehen, dass es mir durch Mark und Bein ging. Aber solange ich redete, hielt sie die Augen tief gesenkt. Gerade hörte man einige Reiter und Stimmen im Gebüsch. Da nahm sie schnell den Strauß aus meiner Hand. Ohne ein Wort zu sagen, war sie bald am anderen Ende des Bogengangs verschwunden.

Seit diesem Abend hatte ich keine Ruhe mehr. Mir war immer zumute wie früher, wenn der Frühling anfangen sollte. Ich war so unruhig und fröhlich und wusste nicht, warum. Es war, als stünde mir ein großes Glück oder etwas anderes Außergewöhnliches bevor. Besonders das dumme Rechnen wollte mir jetzt gar nicht mehr gelingen. Oft fiel der Sonnenschein durch den Kastanienbaum vor dem Fenster grün und golden auf die Zahlen. Dann addierte ich schnell vom Übertrag bis zur Summe unten auf der Seite und wieder hinauf und hinunter. Dabei hatte ich ganz seltsame Gedanken. Manchmal wurde ich so verwirrt, dass ich wirklich nicht bis drei zählen konnte. Denn die Acht sah für mich immer aus wie meine dicke, eng geschnürte Dame mit dem breiten Kopfschmuck. Die böse Sieben war wie ein Wegweiser, der ewig rückwärts zeigt, oder sogar wie ein Galgen. – Am meisten Spaß machte mir noch die Neun. Oft stellte sie sich, ehe ich es merkte, lustig als Sechs auf den Kopf. Die Zwei aber sah so schlau aus wie ein Fragezeichen. Es war, als wollte sie mich fragen: Wohin soll das am Ende noch mit dir führen, du arme Null? Ohne *sie*, diese schlanke Eins und alles, bleibst du doch ewig nichts!

Auch das Sitzen draußen vor der Tür gefiel mir nicht mehr. Damit ich es bequemer hatte, nahm ich mir einen Schemel mit hinaus und legte die Füße darauf. Ich flickte einen alten Sonnenschirm vom Einnehmer. Ich steckte ihn gegen die Sonne über mich, wie ein chinesisches Lusthaus. Aber es half nichts. So saß ich da, rauchte und dachte nach. Dabei kam es mir vor, als würden meine Beine vor Langeweile allmählich immer länger. Und meine Nase schien vom Nichtstun zu wachsen, wenn ich stundenlang an ihr heruntersah. – Manchmal kam noch vor Sonnenaufgang eine Extrapost vorbei. Dann trat ich halb verschlafen in die kühle Luft hinaus. Ein hübsches kleines Gesicht beugte sich neugierig aus dem Wagen. In der Dämmerung sah man nur die funkelnden Augen. Es wünschte mir freundlich einen guten Morgen. In den Dörfern ringsum krähten die Hähne so frisch über die leise wogenden Kornfelder. Hoch am Himmel, zwischen den hellen Morgenstreifen, flogen schon einzelne Lerchen, die zu früh erwacht waren. Dann nahm der Postillion sein Posthorn, fuhr weiter und blies und blies. – Da stand ich lange und sah dem Wagen nach. Mir war, als müsste ich sofort mit, weit, weit in die Welt hinaus. –

Meine Blumensträuße legte ich inzwischen immer noch auf den steinernen Tisch in der dunklen Laube, sobald die Sonne unterging. Aber das war es ja: Seit jenem Abend war es damit vorbei. – Kein Mensch kümmerte sich mehr darum. Jedes Mal, wenn ich frühmorgens nachsah, lagen die Blumen noch da wie gestern. Sie hatten verwelkte, hängende Köpfchen mit Tautropfen darauf. Sie sahen mich richtig traurig an, als ob sie weinten. – Das ärgerte mich sehr. Ich band gar keinen Strauß mehr. In meinem Garten durfte nun auch das Unkraut wachsen, wie es wollte. Die Blumen ließ ich ruhig stehen und wachsen, bis der Wind die Blätter wegwehte. In meinem Herzen sah es ja genauso wild und bunt und durcheinander aus.

In dieser schwierigen Zeit geschah es einmal, dass ich zu Hause im Fenster lag. Ich sah schlecht gelaunt in die leere Luft hinaus. Da kam die Kammerjungfer vom Schloss mit kleinen, schnellen Schritten über die Straße. Als sie mich sah, kam sie schnell zu mir herüber und blieb am Fenster stehen.

»Der gnädige Herr ist gestern von seiner Reise zurückgekommen«, sagte sie eilig.

»So?«, antwortete ich erstaunt. Denn ich hatte mich schon seit einigen Wochen um nichts gekümmert. Ich wusste nicht einmal, dass der Herr verreist war. »Da wird sich seine Tochter, die junge gnädige Frau, auch sehr gefreut haben.«

Die Kammerjungfer sah mich seltsam von oben bis unten an. Deshalb musste ich richtig überlegen, ob ich etwas Dummes gesagt hatte.

»Er weiß aber auch gar nichts«, sagte sie endlich und rümpfte das kleine Näschen. »Nun«, fuhr sie fort, »heute Abend soll im Schloss zu Ehren des Herrn ein Tanz sein und eine Maskerade. Meine gnädige Frau wird auch maskiert sein, als Gärtnerin – versteht Er auch recht – als Gärtnerin. Nun hat die gnädige Frau gesehen, dass Er besonders schöne Blumen in Seinem Garten hat.«

Das ist seltsam, dachte ich bei mir. Man sieht doch jetzt vor lauter Unkraut fast keine Blume mehr.

Sie aber fuhr fort: »Die gnädige Frau braucht nun schöne Blumen für ihr Kostüm. Aber es müssen ganz frische sein, die gerade vom Beet kommen. Darum soll Er ihr welche bringen. Heute Abend, wenn es dunkel geworden ist, soll Er damit unter dem großen Birnbaum im Schlossgarten warten. Dann wird sie kommen und die Blumen abholen.«

Ich war ganz verblüfft vor Freude über diese Nachricht. Vor lauter Glück lief ich vom Fenster hinaus zu der Kammerjungfer. –

»Pfui, der hässliche Schlafrock!«, rief sie, als sie mich auf einmal so angezogen im Freien sah.

Das ärgerte mich. Ich wollte ihr aber zeigen, dass ich auch charmant sein konnte. Darum machte ich ein paar hübsche Luftsprünge, um sie zu fangen und zu küssen. Aber unglücklicherweise verwickelte sich dabei der Schlafrock unter meinen Füßen, denn er war mir viel zu lang. Ich fiel der Länge nach auf die Erde. Als ich mich wieder aufgerappelt hatte, war die Kammerjungfer schon weit fort. Ich hörte sie noch von fern lachen. Sie musste sich vor Lachen die Seiten halten.

Nun aber hatte ich etwas, worüber ich nachdenken und mich freuen konnte. *Sie* dachte ja noch immer an mich und an meine Blumen! Ich ging in meinen kleinen Garten und riss hastig alles Unkraut aus den Beeten. Ich warf es hoch über meinen Kopf in die schimmernde Luft. Es war, als zöge ich alles Böse und alle Traurigkeit mit der Wurzel heraus. Die Rosen waren nun wieder wie *ihr* Mund. Die himmelblauen Winden waren wie *ihre* Augen. Die schneeweiße Lilie mit ihrem traurig gesenkten Köpfchen sah ganz aus wie *sie*. Ich legte alle Blumen sorgfältig zusammen in ein Körbchen. Es war ein schöner, stiller Abend, und am Himmel war kein Wölkchen. Einzelne Sterne erschienen schon am Himmel. Von weitem rauschte die Donau über die Felder herüber. In den hohen Bäumen im Garten der Herrschaft neben mir sangen unzählige Vögel lustig durcheinander. Ach, ich war so glücklich!

Als endlich die Nacht kam, nahm ich mein Körbchen an den Arm und machte mich auf den Weg zum großen Garten. In dem Körbchen lag alles so bunt und hübsch durcheinander, weiß, rot, blau und duftend. Wenn ich hineinsah, lachte mir richtig das Herz.

Ich ging voller fröhlicher Gedanken im schönen Mondschein durch die stillen Wege. Sie waren sauber mit Sand bestreut. Ich ging über die kleinen weißen Brücken, unter denen die Schwäne schlafend auf dem Wasser saßen. Ich kam an den hübschen Lauben und Lusthäusern vorbei. Den großen Birnbaum fand ich sehr bald. Denn es war derselbe Baum, unter dem ich früher als Gärtnerbursche an schwülen Nachmittagen gelegen hatte.

Hier war es so einsam und dunkel. Nur eine hohe Espe zitterte und flüsterte immerzu mit ihren silbernen Blättern. Vom Schloss klang manchmal die Tanzmusik herüber. Manchmal hörte ich auch Stimmen von Menschen im Garten. Sie kamen oft ganz nahe an mich heran, dann wurde es auf einmal wieder ganz still.

Mein Herz klopfte. Mir war unheimlich und seltsam zumute, als ob ich jemanden bestehlen wollte. Lange Zeit stand ich ganz still an den Baum gelehnt und horchte nach allen Seiten. Aber es kam immer noch niemand. Da konnte ich es nicht länger aushalten. Ich hängte mein Körbchen an den Arm und kletterte schnell auf den Birnbaum hinauf. Dort oben wollte ich wieder frei atmen.

Da oben klang mir die Tanzmusik erst richtig über die Baumwipfel entgegen. Ich sah über den ganzen Garten und direkt in die hell erleuchteten Fenster des Schlosses. Dort drehten sich die Kronleuchter langsam wie Kränze von Sternen. Unzählige geschmückte Herren und Damen wogten, walzten und wirbelten bunt durcheinander, wie in einem Schattenspiel. Man konnte niemanden erkennen. Manchmal lehnten sich einige ins Fenster und sahen hinunter in den Garten. Draußen vor dem Schloss waren der Rasen, die Sträucher und die Bäume von den vielen Lichtern aus dem Saal wie vergoldet. Es schien richtig, als ob die Blumen und die Vögel aufwachten. Weiter weg, um mich herum und hinter mir, lag der Garten ganz schwarz und still.

Da tanzt *sie* nun, dachte ich oben im Baum bei mir selbst. Und sie hat dich und deine Blumen sicher längst wieder vergessen. Alle sind so fröhlich, und um dich kümmert sich kein Mensch. – Und so geht es mir überall und immer. Jeder hat sich sein Plätzchen auf der Erde abgesteckt. Er hat seinen warmen Ofen, seine Tasse Kaffee, seine Frau und sein Glas Wein am Abend. Und er ist ganz zufrieden. Sogar der Portier fühlt sich ganz wohl in seiner langen Haut. – Mir ist es nirgends recht. Es ist, als wäre ich überall gerade zu spät gekommen. Es ist, als hätte die ganze Welt gar nicht mit mir gerechnet. –

Während ich so philosophierte, hörte ich auf einmal unten im Gras etwas rascheln. Zwei feine Stimmen sprachen ganz nah und leise miteinander. Bald darauf bogen sich die Zweige im Gebüsch auseinander. Die Kammerjungfer steckte ihr kleines Gesicht durch die Laube und sah sich nach allen Seiten um. Der Mondschein funkelte richtig auf ihren schlauen Augen, als sie hervorguckten. Ich hielt den Atem an und sah ohne Pause hinunter. Es dauerte auch nicht lange, da trat wirklich die Gärtnerin zwischen den Bäumen heraus. Sie sah genau so aus, wie die Kammerjungfer sie mir gestern beschrieben hatte. Mein Herz klopfte, als wollte es zerspringen. Sie aber trug eine Larve vor dem Gesicht. Es schien mir, als sähe sie sich erstaunt auf dem Platz um. – Da kam es mir so vor, als wäre sie gar nicht richtig schlank und zierlich. – Endlich trat sie ganz nah an den Baum und nahm die Larve ab. – Es war wahrhaftig die andere, die ältere gnädige Frau!

Wie froh war ich nun, als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte! Denn hier oben war ich in Sicherheit. Wie in aller Welt kommt *die* jetzt nur hierher?, dachte ich. Wenn nun die liebe schöne gnädige Frau die Blumen abholt – das wird eine schöne Geschichte werden! Am Ende hätte ich vor Ärger über das ganze Theater weinen mögen.

Da fing die verkleidete Gärtnerin unten an: »Es ist so erstickend heiß oben im Saal. Ich musste gehen, um mich in der freien, schönen Natur ein wenig abzukühlen.« Dabei fächelte sie sich mit der Larve immerzu Luft zu und pustete. Im hellen Mondschein konnte ich deutlich sehen, dass die Sehnen an ihrem Hals richtig angeschwollen waren. Sie sah ganz wütend aus und war ziegelrot im Gesicht. Die Kammerjungfer suchte inzwischen hinter allen Hecken herum, als hätte sie eine Stecknadel verloren. –

»Ich brauche so dringend noch frische Blumen für mein Kostüm«, fuhr die Gärtnerin wieder fort. »Wo er auch stecken mag!«

Die Kammerjungfer suchte weiter und kicherte dabei immerzu heimlich in sich hinein.

»Sagtest du was, Rosette?«, fragte die Gärtnerin spitz.

»Ich sage, was ich immer gesagt habe«, antwortete die Kammerjungfer und machte ein ganz ernstes, treuherziges Gesicht. »Der ganze Einnehmer ist und bleibt ein Lümmel. Er liegt sicher irgendwo hinter einem Strauch und schläft.«

Es zuckte mir in allen Gliedern. Ich wollte herunterspringen und meinen guten Ruf retten. – Da hörte man auf einmal vom Schloss her lautes Paukenschlagen, Musik und Lärm.

Nun hielt es die Gärtnerin nicht länger aus. »Da bringen die Leute dem Herrn das Vivat«, sagte sie ärgerlich. »Komm, man wird uns vermissen!« – Damit hielt sie schnell die Larve wieder vor das Gesicht. Wütend ging sie mit der Kammerjungfer zum Schloss davon. Die Bäume und Sträucher zeigten ihr seltsam hinterher, wie mit langen Nasen und Fingern. Der Mondschein tanzte noch schnell über ihre breite Taille auf und nieder, wie über eine Klaviatur. So ging sie schnell ab, unter Trompeten und Pauken. Genauso hatte ich manchmal im Theater die Sängerinnen abgehen sehen.

Ich aber wusste oben in meinem Baum eigentlich gar nicht recht, was mit mir geschehen war. Nun richtete ich meine Augen fest auf das Schloss. Denn dort unten an den Stufen des Eingangs stand ein Kreis von hohen Windlichtern. Sie warfen einen seltsamen Schein über die blitzenden Fenster und weit in den Garten hinein. Es war die Dienerschaft, die gerade ihrer jungen Herrschaft ein Ständchen brachte. Mitten unter ihnen stand der prächtig geschmückte Portier vor einem Notenpult, wie ein Staatsminister. Er mühte sich fleißig mit einem Fagott ab.

Gerade setzte ich mich zurecht, um der schönen Serenade zuzuhören. Da gingen auf einmal oben auf dem Balkon des Schlosses die Flügeltüren auf. Ein vornehmer Herr trat auf den Balkon heraus. Er war schön und stattlich, in Uniform und mit vielen funkelnden Sternen. Und an seiner Hand – die schöne junge gnädige Frau! Sie trug ein ganz weißes Kleid. Sie war wie eine Lilie in der Nacht oder wie der Mond, wenn er über den klaren Himmel zieht.

Ich konnte keinen Blick von der Stelle wenden. Garten, Bäume und Felder verschwanden vor meinen Augen. So wunderbar stand sie da, hoch und schlank, von den Fackeln beleuchtet. Bald sprach sie anmutig mit dem schönen Offizier. Bald nickte sie wieder freundlich zu den Musikanten hinunter. Die Leute unten waren außer sich vor Freude. Am Ende konnte ich mich auch nicht mehr halten. Ich schrie immer aus voller Kraft Vivat mit. –

Bald darauf verschwand sie wieder vom Balkon. Unten ging eine Fackel nach der anderen aus, und die Notenpulte wurden weggeräumt. Nun wurde auch der Garten ringsum wieder dunkel und rauschte wie vorher. – Da verstand ich erst alles. – Auf einmal fiel es mir schwer aufs Herz: Wahrscheinlich hatte mich eigentlich nur die Tante mit den Blumen bestellt. Die Schöne dachte gar nicht an mich und war schon lange verheiratet. Und ich selbst war ein großer Narr gewesen.

Das alles stürzte mich richtig in einen Abgrund von Grübeln. Wie ein Igel rollte ich mich in die Stacheln meiner eigenen Gedanken ein. Vom Schloss klang die Tanzmusik nur noch selten herüber. Die Wolken zogen einsam über den dunklen Garten. Und so saß ich die ganze Nacht oben auf dem Baum, wie die Nachteule in den Ruinen meines Glücks.

Die kühle Morgenluft weckte mich endlich aus meinen Träumen. Ich staunte richtig, als ich mich so auf einmal umsah. Musik und Tanz waren lange vorbei. Im Schloss und rings um das Schloss sah alles still, kühl und feierlich aus. So lagen auch der Rasen, die steinernen Stufen und die Säulen da. Nur der Springbrunnen vor dem Eingang plätscherte einsam immer weiter. Hier und da in den Zweigen neben mir erwachten schon die Vögel. Sie schüttelten ihre bunten Federn und streckten die kleinen Flügel. Neugierig und erstaunt sahen sie ihren seltsamen Schlafkameraden an. Fröhliche Morgenstrahlen glitten über den Garten und funkelten auf meiner Brust.

Da richtete ich mich in meinem Baum auf. Seit langer Zeit sah ich zum ersten Mal wieder richtig weit ins Land hinaus. Schon fuhren einzelne Schiffe auf der Donau zwischen den Weinbergen hinab. Die noch leeren Landstraßen schwangen sich wie Brücken über das schimmernde Land, weit über die Berge und Täler.

Ich weiß nicht, wie es kam – aber da packte mich auf einmal wieder meine alte Reiselust: die ganze alte Wehmut und Freude und große Erwartung. Dabei fiel mir zugleich ein, wie die schöne Frau nun oben im Schloss schlief. Sie lag zwischen Blumen unter seidenen Decken. Und ich dachte, in der Morgenstille säße ein Engel bei ihr auf dem Bett. – »Nein«, rief ich, »fort muss ich von hier, und immer weiter fort, so weit der Himmel blau ist!«

Und damit nahm ich mein Körbchen und warf es hoch in die Luft. Es war sehr hübsch anzusehen, wie die Blumen dann bunt zwischen den Zweigen und unten auf dem grünen Rasen lagen. Dann stieg ich selbst schnell hinunter und ging durch den stillen Garten zu meiner Wohnung. Sehr oft blieb ich noch an manchem Plätzchen stehen. Dort hatte ich sie früher einmal gesehen oder hatte im Schatten gelegen und an sie gedacht.

In meinem Häuschen und rund um das Häuschen sah alles noch so aus, wie ich es gestern verlassen hatte. Der kleine Garten war geplündert und wüst. Im Zimmer lag noch das große Rechnungsbuch aufgeschlagen. Meine Geige hing verstaubt an der Wand, ich hatte sie fast ganz vergessen. Aber gerade fuhr ein Morgenstrahl aus dem gegenüberliegenden Fenster blitzend über die Saiten. Das gab einen richtigen Klang in meinem Herzen. »Ja«, sagte ich, »komm nur her, du treues Instrument! Unser Reich ist nicht von dieser Welt!« –

Und so nahm ich die Geige von der Wand. Rechnungsbuch, Schlafrock, Pantoffeln, Pfeifen und Sonnenschirm ließ ich liegen. So arm, wie ich gekommen war, wanderte ich aus meinem Häuschen und auf der glänzenden Landstraße davon.

Ich sah noch oft zurück. Mir war ganz seltsam zumute, so traurig und doch auch wieder so sehr fröhlich. Ich war wie ein Vogel, der aus seinem Käfig ausreißt. Als ich schon ein weites Stück gegangen war, nahm ich draußen im Freien meine Geige hervor und sang:

»Den lieben Gott laß ich nur walten;
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd und Himmel tut erhalten,
Hat auch mein Sach aufs best bestellt!«

Das Schloss, der Garten und die Türme von Wien waren schon hinter mir im Morgendunst versunken. Über mir jubelten unzählige Lerchen hoch in der Luft. So zog ich zwischen den grünen Bergen und an lustigen Städten und Dörfern vorbei nach Italien hinunter.

### Glossar

- **Zolleinnehmer / Einnehmer**: ein Mann, der an der Straße Geld (Zoll) von Reisenden einnimmt.
- **Amtmann**: ein Beamter, der die Güter eines Adligen verwaltet.
- **Schlafrock**: ein langer Mantel, den man zu Hause trägt (Morgenmantel).
- **Laube**: ein kleiner, schattiger Platz im Garten mit Pflanzen als Dach.
- **Maskerade**: ein Fest, auf dem man sich verkleidet.
- **Larve**: eine Maske vor dem Gesicht.
- **Vivat**: ein Hochruf: „Er soll leben!“
- **Ständchen / Serenade**: Musik, die man am Abend für jemanden spielt.
- **Fagott**: ein tiefes Holzblasinstrument.
- **Windlichter**: Lichter mit offener Flamme, die im Wind nicht ausgehen.
- **Extrapost / Postillion**: eine schnelle, gemietete Postkutsche / ihr Fahrer, der das Posthorn bläst.
- **die schöne Magelone**: die Heldin einer alten Liebesgeschichte aus einem Volksbuch.
- **fechten**: mit einem Degen kämpfen; hier: den Stock wie einen Degen durch die Luft bewegen (»focht«).
- **reiten**: auf einem Pferd sitzen und sich tragen lassen (»geritten«).
- **Schnupfen**: eine leichte Krankheit: die Nase läuft.
- **närrisch**: verrückt, nicht vernünftig.
- **verprügeln**: jemanden heftig schlagen.
- **erschrecken**: plötzlich Angst bekommen (»erschrak«).
- **addieren**: Zahlen zusammenzählen.
- **eng geschnürt**: mit einem Band um den Bauch eng zusammengezogen.
- **Galgen**: ein Holzgerüst, an dem man früher Verbrecher aufhängte.
- **flicken**: etwas Kaputtes wieder ganz machen.
- **grübeln**: lange und traurig über etwas nachdenken.
- **krähen**: so ruft der Hahn: »Kikeriki«.
- **blasen**: Luft aus dem Mund stoßen; ein Horn spielen (»blies«).

## Drittes Kapitel

Aber das war nun schlimm! Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, dass ich den richtigen Weg eigentlich nicht kannte. Ringsum war in der stillen Morgenstunde auch kein Mensch zu sehen, den ich hätte fragen können. Nicht weit von mir teilte sich die Landstraße in viele neue Landstraßen. Sie führten weit, weit über die höchsten Berge, als ob sie aus der Welt hinausführten. So wurde mir richtig schwindelig, wenn ich genau hinsah.

Endlich kam ein Bauer den Weg entlang. Ich glaube, er ging zur Kirche, denn heute war gerade Sonntag. Er trug einen altmodischen Mantel mit großen silbernen Knöpfen. In der Hand hatte er einen langen Spazierstock aus spanischem Rohr. Oben darauf saß ein sehr massiver silberner Griff, der schon von weitem in der Sonne funkelte. Ich fragte ihn sofort sehr höflich: »Können Sie mir nicht sagen, wo der Weg nach Italien geht?«

Der Bauer blieb stehen und sah mich an. Dann schob er die Unterlippe weit vor, dachte nach und sah mich wieder an.

Ich sagte noch einmal: »Nach Italien, wo die Pomeranzen wachsen.«

»Ach, was gehen mich Seine Pomeranzen an!«, sagte da der Bauer und ging mit festen Schritten weiter.

Ich hätte von dem Mann bessere Manieren erwartet, denn er sah sehr stattlich aus.

Was sollte ich nun machen? Sollte ich wieder umkehren und in mein Dorf zurückgehen? Dann hätten die Leute mit den Fingern auf mich gezeigt. Und die Jungen wären um mich herumgesprungen: »Ei, tausendmal willkommen aus der Welt! Wie sieht es denn aus in der Welt? Hat Er uns nicht Pfefferkuchen mitgebracht aus der Welt?« – Der Portier mit der kurfürstlichen Nase wusste überhaupt viel über die Weltgeschichte. Er hatte oft zu mir gesagt: »Wertgeschätzter Herr Einnehmer! Italien ist ein schönes Land. Da sorgt der liebe Gott für alles. Da kann man sich im Sonnenschein auf den Rücken legen, und dann wachsen einem die Rosinen in den Mund. Und wenn einen die Tarantel beißt, dann tanzt man mit ungewöhnlicher Gelenkigkeit. Das tut man sogar, wenn man sonst nie tanzen gelernt hat.«

»Nein, nach Italien, nach Italien!«, rief ich voller Freude. Ich dachte nicht an die verschiedenen Wege. Ich rannte einfach auf der Straße los, die gerade vor meinen Füßen lag.

Ich war schon ein Stück so gewandert. Da sah ich rechts von der Straße einen sehr schönen Obstgarten. Die Morgensonne schimmerte so lustig zwischen den Stämmen und Wipfeln hindurch. Darum sah es aus, als läge auf dem Rasen ein goldener Teppich. Ich sah keinen Menschen. Darum stieg ich über den niedrigen Gartenzaun und legte mich ganz gemütlich unter einen Apfelbaum ins Gras. Denn von der letzten Nacht auf dem Baum taten mir noch alle Glieder weh. Von hier konnte man weit ins Land hinaussehen. Weil Sonntag war, kamen Glockenklänge aus der weitesten Ferne über die stillen Felder herüber. Überall gingen festlich gekleidete Landleute zwischen Wiesen und Büschen zur Kirche. Ich war im Herzen sehr fröhlich. Über mir im Baum sangen die Vögel. Ich dachte an meine Mühle und an den Garten der schönen gnädigen Frau. Ich dachte daran, wie weit, weit das alles nun lag. Zuletzt schlief ich ein.

Da träumte ich, diese schöne Frau käme aus der prächtigen Gegend unten zu mir. Sie ging, oder eigentlich flog sie langsam zwischen den Glockenklängen heran. Sie trug lange weiße Schleier, die im Morgenrot wehten. Dann war es wieder, als wären wir gar nicht in der Fremde. Wir waren bei meinem Dorf an der Mühle, im tiefen Schatten. Aber dort war alles still und leer. Es war wie am Sonntag, wenn die Leute in der Kirche sind. Dann kommt nur der Klang der Orgel durch die Bäume herüber. Das tat mir richtig im Herzen weh. Die schöne Frau aber war sehr gut und freundlich. Sie hielt mich an der Hand und ging mit mir. In dieser Einsamkeit sang sie immerzu das schöne Lied. Damals hatte sie es immer frühmorgens am offenen Fenster zur Gitarre gesungen. Dabei sah ich ihr Bild in dem stillen Weiher. Dort war sie noch viel tausendmal schöner. Aber sie hatte seltsame große Augen, die mich so starr ansahen, dass ich mich beinahe gefürchtet hätte. – Da fing auf einmal die Mühle an zu laufen und zu brausen. Erst kamen einzelne langsame Schläge, dann wurde es immer schneller und heftiger. Der Weiher wurde dunkel und kräuselte sich. Die schöne Frau wurde ganz bleich. Ihre Schleier wurden immer länger und länger. Sie flatterten schrecklich in langen Spitzen hoch zum Himmel hinauf, wie Streifen aus Nebel. Das Sausen wurde immer stärker. Oft war es, als bliese der Portier dazwischen auf seinem Fagott. Endlich wachte ich mit heftigem Herzklopfen auf.

Es war wirklich ein Wind aufgekommen, der leise über mir durch den Apfelbaum ging. Aber was so brauste und lärmte, war weder die Mühle noch der Portier. Es war derselbe Bauer, der mir vorhin den Weg nach Italien nicht zeigen wollte. Er hatte aber seine Sonntagskleider ausgezogen und stand in einem weißen Kamisol vor mir. Ich wischte mir noch den Schlaf aus den Augen.

»Na«, sagte er, »will Er hier vielleicht Poperenzen sammeln? Er zertrampelt mir ja das ganze schöne Gras, anstatt in die Kirche zu gehen, Er Faulenzer!«

Mich ärgerte nur, dass mich der Grobian aufgeweckt hatte. Ganz wütend sprang ich auf und antwortete schnell: »Was, Er will mich hier ausschimpfen? Ich bin Gärtner gewesen, bevor Er daran dachte, und Einnehmer! Wenn Er zur Stadt gefahren wäre, hätte Er vor mir die schmierige Schlafmütze abnehmen müssen. Und ich hatte mein Haus und meinen roten Schlafrock mit gelben Punkten.«

Aber der Knollfink kümmerte sich gar nicht darum. Er stemmte beide Arme in die Seiten und sagte bloß: »Was will er denn? He! he!«

Dabei sah ich, dass er eigentlich ein kurzer, kräftiger Kerl mit krummen Beinen war. Er hatte vorstehende, glotzende Augen und eine rote, etwas schiefe Nase. Er sagte immer nur: »He! – he!« Und jedes Mal kam er dabei einen Schritt näher auf mich zu. Da packte mich auf einmal eine so seltsame, grausige Angst. Darum machte ich mich schnell davon und sprang über den Zaun. Ohne mich umzusehen, lief ich immer weiter quer über die Felder. Dabei klang mir die Geige in der Tasche.

Endlich blieb ich stehen, um Luft zu holen. Da waren der Garten und das ganze Tal nicht mehr zu sehen. Ich stand in einem schönen Wald. Aber darauf achtete ich nicht viel. Denn jetzt ärgerte ich mich erst richtig über das ganze Theater. Und ich ärgerte mich, dass der Kerl mich immer mit Er angeredet hatte. Noch lange schimpfte ich still vor mich hin. In solchen Gedanken ging ich schnell weiter. Dabei kam ich immer weiter von der Landstraße ab, mitten in die Berge hinein. Der Holzweg, auf dem ich gelaufen war, hörte auf. Vor mir lag nur noch ein kleiner Fußweg, auf dem selten jemand ging. Ringsum war niemand zu sehen, und kein Laut war zu hören. Sonst aber war es sehr angenehm zu gehen. Die Wipfel der Bäume rauschten, und die Vögel sangen sehr schön. Ich vertraute mich deshalb Gottes Führung an. Ich zog meine Violine hervor und spielte alle meine liebsten Stücke. Sie klangen ganz fröhlich durch den einsamen Wald.

Mit dem Spielen ging es aber auch nicht lange. Denn ich stolperte dabei jeden Augenblick über die dummen Baumwurzeln. Zuletzt bekam ich auch Hunger, und der Wald wollte immer noch kein Ende nehmen. So irrte ich den ganzen Tag herum. Die Sonne schien schon schräg zwischen den Baumstämmen hindurch. Da kam ich endlich in ein kleines Wiesental hinaus. Es war rundum von Bergen eingeschlossen und voller roter und gelber Blumen. Über den Blumen flatterten unzählige Schmetterlinge im goldenen Abendlicht. Hier war es so einsam, als läge die Welt wohl hundert Meilen weit weg. Nur die Heimchen zirpten. Drüben lag ein Hirt im hohen Gras und blies auf seiner Schalmei. Er spielte so traurig, dass einem das Herz vor Wehmut hätte zerspringen können. Ja, dachte ich bei mir, wer es so gut hätte wie so ein Faulenzer! Unsereiner muss sich in der Fremde herumschlagen und immer aufpassen. – Zwischen uns lag ein schöner, klarer kleiner Fluss, über den ich nicht hinüberkam. Darum rief ich ihm von weitem zu, wo hier das nächste Dorf liege. Er ließ sich aber nicht stören. Er streckte nur den Kopf ein wenig aus dem Gras, zeigte mit seiner Schalmei auf den anderen Wald und blies ruhig weiter.

Inzwischen marschierte ich fleißig weiter, denn es fing schon an zu dämmern. Die Vögel hatten noch großes Geschrei gemacht, als die letzten Sonnenstrahlen durch den Wald schimmerten. Nun wurden sie auf einmal still. In dem ewigen, einsamen Rauschen der Wälder bekam ich beinahe Angst. Endlich hörte ich von fern Hunde bellen. Ich ging schneller. Der Wald wurde immer lichter und lichter. Bald darauf sah ich zwischen den letzten Bäumen hindurch einen schönen grünen Platz. Darauf lärmten viele Kinder und tobten um eine große Linde herum, die genau in der Mitte stand. Weiter hinten am Platz war ein Wirtshaus. Davor saßen einige Bauern um einen Tisch, spielten Karten und rauchten Tabak. Auf der anderen Seite saßen junge Burschen und Mädchen vor der Tür. Sie hatten die Arme in ihre Schürzen gewickelt und plauderten in der Kühle miteinander.

Ich überlegte nicht lange. Ich zog meine Geige aus der Tasche und spielte schnell einen lustigen Ländler, während ich aus dem Wald trat. Die Mädchen wunderten sich. Die Alten lachten, dass es weit in den Wald hineinschallte. Ich ging bis zu der Linde, lehnte mich mit dem Rücken daran und spielte immer weiter. Da ging ein heimliches Murmeln und Flüstern unter den jungen Leuten rechts und links herum. Endlich legten die Burschen ihre Sonntagspfeifen weg. Jeder nahm sein Mädchen, und ehe ich es merkte, tanzte das junge Bauernvolk kräftig um mich herum. Die Hunde bellten, die Kittel flogen. Die Kinder standen im Kreis um mich herum. Neugierig sahen sie mir ins Gesicht und auf die Finger, wie ich so schnell damit spielte.

Als der erste Schleifer vorbei war, konnte ich erst richtig sehen, wie gute Musik in die Glieder fährt. Vorher hatten sich die Bauernburschen mit den Pfeifen im Mund auf den Bänken gereckt. Sie hatten die steifen Beine von sich gestreckt. Nun waren sie auf einmal wie ausgetauscht. Sie ließen ihre bunten Taschentücher vorn am Knopfloch lang herunterhängen. Sie sprangen so hübsch um die Mädchen herum, dass es eine richtige Freude war, zuzusehen. Einer von ihnen hielt sich schon für etwas Besonderes. Er suchte lange in seiner Westentasche herum, damit es die anderen sehen sollten. Endlich holte er ein kleines Silberstück heraus und wollte es mir in die Hand drücken. Das ärgerte mich, obwohl ich damals kein Geld in der Tasche hatte. Ich sagte ihm, er solle nur seine Pfennige behalten. Ich spielte nur aus Freude, weil ich wieder bei Menschen war. Bald darauf aber kam ein hübsches Mädchen mit einer großen Stampe Wein zu mir.

»Musikanten trinken gern«, sagte sie und lachte mich freundlich an.

Ihre perlweißen Zähne schimmerten sehr charmant zwischen den roten Lippen hindurch. Darum hätte ich sie gern darauf geküsst. Sie tauchte ihr Schnäbelchen in den Wein. Dabei funkelten ihre Augen über das Glas hinweg zu mir herüber. Dann reichte sie mir die Stampe. Ich trank das Glas bis auf den Grund aus. Dann spielte ich wieder von neuem, und alles drehte sich lustig um mich herum.

Die Alten hatten inzwischen ihr Spiel beendet und waren aufgestanden. Auch die jungen Leute wurden müde und gingen auseinander. So wurde es nach und nach ganz still und leer vor dem Wirtshaus. Auch das Mädchen, das mir den Wein gegeben hatte, ging nun zum Dorf. Aber sie ging sehr langsam und sah sich manchmal um, als ob sie etwas vergessen hätte. Endlich blieb sie stehen und suchte etwas auf der Erde. Aber ich sah wohl, dass sie beim Bücken unter dem Arm hindurch nach mir zurückblickte. Ich hatte im Schloss gute Manieren gelernt. Also sprang ich schnell hinzu und sagte: »Haben Sie etwas verloren, schönste Mamsell?«

»Ach nein«, sagte sie und wurde über und über rot. »Es war nur eine Rose – will Er sie haben?«

Ich bedankte mich und steckte die Rose ins Knopfloch. Sie sah mich sehr freundlich an und sagte: »Er spielt recht schön.«

»Ja«, antwortete ich, »das ist eben eine Gabe Gottes.«

»Die Musikanten sind hier in der Gegend sehr selten«, fing das Mädchen dann wieder an. Sie stockte und hielt die Augen immerzu gesenkt. »Er könnte sich hier ein gutes Stück Geld verdienen. Auch mein Vater spielt ein bisschen Geige und hört gern Geschichten aus der Fremde. Und mein Vater ist sehr reich.« Dann lachte sie auf und sagte: »Wenn Er nur nicht immer solche Grimassen mit dem Kopf machen würde, beim Geigen!«

»Teuerste Jungfer«, antwortete ich, »erstens: Nennen Sie mich doch nicht immer Er. Und zweitens, das Wackeln mit dem Kopf, das ist nun einmal nicht anders. Das haben wir Virtuosen alle so an uns.«

»Ach so!«, antwortete das Mädchen.

Sie wollte noch etwas mehr sagen. Aber da gab es auf einmal einen schrecklichen Lärm im Wirtshaus. Die Haustür flog mit großem Krachen auf. Ein dünner Kerl kam herausgeflogen, wie ein Ladestock, der aus einem Gewehr geschossen wird. Sofort wurde die Tür hinter ihm wieder zugeschlagen.

Beim ersten Geräusch war das Mädchen wie ein Reh davongesprungen und im Dunkeln verschwunden. Die Gestalt vor der Tür aber stand schnell wieder vom Boden auf. Nun fing der Kerl an, so schnell gegen das Haus zu schimpfen, dass man richtig staunen musste.

»Was!«, schrie er. »Ich soll betrunken sein? Ich soll die Kreidestriche an der verräucherten Tür nicht bezahlen? Löscht sie aus, löscht sie aus! Habe ich euch nicht erst gestern über dem Kochlöffel rasiert? Und habe ich euch dabei nicht in die Nase geschnitten, sodass ihr mir den Löffel entzweigebissen habt? Rasieren macht einen Strich. Der Kochlöffel, wieder ein Strich. Pflaster auf die Nase, noch ein Strich. Wie viele solche hundsgemeinen Striche wollt ihr denn noch bezahlt haben? Aber gut, schon gut, ich lasse das ganze Dorf, die ganze Welt ungeschoren! Lauft meinetwegen mit euren Bärten herum! Dann weiß der liebe Gott am Jüngsten Tag nicht, ob ihr Juden seid oder Christen! Ja, hängt euch an euren eigenen Bärten auf, ihr zotteligen Landbären!«

Hier brach er auf einmal in jämmerliches Weinen aus. Mit hoher, dünner Stimme fuhr er ganz kläglich fort: »Wasser soll ich saufen wie ein elender Fisch? Ist das Nächstenliebe? Bin ich nicht ein Mensch und ein ausgelernter Feldscher? Ach, ich bin heute so in Wut! Mein Herz ist voller Rührung und Menschenliebe!«

Bei diesen Worten zog er sich nach und nach zurück, denn im Haus blieb alles still. Als er mich sah, kam er mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Ich glaubte, der verrückte Kerl wollte mich umarmen. Ich sprang aber zur Seite, und so stolperte er weiter. Noch lange hörte ich ihn in der Dunkelheit mit sich selbst reden, bald grob, bald fein.

Mir aber ging allerlei im Kopf herum. Die Jungfer, die mir vorhin die Rose geschenkt hatte, war jung, schön und reich. Da konnte ich mein Glück machen, so schnell, wie man die Hand umdreht. Und Hammel und Schweine, Puten und fette Gänse, mit Äpfeln gefüllt – ja, mir war, als sähe ich den Portier auf mich zukommen: Greif zu, Einnehmer, greif zu! Jung gefreit hat niemand gereut. Wer das Glück hat, führt die Braut heim. Bleibe im Lande und nähre dich tüchtig. Mit solchen philosophischen Gedanken setzte ich mich auf dem Platz auf einen Stein. Der Platz war jetzt ganz einsam. Denn an das Wirtshaus zu klopfen traute ich mich nicht, weil ich kein Geld bei mir hatte. Der Mond schien prächtig. Von den Bergen rauschten die Wälder durch die stille Nacht herüber. Manchmal bellten im Dorf die Hunde. Das Dorf lag weiter unten im Tal unter Bäumen und Mondschein, wie begraben. Ich betrachtete den Himmel. Einzelne Wolken zogen langsam durch den Mondschein. Manchmal fiel weit in der Ferne ein Stern herunter. So, dachte ich, scheint der Mond auch über die Mühle meines Vaters und auf das weiße gräfliche Schloss. Dort ist nun auch schon lange alles still. Die gnädige Frau schläft. Die Springbrunnen und Bäume im Garten rauschen immer noch wie damals. Und allen ist es gleich, ob ich noch da bin oder in der Fremde oder gestorben. – Da kam mir die Welt auf einmal so schrecklich weit und groß vor. Und ich war so ganz allein darin, dass ich von Herzen hätte weinen mögen.

Während ich noch so dasaß, hörte ich auf einmal von fern Hufschläge im Wald. Ich hielt den Atem an und horchte. Es kam immer näher und näher, und ich konnte schon die Pferde schnauben hören. Bald darauf kamen wirklich zwei Reiter unter den Bäumen hervor. Sie hielten aber am Rand des Waldes an und sprachen heimlich und sehr eifrig miteinander. Das konnte ich an ihren Schatten sehen. Die Schatten schossen plötzlich über den Platz, auf dem der Mond glänzte. Mit langen dunklen Armen zeigten sie mal hierhin, mal dorthin. – Zu Hause hatte mir meine verstorbene Mutter oft von wilden Wäldern und kriegerischen Räubern erzählt. Wie oft hatte ich mir damals heimlich gewünscht, so eine Geschichte selbst zu erleben! Jetzt hatte ich sie auf einmal, zur Strafe für meine dummen, frechen Gedanken! – Unter der Linde hatte ich gesessen. Nun streckte ich mich ganz unauffällig an ihr hoch, so lang ich nur konnte. So erreichte ich den ersten Ast und schwang mich schnell hinauf. Aber ich hing noch mit halbem Körper über dem Ast und wollte gerade die Beine nachholen. Da trabte einer von den Reitern schnell hinter mir über den Platz. Ich drückte in dem dunklen Laub die Augen fest zu und rührte mich nicht. –

»Wer ist da?«, rief es auf einmal dicht hinter mir.

»Niemand!«, schrie ich aus voller Kraft. So erschrocken war ich, dass er mich doch noch erwischt hatte. Heimlich musste ich aber doch bei mir lachen. Wie würden sich die Kerle wundern, wenn sie mir die leeren Taschen umdrehten! –

»Ei, ei«, sagte der Räuber wieder, »wem gehören denn aber die zwei Beine, die da herunterhängen?«

Da half nichts mehr. »Nichts weiter«, antwortete ich, »als ein paar arme, verirrte Musikantenbeine.« Schnell ließ ich mich wieder auf den Boden hinunter. Denn ich schämte mich auch, noch länger wie eine zerbrochene Gabel über dem Ast zu hängen.

Das Pferd des Reiters scheute, als ich so plötzlich vom Baum herunterkam. Er klopfte ihm den Hals und sagte lachend: »Nun, wir haben uns auch verirrt. Da sind wir ja richtige Kameraden. Ich dächte also, du könntest uns ein wenig helfen, den Weg nach B. zu finden. Es soll dein Schaden nicht sein.«

Ich versicherte ihm immer wieder, dass ich gar nicht wüsste, wo B. liegt. Ich sagte, ich wollte lieber hier im Wirtshaus fragen oder sie ins Dorf hinunterführen. Aber der Kerl wollte gar nicht vernünftig sein. Ganz ruhig zog er eine Pistole aus dem Gürtel, die sehr hübsch im Mondschein funkelte. Mal wischte er den Lauf der Pistole ab, mal hielt er sie prüfend an die Augen. Dabei sagte er sehr freundschaftlich zu mir: »Mein Liebster, mein Liebster, du wirst wohl so gut sein, selbst nach B. vorauszugehen.«

Da war ich nun wirklich in einer schlimmen Lage. Fand ich den Weg, dann kam ich sicher zu der Räuberbande. Dort bekam ich Prügel, weil ich kein Geld bei mir hatte. Fand ich ihn nicht, dann bekam ich auch Prügel. Ich überlegte also nicht lange. Ich nahm den ersten besten Weg, der am Wirtshaus vorbei vom Dorf wegführte. Der Reiter ritt schnell zu seinem Begleiter zurück. Dann folgten mir beide langsam in einiger Entfernung. So zogen wir eigentlich ganz närrisch aufs Geratewohl in die mondhelle Nacht hinein. Der Weg lief immer weiter durch den Wald an einem Berghang entlang. Manchmal konnte man weit in die tiefen, stillen Täler hinaussehen. Man sah über die Wipfel der Tannen hinweg, die von unten heraufreichten und sich dunkel bewegten. Hier und da sang eine Nachtigall. In den Dörfern bellten in der Ferne Hunde. Aus der Tiefe rauschte immerzu ein Fluss und blitzte manchmal im Mondschein auf. Dazu kam das gleichmäßige Trappeln der Pferde. Hinter mir hörte ich das Durcheinander der Stimmen der Reiter. Sie plauderten ohne Pause in einer fremden Sprache miteinander. Dazu kamen das helle Mondlicht und die langen Schatten der Baumstämme. Die Schatten flogen abwechselnd über die beiden Reiter. Deshalb kamen sie mir bald schwarz, bald hell, bald klein, bald wieder riesengroß vor. Meine Gedanken wurden richtig verwirrt. Es war, als läge ich in einem Traum und könnte gar nicht aufwachen. Ich marschierte immer tapfer vor mich hin. Wir müssen doch am Ende aus dem Wald und aus der Nacht herauskommen, dachte ich.

Endlich flogen hier und da schon lange rötliche Streifen über den Himmel. Sie waren ganz zart, wie wenn man über einen Spiegel haucht. Auch eine Lerche sang schon hoch über dem stillen Tal. Bei diesem Morgengruß wurde es mir auf einmal ganz hell im Herzen, und alle Angst war vorbei. Die beiden Reiter aber streckten sich und sahen sich nach allen Seiten um. Jetzt erst schienen sie zu merken, dass wir wohl doch nicht auf dem richtigen Weg waren. Sie redeten wieder viel miteinander. Ich merkte genau, dass sie über mich sprachen. Ja, es kam mir vor, als finge der eine an, sich vor mir zu fürchten. Er dachte wohl, ich könnte ein heimlicher Schnapphahn sein, der sie im Wald in die Irre führen wollte. Das machte mir Spaß. Denn je heller es ringsum wurde, desto mehr Mut bekam ich. Gerade kamen wir auch auf einen schönen, freien Platz im Wald hinaus. Deshalb sah ich mich ganz wild nach allen Seiten um. Dann pfiff ich ein paarmal auf den Fingern, wie es die Gauner tun, wenn sie einander Signale geben wollen.

»Halt!«, rief auf einmal einer von den Reitern, sodass ich richtig zusammenzuckte.

Ich sah mich um. Die beiden waren abgestiegen und hatten ihre Pferde an einen Baum gebunden. Der eine kam schnell auf mich zu und sah mir ganz starr ins Gesicht. Plötzlich fing er ganz maßlos an zu lachen. Ich muss zugeben, das unvernünftige Gelächter ärgerte mich. Er aber sagte: »Wahrhaftig, das ist der Gärtner – ich wollte sagen: der Einnehmer vom Schloss!«

Ich sah ihn mit großen Augen an, konnte mich aber nicht an ihn erinnern. Am Schloss ritten ja immer viele junge Herren ein und aus. Ich hätte viel zu tun gehabt, wenn ich sie mir alle hätte ansehen wollen. Er aber lachte immer weiter und sagte: »Das ist prächtig! Du vazierst, wie ich sehe. Wir brauchen gerade einen Diener. Bleib bei uns, da hast du ewige Vakanz.«

Ich war ganz verblüfft. Endlich sagte ich, dass ich gerade auf einer Reise nach Italien sei.

»Nach Italien?!«, antwortete der Fremde. »Genau dahin wollen wir auch!«

»Nun, wenn *das* so ist!«, rief ich. Voller Freude zog ich meine Geige aus der Tasche und spielte, dass die Vögel im Wald aufwachten.

Der Herr aber packte schnell den anderen Herrn und tanzte mit ihm wie verrückt einen Walzer auf dem Rasen.

Dann blieben sie plötzlich stehen. »Bei Gott«, rief der eine, »da sehe ich schon den Kirchturm von B.! Nun, da wollen wir bald unten sein.« Er zog seine Uhr heraus und ließ sie repetieren. Er schüttelte den Kopf und ließ sie noch einmal schlagen. »Nein«, sagte er, »das geht nicht. So kommen wir zu früh hin, das könnte schlimm werden!«

Dann holten sie von ihren Pferden Kuchen, Braten und Weinflaschen. Sie breiteten eine schöne bunte Decke auf dem grünen Rasen aus und legten sich darauf. Sehr vergnügt aßen sie und teilten auch mit mir sehr großzügig von allem. Das tat mir sehr gut, denn ich hatte schon seit einigen Tagen nicht mehr richtig gegessen.

»Und damit du es weißt«, sagte der eine zu mir, »– aber du kennst uns doch nicht?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Also, damit du es weißt: Ich bin der Maler Leonhard, und das dort ist – wieder ein Maler – Guido heißt er.«

In der Morgendämmerung sah ich mir die beiden Maler nun genauer an. Der eine, Herr Leonhard, war groß, schlank und braun, mit lustigen, feurigen Augen. Der andere war viel jünger, kleiner und feiner. Er war nach altdeutscher Mode gekleidet, wie der Portier es nannte. Er trug einen weißen Kragen und hatte einen bloßen Hals. Um den Hals hingen dunkelbraune Locken herab. Er musste sie oft aus dem hübschen Gesicht schütteln. – Als er genug gefrühstückt hatte, griff er nach meiner Geige. Ich hatte sie neben mich auf den Boden gelegt. Er setzte sich damit auf einen abgehauenen Ast und zupfte mit den Fingern auf den Saiten. Dann sang er dazu, so hell wie ein Vogel im Wald. Es klang mir richtig durch das ganze Herz:

»Fliegt der erste Morgenstrahl
Durch das stille Nebeltal,
Rauscht erwachend Wald und Hügel:
Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!

Und sein Hütlein in die Luft
Wirft der Mensch vor Lust und ruft:
Hat Gesang doch auch noch Schwingen,
Nun so will ich fröhlich singen!«

Dabei spielte das rötliche Morgenlicht ganz anmutig über sein etwas blasses Gesicht und seine schwarzen, verliebten Augen. Ich aber war so müde, dass sich mir die Worte und Töne immer mehr verwirrten, während er sang. Zuletzt schlief ich fest ein.

Nach und nach kam ich wieder zu mir. Wie im Traum hörte ich die beiden Maler immer noch neben mir sprechen und die Vögel über mir singen. Die Morgenstrahlen schimmerten mir durch die geschlossenen Augen. Innen war es mir so dunkel und hell zugleich, wie wenn die Sonne durch rote Seidenvorhänge scheint. »Come è bello!«, hörte ich da dicht neben mir rufen. Ich öffnete die Augen und sah den jungen Maler. Er stand im funkelnden Morgenlicht über mich gebeugt. Darum sah man beinahe nur seine großen schwarzen Augen zwischen den herabhängenden Locken.

Schnell sprang ich auf, denn es war schon heller Tag geworden. Herr Leonhard schien schlecht gelaunt zu sein. Er hatte zwei zornige Falten auf der Stirn und drängte hastig zum Aufbruch. Der andere Maler aber schüttelte seine Locken aus dem Gesicht. Während er sein Pferd aufzäumte, trällerte er ruhig ein Liedchen vor sich hin. Zuletzt lachte Leonhard plötzlich laut auf. Schnell griff er nach einer Flasche, die noch auf dem Rasen stand, und schenkte den Rest in die Gläser. »Auf eine glückliche Ankunft!«, rief er. Sie stießen mit den Gläsern an, und es gab einen schönen Klang. Dann warf Leonhard die leere Flasche hoch ins Morgenrot, wo sie lustig in der Luft funkelte.

Endlich stiegen sie auf ihre Pferde, und ich marschierte munter wieder nebenher. Direkt vor uns lag ein riesiges Tal, in das wir nun hinunterzogen. Da war ein Blitzen und Rauschen und Schimmern und Jubeln! Mir war so frisch und fröhlich zumute, als sollte ich von dem Berg in die prächtige Gegend hinausfliegen.

### Glossar

- **Pomeranzen / Poperenzen**: Pomeranzen sind bittere Orangen; der Bauer sagt falsch „Poperenzen“.
- **Tarantel**: eine große Spinne; man glaubte, gegen ihren Biss hilft Tanzen.
- **Kamisol**: eine kurze Jacke.
- **Knollfink**: ein Schimpfwort für einen groben, dummen Bauern.
- **Schalmei**: eine einfache Flöte der Hirten.
- **Ländler / Schleifer**: alte Volkstänze.
- **Stampe**: ein großes Trinkglas.
- **Mamsell / Jungfer**: alte Wörter für eine junge, unverheiratete Frau.
- **Feldscher**: ein Barbier, der auch Wunden behandelt.
- **Kreidestriche**: Striche an der Tür im Wirtshaus; sie zeigen, wie viel ein Gast noch bezahlen muss.
- **Schnapphahn**: ein Straßenräuber.
- **vazieren / Vakanz**: ohne Arbeit herumziehen / die Ferien.
- **repetieren lassen (die Uhr)**: eine Taschenuhr schlagen lassen, damit sie die Zeit sagt.
- **umkehren**: sich umdrehen und zurückgehen.
- **Rosinen**: getrocknete Weintrauben.
- **Gelenkigkeit**: wenn man sich leicht und weich bewegen kann.
- **Wipfel**: die Spitze oder Krone eines Baumes.
- **sich fürchten**: Angst haben (»gefürchtet«).
- **he!**: ein deutscher Ruf, um jemanden grob anzusprechen.
- **stolpern**: mit dem Fuß an etwas hängen bleiben und fast fallen.
- **plaudern**: gemütlich miteinander reden.
- **Musikanten**: Musiker, die auf Festen und Tanzplätzen spielen.
- **ungeschoren**: nicht rasiert; »jemanden ungeschoren lassen« heißt aber auch: ihn in Ruhe lassen (ein Wortspiel des Barbiers).
- **Greif zu!**: »Nimm es dir schnell!«
- **tüchtig**: fleißig und gut; »nähre dich tüchtig«: verdiene dein Brot mit fleißiger Arbeit.
- **rötlich**: ein wenig rot.

## Viertes Kapitel

Nun ade, Mühle und Schloss und Portier! Jetzt ging es so schnell, dass mir der Wind am Hut pfiff. Rechts und links flogen Dörfer, Städte und Weingärten vorbei, so dass es mir vor den Augen flimmerte. Hinter mir saßen die beiden Maler im Wagen. Vor mir liefen vier Pferde mit einem prächtigen Postillion. Ich saß hoch oben auf dem Kutschbock und flog oft eine Elle hoch in die Luft.

Das war so gekommen: Wir kamen vor B. an. Schon am Rand des Dorfes kam uns ein Herr entgegen. Er war lang, dürr und grämlich und trug einen grünen Flauschrock. Er verbeugte sich oft vor den Herren Malern und führte uns in das Dorf hinein. Unter den hohen Linden vor dem Posthaus stand schon ein prächtiger Wagen. Vier Postpferde waren davor gespannt. Herr Leonhard hatte unterwegs gemeint, ich sei aus meinen Kleidern herausgewachsen. Deshalb holte er schnell andere Kleider aus seinem Mantelsack. Ich musste einen ganz neuen, schönen Frack und eine Weste anziehen. Darin sah ich sehr vornehm aus. Nur war mir alles zu lang und zu weit, und es schlotterte richtig um mich herum. Ich bekam auch einen ganz neuen Hut. Der glänzte in der Sonne, als wäre er mit frischer Butter bestrichen. Dann nahm der fremde grämliche Herr die beiden Pferde der Maler am Zügel. Die Maler sprangen in den Wagen und ich auf den Bock. So flogen wir davon, gerade als der Postmeister mit seiner Schlafmütze aus dem Fenster guckte. Der Postillion blies lustig auf dem Horn, und so ging es fröhlich nach Italien hinein.

Ich hatte da oben eigentlich ein prächtiges Leben. Ich war wie ein Vogel in der Luft und musste doch nicht selbst fliegen. Ich hatte auch sonst nichts zu tun. Ich saß Tag und Nacht auf dem Bock. Manchmal brachte ich bei den Wirtshäusern Essen und Trinken zum Wagen hinaus. Denn die Maler gingen nirgends hinein. Am Tag zogen sie die Fenster am Wagen ganz fest zu, als ob die Sonne sie erstechen wollte. Nur manchmal steckte Herr Guido seinen hübschen Kopf aus dem Wagenfenster. Dann sprach er freundlich mit mir. Danach lachte er Herrn Leonhard aus. Der mochte das nicht und wurde jedes Mal über die langen Gespräche böse.

Ein paarmal hätte ich mit meinem Herrn fast Ärger bekommen. Das eine Mal war es in einer schönen, sternklaren Nacht. Da fing ich oben auf dem Bock an, Geige zu spielen. Das andere Mal war es später wegen des Schlafens. Das war aber auch ganz erstaunlich! Ich wollte mir Italien doch ganz genau ansehen. Deshalb riss ich alle Viertelstunden die Augen weit auf. Aber kaum hatte ich ein Weilchen so vor mich hin gesehen, da passierte es. Die sechzehn Pferdefüße vor mir schwirrten und verwickelten sich hin und her und über Kreuz wie ein Netz. Davon fielen mir die Augen gleich wieder zu. Zuletzt geriet ich in einen so schrecklichen Schlaf, dass gar nichts mehr half. Es mochte Tag oder Nacht sein, Regen oder Sonnenschein, Tirol oder Italien. Ich hing bald rechts, bald links, bald nach hinten über den Bock hinunter. Manchmal fiel mein Kopf so heftig nach unten zum Boden, dass mir der Hut weit wegflog. Dann schrie Herr Guido im Wagen laut auf.

So kam ich durch halb Welschland, das sie dort Lombardei nennen. Ich weiß selbst nicht, wie. An einem schönen Abend hielten wir vor einem Wirtshaus auf dem Land. Die Postpferde waren im Stationsdorf nebenan erst für ein paar Stunden später bestellt. Darum stiegen die Herren Maler aus. Sie ließen sich in ein eigenes Zimmer führen. Dort wollten sie ein wenig ausruhen und einige Briefe schreiben. Ich aber war darüber sehr froh. Ich ging sofort in die Gaststube. Endlich wollte ich wieder einmal in aller Ruhe und Bequemlichkeit essen und trinken.

Dort sah es ziemlich unordentlich aus. Die Mägde liefen mit ungekämmten Haaren herum. Ihre offenen Halstücher hingen unordentlich um ihre gelbe Haut. Um einen runden Tisch saßen die Knechte des Hauses beim Abendessen. Sie trugen blaue Überhemden und glotzten mich manchmal von der Seite an. Alle hatten kurze, dicke Zöpfe und sahen so vornehm aus wie junge Herren. – Da bist du nun, dachte ich und aß fleißig weiter. Da bist du nun endlich in dem Land, aus dem die seltsamen Leute kamen. Sie kamen immer zu unserem Herrn Pfarrer, mit Mausefallen, Barometern und Bildern. Was man doch alles erfährt, wenn man einmal hinter dem Ofen hervorkommt!

Ich aß noch und dachte nach. Da schoss plötzlich ein kleiner Mann wie eine Spinne auf mich los. Bis jetzt hatte er in einer dunklen Ecke der Stube bei seinem Glas Wein gesessen. Er war ganz klein und hatte einen Buckel. Aber er hatte einen großen, grässlichen Kopf mit einer langen römischen Adlernase. Er hatte einen dünnen roten Backenbart. Seine gepuderten Haare standen nach allen Seiten in die Höhe, als wäre ein Sturmwind hindurchgefahren. Dazu trug er einen altmodischen, verblichenen Frack. Er hatte kurze Hosen aus Plüsch und ganz vergilbte Seidenstrümpfe an. Er war einmal in Deutschland gewesen. Nun glaubte er, er könne wunderbar gut Deutsch. Er setzte sich zu mir und fragte bald dies, bald das. Dabei schnupfte er immerzu Tabak. Er fragte: ob ich der Servitore sei? wenn wir arriware? ob wir nach Roma kehn? Aber das wusste ich ja alles selbst nicht. Ich konnte auch sein Kauderwelsch gar nicht verstehen.

»Parlez-vous français?«, sagte ich endlich in meiner Angst zu ihm.

Er schüttelte den großen Kopf. Darüber war ich sehr froh, denn ich konnte ja auch kein Französisch. Aber das half alles nichts. Er hatte es nun einmal richtig auf mich abgesehen. Er fragte und fragte immer wieder. Je mehr wir redeten, desto weniger verstand einer den anderen. Zuletzt wurden wir beide schon hitzig. Darum kam es mir manchmal vor, als wollte der Signor mit seiner Adlernase nach mir hacken. Die Mägde hatten das babylonische Gespräch mit angehört. Endlich lachten sie uns beide kräftig aus. Ich aber legte schnell Messer und Gabel hin und ging vor die Haustür hinaus. Denn so ging es mir in dem fremden Land. Es war, als wäre ich mit meiner deutschen Zunge tausend Klafter tief im Meer versunken. Allerlei unbekanntes Gewürm ringelte sich dort in der Einsamkeit um mich herum. Es rauschte, glotzte und schnappte nach mir.

Draußen war eine warme Sommernacht, genau richtig, um gassatim zu gehen. Von den Weinbergen hörte man von weitem manchmal noch einen Winzer singen. Dazwischen blitzte es manchmal in der Ferne. Die ganze Gegend zitterte und säuselte im Mondschein. Vor dem Haus wuchsen Haselnusssträucher. Manchmal schien es mir sogar, als schlüpfte eine lange dunkle Gestalt dahinter vorbei. Sie schien durch die Zweige zu gucken. Dann war auf einmal wieder alles still. – Da trat gerade Herr Guido auf den Balkon des Wirtshauses heraus. Er bemerkte mich nicht. Er spielte sehr geschickt auf einer Zither, die er wohl im Haus gefunden hatte. Dann sang er dazu wie eine Nachtigall:

»Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.«

Ich weiß nicht, ob er noch mehr gesungen hat. Denn ich hatte mich auf die Bank vor der Haustür gelegt. In der milden Nacht schlief ich vor großer Müdigkeit fest ein.

Es waren wohl ein paar Stunden vergangen, als mich ein Posthorn weckte. Es blies lange Zeit lustig in meine Träume hinein, bevor ich ganz zu mir kam. Endlich sprang ich auf. Der Tag dämmerte schon an den Bergen, und die Morgenkühle lief mir durch alle Glieder. Da fiel mir erst ein, dass wir um diese Zeit ja schon wieder weit weg sein wollten. Aha, dachte ich, heute bin einmal ich mit dem Wecken und Auslachen dran. Wie wird Herr Guido mit seinem verschlafenen Lockenkopf hochfahren, wenn er mich draußen hört! Ich ging also in den kleinen Garten am Haus. Ich stellte mich dicht unter die Fenster, hinter denen meine Herren wohnten. Ich streckte mich noch einmal richtig ins Morgenrot hinein und sang fröhlich:

»Wenn der Hoppevogel schreit,
Ist der Tag nicht mehr weit,
Wenn die Sonne sich auftut,
Schmeckt der Schlaf noch so gut!« –

Das Fenster war offen, aber oben blieb alles still. Nur der Nachtwind ging noch durch die Weinranken, die bis ins Fenster hineinwuchsen.

»Nun, was soll denn das wieder bedeuten?«, rief ich erstaunt.

Ich lief ins Haus und durch die stillen Gänge zur Stube. Aber da gab es mir einen richtigen Stich ins Herz. Denn als ich die Tür aufriss, war alles leer: kein Frack, kein Hut, kein Stiefel. – Nur die Zither, auf der Herr Guido gestern gespielt hatte, hing an der Wand. Auf dem Tisch mitten in der Stube lag ein schöner, voller Geldbeutel. Darauf war ein Zettel geklebt. Ich hielt ihn näher ans Fenster und traute meinen Augen kaum. Dort stand wirklich in großen Buchstaben: »Für den Herrn Einnehmer!«

Aber was nützte mir das alles, wenn ich meine lieben, lustigen Herren nicht wiederfand? Ich schob den Beutel in meine tiefe Rocktasche. Er plumpste hinein wie in einen tiefen Brunnen und zog mich richtig nach hinten. Dann rannte ich hinaus, machte großen Lärm und weckte alle Knechte und Mägde im Haus. Die wussten gar nicht, was ich wollte, und meinten, ich sei verrückt geworden. Dann aber wunderten sie sich nicht wenig, als sie oben das leere Nest sahen. Niemand wusste etwas von meinen Herren. Nur eine Magd hatte etwas bemerkt. Das konnte ich mir aus ihren Zeichen und Gesten zusammenreimen. Gestern Abend hatte Herr Guido auf dem Balkon gesungen. Da hatte er plötzlich laut aufgeschrien. Dann war er schnell zu dem anderen Herrn ins Zimmer zurückgestürzt. Später in der Nacht war die Magd einmal aufgewacht. Da hörte sie draußen Pferdegetrappel. Sie guckte durch das kleine Fenster ihrer Kammer. Da sah sie den buckligen Signor, der gestern so viel mit mir gesprochen hatte. Er galoppierte auf einem Schimmel im Mondschein quer über das Feld. Dabei flog er immer eine Elle hoch über dem Sattel in die Luft. Die Magd bekreuzigte sich. Denn es sah aus wie ein Gespenst, das auf einem dreibeinigen Pferd reitet. – Da wusste ich nun gar nicht, was ich machen sollte.

Unterdessen stand unser Wagen schon lange angespannt vor der Tür. Der Postillion blies ungeduldig ins Horn, als wollte er platzen. Denn er musste zur festen Stunde auf der nächsten Station sein. Alles war nämlich durch Laufzettel bis auf die Minute vorausbestellt. Ich rannte noch einmal um das ganze Haus herum und rief nach den Malern. Aber niemand antwortete. Die Leute aus dem Haus liefen zusammen und gafften mich an. Der Postillion fluchte, die Pferde schnaubten. Ganz verwirrt sprang ich endlich schnell in den Wagen. Der Hausknecht schlug die Tür hinter mir zu, und der Postillion knallte mit der Peitsche. Und so ging es mit mir fort in die weite Welt hinein.

### Glossar

- **der Kutschbock (der Bock)**: der hohe Sitz vorn an der Kutsche.
- **der Postillion**: der Fahrer der Postkutsche; er bläst das Posthorn.
- **die Elle / der Klafter**: alte Längenmaße (eine Elle ist ungefähr 60 Zentimeter, ein Klafter ungefähr 1,8 Meter).
- **grämlich**: mürrisch, schlecht gelaunt.
- **der Flauschrock**: ein Mantel aus dickem, weichem Wollstoff.
- **der Frack**: eine elegante Jacke für Männer, hinten lang.
- **der Mantelsack**: eine Reisetasche, die man aufs Pferd schnallt.
- **Welschland**: ein altes Wort für Italien.
- **das Kauderwelsch**: eine Sprache, die man nicht versteht, weil sie falsch und durcheinander ist.
- **babylonisch**: so durcheinander wie viele Sprachen, die niemand versteht.
- **gassatim gehen**: nachts durch die Straßen ziehen.
- **der Schimmel**: ein weißes Pferd.
- **ade**: ein altes Wort für „auf Wiedersehen“, „leb wohl“.
- **pfeifen (pfiff)**: einen hohen, hellen Ton machen.
- **flimmern**: unruhig glänzen und zittern, so dass man nicht klar sieht.
- **dürr**: sehr dünn und mager.
- **blasen (blies)**: Luft in ein Instrument schicken, zum Beispiel in ein Horn.
- **die Magd (die Mägde)**: eine Frau, die in einem Haus oder auf einem Hof als Dienerin arbeitet.
- **die Stube (die Stuben)**: ein Zimmer; die Gaststube ist der Raum, in dem die Gäste essen und trinken.
- **unordentlich**: nicht ordentlich, durcheinander.
- **glotzen**: mit großen Augen dumm starren.
- **der Zopf (die Zöpfe)**: lange Haare, die man zusammen flicht.
- **der Signor**: italienisch für „Herr“.
- **die Zither**: ein flaches Musikinstrument mit vielen Saiten.
- **der Laufzettel**: ein Zettel, mit dem man die Pferde an jeder Station vorher bestellt.

## Fünftes Kapitel

Wir fuhren nun immer weiter, über Berg und Tal, Tag und Nacht. Ich hatte gar keine Zeit zum Nachdenken. Denn wo wir auch hinkamen, standen die Pferde schon angeschirrt. Mit den Leuten konnte ich nicht sprechen. Darum half mir auch mein Zeigen und Erklären mit den Händen nichts. Oft saß ich im Wirtshaus gerade beim besten Essen. Dann blies der Postillion, und ich musste Messer und Gabel hinwerfen. Ich sprang wieder in den Wagen. Dabei wusste ich eigentlich gar nicht, wohin und warum ich so außergewöhnlich schnell reisen sollte.

Sonst war dieses Leben gar nicht so schlecht. Ich legte mich bald in die eine, bald in die andere Ecke des Wagens wie auf ein Sofa. Ich lernte Menschen und Länder kennen. Wenn wir durch Städte fuhren, lehnte ich mich mit beiden Armen aus dem Wagenfenster. Ich dankte den Leuten, die höflich vor mir den Hut abnahmen. Oder ich grüßte die Mädchen an den Fenstern wie ein alter Bekannter. Sie wunderten sich dann immer sehr und guckten mir noch lange neugierig nach.

Aber zuletzt erschrak ich sehr. Ich hatte das Geld in dem gefundenen Beutel nie gezählt. Den Postmeistern und Gastwirten musste ich überall viel bezahlen. Und ehe ich es merkte, war der Beutel leer. Zuerst nahm ich mir etwas vor. Sobald wir durch einen einsamen Wald fuhren, wollte ich schnell aus dem Wagen springen und weglaufen. Aber dann tat es mir wieder leid um den schönen Wagen. Ich wollte ihn nicht so allein lassen. Mit ihm wäre ich sonst wohl noch bis ans Ende der Welt gefahren.

Nun saß ich da, voller Gedanken, und wusste nicht mehr weiter. Da ging es auf einmal von der Landstraße weg, zur Seite hin. Ich schrie zum Fenster hinaus zum Postillion: Wohin fährt er denn? Aber ich konnte sagen, was ich wollte. Der Kerl sagte immer nur: »Si, si, Signore!« Und er fuhr immer weiter über Stock und Stein. Ich flog dabei aus einer Ecke des Wagens in die andere.

Das wollte mir gar nicht in den Kopf. Denn die Landstraße lief gerade durch eine prächtige Landschaft auf die untergehende Sonne zu. Es war, als ob sie in ein Meer von Glanz und Funken führte. Auf der Seite aber, wohin wir abgebogen waren, lag ein wildes Gebirge vor uns. Es hatte graue Schluchten, und dort war es schon lange dunkel. – Je weiter wir fuhren, desto wilder und einsamer wurde die Gegend. Endlich kam der Mond hinter den Wolken hervor. Er schien auf einmal so hell zwischen die Bäume und Felsen, dass es richtig unheimlich aussah. In den engen, steinigen Schluchten konnten wir nur langsam fahren. Das immer gleiche, endlose Rasseln des Wagens hallte an den Steinwänden weit in die stille Nacht. Es war, als führen wir in ein großes Grabgewölbe hinein. Tiefer im Wald rauschten ohne Pause viele Wasserfälle, die man aber nicht sehen konnte. Und die Käuzchen riefen aus der Ferne immerzu: »Komm mit, komm mit!«

Jetzt erst sah ich, dass der Kutscher gar keine Uniform hatte. Er war also kein Postillion. Es kam mir vor, als ob er sich einige Male unruhig umsah und schneller zu fahren anfing. Ich lehnte mich weit aus dem Wagen hinaus. Da kam plötzlich ein Reiter aus dem Gebüsch hervor. Er ritt schnell dicht vor unseren Pferden quer über den Weg. Sofort verschwand er wieder auf der anderen Seite im Wald. Ich war ganz verwirrt. Denn soweit ich im hellen Mondschein erkennen konnte, war es dasselbe bucklige Männlein auf seinem Schimmel. Im Wirtshaus hatte es mit seiner Adlernase nach mir gehackt. Der Kutscher schüttelte den Kopf und lachte laut über die verrückte Reiterei. Dann aber drehte er sich schnell zu mir um. Er sprach sehr viel und sehr eifrig, aber ich verstand leider nichts davon. Danach fuhr er noch schneller weiter.

Ich war froh, als ich bald danach in der Ferne ein Licht schimmern sah. Nach und nach kamen noch mehr Lichter dazu. Sie wurden immer größer und heller. Endlich fuhren wir an einigen verrauchten Hütten vorbei. Sie hingen wie Schwalbennester an dem Felsen. Weil die Nacht warm war, standen die Türen offen. Ich konnte hinein in die hellen Stuben sehen. Dort hockte allerlei zerlumptes Gesindel wie dunkle Schatten um das Herdfeuer herum. Wir aber rasselten durch die stille Nacht einen steinigen Weg hinauf. Er führte auf einen hohen Berg. Bald bedeckten hohe Bäume und herabhängende Sträucher den ganzen Hohlweg. Bald konnte man auf einmal wieder den ganzen Himmel sehen. Und tief unten sah man den weiten, stillen Kreis von Bergen, Wäldern und Tälern. Oben auf dem Gipfel stand ein großes altes Schloss mit vielen Türmen im hellsten Mondschein.

»Nun Gott befohlen!«, rief ich. Innerlich war ich ganz munter geworden, denn ich war gespannt, wohin sie mich am Ende noch bringen würden.

Es dauerte wohl noch eine gute halbe Stunde, bis wir oben auf dem Berg am Schlosstor ankamen. Das Tor führte in einen breiten, runden Turm hinein. Oben war der Turm schon ganz verfallen. Der Kutscher knallte dreimal mit der Peitsche. Das hallte weit durch das alte Schloss. Ein Schwarm Dohlen flog ganz erschrocken plötzlich aus allen Luken und Ritzen heraus. Mit großem Geschrei flogen sie kreuz und quer durch die Luft. Dann rollte der Wagen in den langen, dunklen Torweg hinein. Die Hufeisen der Pferde schlugen Funken auf dem Steinpflaster. Ein großer Hund bellte, und der Wagen donnerte zwischen den gewölbten Wänden. Die Dohlen schrien noch immer dazwischen. So kamen wir mit einem schrecklichen Lärm in den engen, gepflasterten Schlosshof.

Eine seltsame Station!, dachte ich, als der Wagen nun stillstand. Da wurde die Wagentür von draußen geöffnet. Ein alter, langer Mann mit einer kleinen Laterne sah mich unter seinen dicken Augenbrauen grämlich an. Dann fasste er mich unter den Arm und half mir aus dem Wagen, wie einem großen Herrn. Draußen vor der Haustür stand eine alte, sehr hässliche Frau. Sie trug ein schwarzes Kamisol und einen schwarzen Rock, dazu eine weiße Schürze. Auf dem Kopf hatte sie eine schwarze Haube. Von der Haube hing ihr eine lange Spitze bis auf die Nase herunter. An der einen Hüfte hing ein großer Schlüsselbund. In der anderen Hand hielt sie einen altmodischen Kerzenleuchter mit zwei brennenden Wachskerzen. Sobald sie mich sah, fing sie an, tiefe Knickse zu machen. Sie sprach und fragte sehr viel durcheinander. Ich verstand aber nichts davon und machte immerzu Kratzfüße vor ihr. Eigentlich war mir dabei ganz unheimlich zumute.

Der alte Mann hatte inzwischen mit seiner Laterne den Wagen von allen Seiten beleuchtet. Er fand nirgends einen Koffer oder Gepäck. Da brummte er und schüttelte den Kopf. Der Kutscher fuhr dann den Wagen in einen alten Schuppen, der an der Seite des Hofes schon offen stand. Er verlangte von mir kein Trinkgeld. Die alte Frau aber bat mich mit allerlei Zeichen sehr höflich, ihr zu folgen. Mit ihren Wachskerzen führte sie mich durch einen langen, schmalen Gang. Dann ging es eine kleine Steintreppe hinauf. Wir gingen an der Küche vorbei. Da streckten ein paar junge Mägde neugierig die Köpfe durch die halb offene Tür. Sie starrten mich an und winkten und nickten einander heimlich zu. Es war, als hätten sie in ihrem Leben noch nie einen Mann gesehen. Oben machte die Alte endlich eine Tür auf. Da war ich zuerst ganz verblüfft. Denn es war ein großes, schönes, vornehmes Zimmer. An der Decke waren goldene Verzierungen. An den Wänden hingen prächtige Tapeten mit allerlei Figuren und großen Blumen. In der Mitte stand ein gedeckter Tisch mit Braten, Kuchen, Salat, Obst, Wein und Süßigkeiten. Da lachte einem richtig das Herz im Leib. Zwischen den beiden Fenstern hing ein riesiger Spiegel. Er reichte vom Boden bis zur Decke.

Ich muss sagen, das gefiel mir sehr gut. Ich streckte mich ein paarmal. Dann ging ich mit langen Schritten vornehm im Zimmer auf und ab. Danach konnte ich nicht widerstehen. Ich musste mich einmal in so einem großen Spiegel ansehen. Es ist wahr: Die neuen Kleider von Herrn Leonhard standen mir sehr gut. Auch hatte ich in Italien so ein gewisses feuriges Auge bekommen. Sonst aber war ich immer noch so ein Milchbart wie zu Hause. Nur auf der Oberlippe zeigte sich erst ein bisschen Flaum.

Die alte Frau kaute inzwischen ununterbrochen mit ihrem zahnlosen Mund. Es sah aus, als ob sie an ihrer langen, herunterhängenden Nasenspitze kaute. Dann drängte sie mich, mich hinzusetzen. Sie streichelte mir mit ihren dürren Fingern das Kinn und nannte mich »Poverina!«. Ihre roten Augen sahen mich dabei so schelmisch an, dass sich ihr ein Mundwinkel bis zur halben Wange hinaufzog. Endlich ging sie mit einem tiefen Knicks zur Tür hinaus.

Ich setzte mich an den gedeckten Tisch. Da kam eine junge, hübsche Magd herein, um mich beim Essen zu bedienen. Ich fing mit ihr allerlei galante Gespräche an. Aber sie verstand mich nicht. Sie sah mich nur immer ganz seltsam von der Seite an, weil es mir so gut schmeckte. Denn das Essen war köstlich. Als ich satt war, stand ich auf. Die Magd nahm ein Licht vom Tisch und führte mich in ein anderes Zimmer. Dort standen ein Sofa, ein kleiner Spiegel und ein prächtiges Bett mit grünen Seidenvorhängen. Ich fragte sie mit Zeichen, ob ich mich da hineinlegen sollte. Sie nickte zwar: ja. Aber das ging doch nicht, denn sie blieb wie angenagelt neben mir stehen. Endlich holte ich mir noch ein großes Glas Wein aus dem Speisezimmer.

»Felicissima notte!«, rief ich ihr zu. So viel Italienisch hatte ich nämlich schon gelernt.

Aber als ich das Glas auf einmal austrank, brach sie plötzlich in ein unterdrücktes Kichern aus. Sie wurde über und über rot. Dann ging sie ins Speisezimmer und machte die Tür hinter sich zu. Was gibt es da zu lachen?, dachte ich ganz verwundert. Ich glaube, die Leute in Italien sind alle verrückt.

Jetzt hatte ich nur noch Angst, dass der Postillion gleich wieder zu blasen anfangen würde. Ich horchte am Fenster, aber draußen war alles still. Lass ihn blasen!, dachte ich. Ich zog mich aus und legte mich in das prächtige Bett. Es war, als ob man in Milch und Honig schwimmen würde! Vor den Fenstern rauschte die alte Linde im Hof. Manchmal flog noch plötzlich eine Dohle vom Dach auf. Endlich schlief ich voller Zufriedenheit ein.

### Glossar

- **über Stock und Stein**: ohne Weg, über alles hinweg, was auf dem Boden liegt.
- **das Grabgewölbe**: ein dunkler Raum mit runder Decke unter der Erde, in dem Tote liegen.
- **das Käuzchen**: eine kleine Eule.
- **der Hohlweg**: ein tiefer, schmaler Weg zwischen hohen Seiten aus Erde oder Stein.
- **Gott befohlen!**: ein alter Gruß: Gott soll mich schützen.
- **die Dohle**: ein schwarzer Vogel, eine kleine Krähe.
- **grämlich**: mürrisch, schlecht gelaunt.
- **das Kamisol**: eine kurze Jacke.
- **die Kratzfüße machen**: sich tief verbeugen und dabei mit dem Fuß über den Boden scharren.
- **der Milchbart**: ein sehr junger Mann ohne Bart.
- **galant**: sehr höflich und freundlich zu einer Frau.
- **anschirren (angeschirrt)**: einem Pferd die Riemen anlegen, damit es den Wagen ziehen kann.
- **erschrecken (erschrak)**: plötzlich Angst bekommen.
- **Si, si, Signore!**: italienisch: „Ja, ja, mein Herr!“
- **der Kutscher**: der Mann, der eine Kutsche fährt.
- **das Schwalbennest**: das Nest der Schwalbe, eines kleinen Vogels; es klebt an Wänden und Felsen.
- **zerlumpt**: in alten, kaputten Kleidern.
- **das Gesindel**: ein abwertendes Wort für arme, unordentliche Leute.
- **kauen (kaute)**: Essen im Mund mit den Zähnen klein machen.

## Sechstes Kapitel

Als ich wieder aufwachte, spielten schon die ersten Morgenstrahlen an den grünen Vorhängen über mir. Ich konnte mich gar nicht erinnern, wo ich eigentlich war. Es kam mir vor, als ob ich immer noch im Wagen weiterfuhr. Ich glaubte, ich hätte nur von einem Schloss im Mondschein geträumt. Und von einer alten Hexe und ihrem blassen Töchterchen.

Endlich sprang ich schnell aus dem Bett und zog mich an. Dabei sah ich mich nach allen Seiten im Zimmer um. Da bemerkte ich eine kleine Tapetentür, die ich gestern gar nicht gesehen hatte. Sie war nur angelehnt. Ich öffnete sie und sah ein kleines, nettes Zimmer. Im Licht der Morgendämmerung sah es richtig gemütlich aus. Über einem Stuhl lagen Frauenkleider, unordentlich hingeworfen. In einem kleinen Bett daneben lag das Mädchen, das mich gestern Abend beim Essen bedient hatte. Sie schlief noch ganz ruhig. Ihren Kopf hatte sie auf den weißen, nackten Arm gelegt. Ihre schwarzen Locken fielen darüber.

»Wenn die wüsste, dass die Tür offen war!«, sagte ich zu mir selbst.

Ich ging in mein Schlafzimmer zurück. Hinter mir schloss ich die Tür wieder und schob den Riegel vor. Das tat ich, damit das Mädchen nicht erschrecken und sich schämen sollte, wenn es aufwachte.

Draußen hörte man noch keinen Laut. Nur ein früh erwachter kleiner Waldvogel saß vor meinem Fenster auf einem Strauch. Der Strauch wuchs aus der Mauer heraus. Der Vogel sang schon sein Morgenlied.

»Nein«, sagte ich, »du sollst mich nicht beschämen! Du sollst nicht allein so früh und fleißig Gott loben!«

Schnell nahm ich meine Geige, die ich gestern auf das kleine Tischchen gelegt hatte. Dann ging ich hinaus. Im Schloss war noch alles totenstill. Es dauerte lange, bis ich aus den dunklen Gängen ins Freie fand.

Vor dem Schloss kam ich in einen großen Garten. Er ging auf breiten Terrassen bis zur Mitte des Berges hinunter. Jede Terrasse lag tiefer als die vorige. Aber das war ein unordentlicher, verwahrloster Garten! Alle Wege waren voll von hohem Gras. Die Figuren aus Buchsbaum waren nicht geschnitten. Sie streckten wie Gespenster lange Nasen oder ellenhohe, spitze Mützen in die Luft. In der Dämmerung hätte man sich richtig davor fürchten können. Über einem ausgetrockneten Brunnen standen ein paar kaputte Statuen. Darauf hatte man sogar Wäsche aufgehängt. Hier und da hatten sie mitten im Garten Kohl angebaut. Dann kamen wieder ein paar gewöhnliche Blumen. Alles stand unordentlich durcheinander und war von hohem, wildem Unkraut überwachsen. Dazwischen schlängelten sich bunte Eidechsen. Aber zwischen den alten, hohen Bäumen hindurch hatte man überall eine weite, einsame Aussicht. Ein Berggipfel lag hinter dem anderen, so weit das Auge reichte.

Ich spazierte ein Weilchen in der Morgendämmerung durch diese Wildnis. Da sah ich auf der Terrasse unter mir einen jungen Mann. Er war lang, schmal und blass und trug einen langen braunen Kaputrock. Mit verschränkten Armen ging er mit großen Schritten auf und ab. Er tat so, als sähe er mich nicht. Bald darauf setzte er sich auf eine Steinbank. Er zog ein Buch aus der Tasche und las sehr laut daraus vor, als ob er predigte. Dabei sah er manchmal zum Himmel. Dann stützte er den Kopf ganz traurig auf die rechte Hand.

Ich sah ihm lange zu. Endlich wurde ich doch neugierig. Warum machte er eigentlich so seltsame Grimassen? Ich ging schnell auf ihn zu. Er hatte gerade tief geseufzt. Als ich ankam, sprang er erschrocken auf. Er war sehr verlegen, und ich war es auch. Wir wussten beide nicht, was wir sagen sollten. Wir verbeugten uns nur immer wieder voreinander. Endlich lief er mit langen Schritten ins Gebüsch davon.

Inzwischen war die Sonne über dem Wald aufgegangen. Ich sprang auf die Bank hinauf und spielte vor Freude auf meiner Geige. Es klang weit hinunter in die stillen Täler. Die Alte mit dem Schlüsselbund hatte mich schon ängstlich im ganzen Schloss gesucht, denn es war Zeit zum Frühstück. Nun erschien sie auf der Terrasse über mir. Sie wunderte sich, dass ich so hübsch Geige spielen konnte. Der alte grämliche Mann vom Schloss kam dazu und wunderte sich ebenfalls. Endlich kamen auch noch die Mägde. Alle blieben oben stehen und staunten. Ich bewegte meine Finger und meinen Geigenbogen immer kunstvoller und schneller. Ich spielte Kadenzen und Variationen, bis ich endlich ganz müde war.

Es war aber doch ganz seltsam auf dem Schloss! Kein Mensch dachte ans Weiterreisen. Das Schloss war auch gar kein Wirtshaus. Wie ich von der Magd erfuhr, gehörte es einem reichen Grafen. Manchmal fragte ich die Alte, wie der Graf heiße und wo er wohne. Dann schmunzelte sie immer nur wie am ersten Abend. Und sie zwinkerte mir so listig zu, als ob sie nicht ganz bei Verstand wäre. Manchmal trank ich an einem heißen Tag eine ganze Flasche Wein aus. Dann kicherten die Mägde ganz sicher, wenn sie mir die nächste brachten. Einmal wollte ich sogar eine Pfeife Tabak haben. Ich beschrieb ihnen mit Zeichen, was ich wollte. Da brachen alle in ein großes, sinnloses Gelächter aus.

Am seltsamsten war für mich eine Nachtmusik unter meinem Fenster. Ich hörte sie oft, und immer gerade in den dunkelsten Nächten. Jemand spielte auf einer Gitarre, immer nur von Zeit zu Zeit ein paar einzelne, ganz leise Töne. Einmal aber kam es mir vor, als ob dabei jemand von unten heraufrief: »Pst! pst!« Da sprang ich schnell aus dem Bett und steckte den Kopf aus dem Fenster.

»Holla! heda! wer ist da draußen?«, rief ich hinunter.

Aber niemand antwortete. Ich hörte nur, wie etwas sehr schnell durch die Sträucher davonlief. Der große Hund im Hof bellte wegen meines Lärms ein paarmal. Dann war auf einmal alles wieder still. Seitdem hörte ich die Nachtmusik nicht mehr.

Sonst hatte ich hier ein Leben, wie es sich ein Mensch auf der Welt nur wünschen kann. Der gute Portier! Er wusste wohl, wovon er sprach. Er sagte ja immer, dass einem in Italien die Rosinen von selbst in den Mund wachsen. Ich lebte auf dem einsamen Schloss wie ein verzauberter Prinz. Wohin ich auch kam, hatten die Leute großen Respekt vor mir. Dabei wussten sie alle schon, dass ich keinen Heller in der Tasche hatte. Ich musste nur sagen: Tischchen, deck dich! Und schon standen herrliche Speisen da: Reis, Wein, Melonen und Parmesankäse. Ich ließ es mir gut schmecken und schlief in dem prächtigen Himmelbett. Ich ging im Garten spazieren, machte Musik und half manchmal auch ein bisschen bei der Gartenarbeit.

Oft lag ich auch stundenlang im hohen Gras im Garten. Dann ging der schmale junge Mann in seinem langen Kaputrock in weiten Kreisen um mich herum. Er war ein Schüler und ein Verwandter der Alten. Gerade jetzt hatte er Ferien und war deshalb hier. Er murmelte dabei wie ein Zauberer aus seinem Buch. Und jedes Mal schlief ich darüber ein. – So verging ein Tag nach dem anderen. Am Ende fing ich an, von dem guten Essen und Trinken ganz melancholisch zu werden. Von dem ewigen Nichtstun gingen mir die Glieder richtig aus allen Gelenken. Mir war, als würde ich vor Faulheit noch ganz auseinanderfallen.

In dieser Zeit saß ich einmal an einem schwülen Nachmittag oben in einem hohen Baum. Der Baum stand am Abhang. Ich schaukelte langsam auf den Ästen über dem stillen, tiefen Tal. Um mich herum summten die Bienen zwischen den Blättern. Sonst war alles wie ausgestorben. Zwischen den Bergen war kein Mensch zu sehen. Tief unter mir lagen die Kühe im hohen Gras der stillen Waldwiesen. Aber ganz von weitem kam der Klang eines Posthorns über die bewaldeten Gipfel. Bald hörte man ihn kaum, bald wieder heller und deutlicher. Dabei fiel mir auf einmal ein altes Lied ein, das mir richtig zu Herzen ging. Ich hatte es noch zu Hause an der Mühle meines Vaters gelernt, von einem wandernden Handwerksburschen. Und ich sang:

»Wer in die Fremde will wandern,
Der muß mit der Liebsten gehn,
Es jubeln und lassen die andern
Den Fremden alleine stehn.

Was wisset ihr, dunkele Wipfel,
Von der alten, schönen Zeit?
Ach, die Heimat hinter den Gipfeln,
Wie liegt sie von hier so weit!

Am liebsten betracht ich die Sterne,
Die schienen, wenn ich ging zu ihr,
Die Nachtigall hör ich so gerne,
Sie sang vor der Liebsten Tür.

Der Morgen, das ist meine Freude!
Da steig ich in stiller Stund,
Auf den höchsten Berg in die Weite,
Grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!«

Es war, als ob mich das Posthorn aus der Ferne bei meinem Lied begleiten wollte. Während ich sang, kam es zwischen den Bergen immer näher und näher. Endlich hörte ich es sogar oben im Schlosshof klingen. Schnell sprang ich vom Baum herunter. Da kam mir auch schon die Alte aus dem Schloss entgegen. Sie hatte ein geöffnetes Paket in der Hand.

»Da ist auch etwas für Sie mitgekommen«, sagte sie.

Sie gab mir aus dem Paket einen kleinen, hübschen Brief. Es stand keine Adresse darauf. Ich öffnete ihn schnell. Aber da wurde ich auf einmal im ganzen Gesicht so rot wie eine Päonie. Mein Herz schlug so heftig, dass es die Alte merkte. Denn der Brief war von – meiner schönen Frau! Ich hatte manchen Zettel von ihr beim Herrn Amtmann gesehen. Sie schrieb darin ganz kurz:

»Es ist alles wieder gut, alle Hindernisse sind beseitigt. Ich benutzte heimlich diese Gelegenheit, um die erste zu sein, die Ihnen diese freudige Botschaft schreibt. Kommen, eilen Sie zurück. Es ist so öde hier, und ich kann kaum mehr leben, seit Sie von uns fort sind. Aurelie.«

Als ich das las, liefen mir die Augen über. Ich weinte vor Entzücken und Schreck und unbeschreiblicher Freude. Ich schämte mich vor der alten Frau, die mich wieder abscheulich anschmunzelte. Ich flog wie ein Pfeil bis in die allereinsamste Ecke des Gartens. Dort warf ich mich unter den Haselnusssträuchern ins Gras. Ich las den Brief noch einmal. Ich sagte mir die Worte auswendig vor. Dann las ich ihn wieder und immer wieder. Die Sonnenstrahlen tanzten zwischen den Blättern hindurch über die Buchstaben. Da schlangen sich die Buchstaben vor meinen Augen ineinander wie goldene, hellgrüne und rote Blüten. War sie am Ende gar nicht verheiratet?, dachte ich. War der fremde Offizier damals vielleicht ihr Bruder? Oder ist er jetzt tot? Oder bin ich verrückt? Oder –

»Das ist alles einerlei!«, rief ich endlich und sprang auf. »Nun ist es ja klar, sie liebt mich ja, sie liebt mich!«

Als ich wieder aus dem Gebüsch hervorkroch, ging die Sonne gerade unter. Der Himmel war rot, und die Vögel sangen lustig in allen Wäldern. Die Täler schimmerten. Aber in meinem Herzen war es noch tausendmal schöner und fröhlicher!

Ich rief ins Schloss hinein, sie sollten mir heute das Abendessen in den Garten bringen. Die alte Frau, der alte grämliche Mann und die Mägde mussten alle mit herauskommen. Sie mussten sich mit mir unter dem Baum an den gedeckten Tisch setzen. Ich holte meine Geige hervor und spielte. Dazwischen aß und trank ich. Da wurden alle lustig. Der alte Mann strich sich die grämlichen Falten aus dem Gesicht. Er trank ein Glas nach dem anderen aus. Die Alte plauderte ununterbrochen, Gott weiß was. Die Mägde fingen an, auf dem Rasen miteinander zu tanzen.

Zuletzt kam auch noch der blasse Student neugierig heraus. Er warf ein paar verächtliche Blicke auf das Spektakel. Dann wollte er ganz vornehm weitergehen. Ich aber war nicht faul und sprang schnell auf. Bevor er es merkte, packte ich ihn an seinem langen Mantel. Dann tanzte ich mit ihm kräftig einen Walzer. Er gab sich nun Mühe, recht zierlich und modern zu tanzen. Er bewegte seine Füße so eifrig und kunstvoll, dass ihm der Schweiß vom Gesicht lief. Seine langen Rockschöße flogen wie ein Rad um uns herum. Dabei sah er mich aber manchmal so seltsam mit verdrehten Augen an. Da fing ich an, mich richtig vor ihm zu fürchten. Plötzlich ließ ich ihn wieder los.

Die Alte hätte nun zu gern gewusst, was in dem Brief stand. Und warum ich heute auf einmal so lustig war. Aber das war viel zu kompliziert, um es ihr zu erklären. Ich zeigte nur auf ein paar Kraniche, die gerade hoch über uns durch die Luft flogen. Ich sagte, ich müsste jetzt auch so fort, immer weiter fort, weit in die Ferne! – Da riss sie ihre vertrockneten Augen weit auf. Wie ein Basilisk blickte sie bald auf mich, bald zu dem alten Mann hinüber. Dann bemerkte ich etwas. Immer wenn ich mich wegdrehte, steckten die beiden heimlich die Köpfe zusammen. Sie sprachen sehr eifrig miteinander und sahen mich dabei manchmal von der Seite an.

Das fiel mir auf. Ich überlegte hin und her, was sie wohl mit mir vorhatten. Darüber wurde ich stiller. Die Sonne war auch schon lange untergegangen. So wünschte ich allen eine gute Nacht. Nachdenklich ging ich in mein Schlafzimmer hinauf.

Innerlich war ich so fröhlich und unruhig, dass ich noch lange im Zimmer auf und ab ging. Draußen rollte der Wind schwere, schwarze Wolken über den Schlossturm. In der dicken Finsternis konnte man die nächsten Berggipfel kaum erkennen. Da kam es mir vor, als ob ich unten im Garten Stimmen hörte. Ich löschte mein Licht und stellte mich ans Fenster. Die Stimmen schienen näher zu kommen. Aber sie sprachen sehr leise miteinander. Eine der Gestalten trug eine kleine Laterne unter dem Mantel. Auf einmal warf die Laterne einen langen Lichtschein. Nun erkannte ich den grämlichen Schlossverwalter und die alte Haushälterin. Das Licht blitzte über das Gesicht der Alten. Es war mir noch nie so grässlich vorgekommen. Und es blitzte über ein langes Messer, das sie in der Hand hielt. Ich konnte auch sehen, dass beide gerade zu meinem Fenster hinaufsahen. Dann zog der Verwalter seinen Mantel wieder enger um sich. Bald war alles wieder dunkel und still.

Was wollen die zu dieser Stunde noch draußen im Garten?, dachte ich. Mich schauderte, denn mir fielen alle Mordgeschichten ein, die ich in meinem Leben gehört hatte. Geschichten von Hexen und Räubern, die Menschen schlachten, um ihre Herzen zu fressen. Während ich noch so nachdachte, hörte ich Schritte. Zuerst kamen sie die Treppe herauf. Dann kamen sie auf dem langen Gang ganz leise, leise auf meine Tür zu. Dabei war es, als ob manchmal Stimmen heimlich miteinander flüsterten. Schnell sprang ich an das andere Ende des Zimmers hinter einen großen Tisch. Sobald sich etwas rührte, wollte ich ihn vor mir hochheben. So wollte ich mit aller Kraft auf die Tür losrennen. Aber in der Dunkelheit warf ich einen Stuhl um. Das gab ein schreckliches Gepolter. Da wurde es draußen auf einmal ganz still.

Ich lauschte hinter dem Tisch und sah immerzu zur Tür. Es war, als wollte ich sie mit den Augen durchbohren. Mir quollen die Augen richtig aus dem Kopf. Ein Weilchen verhielt ich mich so ruhig, dass man die Fliegen an der Wand hätte laufen hören können. Da hörte ich, wie jemand draußen ganz leise einen Schlüssel ins Schlüsselloch steckte. Ich wollte gerade mit meinem Tisch losstürmen. Da drehte jemand den Schlüssel langsam dreimal in der Tür um. Dann zog er ihn vorsichtig wieder heraus. Danach huschte er sacht über den Gang und die Treppe hinunter.

Nun atmete ich tief durch. Oho, dachte ich, da haben sie dich eingesperrt, damit sie es bequem haben, wenn du erst fest eingeschlafen bist. Schnell untersuchte ich die Tür. Es stimmte, sie war fest verschlossen. Ebenso die andere Tür, hinter der die hübsche, bleiche Magd schlief. Das war noch nie geschehen, solange ich auf dem Schloss wohnte.

Da saß ich nun in der Fremde gefangen! Die schöne Frau stand jetzt wohl an ihrem Fenster. Sie sah über den stillen Garten zur Landstraße hinaus, ob ich nicht schon am Zollhäuschen mit meiner Geige daherkäme. Die Wolken flogen schnell über den Himmel, die Zeit verging – und ich konnte nicht fort von hier! Ach, mir tat das Herz so weh. Ich wusste gar nicht mehr, was ich tun sollte. Manchmal rauschten draußen die Blätter, oder eine Ratte nagte am Boden. Dann war es mir jedes Mal, als wäre die Alte durch eine versteckte Tapetentür heimlich hereingekommen. Es war, als ob sie lauerte und leise mit dem langen Messer durchs Zimmer schlich.

So saß ich voller Sorgen auf dem Bett. Da hörte ich auf einmal, zum ersten Mal seit langer Zeit, wieder die Nachtmusik unter meinen Fenstern. Beim ersten Klang der Gitarre war es, als ob ein Morgenstrahl plötzlich durch meine Seele fuhr. Ich riss das Fenster auf. Leise rief ich hinunter, dass ich wach sei.

»Pst, pst!«, antwortete es von unten.

Nun überlegte ich nicht lange. Ich steckte den Brief und meine Geige ein und schwang mich aus dem Fenster. Dann kletterte ich an der alten, rissigen Mauer hinunter. Dabei hielt ich mich mit den Händen an den Sträuchern fest, die aus den Ritzen wuchsen. Aber einige morsche Ziegel gaben nach, und ich kam ins Rutschen. Es ging immer schneller und schneller mit mir. Endlich plumpste ich mit beiden Füßen auf den Boden. Es knisterte richtig in meinem Kopf.

Kaum war ich so unten im Garten angekommen, da umarmte mich jemand. Er tat es so heftig, dass ich laut aufschrie. Der gute Freund hielt mir aber schnell die Finger auf den Mund. Er nahm mich an der Hand und führte mich aus dem Gebüsch ins Freie. Da erkannte ich mit Erstaunen den guten, langen Studenten. Er hatte die Gitarre an einem breiten Seidenband um den Hals hängen. – Nun erklärte ich ihm so schnell wie möglich, dass ich aus dem Garten hinauswollte. Aber er schien das alles schon lange zu wissen. Auf allerlei versteckten Umwegen führte er mich zum unteren Tor in der hohen Gartenmauer. Aber auch das Tor war wieder fest verschlossen! Doch auch daran hatte der Student schon gedacht. Er zog einen großen Schlüssel hervor und schloss vorsichtig auf.

Nun traten wir in den Wald hinaus. Ich wollte ihn gerade noch nach dem besten Weg zur nächsten Stadt fragen. Da fiel er plötzlich vor mir auf ein Knie. Er hob die eine Hand hoch in die Luft. Dann fing er an zu fluchen und zu schwören, dass es schrecklich anzuhören war. Ich wusste gar nicht, was er wollte. Ich hörte nur immer wieder: Idio und cuore und amore und furore! Am Ende fing er sogar an, auf beiden Knien schnell immer näher auf mich zuzurutschen. Da wurde mir auf einmal ganz grausig. Ich merkte wohl, dass er verrückt war. Ohne mich umzusehen, rannte ich in den dichtesten Wald hinein.

Nun hörte ich den Studenten hinter mir wie rasend schreien. Bald darauf antwortete vom Schloss her noch eine andere, grobe Stimme. Ich dachte mir wohl, dass sie mich jetzt suchen würden. Den Weg kannte ich nicht, und die Nacht war dunkel. Ich konnte ihnen leicht wieder in die Hände fallen. Darum kletterte ich bis in die Spitze einer hohen Tanne hinauf. Dort wollte ich auf eine bessere Gelegenheit warten.

Von dort oben hörte ich, wie im Schloss eine Stimme nach der anderen wach wurde. Oben zeigten sich einige Windlichter. Sie warfen ihren wilden roten Schein über die alten Mauern des Schlosses. Weit vom Berg leuchteten sie in die schwarze Nacht hinein. Ich befahl meine Seele dem lieben Gott. Denn das wirre Getümmel wurde immer lauter und kam immer näher. Endlich rannte der Student mit einer Fackel unter meinem Baum vorbei. Seine Rockschöße flogen weit hinter ihm im Wind. Dann schienen sie sich alle nach und nach zu einer anderen Seite des Berges zu wenden. Die Stimmen klangen immer ferner und ferner. Und der Wind rauschte wieder durch den stillen Wald. Da stieg ich schnell vom Baum herunter. Atemlos lief ich weiter, hinaus in das Tal und in die Nacht.

### Glossar

- **die Tapetentür**: eine Tür, die mit Tapete beklebt ist, sodass man sie kaum sieht.
- **der Buchsbaum**: ein kleiner Strauch, den man in Figuren schneidet.
- **der Kaputrock**: ein langer Mantel mit Kapuze.
- **die Kadenzen und Variationen**: schwierige, kunstvolle Teile in einem Musikstück.
- **das Himmelbett**: ein Bett mit einem Dach aus Stoff.
- **die Päonie**: eine Pfingstrose, eine große rote Blume.
- **der Kranich**: ein großer Zugvogel.
- **der Basilisk**: ein Fabeltier; sein Blick tötet.
- **der Schlossverwalter / die Haushälterin**: ein Mann, der für einen Herrn das Schloss verwaltet / eine Frau, die den Haushalt eines großen Hauses führt.
- **die Windlichter**: Lichter mit offener Flamme, die im Wind nicht ausgehen.
- **Idio, cuore, amore, furore**: italienisch (verdreht): Gott, Herz, Liebe, Leidenschaft.
- **beschämen**: machen, dass sich jemand schämt.
- **das Gespenst (die Gespenster)**: ein Geist, vor dem man Angst hat.
- **die Eidechse**: ein kleines Tier mit vier Beinen und einem langen Schwanz.
- **die Arme verschränken**: die Arme vor der Brust übereinanderlegen.
- **die Grimasse**: ein Gesicht, das man absichtlich verzieht.
- **seufzen (geseufzt)**: laut und schwer ausatmen, weil man traurig oder müde ist.
- **zwinkern**: ein Auge schnell zu- und wieder aufmachen, als Zeichen.
- **kichern**: leise und hell lachen.
- **Pst!**: ein leiser Ruf: „Sei still!“ oder „Hör mal!“.
- **Holla! Heda!**: alte Rufe, um jemanden anzusprechen: „Hallo! He, du da!“

## Siebentes Kapitel

Ich war Tag und Nacht eilig weitergegangen. Denn lange sauste es mir in den Ohren. Es war, als kämen die Leute vom Berg mit Rufen, Fackeln und langen Messern noch immer hinter mir her. Unterwegs erfuhr ich, dass ich nur noch ein paar Meilen von Rom entfernt war. Da erschrak ich richtig vor Freude. Denn schon als Kind hatte ich zu Hause viele wunderbare Geschichten von dem prächtigen Rom gehört. An Sonntagnachmittagen lag ich oft vor der Mühle im Gras, und ringsum war alles so still. Dann stellte ich mir Rom vor wie die ziehenden Wolken über mir. In Gedanken sah ich wunderbare Berge und Abgründe am blauen Meer. Ich sah goldene Tore und hohe, glänzende Türme. Und von den Türmen sangen Engel in goldenen Gewändern.

Die Nacht war schon lange wieder hereingebrochen, und der Mond schien prächtig. Da trat ich endlich auf einem Hügel aus dem Wald. Auf einmal sah ich die Stadt in der Ferne vor mir. – Das Meer leuchtete von weitem. Der Himmel blitzte und funkelte mit unzähligen Sternen, so weit man sehen konnte. Darunter lag die heilige Stadt. Man konnte von ihr nur einen langen Nebelstreifen erkennen. Sie lag da wie ein eingeschlafener Löwe auf der stillen Erde. Und daneben standen Berge wie dunkle Riesen, die ihn bewachten.

Zuerst kam ich auf eine große, einsame Heide. Dort war es so grau und still wie in einem Grab. Nur hier und da stand eine alte, verfallene Mauer oder ein trockener, seltsam gewundener Strauch. Manchmal schwirrten Nachtvögel durch die Luft. Mein eigener Schatten glitt immerzu lang und dunkel in der Einsamkeit neben mir her. Man sagt, hier liegen eine uralte Stadt und die Frau Venus begraben. Man sagt auch, dass die alten Heiden manchmal noch aus ihren Gräbern heraufsteigen. In stillen Nächten gehen sie über die Heide und führen die Wanderer in die Irre. Aber ich ging immer geradeaus weiter und ließ mich von nichts stören. Denn die Stadt stieg immer deutlicher und prächtiger vor mir auf. Die hohen Burgen und Tore und die goldenen Kuppeln glänzten herrlich im hellen Mondschein. Es war, als ob wirklich Engel in goldenen Gewändern oben auf den Mauern standen. Und es war, als ob sie durch die stille Nacht zu mir herübersangen.

So kam ich endlich zuerst an kleinen Häusern vorbei. Dann ging ich durch ein prächtiges Tor in die berühmte Stadt Rom hinein. Der Mond schien zwischen den Palästen so hell, als wäre es Tag. Aber die Straßen waren schon alle leer. Nur hier und da lag ein zerlumpter Kerl wie ein Toter auf den Marmorschwellen. Er schlief dort in der milden Nacht. Auf den stillen Plätzen rauschten die Brunnen. Dazwischen säuselten die Gärten an der Straße. Sie erfüllten die Luft mit frischen, wohltuenden Düften.

Ich schlenderte so weiter. Vor Vergnügen, Mondschein und Duft wusste ich gar nicht, wohin ich gehen sollte. Da hörte ich tief aus einem Garten eine Gitarre. Mein Gott, dachte ich, da ist mir wohl der verrückte Student mit dem langen Mantel heimlich nachgelaufen! Doch dann fing eine Dame in dem Garten an, wunderschön zu singen. Ich stand ganz wie verzaubert da. Denn es war die Stimme der schönen gnädigen Frau! Und es war dasselbe welsche Liedchen, das sie zu Hause so oft am offenen Fenster gesungen hatte.

Da fiel mir auf einmal die schöne alte Zeit wieder ein. Das traf mich so stark im Herzen, dass ich bitterlich hätte weinen können. Ich dachte an den stillen Garten vor dem Schloss in der frühen Morgenstunde. Und ich dachte daran, wie glücklich ich dort hinter dem Strauch gewesen war. Das war, bevor mir die dumme Fliege in die Nase flog. Ich konnte mich nicht länger halten. Ich kletterte auf den vergoldeten Verzierungen über das Gittertor. Dann schwang ich mich in den Garten hinunter, aus dem der Gesang kam.

Da bemerkte ich eine schlanke, weiße Gestalt. Sie stand weit weg hinter einer Pappel. Zuerst sah sie mir verwundert zu, wie ich über das Gitter kletterte. Dann aber flog sie auf einmal schnell durch den dunklen Garten zum Haus. Sie lief so schnell, dass man ihre Füße im Mondschein kaum sehen konnte.

»Das war sie selbst!«, rief ich, und mein Herz schlug vor Freude.

Denn ich erkannte sie sofort an ihren kleinen, schnellen Füßchen. Schlimm war nur, dass ich mir beim Herunterspringen vom Gartentor den rechten Fuß etwas vertreten hatte. Ich musste deshalb erst ein paarmal mit dem Bein schütteln. Erst dann konnte ich ihr zum Haus nachlaufen. Aber inzwischen hatten sie Tür und Fenster fest verschlossen. Ich klopfte ganz bescheiden an, horchte und klopfte wieder. Da war es, als ob es drinnen leise flüsterte und kicherte. Einmal kam es mir sogar vor, als ob zwei helle Augen zwischen den Jalousien im Mondschein hervorfunkelten. Dann war auf einmal wieder alles still.

Sie weiß nur nicht, dass ich es bin, dachte ich. Ich holte die Geige hervor, die ich immer bei mir trage. Damit spazierte ich auf dem Weg vor dem Haus auf und ab. Ich spielte und sang das Lied von der schönen Frau. Dann spielte ich voller Freude alle meine Lieder durch. Das waren die Lieder, die ich damals in den schönen Sommernächten gespielt hatte. Ich hatte sie im Schlossgarten gespielt oder auf der Bank vor dem Zollhaus. Es klang weit hinüber bis in die Fenster des Schlosses. – Aber es half alles nichts. Im ganzen Haus rührte und regte sich niemand. Da steckte ich endlich traurig meine Geige ein. Ich legte mich auf die Schwelle vor der Haustür, denn ich war sehr müde von dem langen Marsch. Die Nacht war warm, und die Blumenbeete vor dem Haus dufteten lieblich. Weiter unten im Garten plätscherte immerzu ein Springbrunnen. Ich träumte von himmelblauen Blumen und von schönen, dunkelgrünen, einsamen Tälern. Dort rauschten Quellen, Bäche flossen, und bunte Vögel sangen wunderbar. Endlich schlief ich fest ein.

Als ich aufwachte, rieselte mir die Morgenluft durch alle Glieder. Die Vögel waren schon wach. Sie zwitscherten auf den Bäumen um mich herum, als ob sie mich zum Narren halten wollten. Ich sprang schnell auf und sah mich nach allen Seiten um. Der Springbrunnen im Garten rauschte noch immer, aber im Haus war kein Laut zu hören. Ich guckte durch die grünen Jalousien in eins der Zimmer hinein. Da stand ein Sofa und ein großer runder Tisch, der mit grauem Leinen bedeckt war. Die Stühle standen alle ordentlich und unberührt an den Wänden entlang. Von außen aber waren an allen Fenstern die Jalousien heruntergelassen. Es sah aus, als hätte schon seit vielen Jahren niemand mehr in dem Haus gewohnt. – Da überfiel mich ein richtiges Grausen vor dem einsamen Haus und Garten. Und auch vor der weißen Gestalt von gestern. Ohne mich weiter umzusehen, lief ich durch die stillen Lauben und Wege. Schnell kletterte ich wieder am Gartentor hinauf.

Aber dort oben blieb ich wie verzaubert sitzen. Denn von dem hohen Gitter sah ich auf einmal auf die prächtige Stadt hinunter. Die Morgensonne blitzte und funkelte weit über die Dächer. Sie leuchtete bis in die langen, stillen Straßen hinein. Da musste ich laut jubeln. Voller Freude sprang ich auf die Straße hinunter.

Aber wohin sollte ich mich in der großen fremden Stadt wenden? Auch die verwirrende Nacht ging mir noch immer im Kopf herum. Und ebenso das welsche Lied der schönen gnädigen Frau von gestern. Endlich setzte ich mich auf den steinernen Springbrunnen mitten auf dem einsamen Platz. Ich wusch mir mit dem klaren Wasser die Augen hell und sang dazu:

»Wenn ich ein Vöglein wär,
Ich wüßt wohl, wovon ich sänge,
Und auch zwei Flügel hätt,
Ich wüßt wohl, wohin ich mich schwänge!«

»Ei, lustiger Gesell, du singst ja wie eine Lerche beim ersten Morgenstrahl!«, sagte da plötzlich ein junger Mann.

Er war während meines Liedes an den Brunnen herangekommen. Ich hörte so plötzlich Deutsch sprechen. Darum war mir im Herzen, als ob plötzlich die Glocke meines Dorfes zu mir herüberklang, an einem stillen Sonntagmorgen.

»Gott willkommen, bester Herr Landsmann!«, rief ich und sprang voller Freude von dem steinernen Brunnen herunter.

Der junge Mann lächelte und sah mich von oben bis unten an. »Aber was treibt Ihr denn eigentlich hier in Rom?«, fragte er endlich.

Da wusste ich nicht gleich, was ich sagen sollte. Denn ich wollte ihm nicht sagen, dass ich gerade der schönen gnädigen Frau nachlief. »Ich treibe mich selbst ein bisschen herum«, antwortete ich, »um die Welt zu sehen.«

»So so!«, sagte der junge Mann und lachte laut. »Da haben wir ja *ein* Metier. Das tue ich nämlich auch. Ich will die Welt sehen und sie hinterher abmalen.«

»Also ein Maler!«, rief ich fröhlich. Denn dabei fielen mir Herr Leonhard und Guido ein.

Aber der Herr ließ mich nicht zu Wort kommen. »Ich denke«, sagte er, »du gehst mit und frühstückst bei mir. Da will ich dich selbst abkonterfeien, dass es eine Freude sein soll!«

Das gefiel mir gut. Ich wanderte nun mit dem Maler durch die leeren Straßen. Nur hier und da wurden gerade die ersten Fensterläden aufgemacht. Bald guckten ein Paar weiße Arme, bald ein verschlafenes Gesichtchen in die frische Morgenluft hinaus.

Er führte mich lange hin und her durch viele verwinkelte, enge und dunkle Gassen. Endlich huschten wir in ein altes, verrauchtes Haus hinein. Dort stiegen wir eine dunkle Treppe hinauf und dann noch eine. Es war, als wollten wir in den Himmel hinaufsteigen. Unter dem Dach blieben wir vor einer Tür stehen. Der Maler fing an, in großer Eile alle seine Taschen vorne und hinten zu durchsuchen. Aber er hatte heute früh vergessen abzuschließen. Den Schlüssel hatte er im Zimmer gelassen. Denn er war noch vor Sonnenaufgang vor die Stadt hinausgegangen. Dort hatte er die Gegend bei Sonnenaufgang betrachten wollen. Das hatte er mir unterwegs erzählt. Er schüttelte nur den Kopf und stieß die Tür mit dem Fuß auf.

Das Zimmer war lang, sehr lang und groß. Man hätte darin tanzen können, wenn nur nicht alles auf dem Fußboden herumgelegen hätte. Da lagen Stiefel, Papiere, Kleider und umgeworfene Farbtöpfe, alles durcheinander. In der Mitte des Zimmers standen große Gerüste, wie man sie zum Birnenpflücken braucht. Ringsum an den Wänden lehnten große Bilder. Auf einem langen Holztisch stand eine Schüssel. Darauf lagen Brot und Butter, gleich neben einem Farbklecks. Daneben stand eine Flasche Wein.

»Nun esst und trinkt erst einmal, Landsmann!«, rief mir der Maler zu.

Ich wollte mir sofort ein paar Butterbrote schmieren. Aber da war wieder kein Messer. Wir mussten erst lange in den Papieren auf dem Tisch herumrascheln. Endlich fanden wir es unter einem großen Paket. Dann riss der Maler das Fenster auf. Die frische Morgenluft strömte fröhlich durch das ganze Zimmer. Man hatte eine herrliche Aussicht weit über die Stadt bis in die Berge. Dort beschien die Morgensonne lustig die weißen Landhäuser und Weingärten.

»Vivat unser kühlgrünes Deutschland da hinter den Bergen!«, rief der Maler. Dabei trank er aus der Weinflasche und reichte sie dann mir.

Ich trank höflich auf sein Wohl. In meinem Herzen grüßte ich die schöne Heimat in der Ferne noch tausendmal.

Inzwischen hatte der Maler das Holzgerüst näher ans Fenster geschoben. Darauf war ein sehr großes Papier gespannt. Auf dem Papier war nur mit großen schwarzen Strichen eine alte Hütte gezeichnet, sehr kunstvoll. Darin saß die Heilige Jungfrau. Sie hatte ein wunderschönes, freudiges und doch sehr wehmütiges Gesicht. Zu ihren Füßen lag das Jesuskind auf einem kleinen Nest aus Stroh. Es sah sehr freundlich aus, hatte aber große, ernste Augen. Draußen auf der Schwelle der offenen Hütte knieten zwei Hirtenknaben mit Stab und Tasche.

»Siehst du«, sagte der Maler, »dem einen Hirtenknaben da will ich deinen Kopf aufsetzen. So kommt dein Gesicht doch auch etwas unter die Leute. Und so Gott will, sollen sie sich noch daran freuen, wenn wir beide schon lange begraben sind. Dann knien wir selbst still und fröhlich vor der Heiligen Mutter und ihrem Sohn wie die glücklichen Jungen hier.«

Dann griff er nach einem alten Stuhl. Als er ihn hochheben wollte, blieb ihm aber die halbe Lehne in der Hand. Schnell steckte er ihn wieder zusammen und schob ihn vor das Gerüst. Ich musste mich nun daraufsetzen. Mein Gesicht sollte ich etwas zur Seite drehen, zum Maler hin. – So saß ich ein paar Minuten ganz still, ohne mich zu bewegen. Aber zuletzt hielt ich es gar nicht mehr aus, ich weiß nicht warum. Bald juckte es mich da, bald juckte es mich dort. Außerdem hing mir genau gegenüber ein zerbrochener halber Spiegel. Da musste ich immerzu hineinsehen. Immer wenn er gerade malte, machte ich aus Langeweile allerlei Gesichter und Grimassen. Der Maler bemerkte es. Endlich lachte er laut und winkte mir mit der Hand, ich sollte wieder aufstehen. Mein Gesicht auf dem Hirten war auch schon fertig. Es sah so klar aus, dass ich mir richtig selbst gefiel.

In der frischen Morgenkühle zeichnete er nun fleißig weiter. Dabei sang er ein Liedchen. Manchmal blickte er durch das offene Fenster in die prächtige Gegend hinaus. Ich schnitt mir inzwischen noch ein Butterbrötchen ab. Damit ging ich im Zimmer auf und ab und sah mir die Bilder an der Wand an. Zwei davon gefielen mir ganz besonders gut.

»Habt Ihr die auch gemalt?«, fragte ich den Maler.

»Aber nein, wo denkst du hin!«, antwortete er. »Die sind von den berühmten Meistern Leonardo da Vinci und Guido Reni – aber davon weißt du ja doch nichts!«

Das Ende seiner Rede ärgerte mich. »Oh«, sagte ich ganz ruhig, »die beiden Meister kenne ich wie meine eigene Tasche.«

Da machte er große Augen. »Wieso?«, fragte er schnell.

»Nun«, sagte ich, »bin ich nicht Tag und Nacht mit ihnen gereist? Zu Pferd und zu Fuß und im Wagen, dass mir der Wind am Hut pfiff? Und dann habe ich sie beide im Wirtshaus verloren. Danach bin ich allein in ihrem Wagen mit Extrapost immer weitergefahren. Der Bombenwagen flog immerzu auf zwei Rädern über die schrecklichen Steine, und« –

»Oho! Oho!«, unterbrach mich der Maler. Er starrte mich an, als ob er mich für verrückt hielt. Dann aber brach er plötzlich in lautes Gelächter aus. »Ach«, rief er, »jetzt verstehe ich erst! Du bist mit zwei Malern gereist, die Guido und Leonhard hießen?«

Ich sagte Ja. Da sprang er schnell auf und sah mich noch einmal von oben bis unten ganz genau an. »Ich glaube gar«, sagte er, »am Ende – spielst du die Violine?«

Ich schlug auf meine Rocktasche, sodass die Geige darin einen Ton gab.

»Na, wirklich!«, sagte der Maler. »Da war eine Gräfin aus Deutschland hier. Sie hat in allen Ecken von Rom nach den beiden Malern fragen lassen. Und nach einem jungen Musikanten mit der Geige.«

»Eine junge Gräfin aus Deutschland?«, rief ich voller Entzücken. »Ist der Portier mit?«

»Ja, das weiß ich alles nicht«, antwortete der Maler. »Ich sah sie nur ein paarmal bei einer Freundin von ihr. Die wohnt aber auch nicht in der Stadt. – Kennst du die?«

Dabei hob er in einer Ecke plötzlich ein Leinentuch von einem großen Bild hoch. Da war es mir, als ob man in einem dunklen Zimmer die Läden öffnet. Und auf einmal blitzt einem die Morgensonne in die Augen. Es war – die schöne gnädige Frau! – Sie stand in einem schwarzen Samtkleid in einem Garten. Mit einer Hand hob sie den Schleier vom Gesicht. Still und freundlich sah sie in eine weite, prächtige Landschaft hinaus. Je länger ich hinsah, desto mehr kam es mir vor, als wäre es der Garten am Schloss. Es war, als ob sich die Blumen und Zweige leise im Wind wiegten. Und unten in der Tiefe meinte ich mein Zollhäuschen zu sehen. Ich meinte auch die Landstraße weit durchs Grüne, die Donau und die fernen blauen Berge zu sehen.

»Sie ist es, sie ist es!«, rief ich endlich.

Ich packte meinen Hut und rannte schnell zur Tür hinaus und die vielen Treppen hinunter. Ich hörte nur noch, wie mir der verwunderte Maler nachrief. Ich sollte gegen Abend wiederkommen. Dann könnten wir vielleicht mehr erfahren.

### Glossar

- **die Meile**: ein altes Wegmaß (eine deutsche Meile ist ungefähr 7,5 Kilometer).
- **die Heide**: ein weites, flaches Land mit wenig Bäumen.
- **die Heiden**: Menschen, die nicht an den christlichen Gott glauben.
- **welsch**: italienisch.
- **die Jalousie**: ein Fensterladen aus schmalen Brettern.
- **der Landsmann**: jemand aus demselben Land.
- **das Metier**: der Beruf, die Arbeit.
- **abkonterfeien**: ein Bild von jemandem malen.
- **der Hirtenknabe**: ein Junge, der Schafe hütet.
- **die Extrapost**: eine schnelle, gemietete Postkutsche.
- **der Bombenwagen**: hier im Spaß: ein Wagen, der so schnell fährt wie eine Kanonenkugel.

## Achtes Kapitel

Ich lief in großer Eile durch die Stadt. Ich wollte mich sofort wieder bei dem Gartenhaus melden, wo die schöne Frau gestern Abend gesungen hatte. Auf den Straßen war inzwischen alles lebendig geworden. Herren und Damen spazierten im Sonnenschein, verbeugten sich und grüßten bunt durcheinander. Prächtige Kutschen rasselten dazwischen. Von allen Türmen läuteten die Glocken zur Messe. Die Klänge hallten wunderbar in der klaren Luft über dem Gedränge durcheinander. Ich war wie betrunken vor Freude und von dem Lärm. In meiner Fröhlichkeit rannte ich immer geradeaus, bis ich zuletzt gar nicht mehr wusste, wo ich war. Es war wie verzaubert. Es war, als wären der stille Platz mit dem Brunnen, der Garten und das Haus nur ein Traum gewesen. Und als wäre im hellen Tageslicht alles wieder von der Erde verschwunden.

Fragen konnte ich nicht, denn ich wusste den Namen des Platzes nicht. Endlich wurde es auch sehr schwül. Die Sonnenstrahlen schossen wie brennende Pfeile auf das Pflaster. Die Leute versteckten sich in ihren Häusern, und überall wurden die Jalousien wieder geschlossen. Auf einmal waren die Straßen wie ausgestorben. Zuletzt warf ich mich ganz verzweifelt vor einem schönen großen Haus hin. Ein Balkon mit Säulen warf dort breiten Schatten. Ich sah bald die stille Stadt an, bald wieder den tiefblauen Himmel ohne eine einzige Wolke. Die Stadt sah in der plötzlichen Einsamkeit, mitten am hellen Mittag, richtig unheimlich aus. Endlich schlief ich vor großer Müdigkeit ein. Da träumte ich, ich läge bei meinem Dorf auf einer einsamen grünen Wiese. Ein warmer Sommerregen sprühte und glänzte in der Sonne, die gerade hinter den Bergen unterging. Und als die Regentropfen auf den Rasen fielen, waren es lauter schöne bunte Blumen. So war ich ganz mit Blumen bedeckt.

Aber wie staunte ich, als ich aufwachte! Wirklich lagen viele schöne frische Blumen auf mir und neben mir. Ich sprang auf, konnte aber nichts Besonderes bemerken. Ich sah nur ganz oben in dem Haus über mir ein Fenster voller duftender Sträucher und Blumen. Dahinter plauderte und kreischte ein Papagei ohne Pause. Ich sammelte die verstreuten Blumen auf, band sie zusammen und steckte mir den Strauß vorn ins Knopfloch. Dann fing ich an, mich ein wenig mit dem Papagei zu unterhalten. Denn es freute mich, wie er in seinem vergoldeten Käfig mit allerlei Grimassen hinauf- und hinunterkletterte. Dabei trat er sich immer ungeschickt auf die große Zehe. Doch bevor ich es merkte, schimpfte er mich »Furfante!«. Es war zwar nur ein dummes Tier, aber es ärgerte mich trotzdem. Ich schimpfte zurück, und endlich wurden wir beide wütend. Je mehr ich auf Deutsch schimpfte, desto mehr gurgelte er auf Italienisch auf mich los.

Auf einmal hörte ich jemanden hinter mir lachen. Ich drehte mich schnell um. Es war der Maler von heute früh. »Was machst du denn schon wieder für verrücktes Zeug!«, sagte er. »Ich warte schon eine halbe Stunde auf dich. Die Luft ist wieder kühler. Wir wollen in einen Garten vor der Stadt gehen. Dort wirst du mehrere Landsleute finden. Vielleicht hörst du dort auch etwas Genaueres über die deutsche Gräfin.«

Darüber freute ich mich sehr, und wir machten uns sofort auf den Weg. Den Papagei hörte ich noch lange hinter mir schimpfen.

Draußen vor der Stadt stiegen wir lange auf schmalen, steinigen Fußwegen bergauf, zwischen Landhäusern und Weingärten. Endlich kamen wir zu einem kleinen Garten hoch oben. Dort saßen mehrere junge Männer und Mädchen im Grünen um einen runden Tisch. Sobald wir hereinkamen, winkten uns alle zu, wir sollten still sein. Sie zeigten auf die andere Seite des Gartens. Dort saßen in einer großen, grün überwachsenen Laube zwei schöne Frauen an einem Tisch einander gegenüber. Die eine sang, die andere spielte Gitarre dazu. Zwischen den beiden, hinter dem Tisch, stand ein freundlicher Mann. Manchmal schlug er mit einem kleinen Stab den Takt. Die Abendsonne funkelte durch das Weinlaub. Bald glänzte sie auf den Weinflaschen und Früchten auf dem Tisch in der Laube. Bald glänzte sie auf den vollen, runden, blendend weißen Schultern der Frau mit der Gitarre. Die andere Frau war wie verzaubert. Sie sang ganz außerordentlich kunstvoll auf Italienisch, sodass ihr die Sehnen am Hals anschwollen.

Gerade hielt sie mit zum Himmel gerichteten Augen eine lange Kadenz. Der Mann neben ihr wartete mit erhobenem Stab. Er passte genau auf den Augenblick auf, in dem sie wieder in den Takt kommen würde. Niemand im ganzen Garten wagte zu atmen. Da flog plötzlich die Gartentür weit auf. Ein ganz erhitztes Mädchen stürzte herein, und hinter ihr ein junger Mann mit einem feinen, blassen Gesicht. Die beiden stritten laut miteinander. Der erschrockene Musikdirektor blieb mit erhobenem Stab stehen wie ein Zauberer, der zu Stein geworden ist. Dabei hatte die Sängerin ihren langen Triller längst plötzlich abgebrochen und war zornig aufgestanden. Alle anderen zischten den jungen Mann wütend an.

»Barbar!«, rief einer vom runden Tisch dem jungen Mann zu. »Du rennst mitten in unser kluges Tableau hinein! Wir stellen die schöne Beschreibung nach, die der verstorbene Hoffmann gibt. Sie steht auf Seite 347 im Frauentaschenbuch für 1816. Hoffmann beschreibt darin das schönste Bild von Hummel. Man konnte es im Herbst 1814 auf der Berliner Kunstausstellung sehen!«

Aber das half alles nichts. »Ach was!«, antwortete der junge Mann. »Hört mir auf mit euren Tableaus von Tableaus! Mein selbst erfundenes Bild ist für die anderen, und mein Mädchen ist für mich allein! So will ich es halten!« Dann ging er von Neuem gegen das arme Mädchen los: »O du Untreue, du Falsche! Du kritische Seele! In der Malerei suchst du nur den Silberblick und in der Dichtung nur den goldenen Faden. Du hast keinen Liebsten, sondern nur lauter Schätze! Ich wünsche dir von jetzt an statt eines ehrlichen Malerpinsels einen alten Duka. Er soll eine ganze Grube voller Diamanten auf der Nase tragen. Auf seiner Glatze soll ein heller Silberblick glänzen. Und seine paar übrigen Haare sollen einen Goldschnitt haben! Ja, nur heraus mit dem bösen Zettel, den du vorhin vor mir versteckt hast! Was hast du wieder angezettelt? Von wem ist der Wisch, und an wen ist er?«

Aber das Mädchen wehrte sich standhaft. Die anderen umringten den wütenden jungen Mann. Mit großem Lärm versuchten sie, ihn zu trösten und zu beruhigen. Aber je eifriger sie das taten, desto hitziger und verrückter wurde er von dem Lärm. Das Mädchen konnte nämlich auch seinen Mund nicht halten. Endlich flog sie weinend aus dem wirren Knäuel heraus. Ganz unerwartet warf sie sich an meine Brust, um bei mir Schutz zu suchen. Ich stellte mich auch sofort in die passende Haltung. Aber die anderen achteten in dem Durcheinander gerade nicht auf uns. Darum drehte sie plötzlich das Köpfchen zu mir hinauf. Mit ganz ruhigem Gesicht flüsterte sie mir sehr leise und schnell ins Ohr: »Du abscheulicher Einnehmer! Wegen dir muss ich das alles leiden. Steck den dummen Zettel schnell ein. Darauf findest du aufgeschrieben, wo wir wohnen. Also zur festgesetzten Stunde: Wenn du durch das Tor kommst, immer die einsame Straße nach rechts!«

Ich konnte vor Staunen kein Wort herausbringen. Denn als ich sie jetzt richtig ansah, erkannte ich sie auf einmal. Es war wirklich die schnippische Kammerjungfer vom Schloss! Damals, an dem schönen Sonntagabend, hatte sie mir die Flasche Wein gebracht. Sie war mir früher nie so schön vorgekommen wie jetzt. Sie lehnte sich so erhitzt an mich, dass ihre schwarzen Locken über meinen Arm herabhingen.

»Aber, verehrte Mamsell«, sagte ich voller Staunen, »wie kommen Sie …«

»Um Gottes willen, still, jetzt still!«, antwortete sie. Schnell sprang sie von mir weg auf die andere Seite des Gartens. Das ging so schnell, dass ich noch gar nicht richtig nachdenken konnte.

Inzwischen hatten die anderen ihr erstes Thema fast ganz vergessen. Aber sie stritten untereinander ganz vergnügt weiter. Sie wollten dem jungen Mann beweisen, dass er eigentlich betrunken sei. Das gehöre sich für einen ehrenhaften Maler überhaupt nicht. Da war auch der runde, flinke Mann aus der Laube. Wie ich später erfuhr, war er ein großer Kenner und Freund der Künste. Aus Liebe zu den Wissenschaften machte er gern überall mit. Er hatte auch seinen Stab weggeworfen. Sein dickes Gesicht glänzte richtig vor Freundlichkeit. So eilte er mitten im dicksten Durcheinander hin und her. Er wollte alles schlichten und alle beruhigen. Dazwischen jammerte er immer wieder über die lange Kadenz und das schöne Tableau. Er hatte es mit viel Mühe zusammengestellt.

Mir aber war es im Herzen so sternenklar wie damals an dem glücklichen Samstag. Da hatte ich am offenen Fenster vor der Weinflasche bis tief in die Nacht Geige gespielt. Der Lärm wollte gar kein Ende nehmen. Darum holte ich munter meine Violine wieder hervor. Ohne lange zu überlegen, spielte ich einen welschen Tanz. Man tanzt ihn dort in den Bergen, und ich hatte ihn auf dem alten, einsamen Waldschloss gelernt.

Da reckten alle die Köpfe in die Höhe. »Bravo, bravissimo, ein köstlicher Einfall!«, rief der lustige Kunstkenner. Sofort lief er von einem zum anderen, um ein ländliches Divertissement einzurichten, wie er es nannte. Er selbst machte den Anfang. Er reichte der Dame die Hand, die vorhin in der Laube Gitarre gespielt hatte. Dann tanzte er außerordentlich kunstvoll. Mit den Fußspitzen schrieb er allerlei Buchstaben auf den Rasen. Er schlug richtige Triller mit den Füßen, und ab und zu machte er ganz ordentliche Luftsprünge. Aber bald hatte er genug, denn er war etwas dick. Seine Sprünge wurden immer kürzer und ungeschickter. Endlich trat er ganz aus dem Kreis heraus. Er hustete heftig und wischte sich ununterbrochen mit seinem schneeweißen Taschentuch den Schweiß ab. Inzwischen hatte auch der junge Mann Kastagnetten aus dem Wirtshaus geholt. Er war jetzt wieder ganz vernünftig. Und bevor ich es merkte, tanzten alle unter den Bäumen bunt durcheinander. Die Sonne war schon untergegangen. Sie warf aber noch einige rote Lichter zwischen die dunklen Schatten und über die alten Mauern. Auch die halb versunkenen Säulen hinten im Garten leuchteten rot. Sie waren wild mit Efeu überwachsen. Auf der anderen Seite sah man tief unter den Weinbergen die Stadt Rom im Abendrot liegen. Da tanzten sie alle lieblich im Grünen, in der klaren, stillen Luft. Mir lachte das Herz im Leib, als ich die schlanken Mädchen sah. Sie schwangen sich mit erhobenen Armen zwischen den Blättern, wie heidnische Waldnymphen. Die Kammerjungfer war mitten unter ihnen. Jedes Mal klapperten sie dabei lustig mit den Kastagnetten in der Luft. Ich konnte mich nicht länger halten. Ich sprang mitten unter sie und machte recht hübsche Tanzfiguren. Dabei spielte ich die ganze Zeit weiter auf der Geige.

Ich war wohl eine ganze Weile so im Kreis herumgesprungen. Ich merkte gar nicht, dass die anderen inzwischen müde wurden. Nach und nach verschwanden sie vom Rasen. Da zupfte mich jemand von hinten kräftig an den Rockschößen. Es war die Kammerjungfer. »Sei kein Narr«, sagte sie leise, »du springst ja wie ein Ziegenbock! Studiere deinen Zettel genau und komm bald nach. Die schöne junge Gräfin wartet.« Damit schlüpfte sie in der Dämmerung zur Gartenpforte hinaus. Bald war sie zwischen den Weingärten verschwunden.

Mir klopfte das Herz. Am liebsten wäre ich ihr sofort nachgesprungen. Zum Glück war es schon dunkel geworden. Darum zündete der Kellner an der Gartentür das Licht in einer großen Laterne an. Ich ging hin und zog schnell den Zettel heraus. Darauf waren das Tor und die Straße beschrieben, ziemlich krakelig mit Bleistift. So hatte es mir die Kammerjungfer vorhin gesagt. Dann stand da: »Elf Uhr an der kleinen Tür.«

Bis dahin waren es noch ein paar lange Stunden! Trotzdem wollte ich mich sofort auf den Weg machen, denn ich hatte keine Ruhe mehr. Aber da kam der Maler auf mich zu, der mich hierhergebracht hatte. »Hast du mit dem Mädchen gesprochen?«, fragte er. »Ich sehe sie jetzt nirgends mehr. Das war das Kammermädchen von der deutschen Gräfin.«

»Still, still!«, antwortete ich. »Die Gräfin ist noch in Rom.«

»Na, umso besser«, sagte der Maler. »Dann komm und trink mit uns auf ihre Gesundheit!« Damit zog er mich in den Garten zurück, so sehr ich mich auch wehrte.

Dort war es inzwischen ganz öde und leer geworden. Die lustigen Gäste wanderten zur Stadt, jeder mit seiner Liebsten am Arm. Man hörte sie noch durch den stillen Abend zwischen den Weingärten plaudern und lachen. Die Stimmen wurden immer ferner und ferner. Endlich verloren sie sich tief im Tal im Rauschen der Bäume und des Flusses. Ich war mit meinem Maler und Herrn Eckbrecht allein oben geblieben. So hieß der andere junge Maler, der sich vorhin so gestritten hatte. Der Mond schien prächtig zwischen den hohen, dunklen Bäumen in den Garten. Auf dem Tisch vor uns flackerte ein Licht im Wind. Es schimmerte über den vielen verschütteten Wein auf dem Tisch. Ich musste mich mit hinsetzen. Mein Maler plauderte mit mir über meine Herkunft, meine Reise und meine Pläne für das Leben. Herr Eckbrecht aber hatte das junge, hübsche Mädchen aus dem Wirtshaus auf den Schoß genommen. Sie hatte uns vorher Flaschen auf den Tisch gestellt. Er legte ihr die Gitarre in den Arm und brachte ihr bei, ein Liedchen darauf zu klimpern. Mit ihren kleinen Händen kam sie auch bald zurecht. Dann sangen sie zusammen ein italienisches Lied. Einmal sang er eine Strophe, dann wieder das Mädchen. Das klang in dem schönen, stillen Abend prächtig.

Dann wurde das Mädchen weggerufen. Herr Eckbrecht lehnte sich mit der Gitarre auf der Bank zurück. Er legte seine Füße auf einen Stuhl, der vor ihm stand. Nun sang er für sich allein viele herrliche deutsche und italienische Lieder. Um uns kümmerte er sich nicht weiter. Dabei leuchteten die Sterne prächtig am klaren Himmel. Die ganze Gegend war vom Mondschein wie versilbert. Ich dachte an die schöne Frau und an die ferne Heimat. Darüber vergaß ich meinen Maler neben mir ganz. Manchmal musste Herr Eckbrecht die Gitarre stimmen. Darüber wurde er jedes Mal ganz zornig. Zuletzt drehte und riss er so an dem Instrument, dass plötzlich eine Saite sprang. Da warf er die Gitarre hin und sprang auf. Erst jetzt bemerkte er, dass mein Maler fest eingeschlafen war. Er hatte sich inzwischen über seinen Arm auf den Tisch gelegt. Herr Eckbrecht warf sich schnell einen weißen Mantel um. Der hatte neben dem Tisch an einem Ast gehangen. Doch plötzlich hielt er inne. Er sah erst meinen Maler, dann mich ein paarmal scharf an. Dann setzte er sich ohne langes Überlegen direkt vor mir auf den Tisch. Er räusperte sich, rückte an seinem Halstuch und fing auf einmal an, eine Rede an mich zu halten.

»Geliebter Zuhörer und Landsmann!«, sagte er. »Die Flaschen sind beinahe leer. Und die Moral ist ohne Zweifel die erste Bürgerpflicht, wenn die Tugenden zu Ende gehen. Darum fühle ich mich aus landsmännischem Mitgefühl gedrängt, dir ein wenig Moral zu predigen. Man könnte zwar meinen«, fuhr er fort, »du seist nur ein junger Bursche. Dabei hat dein Frack seine besten Jahre schon hinter sich. Man könnte vielleicht annehmen, du hättest vorhin seltsame Sprünge gemacht wie ein Satyr. Ja, manche würden sogar behaupten, du seist ein Landstreicher. Denn du bist hier auf dem Land und streichst die Geige. Aber ich achte nicht auf solche oberflächlichen Urteile. Ich halte mich an deine fein gespitzte Nase. Ich halte dich für ein vazierendes Genie.«

Mich ärgerten diese hinterhältigen Reden. Ich wollte ihm gerade ordentlich antworten. Aber er ließ mich nicht zu Wort kommen. »Siehst du«, sagte er, »wie du dich schon aufbläst von dem bisschen Lob? Geh in dich und bedenke diesen gefährlichen Beruf! Wir Genies – denn ich bin auch eins – kümmern uns so wenig um die Welt wie sie sich um uns. Wir schreiten ohne viele Umstände in unseren Siebenmeilenstiefeln direkt auf die Ewigkeit los. Diese Stiefel bringen wir fast schon mit auf die Welt. O, was für eine jämmerliche, unbequeme, breitbeinige Stellung! Mit dem einen Bein steht man in der Zukunft. Dort gibt es nichts als Morgenrot und dazwischen die Gesichter künftiger Kinder. Mit dem anderen Bein steht man noch mitten in Rom auf der Piazza del Popolo. Dort will das ganze Jahrhundert bei der guten Gelegenheit mit. Es hängt sich an den Stiefel, sodass sie einem das Bein ausreißen möchten! Und all das Zucken, Weintrinken und Hungern nur für die unsterbliche Ewigkeit! Und sieh dir meinen Herrn Kollegen dort auf der Bank an. Er ist ebenfalls ein Genie. Ihm wird schon die *Zeit* zu lang. Was wird er erst in der Ewigkeit anfangen?! Ja, hochgeschätzter Herr Kollege, du und ich und die Sonne, wir sind heute früh zusammen aufgegangen. Wir haben den ganzen Tag gebrütet und gemalt, und alles war schön. Und nun fährt die schläfrige Nacht mit ihrem Pelzärmel über die Welt und hat alle Farben verwischt.« Er sprach immer weiter. Mit seinen wirren Haaren vom Tanzen und Trinken sah er im Mondschein ganz leichenblass aus.

Mir aber graute schon lange vor ihm und seinem wilden Gerede. Jetzt drehte er sich feierlich zu dem schlafenden Maler um. Diese Gelegenheit nutzte ich. Ich schlich um den Tisch herum aus dem Garten, ohne dass er es bemerkte. Dann stieg ich am Geländer mit den Weinreben hinunter in das weite Tal, das im Mondschein glänzte. Ich war allein und im Herzen fröhlich.

Von der Stadt her schlugen die Uhren zehn. Hinter mir hörte ich durch die stille Nacht noch einzelne Gitarrenklänge. Manchmal klangen auch die Stimmen der beiden Maler von fern herüber. Sie gingen jetzt auch nach Hause. Darum lief ich, so schnell ich konnte, damit sie mich nicht weiter ausfragten.

Am Tor bog ich sofort rechts in die Straße ein. Mit klopfendem Herzen ging ich eilig zwischen den stillen Häusern und Gärten weiter. Aber wie staunte ich, als ich auf einmal auf den Platz mit dem Springbrunnen kam! Den hatte ich heute am Tag gar nicht finden können. Da stand wieder das einsame Gartenhaus im prächtigsten Mondschein. Und auch die schöne Frau sang im Garten wieder dasselbe italienische Lied wie gestern Abend. Voller Entzücken versuchte ich es zuerst an der kleinen Tür, dann an der Haustür. Zuletzt rüttelte ich mit aller Kraft an dem großen Gartentor. Aber alles war verschlossen. Erst jetzt fiel mir ein, dass es noch nicht elf geschlagen hatte. Ich ärgerte mich über die langsame Zeit. Aber wie gestern über das Gartentor klettern wollte ich nicht, wegen der guten Manieren. Darum ging ich ein Weilchen auf dem einsamen Platz auf und ab. Endlich setzte ich mich wieder auf den steinernen Brunnen, voller Gedanken und stiller Erwartung.

Die Sterne funkelten am Himmel. Auf dem Platz war alles leer und still. Voller Freude hörte ich dem Gesang der schönen Frau zu. Er klang aus dem Garten herüber, zwischen dem Rauschen des Brunnens. Da sah ich auf einmal eine weiße Gestalt. Sie kam von der anderen Seite des Platzes und ging direkt auf die kleine Gartentür zu. Ich sah durch das Flimmern des Mondlichts ganz scharf hin. Es war der wilde Maler in seinem weißen Mantel! Er zog schnell einen Schlüssel hervor und schloss auf. Und bevor ich es merkte, war er im Garten drin.

Gegen diesen Maler hatte ich schon von Anfang an einen besonderen Groll, wegen seiner unvernünftigen Reden. Jetzt aber geriet ich ganz außer mir vor Zorn. Das liederliche Genie ist sicher wieder betrunken, dachte ich. Den Schlüssel hat er von der Kammerjungfer. Jetzt will er sich an die gnädige Frau heranschleichen, sie verraten und überfallen. Und so stürzte ich durch die kleine Pforte, die offen geblieben war, in den Garten hinein.

Als ich hineinkam, war es ganz still und einsam darin. Die Flügeltür des Gartenhauses stand offen. Ein milchweißer Lichtschein drang heraus und spielte auf dem Gras und den Blumen vor der Tür. Ich blickte von Weitem hinein. Da lag in einem prächtigen grünen Zimmer die schöne gnädige Frau. Das Zimmer war von einer weißen Lampe nur wenig erhellt. Sie lag mit der Gitarre im Arm auf einem seidenen Sofa. In ihrer Unschuld dachte sie nicht an die Gefahren draußen.

Aber ich hatte nicht lange Zeit hinzusehen. Denn gerade bemerkte ich die weiße Gestalt auf der anderen Seite. Ganz vorsichtig schlich sie hinter den Sträuchern auf das Gartenhaus zu. Dabei sang die gnädige Frau im Haus so traurig, dass es mir durch Mark und Bein ging. Darum überlegte ich nicht lange. Ich brach einen kräftigen Ast ab und rannte damit direkt auf den weißen Mantel los. Dabei schrie ich aus vollem Hals »Mordio!«, sodass der ganze Garten zitterte.

Der Maler sah mich so unerwartet daherkommen. Da lief er schnell davon und schrie entsetzlich. Ich schrie noch lauter. Er lief auf das Haus zu, ich hinter ihm her. Ich hatte ihn beinahe schon erwischt. Da verfingen sich meine Füße in den dummen Blumenbeeten. Ich fiel der Länge nach vor der Haustür hin.

»Also du bist es, Narr!«, hörte ich da über mir rufen. »Du hast mich ja fast zu Tode erschreckt!« Ich rappelte mich schnell wieder auf. Als ich mir den Sand und die Erde aus den Augen wischte, stand die Kammerjungfer vor mir. Bei dem letzten Sprung hatte sie gerade den weißen Mantel von der Schulter verloren.

»Aber«, sagte ich ganz verblüfft, »war denn der Maler nicht hier?«

»Ja, freilich«, antwortete sie schnippisch, »wenigstens sein Mantel. Ich bin ihm vorhin am Tor begegnet. Da hat er ihn mir umgehängt, weil ich fror.«

Während wir redeten, war auch die gnädige Frau von ihrem Sofa aufgesprungen. Sie kam zu uns an die Tür. Mein Herz klopfte zum Zerspringen. Aber wie erschrak ich, als ich richtig hinsah! Statt der schönen gnädigen Frau sah ich auf einmal eine ganz fremde Person!

Es war eine ziemlich große, füllige, mächtige Dame. Sie hatte eine stolze Adlernase und hoch gewölbte schwarze Augenbrauen. Sie war so schön, dass man richtig erschrak. Sie sah mich mit ihren großen, funkelnden Augen so majestätisch an. Darum wusste ich vor Ehrfurcht gar nicht, was ich tun sollte. Ich war ganz verwirrt. Ich verbeugte mich immer wieder und wollte ihr zuletzt sogar die Hand küssen. Aber sie zog ihre Hand schnell weg. Dann sprach sie italienisch mit der Kammerjungfer, und ich verstand nichts davon.

Inzwischen war von dem Geschrei vorhin die ganze Nachbarschaft wach geworden. Hunde bellten, Kinder schrien. Dazwischen hörte man einige Männerstimmen. Sie kamen immer näher auf den Garten zu. Da sah mich die Dame noch einmal an, als wollte sie mich mit feurigen Kugeln durchbohren. Dann drehte sie sich schnell zum Zimmer um und lachte dabei stolz und gezwungen auf. Und sie knallte mir die Tür vor der Nase zu. Die Kammerjungfer aber packte mich ohne Weiteres beim Flügel und zerrte mich zur Gartenpforte.

»Da hast du wieder einmal richtig dummes Zeug gemacht«, sagte sie unterwegs voller Bosheit zu mir.

Jetzt wurde ich auch schon wütend. »Na, zum Teufel!«, sagte ich. »Habt Ihr mich denn nicht selbst hierher bestellt?«

»Das ist es ja eben!«, rief die Kammerjungfer. »Meine Gräfin meinte es so gut mit dir. Erst wirft sie dir Blumen aus dem Fenster zu, dann singt sie Arien – und *das* ist nun ihr Lohn! Aber mit dir kann man eben nichts anfangen. Du trittst dein Glück richtig mit Füßen.«

»Aber«, antwortete ich, »ich meinte die Gräfin aus Deutschland, die schöne gnädige Frau.«

»Ach«, unterbrach sie mich, »die ist doch schon lange wieder in Deutschland, zusammen mit deiner verrückten Liebschaft. Und da lauf du nur auch wieder hin! Sie sehnt sich sowieso nach dir. Dann könnt ihr zusammen Geige spielen und in den Mond gucken. Aber komm mir ja nicht wieder unter die Augen!«

Nun aber entstand ein entsetzlicher Lärm und Spektakel hinter uns. Aus dem anderen Garten kletterten Leute mit Knüppeln hastig über den Zaun. Andere fluchten und durchsuchten schon die Wege. Verzweifelte Gesichter mit Schlafmützen guckten im Mondschein bald hier, bald dort über die Hecken. Es war, als ob der Teufel auf einmal aus allen Hecken und Sträuchern Gesindel ausheckte. Die Kammerjungfer zögerte nicht lange. »Dort, dort läuft der Dieb!«, schrie sie den Leuten zu und zeigte dabei auf die andere Seite des Gartens. Dann schob sie mich schnell aus dem Garten und schlug die kleine Pforte hinter mir zu.

Da stand ich nun unter Gottes freiem Himmel wieder auf dem stillen Platz, mutterseelenallein. So war es auch gewesen, als ich gestern angekommen war. Der Springbrunnen hatte vorhin im Mondschein so lustig geflimmert, als ob kleine Engel darin auf und nieder stiegen. Er rauschte immer noch weiter wie vorher. Mir aber war inzwischen alle Lust und Freude in den Brunnen gefallen. Ich nahm mir nun fest vor, dem falschen Italien für immer den Rücken zu kehren. Ich wollte nichts mehr von seinen verrückten Malern, Pomeranzen und Kammerjungfern wissen. Und noch in derselben Stunde wanderte ich zum Tor hinaus.

### Glossar

- **Furfante!**: italienisch: Schurke! Ein Schimpfwort.
- **Tableau**: ein „lebendes Bild“: Menschen stellen ein Gemälde nach und bewegen sich nicht.
- **Kadenz**: ein langer, kunstvoller Teil in einem Lied, den die Sängerin allein singt.
- **Silberblick**: hier ein Wortspiel: ein schöner Glanz in der Kunst, aber auch Silber und Geld.
- **Duka**: italienisch: ein Herzog, ein reicher, vornehmer Herr.
- **Goldschnitt**: eine goldene Farbe am Rand der Seiten in feinen Büchern.
- **welschen**: italienisch; aus Italien.
- **Divertissement**: französisch: ein kleines, lustiges Fest mit Musik und Tanz.
- **Kastagnetten**: kleine Holzschalen, mit denen man beim Tanzen klappert.
- **Satyr**: ein Waldgeist aus alten griechischen Sagen, halb Mensch und halb Ziegenbock.
- **vazierendes Genie**: ein sehr begabter Mensch, der ohne Arbeit herumzieht.
- **Mordio!**: ein alter Hilferuf: „Mord! Hilfe!“
- **beim Flügel**: im Spaß: am Arm, so wie man einen Vogel am Flügel packt.
- **Kutschen**: Wagen mit Pferden.
- **Gedränge**: viele Menschen dicht an einem Ort.
- **sprühte**: sprühen: in vielen kleinen Tropfen fallen.
- **plauderte**: plaudern: locker und viel reden.
- **Grimassen**: komische Gesichter.
- **ungeschickt**: nicht geschickt; so, dass etwas schlecht gelingt.
- **Zehe**: einer der fünf „Finger“ am Fuß.
- **gurgelte**: gurgeln: Laute tief im Hals machen.
- **angezettelt**: anzetteln: heimlich etwas Böses planen. Hier ein Wortspiel mit „Zettel“.
- **stritten**: streiten: laut miteinander reden, weil man nicht einer Meinung ist.
- **Triller**: schneller Wechsel zwischen zwei Tönen beim Singen.
- **Pforte**: eine kleine Tür in einer Mauer oder einem Zaun.
- **gnädige Frau**: alte, höfliche Anrede für eine vornehme Dame.
- **erschrak**: erschrecken: plötzlich Angst bekommen.
- **ausheckte**: aushecken: eigentlich Junge ausbrüten wie ein Vogel; auch: heimlich etwas planen. Hier ein Wortspiel mit „Hecken“.

## Neuntes Kapitel

»Die treuen Berg' stehn auf der Wacht:
Wer streicht bei stiller Morgenzeit
Da aus der Fremde durch die Heid?
Ich aber mir die Berg' betracht
Und lach in mich vor großer Lust
Und rufe recht aus frischer Brust
Parol und Feldgeschrei sogleich:
Vivat Östreich!

Da kennt mich erst die ganze Rund,
Nun grüßen Bach und Vöglein zart
Und Wälder rings nach Landesart,
Die Donau blitzt aus tiefem Grund,
Der Stephansturm auch ganz von fern
Guckt übern Berg und säh mich gern,
Und ist ers nicht, so kommt er doch gleich,
Vivat Östreich!«

Ich stand auf einem hohen Berg. Von dort kann man zum ersten Mal nach Österreich hineinsehen. Voller Freude schwenkte ich noch meinen Hut und sang die letzte Strophe. Da setzte auf einmal hinter mir im Wald eine prächtige Musik von Blasinstrumenten mit ein. Ich drehte mich schnell um und sah drei junge Burschen in langen blauen Mänteln. Der eine blies die Oboe, der andere die Klarinette. Der dritte hatte einen alten Dreistutzer auf dem Kopf und blies das Waldhorn. Sie begleiteten mich plötzlich, sodass der ganze Wald erschallte. Ich war nicht faul, zog meine Geige hervor und spielte und sang sofort munter mit. Da sahen sie einander bedenklich an. Der Waldhornist ließ zuerst seine dicken Backen wieder einfallen und setzte sein Waldhorn ab. Am Ende wurden alle still und schauten mich an. Verwundert hörte ich auf und sah sie auch an.

»Wir dachten«, sagte endlich der Waldhornist, »weil der Herr so einen langen Frack hat, wäre der Herr ein reisender Engländer. Wir dachten, er bewundere hier zu Fuß die schöne Natur. Da wollten wir uns ein Viatikum verdienen. Aber mir scheint, der Herr ist selbst ein Musikant.«

»Eigentlich bin ich ein Einnehmer«, antwortete ich. »Ich komme direkt aus Rom. Aber ich habe schon lange nichts mehr eingenommen. Darum habe ich mich unterwegs mit der Violine durchgeschlagen.«

»Das bringt heutzutage nicht viel!«, sagte der Waldhornist. Er war inzwischen wieder an den Waldrand zurückgegangen. Dort hatten sie ein kleines Feuer angezündet, und er fachte es mit seinem Dreistutzer an. »Da gehen die Blasinstrumente schon besser«, fuhr er fort. »Wenn so eine Herrschaft ganz ruhig zu Mittag isst, treten wir unerwartet in den gewölbten Hausflur. Dann fangen wir alle drei aus Leibeskräften zu blasen an. Gleich kommt ein Diener herausgesprungen, mit Geld oder Essen, damit sie nur den Lärm wieder loswerden. Aber will der Herr nicht eine Kollation mit uns einnehmen?«

Das Feuer loderte jetzt ganz lustig im Wald. Der Morgen war frisch, und wir setzten uns alle ringsum auf den Rasen. Zwei von den Musikanten nahmen ein Töpfchen vom Feuer. Darin war Kaffee und auch schon Milch. Sie holten Brot aus ihren Manteltaschen, tunkten es ein und tranken abwechselnd aus dem Topf. Es schmeckte ihnen so gut, dass es eine richtige Freude war, ihnen zuzusehen.

Der Waldhornist aber sagte: »Ich kann das schwarze Gesöff nicht vertragen.« Dabei reichte er mir die eine Hälfte von einem großen, doppelten Butterbrot. Dann holte er eine Flasche Wein hervor. »Will der Herr nicht auch einen Schluck?«

Ich nahm einen kräftigen Schluck. Aber ich musste schnell wieder absetzen und das ganze Gesicht verziehen, denn es schmeckte wie Dreimännerwein.

»Wein von hier«, sagte der Waldhornist. »Aber der Herr hat sich in Italien den deutschen Geschmack verdorben.«

Dann kramte er eifrig in seinem Schubsack. Unter allerlei Kram zog er endlich eine alte, zerfetzte Landkarte hervor. Darauf war noch der Kaiser in seinem vollen Prachtgewand zu sehen. In der rechten Hand hielt er das Zepter, in der linken den Reichsapfel. Der Waldhornist breitete die Karte vorsichtig auf dem Boden aus. Die anderen rückten näher heran. Nun berieten sie zusammen, welchen Weg sie nehmen sollten.

»Die Vakanz geht bald zu Ende«, sagte der eine. »Wir müssen gleich bei Linz nach links abbiegen. Dann kommen wir noch rechtzeitig nach Prag.«

»Na wahrhaftig!«, rief der Waldhornist. »Wem willst du denn dort etwas vorpfeifen? Dort gibt es nichts als Wälder und Köhler! Keinen feinen Kunstgeschmack und kein vernünftiges Haus, wo man umsonst essen und schlafen kann!«

»Ach, Unsinn!«, antwortete der andere. »Die Bauern sind mir gerade die liebsten. Sie wissen am besten, wo einen der Schuh drückt. Und sie nehmen es nicht so genau, wenn man manchmal eine falsche Note bläst.«

»Das macht, du hast kein point d'honneur«, antwortete der Waldhornist, »odi profanum vulgus et arceo, sagt der Lateiner.«

»Aber Kirchen muss es auf der Reise doch geben«, meinte der dritte. »Dann kehren wir bei den Herren Pfarrern ein.«

»Gehorsamster Diener!«, sagte der Waldhornist. »Die geben wenig Geld und lange Predigten. Wir sollen nicht so nutzlos in der Welt herumziehen, sagen sie. Wir sollen uns lieber um die Wissenschaften kümmern. Besonders, wenn sie in mir den künftigen Herrn Konfrater riechen. Nein, nein, Clericus clericum non decimat. Aber warum haben wir es überhaupt so eilig? Die Herren Professoren sitzen auch noch in Karlsbad. Und sie halten selbst den Tag nicht so genau ein.«

»Ja, distinguendum est inter et inter«, antwortete der andere, »quod licet Jovi, non licet bovi!«

Nun merkte ich, dass es Prager Studenten waren. Ich bekam richtigen Respekt vor ihnen, besonders weil ihnen das Latein nur so wie Wasser aus dem Mund floss.

»Ist der Herr auch ein Studierter?«, fragte mich darauf der Waldhornist.

Bescheiden antwortete ich, ich hätte immer große Lust zum Studieren gehabt, aber kein Geld.

»Das macht gar nichts«, rief der Waldhornist. »Wir haben auch weder Geld noch reiche Freunde. Aber ein kluger Kopf muss sich zu helfen wissen. Aurora musis amica, das heißt auf Deutsch: Mit vielem Frühstücken sollst du dir nicht die Zeit verderben. Aber dann läuten die Mittagsglocken von Turm zu Turm und von Berg zu Berg über die Stadt. Auf einmal brechen die Schüler mit großem Geschrei aus dem alten, finsteren Kollegium heraus. Sie schwärmen im Sonnenschein durch die Gassen. Dann gehen wir zu den Kapuzinern, zum Pater Küchenmeister, und finden unseren gedeckten Tisch. Und ist er nicht gedeckt, so steht doch für jeden ein voller Topf darauf. Da fragen wir nicht viel danach. Wir essen und üben uns dabei noch im Lateinsprechen. Sieht der Herr, so studieren wir von einem Tag zum anderen weiter. Und endlich kommt die Vakanz. Die anderen fahren und reiten zu ihren Eltern. Wir aber wandern mit unseren Instrumenten unter dem Mantel durch die Gassen zum Tor hinaus. Und die ganze Welt steht uns offen.«

Ich weiß nicht, wie es kam. Aber als er so erzählte, ging es mir richtig durchs Herz. So gelehrte Leute sollten so ganz verlassen auf der Welt sein! Ich dachte dabei an mich. Mir ging es ja eigentlich auch nicht anders. Da traten mir die Tränen in die Augen.

Der Waldhornist sah mich mit großen Augen an. »Das macht gar nichts«, fuhr er fort. »Ich möchte gar nicht so reisen: mit Pferden und Kaffee und frisch bezogenen Betten. Mit Nachtmützen und Stiefelknecht, alles vorher bestellt. Das Schönste ist gerade, wenn wir so früh am Morgen hinaustreten. Die Zugvögel ziehen hoch über uns fort. Wir wissen gar nicht, welcher Schornstein heute für uns raucht. Und wir können gar nicht voraussehen, was für ein besonderes Glück uns bis zum Abend noch begegnet.«

»Ja«, sagte der andere, »und wo wir hinkommen und unsere Instrumente herausholen, wird alles fröhlich. Zur Mittagszeit treten wir auf dem Land in ein Herrenhaus und blasen im Hausflur. Da tanzen die Mägde miteinander vor der Haustür. Und die Herrschaft lässt die Saaltür ein wenig öffnen, damit sie die Musik drinnen besser hört. Durch den Spalt kommen das Tellerklappern und der Bratenduft heraus, mitten in die fröhliche Musik. Und die Fräulein an der Tafel verdrehen sich fast die Hälse, um die Musikanten draußen zu sehen.«

»Wahrhaftig«, rief der Waldhornist mit leuchtenden Augen, »lasst die anderen nur ihre Lehrbücher wiederholen! *Wir* studieren inzwischen in dem großen Bilderbuch, das der liebe Gott uns draußen aufgeschlagen hat! Ja, das kann mir der Herr glauben: Aus uns werden gerade die richtigen Kerle. Wir wissen den Bauern dann etwas zu erzählen. Wir schlagen mit der Faust auf die Kanzel. Dann möchte den Knollfinken unten vor Andacht und Reue das Herz im Leib zerspringen.«

Als sie so redeten, wurde mir so lustig zumute, dass ich am liebsten gleich mitstudiert hätte. Ich konnte gar nicht genug zuhören. Denn ich unterhalte mich gern mit studierten Leuten, von denen man etwas lernen kann. Aber zu einem richtig vernünftigen Gespräch kam es gar nicht. Denn einer der Studenten hatte vorhin Angst bekommen, weil die Vakanz so bald zu Ende gehen sollte. Darum hatte er schnell seine Klarinette zusammengesteckt. Er hatte ein Notenblatt vor sich auf das hochgestellte Knie gelegt. Nun übte er eine schwierige Stelle aus einer Messe. Er sollte sie mitspielen, wenn sie wieder nach Prag kamen. Da saß er nun und fingerte. Dazwischen pfiff er manchmal so falsch, dass es einem durch Mark und Bein ging. Darum konnte man oft sein eigenes Wort nicht verstehen.

Auf einmal schrie der Waldhornist mit seiner Bassstimme: »Topp, da hab ich es!« Dabei schlug er fröhlich auf die Landkarte neben sich. Der andere hörte einen Augenblick mit seinem fleißigen Blasen auf und sah ihn verwundert an.

»Hört«, sagte der Waldhornist, »nicht weit von Wien ist ein Schloss. Auf dem Schloss ist ein Portier, und der Portier ist mein Vetter! Teuerste Kondiszipels, da müssen wir hin! Wir machen dem Herrn Vetter unser Kompliment. Dann wird er schon dafür sorgen, wie er uns wieder weiterbringt!«

Als ich das hörte, fuhr ich schnell auf. »Bläst er nicht auf dem Fagott?«, rief ich. »Und ist er nicht lang und gerade gewachsen und hat eine große, vornehme Nase?«

Der Waldhornist nickte mit dem Kopf. Ich aber umarmte ihn vor Freude, sodass ihm der Dreistutzer vom Kopf fiel. Nun beschlossen wir sofort, alle zusammen mit dem Postschiff die Donau hinunterzufahren, zum Schloss der schönen Gräfin.

Als wir ans Ufer kamen, war schon alles zur Abfahrt bereit. Das Schiff hatte über Nacht bei einem dicken Gastwirt angelegt. Der stand breit und gemütlich in seiner Haustür, die er ganz ausfüllte. Zum Abschied rief er allerlei Witze und Sprüche. Dabei schaute aus jedem Fenster ein Mädchenkopf heraus. Die Mädchen nickten den Schiffern noch freundlich zu. Die Schiffer trugen gerade die letzten Pakete auf das Schiff. Ein älterer Herr mit einem grauen Überrock und einem schwarzen Halstuch wollte auch mitfahren. Er stand am Ufer und sprach sehr eifrig mit einem jungen, schlanken Bürschchen. Das Bürschchen trug lange Lederhosen und eine enge, scharlachrote Jacke. Es saß vor ihm auf einem prächtigen Engländer. Zu meiner großen Verwunderung schien es mir, als ob sie beide manchmal zu mir herübersähen und von mir sprächen. Zuletzt lachte der alte Herr. Das schlanke Bürschchen knallte mit der Reitgerte und galoppierte davon. Mit den Lerchen über ihm um die Wette ritt es durch die Morgenluft in die glitzernde Landschaft hinein.

Inzwischen hatten die Studenten und ich unser Geld zusammengelegt. Der Waldhornist zählte dem Schiffer damit unser Fahrgeld vor, in lauter Kupfermünzen. Wir hatten sie mit großer Mühe aus allen unseren Taschen zusammengesucht. Der Schiffer lachte dabei und schüttelte den Kopf. Ich aber jubelte laut, als ich auf einmal wieder die Donau so richtig vor mir sah. Wir sprangen schnell auf das Schiff hinauf, und der Schiffer gab das Zeichen. So flogen wir im schönsten Morgenglanz zwischen den Bergen und Wiesen flussabwärts.

Da sangen die Vögel im Wald. Von beiden Seiten klangen die Morgenglocken von fern aus den Dörfern. Hoch in der Luft hörte man manchmal dazwischen die Lerchen. Und auf dem Schiff jubelte und schmetterte ein Kanarienvogel mit, dass es eine richtige Freude war.

Er gehörte einem hübschen jungen Mädchen, das auch auf dem Schiff mitfuhr. Den Käfig hatte sie dicht neben sich stehen. Auf der anderen Seite hielt sie ein feines Bündel Wäsche unter dem Arm. So saß sie ganz still für sich. Sehr zufrieden sah sie bald auf ihre neuen Reiseschuhe, die unter dem Röckchen hervorschauten. Bald sah sie wieder hinunter ins Wasser vor sich. Die Morgensonne glänzte dabei auf ihrer weißen Stirn. Darüber hatte sie die Haare sehr sauber gescheitelt. Ich merkte wohl, dass die Studenten gern ein höfliches Gespräch mit ihr angefangen hätten. Denn sie gingen immer wieder an ihr vorbei. Der Waldhornist räusperte sich dabei und rückte bald an seinem Halstuch, bald an seinem Dreistutzer. Aber sie hatten keinen richtigen Mut. Und das Mädchen schlug auch jedes Mal die Augen nieder, sobald sie ihr näher kamen.

Besonders aber genierten sie sich vor dem älteren Herrn mit dem grauen Überrock. Er saß jetzt auf der anderen Seite des Schiffes. Sie hielten ihn gleich für einen Geistlichen. Er hatte ein Brevier vor sich und las darin. Dazwischen sah er aber oft von dem Buch auf und blickte in die schöne Gegend. Der Goldschnitt des Buches und die vielen bunten Heiligenbilder darin blitzten prächtig im Morgenlicht. Dabei bemerkte er auch sehr gut, was auf dem Schiff geschah. Bald wusste er, mit wem er es zu tun hatte, so wie man die Vögel an ihren Federn erkennt. Denn es dauerte nicht lange, da sprach er einen von den Studenten auf Lateinisch an. Darauf traten alle drei heran und nahmen die Hüte vor ihm ab. Sie antworteten ihm wieder auf Lateinisch.

Ich aber hatte mich inzwischen ganz vorn auf die Spitze des Schiffes gesetzt. Vergnügt ließ ich meine Beine über dem Wasser baumeln. Das Schiff flog dahin, und die Wellen rauschten und schäumten unter mir. Ich blickte immerzu in die blaue Ferne. Dort kam ein Turm und ein Schloss nach dem anderen aus dem Grün am Ufer hervor. Sie wuchsen und wuchsen und verschwanden endlich wieder hinter uns. Wenn ich nur *heute* Flügel hätte!, dachte ich. Endlich zog ich vor Ungeduld meine liebe Violine hervor. Ich spielte alle meine ältesten Stücke durch. Ich hatte sie noch zu Hause und auf dem Schloss der schönen Frau gelernt.

Auf einmal klopfte mir jemand von hinten auf die Schulter. Es war der geistliche Herr. Er hatte inzwischen sein Buch weggelegt und mir schon ein Weilchen zugehört. »Ei«, sagte er lachend zu mir, »ei, ei, Herr ludi magister, Essen und Trinken vergisst er.« Dann sagte er, ich sollte meine Geige einstecken und einen Imbiss mit ihm essen. Er führte mich zu einer kleinen, lustigen Laube. Die Schiffer hatten sie in der Mitte des Schiffes aus jungen Birken und kleinen Tannen gebaut. Dort hatte er einen Tisch hinstellen lassen. Ich, die Studenten und sogar das junge Mädchen, wir mussten uns ringsherum auf die Fässer und Pakete setzen.

Der geistliche Herr packte nun einen großen Braten und Butterbrote aus. Sie waren sorgfältig in Papier gewickelt. Aus einem Kasten zog er mehrere Weinflaschen und einen silbernen Becher hervor, der innen vergoldet war. Er schenkte ein, kostete zuerst, roch daran und prüfte noch einmal. Dann reichte er den Becher jedem von uns. Die Studenten saßen kerzengerade auf ihren Fässern. Vor lauter Ehrfurcht aßen und tranken sie nur sehr wenig. Auch das Mädchen tauchte nur das Schnäbelchen in den Becher. Dabei blickte sie schüchtern bald mich, bald die Studenten an. Aber je öfter sie uns ansah, desto mutiger wurde sie nach und nach.

Endlich erzählte sie dem geistlichen Herrn, dass sie jetzt zum ersten Mal von zu Hause in Kondition komme. Sie reise gerade zum Schloss ihrer neuen Herrschaft. Ich wurde über und über rot, denn sie nannte dabei das Schloss der schönen gnädigen Frau. Das soll also meine zukünftige Kammerjungfer sein!, dachte ich. Ich sah sie mit großen Augen an, und mir wurde fast schwindlig dabei.

»Auf dem Schloss wird es bald eine große Hochzeit geben«, sagte darauf der geistliche Herr.

»Ja«, antwortete das Mädchen. Sie hätte gern mehr von der Geschichte gewusst. »Man sagt, es wäre schon eine alte, heimliche Liebschaft gewesen. Aber die Gräfin hätte es niemals erlauben wollen.«

Der Geistliche antwortete nur: »Hm, hm.« Dabei schenkte er seinen Jagdbecher voll und nippte mit nachdenklicher Miene daraus. Ich aber hatte mich mit beiden Armen weit über den Tisch gelehnt, um das Gespräch genau zu hören. Der geistliche Herr bemerkte es.

»Ich kann es Euch ja sagen«, fing er wieder an. »Die beiden Gräfinnen haben mich ausgeschickt, um nachzuforschen. Ich soll sehen, ob der Bräutigam vielleicht schon hier in der Gegend ist. Eine Dame aus Rom hat geschrieben, dass er schon lange von dort fort ist.«

Als er von der Dame aus Rom anfing, wurde ich wieder rot. »Kennen denn Euer Hochwürden den Bräutigam?«, fragte ich ganz verwirrt.

»Nein«, antwortete der alte Herr, »aber er soll ein lustiger Vogel sein.«

»O ja«, sagte ich hastig, »ein Vogel, der aus jedem Käfig ausreißt, sobald er nur kann. Und er singt lustig, wenn er wieder frei ist.«

»Und er treibt sich in der Fremde herum«, fuhr der Herr gelassen fort. »In der Nacht geht er gassatim, und am Tag schläft er vor den Haustüren.«

Das ärgerte mich sehr. »Ehrwürdiger Herr«, rief ich ganz hitzig, »da hat man Euch falsch berichtet. Der Bräutigam ist ein moralischer, schlanker, hoffnungsvoller junger Mann. Er hat in Italien in einem alten Schloss auf großem Fuß gelebt. Er ist mit lauter Gräfinnen, berühmten Malern und Kammerjungfern umgegangen. Er weiß sein Geld sehr gut zusammenzuhalten, wenn er nur welches hätte. Er –«

»Nun, nun, ich wusste nicht, dass Ihr ihn so gut kennt«, unterbrach mich hier der Geistliche. Dabei lachte er so herzlich, dass er ganz blau im Gesicht wurde. Die Tränen rollten ihm aus den Augen.

»Ich habe aber doch gehört«, sagte nun wieder das Mädchen, »der Bräutigam wäre ein großer, sehr reicher Herr.«

»Ach Gott, ja doch, ja! Konfusion, nichts als Konfusion!«, rief der Geistliche. Er konnte sich vor Lachen immer noch nicht beruhigen, bis er sich endlich ganz verhustete. Als er sich wieder ein wenig erholt hatte, hob er den Becher in die Höhe. »Das Brautpaar soll leben!«, rief er.

Ich wusste gar nicht, was ich von dem Geistlichen und seinem Gerede denken sollte. Aber wegen der Geschichten aus Rom schämte ich mich. Darum wollte ich ihm hier nicht vor allen Leuten sagen, dass ich selbst der verlorene, glückselige Bräutigam sei.

Der Becher ging wieder fleißig in die Runde. Der geistliche Herr sprach dabei freundlich mit allen. So mochte ihn bald jeder, und am Ende redeten alle fröhlich durcheinander. Auch die Studenten wurden immer gesprächiger. Sie erzählten von ihren Wanderungen im Gebirge. Endlich holten sie sogar ihre Instrumente und fingen lustig zu blasen an. Die kühle Luft vom Wasser strich dabei durch die Zweige der Laube. Die Abendsonne vergoldete schon die Wälder und Täler, die schnell an uns vorüberflogen. Die Ufer hallten von den Klängen des Waldhorns wider. Der Geistliche wurde von der Musik immer vergnügter. Er erzählte lustige Geschichten aus seiner Jugend. Er erzählte, wie auch er in der Vakanz über Berge und Täler gezogen war. Oft war er hungrig und durstig gewesen, aber immer fröhlich. Eigentlich sei das ganze Studentenleben eine große Vakanz. Sie liege zwischen der engen, düsteren Schule und der ernsten Arbeit im Amt. Da tranken die Studenten noch einmal reihum. Dann stimmten sie munter ein Lied an, sodass es weit in die Berge hineinschallte:

»Nach Süden sich nun lenken
Die Vöglein allzumal,
Viel Wandrer lustig schwenken
Die Hüt' im Morgenstrahl.
Das sind die Herrn Studenten,
Zum Tor hinaus es geht,
Auf ihren Instrumenten
Sie blasen zum Valet:
Ade in die Läng und Breite,
O Prag, wir ziehn in die Weite:
Et habeat bonam pacem,
Qui sedet post fornacem!

Nachts wir durchs Städtlein schweifen,
Die Fenster schimmern weit,
Am Fenster drehn und schleifen
Viel schön geputzte Leut.
Wir blasen vor den Türen
Und haben Durst genung,
Das kommt vom Musizieren,
Herr Wirt, ein'n frischen Trunk!
Und siehe, über ein kleines
Mit einer Kanne Weines
Venit ex sua domo –
Beatus ille homo!

Nun weht schon durch die Wälder
Der kalte Boreas,
Wir streichen durch die Felder,
Von Schnee und Regen naß,
Der Mantel fliegt im Winde,
Zerrissen sind die Schuh,
Da blasen wir geschwinde
Und singen noch dazu:
Beatus ille homo,
Qui sedet in sua domo,
Et sedet post fornacem
Et habet bonam pacem!«

Ich, die Schiffer und das Mädchen verstanden alle kein Latein. Trotzdem stimmten wir jedes Mal jubelnd in den letzten Vers mit ein. Ich aber jubelte am allerfröhlichsten. Denn gerade sah ich von fern mein Zollhäuschen. Und bald darauf kam auch das Schloss in der Abendsonne über den Bäumen hervor.

### Glossar

- **Dreistutzer**: ein alter Hut mit drei Ecken.
- **Viatikum**: Geld für die Reise.
- **Kollation**: eine kleine Mahlzeit.
- **Dreimännerwein**: ein sehr saurer Wein.
- **Schubsack**: eine große Tasche, ein Beutel.
- **Vakanz**: die Ferien.
- **point d'honneur**: französisch: Ehrgefühl.
- **odi profanum vulgus et arceo**: lateinisch: Ich hasse das einfache Volk und halte es fern.
- **Konfrater**: ein Kollege, besonders ein anderer Priester.
- **Clericus clericum non decimat**: lateinisch: Ein Geistlicher nimmt einem Geistlichen nichts weg.
- **distinguendum est inter et inter**: lateinisch: Man muss genau unterscheiden.
- **quod licet Jovi, non licet bovi**: lateinisch: Was der Gott Jupiter darf, darf der Ochse nicht.
- **Aurora musis amica**: lateinisch: Die Morgenröte ist die Freundin der Musen. Der Waldhornist übersetzt es im Spaß anders.
- **Kondiszipels**: Mitschüler, Mitstudenten.
- **Engländer**: hier: ein schönes Pferd aus England.
- **Brevier**: das Gebetbuch eines Priesters.
- **ludi magister**: lateinisch: Schulmeister (hier im Spaß).
- **in Kondition komme**: eine Stelle als Dienstmädchen beginnen.
- **gassatim**: nachts durch die Straßen ziehen.
- **auf großem Fuß gelebt**: wie ein reicher Mann gelebt und viel Geld ausgegeben.
- **Et habeat bonam pacem, Qui sedet post fornacem**: lateinisch: Guten Frieden hat, wer hinter dem Ofen sitzt.
- **Beatus ille homo, Qui sedet in sua domo**: lateinisch: Glücklich ist der Mensch, der in seinem Haus sitzt.

## Zehntes Kapitel

Das Schiff stieß ans Ufer. Wir sprangen schnell an Land und verteilten uns nach allen Seiten im Grünen. Es war wie bei Vögeln, wenn man plötzlich ihren Käfig aufmacht. Der geistliche Herr verabschiedete sich eilig. Mit großen Schritten ging er auf das Schloss zu. Die Studenten dagegen wanderten eifrig zu einem abgelegenen Gebüsch. Dort wollten sie schnell noch ihre Mäntel ausklopfen und sich im vorbeifließenden Bach waschen. Und einer wollte den anderen rasieren. Die neue Kammerjungfer schließlich ging mit ihrem Kanarienvogel und ihrem Bündel unter dem Arm zum Wirtshaus unten am Schlossberg. Dort wollte sie bei der Frau Wirtin ein besseres Kleid anziehen, bevor sie sich oben im Schloss vorstellte. Ich hatte ihr die Frau Wirtin als eine gute Person empfohlen. Mir aber leuchtete der schöne Abend richtig durchs Herz. Als nun alle fortgegangen waren, überlegte ich nicht lange. Ich rannte sofort zum Garten der Herrschaft.

Mein Zollhaus stand noch an seiner alten Stelle, und ich musste daran vorbei. Die hohen Bäume aus dem Schlossgarten rauschten immer noch darüber hin. Früher hatte eine Goldammer jedes Mal bei Sonnenuntergang auf dem Kastanienbaum vor dem Fenster ihr Abendlied gesungen. Auch jetzt sang sie wieder, als wäre seitdem gar nichts in der Welt geschehen. Das Fenster im Zollhaus stand offen. Voller Freude lief ich hin und steckte den Kopf in die Stube. Es war niemand darin. Aber die Wanduhr tickte immer noch ruhig weiter. Der Schreibtisch stand am Fenster, und die lange Pfeife lehnte in einer Ecke, wie damals. Ich konnte nicht widerstehen. Ich sprang durch das Fenster hinein und setzte mich an den Schreibtisch vor das große Rechenbuch. Da fiel der Sonnenschein durch den Kastanienbaum vor dem Fenster wieder grüngolden auf die Zahlen im aufgeschlagenen Buch. Die Bienen summten wieder am offenen Fenster hin und her. Draußen auf dem Baum sang die Goldammer immerzu fröhlich. Auf einmal aber ging die Tür der Stube auf. Ein alter, langer Einnehmer trat herein – in meinem gepunkteten Schlafrock! Als er mich so unerwartet sah, blieb er in der Tür stehen. Schnell nahm er die Brille von der Nase und sah mich grimmig an. Ich aber erschrak nicht wenig. Ohne ein Wort sprang ich auf und lief aus der Haustür durch den kleinen Garten fort. Dabei hätte ich mich mit den Füßen fast in dem dummen Kartoffelkraut verfangen. Wie ich sah, hatte der alte Einnehmer es auf den Rat des Portiers statt meiner Blumen angepflanzt. Ich hörte noch, wie er vor die Tür herauskam und hinter mir herschimpfte. Aber ich saß schon oben auf der hohen Gartenmauer. Mit klopfendem Herzen schaute ich in den Schlossgarten hinein.

Da duftete und schimmerte alles, und alle Vögel jubelten. Die Plätze und Wege waren leer. Aber die vergoldeten Baumkronen neigten sich im Abendwind vor mir, als wollten sie mich begrüßen. Und seitlich aus dem tiefen Tal blitzte manchmal die Donau zwischen den Bäumen zu mir herauf.

Auf einmal hörte ich, wie jemand in einiger Entfernung im Garten sang:

»Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.«

Die Stimme und das Lied klangen mir so seltsam und doch wieder so altbekannt. Es war, als hätte ich es irgendwann einmal im Traum gehört. Ich dachte lange, lange nach. »Das ist der Herr Guido!«, rief ich endlich voller Freude. Schnell schwang ich mich in den Garten hinunter. Es war dasselbe Lied, das er an jenem Sommerabend auf dem Balkon des italienischen Wirtshauses gesungen hatte. Dort hatte ich ihn zum letzten Mal gesehen.

Er sang immer weiter, und ich sprang über Beete und Hecken dem Lied nach. Als ich zwischen den letzten Rosensträuchern hervortrat, blieb ich plötzlich wie verzaubert stehen. Denn auf dem grünen Platz am Schwanenteich, ganz vom Abendrot beschienen, saß die schöne gnädige Frau. Sie trug ein prächtiges Kleid und einen Kranz von weißen und roten Rosen im schwarzen Haar. Mit niedergeschlagenen Augen saß sie auf einer Steinbank. Während des Liedes spielte sie mit ihrer Reitgerte vor sich auf dem Rasen. Genau so hatte sie es damals im Kahn gemacht, als ich ihr das Lied von der schönen Frau vorsingen musste. Ihr gegenüber saß eine andere junge Dame. Sie hatte mir ihren weißen, runden Nacken voller brauner Locken zugewandt und sang zur Gitarre. Die Schwäne schwammen dabei langsam im Kreis auf dem stillen Weiher herum. Da hob die schöne Frau auf einmal die Augen. Als sie mich sah, schrie sie laut auf. Die andere Dame drehte sich schnell zu mir um, sodass ihr die Locken ins Gesicht flogen. Als sie mich richtig ansah, brach sie in ein maßloses Lachen aus. Dann sprang sie von der Bank und klatschte dreimal in die Händchen. Im selben Augenblick schlüpfte eine große Menge kleiner Mädchen zwischen den Rosensträuchern hervor. Sie trugen kurze, blütenweiße Kleidchen mit grünen und roten Schleifen. Ich konnte gar nicht begreifen, wo sie sich alle versteckt hatten. Sie hielten eine lange Blumengirlande in den Händen. Schnell schlossen sie einen Kreis um mich, tanzten um mich herum und sangen dabei:

»Wir bringen dir den Jungfernkranz
Mit veilchenblauer Seide,
Wir führen dich zu Lust und Tanz,
Zu neuer Hochzeitsfreude.
Schöner, grüner Jungfernkranz,
Veilchenblaue Seide.«

Das war aus dem Freischütz. Ich erkannte nun auch einige von den kleinen Sängerinnen wieder. Es waren Mädchen aus dem Dorf. Ich kniff sie in die Wangen und wäre gern aus dem Kreis entwischt. Aber die kleinen, schnippischen Dinger ließen mich nicht heraus. Ich wusste gar nicht, was die ganze Geschichte eigentlich bedeuten sollte, und stand ganz verblüfft da.

Da trat plötzlich ein junger Mann in feiner Jägerkleidung aus dem Gebüsch. Ich traute meinen Augen kaum – es war der fröhliche Herr Leonhard! Die kleinen Mädchen öffneten nun den Kreis. Auf einmal standen sie wie verzaubert still, alle auf einem Beinchen. Das andere Bein streckten sie in die Luft. Dabei hielten sie die Blumengirlanden mit beiden Armen hoch über die Köpfe. Herr Leonhard aber nahm die schöne gnädige Frau bei der Hand. Sie stand immer noch ganz still und blickte nur manchmal zu mir herüber. Er führte sie bis zu mir und sagte:

»Die Liebe – darin sind sich alle Gelehrten einig – ist eine der mutigsten Eigenschaften des menschlichen Herzens. Die Festungsmauern von Rang und Stand schlägt sie mit einem feurigen Blick nieder. Die Welt ist ihr zu eng und die Ewigkeit zu kurz. Ja, sie ist eigentlich ein Dichtermantel. Jeder Träumer legt ihn einmal in der kalten Welt um, um nach Arkadien auszuwandern. Und je weiter zwei getrennte Verliebte voneinander fortwandern, desto schöner bläst der Reisewind den schillernden Mantel hinter ihnen auf. Desto kühner und überraschender werden seine Falten. Desto länger und länger wächst das lange Gewand hinter den Liebenden her. So kann ein Unbeteiligter nicht über Land gehen, ohne aus Versehen auf ein paar solche Schleppen zu treten. O teuerster Herr Einnehmer und Bräutigam! Ihr seid in diesem Mantel bis an die Ufer des Tibers gerauscht. Aber das kleine Händchen Eurer jetzigen Braut hielt Euch trotzdem am äußersten Ende der Schleppe fest. Und wie Ihr auch zucktet und geigtet und lärmtet: Ihr musstet zurück in den stillen Zauber ihrer schönen Augen. Und nun, da es so gekommen ist, ihr zwei lieben, lieben närrischen Leute: Schlagt den glücklichen Mantel um euch! Dann versinkt die ganze andere Welt rings um euch. Liebt euch wie die Kaninchen und seid glücklich!«

Herr Leonhard war mit seiner Predigt kaum fertig, da kam auch schon die andere junge Dame auf mich zu. Sie hatte vorhin das Liedchen gesungen. Schnell setzte sie mir einen frischen Myrtenkranz auf den Kopf. Während sie mir den Kranz in den Haaren festdrückte, war ihr Gesichtchen dicht vor mir. Dabei sang sie sehr neckisch:

»Darum bin ich dir gewogen,
Darum wird dein Haupt geschmückt,
Weil der Strich von deinem Bogen
Öfters hat mein Herz entzückt.«

Dann trat sie wieder ein paar Schritte zurück. »Kennst du die Räuber noch, die dich damals in der Nacht vom Baum geschüttelt haben?«, fragte sie. Dabei machte sie einen Knicks vor mir. Sie sah mich so anmutig und fröhlich an, dass mir richtig das Herz im Leib lachte. Ohne auf meine Antwort zu warten, ging sie rings um mich herum. »Wahrhaftig, noch ganz der Alte, ohne jeden welschen Beigeschmack!« Plötzlich rief sie der schönen gnädigen Frau zu: »Aber nein, sieh dir doch nur einmal die dicken Taschen an! Violine, Wäsche, Rasiermesser, Reisekoffer, alles durcheinander!« Sie drehte mich nach allen Seiten und konnte vor Lachen gar nicht aufhören.

Die schöne gnädige Frau war inzwischen immer noch still. Vor Scham und Verwirrung mochte sie gar nicht die Augen aufschlagen. Oft kam es mir so vor, als ärgerte sie sich heimlich über das viele Gerede und die Späße. Endlich stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen. Sie verbarg ihr Gesicht an der Brust der anderen Dame. Diese sah sie zuerst erstaunt an und drückte sie dann herzlich an sich.

Ich aber stand ganz verdutzt da. Denn je genauer ich die fremde Dame betrachtete, desto deutlicher erkannte ich sie. Es war wahrhaftig niemand anders als – der junge Herr Maler Guido!

Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Gerade wollte ich genauer nachfragen, da trat Herr Leonhard zu ihr und sprach heimlich mit ihr. »Weiß er denn noch nicht?«, hörte ich ihn fragen. Sie schüttelte den Kopf. Er überlegte einen Augenblick. »Nein, nein«, sagte er endlich, »er muss schnell alles erfahren. Sonst gibt es nur neues Gerede und Durcheinander.«

»Herr Einnehmer«, wandte er sich nun an mich, »wir haben jetzt nicht viel Zeit. Aber tu mir den Gefallen und wundere dich hier ganz schnell zu Ende. Sonst rührst du hinterher unter den Leuten alte Geschichten auf. Mit Fragen, Staunen und Kopfschütteln schüttelst du dann neue Erfindungen und Vermutungen aus.«

Bei diesen Worten zog er mich tiefer in das Gebüsch hinein. Das Fräulein focht inzwischen mit der Reitgerte in der Luft herum. Die schöne gnädige Frau hatte die Gerte weggelegt. Dabei schüttelte das Fräulein alle ihre Locken tief ins Gesichtchen. Aber ich konnte trotzdem sehen, dass sie bis an die Stirn rot wurde.

»Nun denn«, sagte Herr Leonhard. »Fräulein Flora will hier gerade so tun, als hörte und wüsste sie nichts von der ganzen Geschichte. Sie hatte ganz schnell ihr Herzchen mit jemandem getauscht. Da kommt ein anderer mit Vorreden, Trompeten und Pauken. Er bietet ihr wiederum *sein* Herz an und will dafür ihr Herz haben. Aber ihr Herz ist schon bei jemandem, und jemandes Herz ist bei ihr. Und dieser Jemand will sein Herz nicht zurückhaben und ihr Herz nicht zurückgeben. Alle Welt schreit – aber du hast wohl noch keinen Roman gelesen?«

Ich sagte Nein.

»Nun, dann hast du doch in einem mitgespielt. Kurz: Es war eine solche Konfusion mit den Herzen, dass der Jemand – das heißt ich – zuletzt selbst eingreifen musste. In einer lauen Sommernacht schwang ich mich auf mein Pferd. Das Fräulein hob ich als Maler Guido auf das andere. Und so ging es fort nach Süden. Ich wollte sie in einem meiner einsamen Schlösser in Italien verstecken, bis das Geschrei wegen der Herzen vorbei wäre. Unterwegs aber kam man uns auf die Spur. Es war das welsche Wirtshaus, vor dem du so vortrefflich Wache geschlafen hast. Von seinem Balkon sah Flora plötzlich unsere Verfolger.«

»Also der bucklige Signor?«, fragte ich.

»War ein Spion. Darum zogen wir uns heimlich in die Wälder zurück. Dich ließen wir allein mit der vorbestellten Post weiterfahren. Das täuschte unsere Verfolger. Und obendrein täuschte es auch noch meine Leute auf dem Bergschloss. Sie erwarteten die verkleidete Flora jede Stunde. Mit mehr Diensteifer als Verstand hielten sie dich für das Fräulein. Sogar hier auf dem Schloss glaubte man, dass Flora auf dem Felsen wohne. Man erkundigte sich, man schrieb an sie – hast du nicht ein Briefchen bekommen?«

Bei diesen Worten zog ich blitzschnell den Zettel aus der Tasche. »Also dieser Brief?«

»Ist an mich«, sagte Fräulein Flora. Bisher hatte sie gar nicht auf unser Gespräch zu achten geschienen. Jetzt riss sie mir den Zettel schnell aus der Hand und las ihn durch. Dann steckte sie ihn vorn in ihr Kleid.

»Und nun«, sagte Herr Leonhard, »müssen wir schnell ins Schloss. Dort warten schon alle auf uns. Also kommt zum Schluss, was sich von selbst versteht. So gehört es sich für einen gut erzogenen Roman: Entdeckung, Reue, Versöhnung! Wir sind alle wieder lustig beisammen, und übermorgen ist Hochzeit!«

Während er noch sprach, brach plötzlich im Gebüsch ein wilder Lärm los: Pauken und Trompeten, Hörner und Posaunen. Dazwischen wurden Böller abgeschossen, und man rief »Vivat«. Die kleinen Mädchen tanzten von Neuem. Aus allen Sträuchern kam ein Kopf über dem anderen hervor, als ob sie aus der Erde wüchsen. In dem Gewirr und Getümmel sprang ich ellenhoch von einer Seite zur anderen. Es wurde aber schon dunkel. Darum erkannte ich erst nach und nach all die alten Gesichter wieder. Der alte Gärtner schlug die Pauken. Die Prager Studenten in ihren Mänteln musizierten mitten darunter. Neben ihnen fingerte der Portier wie verrückt auf seinem Fagott. Als ich ihn so unerwartet sah, lief ich sofort auf ihn zu und umarmte ihn heftig. Davon geriet er ganz durcheinander. »Nun wahrhaftig!«, rief er den Studenten zu. »Und wenn der bis ans Ende der Welt reist, er ist und bleibt ein Narr!« Dann blies er ganz wütend weiter.

Inzwischen war die schöne gnädige Frau dem Lärm heimlich entflohen. Wie ein aufgescheuchtes Reh flog sie über den Rasen tiefer in den Garten hinein. Ich sah es gerade noch rechtzeitig und lief ihr eilig nach. Die Musikanten merkten in ihrem Eifer nichts davon. Später meinten sie, wir wären schon zum Schloss aufgebrochen. Und die ganze Bande machte sich nun mit Musik und großem Getümmel ebenfalls dorthin auf den Marsch.

Wir aber kamen fast zur gleichen Zeit bei einem Sommerhaus an. Es stand am Abhang des Gartens, und sein offenes Fenster ging auf das weite, tiefe Tal hinaus. Die Sonne war schon lange hinter den Bergen untergegangen. Es schimmerte nur noch wie ein rötlicher Duft über dem warmen Abend, in dem alle Klänge leiser wurden. Je stiller es ringsum wurde, desto deutlicher rauschte die Donau herauf. Ich sah die schöne Gräfin an und konnte den Blick nicht von ihr wenden. Sie stand ganz erhitzt vom Laufen dicht vor mir. So konnte ich richtig hören, wie ihr das Herz schlug. Aber nun wusste ich vor Respekt gar nicht, was ich sagen sollte. Ich war ja auf einmal so allein mit ihr. Endlich fasste ich mir ein Herz und nahm ihr kleines, weißes Händchen. Da zog sie mich schnell an sich und fiel mir um den Hals. Und ich umarmte sie fest mit beiden Armen.

Sie machte sich aber schnell wieder los. Ganz verwirrt lehnte sie sich ins Fenster, um ihre glühenden Wangen in der Abendluft zu kühlen.

»Ach«, rief ich, »mein Herz will mir richtig zerspringen! Aber ich kann das alles noch gar nicht richtig glauben. Es ist mir alles noch wie ein Traum!«

»Mir auch«, sagte die schöne gnädige Frau. Nach einer Weile sagte sie noch: »Vergangenen Sommer kam ich mit der Gräfin aus Rom. Wir hatten das Fräulein Flora gefunden und brachten sie mit zurück. Aber von dir hörte ich nichts, weder dort noch hier. Da dachte ich nicht, dass alles noch so kommen würde! Erst heute zu Mittag galoppierte der Jockei atemlos auf den Hof, der gute, flinke Bursche. Er brachte die Nachricht, dass du mit dem Postschiff kämst.« Dann lachte sie still in sich hinein. »Weißt du noch«, sagte sie, »wie du mich damals zum letzten Mal auf dem Balkon gesehen hast? Das war gerade wie heute. Es war auch so ein stiller Abend, und im Garten spielte Musik.«

»Wer ist denn eigentlich gestorben?«, fragte ich hastig.

»Wer denn?«, fragte die schöne Frau und sah mich erstaunt an.

»Der Herr Gemahl von Euer Gnaden«, antwortete ich, »der damals mit auf dem Balkon stand.«

Sie wurde ganz rot. »Was hast du auch für seltsame Dinge im Kopf!«, rief sie. »Das war doch der Sohn der Gräfin. Er war gerade von seinen Reisen zurückgekommen. Und an dem Tag war auch gerade mein Geburtstag. Da führte er mich mit auf den Balkon hinaus, damit ich auch ein Vivat bekäme. Aber deshalb bist du wohl damals von hier fortgelaufen?«

»Ach Gott, freilich!«, rief ich und schlug mir mit der Hand vor die Stirn.

Sie aber schüttelte das Köpfchen und lachte ganz herzlich.

Mir war so wohl, wie sie so fröhlich und vertraut neben mir plauderte. Ich hätte ihr bis zum Morgen zuhören mögen. Ich war richtig glücklich. Ich holte eine Handvoll Knackmandeln aus der Tasche, die ich noch aus Italien mitgebracht hatte. Sie nahm auch davon. Nun knackten wir Mandeln und sahen zufrieden in die stille Gegend hinaus.

»Siehst du«, sagte sie nach einem Weilchen wieder, »das weiße Schlösschen, das dort drüben im Mondschein glänzt? Das hat uns der Graf geschenkt, mitsamt dem Garten und den Weinbergen. Dort werden wir wohnen. Er wusste schon lange, dass wir einander lieb haben. Und er mag dich sehr. Er hatte dich nämlich dabei, als er das Fräulein aus der Pensionsanstalt entführte. Ohne dich wären die beiden erwischt worden, bevor sie sich mit der Gräfin versöhnen konnten. Und dann wäre alles anders gekommen.«

»Mein Gott, schönste, gnädigste Gräfin«, rief ich, »ich weiß vor lauter unerwarteten Neuigkeiten gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht! Also der Herr Leonhard?«

»Ja, ja«, unterbrach sie mich, »so nannte er sich in Italien. Ihm gehören die Güter dort drüben. Und er heiratet jetzt die Tochter unserer Gräfin, die schöne Flora. Aber warum nennst du mich denn Gräfin?«

Ich sah sie mit großen Augen an.

»Ich bin doch gar keine Gräfin«, fuhr sie fort. »Unsere gnädige Gräfin hat mich nur zu sich aufs Schloss genommen. Das war, als mich mein Onkel, der Portier, als kleines Kind und arme Waise hierherbrachte.«

Da war mir, als fiele mir ein Stein vom Herzen! »Gott segne den Portier«, antwortete ich ganz entzückt, »dass er unser Onkel ist! Ich habe immer viel von ihm gehalten.«

»Er meint es auch gut mit dir«, antwortete sie. »Wenn du dich nur etwas vornehmer benehmen würdest, sagt er immer. Du musst dich jetzt auch eleganter kleiden.«

»O«, rief ich voller Freude, »einen englischen Frack, Strohhut und Pumphosen und Sporen! Und gleich nach der Trauung reisen wir fort nach Italien, nach Rom. Dort spielen die schönen Springbrunnen. Und wir nehmen die Prager Studenten mit und den Portier!«

Sie lächelte still und sah mich ganz vergnügt und freundlich an. Von fern klang immerzu die Musik herüber. Leuchtkugeln flogen vom Schloss durch die stille Nacht über die Gärten. Und die Donau rauschte dazwischen herauf – und es war alles, alles gut!

### Glossar

- **Goldammer**: ein kleiner gelber Singvogel.
- **Schlafrock**: ein langer Mantel, den man zu Hause trägt.
- **Jungfernkranz**: ein Kranz aus Blumen für die Braut.
- **Freischütz**: eine berühmte deutsche Oper von Carl Maria von Weber.
- **Arkadien**: ein Traumland, in dem alle glücklich sind.
- **Schleppen**: lange Teile eines Kleides oder Mantels, die hinten über den Boden schleifen.
- **Myrtenkranz**: ein Kranz aus grünen Myrtenzweigen; ihn trägt man bei der Hochzeit.
- **welschen**: italienisch; aus Italien.
- **Spion**: jemand, der heimlich andere beobachtet.
- **Pensionsanstalt**: eine Schule mit Internat für junge Mädchen.
- **entführte**: brachte jemanden heimlich weg.
- **Böller**: kleine Kanonen für laute Freudenschüsse.
- **Jockei**: ein junger Reiter, ein Pferdeknecht.
- **Waise**: ein Kind ohne Eltern.
- **Knackmandeln**: Mandeln, die noch in der Schale sind.
- **Leuchtkugeln**: Feuerwerk.
- **abgelegenen**: abgelegen: weit weg von anderen, ruhig und einsam.
- **Mäntel**: Plural von „Mantel“.
- **Kanarienvogel**: ein kleiner gelber Singvogel, den man im Käfig hält.
- **Bündel**: mehrere Sachen, zusammengebunden oder in ein Tuch gewickelt.
- **Stube**: ein Zimmer.
- **Rechenbuch**: ein Buch, in das man Zahlen und Rechnungen schreibt.
- **gepunkteten**: mit vielen kleinen Punkten.
- **angepflanzt**: anpflanzen: Pflanzen in die Erde setzen.
- **Beete**: kleine Stücke Erde im Garten, auf denen Blumen oder Gemüse wachsen.
- **Rosensträuchern**: Rosensträucher: Büsche, an denen Rosen wachsen.
- **entzückt**: sehr froh und begeistert.
- **Pauken**: große Trommeln.
- **Getümmel**: viele Menschen, die laut und wild durcheinanderlaufen.
