# Alice's Abenteuer im Wunderland (Ausgabe B1)

*Lewis Carroll*

## Hinunter in den Kaninchenbau.

Alice fing an, sich zu langweilen. Sie saß schon lange bei ihrer Schwester am Ufer und hatte nichts zu tun. Das Buch, das ihre Schwester las, gefiel ihr nicht, denn es waren weder Bilder noch Gespräche darin. »Und was nützen Bücher«, dachte Alice, »ohne Bilder und Gespräche?«

Sie überlegte gerade, so gut es ging, denn sie war schläfrig und dumm im Kopf von der Hitze. Sollte sie aufstehen und Gänseblümchen pflücken, um eine Kette daraus zu machen? War es die Mühe wert? Da rannte plötzlich ein weißes Kaninchen mit roten Augen dicht an ihr vorbei.

Das war eigentlich nicht *sehr* merkwürdig. Alice fand es auch nicht *sehr* seltsam, dass sie das Kaninchen sagen hörte: »O weh, o weh! Ich werde zu spät kommen!« (Als sie später darüber nachdachte, fiel ihr ein, dass sie sich darüber hätte wundern sollen. Aber in dem Moment kam ihr alles ganz natürlich vor.) Aber dann *zog das Kaninchen eine Uhr aus der Westentasche*, sah nach der Zeit und lief eilig weiter. Da sprang Alice auf. Denn sie hatte noch nie ein Kaninchen mit einer Westentasche und einer Uhr darin gesehen. Sie brannte vor Neugier und rannte ihm nach, über die Wiese. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie es in ein großes Loch unter der Hecke schlüpfte.

Im nächsten Augenblick sprang Alice ihm nach in das Loch hinein. Sie dachte gar nicht daran, wie in aller Welt sie wieder herauskommen sollte.

Der Kaninchenbau lief zuerst geradeaus wie ein Tunnel und ging dann plötzlich nach unten. Alice hatte nicht einmal Zeit, an das Festhalten zu denken. Da fühlte sie schon, dass sie fiel. Es war, als fiele sie in einen tiefen, tiefen Brunnen.

Entweder war der Brunnen sehr tief, oder sie fiel sehr langsam. Denn sie hatte beim Fallen genug Zeit, sich umzusehen und sich zu fragen, was nun wohl passieren würde. Zuerst versuchte sie, nach unten zu sehen, um zu wissen, wohin sie kam. Aber es war zu dunkel, um etwas zu erkennen. Dann sah sie sich die Wände des Brunnens an. Sie bemerkte, dass dort überall Küchenschränke und Bücherbretter waren. Hier und da sah sie Landkarten und Bilder, die an Haken hingen. Im Vorbeifallen nahm sie von einem der Bretter ein Töpfchen mit der Aufschrift »*Eingemachte Apfelsinen*«. Aber zu ihrem großen Ärger war es leer. Sie wollte es nicht fallen lassen, weil sie Angst hatte, jemanden unter sich zu töten. Darum schob sie es in einen anderen Schrank, an dem sie gerade vorbeifiel, und das gelang ihr auch.

»Na!«, dachte Alice, »nach so einem Fall macht es mir nichts mehr aus, wenn ich die Treppe hinunterfalle. Wie mutig sie mich zu Hause finden werden! Ich würde kein Wort darüber sagen, auch wenn ich von der Dachspitze herunterfiele!« (Was sehr wahrscheinlich war.)

Hinunter, hinunter, hinunter! Wollte der Fall denn nie aufhören? »Wie viele Meilen ich wohl jetzt schon gefallen bin!«, sagte sie laut. »Ich muss ungefähr am Mittelpunkt der Erde sein. Mal sehen: Das wären achthundertfünfzig Meilen, glaube ich —« (Denn ihr müsst wissen, Alice hatte solche Dinge in der Schule gelernt. Das war zwar keine *sehr* gute Gelegenheit, ihr Wissen zu zeigen, denn niemand hörte zu. Aber es war trotzdem eine gute Übung.) »— ja, das ist ungefähr die Entfernung. Aber zu welchem Längengrad und Breitengrad ich wohl gekommen bin?« (Alice hatte nicht die geringste Ahnung, was ein Längengrad oder ein Breitengrad war. Aber die Wörter klangen großartig, und sie sagte sie gern.)

Bald fing sie wieder an. »Ob ich wohl ganz durch die Erde falle? Wie komisch wird es sein, bei den Leuten herauszukommen, die auf dem Kopf gehen! Die Antipathien, glaube ich.« (Diesmal war sie ganz froh, dass niemand zuhörte, denn das Wort klang gar nicht richtig.) »Aber natürlich muss ich sie dann fragen, wie das Land heißt. Bitte, liebe Dame, ist dies Neu-Seeland oder Australien?« (Und dabei versuchte sie zu knicksen — denkt doch, knicksen, wenn man durch die Luft fällt! Könntet ihr das fertig kriegen?) »Aber sie werden denken, dass ich ein kleines Mädchen bin, das nichts weiß, wenn ich so frage! Nein, ich frage lieber nicht. Vielleicht sehe ich es irgendwo angeschrieben.«

Hinunter, hinunter, hinunter! Sie konnte nichts anderes tun, also fing Alice bald wieder an zu sprechen. »Dinah wird mich heute Abend bestimmt sehr vermissen!« (Dinah war die Katze.) »Ich hoffe, sie vergessen ihren Napf Milch zur Teestunde nicht. Dinah! Mies! Ich wollte, du wärst hier unten bei mir. Ich fürchte nur, es gibt keine Mäuse in der Luft. Aber du könntest einen Spatzen fangen. Die gibt es hier in der Luft wohl, glaubst du nicht? Und Katzen fressen doch Spatzen?« Hier wurde Alice etwas schläfrig und redete halb im Traum weiter: »Fressen Katzen gern Spatzen? Fressen Katzen gern Spatzen? Fressen Spatzen gern Katzen?« Niemand musste ihr antworten, und darum war es ganz egal, wie herum sie die Frage stellte. Sie fühlte, dass sie einschlief. Sie hatte gerade angefangen zu träumen. Im Traum ging sie Hand in Hand mit Dinah spazieren und fragte sie ganz ernst: »Nun, Dinah, sag die Wahrheit, hast du je einen Spatzen gefressen?« Da, auf einmal — plumps! plumps! — landete sie auf einem Haufen aus trockenem Laub und Reisig. Und der Fall war aus.

Alice hatte sich gar nicht wehgetan. Sie sprang sofort auf und sah nach oben, aber über ihr war es dunkel. Vor ihr lag ein zweiter langer Gang. Darin konnte sie gerade noch das weiße Kaninchen entlanglaufen sehen. Es war kein Augenblick zu verlieren. Alice rannte los wie der Wind. Als das Kaninchen um eine Ecke bog, hörte sie es gerade noch sagen: »O, Ohren und Schnurrbart, wie spät es ist!« Sie war dicht hinter ihm. Aber als sie um die Ecke bog, war das Kaninchen nicht mehr zu sehen. Sie stand in einem langen, niedrigen Korridor. Eine Reihe Lampen hing von der Decke herab und machte ihn hell.

Auf beiden Seiten des Korridors waren Türen, aber sie waren alle verschlossen. Alice probierte jede Tür, zuerst auf der einen Seite, dann auf der anderen. Schließlich ging sie traurig in der Mitte entlang und überlegte, wie sie jemals wieder hinauskommen sollte.

Plötzlich stand sie vor einem kleinen Tisch mit drei Beinen, *ganz aus dickem Glas*. Darauf lag nichts als ein winziges goldenes Schlüsselchen. Alices erster Gedanke war, dass es vielleicht zu einer der Türen im Korridor gehörte. Aber ach! Entweder waren die Schlösser zu groß, oder der Schlüssel war zu klein. Kurz, er passte zu keiner einzigen Tür. Doch als sie das zweite Mal herumging, kam sie an einen niedrigen Vorhang, den sie vorher nicht bemerkt hatte. Dahinter war eine Tür, ungefähr fünfzehn Zoll hoch. Sie steckte das goldene Schlüsselchen ins Schlüsselloch, und zu ihrer großen Freude passte es.

Alice schloss die Tür auf. Sie sah, dass sie zu einem kleinen Gang führte, nicht viel größer als ein Mäuseloch. Sie kniete sich hin und sah durch den Gang in den schönsten Garten, den man sich denken kann. Wie gern wollte sie aus dem dunklen Korridor hinaus! Wie gern wollte sie zwischen den bunten Blumenbeeten und den kühlen Springbrunnen herumgehen! Aber sie konnte kaum den Kopf durch die Öffnung stecken. »Und selbst wenn mein Kopf hindurchginge«, dachte die arme Alice, »was würde es nützen ohne die Schultern? Oh, ich möchte mich zusammenschieben können wie ein Teleskop! Das geht bestimmt, wenn ich nur wüsste, wie man es anfängt.« Denn in letzter Zeit war ihr so viel Merkwürdiges passiert, dass Alice langsam glaubte, fast nichts sei unmöglich.

Es schien ihr ganz sinnlos, noch länger an der kleinen Tür zu warten. Darum ging sie zum Tisch zurück. Sie hoffte halb, dass sie noch einen Schlüssel darauf finden würde. Oder wenigstens ein Buch mit Regeln, wie man sich wie ein Teleskop zusammenschieben kann. Diesmal fand sie ein Fläschchen darauf. »Das stand vorhin bestimmt nicht hier«, sagte Alice. Um den Hals des Fläschchens war ein Zettel gebunden. Darauf standen in großen, wunderschön gedruckten Buchstaben die Worte »*Trink mich!*«.

»Trink mich!« war schnell gesagt. Aber die altkluge kleine Alice wollte nichts überstürzen. »Nein, ich sehe erst nach«, sagte sie, »ob ein Totenkopf darauf ist oder nicht.« Denn sie hatte mehrere hübsche Geschichten über Kinder gelesen, denen schlimme Dinge passiert waren. Sie hatten sich verbrannt, oder wilde Tiere hatten sie gefressen, oder sie waren in andere unangenehme Lagen gekommen. Und das alles nur, weil sie nicht an die Warnungen dachten, die ihre Freunde ihnen gegeben hatten. Zum Beispiel: Ein rotglühendes Eisen brennt, wenn man es anfasst. Und wenn man sich mit einem Messer tief in den Finger schneidet, blutet es gewöhnlich. Und sie hatte nicht vergessen: Wenn man viel aus einer Flasche mit einem Totenkopf darauf trinkt, bekommt es einem ganz sicher schlecht.

Diese Flasche hatte aber keinen Totenkopf. Darum wagte Alice, davon zu kosten. Und weil es ihr gut schmeckte, trank sie die Flasche aus. (Es schmeckte eigentlich wie eine Mischung aus Kirschkuchen, Sahnesoße, Ananas, Putenbraten, Naute und Armen Rittern.)

»Was für ein komisches Gefühl!«, sagte Alice. »Ich schiebe mich bestimmt zusammen wie ein Teleskop.«

Und so war es wirklich: Jetzt war sie nur noch zehn Zoll hoch. Ihr Gesicht strahlte bei dem Gedanken, dass sie nun die richtige Größe hatte. Jetzt konnte sie durch die kleine Tür in den schönen Garten gehen. Doch zuerst wartete sie ein paar Minuten, um zu sehen, ob sie noch weiter schrumpfte. Sie war ein bisschen ängstlich. »Denn es könnte damit enden«, sagte Alice zu sich selbst, »dass ich ganz ausgehe wie eine Kerze. Ich frage mich, wie ich dann wohl aussähe?« Und sie versuchte, sich vorzustellen, wie die Flamme einer Kerze aussieht, wenn die Kerze ausgeblasen ist. Aber sie konnte sich nicht erinnern, so etwas je gesehen zu haben.

Nach einer Weile merkte sie, dass nichts weiter geschah. Da beschloss sie, sofort in den Garten zu gehen. Aber, arme Alice! Als sie an die Tür kam, hatte sie das goldene Schlüsselchen vergessen. Sie ging zum Tisch zurück, um es zu holen. Aber sie konnte es unmöglich erreichen. Sie sah es ganz deutlich durch das Glas. Sie gab sich alle Mühe, an einem der Tischbeine hinaufzuklettern, aber es war zu glatt. Als sie davon ganz müde war, setzte sich das arme kleine Ding hin und weinte.

»Still, was nützt es, so zu weinen!«, sagte Alice ganz böse zu sich selbst. »Ich rate dir, sofort damit aufzuhören!« Sie gab sich oft sehr guten Rat (obwohl sie ihn selten befolgte). Manchmal schimpfte sie so streng mit sich selbst, dass sie davon weinen musste. Und einmal, das wusste sie noch, hatte sie versucht, sich selbst eine Ohrfeige zu geben. Denn sie hatte beim Croquet betrogen, als sie gegen sich selbst spielte. Dieses seltsame Kind tat nämlich sehr gern so, als wäre es zwei Personen. »Aber jetzt hilft es nichts«, dachte die arme Alice, »so zu tun, als ob ich zwei verschiedene Personen wäre. Ach! Es ist ja kaum genug von mir übrig für *eine* anständige Person!«

Bald fiel ihr Blick auf eine kleine Glasdose, die unter dem Tisch lag. Sie öffnete sie und fand darin einen sehr kleinen Kuchen. Auf dem Kuchen standen, schön aus kleinen Rosinen gelegt, die Worte »*Iss mich!*«. »Gut, ich will ihn essen«, sagte Alice. »Wenn ich davon größer werde, kann ich den Schlüssel erreichen. Und wenn ich davon kleiner werde, kann ich unter der Tür durchkriechen. So komme ich auf jeden Fall in den Garten — mir ist egal, wie.«

Sie aß ein bisschen und sagte gespannt zu sich selbst: »Aufwärts oder abwärts?« Dabei hielt sie prüfend die Hand auf ihren Kopf. Sie war ganz erstaunt, als sie merkte, dass sie dieselbe Größe behielt. Das passiert natürlich gewöhnlich, wenn man Kuchen isst. Aber Alice war schon so an wunderbare Dinge gewöhnt, dass es ihr ganz langweilig vorkam, wenn das Leben ganz normal weiterging.

Also machte sie sich an die Arbeit und aß den ganzen Kuchen auf.

### Glossar

- **die Westentasche**: eine kleine Tasche an der Weste (Kleidung ohne Ärmel, die man über dem Hemd trägt).
- **Laub und Reisig**: Laub sind trockene Blätter; Reisig sind dünne, trockene Äste.
- **der Längengrad / der Breitengrad**: Linien auf der Landkarte, mit denen man sagt, wo ein Ort liegt.
- **die Antipathien**: Alice meint »Antipoden«: die Menschen auf der anderen Seite der Erde. »Antipathie« heißt aber Abneigung. Alice verwechselt die Wörter, darum klingt es falsch.
- **knicksen**: sich als Mädchen höflich verbeugen, mit gebeugten Knien.
- **Fressen Katzen gern Spatzen? Fressen Spatzen gern Katzen?**: Alice ist halb im Schlaf und dreht die Frage um. Die zweite Frage ist Unsinn, aber sie klingt fast gleich.
- **Zoll**: ein altes Längenmaß, ungefähr 2,5 cm.
- **das Teleskop**: ein langes Rohr zum Sehen in die Ferne; man kann es zusammenschieben und auseinanderziehen.
- **altklug**: so nennt man ein Kind, das sehr klug tut und wie ein Erwachsener redet.
- **der Totenkopf**: Bild von einem Schädel; Zeichen für Gift.
- **Naute / Arme Ritter**: Naute: eine alte Süßigkeit aus Honig und Nüssen. Arme Ritter: Brot, das man in Milch und Ei taucht und dann brät.

## Der Tränenpfuhl.

»Verquerer und verquerer!«, rief Alice. (Sie war so überrascht, dass sie im Augenblick ihre eigene *Sprache ganz vergaß*.) »Jetzt werde ich auseinandergeschoben wie das längste Teleskop, das es je gab! Lebt wohl, Füße!« (Denn als sie auf ihre Füße hinuntersah, konnte sie sie kaum noch sehen, so weit weg waren sie schon.) »Oh, meine armen Füßchen! Wer wird euch jetzt wohl Schuhe und Strümpfe anziehen, meine Lieben? Denn ich kann es bestimmt nicht! Ich bin viel zu weit weg, um mich um euch zu kümmern. Ihr müsst selbst sehen, wie ihr zurechtkommt. — Aber ich muss gut zu ihnen sein«, dachte Alice, »sonst gehen sie vielleicht nicht dahin, wohin ich gehen will. Mal sehen: Ich schenke ihnen jedes Jahr zu Weihnachten ein Paar neue Stiefel.«

Und sie überlegte sich, wie sie das machen würde. »Sie müssen per Fracht gehen«, dachte sie. »Wie lustig wird es sein, den eigenen Füßen ein Geschenk zu schicken! Und wie komisch wird die Adresse aussehen!

*An*
*Alices rechten Fuß, Wohlgeboren,*
*Fußteppich,*
*nicht weit vom Kamin,*
*mit Alices Grüßen.*

Oh, was für Unsinn ich da rede!«

Gerade in diesem Augenblick stieß sie mit dem Kopf an die Decke. Sie war jetzt wirklich über neun Fuß groß. Sofort nahm sie den kleinen goldenen Schlüssel und rannte zur Gartentür.

Arme Alice! Mehr konnte sie nicht tun: Sie legte sich auf die Seite und sah mit einem Auge in den Garten hinunter. Aber hindurchzugehen war jetzt noch unmöglicher als vorher. Sie setzte sich hin und fing wieder an zu weinen.

»Du solltest dich schämen«, sagte Alice, »so ein großes Mädchen« (da hatte sie wohl recht) »und weinst noch so! Hör sofort auf, sage ich dir!« Aber sie weinte trotzdem weiter und vergoss eimerweise Tränen. Am Ende war um sie herum ein großer Pfuhl, ungefähr vier Zoll tief und halb so lang wie der Korridor.

Nach einer Weile hörte sie in der Ferne Schritte. Schnell trocknete sie ihre Tränen, um zu sehen, wer da kam. Es war das weiße Kaninchen. Es kam zurück und war prächtig angezogen. In der einen Hand hielt es ein Paar weiße Handschuhe, in der anderen einen Fächer. Es trippelte in großer Eile daher und redete vor sich hin: »Oh! Die Herzogin, die Herzogin! Die wird außer sich sein, wenn ich sie warten lasse!« Alice war so ratlos, dass sie jeden um Hilfe gebeten hätte. Als das Kaninchen in ihre Nähe kam, fing sie deshalb mit leiser, schüchterner Stimme an: »Bitte, lieber Herr —« Das Kaninchen erschrak heftig. Es ließ die weißen Handschuhe und den Fächer fallen und lief davon in die Nacht hinein, so schnell es konnte.

Alice hob den Fächer und die Handschuhe auf. Im Gang war es sehr heiß, darum fächelte sie sich Luft zu. Dabei sprach sie mit sich selbst: »Merkwürdig! Wie seltsam heute alles ist! Und gestern war alles ganz wie immer. Ob ich wohl in der Nacht ausgetauscht worden bin? Mal sehen: War ich dieselbe, als ich heute früh aufgestanden bin? Ich glaube fast, ich habe mich ein bisschen anders gefühlt. Aber wenn ich nicht dieselbe bin, dann ist die Frage: Wer in aller Welt bin ich? Ja, das ist das Rätsel!« Und sie dachte an alle Kinder in ihrem Alter, die sie kannte. Sie wollte sehen, ob sie vielleicht in eines von ihnen verwandelt worden war.

»Ich bin sicher nicht Ida«, sagte sie, »denn die hat lange Locken, und mein Haar ist gar nicht lockig. Und ich kann bestimmt nicht Clara sein, denn ich weiß eine ganze Menge. Und sie, oh, sie weiß so sehr wenig! Außerdem ist sie sie selbst, und ich bin ich, und — oh, wie konfus das alles ist! Ich will probieren, ob ich noch alles weiß, was ich früher wusste. Mal sehen: Vier mal fünf ist zwölf, und vier mal sechs ist dreizehn, und vier mal sieben ist — o weh! So komme ich nie bis zwanzig! Aber das Einmaleins ist nicht so wichtig. Ich nehme lieber Geographie. London ist die Hauptstadt von Paris, und Paris ist die Hauptstadt von Rom, und Rom — nein, ich wette, das ist alles falsch! Ich muss in Clara verwandelt worden sein! Ich will doch einmal sehen, ob ich ›Bei einem Wirte‹ aufsagen kann.« Sie faltete die Hände, als ob sie ihrer Lehrerin ein Gedicht aufsagte, und fing an. Aber ihre Stimme klang heiser und fremd, und die Worte kamen nicht so wie sonst:

»Bei einem Wirte, wunderwild,
Da war ich jüngst zu Gaste,
Ein Bienennest das war sein Schild
In einer braunen Tatze.

Es war der grimme Zottelbär,
Bei dem ich eingekehret;
Mit süßem Honigseim hat er
Sich selber wohl genähret!«

»Das kommt mir gar nicht richtig vor«, sagte die arme Alice, und Tränen kamen ihr in die Augen, als sie weitersprach. »Ich muss doch Clara sein. Dann muss ich in dem kleinen alten Haus wohnen und habe fast keine Spielsachen zum Spielen. Und ach, ich muss so viel lernen! Nein, das habe ich beschlossen: Wenn ich Clara bin, bleibe ich hier unten! Es wird ihnen nichts nützen, wenn sie die Köpfe zusammenstecken und herunterrufen: ›Komm wieder herauf, Herzchen!‹ Ich werde nur hinaufsehen und sagen: ›Wer bin ich denn? Sagt mir das zuerst. Und wenn ich diese Person gern bin, dann komme ich hinauf. Wenn nicht, dann bleibe ich hier unten, bis ich jemand anderes bin.‹ — Aber o weh!«, schluchzte Alice plötzlich auf, »ich wünschte, sie würden herunterschauen! Es ist so langweilig, hier ganz allein zu sein!«

Während sie so sprach, sah sie auf ihre Hände hinunter. Erstaunt bemerkte sie, dass sie beim Reden einen von den weißen Glacéhandschuhen des Kaninchens angezogen hatte. »Wie habe ich das nur gemacht?«, dachte sie. »Ich muss wieder klein geworden sein.« Sie stand auf und ging zum Tisch, um sich daran zu messen. Sie war jetzt ungefähr zwei Fuß hoch und wurde dabei schnell immer kleiner. Bald merkte sie, dass der Fächer in ihrer Hand daran schuld war. Schnell warf sie ihn weg — gerade noch rechtzeitig, sonst wäre sie ganz verschwunden.

»Da habe ich aber Glück gehabt!«, sagte Alice. Sie war sehr erschrocken über die plötzliche Veränderung, aber froh, dass sie noch existierte. »Und jetzt in den Garten!« Sie lief schnell zu der kleinen Tür. Aber ach! Die kleine Tür war wieder verschlossen, und das goldene Schlüsselchen lag auf dem Glastisch wie vorher. »Und es ist schlimmer als je«, dachte das arme Kind, »denn so klein war ich noch nie, nein, nie! Und ich sage, es ist zu schlimm, das ist es!«

Während sie diese Worte sagte, rutschte sie aus. Im nächsten Augenblick — platsch! — war sie bis zum Kinn im Salzwasser. Zuerst dachte sie, sie wäre ins Meer gefallen. »Und dann kann ich mit der Eisenbahn zurückfahren«, sagte sie zu sich. (Alice war einmal in ihrem Leben am Meer gewesen. Daraus hatte sie geschlossen, dass man an jeder Küste dasselbe findet. Im Wasser stehen einige Bademaschinen, und Kinder graben mit Holzschaufeln im Sand. Dann kommt eine Reihe Häuser und dahinter ein Bahnhof.) Doch bald merkte sie, dass sie in dem Tränenpfuhl war. Den hatte sie geweint, als sie neun Fuß groß war.

»Ich wünschte, ich hätte nicht so sehr geweint!«, sagte Alice. Sie schwamm herum und suchte einen Weg hinaus. »Jetzt werde ich wohl dafür bestraft und ertrinke in meinen eigenen Tränen! Das *wird* seltsam sein, das! Aber heute ist alles so seltsam.«

In diesem Augenblick hörte sie, wie nicht weit von ihr etwas im Pfuhl plätscherte. Sie schwamm hin, um zu sehen, was es war. Zuerst glaubte sie, es müsse ein Walross oder ein Nilpferd sein. Aber dann fiel ihr ein, wie klein sie jetzt war. Bald merkte sie, dass es nur eine Maus war, die wie sie hineingefallen war.

»Ob es wohl etwas nützt«, dachte Alice, »mit dieser Maus zu sprechen? Hier unten ist alles so merkwürdig, dass ich fast glaube, sie kann sprechen. Auf jeden Fall kostet das Fragen nichts.« Also fing sie an: »O Maus, weißt du, wie man aus diesem Pfuhl herauskommt? Ich bin vom Herumschwimmen ganz müde, o Maus!« (Alice dachte, so spricht man richtig mit einer Maus. Sie hatte es zwar noch nie getan. Aber sie erinnerte sich gut an die lateinische Grammatik ihres Bruders. Dort hatte sie gelesen: »Eine Maus — einer Maus — einer Maus — eine Maus — o Maus!«) Die Maus sah sie etwas neugierig an und schien ihr mit einem Auge zuzublinzeln. Aber sie sagte nichts.

»Vielleicht versteht sie kein Englisch«, dachte Alice. »Vielleicht ist es eine französische Maus, die mit Wilhelm dem Eroberer herübergekommen ist.« (Denn obwohl Alice viel über Geschichte wusste, hatte sie keine ganz klare Vorstellung, wie lange etwas her war.) Also fing sie noch einmal an: »*Où est ma chatte?*« Das war der erste Satz in ihrem französischen Konversationsbuch. Die Maus sprang hoch aus dem Wasser und schien vor Angst am ganzen Körper zu zittern. »Oh, ich bitte um Verzeihung!«, rief Alice schnell. Sie hatte Angst, dass sie das arme Tier gekränkt hatte. »Ich hatte ganz vergessen, dass Sie Katzen nicht mögen.«

»Katzen nicht mögen!«, schrie die Maus mit schriller, wütender Stimme. »Würdest du Katzen mögen, wenn du an meiner Stelle wärst?«

»Nein, wohl kaum«, sagte Alice, um sie zu beruhigen. »Sei nicht mehr böse darüber. Und doch würde ich dir gern unsere Katze Dinah zeigen. Ich glaube, du würdest Katzen mögen, wenn du sie nur sehen könntest. Sie ist so ein liebes, ruhiges Tier«, sprach Alice weiter, halb zu sich selbst. Dabei schwamm sie gemütlich im Pfuhl herum. »Sie sitzt beim Feuer und spinnt so nett, sie leckt sich die Pfoten und wäscht sich das Schnäuzchen. Und sie ist so schön weich auf dem Schoß. Und sie ist so ein famoser Mäusefänger — oh, ich bitte um Verzeihung!«, rief Alice wieder. Denn diesmal sträubte sich das ganze Fell der armen Maus, und Alice dachte, sie war sicher sehr beleidigt. »Wir wollen nicht mehr davon reden, wenn du es nicht magst.«

»Wir, wirklich!«, rief die Maus. Sie zitterte bis zur Schwanzspitze. »Als ob ich je über so etwas sprechen würde! Unsere Familie hat Katzen schon immer gehasst: hässliche, niedrige, gemeine Dinger! Lass mich ihren Namen nie wieder hören!«

»Nein, bestimmt nicht!«, sagte Alice. Sie suchte schnell ein anderes Thema für das Gespräch. »Magst du — magst du gern Hunde?« Die Maus antwortete nicht. Darum redete Alice eifrig weiter: »Nicht weit von unserem Haus wohnt so ein reizender kleiner Hund. Den würde ich dir gern zeigen! Ein kleiner Wachtelhund mit hellen Augen, weißt du, ach, und mit so krausem braunem Fell! Und er bringt alles zurück, was man ihm wirft. Er kann aufrecht stehen und um sein Essen betteln. Und er kann so viele Kunststücke — ich weiß kaum noch die Hälfte davon. Und er gehört einem Amtmann, weißt du. Und der sagt, er ist so nützlich, er ist ihm hundert Pfund wert! Er sagt, er tötet alle Ratten und — oh, wie dumm!«, sagte Alice, und es tat ihr leid. »Ich fürchte, ich habe ihr wieder wehgetan!« Denn die Maus schwamm so schnell sie konnte von ihr weg, und der ganze Pfuhl kam davon in Bewegung.

Da rief sie ihr zärtlich nach: »Liebes Mäuschen! Komm wieder zurück! Wir wollen weder von Katzen noch von Hunden reden, wenn du sie nicht magst!« Als die Maus das hörte, drehte sie sich um und schwamm langsam zu ihr zurück. Ihr Gesicht war ganz blass (vor Ärger, dachte Alice). Mit leiser, zitternder Stimme sagte sie: »Komm mit mir ans Ufer. Dort will ich dir meine Geschichte erzählen. Dann wirst du verstehen, warum ich Katzen und Hunde nicht leiden kann.«

Es war höchste Zeit zu gehen. Denn im Pfuhl wimmelte es jetzt von Vögeln und anderen Tieren, die hineingefallen waren. Da waren eine Ente und ein Dodo, ein roter Papagei und ein junger Adler und mehrere andere merkwürdige Geschöpfe. Alice schwamm voran, und die ganze Gesellschaft schwamm ans Ufer.

### Glossar

- **Verquerer und verquerer!**: Alice meint »immer seltsamer«. Sie ist so überrascht, dass sie falsches Deutsch spricht: Von »verquer« (= seltsam, verkehrt) macht man normalerweise kein »verquerer«.
- **per Fracht**: als Paket mit einem Transport geschickt.
- **Wohlgeboren**: ein alter, höflicher Titel, den man früher in Adressen schrieb.
- **der Fußteppich**: ein kleiner Teppich, z. B. vor dem Kamin, auf den man die Füße stellt.
- **der Pfuhl**: eine kleine, schmutzige Wasserstelle; der Tränenpfuhl ist ein See aus Tränen.
- **die Glacéhandschuhe**: sehr feine, weiche Handschuhe aus Leder.
- **konfus**: durcheinander, verwirrt.
- **Bei einem Wirte**: Alice will ein bekanntes Gedicht von Ludwig Uhland aufsagen (»Einkehr«: »Bei einem Wirte wundermild«). Es kommt aber falsch heraus: Statt eines freundlichen Apfelbaums ist der Wirt ein Bär.
- **der grimme Zottelbär / der Honigseim / eingekehret**: ein böser Bär mit langem, wildem Fell; reiner Honig; »eingekehrt« = als Gast zu jemandem gekommen.
- **die Bademaschine**: eine alte Badehütte aus Holz auf Rädern, die man ins Meer schob.
- **o Maus**: In der lateinischen Grammatik lernt man ein Wort in allen Fällen; der letzte Fall ist die Anrede (»o Maus!«). Alice glaubt, so spricht man höflich mit einer Maus.
- **Où est ma chatte?**: Französisch: »Wo ist meine Katze?« Das ist für eine Maus natürlich ein schlimmer Satz.
- **spinnen**: hier: schnurren, das leise, zufriedene Geräusch einer Katze.
- **famos**: (alt) großartig, sehr gut.
- **der Wachtelhund / der Amtmann**: eine Hunderasse, ein Jagdhund; (alt) ein Beamter oder Verwalter auf dem Land.

## Caucus-Rennen und was daraus wird.

Es war wirklich eine seltsame Gesellschaft, die sich am Strand versammelte. Die Vögel hatten triefend nasse Federn, und den anderen Tieren klebte das Fell fest am Körper. Alle waren durch und durch nass, schlecht gelaunt und fühlten sich unwohl.

Die erste Frage war, wie sie wieder trocken werden könnten. Sie berieten darüber. Schon nach wenigen Minuten kam es Alice ganz natürlich vor, so vertraut mit ihnen zu plaudern. Es war, als ob sie sie ihr ganzes Leben lang gekannt hätte. Sie hatte sogar einen langen Streit mit dem Papagei. Am Ende wurde er mürrisch und sagte nur noch: »Ich bin älter als du und muss es besser wissen.« Das wollte Alice nicht gelten lassen, und sie fragte nach seinem Alter. Aber der Papagei wollte es auf keinen Fall sagen, und so blieb die Sache unentschieden.

Endlich rief die Maus, die bei ihnen eine Person von Gewicht zu sein schien: »Setzt euch, ihr alle, und hört mir zu! Ich werde euch bald trocken machen!« Sofort setzten sich alle in einen großen Kreis, mit der Maus in der Mitte. Alice sah sie gespannt an. Denn sie war sicher, dass sie sich schrecklich erkälten würde, wenn sie nicht sehr bald trocken wurde.

»Hm!«, sagte die Maus mit wichtiger Miene. »Seid ihr alle so weit? Das ist das Trockenste, an das ich mich erinnern kann. Alle still, wenn ich bitten darf! — Wilhelm der Eroberer, dessen Ansprüche vom Papst unterstützt wurden, fand bald Anhänger unter den Engländern. Diese brauchten einen Anführer und waren in jener Zeit sehr an Usurpation und Eroberungen gewöhnt. Edwin und Morcar, Grafen von Mercia und Northumbria —«

»*Oooh*!«, gähnte der Papagei und schüttelte sich.

»Verzeihung!«, sagte die Maus. Sie runzelte die Stirn, war aber sehr höflich. »Wollten Sie etwas sagen?«

»Ich nicht!«, antwortete der Papagei schnell.

»Es kam mir so vor«, sagte die Maus. »Ich fahre fort: Edwin und Morcar, Grafen von Mercia und Northumbria, erklärten sich für ihn. Und selbst Stigand, der patriotische Erzbischof von Canterbury, fand es ratsam —«

»Fand *was*?«, unterbrach die Ente.

»Fand *es*«, antwortete die Maus ziemlich ärgerlich. »Du wirst doch wohl wissen, was *es* bedeutet.«

»Ich weiß sehr gut, was *es* bedeutet, wenn *ich* etwas finde«, sagte die Ente. »*Es* ist gewöhnlich ein Frosch oder ein Wurm. Die Frage ist: Was fand der Erzbischof?«

Die Maus achtete nicht auf die Frage, sondern sprach schnell weiter: »— fand es ratsam, zusammen mit Edgar Atheling Wilhelm entgegenzugehen und ihm die Krone anzubieten. Wilhelms Benehmen war zuerst maßvoll, aber die Frechheit der Normannen —« Dann wandte sie sich an Alice: »Wie steht's jetzt, Liebe?«

»Immer noch genauso nass«, sagte Alice traurig. »Es scheint mich gar nicht trocken zu machen.«

»In diesem Fall«, sagte der Dodo feierlich und stand auf, »stelle ich den Antrag, dass die Versammlung sich vertagt. Sie möge zur sofortigen Anwendung von wirksameren Mitteln schreiten.«

»Sprich deutlich!«, sagte der Adler. »Ich verstehe den Sinn von deinen langen Wörtern nicht, und ich wette, du auch nicht!« Und der Adler senkte den Kopf, um ein Lächeln zu verbergen. Einige der anderen Vögel kicherten hörbar.

»Was ich sagen wollte«, sagte der Dodo ärgerlich, »war, dass ein Caucus-Rennen das beste Mittel wäre, um uns zu trocknen.«

»Was ist ein Caucus-Rennen?«, fragte Alice. Sie wollte es nicht unbedingt wissen. Aber der Dodo hatte eine Pause gemacht, als ob er auf eine Frage wartete. Und sonst schien niemand Lust zum Reden zu haben.

»Nun«, meinte der Dodo, »am besten erklärt man es, indem man es spielt.« (Vielleicht möchtet ihr das Spiel ja selbst einmal an einem Winternachmittag ausprobieren. Darum will ich erzählen, wie der Dodo es machte.)

Zuerst zeichnete er die Rennbahn, eine Art Kreis. (»Es kommt nicht genau auf die Form an«, sagte er.) Dann wurde die ganze Gesellschaft hier und da auf der Bahn aufgestellt. Niemand zählte »eins, zwei, drei, los!«. Sondern sie fingen an zu laufen, wann sie Lust hatten, und hörten auf, wann sie Lust hatten. Darum war es nicht leicht zu sagen, wann das Rennen zu Ende war. Sie rannten ungefähr eine halbe Stunde, und dann waren sie ganz trocken. Da rief der Dodo plötzlich: »Das Rennen ist aus!« Alle drängten sich atemlos um ihn und fragten: »Aber wer hat gewonnen?«

Diese Frage konnte der Dodo nicht ohne tiefes Nachdenken beantworten. Er saß lange da und hatte einen Finger an die Stirn gelegt. (So seht ihr meistens Shakespeare auf seinen Bildern.) Die anderen warteten schweigend. Endlich sagte der Dodo: »Jeder hat gewonnen, und alle sollen Preise haben.«

»Aber wer soll die Preise geben?«, fragte ein ganzer Chor von Stimmen.

»Natürlich sie!«, sagte der Dodo und zeigte mit dem Finger auf Alice. Sofort drängte sich die ganze Gesellschaft um sie, und alle riefen durcheinander: »Preise! Preise!«

Alice wusste überhaupt nicht, was sie tun sollte. In ihrer Verzweiflung steckte sie die Hand in die Tasche und zog eine Schachtel Zuckerplätzchen heraus. (Zum Glück war kein Salzwasser hineingekommen.) Die verteilte sie als Preise. Es waren genau genug: eins für jeden.

»Aber sie selbst muss auch einen Preis bekommen, wisst ihr«, sagte die Maus.

»Natürlich«, antwortete der Dodo ernst. Dann wandte er sich an Alice: »Was hast du noch in der Tasche?«

»Nur einen Fingerhut«, sagte Alice traurig.

»Gib ihn mir herüber«, sagte der Dodo. Dann versammelten sich wieder alle um sie, und der Dodo überreichte ihr feierlich den Fingerhut. Dabei sagte er: »Wir bitten Sie, uns gütigst mit der Annahme dieses eleganten Fingerhutes zu beehren.« Als er diese kurze Rede beendet hatte, klatschten alle Beifall.

Alice fand das alles sehr albern. Aber alle sahen so ernst aus, dass sie nicht zu lachen wagte. Und weil ihr keine passende Antwort einfiel, verbeugte sie sich einfach. Dann nahm sie den Fingerhut mit möglichst ernstem Gesicht entgegen.

Nun mussten zuerst die Zuckerplätzchen gegessen werden. Das machte ziemlich viel Lärm und Durcheinander. Die großen Vögel beklagten sich nämlich, dass sie nichts schmecken konnten. Die kleinen aber verschluckten sich, und man musste ihnen auf den Rücken klopfen. Endlich war auch das geschafft. Alle setzten sich wieder im Kreis hin und baten das Mäuslein, noch etwas zu erzählen.

»Du hast mir deine Geschichte versprochen«, sagte Alice, »und warum du K. und H. nicht leiden kannst.« Den letzten Teil sagte sie leise, damit das niedliche Tierchen nicht wieder böse wurde.

»Ach«, seufzte das Mäuslein, »euch liegt ja doch nichts an meinem Erzählen. Meine Geschichte ist euch zu langschwänzig und zu tragisch.« Dabei sah sie Alice fragend an.

»Langschwänzig! Das stimmt bestimmt!«, rief Alice und sah erst jetzt richtig verwundert auf den geringelten Schwanz der Maus. »Aber warum tragisch? Was trägst du denn?« Während sie noch darüber nachdachte, fing die langschwänzige Erzählung schon an, und zwar so:

Filax sprach zu der Maus,
die er traf in dem Haus:
»Geh' mit mir vor Gericht,
dass ich dich verklage.
Komm und wehr' dich nicht mehr;
ich muss haben ein Verhör,
denn ich habe nichts zu tun
schon zwei Tage.«
Sprach die Maus zum Köter:
»Solch Verhör, lieber Herr,
ohne Richter, ohne Zeugen
tut nicht Not.«
»Ich bin Zeuge, ich bin Richter,«
sprach er schlau und schnitt Gesichter,
»das Verhör leite ich
und verdamme dich zum Tod!«

»Du passt nicht auf!«, sagte die Maus streng zu Alice. »Woran denkst du?«

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte Alice sehr bescheiden. »Du warst bis zur fünften Biegung gekommen, glaube ich?«

»Mit nichten!«, sagte die Maus bestimmt und sehr ärgerlich.

»Nichten!«, rief Alice, die gern neue Bekanntschaften machte, und sah sich neugierig überall um. »Oh, wo sind sie, deine Nichten? Lass mich gehen und sie herholen!«

»Das werde ich schön bleiben lassen«, sagte die Maus. Sie stand auf und ging fort. »Deinen Unsinn kann ich mir nicht mehr anhören!«

»Ich habe es nicht böse gemeint!«, entschuldigte sich die arme Alice. »Aber du bist so sehr empfindlich, du!«

Das Mäuslein brummte nur als Antwort.

»Bitte, komm zurück und erzähl deine Geschichte zu Ende!«, rief Alice ihr nach. Und die anderen riefen im Chor: »Ja, bitte!« Aber das Mäuschen schüttelte unwillig den Kopf und ging schnell weiter.

»Wie schade, dass es nicht bleiben wollte!«, seufzte der Papagei, sobald es nicht mehr zu sehen war. Und eine alte Unke nutzte die Gelegenheit und sagte zu ihrer Tochter: »Ja, mein Kind! Lass dir das eine Lehre sein: Sei niemals *übler* Laune!«

»Halt den Mund, Mama!«, sagte die junge Unke etwas naseweis. »Wirklich, du würdest die Geduld einer Auster erschöpfen!«

»Ich wünschte, ich hätte unsere Dinah hier, das wünschte ich!«, sagte Alice laut, aber zu niemand Bestimmtem. »Sie würde sie bald zurückholen!«

»Und wer ist Dinah, wenn ich fragen darf?«, sagte der Papagei.

Alice antwortete eifrig, denn sie sprach sehr gern von ihrem Liebling: »Dinah ist unsere Katze. Und sie ist so geschickt beim Mäusefangen, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen! Und ach, ihr hättet sie nur einmal Vögel jagen sehen sollen! Ich sage euch, sie frisst einen kleinen Vogel, sobald sie ihn sieht.«

Diese Worte lösten große Aufregung in der Gesellschaft aus. Einige der Vögel liefen sofort davon. Eine alte Elster fing an, sich sorgfältig einzuwickeln, und sagte: »Ich muss wirklich nach Hause gehen. Die Nachtluft ist nicht gut für meinen Hals!« Und ein Kanarienvogel piepste mit zitternder Stimme zu seinen Kleinen: »Kommt weg, Kinder! Es ist höchste Zeit für euch, ins Bett zu gehen!« Mit verschiedenen Ausreden gingen sie alle fort, und Alice war bald ganz allein.

»Hätte ich nur Dinah nicht erwähnt!«, sagte sie traurig zu sich selbst. »Hier unten scheint sie niemand zu mögen, und dabei ist sie doch die beste Katze der Welt! Oh, meine liebe Dinah! Ob ich dich wohl jemals wiedersehe!« Dabei fing die arme Alice wieder an zu weinen, denn sie fühlte sich sehr einsam und mutlos. Nach einer Weile aber hörte sie wieder ein Trappeln von Schritten in der Ferne. Aufmerksam blickte sie hin. Sie hoffte halb, dass die Maus es sich anders überlegt hatte. Vielleicht kam sie zurück, um ihre Geschichte zu Ende zu erzählen.

### Glossar

- **triefend**: so nass, dass das Wasser herunterläuft.
- **beraten (berieten) / plaudern**: zusammen überlegen, was man tun soll; locker und freundlich miteinander reden.
- **mürrisch**: schlecht gelaunt und unfreundlich.
- **eine Person von Gewicht**: eine wichtige Person, auf die andere hören.
- **sich erkälten**: krank werden (Schnupfen, Husten), weil einem kalt ist.
- **die Miene**: der Ausdruck im Gesicht.
- **das Trockenste**: Wortspiel: »trocken« heißt »nicht nass«, aber auch »langweilig«. Die Maus will die anderen mit einer langweiligen Geschichte trocken machen.
- **die Usurpation**: wenn jemand die Macht nimmt, die ihm nicht gehört.
- **gähnen (gähnte) / Oooh**: den Mund weit aufmachen, weil man müde ist oder sich langweilt; »Oooh« ist das Geräusch dabei.
- **ratsam**: klug, gut; so, dass man es tun sollte.
- **Fand es**: Die Maus meint: Der Erzbischof hielt es für klug (»fand es ratsam«). Die Ente denkt an »etwas finden« und fragt, *was* er gefunden hat, z. B. einen Frosch oder einen Wurm.
- **einen Antrag stellen / sich vertagen**: in einer Versammlung etwas vorschlagen; ein Treffen auf später verschieben.
- **kichern (kicherten) / hörbar**: leise und hoch lachen; so, dass man es hören kann.
- **das Caucus-Rennen**: ein ausgedachtes Rennen ohne Regeln; alle laufen im Kreis.
- **der Fingerhut / die Zuckerplätzchen**: eine kleine Kappe aus Metall für den Finger beim Nähen; kleine Süßigkeiten aus Zucker.
- **gütigst / beehren**: alte, sehr höfliche Wörter: »bitte, seien Sie so freundlich« und »uns die Ehre machen«.
- **seufzen (seufzte)**: tief und hörbar ausatmen, weil man traurig ist.
- **langschwänzig und tragisch**: Wortspiel: Die Maus meint, ihre Geschichte ist lang und traurig. Alice denkt an den langen Schwanz der Maus und hört in »tragisch« das Wort »tragen«.
- **die fünfte Biegung**: Alice stellt sich die Geschichte wie einen Mäuseschwanz vor, der sich biegt.
- **der Köter**: ein Hund (unfreundliches Wort).
- **das Verhör**: eine strenge Befragung vor Gericht.
- **Mit nichten! / Nichten**: Wortspiel: »Mit nichten« heißt »auf keinen Fall«. Alice hört »Nichten«, also die Töchter von Bruder oder Schwester.
- **die Unke / die Elster**: eine Art Kröte; ein schwarz-weißer Vogel.
- **naseweis**: frech, vorlaut.

## Die Wohnung des Kaninchens.

Es war das weiße Kaninchen. Es kam langsam zurück und sah sich beim Gehen genau um, als ob es etwas verloren hätte. Alice hörte, wie es vor sich hin murmelte: »Die Herzogin! Die Herzogin! Oh, meine weichen Pfoten! Oh, mein Fell und mein Knebelbart! Sie wird mich hängen lassen, so sicher wie Frettchen Frettchen sind! Wo ich sie nur verloren haben kann, verstehe ich nicht!« Alice erriet sofort, dass es den Fächer und die weißen Glacéhandschuhe meinte. Gutmütig, wie sie war, fing sie an, danach zu suchen. Aber sie waren nirgends zu sehen. Seit ihrem Bad im Pfuhl schien sich alles verändert zu haben. Der große Korridor mit dem Glastisch und der kleinen Tür war ganz verschwunden.

Bald sah das Kaninchen Alice, wie sie überall suchte, und rief ihr ärgerlich zu: »Was, Marianne, was hast du hier zu suchen? Lauf sofort nach Hause und hol mir ein Paar Handschuhe und einen Fächer! Schnell, los!« Alice erschrak so sehr, dass sie sofort in die Richtung lief, in die es zeigte. Sie erklärte ihm nicht, dass es sich geirrt hatte.

»Es hält mich für sein Hausmädchen«, sagte sie zu sich selbst, während sie lief. »Wie wird es sich wundern, wenn es erfährt, wer ich bin! Aber ich bringe ihm lieber seinen Fächer und seine Handschuhe — das heißt, wenn ich sie finden kann.« Während sie das sagte, kam sie zu einem netten kleinen Haus. An der Tür war ein glänzendes Messingschild mit dem Namen »W. Kaninchen«. Sie ging hinein, ohne anzuklopfen, und lief die Treppe hinauf. Dabei hatte sie große Angst, die echte Marianne zu treffen. Sie fürchtete, dass man sie dann aus dem Haus schickte, bevor sie den Fächer und die Handschuhe gefunden hatte.

»Wie komisch ist es«, sagte Alice zu sich, »Besorgungen für ein Kaninchen zu machen! Wahrscheinlich gibt mir Dinah als Nächstes auch Aufträge!« Und sie stellte sich schon vor, wie das alles sein würde:

»Fräulein Alice! Kommen Sie sofort, es ist Zeit für Ihren Spaziergang!«

»Gleich, Kinderfrau! Aber ich muss dieses Mäuseloch hier bewachen, bis Dinah zurückkommt. Ich muss aufpassen, dass die Maus nicht herauskommt.«

»Nur würde man Dinah«, dachte Alice weiter, »bestimmt nicht im Haus bleiben lassen, wenn sie anfinge, die Leute so herumzukommandieren.«

Inzwischen war sie in ein sauberes kleines Zimmer gekommen. Am Fenster stand ein Tisch. Darauf lagen (wie sie gehofft hatte) ein Fächer und zwei oder drei Paar winzige weiße Glacéhandschuhe. Sie nahm den Fächer und ein Paar Handschuhe. Gerade wollte sie das Zimmer verlassen, da fiel ihr Blick auf ein Fläschchen neben dem Spiegel. Diesmal war kein Zettel mit den Worten »*Trink mich*« daran. Trotzdem zog sie den Korken heraus und setzte das Fläschchen an die Lippen. »Ich weiß, *etwas* Merkwürdiges passiert immer, sobald ich esse oder trinke. Darum will ich ausprobieren, was dieses Fläschchen tut. Ich hoffe, es macht mich wieder größer. Denn es ist sehr langweilig, so ein winzig kleines Ding zu sein!«

Das tat es wirklich, und sogar schneller, als sie erwartet hatte. Sie hatte das Fläschchen noch nicht halb ausgetrunken, da stieß ihr Kopf schon an die Decke. Sie musste sich schnell bücken, damit sie sich nicht den Hals brach. Sie stellte die Flasche hin und sagte zu sich: »Das ist genug — ich hoffe, ich wachse nicht weiter — ich komme so schon nicht mehr zur Tür hinaus — hätte ich nur nicht so viel getrunken!«

O weh! Für diesen Wunsch war es zu spät. Sie wuchs und wuchs und musste sich sehr bald auf den Boden knien. Im nächsten Augenblick war selbst dafür nicht mehr genug Platz. Nun legte sie sich hin, mit einem Ellbogen gegen die Tür gedrückt und dem anderen Arm unter dem Kopf. Sie wuchs immer noch weiter. Als letztes Mittel streckte sie einen Arm zum Fenster hinaus und einen Fuß in den Kamin hinauf. Dann sagte sie zu sich selbst: »Mehr kann ich jetzt nicht tun, egal, was passiert. Was *wird* nur aus mir werden?«

Zum Glück für Alice hatte das Zauberfläschchen jetzt seine volle Wirkung gehabt, und sie wuchs nicht weiter. Aber es war sehr unbequem. Und es gab überhaupt keine Hoffnung, dass sie jemals wieder aus dem Zimmer herauskam. Darum war sie natürlich sehr unglücklich.

»Zu Hause war es viel besser«, dachte die arme Alice. »Da wurde man nicht dauernd größer und kleiner. Und man musste sich nicht von Mäusen und Kaninchen herumkommandieren lassen. Ich wünschte fast, ich wäre nicht in den Kaninchenbau hineingelaufen — und doch — und doch, es ist schon komisch, diese Art Leben! Ich möchte gern wissen, *was* eigentlich mit mir passiert ist! Wenn ich früher Märchen gelesen habe, dachte ich immer, so etwas gibt es nie. Und jetzt bin ich mitten in einem drin! Man sollte ein Buch über mich schreiben! Und wenn ich groß bin, schreibe ich selbst eins — aber ich bin ja jetzt groß«, sprach sie traurig weiter. »Wenigstens *hier* habe ich keinen Platz mehr, um noch größer zu werden.«

»Aber«, dachte Alice, »werde ich dann nie älter, als ich jetzt bin? Das ist ja ein Trost — nie eine alte Frau zu werden. Aber dann — muss ich immer Aufgaben lernen! Oh, *das* möchte ich nicht gern!«

»Oh, du dumme Alice!«, schimpfte sie mit sich selbst. »Wie kannst du hier Aufgaben lernen? Sieh doch, es ist kaum genug Platz für dich, und erst recht nicht für ein Schulbuch!«

Und so redete sie weiter, erst als die eine Person, dann als die andere. So führte sie ein langes Gespräch mit sich selbst. Aber nach ein paar Minuten hörte sie draußen eine Stimme. Sie wurde still, um zu horchen.

»Marianne! Marianne!«, rief die Stimme. »Hol mir sofort meine Handschuhe!« Dann trappelten kleine Füße die Treppe herauf. Alice wusste, dass es das Kaninchen war, das sie suchte. Sie zitterte so sehr, dass das ganze Haus wackelte. Sie hatte ganz vergessen, dass sie jetzt wohl tausend Mal so groß wie das Kaninchen war. Sie hatte also gar keinen Grund, sich vor ihm zu fürchten.

Jetzt kam das Kaninchen an die Tür und wollte sie öffnen. Aber die Tür ging nach innen auf, und Alices Ellbogen drückte fest dagegen. Darum klappte es nicht. Alice hörte, wie es zu sich selbst sagte: »Dann gehe ich außen herum und steige durchs Fenster hinein.«

»Das wirst du nicht tun«, dachte Alice. Sie wartete, bis sie glaubte, das Kaninchen direkt unter dem Fenster zu hören. Dann streckte sie plötzlich ihre Hand aus und griff in die Luft. Sie fasste zwar nichts, aber sie hörte einen leisen Schrei und einen Fall. Dann klirrte zerbrochenes Glas. Daraus schloss sie, dass es wahrscheinlich in ein Gurkenbeet oder etwas Ähnliches gefallen war.

Danach kam eine ärgerliche Stimme — die des Kaninchens: »Pat! Pat! Wo bist du?« Und dann eine Stimme, die sie noch nie gehört hatte: »Wo soll ich sind? Ich bin hier! Grabe Äpfel aus, Euer Jnaden!«

»Äpfel ausgraben? So!«, sagte das Kaninchen ärgerlich. »Hier! Komm und hilf mir heraus!« (Wieder klirrten Glasscherben.)

»Nun sag mir, Pat, was ist das da oben im Fenster?«

»Wat soll's sind? 's is en Arm, Euer Jnaden!« (Er sprach es »Arrum« aus.)

»Ein Arm, du Esel! Wer hat je einen so großen Arm gesehen? Er füllt ja das ganze Fenster aus!«

»Zu dienen, des tut er, Euer Jnaden. Aber en Arm is es, und en Arm bleebt es.«

»Jedenfalls hat er da nichts zu suchen. Geh und schaff ihn weg!«

Darauf folgte eine lange Pause. Alice hörte nur ab und zu ein paar geflüsterte Worte, zum Beispiel: »Zu dienen, des scheint mer nich, Euer Jnaden, jar nich, jar nich!« und »Tu, was ich dir sage, feige Memme!« Schließlich streckte sie die Hand wieder aus und griff noch einmal in die Luft. Diesmal hörte sie ein leises Wimmern und noch mehr klirrende Glasscherben. »Wie viele Gurkenbeete da sein müssen!«, dachte Alice. »Ich bin gespannt, was sie jetzt tun! Mich zum Fenster hinausziehen? Ja, wenn sie das nur könnten! Ich möchte wirklich nicht länger hierbleiben!«

Eine Zeit lang wartete sie, ohne etwas zu hören. Endlich rollten kleine Leiterwagen heran, und viele Stimmen redeten durcheinander. Sie verstand diese Worte: »Wo ist die andere Leiter? — Ich sollte ja nur eine bringen. Wabbel hat die andere. — Wabbel, bring sie her, Junge! — Stellt sie hier an diese Ecke. — Nein, man muss sie erst zusammenbinden. — Sie reichen nicht halb hinauf. — Ach, die reichen schon, seid nicht so umständlich. — Hier, Wabbel! Fang das Seil! — Hält das Dach das auch aus? — Pass auf den losen Schiefer auf! — Oh, da fällt er! Köpfe weg!« (Es krachte laut.) »— Wessen Schuld war das? — Wabbels, glaube ich. — Wer soll in den Schornstein steigen? — Ich nicht, so viel ist sicher! Ihr aber doch, oder? — Ich nicht, ganz bestimmt nicht! — Wabbel kann hineinsteigen. — Hier, Wabbel! Der Herr sagt, du sollst in den Schornstein steigen!«

»So, Wabbel soll also durch den Schornstein hereinkommen, wirklich?«, sagte Alice zu sich selbst. »Sie scheinen alles auf Wabbel zu schieben! Ich möchte um nichts in der Welt an Wabbels Stelle sein. Der Kamin ist zwar eng, aber ein bisschen treten kann ich mit dem Fuß wohl doch!«

Sie zog ihren Fuß im Kamin so weit nach unten, wie sie konnte. Dann wartete sie, bis sie ein kleines Tier im Schornstein kratzen und klettern hörte. (Sie konnte nicht raten, was für ein Tier es war.) Als es dicht über ihr war, sagte sie zu sich: »Das ist Wabbel.« Sie gab einen kräftigen Tritt nach oben und wartete dann, was nun passieren würde.

Zuerst hörte sie einen ganzen Chor: »Da fliegt Wabbel!« Dann die Stimme des Kaninchens allein: »Fangt ihn auf, ihr da bei der Hecke!« Dann war es still. Und dann redeten wieder Stimmen durcheinander: »Haltet ihm den Kopf — etwas Branntwein — Erstick ihn doch nicht — Wie geht's, alter Kerl? Was ist dir denn passiert? Erzähl uns alles!«

Zuletzt kam eine kleine, schwache, quiekende Stimme. (»Das ist Wabbel«, dachte Alice.) »Ich weiß es ja selbst nicht — Keinen mehr, danke! Es geht mir schon viel besser — aber ich bin viel zu aufgeregt, um es euch zu erzählen — Ich weiß nur, da kommt so ein Ding hoch, wie'n Dosen-Stehauf, und hoch fliege ich wie 'ne Rakete!«

»Ja, das hast du getan, alter Kerl!«, sagten die anderen.

»Wir müssen das Haus niederbrennen!«, rief das Kaninchen. Da schrie Alice, so laut sie konnte: »Wenn ihr das tut, schicke ich Dinah auf euch los!«

Sofort war es totenstill, und Alice dachte bei sich: »*Was* sie jetzt wohl tun werden? Wenn sie Verstand hätten, würden sie das Dach abreißen.« Nach ein oder zwei Minuten fingen sie wieder an, sich zu bewegen. Alice hörte das Kaninchen sagen: »Eine Karre voll ist erst einmal genug.«

»Eine Karre voll was?«, dachte Alice. Aber sie musste nicht lange raten. Denn im nächsten Augenblick flog ein Hagel von kleinen Kieseln durchs Fenster herein, und ein paar trafen sie direkt ins Gesicht. »Damit mache ich jetzt Schluss«, sagte sie zu sich und schrie hinaus: »Das lasst ihr gefälligst bleiben!« Darauf war es wieder totenstill.

Alice bemerkte mit einigem Erstaunen, dass sich die Kiesel auf dem Boden alle in kleine Kuchen verwandelten. Das brachte sie auf eine glänzende Idee. »Wenn ich einen von diesen Kuchen esse«, dachte sie, »wird sich meine Größe sicher verändern. Und weil ich unmöglich noch größer werden kann, wird er mich wohl kleiner machen, vermute ich.«

Also schluckte sie einen der Kuchen hinunter. Zu ihrer Freude merkte sie, dass sie sofort kleiner wurde. Sobald sie klein genug war, um durch die Tür zu gehen, rannte sie aus dem Haus. Vor dem Haus fand sie eine ganze Menge kleiner Tiere und Vögel. Die arme kleine Eidechse, Wabbel, war in der Mitte. Zwei Meerschweinchen stützten ihn und gaben ihm etwas aus einer Flasche. Sobald Alice sich zeigte, stürzten sich alle auf sie. Aber sie lief, so schnell sie konnte, davon und kam sicher in ein dichtes Gebüsch.

»Das Wichtigste, was ich jetzt tun muss«, sagte Alice zu sich, während sie im Wäldchen herumlief, »ist, wieder meine richtige Größe zu bekommen. Und das Zweite ist, den Weg zu dem wunderhübschen Garten zu finden. Ja, das wird der beste Plan sein.«

Das klang natürlich wie ein ausgezeichneter Plan, sehr ordentlich und einfach ausgedacht. Die einzige Schwierigkeit war: Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie ihn ausführen sollte. Während sie so ängstlich zwischen den Bäumen umhersah, hörte sie plötzlich ein helles, scharfes Bellen direkt über ihrem Kopf. Schnell sah sie nach oben.

Ein riesig großer junger Hund sah mit runden, vorstehenden Augen auf sie herunter. Er versuchte schwach, eine Pfote auszustrecken und sie zu berühren. »Armes kleines Ding!«, sagte Alice mit zärtlicher Stimme, und sie gab sich alle Mühe, ihm zu pfeifen. Dabei hatte sie aber große Angst, dass er vielleicht hungrig war. Denn dann würde er sie wahrscheinlich auffressen, egal wie lieb sie zu ihm war.

Ohne recht zu wissen, was sie tat, hob sie ein kleines Stöckchen auf und hielt es ihm hin. Da sprang das ungeschickte Tierchen mit allen vier Füßen zugleich in die Luft und bellte laut vor Freude. Es rannte auf das Stöckchen los und tat so, als wollte es das Stöckchen zerreißen. Da versteckte sich Alice hinter einer großen Distel, damit er sie nicht zertrat. Sobald sie auf der anderen Seite wieder hervorkam, rannte der junge Hund wieder auf das Stöckchen los. Dabei überschlug er sich vor lauter Eile, es zu fangen. Alice kam es vor, als ob man mit einem Fuhrmannspferd Zeck spielt. Jeden Augenblick fürchtete sie, unter seine Füße zu kommen, und so lief sie wieder hinter die Distel. Da machte der junge Hund eine Reihe kurzer Angriffe auf das Stöckchen. Jedes Mal rannte er ein kleines Stück vorwärts und ein großes Stück zurück und bellte dabei heiser. Endlich setzte er sich ganz außer Atem hin. Die Zunge hing ihm aus dem Maul, und seine Augen waren halb geschlossen.

Das schien Alice eine gute Gelegenheit zu sein, um wegzukommen. Sie lief also sofort los und rannte, bis sie ganz müde war und keine Luft mehr hatte. Sie rannte, bis das Bellen nur noch ganz leise in der Ferne zu hören war.

»Und doch war es ein lieber kleiner Hund!«, sagte Alice. Sie lehnte sich an eine Butterblume, um sich auszuruhen, und fächelte sich mit einem der Blätter Luft zu. »Ich hätte ihm gern Kunststücke beigebracht, wenn — wenn ich nur groß genug dafür gewesen wäre! O ja! Das hätte ich fast vergessen: Ich muss ja dafür sorgen, dass ich wieder wachse! Mal sehen — wie macht man das nur? Ich glaube, ich sollte irgendetwas essen oder trinken. Aber die Frage ist: was?«

Das war wirklich die Frage. Alice sah sich alle Blumen und Grashalme um sich herum an. Aber nichts davon sah aus wie das Richtige, das sie in dieser Lage essen oder trinken sollte. In der Nähe wuchs ein großer Pilz, ungefähr so hoch wie sie. Sie sah ihn sich von unten an, von beiden Seiten, von hinten und von vorn. Dann kam sie auf die Idee, auch nachzusehen, was oben darauf war. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und guckte über den Rand des Pilzes. Sofort traf ihr Blick den Blick einer großen blauen Raupe. Die Raupe saß mit verschränkten Armen da und rauchte ruhig aus einer großen Huhka. Sie nahm nicht die geringste Notiz von Alice oder von irgendetwas anderem.

### Glossar

- **der Knebelbart / das Frettchen**: ein Schnurrbart; ein kleines Tier, mit dem man früher Kaninchen jagte. Darum hat das Kaninchen Angst vor Frettchen.
- **das Messingschild**: ein Namensschild aus gelbem Metall an der Tür.
- **die Kinderfrau**: eine Frau, die in einer Familie auf die Kinder aufpasst.
- **Euer Jnaden**: Pat spricht Dialekt: »Euer Gnaden«, eine alte, höfliche Anrede für einen Herrn.
- **Äpfel ausgraben**: Unsinn: Äpfel wachsen an Bäumen, man gräbt sie nicht aus der Erde. Darum wundert sich das Kaninchen.
- **das Gurkenbeet**: hier: ein Beet mit Glasfenstern darüber, in dem Gurken wachsen. Darum hört man Glas klirren.
- **feige Memme**: Feigling, jemand ohne Mut.
- **der Schiefer**: dünne, graue Steinplatten auf dem Dach.
- **der Branntwein**: starker Alkohol, Schnaps.
- **der Dosen-Stehauf**: ein Spielzeug: eine Figur, die aus einer Dose springt, wenn man sie öffnet.
- **Zeck spielen / das Fuhrmannspferd**: Fangen spielen; ein großes, schweres Pferd, das einen Wagen zieht.
- **die Huhka**: eine Wasserpfeife zum Rauchen.

## Guter Rat von einer Raupe.

Die Raupe und Alice sahen sich eine Zeit lang schweigend an. Endlich nahm die Raupe die Huhka aus dem Mund. Dann sprach sie Alice mit einer müden, langsamen Stimme an.

»Wer bist du?«, fragte die Raupe.

Das war kein sehr ermutigender Anfang für ein Gespräch. Alice antwortete etwas schüchtern: »Ich — ich weiß es im Augenblick nicht genau. Ich weiß wohl, wer ich heute früh war, als ich aufgestanden bin. Aber ich glaube, ich bin seitdem ein paar Mal vertauscht worden.«

»Was meinst du damit?«, sagte die Raupe streng. »Erkläre dich deutlicher!«

»Ich fürchte, ich kann mich nicht deutlicher erklären, Raupe«, sagte Alice, »weil ich nicht ich bin, sehen Sie wohl?«

»Ich sehe nicht wohl«, sagte die Raupe.

»Ich kann es wirklich nicht besser sagen«, antwortete Alice sehr höflich, »denn ich verstehe es selbst nicht. Und wenn man an einem Tag so oft klein und groß wird, wird man ganz verwirrt.«

»Nein, das wird man nicht«, sagte die Raupe.

»Vielleicht haben Sie es noch nicht ausprobiert«, sagte Alice. »Aber eines Tages verwandeln Sie sich in eine Puppe. Das müssen Sie früher oder später, wie Sie wissen. Und wenn Sie danach ein Schmetterling werden, wird sich das doch komisch anfühlen, nicht wahr?«

»Überhaupt nicht«, sagte die Raupe.

»Wahrscheinlich fühlen Sie das anders«, sagte Alice. »Ich weiß nur, dass es sich für mich sehr komisch anfühlen würde.«

»Für dich!«, sagte die Raupe verächtlich. »Wer bist *du* denn?«

Damit waren sie wieder am Anfang des Gesprächs. Alice ärgerte sich ein wenig, weil die Raupe so kurze, unfreundliche Antworten gab. Sie hob den Kopf und sagte sehr ernst: »Ich meine, Sie sollten mir zuerst sagen, wer *Sie* sind.«

»Warum?«, fragte die Raupe.

Das war wieder eine schwierige Frage. Weil Alice kein guter Grund einfiel und die Raupe *sehr* schlechte Laune zu haben schien, ging sie weg.

»Komm zurück!«, rief die Raupe ihr nach. »Ich muss dir etwas Wichtiges sagen!«

Das klang vielversprechend. Alice drehte sich um und kam wieder zu ihr zurück.

»Sei nicht empfindlich«, sagte die Raupe.

»Ist das alles?«, fragte Alice. Sie versteckte ihren Ärger, so gut sie konnte.

»Nein«, sagte die Raupe.

Alice dachte, sie könnte ja warten, weil sie sonst nichts zu tun hatte. Vielleicht würde die Raupe ihr doch noch etwas sagen, das sich zu hören lohnte. Ein paar Minuten lang rauchte die Raupe weiter, ohne etwas zu sagen. Aber schließlich nahm sie die Huhka wieder aus dem Mund und sprach: »Du glaubst also, du bist verwandelt?«

»Ich fürchte es fast, Raupe«, sagte Alice. »Ich kann mir die Sachen nicht mehr merken wie sonst. Und alle zehn Minuten werde ich größer oder kleiner!«

»*Welche* Sachen kannst du dir nicht merken?«, fragte die Raupe.

»Ach, ich habe versucht, ›Bei einem Wirte‹ und so weiter aufzusagen. Aber es kam ganz anders heraus!«, antwortete Alice traurig.

»Sag her: ›Ihr seid alt, Vater Martin‹«, sagte die Raupe.

Alice faltete die Hände und fing an:

»Ihr seid alt, Vater Martin,« so sprach Junker Tropf,
»Euer Haar ist schon lange ganz weiß;
Doch steht ihr so gerne noch auf dem Kopf.
Macht Euch denn das nicht zu heiß?«

»Als ich jung war,« der Vater zur Antwort gab,
»Da glaubt' ich, fürs Hirn sei's nicht gut;
Doch seit ich entdeckt, dass ich gar keines hab'
So tu' ich's mit fröhlichem Mut.«

»Ihr seid alt,« sprach der Sohn, »wie vorhin schon gesagt,
Und geworden ein gar dicker Mann;
Drum sprecht, wie ihr rücklings den Purzelbaum schlagt.
Potz tausend! wie fangt ihr's nur an?«

»Als ich jung war,« der Alte mit Kopfschütteln sagt',
»Da rieb ich die Glieder mir ein
Mit der Salbe hier, die sie geschmeidig macht.
Für zwei Groschen Courant ist sie dein.«

»Ihr seid alt,« sprach der Bub', »und könnt nicht recht kau'n,
Und solltet euch nehmen in Acht;
Doch aßt ihr die Gans mit Schnabel und Klau'n;
Wie habt ihr das nur gemacht?«

»Ich war früher Jurist und hab' viel disputiert,
Besonders mit meiner Frau;
Das hat so mir die Kinnbacken einexerziert,
Dass ich jetzt noch mit Leichtigkeit kau!«

»Ihr seid alt,« sagte der Sohn, »und habt nicht viel Witz,
Und doch seid ihr so geschickt;
Balanciert einen Aal auf der Nasenspitz'!
Wie ist euch das nur geglückt?«

»Drei Antworten hast du, und damit genug,
Nun lass mich kein Wort mehr hören;
Du Guck in die Welt tust so überklug,
Ich werde dich Mores lehren!«

»Das ist nicht richtig«, sagte die Raupe.

»Nicht ganz richtig, glaube ich«, sagte Alice schüchtern. »Manche Wörter sind anders herausgekommen.«

»Es ist vom Anfang bis zum Ende falsch«, sagte die Raupe bestimmt. Danach sagte einige Minuten lang niemand etwas.

Die Raupe sprach als Erste wieder.

»Wie groß möchtest du gern sein?«, fragte sie.

»Oh, darauf kommt es nicht so genau an«, antwortete Alice schnell. »Nur das viele Wechseln ist nicht angenehm, nicht wahr?«

»Nein, es ist nicht wahr!«, sagte die Raupe.

Alice antwortete nichts. Noch nie in ihrem Leben hatte ihr jemand so oft widersprochen. Sie fühlte, dass sie wieder anfing, empfindlich zu werden.

»Bist du jetzt zufrieden?«, fragte die Raupe.

»Ich wäre gern etwas größer, Frau Raupe, wenn ich bitten darf«, sagte Alice. »Drei und einen halben Zoll ist einfach zu winzig.«

»Ich finde, es ist eine sehr angenehme Größe«, sagte die Raupe zornig. Dabei richtete sie sich hoch auf. (Sie war genau drei Zoll hoch.)

»Aber ich bin es nicht gewohnt!«, verteidigte sich die arme Alice mit weinerlicher Stimme. Bei sich dachte sie: »Ich wünschte, alle diese Geschöpfe nähmen nicht alles gleich übel.«

»Du wirst dich mit der Zeit daran gewöhnen«, sagte die Raupe. Sie steckte ihre Huhka in den Mund und fing wieder an zu rauchen.

Diesmal wartete Alice geduldig, bis die Raupe wieder reden wollte. Nach zwei oder drei Minuten nahm die Raupe die Huhka aus dem Mund. Sie gähnte ein- oder zweimal und schüttelte sich. Dann kam sie von dem Pilz herunter und kroch ins Gras. Beim Weggehen sagte sie nur: »Die eine Seite macht dich größer, die andere Seite macht dich kleiner.«

»Eine Seite wovon? Die andere Seite wovon?«, dachte Alice.

»Von dem Pilz«, sagte die Raupe, gerade so, als hätte Alice laut gefragt. Im nächsten Augenblick war sie nicht mehr zu sehen.

Alice blieb eine Weile vor dem Pilz stehen und dachte nach. Sie wollte herausfinden, wo seine beiden Seiten waren. Weil er ganz rund war, fand sie diese Frage schwer zu beantworten. Zuletzt aber legte sie beide Arme um den Pilz, so weit sie reichten. Dann brach sie mit jeder Hand ein Stück vom Rand ab.

»Nun aber, welches ist das rechte?«, sagte sie zu sich. Sie biss ein wenig von dem Stück in ihrer rechten Hand ab, um die Wirkung auszuprobieren. Im nächsten Augenblick fühlte sie einen heftigen Schmerz am Kinn: Es war gegen ihren Fuß gestoßen!

Über diese plötzliche Verwandlung erschrak sie sehr. Aber sie hatte keine Zeit zu verlieren, denn sie wurde sehr schnell kleiner. Also machte sie sich sofort daran, etwas von dem anderen Stück zu essen. Ihr Kinn war so fest an ihren Fuß gedrückt, dass sie kaum Platz hatte, den Mund aufzumachen. Aber endlich gelang es ihr, ein wenig von dem Stück in ihrer linken Hand hinunterzuschlucken.

»Ah! Endlich ist mein Kopf frei!«, rief Alice voller Freude. Aber im nächsten Augenblick wurde aus der Freude Angst, denn ihre Schultern waren nirgends zu finden. Als sie hinuntersah, konnte sie nur einen riesig langen Hals sehen. Er stieg wie eine Stange aus einem Meer von grünen Blättern auf, das unter ihr lag.

»Was mag das ganze grüne Zeug sein?«, sagte Alice. »Und wo sind nur meine Schultern hingekommen? Und ach, meine armen Hände, wie kommt es, dass ich euch nicht sehen kann?« Bei diesen Worten bewegte sie die Hände. Aber es geschah nichts, nur die grünen Blätter in der Ferne bewegten sich ein wenig.

Weil es ihr nicht gelang, die Hände zum Kopf zu heben, versuchte sie, den Kopf zu ihnen hinunterzubeugen. Zu ihrer Freude merkte sie, dass sie ihren Hals in alle Richtungen biegen und drehen konnte, wie eine Schlange. Sie hatte ihn gerade in ein hübsches Zickzack gebogen. Nun wollte sie in das Blättermeer hinuntertauchen. Sie sah jetzt, dass es die Spitzen der Bäume waren, unter denen sie eben noch herumgelaufen war. Da ließ ein lautes Rauschen sie plötzlich zurückfahren. Eine große Taube war ihr ins Gesicht geflogen und schlug sie heftig mit den Flügeln.

»Schlange!«, kreischte die Taube.

»Ich bin *keine* Schlange!«, sagte Alice empört. »Lass mich in Ruhe!«

»Schlange, sage ich!«, wiederholte die Taube, aber jetzt mit leiserer Stimme. Dann sagte sie schluchzend: »Alles habe ich versucht, und nichts gefällt ihnen!«

»Ich weiß gar nicht, wovon du redest«, sagte Alice.

»Baumwurzeln habe ich versucht, Flussufer habe ich versucht, Hecken habe ich versucht«, sprach die Taube weiter. Sie achtete gar nicht auf Alice. »Aber diese Schlangen! Nichts ist ihnen recht!«

Alice verstand immer weniger. Aber sie dachte, es hatte keinen Sinn, etwas zu sagen, bevor die Taube fertig war.

»Als ob es nicht schon Arbeit genug wäre, die Eier auszubrüten!«, sagte die Taube. »Dazu muss ich noch Tag und Nacht auf die Schlangen aufpassen! Die letzten drei Wochen habe ich kein Auge zugetan!«

»Es tut mir sehr leid, dass du so viel Ärger gehabt hast«, sagte Alice. Sie fing an zu verstehen, was die Taube meinte.

»Und gerade als ich mir den höchsten Baum im Wald ausgesucht hatte«, fuhr die Taube mit lauterer Stimme fort, »und gerade als ich dachte, ich wäre sie endlich los, müssen sie sich sogar vom Himmel herunterwinden! Pfui! Schlange!«

»Aber ich bin *keine* Schlange, sage ich dir!«, rief Alice. »Ich bin ein — ich bin ein —«

»Nun, was bist du denn?«, fragte die Taube. »Ich merke schon, dass du dir etwas ausdenken willst!«

»Ich — ich bin ein kleines Mädchen«, sagte Alice etwas unsicher. Denn sie dachte an die vielen Verwandlungen, die sie an diesem Tag schon erlebt hatte.

»Eine schöne Ausrede, wirklich!«, sagte die Taube voller Verachtung. »Ich habe in meinem Leben genug kleine Mädchen gesehen, aber nie eins mit so einem Hals! Nein, nein! Du bist eine Schlange! Das kannst du nicht leugnen. Am Ende behauptest du noch, dass du nie ein Ei gegessen hast.«

»Natürlich *habe* ich Eier gegessen«, sagte Alice, denn sie war ein Kind, das immer die Wahrheit sagte. »Aber kleine Mädchen essen genauso Eier wie Schlangen.«

»Das glaube ich nicht«, sagte die Taube. »Aber wenn sie es tun, dann sind sie eben eine Art Schlangen, so viel weiß ich.«

Das war für Alice ein so neuer Gedanke, dass sie ein paar Minuten ganz still war. Die Taube nutzte die Gelegenheit und sprach weiter: »Du suchst Eier, das weiß ich nur zu gut. Und was kümmert es mich, ob du ein kleines Mädchen oder eine Schlange bist?«

»Aber *mich* kümmert es sehr«, sagte Alice schnell. »Außerdem suche ich zufällig keine Eier. Und wenn ich welche suchen würde, könnte ich deine nicht gebrauchen. Ich esse sie nämlich nicht gern roh.«

»Dann mach, dass du fortkommst!«, sagte die Taube mürrisch und setzte sich wieder in ihrem Nest zurecht. Alice duckte sich unter die Bäume, so gut sie konnte. Denn ihr Hals verfing sich immer wieder in den Zweigen. Mehrmals musste sie anhalten und ihn losmachen. Nach einer Weile fiel ihr wieder ein, dass sie noch die Pilzstückchen in den Händen hielt. Vorsichtig machte sie sich an die Arbeit. Sie knabberte mal an dem einen, mal an dem anderen Stück. So wurde sie abwechselnd größer und kleiner. Zuletzt gelang es ihr, wieder ihre gewöhnliche Größe zu bekommen.

Sie hatte so lange nicht einmal ungefähr ihre richtige Größe gehabt, dass es sich zuerst ganz komisch anfühlte. Aber nach ein paar Minuten hatte sie sich daran gewöhnt. Sie sprach wie gewöhnlich mit sich selbst: »Schön, jetzt ist mein Plan zur Hälfte ausgeführt! Wie verwirrt man von dem vielen Wechseln wird! Ich weiß nie, wie ich im nächsten Augenblick sein werde! Doch jetzt habe ich meine richtige Größe. Nun kommt es darauf an, in den schönen Garten zu gelangen. Aber wie *kann* ich das anstellen? Das möchte ich wissen!«

Während sie das sagte, kam sie auf eine Lichtung. In der Mitte stand ein Häuschen, ungefähr vier Fuß hoch. »Egal, wer darin wohnt: So groß, wie ich jetzt bin, kann ich nicht hineingehen. Sie würden vor Angst nicht wissen, wohin!« Also knabberte sie wieder an dem Stückchen in der rechten Hand. Erst als sie nur noch neun Zoll groß war, wagte sie sich an das Häuschen heran.

### Glossar

- **die Huhka**: eine Wasserpfeife zum Rauchen.
- **sehen Sie wohl? / Ich sehe nicht wohl**: Alice meint: »Verstehen Sie?« Die Raupe nimmt das Wort »sehen« wörtlich und antwortet: Ich sehe es nicht.
- **die Puppe**: hier: bei Insekten die Zeit zwischen Raupe und Schmetterling; das Tier liegt still in einer festen Hülle.
- **Junker Tropf**: Junker = (alt) junger Herr; Tropf = Dummkopf.
- **Potz tausend!**: alter Ausruf, wenn man sehr staunt.
- **für zwei Groschen Courant**: für wenig Geld; Groschen Courant ist altes deutsches Geld.
- **disputieren, einexerzieren**: viel streiten und diskutieren; durch lange Übung trainieren.
- **die Kinnbacken**: die Knochen im Gesicht, mit denen man kaut.
- **Du Guck in die Welt**: du junger Mensch, der die Welt noch nicht kennt.
- **jemanden Mores lehren**: (alt) jemandem streng zeigen, wie man sich benimmt.
- **welches ist das rechte?**: Wortspiel: »das rechte« heißt hier »das richtige«, aber Alice beißt dann in das Stück in der rechten Hand.
- **übel nehmen**: sich über etwas ärgern, weil man es als Beleidigung versteht.
- **ausbrüten**: auf Eiern sitzen, bis die Jungen kommen.
- **kein Auge zutun**: gar nicht schlafen.
- **Zoll, Fuß**: alte Längenmaße (Zoll ≈ 2,5 cm; Fuß ≈ 30 cm).

## Ferkel und Pfeffer.

Noch ein oder zwei Augenblicke stand Alice da und sah das Häuschen an. Sie wusste nicht recht, was sie nun tun sollte. Da kam plötzlich ein Lakai in Livree aus dem Wald gelaufen. (Sie hielt ihn für einen Lakaien, weil er eine Livree trug. Wenn sie nur nach seinem Gesicht gegangen wäre, hätte sie ihn für einen Fisch gehalten.) Er klopfte mit den Knöcheln laut an die Tür. Ein anderer Lakai in Livree machte auf. Er hatte ein rundes Gesicht und große Augen wie ein Frosch. Alice bemerkte, dass beide Lakaien gepuderte Lockenperücken trugen, die den ganzen Kopf bedeckten. Sie war sehr neugierig, was nun geschehen würde. Deshalb schlich sie etwas näher heran, um zuzuhören.

Zuerst zog der Fisch-Lakai einen riesigen Brief unter dem Arm hervor. Der Brief war beinahe so groß wie er selbst. Er überreichte ihn dem anderen und sagte feierlich: »Für die Herzogin. Eine Einladung von der Königin, Croquet zu spielen.« Der Frosch-Lakai antwortete im gleichen feierlichen Ton. Er stellte nur die Wörter ein wenig um: »Von der Königin. Eine Einladung für die Herzogin, Croquet zu spielen.«

Dann verbeugten sich beide tief, und ihre Locken verwickelten sich ineinander.

Darüber lachte Alice so laut, dass sie in die Büsche zurücklaufen musste. Sie hatte nämlich Angst, die beiden könnten sie hören. Als sie wieder herausguckte, war der Fisch-Lakai fort. Der andere saß neben der Tür auf dem Boden und sah dumm in den Himmel hinauf.

Alice ging ängstlich zur Tür und klopfte.

»Es hat überhaupt keinen Sinn zu klopfen«, sagte der Lakai, »und das aus zwei Gründen. Erstens, weil ich auf derselben Seite der Tür bin wie du. Zweitens, weil sie drinnen so einen Lärm machen, dass man dich unmöglich hören kann.« Und wirklich war drinnen ein ganz merkwürdiger Lärm. Man hörte ein ständiges Heulen und Niesen. Und ab und zu krachte es laut, als ob eine Schüssel oder ein Kessel zerbrochen wäre.

»Bitte«, sagte Alice, »wie soll ich denn hineinkommen?«

Der Lakai hörte gar nicht auf sie. »Es hätte einen Sinn, anzuklopfen«, fuhr er fort, »wenn die Tür zwischen uns wäre. Zum Beispiel: Wenn du drinnen wärst, könntest du klopfen, und ich könnte dich herauslassen, nicht wahr?« Während er sprach, sah er die ganze Zeit in den Himmel hinauf. Das fand Alice wirklich sehr unhöflich. »Aber vielleicht kann er nichts dafür«, sagte sie zu sich. »Seine Augen sitzen so hoch oben auf der Stirn. Aber antworten könnte er mir jedenfalls. — Wie soll ich denn hineinkommen?«, wiederholte sie laut.

»Ich werde hier sitzen«, sagte der Lakai, »bis morgen —«

In diesem Augenblick ging die Tür auf, und ein großer Teller kam herausgeflogen. Er flog genau auf den Kopf des Lakaien zu. Aber er streifte nur seine Nase und zerbrach an einem der Bäume hinter ihm.

»— oder übermorgen, vielleicht«, sprach der Lakai im gleichen Ton weiter, als ob nichts passiert wäre.

»Wie soll ich denn hineinkommen?«, fragte Alice wieder, lauter als vorher.

»Sollst du überhaupt hineinkommen?«, sagte der Lakai. »Das ist die erste Frage, nicht wahr?«

Das stimmte natürlich. Nur ließ Alice sich das nicht gern sagen. »Es ist wirklich schrecklich«, murmelte sie vor sich hin, »wie naseweis alle diese Geschöpfe sind. Man könnte davon ganz verdreht werden!«

Der Lakai hielt das wohl für eine gute Gelegenheit, seine Bemerkung zu wiederholen, und zwar ein wenig verändert. »Ich werde hier sitzen«, sagte er, »ab und an, Tage und Tage lang.«

»Was soll *ich* aber tun?«, fragte Alice.

»Was dir gefällt«, sagte der Lakai und fing an zu pfeifen.

»Es hat keinen Sinn, mit ihm zu reden«, sagte Alice verzweifelt. »Er ist völlig blödsinnig!« Sie machte die Tür auf und ging hinein.

Die Tür führte direkt in eine große Küche. Sie war von einem Ende bis zum anderen voller Rauch. In der Mitte saß die Herzogin auf einem dreibeinigen Hocker und hatte ein Wickelkind auf dem Schoß. Die Köchin stand über das Feuer gebeugt. Sie rührte in einer großen Kasserolle, die voll Suppe zu sein schien.

»In der Suppe ist bestimmt zu viel Pfeffer!«, sagte Alice zu sich, so gut sie es konnte, denn sie musste dauernd niesen.

Jedenfalls war zu viel Pfeffer in der Luft. Sogar die Herzogin nieste hin und wieder. Und das Wickelkind nieste und schrie abwechselnd, ohne die kleinste Pause. Nur zwei Wesen in der Küche niesten nicht: die Köchin und eine große Katze. Die Katze saß vor dem Herd und grinste so breit, dass ihre Mundwinkel bis an die Ohren reichten.

»Würden Sie mir bitte freundlich sagen«, fragte Alice etwas ängstlich, »warum Ihre Katze so grinst?« Sie wusste nämlich nicht genau, ob es höflich war, wenn sie zuerst sprach.

»Es ist eine Grinse-Katze«, sagte die Herzogin, »darum! Ferkel!«

Das letzte Wort sagte sie so heftig, dass Alice zusammenzuckte. Aber im nächsten Augenblick sah sie, dass es dem Wickelkind galt und nicht ihr. Also fasste sie Mut und sprach weiter:

»Ich wusste nicht, dass Katzen manchmal grinsen. Ich wusste nicht einmal, dass Katzen überhaupt grinsen *können*.«

»Sie können es alle«, sagte die Herzogin, »und die meisten tun es.«

»Ich kenne keine, die es tut«, sagte Alice sehr höflich, denn sie war ganz froh, dass sie ein Gespräch angefangen hatte.

»Du kennst noch nicht viel«, sagte die Herzogin, »und das ist die Wahrheit.«

Diese Bemerkung gefiel Alice gar nicht. Sie überlegte, über welches andere Thema sie sprechen könnte. Während sie noch nach etwas Passendem suchte, nahm die Köchin die Kasserolle mit der Suppe vom Feuer. Sofort fing sie an, alles nach der Herzogin und dem Kind zu werfen, was sie erreichen konnte. Zuerst kam die Feuerzange. Dann folgte ein Hagel von Pfannen, Tellern und Schüsseln. Die Herzogin achtete gar nicht darauf, auch wenn die Sachen sie trafen. Und das Kind heulte schon so laut, dass man unmöglich sagen konnte, ob die Stöße ihm wehtaten oder nicht.

»Oh, bitte, passen Sie auf, was Sie tun!«, rief Alice. Sie sprang voller Angst hin und her. »Oh, seine liebe kleine Nase!«, rief sie, als eine besonders große Pfanne dicht daran vorbeiflog und sie beinahe abriss.

»Wenn jeder nur vor seiner Tür fegen würde«, brummte die Herzogin mit heiserer Stimme. »Dann würde die Welt sich viel schneller drehen als jetzt.«

»Das wäre aber kein Vorteil«, sagte Alice. Sie freute sich über die Gelegenheit, zu zeigen, was sie wusste. »Denken Sie nur, was für eine Unordnung das bei Tag und Nacht geben würde! Die Erde braucht doch jetzt vierundzwanzig Stunden, um sich um ihre Achse zu drehen —«

»Was, du redest von Axt?«, sagte die Herzogin. »Hau ihr den Kopf ab!«

Alice sah sich sehr erschrocken nach der Köchin um. Würde sie den Wink verstehen? Aber die Köchin rührte ohne Pause in der Suppe und schien nicht zuzuhören. Deshalb sprach Alice weiter: »Vierundzwanzig Stunden, glaube ich. Oder sind es zwölf? Ich —«

»Ach, lass mich in Frieden«, sagte die Herzogin. »Ich habe Zahlen noch nie leiden können!« Damit fing sie an, sich um ihr Kind zu kümmern. Dazu sang sie eine Art Wiegenlied. Am Ende jeder Zeile gab sie dem Kind einen kräftigen Stoß:

»Schilt deinen kleinen Jungen aus,
Und schlag' ihn, wenn er niest;
Er macht es gar so bunt und kraus,
Nur weil es uns verdrießt.«

*Chor*

(Dabei sangen die Köchin und das Wickelkind mit.)

»Wau! wau! wau!«

Während die Herzogin die zweite Strophe des Liedes sang, schaukelte sie das Kind so heftig auf und ab. Das arme kleine Ding schrie so laut, dass Alice die Worte kaum verstehen konnte:

»Ich schelte meinen kleinen Wicht,
Und schlag' ihn, wenn er niest;
Ich weiß, wie gern er Pfeffer riecht,
Wenn's ihm gefällig ist.«

*Chor.*

»Wau! wau! wau!«

»Hier! Du kannst ein Weilchen auf ihn aufpassen, wenn du willst!«, sagte die Herzogin zu Alice. Dabei warf sie ihr das Kind zu. »Ich muss mich fertig machen, um mit der Königin Croquet zu spielen.« Damit rannte sie aus dem Zimmer. Die Köchin warf ihr eine Bratpfanne nach, aber sie verfehlte sie knapp.

Alice konnte das Kind nur mit Mühe auffangen. Es war nämlich ein kleines, seltsam geformtes Wesen. Es streckte seine Arme und Beinchen nach allen Seiten aus, »gerade wie ein Seestern«, dachte Alice. Als sie es auffing, stöhnte das arme kleine Ding wie eine Lokomotive. Es krümmte sich und streckte sich wieder, sodass sie es in den ersten Minuten kaum halten konnte.

Bald aber fand sie heraus, wie man es richtig tragen musste. (Man musste es zu einer Art Knoten drehen. Dann musste man es fest am rechten Ohr und am linken Fuß halten. So konnte es sich nicht wieder aufwickeln.) Da trug sie es nach draußen ins Freie. »Wenn ich dieses Kind nicht mitnehme«, dachte Alice, »dann haben sie es in ein paar Tagen umgebracht. Wäre es nicht Mord, es hierzulassen?« Die letzten Worte sagte sie laut, und das kleine Geschöpf grunzte als Antwort. (Es hatte inzwischen aufgehört zu niesen.) »Grunz nicht«, sagte Alice. »Es gehört sich gar nicht für dich, dich so auszudrücken.«

Der Junge grunzte wieder. Alice sah ihm ganz ängstlich ins Gesicht, um herauszufinden, was ihm fehlte. Er hatte ohne Zweifel eine *sehr* weit vorstehende Nase, eher eine Schnauze als eine richtige Nase. Auch seine Augen wurden furchtbar klein für einen kleinen Jungen. Alles in allem gefiel Alice das Aussehen des Kindes gar nicht. »Aber vielleicht hat es nur geweint«, dachte sie. Sie sah ihm wieder in die Augen, ob dort Tränen waren.

Nein, es waren keine Tränen da. »Hör mal«, sagte Alice sehr ernst. »Wenn du ein kleines Ferkel wirst, dann will ich nichts mehr mit dir zu tun haben, merk dir das!« Das arme kleine Ding schluchzte (oder grunzte, das konnte man unmöglich unterscheiden). Dann gingen sie eine Weile schweigend weiter.

Alice fing gerade an, sich etwas zu überlegen. »Nun, was soll ich mit diesem Geschöpf anfangen, wenn ich es mit nach Hause bringe?« Da grunzte es wieder, und zwar so laut, dass Alice erschrocken zu ihm hinsah. Diesmal konnte sie sich nicht mehr irren: Es war nicht mehr und nicht weniger als ein Ferkel. Sie sah ein, dass es sehr lächerlich wäre, es noch weiter zu tragen.

Also setzte sie das kleine Ding auf den Boden. Sie war ganz froh, als es ruhig in den Wald trabte. »In ein paar Jahren wäre das ein furchtbar hässliches Kind geworden. Aber als Ferkel sieht es ganz nett aus, finde ich.« Dann dachte sie an alle Kinder, die sie kannte und die gute kleine Ferkel abgeben würden. Gerade sagte sie zu sich: »Wenn man nur die richtigen Mittel wüsste, um sie zu verwandeln —« Da erschrak sie. Die Grinse-Katze saß nämlich ein paar Fuß von ihr entfernt auf einem Ast.

Die Katze grinste nur, als sie Alice sah. »Sie sieht gutmütig aus«, dachte Alice. Aber die Katze hatte doch *sehr* lange Krallen und eine Menge Zähne. Alice fühlte, dass sie sie mit Respekt behandeln musste.

»Grinse-Mies«, fing sie etwas ängstlich an, denn sie wusste nicht, ob der Katze dieser Name gefallen würde. Aber die Katze grinste noch etwas breiter. »Schön, so weit gefällt es ihr«, dachte Alice. Dann sprach sie weiter: »Willst du mir wohl sagen, wenn ich bitten darf, welchen Weg ich hier nehmen muss?«

»Das hängt zum großen Teil davon ab, wohin du gehen willst«, sagte die Katze.

»Es kommt mir nicht darauf an, wohin —«, sagte Alice.

»Dann kommt es auch nicht darauf an, welchen Weg du nimmst«, sagte die Katze.

»— wenn ich nur *irgendwo* hinkomme«, fügte Alice als Erklärung hinzu.

»Oh, das wirst du ganz bestimmt«, sagte die Katze, »wenn du nur lange genug gehst.«

Alice sah, dass sie nichts dagegen sagen konnte. Deshalb versuchte sie es mit einer anderen Frage: »Was für Leute wohnen hier in der Nähe?«

»In *der* Richtung«, sagte die Katze und schwenkte die rechte Pfote, »wohnt ein Hutmacher. Und in jener Richtung«, sie schwenkte die andere Pfote, »wohnt ein Faselhase. Besuch, wen du willst: Sie sind beide toll.«

»Aber ich mag nicht zu tollen Leuten gehen«, sagte Alice.

»Oh, das kannst du nicht ändern«, sagte die Katze. »Wir sind alle toll hier. Ich bin toll. Du bist toll.«

»Woher weißt du, dass ich toll bin?«, fragte Alice.

»Du musst es sein«, sagte die Katze, »sonst wärst du nicht hergekommen.«

Alice fand überhaupt nicht, dass das ein Beweis war. Trotzdem fragte sie weiter: »Und woher weißt du, dass du toll bist?«

»Zuallererst«, sagte die Katze, »ein Hund ist nicht toll. Das gibst du zu?«

»Zugegeben!«, sagte Alice.

»Nun gut«, fuhr die Katze fort. »Ein Hund knurrt, wenn er böse ist, und wedelt mit dem Schwanz, wenn er sich freut, nicht wahr? Ich dagegen knurre, wenn ich mich freue, und wedle mit dem Schwanz, wenn ich mich ärgere. Deshalb bin ich toll.«

»Ich nenne es spinnen, nicht knurren«, sagte Alice.

»Nenn es, wie du willst«, sagte die Katze. »Spielst du heute Croquet mit der Königin?«

»Ich würde sehr gern spielen«, sagte Alice, »aber ich bin noch nicht eingeladen worden.«

»Du wirst mich dort sehen«, sagte die Katze und verschwand.

Alice wunderte sich nicht sehr darüber. Sie hatte sich schon so daran gewöhnt, dass seltsame Dinge passierten. Während sie noch auf die Stelle sah, wo die Katze gesessen hatte, erschien sie plötzlich wieder.

»Übrigens, was ist aus dem Jungen geworden?«, sagte die Katze. »Ich hätte beinahe vergessen zu fragen.«

»Er ist ein Ferkel geworden«, antwortete Alice ganz ruhig, als ob die Katze auf normale Weise zurückgekommen wäre.

»Das dachte ich mir«, sagte die Katze und verschwand wieder.

Alice wartete noch ein bisschen. Sie erwartete halb, dass die Katze wieder erscheinen würde. Aber sie kam nicht. Nach ein paar Minuten ging Alice in die Richtung, wo der Faselhase wohnen sollte. »Hutmacher habe ich schon gesehen«, sagte sie zu sich. »Der Faselhase wird viel interessanter sein.« Während sie das sagte, blickte sie auf. Da saß die Katze wieder auf einem Ast.

»Sagtest du Ferkel oder Fächer?«, fragte die Katze.

»Ich sagte Ferkel«, antwortete Alice. »Und es wäre mir sehr lieb, wenn du nicht immer so schnell erscheinen und verschwinden würdest. Du machst einen ganz schwindlig.«

»Schon gut«, sagte die Katze. Und diesmal verschwand sie ganz langsam. Sie fing mit der Schwanzspitze an und hörte mit dem Grinsen auf. Das Grinsen blieb noch einige Zeit zu sehen, als der Rest schon verschwunden war.

»Oho, ich habe oft eine Katze ohne Grinsen gesehen«, dachte Alice, »aber ein Grinsen ohne Katze! So etwas Merkwürdiges habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen!«

Sie musste nicht weit gehen, da sah sie das Haus des Faselhasen. Sie dachte, es müsse das richtige Haus sein, weil die Schornsteine wie Ohren geformt waren. Und das Dach war mit Pelz gedeckt. Es war ein so großes Haus, dass sie sich nicht gleich näher heranwagte. Zuerst knabberte sie ein wenig von dem Stück Pilz in ihrer linken Hand ab. So brachte sie sich auf zwei Fuß Höhe. Trotzdem ging sie etwas ängstlich darauf zu und sagte zu sich: »Wenn er nur nicht ganz rasend ist! Wäre ich doch lieber zu dem Hutmacher gegangen!«

### Glossar

- **der Lakai, die Livree**: ein Diener in einem feinen Haus; die Livree ist die Uniform eines Dieners.
- **die gepuderte Lockenperücke**: falsche Haare mit Locken, auf die man weißes Pulver gestreut hat.
- **die Knöchel**: hier: die harten Stellen an den Fingern, wenn man eine Faust macht.
- **zuhören, anklopfen**: zuhören = genau hören, was jemand sagt; anklopfen = an die Tür klopfen.
- **das Croquet**: ein Spiel auf dem Rasen: Man schlägt Kugeln mit einem Holzhammer durch kleine Bögen.
- **zerbrechen**: in Stücke gehen, kaputtgehen.
- **niesen**: Luft plötzlich und laut durch Nase und Mund stoßen (»Hatschi!«).
- **murmeln**: leise und undeutlich sprechen.
- **das Geschöpf**: ein Wesen, ein Lebewesen.
- **naseweis**: frech, vorlaut.
- **blödsinnig**: verrückt, dumm.
- **die Kasserolle**: ein großer Kochtopf.
- **vor seiner Tür fegen**: ein Sprichwort: Jeder soll sich um seine eigenen Sachen kümmern und nicht um die von anderen.
- **Achse / Axt**: Die Achse ist die gedachte Linie, um die sich die Erde dreht. Die Herzogin hört »Axt« (ein Werkzeug zum Holzhacken) und denkt gleich ans Köpfen.
- **schelten, der Wicht, verdrießen**: schelten = schimpfen; Wicht = kleiner Kerl; verdrießen = ärgern.
- **bunt und kraus**: wild und durcheinander.
- **das Wickelkind**: ein Baby, das noch in Tücher gewickelt wird.
- **Wau! wau! wau!**: so bellt ein Hund.
- **grunzen**: die Laute machen, die ein Schwein macht.
- **das Ferkel**: ein junges Schwein; auch ein Schimpfwort für ein schmutziges Kind.
- **toll**: in diesem Buch: verrückt (nicht »super«); **rasend** = hier: völlig verrückt.
- **schwenken**: etwas hin und her bewegen.
- **knurren / spinnen**: Ein böser Hund knurrt. Eine zufriedene Katze »spinnt«, das heißt, sie schnurrt leise.
- **Ferkel oder Fächer**: Die beiden Wörter klingen am Anfang ähnlich; die Katze hat Alice angeblich nicht richtig verstanden.

## Die tolle Teegesellschaft.

Vor dem Haus stand ein gedeckter Teetisch. Daran saßen der Faselhase und der Hutmacher. Zwischen ihnen saß ein Murmeltier und schlief fest. Die beiden anderen benutzten es als Kissen: Sie stützten ihre Ellbogen darauf und redeten über seinen Kopf hinweg miteinander. »Sehr unbequem für das Murmeltier«, dachte Alice. »Nun, weil es schläft, macht es ihm wohl nichts aus.«

Der Tisch war groß, aber die drei saßen eng zusammengedrängt an einer Ecke. »Kein Platz! Kein Platz!«, riefen sie, sobald sie Alice kommen sahen. »Mehr als genug Platz!«, sagte Alice empört. Sie setzte sich in einen großen Sessel am Ende des Tisches.

»Möchtest du etwas Wein?«, fragte der Faselhase einladend.

Alice sah sich auf dem ganzen Tisch um, aber es stand nur Tee darauf. »Ich sehe keinen Wein«, sagte sie.

»Es ist auch keiner da«, sagte der Faselhase.

»Dann war es gar nicht höflich von dir, mir welchen anzubieten«, sagte Alice ärgerlich.

»Es war gar nicht höflich von dir, dich ohne Einladung hinzusetzen«, sagte der Faselhase.

»Ich wusste nicht, dass es *dein* Tisch ist«, sagte Alice. »Er ist für viel mehr als drei gedeckt.«

»Dein Haar muss geschnitten werden«, sagte der Hutmacher. Er hatte Alice eine Zeit lang sehr neugierig angesehen, und das waren seine ersten Worte.

»Du solltest keine persönlichen Bemerkungen machen«, sagte Alice ziemlich streng. »Das ist sehr grob.«

Der Hutmacher riss die Augen weit auf, als er das hörte. Aber er sagte nur: »Warum ist ein Rabe wie ein Reitersmann?«

»Oh, jetzt wird es lustig«, dachte Alice. »Ich bin so froh, dass sie anfangen, Rätsel aufzugeben.« Dann sagte sie laut: »Ich glaube, das kann ich raten.«

»Meinst du, dass du die Antwort darauf finden kannst?«, fragte der Faselhase.

»Ja, natürlich«, sagte Alice.

»Dann solltest du sagen, was du meinst«, sprach der Faselhase weiter.

»Das tue ich ja«, antwortete Alice schnell. »Wenigstens — wenigstens meine ich, was ich sage. Und das ist dasselbe.«

»Nicht im Geringsten dasselbe!«, sagte der Hutmacher. »Dann wäre ja auch ›ich sehe, was ich esse‹ dasselbe wie ›ich esse, was ich sehe‹!«

Der Faselhase fügte hinzu: »Und ›ich mag, was ich kriege‹ wäre dasselbe wie ›ich kriege, was ich mag‹!«

Das Murmeltier schien im Schlaf zu sprechen. Es sagte: »Und ›ich atme, wenn ich schlafe‹ wäre dasselbe wie ›ich schlafe, wenn ich atme‹!«

»Bei dir *ist* es dasselbe«, sagte der Hutmacher. Damit endete das Gespräch. Ein paar Minuten saßen alle schweigend da. In der Zeit dachte Alice über alles nach, was sie je über Raben und Reitersmänner gehört hatte. Und das war nicht viel.

Der Hutmacher brach als Erster das Schweigen. »Den Wievielten haben wir heute?«, fragte er und wandte sich an Alice. Er hatte seine Uhr aus der Tasche genommen und sah sie unruhig an. Er schüttelte sie hin und her und hielt sie ans Ohr.

Alice überlegte ein wenig und sagte: »Den vierten.«

»Zwei Tage falsch!«, seufzte der Hutmacher. Er sah den Faselhasen ärgerlich an. »Ich habe dir gesagt, dass Butter das Uhrwerk verderben würde!«

»Es war die beste Butter«, sagte der Faselhase demütig.

»Ja, aber es muss etwas Krume mit hineingekommen sein«, brummte der Hutmacher. »Du hättest sie nicht mit dem Brotmesser hineintun sollen.«

Der Faselhase nahm die Uhr und betrachtete sie traurig. Dann tunkte er sie in seine Tasse Tee und betrachtete sie wieder. Aber ihm fiel nichts Besseres ein als seine erste Bemerkung: »Es war wirklich die beste Butter.«

Alice hatte ihm neugierig über die Schulter gesehen. »Was für eine komische Uhr!«, sagte sie. »Sie zeigt das Datum und nicht, wie viel Uhr es ist!«

»Warum sollte sie?«, brummte der Faselhase. »Zeigt deine Uhr, welches Jahr es ist?«

»Natürlich nicht«, antwortete Alice schnell, »weil es so lange hintereinander dasselbe Jahr bleibt.«

»Und genau so ist es mit meiner«, sagte der Hutmacher.

Alice war ganz verwirrt. Die Erklärung des Hutmachers schien ihr überhaupt keinen Sinn zu haben. Und doch waren es deutlich gesprochene Worte. »Ich verstehe dich nicht ganz«, sagte sie, so höflich sie konnte.

»Das Murmeltier schläft schon wieder«, sagte der Hutmacher und goss ihm etwas heißen Tee auf die Nase.

Das Murmeltier schüttelte ungeduldig den Kopf. Ohne die Augen zu öffnen, sagte es: »Freilich, freilich, das wollte ich auch gerade sagen.«

»Hast du das Rätsel schon geraten?«, fragte der Hutmacher und wandte sich wieder an Alice.

»Nein, ich gebe auf«, antwortete Alice. »Was ist die Antwort?«

»Davon habe ich nicht die leiseste Ahnung«, sagte der Hutmacher.

»Ich auch nicht«, sagte der Faselhase.

Alice seufzte schlecht gelaunt. »Ich finde, ihr könntet die Zeit besser nutzen«, sagte sie, »als mit Rätseln, die keine Lösung haben.«

»Wenn du die Zeit so gut kenntest wie ich«, sagte der Hutmacher, »würdest du anders reden. Du würdest nicht sagen, wie wir sie nutzen, sondern wie sie uns nutzt.«

»Ich weiß nicht, was du meinst«, sagte Alice.

»Natürlich kannst du das nicht wissen!«, sagte der Hutmacher und warf verächtlich den Kopf in die Höhe. »Du hast wahrscheinlich noch nie mit der Zeit gesprochen.«

»Ich glaube kaum«, antwortete Alice vorsichtig. »Aber Mama hat gestern gesagt, ich soll zu meiner kleinen Schwester gehen und ihr die Zeit vertreiben.«

»So? Das hat sie dir bestimmt übel genommen. Sie lässt sich nicht gern vertreiben. Aber wenn man sich gut mit ihr versteht, tut sie einem mit der Uhr fast jeden Gefallen. Nimm zum Beispiel an, es wäre neun Uhr morgens. Das ist gerade die Zeit, um mit deinen Schulstunden anzufangen. Du müsstest der Zeit nur den kleinsten Wink geben, und schnurr! Schon geht die Uhr herum, bevor du es merkst! Halb zwei, Essenszeit!«

(»Ich wünschte, das wäre es!«, sagte der Faselhase leise zu sich.)

»Das wäre wirklich famos«, sagte Alice nachdenklich. »Aber dann hätte ich noch nicht genug Hunger, nicht wahr?«

»Zuerst vielleicht nicht«, antwortete der Hutmacher. »Aber es würde so lange halb zwei bleiben, wie du wolltest.«

»Macht ihr es hier wohl so?«, fragte Alice.

Der Hutmacher schüttelte traurig den Kopf. »Ich nicht!«, sagte er. »Wir haben uns letzte Ostern gestritten. Das war kurz bevor er toll wurde, weißt du.« (Dabei zeigte er mit seinem Teelöffel auf den Faselhasen.) »Es war bei dem großen Konzert, das die Coeur-Königin gab. Ich musste singen:

›O Papagei, o Papagei!
Wie grün sind deine Federn!‹

Vielleicht kennst du das Lied?«

»Ich habe so etwas Ähnliches gehört«, sagte Alice.

»Es geht so weiter«, fuhr der Hutmacher fort:

»Du grünst nicht nur zur Friedenszeit,
Auch wenn es Teller und Töpfe schneit.
O Papagei, o Papagei —«

Da schüttelte sich das Murmeltier und fing an, im Schlaf zu singen. »O Papagei, o Mamagei, o Papagei, o Mamagei —« Es sang immer weiter, sodass sie es zuletzt kneifen mussten, damit es aufhörte.

»Stell dir vor, ich war mit der ersten Strophe kaum fertig«, sagte der Hutmacher, »da rief die Königin: ›Abscheulich! Der Mensch schlägt mit seinem Geplärre ja die Zeit tot. Aufgehängt soll er werden!‹«

»Wie furchtbar grausam!«, rief Alice.

»Und seitdem«, sprach der Hutmacher traurig weiter, »will sie mir keinen Gefallen mehr tun, die Zeit! Jetzt ist es immer sechs Uhr!«

Da hatte Alice einen klugen Gedanken. »Stehen deshalb wohl so viele Tassen hier herum?«, fragte sie.

»Ja, deshalb«, sagte der Hutmacher und seufzte. »Es ist immer Teestunde, und wir haben dazwischen keine Zeit, die Tassen abzuwaschen.«

»Dann rückt ihr wohl immer weiter?«, sagte Alice.

»So ist es«, sagte der Hutmacher, »wenn die Tassen genug benutzt sind.«

»Aber was ist, wenn ihr wieder am Anfang ankommt?«, wagte Alice zu fragen.

»Wir wollen jetzt von etwas anderem reden«, unterbrach sie der Faselhase und gähnte. »Dieses Thema langweilt mich langsam. Ich schlage vor, die junge Dame erzählt eine Geschichte.«

»Oh, ich kenne leider keine«, rief Alice. Sie war über diesen Vorschlag ganz erschrocken.

»Dann soll das Murmeltier erzählen!«, riefen beide. »Wach auf, Murmeltier!« Dabei kniffen sie es von beiden Seiten zugleich.

Das Murmeltier öffnete langsam die Augen. »Ich habe nicht geschlafen«, sagte es mit heiserer, schwacher Stimme. »Ich habe jedes Wort gehört, das ihr Jungen gesagt habt.«

»Erzähl uns eine Geschichte!«, sagte der Faselhase.

»Ach ja, bitte!«, bat Alice.

»Und mach schnell«, fügte der Hutmacher hinzu, »sonst schläfst du ein, bevor sie zu Ende ist.«

»Es waren einmal drei kleine Schwestern«, fing das Murmeltier eilig an. »Die hießen Else, Lacie und Tillie, und sie lebten tief unten in einem Brunnen —«

»Wovon lebten sie?«, fragte Alice. Sie interessierte sich immer sehr für Essen und Trinken.

»Sie lebten von Sirup«, antwortete das Murmeltier, nachdem es eine Minute nachgedacht hatte.

»Das konnten sie aber doch nicht«, sagte Alice schüchtern. »Davon wären sie ja krank geworden.«

»Das wurden sie auch«, sagte das Murmeltier, »sehr krank.«

Alice versuchte sich vorzustellen, wie so ein ungewöhnliches Leben wohl wäre. Aber es kam ihr zu seltsam vor. Deshalb musste sie wieder fragen: »Aber warum lebten sie unten in dem Brunnen?«

»Willst du nicht ein wenig mehr Tee?«, fragte der Faselhase Alice sehr ernsthaft.

»Ein wenig mehr? Ich habe noch keinen gehabt«, antwortete Alice etwas beleidigt. »Also kann ich nicht noch *mehr* trinken.«

»Du meinst, du kannst nicht *weniger* trinken«, sagte der Hutmacher. »Es ist sehr leicht, *mehr* als keinen zu trinken.«

»Niemand hat dich nach deiner Meinung gefragt«, sagte Alice.

»Wer macht denn jetzt persönliche Bemerkungen?«, rief der Hutmacher triumphierend.

Alice wusste nicht recht, was sie darauf antworten sollte. Deshalb nahm sie sich etwas Tee und ein Butterbrot. Dann wandte sie sich an das Murmeltier und wiederholte ihre Frage: »Warum lebten sie in einem Brunnen?«

Das Murmeltier dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Es war ein Sirup-Brunnen.«

»So einen gibt es nicht!«, fing Alice sehr ärgerlich an. Aber der Hutmacher und der Faselhase machten beide: »Sch, sch!« Und das Murmeltier brummte: »Wenn du nicht höflich sein kannst, kannst du die Geschichte selbst zu Ende erzählen.«

»Nein, bitte, erzähl weiter!«, sagte Alice ganz bescheiden. »Ich will dich nicht wieder unterbrechen. Es wird wohl *einen* geben.«

»*Einen*, wirklich!«, sagte das Murmeltier empört. Doch es ließ sich überreden weiterzuerzählen. »Also, die drei kleinen Schwestern — sie lernten zeichnen, müsst ihr wissen —«

»Was zeichneten sie?«, fragte Alice. Sie hatte ihr Versprechen ganz vergessen.

»Sirup«, sagte das Murmeltier, und diesmal überlegte es gar nicht.

»Ich brauche eine saubere Tasse«, unterbrach der Hutmacher. »Wir rücken alle einen Platz weiter.«

Während er das sagte, rückte er weiter, und das Murmeltier folgte ihm. Der Faselhase rückte auf den Platz des Murmeltiers. Alice nahm den Platz des Faselhasen ein, obwohl sie es nicht gern tat. Der Hutmacher war der Einzige, der von diesem Wechsel einen Vorteil hatte. Alice ging es viel schlechter als vorher, denn der Faselhase hatte gerade den Milchtopf über seinen Teller umgekippt.

Alice wollte das Murmeltier nicht wieder beleidigen. Deshalb fing sie sehr vorsichtig an: »Aber ich verstehe das nicht. Wie konnten sie den Sirup zeichnen?«

»Als ob nicht aller Sirup gezeichnet wäre, den man beim Kaufmann holt!«, sagte der Hutmacher. »Hast du nicht immer gesehen, was darauf steht: feinste Qualität, allerfeinste Qualität, superfeine Qualität — oh, du kleiner Dummkopf?«

»Wie gesagt«, fuhr das Murmeltier fort, »lernten sie zeichnen.« Hier gähnte es und rieb sich die Augen, denn es wurde sehr müde. »Und sie zeichneten allerlei — alles, was mit M anfängt —«

»Warum mit M?«, fragte Alice.

»Warum nicht?«, sagte der Faselhase.

Alice schwieg.

Das Murmeltier hatte inzwischen die Augen zugemacht und war halb eingeschlafen. Aber der Hutmacher zwickte es, und da wachte es mit einem leisen Schrei auf. Es sprach weiter: »— was mit M anfängt, wie Mausefallen, den Mond, Mangel und manches Mal. Ihr wisst ja, man sagt: Ich habe das *manches liebe* Mal getan. Hast du je manches liebe *Mal* gezeichnet gesehen?«

»Wirklich, da du mich selbst fragst«, sagte Alice ganz verwirrt, »ich denke kaum —«

»Dann solltest du auch nicht reden«, sagte der Hutmacher.

Diese Grobheit war jetzt zu viel für Alice. Sie stand sehr beleidigt auf und ging fort. Das Murmeltier schlief sofort wieder ein. Die beiden anderen achteten gar nicht darauf, dass sie wegging, obwohl sie sich ein paar Mal umsah. Sie hoffte nämlich halb, dass die beiden sie zurückrufen würden. Als sie sie zum letzten Mal sah, versuchten sie gerade, das Murmeltier in die Teekanne zu stecken.

»Auf keinen Fall will ich *da* je wieder hingehen!«, sagte Alice, während sie sich einen Weg durch den Wald suchte. »Das ist die dümmste Teegesellschaft, bei der ich in meinem ganzen Leben war!«

Gerade als sie das sagte, bemerkte sie, dass einer der Bäume eine kleine Tür hatte. »Das ist sehr komisch!«, dachte sie. »Aber heute ist alles komisch! Ich gehe am besten gleich hinein.«

Gesagt, getan: Sie war wieder in dem langen Korridor, ganz nah bei dem kleinen Glastisch. »Diesmal will ich es klüger anfangen«, sagte sie zu sich selbst. Sie nahm das goldene Schlüsselchen und schloss die Tür auf, die in den Garten führte. Dann knabberte sie an dem Pilz, bis sie ungefähr einen Fuß groß war. (Sie hatte ein Stückchen davon in ihrer Tasche behalten.) Danach ging sie den kleinen Gang entlang. Und dann — war sie endlich in dem schönen Garten, zwischen den prächtigen Blumenbeeten und den kühlen Springbrunnen.

### Glossar

- **toll**: in diesem Buch: verrückt (nicht »super«). Die tolle Teegesellschaft = die verrückte Teegesellschaft.
- **persönliche Bemerkung**: etwas, was man direkt über das Aussehen eines anderen sagt.
- **Warum ist ein Rabe wie ein Reitersmann?**: ein Rätsel ohne Antwort; nicht einmal der Hutmacher kennt die Lösung. Ein Reitersmann ist ein Mann, der auf einem Pferd reitet.
- **sagen, was man meint / meinen, was man sagt**: Alice glaubt, das ist dasselbe. Der Hutmacher zeigt mit umgedrehten Sätzen, dass es nicht dasselbe ist.
- **das Uhrwerk, die Krume**: das Uhrwerk ist das Innere der Uhr, das sie laufen lässt; eine Krume ist ein kleines Stück Brot.
- **die Zeit vertreiben**: Alice meint: mit jemandem spielen, damit es ihm nicht langweilig wird. Der Hutmacher versteht: die Zeit (eine Person) wegjagen.
- **die Zeit totschlagen**: eigentlich: Zeit mit unnützen Dingen verbringen. Die Königin meint, der Hutmacher singt so schlecht und so lang, dass er die Zeit »tötet«.
- **»O Papagei, o Papagei!«**: ein Spaß mit dem bekannten Weihnachtslied »O Tannenbaum«.
- **das Geplärre**: lautes, hässliches Singen oder Schreien.
- **famos**: (alt) großartig, sehr gut.
- **mehr / weniger Tee**: Alice hat noch keinen Tee gehabt. Der Hutmacher sagt: Mehr als nichts kann man immer trinken, nur weniger nicht.
- **der Sirup, der Sirup-Brunnen**: Sirup ist eine dicke, süße Flüssigkeit. Ein Brunnen voll Sirup ist Unsinn; ein normaler Brunnen ist voll Wasser.
- **zeichnen / gezeichnet**: zeichnen = malen; gezeichnet = mit einem Zeichen oder Aufdruck versehen, z. B. »feinste Qualität« auf der Flasche.
- **manches liebe Mal**: das heißt: oft. Aber ein »Mal« ist auch ein Zeichen oder Fleck, und den könnte man zeichnen.

## Das Croquetfeld der Königin.

Nahe beim Eingang stand ein großer, hoher Rosenstrauch. Die Rosen daran waren weiß, aber drei Gärtner waren damit beschäftigt, sie rot zu malen. Alice fand das seltsam. Sie ging näher heran, um ihnen zuzusehen. Da hörte sie einen von ihnen sagen: »Nimm dich in Acht, Fünf! Bespritz mich nicht so mit Farbe!«

»Ich konnte nichts dafür«, sagte Fünf schlecht gelaunt. »Sieben hat mich an den Ellbogen gestoßen.«

Darauf sah Sieben auf und sagte: »Recht so, Fünf! Schieb die Schuld nur immer auf andere Leute!«

»Sei du nur ganz still!«, sagte Fünf. »Erst gestern habe ich die Königin sagen hören, du hättest es verdient, geköpft zu werden!«

»Wofür?«, fragte der, der zuerst gesprochen hatte.

»Das geht *dich* nichts an, Zwei!«, sagte Sieben.

»Doch, es *geht* ihn etwas an!«, sagte Fünf. »Und ich werde es ihm sagen: dafür, dass er dem Koch Tulpenzwiebeln statt Küchenzwiebeln gebracht hat.«

Sieben warf seinen Pinsel hin und fing gerade an: »Hat es je eine ungerechtere Anschuldigung —« Da fiel sein Blick zufällig auf Alice, die ihnen zuhörte. Er hörte plötzlich auf zu reden. Die anderen sahen sich auch um, und alle verbeugten sich tief.

»Würden Sie mir bitte sagen«, fragte Alice etwas ängstlich, »warum Sie diese Rosen malen?«

Fünf und Sieben antworteten nicht, aber sie sahen Zwei an. Zwei fing mit leiser Stimme an: »Um die Wahrheit zu sagen, Fräulein: Hier hätte ein *roter* Rosenstrauch stehen sollen. Aber wir haben aus Versehen einen weißen gepflanzt. Und wenn die Königin das merken würde, würden wir alle geköpft werden, müssen Sie wissen. Deshalb, sehen Sie, Fräulein, versuchen wir, so gut es geht, bevor sie kommt —« In diesem Augenblick rief Fünf: »Die Königin! Die Königin!« Er hatte ängstlich weiter in den Garten hineingesehen. Sofort warfen sich die drei Gärtner flach auf das Gesicht. Man hörte viele Schritte, und Alice sah neugierig hin, denn sie wollte die Königin sehen.

Zuerst kamen zehn Soldaten, die Keulen trugen. Sie hatten alle dieselbe Form wie die Gärtner: rechteckig und flach, mit Händen und Füßen an den vier Ecken. Danach kamen zehn Herren vom Hofe. Sie waren über und über mit Diamanten bedeckt und gingen paarweise, wie die Soldaten. Nach ihnen kamen die königlichen Kinder. Es waren zehn, und die lieben Kleinen kamen fröhlich gesprungen, paarweise und Hand in Hand. Sie waren ganz mit Herzen geschmückt. Dann kamen die Gäste, meistens Könige und Königinnen. Unter ihnen erkannte Alice das weiße Kaninchen. Es redete etwas eilig und aufgeregt und lächelte bei allem, was gesagt wurde. Es ging vorbei, ohne Alice zu bemerken. Dann folgte der Coeur-Bube, der die königliche Krone auf einem roten Samtkissen trug. Und ganz am Ende dieses großartigen Zuges kamen *der Herzenskönig und die Herzenskönigin*.

Alice wusste nicht recht, ob sie sich nicht auch flach auf das Gesicht legen musste, wie die drei Gärtner. Aber sie konnte sich nicht erinnern, dass sie je von so einer Regel bei Festzügen gehört hatte. »Außerdem«, dachte sie, »wozu gäbe es Festzüge, wenn alle flach auf dem Gesicht liegen müssten, sodass sie nichts sehen könnten?« Sie blieb also stehen, wo sie war, und wartete.

Als der Zug bei Alice angekommen war, blieben alle stehen und sahen sie an. Die Königin fragte streng: »Wer ist das?« Sie hatte den Coeur-Buben gefragt. Aber er gab keine Antwort, sondern lächelte nur und machte Kratzfüße.

»Schafskopf!«, sagte die Königin und warf ungeduldig den Kopf zurück. Dann wandte sie sich an Alice und fragte: »Wie heißt du, Kind?«

»Mein Name ist Alice, Euer Majestät zu dienen!«, sagte Alice sehr höflich. Aber bei sich dachte sie: »Ach was, es ist ja nur ein Pack Karten. Ich brauche mich nicht vor ihnen zu fürchten!«

»Und wer sind diese drei?«, fragte die Königin weiter. Dabei zeigte sie auf die drei Gärtner, die um den Rosenstrauch herum lagen. Denn natürlich lagen sie auf dem Gesicht, und das Muster auf ihrem Rücken war dasselbe wie beim ganzen Pack. Deshalb wusste die Königin nicht, ob es Gärtner, Soldaten, Herren vom Hofe oder drei ihrer eigenen Kinder waren.

»Woher soll ich das wissen?«, sagte Alice und wunderte sich selbst über ihren Mut. »Das ist nicht meine Aufgabe.«

Die Königin wurde purpurrot vor Wut. Einen Augenblick lang starrte sie Alice an wie ein wildes Tier. Dann fing sie an zu brüllen: »Ihren Kopf ab! Ihren Kopf —«

»Unsinn!«, sagte Alice sehr laut und bestimmt, und die Königin war still.

Der König legte seine Hand auf ihren Arm und sagte sanft: »Bedenke, meine Liebe, es ist nur ein Kind!«

Die Königin drehte sich ärgerlich von ihm weg und sagte zu dem Buben: »Dreh sie um!«

Der Bube tat es, sehr vorsichtig, mit einem Fuß.

»Steht auf!«, schrie die Königin mit schriller Stimme. Sofort sprangen die drei Gärtner auf. Sie fingen an, sich zu verbeugen: vor dem König, vor der Königin, vor den königlichen Kindern und vor allen anderen.

»Lasst das sein!«, schimpfte die Königin. »Ihr macht mich schwindlig.« Dann drehte sie sich zu dem Rosenstrauch um und fragte: »Was habt ihr hier gemacht?«

»Euer Majestät zu dienen«, sagte Zwei sehr demütig und ließ sich auf ein Knie nieder, »wir haben versucht —«

»Ich sehe schon!«, sagte die Königin. Sie hatte inzwischen die Rosen untersucht. »Ihre Köpfe ab!« Der Zug ging weiter. Nur drei von den Soldaten blieben zurück, um die unglücklichen Gärtner zu köpfen. Die Gärtner liefen zu Alice und baten sie um Schutz.

»Ihr sollt nicht getötet werden!«, sagte Alice. Damit steckte sie die drei in einen großen Blumentopf, der in der Nähe stand. Die drei Soldaten liefen ein Weilchen hierhin und dorthin und suchten sie. Dann gingen sie ruhig den anderen nach.

»Sind ihre Köpfe gefallen?«, schrie die Königin die Soldaten an.

»Ihre Köpfe sind fort, zu Euer Majestät Befehl!«, schrien die Soldaten als Antwort.

»Das ist gut!«, schrie die Königin. »Kannst du Croquet spielen?«

Die Soldaten schwiegen und sahen Alice an, denn die Frage war offensichtlich an sie gerichtet.

»Ja!«, schrie Alice.

»Dann komm mit!«, brüllte die Königin. Alice ging mit dem Zug mit und war sehr neugierig, was nun passieren würde.

»Es ist — es ist ein sehr schöner Tag!«, sagte eine schüchterne Stimme neben ihr. Sie ging neben dem weißen Kaninchen, das ihr ängstlich ins Gesicht sah.

»Sehr«, sagte Alice. »Wo ist die Herzogin?«

»Still! Still!«, sagte das Kaninchen leise und schnell. Dabei sah es ängstlich über seine Schulter. Dann stellte es sich auf die Zehenspitzen und hielt den Mund dicht an Alices Ohr. Es flüsterte: »Sie ist zum Tode verurteilt.«

»Wofür?«, fragte Alice.

»Sagtest du: wie schade?«, fragte das Kaninchen.

»Nein, das habe ich nicht gesagt«, sagte Alice. »Ich finde gar nicht, dass es schade ist. Ich sagte: Wofür?«

»Sie hat der Königin eine Ohrfeige gegeben —«, fing das Kaninchen an. Man konnte Alice lachen hören. »Oh, still!«, flüsterte das Kaninchen sehr erschrocken. »Die Königin wird dich hören! Sie kam nämlich etwas spät, und die Königin sagte —«

»Macht, dass ihr an eure Plätze kommt!«, donnerte die Königin. Da fingen alle an, in alle Richtungen durcheinanderzulaufen, und stolperten übereinander. Aber nach ein oder zwei Minuten waren alle auf ihren Plätzen, und das Spiel fing an.

Alice dachte, dass sie noch nie in ihrem Leben ein so merkwürdiges Croquetfeld gesehen hatte. Es war voller Erhöhungen und Furchen. Die Kugeln waren lebendige Igel und die Schläger lebendige Flamingos. Und die Soldaten mussten sich krumm machen und auf Händen und Füßen stehen, um die Bogen zu bilden.

Das Schwierigste war für Alice zuerst, mit ihrem Flamingo umzugehen. Seinen Körper konnte sie ziemlich bequem unter dem Arm festhalten, sodass seine Beine herunterhingen. Aber oft hatte sie gerade seinen Hals schön ausgestreckt und wollte mit seinem Kopf den Igel schlagen. Dann bog er sich nach oben und sah ihr so verdutzt ins Gesicht, dass sie laut lachen musste. Und wenn sie seinen Kopf wieder heruntergebogen hatte und neu anfangen wollte, ärgerte sie sich sehr. Denn der Igel hatte sich inzwischen aufgerollt und kroch gerade fort. Außerdem war meistens eine Erhöhung oder eine Furche im Weg, genau dort, wohin sie den Igel rollen wollte. Und die gebogenen Soldaten standen immer wieder auf und gingen an eine andere Stelle des Rasens. Deshalb kam Alice bald zu dem Schluss, dass es wirklich ein sehr schweres Spiel war.

Die Spieler spielten alle gleichzeitig und warteten nicht, bis sie an der Reihe waren. Dabei stritten sie die ganze Zeit und zankten sich um die Igel. Nach sehr kurzer Zeit war die Königin furchtbar wütend. Sie stampfte mit den Füßen und schrie ungefähr einmal in der Minute: »Schlagt ihr den Kopf ab!«

Alice fing an, sich sehr unwohl zu fühlen. Sie hatte zwar noch keinen Streit mit der Königin gehabt. Aber sie wusste, dass es jeden Augenblick so weit sein konnte. »Und was würde dann aus mir werden?«, dachte sie. »Die Leute hier köpfen anscheinend schrecklich gern. Es ist das größte Wunder, dass überhaupt noch welche am Leben sind!« Sie sah sich nach einem Ausgang um. Sie überlegte, ob sie wohl fortschleichen könnte, ohne gesehen zu werden. Da bemerkte sie etwas Merkwürdiges in der Luft. Zuerst war es ihr ganz rätselhaft. Aber nachdem sie es ein paar Minuten beobachtet hatte, erkannte sie, dass es ein Grinsen war. Da sagte sie zu sich: »Es ist die Grinse-Katze. Jetzt habe ich jemanden, mit dem ich sprechen kann.«

»Wie geht es dir?«, sagte die Katze, sobald genug Mund da war, um damit zu sprechen.

Alice wartete, bis die Augen erschienen, und nickte ihr zu. »Es hat keinen Sinn, mit ihr zu reden«, dachte sie, »bevor ihre Ohren gekommen sind, oder wenigstens eins.« Im nächsten Augenblick erschien der ganze Kopf. Da setzte Alice ihren Flamingo ab und fing an, von dem Spiel zu erzählen. Sie war sehr froh, dass sie jemanden zum Zuhören hatte. Die Katze schien zu glauben, dass jetzt genug von ihr zu sehen war, und es erschien nichts mehr.

»Ich glaube, sie spielen gar nicht gerecht«, fing Alice etwas klagend an. »Und sie zanken sich alle so schrecklich, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen kann. Und dann haben sie gar keine Spielregeln. Wenigstens, wenn sie welche haben, hält sich niemand daran. Und du hast keine Ahnung, wie verwirrend es ist, dass alle Croquet-Sachen lebendig sind. Zum Beispiel da ist der Bogen, durch den ich als Nächstes spielen muss. Und der geht am anderen Ende des Rasens spazieren! Und ich hätte den Igel der Königin gerade noch *treffen* können. Aber er rannte weg, als er meinen kommen sah!«

»Wie gefällt dir die Königin?«, fragte die Katze leise.

»Überhaupt nicht«, sagte Alice. »Sie hat so sehr viel —« Da bemerkte sie, dass die Königin dicht hinter ihr stand und zuhörte. Also sprach sie weiter: »— Aussicht zu gewinnen, dass es sich kaum lohnt, das Spiel zu Ende zu spielen.«

Die Königin lächelte und ging weiter.

»Mit wem redest du da?«, fragte der König. Er kam zu Alice und sah den Kopf der Katze sehr neugierig an.

»Das ist ein Freund von mir — ein Grinse-Kater«, sagte Alice. »Erlauben Eure Majestät, dass ich ihn Ihnen vorstelle.«

»Sein Aussehen gefällt mir gar nicht«, sagte der König. »Aber er darf mir die Hand küssen, wenn er will.«

»Oh, lieber nicht!«, antwortete der Kater.

»Sei nicht so impertinent«, sagte der König, »und sieh mich nicht so an!« Während er das sagte, stellte er sich hinter Alice.

»Der Kater sieht den König an, der König sieht den Kater an«, sagte Alice. »Das habe ich irgendwo gelesen, ich weiß nur nicht mehr, wo.«

»Er muss weg«, sagte der König sehr bestimmt. Er rief der Königin zu, die gerade vorbeiging: »Meine Liebe! Ich wünschte, du würdest diesen Kater wegschaffen lassen!«

Die Königin kannte nur *eine* Art, mit allen Schwierigkeiten fertig zu werden, mit großen und mit kleinen. »Schlagt ihm den Kopf ab!«, sagte sie, ohne sich auch nur umzusehen.

»Ich werde den Henker selbst holen«, sagte der König eifrig und eilte fort.

Alice dachte, sie sollte lieber zurückgehen und sehen, wie es mit dem Spiel stand. Sie hörte nämlich in der Ferne die Stimme der Königin, die vor Wut außer sich war. Sie hatte schon gehört, wie die Königin drei Spieler zum Tode verurteilte, weil sie ihre Reihe verpasst hatten. Die Lage gefiel ihr gar nicht. Denn das Spiel war so durcheinander, dass sie nie wusste, ob sie an der Reihe war oder nicht. Sie ging also los, um nach ihrem Igel zu suchen.

Der Igel kämpfte gerade mit einem anderen Igel. Das schien Alice eine sehr gute Gelegenheit, den einen mit dem anderen zu *treffen*. Die einzige Schwierigkeit war, dass ihr Flamingo zum anderen Ende des Gartens gegangen war. Dort sah Alice gerade noch, wie er sehr ungeschickt versuchte, auf einen Baum zu fliegen.

Als sie den Flamingo gefangen und zurückgebracht hatte, war der Kampf vorbei. Die beiden Igel waren nirgends zu sehen. »Aber das macht nichts«, dachte Alice, »denn alle Bogen auf dieser Seite des Rasens sind weggegangen.« Also steckte sie ihren Flamingo unter den Arm, damit er nicht wieder weglief. Dann ging sie zurück, um noch etwas mit ihrem Freund zu plaudern.

Als sie zum Grinse-Kater zurückkam, sah sie erstaunt, dass sich eine große Menge um ihn versammelt hatte. Der Henker, der König und die Königin stritten sich laut. Alle drei redeten gleichzeitig. Die anderen waren ganz still und sahen sehr ängstlich aus.

Sobald Alice erschien, baten alle drei sie, den Streit zu entscheiden. Sie wiederholten ihr ihre Gründe, obwohl man kaum etwas verstand, weil alle gleichzeitig sprachen.

Der Henker sagte: Man kann keinen Kopf abschneiden, wenn kein Körper da ist, von dem man ihn abschneidet. So etwas hatte er noch nie getan. Und jetzt war er zu alt, um noch etwas Neues zu lernen.

Der König sagte: Alles, was einen Kopf hat, kann man köpfen. Und man soll nicht so viel Unsinn reden.

Die Königin sagte: Wenn nicht in weniger als keiner Frist etwas geschah, würde sie die ganze Gesellschaft köpfen lassen. (Diese letzte Bemerkung war der Grund, warum alle so ernst und ängstlich aussahen.)

Alice fiel nichts Besseres ein als: »Er gehört der Herzogin. Es wäre am besten, sie zu fragen.«

»Sie ist im Gefängnis«, sagte die Königin zum Henker. »Hol sie her.« Und der Henker lief davon wie ein Pfeil.

Da wurde der Kopf des Katers immer undeutlicher. Gerade in dem Augenblick, als der Henker mit der Herzogin zurückkam, verschwand er ganz. Der König und der Henker liefen ganz wild umher und suchten ihn. Die übrige Gesellschaft ging inzwischen zum Spiel zurück.

### Glossar

- **das Croquet**: ein Spiel auf dem Rasen: Man schlägt Kugeln mit einem Holzhammer durch kleine Bögen.
- **zusehen**: genau hinschauen, was andere tun.
- **bespritzen**: mit Tropfen nass oder schmutzig machen.
- **der Ellbogen**: die Stelle in der Mitte des Arms, wo man ihn biegt.
- **köpfen**: jemandem den Kopf abschlagen; **geköpft werden** = den Kopf abgeschlagen bekommen.
- **die Anschuldigung**: wenn man sagt, dass jemand etwas Schlechtes getan hat.
- **die Tulpenzwiebel / die Küchenzwiebel**: Aus einer Tulpenzwiebel wächst eine Blume, eine Küchenzwiebel isst man. Der Gärtner hat die beiden verwechselt.
- **die Keule**: ein dicker, schwerer Stock zum Schlagen.
- **Kratzfüße machen**: sich altmodisch verbeugen und dabei mit dem Fuß über den Boden schieben.
- **der Schafskopf**: Schimpfwort: Dummkopf.
- **das Pack Karten**: alle Spielkarten zusammen.
- **purpurrot**: dunkelrot.
- **schrill**: sehr hoch und laut, unangenehm für die Ohren.
- **demütig**: sehr bescheiden und unterwürfig, voller Angst vor einem Mächtigeren.
- **flüstern**: sehr leise sprechen.
- **der Flamingo**: ein großer rosa Vogel mit langen Beinen und einem langen Hals.
- **streiten**: laut mit jemandem uneinig sein, sich zanken.
- **Ihre Köpfe sind fort**: Die Köpfe sind wirklich »fort«, aber nur, weil die Gärtner sich versteckt haben. Die Königin glaubt, sie sind abgeschlagen.
- **Wofür? / wie schade?**: Das Kaninchen versteht Alices Frage falsch; Alice wollte den Grund wissen.
- **die Ohrfeige**: ein Schlag mit der Hand ins Gesicht.
- **impertinent**: frech, ohne Respekt.
- **Der Kater sieht den König an**: nach einem alten Sprichwort: Auch ein kleiner, unwichtiger Mensch darf einen König ansehen.
- **Aussicht zu gewinnen**: Alice wollte etwas Schlechtes über die Königin sagen. Schnell macht sie daraus ein Lob.
- **treffen**: beim Spiel den Ball (hier: den Igel) mit dem Schläger schlagen.
- **in weniger als keiner Frist**: sofort, noch schneller als sofort.

## Die Geschichte der falschen Schildkröte.

»Du kannst dir gar nicht denken, wie froh ich bin, dich wiederzusehen, du liebes altes Herz!«, sagte die Herzogin. Sie nahm Alice liebevoll am Arm, und beide gingen zusammen fort.

Alice war sehr froh, dass die Herzogin so gute Laune hatte. Sie dachte bei sich: Vielleicht hatte nur der Pfeffer sie so böse gemacht. Das war, als sie sich zuerst in der Küche trafen. »Wenn ich Herzogin bin«, sagte sie zu sich (aber nicht sehr hoffnungsvoll), »will ich keinen Pfeffer in meiner Küche. Suppe schmeckt auch ohne Pfeffer sehr gut. — Am Ende ist es immer der Pfeffer, der die Leute heftig macht.« Sie freute sich sehr, dass sie eine neue Art von Regel erfunden hatte, und sprach weiter: »Und Essig macht sie sauertöpfisch — und Kamillentee macht sie bitter — und Gerstenzucker und solche Sachen machen Kinder zuckersüß. Ich wünschte nur, die großen Leute wüssten das. Dann wären sie nicht so sparsam damit —«

Inzwischen hatte sie die Herzogin ganz vergessen. Sie erschrak richtig, als sie die Stimme der Herzogin dicht an ihrem Ohr hörte. »Du denkst an etwas, meine Liebe, und vergisst dabei zu sprechen. Ich kann dir im Augenblick nicht sagen, was die Moral davon ist. Aber es wird mir gleich einfallen.«

»Vielleicht hat es keine«, wagte Alice zu sagen.

»Still, still, Kind!«, sagte die Herzogin. »Alles hat seine Moral, wenn man sie nur finden kann.« Dabei drängte sie sich noch dichter an Alice heran.

Alice mochte es gar nicht, dass sie ihr so nahe kam. Erstens, weil die Herzogin sehr hässlich war. Zweitens, weil sie genau so groß war, dass sie ihr Kinn auf Alices Schulter legen konnte. Und es war ein unangenehm spitzes Kinn. Weil Alice aber nicht unhöflich sein wollte, ertrug sie es, so gut sie konnte.

»Das Spiel ist jetzt besser im Gange«, sagte sie, damit das Gespräch weiterging.

»So ist es«, sagte die Herzogin, »und die Moral davon ist: Mit Liebe und Gesange hält man die Welt im Gange!«

»Hat nicht jemand gesagt«, flüsterte Alice, »das kommt daher, dass jeder vor seiner Tür fegt?«

»Ah, sehr gut, das bedeutet ungefähr dasselbe«, sagte die Herzogin. Sie bohrte ihr spitzes kleines Kinn in Alices Schulter und sagte noch: »Und die Moral *davon* ist: So viel Köpfe, so viel Sinne.«

»Wie gern sie von allem die Moral findet!«, dachte Alice bei sich.

»Du wunderst dich wahrscheinlich, warum ich meinen Arm nicht um deinen Hals lege«, sagte die Herzogin nach einer Pause. »Um die Wahrheit zu sagen: Ich traue der Laune deines Flamingos nicht ganz. Soll ich es versuchen?«

»Er könnte beißen«, antwortete Alice klug, denn sie wollte gar nicht, dass die Herzogin es versuchte.

»Sehr wahr«, sagte die Herzogin. »Flamingos und Senf beißen beide. Und die Moral davon ist: Gleich und Gleich gesellt sich gern.«

»Aber der Flamingo ist doch ein Vogel, und Senf ist kein Vogel«, sagte Alice.

»Ganz richtig, wie immer«, sagte die Herzogin. »Wie klar du alles ausdrücken kannst!«

»Ich glaube, es ist ein Mineral«, sagte Alice.

»Natürlich«, sagte die Herzogin. Sie schien allem zuzustimmen, was Alice sagte. »In dem großen Senf-Bergwerk hier in der Gegend gibt es ganz besonders gute Minen. Und die Moral davon ist, dass wir gute Miene zum bösen Spiel machen müssen.«

»Oh, ich weiß!«, rief Alice. Sie hatte die letzte Bemerkung gar nicht gehört. »Es ist eine Pflanze. Es sieht nicht so aus, aber es ist eine.«

»Ich stimme dir völlig zu«, sagte die Herzogin, »und die Moral davon ist: Sei, was du zu scheinen wünschest! Oder einfacher gesagt: Bilde dir nie ein verschieden von dem zu sein was anderen erscheint dass was du warest oder gewesen sein möchtest nicht verschieden von dem war dass was du gewesen warest ihnen erschienen wäre als wäre es verschieden.«

»Ich glaube, ich würde das besser verstehen«, sagte Alice sehr höflich, »wenn ich es aufgeschrieben hätte. Ich kann nicht ganz folgen, wenn Sie es sagen.«

»Das ist noch gar nichts gegen das, was ich sagen könnte, wenn ich wollte«, antwortete die Herzogin selbstzufrieden.

»Bitte, machen Sie sich nicht die Mühe, es noch länger zu sagen!«, sagte Alice.

»Oh, sprich nicht von Mühe!«, sagte die Herzogin. »Ich schenke dir alles, was ich bis jetzt gesagt habe.«

»Eine billige Art von Geschenken!«, dachte Alice. »Ich bin froh, dass man nicht solche Geburtstagsgeschenke macht!« Aber sie traute sich nicht, es laut zu sagen.

»Wieder in Gedanken?«, fragte die Herzogin und bohrte ihr spitzes kleines Kinn noch tiefer hinein.

»Ich habe das Recht, in Gedanken zu sein, wenn ich will«, sagte Alice gereizt. Denn das Gespräch wurde ihr langsam langweilig.

»Gerade so viel Recht«, sagte die Herzogin, »wie Ferkel zum Fliegen, und die M —«

Aber hier stockte die Stimme der Herzogin, und Alice staunte sehr. Sie hörte mitten in ihrem Lieblingswort »Moral« auf. Und der Arm, der in Alices Arm lag, fing an zu zittern. Alice sah auf. Da stand die Königin vor ihnen. Sie hatte die Arme vor der Brust gekreuzt, und ihr Blick war so finster wie ein Gewitter.

»Ein schöner Tag, Majestät!«, begann die Herzogin mit leiser, schwacher Stimme.

»Ich warne Sie!«, schrie die Königin und stampfte dabei mit dem Fuß. »Fort, sofort! Entweder mit Ihnen oder mit Ihrem Kopf! Wählen Sie!«

Die Herzogin wählte und verschwand schnell.

»Wir wollen weiterspielen«, sagte die Königin zu Alice. Alice war viel zu erschrocken, um ein Wort zu antworten. Sie folgte ihr langsam zum Croquetfeld.

Die anderen Gäste hatten die Zeit genutzt, als die Königin weg war. Sie hatten sich im Schatten ausgeruht. Aber sobald sie die Königin kommen sahen, eilten sie sofort zum Spiel zurück. Die Königin bemerkte nur, dass eine Minute Verspätung sie das Leben kosten würde.

Während sie spielten, hörte die Königin die ganze Zeit nicht auf, mit den anderen Spielern zu streiten. Sie schrie: »Schlagt ihm den Kopf ab!« oder: »Schlagt ihr den Kopf ab!« Wen sie verurteilt hatte, den nahmen die Soldaten gefangen. Dafür mussten die Soldaten natürlich aufhören, die Bogen zu bilden. So kam es, dass nach ungefähr einer halben Stunde keine Bogen mehr übrig waren. Und alle Spieler außer dem König, der Königin und Alice waren gefangen und zum Tode verurteilt.

Da hörte die Königin auf. Sie war ganz außer Atem und sagte zu Alice: »Hast du die *Falsche Schildkröte* schon gesehen?«

»Nein«, sagte Alice. »Ich weiß nicht einmal, was eine *Falsche Schildkröte* ist.«

»Es ist das, woraus falsche Schildkrötensuppe gemacht wird«, sagte die Königin.

»Ich habe noch nie eine gesehen und auch noch nie von einer gehört«, sagte Alice.

»Komm schnell«, sagte die Königin, »sie soll dir ihre Geschichte erzählen.«

Als sie zusammen fortgingen, hörte Alice, wie der König leise zu allen Anwesenden sagte: »Ihr seid alle begnadigt!« »Ach, das ist ein Glück!«, sagte sie zu sich. Denn die vielen Hinrichtungen, die die Königin befohlen hatte, hatten sie ganz unglücklich gemacht.

Bald kamen sie zu einem Greif, der in der Sonne lag und schlief. (Wenn ihr nicht wisst, was ein Greif ist, seht euch das Bild an.) »Auf, du Faulpelz!«, sagte die Königin. »Bring dieses kleine Fräulein zu der falschen Schildkröte. Sie möchte gern ihre Geschichte hören. Ich muss zurück und nach einigen Hinrichtungen sehen, die ich befohlen habe.« Dann ging sie fort und ließ Alice mit dem Greif allein. Alice gefiel das Tier nicht besonders. Aber alles in allem, dachte sie, wäre es genauso sicher, bei ihm zu bleiben, wie dieser grausamen Königin zu folgen. Also wartete sie.

Der Greif setzte sich auf und rieb sich die Augen. Dann sah er der Königin nach, bis sie verschwunden war. Dann schüttelte er sich. »Ein köstlicher Spaß!«, sagte der Greif, halb zu sich selbst und halb zu Alice.

»*Was* ist ein Spaß?«, fragte Alice.

»Sie«, sagte der Greif. »Es ist alles ihre Einbildung, das: Niemand wird niemals nicht hingerichtet. Komm schnell.«

»Jeder sagt hier: Komm schnell«, dachte Alice, als sie ihm langsam folgte. »So viel bin ich in meinem Leben noch nie hin und her kommandiert worden, nein, in meinem ganzen Leben nicht!«

Sie mussten nicht weit gehen. Bald sahen sie in der Ferne die falsche Schildkröte. Sie saß einsam und traurig auf einem Felsenriff. Als sie näher kamen, hörte Alice sie seufzen, als ob ihr das Herz brechen wollte. Alice hatte großes Mitleid mit ihr. »Was für einen Kummer hat sie?«, fragte sie den Greif. Der Greif gab fast dieselbe Antwort wie vorher: »Es ist alles ihre Einbildung, das. Sie hat keinen Kummer nicht. Komm schnell.«

Sie gingen also zu der falschen Schildkröte. Sie sah die beiden mit Augen voller Tränen an, aber sie sagte nichts.

»Die kleine Mamsell hier«, sagte der Greif, »sie sagt, sie möchte gern deine Geschichte wissen, sagt sie.«

»Ich will sie ihr erzählen«, sagte die falsche Schildkröte mit tiefer, hohler Stimme. »Setzt euch beide hierher und sagt kein Wort, bis ich fertig bin.«

Also setzten sie sich, und einige Minuten lang sprach keiner. Alice dachte bei sich: »Ich verstehe nicht, wie sie jemals fertig werden kann, wenn sie nicht anfängt.« Aber sie wartete geduldig.

»Einst«, sagte die falsche Schildkröte endlich mit einem tiefen Seufzer, »war ich eine wirkliche Schildkröte.«

Nach diesen Worten kam ein sehr langes Schweigen. Nur manchmal rief der Greif »Hjckrrh!«, oder die falsche Schildkröte schluchzte heftig. Alice wäre beinahe aufgestanden und hätte gesagt: »Danke sehr für die interessante Geschichte!« Aber sie musste doch denken, dass noch etwas kommen musste. Darum blieb sie sitzen und sagte nichts.

»Als wir klein waren«, sprach die falsche Schildkröte endlich weiter, »gingen wir zur Schule in der See.« Sie war jetzt ruhiger, obwohl sie noch ab und zu schluchzte. »Die Lehrerin war eine alte Schildkröte — wir nannten sie Mamsell Schalthier —«

»Warum habt ihr sie Mamsell Schalthier genannt?«, fragte Alice.

»Sie *schalt hier* oder sie schalt da, jeden Tag, darum«, sagte die falsche Schildkröte ärgerlich. »Du bist wirklich sehr dumm.«

»Du solltest dich schämen, so eine dumme Frage zu stellen«, sagte der Greif dazu. Dann saßen beide still da und sahen die arme Alice an. Sie wäre am liebsten in die Erde gesunken. Endlich sagte der Greif zu der falschen Schildkröte: »Fahr zu, alte Kutsche! Lass uns nicht den ganzen Tag warten!« Und sie erzählte mit diesen Worten weiter:

»Ja, wir gingen zur Schule, in der See, ob ihr es glaubt oder nicht —«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich es nicht glaube«, unterbrach Alice.

»Ja, das hast du«, sagte die falsche Schildkröte.

»Halt den Mund!«, sagte der Greif dazu, bevor Alice antworten konnte. Die falsche Schildkröte erzählte weiter.

»Wir gingen in die allerbeste Schule. Wir hatten jeden Tag regelmäßig vierundzwanzig Stunden.«

»Das haben wir auf dem Land auch«, sagte Alice. »Darauf brauchst du dir nicht so viel einzubilden.«

»Habt ihr außerdem auch Privatstunden?«, fragte die falsche Schildkröte etwas kleinlaut.

»Ja«, sagte Alice, »Französisch und Klavier.«

»Und Wäsche?«, fragte die falsche Schildkröte.

»Natürlich nicht!«, sagte Alice empört.

»Ah! Dann gehst du in keine wirklich gute Schule«, sagte die falsche Schildkröte sehr erleichtert. »In unserer Schule stand immer am Ende der Rechnung: ›Französisch, Klavierspielen, Wäsche — extra.‹«

»Das habt ihr sicher nicht sehr nötig gehabt«, sagte Alice, »wenn ihr auf dem Grund des Meeres gewohnt habt.«

»Ich konnte keine Privatstunden bezahlen«, sagte die falsche Schildkröte mit einem Seufzer. »Ich hatte nur den regelmäßigen Unterricht.«

»Und was war das?«, fragte Alice.

»Legen und Treiben natürlich, zuallererst«, antwortete die falsche Schildkröte. »Und dann die vier Teile vom Rechnen: Zusehen, Abziehen, Vervielfraßen und Stehlen.«

»Ich habe nie von Vervielfraßen gehört«, sagte Alice. »Was ist das?«

Der Greif hob vor Staunen beide Klauen. »Nie von Vervielfraßen gehört!«, rief er. »Du weißt doch, was Verhungern ist, vermute ich?«

»Ja«, sagte Alice unsicher, »es heißt — nichts — essen — und davon — sterben.«

»Nun«, sagte der Greif weiter, »wenn du nicht verstehst, was Vervielfraßen ist, dann bist du ein Pinsel.«

Alice hatte keinen Mut mehr, weiter danach zu fragen. Darum wandte sie sich an die falsche Schildkröte und fragte: »Was musstet ihr sonst noch lernen?«

»Nun, erstens Gewichte«, antwortete die falsche Schildkröte und zählte die Schulfächer an ihren Pfoten ab. »Gewichte, alte und neue, mit Seeographie. Dann Springen — der Springelehrer war ein alter Stockfisch, der einmal in der Woche kam. Er lehrte uns Pfoten Reiben und Unarten, meerschwimmig Springen, Schillern und Imponieren.«

»Wie ging denn das?«, fragte Alice.

»Ich kann es dir nicht selbst zeigen«, sagte die falsche Schildkröte, »ich bin zu steif. Und der Greif hat es nicht gelernt.«

»Hatte keine Zeit«, sagte der Greif. »Aber ich hatte Stunden bei dem Lehrer der alten Sprachen. Das war ein alter *Barsch*, ja, das war er.«

»Bei dem war ich nicht«, sagte die falsche Schildkröte mit einem Seufzer. »Er lehrte Zebräisch und Greifisch, sagten sie immer.«

»Das tat er auch, das tat er auch, und besonders Laßsein«, sagte der Greif und seufzte auch. Dann versteckten beide Tiere ihr Gesicht in den Pfoten.

»Und wie viele Schüler wart ihr denn in einer Klasse?«, fragte Alice, denn sie wollte schnell das Thema wechseln.

»Zehn am ersten Tag«, sagte die falsche Schildkröte, »neun am nächsten, und so weiter.«

»Was für eine merkwürdige Einrichtung!«, rief Alice.

»Das ist der Grund, warum man Lehrer hat: weil sie die Klasse von Tag zu Tag leeren.«

Das war ein ganz neuer Gedanke für Alice. Sie dachte gründlich darüber nach, bevor sie wieder etwas sagte. »Dann müssen am elften Tag alle frei gehabt haben?«

»Natürlich!«, sagte die falsche Schildkröte.

»Und wie habt ihr es am zwölften Tag gemacht?«, fragte Alice eifrig weiter.

»Das ist genug von den Stunden«, unterbrach der Greif sehr bestimmt. »Erzähl ihr jetzt etwas von den Spielen.«

### Glossar

- **sauertöpfisch**: schlecht gelaunt, unfreundlich. Alice denkt: Essig ist sauer, also macht er die Leute sauer.
- **die Moral**: die Lehre, die man aus einer Geschichte zieht. Die Herzogin findet in allem eine Moral, auch wenn sie nicht passt.
- **im Gange**: „Das Spiel ist im Gange" heißt: Es läuft. Die Herzogin macht daraus den Reim „Mit Liebe und Gesange hält man die Welt im Gange".
- **vor seiner Tür fegen / So viel Köpfe, so viel Sinne**: sich um seine eigenen Sachen kümmern / jeder Mensch denkt anders.
- **Senf beißen / Gleich und Gleich gesellt sich gern**: Senf ist scharf, er „beißt" auf der Zunge; ein Flamingo beißt mit dem Schnabel. „Gleich und Gleich gesellt sich gern" heißt: Ähnliche sind gern zusammen.
- **Minen / gute Miene zum bösen Spiel machen**: Eine Mine ist ein Ort unter der Erde, wo man etwas abbaut; die Miene ist der Gesichtsausdruck. „Gute Miene zum bösen Spiel machen" heißt: freundlich bleiben, obwohl etwas schlecht ist. Die Wörter klingen gleich.
- **Sei, was du zu scheinen wünschest**: Sei so, wie du aussehen möchtest. Der lange Satz danach ist absichtlich verwirrt und hat keinen klaren Sinn.
- **wie Ferkel zum Fliegen**: Ferkel können nicht fliegen. Die Herzogin meint also: gar kein Recht.
- **Entweder mit Ihnen oder mit Ihrem Kopf**: „Fort mit Ihnen!" heißt: Gehen Sie weg! „Fort mit dem Kopf!" heißt: Sie werden geköpft. Die Herzogin muss wählen.
- **begnadigt**: Die Strafe ist weggenommen; man muss nicht sterben.
- **die Einbildung**: etwas, das man nur denkt, das aber nicht wirklich ist.
- **Mamsell / Mamsell Schalthier**: Mamsell = (alt) Fräulein. Ein Schalentier hat eine harte Schale; „sie schalt hier" heißt: Sie schimpfte hier.
- **Fahr zu, alte Kutsche!**: Mach weiter! (unhöflich und lustig gesagt)
- **vierundzwanzig Stunden**: Eine Stunde hat 60 Minuten, aber es gibt auch die Schulstunde. Darum sagt Alice: Das haben wir auch.
- **Wäsche**: extra** — In alten Schulen musste man das Waschen der Kleider extra bezahlen. Die Schildkröte denkt, Wäsche ist ein Schulfach.
- **Legen und Treiben**: klingt wie „Lesen und Schreiben".
- **Zusehen, Abziehen, Vervielfraßen und Stehlen**: klingt wie die vier Rechenarten: Zuzählen, Abziehen, Vervielfältigen, Teilen. Ein „Vielfraß" isst sehr viel, darum denkt der Greif an „Verhungern".
- **ein Pinsel**: (alt) ein Dummkopf.
- **Gewichte, alte und neue, mit Seeographie**: klingt wie „Geschichte, alte und neue, mit Geographie"; die See ist das Meer.
- **Unarten, Schillern, Imponieren**: Unarten = schlechtes Benehmen; schillern = in vielen Farben glänzen; imponieren = Eindruck machen. Die Wörter klingen wie Schulfächer.
- **ein alter Barsch**: Ein Barsch ist ein Fisch; „barsch" heißt auch: unfreundlich, grob.
- **Zebräisch, Greifisch, Laßsein**: klingt wie Hebräisch, Griechisch und Latein; „lass sein" heißt: Hör auf damit!
- **Lehrer / leeren**: „Lehrer" und „leeren" (leer machen) klingen fast gleich. Die Schildkröte meint: Lehrer machen die Klasse jeden Tag leerer.

## Das Hummerballett.

Die falsche Schildkröte seufzte tief und wischte sich mit dem Rücken ihrer Pfote die Augen. Sie sah Alice an und versuchte zu sprechen. Aber ein oder zwei Minuten lang erstickte lautes Schluchzen ihre Stimme. »Sieht aus, als ob sie einen Knochen im Hals hätt'«, sagte der Greif. Er fing an, sie zu schütteln und ihr auf den Rücken zu klopfen. Endlich konnte die falsche Schildkröte ihre Stimme wieder benutzen. Tränen liefen ihr über die Wangen, während sie weitererzählte:

»Vielleicht hast du nicht viel unter Wasser gelebt —« (»Nein«, sagte Alice.) »— und vielleicht hast du nie einen Hummer kennengelernt —« (Alice wollte gerade sagen: »Ich habe einmal gekostet —« Aber sie hielt schnell inne und sagte: »Nein, niemals.«) »— du kannst dir also nicht vorstellen, wie hübsch ein Hummerballett ist.«

»Nein, wirklich nicht«, sagte Alice. »Was für eine Art Tanz ist es?«

»Nun«, sagte der Greif, »zuerst stellt man sich in einer Reihe am Strand auf —«

»In zwei Reihen!«, rief die falsche Schildkröte. »Seehunde, Schildkröten, Lachse und so weiter. Dann, wenn alle Seesterne aus dem Weg geräumt sind —«

»Was gewöhnlich einige Zeit dauert«, unterbrach der Greif.

»— geht man zweimal vorwärts —«

»Jeder führt einen Hummer zum Tanz!«, rief der Greif.

»Natürlich«, sagte die falsche Schildkröte. »Zweimal vorwärts, dann stellt man sich wieder paarweise auf —«

»— wechselt die Hummer und geht in derselben Ordnung zurück«, sprach der Greif weiter.

»Dann, musst du wissen«, rief die falsche Schildkröte dazwischen, »wirft man die —«

»Die Hummer!«, schrie der Greif und machte einen Sprung in die Luft.

»— so weit ins Meer, wie man kann —«

»Schwimmt ihnen nach!«, kreischte der Greif.

»Schlägt einen Purzelbaum im Wasser!«, rief die falsche Schildkröte und sprang wild herum.

»Wechselt die Hummer wieder!«, heulte der Greif mit lauter Stimme.

»Zurück ans Land, und — das ist die ganze erste Figur«, sagte die falsche Schildkröte. Ihre Stimme wurde plötzlich leise. Die beiden Tiere waren bis dahin wie verrückt herumgesprungen. Jetzt setzten sie sich sehr traurig und still hin und sahen Alice an.

»Es muss ein sehr hübscher Tanz sein«, sagte Alice ängstlich.

»Möchtest du ein kleines Stück davon sehen?«, fragte die falsche Schildkröte.

»Sehr gern«, sagte Alice.

»Komm, lass uns die erste Figur versuchen!«, sagte die falsche Schildkröte zum Greif. »Wir können es auch ohne Hummer, glaube ich. Wer soll singen?«

»Oh, sing du!«, sagte der Greif. »Ich habe die Worte vergessen.«

So fingen sie an, feierlich im Kreis um Alice herumzutanzen. Manchmal traten sie ihr auf die Füße, wenn sie ihr zu nahe kamen. Die falsche Schildkröte sang dazu sehr langsam und traurig:

Zu der Schnecke sprach ein Weißfisch: »Kannst du denn nicht schneller gehn?
Siehst du denn nicht die Schildkröten und die Hummer alle stehn?
Hinter uns da kommt ein Meerschwein, und es tritt mir auf den Schwanz;
Und sie warten an dem Strande, dass wir kommen zu dem Tanz.
Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem Tanz?
Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem Tanz?«

»Nein, du kannst es nicht ermessen, wie so herrlich es wird sein,
Nehmen sie uns mit den Hummern, werfen uns ins Meer hinein!«
Doch die Schnecke tät nicht trauen. »Das gefällt mir doch nicht ganz!
Viel zu weit, zu weit! ich danke — gehe nicht mit euch zum Tanz!
Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, kann nicht kommen zu dem Tanz!
Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, mag nicht kommen zu dem Tanz!«

Und der Weißfisch sprach dagegen: »'s kommt ja nicht drauf an, wie weit!
Ist doch wohl ein andres Ufer, drüben auf der andern Seit'!
Und noch viele schöne Küsten gibt es außer Engellands;
Nur nicht blöde, liebe Schnecke, komm' geschwind mit mir zum Tanz!
Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem Tanz?
Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst nicht kommen zu dem Tanz?«

»Danke sehr«, sagte Alice, obwohl sie froh war, dass der Tanz endlich vorbei war. »Es ist sehr, sehr interessant, diesem Tanz zuzusehen. Und das komische Lied von dem Weißfisch gefällt mir so!«

»Oh, was die Weißfische angeht«, sagte die falsche Schildkröte, »die — du hast sie doch gesehen?«

»Ja«, sagte Alice, »ich habe sie oft gesehen, beim Mitt —« Sie hörte schnell auf.

»Ich weiß nicht, wer Mitt ist«, sagte die falsche Schildkröte. »Aber da du sie so oft gesehen hast, weißt du natürlich, wie sie aussehen?«

»Ja, ich glaube«, sagte Alice nachdenklich, »sie haben den Schwanz im Maul — und sind ganz mit geriebener Semmel bestreut.«

»Die geriebene Semmel ist ein Irrtum«, sagte die falsche Schildkröte. »Sie würde im Meer bald abgewaschen werden. Aber den Schwanz haben sie im Maul, und der Grund ist —« Hier gähnte die falsche Schildkröte und machte die Augen zu. »Sag ihr alles über den Grund«, sagte sie zum Greif.

»Der Grund ist«, sagte der Greif, »dass sie unbedingt beim Hummerballett mittanzen wollten. So wurden sie denn ins Meer geworfen. So mussten sie denn sehr weit fallen. So kamen ihnen denn die Schwänze in die Mäuler. So konnten sie sie denn nicht wieder herausbekommen. So ist es.«

»Danke«, sagte Alice, »es ist sehr interessant. Ich habe noch nie so viel über den Weißfisch gehört.«

»Ich kann dir noch mehr über ihn erzählen, wenn du willst«, sagte der Greif. »Weißt du, warum er Weißfisch heißt?«

»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht«, sagte Alice. »Warum?«

»Eben darum«, sagte der Greif mit tiefer, feierlicher Stimme, »weil man so wenig von ihm *weiß*. Aber jetzt musst du uns auch etwas von deinen Abenteuern erzählen.«

»Ich könnte euch erzählen, was ich seit heute früh erlebt habe«, sagte Alice schüchtern. »Aber bis gestern zurückzugehen, wäre ganz nutzlos, weil ich da jemand anderes war.«

»Erklär das deutlich«, sagte die falsche Schildkröte.

»Nein, erst die Erlebnisse«, sagte der Greif ungeduldig. »Erklärungen kosten so schrecklich viel Zeit.«

Also fing Alice an, ihnen ihre Abenteuer zu erzählen. Sie begann da, wo sie das weiße Kaninchen zum ersten Mal gesehen hatte. Am Anfang war sie etwas ängstlich. Die beiden Tiere kamen ihr so nah, eins auf jeder Seite, und sie rissen Augen und Mund so *weit* auf. Aber nach und nach wurde sie mutiger. Ihre Zuhörer blieben ganz still, bis sie an eine bestimmte Stelle kam. Dort hatte sie der Raupe »Ihr seid alt, Vater Martin« aufgesagt, und lauter andere Worte waren gekommen. Da holte die falsche Schildkröte tief Luft und sagte: »Das ist sehr merkwürdig.«

»Es ist alles so merkwürdig wie nur möglich«, sagte der Greif.

»Es kam ganz anders!«, wiederholte die falsche Schildkröte nachdenklich. »Ich möchte sie gern etwas aufsagen hören. Sag ihr, dass sie anfangen soll.« Sie sah den Greif an, als ob sie glaubte, er hätte etwas Macht über Alice.

»Steh auf und sag her: ›Preisend mit viel schönen Reden‹«, sagte der Greif.

»Wie mich diese Geschöpfe alle herumkommandieren und Gedichte aufsagen lassen!«, dachte Alice. »Da könnte ich ja gleich in der Schule sein.« Trotzdem stand sie auf und fing an, das Gedicht aufzusagen. Aber ihr Kopf war so voll von dem Hummerballett, dass sie kaum wusste, was sie sagte. Und die Worte kamen sehr seltsam heraus:

»Preisend mit viel schönen Kniffen seiner Scheren Wert und Zahl,
Stand der Hummer vor dem Spiegel in der schönen roten Schal'!
›Herrlich,‹ sprach der Fürst der Krebse, ›steht mir dieser lange Bart!‹
Rückt die Füße mit der Nase auswärts, als er dieses sagt.«

»Das ist anders, als ich es als Kind aufgesagt habe«, sagte der Greif.

»Ich habe es zwar noch nie gehört«, sagte die falsche Schildkröte, »aber es klingt wie blühender Unsinn.«

Alice antwortete nicht. Sie setzte sich, bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und überlegte, ob wohl *je* wieder irgendetwas natürlich sein würde.

»Ich möchte es gern erklärt haben«, sagte die falsche Schildkröte.

»Sie kann es nicht erklären«, sagte der Greif schnell. »Sag den nächsten Vers.«

»Aber das mit den Füßen?«, fragte die falsche Schildkröte wieder. »Wie kann er sie mit der Nase auswärtsrücken?«

»Es ist die erste Position beim Tanzen«, sagte Alice. Aber das alles verwirrte sie schrecklich, und sie hätte am liebsten aufgehört.

»Sag den nächsten Vers!«, wiederholte der Greif ungeduldig. »Er fängt an: ›Seht mein Land!‹«

Alice wagte nicht, Nein zu sagen, obwohl sie sicher war, dass alles falsch kommen würde. Also sprach sie mit zitternder Stimme weiter:

»›Seht mein Land und grüne Fluten,‹ sprach ein fetter Lachs vom Rhein;
Goldne Schuppen meine Rüstung, und mit Austern trink' ich Wein.«

»Wozu sollen wir uns das dumme Zeug anhören«, unterbrach die falsche Schildkröte, »wenn sie es nicht auch erklären kann? Es ist das wirrste Zeug, das ich je gehört habe!«

»Ja, ich glaube auch, es ist besser, du hörst auf«, sagte der Greif. Und Alice gehorchte nur zu gern.

»Sollen wir noch eine Figur vom Hummerballett versuchen?«, fragte der Greif weiter. »Oder möchtest du lieber, dass die falsche Schildkröte dir ein Lied vorsingt?«

»Oh, ein Lied, bitte, wenn die falsche Schildkröte so freundlich ist!«, antwortete Alice. Sie sagte das so eifrig, dass der Greif etwas beleidigt sagte: »Hm! Der Geschmack ist verschieden! Sing ihr ›Schildkrötensuppe‹ vor, hörst du, alte Tante?«

Die falsche Schildkröte seufzte tief. Dann fing sie an zu singen, und ihre Stimme war halb vom Schluchzen erstickt:

»Schöne Suppe, so schwer und so grün,
Dampfend in der heißen Terrin'!
Wem nach einem so schönen Gericht
Wässerte denn der Mund wohl nicht?
Kön'gin der Suppen, du schönste Supp'!
Kön'gin der Suppen, du schönste Supp'!
Wu — underschöne Su — uppe!
Wu — underschöne Su — uppe!
Kö — önigin der Su — uppen,
Wunder-wunderschöne Supp'!

Schöne Suppe, wer fragt noch nach Fisch,
Wildbret oder was sonst auf dem Tisch?
Alles lassen wir stehen
Zu preisen allein die wunderschöne Supp',
Preisen allein die wunderschöne Supp'!
Wu — underschöne Su — uppe!
Wu — underschöne Su — uppe!
Kö — önigin der Su — uppen,
Wunder-wunderschöne Supp'!«

»Den Chor noch einmal!«, rief der Greif. Die falsche Schildkröte hatte gerade wieder damit angefangen, als man in der Ferne einen Ruf hörte: »Das Verhör fängt an!«

»Komm schnell!«, rief der Greif. Er nahm Alice an der Hand und lief fort, ohne auf das Ende des Liedes zu warten.

»Was für ein Verhör?«, keuchte Alice beim Laufen. Aber der Greif antwortete nur: »Komm schnell!«, und rannte weiter. Der Wind trug ihnen die Worte nach, immer schwächer und schwächer:

»Kö — önigin der Su — uppen,
Wunder-wunderschöne Supp'!«

### Glossar

- **der Hummer**: ein großes Meerestier mit zwei Scheren. Man kann ihn kochen und essen; darum sagt Alice fast „Ich habe einmal gekostet".
- **das Hummerballett / die Figur**: Ein Ballett ist ein Tanz wie im Theater; eine Figur ist ein Teil von einem Tanz.
- **der Purzelbaum**: Man rollt sich über den Kopf nach vorn oder nach hinten.
- **beim Mitt**: ** — Alice wollte „beim Mittagessen" sagen, denn sie hat Weißfische gegessen. Sie hört schnell auf. Die Schildkröte denkt, Mitt ist ein Name.
- **geriebene Semmel**: kleine Brotkrümel; man brät Fisch darin.
- **der Weißfisch / weiß**: ein kleiner Fisch. Der Greif spielt mit dem Wort: Er heißt „Weißfisch", weil man wenig von ihm „weiß" (von „wissen").
- **Preisend mit viel schönen Reden / Seht mein Land**: So beginnt ein bekanntes Gedicht von Justinus Kerner („Der reichste Fürst"). Alice sagt es ganz falsch auf.
- **die erste Position beim Tanzen**: im Ballett: Man steht mit den Fersen zusammen, und die Füße zeigen nach außen.
- **blühender Unsinn**: sehr großer, reiner Unsinn.
- **ermessen / tät nicht trauen / nicht blöde**: ermessen = sich vorstellen; „tät nicht trauen" (alt) = glaubte es nicht; „nicht blöde" (alt) = nicht schüchtern.
- **Kniffe / Scheren**: Kniffe sind Tricks; die Scheren sind die Zangen des Hummers.
- **die Schuppen / die Rüstung / die Austern**: Schuppen sind kleine harte Plättchen auf der Haut von Fischen; eine Rüstung ist Kleidung aus Metall für Ritter; Austern sind Meerestiere mit Schale.
- **die Terrine / das Wildbret**: eine große Schüssel für Suppe / Fleisch von Tieren aus dem Wald, z. B. vom Reh.
- **das Verhör**: Im Gericht wird geprüft, ob jemand schuldig ist.
- **seufzen**: tief und hörbar ausatmen, weil man traurig ist.
- **schluchzen / das Schluchzen**: laut und stoßweise weinen.
- **gähnen**: den Mund weit aufmachen, weil man müde ist.
- **geschwind**: (alt) schnell.
- **zusehen**: zuschauen, ansehen.
- **abgewaschen**: mit Wasser weggemacht.
- **die Geschöpfe**: die Lebewesen, hier: die Tiere.
- **wirr / das wirrste**: ohne Ordnung, durcheinander; „das wirrste Zeug" = das größte Durcheinander.
- **gehorchen**: tun, was ein anderer sagt.
- **die Schildkrötensuppe**: eine Suppe aus Schildkrötenfleisch.
- **Wu**: underschöne Su — uppe / Kö — önigin / Supp'** — Die Schildkröte singt die Wörter lang gezogen und mit Schluchzen: „wunderschöne Suppe", „Königin"; „Supp'" ist kurz für „Suppe".

## Wer hat die Kuchen gestohlen?

Als sie ankamen, saßen der König und die Königin der Herzen auf ihrem Thron. Eine große Menge war um sie versammelt: allerlei kleine Vögel und Tiere und außerdem das ganze Pack Karten. Der Bube stand vor ihnen, in Ketten. An jeder Seite stand ein Soldat und bewachte ihn. Dicht neben dem König stand das weiße Kaninchen. Es hatte eine Trompete in der einen Hand und eine Pergamentrolle in der anderen. In der Mitte des Gerichtssaals stand ein Tisch mit einer Schüssel voll Kuchen. Sie sahen so lecker aus, dass Alice schon vom Anschauen ganz hungrig wurde. »Ich wünschte, sie würden schnell mit dem Verhör fertig und reichten die Erfrischungen herum«, dachte sie. Aber dafür schien es wenig Hoffnung zu geben, so dass sie anfing, sich alles genau anzusehen, um die Zeit zu vertreiben.

Alice war noch nie in einem Gerichtssaal gewesen. Aber sie hatte in ihren Büchern davon gelesen. Sie war ziemlich stolz darauf, dass sie alles, was sie dort sah, beim Namen nennen konnte. »Das ist der Richter«, sagte sie zu sich, »wegen seiner großen Perücke.«

Der Richter war übrigens der König. Er trug die Krone über der Perücke (seht euch das Titelbild an, wenn ihr wissen wollt, wie). Es sah nicht so aus, als ob es bequem für ihn wäre. Und es stand ihm sicher nicht gut.

»Und die zwölf kleinen Tiere dort sind vermutlich die Geschworenen«, dachte Alice. Sie sagte sich dieses Wort zwei- oder dreimal vor, weil sie so stolz darauf war. Denn sie glaubte, und zwar mit Recht, dass nur wenige kleine Mädchen in ihrem Alter etwas davon wissen würden.

Die zwölf Geschworenen schrieben alle sehr eifrig auf Schiefertafeln. »Was tun sie?«, flüsterte Alice dem Greif ins Ohr. »Sie können doch noch nichts aufzuschreiben haben, bevor das Verhör beginnt.«

»Sie schreiben ihre Namen auf«, flüsterte der Greif zurück. »Denn sie haben Angst, sie zu vergessen, bevor das Verhör zu Ende ist.«

»Dumme Dinger!«, begann Alice laut und empört. Aber sie hörte sofort auf, denn das weiße Kaninchen rief: »Ruhe im Saal!« Und der König setzte seine Brille auf und sah sich suchend um. Er wollte sehen, wer da gesprochen hatte.

Alice konnte ganz deutlich sehen, dass alle Geschworenen »dumme Dinger!« auf ihre Tafeln schrieben. Sie merkte auch, dass einer von ihnen nicht wusste, wie man das schreibt. Er musste seinen Nachbarn fragen. »*Die* Tafeln werden in einem schönen Zustand sein, wenn das Verhör vorbei ist!«, dachte Alice.

Einer der Geschworenen hatte einen Tafelstein, der quietschte. Das konnte Alice natürlich nicht aushalten. Sie ging auf die andere Seite des Saals, bis sie dicht hinter ihm stand. Sehr bald fand sie eine Gelegenheit und nahm ihm den Tafelstein weg. Sie tat es so schnell, dass der arme kleine Geschworene (es war Wabbel) nicht verstand, wo sein Griffel war. Er suchte ihn überall. Dann musste er sich endlich entschließen, mit einem Finger zu schreiben. Und das nützte sehr wenig, weil es keine Spuren auf der Tafel hinterließ.

»Herold, lies die Anklage vor!«, sagte der König.

Da blies das weiße Kaninchen dreimal in die Trompete. Dann rollte es die Pergamentrolle auf und las Folgendes vor:

»Coeur-Königin, sie buk Kuchen,
Juchheisasa, juchhe!
Coeur-Bube kam, die Kuchen nahm.
Wo sind sie nun? O weh!«

»Gebt euer Urteil ab!«, sagte der König zu den Geschworenen.

»Noch nicht, noch nicht!«, unterbrach ihn das Kaninchen schnell. »Vorher kommt noch vieles andere.«

»Lasst den ersten Zeugen hereinkommen!«, sagte der König. Da blies das Kaninchen dreimal in die Trompete und rief: »Erster Zeuge!«

Der erste Zeuge war der Hutmacher. Er kam herein mit einer Teetasse in der einen Hand und einem Stück Butterbrot in der anderen. »Ich bitte um Verzeihung, Eure Majestät, dass ich das mitbringe«, sagte er. »Aber ich war noch nicht ganz fertig mit meinem Tee, als man mich holen ließ.«

»Du hättest aber damit fertig sein sollen«, sagte der König. »Wann hast du damit angefangen?«

Der Hutmacher sah den Faselhasen an. Der war ihm in den Gerichtssaal gefolgt, Arm in Arm mit dem Murmeltier. »Am vierzehnten März, glaube ich, war es«, sagte der Hutmacher.

»Am fünfzehnten«, sagte der Faselhase.

»Am sechzehnten«, sagte das Murmeltier dazu.

»Nehmt das zu Protokoll«, sagte der König zu den Geschworenen. Die Geschworenen schrieben eifrig alle drei Daten auf ihre Tafeln. Dann zählten sie sie zusammen und rechneten die Summe in Groschen und Pfennige um.

»Nimm deinen Hut ab«, sagte der König zum Hutmacher.

»Es ist nicht meiner«, sagte der Hutmacher.

»Gestohlen!«, rief der König und drehte sich zu den Geschworenen um. Die schrieben die Tatsache sofort auf.

»Ich habe sie zum Verkaufen«, erklärte der Hutmacher. »Ich habe keinen eigenen. Ich bin ein Hutmacher.«

Da setzte die Königin ihre Brille auf und fing an, den Hutmacher scharf anzusehen. Davon wurde er ganz blass und unruhig.

»Mach deine Aussage«, sagte der König, »und sei nicht ängstlich, sonst lasse ich dich auf der Stelle hängen.«

Das beruhigte den Zeugen offensichtlich nicht. Er stand mal auf dem linken, mal auf dem rechten Fuß und sah die Königin sehr unbehaglich an. In seiner Verwirrung biss er ein großes Stück aus seiner Teetasse statt aus seinem Butterbrot.

Gerade in diesem Augenblick hatte Alice ein seltsames Gefühl. Sie konnte es sich gar nicht erklären, bis sie endlich merkte, was es war: Sie fing wieder an zu wachsen. Zuerst wollte sie gleich aufstehen und den Gerichtssaal verlassen. Aber dann überlegte sie es sich anders. Sie beschloss, zu bleiben, wo sie war, solange sie genug Platz hatte.

»Du müsstest mich wirklich nicht so drücken«, sagte das Murmeltier, das neben ihr saß. »Ich kann kaum atmen.«

»Ich kann nichts dafür«, sagte Alice bescheiden. »Ich wachse.«

»Du hast kein Recht, hier zu wachsen«, sagte das Murmeltier.

»Rede nicht so einen Unsinn«, sagte Alice mutiger. »Du weißt ganz genau, dass du auch wächst.«

»Ja, aber ich wachse in einem vernünftigen Tempo«, sagte das Murmeltier, »nicht auf so lächerliche Art.« Dabei stand es mürrisch auf und ging auf die andere Seite des Saals.

Die ganze Zeit hatte die Königin den Hutmacher ununterbrochen angestarrt. Gerade ging das Murmeltier durch den Saal. Da sagte sie zu einem der Gerichtsbeamten: »Bring mir die Liste der Sänger beim letzten Konzert!« Da zitterte der unglückliche Hutmacher so, dass ihm beide Schuhe abfielen.

»Mach deine Aussage«, wiederholte der König ärgerlich, »sonst lasse ich dich hinrichten, ob du Angst hast oder nicht.«

»Ich bin ein armer Mann, Eure Majestät«, begann der Hutmacher mit zitternder Stimme. »Und ich hatte gerade erst meinen Tee angefangen — nicht länger als ungefähr eine Woche. Und weil die Butterbrote so dünn wurden — und weil es Teller und Töpfe in den Tee schneite.«

»Teller und Töpfe — was?«, fragte der König.

»Es fing mit dem Tee an«, antwortete der Hutmacher.

»Natürlich fangen Teller und Töpfe mit einem T an. Hältst du mich für einen Esel? Rede weiter!«

»Ich bin ein armer Mann«, sprach der Hutmacher weiter, »und seitdem schneite alles — der Faselhase sagte nur —«

»Nein, ich hab's nicht gesagt!«, unterbrach ihn der Faselhase schnell.

»Doch, du hast's gesagt!«, rief der Hutmacher.

»Ich leugne es!«, sagte der Faselhase.

»Er leugnet es«, sagte der König. »Lasst diesen Teil der Aussage weg.«

»Gut, auf jeden Fall hat's das Murmeltier gesagt —«, sprach der Hutmacher weiter. Dabei sah er sich ängstlich um, ob es auch leugnen würde. Aber das Murmeltier leugnete nichts, denn es war fest eingeschlafen. »Dann«, sprach der Hutmacher weiter, »schnitt ich noch etwas Butterbrot —«

»Aber *was* hat das Murmeltier gesagt?«, fragte einer der Geschworenen.

»Das ist mir ganz entfallen«, sagte der Hutmacher.

»Aber es *muss* dir wieder einfallen«, sagte der König, »sonst lasse ich dich köpfen.«

Der unglückliche Hutmacher ließ Tasse und Butterbrot fallen und ging auf ein Knie. »Ich bin ein armseliger Mann, Eure Majestät«, fing er an.

»Du bist ein *sehr* armseliger Redner«, sagte der König.

Hier klatschte eines der Meerschweinchen Beifall, und die Gerichtsdiener unterdrückten das sofort. (Weil das ein ziemlich schweres Wort ist, will ich beschreiben, wie es gemacht wurde. Sie hatten einen großen Sack aus Leinen, den man oben mit Schnüren zuziehen konnte. Da hinein steckten sie das Meerschweinchen, mit dem Kopf nach unten. Und dann setzten sie sich darauf.)

»Ich bin froh, dass ich das gesehen habe«, dachte Alice. »Ich habe so oft in der Zeitung gelesen, am Ende eines Verhörs. Da stand dann: ›Das Publikum fing an, Beifall zu klatschen. Das wurde aber sofort von den Gerichtsdienern unterdrückt.‹ Und bis jetzt konnte ich nie verstehen, was das bedeutet.«

»Wenn das alles ist, was du zu sagen weißt, dann kannst du abtreten«, sagte der König weiter.

»Ich kann nichts mehr abtreten«, sagte der Hutmacher. »Ich stehe ja schon auf den Strümpfen.«

»Dann kannst du *abwarten*, bis man dich wieder fragt«, antwortete der König.

Hier klatschte das zweite Meerschweinchen, und es wurde unterdrückt.

»Ha, jetzt sind die Meerschweinchen erledigt«, dachte Alice. »Jetzt wird es besser vorwärtsgehen.«

»Ich möchte lieber zu meinem Tee zurückgehen«, sagte der Hutmacher. Dabei sah er ängstlich die Königin an, die gerade die Liste der Sänger las.

»Du kannst gehen«, sagte der König. Da verließ der Hutmacher eilig den Gerichtssaal. Er nahm sich nicht einmal Zeit, seine Schuhe anzuziehen.

»— und draußen schneidet ihm doch den Kopf ab«, sagte die Königin noch zu einem der Beamten. Aber als der Beamte zur Tür kam, war der Hutmacher schon nicht mehr zu sehen.

»Ruft den nächsten Zeugen!«, sagte der König.

Der nächste Zeuge war die Köchin der Herzogin. Sie trug die Pfefferbüchse in der Hand. Alice erriet schon, wer es war, bevor sie in den Saal kam. Das wusste sie, weil alle Leute in der Nähe der Tür auf einmal anfingen zu niesen.

»Mach deine Aussage«, sagte der König.

»Ne!«, antwortete die Köchin.

Der König sah ängstlich das weiße Kaninchen an. Das sagte leise: »Eure Majestät müssen diesen Zeugen einem Kreuzverhör unterwerfen.«

»Na gut, wenn ich muss, dann muss ich«, sagte der König traurig. Er kreuzte die Arme und zog die Augenbrauen so fest zusammen, dass man seine Augen kaum noch sah. Dann sagte er mit tiefer Stimme: »Wovon macht man kleine Kuchen?«

»Pfeffer, hauptsächlich«, sagte die Köchin.

»Sirup«, sagte eine schläfrige Stimme hinter ihr.

»Nehmt dieses Murmeltier fest!«, schrie die Königin. »Köpft dieses Murmeltier! Schafft dieses Murmeltier aus dem Saal! Unterdrückt es! Kneift es! Brennt ihm den Bart ab!«

Einige Minuten lang war das ganze Gericht damit beschäftigt, das Murmeltier hinauszuschaffen. Und als endlich alles wieder ruhig war, war die Köchin verschwunden.

»Macht nichts!«, sagte der König, und er sah sehr erleichtert aus. »Ruft den nächsten Zeugen.« Dann drehte er sich zur Königin und sagte leise: »Wirklich, meine Liebe, du musst das nächste Kreuzverhör übernehmen. Meine Arme sind schon ganz lahm.«

Alice beobachtete das weiße Kaninchen, während es die Liste durchsuchte. Denn sie war sehr neugierig, wer wohl der nächste Zeuge sein würde. »Denn sie haben noch nicht viele Beweise«, sagte sie zu sich. Denkt euch ihre Überraschung, als das weiße Kaninchen mit seiner höchsten Stimme laut vorlas: »Alice!«

### Glossar

- **die Geschworenen**: Bürger, die im Gericht mitentscheiden, ob jemand schuldig ist.
- **die Schiefertafel / der Tafelstein / der Griffel**: eine kleine schwarze Tafel zum Schreiben / der Stift zum Schreiben auf dieser Tafel.
- **der Herold / die Anklage / die Pergamentrolle**: ein Diener, der laut wichtige Dinge vorliest / der Text, in dem steht, was jemand Böses getan haben soll / ein altes, gerolltes Schreibblatt aus Tierhaut.
- **buk / Juchheisasa**: „buk" ist eine alte Form von „backte"; „Juchheisasa, juchhe!" ist ein fröhlicher Ruf.
- **zu Protokoll nehmen / Groschen und Pfennige**: aufschreiben, was im Gericht gesagt wird / alte deutsche Münzen. Die Geschworenen rechnen Daten in Geld um, und das ist Unsinn.
- **Gestohlen!**: Der Hutmacher sagt: Der Hut ist nicht meiner. Der König denkt sofort an Diebstahl. Aber der Hutmacher verkauft Hüte, darum hat er keinen eigenen.
- **Teller und Töpfe / T / Tee**: Der Hutmacher sagt: „Es fing mit dem Tee an." Der König versteht „mit einem T", denn „Teller" und „Töpfe" fangen mit dem Buchstaben T an.
- **entfallen / einfallen**: „Das ist mir entfallen" heißt: Ich habe es vergessen. „Es muss dir wieder einfallen" heißt: Du musst dich wieder erinnern.
- **unterdrücken**: normalerweise: etwas nicht erlauben, zum Beispiel Lärm im Gericht. Hier steckt man das Meerschweinchen wirklich in einen Sack und setzt sich darauf.
- **abtreten / abwarten**: „abtreten" heißt: als Zeuge weggehen; es heißt aber auch: Schuhe durch vieles Laufen kaputt machen. Der Hutmacher hat keine Schuhe mehr an, darum kann er nichts „abtreten".
- **erledigt**: fertig; hier: Man muss sich um die Meerschweinchen nicht mehr kümmern.
- **das Kreuzverhör**: eine strenge Befragung eines Zeugen. Der König denkt an das Wort „Kreuz" und kreuzt die Arme.
- **die Pfefferbüchse**: eine Dose mit Pfeffer.

## Alice ist die Klügste.

»Hier!«, rief Alice. In der Aufregung hatte sie ganz vergessen, wie sehr sie in den letzten Minuten gewachsen war. Sie sprang so eilig auf, dass sie mit ihrem Rock das Pult vor ihr umstieß. Da fielen alle Geschworenen auf die Köpfe der Leute, die darunter saßen. Dort lagen sie hilflos herum. Sie erinnerten Alice sehr an ein Glas mit Goldfischen, das sie in der Woche davor aus Versehen umgestoßen hatte.

»Oh, ich *bitte* um Verzeihung!«, rief sie sehr erschrocken. Sie fing an, die Geschworenen so schnell wie möglich aufzuheben. Denn sie dachte noch an den Unfall mit den Goldfischen. Sie hatte das unklare Gefühl, als ob man sie sofort einsammeln und ins Pult zurücksetzen müsste. Sonst würden sie sterben.

»Das Verhör kann nicht weitergehen«, sagte der König sehr ernst, »bis alle Geschworenen wieder an ihrem richtigen Platz sind — *alle*.« Das wiederholte er mit großem Nachdruck und sah dabei Alice fest an.

Alice sah zum Pult. Da bemerkte sie, dass sie die Eidechse in der Eile kopfunten hineingesetzt hatte. Das arme kleine Ding bewegte traurig den Schwanz hin und her, weil es sich sonst nicht rühren konnte. Sie zog es schnell wieder heraus und setzte es richtig hinein. »Es hat zwar nichts zu bedeuten«, sagte sie zu sich. »Ich glaube, es würde für das Verhör genauso nützlich sein, kopfoben wie kopfunten.«

Bald hatten sich die Geschworenen etwas von dem Schreck erholt, dass man sie umgeworfen hatte. Man hatte ihre Tafeln und Tafelsteine gefunden und ihnen zurückgegeben. Nun fingen sie eifrig an, die Geschichte ihres Unfalls aufzuschreiben. Alle taten das, außer der Eidechse. Sie war zu erschöpft, um etwas zu tun. Sie saß nur mit offenem Maul da und starrte an die Decke des Saals.

»Was weißt du von dieser Sache?«, fragte der König Alice.

»Nichts!«, sagte Alice.

»Überhaupt nichts?«, fragte der König drängend.

»Überhaupt nichts!«, sagte Alice.

»Das ist sehr wichtig«, sagte der König und wandte sich an die Geschworenen. Sie wollten das gerade auf ihre Tafeln schreiben, als das weiße Kaninchen ihn unterbrach. »Unwichtig, meinten Eure Majestät natürlich!«, sagte es sehr respektvoll. Aber dabei sah es ihn mit gerunzelter Stirn und ärgerlichem Gesicht an.

»*Un*wichtig, natürlich, meinte ich«, sagte der König schnell. Dann sagte er halblaut zu sich selbst: »Wichtig — unwichtig — unwichtig — wichtig —« Es war, als ob er ausprobierte, welches Wort am besten klang.

Einige der Geschworenen schrieben »wichtig« auf, und einige »unwichtig«. Alice konnte das sehen, weil sie nahe genug war, um auf ihre Tafeln zu schauen. »Aber es kommt überhaupt nicht darauf an«, dachte sie bei sich.

In diesem Augenblick rief der König plötzlich: »Still!« Er hatte eifrig in sein Notizbuch geschrieben. Jetzt las er aus seinem Buch vor: »Zweiundvierzigstes Gesetz. *Alle Personen, die mehr als eine Meile hoch sind, müssen den Gerichtshof verlassen.*«

Alle sahen Alice an.

»Ich *bin* keine Meile groß«, sagte Alice.

»Doch, das bist du«, sagte der König.

»Beinahe zwei Meilen groß«, sagte die Königin dazu.

»Jedenfalls werde ich nicht fortgehen«, sagte Alice. »Außerdem ist das kein richtiges Gesetz. Sie haben es sich gerade erst ausgedacht.«

»Es ist das älteste Gesetz im Buch«, sagte der König.

»Dann müsste es Nummer eins sein«, sagte Alice.

Der König wurde blass und klappte schnell sein Notizbuch zu. »Gebt euer Urteil ab!«, sagte er leise und mit zitternder Stimme zu den Geschworenen.

»Verzeihung, Eure Majestät, es gibt noch mehr Beweise«, sagte das weiße Kaninchen und sprang eilig auf. »Dieses Papier ist gerade gefunden worden.«

»Was steht darin?«, fragte die Königin.

»Ich habe es noch nicht geöffnet«, sagte das weiße Kaninchen. »Aber es scheint ein Brief von dem Gefangenen an — an jemanden zu sein.«

»Ja, das wird es wohl sein«, sagte der König, »wenn es nicht an niemanden ist. Und das kommt bekanntlich nicht oft vor.«

»An wen ist er adressiert?«, fragte einer der Geschworenen.

»Er ist gar nicht adressiert«, sagte das weiße Kaninchen. »Auf der *Außenseite* steht überhaupt nichts.« Bei diesen Worten faltete es das Papier auseinander und sagte weiter: »Es ist übrigens gar kein Brief. Es sind Verse.«

»Sind sie in der Handschrift des Gefangenen?«, fragte ein anderer Geschworener.

»Nein, das sind sie nicht«, sagte das weiße Kaninchen, »und das ist das Merkwürdigste daran.« (Die Geschworenen sahen alle ganz verwirrt aus.)

»Er muss die Handschrift eines anderen nachgemacht haben«, sagte der König. (Die Gesichter der Geschworenen wurden wieder hell.)

»Verzeihung, Eure Majestät«, sagte der Bube, »ich habe es nicht geschrieben. Und niemand kann beweisen, dass ich es geschrieben habe. Es ist keine Unterschrift darunter.«

»Wenn du es nicht unterschrieben hast«, sagte der König, »dann macht das die Sache nur schlimmer. Du musst böse Absichten dabei gehabt haben. Sonst hättest du wie ein ehrlicher Mann deinen Namen daruntergesetzt.«

Da klatschten alle Beifall. Es war das erste wirklich kluge Wort, das der König an diesem Tag gesagt hatte.

»Das *beweist* seine Schuld«, sagte die Königin.

»Es beweist überhaupt nichts!«, sagte Alice. »Ihr wisst ja noch nicht einmal, worum es in den Versen geht!«

»Lies sie vor!«, sagte der König.

Das weiße Kaninchen setzte seine Brille auf. »Wo befehlen Eure Majestät, dass ich anfangen soll?«, fragte es.

»Fang am Anfang an«, sagte der König ernst, »und lies, bis du ans Ende kommst. Dann hör auf.«

Das waren die Verse, die das weiße Kaninchen vorlas:

»Ich höre ja du warst bei ihr,
Und dass er mir es gönnt;
Sie sprach, sie hielte viel von mir,
Wenn ich nur schwimmen könnt'!

Er schrieb an sie, ich ginge nicht
(Nur wussten wir es gleich):
Wenn ihr viel an der Sache liegt,
Was würde dann aus euch?

Ich gab ihr eins, sie gab ihm zwei,
Ihr gabt uns dreimal vier;
Jetzt sind sie hier, er steht dabei;
Doch alle gehörten erst mir.

Würd' ich und sie vielleicht darein
Verwickelt und verfahren,
Vertraut er dir, sie zu befrei'n,
Gerade wie wir waren.

Ich dachte schon in meinem Sinn,
Eh' sie den Anfall hätt',
Ihr wär't derjenige, der ihn,
Es und uns hindertet.

Sag' ihm um keinen Preis, dass ihr
Die andern lieber war'n;
Denn keine Seele außer dir
Und mir darf dies erfahr'n.«

»Das ist das wichtigste Beweisstück, das wir bis jetzt gehört haben«, sagte der König und rieb sich die Hände. »Also lasst die Geschworenen —«

»Wenn einer von ihnen es erklären kann«, sagte Alice, »dann schenke ich ihm sechs Dreier.« (Sie war in den letzten paar Minuten so sehr gewachsen, dass sie gar keine Angst hatte, ihn zu unterbrechen.) »Ich finde, dass auch keine Spur von Sinn darin ist.«

Die Geschworenen schrieben alle auf ihre Tafeln: »Sie findet, dass auch keine Spur von Sinn darin ist.« Aber keiner von ihnen versuchte, das Papier zu erklären.

»Wenn kein Sinn darin ist«, sagte der König, »dann spart uns das ja sehr viel Arbeit. Dann müssen wir ihn nicht suchen. Und doch weiß ich nicht —« Er breitete das Papier auf seinem Knie aus und sah es prüfend an. »Mir kommt es vor, als könnte ich etwas Sinn darin finden. ›— wenn ich nur schwimmen könnt'!‹ Du kannst nicht schwimmen, nicht wahr?«, fragte er den Buben.

Der Bube schüttelte traurig den Kopf. »Sehe ich etwa danach aus?«, sagte er. (Das tat er natürlich nicht, denn er war ganz aus Papier.)

»So weit stimmt das«, sagte der König und las leise weiter in den Versen. »›Nur wussten wir es gleich‹ — das sind natürlich die Geschworenen. ›Ich gab ihr eins, sie gab ihm zwei —‹ ja, so hat er es mit den Kuchen gemacht, natürlich —«

»Aber es geht weiter: ›Jetzt sind sie hier‹«, sagte Alice.

»Natürlich, da sind sie ja!«, rief der König triumphierend und zeigte auf die Kuchen auf dem Tisch. Dann zeigte er auf den Buben: »Er steht dabei! Nichts kann klarer sein. Dann wieder — ›Eh' sie den Anfall hätt'‹ —« Er sagte zur Königin: »Du hast nie einen Anfall gehabt, meine Liebe, glaube ich?«

»Niemals!«, rief die Königin wütend und warf dabei der Eidechse ein Tintenfass an den Kopf. (Der unglückliche kleine Wabbel hatte aufgehört, mit dem Finger auf seiner Tafel zu schreiben. Denn er hatte gemerkt, dass es keine Spuren hinterließ. Doch jetzt fing er schnell wieder an. Er benutzte die Tinte, die von seinem Gesicht heruntertropfte, solange sie reichte.)

»Dann ist das nicht dein *Fall*«, sagte der König und sah lächelnd im ganzen Saal herum. Es blieb totenstill.

»— 's ist ja 'n Witz!«, sagte der König ärgerlich, und sofort lachten alle. »Die Geschworenen sollen ihren Ausspruch tun«, sagte der König, wohl zum zwanzigsten Mal.

»Nein, nein!«, sagte die Königin. »Erst das Urteil, der Ausspruch der Geschworenen nachher.«

»Dummer Unsinn!«, sagte Alice laut. »Was für eine Idee, zuerst das Urteil haben zu wollen!«

»Halt den Mund!«, sagte die Königin und wurde purpurrot.

»Ich will nicht!«, sagte Alice.

»Schlagt ihr den Kopf ab!«, brüllte die Königin, so laut sie konnte. Niemand rührte sich.

»Wer kümmert sich um euch?«, sagte Alice. (Inzwischen hatte sie ihre volle Größe erreicht.) »Ihr seid nichts weiter als ein Spiel Karten!«

Bei diesen Worten flog das ganze Spiel in die Luft und kam auf sie herunter. Sie schrie auf, halb vor Angst und halb vor Ärger. Sie versuchte, die Karten abzuwehren — und merkte, dass sie am Ufer lag. Ihr Kopf lag im Schoß ihrer Schwester. Die Schwester nahm ihr gerade leise ein paar welke Blätter vom Gesicht. Sie waren von den Bäumen heruntergefallen.

»Wach auf, liebe Alice!«, sagte ihre Schwester. »Du hast aber lange geschlafen!«

»Oh, und ich habe so einen merkwürdigen Traum gehabt!«, sagte Alice. Und sie erzählte ihrer Schwester, so gut sie sich erinnern konnte, alle diese seltsamen Abenteuer, die ihr gerade gelesen habt. Als sie fertig war, gab ihre Schwester ihr einen Kuss und sagte: »Es *war* ein sonderbarer Traum, das ist sicher. Aber jetzt lauf hinein zum Tee, es wird spät.« Da stand Alice auf und rannte fort. Dabei dachte sie, und zwar mit Recht, was für ein wunderschöner Traum es gewesen war.

Aber ihre Schwester blieb sitzen, so wie Alice sie verlassen hatte. Sie stützte den Kopf auf die Hand und sah in die untergehende Sonne. Sie dachte an die kleine Alice und ihre wunderbaren Abenteuer, bis auch sie auf ihre Weise zu träumen anfing. Und das war ihr Traum:

Zuerst träumte sie von der kleinen Alice selbst. Wieder sah sie die kleinen Hände, die gefaltet auf ihrem Knie lagen. Und sie sah die klaren, lebhaften Augen, die zu ihr hinaufsahen. Sie konnte sogar den Klang ihrer Stimme hören. Sie sah auch, wie Alice auf ihre komische Art den kleinen Kopf zurückwarf. So schüttelte sie die Haare weg, die ihr immer wieder in die Augen fielen. Und je mehr sie zuhörte oder zuzuhören glaubte, desto lebendiger wurde der ganze Ort um sie herum. Er füllte sich mit den seltsamen Geschöpfen aus dem Traum ihrer kleinen Schwester.

Das lange Gras zu ihren Füßen raschelte, als das weiße Kaninchen vorbeihuschte. Die erschrockene Maus plätscherte durch den nahen Teich. Sie konnte hören, wie die Teetassen klapperten, wo der Faselhase und seine Freunde ihre endlose Mahlzeit hielten. Und sie hörte die schrille Stimme der Königin, die ihre unglücklichen Gäste zur Hinrichtung schickte. Wieder nieste das Ferkel-Kind auf dem Schoß der Herzogin, während rundherum Pfannen und Schüsseln in Scherben gingen. Wieder füllten der Schrei des Greifs und das Quietschen vom Tafelstein der Eidechse die Luft. Dazu kam das Stöhnen des unterdrückten Meerschweinchens. Alles mischte sich mit dem fernen Schluchzen der unglücklichen falschen Schildkröte.

So saß sie mit geschlossenen Augen da. Sie glaubte fast, sie wäre im Wunderland, obwohl sie es anders wusste. Denn sobald sie die Augen öffnete, würde alles wieder zur gewöhnlichen Wirklichkeit werden. Das Gras würde dann nur im Wind rauschen. Und der Teich würde leise plätschern, wenn sich das Schilf im Wind bewegte. Aus dem Klappern der Teetassen würden klingende Herdenglocken werden. Und aus der schrillen Stimme der Königin würden die Rufe des Hirtenknaben werden. Das Niesen des Kindes, das Geschrei des Greifs und all die anderen seltsamen Geräusche würden sich verwandeln (das wusste sie). Sie würden zum wirren Lärm des geschäftigen Gutshofs werden. Und statt des traurigen Schluchzens der falschen Schildkröte würde sie in der Ferne das bekannte Brüllen des Rindviehs hören.

Zuletzt stellte sie sich vor, wie ihre kleine Schwester Alice später selbst eine erwachsene Frau sein würde. Und wie sie durch all ihre älteren Jahre das einfache, liebevolle Herz ihrer Kindheit behalten würde. Wie sie andere kleine Kinder um sich versammeln würde. Wie sie mit mancher wunderbaren Geschichte *deren* Augen neugierig und gespannt machen würde. Vielleicht sogar mit dem Traum vom Wunderland von damals. Und wie sie alle ihre kleinen Sorgen mitfühlen und sich über alle ihre kleinen Freuden mitfreuen würde. Dabei würde sie an ihr eigenes Kinderleben denken und an die glücklichen Sommertage.

### Glossar

- **das Pult**: hier: der Platz mit Wänden, in dem die Geschworenen im Gericht sitzen.
- **kopfunten / kopfoben**: mit dem Kopf nach unten / mit dem Kopf nach oben.
- **wichtig / unwichtig**: Der König sagt „wichtig", das Kaninchen verbessert ihn: „unwichtig". Der König weiß selbst nicht, was er meint, und probiert beide Wörter aus.
- **das Gesetz**: eine Regel, die für alle gilt. Alice glaubt, der König hat das „zweiundvierzigste Gesetz" gerade erst erfunden.
- **an niemanden**: Der König meint: Ein Brief ist immer an jemanden; ein Brief an „niemanden" kommt selten vor. Das ist Unsinn, der klug klingen soll.
- **die Unterschrift**: der eigene Name, mit der Hand unter einen Text geschrieben.
- **der Dreier**: eine alte, kleine deutsche Münze; sechs Dreier sind wenig Geld.
- **keine Spur von Sinn**: überhaupt kein Sinn.
- **der Anfall / der Fall**: Ein Anfall ist ein plötzlicher Wutausbruch oder eine plötzliche Krankheit. Ein „Fall" ist eine Sache vor Gericht; „Das ist nicht dein Fall" heißt aber auch: Das passt nicht zu dir. Der König macht damit einen Witz.
- **das Urteil / der Ausspruch der Geschworenen**: Der Ausspruch der Geschworenen sagt, ob jemand schuldig ist; danach kommt das Urteil, die Strafe. Die Königin will es falsch herum: erst die Strafe.
- **der Schoß**: die Oberseite der Beine, wenn man sitzt.
- **das Schilf**: hohe Pflanzen, die am Wasser wachsen.
- **die Herdenglocken / der Hirtenknabe**: Glocken am Hals von Schafen oder Kühen / ein Junge, der auf Tiere aufpasst.
- **der Gutshof / das Rindvieh**: ein großer Bauernhof / Kühe und Stiere.
